The Healthy Development of the Human Being
An Introduction to Anthroposophical Education and Didactics
GA 303
4 January 1922, Dornach
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The Healthy Development of the Human Being, tr. SOL
Dreizehnter Vortrag
Thirteenth Lecture
[ 1 ] Wenn man auf den Zeitpunkt im menschlichen Leben hinblickt, der an das Ende des schulmäßigen Alters fällt, der sich organisch als der Eintritt in die Geschlechtsreife ausdrückt, dann hat man etwas vor sich, was nicht nur durch den Erziehungs- und Unterrichtskünstler aufmerksam und sorgfältig zu betrachten ist, dann, wenn es da ist, sondern auf das schon die ganze vorhergehende Zeit hindurch die Aufmerksamkeit hingerichtet sein muß. Wir müssen uns nur einmal vor Augen stellen, was nach dieser Richtung eigentlich mit dem Menschen vorher und was in dem Zeitpunkte der Geschlechtsreife vor sich geht.
[ 1 ] When we consider the stage in human life that coincides with the end of the school-age period—a stage that manifests organically as the onset of puberty—we are faced with something that must not only be observed attentively and carefully by educators and teachers once it occurs, but to which attention must have been directed throughout the entire preceding period. We need only form a mental image of what actually happens to a person in this regard beforehand and what takes place at the moment of sexual maturity.
[ 2 ] Wir haben ja im Laufe der Betrachtungen gesehen, wie der Mensch bis zum Zahnwechsel ein nachahmendes Wesen ist, wie er in dieser Zeit einer noch nicht getrennten organisch-seelischen Tätigkeit in seinem Inneren hingegeben ist, wie von der Kopforganisation eine geistig-seelische Tätigkeit ausgeht, die noch organische Tätigkeit ist und die den ganzen Organismus erfüllt. Der Mensch lebt also für dieses Lebensalter ganz in seinem Inneren nach seinem geistig-seelischen Inhalte und auch nach seinem physisch-leiblichen Inhalte. Man kann sagen: Besonders charakteristisch ist für dieses Lebensalter, wie der Mensch lebt.
[ 2 ] In the course of our reflections, we have seen how, up until the change of teeth, the human being is an imitative being; how during this time he is absorbed in an inner activity that is still an undifferentiated blend of organic and soul-life; and how a spiritual-soul activity emanates from the head, which is still an organic activity and fills the entire organism. Thus, during this stage of life, the human being lives entirely within, in accordance with both their spiritual-soul content and their physical-bodily content. One could say: What is particularly characteristic of this stage of life is the way the human being lives.
[ 3 ] Und nicht weil ich glaube, daß das nun unbedingt im Verlaufe einer solchen Betrachtung gerade in dieser Weise gesagt werden muß, sondern weil wir uns vielleicht dadurch nach dem Vorangegangenen am besten verstehen können, muß ich wiederum nach der Methode greifen, die sich für das schauende Bewußtsein ergibt, wenn ich Ihnen ganz deutlich charakterisieren will, was da eigentlich vorgeht.
[ 3 ] And not because I believe that this must necessarily be stated in precisely this way in the course of such a consideration, but because this may be the best way for us to understand one another in light of what has gone before, I must once again resort to the method that arises for the observing consciousness if I am to characterize for you very clearly what is actually taking place there.
[ 4 ] Wenn der Mensch in diesem Lebensalter schläft, ist es äußerlich natürlich auch so, daß beim Einschlafen sein Geistig-Seelisches aus dem Physisch-Leiblichen herausgeht, beim Aufwachen wiederum hineingeht. Aber es ist noch kein großer Unterschied zwischen dem bewußten Erfahren im Leibe und dem unbewußten Erfahren im Schlafe. Das unbewußte Erfahren im Schlafe, wenn es normal verläuft, wenn nicht Reminiszenzen aus dem Tagesleben hineingehen - und das ist beim Kinde noch kaum der Fall -, dieses Schlafesleben bewegt sich durchaus in einer Überwelt gegenüber dem Irdischen, und aus dieser Überwelt heraus wird ja zunächst auch diejenige Aktivität geholt, welche vom Gehirn aus im wachenden Zustande beim Kinde in den ganzen Organismus hineinarbeitet.
[ 4 ] When a person sleeps at this stage of life, it is, of course, also the case outwardly that, upon falling asleep, their spiritual-soul aspect leaves the physical body, and upon waking, it returns to it. But there is still no great difference between conscious experience in the body and unconscious experience during sleep. Unconscious experience during sleep—when it proceeds normally, when no reminiscences from daily life intrude—and this is hardly ever the case with a child—this life of sleep takes place entirely in a superworld opposed to the earthly realm, and it is from this higher world that the activity is initially drawn which, originating in the brain, works its way from the child’s waking state into the entire organism.
[ 5 ] Wenn das Kind nun durch den Zahnwechsel hindurchgeht, so werden gewisse geistig-seelische Kräfte so frei, daß sie nicht mehr bloß ihre organische Gestalt annehmen. Sie nehmen schon einen geistig-seelischen Charakter an. Das Kind entwickelt ein freieres Denken, Fühlen und Wollen zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife als vorher. Es ist nicht bloß ein nachahmendes Wesen, es entwickelt den Grad des Bewußtseins, durch den es aus dem Autoritätsgefühl heraus sich an Äußeres anschließen kann. Aber es braucht eben doch dieses Autoritätsgefühl, um sich an Äußeres anzuschließen. Die gewöhnlichen Verhältnisse des Lebens genügen nicht. Der Erwachsene steht dem Erwachsenen anders gegenüber als das Kind mit seinem Autoritätsgefühl. Das Kind muß dieses Positive, das im Autoritätsverhältnisse liegt, zu dem Verhältnisse hinzufügen, das der Erwachsene dem Erwachsenen gegenüber betätigt, auch wenn irgend etwas mitgeteilt wird, oder in anderer Weise, ohne die Mitteilung, irgend etwas als eine Suggestion im guten Sinne vom Erwachsenen zum Erwachsenen ausgeübt wird. Das hat dann zur Folge, daß auch während des Schlafzustandes nach und nach schon mehr von dem Wachleben in das seelisch-geistige Leben hineinkommt. Und gerade so viel, als im Schlafzustande von irdischer Welt hineinkommt und nicht mehr drinnen ist von Überwelt, gerade in demselben Maße eröffnet sich uns die Möglichkeit, in dem Lebensalter zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife unterrichtend und erziehend an das Kind heranzukommen.
[ 5 ] As the child goes through the process of losing its baby teeth, certain spiritual-soul forces become so liberated that they no longer merely take on their organic form. They already begin to take on a spiritual-soul character. Between the change of teeth and sexual maturity, the child develops freer thinking, feeling, and willing than before. The child is no longer merely an imitative being; the child develops a degree of consciousness that allows the child to relate to the external world out of a sense of authority. Yet the child still needs this sense of authority in order to relate to the external world. The ordinary circumstances of life are not sufficient. An adult relates to another adult differently than a child does with its sense of authority. The child must add this positive element—which lies in the relationship of authority—to the relationship that an adult maintains with another adult, even when something is communicated, or in some other way—without actual communication—when something is conveyed as a suggestion in the positive sense from one adult to another. This then has the consequence that, even during sleep, more and more of waking life gradually enters into the soul-spiritual life. And precisely to the extent that elements from the earthly world enter the state of sleep—and elements from the spiritual world are no longer present—to that very same degree does the possibility open up for us to approach the child in an instructive and educational manner during the stage of life between the change of teeth and sexual maturity.
[ 6 ] Mit der Geschlechtsreife tritt etwas ganz Neues ein, und im Grunde genommen ist der Mensch nach der Geschlechtsreife ein anderes Wesen als vorher. Wir können die Sache charakterisieren, indem ich an das anknüpfe, was ich im letzten Teil meiner gestrigen Betrachtung hier vor Ihnen entwickelt habe. Es ist einfach normal für das Menschenleben, daß das Kind bis zum Zahnwechsel in seinem physischen Leibe ganz drinnen lebt. Wenn es von diesem Zustande, ganz im physischen Leibe drinnen zu leben, für das spätere Leben zuviel mitnimmt — denn für das spätere Leben ist dieses Erleben des physischen Leibes, wie es im ersten Kindesalter eintritt, nicht mehr das Normale -, wenn also zuviel davon mitgenommen wird für das spätere Leben, dann entsteht eben das, was das auffällig melancholische Temperament ist. Es ist durchaus richtig, daß das Kind im kindlichen Alter einen solchen Zusammenhang zwischen seinem Geistig-Seelischen und seinem Leiblichen haben soll, wie sie der Melancholiker hat; nur ist dasjenige, was für das eine Lebensalter gut ist, für das andere abnorm. Das muß immer berücksichtigt werden.
[ 6 ] With the onset of sexual maturity, something entirely new begins, and, in essence, after reaching sexual maturity, a person is a different being than before. We can characterize this by building on what I outlined here before you in the last part of my reflection yesterday. It is simply normal for human life that, until the child’s teeth change, he or she lives entirely within his or her physical body. If the child carries over too much of this state—of living entirely within the physical body—into later life—for in later life, this experience of the physical body, as it occurs in early childhood, is no longer the norm—if, that is, too much of it is carried over into later life, then what emerges is precisely what is known as the conspicuously melancholic temperament. It is certainly true that a child, during childhood, should have the same relationship between its spiritual-soul aspects and its physical body as the melancholic does; however, what is good for one stage of life is abnormal for another. This must always be taken into account.
[ 7 ] Wenn das Kind durch den Zahnwechsel geht, dann werden gewisse geistig-seelische Kräfte frei für die organische Tätigkeit und fließen in das aus, was ich den Bildekräfte- oder Äther- oder feinen Leib genannt habe. Der gehört der ganzen Außenwelt an, und das Kind soll in dieser Zeit gerechterweise eben in diesem ätherischen Leibe leben zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife. Wenn es vor dem Zahnwechsel zuviel davon schon gehabt hat, wenn es in seinem Ätherleibe zu stark auf die und jene Art vor dem Zahnwechsel gelebt hat, dann kommt dieses besonders nuancierte phlegmatische Temperament heraus. Aber in einem gewissen Sinne gibt es ein normales Zusammenleben des Menschen mit seinem Ätherleib. Dieses normale Zusammenleben des Menschen muß gerade da sein zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahr, also zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife. Wird das dann mit hineingenommen ins spätere Leben, dann entsteht eben beim Erwachsenen das abnorm phlegmatische 'Temperament.
[ 7 ] When the child goes through the process of losing its baby teeth, certain spiritual and soul forces are released for organic activity and flow into what I have called the formative body, the etheric body, or the subtle body. This body belongs to the entire external world, and during this period—between the change of teeth and sexual maturity—the child should, properly speaking, live precisely within this etheric body. If the child has already had too much of this before the change of teeth, if the child has lived too intensely in one way or another within its etheric body before the change of teeth, then this particularly nuanced phlegmatic temperament emerges. But in a certain sense, there is a normal coexistence between the human being and their etheric body. This normal coexistence must occur precisely between the ages of seven and fourteen, that is, between the change of teeth and sexual maturity. If this is then carried over into later life, the abnormally phlegmatic “temperament” arises in the adult.
[ 8 ] Dagegen ist das, was dann in normaler Weise selbständig herauskommen kann mit der Geschlechtsreife, was ich gestern den astralischen Leib genannt habe, was nicht mehr in Raum und Zeit eigentlich lebt, dasjenige, was sich vorzugsweise im sanguinischen Temperament auslebt. Und beim Kinde tritt die sanguinische Temperamentsnuance hervor, wenn zuviel hereingenommen wird in die Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife von dem, was erst mit der Geschlechtsreife herauskommen soll. Der Mensch wird erst reif für den Sanguinismus, wenn er geschlechtsreif wird.
[ 8 ] In contrast, what can then emerge independently in the normal course of events upon reaching sexual maturity—what I called the astral body yesterday, which no longer actually lives in space and time—is that which manifests itself primarily in the sanguine temperament. And in children, the sanguine temperamental nuance becomes prominent when, during the period from the change of teeth to sexual maturity, too much of what is meant to emerge only with sexual maturity is taken in prematurely. A person does not become ready for sanguine temperament until they reach sexual maturity.
[ 9 ] Alles steht im Leben so, daß es seine normale Periode hat, und die verschiedenen Abnormitäten des Lebens treten dadurch ein, daß dasjenige, was für ein Lebensalter normal ist, eben in ein anderes anormalerweise hineingeschoben wird. Man lernt auf diese Weise den Menschen durch und durch verstehen, wenn man also das Leben überschauen kann.
[ 9 ] Everything in life follows its own normal course, and the various abnormalities of life arise when what is normal for one stage of life is, in an abnormal way, forced into another. In this way, one learns to understand human beings thoroughly—that is, when one can take a broad view of life.
[ 10 ] Nun, was tritt denn aber mit der Geschlechtsreife ein? Das tritt ein, was sich uns wiederum aus den Betrachtungen der vorangehenden Tage ergeben kann. Wir haben gesehen, auch noch mit dem schon bis zu einem gewissen Grade emanzipierten Geistig-Seelischen, das nach dem Zahnwechsel da ist, mit dem arbeitet der Mensch noch innerlich. Er arbeitet sich durch das Atmungs-, durch das Zirkulationssystem bis zum Knochenansatz der Muskeln durch. Er arbeitet sich ganz an seine menschliche Peripherie heran und bricht mit der Geschlechtsreife in die Außenwelt hinein. Er steht erst dann voll in der Außenwelt darinnen.
[ 10 ] Well, what actually happens when sexual maturity sets in? What happens is what we can deduce from our reflections over the past few days. We have seen that even with the spiritual-soul aspect—which has already been emancipated to a certain degree and is present after the teeth have fallen out—the human being still works with it inwardly. They work their way through the respiratory and circulatory systems all the way to the muscle attachments to the bones. They work their way right up to the human periphery and, with sexual maturity, break out into the outer world. Only then do they stand fully within the outer world.
[ 11 ] Dadurch sind wir aber genötigt, uns ganz anders zu verhalten zu dem Jüngling und der Jungfrau, die durch das geschlechtsreife Alter hindurchgegangen sind, als wir uns früher zu dem Knaben und zu dem Mädchen haben verhalten können. Denn im Grunde genommen hat der ganze Prozeß, der sich im Menschen abspielt mit den freigewordenen geistig-seelischen Kräften vor der Geschlechtsreife, mit dem Geschlechte noch gar nichts zu tun. Er ist etwas nuanciert, aber er hat mit dem Geschlechte in Wirklichkeit noch gar nichts zu tun. Dasjenige, was mit dem Geschlechte zu tun hat, entwickelt sich eben erst, wenn der Mensch seinen Durchbruch in die Welt vollzogen hat, wenn er also mit der Welt in Zusammenhang getreten ist.
[ 11 ] This, however, compels us to relate to young men and women who have reached sexual maturity in a completely different way than we were able to relate to boys and girls in the past. For, fundamentally speaking, the entire process that takes place within a person—involving the spiritual and soul forces that have been set free before sexual maturity—has absolutely nothing to do with gender. It is somewhat nuanced, but in reality it has absolutely nothing to do with gender. That which has to do with gender only begins to develop once a person has made their breakthrough into the world—that is, once they have entered into a relationship with the world.
[ 12 ] Dann aber tritt für sein Seelisch-Leibliches wiederum etwas Ähnliches ein wie beim Zahnwechsel. Beim Zahnwechsel sind diejenigen Kräfte freigeworden, die nach dem Denken, Fühlen, Wollen gehen, was sich mehr nach der Erinnerungsseite hin entwickelt. Die Erinnerungskraft wird gewissermaßen frei. Jetzt, bei der Geschlechtsreife, kommt etwas zu freier seelischer Tätigkeit, das vorher in den Rhythmus der Atmung hineingegangen ist, was sich von da aus noch bestrebte, Rhythmus in das Muskelsystem, sogar in das Knochensystem hineinzubringen. Dieses Rhythmische wird nun frei, und das wird frei als Empfänglichkeit des Jünglings oder der Jungfrau für ideale Gebilde, für das Phantasiemäßige. Die eigentliche Phantasie wird im Grunde mit der Geschlechtsreife erst aus dem Menschen herausgeboren, denn die eigentliche Phantasie kann erst dann geboren werden, wenn der von Zeit und Raum freie astralische Leib geboren wird, der ebenso wie die Träume Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach inneren Gesichtspunkten durcheinander gruppieren kann.
[ 12 ] But then something similar to what happens during tooth replacement occurs again in the child’s psychophysical development. During tooth replacement, the forces associated with thinking, feeling, and willing are set free, and these develop more in the direction of memory. The power of memory becomes free, so to speak. Now, at the onset of sexual maturity, something emerges into free soul activity that had previously been incorporated into the rhythm of breathing—a force that, from there, still strove to bring rhythm into the muscular system and even into the skeletal system. This rhythmic element now becomes free, and it manifests as the young man’s or young woman’s receptivity to ideal forms, to the realm of the imagination. True imagination is, in essence, only born out of the human being with sexual maturity, for true imagination can only be born when the astral body—free from time and space—is born, a body that, just like dreams, can interweave the past, present, and future according to inner perspectives.
[ 13 ] Was bringt sich denn der Mensch mit, wenn er da gewissermaßen auf dem Umwege durch das Knochensystem durchbricht in die Welt? Er bringt sich das mit, was vorher in seinem Inneren war, was er aus seinem präexistenten Leben in sein Inneres hereingebracht hat. Er wird gewissermaßen mit der Geschlechtsreife tatsächlich aus der geistigseelischen Welt herausgeworfen. Man kann das ohne Übertreibung sagen, denn es ist die reine Wahrheit: der Mensch wird mit der Geschlechtsreife aus dem geistig-seelischen Leben der Welt herausgeworfen und hineingeworfen in die äußerliche Welt, die er nur mit seinem physischen Leib, mit seinem ätherischen Leib wahrnehmen kann. Und wenn das auch durchaus nicht klar in das Bewußtsein herauftritt, im Unterbewußten spielt es eine um so größere, eine um so intensivere Rolle. Im Unterbewußtsein spielt es eine solche Rolle, daß nun der Mensch wie gesagt, unterbewußt oder halbbewußt — die Welt, die er betritt, vergleicht mit der Welt, die er früher in sich gehabt hat. Er hat sie früher in sich nicht vollbewußt wahrgenommen, aber er fand die Möglichkeit in sich, mit ihr zu arbeiten. Das Innere des Menschen gibt die Möglichkeit, frei mit einer Überwelt zu arbeiten, frei mit einem Geistig-Seelischen zu arbeiten. Die äußere Welt gibt das nicht. Da gibt es alle möglichen Hemmungen, da gibt es die Wünsche, diese Hemmungen zu überwinden. Da gibt es den ganzen Tumult, der in dem Verkehre zwischen Mensch und Welt zwischen dem vierzehnten und fünfzehnten Jahre und dem Beginn der Zwanzigerjahre eintritt.
[ 13 ] What does a human being bring with them when they, so to speak, break through into the world via the skeletal system? They bring with them what was previously within them—what they brought into their inner being from their pre-existing life. In a sense, upon reaching sexual maturity, they are actually cast out of the spiritual-soul world. One can say this without exaggeration, for it is the pure truth: upon reaching sexual maturity, a human being is cast out of the spiritual-soul life of the world and thrown into the outer world, which they can perceive only with their physical body and their etheric body. And even if this does not come clearly into consciousness, it plays an all the greater, an all the more intense role in the subconscious. It plays such a role in the subconscious that, as I said, the human being—subconsciously or semi-consciously—compares the world he is entering with the world he previously held within himself. He did not perceive it fully consciously within himself before, but he found within himself the ability to work with it. The inner being of the human being provides the ability to work freely with a higher world, to work freely with the spiritual-soul realm. The outer world does not provide this. There are all kinds of inhibitions there, and there are the desires to overcome these inhibitions. There is the whole tumult that arises in the interaction between the human being and the world between the ages of fourteen and fifteen and the early twenties.
[ 14 ] Dieser Tumult muß da sein, und man muß während der ganzen vorhergehenden Erziehung auf diesen Tumult hinschauen, der notwendigerweise entstehen muß. Menschen, die vielleicht übertrieben elegisch veranlagt sind, können glauben, es sei gut, wenn man dem Menschen diesen Tumult erspart. Dadurch wird man aber gerade sein größter Feind. Man soll dem Menschen diesen Tumult nicht ersparen. Man soll die ganze Erziehung vorher so veranlagen, daß sie nun dem innerlichen Arbeiten des Geistig-Seelischen am Menschen zu Hilfe kommt.
[ 14 ] This turmoil must exist, and throughout the entire course of a person’s earlier education, one must be mindful of this turmoil, which is bound to arise. People who may be overly prone to melancholy might believe it is best to spare a person this turmoil. But in doing so, one becomes that person’s greatest enemy. One should not spare a person this turmoil. One should structure the entire education beforehand in such a way that it now aids the inner workings of the spiritual-soul aspect within the person.
[ 15 ] Und von der Geschlechtsreife an soll man sich klar sein, daß der Mensch einem ein neues Wesen entgegenbringt, welches aus seinem Verhältnisse zur Welt entsteht, daß das Autoritätsgefühl jetzt keine Rolle mehr spielt, daß er vor allen Dingen, wenn irgend etwas an ihn herangebracht wird, die Gründe dafür verlangt. Wir müssen uns jetzt angewöhnen, dem heranwachsenden Jüngling und der heranwachsenden Jungfrau mit Gründen entgegenzutreten. Wir müssen uns zum Beispiel gewöhnen, wenn der Jüngling oder die Jungfrau, die eben eine Überwelt in die Welt hereingeführt hat, nun toben, daß diese Welt nicht so ist, daß alles so anders sein muß — wenn sie rebellisch werden, muß man sich bemühen, ohne daß man dabei in die Philisterei verfällt, nun zu motivieren, daß dasjenige, was da ist, ja schließlich aus dem Vorhergehenden, aus dem Geschichtlichen geworden ist. Man muß den gescheiten Menschen spielen, der voll begreift, wie dasjenige,.was da ist, geworden ist. Aber man wird mit Autorität gar nichts mehr ausrichten können. Man muß so in der Sache drinnenstehen, daß man jetzt die vollgültigen Gründe für die Dinge anzuführen in der Lage ist. Tritt einem gerade in diesem Lebensalter durch den Menschen eine nichtbegründete Welt von Inhalten entgegen, treten einem Zustände entgegen in der Welt, die unvernünftig empfunden werden und denen gegenüber man so empfindet, daß man sich sagt: Was ich bisher gelebt habe, bevor ich die Welt betreten habe, ist ja eigentlich sinnlos, denn das alles führt mich in eine Welt, die ja unvernünftig ist -, findet man da nicht den Anschluß an Menschen, die nun wiederum die Vernünftigkeit der Welt wenigstens bis zu einem gewissen Grade begründen können, dann wird der innere Sturm zu groß, dann verliert der Jüngling oder die Jungfrau den inneren Halt. Denn dieser freigewordene astralische Leib, der ist eben nicht von dieser Welt. Aus seiner Welt ist der Mensch herausgeworfen, und er will sich in diese Welt nur hineinstellen, wenn diese Welt es begründen kann, daß sie auch da ist.
[ 15 ] And from the onset of puberty onward, one must realize that the young person is presenting us with a new being that arises from their relationship to the world; that the sense of authority no longer plays a role; and that, above all, whenever something is presented to them, they demand the reasons behind it. We must now get into the habit of responding to the adolescent boy and the adolescent girl with reasons. We must, for example, get used to the fact that when the boy or girl—who has just brought a higher world into this world— now rages that this world is not as it should be, that everything must be so different—when they become rebellious, we must strive, without falling into philistinism, to explain that what exists has, after all, come about from what preceded it, from history. One must play the role of the wise person who fully understands how what exists has come to be. But one will no longer be able to achieve anything through authority alone. One must be so deeply immersed in the matter that one is now able to cite the fully valid reasons for things. If, at this very age, one encounters through other people a world of content that lacks justification, if one encounters situations in the world that feel unreasonable and toward which one feels compelled to say to oneself: “What I have lived so far, before I entered the world, is actually meaningless, for all of this leads me into a world that is, after all, unreasonable”—if one does not find a connection there with people who, in turn, can at least to a certain degree justify the rationality of the world, then the inner storm becomes too great, and the young man or young woman loses their inner footing. For this liberated astral body is simply not of this world. The human being has been cast out of his own world, and he is willing to place himself within this world only if this world can justify its own existence.
[ 16 ] Sie werden das gründlich mißverstehen, was ich sage, wenn Sie meinen, daß ich das für das volle Bewußtsein des Menschen schildere. Nein, für das schildere ich es nicht, sondern ich schildere es gerade als im tagwachenden Zustand im Unterbewußten drinnen sich abspielend, in Gefühlen heraufwogend, in sich abstumpfenden Willensimpulsen heraufwogend, sich auslebend in enttäuschten Idealen, in enttäuschten Wünschen, sich auslebend in einem gewissen Stumpfwerden vielleicht gegenüber dem, was sich in der unvernünftigen Außenwelt darstellt.
[ 16 ] You will thoroughly misunderstand what I am saying if you think that I am describing this as part of a person’s full consciousness. No, that is not why I am describing it; rather, I am describing it precisely as something that takes place within the subconscious while one is awake, surge as emotions, surge as dulling impulses of the will, playing out in disappointed ideals, in disappointed desires, playing out in a certain numbing—perhaps in response to what presents itself in the irrational external world.
[ 17 ] Denn, wenn in diesem Lebensalter noch erzogen werden soll - und für jeden, der etwas lernen will, muß ja auch erzogen werden -, so muß das zu Lernende in einer entsprechenden Erziehungsform an den Menschen herangebracht werden, so muß ja vorbereitet werden für die Zeit der beginnenden Zwanzigerjahre bis weiter ins Leben hinein. Dafür muß vorgearbeitet werden. Denn, was man erlebt vom fünfzehnten bis zum einundzwanzigsten, zweiundzwanzigsten Jahre — diese Periode grenzt sich selbstverständlich nicht ganz voll ab, besonders in unserer chaotischen Zeit nicht, manchmal geschieht das noch viel später —, was man da erlebt, das muß dazu führen, daß man ausgerüstet mit alledem, was einen gestochen hat aus dem Leben, mit alledem, wo man selbst gestochen hat in das Leben, in den Zwanzigerjahren wieder aufgenommen wird in die Welt, aus der man bei der Geschlechtsreife herausgeworfen worden ist. Man muß wieder aufgenommen werden; man muß wieder einen Anschluß finden, denn ohne diesen Anschluß geht es im Leben nicht. Diesen Anschluß muß man selbständig finden. Wird er einem durch Autorität aufgezwungen, dann gilt er nichts für den Menschen im Leben.
[ 17 ] For if education is still to take place at this age—and for anyone who wants to learn, education is indeed necessary—then what is to be learned must be presented to the individual in an appropriate educational form; thus, preparation must be made for the period from the early twenties onward into later life. Preparatory work must be done for this. For what one experiences from the age of fifteen to twenty-one or twenty-two—this period is, of course, not entirely clearly defined, especially in our chaotic times, sometimes it happens much later—what one experiences during that time must lead to one being re-admitted, in one’s twenties, into the world from which one was cast out upon reaching sexual maturity, equipped with everything that has made an impression on one from life and with everything with which one has oneself made an impression on life. One must be readmitted; one must find a connection again, for without this connection, life is impossible. One must find this connection independently. If it is imposed on one by authority, then it is of no value to a person in life.
[ 18 ] Wir müssen daher bis zur Geschlechtsreife hin, durch die vom Kinde ersehnte Autorität, das Kind so weit bringen, daß wir unsere Autorität von der Geschlechtsreife an nicht mehr anzuwenden brauchen. Aber wir müssen uns auch selber, ganz besonders als Lehrer und Erzieher, in eine solche Lage bringen, daß wir überall dasjenige begründen können, was wir an das Kind heranbringen wollen.
[ 18 ] We must therefore, up until puberty, use the authority that the child longs for to guide the child to the point where we no longer need to exercise our authority once the child reaches puberty. But we must also place ourselves—especially as teachers and educators—in a position where we can justify everything we wish to impart to the child.
[ 19 ] Das zeigt zunächst vom mehr geistig-seelischen Standpunkte aus jene ganz grandiose Metamorphose, die sich mit der Geschlechtsreife für den heranwachsenden Menschen abspielt.
[ 19 ] This illustrates, first and foremost from a more spiritual and psychological perspective, the truly magnificent metamorphosis that takes place in the adolescent as they reach sexual maturity.
[ 20 ] Es ist von der allergrößten Wichtigkeit, festzuhalten, daß das Prinzip der Geschlechter im Menschen erst mit seinem Eintritt in die Welt, wie ich ihn charakterisiert habe, auftritt. Natürlich, da alles im Leben relativ vorhanden ist, so muß auch diese Wahrheit als relative Wahrheit genommen werden. Aber eigentlich muß eingesehen werden, daß der Mensch bis zur Geschlechtsreife als allgemein menschliches Wesen lebt, und daß er dasjenige, was er von der Welt erlebt dadurch, daß er Mann oder Frau ist, erst von dem Eintritt der Geschlechtsreife an erlebt. In dieser Beziehung, in der man ja heute aus unserer allgemeinen intellektuell-naturalistischen Zivilisation heraus nicht sehr einsichtig ist, ergibt sich für denjenigen, der etwas unbefangen gerade für richtige Menschenerkenntnis an die Welt herantritt, erst die wirkliche Einsicht in das Verhältnis der Geschlechter in der Welt und auch in die Bedeutung zum Beispiel der Geschlechtsfrage oder der Frauenfrage in der Gegenwart und für die nächste Zukunft.
[ 20 ] It is of the utmost importance to note that the principle of gender in human beings does not emerge until they enter the world, as I have characterized it. Of course, since everything in life exists in a relative sense, this truth must also be regarded as a relative truth. But it must be recognized that, until reaching sexual maturity, a human being lives as a generally human being, and that what they experience of the world through being a man or a woman is only experienced from the onset of sexual maturity onward. In this regard—which is not very well understood today given our general intellectual-naturalistic civilization—only those who approach the world with an open mind, seeking a true understanding of humanity, can gain a genuine insight into the relationship between the sexes in the world and also into the significance, for example, of the gender issue or the women’s issue in the present and for the near future.
[ 21 ] Natürlich, wenn gesagt werden muß, daß der Mensch gewissermaßen nur bis zur Geschlechtsreife hin im allgemeinen Mensch ist, so wird das nur vollständig verstanden, wenn man sich klar darüber ist, welche ungeheuer bedeutungsvolle Metamorphose zum Beispiel für das männliche Geschlecht in der Umwandlung der Stimme, der Stimmlage während der Geschlechtsreife stattfindet. Ähnliche Prozesse finden ja auch statt für das weibliche Geschlecht; sie sind nur auf einem etwas anderen Felde gelegen. Dasjenige, was menschliche Stimme im allgemeinen ist mit all ihrer Modulation, mit allem, was sie befähigt zum Laut- und Tongestalten, das rührt von dem Allgemein-Menschlichen her, das ist herausgeboren aus dem Geistig-Seelischen, wie es in dem Menschen bis zur Geschlechtsreife hin arbeitet. Dasjenige, was der Mensch an Verwandlung seiner Stimmlage aufbringt, ist etwas ihm von außen, von der Welt Aufgedrängtes, das ist etwas, wodurch er sich mit seinem innersten Wesen in die äußere Welt hineinstellt. Es ist einfach, daß nun beim Kehlkopf nicht nur die Weichteile nach der An lehnung an die Knochen hinarbeiten, sondern es ist ein leises Verknöchertwerden des Kehlkopfes selber, was da auftritt, und im Grunde genommen dadurch ein Herausgehen des Kehlkopfes aus dem bloßen inneren Menschensein in das Weltsein.
[ 21 ] Of course, if one must say that, in a sense, a person is generally considered human only until reaching sexual maturity, this can only be fully understood if one is clear about the immensely significant metamorphosis that takes place—for example, in males—during sexual maturation, such as the change in the voice and pitch. Similar processes also take place for females; they simply occur in a somewhat different realm. What the human voice generally is—with all its modulations, with everything that enables it to shape sounds and tones—stems from what is universally human; it is born out of the spiritual-soul aspect as it works within the human being up to the point of sexual maturity. What a person brings to bear in terms of changes in their pitch is something imposed on them from the outside, from the world; it is something through which they project their innermost being into the outer world. It is simply that in the larynx, not only do the soft tissues work in accordance with the bones, but there is also a slight ossification of the larynx itself that occurs, and, in essence, this causes the larynx to emerge from mere inner human existence into worldly existence.
[ 22 ] Überhaupt ist es so, daß wir dieses Hineintreten in die Welt als etwas viel Allgemeineres ansehen müssen, als es gewöhnlich angesehen wird. Gewöhnlich schildert man das Eintreten des Menschen in die Periode, in welcher bei ihm die Liebe eine Rolle spielt, so, als ob eben die Liebe, wenn auch im allgemeineren Sinne, nur für das Geschlechtsleben ihre Rolle spielen würde. Es ist nicht so; der Mensch tritt mit dem Durchgang in die Geschlechtsreife in die Kraft des Liebens für alles dasjenige, was in seiner Umgebung ist, ein. Nur eine besondere Nuance, ein Herausgehobenes aus dem allgemeinen Lieben ist die Liebe zwischen Mann und Weib. Nur wenn man sie in dieser Spezialisierung ansieht, dann versteht man sie eigentlich recht, und dann versteht man auch recht ihre Aufgabe in der Welt.
[ 22 ] In general, we must view this entry into the world as something much more universal than it is usually regarded. People usually describe a person’s entry into the period in which love plays a role as if love—even in a more general sense—were relevant only to sexual life. This is not the case; as a person passes into sexual maturity, they enter into the capacity to love everything in their surroundings. The love between a man and a woman is merely a particular nuance, a distinction within the general capacity for love. Only when one views it in this specialized context does one truly understand it, and only then does one also truly understand its purpose in the world.
[ 23 ] Was tritt denn eigentlich mit der Geschlechtsreife im Menschen auf? Bisher war ihm die Menschheit so gegeben, daß er sie nachahmen konnte, daß er unter ihrer Autorität stehen konnte. Sie wirkte von außen in ihn herein, denn alles dasjenige, was in ihm war, kam ja im Grunde genommen von dem, was er sich schon aus dem präexistenten Leben mitgebracht hatte. Die Menschheit als Ganzes wirkte vom Ganzen in ihn herein. Zunächst indem er sie nachahmte, dann indem er unter ihrer Autorität stand. Jetzt, nachdem er selber den Weg zur Menschheit gefunden hat, nachdem die Menschheit nicht mehr auf ihn zu wirken braucht in der Weise, wie das früher der Fall war, jetzt tritt Empfindung, Gefühl für das Allgemein-Menschliche in sein Inneres herein, und dieses ist das Gegenstück dazu, daß der Mensch fortpflanzungsfähig wird. Er ist in der Lage, Menschen aus sich hervorzubringen im physischen Sinne; geistig-seelisch kommt er in die Lage, in sich die ganze Menschheit zu erleben.
[ 23 ] What actually happens when humans reach sexual maturity? Up to that point, humanity had been presented to him in such a way that he could imitate it and stand under its authority. It acted upon him from the outside, for everything within him essentially came from what he had already brought with him from his pre-existing life. Humanity as a whole acted upon him from the whole. First by his imitating it, then by his standing under its authority. Now that he himself has found the path to humanity, now that humanity no longer needs to influence him in the way it did before, a sense of what is universally human enters his inner being—and this is the counterpart to the fact that human beings become capable of procreation. He is capable of bringing forth human beings from within himself in the physical sense; spiritually and psychologically, he becomes capable of experiencing the whole of humanity within himself.
[ 24 ] In diesem Erleben der ganzen Menschheit, da tritt nun stark die Differenzierung nach Mann und Frau auf. Diese Differenzierung nach Mann und Frau tritt so auf, daß nur durch eine vollständige Verständigung durch das soziale Leben selber, durch die Realität des Austausches, auch im Seelisch-Geistigen, zwischen Mann und Frau die volle Menschheit auf der Erde sich verwirklichen kann. Die Frau trägt so wie der Mann das volle Menschliche in sich, aber so, daß sie es wie eine Gabe aus dem Außerirdischen ansieht, wie etwas, das im Grunde genommen aus dem Himmlischen herein sich in die Welt ergossen hat. Die Frau sieht die Menschheit so an, daß sie gewissermaßen im Hintergrunde ein Bild hat, wenn auch im Unbewußten, nach dem sie die Menschheit formt. Die Frau sieht die Menschheit so an, daß sie dabei vorzugsweise Werturteile zugrunde legt, daß sie abwertet, abschätzt. Wenn das im heutigen Leben nicht immer zugegeben wird, so rührt das lediglich davon her, daß unser heutiges Leben eben zunächst in der Außenwelt durchaus den Charakter einer Männerzivilisation trägt.
[ 24 ] In this experience of all humanity, the distinction between man and woman now emerges strongly. This differentiation between man and woman manifests in such a way that only through complete mutual understanding—arising from social life itself, through the reality of exchange, including in the soul-spiritual realm, between man and woman—can full humanity be realized on Earth. Just as the man does, the woman carries the fullness of humanity within herself, but she regards it as a gift from the extra-earthly realm—as something that, in essence, has poured into the world from the heavenly realm. The woman views humanity in such a way that she has, so to speak, an image in the background—even if it is in the unconscious—according to which she shapes humanity. A woman views humanity in such a way that she primarily bases her perspective on value judgments, devaluing and disparaging it. If this is not always acknowledged in contemporary life, it stems solely from the fact that our present-day existence, at least in the external world, bears the distinct character of a male-dominated civilization.
[ 25 ] Seit längerer Zeit ist die hauptsächlichste Kraft des Zivilisatorischen ein Männisches, ein von Männern Ausgehendes. So grotesk sich wiederum diese Behauptung ausnimmt, es ist ein tief bedeutsames Symbolum des heutigen Lebens, daß sich mit etwas, wovon die Frauen nichts wissen sollen, die Männer in die Freimaurerlogen zurückziehen. Und wenn dann Logen zusammenkommen, wo Frauen und Männer untereinander sind, dann ist im Grunde genommen da das Freimaurertum schon absolut abgestumpft, ist nicht mehr dasselbe. Wer die Konstitution des Freimaurertums ins Auge faßt, sieht in ihm natürlich eine Spezialerscheinung, mit Recht; aber er sieht in ihm zugleich dasjenige, was in intensiver Weise darauf hindeutet, wie unsere Zivilisation eine männische ist. Und die Frauen haben eben ungeheuer viel Männisches angenommen und unterdrücken dadurch erst recht das spezifisch Frauenhafte. Daher macht auf Männer manche Strömung in der heutigen Frauenbewegung den Eindruck: das sind Programme, das sind Ideale, aber die unterscheiden sich im Grunde genommen ihrer innerlichen Substanz nach, nicht einmal ihrem Tone nach, nicht von den Idealen und Programmen der Männerbewegung. Gewiß, sie unterscheiden sich dadurch, daß man einmal die Forderungen für die Frauen, das andere Mal für die Männer aufstellt; aber ich meine jetzt, ihrer innerlichen Substanz nach unterscheiden sie sich eigentlich gar nicht.
[ 25 ] For quite some time now, the primary driving force of civilization has been a masculine one, emanating from men. As grotesque as this assertion may seem, it is a deeply significant symbol of contemporary life that men retreat into Masonic lodges to engage in something about which women are not supposed to know anything. And when lodges come together where women and men mingle, Freemasonry is, in essence, already completely blunted—it is no longer the same. Anyone who examines the constitution of Freemasonry naturally sees in it a special phenomenon—and rightly so—but at the same time sees in it something that intensely points to how our civilization is a masculine one. And women have, in fact, adopted an immense amount of masculine traits and, as a result, are all the more suppressing what is specifically feminine. That is why certain currents in today’s women’s movement give men the impression: these are programs, these are ideals, but in terms of their inner substance—not even in tone—they do not differ from the ideals and programs of the men’s movement. Certainly, they differ in that in one case the demands are made on behalf of women, and in the other on behalf of men; but I believe that, in terms of their inner substance, they do not actually differ at all.
[ 26 ] Dem inneren Wesen nach trägt der Mann die Menschheit so in sich, daß er eigentlich das Menschliche immer wie ein Rätsel empfindet, wie etwas, das er nicht ganz durchdringen kann, das an ihn unsägliche Fragen stellt, mit denen er nicht fertig wird. Diese spezielle Männernuance, die dann eben gerade im Freimaurertum in all das Zeremonielle und Geheimnisvolle ausgeflossen ist, das einen männisch trocknen Charakter hat, die ist so in unsere allgemeine Kultur eingedrungen, daß eben die Frau heute darunter seufzt, aber auf der anderen Seite wiederum es verlangt, es begehrt und sich hineinleben möchte.
[ 26 ] In his innermost being, man carries humanity within himself in such a way that he actually always perceives the human condition as a mystery—as something he cannot fully fathom, something that poses unspeakable questions he cannot resolve. This particular masculine nuance—which has found its way into Freemasonry, manifesting in all its ceremonial and mysterious aspects, which have a dry, masculine character—has permeated our general culture to such an extent that women today sigh under its weight, yet at the same time crave it, desire it, and long to immerse themselves in it.
[ 27 ] Wenn man, so sonderbar es klingt, die heutige Medizin nimmt mit ihrem ganz materialistischen Charakter und zu gleicher Zeit mit der Eigenschaft, daß von der menschlichen Natur, gerade von der physischen Natur, wiederum nichts verstanden wird, sondern man höchstens darauf angewiesen ist, daß man ausprobiert - wenn man diese Medizin nimmt -, sie ist in ausgeprägtem Maße ein Männerprodukt, so daß man gar nicht klarer charakterisieren könnte, was aus dem Männerkopf heute eigentlich herkommt, als an der heutigen Medizin.
[ 27 ] If, strange as it may sound, one considers modern medicine with its entirely materialistic character and, at the same time, with the fact that nothing is understood about human nature—specifically, physical nature—but that one is, at best, forced to rely on trial and error—if one considers this medicine— it is, to a marked degree, a product of men, so that one could not more clearly characterize what actually comes from the male mind today than by looking at modern medicine.
[ 28 ] Wenn man heute oftmals die Wahrheit auseinandersetzt, so nehmen einen die Leute für einen Menschen, der aus Lust das Paradoxe auseinandersetzt; aber dasjenige, was heute real ist, ist ja vielfach eben das Paradoxe. Daher muß man, wenn man die Wahrheit charakterisiert, was unbequem ist, eben paradox wirken.
[ 28 ] When one examines the truth today, people often take one for someone who delves into paradoxes for the sake of it; but what is real today is, in many cases, precisely the paradox. Therefore, when one characterizes the truth—which is uncomfortable—one must inevitably come across as paradoxical.
[ 29 ] Während also die Frau die Menschheit mehr im Bilde erlebt, erlebt sie der Mann mehr als Wunsch mit einem Rätselcharakter. Nach einer anderen Seite dringt man in dasjenige, was hier vorliegt und was insbesondere für den Erziehungs- und Unterrichtskünstler von ganz besonderer Wichtigkeit ist, nur ein, wenn man sich klar wird darüber, daß ja in der heutigen Zivilisation ganz im allgemeinen von Liebe gesprochen wird. Liebe, gewiß, man kann auch im allgemeinen von Liebe sprechen, so wie man von Tischzutaten sprechen kann; aber wenn jemand jene abstrakten Spekulationen von den Dingen in die Welt hineinstellt und dann anfängt über sie zu sprechen, dann kommt es mir immer so vor, wie wenn einer rede davon: Salz, Zucker, Pfeffer, das sind Tischzutaten, alles Essenszutaten. Das ist ein Abstraktum. Wenn er dann ins Leben übergehen würde und würde sich in den Kaffee Salz tun statt Zucker, weil alles eine Essenszutat ist, also alles unter dieselbe allgemeine Kategorie fällt, so wird er eben töricht sein, nicht wahr. Im Zivilisationsleben wird man alle Augenblicke so töricht, indem man sich in die spekulativen Allgemeinheiten begibt und nicht in die konkreten Realitäten des Lebens.
[ 29 ] Thus, while women experience humanity more as a concrete reality, men experience it more as a desire shrouded in mystery. On another level, one can only truly grasp what is at stake here—and what is of particular importance for educators and teachers—by realizing that in today’s civilization, people generally speak of love. Love—certainly, one can speak of love in general terms, just as one can speak of table ingredients; but when someone introduces those abstract speculations about things into the world and then begins to speak about them, it always strikes me as if someone were talking about: salt, sugar, pepper—these are table ingredients, all food ingredients. That is an abstraction. If he were then to apply this to real life and put salt in his coffee instead of sugar—because everything is a food ingredient, and thus everything falls under the same general category—he would simply be being foolish, wouldn’t he? In modern civilization, people become foolish like this all the time by delving into speculative generalities rather than the concrete realities of life.
[ 30 ] Die Liebe ist eben etwas ganz anderes bei dem Mann und bei der Frau. Bei der Frau geht durchaus die Liebe von der Phantasie aus und ist immer damit verknüpft, ein Bild zu formen. Die Frau liebt - verzeihen Sie, wenn ich das sage — niemals vollständig bloß einfach den realen Mann, der dasteht im Leben; die Männer sind ja auch gar nicht so, daß man sie, wie sie heute sind, mit einer gesunden Phantasie lieben könnte, sondern es ist immer etwas mehr darinnen, es ist das Bild darinnen, das aus jener Welt heraus ist, die eine Gabe des Himmels ist. Der Mann hingegen liebt mit Wunsch; die Liebe des Mannes trägt einen ausgesprochenen Wunschcharakter. Und dieser Unterschied muß gemacht werden, wie das auch in mehr ideellem, idealem oder realem Sinne dann zum Ausdruck kommt. Das höchste Ideal kann noch ideale Wünsche enthalten; das instinktiv Sinnlichste kann Produkt der Phantasie sein. Aber dieser radikale Unterschied ist zwischen Mannes- und Frauenliebe. Die Frauenliebe ist in Phantasie getaucht; die Männerliebe ist in Wunsch getaucht. Dadurch gerade bilden sie etwas, was im Leben in Harmonie tritt.
[ 30 ] Love is simply something entirely different for men and for women. For women, love definitely springs from the imagination and is always linked to the creation of an image. A woman—forgive me for saying this—never loves entirely and simply the real man who stands before her in life; men, after all, are not at all such that one could love them, as they are today, with a healthy imagination, but there is always something more to it—it is the image within, which comes from that world that is a gift from heaven. A man, on the other hand, loves with desire; a man’s love has a distinctly desirous character. And this distinction must be made, regardless of how it is then expressed in a more ideal, abstract, or concrete sense. The highest ideal can still contain ideal desires; the most instinctively sensual can be a product of the imagination. But this radical difference exists between a man’s love and a woman’s love. A woman’s love is steeped in imagination; a man’s love is steeped in desire. It is precisely through this that they form something that brings harmony to life.
[ 31 ] Dies aber sollte gerade der Erziehungskünstler voll im Sinne haben, wenn er sich den geschlechtsreifen Menschen gegenübergestellt findet. Er sollte sich klar darüber werden, daß gewisse Dinge, die vorher nicht an den Menschen herangebracht worden sind, eben nicht mehr nachzuholen sind, wenn man in das Geschlechtsreifealter eingetreten ist. Man muß bis zum geschlechtsreifen Alter hin so viel an den Menschen heranbringen, daß es durch alle Folgezeit genügt, daß der Mann nicht einseitig wird und die Frau nicht. Sie werden aber unweigerlich einseitig, wenn nicht in der richtigen Weise bis zum Geschlechtsreifealter hin erzogen wird.
[ 31 ] But this is precisely what the master educator should keep firmly in mind when faced with a sexually mature person. He should realize that certain things that have not been introduced to a person earlier simply cannot be made up for once they have reached sexual maturity. One must provide individuals with enough guidance up to the age of sexual maturity so that it suffices for the rest of their lives, ensuring that men do not become one-sided and women do not either. However, they will inevitably become one-sided if they are not educated in the proper manner up to the age of sexual maturity.
[ 32 ] Heute, wo wir glücklicherweise immer mehr und mehr in die Zeit eintreten, wo auch nach dem Geschlechtsreifwerden bei den folgenden Erziehungsgelegenheiten das männliche und das weibliche Geschlecht nebeneinander teilnehmen, um nebeneinander im sozialen Leben zu arbeiten, heute ist es ganz besonders wichtig, dies, was ich eben gesagt habe, voll zu berücksichtigen. Denn gerade dadurch wird auch so etwas wie die Frauenbewegung erst auf eine gesunde, auf eine wirklich gesunde Grundlage gestellt werden können.
[ 32 ] Today, as we are fortunately entering more and more into an era where, even after reaching sexual maturity, boys and girls participate side by side in educational opportunities designed to prepare them to work together in social life, it is especially important to take full account of what I have just said. For it is precisely through this that something like the women’s movement can be placed on a healthy—a truly healthy—foundation.
[ 33 ] Wir haben, wenn wir uns dies, was ich jetzt sage, in einem größeren Weltenbilde vor Augen stellen, darauf Rücksicht zu nehmen, daß ja unsere Erdenzivilisation einen Grundunterschied aufweist zwischen dem Westen und dem Osten, zwischen Asien auf der einen Seite und Europa, Amerika auf der anderen Seite. Viel größer als alle anderen Differenzierungen, viel größer zum Beispiel als die Differenzierung zwischen Europa und Amerika, ist die Differenzierung zwischen Europa, Amerika auf der einen Seite und Asien auf der anderen Seite. In Asien hat man doch eben etwas, was in eine uralte weisheitsvolle Kultur zurück weist. Sie ist äußerlich in der Dekadenz, vollständig dekadent, aber sie lebt wie eine Erinnerung, sie wird verehrt wie eine Erinnerung. Sie lebt so, daß im Grunde genommen der Asiate dennoch weder den Europäer noch den Amerikaner in der richtigen Weise verstehen kann. Und wer sich darüber täuscht, der täuscht sich eben über das größte historische Weltgeheimnis der Gegenwart, das insbesondere in der Gegenwart wichtig ist, und für die nächste Zeit ganz besonders wichtig werden wird.
[ 33 ] If we consider what I am about to say within a broader worldview, we must take into account that our earthly civilization exhibits a fundamental difference between the West and the East—between Asia on the one hand and Europe and America on the other. Far greater than all other distinctions—far greater, for example, than the distinction between Europe and America—is the distinction between Europe and America on the one hand and Asia on the other. In Asia, after all, there is something that points back to an ancient, wisdom-filled culture. Outwardly, it is in a state of decadence—completely decadent—but it lives on as a memory; it is revered as a memory. It lives in such a way that, fundamentally speaking, Asians still cannot truly understand either Europeans or Americans. And anyone who is mistaken about this is mistaken about the greatest historical mystery of the present world—one that is particularly important today and will become especially important in the near future.
[ 34 ] Im Westen haben wir trotz aller Nuancierungen ein Gleichmäßiges gegenüber dem Osten. Wir haben das Hineinleben in die irdische Zivilisation, diejenige Zivilisation, die vor allen Dingen ihre Vorstellungen von dem hernimmt, was zwischen Geburt und Tod liegt. Der Osten lebt fast gar nicht mit dem, was zwischen Geburt und Tod liegt, nicht im inneren religiösen Leben, nicht im äußeren, mechanischen Zivilisationsleben. Der Westen aber lebt in diesem Leben, das zwischen Geburt und Tod sich abspielt, auch mit seinen religiösen Empfindungen. Der Ostmensch frägt: Warum bin ich denn eigentlich geboren, warum bin ich denn in diese physisch-sinnliche Welt hereingekommen? — Der Westmensch nimmt das Leben in der physisch-sinnlichen Welt mehr oder weniger als Selbstverständlichkeit. Selbst wenn er zum Selbstmörder wird, ist das noch so. Er nimmt das Leben als eine Selbstverständlichkeit, und nur, weil dieses physische Leben eine große Enttäuschung wäre, wenn es mit dem Tode abschließen würde, entwickelt er auch eine gewisse Empfänglichkeit für das außerirdische Leben.
[ 34 ] In the West, despite all the nuances, we have a uniformity in contrast to the East. We are immersed in earthly civilization—the civilization that, above all else, derives its mental images from what lies between birth and death. The East is almost entirely detached from what lies between birth and death—neither in its inner religious life nor in its outer, mechanical, civilized life. The West, however, lives within this life that unfolds between birth and death, including in its religious sentiments. The Eastern person asks: Why was I actually born? Why did I come into this physical, sensory world? — The Westerner takes life in the physical-sensual world more or less for granted. Even if he becomes a suicide, this remains true. He takes life for granted, and only because this physical life would be a great disappointment if it were to end with death does he also develop a certain receptivity to life beyond the earth.
[ 35 ] Es ist ein radikaler Unterschied, aber diesen radikalen Unterschied treffen wir nicht, wenn wir jetzt wiederum in abstrakter Weise die Sache charakterisieren, sondern wenn wir in das konkrete Leben eintreten. Je weiter man von dem Osten gegen den Westen kommt, desto mehr findet man, wie trotz allen Bewußtseins in der Frau eine Sehnsucht nach dem Inneren des Ostens lebt. Ganz anders beim Manne des Westens. Er hat auch Sehnsuchten, aber nicht nach etwas, sondern aus dem heraus, was er erlebt. Er steht ganz in dem äußeren Zivilisationsleben drinnen, das sich zwischen Geburt und Tod abspielt. Aber etwas in ihm will doch noch aus diesem heraus. Und das ist in alledem wahrzunehmen, was uns schließlich als äußere Zivilisation umgibt von der Weichsel, durch Deutschland, Frankreich, England, Amerika hindurch bis nach der anderen Seite zum Stillen Ozean. Da ist in dieser Beziehung durchaus ein gemeinsamer Zug. Und diesen gemeinsamen Zug merkt heute zu seiner vielleicht unbewußten Verzweiflung, aber eben im Bewußten, der Erzieher, der dem geschlechtsreifen Menschen entgegentritt. Man muß schon erziehender Philister werden, wenn man das nicht merkt.
[ 35 ] It is a radical difference, but we do not encounter this radical difference when we characterize the matter in an abstract way, but rather when we enter into concrete life. The farther one travels from the East toward the West, the more one discovers how, despite all her awareness, a longing for the inner essence of the East lives within a woman. It is quite different with the man of the West. He, too, has longings, but not for something; rather, they arise from what he experiences. He is fully immersed in the outer life of civilization that unfolds between birth and death. Yet something within him still yearns to break free from this. And this can be perceived in everything that ultimately surrounds us as external civilization—from the Vistula, through Germany, France, England, and America, all the way to the other side, the Pacific Ocean. In this regard, there is certainly a common thread. And this common thread is noticed today—perhaps to his unconscious despair, but nonetheless consciously—by the educator who confronts the sexually mature individual. One must truly become an educational philistine not to notice this.
[ 36 ] Wir haben ja in den verflossenen Betrachtungen angedeutet, wie man eigentlich die Bücher alle wegwerfen sollte in der Schule, wie rein nur das persönliche Verhältnis des Erziehungskünstlers zum Kinde wirken sollte. Wenn man aber nun an die geschlechtsreifen Menschen herantritt, dann werden die Bücher, dann wird fast das ganze äußere Zivilisationsleben überhaupt zu einer Qual. Ich weiß, daß das von vielen nicht wahrgenommen wird, weil sie sich nicht bis zu diesem Grade ins reale, ins wirklich konkrete Leben hineinstellen. Aber unsere ganze äußere Zivilisation hat ja durchaus auch in dieser Beziehung etwas einseitig Männisches. Geschichte, Kulturgeschichte, Anthropologie, alles hat etwas einseitig Männisches. Der Mensch möchte als Abendländer heraus aus der Welt, in der er eigentlich drinnensteckt. Aher dieses Heraus, das wagt er nicht wirklich zu vollziehen. Er findet nicht die Brücke aus der physisch-sinnlichen Welt zur geistigen Welt. Und so haben wir in unserer äußeren Zivilisation überall die sinnlich-physische Welt charakterisiert eigentlich mit der Sehnsucht: heraus aus ihr, aber wiederum mit dem Nichtherauskönnen aus ihr.
[ 36 ] In our previous reflections, we have indeed suggested that all books should actually be thrown away in school, and that only the personal relationship between the educator and the child should be allowed to take effect. But when one approaches people who have reached sexual maturity, then books—indeed, almost the entire external life of civilization—become a torment. I know that many people do not perceive this because they do not immerse themselves to this degree in real, truly concrete life. But our entire external civilization does, in this respect, have something one-sidedly masculine about it. History, cultural history, anthropology—everything has something one-sidedly masculine about it. As a Westerner, the human being wants to escape from the world in which he is actually trapped. Yet he does not really dare to carry out this escape. He cannot find the bridge from the physical-sensual world to the spiritual world. And so, throughout our external civilization, we have characterized the physical-sensual world—in essence—with the longing to escape it, yet at the same time with the inability to do so.
[ 37 ] Es ist durchaus so, daß man ja große Mühe hat, im Konkreten Schuleinrichtungen zu treffen für Kinder bis zum geschlechtsreifen Alter, daß man dann aber für die älteren Kinder in einem gewissen Sinne ganz hilflos wird, weil das, was einem zur Verfügung steht, um den Menschen damit noch etwas zu sein, einfach nicht genügt. Und deshalb müßte im Grunde gerade der Erziehungs- und Unterrichtskünstler empfinden, wenn er nun dem geschlechtsreifen Alter gegenübersteht: du brauchst, damit du überhaupt nur anfangen kannst mit dem Erziehen und Unterrichten, etwas von wirklicher Menschenerkenntnis. Deshalb wird vielleicht mehr oder weniger leise dem Erzieher des noch nicht geschlechtsreifen Menschen gegenüber heute schon die Sehnsucht nach tieferer Menschenerkenntnis auftauchen können. Aber für jedes gesunde pädagogische Empfinden muß sie wie etwas innerlich Unbesiegeltes auftreten gegenüber der Erziehung des geschlechtsreifen Menschen.
[ 37 ] It is certainly true that one has great difficulty finding concrete educational institutions for children up to the age of sexual maturity, but that one then becomes, in a certain sense, completely helpless when it comes to older children, because what is available to one simply is not enough to make a difference in their lives. And that is why, fundamentally, the educator and teacher should realize, when faced with students of sexual maturity: in order to even begin educating and teaching, you need a genuine understanding of human nature. That is why the longing for a deeper understanding of human nature may already be emerging—perhaps more or less quietly—in educators of those who have not yet reached sexual maturity. But for any healthy pedagogical sensibility, this longing must remain, as it were, an unsealed inner quality when it comes to the education of sexually mature individuals.
[ 38 ] Daß die Frau sich nach dem Osten sehnt, der Mann eigentlich heraus will aus dem Westen, das ist ein Grundzug unserer ganzen gegenwärtigen Zivilisation. Das ist etwas, was uns, weil der Mensch bis zum geschlechtsreifen Alter hin nur im allgemeinen Mensch ist, auf den früheren Schulstufen nicht so stark entgegentritt, was uns aber, sobald wir dem geschlechtsreifen Menschen gegenüberstehen, sogleich ganz im Konkreten entgegentritt.
[ 38 ] The fact that women long for the East, while men actually want to escape from the West, is a fundamental characteristic of our entire present-day civilization. This is something that, because human beings are generally just “human” until they reach sexual maturity, does not confront us so strongly in the earlier stages of schooling; yet it confronts us immediately and very concretely as soon as we encounter sexually mature individuals.
[ 39 ] Nehmen Sie einmal an, der Deutschlehrer möchte einem geschlechtsreifen Menschen irgendein Buch empfehlen, das vom deutschen Standpunkte aus Goethe schildert. Er ist absolut in Verlegenheit. Es gibt so etwas innerhalb der gebräuchlichen anerkannten Zivilisation nicht. Und wenn die dazu geschriebenen Bücher verwendet werden, so lernt eben der Deutsche den Goethe aus diesen Dingen gar nicht kennen. Wenn, sagen wir, die Goethe-Biographie von Lewes verwendet wird, lernt der Deutsche zwar mehr nach außen gehende Seiten Goethes gut kennen, besser als aus irgendeinem deutschen Buche, aber er lernt wiederum nicht dasjenige kennen, was in Goethe das spezifisch Deutsche ist. Und so ist es heute überall, einfach aus dem Grunde, weil wir eine für die Erziehung, für den Unterricht des geschlechtsreifen Menschen brauchbare Literatur oder dergleichen überhaupt nicht haben.
[ 39 ] Suppose a German teacher wants to recommend a book to an adult that portrays Goethe from a German perspective. He is completely at a loss. There is no such thing within mainstream, accepted civilization. And even if the books written on the subject are used, Germans simply do not come to know Goethe through them. If, say, Lewes’s biography of Goethe is used, Germans do indeed become well acquainted with Goethe’s more outward-facing aspects—better than from any German book—but they do not, in turn, come to know what is specifically German about Goethe. And this is the case everywhere today, simply because we have no literature or the like at all that is suitable for the education and instruction of adults.
[ 40 ] In bezug auf so etwas kommt alles darauf an, daß wir wirklich in das Zeitalter eintreten, wo die Frau mitgestaltend wirkt für das Zivilisationsleben, wo die Frau dasjenige in das Zivilisationsleben hineinbringt, was sie speziell als Frau bringen kann, wo sie aber nicht dasjenige hineinträgt, was sie aus der bisher männischen Kultur gelernt hat. — Ich hatte einmal mit einer deutschen Frauenrechtlerin in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Gespräch; sie war ganz radikal in ihren Anschauungen, dennoch mußte ich sagen, diese Anschauungen kommen mir doch so vor, als ob die Frau nur in die Männerkultur hineinwachsen wollte, nicht die Welt mit ihrem Frauenwesen bereichern. Das, was hier gemeint wird, ist nicht in einseitiger oder philiströser Weise gedacht. Ich mußte selbst dieser sehr freien, radikalen Frau gegenüber sagen: Ja, diese Bewegung stellt noch nicht dasjenige dar, was die Welt eigentlich braucht. Die Welt braucht nicht das, daß nun die Frauen sich anziehen — verzeihen Sie -, was man in England nicht aussprechen darf, sondern daß tatsächlich zusammenwirkt, was Mann und Frau, je nachdem, an sich haben können.
[ 40 ] When it comes to something like this, everything depends on our truly entering an era in which women play a shaping role in the life of civilization—an era in which women bring to that life what they, specifically as women, can contribute, but in which they do not carry over what they have learned from the male-dominated culture of the past. — I once had a conversation with a German women’s rights activist in the 1890s; she was quite radical in her views, yet I had to say that these views struck me as if women merely wanted to assimilate into male culture, rather than enrich the world with their womanhood. What is meant here is not intended in a one-sided or philistine way. I had to say even to this very free-thinking, radical woman: Yes, this movement does not yet represent what the world actually needs. The world does not need women to dress—pardon me—in a way that one is not allowed to mention in England, but rather for the qualities that men and women, each in their own way, possess to truly work together.
[ 41 ] Bei allem, mit dem wir an den werdenden Menschen herantreten, müssen wir auf diese besondere Konfiguration vor und nach der Geschlechtsreife hinarbeiten. Legen wir uns einmal eine konkrete Frage vor. Es gibt das «Verlorene Paradies» von Milton. Es wird ganz gut sein, das auch zum Gegenstand des Unterrichts zu machen. Wann? Derjenige, der alles das betrachtet, was ich in diesen Dingen auszuführen versucht habe, wird bei richtigem Begreifen des Eintrittes des erzählenden, des beschreibenden Elementes in das Lebensalter nach dem zehnten Lebensjahre finden, daß in dieses Alter Miltons «Verlorenes Paradies» beziehungsweise überhaupt die epische Poesie hineingehört. Auch Homer wird, wenn er zwischen dem zehnten und vierzehnten Jahre vorgebracht wird, in entsprechender Weise am besten aufgenommen werden. Dagegen ist etwas durchaus gegenüber der wirklichen Menschheitsentwickelung Verfrühtes, wenn man erziehungs- oder unterrichtsgemäß in dieses Lebensalter mit Shakespeare hineinfällt; denn um dasjenige, was in der dramatischen Poesie auftritt, in der richtigen Weise als Mensch aufzunehmen, hat man schon wenigstens den Übergang ins geschlechtsreife Alter nötig. Das Dramatische vorher aufzunehmen, hieße, aus seinem Menschen etwas heraustreiben, was einem später dann durchaus fehlen wird.
[ 41 ] In everything we do to approach the developing human being, we must work toward this particular configuration before and after puberty. Let us consider a specific question. There is Milton’s *Paradise Lost*. It would be quite appropriate to make this the subject of our lessons as well. When? Anyone who considers everything I have attempted to explain in these matters will, upon correctly understanding the introduction of the narrative and descriptive elements into life after the age of ten, find that Milton’s *Paradise Lost*—and epic poetry in general—belongs to this age. Homer, too, when introduced between the ages of ten and fourteen, will be best received in a similar manner. On the other hand, it is something that is entirely premature in relation to actual human development to introduce Shakespeare at this age as part of education or instruction; for in order to properly assimilate as a human being what appears in dramatic poetry, one must at least have reached the age of sexual maturity. To engage with drama before that would mean driving something out of one’s humanity that one will later find oneself thoroughly lacking.
[ 42 ] Was ich eben anzudeuten versuchte, das wird man so stark gewahr, wenn man genötigt ist, sowohl für den Jüngling wie für die Jungfrau nach dem Eintritt in die Geschlechtsreife — ich will heute nur ein Beispiel herausheben — zum Beispiel Geschichte vorzuführen. Im wirklichen Gang der menschlichen Geschichtsentwickelung fielen, wenn auch in anderer Form, männliche und weibliche Kräfte durcheinander. Unsere Geschichtsdarstellungen, die uns einzig und allein für das geschlechtsreife Alter zur Verfügung stehen, sind aber durchaus männischer Natur, wie wenn sie bloß von Epimetheus dargestellt worden wären. Dafür bringen zum Beispiel die Mädchen, die geschlechtsreif geworden sind, gar kein Verständnis entgegen. Den Jungen wird es etwas langweilig, aber es ist noch eher mit ihnen auszukommen mit dem Epimetheischen, mit demjenigen, was vorzugsweise mit dem Urteilen, mit dem unmittelbar Feststellbaren sich befaßt.
[ 42 ] What I was just trying to suggest becomes particularly apparent when one is compelled—to take just one example today—to teach history to both young men and young women after they have reached sexual maturity. In the actual course of human historical development, masculine and feminine forces intertwined, albeit in different forms. Our historical narratives, however—which are available to us solely for those of sexual maturity—are thoroughly masculine in nature, as if they had been presented solely by Epimetheus. Girls who have reached sexual maturity, for example, show no understanding of this at all. Boys find it somewhat boring, but they are still more amenable to the Epimethean approach—that which deals primarily with judgment and with what can be ascertained directly.
[ 43 ] Es gibt auch eine Prometheus-artige Darstellung der Geschichte, wo nicht nur dasjenige gezeigt wird, was geschehen ist, sondern, wo dasjenige, was von Ideen in der Gegenwart dasteht, in seiner Metamorphose aus Vorangegangenem gezeigt wird, aber so gezeigt wird, wie Impulse da waren, um die Gegenwart weiterzuführen, wie die Gegenwart wieder weitergeführt wird durch Impulse. Dieses Wirken eines Prometheus-Elementes in der Geschichte, das ist dasjenige, was das Frauenelement besonders anzieht.
[ 43 ] There is also a Promethean interpretation of history, in which not only is what has happened shown, but also how the ideas present in the present have emerged through a metamorphosis from what came before—shown not merely as a static result, but as a process in which impulses existed to carry the present forward, and in which the present, in turn, is carried forward by further impulses. This influence of a Promethean element in history is what particularly attracts the feminine element.
[ 44 ] Es würde durchaus einseitig werden, wenn man die Geschichte in einer Frauenschule in einer Prometheus-artigen Weise, für die Männer in einer Epimetheus-artigen Weise darstellen wollte. Die Männer würden ganz in die Vergangenheit zurückfließen und da noch mehr erstarren als sie es heute sind. Die Mädchen in den Mädchenschulen würden gerade bei den für sie geeigneten Geschichtsdarstellungen gewissermaßen der Zukunft nur entgegenfliegen wollen. Sie würden überall die Impulse empfinden, die durchaus ihrem Verständnisse besonders naheliegen. Aber wir gewinnen ein richtiges Wirken für das soziale Zusammenleben nur dann, wenn wir eben zu dem, was wir heute fast einzig und allein zur Verfügung haben, zu der Epimetheus-artigen Geschichte, die von Prometheus geschriebene hinzufügen. Dann, wenn beide Elemente in der Geschichtsdarstellung wirken, werden wir tatsächlich für das geschlechtsreife Alter geschichtliche Darstellungen haben, beziehungsweise solche zustande bringen, wenn uns die entsprechende Aufgabe zugefallen ist.
[ 44 ] It would certainly be one-sided to present history in a girls’ school in a Promethean manner, while presenting it to boys in an Epimethean manner. The boys would drift entirely back into the past and become even more rigid there than they are today. The girls in girls’ schools, on the other hand, would—especially when exposed to historical narratives suited to them—want, as it were, to fly straight toward the future. They would sense everywhere the impulses that are particularly close to their understanding. But we will achieve a truly effective impact on social coexistence only if we supplement what we have almost exclusively at our disposal today—the Epimethean-style history—with the history written by Prometheus. Then, when both elements are at work in the presentation of history, we will indeed have historical narratives suitable for adolescence—or, rather, we will be able to create them—if the task falls to us.
