The Healthy Development of the Human Being
An Introduction to Anthroposophical Education and Didactics
GA 303
5 January 1922, Dornach
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The Healthy Development of the Human Being, tr. SOL
Vierzehnter Vortrag
Fourteenth Lecture
[ 1 ] Dasjenige, was ich Ihnen als Gliederung der menschlichen Wesenheit dargestellt habe und was dienen kann, eine totale Menschenerkenntnis zu erringen, das kann von den verschiedensten Gesichtspunkten aus dargestellt werden, und gerade wenn es von den verschiedensten Gesichtspunkten aus dargestellt wird, so kommt der Mensch allmählich zu einer wirklichen Erkenntnis desjenigen, was eigentlich dahintersteckt. Ich habe Ihnen von dem astralischen Leibe gesprochen, also von demjenigen Gliede der menschlichen Wesenheit, das sich gewissermaßen über die räumlichen sowohl wie die zeitlichen Zusammenhänge hinwegsetzt, das in freier Weise die räumlichen und die zeitlichen Zusammenhänge braucht. Ich habe versucht zu zeigen, wie dies im Traume mit seinen Bildern zum Ausdrucke kommt, indem gezeigt wurde, daß ja der Traum im wesentlichen von dem astralischen Leibe herrührt, und daß der Traum das zeitlich Auseinanderstehende in seinen Bildern ineinander verwebt.
[ 1 ] What I have presented to you as a structure of the human being—and which can serve to attain a comprehensive understanding of humanity—can be described from a wide variety of perspectives; and it is precisely when it is described from these diverse perspectives that the human being gradually arrives at a true understanding of what actually lies behind it. I have spoken to you about the astral body—that is, the aspect of the human being that, in a sense, transcends both spatial and temporal relationships and makes use of them in a free manner. I have attempted to show how this finds expression in dreams and their images by demonstrating that dreams essentially originate from the astral body, and that dreams interweave events separated in time within their images.
[ 2 ] Man kann viele Gesichtspunkte wählen, um das zu charakterisieren, was der menschliche astralische Leib ist. Man kann zum Beispiel auch versuchen, einen Einblick zu gewinnen in all diejenigen Eigenschaften und Zustände, die der Mensch mit der Geschlechtsreife aus sich heraus entwickelt, und man wird, indem man auf diese Zustände, auf diese Kräfte sieht, auch ein Bild des Astralleibes gewinnen; denn mit der Geschlechtsreife wird gerade das zur freien Behandlung des Menschen geboren, was der astralische Leib ist.
[ 2 ] There are many perspectives from which to characterize what the human astral body is. For example, one can also try to gain insight into all those qualities and states that a person develops from within upon reaching sexual maturity, and by observing these states and these forces, one will also gain a picture of the astral body; for with sexual maturity, precisely that which the astral body is—and which a person can freely engage with—comes into being.
[ 3 ] Augustinus, der mittelalterliche Schriftsteller, sucht nun in einer anderen Art an den astralischen Leib heranzukommen. Ich muß betonen, daß man bei Augustinus durchaus noch die Gliederung des Menschen in dem Sinne findet, wie ich sie hier darstelle, nicht aus der bewußten anthroposophischen Forschung heraus, sondern bei Augustinus wird sie verzeichnet aus dem instinktiven Hellsehen, das die Menschheit einmal gehabt hat. Und die Art, wie Augustinus diese Seite des astralischen Leibes charakterisiert, die mit dem Geschlechtsalter im Menschen zur freien Entfaltung kommt, ist für das Leben des Menschen ganz charakteristisch. Augustinus sagt nämlich eigentlich: Durch die Grundeigenschaften des astralischen Leibes mache sich der Mensch mit alledem bekannt, was durch die Menschheit künstlich in die Menschheitsentwickelung hineinwellt. Wenn wir ein Haus bauen, einen Pflug fabrizieren, eine Spinnmaschine konstruieren, so ist das so, daß die Kräfte, die dabei vom Menschen in Betracht kommen, an den astralischen Leib gebunden sind. Der Mensch lernt tatsächlich durch seinen astralischen Leib dasjenige kennen, was ihn in der Außenwelt von dem durch Menschen selbst Hervorgebrachten umgibt.
[ 3 ] Augustine, the medieval writer, now seeks to approach the astral body in a different way. I must emphasize that in Augustine one can indeed still find the division of the human being in the sense that I present it here—not as a result of conscious anthroposophical research, but rather, in Augustine, it is described on the basis of the instinctive clairvoyance that humanity once possessed. And the way Augustine characterizes this aspect of the astral body—which comes to full expression in human beings at puberty—is quite characteristic of human life. For Augustine actually says: Through the fundamental qualities of the astral body, human beings become acquainted with everything that humanity artificially introduces into the course of human development. When we build a house, manufacture a plow, or construct a spinning machine, the forces that come into play in these processes are bound to the astral body. Through his astral body, a human being actually comes to know what surrounds him in the external world that has been produced by human beings themselves.
[ 4 ] Daher ist es durchaus auf eine wahre Menschenerkenntnis begründet, wenn wir uns im Erziehungs- und Unterrichtswesen bemühen, den Menschen von dem Zeitpunkte an, wo er durch die Geschlechtsreife hindurchgeht, praktisch in diejenigen Seiten des Lebens einzuführen, die vom Menschen selbst hervorgebracht worden sind. Das ist allerdings heute eine kompliziertere Sache als zur Zeit des heiligen Augustin. Damals war das Leben um den Menschen herum wesentlich einfacher. Heute ist es kompliziert geworden. Aber gerade dem, was ich an den vorhergehenden Tagen seelische Ökonomie im Unterrichts- und Erziehungswesen genannt habe, dem muß es gelingen, auch heute auf den geschlechtsreifen Menschen so hinzuschauen, daß er in der Zeit vom fünfzehnten bis gegen das zwanzigste Jahr oder noch über das zwanzigste Jahr hinaus nach und nach so erzogen wird, daß er in das ihn umgebende künstliche Menschendasein hineingeführt wird.
[ 4 ] Therefore, it is certainly grounded in a true understanding of human nature when, in the fields of education and instruction, we strive to introduce people—from the moment they reach sexual maturity—to those aspects of life that have been brought about by human beings themselves. Admittedly, this is a more complicated matter today than it was in the time of St. Augustine. Back then, life around people was much simpler. Today it has become complicated. But it is precisely what I have referred to in recent days as “spiritual economy” in education and teaching that must succeed in even today to view the sexually mature individual in such a way that, during the period from the age of fifteen to around twenty—or even beyond twenty—he is gradually educated in such a way that he is guided into the artificial human existence that surrounds him.
[ 5 ] Bedenken Sie nur, wieviel unserer ganzen Zivilisation nach dieser Richtung hin eigentlich fehlt. Fragen Sie sich einmal, ob es nicht zahlreiche Menschen gibt, die sich heute des Telephons, des Tramway bedienen, ja man kann sogar sagen, des Dampfschiffes bedienen, ohne eine Vorstellung davon zu haben, was da eigentlich geschieht im Dampfschiff, im Telephon und in der Fortbewegung des Tramwaywagens. Der Mensch ist ja innerhalb unserer Zivilisation ganz umgeben von Dingen, deren Sinn ihm fremd bleibt. Das mag denjenigen als unbedeutend erscheinen, die da glauben, für das Menschenleben habe nur das eine Bedeutung, was sich im bewußten Leben abspielt. Gewiß, im Bewußtsein läßt es sich ganz gut leben, wenn man bloß ein Tramwaybillett kauft und bis zu der Station fährt, zu der man fahren will, oder wenn man ein Telegramm empfängt, ohne eine Ahnung zu haben, auf welche Weise es zustande gekommen ist, ohne jemals etwas gesehen zu haben von einem Morseapparat. Für das gewöhnliche Bewußtsein, kann man ja sagen, ist das gleichgültig; aber für dasjenige, was sich in den Tiefen der menschlichen Seele abspielt, ist es eben nicht gleichgültig; der Mensch in einer Welt, deren er sich bedient, und deren Sinn er nicht versteht, ist wie ein Mensch in einem Gefängnis ohne Fenster, durch das er in die freie Natur hinausschauen könnte.
[ 5 ] Just consider how much of our entire civilization is actually lacking in this regard. Ask yourself whether there aren’t numerous people today who use the telephone, the streetcar—indeed, one might even say, the steamboat—without having any mental image of what actually happens inside the steamboat, within the telephone, or in the movement of the streetcar. After all, within our civilization, people are completely surrounded by things whose purpose remains a mystery to them. This may seem insignificant to those who believe that the only things of significance in human life are those that take place in conscious experience. Certainly, one can live quite comfortably within the realm of consciousness by simply buying a streetcar ticket and riding to the stop one wishes to reach, or by receiving a telegram without having the slightest idea how it came to be, without ever having seen a Morse code machine. For ordinary consciousness, one might say, this is irrelevant; but for what takes place in the depths of the human soul, it is by no means irrelevant; a person in a world that he makes use of but whose meaning he does not understand is like a person in a prison without a window through which he could look out into the open air.
[ 6 ] Von dieser Erkenntnis muß Erziehungs- und Unterrichtskunst gründlich durchzogen sein. Indem der Mensch, wie ich gestern charakterisiert habe, in die Differenzierung nach Mann und Frau eintritt, wird er auch reif, in die anderen Differenzierungen des Lebens einzutreten, und er muß eben in das wirkliche Leben eingeführt werden. Daher nehmen wir, wenn das geschlechtsreife Alter bei unseren Waldorfschulkindern herannaht, so etwas wie Spinnerei, Weberei in den Schulplan auf. Natürlich erwächst einem dadurch eine große Aufgabe, und es ist schwierig, den Schulplan zu bearbeiten, wenn man die Tendenz verfolgt, in diesen Schulplan vom geschlechtsreifen Alter an alles das hineinzubringen, was den Menschen zu einem lebenspraktischen Menschen macht; das heißt, zu einem solchen, der in der Welt mit Verständnis drinnensteht. Wir kämpfen ja natürlich in der Waldorfschule auch mit den äußeren Opportunitäten des heutigen Lebens. Wir müssen ja die Schüler und Schülerinnen dazu bringen, daß sie eventuell eine Universität in dem heutigen Sinne, eine technische Hochschule und dergleichen besuchen können. Wir müssen daher all dasjenige auch in den Lehrplan hineinbringen, was wir vielleicht sonst für unnötig halten würden, was aber aus dem angedeuteten Grunde hinein muß. Gerade für diejenigen Schüler und Schülerinnen, die das geschlechtsreife Alter erreichen, den Schulplan möglichst seelisch-ökonomisch einzurichten, das ist schon etwas, was einem recht schwere Sorge macht. Es macht viel Mühe, aber man kann es. Man kann es dadurch, daß man eben gerade selber einen Sinn entwickelt für die Hauptsache des Lebens, und diese in möglichst ökonomischer Weise dann an die Schüler und Schülerinnen heranbringt, so daß sie auf die einfachste Weise erkennen lernen, was sie eigentlich tun, wenn sie ein Telephongespräch empfangen oder aufgeben, was der Tramway tut mit den ganzen übrigen Einrichtungen und so weiter. Man muß nur in sich die Fähigkeit entwickeln, bis dahin zu kommen, daß alle diese Dinge möglichst auf einfache Formeln gebracht werden; dann kann man diese Dinge durchaus im entsprechenden Lebensalter sinngemäß an die Schüler und Schülerinnen heranbringen. Denn das ist es, was angestrebt werden muß, daß die Schüler und Schülerinnen mit dem Sinn unseres Kulturlebens durchaus bekannt werden. - Man muß nur schon im chemischen, im physikalischen Unterricht alles in der Weise vorbereiten, wie es eben wiederum für das betreffende Lebensalter vor der Geschlechtsreife taugt, damit man wiederum in möglichst ökonomischer Weise die ganz praktischen Seiten des Lebens darauf aufbauen kann, wenn die Geschlechtsreife eingetreten ist.
[ 6 ] The art of education and teaching must be thoroughly permeated by this insight. As the human being—as I described yesterday—enters into the differentiation between man and woman, he or she also becomes ready to enter into the other differentiations of life, and must indeed be introduced into real life. That is why, as our Waldorf schoolchildren approach sexual maturity, we incorporate activities such as spinning and weaving into the curriculum. Of course, this presents a major challenge, and it is difficult to structure the curriculum when one aims to include, from the age of sexual maturity onward, everything that makes a person practical in life; that is, someone who engages with the world with understanding. Of course, in the Waldorf school we also grapple with the external demands of modern life. We must, after all, prepare the students so that they may eventually attend a university in the modern sense, a technical college, and the like. We must therefore include in the curriculum all those elements that we might otherwise consider unnecessary, but which must be included for the reason indicated. Organizing the school curriculum in as spiritually economical a way as possible, especially for those students who are reaching puberty, is indeed a matter of considerable concern. It takes a great deal of effort, but it can be done. It can be done by developing a sense of what is essential in life and then conveying this to the students in the most economical way possible, so that they learn to recognize in the simplest way what they are actually doing when they receive or make a phone call, what the streetcar does in relation to all the other systems, and so on. One need only develop within oneself the ability to distill all these things into the simplest possible formulas; then one can certainly convey these concepts to the students in a way appropriate to their age. For that is what we must strive for: that the students become thoroughly familiar with the essence of our cultural life. - One need only prepare everything in chemistry and physics classes in a way that is suitable for the relevant age group before puberty, so that one can then build upon this foundation to address the very practical aspects of life in the most efficient manner possible once puberty has set in.
[ 7 ] Da kommt natürlich auch schon das in Betracht, daß ja die Schüler und Schülerinnen nunmehr in das Alter eintreten, wo sie in einer gewissen Weise differenziert werden müssen darnach - natürlich einzelne auch wiederum nach anderen Richtungen -, aber darnach vor allen Dingen, ob sie einen mehr geistigen Beruf oder einen mehr handwerklichen Beruf ergreifen. Dabei muß durchaus berücksichtigt werden, daß eine auf wirkliche Menschenerkenntnis gebaute Erziehungskunst ja wie als etwas Selbstverständliches erkennt, daß die einzelnen Glieder der menschlichen Natur nach Totalität hinstreben. Es muß nur immer eine Einsicht vorhanden sein, wie diese Totalität angestrebt werden soll. Man muß natürlich diejenigen Schüler und Schülerinnen, die ihrer besonderen Begabung nach für mehr geistige Berufe taugen, in diesem Sinne erziehen und unterrichten. Aber dasjenige, was auch in den späteren Lebensaltern einseitig in dem Menschen heranentwickelt wird, muß in gewissem Sinne durch eine andere Entwickelung wiederum zu einer Art Totalität erhoben werden. Wenn wir auf der einen Seite dem Schüler und der Schülerin Willensimpulse beibringen, die nach einer mehr geistigen Seite gehen, dann müssen wir die Erkenntnisseite denn der astralische Leib verlangt, wenn er seine Willensimpulse nach einer gewissen Seite hin ausbildet, daß die auch in ihm liegenden Erkenntnisimpulse nach der anderen Seite des Lebens auch ausgebildet werden -, wir müssen die Erkenntnisimpulse dann so ausbilden, daß der Mensch wenigstens eine Einsicht hat und zwar eine anschauliche Einsicht in Gebiete des praktischen Lebens, die ihm einen Sinn beibringen für die Gesamtheit des praktischen Lebens.
[ 7 ] Of course, this also takes into account the fact that students are now reaching an age where they must be differentiated in a certain way—naturally, some in different directions—but above all based on whether they will pursue a more intellectual profession or a more manual one. In this regard, it must certainly be taken into account that an art of education based on a genuine understanding of human nature recognizes, as a matter of course, that the individual aspects of human nature strive toward wholeness. There must simply always be an understanding of how this wholeness is to be pursued. Naturally, we must educate and instruct those students who, by virtue of their particular aptitudes, are suited for more intellectual professions in this spirit. But whatever is developed one-sidedly in a person even in later stages of life must, in a certain sense, be elevated once again to a kind of wholeness through a different kind of development. If, on the one hand, we instill in the student impulses of will that are directed toward a more spiritual aspect, then we must also cultivate the aspect of knowledge—for the astral body demands, when it develops its impulses of will in a certain direction, that the impulses of knowledge lying within it, directed toward the other aspect of life, be developed as well— we must then develop the impulses of knowledge in such a way that the person has at least some insight—and indeed a vivid insight—into areas of practical life that instill in them a sense of the totality of practical life.
[ 8 ] Es ist zum Beispiel in unserer Zivilisation durchaus ein Mangel, wenn sich, ich will einen extremen Fall nennen, Statistiker finden, welche in ihre Statistiken einsetzen, wieviel in einem gewissen Territorium an Seife verbraucht wird und keine Ahnung haben, wie man Seife fabriziert. Niemand kann mit einem wirklichen Verständnis den Seifenverbrauch statistisch konstatieren, wenn er nicht eine Ahnung davon hat, wenigstens ganz im allgemeinen, wie man Seife fabriziert.
[ 8 ] For example, it is certainly a shortcoming in our civilization when—to cite an extreme case—statisticians include in their statistics the amount of soap consumed in a certain territory without having the slightest idea how soap is manufactured. No one can statistically assess soap consumption with a true understanding unless they have at least a general idea of how soap is made.
[ 9 ] Sie sehen, weil ja das heutige Leben so kompliziert geworden ist, daß die Dinge, die man zu berücksichtigen hat, fast schier unermeßlich sind, wird da ganz besonders das Prinzip des Seelisch-Okonomischen die größtmögliche Rolle spielen müssen. Das Erziehungsproblem, das auf diesem Gebiete vorliegt, ist eben: in ökonomischer Weise das herauszufinden, was für dieses Lebensalter getan werden muß. Es könnte leicht getan werden, wenn uns nicht immer noch die Schlacken von allen möglichen Erziehungsveranstaltungen im Leibe steckten, die nun traditionell heraufgekommen sind in die Gegenwart und die eigentlich dem gegenwärtigen Leben gegenüber keine Berechtigung haben.
[ 9 ] You see, because life today has become so complicated that the things one must take into account are almost immeasurable, the principle of “psychological economy” will have to play the greatest possible role. The educational problem that arises in this area is precisely this: to determine, in an economical way, what needs to be done for this age group. It could easily be done if we weren’t still burdened by the dregs of all sorts of educational practices that have traditionally carried over into the present and that actually have no place in contemporary life.
[ 10 ] Der Grieche würde ein sonderbares Gesicht gemacht haben, wenn man die jungen Leute zunächst, bevor sie ins griechische Leben hineingestellt worden sind — etwa so ähnlich, wie wir das bei unseren Gymnasiasten tun -, in das Ägyptische oder Chaldäische eingeführt hätte. Aber über diese Dinge läßt sich noch gar nicht sprechen, weil wir ja die Opportunitäten des heutigen Lebens eben durchaus berücksichtigen müssen.
[ 10 ] The Greeks would have looked quite puzzled if young people had first been introduced to Egyptian or Chaldean culture—much as we do with our college students—before being immersed in Greek life. But it is still too early to discuss these matters, because we must, of course, take the realities of modern life fully into account.
[ 11 ] Nun handelt es sich darum, in möglichst umfassender Weise denjenigen, der sich einem mehr geistigen Berufe zuwendet, mit den Dingen des äußerlichen handwerklichen Lebens bekanntzumachen, und umgekehrt denjenigen, der sich dem handwerklichen Leben zuwendet, soweit er urteilsfähig wird, in gewissen Grenzen mit dem, was den Menschen als geistiger Beruf zugeführt wird. Dabei muß betont werden, daß es durchaus wenigstens angestrebt werden muß, diese praktische Seite des Lebens durch die Schule selbst zu pflegen. Auch das Handwerkliche sollte nicht eigentlich dadurch gepflegt werden, daß man die jungen Leute sogleich unter die Erwachsenen in die Fabrik steckt, sondern man sollte innerhalb des Schulmäßigen selbst die Möglichkeit zur Hand haben, die praktische Seite des Lebens zu berücksichtigen, damit dann der junge Mensch dasjenige, was er in einer kurzen Zeit, ich möchte sagen, bildlich gesprochen, am Modell sich angeeignet hat, in das praktische Leben übersetzen kann. Das Aneignen am Modell kann nämlich so praktisch sein, daß durchaus die betreffende Sache ins praktische Leben hineingetragen werden kann. Ich sehe auch nicht ein, da es doch einmal in unseren Gefängnissen gelungen ist, die Gefangenen so arbeiten zu lassen, daß sie Dinge fabrizieren, die dann im Leben draußen irgendeine Rolle spielen, warum nicht auch in den Schulwerkstätten Dinge sollten fabriziert werden, die dann einfach ans Leben hinaus verkauft werden könnten.
[ 11 ] The aim here is, as comprehensively as possible, to familiarize those who are turning toward a more intellectual profession with the practical aspects of the craftsman’s life, and conversely, to familiarize those who are turning toward the craftsman’s life—to the extent that they are capable of judgment—within certain limits with what is offered to people as an intellectual profession. It must be emphasized that we must at least strive to cultivate this practical side of life through the school itself. Nor should craftsmanship be fostered by immediately placing young people among adults in a factory; rather, the school itself should provide the opportunity to take the practical side of life into account, so that the young person can then translate into practical life what he or she has acquired in a short time—I would say, figuratively speaking—from a model. Learning from a model can, in fact, be so practical that the skill in question can certainly be carried over into real life. Nor do I see why—since it has already been successful in our prisons to have prisoners work in such a way that they produce items that then play a role in life on the outside—why items shouldn’t also be produced in school workshops that could then simply be sold out into the wider world.
[ 12 ] Aber daß der junge Mensch möglichst lange in dem schulmäßigen Milieu bleibt, das allerdings dann gesund sein muß, darauf ist zu sehen; denn es entspricht eben einfach der inneren Wesenheit des Menschen, nach und nach an das Leben heranzutreten und nicht mit einem Stoß in das Leben hineingeführt zu werden. Weil das Alter so wenig verstanden hat, was mit der Jugend anzufangen ist, deshalb haben wir ja heute die wirklich schon im Internationalen drinnenstehende Jugendbewegung, eine Bewegung, welche von den Alten heute am allerwenigsten in ihrer tiefen Berechtigung verstanden wird. Sie hat eine tiefe Berechtigung und müßte durchaus in dieser tiefen Berechtigung verstanden werden. Sie müßte aber auch in die richtigen Wege geleitet werden. Und das kann im Grunde genommen nur dadurch geschehen, daß das Erziehungswesen in die rechten Wege geleitet wird.
[ 12 ] But care must be taken to ensure that young people remain in a school-like environment—which, of course, must be a healthy one—for as long as possible; for it simply corresponds to the inner nature of human beings to approach life gradually rather than being thrust into it all at once. Because the older generation has understood so little about what to do with youth, that is precisely why we have today a youth movement that is truly already rooted in the international context—a movement whose profound legitimacy is least understood by the older generation today. It has a profound legitimacy and must certainly be understood in terms of that profound legitimacy. But it must also be guided along the right paths. And, fundamentally, this can only happen if the educational system is steered in the right direction.
[ 13 ] Das ist es, was wir vor allen Dingen im Waldorfschul-Prinzip anstreben: möglichst den Menschen an das Leben heranzubringen, damit er im Beginne der Zwanzigerjahre, wenn das eigentliche Ich in freier Handhabe sich in die Welt hineinstellt, auch wirklich das rechte Weltgefühl entwickeln kann, damit er sich dann auch wirklich in einer Welt drinnen fühlen kann, von der er die Empfindung zu empfangen in der Lage ist: Ich habe Mitmenschen, die sind älter als ich, die haben die frühere Generation gebildet. Diese früheren Generationen haben alles das hervorgebracht, dessen ich mich nun bediene; aber ich habe eine Gemeinschaft mit diesen früheren Generationen. Ich verstehe dasjenige, was sie in die Welt hineingestellt haben. Ich setze mich nicht bloß auf den Stuhl, den mir mein Vater hingestellt hat, sondern ich lerne verstehen, wie dieser Stuhl zustande gekommen ist.
[ 13 ] This is what we strive for above all else in the Waldorf school principle: to bring people as close as possible to life itself, so that in their early twenties—when the true “I” steps out into the world with free agency—they can truly develop the right sense of the world, so that they can then truly feel at home in a world from which they are capable of receiving the following sense: I have fellow human beings who are older than I am, who shaped the previous generation. These earlier generations have produced everything I now make use of; but I share a sense of community with these earlier generations. I understand what they have brought into the world. I do not merely sit on the chair my father placed for me, but I learn to understand how this chair came to be.
[ 14 ] Es steht heute natürlich manches Vorurteil einer solchen Einführung der jungen Leute in das praktische Leben entgegen. Ich verstehe es aber hier durchaus in einem wahrhaft praktischen Sinne. Denn richtig ist es doch: von allen Zeitaltern, die die Menschheit in ihrer Entwickelung durchgemacht hat, ist das materialistische, in das wir hereingewachsen sind, für den Menschen selbst das allergeistigste, das allerspirituellste. Sehen Sie, ich kann mich darüber vielleicht in der folgenden Weise erklären. Ich habe Theosophen kennengelernt, die streben in das Geistige hinein; aber sie sind die reinsten Materialisten, denn sie reden vom physischen Leib: er hat eine gewisse Dichte; dann reden sie vom Ätherleib: der ist dünner, aber er hat noch immer eine gewisse Dichte und Körperlichkeit; dann reden sie vom astralischen Leib: der ist schon sehr viel dünner, hat aber noch immer eine gewisse Dichte in der Vorstellung. Dann reden sie von allen möglichen anderen schönen Dingen: man kommt ja immer höher und höher hinauf, und da wird die Sache schon so dünn, daß man gar nicht mehr weiß, was man mit dieser Dünnheit anfangen soll; aber es bleibt alles doch nach Analogie des Materialismus gedacht, es erhebt sich nicht wirklich ins Spirituelle. — Eigentlich habe ich den gröbsten Materialismus innerhalb der Theosophischen Gesellschaft kennengelernt. Ich habe es ja zum Beispiel ausstehen müssen, daß mir in Paris jemand gesagt hat, nachdem ein Vortrag gehälten worden ist und ich gefragt habe, welchen Eindruck diese Persönlichkeit von diesem Vortrage gehabt habe: Ja, der Vortrag hat so gute Vibrationen zurückgelassen im Zimmer! - So daß man ungefähr die Vorstellung hat, der Eindruck des Vortrages wird gerochen. Es wurde nach und nach alles ins Materielle umgesetzt.
[ 14 ] Of course, there are many prejudices today that stand in the way of introducing young people to practical life in this way. But I understand it here in a truly practical sense. For it is indeed true: of all the ages that humanity has gone through in its development, the materialistic age into which we have grown is, for human beings themselves, the most spiritual of all. You see, perhaps I can explain this in the following way. I have met Theosophists who strive toward the spiritual; yet they are the purest materialists, for they speak of the physical body—which has a certain density—then they speak of the etheric body—which is thinner, but still possesses a certain density and corporeality—then they speak of the astral body—which is already much thinner, but still retains a certain density in the mental image. Then they speak of all sorts of other beautiful things: one ascends higher and higher, and there the matter becomes so ethereal that one no longer knows what to make of this ethereality; yet everything remains conceived by analogy with materialism—it does not truly rise into the spiritual. — In fact, I have encountered the crudest form of materialism within the Theosophical Society. For example, I had to put up with someone in Paris telling me—after a lecture had been given and I asked what impression this person had gained from it—“Yes, the lecture left such good vibrations in the room!”—so that one almost gets a mental image of the impact of the lecture being smelled. Little by little, everything was reduced to the material realm.
[ 15 ] Dagegen sage ich gern denen, die mir zuhören wollen, daß mir ein geistvoll denkender materialistischer Mensch viel lieber ist, als ein also in die geistige Welt nach materieller Weise hinaufsteigender Theosoph; aus dem einfachen Grunde, weil der Materialist zwar im Irrtum ist, aber, was er ausdenkt, hat Geist, hat wirklichen Geist; es ist nur eben sehr verdünnter Geist, ein abstrakter Geist, aber Geist ist darinnen, wirklicher Geist, und auf die Wirklichkeit des Lebens muß gegangen werden. Daher finde ich die Materialisten oftmals viel geistreicher als jene, die auf materialistische Weise aus dem Materialismus herausstreben. Unser Zeitalter ist wirklich darauf angelegt, den Geist so dünn in sich zu verarbeiten, daß es ihn eben nicht mehr merkt. Aber das Geistvollste entwickeln wir schon in unserer modernen Technik. Da ist eigentlich alles, worauf ein Objekt beruht, aus dem Geist hervorgegangen, aus dem menschlichen Geist selber.
[ 15 ] On the other hand, I am happy to tell those who are willing to listen that I much prefer a materialist who thinks with spirit to a theosophist who ascends into the spiritual world in a materialistic way; for the simple reason that, although the materialist is in error, what he conceives has spirit—real spirit; it is merely a very diluted spirit, an abstract spirit, but spirit is there—real spirit—and one must focus on the reality of life. That is why I often find materialists far more spirited than those who strive to transcend materialism in a materialistic way. Our age is truly geared toward processing the spirit so thinly within itself that it no longer even notices it. Yet we are already developing the most spiritual aspects within our modern technology. In fact, everything upon which an object is based has emerged from the spirit, from the human spirit itself.
[ 16 ] Man braucht nicht besonders geistreich zu sein, um einen schönen Blumenstrauß auf den Tisch hinzustellen, denn das macht die Natur. Aber man muß schon etwas von geistiger Wirksamkeit in sich haben, wenn man auch nur die einfachste Maschine konstruiert. Der Geist ist schon da, man merkt ihn nur nicht, denn man schaut nicht in der richtigen Weise auf sich selbst zurück. Und so den Geist zu haben, ist nämlich für die unterbewußte Menschennatur außerordentlich schwer erträglich, wenn ihr nicht das nötige Verständnis des Objektiven gegeben ist. Diesen Geist, den wir heute als einen abstrakten über die Gegenwart ausgegossen haben, den lernen wir eben allmählich gerade durch das Hineinfinden in die Lebenspraxis ertragen.
[ 16 ] You don’t have to be particularly clever to place a beautiful bouquet of flowers on the table, because nature does that. But you do need to possess a certain degree of intellectual capacity even to design the simplest machine. The intellect is already there; you just don’t notice it because you don’t look back at yourself in the right way. And to possess this spirit is, in fact, extraordinarily difficult for the subconscious human nature to bear if it lacks the necessary understanding of the objective world. This spirit, which we have today poured out as an abstraction over the present, we are gradually learning to bear precisely by finding our way into the practice of life.
[ 17 ] Ich kann Ihnen die Versicherung geben: wenn einmal die anthroposophische Erziehungskunst da sein wird, wird sie viel praktischere Leute ins Leben hineinstellen als die mehr materialistische Erziehungskunst von heute, denn sie wird den Geist haben als einen schöpferischen, nicht bloß als einen solchen, den man, nachdem man nur möglichst die Augen zugemacht hat, ein bißchen fortgeflogen ist von der äußeren Wirklichkeit, erträumt. Zum Geist zu kommen, ohne die Lebenspraxis zu verlieren, das ist das, was gerade für die praktische Seite des Lebens dasjenige offenbaren will, was ich anthroposophische Bewegung nenne.
[ 17 ] I can assure you: once the anthroposophical art of education is established, it will send far more practical people out into the world than today’s more materialistic art of education, for it will regard the spirit as a creative force—not merely as something one dreams up after closing one’s eyes as much as possible and drifting a little away from external reality. To attain the spirit without losing touch with practical life—that is precisely what the anthroposophical movement seeks to reveal, especially with regard to the practical side of life.
[ 18 ] Nun, gerade wenn man die Knaben und Mädchen vom geschlechtsreifen Alter an in dieser Art auch unmittelbar praktisch ins praktische Leben einführen will, kann man schon als Lehrer manchmal in Verzweiflung geraten über die Ungeschicklichkeit gerade in unserer Zeit. Und man muß fragen: Gibt es einen Weg für das eigentlich schuloflichtige Alter zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife, der geeignet ist, aus dem ganzen Menschen ein geschicktes, ein anstelliges Wesen zu machen? - Und da, wenn man auf das wirkliche Leben, nicht auf Theorien hinsieht - wenn man sich eben vom Leben leiten läßt, nicht von den abstrakten Ideen -, wird man gerade, wenn man die Tendenz verfolgt, den Menschen praktisch zu machen, dazu geführt, in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife mögiichst viel vom Schönen, vom wirklich künstlerischen Erfassen des Lebens an den Menschen heranzubringen. Je mehr man dem Menschen Verständnis beibringt für das Schöne, je mehr er sich durchdringt mit innerem Verständnis für das Schöne, desto besser wird er vorbereitet sein, im geschlechtsreifen Alter an das wirklich Praktische heranzutreten, ohne daß ihm für das ganze weitere Leben Schaden zugefügt wird. Man kann erst dann im Grunde genommen ungefährdet an das Verständnis eines Tramwaywagens, an das Verständnis einer Lokomotive herantreten, wenn man im richtigen Lebensalter sich das ästhetische Verständnis für ein Gemälde oder eine Plastik angeeignet hat. Das ist es, worauf vor allen Dingen gesehen werden muß. Aber es muß Schönheit als in das Leben hineingehörig betrachtet werden. Es muß überall ein Sinn dafür entwickelt werden, daß die Schönheit nichts für sich Abgeschlossenes, sondern etwas in das Leben Hineingestelltes ist. Und in dieser Beziehung muß unsere heutige Zivilisation gerade für Unterrichts- und Erziehungszwecke manches lernen.
[ 18 ] Well, precisely when one wants to introduce boys and girls—starting from the age of puberty—into practical life in this way, one can sometimes, as a teacher, feel despair at their clumsiness, especially in our time. And one must ask: Is there a path for the age that is actually school-age—between the loss of baby teeth and puberty—that is suitable for turning the whole person into a skilled, capable being? - And there, when one looks to real life rather than to theories—when one allows oneself to be guided by life rather than by abstract ideas—one is led, precisely by pursuing the goal of making people practical, we are led, during the period from the loss of baby teeth to puberty, to introduce as much of beauty—of the truly artistic grasp of life—as possible to the individual. The more one instills in a person an appreciation for beauty, the more that person becomes imbued with an inner understanding of beauty, the better prepared they will be to approach what is truly practical upon reaching sexual maturity, without causing themselves harm for the rest of their lives. Only then, in essence, can one safely approach an understanding of a streetcar or a locomotive if, at the right age, one has acquired an aesthetic understanding of a painting or a sculpture. This is what must be emphasized above all else. But beauty must be regarded as an integral part of life. A sense must be developed everywhere that beauty is not something self-contained, but rather something embedded in life. And in this regard, our modern civilization has much to learn, particularly for the purposes of teaching and education.
[ 19 ] Sie werden an einzelnen Beispielen, die ich möglichst auf das Einfachste reduzieren will, sehen, wie es eigentlich gemeint ist, das Kind in den lebensvollen, lebensgetränkten Schönheitssinn hineinzuführen. Sehen Sie, man kann zu irgendeinem häuslichen, manchmal auch einem schulmäßigen Handarbeitsunterricht hingeführt werden; da sitzen die Mädchen und haben irgendwelche Bänder und sticken auf diese Bänder allerlei Muster drauf, wie man sagt. Sagen wir also, da sticken die Mädchen etwas auf ein Bändchen, etwa dieses (Zeichnung 2) - ich mache es möglichst einfach, nur zur Verdeutlichung. Wenn man dann frägt: Wozu ist das? - dann kann man die Antwort bekommen: Das näht man da um den Halsausschnitt herum, um den Gürtel, und auch unten an die Säume des Kleides an. - Das ist zum Davonlaufen, wenn einem so etwas gesagt wird, denn das zeigt ein völliges Unverständnis für die Wirklichkeit des Lebens im Zusammenhange mit dem Schönheitssinn. Wenn man ein ganz lebendiges Empfinden hat für das, was lebenswirklich ist, und es wird einem ein junges Mädchen oder eine Dame vorgeführt, die solch ein Muster oben, in der Mitte und unten angenäht hat, dann hat man ungefähr dasselbe Gefühl, als wenn sie von oben nach unten zusammengedrückt wäre! Man muß dann die Sache dadurch verbessern, daß man klarmacht, es müssen drei Verteilungen solcher Dinge gestickt werden. Es muß ein Band oben anders gestickt werden, und ein unteres Band wiederum anders.
[ 19 ] You will see, through individual examples—which I will try to simplify as much as possible—what is actually meant by introducing the child to a sense of beauty that is full of life and steeped in life. You see, one might be introduced to some kind of home-based—and sometimes even school-based—handwork class; there the girls sit with some ribbons and embroider all sorts of patterns onto them, as they say. So let’s say the girls are embroidering something onto a little ribbon, something like this (Drawing 2)—I’m keeping it as simple as possible, just to illustrate the point. If you then ask, “What is this for?”—you might get the answer: “You sew it around the neckline, around the belt, and also along the bottom hem of the dress.”—That’s enough to make you run away when you hear something like that, because it reveals a complete lack of understanding of the reality of life in connection with a sense of beauty. If you have a very vivid sense of what is truly real in life, and you’re shown a young girl or a lady who has sewn such a pattern at the top, in the middle, and at the bottom, then you have roughly the same feeling as if she were being squeezed from top to bottom! You then have to remedy the situation by making it clear that three different patterns of such designs must be embroidered. The top band must be embroidered differently, and the bottom band, in turn, differently.


[ 20 ] Auf dieses Band (das obere) muß vielleicht dieses Muster gestickt werden (Zeichnung 1), wie gesagt, nur skizziert, und auf dieses Band (das untere), muß dieses Muster gestickt werden (Zeichnung 3). Dann kann diese werteste Persönlichkeit dieses (Zeichnung 1) oben am Hals annähen, denn das besagt, daß drüber der Hals ist, der Kopf. Das (Zeichnung 2) kann dann an den Gürtel genäht werden und das (Zeichnung 3) unten an den Kleidersaum; denn das besagt, daß dies Unten und dies Oben ist. Denn der Mensch hat ein Unten und Oben, und das muß hervortreten, wenn man das künstlerisch Empfundene an das Lebendige heranbringen will. Ich habe zum Beispiel einmal die Entdeckung gemacht, daß Kopfkissen mit solchen Dingen versehen worden sind (Zeichnung 4), oder so ungefähr. Ja, da kann man sich doch nicht darauflegen mit seinem Kopfe, denn das in der Mitte sticht einen doch! Da kann man doch nicht liegen darauf! Das drückt doch unmöglich dasjenige aus, was wirklich mit dem Ding geschehen soll.
[ 20 ] This pattern should perhaps be embroidered onto this ribbon (the upper one) (Figure 1)—as mentioned, only sketched—and this pattern should be embroidered onto this ribbon (the lower one) (Figure 3). Then this esteemed person can sew this (Figure 1) onto the top of the neck, because that indicates that above it is the neck and the head. That (Figure 2) can then be sewn to the belt, and that (Figure 3) to the bottom of the garment’s hem; for this indicates that this is the bottom and this is the top. For a human being has a bottom and a top, and this must be emphasized if one wishes to bring artistic sensibility into contact with the living. For example, I once discovered that pillows had been adorned with such things (Drawing 4), or something like that. Well, you certainly can’t rest your head on that, because the part in the middle pricks you! You simply can’t lie on it! That certainly doesn’t express what is really supposed to happen with the object.


[ 21 ] Man hat das natürlich so zu machen (Zeichnung 5); und jetzt, jetzt kann man sich auch nur da drauflegen, daß man mit dem Gesicht nach rechts liegt, und man muß eigentlich bei jedem solcher Kissen auf der anderen Seite liegen, und dasselbe muß man auf der linken Seite haben, wenn man es wirklich künstlerisch ausgestalten will (Zeichnungen 5 und 6).
[ 21 ] Of course, you have to do it this way (Figure 5); and now, now you can simply lie down on it so that your face is turned to the right, and you really should lie on the other side with each of these pillows, and you need to have the same arrangement on the left side if you want to arrange it in a truly artistic way (Figures 5 and 6).
[ 22 ] Nun, in Wirklichkeit macht man das nicht. Die Kunst enthält aber auch den Schein. Und so muß man eine Empfindung dafür haben, daß eigentlich ein Kopfkissen so gemacht sein müsse, daß es wirklich an die Lage des Menschen nach rechts und links angepaßt ist, daß die Fiktion vorausgesetzt ist, man hat das Kissen umgedreht.
[ 22 ] Well, in reality, that’s not how it’s done. But art also involves illusion. And so one must have a sense that a pillow should actually be made in such a way that it truly adapts to a person’s position when lying on their right or left side—that the fiction is assumed: that one has turned the pillow over.
[ 23 ] Diese Dinge, die führen eben hinein, ich möchte sagen, in die Wirklichkeit der künstlerischen Scheinwelt. Und nur, wenn man in diese Wirklichkeit entsprechend hineingeführt wird, dann wird in einem der Sinn auch ausgebildet, der, ich möchte sagen, der Gegensinn ist für das bloß Praktische, das dann wirklich in der richtigen Weise erlebt wird, wenn man innerlich in den Schönheitssinn, aber in den lebensvollen Schönheitssinn, hineingestellt ist.
[ 23 ] These things lead us, I would say, into the reality of the artistic world of illusion. And only when one is led into this reality in the proper way does one develop a sense that is, I would say, the antithesis of the merely practical—a sense that is truly experienced in the right way when one is inwardly immersed in a sense of beauty, but a sense of beauty that is full of life.
[ 24 ] Jetzt ist es ja besonders beliebt, Pompadours mit allerlei solchen Ausnähungen zu versehen. Bei einer ganzen Anzahl von solchen Pompadours muß ich fragen: Ja, wo ist denn da oben und unten? — Man muß doch das äußerlich dem, was da als Verzierung dran ist, ansehen, wo etwas hineingesteckt wird, wo unten oder oben ist. Das ist. gewöhnlich gar nicht irgendwie berücksichtigt, wie wir es bei unseren Büchern sehr selten so machen, daß man dem Buch ansieht, wo es aufgeschnitten wird. Da wird irgendein Motiv draufgemacht, das eigentlich gebietet, das Buch zuzulassen, es nicht aufzumachen.
[ 24 ] These days, it’s especially popular to adorn pompadours with all sorts of such embroidery. Looking at quite a few of these Pompadours, I have to ask: Well, where exactly is the top and where is the bottom? — You have to look at the exterior—at the decoration on it—to see where something is inserted, where the top or bottom is. This is usually not taken into account at all, just as we very rarely do with our books—where you can tell by looking at the book where it opens. Some motif is placed on the cover that actually compels one to leave the book closed, not to open it.
[ 25 ] Ich will durch diese Beispiele eben, wie gesagt, nur andeuten, wie dasjenige, was Schönheitssinn ist, sich in das Leben wirklich hineinstellen, wie das lebensvoll erfaßt werden muß. Denn nur dann, wenn wir in dieser Weise lebensvoll die Schönheit ausgebildet haben, können wir auch weiter so erzogen werden, daß wir uns in der heute geforderten Weise ins praktische Leben hineinzustellen verstehen.
[ 25 ] As I said, I simply want to use these examples to suggest how a sense of beauty truly takes root in life, and how it must be grasped in a way that is full of life. For only when we have developed a sense of beauty in this vital way can we continue to be educated in such a way that we understand how to engage with practical life in the manner demanded today.
[ 26 ] Nun allerdings, was da in Betracht kommt, ist so, daß das Kind wirklich eingeführt werden muß in einen Realitätssinn. Ich will wiederum an einem Beispiel, das ich konstruiere, in möglichster Einfachheit zeigen, wie man dem Kinde diesen Realitätssinn in der Schönheit beibringen kann. Da kann man sich so helfen: Nehmen wir einmal an, ich zeichne dem Kinde dieses auf (siehe Seite 265). Ich muß nun als Unterrichtskünstler in der Lage sein, in dem Kinde ein Gefühl hervorzurufen —- und man wird das bei einer Anzahl immerhin gesund fühlender Kinder bald heraus haben —, daß das Ding so unerträglich ist, weil es nichts Wirkliches hat im unmittelbaren Anschauen, und man das nicht ertragen kann. Und ich werde das bei dem Kinde dahin steigern können, daß ich ihm beibringe - aber alles aus dem Kinde herausholend, nicht von außen etwa es ihm suggerierend: Wenn du das siehst, ist das ja gerade so, als wenn du einen Menschen vor dir hättest, der nur eine linke Gesichtshälftehat oder nur einen linken Arm oder nur einen linken Fuß. Das kannst du nicht ertragen, was in der Wirklichkeit nicht als ein Wirkliches wirken kann. Man muß dies in den Schönheitssinn hereinbringen, kurz, man muß das Kind dazu bringen, daß es als eine Notwendigkeit ansieht, dazu das andere zu machen, und daß es die Sache nicht für fertig hält, wenn dieses andere nicht da ist. Dann bilde ich den unmittelbar lebendigen Schönheitssinn aus. Schön ist sprachverwandt mit Schein. Ich werde aus dem Kinde herausbringen, was wirklich den astralischen Leib in sich beweglich macht, was den astralischen Leib dazu bringt, daß er ein funktionierendes Glied im Menschen ist.
[ 26 ] Now, however, what comes into consideration here is that the child really must be introduced to a sense of reality. I would like to use an example I have devised—one as simple as possible—to show how one can teach the child this sense of reality through beauty. One can go about it this way: Let’s suppose I draw this for the child (see page 265). As an educator, I must now be able to evoke in the child a feeling—and one will soon discover this in a number of children who are, after all, emotionally healthy—that the object is so unbearable because it lacks any sense of reality when viewed directly, and one simply cannot bear it. And I will be able to build on this with the child to the point where I teach them—but by drawing everything out of the child, not by suggesting it from the outside: When you see this, it’s just as if you had a person standing before you who has only the left half of their face, or only a left arm, or only a left foot. You cannot bear what, in reality, cannot appear as something real. One must incorporate this into the sense of beauty; in short, one must lead the child to regard it as a necessity to make the other part complete, and not to consider the matter finished if that other part is missing. Then I cultivate the immediately living sense of beauty. “Beautiful” is etymologically related to “appearance.” I will draw out of the child what truly makes the astral body mobile within them, what causes the astral body to become a functioning part of the human being.


[ 27 ] Es ist wichtig, daß wir gerade auch als Erziehungs- und Unterrichtskünstler selber diesen Sinn in uns pflegen; denn wir werden sehen, wie wir die Kinder beleben, wenn wir in einer solchen Weise an sie herankommen. Und wir werden dann auch das andere Künstlerische in der richtigen Weise pflegen, von dem ich ja schon im Verlaufe dieser Vorträge gesprochen habe. Ich sagte, alles müsse, wenn das Kind beim Zahnwechsel in die Schule kommt, in einem gewissen Sinne künstlerisch betrieben werden. Man soll auch das, was man dem Kiinde von der Umgebung erzählt, mit künstlerischem Sinn erzählen, sonst kommt man in das hinein, was man Anthropomorphismen nennt, daß man überall nur das Menschliche in die Natur hineinbringt. Indem man alles zum Märchen, zur Legende macht, trägt man das Menschliche hinein, und man kommt dann wirklich in die Gefahr, den Kindern vorzureden, daß gewisse Bäume aus dem Grunde gewachsen sind, damit der Mensch Korke, Pfropfen bekommen kann. Von dieser Art darf das bildliche Erziehen durchaus nicht durchdrungen sein. Deshalb müssen die Bilder, die wir für dieses Lebensalter gewinnen, in Schönheit erzeugt sein. Das Schöne fordert Anschaulichkeit, unmittelbare Empfindung. Und was unmittelbar in Schönheit an der Natur empfunden werden kann, das fordert nicht zu vermenschlichtem Personifizieren, zu Anthropomorphismen und dergleichen auf, sondern das ergeht sich wirklich im Anschaulichen.
[ 27 ] It is important that we, especially as educators and teachers, cultivate this sense within ourselves; for we will see how we can inspire the children when we approach them in this way. And we will then also cultivate the other artistic aspect in the proper way—the one I have already spoken of in the course of these lectures. I said that when a child starts school during the phase of losing their baby teeth, everything must, in a certain sense, be approached artistically. One should also recount what one tells the child about the surrounding world with an artistic sensibility; otherwise, one falls into what is called anthropomorphism—projecting human characteristics onto nature everywhere. By turning everything into a fairy tale or a legend, one introduces the human element, and one then truly runs the risk of convincing children that certain trees grew for the sole purpose of providing humans with cork and bottle stoppers. Visual education must under no circumstances be permeated by this kind of thinking. Therefore, the images we create for this age group must be born of beauty. Beauty demands vividness, immediate sensation. And what can be immediately sensed as beauty in nature does not call for overly humanized personification, anthropomorphism, or the like, but truly revels in the vivid.
[ 28 ] Wenn wir das Kind bis zum geschlechtsreifen Alter hin an allen Gegenständen diesen Schönheitssinn entwickeln lassen, dann tritt es eben so in das praktische Leben ein, daß es dieser Lebenspraxis menschlich gegenübersteht, daß sich eine Harmonie herausbildet zwischen der menschlichen Anschauung und dem, was man als lebenspraktische Dinge an das Kind im geschlechtsreifen Alter heranbringt.
[ 28 ] If we allow the child to develop this sense of beauty in relation to all objects until reaching sexual maturity, then the child will enter practical life in such a way that it approaches these practical aspects of life with a human perspective, and a harmony will develop between the child’s human perspective and the practical aspects of life that are introduced to the child upon reaching sexual maturity.
[ 29 ] Das hat aber auch eine ungeheuer bedeutungsvolle soziale Seite. Die soziale Frage muß in vieler Beziehung von Ecken her in Angriff genommen werden, an die man heute gar nicht denkt. Sehen Sie, es ist durchaus möglich, daß all die Scheusäligkeiten, die uns heute im Zivilisationsleben umgeben — und Sie werden mir doch kaum ableugnen, daß es eine ganz internationale Wahrheit ist, daß in dem Augenblicke, wo wir uns der Großstadt nur nähern, wir in ästhetischer Beziehung von lauter Scheusäligkeiten, zum großen Teil wenigstens, umgeben sind —, daß alle diese Scheusäligkeiten ganz etwas anderes werden würden, wenn einmal ein paar Generationen so erzogen würden, daß wirklich Schönheitssinn da ist!
[ 29 ] But this also has an immensely significant social aspect. The social question must be tackled from many angles that we don’t even consider today. You see, it is entirely possible that all the abominations that surround us today in modern civilization—and you can hardly deny that it is a universal truth that the moment we even approach a big city, we are, from an aesthetic standpoint, surrounded by nothing but ugliness—at least for the most part—that all this ugliness would become something entirely different if, over the course of a few generations, people were raised in such a way that a genuine sense of beauty truly took root!
[ 30 ] Wir haben heute den Menschen, wie er sich uns in bezug auf seinen physischen Leib darbietet; den schauen wir von außen an. Und wir haben den anderen Menschen, den wir von innen aus anschauen, seinem Ich nach. Zwischen dem Ich und dem physischen Leib liegt der astralische Leib und der Atherleib. Sie verkümmern eigentlich bei dem heutigen Menschen. Sie sind eigentlich heute in einer entsprechenden Ausbildung nur beim orientalischen Menschen vorhanden. Bei allen westlichen Menschen verkümmern sie. Sie können sich nicht frei ausbilden. Wir können diese freie Ausbildung fördern, wenn wir ein möglichst umfassendes Empfinden für das Schöne an den Menschen heranbringen. Dazu ist er am empfänglichsten im schulmäßigen Alter. Deshalb müßte eigentlich alles darauf angelegt sein, den Menschen gerade zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife in das Empfinden, in das Erleben der Schönheit hineinzuführen. Dann wird er es für das spätere Lebensalter behalten.
[ 30 ] Today we have the human being as he presents himself to us in terms of his physical body; we observe him from the outside. And we have the other human being, whom we observe from within, in terms of his “I.” Between the “I” and the physical body lie the astral body and the etheric body. In modern human beings, these are actually atrophying. Today, they are really only present—in a properly developed form—in Eastern people. In all Western people, they are atrophying. They cannot develop freely. We can promote this free development by fostering in people as comprehensive a sense of beauty as possible. They are most receptive to this during their school years. Therefore, everything should actually be geared toward introducing people—particularly between the loss of their baby teeth and sexual maturity—to the perception and experience of beauty. Then they will retain this sense into later life.
[ 31 ] Von einer ganz besonderen Wichtigkeit wird das Heranbringen des Künstlerischen an den Menschen für die Behandlung des sprachlichen Elementes. Die Sprachen sind ja sämtlich von einem unmittelbar Erlebten ausgegangen. In dem Element des Lautes kann man durchaus überall, wenn man nur mit seiner Empfindung wiederum finden kann, wie das sprachliche Element empfindungsgemäß sich entwickelt hat, den Worten noch diese ihre erlebte oder erlebensfähige Bedeutung anhören. In unserem abstrakten Leben ist uns ja das fast ganz verlorengegangen, und wir halten uns einseitig heute an das Logische, nicht an das Künstlerische der Sprache. Gewiß, das Logische ist in den Sprachen drinnen vorhanden, aber es ist das Skelett der Sprache, und das ist etwas Totes. Das Leben der Sprache, das nur im Zusammenhange mit dem Genius einer Sprache empfunden werden kann, hat noch vieles andere als dieses bloß Logische.
[ 31 ] Bringing the artistic into people’s lives is of particular importance for the treatment of the linguistic element. After all, all languages have their origins in immediate experience. In the element of sound, one can certainly still discern—if one can once again discover through one’s own sensibility how the linguistic element developed in accordance with feeling—the meaning that words have experienced or are capable of experiencing. In our abstract lives, this has almost entirely been lost to us, and today we cling one-sidedly to the logical aspect of language, not to its artistic aspect. Certainly, logic is present within languages, but it is the skeleton of language, and that is something dead. The life of language—which can only be sensed in connection with the genius of a language—encompasses much more than this mere logic.
[ 32 ] Versuchen Sie einmal von diesem Gesichtspunkte aus an den Worten zu fühlen, wie sie in das Leben hinaus wollen. Man kann durchaus sagen, so etwas ist charakteristisch - ich will ein Beispiel anführen, aber ich denke, Sie werden es verstehen, wenn es auch aus einer älteren Form der deutschen Sprache ist -, wenn zum Beispiel gesagt wird «Sucht», dieses Wort «Sucht», für das Sie ja auch im Englischen schon das Analogon finden können, das bedeutet auf einer früheren Stufe des Deutschen etwas, was mit suchen zusammenhängt. Der Körper hatte eine Sucht, eine Krankheit; er suchte etwas, was er sonst nicht sucht. Und an den äußeren Formen, an dem Spezialisieren erkannte man dann, was er sucht: Gelbsucht, Fallsucht waren bestimmte Krankheitsformen. Man konnte in dem «Sucht» nachfühlen, was da eigentlich im Leben vorgestellt wurde.
[ 32 ] Try, from this perspective, to sense how the words want to find their way into life. One can certainly say that this is characteristic—I’ll give an example, though I think you’ll understand it even if it comes from an older form of the German language—for instance, when the word “Sucht” is used; this word “Sucht,” for which you can already find an equivalent in English, meant something related to “seeking” at an earlier stage of the German language. The body had an “Sucht,” an illness; it was seeking something it would not otherwise seek. And from the external forms, from the specific manifestations, one could then recognize what it was seeking: jaundice and epilepsy were specific forms of illness. One could sense in the “Sucht” what was actually being represented in life.
[ 33 ] Wir haben uns heute, wiederum mit Ausnahme der Orientalen, die dieses Gefühl noch in ihrer Sprache haben, um so mehr von diesem künstlerischen Erfühlen der Sprache entfernt, je weiter wir nach Westen zu gehen. Und es ist von einer großen Wichtigkeit, wiederum wenigstens eine Art Grundlage zu finden für ein solches Leben im Sprachgenius, im Sprachorganismus drinnen. Das hat wiederum eine große, und zwar internationale soziale Bedeutung.
[ 33 ] Today, with the exception once again of the peoples of the East—who still retain this sensibility in their language—the farther we go westward, the more we have distanced ourselves from this artistic sensibility toward language. And it is of great importance to find, once again, at least some kind of foundation for such a life within the genius of language, within the linguistic organism. This, in turn, has great—and indeed international—social significance.
[ 34 ] Verzeihen Sie, wenn ich mich über das, was ich hier zum Ausdruck bringen möchte, an einem mir naheliegenden Beispiel erkläre. Aber ich bitte Sie, dasjenige, was ich sagen werde, ja nicht irgendwie mißzuverstehen. Sehen Sie, auf Seite 88 der Übersetzung meines Buches «Die Kernpunkte der sozialen Frage», also des Buches «The Threefold State» finde ich den Satz: «The freedom of one cannot prosper without the freedom of all.» Dieser Satz, indem ich ihn mit allen den Gefühlsuntergründen empfinde, die dort in der Sprache sind, er ist — wie gesagt, es darf nicht mißverstanden werden -, er ist ein Unsinn; er kann nicht gesagt werden, denn er besagt etwas ganz anderes, als der korrespondierende deutsche Satz, der bei mir steht: «Die Freiheit des Einen kann nicht ohne die Freiheit des Anderen gedeihen.»
[ 34 ] Please forgive me if I use an example close to my heart to explain what I wish to express here. But I ask you not to misunderstand what I am about to say in any way. You see, on page 88 of the translation of my book *The Core Issues of the Social Question*—that is, the book *The Threefold State*—I find the sentence: “The freedom of one cannot prosper without the freedom of all.” This sentence—when I feel it with all the emotional undertones embedded in the language—is—as I said, and this must not be misunderstood—nonsense; it cannot be said, for it conveys something entirely different from the corresponding German sentence in my book: “The freedom of one cannot flourish without the freedom of another.”
[ 35 ] Dieser Satz besagt etwas ganz anderes. Und will man ihn so übersetzen, wie es dem Ideal eines Übersetzens entspricht, dann müßte man ihn ganz umschreiben. Man müßte etwas ganz anderes an die Stelle setzen. Denn eine Übersetzung muß eigentlich so gestaltet sein, daß das betreffende übersetzte Buch aus dem Sprachgenius, aus dem Sprachgebiet des Landes heraus eben auch als solches geschrieben sein könnte. Eine andere Übersetzung ist nicht möglich. Und ich weiß ganz gewiß, daß sich Bentham noch in der astralischen Welt so benehmen würde, daß ihm alle Haare zu Berge stehen, wenn er diesen Satz fände: «The freedom of one cannot prosper without the freedom of all.» Er ist ganz undenkbar. Und da liegt etwas ganz Besonderes zugrunde.
[ 35 ] This sentence conveys something entirely different. And if one were to translate it in a way that corresponds to the ideal of translation, one would have to completely rephrase it. One would have to substitute something entirely different. For a translation must, in fact, be crafted in such a way that the book in question, once translated, could have been written as such from within the linguistic genius and linguistic context of that country. No other translation is possible. And I know for certain that even in the astral world, Bentham would react in such a way that his hair would stand on end if he came across this sentence: “The freedom of one cannot prosper without the freedom of all.” It is completely unthinkable. And there is something very special underlying this.
[ 36 ] Wenn Sie diesen Satz in einem Buch finden, wenden Sie natürlich ohne weiteres ein, besonders wenn er sich auf das Schulwesen bezieht: Ja, wir haben ja die Freiheit... Du redest da von Verhältnissen, die in England gar nicht anwendbar sind. In dem Originalbuch liegt das nicht, da ist es schon anwendbar. Aber in dieser Übersetzung kann die Sache, die ursprünglich in dem Buche gemeint ist, eigentlich gar nicht verstanden werden. Und worauf beruht das?
[ 36 ] If you come across this sentence in a book, you’ll naturally object right away, especially if it refers to the school system: “Yes, we do have the freedom...” You’re talking about circumstances that don’t apply at all in England. That’s not the case in the original book—there, it does apply. But in this translation, the point originally intended in the book can’t actually be understood at all. And what’s the reason for that?
[ 37 ] Nun will ich Ihnen an einem einzelnen Worte zeigen, worauf das beruht. Sie haben das Wort «freedom». Wollten wir empfindungsgemäß im Deutschen ein entsprechendes Wort dafür haben, so würden wir das Wort «Freitum» bilden müssen. Und hätten wir das Wort. «Freitum», dann könnte man einfach lexikographisch ins Englische übersetzen: «freedom», dann würde es unmißverständlich sein. Daß das nicht einfach möglich ist, wenn man wirklich auf den Genius der Sprache eingeht, das mag Ihnen zum Beispiel daraus erhellen, daß wir im Deutschen gut das Wort «Irrtum» gebrauchen können. Aber «Irrtum» ist eine konturierte Tatsache, die als eine einmalige Tatsache dasteht. Wollte ich dieses Wort mit «heit» haben, dann müßte man - was im Deutschen durchaus möglich wäre, es wird das Wort gewöhnlich nicht angewendet, aber es ist aus dem Genius der deutschen Sprache heraus durchaus möglich, es anzuwenden -, man müßte dann das Wort «Irreheit» bilden. «Irreheit» führt uns aber gleich in das Innere des Menschen hinein; es ist eine Eigenschaft des Inneren des Menschen. Wir haben im Deutschen keine Worte, die mit «heit» gebildet sind, die nicht auf irgend etwas durch den Menschen Bewegliches hinweisen, die nicht an den Menschen die Sache herantragen. Es ist sogar schade, daß wir das Wort «Freitum» nicht haben, denn dann könnten wir dasjenige auch ohne Umschreibung ausdrücken, was mit dem Worte «freedom» eben speziell empfunden wird.
[ 37 ] Now I’d like to use a single word to show you what this is based on. You have the word “freedom.” If we wanted to have a corresponding word for it in German that captured the same feeling, we would have to coin the word “Freitum.” And if we had the word “Freitum,” then we could simply translate it lexicographically into English as “freedom,” and it would be unambiguous. That this is not simply possible if one truly takes the genius of the language into account may be illustrated to you, for example, by the fact that in German we can easily use the word “Irrtum.” But “Irrtum” is a well-defined fact that stands as a singular occurrence. If I wanted to use this word with the suffix “heit,” then one would have to—which would be entirely possible in German; the word is not usually used, but it is entirely possible to use it based on the nature of the German language—one would then have to coin the word “Irreheit.” “Irreheit,” however, takes us straight into the innermost being of a person; it is a quality of a person’s inner being. In German, we have no words formed with “heit” that do not refer to something influenced by the human being, that do not bring the matter to the human being. It is even a pity that we do not have the word “Freitum,” for then we could express—without circumlocution—precisely what is specifically felt by the word “freedom.”
[ 38 ] Gerade so etwas führt einen in die Tiefen der Sprachorganiisation, des Sprachgenius hinein. Nun, sehen Sie, ich bemühe mich, wenn ich meine Bücher schreibe, auch wenn ich deutsch schreibe, möglichst so zu schreiben, daß die Sache in die anderen Sprachen übersetzt werden kann. Das nennen dann die Deutschen bei mir einen schlechten Stil! Aber nicht immer kann das gemacht werden. Wo es sich aber darum handelt, ins deutsche Zivilisationsleben ein Buch hineinzusenden, da muß natürlich schon dasjenige, was spezifisch deutsch ist, zuweilen berücksichtigt werden. Und so finden Sie bei mir das Wort «Freiheit», dürften es aber nie übersetzen mit «freedom». Meine «Philosophie der Freiheit» dürfte im Englischen nie den Titel tragen: «Philosophy of freedom», sondern es müßte erst herausgefunden werden, welchen Titel sie zu tragen hätte, wenn es die Sache treffen soll.
[ 38 ] It is precisely this kind of thing that leads one into the depths of linguistic organization, of linguistic genius. Well, you see, when I write my books—even when I write in German—I try as much as possible to write in such a way that the work can be translated into other languages. The Germans then call that a poor style on my part! But that isn’t always possible. However, when it comes to introducing a book into German cultural life, what is specifically German must, of course, be taken into account at times. And so you’ll find the word “Freiheit” in my work, but you should never translate it as “freedom.” My *Philosophy of Freedom* should never bear the title *Philosophy of Freedom* in English; rather, one would first have to determine what title it should bear if the meaning is to be accurately conveyed.
[ 39 ] Es ist ja ganz interessant, betrachten Sie es nicht als eine Pedanterie, statistische Studien zu machen. Die Dinge, die ich von solchen Gesichtspunkten aus sage, sage ich wahrhaftig nicht gewissenlos, sondern ich sage sie tatsächlich aus sorgfältigen Untersuchungen heraus. Wenn ich ein Erziehungsbuch abfassen würde, so würden Sie bei gewissen Kapiteln immerzu das Wort «Freiheit» finden. Ich habe nun rein zur Prüfung ein in englischer Sprache geschriebenes Erziehungsbuch einmal hergenommen und bei den entsprechenden Kapiteln, wo bei mir immer das Wort «Freiheit» sich finden würde, nachgeschaut. Und siehe da, in diesen Kapiteln war das Wort «Freiheit» nicht ein einziges Mal drinnen, nicht ein einziges Mal! Das ist das, was man eben fühlen und empfinden muß, denn das brauchen wir zur internationalen Verständigung. Dem müssen wir wahrhaftig schon in der Schule Rechnung tragen. Ich nehme darauf in meinen Büchern Rücksicht, ich habe es eben angedeutet, und so bin ich außerordentlich vorsichtig im Gebrauch gewisser Worte, denn, gebrauche ich irgendwo in einem Satze das Wort Natur, bin ich sicher: wenn das ins Englische übersetzt wird, wird es mit «nature» übersetzt. Es ist ganz außer Zweifel, daß es mit «nature» übersetzt wird. Und dennoch, der ganze Sinn wird verkehrt, wenn dasjenige, was im Deutschen bei dem Wort Natur gefühlt wird, einfach im Englischen mit «nature» wiedergegeben wird.
[ 39 ] It’s actually quite interesting—please don’t think of conducting statistical studies as mere pedantry. The things I say from this perspective, I truly do not say recklessly, but rather based on careful research. If I were to write a book on child-rearing, you would find the word “freedom” repeatedly in certain chapters. Just to test this, I picked up a book on education written in English and looked at the corresponding chapters where I would always include the word “freedom.” And lo and behold, in those chapters the word “freedom” did not appear even once—not even once! That is precisely what we must feel and understand, because that is what we need for international understanding. We truly must take this into account as early as school. I take this into consideration in my books—as I just mentioned—and so I am extremely careful in my use of certain words; for if I use the word “Natur” anywhere in a sentence, I am certain that when it is translated into English, it will be rendered as “nature.” There is absolutely no doubt that it will be translated as “nature.” And yet, the entire meaning is distorted if what is felt in German when the word “Natur” is used is simply rendered as “nature” in English.
[ 40 ] Daher werden Sie sehr häufig bei mir Umschreibungen finden, ich möchte sagen, für das Übersetzen präpariert; dasjenige wird umschrieben, wovon ich nicht möchte, daß es eine andere Empfindung hervorruft. Ich muß natürlich auch für gewisse Zwecke das Wort Natur gebrauchen, aber an den Stellen, wo es mir darauf ankommt, daß eine andere adäquate Vorstellung hervorgerufen wird, setze ich dann, namentlich für westliche Sprachen, in meinen Satz nicht Natur hinein, sondern setze hinein: die sinnliche Welt, denn das ist ungefähr, was heute schon die Bedeutung von Natur angenommen hat, so wie das Wort im Deutschen gebraucht wird.
[ 40 ] That is why you will very often find paraphrases in my work—I would say, prepared for translation; I paraphrase whatever I do not want to evoke a different impression. Of course, I must also use the word “nature” for certain purposes, but in those places where it is important to me that a different, adequate mental image be evoked—particularly in Western languages—I do not include “nature” in my sentence, but instead use “the sensory world,” for that is roughly what “nature” has come to mean today, as the word is used in German.
[ 41 ] Und das, was ich oft sagen will bei Natur, kann ich dann - für das Internationale vorbereitet — sagen, indem ich hinsetze: die sinnliche Welt. - Ich habe erwartet, daß dann in der Übersetzung das entsprechende Wort stehe, aber siehe da, ich finde, es ist einfach wiederum wörtlich übersetzt. So daß es schon außerordentlich wichtig ist, sich dieses Leben des Sprachgenius gerade für die künstlerische Behandlung der Sprache einmal vor Augen zu führen.
[ 41 ] And what I often want to say about nature, I can then—prepared for an international audience—express by writing: the sensory world. - I expected the corresponding word to appear in the translation, but lo and behold, I find that it has simply been translated literally once again. This makes it exceptionally important to keep in mind this vitality of linguistic genius, especially when it comes to the artistic treatment of language.
[ 42 ] Abgesehen davon - ich will darauf nur nebenbei aufmerksam machen -, daß in der Übersetzung der Sprachgenius nicht festgehalten worden ist, steht ja auch hier, was wiederum lexikographisch übersetzt heißen würde: «Die Freiheit des Einen kann nicht gedeihen ohne die Freiheit von allen.» Das hat aber auch wiederum im Deutschen keinen Sinn; es steht auch nicht da. «Die Freiheit des Einen», steht da, «kann nicht ohne die Freiheit des Anderen gedeihen» - nicht: «von allen», sondern «des Anderen» gedeihen, und darauf kommt es an.
[ 42 ] Aside from the fact—and I just want to point this out in passing—that the linguistic genius of the original has not been captured in the translation, it also says here what, in a strictly lexicographical translation, would read: “The freedom of one cannot flourish without the freedom of all.” But that doesn’t make sense in German either; it isn’t written that way. “The freedom of the one,” it says, “cannot flourish without the freedom of the other”—not “of all,” but “of the other”—and that is what matters.
[ 43 ] Wie gesagt, ich bitte, das nicht mißzuverstehen. Ich habe es nur angeführt als ein mir naheliegendes Beispiel. Und ich wollte darauf hinweisen, wie wir heute schon dabei angelangt sind, nicht die Dinge zu erleben - das könnten wir gerade an der Sprache -, sondern über die Dinge hinwegzuleben. Unsere Zivilisation hat allmählich eine saloppe Gestalt angenommen. Wir müssen wiederum die Möglichkeit gewinnen, uns in die Worte hineinzuleben, mit den Worten mitzuleben. Dann nur werden wir das realisieren können, was ich als eine Anforderung hingestellt habe: daß das Kind, nachdem es zuerst etwas in die Grammatik eingeführt wurde, dann in die Rhetorik, das heißt in die Schönheit, auch in das Künstlerische der Sprache eingeführt wird. Und wir müssen das Kind in das Künstlerische der Sprache einführen. Das hat auch seine internationale Bedeutung, und es ist außerordentlich wichtig, sich heute klarzumachen, daß dasjenige, was die soziale Frage genannt wird, durchaus oftmals von anderen Ecken heraus gesehen werden muß, als man es heute sieht.
[ 43 ] As I said, please don’t misunderstand me. I only cited this as an example that came to mind. And I wanted to point out how we have already reached the point today where we no longer experience things—we can see this particularly in language—but rather live right past them. Our civilization has gradually taken on a sloppy character. We must regain the ability to immerse ourselves in words, to live alongside them. Only then will we be able to realize what I have presented as a requirement: that the child, after first being introduced to grammar, then to rhetoric—that is, to beauty—be introduced as well to the artistic dimension of language. And we must introduce the child to the artistic nature of language. This also has international significance, and it is extremely important to realize today that what is called the “social question” must often be viewed from perspectives other than those we adopt today.
FAQs
Fragenbeantwortungen
[ 44 ] Dr. Steiner: A number of questions have been submitted here, and I will try to answer them as best I can in the short time available.
[ 44 ] Dr. Steiner: Es sind eine Anzahl von Fragen hier abgegeben worden, und ich will versuchen, so gut das geht in der kurzen Zeit, die Fragen zu beantworten.
[ 45 ] Regarding the first question:
[ 45 ] Zur ersten Frage:
[ 46 ] The point is that answering the question about the relationship between the sensory and motor nerves is, first and foremost, a matter of interpretation, and that, as long as one adopts a purely physical perspective, one can hardly arrive at any answer other than the conventional one. This conventional answer is that—if I were to draw a schematic diagram, taking a simple nerve pathway as an example—we are dealing with the central organ. Thus, sensation would be conducted from the periphery (N) to the central organ, and the motor impulse would in turn be transmitted from the central organ to the relevant organ.
[ 46 ] Es handelt sich dabei darum, daß ja die Beantwortung der Frage nach der Beziehung der sensitiven und motorischen Nerven zunächst eine Interpretationssache ist, und daß eigentlich, solange man auf dem Standpunkte der bloßen physischen Betrachtung steht, man auch kaum zu einer anderen Beantwortung kommen kann, als die gebräuchliche ist. Diese gebräuchliche Beantwortung ist die, daß, wenn ich schematisch zeichnen soll, man es zu tun habe mit — wollen wir einmal eine einfache Nervenleitung nehmen -, daß man es zu tun hat mit dem Zentralorgan. Es würde also dann von N der Peripherie die Sensation zum Zentralorgan geleitet, würde von dem Zentralorgan das Motorische wiederum nach dem betreffenden Organ abgeleitet.


[ 47 ] Now, it is certainly possible—as I said, as long as one remains within the realm of mere material reality—to be satisfied with this explanation. And I also do not believe that any other interpretation can be accepted unless one is willing to turn to the facts that emerge as supersensible—that is, as actual observations—unless one is willing to turn to these facts. I said a few days ago, when I was addressing this question: the difference between the so-called sensory and motor nerves, in anatomical and physiological terms, is not significant. I did not say that there is no difference, but I merely said that the difference is not a significant one, not a major one. The existing difference in anatomical terms also arises when one takes the explanation presented here as a basis. Now, the interpretation is this: we are dealing with only one type of nerve; the so-called sensory and the so-called motor nerves are one type of nerve. It does not matter at all whether one chooses the term “sensory” or “motor” nerves. It does not matter because the mental phenomena—for which these nerves, which, if you will, are tools, physical tools—are not strictly separated from one another. Whenever we have a thought process, we are always dealing with a volitional process operating simultaneously within that thought process, and whenever we have a volitional process—even if this is a process that takes place largely in the unconscious—we are also always dealing with the penetration of thought or the remnant of sensation into that which constitutes the volitional impulse.
[ 47 ] Nun ist es durchaus möglich — wie gesagt, solange man innerhalb des bloß materiell Tatsächlichen stehenbleibt -, mit dieser Erklärung sich zu befriedigen. Und ich glaube auch nicht, daß eine andere Interpre tation angenommen werden kann, wenn man nicht zu dem Tatbestand, der sich ergibt als ein übersinnlicher, das heißt als eine wirkliche Beobachtung, wenn man nicht zu diesem Tatbestand übergehen will. Ich sagte in diesen Tagen, als ich diese Frage behandelte: die Verschiedenheit der sogenannten sensitiven und motorischen Nerven in anatomischer und physiologischer Beziehung ist nicht erheblich. Ich sagte nicht, daß kein Unterschied ist, sondern ich sagte nur, die Verschiedenheit ist keine erhebliche, keine große. Die vorhandene Verschiedenheit in anatomischer Beziehung ergibt sich schon auch, wenn man die hier vorgebrachte Erklärung zugrunde legt. Nun ist die Interpretation diese: Wir haben es nur mit einer Art von Nerven zu tun; die sogenannten sensitiven und die sogenannten motorischen Nerven sind eine Art von Nerven. Es kommt dabei gar nicht darauf an, ob man den Ausdruck sensitive oder motorische Nerven wählt. Es kommt deshalb nicht darauf an, weil die Seelenerscheinungen, für die diese Nerven, die, wenn man so sagen will, Werkzeuge sind, die physischen Werkzeuge sind, nicht strenge voneinander getrennt sind. Wir haben es immer zu tun, wenn wir einen Gedankenprozeß haben, mit einem in diesem Gedankenprozeß zugleich wirkenden Willensprozeß, und wir haben es auch immer zu tun — wenn das auch ein Vorgang ist, der sich zum größten Teil im Unbewußten abspielt -, wenn wir einen Willensprozeß vorliegend haben, mit dem Hineindringen des Gedankens beziehungsweise des Sensationsrestes in dasjenige, was den Willensimpuls darstellt.
[ 48 ] Now, the impulse of the will—regardless of whether it is an immediate impulse or one that arises on the basis of a thought—always originates in the active human being from the higher members of the human being, from the combined activity of the “I” and the astral body. If one traces the impulse of the will and its overall activity within the human being, one does not find that this impulse of the will is mediated by the nerves; rather, the impulse of the will as such intervenes directly in the human metabolism—and indeed in all aspects of it. The difference between the explanation that must be given here on the basis of anthroposophical research and the commonly accepted one lies in the fact that the commonly accepted view assumes that the impulse of will is first transmitted through the nerves and only then conveyed to the relevant organs, which then carry out the movements, for example.
[ 48 ] Nun, der Willensimpuls aber, ganz gleichgültig, ob er ein unmittelbarer oder ob er ein Willensimpuls ist, der auf Grundlage eines Gedankens erfolgt, der Willensimpuls geht im tätigen Menschen immer von den oberen Gliedern der menschlichen Wesenheit aus, von dem vereinigten Wirken von Ich und astralischem Leib. Wenn man nun den Willensimpuls und seine Gesamtbetätigung in der menschlichen Wesenheit verfolgt, kommt man durchaus für diesen Willensimpuls nicht auf die Nerven, sondern der Willensimpuls als solcher greift unmittelbar in den Stoffwechsel des Menschen ein, und zwar in alle Glieder des Stoffwechsels. Der Unterschied der Erklärung, die hier gegeben werden muß auf Grundlage der anthroposophischen Forschung von der gewöhnlich anerkannten, besteht darinnen, daß die gewöhnlich anerkannte Forschung annimmt, daß der Willensimpuls zunächst durch den Nerv vermittelt wird und dann sich erst auf die betreffenden Organe überträgt, die dann etwa die Bewegungen ausführen.
[ 49 ] That is not actually the case; rather, there is a direct effect of the psychological impulse of the will on metabolic processes in the organism. Now, if we are dealing with a sensation—that is, a sensory perception—let us assume, for example—though the process would, of course, have to be described in more detail—let us assume, we were dealing with a visual sensation, then at first glance, upon examining the matter, there would appear to be a process taking place within the eye—a process that occurs in the eye and is transmitted to the optic nerve, that is, to what is also regarded in conventional science as a sensory nerve. This optic nerve is now the physical mediator of vision.
[ 49 ] So ist es in Wirklichkeit nicht, sondern es ist eine unmittelbare Wirkung des seelischen Willensimpulses auf Stoffwechselprozesse im Organismus vorhanden. Hat man es nun mit einer Sensation zu tun, also mit einer Sinnesenthüllung, nehmen wir zum Beispiel an — da müßte natürlich der Prozeß kondensierter gezeichnet werden -, nehmen wir also an, wir hätten es mit einer Augempfindung zu tun, dann würde zunächst, wenn man die Sache betrachtet, ein Vorgang innerhalb des Auges vorliegen, ein Vorgang, der sich im Auge abspielt und sich auf den Sehnerv überträgt, also auf dasjenige, was man auch in der gewöhnlichen Wissenschaft als einen sensitiven Nerv ansieht. Dieser Sehnerv ist nun der physische Vermittler des Sehens.
[ 50 ] A correction must take place if one wants to see the truth as opposed to what is commonly assumed. And that is why I spoke only hesitantly of “tools” earlier. The term “tool” for the physically existing organs and organ systems in the human body is actually not entirely accurate; rather, one must note the following: Suppose there were a soft path here (it is drawn). A car would drive along this soft path; the car would then leave tracks—indentations—in the ground. From the tracks, I could describe exactly how the car drove. Now suppose someone were to come along and try to explain these tracks imprinted here in the ground, saying: “Yes, I’ll explain them this way: the earth develops all sorts of forces here that press down on the ground.” - He would be expressing a complete illusion, for it is not at all a matter of the earth doing something, but rather something happening to the earth; the wagon drives over it, and something that has absolutely nothing to do with the earth is what leaves its impressions there.
[ 50 ] Es muß da schon eine Korrektur eintreten, wenn man die Wahrheit sehen will gegenüber dem, was man gewöhnlich annimmt. Und deshalb hatte ich vorhin nur zögernd von Werkzeugen gesprochen. Der Ausdruck «Werkzeug» für die physisch vorhandenen Organe und Organsysteme im Menschen ist eigentlich nicht völlig richtig, sondern man muß folgendes festhalten: Nehmen Sie einmal an, hier wäre ein weicher Weg (es wird gezeichnet). Es würde ein Wagen über diesen weichen Weg fahren; dann würde der Wagen Spuren, Eindrücke in das Erdreich zurücklassen. Ich würde aus den Spuren genau angeben können, wie der Wagen gefahren ist. Nehmen Sie nun an, es würde jemand kommen und würde diese Spuren, die hier in die Erde eingedrückt sind, erklären wollen und würde sagen: Ja, die erkläre ich so, daß die Erde hier allerlei Kräfte entwickelt, die drücken das Erdreich ein. - Er würde eine vollständige Illusion aussprechen, denn es handelt sich gar nicht darum, daß da die Erde etwas tut, sondern der Erde geschieht etwas; der Wagen fährt darüber, und etwas, was gar nichts mit der Erde zu tun hat, das macht da seine Eindrücke.
[ 51 ] Take our brain and nervous system, for example. What is happening there are psychological and spiritual processes—the chariot. What is left behind are traces. These can be found. But everything that is perceived in the brain—everything that can be recorded anatomically and physiologically—is not something connected to the brain itself; rather, it is all shaped by the soul-spiritual. It is therefore no wonder at all that everything that takes place in the soul-spiritual can be found in the brain; but this has nothing to do with the brain. So one should not say that one is dealing with tools, but should understand the entire process as if I had to walk; after all, my walking has nothing to do with the ground—it is not my tool. But if it is not there, I cannot walk. That is how it is. Thinking—the content of the soul—has absolutely nothing to do with the brain; but the brain is the ground upon which this content of the soul is sustained. And through this sustaining, it comes into consciousness.
[ 51 ] So ist es zum Beispiel mit unserem Gehirnnervensystem. Dasjenige, was vorgeht, sind seelisch-geistige Vorgänge — der Wagen. Dasjenige, was zurückgelassen wird, sind Spuren. Die sind zu finden. Aber alles dasjenige, was da im Gehirn wahrgenommen wird, was anatomisch, physiologisch festgehalten werden kann, ist nichts, was mit dem Gehirn zusammenhängt, sondern das ist alles ausplastiziert von dem Seelisch-Geistigen. Es ist also gar kein Wunder, daß man alles im Gehirn findet, was im Seelisch-Geistigen vor sich geht; aber das hat nichts zu tun mit dem Gehirn. Man soll also nicht sagen, man habe es mit Werkzeugen zu tun, sondern soll den ganzen Vorgang so auffassen, wie wenn ich gehen muß; mein Gehen hat schließlich nichts mit dem Boden zu tun, der ist nicht mein Werkzeug. Aber wenn er nicht da ist, kann ich nicht gehen. So ist es. Das Denken, der seelische Inhalt, hat gar nichts zu tun mit dem Gehirn; aber das Gehirn ist der Boden, wodurch dieser seelische Inhalt aufgehalten wird. Und dadurch, durch dieses Aufhalten kommt er zum Bewußtsein.
[ 52 ] So what we have here is actually something quite different from the mental image one usually has. Well, such a counterforce, such resistance, must exist for everything that is sensitive, that is a sensation, that is, everything that constitutes a feeling.
[ 52 ] Also es ist durchaus etwas ganz anderes vorliegend, als man gewöhnlich sich vorstellt. Nun, eine solche Widerlage, ein solcher Widerstand muß nun da sein für alles, was sensitiv ist, was Sensation ist, was also eine Empfindung darstellt.
[ 53 ] Just as, for example, a process takes place in the eye that can be perceived with the help of the so-called sensory nerve (see illustration), a process takes place in connection with volitional impulses—say, in the leg—and this process is perceived with the help of the nerve. The so-called sensory nerves are thus organs of perception that extend outward into the senses.
[ 53 ] Geradeso nun, wie etwa im Auge ein Prozeß vor sich geht, der mit Hilfe des sogenannten sensitiven Nerven wahrgenommen werden kann (siehe Zeichnung), geht bei den Willensimpulsen, sagen wir zum Beispiel im Bein, ein Prozeß vor sich, und dieser Prozeß wird mit Hilfe des Nerven wahrgenommen. Die sogenannten sensitiven Nerven sind also Wahrnehmungsorgane, die nach außen in die Sinne hineinerstreckt werden.


[ 54 ] The so-called motor nerves are nerves that extend inward to perceive what the will is doing, so that there can be an awareness of what the will is directly accomplishing through the metabolic process. We are therefore dealing only with outward sensation and inward sensation. So when I have a so-called motor nerve, it is a nerve of exactly the same nature as the sensory nerve; one is there merely to convey the process in the sense organ as a thought process, and the other is there to convey the process within my inner, physical self as a thought process.
[ 54 ] Die sogenannten motorischen Nerven sind Nerven, die nach innen hineinerstreckt werden, um wahrzunehmen, was da der Wille tut, damit ein Bewußtsein vorhanden sein kann von demjenigen, was der Wille unmittelbar durch den Stoffwechselprozeß vollbringt. Wir haben es also nur zu tun mit Sensation nach außen und mit Sensation nach innen hinein. Wenn ich also einen sogenannten motorischen Nerv habe, so ist das ein ganz gleichartiger Nerv wie der sensitive Nerv; der eine ist nur da, um den Prozeß im Sinnesorgan als Gedankenprozeß zu vermitteln, und der andere ist da, um den Prozeß in meinem Inneren, physischen Inneren als Gedankenprozeß zu vermitteln.
[ 55 ] For if one takes the well-known experiments—which are usually conducted by dissecting or interpreting tabes, specifically tabes dorsalis—and approaches them with genuine seriousness, without the prejudices with which materialistic physiology typically approaches them, then it is precisely through this interpretation that these tabes diseases become particularly understandable. For suppose, for example, that tabes is present. The issue is that the nerve—I will now call it a sensory nerve—which could convey the motor process being carried out to perception, is not functioning; in that case, the motor process is not carried out either, for that is precisely the essence of conscious processes: they must be perceived if they are to be carried out. Here’s the point: Imagine you have a piece of chalk. I want to do something with this piece of chalk. I cannot do anything with it unless I first perceive it. I must perceive it in some way. Thus, in tabes, the mediating nerve must first be present for perception to occur; and if it is damaged, then there is no mediation, and nothing can be perceived. That is why the person loses the ability to use it—just as I simply could not use the piece of chalk in physical life if it were lying somewhere, the room were dark, and I could not find it. Tabes is simply due to the fact that I cannot locate the relevant organs with the help of the sensory nerves that terminate there.
[ 55 ] Wenn man nämlich die bekannten Versuche, die gewöhnlich ausgeführt werden mit dem Zerschneiden oder mit dem Interpretieren der Tabes, der Rückenmarktabes, wenn man diese Versuche nun wirklich ernsthaftig vornimmt, nicht mit den Vorurteilen an sie geht, mit denen gewöhnlich die materialistische Physiologie darangeht, so werden gerade durch diese Interpretation diese Tabeserkrankungen ganz besonders erklärlich. Denn, nehmen Sie alsc an, Tabes sei vorhanden. Es handelt sich darum, daß der Nerv, ich will ihn jetzt sensitiven Nerv nennen, der den etwa ausgeführten Bewegungsvorgang zur Wahrnehmung bringen könnte, nicht brauchbar ist, dann wird der Bewegungsvorgang aber auch nicht ausgeführt, denn das ist gerade das Wesentliche der bewußten Vorgänge, daß sie wahrgenommen werden müßten, wenn sie ausgeführt werden sollen. Es handelt sich um folgendes: Denken Sie sich, hier ist ein Stück Kreide. Mit diesem Stück Kreide will ich irgend etwas tun. Ich kann nichts mit ihm ausführen, wenn ich es nicht erst wahrnehme. Ich muß es in irgendeiner Weise wahrnehmen. So muß bei der Tabes der vermittelnde Nerv erst da sein, damit aufgefaßt werden kann; und wenn er verletzt ist, dann ist keine Vermittlung da, und es kann nichts aufgefaßt werden. Deshalb verliert dann der Mensch die Möglichkeit, ihn zu gebrauchen, geradeso wie ich einfach im physischen Leben die Kreide nicht gebrauchen könnte, wenn sie irgendwo liegt, das Zimmer finster ist und ich sie nicht finden kann. Die Tabeskrankheit beruht einfach darauf, daß ich die entsprechenden Organe nicht finden kann mit Hilfe der dort mündenden sensitiven Nerven.
[ 56 ] This is explained in a rough and superficial way at first, but it can certainly be explained in greater detail. The severing of the nerves is, in every single case, absolute proof of this interpretation—provided it is understood correctly. When I present this interpretation to you, it is based entirely on anthroposophical research—that is, on direct observation of what is taking place. The point is simply that what happens externally can be cited as evidence; but what else can be cited is that, for example, a so-called motor nerve in a certain area may be injured or severed; if one then connects it to a sensory nerve and allows it to heal, it functions again as it did before. So one can simply bring the corresponding ends of a so-called sensory nerve and a so-called motor nerve together and allow them to heal, and a unified process takes place. If the nerves were radically different, this could not be the case.
[ 56 ] Das ist zunächst approximativ und oberflächlich erklärt, aber es kann auch durchaus im feineren erklärt werden. Das Durchschneiden der Nerven ist gerade dann in allen einzelnen Fällen ein absoluter Beweis für diese Interpretation, wenn man sie in der richtigen Weise faßt. Wenn ich Ihnen diese Interpretation gebe, so beruht sie durchaus auf anthroposophischer Forschung, also auf unmittelbarer Anschauung desjenigen, was vorgeht. Es handelt sich nur immer darum, daß man das, was äußerlich vorgeht, als Belege anführen kann; dasjenige aber, was man noch anführen kann, das ist, daß.zum Beispiel irgendein sogenannter motorischer Nerv in irgendeiner Gegend verletzt oder durchschnitten sein kann; wenn man ihn nun mit einem sensitiven Nerv verbindet und verheilen läßt, so funktioniert er wiederum so wie früher. Also man kann einfach die entsprechenden Enden von einem sogenannten sensitiven und einem sogenannten motorischen Nerv zusammenbringen und heilen, und es geht ein einheitlicher Prozeß vor sich. Wären die Nerven radikal verschieden, so würde das ja nicht der Fall sein können.


[ 57 ] Now, however, another case may arise, namely this one. Let us assume the simplest case (illustrated below): a so-called sensory nerve that leads to the spinal cord, a so-called motor nerve that branches off from the spinal cord, and yet another sensory nerve—in this case, we are dealing with a unified pathway. In fact, all of this constitutes a single pathway. And when we are dealing with a mere reflexive movement, a single process takes place. So imagine a simple reflexive phenomenon: a fly lands on my eyelid. Through a reflexive movement, I chase the fly away. The entire process is a unified one. What we see here (see diagram) is merely an interruption. So, if I were to flip a switch here, we’d be dealing with a supply line and a discharge line. The process is actually a unified one; it’s just interrupted here (see diagram), just as when I have an electric current, interrupt it here, and then a spark jumps across. Then, when the current is continuous, I simply have a wire here and do not see the spark; if I break the wire, I have the spark here—a break in the continuous circuit occurs. These continuous circuits are also present in the brain. They transmit signals because—just as when I have an electric current flowing through a wire, I interrupt the wire, the spark jumps across, and I see the spark—here I have an interruption of the nerve current (drawing). The nerve fluid, so to speak—if I may use a crude expression—jumps across. But this makes it possible for the soul to consciously experience the entire process. If the unified nerve current were to flow without interruption, it would simply pass right through the human being, and the soul would not be able to experience it. That is all I can say about this for now.
[ 57 ] Nun aber kann noch ein anderer Fall auftauchen, das ist dieser. Nehmen wir also den einfachsten Fall an (es wird gezeichnet): einen sogenannten sensitiven Nerv, der zum Rückenmark geht, einen sogenannten motorischen Nerv, der vom Rückenmark abgeht, also ebenfalls einen sensitiven Nerv, so handelt es sich dabei um eine einheitliche Leitung. Eigentlich ist das alles eine einheitliche Leitung. Und wenn man es mit einer bloßen reflektorischen Bewegung zu tun hat, dann geschieht ein einheitlicher Prozeß. Also denken Sie sich einmal eine einfache Reflexionserscheinung: eine Fliege setzt sich auf mein Augenlid. Durch Reflexionsbewegung jage ich die Fliege fort. Der ganze Vorgang ist ein einheitlicher. Das jenige, was vorliegt (siehe Zeichnung), ist lediglich hier eine Unterbrechung. Wir haben es also zu tun, wenn ich hier einen Umschalter einschalten würde, mit einer Zuleitung und mit einer Ableitung. Der Prozeß ist eigentlich ein einheitlicher, nur ist er hier unterbrochen (Zeichnung), geradeso wie wenn ich einen elektrischen Strom habe, diesen hier unterbreche und dann der Funke überschlägt. Dann, wenn die Strömung einheitlich ist, dann habe ich hier eben Draht und sehe den Funken nicht; wenn ich den Draht durchbreche, so habe ich hier den Funken, es findet hier eine Durchbrechung der einheitlichen Leitung statt. Diese einheitlichen Leitungen sind auch eben im Gehirn vorhanden. Die vermitteln, weil, geradeso wie wenn ich also einen elektrischen Strom durch einen Draht habe, den Draht unterbrochen habe, der Funke überspringt, ich sehe den Funken, so habe ich hier eine Unterbrechung des Nervenstromes (Zeichnung). Es springt gewissermaßen das Nervenfluidum, wenn ich mich jetzt eines groben Ausdruckes bedienen darf, über. Das aber bewirkt die Möglichkeit, daß die Seele den ganzen Vorgang bewußt miterlebt. Würde der einheitliche Nervenstrom ohne Unterbrechung gehen, so würde er einfach durchgehen durch den Menschen, und die Seele würde das nicht miterleben können. Das ist dasjenige, was ich zunächst darüber sagen kann.
[ 58 ] There are no theories on this subject that vary by country; rather, what is said about these matters is said everywhere, and in fact, when I explain such things and am then asked where one can acquire further knowledge, I always refer to Huxley’s textbook on physiology.
[ 58 ] Es gibt nicht nach Ländern verschiedene Theorien über diese Sache, sondern dasjenige, was über diese Dinge gesagt wird, ist durchaus überall gesagt, und ich lege sogar, wenn ich solche Dinge erkläre und dann gefragt werde, wo man sich nun äußere Kenntnisse verschaffen kann, immer zugrunde das Huxleysche Lehrbuch der Physiologie.
[ 59 ] I just want to add one more thing: this is, after all, a very subtle matter, and the interpretations put forward for it are indeed quite seductive. For the sake of interpretation, the so-called sensory parts of the nerve are severed, and then the motor parts of the nerve are severed, and one then attempts to ensure that what is interpreted as sensation or as motor function—that is, movement—does not occur, even though it is present as such. But if you take everything I’ve said here into account—and especially consider the switch—then, based on this explanation, you’ll also understand all the attempts at severing the nerve.
[ 59 ] Nur das eine will ich noch dazu sagen: es ist das ja eine sehr subtile Sache, und die Interpretationen, die dafür angeführt werden, sind eben durchaus verführerisch. Es werden ja zur Interpretation die sogenannten sensitiven Teile des Nervs durchschnitten, und dann die motorischen Teile des Nervs durchschnitten, und man versucht dann, daß dasjenige ausbleibe, was man eben als Sensation oder als Motorisches, als Bewegung interpretiert, was als solche vorliegt. Aber wenn man das ganze, was ich hier gesagt habe, zusammennimmt, und vor allen Dingen hier den Umschalter nimmt, dann wird man gerade, wenn man diese Erklärung zugrunde legt, auch alle Durchschneidungsversuche verstehen.
[ 60 ] Question: How can a teacher best accommodate the activities of children aged five and a half to seven when they ask to do something?
[ 60 ] Frage: Wie kann der Erzieher am besten der Betätigung der Kinder von fünfeinhalb bis sieben Jahren entgegenkommen, wenn sie bitten, etwas zu tun?
[ 61 ] Dr. Steiner: Well, in children who have reached about this age, what I tried to hint at in the lectures is indeed present. In a sense, a sense of authority seems to be emerging, but essentially, the longing to imitate still predominates. Activities with such children must therefore be organized accordingly. What I have referred to as “animated picture books” is particularly well-suited for use with such children. These are an excellent way to engage their awakening imagination.
[ 61 ] Dr. Steiner: Nun, es ist bei Kindern, die etwa dieses Lebensalter erreicht haben, ja das vorhanden, was ich versuchte in den Vorträgen anzudeuten. Es scheint gewissermaßen schon dasjenige herein, was Autoritätsgefühl ist, es ist aber im wesentlichen noch die Sehnsucht nach der Nachahmung in der Hauptsache vorherrschend. Darnach muß denn auch das eingerichtet werden, was man mit solchen Kindern tut. Es ist gerade bei solchen Kindern auch außerordentlich gut anzuwenden, was ich etwa als die beweglichen Bilderbücher angeführt habe. Dadurch ist ihre erwachende Phantasie schon durchaus gut zu beschäftigen.
[ 62 ] If they ask to do something—and we’ll set up our own kindergarten in Stuttgart as soon as we have the chance and then try this out—if the children want something to do, we’ll try to teach them the simplest ways to draw straight lines and model clay, demonstrating the process to them and letting them watch. Isn’t that right? With children who have passed the stage of losing their baby teeth, you don’t demonstrate the activity to them; instead, you try to get them to create something on their own without showing them how. So, if you then want to introduce writing through drawing or painting, you must, of course, once again rely on imitation. But essentially, in kindergarten for five-and-a-half- to seven-year-old children, one would try to demonstrate these things, which they then imitate in turn, and in this way one can transition from the principle of imitation to the principle of authority.
[ 62 ] Wenn sie verlangen, etwas zu tun, dann würde ich — wir werden ja, sobald wir Gelegenheit haben, selber einen Kindergarten in Stuttgart anlegen und werden dann versuchen, das auszuprobieren -, wenn die Kinder irgend etwas zu tun bekommen wollen, dann werden wir versuchen, die einfachsten Arten gerade zu malen, zu modellieren, so durchzuführen, daß man ihnen die Sache vormacht, sie zuschauen läßt. Nicht wahr, bei Kindern, die dann den Zahnwechsel überschritten haben, macht man die Sache nicht vor, sondern da versucht man, ohne daß man es ihnen vormacht, sie dazu zu bringen, daß sie Eigenes machen. Nur wenn man also dann das Schreiben herausholen will aus dem Zeichnen oder Malen, so muß man auch da natürlich wiederum die Nachahmung zu Hilfe nehmen. Aber im wesentlichen würde man im Kindergarten für fünfeinhalb- bis siebenjährige Kinder versuchen, diese Dinge vorzumachen, die sie dann ihrerseits nachmachen, und man kann ja auf diese Weise eben das Nachahmungsprinzip hinüberleiten zu dem Prinzip des Autoritativen.
[ 63 ] Of course, this can also be done in various other ways. It is certainly possible to encourage children by giving them the opportunity to work, even when you are not there. So what I mean is, it is possible, for example, to come up with the following: First, you do something with the child—let’s say, something they have to model or simply trace or something like that; of course, you have to find something appropriate—and then you explain to the child in some way: this is only complete once they have made, say, five or ten such things, which must then, in some way, form a whole again. Then, of course, the child has to set about doing that. In this way, one can combine the principle of imitation with the principle of authority, and one must make use of this approach. It will be particularly appealing to try these things out in practice once we have a kindergarten at the Waldorf School. But of course, it would be entirely appropriate for you to try them out yourselves. I would, of course, go into far too much detail if I were to go beyond these brief suggestions.
[ 63 ] Das kann natürlich auch in verschiedener anderer Weise gemacht werden. Es können Kinder durchaus dazu gebracht werden, daß man ihnen die Möglichkeit gibt, zu arbeiten, auch wenn man nicht dabei ist. Ich will also sagen, es ist die Möglichkeit vorhanden, zum Beispiel folgendes zu erfinden: man macht mit dem Kinde zunächst irgend etwas, sagen wir, was es nachzumodellieren hat oder auch nur nachzuzeichnen oder so etwas, man muß das natürlich dann entsprechend finden, und man erklärt jetzt dem Kinde auf irgendeine Weise: das ist erst vollständig, wenn es, sagen wir, fünf oder zehn solcher Dinge gemacht hat, die dann in irgendeiner Weise wieder ein Ganzes geben müssen. Dann hat das Kind natürlich darnach zu tun. Man kann auf diese Weise das Nachahmungsprinzip mit dem Autoritätsprinzip verbinden und muß sich auf diese Weise helfen. Gerade diese Dinge werden reizvoll sein, im Praktischen dann auszuprobieren, wenn wir einmal in der Waldorfschule einen Kindergarten haben werden. Es würde aber natürlich ganz angemessen sein, wenn Sie selbst solches ausprobiieren würden. Ich würde natürlich viel zu ausführlich werden, wenn ich über diese Andeutungen hinausgehen würde.
[ 64 ] Question: Will this course be available in print in English?
[ 64 ] Frage: Wird dieser Kurs in englischer Sprache gedruckt werden können?
[ 65 ] Dr. Steiner: Of course, matters like this always depend on timing; but I myself would like the content of this course in particular to be finalized as soon as possible based on our shorthand notes, and as soon as that is done, arrangements can of course be made for it to be published in English.
[ 65 ] Dr. Steiner: Solche Dinge sind ja natürlich immer auch Zeitfragen; aber ich möchte selbst gern, daß gerade der Inhalt dieses Kurses möglichst bald fixiert ist nach unseren Stenogrammen, und sobald das geschehen ist, kann ja natürlich auch dann dafür gesorgt werden, daß er im Englischen publiziert werden kann.
[ 66 ] Question: Should children play musical instruments, and if so, which ones?
[ 66 ] Frage: Sollen Kinder Musikinstrumente spielen, und welche?
[ 67 ] Dr. Steiner: At the Waldorf School, I firmly uphold the principle that, as technical possibilities allow, children should not merely be taught—at least initially—to listen to music, but that at least those children who show some talent for it should actually learn to play a musical instrument. The question should not be posed from the outset as “Which musical instrument?”—rather, the point is that a truly good music teacher will discover that specific talents exist in one child or another, talents that manifest themselves immediately upon the children’s arrival at school in relation to one musical instrument or another. It is certainly the case that we should strive to individualize in this regard. Of course, all of this is still in its early stages at the Waldorf school, but we have at least managed to the point where, in a quite satisfactory manner, small orchestras and quartets have been formed from our Waldorf children in this way. Question: Do you believe that real progress for the future of music lies in composing according to the Greek modes discovered by Miss Schlesinger, and in having instruments such as the piano tuned accordingly? Is it a good idea for us to become accustomed to these modes?
[ 67 ] Dr. Steiner: In der Waldorfschule vertrete ich durchaus das Prinzip, daß nach den technischen Möglichkeiten die Kinder eben nicht nur anfänglich unterrichtet werden nun etwa auf das Anhören des Musikalischen hin, sondern daß wenigstens diejenigen Kinder, die einigermaßen Begabung dazu haben, wirklich ein Musikinstrument lernen. Es sollte nicht die Frage von vorneherein so gestellt werden: Welches Musikinstrument? -, sondern.es handelt sich da darum, daß der wirklich gute Musiklehrer herausfinden wird, daß spezifische Begabungen vorhanden sind des einen oder des anderen Kindes, die sich schon unmittelbar, wenn die Kinder zur Schule kommen, äußern für das eine oder das andere Musikinstrument. Es ist das durchaus so, daß man versuchen sollte, da zu individualisieren. Es ist ja natürlich das alles auch in der Waldorfschule in den Anfängen, aber wir haben immerhin es schon dahin gebracht, daß in ganz annehmbarer Weise kleine Orchester und Quartette aus unseren Waldorfkindern zustande gekommen sind auf diese Weise. Frage: Glauben Sie, daß ein wirklicher Fortschritt für die Zukunft der Musik darin liegt, daß man gemäß den von Fräulein Schlesinger entdeckten griechischen Tonarten (Moden) komponiert, und daß man Instrumente wie das Klavier entsprechend stimmen läßt? Ist es gut, daß wir uns an diese Moden gewöhnen?
[ 68 ] Dr. Steiner: Well, I would like to say in this regard that, based on various considerations, I must conclude that music will undergo a kind of progress as a result of what I would like to call “intensive melody” playing an ever-greater role. Intensive melody would consist in becoming accustomed to perceiving a tone—which is currently understood as a single note—as a kind of melody in and of itself. People will thus become accustomed to a greater complexity of tones—of the single tone. They will come to this; and when they do, it will also, in a certain sense, bring about a modification of our scale, for the simple reason that the intervals will be filled in a different way—in a more varied way than has been assumed until now. They will be filled in more concretely. And then, I believe, one will once again find a connection in this way to certain elements of what I would like to call “primordial music,” and of which I actually believe I have recognized something very important in Miss Schlesinger’s discoveries regarding modes. I do believe, however, that a path is opening up here to enrich musical sensibility in general and to arrive at certain things that will simply overcome what has entered into music through the—more or less, I would say—random scales that we have. So I do believe that there is a certain prospect for success if this particular discovery is pursued further and if one becomes accustomed to these modes in one’s musical sensibility.
[ 68 ] Dr. Steiner: Nun, ich möchte dazu sagen, daß ich allerdings der Meinung sein muß aus den verschiedenen Voraussetzungen heraus, daß die Musik eine Art von Fortschritt dadurch erfahren wird, daß dasjenige eine immer größere Rolle spielen wird, was ich nennen möchte die intensive Melodie. Die intensive Melodie, die würde darin bestehen, daß man sich gewöhnen wird, den heute als einen Ton aufgefaßten Ton zu empfinden schon wie eine Art von Melodie. Man wird sich also gewöhnen an eine größere Komplikation der Töne, des einen Tones. Man wird dazu kommen; und wenn man dazu kommen wird, dann wird das auch in einem gewissen Sinne eine Modifikation unserer Skala geben, aus dem einfachen Grunde, weil die Intervalle in einer verschiedenen Weise ausgefüllt sein werden, in einer verschiedeneren Weise, als man es bis jetzt angenommen hat. Sie werden konkreter ausgefüllt sein. Und dann wird man gerade, meine ich, auf diesem Wege wiederum einen Anschluß finden an gewisse Elemente dessen, was ich Urmusik nennen möchte, und von dem ich ja in den Entdeckungen der Moden der Miß Schlesinger tatsächlich sehr Wichtiges zu erkennen glaube. Ich glaube allerdings, daß sich da ein Weg eröffnet, um das musikalische Empfinden überhaupt zu bereichern und auf gewisse Dinge zu kommen, die einfach in den ja doch mehr oder weniger, ich möchte sagen, zufälligen Skalen, die wir haben, die das, was dadurch in das Musikalische hineingekommen ist, überwinden werden. Also ich glaube schon, daß es eine gewisse Aussicht hat, wenn diese besondere Entdeckung weiter verfolgt wird und wenn man sich im musikalischen Empfinden an diese Moden gewöhnt.
[ 69 ] Question: Will it be possible to teach eurythmy to children with physical disabilities? Or perhaps therapeutic eurythmy, tailored to each individual child?
[ 69 ] Frage: Wird man verkrüppelten Kindern Eurythmie geben können? Oder vielleicht Heileurythmie mit Rücksicht auf jedes einzelne Kind?
[ 70 ] Dr. Steiner: That is certainly true. The whole point of eurythmy is simply to find a way to apply it. One need only first look at the general eurythmic forms and consider whether a child with a physical disability can perform these forms directly, despite the specific nature of their disability, or whether they might need to be modified. This is possible in any case. The point, then, will be—and this will be of particular benefit for very young children or small children—to apply ordinary artistic eurythmy to such children. Even in these cases, quite surprising healing processes could result simply through the practice of ordinary eurythmy.
[ 70 ] Dr. Steiner: Das ist ganz gewiß so. Es handelt sich bei dem Eurythmischen nur darum, daß man den Weg findet, es anzuwenden. Es braucht ja nur zunächst hingesehen zu werden auf die allgemeinen eurythmischen Formen, und man braucht nur nachzudenken darüber, ob irgendein verkrüppeltes Kind unmittelbar diese Formen machen kann, trotz der besonderen Art seiner Verkrüppelung, oder ob man sie vielleicht modifizieren muß. Das kann man in jedem Fall. Es wird sich also darum handeln, daß man - und insbesondere wird das bei ganz kleinen Kindern respektive bei kleinen Kindern von besonderem Vorteil sein -, daß man die gewöhnliche Kunsteurythmie bei solchen Kindern anwendet. Es könnten sich sogar da ganz überraschende Gesundungsprozesse schon durch die gewöhnliche Eurythmie ergeben.
[ 71 ] Therapeutic eurythmy was initially developed by me as a system during the last medical course held here (1921), where it was incorporated into a special course, and this therapeutic eurythmy is, after all, primarily intended to assist in various healing processes. It is certainly also suited to treating physical disabilities. Of course, the point is that for milder physical disabilities, what is already provided by therapeutic eurythmy contains everything necessary. In the case of more severe physical disabilities, it will naturally be a matter of, under certain circumstances, intensifying or modifying the practices in some way. However, if one wishes to focus very strongly on modification, then great caution must be exercised.
[ 71 ] Die Heileurythmie ist ja zunächst von mir als ein System ausgearbeitet worden beim letzten Ärztekursus hier (1921), wo sie in einem besonderen Kursus angeschlossen worden ist, und diese Heileurythmie ist ja zunächst dazu bestimmt, bei verschiedenen Heilprozessen zu dienen. Es liegt durchaus auch auf ihrem Wege, bei Verkrüppelungen zu dienen. Es wird sich natürlich aber darum handeln, daß für leichtere Verkrüppelungen ja schon in dem, was als Heileurythmie bereits gegeben ist, das Nötige liegt. Bei stärkeren Verkrüppelungen wird es sich natürlich darum handeln, daß unter Umständen die Dinge nach irgendeiner Weise verschärft oder modifiziert werden. Nur, wenn man sehr stark darauf eingehen will auf das Modifizieren, dann handelt es sich darum, große Vorsicht zu üben.
[ 72 ] Artistic eurythmy—that is, the forms used in artistic eurythmy—does no harm to anyone, but can only be of benefit. Any harm that might arise in this context lies entirely within the same realm as other human activities, through which a person might also overexert themselves. Of course, just as one can become ill from climbing too many mountains, from running too much, or from working one’s arms too hard under certain circumstances, one can also, naturally, overexert oneself through an excess of eurythmic exercises and thereby bring on all sorts of states of weakness. But this is not inherent in eurythmy itself; rather, it can be caused by all sorts of other factors, and even the most commendable human activities can, of course, lead to a person making themselves ill through them. Thus, in the case of ordinary eurythmy, there is no reason to believe that it could have any harmful effect on anyone. However, when it comes to therapeutic eurythmy, one must take into account what I set forth as a general rule when I taught the course on therapeutic eurythmy back then: therapeutic eurythmy should only be practiced when the entire treatment is conducted under the supervision and guidance of a physician, that is, when a proper diagnosis has been made, so that the appropriate measures can be taken on the basis of that diagnosis.
[ 72 ] Dasjenige, was Kunsteurythmie ist, also diejenigen Formen, die in der Kunsteurythmie angewendet werden, die schaden keinem Menschen, sondern können ihm nur nützen. Dasjenige, was da als Schaden auftreten kann, das liegt auf ganz demselben Gebiete, auf dem anderes liegt, was der Mensch tut, und wobei er sich etwa auch übermüden kann. Selbstverständlich, geradeso wie man krank werden kann, wenn man zuviel auf Berge steigt, wenn man zuviel läuft, wenn man unter Umständen mit den Armen zuviel arbeitet, so kann man auch durch ein Übermaß von eurythmischen Übungen sich natürlich auch übermüden und kann sich dadurch allerlei Schwächezustände zuziehen. Aber das liegt nicht in der Eurythmie, sondern das kann eben durch alles mögliche andere auch hervorgerufen werden, und die lobenswertesten Beschäftigungen des Menschen können selbstverständlich auch dazu führen, daß er sich durch sie krank macht. Also bei der gewöhnlichen Eurythmie ist nicht daran zu denken, daß sie irgend auf jemand einen schädlichen Einfluß haben kann. Geht man aber zu der Heileurythmie über, dann ist schon das zu berücksichtigen, was ich überhaupt als eine Art von Regel gegeben habe, als ich dazumal den Kursus über Heileurythmie abgehalten habe, daß mit Eurythmie als Heileurythmie nur dann operiert werden sollte, wenn die ganze Behandlung unter der Aufsicht und der Anleitung eines Arztes da ist, das heißt, wenn eine ordentliche Diagnose vorliegt, so daß man auf Grundlage einer ordentlichen Diagnose die entsprechenden Dinge macht.
[ 73 ] It is, of course, particularly important that, when one intensifies the elements involved in therapeutic eurythmy, one should proceed strictly in a medical-surgical sense, and that only a true expert in pathological conditions and pathological peculiarities can determine the correct course of action in this regard. The same principle applies here: just as one cannot allow just anyone to handle poison, one cannot allow just anyone to practice therapeutic eurythmy. And if any harm results from botched treatment, that is not something that can be blamed on therapeutic eurythmy itself.
[ 73 ] Da handelt es sich denn ganz besonders natürlich darum, daß, wenn man diese Dinge noch verschärft, die in der Heileurythmie in Betracht kommen, daß man dann nur im strengen Sinne medizinisch-chirurgisch vorgehen soll, und daß eben nur der wirkliche Kenner der pathologischen Zustände, der pathologischen Eigentümlichkeiten in dieser Beziehung das Richtige treffen kann. Es ist auch hier nicht anders, als daß man nicht jeden Menschen mit Gift hantieren lassen kann, und ebensowenig kann man jeden Menschen mit Heileurythmie hantieren lassen. Und wenn dann irgendwelche Schädigungen zustande kommen dadurch, daß gepfuscht wird, dann ist das wiederum nicht etwas, was etwa der Heileurythmie in die Schuhe geschoben werden darf.
[ 74 ] Question: Yesterday’s lecture addressed the abnormal spillover of what is appropriate in one stage of life into subsequent stages. This gave rise to the predominantly melancholic, the predominantly phlegmatic, and the predominantly sanguine temperaments. First: How does the distinctly choleric temperament develop? Second: How can one tell in a young child that it has this tendency toward melancholy or toward the other one-sided tendencies? Third: Can this be counteracted even before the child’s teeth begin to fall out?
[ 74 ] Frage: Im gestrigen Vortrage wurde das abnorme Hinüberwirken dessen, was in einem Lebensabschnitte das Richtige ist, hinein in folgende Epochen behandelt. So entstand das überwiegend melancholische, das überwiegend phlegmatische, das überwiegend sanguinische Temperament. Erstens: Wie entsteht nun das ausgesprochen Cholerische? Zweitens: Woran kann man am jungen Kinde wahrnehmen, daß es diese Hinneigung zum Melancholischen respektive zu den anderen Einseitigkeiten hat? Drittens: Kann dem schon vor dem Zahnwechsel entgegengearbeitet werden?
[ 75 ] Dr. Steiner: The choleric temperament arises essentially because, at one of the specific stages of life—which occur around the age of two, and again at the stage I mentioned between the ages of nine and ten— though there are also similar points later on, but the first two are the most significant—that the “I” exerts a particularly strong influence at each of these times. After all, the “I” is not something that only comes into being at the age of twenty-one; it is merely liberated at a certain age—it is, of course, always present in the human being. It is present in the human being from birth, or rather, from the third week after conception. — So the “I” can certainly reach an extraordinary intensity, and then it exerts a particularly strong influence at this specific point in life. Just consider for a moment what this point in life is all about.
[ 75 ] Dr. Steiner: Das cholerische Temperament, das entsteht im wesentlichen dadurch, daß an irgendeinem der besonderen Lebenspunkte, die da liegen etwa um das zweite Lebensjahr herum, dann wiederum in dem Lebenspunkt, den ich angegeben habe zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr; dann sind aber auch noch spätere ähnliche Punkte, aber die zwei ersten kommen hauptsächlich in Betracht, daß da jedesmal das Ich besonders stark wirkt. Nicht wahr, das Ich ist ja nicht etwa so, daß es erst mit dem einundzwanzigsten Jahr vorhanden ist, es wird nur befreit in einem gewissen Lebensalter, es ist natürlich immer im Menschen vorhanden. Von der Geburt beziehungsweise von der dritten Woche nach der Konzeption angefangen, ist es im Menschen vorhanden. — Es kann also das Ich durchaus auch zu einer übergroßen Intensität kommen, und dann wirkt es besonders stark in diesem besonderen Lebenspunkt. Beachten Sie nur einmal, was es mit diesem Lebenspunkt überhaupt für eine Bewandtnis hat.
[ 76 ] Between the ages of nine and ten, the “I” exerts a very special influence, in that the individual learns to distinguish himself from his surroundings. For a normal state, a special state of equilibrium is necessary. This special state of equilibrium can be shifted outward; this is also one of the many factors contributing to the sanguine temperament. As I explicitly stated yesterday when discussing this topic, various factors interact here, and yesterday I specifically addressed those that are relevant from a certain perspective.
[ 76 ] Wir haben zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr ein ganz besonderes Wirken des Ich, dahingehend, daß der Mensch lernt, sich . von seiner Umgebung zu unterscheiden. Da ist für den Normalzustand ein besonderer Gleichgewichtszustand notwendig. Dieser besondere Gleichgewichtszustand kann nach außen verschoben werden; dann ist das auch eine der vielen Veranlassungen für das sanguinische Temperament. Ich habe ja, als ich die Sache gestern behandelte, ausdrücklich gesagt, daß da verschiedene Faktoren zusammenwirken, und daß ich eben diejenigen gestern besonders erörtert habe, die für einen gewissen Gesichtspunkt in Betracht kommen.
[ 77 ] However, the focus can also shift inward. This can happen as early as when the child is learning to speak, or even when the child is learning to maintain an upright position and stand on its own. There are opportunities everywhere for the ego to exert too much influence. One must be mindful of this and therefore try not to do anything wrong at these stages of life. For example, one is already doing something wrong if one forces the child to stand upright on its own too early. The child should do this purely by imitation—standing up straight only when it has the ability to imitate the upright posture of adults.
[ 77 ] Nun kann aber auch der Schwerpunkt nach dem Inneren verlegt werden. Das kann aber schon auch dann geschehen, wenn das Kind die Sprache lernt, oder sogar schon dann, wenn das Kind lernt, sich in der Vertikallage zu erhalten, sich aufzustellen. Da ist überall Gelegenheit vorhanden, daß das Ich zu stark wirkt. Darauf muß man auch aufmerksam sein und muß also versuchen, nichts Falsches in diesen Lebenspunkte zu tun. Man tut schon etwas Falsches, wenn man zum Beispiel das Kind zu früh dazu zwingt, frei aufrechtzustehen. Es soll das durchaus als Nachahmerisches so vollziehen, daß es sich aufrichtet, wenn es eben die Fähigkeit hat, die aufrechte Stellung der Erwachsenen nachzuahmen.
[ 78 ] Now, one might arrive at a particularly profound understanding of this if one considers what something like the human upright posture actually means. Essentially—allowing, of course, for exceptions, but these can be explained precisely because of their exceptional nature—essentially, animals are constituted in such a way that their spinal cord lies parallel to the Earth’s surface. Human beings are constituted in such a way that, in their normal posture, their spinal cord is aligned with the Earth’s radius. This is the radical difference between human beings and animals. And in this radical difference between humans and animals lies the very point that must simply be countered when the purely Darwinian materialists—I do not say “Darwinists,” but rather “Darwinian materialists”—argue that there is no fundamental difference between the human and animal skeletons: both have the same number of bones and so on. Well, that is true, but the animal’s skeleton has the spine in a horizontal position, while the human’s is vertical. This vertical orientation of the spine expresses a relationship to the entire cosmos, and this relationship means that the human being becomes the very bearer of an “I.” When we speak of animals, we speak only of the three bodies: the physical body, the etheric or formative body, and the astral body. An “I” is only possible when a being is organized along the vertical axis.
[ 78 ] Nun kommt man ja dabei vielleicht zu einem besonders intensiven Verständnis, wenn man beachtet, was so etwas wie die aufrechte Stellung des Menschen eigentlich bedeutet. Im wesentlichen — natürlich Ausnahmen abgerechnet, aber die können auch dann eben in ihrem Ausnahmecharakter erklärt werden -, im wesentlichen ist das Tier ja so konstituiert, daß sein Rückenmark parallel der Erdoberfläche liegt. Der Mensch ist so konstituiert, daß sein Rückenmark für seine normale Stellung die Richtung des Erdradius hat. Das ist der radikale Unterschied zwischen Mensch und Tier. Und in diesem radikalen Unterschied zwischen Mensch und Tier liegt dasjenige, was man einfach zu erwidern hat, wenn die rein darwinistischen Materialisten — ich sage nicht: die Darwinianer, sondern die darwinistischen Materialisten - anführen, ein wesentlicher Unterschied zwischen Menschen- und Tierskelett wäre ja nicht vorhanden: beide haben gleich viel Knochen und so weiter. Schön, das ist ja wahr, aber das Tierskelett hat das Rückgrat horizontal, der Mensch vertikal. In dieser Vertikallage des Rückgrates spricht sich ein Verhältnis zum ganzen Kosmos aus, und dieses Verhältnis bedeutet, daß der Mensch überhaupt der Träger wird für ein Ich. Wenn wir vom Tiere sprechen, sprechen wir nur von den drei Gliedern, von dem physischen Leib, von dem Äther- oder Bildekräfteleib und dem astralischen Leib. Ein Ich ist nur möglich, wenn ein Wesen auf die Vertikale hin organisiert ist.
[ 79 ] I mentioned this once during a lecture. Afterward, someone came up to me and said, “Well, what about when a person is sleeping? Their spine is horizontal then, isn’t it?”
[ 79 ] Ich habe das einmal in einem Vortrage ausgesprochen. Hinterher kam jemand und sagte: Ja, wie ist es denn dann, wenn der Mensch schläft, da ist ja sein Rückgrat horizontal?
[ 80 ] Such things are by no means understood as they are intended. Of course, the point is not that humans have a spine designed for the vertical position simply because the spine is vertical when they stand, but rather it concerns the entire structure of the human body, it is about the fact that, in adulthood, a human being has all the relationships and mutual positions of the bones arranged in such a way that, when walking, the spine is vertical, whereas in animals it is horizontal. So it really is a matter of the fact that this vertical alignment of the spine essentially constitutes the hallmark of the human being as a bearer of the “I.”
[ 80 ] Man faßt solche Dinge durchaus nicht so, wie sie gemeint sind. Es handelt sich natürlich nicht darum, daß der Mensch deshalb ein für das Vertikale konstruiertes Rückgrat hat, daß das Rückgrat eben vertikal ist, wenn er steht, sondern es handelt sich da auch um den ganzen Bau des Menschen, es handelt sich darum, daß der Mensch eben alle Verhältnisse, alle gegenseitigen Lagen der Knochen so zueinander hat im ausgewachsenen Zustande, daß also, wenn er geht, das Rückgrat vertikal ist, während es beim Tiere horizontal ist. Also es handelt sich wirklich darum, daß in dieser Vertikalen des Rückgrates wesentlich das Kennzeichen dafür vorhanden ist, daß der Mensch ein Ich-Träger ist.
[ 81 ] Now observe how the physiognomic significance, particularly in the vertical line, manifests itself in the human character in a remarkable way. You will see, if only the proper methods of observation are applied, that there are people in whom one can observe such growth abnormalities that, for example, a person is driven by one system within his organic being to reach a certain height; but another system works against this, and he is compressed. This structure of the human organism is entirely possible: that certain predispositions would cause one to be taller than one actually is, yet one is compressed by another system. Something like this was present, for example, in Fichte. Fichte’s stature—I could cite many others; this would also apply to Napoleon, for example, as well as to many others—in Fichte’s case, it was the case that, due to a certain aspect of his organ systems, he could actually have grown taller than he did. Yet he remains compressed. This is then expressed in the fact that the “I” must also adapt to conform to this compression. And within the “I,” the choleric temperament finds its expression. Thus, the choleric disposition can certainly be caused in this way by a human abnormality.
[ 81 ] Nun beobachten Sie einmal, wie die physiognomische Bedeutung gerade in der Vertikallinie sich im menschlichen Charakter in einer merkwürdigen Weise ausspricht. Sie werden ja sehen, wenn nur die rechten Mittel der Beobachtung angewandt werden, daß es Menschen gibt, bei denen man konstatieren kann, daß solche Wachstumsabnormität eintritt, daß zum Beispiel der Mensch durch ein System in seinem organischen Wesen veranlaßt ist, eine bestimmte Größe zu erreichen; aber ein anderes System wirkt dagegen, und er wird zusammengedrückt. Diese Konstruktion des menschlichen Organismus ist durchaus möglich, daß man durch gewisse Antezedenzien größer sein sollte, als man ist, daß man zusammengedrückt ist durch ein anderes System. So etwas war zum Beispiel bei Fichte vorhanden. Fichtes Statur — ich könnte viele andere anführen, auch bei Napoleon würde das in Betracht kommen zum Beispiel, aber auch bei vielen anderen -, bei Fichte war das gegeben, daß er eigentlich durch einen gewissen Teil seiner Organsysteme hätte größer werden können, als er geworden ist. Nun bleibt er zusammengeschoben. Das drückt sich dann dadurch aus, daß das Ich sich auch bequemen muß, diesem Zusammenschieben sich zu fügen. Und in dem Ich drückt sich das cholerische Temperament aus. Es kann also durchaus auf diese Weise durch eine menschliche Abnormität das Cholerische verursacht werden.
[ 82 ] Regarding the question: How can one tell in a young child that it has this tendency toward melancholy or toward other one-sided tendencies?—well, I believe that anyone who has observed children extensively will hardly need any specific indicators. It really stands out quite clearly. And one need only, so to speak, let one’s human naivety guide one a little, and one can very easily distinguish a choleric child from a melancholic one, can’t one? Just as one can tell the difference between a child who sits there constantly, sulking and gloomy, and one who is running wild. At school, it’s very easy to spot a child who, just after turning their attention to the blackboard, turns to their neighbor, notices something about that neighbor, and then looks out the window again. That’s just sanguine. These are things that lie entirely within the realm of naive observation.
[ 82 ] In bezug auf die Frage: Woran kann man am jungen Kinde wahrnehmen, daß es diese Hinneigung zum Melancholischen respektive zu den anderen Einseitigkeiten hat? - ja, ich glaube, wer Kinder in ausgiebigem Maße beobachtet hat, der wird kaum besondere Kennzeichen brauchen. Das drängt sich ja in ganz ausgesprochenem Maße auf. Und man braucht sozusagen ja nur ein wenig seine menschliche Naivität walten zu lassen, so kann man ein cholerisches Kind von einem melancholischen sehr gut unterscheiden, nicht wahr, so wie man unterscheiden kann, ob ein Kind fortwährend sitzt und mockt und moros ist, von dem, daß es tobt. Man kann in der Schule sehr gut ein Kind unterscheiden, das, nachdem es gerade die Aufmerksamkeit der Tafel zuwendet, sich seinem Nachbarn zuwendet, irgend etwas an diesem Nachbarn bemerkt und dann wiederum zum Fenster hinausguckt. Das ist eben sanguinisch. Es sind das ja Dinge, die durchaus innerhalb der naiven Beobachtungsgabe liegen.
[ 83 ] If one asks further: Can this be counteracted even before the teeth begin to fall out? — the answer is: Yes, essentially by applying the same methods described above—which are used later—in advance, simply by giving them an imitative character.
[ 83 ] Wenn weiter gefragt wird: Kann dem schon vor dem Zahnwechsel entgegengearbeitet werden? — ist zu antworten: Ja, im Grunde genommen schon dadurch, daß man dieselben Mittel, die man später anwendet und die geschildert worden sind, schon vorher anwendet, indem man ihnen einfach den Nachahmungscharakter verleiht.
[ 84 ] So let’s assume you have a rambunctious child of a certain age; by trying to be rambunctious yourself—perhaps when the child feels like it—you can encourage the child to tire itself out through its own rambunctiousness. You’ll certainly achieve something.
[ 84 ] Also nehmen wir einmal an, man hat ein tobendes Kind im gehörigen Alter, das wird man dann dadurch, daß man versucht, vielleicht auch zu toben, wenn man es gerade will, veranlassen, im Toben sich zu ermüden. Man wird immerhin einiges erreichen.
[ 85 ] Basically, however, it is not at all necessary at this age, because in most cases it is best to let children experience these things before their teeth fall out. This can sometimes be inconvenient. But this is truly a matter that requires a different way of thinking than is usually possible or customary. I’d rather explain this to you using a comparison, because it might make it easier to understand.
[ 85 ] Im Grunde ist es aber durchaus in diesem Lebensalter nicht notwendig, weil es in den meisten Fällen gut ist, wenn man vor dem Zahnwechsel diese Dinge ausleben läßt. Das ist zuweilen unbequem. Aber hier liegt wirklich etwas vor, worüber eigentlich anders gedacht werden muß, als gewöhnlich gedacht werden kann, als gewöhnlich gedacht wird. Ich möchte Ihnen das lieber durch einen Vergleich klarmachen, weil es vielleicht dadurch leichter eingesehen wird.
[ 86 ] You see, there are certain lay healers who have no thorough knowledge of the human organism but are able to assess abnormalities and symptoms of illness to a certain extent. With such people, it can happen that they have a patient and say: “Yes, this person has an abnormality in heart function.” What should one do in that case?—It may well be the case that one says: “Let him keep his heart abnormality; for if you try to restore it to so-called normal function, he won’t be able to tolerate it; it is precisely what his organism needs.” And so, in many cases with children, it is precisely necessary to know how long something must remain as it is and be allowed to run its course. That is what must be taken into account.
[ 86 ] Sehen Sie, es gibt gewisse heilende Laien, die keine gründliche Kenntnis von dem menschlichen Organismus haben, aber Abnormitäten, Krankbheitserscheinungen bis zu einem gewissen Grade beurteilen können. Bei denen kann es einem geschehen, daß sie irgendeinen Kranken haben und sie sagen: Ja, der hat eine Abnormität in der Herzbewegung. Was soll man da tun? - Es kann durchaus der Fall vorkommen, daß man sagt: Lassen Sie dem seine Abnormität des Herzens; denn wenn Sie die auf die sogenannte normale Tätigkeit zurückführen, dann kann er sie nicht ertragen; für seinen Organismus ist das gerade notwendig. Und so ist es gerade vielfach beim Kinde notwendig, daß man auch weiß, wie lange irgend etwas bleiben muß und sich austoben muß. Das ist dasjenige, was dabei zu berücksichtigen ist.
[ 87 ] Question: How does anthroposophical training prevent a lack of compassion and the destruction of memory when crossing the boundaries of knowledge?
[ 87 ] Frage: Wie vermeidet die anthroposophische Schulung Lieblosigkeit und Gedächtniszerstörung beim Überschreiten der Erkenntnisgrenzen?
[ 88 ] Dr. Steiner: This question is probably based on the fact that what ordinary consciousness must cope with in life—the very purpose for which ordinary consciousness exists—requires love and the power of memory. One could not get by in ordinary life without this power of memory; without the source of memory, the continuity of the “I” would not exist at all up to a certain point in childhood. There are, after all, plenty of known cases where this continuity is disrupted, where the memory has gaps. That is precisely a pathological condition. And likewise, ordinary life cannot unfold without the presence of love.
[ 88 ] Dr. Steiner: Diese Frage beruht wohl darauf, daß dasjenige, was das gewöhnliche Bewußtsein im Leben bewältigen muß, wofür das gewöhnliche Bewußtsein da ist, daß das Liebe und Erinnerungsvermögen braucht. Man könnte im gewöhnlichen Leben ohne dieses Erinnerungsvermögen nicht auskommen; es würde überhaupt ohne die Quelle des Erinnerns bis zu einem gewissen Punkte in der Kindheit die Kontinuität des Ich nicht vorhanden sein. Es sind ja genügend Fälle bekannt, wo diese Kontinuität zerstört ist, wo das Erinnerungsvermögen Lücken hat. Das ist eben ein pathologischer Zustand. Und ebenso kann das gewöhnliche Leben sich nicht entfalten, ohne daß die Liebe darinnen vorhanden ist.
[ 89 ] Now, it must be said that when a higher consciousness is developed, it naturally has different contents than ordinary consciousness. Now, it seems to be implied in the underlying premise of this question that, since the limits of knowledge are transcended by supersensible consciousness, one is not dealing with the unfolding of love and the unfolding of memory beyond those limits of knowledge. That is quite correct; but it is also always emphasized that proper training consists in retaining, alongside all other qualities, those qualities that one has developed for ordinary consciousness. Indeed, if you look at the training as I describe it in my book, *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, you will see that these ordinary qualities of life are actually strengthened as one ascends into higher consciousness. So nothing is taken away from these inner capacities of ordinary consciousness. One simply gains what the elevated consciousness requires. I’d like to use a comparison that may be somewhat trivial—one that isn’t entirely accurate, but which might nevertheless shed a little light on the matter.
[ 89 ] Nun muß ja gesagt werden, daß, wenn ein höheres Bewußtsein ausgebildet wird, dieses dann eben andere Inhalte hat als das gewöhnliche Bewußtsein. Nun scheint in dem, was dieser Frage zugrunde liegt, geschlossen zu sein, daß, weil ja die Erkenntnisgrenzen durch das übersinnliche Bewußtsein überschritten werden, man es jenseits der Erkenntnisgrenzen nicht mit der Liebeentfaltung und mit der Erinnerungsentfaltung zu tun hat. Das ist ganz richtig; aber es wird auch immer betont, daß eine richtige Schulung darinnen besteht, daß man diejenigen Eigenschaften, die man für das gewöhnliche Bewußtsein entwickeit hat, neben all den anderen Eigenschaften behält. Ja, es wird sogar, wenn Sie sich die Schulung anschauen, wie ich sie charakterisiere in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», darauf gesehen, daß diese gewöhnlichen Lebenseigenschaften verstärkt werden, wenn man in das höhere Bewußtsein hinaufschreitet. Also es wird nichts genommen von diesen inneren Fähigkeiten des gewöhnlichen Bewußtseins. Man bekommt nur dasjenige hinzu, was das erhöhte Bewußtsein braucht. Ich möchte einen vielleicht etwas trivialen Vergleich gebrauchen, der ja nicht ganz zutreffend ist, aber der dennoch die Sache vielleicht ein wenig beleuchten kann.
[ 90 ] Isn’t it true that if I want to walk on ordinary ground, I mustn’t lose my balance while walking; I need other things as well so that I can walk properly on ordinary ground, without falling over and so on. Well, when you learn to walk on a tightrope, you don’t lose any of the qualities that help you walk on ordinary ground. When you learn to walk on a tightrope, you’re under different conditions, but you can’t really ask the question: Can walking on a tightrope prevent you from walking on ordinary ground? — Just as little can the attainment of a different state of consciousness in any way prevent one from possessing the qualities of ordinary consciousness—by which I certainly do not mean to imply that I wish to compare the attainment of higher consciousness to spiritual tightrope walking. But the fact remains that the qualities one acquires are meant to be fully preserved in ordinary consciousness when one ascends to a heightened state of consciousness.
[ 90 ] Nicht wahr, wenn ich mich auf dem gewöhnlichen Erdboden gehend bewegen will, dann darf ich das Gleichgewicht nicht verlieren im Gehen, ich muß andere Dinge noch haben, damit ich auf dem gewöhnlichen Erdboden ordentlich gehen kann, nicht umfalle und dergleichen. Nun, von diesen Eigenschaften verliert man ja gar nichts, die einem dienen auf dem gewöhnlichen Erdboden zu gehen, wenn man Seiltanzen lernt. Wenn man Seiltanzen lernt, steht man unter anderen Bedingungen, aber man kann nicht eigentlich die Frage aufwerfen: Kann einen nun das Seiltanzen verhindern daran, daß man auf dem gewöhnlichen Erdboden gehen kann? — Ebensowenig kann einen die Erringung eines anderen Bewußtseins irgendwie verhindern, die Eigenschaften des gewöhnlichen Bewußtseins zu haben — womit ich natürlich durchaus nicht andeuten will, daß ich die Erringung des höheren Bewußtseins mit dem geistigen Seiltanzen vergleichen möchte. Aber die Sache ist doch schon so, daß die Eigenschaften, die man sich erwirbt, im gewöhnlichen Bewußtsein eben voll erhalten bleiben sollen, wenn man in ein gesteigertes Bewußtsein hinaufsteigt.
[ 91 ] Now, since it’s getting late, I’d like to address the remaining questions as quickly as possible, and then—again, since it’s getting late—tell a short story.
[ 91 ] Nun will ich mit Rücksicht auf die vorgerückte Zeit so rasch als möglich die Fragen, die noch gestellt worden sind, erledigen, und dann eben mit Rücksicht auf die vorgerückte Zeit eine kleine Geschichte erzählen.
[ 92 ] Question: What should we make of the ever-increasing use of educational films in schools, and how can we best make it clear to their advocates that the harm they cause cannot be outweighed by their “educational” value?
[ 92 ] Frage: Was ist von der immer stärkeren Verbreitung des Lehrfilms in den Schulen zu halten, und wie kann man seinen Verteidigern am besten klarmachen, daß das Schädigende vom «Lehrreichen» nicht aufgewogen werden kann?
[ 93 ] Dr. Steiner: Well, I have tried to get to the bottom of the mystery of film in general, and I have indeed—whether people take offense at this or not, it is simply a fact—had to conclude that what I have called the etheric or Life-Body in these lectures is damaged in an extraordinarily severe way, particularly with regard to the sensory organization, by the consumption of film productions. It is indeed the case that film production actually mechanizes the entire soul-spiritual constitution; it presents itself as an external means of leading people toward a materialistic mindset. I have examined this; especially during the war, when films were used to agitate for all sorts of things, one could see how eagerly people absorbed these film productions—I was not so much interested in observing the films themselves as in observing the audience, and I was able to clearly establish how film is simply part of the overall process of the materialization of humanity, in that materialism is, so to speak, already incorporated into people’s habits of perception. This is a topic that could, of course, be explored at great length, but due to the late hour, I can only offer these brief remarks.
[ 93 ] Dr. Steiner: Nun, ich habe versucht, hinter das Geheimnis des Films überhaupt zu kommen und habe allerdings - man mag mir das nun übelnehmen oder nicht, es ist eben eine Tatsache — finden müssen, daß dasjenige, was ich in diesen Vorträgen den Äther- oder Lebensleib genannt habe, insbesondere für die Sinnenorganisation durch das Aufnehmen der Filmproduktionen in einer außerordentlich starken Weise geschädigt wird. Es ist ja tatsächlich so, daß durch die Filmproduktion die ganze seelisch-geistige Konstitution wirklich vermechanisiert wird; sie stellt sich dar als eine äußerliche Art, den Menschen zur materialistischen Gesinnung zu bringen. Ich habe das geprüft; insbesondere während der Kriegszeit, wo in den Films agitiert worden ist für alles mögliche, konnte man sehen, wie gierig die Menschen die Filmproduktionen aufnahmen - ich war nicht darauf aus, sehr die Films zu beobachten, sondern das Publikum zu beobachten, und ich konnte durchaus konstatieren, wie der Film einfach im ganzen Programm der Materialisierung der Menschheit liegt, indem gewissermaßen der Materialismus schon in die Perzeptionsgewohnheiten hineingenommen wird. Das ist dasjenige, was natürlich sehr weit ausgeführt werden könnte, aber ich kann ja eben wegen der vorgerückten Zeit nur noch diese Andeutungen machen.
[ 94 ] Question: How should one treat a child who, according to his parents, sang well when he was three years old, but who now—at the age of seven—has completely lost his hearing?
[ 94 ] Frage: Wie ist ein Kind zu behandeln, das nach der Aussage der Eltern gut gesungen hat, als es drei Jahre alt war, und welches augenblicklich - sieben Jahre alt - gar kein Gehör mehr hat?
[ 95 ] Dr. Steiner: We would first have to determine whether there is anything that might be masking the child’s hearing at that moment. But if the child really did sing well at the age of three—if it is true, that is, that the child sang well at the age of three—then it should be possible, with appropriate pedagogical guidance, to get the child to sing again. This could be achieved by studying, as far as possible, what habits the child had during the same period in which it sang well, what habits the child otherwise had, what it was engaged in, and what it did—and then, with a certain degree of modification, reintegrating the child into the overall context of its life at that time, and only then approaching the child with singing. One must try—just as singing was once part of a specific context—perhaps something else has even disappeared that is easier to reintroduce than singing—one must simply try to methodically recreate the entire context of the child’s life at that time.
[ 95 ] Dr. Steiner: Es wäre erst zu prüfen, ob da nicht irgend etwas vorliegt, wodurch sich das Gehör im Augenblicke maskiert. Aber wenn das Kind wirklich mit drei Jahren gut gesungen hat, wenn das also stimmt, daß das Kind mit drei Jahren gut gesungen hat, dann müßte es doch möglich sein bei einer entsprechenden pädagogischen Behandlung, das Kind wiederum zum Singen zu bringen, und man würde das dadurch erreichen, daß man womöglich studiert, was das Kind in derselben Zeit, in der es gut gesungen hat, sonst für Gewohnheiten gehabt hat, womit essich beschäftigt hat, was es getan hat, und es dann in das ganze Ensemble seines damaligen Lebens, allerdings mit einer gewissen Modifikation, wieder hineinversetzt und dann mit dem Gesange an das Kind heranrückt. Man muß versuchen, so wie dazumal das Singen in einem bestimmten Komplex darinnen gestanden hat - vielleicht ist auch sogar noch etwas anderes verschwunden, das man leichter heranbringen kann als das Singen —-, man muß eben versuchen, das ganze Ensemble des kindlichen Lebens zu der Zeit ganz methodisch wiederum hervorzurufen.
[ 96 ] Question: What is the anthroposophical perspective on Montessori education; what implications does it have for the future?
[ 96 ] Frage: Wie stellt sich die Anthroposophie zu der Erziehung von Montessori; was für Folgen hat sie in der Zukunft?
[ 97 ] Dr. Steiner: I’m actually not very keen on responding to certain contemporary movements, which always have the peculiarity of being pursued with a certain fanaticism, so I’m always reluctant to do so—not that I don’t like answering questions, but I simply mean that it’s not exactly in line with my deepest convictions to answer questions posed in this way: “What is the anthroposophical position on this or that?” — It is not necessary; I consider it my task only to present to the world what can be gained on the basis of anthroposophical research, and I do not consider it my task to shed light on other matters from this perspective.
[ 97 ] Dr. Steiner: Es ist mir eigentlich nicht sehr sympathisch, über gewisse zeitgenössische Strömungen, die ja immer das Eigentümliche haben, daß sie mit einem gewissen Fanatismus betrieben werden, zu antworten, so daß ich immer es nicht gern tue, nicht daß ich nicht gern auf Fragen antworte, aber ich meine nur, es ist nicht gerade in meinen innersten Sympathien gelegen, auf Fragen, die so gestellt werden: Wie verhält sich Anthroposophie zu dem oder jenem? — zu antworten. Es ist nicht nötig; ich betrachte es nur als meine Aufgabe, dasjenige, was auf Grundlage der anthroposophischen Forschung gewonnen werden kann, zu vertreten vor der Welt, und betrachte es nicht als meine Aufgabe, andere Dinge von diesem Gesichtspunkte aus zu beleuchten.
[ 98 ] I would just like to say that, admittedly, all those endeavors that amount to a certain degree of artificiality—for even that which does not actually belong to normal human life, where one introduces even very young children to something that does not lie within the natural course of human life, but rather invents an artificial system—all of that cannot actually be part of the child’s healthy development. A great deal is being devised in this direction today, and all these methods ultimately boil down to the fact that they are not based on a thorough, genuine understanding of human nature.
[ 98 ] Ich möchte nur sagen, daß allerdings alle diejenigen Bestrebungen, welche auf gewisse Verkünstelungen hinausgehen -— denn auch dasjenige, was eigentlich nicht im normalen Menschenleben liegt, wo man namentlich schon an das ganz junge Kind etwas heranbringt, was nicht in der Selbstverständlichkeit des menschlichen Lebens liegt, sondern wo man ein künstliches System erfindet -, daß all das eigentlich nicht in der gesunden Entwickelung des Kindes liegen kann. Es wird ja nach dieser Richtung hin heute sehr vieles erfunden, und alle diese Methoden laufen eben doch darauf hinaus, daß sie auf einer nicht gründlichen wirklichen Menschenerkenntnis beruhen.
[ 99 ] Of course, there is much that is correct in such methods. But in every case, it is necessary to reduce what is correct to what arises from a proper understanding of human nature.
[ 99 ] Natürlich kann man vieles Richtige finden in solchen Methoden. Aber es ist überall notwendig, daß man dann auch dieses Richtige auf das reduziert, was sich vor einer richtigen Menschenerkenntnis ergibt.
[ 100 ] Well, ladies and gentlemen, regarding the time that will follow, once this has been translated, I would just like to suggest that I do not wish to be so rude as to say that the hour must eventually come to an end, but since I can see that many of you here already feel this need, and since I would like to be polite enough to accommodate it, I will tell you a very short story—it will be quite brief: There was a Hungarian couple who always invited guests over for the evening—in Hungary, people used to be very hospitable back when things weren’t yet in such disarray—and when it reached ten o’clock, the husband would say to his wife: “Well, we must be polite now, my dear; we’ll excuse ourselves—the guests will probably want to go home!”
[ 100 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, für die Zeit, die dann folgen wird, nachdem dies übersetzt ist, möchte ich eben andeuten, daß ich nicht so unhöflich sein will, zu sagen, daß die Stunde auch einmal zu Ende gehen muß, aber da ich ja sehe, daß dieses Bedürfnis bei vielen der verehrten Anwesenden gegenwärtig schon vorhanden ist und dann wiederum so höflich sein möchte, diesem Bedürfnis entgegenzukommen, will ich Ihnen eine ganz kleine Geschichte erzählen, sie soll ganz kurz sein: Es gab ein ungarisches Ehepaar, das hatte sich immer zum Abend Gäste eingeladen — in Ungarn ist man sehr gastfreundlich gewesen in der Zeit, als noch nicht alles drunter und drüber ging -, und wenn es zehn Uhr geworden ist, dann sagte der Mann zur Frau: Ja, wir müssen jetzt höflich sein, Frau, wir werden uns zurückziehen, die Gäste werden wohl nach Hause gehen wollen!
