Anthroposophical Anthropology and Education
GA 304a
30 June 1923, Dornach
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Anthroposophical Anthropology and Education, tr. SOL
4. Warum eine Anthroposophische Pädagogik? I
4. Why Anthroposophical Education? I
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, es gereicht mir zur großen Befriedigung, wiederum zu Lehrern über ein pädagogisches Thema heute und morgen sprechen zu können, und ich möchte insbesondere neben allen übrigen heute anwesenden Mitgliedern die anwesenden Lehrer aufs herzlichste begrüßen.
[ 1 ] Ladies and gentlemen, it gives me great pleasure to once again have the opportunity to speak to teachers about an educational topic today and tomorrow, and I would like to extend a particularly warm welcome to the teachers here today, in addition to all the other members present.
[ 2 ] Sie werden begreifen, daß angesichts des Umstandes, daß die aus der Anthroposophie hervorgegangene Pädagogik im Wesen nichts Theoretisches, nichts irgendwie Utopistisches, sondern eine wirkliche Praxis ist, man gerade aus diesem Grunde in zwei kurzen Vorträgen nur einige Gesichtspunkte angeben kann. Ich habe mir ja erlaubt, als eine Versammlung schweizerischer Lehrer vor kurzem einmal längere Zeit hier anwesend war, in einer ausführlicheren Weise, aber noch immer in einer zu kurzen Art, über anthroposophische Pädagogik zu sprechen. Da war es schon möglich, weil es in der Praxis so vielfach auf Einzelheiten ankommt, die Dinge besser zu behandeln, als das in zwei kurzen Vorträgen möglich ist. Aber ich werde mich bemühen, in diesen kurzen Vorträgen wenigstens einige Gesichtspunkte zu entwickeln gerade mit Bezug auf die Frage, in die ich das Thema hinein formuliert habe: «Wozu eine anthroposophische Pädagogik ?»
[ 2 ] You will understand that, given the fact that the pedagogy that has emerged from anthroposophy is, in essence, neither theoretical nor in any way utopian, but rather a genuine practice, it is precisely for this reason that only a few aspects can be outlined in two short lectures. I took the liberty, when a group of Swiss teachers was here recently for an extended period, of speaking about anthroposophical pedagogy in greater detail—though still in a manner that was too brief. On that occasion, because so much in practice depends on details, it was possible to address the subject more thoroughly than is possible in two short lectures. But I will endeavor, in these short lectures, to at least develop a few points of view specifically in relation to the question with which I framed the topic: “Why an anthroposophical pedagogy?”
[ 3 ] Diese Frage muß ja aus den verschiedensten Gründen auftauchen. Schon darum muß sie auftauchen, weil ja Anthroposophie sehr häufig heute noch als irgend etwas Sektiererisches genommen wird, als irgendeine aus der menschlichen Willkür hervorgegangene Weltanschauung. Da frägt man sich dann: Darf denn Pädagogik durch eine bestimmte Weltanschauung beeinflußt werden? Kann man sich etwas Fruchtbares davon versprechen, daß ein Weltanschauungs-Standpunkt irgendwie pädagogische Konsequenzen aus sich heraus zieht? Wenn diese Frage berechtigt wäre, so gäbe es wahrscheinlich das nicht, was man anthroposophische Pädagogik nennen kann.
[ 3 ] This question is bound to arise for a wide variety of reasons. It must arise, if only because anthroposophy is still very often viewed today as something sectarian, as some kind of worldview born of human caprice. One then asks: Should pedagogy be influenced by a particular worldview? Can one expect anything fruitful to come from a worldview that somehow gives rise to pedagogical implications? If this question were justified, then what we call anthroposophical pedagogy would probably not exist.
[ 4 ] Es ist ja allerdings so, daß die verschiedenen Weltanschauungen, die vorhanden sind, auch über das Erziehungswesen diese oder jene Ansichten entwickeln, diese oder jene Forderungen aufstellen. Und man merkt überall diesen oder jenen Weltanschauungs-Standpunkt hindurch.
[ 4 ] It is true, however, that the various worldviews that exist also shape certain views and make certain demands through the education system. And one can see this or that worldview perspective reflected everywhere.
[ 5 ] Das gerade soll bei der anthroposophischen Pädagogik eben ganz unmöglich sein, und ich darf gleich einleitend vielleicht vorausschicken, daß wir ja seit nun schon einer Reihe von Jahren in Stuttgart versucht haben, eine Volks- und auch höhere Schule im Sinne dieser anthroposophischen Pädagogik einzurichten, und daß es gewissermaßen dort unser Ideal ist, daß die Dinge so natürlich und selbstverständlich im Einklang mit der ganzen Menschenwesenheit und ihrer Entwickelung vor sich gehen, daß gar niemand auf den Gedanken kommen kann, da sei irgendeine anthroposophische Idee verwirklicht, daß gar niemand eigentlich etwas merken kann davon, daß irgendein WeltanschauungsStandpunkt da zur Offenbarung kommt. Das was ich in dieser Richtung zu sagen habe, hängt ja allerdings damit zusammen, daß man mit Bezug auf Dinge, die man in der Welt vertritt, nun einmal genötigt ist, einen Namen zu gebrauchen. Aber ich kann Ihnen die Versicherung geben, mir wäre es das Allerliebste, wenn das, was hier am Goetheanum vertreten wird, keinen Namen brauchte, wenn man es einmal so und einmal so nennen könnte, weil es sich hier nicht um eine Summe von Ideen handelt, wie sie gewöhnlich eine Weltanschauung bilden, sondern weil es sich hier um eine gewisse Forschungsart und Lebensbetrachtung handelt, die von den verschiedensten Seiten her in der verschiedensten Weise benannt werden kann. Und eigentlich führt bei der Art, wie man Namen gewöhnlich nimmt, jeder Name irre. Ich möchte mich darüber ganz trivial ausdrücken, aber Sie werden mich verstehen.
[ 5 ] This, precisely, is said to be entirely impossible in anthroposophical education, and perhaps I should preface this by saying that for a number of years now we have been attempting in Stuttgart to establish an elementary school and a high school in the spirit of this anthroposophical education, and that, in a sense, our ideal there is for things to proceed so naturally and effortlessly in harmony with the whole human being and its development that no one would even think that any anthroposophical idea is being realized there—that no one would actually notice that any particular worldview is being expressed there. What I have to say in this regard is, of course, connected to the fact that, when it comes to the things one advocates in the world, one is simply compelled to use a name. But I can assure you it would be my greatest wish if what is represented here at the Goetheanum did not need a name, if one could call it one thing one time and another thing another time, because what we have here is not a collection of ideas, as is usually the case with a worldview, but rather a certain kind of research and way of looking at life that can be named in various ways from a wide variety of perspectives. And actually, given the way names are usually adopted, every name is misleading. I’d like to put it in very simple terms, but you will understand me.
[ 6 ] In bezug auf solche Dinge, wie Namen für geistige Strömungen, ist ja die Menschheit heute noch nicht viel weiter, als sie vor vielen Jahrhunderten in Europa war mit Bezug auf Namengebung überhaupt. Heute hat man allerdings für die Namengebung bei Menschen das Nötige, was zu vergessen ist, vergessen. Wie gesagt, ich will mich ganz trivial ausdrücken.
[ 6 ] When it comes to things like names for intellectual movements, humanity today hasn’t progressed much further than it did many centuries ago in Europe with regard to naming in general. Today, however, when it comes to naming people, we have forgotten what is essential—and this is something that should not be forgotten. As I said, I want to put it in very simple terms.
[ 7 ] Es hat einen Sprachforscher gegeben, einen berühmten Sprachforscher, er hieß Max Müller. Nehmen wir einmal an, jemand hätte gesagt, da und dort wohnt der Müller, und hätte damit die Wohnung des Sprachforschers Max Müller gemeint, und jemand hätte dann im Hinblick auf das Wort Müller dem betreffenden Sprachforscher Getreide gebracht, daß er es mahlen solle - weil man ihm gesagt hatte, da wohne der Müller. Nicht wahr, bei Menschen sind wir bereits gewöhnt worden, nicht allzuviel auf die Wortbedeutung der Namen zu geben. Bei solchen Dingen, wie geistige Strömungen, tut man das heute noch. Man kümmert sich oftmals nicht viel um die Dinge und analysiert, wie man sagt, den Namen «Anthroposophie». Man deutet den Namen und macht sich daraus eine Vorstellung.
[ 7 ] There was a linguist, a famous linguist, named Max Müller. Let’s suppose someone had said, “Müller lives here and there,” meaning the home of the linguist Max Müller, and then, based on the word “Müller,” someone had brought grain to the linguist in question so he could grind it—because they’d been told that’s where Müller lived. Isn’t it true that, when it comes to people, we’ve already become accustomed to not attaching too much importance to the literal meaning of names? With things like spiritual movements, people still do that today. Often, they don’t pay much attention to such matters and analyze, as they say, the name “anthroposophy.” They interpret the name and form a mental image based on it.
[ 8 ] Aber gerade so viel, wie das Wort Müller für den Sprachforscher Max Müller bedeutet, bedeutet das Wort Anthroposophie für das, was hier eigentlich als eine geistige Forschung und geistige Lebensbetrachtung gemeint ist. Daher wäre es mir am liebsten, wenn man, wie gesagt, jeden Tag die hier getriebene geistige Forschung und geistige Lebensbetrachtung anders benennen könnte. Denn darin würde sich gerade ihre Lebendigkeit zum Ausdruck bringen. Man kann nur einigermaßen charakterisieren, was Anthroposophie will heute in der Weltzivilisation; man kann aber eigentlich nicht von ihr eine von vornherein verständliche Definition geben. Und heute und morgen möchte ich mich eben bemühen, ein wenig gerade mit Bezug auf das Pädagogische zu zeigen, wie Anthroposophie fruchtbar werden kann für die Erziehung des werdenden Menschen, für das Unterrichten des werdenden Menschen.
[ 8 ] But just as the word “Müller” means to the linguist Max Müller, so does the word “anthroposophy” mean to what is actually intended here as spiritual research and a spiritual view of life. That is why I would prefer, as I said, if the spiritual research and spiritual contemplation of life pursued here could be given a different name every day. For that is precisely how its vitality would be expressed. One can only to some extent characterize what anthroposophy aims to achieve in today’s global civilization; but one cannot really provide a definition of it that is comprehensible from the outset. And today and tomorrow I would like to endeavor to show, particularly with regard to education, how anthroposophy can bear fruit for the upbringing of the developing human being, for the instruction of the developing human being.
[ 9 ] Das werden einseitige Charakteristiken sein, denn die ganze Fülle desjenigen, was gemeint ist, kann eben durchaus nicht in zwei Vorträgen erschöpft werden.
[ 9 ] These will be one-sided characterizations, for the full scope of what is meant simply cannot be exhausted in two lectures.
[ 10 ] Wenn wir uns heute mit Interesse für die Geistesentwickelung der Welt umsehen, dann merken wir ja unter den verschiedensten Forderungen, die uns umschwirren, die sogenannte pädagogische Frage. Reformpläne über Reformpläne treten von mehr oder weniger geschulten, zumeist aber von dilettantischen Menschen auf. Das alles weist aber darauf hin, daß immerhin ein tiefes Bedürfnis vorhanden ist, über die Fragen des Erziehungs- und Unterrichtswesens ins klare zu kommen.
[ 10 ] When we look around today with an interest in the intellectual development of the world, we notice, among the wide variety of demands swirling around us, the so-called educational question. Reform plan after reform plan is put forward by people who are more or less educated, but for the most part by amateurs. All of this, however, indicates that there is, after all, a deep need to gain clarity on the issues of education and instruction.
[ 11 ] Das aber hängt auf der anderen Seite zusammen damit, daß es heute außerordentlich schwierig ist, gerade mit Bezug auf die Behandlung des werdenden Menschen zu fruchtbaren, ja nur zu genügenden Anschauungen zu kommen. Und wir werden schon ein wenig hineinschauen müssen in einen Teil unserer Zivilisationsentwickelung, wenn wir die Gründe einsehen wollen, warum heute so viel von Erziehungs- und Unterrichtsforderungen und Idealen gesprochen wird.
[ 11 ] On the other hand, however, this is connected to the fact that it is extremely difficult today to arrive at fruitful—or even merely adequate—views, particularly with regard to the treatment of the developing human being. And we will have to take a closer look at a certain aspect of our civilization’s development if we are to understand the reasons why there is so much talk today about educational requirements and ideals.
[ 12 ] Wenn wir heute das äußere Leben auf der einen Seite betrachten und auf der anderen Seite das geistige Leben, so finden wir eigentlich trotz der so großen Fruchtbarkeit, welche die Wissenschaft für das praktische Leben, für die Technik und so weiter gewonnen hat, eine tiefe Kluft, einen tiefen Abgrund zwischen dem, was man Wissenschaft, Theorie nennt, was man überhaupt zu lernen hat, wenn man in einem gewissen Sinne eine Bildung anstrebt, und demjenigen, was dann im äußeren Leben, in der Lebenspraxis verwirklicht wird. Es hat sich ja immer mehr und mehr ein eigentümliches Bedürfnis in der heutigen Zivilisation herausgestellt mit Bezug auf das, was man sich durch das Lernen, insofern es auf unseren Unterrichtsanstalten getrieben wird, aneignet.
[ 12 ] When we look today at external life on the one hand and spiritual life on the other, we actually find—despite the immense fruitfulness that science has brought to practical life, technology, and so on—a deep chasm, a deep abyss between what is called science, theory—what one must learn in general if one strives, in a certain sense, for an education—and what is then realized in external life, in the practice of living. Indeed, a peculiar need has become increasingly apparent in today’s civilization with regard to what one acquires through learning, insofar as it is pursued in our educational institutions.
[ 13 ] Bedenken Sie nur einmal ein gewisses Gebiet, sagen wir die Medizin. Der junge Mediziner macht sein Studium durch. Er lernt dasjenige, was der Inhalt der heutigen medizinischen Wissenschaft ist, er lernt es auch an der Hand von allerlei Laboratoriums- und Klinikpraktiken. Wenn er aber dann sein letztes Examen gemacht hat, dann ist man sich klar darüber, daß er nun erst eigentlich eine Art Praktikum, ein klinisches Praktikum durchzumachen hat, daß er also eigentlich mit dem letzten Examen noch nicht praktisch ist. Und gar häufig, ja fast immer stellt sich dann heraus, daß eigentlich ungemein wenig von dem, was man zuerst theoretisch getrieben hat, in der wirklichen Praxis eine Anwendung findet.
[ 13 ] Just consider a particular field—let’s say medicine. The young medical student completes his studies. He learns the content of modern medical science, and he also learns it through all kinds of laboratory and clinical practices. But once he has taken his final exam, it becomes clear that he must now actually undergo a kind of internship—a clinical internship—and that, in fact, he is not yet ready for practical work even after passing the final exam. And very often—indeed, almost always—it turns out that very little of what was initially studied theoretically actually finds application in real-world practice.
[ 14 ] Ich habe nur das Gebiet des medizinischen Studiums herausgehoben, ich könnte es fast mit jedem Studium so machen. Überall würden wir sehen, daß wir heute, indem wir eine gewisse Bildung uns aneignen auf diesem oder jenem Lebensgebiet, im Grunde genommen die Kluft, den Abgrund zur Praxis hin erst extra noch zu überwinden haben, Das hat nicht nur der Mediziner, das hat nicht nur der Techniker, das hat nicht nur derjenige, der eine Handelshochschule absolviert, das hat vor allen Dingen heute auch der Lehrer zu überwinden, der, weil wir nun einmal im wissenschaftlichen Zeitalter leben, in einer Art Wissenschaftlichkeit in die Pädagogik hineingeführt wird, aber dann, nachdem er eben einen gewissen theoretischen Bildungsstoff aufgenommen hat, nun sich erst in die Praxis hineinfinden muß.
[ 14 ] I have focused only on the field of medical studies, but I could do the same with almost any field of study. Everywhere we would see that today, by acquiring a certain education in this or that area of life, we essentially still have to go out of our way to bridge the gap—the chasm—to practical application, This is true not only for the physician, not only for the technician, not only for those who graduate from a business school—it is true above all today for the teacher as well, who, because we happen to live in the scientific age, is introduced to pedagogy through a kind of scientific approach, but then, after having absorbed a certain amount of theoretical material, must now first find their way into practice.
[ 15 ] Das, was ich bis jetzt gesagt habe, wird man mehr oder weniger zugeben. Aber ein anderes wird man kaum zugeben wollen, und das ist dieses, daß eigentlich heute eine so starke Kluft besteht zwischen dem, was man theoretisch sich aneignet, was den eigentlichen Inhalt unseres Geisteslebens bildet, und dem, was die Lebenspraxis ausmacht; daß diese Kluft heute eigentlich nur überbrückt wird von den technischen Berufszweigen, weil diese technischen Berufszweige, ich möchte sagen, grausam unerbittlich sind. Baut man eine Brücke theoretisch richtig, aber praktisch unmöglich, so stürzt sie bei dem ersten Eisenbahnzug, der darüberfährt, ein. Die Natur reagiert sogleich auf das Falsche. Da muß man sich schon wirkliche Lebenspraxis aneignen.
[ 15 ] What I have said so far will be more or less acknowledged. But there is something else that people will be reluctant to admit, and that is this: that today there is actually such a wide gulf between what we acquire theoretically—which constitutes the very substance of our spiritual life—and what constitutes the practice of life; that this gulf is bridged today only by the technical professions, because these technical professions, I would say, are cruelly relentless. If you build a bridge that is theoretically correct but practically impossible, it will collapse the moment the first train crosses it. Nature reacts immediately to what is wrong. That is why one must acquire real practical experience.
[ 16 ] Geht man herauf in diejenigen Dinge, die mehr mit dem Menschen zu tun haben, dann wird die Geschichte schon anders. Die Frage ist ja gar nicht zu beantworten, wie viele Menschen von einem Arzt richtig und wie viele falsch behandelt werden, denn da hört ja jede Möglichkeit auf, daß das Leben selber einen Beweis führt. Und gehen wir gar in das Feld der Pädagogik herauf, gewiß, man kann da durchaus der Anschauung sein, daß in dieser Richtung viel kritisiert wird, und daß die Pädagogen schon einiges auszuhalten haben. Aber daß das Leben irgendwie eine Entscheidung darüber trifft, ob nun falsch oder richtig erzogen worden ist, das wird man nicht mit einem unbedingten Ja beantworten können. Man wird allerdings sagen können: Das Leben gibt nicht so bestimmte Antworten wie die tote Natur, aber es ist dennoch eine gewisse Empfindung berechtigt, die dahin geht, daß wir mit der besonderen Art, wie wir uns heute das Theoretische, also das eigentlich Geistige, in seiner heutigen Form aneignen, in die Lebenspraxis eigentlich gar nicht hineinkommen.
[ 16 ] If we move on to matters that have more to do with human beings, the story takes a different turn. After all, it is impossible to answer the question of how many people are treated correctly by a doctor and how many are treated incorrectly, because that is where any possibility of life itself providing proof comes to an end. And if we move into the field of education, certainly one can hold the view that there is a great deal of criticism in this area, and that educators have quite a bit to endure. But as to whether life somehow decides whether a person has been raised correctly or incorrectly, one cannot answer that with an unconditional “yes.” One can certainly say, however, that while life does not provide answers as definitive as those of inanimate nature, there is nevertheless a certain justified sense that the particular way in which we today appropriate the theoretical—that is, the truly spiritual—in its current form actually prevents us from entering into the practice of life at all.
[ 17 ] Nun gibt es eines in der Welt, bei dem man, ich möchte sagen, recht anschaulich zeigen kann, wie unmöglich es ist, weiterzukommen mit einem geistigen Leben, das eine solche Kluft hat zwischen dem Theoretisch-Wissenschaftlichen auf der einen Seite, und dem Leben und seiner Praxis auf der anderen Seite. Und dieses eine in der Welt ist eben der Mensch.
[ 17 ] Now there is one thing in the world that, I would say, quite vividly illustrates how impossible it is to make progress in a spiritual life that has such a gulf between the theoretical and scientific on the one hand, and life and its practice on the other. And that one thing in the world is, in fact, the human being.
[ 18 ] Wir haben im Laufe der letzten Jahrhunderte, insbesondere des 19. Jahrhunderts, einmal einen bestimmten wissenschaftlichen Geist entwickelt. Jeder einzelne Mensch, heute sogar schon der sogenannte völlig Ungebildete, steht eigentlich in diesem wissenschaftlichen Geist drinnen. Alles denkt im Sinne dieses wissenschaftlichen Geistes.
[ 18 ] Over the course of the last few centuries, especially the 19th century, we have developed a certain scientific spirit. Every single person—even those who are today considered completely uneducated—is actually imbued with this scientific spirit. Everyone thinks in accordance with this scientific spirit.
[ 19 ] Und sehen Sie sich einmal die Weltfremdheit dieses wissenschaftlichen Geistes an, wenn es sich darum handelt, ihn in die Lebenspraxis überzuführen. Kläglich war es ja zum Beispiel in den letzten Jahren, als wirklich in großen Zügen die Weltgeschichte an uns vorüberrollte und Tatsachen brachte von ungeheurer Tragweite, daß die Menschen mit ihren Theorien recht gescheit sein konnten, aber eben durchaus nichts über den Verlauf der Lebenspraxis auszumachen imstande waren. Haben wir ja doch gesehen, daß gescheite Nationalökonomen im Beginn des Weltkrieges gesagt haben: Unsere Wissenschaft lehrt uns heute, daß die kommerziellen und anderen wirtschaftlichen Zusammenhänge in der Welt so verstrickt sind, daß heute ein Krieg höchstens mehrere Monate dauern kann. Die Realität hat das Lügen gestraft. Der Krieg hat jahrelang gedauert. Was die Menschen dachten aus ihrer Wissenschaft heraus, was sie ergrübelt hatten über den Gang der Weltereignisse, war ganz und gar unmaßgebend für diesen Gang der Weltereignisse selber.
[ 19 ] And just look at how out of touch with reality this scientific mindset is when it comes to applying it to real life. It was truly lamentable, for example, in recent years, when world history was indeed rolling past us in broad strokes and bringing facts of immense significance—that people could be quite clever with their theories, yet were utterly incapable of discerning the course of practical life. We have, after all, seen that astute economists said at the outset of the World War: “Our science teaches us today that commercial and other economic interdependencies in the world are so intertwined that a war today can last, at most, several months.” Reality proved them wrong. The war lasted for years. What people thought based on their science, what they had pondered regarding the course of world events, was completely irrelevant to the course of those world events themselves.
[ 20 ] Der Mensch, indem er heranwächst, indem er vor uns hintritt, man möchte sagen, in seiner wunderbarsten Gestalt, als Kind, der Mensch ist nicht irgendwie zu erfassen mit einer geistigen Art, die eine solche Kluft hat zwischen Praxis und Theorie. Denn man müßte schon ein starrer Materialist sein, wenn man glauben wollte, daß dasjenige, was in dem Kinde heranwächst, nur eine Folge, ein Ergebnis seiner leiblich-physischen Entwickelung sei.
[ 20 ] As a human being grows up, as he steps before us—one might say—in his most wondrous form, as a child, he cannot be grasped in any way by a mode of thought that maintains such a gulf between practice and theory. For one would have to be a rigid materialist to believe that what develops in the child is merely a consequence, a result, of its physical development.
[ 21 ] Wir sehen mit ungeheurer Hingebung, Bewunderung, mit Ehrerbietung auf jene Offenbarung der Schöpfung hin, die uns das Kind in seinen ersten Lebenswochen darstellt, wo in ihm noch alles unbestimmt ist, wo in ihm aber schon dasjenige liegt, was dieser Mensch im späteren Leben leisten wird.
[ 21 ] We gaze with immense devotion, admiration, and reverence upon that revelation of creation that the child presents to us in the first weeks of life, when everything about him is still undefined, yet he already contains within himself what this person will accomplish later in life.
[ 22 ] Und wir schauen hin auf das werdende Kind, wie es von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr aus seinem Inneren heraus die Kräfte an die Oberfläche treibt, die seine Physiognomie immer ausdrucksvoller machen, die seine Bewegungen immer geordneter, orientierter machen. Wir sehen in diesem werdenden Menschen das ganze Rätsel der Schöpfung in wunderbarer Weise vor unseren Augen sich abspielen. Und wenn wir sehen, wie der eigentümlich unbestimmte Blick des kindlichen Auges im Laufe der ersten Lebenszeit Aktivität gewinnt, innere Wärme, inneres Feuer gewinnt, wenn wir sehen, wie aus den unbestimmten Bewegungen der Arme und Finger Bewegungen werden, die in schönerer Weise etwas bedeuten als die Buchstaben des Alphabetes - wenn wir das alles mit voller menschlicher Hingabe betrachten, müssen wir uns sagen: Da arbeitet gewiß nicht bloß Physisches, da arbeitet im Physischen das Geistig-Seelische; da ist jedes Stückchen Mensch im Physischen zu gleicher Zeit eine Offenbarung des Geistig-Seelischen. Da gibt es keine Färbung der Wange, die nicht Ausdruck eines Geistig-Seelischen wäre; da gibt es keine Möglichkeit, die Färbung der Wange aus bloßen materiellen Grundlagen zu verstehen, wenn wir nicht wissen, wie die Seele sich hineinergießt in das Wangenrot. Da ist Geist und Natur in einem vorhanden.
[ 22 ] And we gaze upon the developing child as, week by week, month by month, year by year, it draws forth from within the forces that make its features ever more expressive and its movements ever more orderly and purposeful. In this developing human being, we see the entire mystery of creation unfolding before our eyes in a wondrous way. And when we see how the peculiar, indeterminate gaze of the child’s eye gains activity, inner warmth, and inner fire over the course of the first years of life; when we see how the indeterminate movements of the arms and fingers become movements that, in a more beautiful way, signify something beyond the letters of the alphabet—when we observe all this with complete human devotion, we must say to ourselves: Certainly, it is not merely the physical that is at work here; rather, the spiritual-soul is at work within the physical; every little part of the human being in the physical realm is, at the same time, a revelation of the spiritual-soul. There is no blush on the cheek that is not an expression of the spiritual-psychic; there is no way to understand the blush on the cheek from purely material foundations unless we know how the soul pours itself into the redness of the cheek. Spirit and nature are present as one.
[ 23 ] Und wenn wir dann mit unserer altgewordenen Geistesanschauung kommen, die eine Kluft läßt zwischen dem, was sich theoretisch auf den Geist richtet, und dem, was sich äußerlich praktisch an das Leben richtet, dann gehen wir an dem Kinde vorbei. Dann wissen wir weder mit unserer Theorie, noch mit unserem Instinkt, der keinen Geist erfassen kann in unserer heutigen Zivilisation, etwas mit dem Kinde anzufangen. Wir haben im Leben das geistige Treiben von dem materiellen getrennt. Damit ist uns das geistige Treiben zu einer abstrakten Theorie geworden.
[ 23 ] And when we then approach the child with our outdated view of the spirit—one that creates a divide between what is theoretically directed toward the spirit and what is outwardly and practically directed toward life—we fail to connect with the child. Then, with neither our theory nor our instinct—which cannot grasp the spirit in our present-day civilization—do we know what to do with the child. In life, we have separated spiritual activity from the material. As a result, spiritual activity has become an abstract theory for us.
[ 24 ] Und dann sind solche abstrakte theoretische Anschauungen auch über die Erziehung erwachsen, wie sie zum Beispiel in der Herbartschen Pädagogik enthalten waren, die geistvoll in ihrer Art, theoretisch großartig sind, die aber ohnmächtig sind, in das eigentliche Leben einzugreifen. Oder aber wir werden irre an allem Hineinleben in das Geistige, wir wollen absehen von aller wissenschaftlichen Pädagogik und uns rein dem Erziehungsinstinkt überlassen. Das ist etwas, was heute auch schon viele Menschen fordern.
[ 24 ] And then there have also emerged such abstract theoretical views on education, as found, for example, in Herbart’s pedagogy—views that are ingenious in their own way and theoretically magnificent, but which are powerless to intervene in real life. Or else we become misled by an excessive immersion in the spiritual realm; we want to disregard all scientific pedagogy and rely purely on our instinct for education. This is something that many people are already calling for today.
[ 25 ] Wir können auch noch an einer anderen Erscheinung sehen, wie wir im Grunde genommen dem Menschen fremd geworden sind dadurch, daß wir die Kluft geschaffen haben zwischen dem theoretischen Ergreifen des geistigen und dem vollen Erfassen des praktischen Lebens.
[ 25 ] We can also see from another phenomenon how we have, in essence, become alienated from humanity by creating a divide between the theoretical grasp of the spiritual and the full comprehension of practical life.
[ 26 ] Unsere Wissenschaft hat sich großartig entwickelt. Natürlich war auch die Pädagogik aus der Wissenschaft heraus zu gestalten. Aber die Wissenschaft hatte nichts, um an den Menschen heranzukommen. Die Wissenschaft wußte vieles zu sagen über die äußere Natur; aber je mehr sie über die äußere Natur in der neueren Zeit zu sagen wußte, über den Menschen wußte sie eigentlich immer weniger zu sagen. Und so mußte man sich anschicken, nach dem Muster der Naturwissenschaft an dem Menschen zu experimentieren, und eine experimentelle Pädagogik stellte sich ein.
[ 26 ] Our science has made tremendous progress. Of course, pedagogy, too, had to be shaped by science. But science had nothing with which to reach people. Science had much to say about the external natural world; but the more it had to say about the external natural world in modern times, the less it actually had to say about human beings. And so people had to set about experimenting on human beings, following the model of the natural sciences, and an experimental pedagogy emerged.
[ 27 ] Was bedeutet denn dieser Drang zur experimentellen Pädagogik? Mißverstehen Sie mich nicht, ich habe weder etwas gegen Experimentalpsychologie noch gegen experimentelle Pädagogik; sie können wissenschaftlich viel leisten, sie geben theoretisch großartige Aufschlüsse. Hier handelt es sich nicht darum, in kritischer Weise über diese Dinge abzusprechen. Hier handelt es sich aber darum zu sehen: was für ein Drang der Zeit drückt sich in solchen Dingen aus? Man ist genötigt, außen herumzuexperimentieren, wie das Gedächtnis bei diesem, bei jenem Kinde ist, wie der Wille wirkt, wie die Aufmerksamkeit wirkt; außen an dem Menschen herumzuexperimentieren ist man genötigt. Weil man das innere Verhältnis zum Menschen, das eigentlich geistige Verhältnis zum Menschen verloren hat, weil man nicht mehr als Mensch mit der Seele zur Seele des anderen Menschen dringt, will man aus seinen körperlichen Äußerungen experimentell ablesen, welches diese seelischen Äußerungen sind. Gerade diese experimentelle Pädagogik und Psychologie sind ein Beweis dafür, daß unsere Wissenschaft ohnmächtig ist, an den vollen Menschen, der Geist, Seele und Leib zugleich ist, wirklich heranzukommen.
[ 27 ] What, then, does this drive toward experimental pedagogy mean? Do not misunderstand me; I have nothing against experimental psychology or experimental pedagogy; they can achieve a great deal scientifically and provide magnificent theoretical insights. The point here is not to speak critically against these things. Rather, the point here is to see: what kind of impulse of our time is expressed in such things? People feel compelled to experiment externally—to see how memory works in this or that child, how the will functions, how attention functions; they feel compelled to experiment externally on human beings. Because we have lost the inner relationship to the human being—the truly spiritual relationship to the human being—because we no longer reach, as human beings, from soul to soul, we seek to deduce, through experimentation with physical manifestations, what these soul-related manifestations are. It is precisely this experimental pedagogy and psychology that prove our science is powerless to truly reach the whole human being, who is spirit, soul, and body all at once.
[ 28 ] Diese Dinge müssen, wenn man im Ernste heute auf Erziehungs- und Unterrichtsfragen eingehen will, in vollem Maße gewürdigt werden, denn sie führen allmählich zu der Anschauung hin, daß das Notwendigste für einen Fortschritt auf dem Gebiet des Erziehungs- und Unterrichtswesens eine wirkliche Menschenerkenntnis ist.
[ 28 ] If one wishes to seriously address issues of education and instruction today, these factors must be fully appreciated, for they gradually lead to the view that a genuine understanding of human nature is essential for progress in the field of education and instruction.
[ 29 ] Aber eine wirkliche Menschenerkenntnis wird man nicht gewinnen, wenn nicht der Abgrund zwischen Theorie und Praxis, der sich heute so furchtbar aufgetan hat, wirklich überbrückt wird. Solche Theorie, wie wir sie heute haben, kommt nämlich nur an den menschlichen Körper heran. Und wenn solche Theorie auch an die Seele und an den Geist herankommen will, so macht sie krampfhafte Versuche, kommt aber doch in Wirklichkeit nicht an sie heran, denn Seele und Geist müssen auf eine andere Weise erforscht werden, als diejenige ist, die im Sinne der heute anerkannten sogenannten wissenschaftlichen Methode liegt.
[ 29 ] But one cannot gain a true understanding of human nature unless the chasm between theory and practice—which has opened up so terribly today—is truly bridged. For theory as we know it today only approaches the human body. And even if such a theory seeks to approach the soul and the spirit, it makes desperate attempts but in reality fails to reach them, for the soul and the spirit must be investigated in a different way than that which lies within the so-called scientific method recognized today.
[ 30 ] Um den Menschen zu erkennen, muß in ganz anderer Weise an den Menschen herangegangen werden, als es heute vielfach für exakt und richtig gilt. Dieses Herangehen aber an die wahre, wirkliche Menschennatur, dieses Aufsuchen einer wirklichen Menschenkenntnis, einer Menschenkenntnis, die Geist, Seele und Leib im Menschen in einem schaut, das ist die Aufgabe der Anthroposophie. Anthroposophie will wiederum nicht bloß den physischen Menschen, sondern den ganzen Menschen erkennen. Aber wo da die großen Aufgaben gegenüber dem vollen Leben liegen, das bemerkt man heute vielfach gar nicht.
[ 30 ] In order to understand human beings, we must approach them in a completely different way than what is often considered precise and correct today. But this approach to true, real human nature—this search for a genuine understanding of humanity, an understanding that views the spirit, soul, and body in the human being as one—that is the task of anthroposophy. Anthroposophy, in turn, seeks to understand not merely the physical human being, but the whole human being. Yet today, people often fail to recognize the great challenges this poses in relation to life in its fullness.
[ 31 ] Ich möchte mich durch ein Beispiel aussprechen, um Sie hinzuweisen darauf, wie die Aufmerksamkeit ganz anderen Dingen einmal zugelenkt werden muß, als man es heute gewöhnt ist, wenn wirkliche Menschenerkenntnis wiederum erworben werden soll.
[ 31 ] I would like to illustrate my point with an example to show you how our attention must be directed toward things quite different from what we are accustomed to today if we are to regain a true understanding of human nature.
[ 32 ] Sehen Sie, als ich jung war, es ist lange her, da kam unter anderen Weltanschauungs-Standpunkten auch der auf, den der Physiker Mach begründet hat. Es war ein ganz berühmter Weltanschauungs-Standpunkt. Ich führe das, was ich jetzt sage, nur als Beispiel an, und ich bitte, es auch nur als Beispiel hinzunehmen. Das Wesentliche dieses Machschen Standpunktes bestand darin, daß Mach sagte: Es ist ein Unsinn, von einem Ding an sich zu sprechen, ein Unsinn, von einem Ding an sich als Atom in der Welt zu sprechen. Es ist auch ein Unsinn, von einem Ich zu sprechen, das wie ein Ding in uns selber ist, sondern wir können nur sprechen von Empfindungen. Wer hat schon einmal ein Atom wahrgenommen? Rote, blaue, gelbe Dinge, cis, g, a in den Tönen nehmen die Leute wahr; süße und saure und bittere Geschmäcke nehmen die Leute wahr; harte und weiche Dinge für den Tastsinn nehmen die Leute wahr, Empfindungen nehmen die Leute wahr. Und wenn wir uns ein Weltbild machen, so besteht es nur aus solchen Empfindungen. Und wenn wir in uns selbst hineinschauen, so haben wir auch nur Empfindungen. Nichts ist da, als nur überall Empfindungen; Empfindungen, die zusammengehalten werden. Eine gewisse Härte, ein gewisses, ich will sagen, sanftartiges Anfühlen mit der Röte in der Rose, die Empfindung, daß man gebrannt wird, mit einem rötlichen Aussehen beim glühenden Eisen überall miteinander verbundene Empfindungen, so sagte Ernst Mach. Man muß sagen, gegenüber der Anschauung einer Atomwelt, die kein Mensch natürlich sehen kann, war das in der damaligen Zeit ein Fortschritt. Das ist wieder vergessen worden. Ich will nicht über diese Anschauung sprechen, sondern über ein Beispiel menschlicher Entwikkelung.
[ 32 ] You see, when I was young—and that was a long time ago—among other worldviews, there was also the one established by the physicist Mach. It was a very famous worldview. I am citing what I am about to say merely as an example, and I ask that you accept it as nothing more than an example. The essence of Mach’s viewpoint was that Mach said: It is nonsense to speak of a thing-in-itself, nonsense to speak of a thing-in-itself as an atom in the world. It is also nonsense to speak of a “self” that exists within us like a thing; rather, we can only speak of sensations. Who has ever perceived an atom? People perceive red, blue, and yellow things; they perceive the notes C sharp, G, and A; people perceive sweet, sour, and bitter tastes; people perceive hard and soft things through the sense of touch; people perceive sensations. And when we form a picture of the world, it consists solely of such sensations. And when we look within ourselves, we also have nothing but sensations. There is nothing there but sensations everywhere; sensations that are held together. A certain hardness, a certain—I would say—gentle sensation when touching the blush of a rose, the sensation of being burned, with a reddish appearance when touching a red-hot iron—sensations interconnected everywhere, as Ernst Mach said. It must be said that, compared to the conception of an atomic world that no human being can naturally see, this represented progress at the time. This has since been forgotten. I do not wish to speak about this conception, but rather about an example of human development.
[ 33 ] Sehen Sie, Ernst Mach hat einmal erzählt, wie er zu dieser Anschauung gekommen ist. Da sagte er, er sei als siebzehnjähriger Jüngling zu den Hauptsachen dieser Anschauung gekommen. Einmal, als er spazieren ging an einem besonders heißen Sommertag, da wurde ihm klar, die ganze Welt der Dinge an sich ist eigentlich müßig, das fünfte Rad am Wagen in aller Weltanschauung. Da draußen sind nur Empfindungen. Die schmelzen mit den Empfindungen der eigenen Leiblichkeit, des eigenen menschlichen Wesens zusammen. Draußen sind die Empfindungen etwas loser, innen etwas fester verbunden, und zaubern dem Menschen ein Ich vor. Alles Empfindung.
[ 33 ] You see, Ernst Mach once recounted how he arrived at this view. He said that he had arrived at the main points of this view as a seventeen-year-old youth. Once, while he was out for a walk on a particularly hot summer day, it dawned on him that the entire world of things-in-themselves is actually superfluous—the fifth wheel on the wagon in any worldview. Out there, there are only sensations. These merge with the sensations of one’s own physicality, of one’s own human being. Out there, the sensations are somewhat looser; within, they are more firmly connected, and they conjure up an “I” for the person. Everything is sensation.
[ 34 ] Das kam dem siebzehnjährigen Jüngling an einem heißen Sommertag in einem Moment gerade zu. Später, sagte er, hat er eigentlich das nur noch theoretisch weiter ausgeführt, aber die ganze Weltanschauung kam ihm auf diese Art an einem heißen Sommertag, wie er plötzlich sich zusammenfließen fühlte mit dem Rosenduft, der Rosenröte und so weiter.
[ 34 ] That struck the seventeen-year-old youth on a hot summer day, in a single moment. Later, he said, he actually only elaborated on it further in a theoretical sense, but his entire worldview came to him in this way on a hot summer day, as he suddenly felt himself merging with the scent of roses, the rosy glow, and so on.
[ 35 ] Ja, wäre es noch ein bißchen heißer geworden, dann würde wahrscheinlich nicht diese Weltanschauung entstanden sein vom Zusammenfließen des eigenen Ichs mit den Empfindungen, sondern der gute Mach wäre als siebzehnjähriger Jüngling vielleicht von einer Ohnmacht befallen worden, und wenn es noch heißer geworden wäre, hätte er einen Sonnenstich gekriegt.
[ 35 ] Yes, if it had gotten even a little hotter, then this worldview—of the merging of one’s own self with one’s sensations—probably wouldn’t have emerged; instead, the good Mach, as a seventeen-year-old youth, might have fainted, and if it had gotten even hotter, he would have suffered from heatstroke.
[ 36 ] Da haben wir drei Stufen von dem, was ein Mensch durchmachen kann. Die erste Stufe besteht darinnen, daß er, etwas gelockert, eine Weltanschauung ausgestaltet, die zweite, daß er ohnmächtig wird, die dritte, daß er einen Sonnenstich kriegt.
[ 36 ] Here we have three stages of what a person can go through. The first stage consists of the person, in a somewhat relaxed state, developing a worldview; the second, of the person losing consciousness; and the third, of the person suffering from sunstroke.
[ 37 ] Ich glaube, wenn heute einer äußerlich nachdenkt darüber, wie so jemand, wie der sehr gelehrte Ernst Mach, zu seiner Weltanschauung gekommen ist, da wird er nachdenken, was der alles gelernt hat, was in seinen Anlagen gelegen hat und so weiter; daß aber das die Hauptsache ist, wie er nun selbst erzählt, daß er die erste von den drei charakterisierten Stufen durchgemacht hat, das wird man nicht in den Vordergrund stellen. Und dennoch ist es so.
[ 37 ] I believe that if someone today were to reflect superficially on how a person like the highly learned Ernst Mach arrived at his worldview, they would consider everything he had learned, his innate aptitudes, and so on; but the fact that the main point—as he himself recounts—is that he went through the first of the three stages he described will not be emphasized. And yet that is the case.
[ 38 ] Worauf beruht denn das? Sehen Sie, man kennt einfach den Menschen nicht, wenn man nicht eine solche Erscheinung versteht. Was ist denn da eigentlich geschehen, als der siebzehnjährige Jüngling Mach spazieren ging? Es ist ihm offenbar sehr, sehr heiß geworden, und er stand zwischen dem, wo man sich ohne Hitze wohl fühlt und dem Ohnmächtigwerden mitten drinnen. Über einen solchen Zustand weiß man nichts Richtiges, wenn man nicht durch die anthroposophische Forschung darauf kommt, daß der Mensch eben nicht nur seinen physischen Leib hat, sondern über diesen physischen Leib hinaus noch das, was ich in meinen Schriften den ätherischen oder Bildekräfteleib genannt habe, einen übersinnlichen, unsichtbaren Leib.
[ 38 ] What is the basis for that? You see, one simply does not know human nature if one does not understand such a phenomenon. What actually happened when the seventeen-year-old youth Mach went for a walk? He apparently became very, very hot, and he found himself caught between feeling comfortable without feeling the heat and fainting right in the middle of it all. One knows nothing definite about such a state unless one arrives at the conclusion through anthroposophical research that the human being does not merely have a physical body, but also, beyond this physical body, what I have called in my writings the etheric body or body of formative forces—a supersensible, invisible body.
[ 39 ] Ich kann Ihnen heute natürlich nicht alle die Forschungen vorerzählen, auf denen die Erkenntnis eines solchen übersinnlichen Bildekräfteleibes beruht; aber Sie können das ja in der anthroposophischen Literatur nachlesen. Es ist ein gesichertes Forschungsresultat, wie andere gesicherte Forschungsresultate.
[ 39 ] Of course, I cannot go into detail today about all the research on which the understanding of such a supersensible body of formative forces is based; but you can read about it in anthroposophical literature. It is an established research finding, just like other established research findings.
[ 40 ] Aber wie verhält es sich mit diesem Bildekräfteleib? Mit diesem Bildekräfteleib verhält es sich so, daß wir sonst immer im wachen Zustand voll angewiesen sind auf unseren physischen Leib. Die materialistische Anschauung hat ganz recht, wenn sie das Denken, das der Mensch in der physischen Welt entwickelt, an das Gehirn oder das Nervensystem überhaupt gebunden erklärt, denn wir brauchen den physischen Leib zu dem gewöhnlichen Denken. Wenn wir aber dieses gewöhnliche Denken etwas überleiten in ein gewisses freies innerliches Erleben, wie das zum Beispiel in der künstlerischen Phantasie der Fall ist, dann geht die fast gar nicht bemerkbare Tätigkeit des Bildekräfte- oder ätherischen Leibes zu einer größeren Intensität über.
[ 40 ] But what about this body of formative forces? The situation with this body of imaginative powers is this: otherwise, in the waking state, we are always completely dependent on our physical body. The materialistic view is quite correct when it explains that the thinking a person develops in the physical world is bound to the brain or the nervous system in general, for we need the physical body for ordinary thinking. But when we transition this ordinary thinking somewhat into a certain free inner experience—as is the case, for example, in artistic imagination—then the almost imperceptible activity of the formative body, or etheric body, increases in intensity.
[ 41 ] Denkt also einer, wie man im gewöhnlichen Leben denken muß - mit dem, was ich da charakterisiere, ist wirklich nichts Abfälliges gemeint -, denkt einer in der gewöhnlichen nüchternen Weise, wie man es nun einmal muß im äußeren physischen Leben, so denkt er mit seinem physischen Leibe, und nur ganz wenig wird der Ätherleib benützt.
[ 41 ] So if one thinks as one must in ordinary life—and I really mean nothing derogatory by what I am describing here—if one thinks in the ordinary, sober way that one simply must in external, physical life, then one thinks with one’s physical body, and the etheric body is used only very little.
[ 42 ] Geht einer zum Phantasieschaffen über, sagen wir zum dichterischen Schaffen, so tritt der physische Leib etwas zurück und der Ätherleib wird mehr tätig. Dadurch werden die Vorstellungen beweglicher; die eine fügt sich lebendiger in die andere ein und so weiter. Der ganze innere Mensch geht in eine größere innere Beweglichkeit über, als wenn die gewöhnliche nüchterne Alltagstätigkeit als Denken ausgeführt wird. Das alles liegt in der Willkür des Menschen. Aber zu all dem, was in der menschlichen Willkür liegt, kommt noch etwas anderes dazu, etwas, wozu der Mensch veranlaßt werden kann durch die äußere Natur. Wenn es uns recht warm wird, dann tritt die Tätigkeit des physischen Leibes, also auch die Denktätigkeit des physischen Leibes zurück, und der Ätherleib wird tätiger und tätiger.
[ 42 ] When a person turns to creative work—let’s say, poetic creation—the physical body recedes somewhat, and the etheric body becomes more active. As a result, mental images become more fluid; one mental image blends more vividly into the next, and so on. The entire inner being takes on a greater inner fluidity than when ordinary, sober, everyday thinking is carried out. All of this lies within the human will. But in addition to everything that lies within human volition, there is something else—something to which a person can be prompted by the external natural world. When we become quite warm, the activity of the physical body—and thus also the thinking activity of the physical body—takes a back seat, and the etheric body becomes more and more active.
[ 43 ] Und indem der siebzehnjährige Mach spazieren gegangen ist und unter dem Eindruck der drückenden Sonnenhitze war, wurde einfach sein Ätherleib tätiger. Alle übrigen Physiker haben mit ihrem massiven physischen Leib die Physik ausgebildet. Den jungen Mach hat die Sonnenhitze dazu gebracht, nicht so denken zu können wie die anderen Physiker, sondern mit flüssigeren Begriffen zu denken: die ganze Welt besteht nur aus Empfindungen.
[ 43 ] And as the seventeen-year-old Mach was out for a walk and under the influence of the oppressive heat of the sun, his etheric body simply became more active. All other physicists have developed physics using their massive physical bodies. The heat of the sun led the young Mach to think not as the other physicists did, but in more fluid terms: the entire world consists solely of sensations.
[ 44 ] Wäre die Hitze noch größer geworden, so wäre der Zusammenhang zwischen seinem physischen Leib und seinem Ätherleib so gelockert worden, daß der gute Mach nicht mehr mit seinem Ätherleib hätte denken können, gar keine Tätigkeit mehr hätte ausüben können. Der physische Leib denkt nicht mehr, wenn es zu heiß ist; und wenn es noch weiter geht, wird der Mensch krank, bekommt den Sonnenstich.
[ 44 ] If the heat had become even greater, the connection between his physical body and his etheric body would have been so weakened that poor Mach would no longer have been able to think with his etheric body, nor would he have been able to perform any activity at all. The physical body ceases to think when it is too hot; and if the heat continues to rise, the person becomes ill and suffers from sunstroke.
[ 45 ] Ich führe Ihnen dies als Beispiel an, weil wir hier an der Entwickelung eines Menschen sehen, wie man verstehen muß, wie da in die menschliche Tätigkeit eingreift ein Übersinnliches im Menschen, der ätherische oder Bildekräfteleib, der uns die Form gibt, der uns die Gestalt gibt, der in uns die Wachstumskräfte hat und so weiter.
[ 45 ] I am giving you this as an example because here, in the development of a human being, we see how we must understand how a supersensible element within the human being—the etheric body, or body of formative forces—intervenes in human activity; it is this that gives us form, gives us shape, possesses the forces of growth within us, and so on.
[ 46 ] Außer diesem aber zeigt uns Anthroposophie, wie im Menschen noch weitere übersinnliche Wesensglieder stecken. - Stoßen Sie sich nicht an Ausdrücken. —- Über den Bildekräfte- oder ätherischen Leib hinaus haben wir dann dasjenige, was der eigentliche Träger der Empfindung ist, den astralischen Leib, und dann erst die Wesenheit des Ich. Wir müssen den Menschen nicht nur seinem physischen Leibe nach kennenlernen, sondern wir müssen ihn praktisch kennenlernen als ein Zusammenwirken verschiedener Glieder seiner Wesenheit.
[ 46 ] In addition to this, however, anthroposophy shows us how there are still other supersensible aspects of the human being. — Do not take offense at the terminology. —- Beyond the form-forming body, or etheric body, we have what is the actual carrier of sensation—the astral body—and only then the essence of the “I.” We must not only come to know the human being through his physical body, but we must come to know him practically as a interplay of the various components of his being.
[ 47 ] Diesen Gang vom Sinnlichen, dem die ganze gegenwärtige Wissenschaft huldigt, zum Übersinnlichen hin, diesen Gang geht Anthroposophie. Sie geht ihn nicht aus Mystik und Phantastik heraus, sie geht ihn in derselben strengen Wissenschaftlichkeit wie heute die Wissenschaft in bezug auf die Sinnenwelt und die gewöhnliche nüchterne Verstandestätigkeit, die aber an den physischen Leib gebunden ist, verfährt. So entwickelt Anthroposophie eine Erkenntnis, eine Anschauung, und damit eine Empfindung für das Übersinnliche.
[ 47 ] Anthroposophy follows this path from the sensory realm—to which all contemporary science is devoted—toward the supersensory realm. It does not take this path out of mysticism or fantasy; rather, it proceeds with the same rigorous scientific rigor as modern science applies to the sensory world and to ordinary, sober intellectual activity—which, however, is bound to the physical body. In this way, anthroposophy develops knowledge, insight, and thus a sense of the supersensible.
[ 48 ] Damit aber wird nicht etwa bloß das geliefert, daß man über die gewöhnliche Wissenschaft hinaus noch eine andere Wissenschaft hat. Es ist ja nicht so in der Anthroposophie, daß man zu dem, was wir heute als Naturwissenschaft, als Geschichtswissenschaft haben, noch eine andere besondere Geisteswissenschaft hinzufügt, die nun auch wiederum nur eine Theorie ist. Nein, wenn man so zum Übersinnlichen hinaufsteigt, so bleibt die Wissenschaft nicht Theorie, sondern die Wissenschaft wird da von selbst Praxis. Die Wissenschaft wird dasjenige, was da aus dem ganzen Menschen hervorströmt.
[ 48 ] But this does not merely mean that, in addition to ordinary science, there is another science. It is not the case in anthroposophy that we simply add another special Spiritual Science—which is, in turn, merely a theory—to what we today consider natural science and historical science. No, when one ascends in this way to the supersensible, science does not remain theory; rather, it becomes practice of its own accord. Science becomes that which flows forth from the whole human being.
[ 49 ] Von der Theorie wird nur der Kopf ergriffen. Von dem, was Anthroposophie als eine Erkenntnis, die aber mehr ist als Erkenntnis, über den ganzen Menschen gibt, wird auch der ganze Mensch ergriffen. Und wie ist es dann?
[ 49 ] Theory affects only the mind. What anthroposophy offers—an understanding of the whole human being that is, however, more than mere understanding—affects the whole human being as well. And what is it like, then?
[ 50 ] Ja, lernt man in der Anthroposophie kennen, was im ätherischen oder Bildekräfteleib enthalten ist, dann kann man nicht stehenbleiben bei den scharf konturierten Begriffen, die wir heute haben für die physische Welt, dann werden alle Begriffe beweglich, dann wird der Mensch, indem er zum Beispiel die Pflanzenwelt ansieht, nicht bloß Formen, bestimmte aufzuzeichnende Formen des Pflanzlichen haben, sondern bewegliche Formen. Sein ganzes Vorstellungsleben kommt in eine innere Beweglichkeit. Der Mensch ist genötigt, seelisch sich eine Frische zuzulegen, weil er jetzt nicht mehr die Pflanze zum Beispiel äußerlich bloß anschaut, sondern weil er, indem er über die Pflanze denkt, das Wachsen, das Sprießen, das Sprossen der Pflanze selber mitmacht. Der Mensch wird im Frühling selber Frühling mit seinen Vorstellungen, im Herbste selber Herbst mit seinen Vorstellungen. Der Mensch sieht nicht nur die Pflanze aus dem Boden sprießen, Blüten bekommen, oder wiederum die Blätter sich verfärben ins Bräunliche, abfallen, nein, der Mensch macht diesen ganzen Prozeß mit. Indem er über die sprießende, sprossende Pflanze im Frühling, auf die er hinschaut, denkt, vorstellt, wird seine Seele mitgerissen. Seine Seele macht innerlich den Wachstums-, den Blüteprozeß mit. Seine Seele wird innerlich ein Erlebnis haben, wie wenn alle seine Vorstellungen zum Sonnenhaften hingingen. Er hat gewissermaßen die Vorstellung, indem er immer mehr und mehr sich vertieft in das Pflanzliche, es ist das Sonnenlicht, zu dem er innerlich in der Seele emporstrebt. Alles wird innerlich lebendig.
[ 50 ] Yes, when one learns through anthroposophy what is contained in the etheric body or body of formative forces, one cannot remain stuck with the sharply defined concepts we have today for the physical world; then all concepts become fluid, and when a person looks at the plant world, for example, they will perceive not merely forms—specific, definable forms of the plant kingdom—but fluid forms. Their entire imaginative life takes on an inner fluidity. A person is compelled to acquire a freshness of spirit, because they no longer merely observe the plant externally, for example, but because, by thinking about the plant, they participate in the plant’s own growth, sprouting, and budding. In spring, a person becomes spring itself through their mental images; in autumn, they become autumn itself through their mental images. A person does not merely see the plant sprouting from the ground, blooming, or, in turn, the leaves turning brownish and falling off; no, a person participates in this entire process. By thinking about and creating a mental image of the sprouting, budding plant in spring that they are looking at, their soul is swept along. His soul inwardly participates in the process of growth and flowering. His soul will have an inner experience, as if all his mental images were directed toward the sun. In a sense, as he immerses himself more and more in the plant world, it is the sunlight toward which he inwardly strives in his soul. Everything comes alive within him.
[ 51 ] Da werden wir nicht vertrocknete Begriffsmenschen, da werden wir innerlich seelisch lebendige Menschen. Da machen wir etwas von einer gewissen Trauer mit, wenn die Blätter sich verfärben und abfallen, da werden wir, wie gesagt, selber Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Da frieren wir innerlich seelisch mit dem Schnee, der als äußerlich weißes Kleid die Erde bedeckt. Da wird alles in uns lebendig, was sonst trockenes Vorstellungsleben ist.
[ 51 ] There we cease to be dry, conceptual beings; there we become people who are alive in spirit and soul. There we experience a certain sadness as the leaves change color and fall; there, as I said, we ourselves become spring, summer, fall, and winter. There, we freeze inwardly and spiritually along with the snow that covers the earth like a white outer garment. There, everything within us that is otherwise a dry, abstract life of the imagination comes alive.
[ 52 ] Und kommt man gar herauf zu Begriffen des sogenannten astralischen Leibes, ja, sehen Sie, da kommen die Leute und sagen: Ach, dieser astralische Leib, den haben so ein paar phantastische Kerle ausgesonnen.
[ 52 ] And when you even get to the concept of the so-called astral body—well, you see, that’s when people come along and say: “Oh, this astral body—it’s just something a few fanciful fellows have concocted.”
[ 53 ] Nein, er ist beobachtet, beobachtet wie etwas anderes. Aber derjenige, der ihn wirklich versteht, beginnt etwas anderes zu verstehen. Er beginnt zu verstehen dasjenige zum Beispiel, was erlebte Liebe ist. Er beginnt zu verstehen, wie die Liebe webt und wellt im Dasein. So wie er durch seinen Körper eine innere Erfahrung bekommt, ob es warm oder kalt ist, so bekommt er durch die Erkenntnis des astralischen Leibes eine innerliche Wahrnehmung, ob Liebe webt und wellt, oder ob Antipathie webt und wellt. Es ist eine volle Bereicherung des Lebens.
[ 53 ] No, it is observed—observed as something else. But the one who truly understands it begins to understand something else. He begins to understand, for example, what experienced love is. He begins to understand how love weaves and ripples through existence. Just as he gains an inner experience through his body of whether it is warm or cold, so too, through the knowledge of the astral body, he gains an inner perception of whether love weaves and undulates, or whether antipathy weaves and undulates. It is a complete enrichment of life.
[ 54 ] Sie werden nicht behaupten können, wenn Sie auch noch so viele Theorien, wie sie heute üblich sind, studieren, daß dann dasjenige, was Sie studieren, in Ihren ganzen Menschen übergeht. Es bleibt Kopfbesitz. Wollen Sie es anwenden, so müssen Sie es nach einem äußerlichen Prinzip anwenden. Studieren Sie Anthroposophie, so geht das über in Ihren ganzen Menschen, wie das Blut in Ihrem Körper rinnt. Das ist Lebensstoff, geistiger Lebensstoff - wenn ich das widerspruchsvolle Wort bilden darf -, geistiger Lebensstoff, der uns durchdringt. Wir werden andere Menschen, wenn wir Anthroposophie aufnehmen.
[ 54 ] No matter how many theories—as are common today—you study, you will not be able to claim that what you study will permeate your entire being. It remains merely intellectual knowledge. If you wish to apply it, you must do so according to an external principle. If you study anthroposophy, it permeates your entire being, just as blood flows through your body. It is the substance of life—spiritual substance of life—if I may coin that seemingly contradictory term—a spiritual substance of life that permeates us. We become different people when we take in anthroposophy.
[ 55 ] Und es ist so: wenn Sie ein Stück eines Menschenleibes nehmen, vom Finger hier, so kann dieses Stück höchstens tasten. Es muß ganz anders sich durchorganisieren, wenn es das Auge werden soll. Das Auge besteht auch aus solchen Geweben wie der Finger, aber das Auge ist innerlich selbstlos, ist innerlich durchsichtig geworden. Daher vermittelt einem das Auge dasjenige, was außerhalb des Auges ist.
[ 55 ] And the fact is: if you take a piece of a human body—say, a finger—that piece can, at most, feel by touch. It must organize itself in an entirely different way if it is to become an eye. The eye also consists of tissues like those of the finger, but the eye has become selfless within, has become transparent within. That is why the eye conveys to us what lies outside the eye.
[ 56 ] Hat der Mensch innerlich ergriffen den astralischen Leib, so vermittelt der ihm dasjenige, was außerhalb ist. Der astralische Leib wird ein seelisches Auge. Der Mensch schaut in die Seele des anderen Menschen hinein, nicht in einer abergläubischen, zauberischen Weise, sondern in einer ganz natürlichen Weise. Aber es tritt so ein, was sonst nur unbewußt im Leben die Liebe macht. Sie schauen dasjenige, was in der Seele des anderen Menschen ist. Unsere heutige Wissenschaft sondert Theorie von Praxis ab. Anthroposophie bringt dasjenige, was Erkenntnis ist, in das unmittelbare Leben hinein, macht den Menschen zu einem anderen Menschen.
[ 56 ] Once a person has inwardly grasped the astral body, it conveys to them what lies outside. The astral body becomes a soul eye. The person looks into the soul of another human being, not in a superstitious or magical way, but in a completely natural way. But what otherwise happens only unconsciously in the course of love comes to pass. They see what is in the soul of the other person. Modern science separates theory from practice. Anthroposophy brings true knowledge into immediate life, transforming one person into another.
[ 57 ] Es ist unmöglich, wenn man Anthroposophie studiert, daß man hinterher erst eine Praxis in der Anthroposophie durchmachen muß. Es wäre ein Widerspruch in sich. So wie das Blut, wenn der Mensch als Embryo organisiert wird, in seinen Körper dringt, so dringt in Seele und Geist als eine Realität dasjenige, was Anthroposophie ist.
[ 57 ] When one studies anthroposophy, it is impossible to have to undergo practical training in anthroposophy only afterward. That would be a contradiction in terms. Just as blood enters the body when a human being is formed as an embryo, so does that which is anthroposophy enter the soul and spirit as a reality.
[ 58 ] Dadurch aber kommen wir nicht etwa dazu, nun äußerlich am Menschen herumzuexperimentieren, sondern wir kommen dahin, in das innere Seelengefüge des Menschen hineinzuschauen, an den Menschen wirklich heranzukommen. Dann aber lernen wir auch noch etwas anderes. Dann lernen wir erkennen, wie innig verwandt zum Beispiel das menschliche Vorstellen mit dem menschlichen Wachstum ist.
[ 58 ] This, however, does not lead us to experiment on human beings externally, but rather enables us to look into the inner structure of the human soul and truly connect with human beings. But then we also learn something else. We come to recognize, for example, how intimately connected human mental images are with human growth.
[ 59 ] Was weiß denn die heutige Psychologie von der Verwandtschaft des menschlichen Vorstellens mit dem menschlichen Wachstum? Man redet auf der einen Seite von der Art und Weise, wie Vorstellungen zustandekommen. Man redet auf der anderen Seite in der Physiologie, wie der Mensch wächst. Aber daß diese beiden Dinge, Wachstum und Vorstellung, etwas miteinander zu tun haben, innig verwandt sind, davon weiß man ja gar nichts. Daher weiß man auch nicht, was es bedeutet, wenn in dem Lebensalter, das ungefähr zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahr liegt, an den Menschen, an das Kind, unrichtige Vorstellungen herangebracht werden, wie das seinen Wachstumsprozeß beeinflußt, wie das den richtigen körperlichen Wachstumsprozeß beeinflußt. Man weiß nicht, wenn man dem Kinde zuviel Gedächtnisvorstellungen beibringt, wie das hemmend wirkt auf seinen Wachstumsprozeß. Man weiß nicht, wenn man dem Kinde zuwenig Gedächtnisvorstellungen beibringt, wie das sein Wachstum, ich möchte sagen, übermächtig macht, so daß es zu allerlei Krankheiten neigt. Man kennt nicht diesen innigen Zusammenhang zwischen allem Seelischen und allem Leiblichen.
[ 59 ] What does modern psychology actually know about the relationship between human imagination and human growth? On the one hand, people talk about the way in which mental images come into being. On the other hand, in physiology, people discuss how human beings grow. But the fact that these two things—growth and mental image—are related to one another, that they are intimately connected—about that, we know absolutely nothing. Consequently, we also do not know what it means when, during the period of life roughly between the ages of seven and fourteen, incorrect mental images are presented to a person—to a child—or how this influences their growth process, or how it affects the proper physical growth process. We do not know how teaching a child too many mental images inhibits its growth process. We do not know how teaching a child too few mental images makes its growth—I would say—overpowering, so that it becomes prone to all sorts of illnesses. We are unaware of this intimate connection between everything psychological and everything physical.
[ 60 ] Ohne das aber ist jede Erziehung und jeder Unterricht ein finsteres Herumtappen am Menschen. Anthroposophie hat ganz gewiß im Anfang nicht darnach gestrebt, eine Pädagogik zu begründen. Sie wollte Menschenerkenntnis, ganze, volle Menschenerkenntnis liefern. Aber indem sie ganze, volle Menschenerkenntnis lieferte, entstand ganz von selbst das Pädagogische.
[ 60 ] Without this, however, all education and all teaching is nothing more than groping in the dark when it comes to understanding human beings. Anthroposophy certainly did not set out in the beginning to establish a system of pedagogy. It sought to provide an understanding of the human being—a complete, full understanding. But in providing this complete, full understanding of the human being, the pedagogical aspect arose quite naturally.
[ 61 ] Und wenn wir uns nun umschauen, was da und dort heute als Reformgedanken auftritt, so ist das alles außerordentlich gut gemeint, und man kann vor mancherlei allen Respekt haben, was in dieser Weise auftritt, denn die Menschen können ja nichts dafür, daß zunächst keine Menschenerkenntnis, keine wahre, wirkliche Menschenerkenntnis da ist. Wäre Menschenerkenntnis in diesen pädagogischen Reformplänen, Anthroposophie brauchte nichts zu sagen. Aber wenn Menschenerkenntnis vorhanden wäre, dann wäre es ja eben Anthroposophie. Weil eine wirkliche Menschenerkenntnis heute in unserem ganzen Zivilisationsleben fehlt, kam Anthroposophie und wollte diese Menschenerkenntnis geben. Und weil Pädagogik nur auf Menschenerkenntnis fußen kann, weil Pädagogik nur dann gedeihen kann, wenn nicht Theorie auf der einen Seite, Praxis auf der anderen Seite da ist, sondern wenn, wie beim wirklichen Künstler, alles, was man weiß, auch in das Tun, in die Tätigkeit hineingehen kann; weil Pädagogik nur gedeihen kann, wenn alles Wissen Kunst ist, wenn die Erziehungswissenschaft nicht Wissenschaft, sondern Erziehungskunst ist, muß eine solche in sich tätige Menschenerkenntnis die Grundlage des pädagogischen Wirkens und Arbeitens sein.
[ 61 ] And when we look around at what is emerging here and there today as ideas for reform, it is all exceptionally well-intentioned, and one can have the utmost respect for many of these initiatives, for people are not to blame for the fact that, for the time being, there is no knowledge of the human being—no true, genuine knowledge of the human being. If an understanding of the human being were present in these educational reform plans, anthroposophy would have nothing to say. But if knowledge of the human being were present, then that would, in fact, be anthroposophy. Because a true knowledge of the human being is lacking today in the whole of our civilized life, anthroposophy came along and sought to provide this knowledge of the human being. And because education can only be based on knowledge of the human being—because education can only flourish when there is not merely theory on the one hand, and practice on the other, but rather—as with the true artist—when everything one knows can flow into action and activity; because pedagogy can only flourish when all knowledge is art, when the science of education is not a science but the art of education, such an active understanding of the human being must be the foundation of pedagogical work and practice.
[ 62 ] Sehen Sie, darum existiert eine anthroposophische Pädagogik. Nicht weil man nun einmal fanatisiert ist für Anthroposophie, und deshalb der Anthroposophie zuschreibt, daß sie ein solcher Allerweltskerl ist, daß sie alles kann, also auch Kinder erziehen, nicht deshalb gibt es eine anthroposophische Pädagogik, sondern weil mit Notwendigkeit nur aus einer wirklichen Menschenerkenntnis heraus, die eben Anthroposophie geben will, Pädagogik erwachsen kann. Deshalb, meine sehr verehrten Anwesenden, gibt es eine anthroposophische Pädagogik.
[ 62 ] You see, that is why anthroposophical pedagogy exists. Not because one is simply fanatical about anthroposophy and therefore attributes to it the ability to be such a jack-of-all-trades that it can do everything—including educating children—but rather because pedagogy can only necessarily arise from a genuine understanding of the human being, which is precisely what anthroposophy seeks to provide. That is why, ladies and gentlemen, there is such a thing as anthroposophical pedagogy.
[ 63 ] Nun möchte ich morgen, nachdem ich heute nur einige einleitende Striche gegeben habe, über das Thema weitersprechen.
[ 63 ] Now, since I’ve only provided a few introductory remarks today, I’d like to continue discussing this topic tomorrow.
