Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Fundamental Spiritual and Soul Forces
in the Art of Education
Spiritual Values in Education and Social Life
GA 305

25 August 1922, Oxford

Translate the original German text into any language:

9. Die Erziehung des Menschen im Reifealter und die Lebensbedingungen des Lehrers

9. The Teachers of the Waldorf School

[ 1 ] Gestern erlaubte ich mir schon anzudeuten, zu welchem Punkte in der Erziehung der Jugend man kommt, wenn die Knaben und Mädchen das 14. oder 15. Jahr, die Geschlechtsreife erreicht haben. Da ergeben sich für den Erzieher, der seine Verantwortlichkeit fühlt, große Schwierigkeiten. Und insbesondere in einer Schule oder Erziehungsanstalt, in welcher aus dem Wesen des Menschen erzogen wird, treten diese Erscheinungen ganz besonders zutage. Aber es kann sich dabei nicht darum handeln, durch irgendwelche unnatürliche Erziehungsmaßnahmen diese Schwierigkeiten zurückzudrängen. Denn, drängt man sie für dieses Lebensalter zurück, dann ergeben sie sich im späteren Leben im maskierten Zustande in aller möglichen Weise. Es ist viel besser, wenn man mit klaren Augen den Schwierigkeiten, die entstehen, entgegenschaut, und wenn man sich dazu anschickt, sie auch in der richtigen Weise als etwas, was im Menschenleben da sein muß, zu behandeln. Gerade in einer Schule wie der Waldorfschule, in der sich Knaben und Mädchen nebeneinander und im unmittelbaren freien Verkehre miteinander befinden, gerade in einer solchen Schule treten eben diese Schwierigkeiten ganz besonders auf.

[ 1 ] I alluded yesterday to what takes place when the boys and girls one is educating come to be 14 or 15 years old and reach puberty. At this stage, a teacher who takes his responsibilities seriously will encounter many difficulties. And these difficulties are particularly apparent in a school or college where the education is derived from the nature of man. Now it is out of the question to overcome these difficulties by extraneous discipline. If they are repressed now they will only re-appear later in life in all manner of disguises. It is far better to look them squarely in the face as an intrinsic part of human nature and to deal with them. In a school like the Waldorf School where boys and girls are educated together and are constantly in each others company such difficulties occur very frequently.

[ 2 ] Wir konnten schon darauf hinweisen, welche Differenz eintritt zwischen Knaben und Mädchen so gegen das 10. Lebensjahr hin. Da beginnen die Mädchen stärker zu wachsen, namentlich auch stärker in die Höhe zu wachsen. Die Knaben bleiben im Wachstum etwas zurück bis zum Geschlechtsreifealter. Da überholen wiederum die Knaben die Mädchen.

[ 2 ] We have already referred to the difference between boys and girls which begins to appear about the 10th year. At this age girls begin to grow more vigorously and, particularly, to shoot up in height. Boys growth is delayed until round about puberty. After that, the boys catch up with the girls.

[ 3 ] Für denjenigen, der aus einer wirklichen Menschenerkenntnis heraus, die Geist, Seele und Leib umfaßt im innigen Miteinanderwirken, beobachtet, für den bedeutet das sehr viel; denn es ist in dem Wachsen, namentlich in der Überwindung der Schwerkraft der Erde durch das Wachsen etwas Fundamentales aus der Menschennatur gegeben. Und wiederum auf der anderen Seite ist etwas Fundamentales damit gegeben, ob irgend etwas in den Lebenserscheinungen des Menschen in der einen oder in der anderen Lebensepoche eintritt. Es ist deshalb so, daß gewisse kosmische, außermenschliche Wirkungen, die von der Außenwelt in dem Menschen ausgeübt werden, auf den weiblichen Organismus in einer intensiveren Weise zwischen dem 10. und 14. Jahre wirken als auf den männlichen Organismus. Gewissermaßen lebt sich der weibliche Organismus zwischen dem 10. und 14. Jahre in eine übersinnliche Welt auch körperlich hinein.

[ 3 ] For one who observes the one interplay between spirit, soul and body from the standpoint of a true human knowledge, this is of great significance. For growing, the overcoming of the earth's gravity by growth, engages the fundamental being of man, his essential manhood, whereas it is not essentially a concern of the human being whether a certain organic phenomenon appears at one stage or another of his life. For, actually, certain cosmic, extra-human influences which work in upon the human being from the external world affect the female organism more intensely between the 10th and 12th year than they do the male organ-ism. In a certain sense the female organism between the 10th and 12th year partakes even bodily of the super-sensible world.

[ 4 ] Ich bitte das als etwas ganz besonders Wichtiges zu betrachten. Es lebt sich der weibliche Organismus zwischen dem 10. und 12., 13., 14. Lebensjahr als Organismus in etwas Geistiges hinein. Er wird durchgeistigt in dieser Zeit. So daß ihm für diese Zeit bei Mädchen etwas ganz besonderes mit der Blutentwickelung gegeben ist. Die Blutzirkulation steht, man möchte sagen, in diesen Lebensjahren der ganzen Welt gegenüber. Sie muß sich gewissermaßen an der ganzen Welt, an dem Universum regulieren. Und Beobachtungen einfach auch mit äußeren Instrumenten, die etwa feststellen würden, wie sich das Verhältnis zwischen Pulsschlägen und Atemzügen verändert zwischen dem 10. und 14. Jahre, die würden etwas ganz anderes ergeben für die Mädchennatur als für die Knabennatur.

[ 4 ] Please realise the importance of this: between the 10th and 12th year, or the 13th and 14th, the female organism qua organism begins to dwell in a spiritual element. It becomes permeated by spirit at this period. And this affects the processes of the blood in girls in a very special way. During these years the blood circulation is, as it were, in contact with the whole universe. It must take its time from the whole world, from the universe, and be regulated by it. And experiments carried out to find the relationship between the rhythm of pulse and breath between 10 and 12 years, even if done with external instruments, would find the results among girls other than among boys.

[ 5 ] Der Knabe beginnt mit dem 13., 14. Jahre ein anderes Wesen zu zeigen, als er früher gezeigt hat, und da beginnt er auch das Mädchen an Größe zu überwachsen. Er wächst hinaus. Er holt das wiederum nach, was er früher versäumt hat, aber er holt das nach in einem Zustande, in dem der Mensch ganz anders der Welt gegenübersteht, als er in früheren Lebensjahren gegenübergestanden hat. Daher wird beim Knaben jetzt mehr engagiert das Nervensystem als das Blutsystem. Und so ist es beim Knaben leicht der Fall, daß sein Nervensystem gerade in diesen Jahren überreizt wird, wenn man nicht in der richtigen Weise die Eindrücke des Schulwesens an den Knaben heranbringt. Denn in diesen Jahren hat einen ungeheuren Einfluß auf den Knaben dasjenige, was in der Sprache oder in den Sprachen, die er gelernt hat, liegt. Die menschlichen Vorstellungen, die in der Sprache oder in den Sprachen niedergelegt sind, die dringen gewissermaßen, während der Körper schwächer wächst, sie dringen in den Knaben ein. Und so beginnt mit diesem Lebensalter in dem Knaben die Welt zu rumoren, innerlich zu toben, aber die Welt, die auf der Erde die Umgebung bildet.

[ 5 ] The boy of 13 or 14 begins to show a nature hitherto unrevealed, and he also begins to grow more than the girls do. He grows in all directions. He makes up for the delay in his growing. At the same time his relationship to the outer world is quite other than it was in the earlier periods of his life. And so in boys it is the nervous system which is now affected, rather than the circulation of the blood. Thus, it can easily happen that the boy's nervous system gets overstrained if the instruction at school is not given him in the right way. For in these years, the form and content of language, or of the languages he has learned, have an enormous influence upon him. The ideas of men enshrined in language, or in foreign languages, press upon the boy, beset him as it were, while his body grows more delicate. And so at this age the whole world drones and surges within a boy—the world, that is, of this earthly environment.

[ 6 ] Man möchte sagen: dem Mädchen wird etwas von dem ganzen Kosmos, von dem Universum eingepflanzt, etwas früher; dem Knaben wird die Umgebung auf der Erde auf dem Umwege durch die Sprache eingepflanzt. Sie können äußerlich an Symptomen das dadurch wahrnehmen, daß der Knabe seine Stimme verändert. Es geht auf diesem Umwege der Stimmbildung mit der ganzen Organisation des Knaben ungeheuer viel vor sich. Beim weiblichen Organismus tritt diese Stimmveränderung nur in leiser Weise hervor. Dagegen innerlich im Organismus hat sich etwas vorbereitet, was eben mit dem schnellen Aufschießen zusammenhängt, was mehr, ich möchte sagen, überirdische Welt in das Mädchen hineingießt. Gerade die Fortschritte der materialistischen Erkenntnis der Welt kommen vor einer spirituellen Anschauung zur Geltung.

[ 6 ] Thus: in girls a year or two sooner is implanted some-thing of the surrounding universe; in boys earthly environment is implanted through the medium of language. This is apparent externally in the boy's change of voice. And indirectly, in connection with this transformation in the voice enormously important things take place in the boy's whole organism. In the female organism, this rounding off of the voice is very slight. On the other hand in connection with the quickened growing, there has been a preparation in the organism, which is, as it were, a flowing into the maiden of supernal worlds. The recent advances of materialistic science of the world come into their own on a spiritual view.

[ 7 ] Sehen Sie, wenn die Rede davon ist, daß spirituelle Gesichtspunkte oder spirituelle Werte irgendwo vertreten werden, so sagt man leicht: nun ja, das sind solche sonderbare Käuze, die schweben weit von der Erde weg, die wollen das Materielle verachten. Und dann kommt wohl der Naturforscher und hebt die großen Fortschritte der rein materiellen Erkenntnisse hervor, die die letzten Jahrhunderte gemacht haben. Und dann glaubt man, daß diejenigen, die von so etwas Weltfremdem - ich meine jetzt nicht, die Anthroposophie ist weltfremd, aber die Welt ist die Anthroposophie fremd —, wenn dann so etwas Weltfremdes auftritt, wie die Anthroposophie, dann glaubt man, die kümmert sich nicht um die Materie, um die praktische Welt. Sie ist es gerade, welche die großen Fortschritte der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse aufnimmt, mit ungeheurer Liebe aufnimmt und sie dann durchtränkt mit dem, was man aus der geistigen Welt heraus erkennen kann. So daß man tatsächlich eine richtige Einschätzung des Materialismus gerade bei den Bekennern einer spirituellen Philosophie finden wird, eine richtige Einschätzung des Materialismus. Der Spiritualist darf Materialist sein. Aber der bloße Materialist verliert mit dem Geiste auch die Erkenntnis der Materie, denn er hat nichts mehr vor sich als den äußeren Schein von der Materie. Gerade der Materialist verliert jede Einsicht in das materielle Geschehen. Das ist dasjenige, was ich als etwas besonders Bedeutungsvolles hervorheben möchte.

[ 7 ] You see when people hear that a spiritual outlook or spiritual values are upheld somewhere, they are apt to say: O yes, those are queer cranks who scorn the earth and all material things. And then comes the natural scientist and cites the marvellous advances of purely material science in recent centuries. And so people believe that anyone who advocates a thing so alien to the world—not that I mean that Anthroposophy is alien to the world—but that the world is alien to Anthroposophy—but when a strange thing like Anthroposophy appears, people think it is not concerned with material things, or with practical life. But it is precisely Anthroposophy which takes up the latest discoveries of the natural sciences, takes them up with immense love and saturates them with the knowledge that can be got from the spiritual world. So that it is precisely among those who support spiritual philosophy that there exists a true appreciation of materialism, a proper appreciation of materialism. The spiritualist can afford to be a materialist. But the pure materialist loses knowledge of matter when he loses the spirit, all he can observe is the outer appearance of matter. It is just the materialist who loses all insight into material happenings. I call attention to this as it seems to me of great significance.

[ 8 ] Und, sehen Sie, derjenige, der nun in der Weise den Kindern gegenübersteht wie der Waldorflehrer, der beurteilt nun den Menschen, der geschlechtsreif geworden ist, der also hinübergekommen ist in seiner Lebensentwickelung über das, was in der Lebensepoche geschehen ist, die ich eben jetzt angedeutet habe, der beurteilt diesen Menschen in einer ganz anderen Weise, als wenn man nichts von alledem weiß, namentlich wenn man es nicht vom spirituellen Gesichtspunkte aus weiß.

[ 8 ] And you see, when you have the attitude of a Waldorf teacher towards the children you look in quite a different way upon a child who has reached puberty—a child who has just passed through that stage of development which includes the organic changes I have alluded to—you look upon this child in quite a different way from that of a person who knows nothing of all this, who knows nothing of it, that is, from the spiritual point of view.

[ 9 ] In dem Knaben, so um das 14., 15. Jahr herum, tritt einem entgegen ein Mensch, in dem die äußere Umgebung rumort. Ich möchte sagen: die Worte mit ihrem bedeutungsvollen Inhalte, die sind in sein Nervensystem unbewußt eingezogen, die rumoren in seinen Nerven. Er weiß mit sich selber nichts anzufangen, der Knabe. Er hat ja etwas in sich aufgenommen, das ihm gerade im 14., 15. Lebensjahr anfängt, fremd zu erscheinen. Er kommt in ein Staunen hinein, in ein Kritisieren, Skeptizieren gegenüber sich selbst; er kommt in eine Haltlosigkeit gegenüber sich selbst. Und wer die Menschennatur versteht, der weiß, daß dieses merkwürdige zweibeinige Wesen, das auf der Erde herumwandelt und das man Anthropos nennt, daß dieses für keinen Philosophen jemals ein so großes Rätsel war, als es oftmals ist für den fünfzehnjährigen Knaben; denn es umfaßt da das Rätselvolle alle Kräfte der menschlichen Seele. Denn dasjenige, was am meisten entfernt liegt vom gewöhnlichen Bewußtsein, der Wille, der ist es, der förmlich anstürmt gegen das Knaben-Nervensystem im 14., 15. Lebensjahre.

[ 9 ] A boy of 14 or 15 years old echoes in his being the world around him. That is to say: words and their significant content are taken up unconsciously into his nervous system, and they echo and sound on-in his nerves. The boy does not know what to do with himself. Something has come into him which begins to feel foreign to him now that he is 14 or 15. He comes to be puzzled by himself, he feels irresponsible. And one who understands human nature knows well that at no time and to no person, not even to a philosopher, does this two legged being of the Earth called Anthropos seem so great a riddle as he does to a fifteen year old boy. For at this age all the powers of the human soul are beset by mystery. For now the will, the thing most remote from normal consciousness, makes an assault upon the nervous system of the 15 or 16 year old boy.

[ 10 ] Anders ist es beim Mädchen. Und gerade wenn man das recht anstreben will, was mit Recht in der Gegenwart angestrebt wird, und was in der Zukunft kommen muß, die völlige Gleichheit, die Gleichberechtigung der beiden Geschlechter für die Welt, dann muß man einen klaren, unbefangenen Blick haben für die Differenzierung. Nur dadurch kann die Gleichheit realisiert werden, daß man einen klaren unbefangenen Blick für die Differenzierung hat. Und in demselben Sinne, wieder Knabe sich selber ein Rätsel wird, etwas, das er bestaunt, wird dem Mädchen gerade in diesen Jahren die Außenwelt ein Rätsel. Das Mädchen hataufgenommen etwas Überirdisches in sich. Es gestaltet sich die ganze Menschenwesenheit unbewußt in dem Mädchen. Dann hat man ein Menschenwesen vor sich mit dem 14., 15. Lebensjahre, das nun vor der Welt erstaunt, das in der Welt die Rätsel findet, das in der Welt vor allen Dingen die Realisierung von Werten finden möchte.

[ 10 ] With girls it is different. But when we aim, as we should aim, at equal treatment for both sexes, at an equal recognition,—a thing which must come in the future—it is all the more important to have clearly in view the distinction between them. So, now, whereas for the boy his own self becomes a problem, he is perplexed by himself,—for girls at this time the problem is the world about them. The girl has taken up into herself something not of the earth. Her whole nature is developing unconsciously within her.

[ 11 ] Und so beginnt für das Mädchen gerade mit dieser Lebensepoche an der Außenwelt manches unverständlich zu werden. Beim Knaben wird dann in der Innenwelt viel unverständlich. Beim Mädchen wird in der Außenwelt viel unverständlich.

[ 11 ] And a girl of 14 or 15 is a being who faces the world in amazement, finding it full of problems; above all, a being who seeks in the world ideals to live by. Thus many things in the outer world become enigmatic to a girl at this age. To a boy the inner world presents many enigmas. To a girl it is the outer world.

[ 12 ] Man muß ein Gefühl dafür haben, eine Empfindung, daß man mit dem 14., 15. Jahre ganz neue Menschenkinder vor sich hat, nicht dieselben, die man früher hatte. Und verhältnismäßig sehr rasch vollzieht sich für das eine und für das andere Individuum die Umwandelung, so daß es sein kann, daß der Lehrer, der da schläft und keinen Sinn hat für die Umwandelung, die die Menschen, die ihm anvertraut sind, neben ihm durchmachen, diese Umwandelung eben verschläft, daß er nicht sieht, wie er oftmals plötzlich vor einem neuen Menschenwesen steht.

[ 12 ] One must realise, one must come to feel, that one now has to deal with quite new children—not the same children as before. And this change in each child comes, in some cases, remarkably quickly,—so that a teacher not alive to the transformation going on in the children in his charge may fail to perceive that he is suddenly confronting a new person.

[ 13 ] Sehen Sie, das ist dasjenige, was vor allen Dingen bei den Lehrern und Erziehern der Waldorfschule selber heranerzogen werden muß, und wohinein gerade sich diese Lehrer aus Gründen, die ich dann darzulegen haben werde, verhältnismäßig schnell hineingelebt haben: Unbefangenheit gegenüber dem Wandel in der Menschennatur. Der Waldorflehrer — wenn ich mich jetzt etwas paradox ausdrücke - ist unter Umständen stets bereit, das Morgen ganz anders zu finden, als das Gestern war. Das ist dasjenige, was im Grunde genommen sein Erziehungsgeheimnis ist. Man möchte sagen, der Mensch sonst denkt am Abend: Morgen wird doch wieder die Sonne aufgehen, es wird so sein, wie es heute war und so weiter. - Nun, es ist etwas paradox selbstverständlich ausgesprochen, aber dennoch möchte ich, um gewissermaßen symptomatisch die Sache auszudrücken, sagen: Der Waldorflehrer muß darauf vorbereitet sein, daß auch einmal ein Tag kommen könnte, an dem die Sonne nicht aufgeht. - Denn nur, wenn man in dieser Weise, ohne durch die Vergangenheit zu Vorurteilen getrieben zu werden, die Menschennatur betrachtet, dann kann man diese Menschennatur in ihrem Werden wirklich verstehen. Denn draußen im Kosmos, da können wir uns in einer gewissen Weise beruhigen, daß doch die Dinge ein bißchen konservativ bleiben. Aber wenn es in der Menschennatur von den früheren Kinderjahren über das 14., 15., 16. Jahr kommt, da, meine Damen und Herren, geht manchmal die Sonne nicht auf, die früher aufgegangen ist, da ist eine so große Veränderung in bezug auf diesen rätselhaften Mikrokosmos eingetreten, der der «Mensch» ist, daß wir in der Tat ebenso unbefangen dem Menschen gegenüber sein müssen, wie wir einer Natur gegenüber sein würden, die es einmal von einem gewissen Tage an finster sein läßt in der Welt, so daß wir unser Auge nicht mehr gebrauchen könnten. Diese Unbefangenheit, dieses Sich-Hineinstellen in die Welt, um mit jedem Tage neue Weisheit zu empfangen, und sich stets wollen mit voller Leerheit des Gemütes dem Neuen gegenüberstellen, das ist dasjenige, was ja auch den Menschen gesund und frisch und kraftvoll erhält. Und dieses unbefangene Wesen gegenüber dem Wandel im Leben und dieses Frischsein, das einem wird durch die Empfindung des Wandels, das ist es, was das innerste Wesen und die innerste Gesinnung des Waldorflehrers ausmachen soll.

[ 13 ] You see, one of the most essential things in the training of the Waldorf School teachers themselves is receptivity to the changes in human nature. And this the teachers have acquired relatively quickly for reasons which I shall explain. A Waldorf teacher—if I may express myself paradoxically—a Waldorf teacher has to be prepared to find a thing completely different tomorrow from what it was yesterday. This is the real secret of his training. For instance: one usually thinks in the evening: tomorrow the sun will rise and things will be the same as they are to-day. Now,—to use a somewhat drastic mode of expression which brings out my meaning—the Waldorf teacher must be prepared for the sun not to rise one day. For only when one views human nature afresh like this, without prejudice from the past, is it possible to apprehend growth and development in human beings. We may repose in the assurance that things out there in the universe will be somewhat conservative. But when it is a case of that transition in human nature from the early years of childhood into the 14th, 15th and 16th year, why then, ladies and gentlemen, the sun that rose earlier often does not rise. Here, in this microcosm, Man, in this Anthropos, so great a change has come about that we face an entirely new situation. As though nature upon some day should confront us with a world of darkness, a world in which our eyes were of no use. Openness, a readiness to receive new wisdom daily, a disposition which can subdue past knowledge to a latent feeling which leaves the mind clear for what is new,—this it is that keeps a man healthy, fresh and active. And it is this open heart for the changes in life, for its unexpected and continuous freshness, which must form the essential mood and nature of a Waldorf teacher.

[ 14 ] Welche Bedeutung der Eintritt in dieses oben charakterisierte Lebensalter für die Knaben und Mädchen in ihrer Beziehung zur Lehrerschaft hat, das wurde so recht anschaulich an einer Tatsache, die gerade eben im Laufe des letzten Schuljahres in der Waldorfschule sich zugetragen hat. Eines Tages, als ich wiederum einmal in der Waldorfschule war, um, wie ich ja immer nur kann, sporadisch die Leitung des Unterrichts und der Erziehung zu besorgen, da kam zwischen den Stunden an mich heran in einem, ich möchte sagen, gedämpft-aggressiven Zustande ein Mädchen der letzten Schulklasse, das sehr aufgeregt war, und das aber aus einer ungeheuer starken inneren Überzeugungskraft heraus sagte: Dürfen wir noch heute - es ist sehr wichtig -, dürfen wir noch heute, die ganze Klasse (es war also die höchste Klasse) mit Ihnen sprechen? Aber wir wollen es nur, wenn Sie selbst es wollen. — Also solch eine Führerin hatte sich an die Spitze der Klasse gestellt und wollte mit mir im Beisein der ganzen Klasse sprechen. Was war der Grund? Der Grund war eben der, daß die Knaben und Mädchen dazu gekommen waren, ihrerseits nun zu empfinden: sie werden mit der Lehrerschaft nicht mehr ganz fertig; es wird ihnen schwer, mit der Lehrerschaft fertig zu werden, die richtige Stellung zu gewinnen.

[ 14 ] How the relationship between boys and girls of this age and their teachers is significantly affected by this change can be seen from an episode which occurred last year in the Waldorf School. One day when I was back once again at the Waldorf School for the purpose of directing the teaching and education—a thing I can only do intermittently—a girl of the top class came to me between lessons, in—what I might call—a mood of suppressed aggression. She was very moved, but she said to me with prodigious inner determination: ‘Can we speak to you to-day—it is very urgent—may the whole class speak to you to-day? (i.e. the top class). But we only want to do it if you wish it.’ You see, she had constituted herself leader of the class and wished to speak to me in the presence of the whole class. What was the reason? The reason was that the boys and girls had come to feel for their part that they were not in touch with the teachers; they found it hard to get in touch with the teachers, to make a right contact with them.

[ 15 ] Das ging nicht hervor aus irgendeiner Ranküne gegen die Lehrerschaft, denn so ist es schon in der Waldorfschule, daß eine Ranküne nicht da ist, sondern daß die Kinder tatsächlich auch schon in der kurzen Zeit, seit die Waldorfschule besteht, eine innige Liebe zu den Lehrern gefaßt haben, Aber diese Schüler der höchsten Klasse, diese fünfzehn-, sechzehnjährigen Knaben und Mädchen, die standen vor einer Höllenangst, sie könnten durch irgend etwas in dem ganz neuen Verhältnis, das da eingetreten ist zwischen Schülern und Lehrern, sie könnten diese Liebe verlieren, sie könnte schwächer werden. Sie hatten eine ganz außerordentliche Angst. Und ich tat in einem solchen Falle nicht das, was vielleicht einmal in alten Zeiten getan worden wäre, daß man, wenn die Kinder herausrückten mit so etwas, sie in ihre Schranken gewiesen hätte, sondern ich nahm die Klasse zu mir und sprach mit der Klasse. Und zwar sprach ich so, daß ich die Kinder fühlen ließ — ja, man muß ja in diesem Alter eben schon von jungen Ladies und Gentlemans sprechen, nicht wahr, wie ich öfter sagte -, daß ich die Kinder fühlen ließ, ich will über das, was vorliegt, in Gemeinschaft mit ihnen jetzt ein Urteil bilden. Wir wollen ganz unbefangen miteinander reden und wollen das Urteil erst bilden und wollen sehen, was da herauskommt.

[ 15 ] This had not arisen from any grudge against the teachers. For among the children of the Waldorf School there is no grudge against the teachers. On the contrary, even in the short time of the School's existence, the children have come to love their teachers. But these children of the top class, these boys and girls of 15 and 16 now had a terrible fear that owing to the new relationship which had come about between pupils and teachers they might lose this love, this love might diminish. They had a most extraordinary fear of this. And in this case I did not do what perhaps would have been done in past times if children had blurted out this sort of thing,—namely snub them and put them in their places—but I went out to meet them and talked to them. And I spoke to the children—but at this age of course one should call them young ladies and gentlemen, as I said before—I spoke to them in such a way that they could realise I was prepared then and there to discuss the question with them, and together with them come to a conclusion. We will talk to one another without restraint and arrive at some decision together when we see what the matter is:

[ 16 ] Und sehen Sie, da kam eben das heraus, was ich jetzt eben charakterisiert habe; es war die Angst da, daß die Lehrer nicht mehr in der Weise geliebt werden könnten wie vorher. Denn ein ungeheures Staunen, eine ungeheure Neugierde zu gewissen Weltendingen war da in den Kindern. Und da die Waldorfschul-Pädagogik etwas ist, was sich von Tag zu Tag entwickelt, so müssen erst die Erscheinungen sorgfältig studiert werden, und aus dem Leben selbst heraus entwickelt man die Maßnahmen, um die es sich handelt.

[ 16 ] And then, what came out was what I have just described: a great anxiety lest they should be unable to love the teachers in the same way as before. For an enormous wonder, a great curiosity concerning certain things in the world had entered into the children. And since Waldorf School pedagogy is evolved day by day every occurrence must be carefully studied and educational measures are founded upon living experience.

[ 17 ] Nun, die Kinder sagten allerlei, was im Grunde genommen nicht sehr belangvoll war, was aber in ihrem Empfinden, in ihrem Fühlen eine ungeheuer große Rolle spielte. Ich sprach ihnen dann von allerlei Dingen, nicht wahr, wie das Leben eben das oder jenes Ding bringt, worauf die Kinder außerordentlich gerne eingingen, und ich hatte nichts nötig, als eine kleine Verschiebung in der Lehrerschaft für das nächste Schuljahr eintreten zu lassen. Als wir dann das nächste Schuljahr eröffneten, gab ich den Sprachunterricht an einen anderen Lehrer; ich wechselte etwas mit den Lehrern. Außerdem wurden wir uns im Lehrerkollegium darüber klar, wie eben durchaus auch sonst in der Schule nach dieser Methode gearbeitet werden muß, im Zusammenwirken das Urteil zustande kommen zu lassen. Um aber dafür, ich möchte sagen, das rechte Herz zu haben, daß sich jetzt in diesem Lebensalter die jungen Damen und Herren so neben den Lehrer hinstellen werden, der ihnen früher Autorität war, um dazu das rechte Verhältnis zu haben, muß man eben, wie es bei den Waldorflehrern der Fall ist, ein offenes Urteil für die Welt überhaupt haben, als Weltmensch in der Welt drinnen stehen; im Deutschen sagt man, eine Weltanschauung haben, nicht bloß eintrainiert haben Unterrichtsmethoden, sondern selber sich Fragen zu beantworten nach den Zielen der Menschheit, nach dem Inhalt der einzelnen Menschheitsepochen, nach dem Sinn des Lebens in der Gegenwart und so weiter. Und man muß diese Fragen nicht im Kopfe wälzen, sondern im Gemüte tragen, dann wird man sie auch im Gemüte mit der Jugend wirklich erleben. Denn wir haben uns doch nun einmal — das merken nur die meisten Menschen nicht - seit drei bis vier bis fünf Jahrhunderten in der abendländischen Zivilisation schon in den Intellektualismus hineingelebt. Der Intellektualismus wird aber für die Menschen eigentlich erst etwas, was ihrer Natur entspricht im späteren Lebensalter. Das Kind ist eigentlich seiner Natur nach dem Intellektualismus ganz abgeneigt. Aber alles, was wir denken heute, ist intellektualistisch gefärbt. Eigentlich nicht intellektualistisch sind die Leute nur noch in Asien drüben und in Rußland bis nach Moskau herein. Aber alles, was von Moskau aus nach Westen liegt, bis nach Amerika hinein, denkt intellektualistisch. Man ist sich dessen nicht bewußt, aber man denkt dadurch gerade, wenn man den sogenannten gebildeten Ständen angehört, so eine Gedankensprache, die die Kinder nicht mehr verstehen. Daher ist tatsächlich heute ein Abgrund zwischen Erwachsenen und Kindern. Er muß eben bei einer solchen Lehrerschaft, wie es die Waldorf-Lehrerschaft ist, wiederum ausgefüllt werden.

[ 17 ] Now the children said a great deal that was rather remote from the issue, but it seemed immensely important to themselves, and they felt it deeply. Then I said a good many things to them, don't you know, of how one finds this or that in life as time goes on, to which the children eagerly assented. And all that was necessary was to arrange a slight shifting of teachers for the following school year. At the outset of the next school year, I allotted the teaching of languages to a different teacher; I changed the teachers round. What is more, we realised in the college of teachers that this was the method we should use throughout the school, to come to decisions from out of a working in common. But in order to stomach this new position—this meeting with young ladies and gentlemen of this age on equal terms, where one was formerly an authority—in order to be equal to this situation it is essential to have what the Waldorf teachers have—an open outlook on the world, to be a man of the world. We call it in German: to have a Weltanschauung, (a philosophy). Not merely to have taken a training in teaching method, but to have one's own answers to questions as to the fate of humanity, the significance of historical epochs, the meaning of present day life, etc. And these questions must not buzz in one's head, but must be borne in one's heart, then one will have a heartfelt experience of them in company with the children. For in the course of the last four or five hundred years of western civilisation we have entered deeply into intellectualism; this however is unnoticed by the majority of men. But intellectualism is a thing suited naturally only to men of advanced years. The child is naturally averse to intellectualism. And yet all our modern thinking is tinged with intellectualism. The only people who are not intellectual so far are the people over there in Asia and in Russia as far as Moscow (i.e. Asiatic Russia). But west of Moscow as far as America, intellectualism is universal. We are not aware of it, but in so far as we belong to the so-called cultured classes we think a kind of mental language that is incomprehensible to children. And this accounts for the gulf there is nowadays between grown-up people and children. This gulf must be bridged by teachers such as the Waldorf school teachers. (literally: this chasm must be filled up).

[ 18 ] Man füllt ihn nur aus, wenn man tief innerlich hineinsieht in die menschliche Natur. Deshalb müssen Sie mir schon gestatten, daß ich jetzt etwas Physiologisches sage, was gewöhnlich nicht berücksichtigt wird, was man aber erst richtig würdigt, wenn man es als Tatsache vor sich sieht aus spiritueller Wissenschaft, aus spiritueller Erkenntnis heraus. Sehen Sie, die Menschen glauben, daß so etwas Besonderes getan ist, wenn irgendeine Sache zum Begriffe gebracht ist, wenn eine Idee da ist, eine Vorstellung von irgend einer Sache. Das glauben aber nur diejenigen Menschen, die den Menschen nach dem Kopfe beurteilen. Manchmal sind Wahrheiten furchtbar paradox — wenn man auf das Unbewußte eingeht, wenn man auf die Herznatur des Menschen, auf die Gemütsnatur des Menschen eingeht, dann sind eigentlich alle Begriffe, alle Ideen etwas, was mit einem leisen Antipathiegefühl verknüpft ist bei jedem Menschen, auch beim Philosophen, leises Antipathiegefühl. Immer ist etwas Ekel in der Formulierung von Ideen, ob man sich es zum Bewußtsein bringt oder nicht, es ist immer etwas Ekel. Daher ist es so ungeheuer wichtig, daß man weiß, man soll diesen verborgenen unterbewußten Ekel in den Kindern nur ja nicht überstimmen dadurch, daß man sie mit Begriffen überfüttert. Es kommt davon her, ja, sehen Sie, wenn ein Mensch so recht einmal gedacht hat, Schwieriges gedacht hat - ich kann Ihnen das leider nur in den Ergebnissen schildern, ich müßte viele Vorträge halten, wenn ich es Ihnen aus der Physiologie heraus schildern würde, kann aber nur Ergebnisse hinstellen —, wenn ein Mensch so recht viel gedacht hat, dann ist im Inneren sein Gehirn ein recht merkwürdiges Gebilde geworden. Dann ist es überall durchsetzt mit Ablagerungen, namentlich mit Phosphorverbindungen, die so herumliegen im Gehirn. Das hat sich abgesondert während des Denkens. Gerade wenn man aus sich selber nachdenkt und selber die Ideen bildet, dann ist das Gehirn - verzeihen Sie das harte Wort - voller Unrat, voller Absonderungsprodukte, namentlich Phosphorsäureverbindungen; die schmieren sich dann so durch das Gehirn. Diese Schmierprodukte, diese Absonderungsprodukte, die müssen nun erst durch Schlaf, dasjenige, was der Mensch an Ruhe hat, wiederum weggeführt werden aus dem Organismus.

[ 18 ] And it can only be bridged when one can see deeply into human nature. Allow me therefore, to tell you something of a physiological nature which is not usually taken into account, since it can only be rightly appreciated when it confronts one as a fact of spiritual science, a fact of spiritual knowledge. Now people think that it is a great accomplishment when a thing is put in the form of a concept, when there is an idea, a notion of a thing. But only people who judge everything according to their heads believe this. Truths are often terribly paradoxical. For if we enter into the unconscious, into the heart nature, the feeling nature of man, we find that all concepts, all ideas are bound up for every man—even for a philosopher—with a slight feeling of antipathy; there is something distasteful, disgusting, in the formulating of ideas: whether one is conscious of it or not, there is always something distasteful. Hence it is so enormously important to know that one must not accentuate this hidden unconscious disgust in children by surfeiting them with concepts and ideas. Now you see it comes from the fact that when a man has been thinking, when he has thought hard the inside of his brain presents a curious formation—unfortunately I can only give you results in this account, it would take many lectures to demonstrate it to you physiologically; I can now only give the facts. Now the brain is permeated throughout by deposits, compounds of phosphorus lie all about the brain. These have been deposited during the process of thought. Particularly if one is thinking oneself, thinking one's own thoughts, the brain becomes filled with unreason—forgive the word—full of deposited products such as phosphoric acid compounds; they litter the brain and be-slime it. These excretions, these deposits are only removed from the organism when a man sleeps or rests.

[ 19 ] Das Denken hat nämlich als seinen Parallelprozeß im Gehirn nicht einen Wachstumsprozeß, nicht einen Verdauungsprozeß, sondern einen Absonderungsprozeß. Und wenn ich mit jemanden einen Urteilgedanken erst bilde, wenn er so reif geworden ist, daß er das 14., 15., 16. Lebensjahr hat, dann bilde ich mit ihm zusammen diesen Absonderungsprozeß. Es kommt bis zu der Absonderung. Dann fühlt er seinen Menschen drinnen in diesem Absondern.

[ 19 ] Thus, corresponding to the process of thought is not a process of growth or a process of digestion, but a catabolic process, a breaking down of substances. And when I follow a train of thought with some-one of a certain degree of maturity, i.e. over 14, 15, or 16 years old, together with him I am setting up a catabolic process, a depositing of substance. It brings about the breaking down of substance. And in this separation, this eliminating of substance, he experiences his humanity. (Tr. Note: i.e. it provides a basis for self-consciousness).

[ 20 ] Wenn ich ihm aber einfach Begriffe diktiere, dogmatisch hingegeben fertige Begriffe bringe, dann stelle ich an ihn eine sonderbare Zumutung. Diese fertigen Begriffe greifen nämlich nicht ein in die menschliche Natur, stoßen sich, drängen sich, können nicht hinein in das Gehirn, aber sie stoßen an das Gehirn, und so veranlassen sie das Gehirn, in seiner Nerventätigkeit die alten Absonderungsprodukte, die schon herumliegen, noch einmal zu benützen.

[ 20 ] Now if, on the other hand, I simply dictate ideas to him, if I give him finite concepts which have been formulated dogmatically I put him into a peculiar state. For these finite concepts can get no hold in human nature, they jostle and press upon one another and can find no entry into the brain, but they beat up against the brain and thus cause it to use up over again in its nerve activity the old deposited substances which lie about.

[ 21 ] Das ist dasjenige, was alles fertige Intellektualistische als Eindruck von sich hervorruft, daß der Mensch alles dasjenige, was er schon abgesondert hat, was da noch herumliegt, daß er das zwangsweise noch einmal benützen soll das empfindet der Mensch mit einem leisen Ekelgefühl, das nicht ins Bewußtsein herauftritt, das aber um so mehr die ganze Verfassung des Menschen beeinflußt. Sehen Sie, ehe man nicht diese Dinge weiß, würdigt man sie gar nicht richtig, denn die Menschen denken nicht daran, daß das Denken ein Absondern ist, und daß das Denken in bloßen Ideen dem Menschen zumutet, dasjenige, was er schon abgesondert hat, noch einmal notdürftig zu benützen, all seine phosphorsauren Salze noch einmal zu durchkneten.

[ 21 ] The effect brought about by all finite intellectual concepts is to compel a man to use over again the cast-off substances which lie about within him; and this gives the human being a feeling of slight disgust, which remains unconscious but which influences his whole disposition so much the more. You see, unless one knows these things, one cannot appreciate their importance. And people do not realise that thinking is a breaking down of substance (ein Absondern), and that thinking in mere ideas forces man to use once again what he has thrown off, to knead up over again all his cast-off phosphoric acid salts.

[ 22 ] Sehen Sie, das ist das ungeheuer Wichtige bei der Moralerziehung: wenn wir dem Kinde fertige Gebote beibringen, die schon Begriffe sind, dann muten wir ihm zu, die Moral in Ideenform aufzunehmen, und da kommt die Antipathie; gegen Moralgebote, die abstrakt formuliert sind, stemmt sich der innerliche Organismus des Menschen, macht Opposition. Wenn ich das Kind veranlasse, selbst erst aus dem Leben heraus, aus dem Gemüte, aus dem Beispiel, aus alledem heraus die moralische Empfindung zu formulieren, und dann es bis zum Absondern kommen lasse, so daß das Kind selber die Gebote bildet, sich selber autonom, in Freiheit die sittlichen Gebote formuliert, dann bringe ich es in eine Tätigkeit hinein, die sein ganzer Mensch fordert. Daher verekle ich den Kindern die Moral mit moralischen Geboten, und das spielt eine ungeheuer bedeutungsvolle Rolle in unserem gegenwärtigen sozialen Leben. Man ahnt gar nicht, wie viel an den schönsten, an den herrlichsten, an den majestätischsten Moralimpulsen der Menschheit verekelt worden ist, weil es ihr intellektualistisch gegeben worden ist in Form von Geboten, in Form von intellektualistischen Ideen. Das, sehen Sie, sind die Dinge, in die gerade durch eine spirituelle Wissenschaft der Waldorflehrer hineinwächst. Er lernt gerade dadurch dieses materielle Wirken kennen. Noch einmal muß ich sagen: der Materialismus bekommt erst seine Stellung im Leben durch den spirituellen Gesichtspunkt. Da sieht man erst hinein, was da eigentlich drinnen vorgeht in diesem Menschen. Dadurch wird man erst ein richtiger Erzieher im physisch praktischen Sinne, daß man den spirituellen Standpunkt einnehmen kann.

[ 22 ] Now this is of enormous importance in its application to moral education: if we give the child definite precepts in conceptual form, we oblige him to come to morality in the form of ideas, and then antipathy arises; man's inner organism sets itself against abstract moral precepts or commandments, it opposes them. But I can encourage the child to form his own moral sentiments direct from life, from feeling, from example and subsequently lead him on to the breaking down, to the catabolic stage, and get him to formulate moral principles as a free autonomous being. In this case I am helping him to an activity which benefits his entire being. Thus, if I give a child moral precepts I make morality distasteful, disgusting, to him, and this fact plays an important part in modern social life. You have no idea how much disgust human beings have felt for some of the most beautiful, the noblest, the mast majestic of man's moral impulses because they have been presented to them in the form of precepts, in the form of intellectual ideas. Now the Waldorf teacher comes to learn such things as this through spiritual science. It is indeed this that gives him insight into these material processes. Let me repeat: materialism takes its true place in life only when looked at from the spiritual standpoint. For this gives insight of what is really going on in man. Only through adopting the spiritual standpoint can one become a truly practical educator in the physical sphere.

[ 23 ] Das ist aber nur möglich, wenn der Lehrer, der Erzieher, durchaus eine Weltanschauung hat, wenn er der Welt so gegenübersteht, daß für ihn selbst die Frage Mensch und Welt eine tiefe Bedeutung hat.

[ 23 ] But such a thing is only possible when the teacher or educator has himself a philosophy of life; when his own view of the world makes him feel the deep significance of the problem of the universe and of man's fate.

[ 24 ] Da muß ich noch einmal etwas Abstraktes sagen, das aber sehr konkret eigentlich in Wirklichkeit ist. Es ist nur scheinbar abstrakt. Sehen Sie, der Mensch steht den Weltenrätseln gegenüber, und er sucht nach einer Lösung der Weltenrätsel. Aber heute denkt man darüber: die Lösung des Weltenrätsels muß in einem Buche stehen können, muß da drinnen stehen können mit irgendwelchen Ideen, die man ausdrückt. Denken Sie nur einmal, daß es Leute gibt — ich habe schon solche kennengelernt -, die eine ganz außerordentliche Angst haben vor einer solchen Lösung der Weltenrätsel. Denn sie sagen: Um Gottes willen, wenn es einem nun wirklich einmal gelingen würde, das Weltenrätsel zu lösen und in ein Buch zu schreiben, was sollen denn alle anderen, die nachkommen, machen? — Es würde ja ungeheuer langweilig sein. Alles, was man an Lösung des Weltenrätsels erstrebt hat, das ist ja da, das braucht man ja nur zu lernen. Ungeheuer langweilig stellen sich die Menschen das vor. Ich kann nicht ganz unrecht geben diesen Menschen; es wäre ungefähr so langweilig in der Welt, wenn nun einmal einer ein richtiges Buch geschrieben hätte, worinnen das Weltenrätsel gelöst ist, und dann liest man das Buch, und dann - ja, was soll man eigentlich noch in der Welt, nicht wahr!

[ 24 ] And here again I must say an abstract thing, but in reality it is a very concrete thing. It is only apparently abstract. You see, man confronts the riddle of the universe, and he seeks a solution to this riddle. But people suppose nowadays that the solution of the riddle could be put down in some book, stated and expressed in some form of ideas. Remember, however, that there are people—and I have met some of them—who have an extreme horror of such a solution of the riddle of the universe. For they say: if it should really happen that a solution of the riddle of life were discovered and written down in a book, what in Heaven's name are other people who come after them to do? It would be most terribly boring. All contributions to the solution of the world riddle are there to hand, they only require to be learned. And people think this would be colossally boring. I don't altogether blame them; the world really would be a boring place if someone wrote a book containing the answer to the riddle of the universe once and for all, and we could read the book, and then—why then what indeed would remain for us to do in the world?

[ 25 ] Nun, sehen Sie, es muß also irgend etwas geben, wonach die Lösung, die sogenannte Lösung einen erst recht auffordert, weiterzugehen, weiterzuarbeiten. Das Weltenrätsel darf nicht so lauten, daß man nun fertig ist, sondern man muß, wenn man die Lösung des Weltenrätsels hat, gewissermaßen erst wiederum nun anfangen können. Das ist aber nur dann der Fall, wenn man richtig sich zu diesem Weltenrätsel verhält. Die Welt gibt uns viele Fragen auf. Wir können gar nicht übersehen zunächst, wie viele Fragen sie uns aufgibt. Ich meine mit Fragen nicht nur das, was sich theoretisch beantworten läßt, sondern auch, was wir tun sollen, die Betätigung des Willens, die Betätigung der Gefühle, alle Einzelheiten des Lebens, alles frägt mit, wenn ich spreche: Die Welt gibt uns viele Rätsel auf. - Was ist denn die eigentliche Antwort auf die vielen Fragen? Die eigentliche Antwort ist eben keine andere als: Der Mensch. — Die Welt gibt uns die Rätsel auf, und der Mensch steht dann da. Er ist eine Synthese, eine Zusammenfassung, und aus dem Menschen springt uns die Lösung des Weltenrätsels entgegen.

[ 25 ] Now you see there must be something in existence which, when we have the key to it, the so-called solution, calls for further effort on our part, calls upon us to go on and to work on. The riddle of the universe should not be stated as a thing to be solved and done with: the solution of it should give one power to make a new start. And if world problems are rightly understood this comes about. The world presents many problems to us. So many, that we cannot at once even perceive them all By problems I do not only mean those things for which there are abstract answers, but questions as to what we shall do, as to the behaviour of our will and feelings, as to all the many details of life. When I say the world sets us many problems, I mean such questions as these. What then is the real answer to these many problems? The real answer is none other than: man himself. The world is full of riddles and man confronts them. He is a synthesis, a summary, and from man comes to us the answer to the riddle of the universe.

[ 26 ] Aber den Menschen kennen wir erst recht nicht. Da müssen wir wiederum anfangen. Das ist eben eine Antwort, die uns nun wiederum an den Anfang stellt. Man muß den Menschen, der einem nun geworden ist als Antwort, kennenlernen, den Odipus. So müssen wir uns selbst wiederum als neues Rätsel empfinden. Jeder neue Mensch ist wieder ein Rätsel, an dem man arbeiten muß.

[ 26 ] But we do not know man as he should be known. We must begin at the beginning. Man is an answer that takes us back to the beginning. And we must learn to know this answer to our problem, Man, this Oedipus. And this drives us to experience anew the mystery of our own selves. Every new man is a fresh problem to be worked at.

[ 27 ] Dieses geheimnisvolle Verhältnis des Menschen zur Welt, das muß einem ganz ins Gemüt übergegangen sein, wenn man ein Waldorflehrer sein will, das heißt, vom Standpunkte einer wirklichen Weltanschauung aus wirken will. Gewiß, es ruft heute noch eine Art Horror hervor, wenn man sagt: Die Waldorflehrer gehen von der Anthroposophie aus. Die gibt ihnen selber eine Anschauung. - Ja, aber vielleicht ist diese Anthroposophie sehr unvollkommen. Das mag ja sein. Dann schaffe man nur die anderen Weltanschauungen, die man geben will! Aber eine Weltanschauung braucht derjenige, der nun wirklich als Künstler Menschen behandeln will. Das ist es, um was es sich dabei handelt.

[ 27 ] If one desires to be a Waldorf teacher, which means to work from a true philosophy of life, this mysterious relationship between man and the world must have become second nature; (literal translation: it must become an unconscious wisdom of the feelings.) Certainly people take alarm to-day if one says: the Waldorf teachers start from Anthroposophy: this gives them their vision. For how if this Anthroposophy should be very imperfect? That may be. Produce other philosophies then, which you think are better. But a philosophy is a necessity to one who has to deal with human beings as an artist. And this is what teaching involves.

[ 28 ] Inwiefern tatsächlich in der anthroposophischen Gesinnung etwas liegt, was nun auch dem Unterricht dienen kann und der Erziehung, davon will ich dann im dritten Teil der heutigen Betrachtung sprechen.

[ 28 ] How far the anthroposophical attitude to things contains something helpful alike to education and teaching will be the subject of the third part of my lecture to-day.

[ 29 ] Wenn ich nun auf die neun Vorträge zurückblicke, so habe ich gewiß an ihnen manches zu tadeln, manches als unvollkommen zu erklären, aber dasjenige, was ich, man möchte sagen, am meisten daran zu tadeln habe, das ist, daß ich sie überhaupt in der Form, in der ich sie gehalten habe, gehalten habe. Es wäre mir gewissermaßen — so paradox Ihnen das scheinen wird - lieber, wenn ich solche Vorträge gar nicht zu halten hätte. Das ist, aus dem Zeitbewußtsein heraus gesprochen, so aus dem Zeitbewußtsein heraus gesprochen, daß ich selber fühlen muß, daß heute in diesem unserem Zeitalter über das Erziehungswesen und über das Unterrichtswesen unglaublich viel gesprochen wird, viel zu viel gesprochen wird, daß man sich gedrängt fühlt, viel zu viel zu reden darüber: wie soll man unterrichten, wie soll man erziehen? Und wenn man dann selber noch in diese Fragen hineinsprechen soll von einem allerdings anderen Gesichtspunkte aus, dann kommt es einem erst recht als zu viel vor.

[ 29 ] When I look back over these nine lectures, I find much to criticise, much that is imperfect, but the most regrettable thing about them is that I should have given them at all in the form in which I have given them. I would far rather not have had to give these lectures—paradoxical as this may sound. That I should have had to give them is in keeping with the spirit of the time, far too much so, for it seems to me that there is an incredible amount of talk about the nature of education and teaching in our age, far too rich; people seem, driven far too much to discuss the question: how shall we educate, how shall we teach? And when one has to enter into these questions oneself, even though it is from a different stand-point, one realises how much too much of it there is.

[ 30 ] Ja, warum ist das eigentlich, daß heute gar so viel über Erziehung und Unterricht gesprochen wird? Man kann ja kaum in das kleinste Städtchen kommen, ohne daß da überall angekündigt wird: Wie soll man erziehen, unterrichten? — daß da überall geredet wird, verhandelt wird, daß darüber Kongresse abgehalten werden und so weiter. Warum ist das? Wenn wir auf ältere Zeiten der Menschheitsentwickelung zurückblicken, da redete man durchaus nicht so viel über Unterricht und Erziehung. Da war das Unterrichten, Erziehen etwas, was die Leute aus ihrer Naivität, ihrem Instinkt heraus taten, und sie wußten, was sie tun sollten.

[ 30 ] But why is it there is so much talk today about education and teaching? Almost every little town you come to announces lectures on how to educate, how to teach. Now how does it come about that there is so much discussion of this subject, so many conferences and talks everywhere? If we look back to earlier ages of human history we shall not find people talking nearly so much about education. Edu-cation was a thing people did naively, by instinct, and they knew what they were about.

[ 31 ] Wenn ich nun dargestellt habe, wie eine nun wirklich heilsame Erziehung, heilsamer Unterricht gestellt sein müsse auf Menschenerkenntnis, wie diese Menschenerkenntnis, wie ich gezeigt habe, gerade von dieser Lehrerschaft der Waldorfschule angeeignet werden soll, so muß man fragen: Haben denn die früheren Menschen, die Menschen früherer Zeitalter so unendlich viel mehr Menschenkenntnis besessen als wir? — Und so sonderbar es klingen mag, es muß bejaht werden. Allerdings die Menschen früher waren in naturwissenschaftlicher Beziehung nicht so aufgeklärt wie wir; aber in der Art, wie diese älteren Menschen etwas gewußt haben über die Welt, haben sie mehr gewußt als wir. Ich habe es schon einmal in diesen Vorträgen auseinandergesetzt, der Mensch ist uns nach und nach ein Schlußpunkt geworden. Wir betrachten alle übrigen Geschöpfe der Welt und sagen: Die haben sich hinentwickelt bis zum Menschen-Schlußpunkt; da hören wir auf und reden über den Menschen außerordentlich wenig. — Unsere Physiologie, sie sucht ja sogar im Tierversuch sich auch über den Menschen aufzuklären. Wir haben die Möglichkeit verloren, den Menschen als eine wirkliche, in sich begründete Wesenheit in die Welt hineinzustellen. Menschenwissen haben wir zum größten Teil verloren.

[ 31 ] Now I have said that a truly healthy education, a healthy instruction, must be based on a knowledge of man, and that the staff of the Waldorf School has to acquire this knowledge of man in the way I have shown, and it may well be asked: did the men of earlier ages then possess a knowledge of man so infinitely greater than ours? Strange as it may seem, the answer is: yes. Certainly men of former ages were not so enlightened in the domain of natural science as we are; but earlier men knew more about man in their own way than we do. I mentioned before in these lectures that man has gradually come to be regarded by us as a final product. We contemplate all the other creatures in the world and say: they have evolved up to man, the final product; and here we stop and we say extraordinarily little about man himself. Our physiology even tries to find explanations of man in the experiments done upon animals. We have lost the ability to give man a position in the world as a thing in himself. To a large extent we have lost the being of man.

[ 32 ] Sehen Sie, das ist dasjenige, was Anthroposophie wiederum der Menschheit zurückbringen möchte, daß man ein Wissen hat über die Welt, aber daß der Mensch nicht davon ausgeschlossen ist, oder höchstens als Schlußpunkt dann hingestellt ist, daß aus alldem, was man über die Welt wissen kann, nun auch wirklich die Kraft kommt, auch in den Menschen wirklich hineinzuschauen nach Seele, Körper und Geist, daß man auch wirklich wissen kann, was der Geist im Menschen macht, daß man wissen kann: der Geist in intellektueller Form sondert im Menschen allerlei Stoffe ab, wie ich es eben geschildert habe. Dazu kommt ja unsere heutige Weltbetrachtung nicht. Sie bleibt vor dem Menschen stehen bis zum Tier hin, macht eine Biologie, gliedert diese dann um zu Physiologie; aber der Mensch wird nicht erfaßbar. Daher wirkt der Mensch gewiß heute aus den Instinkten heraus noch viel; aber aus dem Wissen, aus der Erkenntnis heraus wird der Mensch nicht mehr geliebt.

[ 32 ] Now anthroposophy seeks to give mankind once more that knowledge of the world which shall not exclude man himself, which shall not regard him at most as the latest of the organisms. But a knowledge of the world where what one knows about the world truly gives a power to see into the real nature of man, to know him in soul, in body and in spirit. Further, that one shall be able to know what the spirit actually does in man; that one shall know: the intellectual form of the spirit breaks down substances, in the way I described. Now our present way of considering history does not attain this. It makes a halt on reaching man and classifies him with the animals. It formulates a biology, and connects this with physiology; but there is no grasp of what man is. As a result, men act to-day a great deal out of instinct; but as an object of knowledge, of science, there man is not favoured.

[ 33 ] Der Lehrer braucht eine Wissenschaft, aus der heraus er Menschen noch lieben kann, weil er zuerst sein eigenes Wissen, seine eigene Erkenntnis lieben soll. Es steckt ein tiefer Sinn dahinter, daß ursprünglich einmal man nicht gesprochen hat von bloßer Erkenntnis als demjenigen, das sich der Mensch erringen soll, sondern von Philo-Sophie, von der Liebe zur Weisheit. Das ist dasjenige, was Anthroposophie den Menschen wiederum zurückgeben will, wiederum die Erkenntnis an den Menschen heranzuführen.

[ 33 ] The teacher requires a science which will enable him to love man once more—because he can first love his own knowledge. There is much wisdom behind the fact that formerly men did not speak simply of acquiring knowledge, but they spoke of philosophia, of a love of knowledge. Anthroposophy would bring it about that mankind should once more have knowledge which can lead to knowledge of man.

[ 34 ] Nun, wenn man den Menschen erkennt, wenn alles Wissen, alle Erkenntnis hintendiert zum Menschen, dann beantwortet man sich pädagogisch-didaktische Fragen überall in der ganzen Weltanschauung. Überall stecken die Erkenntnisse, auch über das Kind, darinnen. Das ist dasjenige, was wir brauchen. Weil unsere übrige Wissenschaft uns so gar nichts über die Erziehung und über den Unterricht sagen kann, begründen wir extra etwas und haben so viel zu reden über Unterricht und Erziehung. Solche Vorträge, wie die, die ich gehalten habe, werden erst dann ihr Ziel erreicht haben, wenn sie nicht mehr gehalten zu werden brauchen, wenn man nicht mehr dieses spezielle Thema zu behandeln haben wird, sondern wenn man wiederum eine Weltanschauung haben wird, eine Erkenntnis, in der schon die Erziehung so enthalten ist, daß wenn der Lehrer, wenn der Erzieher diese Weltanschauung hat, daß er dann wiederum, und zwar aus seiner vollen Naivität heraus, die instinktive Kunst des Erziehens kann. Daß wir so viel über Erziehung und Unterricht reden, ist ein Beweis dafür, daß so wenig wirklicher Erziehungsimpuls in unserer übrigen Erkenntnis drinnensteckt. Hier brauchen wir eine Umkehr gegenüber dem, wozu wir allmählich in der neueren Zeit gekommen sind.

[ 34 ] Now, when one knows the human being, when all know-ledge and science centres in man, then one can find the answer to educational questions in every part of one's philosophy. The discoveries and the knowledge required, even about children, are to be found on all hands. And it is this that we need. It is because our ordinary science can tell us nothing about education or instruction that we make extra institutions and have to talk so much about education and teaching. Such lectures as these will only have achieved their object when they shall have become superfluous, namely, when there shall no longer be any necessity to treat this as a special theme, when we shall once again possess a philosophy, a knowledge of the world in which education is implicit so that a teacher having this knowledge is also possessed of the art of education, and can exercise it spontaneously, instinctively. Our need to talk so much about education shows how little impulse for education is contained in the rest of our knowledge. We need a complete change of direction.

[ 35 ] Und sehen Sie, das ist dasjenige, was im eigentlichen Sinne macht, daß die Waldorf-Lehrerschaft nicht eine abgesonderte Pädagogik und Didaktik hat, sondern eine Weltanschauung, und die leitet sie fortwährend an, indem sie den Menschen zuletzt erkennen lehrt, instinktive Erziehungsimpulse zu bekommen, naiv wiederum zu werden in bezug auf das Erziehen. Und das ist dasjenige, was eben darauf hinweist, wie, wenn man vom Waldorflehrer spricht, man von seinem ganzen Menschen sprechen soll.

[ 35 ] This is the real reason why the Waldorf Teachers do not cultivate a definite and separate pedagogy and didactic, but cultivate a philosophy of life which by teaching them knowledge of man makes it possible for them to have spontaneous impulses for education, to be naive once more in education. And this explains why, in speaking of a Waldorf Teacher one must speak of man as a whole.

[ 36 ] Dadurch wird aber auch dasjenige aus dem Waldorfschul-Unterricht und der Waldorfschul-Erziehung ausgeschaltet, was heute so vielfach die Menschen beherrscht: Fanatismus. Das schlimmste im Leben und besonders in der Erziehung und im Unterricht ist der Fanatismus, wenn man sich in irgendeine Richtung hinein verrennt und nun nichts anderes mehr kennt und nun durchdringen will mit seiner einen Richtung, die man in bestimmte Schlagwörter hineingebracht hat.

[ 36 ] This also precludes there being anything fanatical about Waldorf School education. Fanaticism—which is so rife among men—is here ruled out. Fanaticism is the worst thing in the world, particularly in education,—a fanaticism which makes a man press on in one direction and push ahead regardless of anything but his one aim, reduced to precise slogans.

[ 37 ] Ja, wer die Welt unbefangen betrachtet, der weiß: mit Richtungen und mit Standpunkten ist es eben so, daß es eben Standpunkte sind. Wenn ich einen Baum hier habe und ihn photographiere, gebe ich Ihnen ein Bild. Das Bild ist bestimmt gestaltet von hier; das Bild schaut anders aus von hier, das Bild schaut wieder anders aus von dort; während Sie sagen können: Das ist ja nicht derselbe Baum -, wenn Sie ihn nur nach dem einen Bilde beurteilen. So gibt es in der Welt Standpunkte, Weltanschauungen. Sie sind immer nur von der einen Seite aus gefaßt. Nur derjenige wird nicht fanatisch, sondern lebt sich ein in Allseitigkeit, in eine notwendige Universalität, der weiß, daß man die Dinge von den verschiedensten Seiten betrachten muß.

[ 37 ] But if one looks at the world, without prejudice one will concede: views and opinions are but views and opinions. If I have a tree here and photograph it, I have one view of it; the view from here has a definite form; but the view is different from here, and again different from over there; so that you might think it was not the same tree if you only had the pictures to go by. In the same way there are points of view in the world, there are outlooks. Each one only regards one aspect of things. If you know that things must be looked upon from the most manifold standpoints you avoid fanaticism and dwell in many-sidedness, in a universality.

[ 38 ] Meine Damen und Herren, wenn man sieht, was die Menschen in der Welt sagen, ist es ja meistens gar nicht falsch, sondern nur einseitig. Man muß nur die andere Seite auch sehen. Man wird, wenn man mit einer solchen Gesinnung die Sachen betrachtet, das Gute überall suchen. Daher ist es so sonderbar, wenn man von Waldorf-Pädagogik redet, so kommt der A und sagt: Ja, das haben wir schon, aber der B, der macht das alles schlecht. - Dann kommt der B und sagt: Das haben wir schon, aber der A macht das schlecht. - Der Waldorflehrer sagt: Der A hat sein Gutes und der B hat sein Gutes, und wir versuchen, dasjenige, was universell in der Welt lebt, zu nehmen. — Daher hört man so oft: Die Waldorfschul-Pädagogik spricht so wie wir selber. — Aber das ist nicht so, sondern man spricht so, wie auch der andere wiederum spricht, weil wir wissen, daß man durch ein fanatisches Verfolgen einer bestimmten Richtung das allerschlimmste Unheil in der Welt bewirkt. Und gerade das, was der Waldorflehrer haben muß, ist, daß von ihm jeder Fanatismus weg ist, daß er nur die Realität des werdenden Menschen, des Kindes, vor sich hat.

[ 38 ] Ladies and Gentlemen, if one realises that what people say in the world is for the most part not wrong, only one-sided: that one needs to take the other view into consideration, that all that is necessary is to see the other side also—then one will find goodness everywhere. Hence it is so strange when one is talking of Waldorf education and A. comes and says: Yes, we do this already, but B. does it all wrong. And then B. comes and says: We do this, but A. does it badly. Now a Waldorf teacher would say A. has his good points and R. has his good points; and we seek to use what can be found universally. That is why one hears so often: Waldorf School pedagogy says the same things that we say ourselves. But this is not so, rather we say things which others afterwards can assent to because we know that a fanatical pursuit of one definite line works the utmost damage. And it is essential for the Waldorf teacher to be free from any kind of fanaticism, and confront purely the reality of the growing child.

[ 39 ] Gewiß, es kann mancher sagen: Da gibt es eine anthroposophische Bewegung, darinnen haben wir schon Fanatiker kennengelernt. - Wenn Sie genauer zusehen, so werden Sie finden: Anthroposophie will nichts anderes, als die Erkenntnis allseitig machen und spiritualisieren. Daß sie Anthroposophie heißt, ist ihr, wie ich ausgeführt habe, höchst gleichgültig. Sie will tatsächlich nichts anderes, als dasjenige, was allmählich einseitig geworden ist, wiederum universalistisch machen. Wenn man trotzdem Fanatismus, sogar Dogmatismus, Eingeschworensein auf bestimmte Formeln in der anthroposophischen Bewegung findet, so ist das von außen hineingetragen, nicht von innen heraus gestaltet; denn es wird sehr vieles in die Bewegung hineingetragen, was gar nicht der Natur und dem Wesen der Bewegung entspricht. Daher, wenn gesagt wird, daß das auch so eine Sekte ist hinter dem Waldorfschul-Prinzip, wo sich die Leute so allerlei Schrullen machen, so muß man eben auf sie eingehen, auf das Tatsächliche, in dem sie lebt, und man wird dann sehen, daß sie ganz besonders im Unterrichts- und Erziehungswesen leben kann, und daß sie tatsächlich nun nichts anderes will, als nun nicht schrullenhaft und falsch idealistisch, nicht abstrakt, sondern in Praxis das Menschheitsideal in dem lebenden Menschen verwirklichen.

[ 39 ] True, many people may say: there is an Anthroposophical movement, we have met many fanatics in it. But if they look into things more closely they will find: the aim of Anthroposophy is to make knowledge universal and to spiritualise it. That it is called Anthroposophy is a matter of indifference, as I have explained. Actually, it has no other object but the making universal once more what has become one-sided. If, nevertheless, people have found fanaticism, dogmatism, a swearing by definite precepts, within the Anthroposophical movement, this has come in from outside, it is not inherent in the movement; for much is caned into the movement which does not accord with its nature and being. Therefore when it is said that there is also a sect of some kind behind the Waldorf School principles, where people indulge all kinds of crazes, one should study the matter properly and find out the facts and what it is the Waldorf School lives by. Then one will see that Anthroposophy can indeed give life to education and teaching, and that, far from pursuing anything preposterous or falsely idealistic it seeks only to realise the human ideal in living human beings.

[ 40 ] Mit diesem Hinweis darauf, daß in der Waldorfschule hauptsächlich die Gesinnungsatmosphäre es ausmacht, das Lebendige, das aus den Lehrern sprechen soll, das ist es, womit ich zunächst diese Erziehungsvorträge ja werde abschließen müssen.

[ 40 ] And with this indication that the life that speaks through the Waldorf teacher is derived from this source I will bring these lectures to a close.

[ 41 ] Ich darf auf der anderen Seite, wenn ich gesagt habe, ich habe zu tadeln, daß sie gehalten worden sind, doch auch sagen, daß mir diese Erziehungsvorträge außerordentlich lieb gewesen sind, und daß ich der verehrten Zuhörerschaft sehr, sehr danke für die Aufmerksamkeit, die sie auf diese Vorträge verwendet hat, und für das Interesse, das sie ihnen entgegengebracht hat.

[ 41 ] And let me add that although I said that I regretted that these lectures had had to be given—nevertheless it has been a great, joy to me to give them and I thank the honourable audience for the attention and interest they have accorded them.