Fundamental Spiritual and Soul Forces
in the Art of Education
Spiritual Values in Education and Social Life
GA 305
28 August 1922, Oxford
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Fundamental Spiritual and Soul Forces in the Art of Education, tr. SOL
11. Soziale Impulse in der Gegenwart
11. Social Impulses in the Present
[ 1 ] Meine Damen und Herren! Wer in der Gegenwart über die soziale Frage denken will, der muß vor allen Dingen berücksichtigen, daß in der wirklichen Welt die Wirkungen aus Ursachen herkommen, an die man gewöhnlich, wenn man nur eine Oberflächenbetrachtung anstellt, gar nicht denkt. Man sieht bei einer solchen Betrachtung dasjenige, was sich an der Außenseite der Wirklichkeit abspielt, und man sieht nicht die eigentlichen tieferen Ursachen, die tieferen Gründe. Deshalb sind aufgetreten und treten noch immer auf so viele gut gemeinte utopistische Vorstellungen, mit denen man glaubt, das soziale Leben, wie es heute fordernd auftritt, bewältigen zu können. Es ist von mir nun der Versuch gemacht worden, in einem sehr wichtigen Momente, in dem Momente zwischen dem Kriegsabschlusse und dem Versailler Friedensversuch in einigen Linien darzustellen, wie man sich denken könnte die Gliederung als eine organische im gegenwärtigen sozialen Organismus nach den drei Teilen des sozialen Lebens, die ich mir erlaubte, im letzten Vortrag zu charakterisieren.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Anyone who wishes to reflect on the social question today must, above all, take into account that in the real world, effects stem from causes that one usually does not even consider when merely observing things superficially. Such an observation reveals only what takes place on the surface of reality, while the actual deeper causes—the deeper reasons—remain unseen. This is why so many well-intentioned utopian mental images have emerged and continue to emerge, through which people believe they can cope with social life as it presents itself today with all its demands. I have now attempted, at a very important juncture—the period between the end of the war and the attempt at peace at Versailles—to outline in a few lines how one might conceive of an organic structure within the present social organism, based on the three parts of social life that I took the liberty of characterizing in my last lecture.
[ 2 ] Ich habe im letzten Vortrage darauf aufmerksam gemacht, wie im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit drei stark voneinander geschiedene Strömungen aus einer ursprünglichen Strömung, aus der theokratischen Strömung heraus, entstanden sind, wie gegenwärtig nebeneinanderliegen im sozialen Organismus das geistige Leben, das juristisch-staatliche Leben und das wirtschaftliche Leben. Ich hatte ausdrücklich bemerkt, daß ich nicht etwa die Meinung habe, man brauche theoretisch erst den sozialen Organismus in diese drei Glieder zu teilen. Das käme mir in meiner wirklichkeitsgemäßen, nicht theoretischen Ansicht so vor, als wenn jemand nachdenken wollte, wie er den Menschen in Kopf, Brust und Gliedmaßen erst teilen sollte. Die Teilung im sozialen Organismus ist eine geschichtlich gewordene und ist einfach heute da, und es handelt sich heute nicht darum, nachzudenken darüber, wie man den sozialen Organismus in drei Glieder trennen soll, sondern wie man die Verbindungsglieder finden soll zwischen den drei Gliedern, die da sind.
[ 2 ] In my last lecture, I pointed out how, in the course of humanity’s historical development, three distinct currents emerged from a single original current—the theocratic current—and how spiritual life, legal-political life, and economic life currently coexist within the social organism. I had expressly noted that I do not believe one must first, in theory, divide the social organism into these three parts. From my realistic, rather than theoretical, perspective, that would seem to me as if someone were trying to figure out how to first divide a human being into head, chest, and limbs. The division within the social organism has become a historical reality and simply exists today; the question today is not how to divide the social organism into three parts, but how to find the connecting links between the three parts that already exist.
[ 3 ] Wenn man über diese Frage als die soziale Grundfrage in unserer Zeit richtig denken will, dann muß man ganz wirklichkeitsgemäß denken, nur aus den Tatsachen heraus denken. Dann aber denkt man für einen bestimmten Zeitpunkt und für einen bestimmten Ort. Und ich habe in meinem Buche: «Die Kernpunkte der sozialen Frage», weil das Buch vom südlichen Deutschland, von Stuttgarter Freunden aus von mir gefordert worden ist — ich habe es nicht aus eigenem Antrieb geschrieben, es ist mir abgefordert worden -, ich habe dieses Buch geschrieben für jenen Zeitpunkt Frühjahr 1919, Ort Süddeutschland, weil ich mir vorgestellt habe, daß, wenn dieMenschen zum Willen kommen, der Wille in der Zeit und an dem Orte gerade so geartet sein könne, daß man Verständnis finden werde für dasjenige, was nun nicht als Programmpunkte, sondern als Willensrichtungen in diesem Buche angedeutet ist.
[ 3 ] If one wants to think correctly about this question as the fundamental social issue of our time, then one must think in a completely realistic way, basing one’s thinking solely on the facts. But then one is thinking in terms of a specific point in time and a specific place. And in my book, *The Key Points of the Social Question*—because the book was requested of me by friends in Stuttgart, in southern Germany—I did not write it of my own accord; it was requested of me— I wrote this book for that specific time—the spring of 1919—and that specific place—southern Germany—because I had a mental image of a situation in which, when people come to a resolve, that resolve might be of such a nature at that time and in that place that understanding would be found for what is indicated in this book not as program points, but as directions of will.
[ 4 ] Nun liegt die Sache so, daß die Frage, die in diesem Buch berührt wird, eine ganz andere ist für den Osten der zivilisierten Welt, für Rußland, Asien, eine ganz andere ist für Mitteleuropa, und eine ganz andere ist für den Westen, für England und Amerika. Das ergibt sich aus einem wirklichkeitsgemäßen Denken. Denn dasjenige, was ich im letzten Vortrag charakterisiert habe, das Hervorgehen der industriellen Weltordnung aus den beiden früheren, so daß sie neben ihnen als eine besondere Strömung weiterläuft, das hat sich vorzugsweise unter dem Einfluß der westlichen Länder entwickelt. Es hat sich entwickelt unter dem Einflusse desjenigen, was im 18. Jahrhundert in den westlichen Ländern Sitte, Gewohnheit, soziale Ordnung war, hat sich da hineingepaßt. Will man es konkreter, genauer charakterisieren, so muß man sagen: England ist im Laufe der neueren geschichtlichen Entwickelung die große Handelsnation geworden. Dasjenige, was, ich möchte sagen, jedes dritte Wort heute in der sozialen Proletarierfrage ist, das Kapital, das hat sich für Westeuropa unter dem Einflusse der großen Handelsverhältnisse entwickelt als kommerzielles Kapital.
[ 4 ] The fact is that the question addressed in this book is quite different for the East of the civilized world—for Russia and Asia—quite different for Central Europe, and quite different for the West—for England and America. This follows from a realistic way of thinking. For what I characterized in my last lecture—the emergence of the industrial world order from the two earlier ones, so that it continues alongside them as a distinct current—has developed primarily under the influence of the Western countries. It developed under the influence of what constituted custom, habit, and social order in the Western countries during the 18th century; it fitted into that context. If one wishes to characterize it more concretely and precisely, one must say: England has become the great trading nation in the course of recent historical development. That which—I would say—is every third word today in the social question of the proletariat, namely capital, has developed for Western Europe under the influence of large-scale trade relations as commercial capital.
[ 5 ] Ja, meine Damen und Herren, das gibt einer Sache einen ganz bestimmten Charakter, denn das kommerzielle Wesen hat sich organisch herausentwickelt in der neueren Zeit aus den westlichen Lebensgewohnheiten und Lebenssitten. Es hat tatsächlich Karl Marx in England etwas anderes angeschaut, als was er in Deutschland um sich hatte. Er hat von Deutschland nur die Theorie gebracht, das Denken, die Dialektik. Er hat hier ein fremdes soziales Strukturgebilde angeschaut. Und so muß man sagen: Alles dasjenige, was dann als industrielle Ordnung aufgetaucht ist, das ist in kontinuierlicher Fortentwickelung als ein nächstes Glied der kommerziellen Entwickelung im Westen aufgetaucht. Industrielles hat sich in organischer Weise aus dem Handel heraus entwickelt.
[ 5 ] Yes, ladies and gentlemen, this gives a matter a very specific character, for the commercial nature has developed organically in recent times out of Western lifestyles and customs. In fact, what Karl Marx observed in England was different from what he encountered in Germany. From Germany, he brought only the theory, the thinking, the dialectic. Here, he observed a foreign social structure. And so one must say: Everything that subsequently emerged as the industrial order arose through continuous development as the next link in the chain of commercial development in the West. The industrial sphere developed organically out of commerce.
[ 6 ] In Mitteleuropa und in dem repräsentativen Lande Mitteleuropas, in Deutschland, war das nicht der Fall. Deutschland war noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts im wesentlichen ein Agrarland, ein Land, in dem die Landwirtschaft weitaus dominiert hat. Und dasjenige, was da war als die moderne Industrie, diese moderne industrielle Strömung, die sich als dritte neben die beiden anderen hingestellt hat, das war ein staatliches Gefüge, ein Gefüge, das sich staatlich immer mehr und mehr konsolidierte, und das daher die Tendenz entwickelte, den Industrialismus in das Staatsgebilde hineinzugliedern, zu absorbieren.
[ 6 ] In Central Europe—and in Germany, the representative country of Central Europe—this was not the case. Until the mid-19th century, Germany was essentially an agrarian country, a country in which agriculture was by far the dominant sector. And what existed there as modern industry—this modern industrial movement that established itself as a third force alongside the other two—was a state structure, a structure that became increasingly consolidated by the state and therefore developed a tendency to integrate industrialism into the state apparatus, to absorb it.
[ 7 ] Vergleichen Sie nur einmal wirklichkeitsgemäß Mitteleuropa, wie es vor dem Kriege war, mit Westeuropa vor dem Kriege. In Westeuropa hat sich das wirtschaftliche, das ökonomische Wesen in einer gewissen Emanzipation vom Staate erhalten, und das geistige Wesen erst recht. Das steht in einer gewissen Selbständigkeit den anderen beiden Gliedern gegenüber.
[ 7 ] Just compare, in a realistic way, Central Europe as it was before the war with Western Europe before the war. In Western Europe, the economic sphere has maintained a certain degree of independence from the state, and the intellectual sphere even more so. It stands in a certain degree of autonomy in relation to the other two spheres.
[ 8 ] In Mitteleuropa entstand eine kompakte Masse aus Geistesleben, juristischem Staats- und Verfassungsleben und Wirtschaftsleben. In Deutschland mußte man daher daran denken, wie man die drei Glieder auseinanderbringt, um sie dann organisch zum Zusammenwirken zu bringen, wie sie sich nebeneinander zu stellen haben, um sie nebeneinander zur Wirksamkeit zu bringen, um die Bänder zwischen ihnen zusammenzubringen.
[ 8 ] In Central Europe, a cohesive whole emerged comprising intellectual life, the legal, state, and constitutional spheres, and economic life. In Germany, therefore, it was necessary to consider how to separate these three elements in order to then bring them into organic interaction; how they must stand side by side so that they can function effectively together; and how to forge the bonds between them.
[ 9 ] Hier im Westen handelt es sich darum, daß die drei Glieder nebeneinander daliegen, daß sie deutlich voneinander gesondert sind, daß man selbst räumlich das geistige Leben so zusammengefaßt findet wie hier in Oxford, wo man das Gefühl hat, als ob es draußen überhaupt keine Staats- und keine wirtschaftliche Welt mehr gäbe, als ob alles Geistige souverän und autonom dastünde. Aber man hat auch das Gefühl, dasjenige, was in diesem souveränen Geistesleben sich entwickelt, das hat nicht mehr die Kraft, hinauszuwirken in die beiden anderen Glieder. Das ist etwas, was nur in sich selber lebt, was nicht organisch eingewebt ist in die beiden anderen Glieder.
[ 9 ] Here in the West, the situation is that the three spheres lie side by side, that they are clearly separated from one another, that one finds spiritual life spatially concentrated, as it is here in Oxford, where one has the feeling that there is no longer any political or economic world outside at all, as if everything spiritual stood sovereign and autonomous. But one also has the feeling that what develops within this sovereign spiritual life no longer has the power to exert an influence on the other two elements. It is something that lives only within itself, something that is not organically woven into the other two elements.
[ 10 ] In Deutschland hat man das Gefühl: Das geistige Leben steckt so drinnen im staatlichen Leben, daß man ihm erst auf die Beine helfen muß, daß es selbständig stehen kann. Hier hat man das Gefühl, das geistige Leben steht so selbständig da, daß es sich überhaupt nicht irgendwie kümmert um die anderen Glieder. Das gibt eine wesentlich andere Färbung, wenn man wirklichkeitsgemäß denkt gegenüber der ganzen sozialen Frage der Gegenwart und dem Grundimpuls der sozialen Frage in unseren Tagen.
[ 10 ] In Germany, one gets the feeling that intellectual life is so deeply embedded in public life that it first needs to be helped to get on its feet so that it can stand on its own. Here, one gets the feeling that intellectual life stands so independently that it doesn’t care at all about the other sectors of society. This lends a fundamentally different perspective when one thinks realistically about the entire social question of the present and the underlying impulse behind the social question in our day.
[ 11 ] Aus diesem Grunde meine ich, daß meine «Kernpunkte der sozialen Frage», wenn sie heute in Deutschland fast vergessen sind — es ist ja ein bißchen übertrieben, aber es ist fast so —, wenn sie heute in Deutschland fast vergessen sind, und im Jahre 1919 eine ungeheuer schnelle Verbreitung gefunden haben, daß das ganz natürlich ist. Denn der Zeitpunkt, wo man das, was in den «Kernpunkten der sozialen Frage» steht, realisieren sollte, der ist vorüber für Mitteleuropa. Der ist in dem Augenblicke vorüber gewesen, als jener starke Valutaniedergang eingetreten ist, der der deutschen Wirtschaft völlig die Hände bindet.
[ 11 ] For this reason, I believe that it is only natural that my “Key Points of the Social Question”—even if they are almost forgotten in Germany today (which is a slight exaggeration, but it is almost true)—even if they are almost forgotten in Germany today, and even though they spread with tremendous speed in 1919, that this is only natural. For the time when what is set forth in the “Key Points of the Social Question” should have been put into practice has passed for Central Europe. It passed the very moment that sharp decline in the value of the currency occurred, which has completely tied the hands of the German economy.
[ 12 ] Ich bin damals, als die «Kernpunkte der sozialen Frage» erschienen waren, von vielen Leuten gefragt worden: Ja, das wäre alles recht schön, aber jetzt handelt es sich vor allen Dingen darum, wie wir die Valuta verbessern. — Sie war dazumal verhältnismäßig noch gut gegen den heutigen schändlichen Stand. Ich konnte nur sagen: Da drinnen in den «Kernpunkten» steht es, wie man die Valuta verbessern kann. Aber die Leute sahen es nicht. Sie wußten nicht, wo die Antwort sitzt auf die Frage, sondern sie suchten die Antwort extra irgendwie an der Oberfläche behandelt, nicht in den Tiefen. Daß gerade das Buch die Antwort war, das verstanden die Leute nicht.
[ 12 ] Back when *The Key Points of the Social Question* was published, many people asked me: “Yes, that’s all well and good, but right now the most important thing is how we can improve the currency.” — At that time, it was still relatively sound compared to today’s deplorable state. All I could say was: It’s right there in the “Key Points”—it explains how to improve the currency. But people didn’t see it. They didn’t know where to find the answer to the question; instead, they were looking for the answer in some superficial way, not in the depths. People didn’t understand that the book itself was the answer.
[ 13 ] Nun, das ist einer der Grundimpulse im sozialen Leben unserer Zeit. Wenn man versucht, aus der Wirklichkeit heraus zu denken, den Menschen Antworten zu geben aus der Wirklichkeit heraus, so verstehen sie sie nicht, denn sie kommen mit Theorien, mit einem Kopf, der ganz gespickt ist mit «Kapital» und «Mehrwert»» und «Klassenkampf» und allem möglichen, und mit allen alten Vorurteilen. Sie kommen mit demjenigen, was alte Denkgewohnheiten sind. Und heute schlagen gerade im praktischen Leben die Theorien die Wirklichkeit tot. Das ist das eigentümliche Rätsel unserer Zeit, daß die Praktiker alle Theoretiker geworden sind, daß sie alle Ideen im Kopfe haben, die sie gerade, meinetwillen, aus einer Fabrik heraus zusammengeschmiedet haben, und mit diesen theoretischen Ideen das ganze soziale Leben meistern wollen.
[ 13 ] Well, that is one of the fundamental driving forces in social life today. If one tries to think from reality, to give people answers based on reality, they don’t understand them, because they come with theories, with minds completely filled with “capital” and “surplus value” and “class struggle” and all sorts of things, and with all the old prejudices. They come with what are old habits of thought. And today, especially in practical life, theories are killing reality. That is the peculiar enigma of our time: that the practitioners have all become theorists, that they all have ideas in their heads—ideas they have, for my sake, cobbled together from a factory—and want to master the whole of social life with these theoretical ideas.
[ 14 ] Deshalb glaube ich, daß in der Zukunft meine «Kernpunkte» mehr gelesen werden sollten im Westen und in Rußland, daß sie in Deutschland heute eigentlich ohne eine Möglichkeit des Wirkens dastehen. Denn im Westen zum Beispiel kann man trotzdem an diesem Buche sehr viel sehen, denn es stellt ohne Utopie einmal hin, wie die drei Glieder eben nebeneinanderstehen und ineinandergreifen sollten. Da ist es für den Westen ganz gleichgültig in bezug auf den Zeitpunkt, denn auch da ist noch viel zu tun in bezug auf die richtige Gliederung der drei Strömungen, Geistesleben, Wirtschaftsleben, staatlich-rechtliches Leben.
[ 14 ] That is why I believe that in the future my “Key Points” should be read more widely in the West and in Russia, since in Germany today they essentially have no chance of having an impact. For in the West, for example, one can still gain a great deal from this book, since it sets forth—without utopianism—how the three spheres should stand side by side and interlock. For the West, the timing is entirely irrelevant, for there, too, much remains to be done regarding the proper structuring of the three spheres: spiritual life, economic life, and political-legal life.
[ 15 ] Aber wir müssen vor allen Dingen lernen, wirklich modern zu denken, um im modernen Sinne zu einer sozialen Urteilsbildung zu kommen - fassen wir das doch nicht oberflächlich auf, meine Damen und Herren -, um im modernen Sinne zu einem sozialen Urteil, zu einer sozialen Urteilsbildung zu kommen. Das können wir nur, wenn wir unter die Oberfläche der sozialen Erscheinungen hineinsehen in die Tiefen. Und da ergibt sich heute eine eigentümliche Tatsache. Da ergibt sich die Tatsache, daß der einzelne überhaupt, wenn er noch so gescheit ist, wenn er ein noch so intelligenter und meinetwillen auch idealistischer und praktischer Mensch ist - ich möchte das «Praktisch» dreimal unterstreichen -, daß er als einzelner überhaupt ein soziales Urteil nicht gewinnen kann. Es ist ein, ich möchte sagen, soziales Mysterium, meine Damen und Herren, daß jedes soziale Einzelurteil falsch ist.
[ 15 ] But above all, we must learn to think in a truly modern way in order to arrive at social judgment in the modern sense—let us not take this superficially, ladies and gentlemen—in order to arrive at social judgment, at the formation of social judgment, in the modern sense. We can only do this if we look beneath the surface of social phenomena, into their depths. And here a peculiar fact emerges today. The fact emerges that the individual, no matter how clever he may be, no matter how intelligent—and, for my part, even how idealistic and practical—he may be—I would like to emphasize “practical” three times—that as an individual he cannot form a social judgment at all. It is, I would say, a social mystery, ladies and gentlemen, that every individual social judgment is wrong.
[ 16 ] Studieren Sie einmal, welche ungeheuer gescheiten Urteile gefällt worden sind, als in Europa die Goldwährung eingeführt werden sollte. Wer sich vertieft in das, was dazumal in Handelsverbänden, in den Parlamenten geredet worden ist - ich sage das nicht mit Ironie, sondern aus voller Überzeugung heraus -, das ist ein exzellentes Beispiel von menschlicher Gescheitheit. Man bekommt förmlich einen tiefen Respekt, wenn man sich vertieft in das, was von all den ungeheuer gescheiten Menschen geredet worden ist von der Mitte des 19. Jahrhunderts ab über den Einfluß der Goldwährung auf die soziale Gliederung der Welt. Vor allen Dingen, man hat strikte bewiesen, so logisch und so praktisch das nur möglich sein kann, daß es einen ungeheuren Respekt einflößt, man hat strikte bewiesen, wenn die Goldwährung komme, dann werde der Freihandel blühen.
[ 16 ] Take a moment to study the incredibly wise judgments that were made when the gold standard was to be introduced in Europe. Anyone who delves into what was said at the time in trade associations and parliaments—and I say this not ironically, but out of full conviction—will find an excellent example of human wisdom. One cannot help but feel a deep sense of respect when delving into what all those immensely intelligent people said, starting in the mid-19th century, about the influence of the gold standard on the social structure of the world. Above all, it has been rigorously proven—as logically and practically as is possible, in a way that inspires immense respect—that if the gold standard is introduced, free trade will flourish.
[ 17 ] Das Gegenteil ist eingetreten. Man hat sich sogar genötigt gesehen, gerade als Konsequenz der Goldwährung, die Zollschranken wieder aufzurichten. Das heißt: die gescheitesten Leute haben bei ihrem Blick in die Zukunft Unsinn geredet. Das ist nicht ein Tadel. Das kommt daher, daß in bezug auf das soziale Urteil die gescheitesten Leute vielleicht in dem Maße großen Unsinn reden, je gescheiter sie sind, wenn sie als einzelne reden; wenn sie bloß urteilen mit dem, was aus der einzelnen menschlichen Individualität hervorgehen kann.
[ 17 ] The opposite has happened. In fact, precisely as a consequence of the gold standard, it has even been necessary to re-erect tariff barriers. In other words: the smartest people spoke nonsense when they looked to the future. This is not a criticism. It stems from the fact that, when it comes to social judgment, the smartest people perhaps speak the greatest nonsense the smarter they are—when they speak as individuals; when they judge solely on the basis of what can emerge from individual human nature.
[ 18 ] Daher handelt es sich heute gar nicht darum, daß wir auf uns wirken lassen dasjenige, was als soziales Elend verbreitet ist. Der einzelne vermag sich kein Urteil zu bilden zwischen Ursache und Wirkungszusammenhang im sozialen Leben. Wir müssen tiefer gehen. Wir müssen hineinschauen bis in die Gliederung der Menschheit. Wir müssen uns fragen: Wie kann ein wirkliches soziales Urteil zustande kommen?
[ 18 ] Therefore, the issue today is not at all that we allow ourselves to be influenced by what is widely regarded as social misery. The individual is unable to form a judgment regarding the relationship between cause and effect in social life. We must go deeper. We must look into the very structure of humanity. We must ask ourselves: How can a genuine social judgment come about?
[ 19 ] In den alten sozialen Urteilsfällungen, die wir nicht wieder heraufbeschwören wollen, die einer alten Zeit angehörten, der Zeit der Theokratien, in diesen alten Urteilsfällungen war das soziale Urteil nicht bewußt, sondern es wurde unbewußt gefällt; aber es wurde von Menschengruppen gefällt.
[ 19 ] In the ancient social judgments—which we do not wish to revive, as they belonged to a bygone era, the era of theocracies—in these ancient judgments, social judgment was not a conscious act, but was passed unconsciously; yet it was passed by groups of people.
[ 20 ] Es ist gar nicht wahr, daß die Familie etwa das erste war in der sozialen Ordnung. Die Familie ist ein Spätprodukt, das erst später im Sozialen erschien. Die Urmenschen, die haben nicht nachgedacht, was das soziale Urteil sein soll, sie haben sich die Inspiration der Priesterschaft geben lassen und diese aufgefaßt mit dem Unbewußten. Aber diese sozialen Urteilsfällungen, diese unbewußten, sind nur entstanden, wenn Menschen eben in einer Gliederung standen - durch die Bluts- und anderen Bande in der Gliederung standen. Soziale Gruppen haben ein Verständnis gehabt, soziale Gruppen, nicht die einzelnen; soziale Gruppen, die miteinander gelebt haben. Und aus dem Zusammenleben der Gruppen ist das richtige Soziale entstanden. Im Geist der Menschen hat sich aus der Gruppe heraus das Richtige entwickelt, auch die Demokratie entwickelt, und damit der demokratische Gedanke. Das erreichte seine Kulmination erst im Laufe der Zeit. Der einzelne Mensch trat auf den Plan der Weltgeschichte. Er konnte aber noch mitbringen dasjenige, was die Gruppen gebildet hatten. Es lebte in der Tradition fort. Das ging auch noch hinein in die juristisch-staatliche Ordnung, aber ging nicht mehr hinein in dasjenige, was vom Menschen losgelöst ist, in die maschinelle, in die industrielle Ordnung. Da greift es nicht an, da geht es nicht mehr hinein.
[ 20 ] It is not at all true that the family was the first element in the social order. The family is a later development that emerged only later in social life. Primitive humans did not ponder what social judgment should be; they allowed themselves to be inspired by the priesthood and grasped this inspiration through the unconscious. But these social judgments—these unconscious ones—arose only when people were part of a structure—when they were bound within that structure by blood ties and other bonds. Social groups had an understanding—social groups, not individuals; social groups that lived together. And from the coexistence of these groups, true social life emerged. In the minds of people, what was right developed out of the group, including democracy, and with it the democratic idea. This only reached its culmination over the course of time. The individual entered the stage of world history. But he could still bring with him what the groups had formed. It lived on in tradition. This also found its way into the legal and state order, but it no longer found its way into that which is detached from the human being—into the mechanical, into the industrial order. There it has no effect; it no longer penetrates there.
[ 21 ] Nun, so sehen wir, daß notwendig wird, wiederum etwas zu bilden gerade innerhalb der Wirtschafts-, der ökonomischen Ordnung, das jetzt bei vollbewußtem Menschtum ähnlich ist den ursprünglichen sozialen Gruppen. Das habe ich genannt in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» die Assoziationen, wo das soziale Urteil nicht aus dem einzelnen hervorgeht, sondern aus dem, was in der Assoziation zusammenlebt, sich zusammen auslebt, in jenen Assoziationen, die die Konsumenten, die Produzenten und die Händler untereinander bilden. So daß man wiederum soziale Gruppen hat, aus denen sich jetzt bei vollem Bewußtsein das Urteil bildet, das der einzelne nicht bilden kann. Man kann noch so lange über eine Lösung der sozialen Frage nachdenken, alles Nachdenken ist Unsinn. Sinn hat nur, soziale Gruppen zu bilden, von denen man erwarten kann, daß Partiallösungen der sozialen Frage entstehen, daß die Leute, die zusammen urteilen, etwas bringen, was der Partiallösung der sozialen Frage für irgendeinen Ort und irgendeine Zeit nahe kommt, so daß es sich hineinstellt in die Menschheit.
[ 21 ] Well, we see that it becomes necessary to form, once again, something within the economic order itself that, in a fully conscious human society, is similar to the original social groups. In my book *The Key Points of the Social Question*, I have referred to these as “associations,” where social judgment does not arise from the individual but from what lives and acts together within the association—in those associations formed among consumers, producers, and merchants. Thus, we once again have social groups from which, with full consciousness, a judgment emerges that the individual cannot form on his own. One can ponder a solution to the social question for as long as one likes; all such pondering is nonsense. The only thing that makes sense is to form social groups from which one can expect partial solutions to the social question to emerge—that people who judge together will produce something that comes close to a partial solution to the social question for any given place and time, so that it becomes part of humanity.
[ 22 ] Das ist dasjenige, was heute besonders notwendig ist, und was man so wenig versteht. Ich habe es verspürt, wie wenig man das versteht, als ich im Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts meine «Philosophie der Freiheit» erscheinen ließ. Auf einem ganz partiellen Gebiet der sozialen Frage hatte ich das zu empfinden bekommen.
[ 22 ] This is precisely what is particularly necessary today, and what is so poorly understood. I sensed just how little it is understood when I published my *Philosophy of Freedom* in the early 1890s. I came to realize this in a very specific aspect of the social question.
[ 23 ] Ich mußte dazumal kurz auch die Frauenfrage berühren als eine soziale Frage, und dazumal - es ist jetzt dreißig Jahre her - sagte ich nicht: So löst man die Frauenfrage, denn das ist ganz gleichgültig, was sich der einzelne heute vorstellt, das kann eine feuilletonistische Bedeutung haben, damit kann man Romane schreiben, aber damit greift man nicht in die Wirklichkeit hinein; deshalb sagte ich dazumal: Man muß ja erst die Frauen ordentlich fragen, wie sie sich das denken, dann kann man aus der Wirklichkeit heraus eine Unterlage gewinnen für dasjenige, was geschehen kann.
[ 23 ] At the time, I also had to briefly touch on the women’s issue as a social issue, and back then—it’s been thirty years now—I did not say: “This is how you solve the women’s issue,” because it doesn’t matter at all what individuals have in their mental images today; that might have a literary significance—you can write novels about it—but it doesn’t have any impact on reality. That is why I said back then: First, you have to ask women properly what they think about it; only then can you draw on reality to establish a foundation for what can actually happen.
[ 24 ] Die Frauen waren dazumal nicht in Wirklichkeit gefragt; denn die paar Frauen, die bis dahin gesprochen hatten, die hatten ja nur Männerurteile gefällt, indem sie die Männerart, die immer geherrscht hat von der untersten Volksschulklasse bis in die Universitäten hinauf, einfach angewendet haben. Diese Frauen haben gar nicht das soziale Urteil in das soziale Gefüge einfügen wollen. Sie haben gar nicht gefragt, wie das soziale Leben herauskommt, nachdem wie der Rock ausschaut, den man anzuziehen hat; sie haben gestrebt darnach - verzeihen Sie, daß ich das erwähne, wenn es auch in England sonst verpönt ist —, sie haben gestrebt darnach, nun auch Beinkleider anzuziehen wie die Männer, haben gestrebt, geradeso nun auch Mediziner, Juristen, Kleriker und Schulmeister zu werden, wie die Männer geworden sind; nicht, das Frauenhafte einzufügen in den sozialen Organismus, nicht die Wirklichkeit zu nehmen, sondern von einer Theorie auszugehen. Denn die Theorie ist bis zur größten Unfruchtbarkeit in der heutigen Zeit heraufgebracht. Auch das muß man einsehen, daß man sich nicht theoretisch ein Urteil bilden soll in der Frauenfrage, sondern erst einmal die wirklichen Frauen hören. Denn um die Wirklichkeit handelt es sich.
[ 24 ] Women were not really in demand back then; for the few women who had spoken up until then had merely passed judgment in a masculine way, simply applying the male model that had always prevailed—from the lowest elementary school grades all the way up to the universities. These women had no intention of integrating social judgment into the social fabric. They did not ask at all how social life would turn out based on what the skirt one has to wear looks like; they strove—forgive me for mentioning this, even though it is otherwise frowned upon in England—they strove to wear trousers like men, to become doctors, lawyers, clergymen, and schoolteachers just as men have become; not to incorporate what is feminine into the social organism, not to take reality as it is, but to proceed from a theory. For theory has been taken to the point of utter sterility in our time. One must also realize that one should not form a theoretical judgment on the women’s question, but first listen to real women. For it is reality that is at stake.
[ 25 ] Und so in der ganzen sozialen Frage, nicht wiederum theoretisch beantworten: Wie muß sich Unternehmer und Arbeiter stellen? Wie muß die Fabrik gegliedert werden in der sozialen Beziehung? - sondern einmal die richtigen Assoziationen, die richtigen Menschengruppen zu bilden, aus denen dann erst die Antwort kommen wird. Die Fragen, die soll man richtig stellen, und warten, wieaus den Zusammengliederungen der Menschen dann die Antworten kommen.
[ 25 ] And so, regarding the entire social question, we must not answer it theoretically: How should employers and workers position themselves? How should the factory be structured in terms of social relations? — but rather, we must first form the right associations, the right groups of people, from which the answer will then emerge. One must ask the questions correctly and wait to see how the answers emerge from the way people are organized.
[ 26 ] Man muß also, wenn man schon Bücher schreiben will, solche Bücher schreiben, die gar nicht abgeschlossene Antworten geben, sondern die darauf hinweisen, wie Menschengruppierungen Antworten geben werden, wenn diese Menschen in der richtigen Weise zusammengebracht sind. Ein Buch muß schon aus sozialer Denkweise und Gesinnung hervorgehen, wenn es die sozialen Impulse in unserer Zeit richtig berühren will. Davon will ich dann in der zweiten Sektion weitersprechen.
[ 26 ] So if one is going to write books, one must write books that do not provide definitive answers, but rather point out how groups of people will arrive at answers when these people are brought together in the right way. A book must arise from a social way of thinking and a social outlook if it is to truly resonate with the social impulses of our time. I will speak further about this in the second section.
[ 27 ] Meine Damen und Herren, es ist in der gegenwärtigen Zeit außerordentlich schwierig, über praktisches Denken zu sprechen. Die Menschen glauben alle Realisten zu sein, aber im Grunde genommen trifft man überall krause Theorien, die allerdings dann im Leben drinnen wirken. Um mich ganz verständlich zu machen für dasjenige, was ich hier noch zu sagen haben werde, gestatten Sie mir eine persönliche Bemerkung.
[ 27 ] Ladies and gentlemen, it is extremely difficult these days to speak about practical thinking. People all believe themselves to be realists, but in reality, one encounters far-fetched theories everywhere—theories that nevertheless have an impact on real life. To make myself perfectly clear regarding what I still have to say here, allow me to make a personal remark.
[ 28 ] Ich glaube, daß dasjenige, was in bezug auf die Dreigliederung des sozialen Organismus zu sagen ist, allerdings heute aus meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» gelesen werden kann, gerade außerhalb Deutschlands; aber ich selbst war gedrängt, durch praktisch-wirklichkeitsgemäßes Denken die Dinge anders auszudrücken, als ich einmal die Sache niederschrieb für ein Gebiet außerhalb von Deutschland, für eine schweizerische Zeitschrift. Und da finden Sie dann denjenigen Aufsatz, der jetzt in «The Hibbert Journal» abgedruckt ist. Der ist international geschrieben, weil er von vornherein für alle Menschen geschrieben ist. So faßt man aber heute die Dinge nicht auf. Deshalb muß ich diese persönliche Bemerkung machen, damit die folgenden Dinge, die für die Erfassung des sozialen Lebens in der Gegenwart wichtig sind, damit die folgenden Dinge, die ich zu sagen habe, richtig verstanden werden.
[ 28 ] I believe that what needs to be said regarding the threefold structure of the social organism can indeed be read today in my book *The Key Points of the Social Question*, particularly outside of Germany; but I myself was compelled, through practical and realistic thinking, to express things differently than I had originally written them for an audience outside Germany, for a Swiss journal. And there you will find the essay that is now reprinted in *The Hibbert Journal*. It is written from an international perspective because it was intended from the outset for everyone. But that is not how people view things today. That is why I must make this personal remark, so that the following points—which are important for understanding social life in the present—so that the following points I have to make are properly understood.
[ 29 ] Mir ist jede 'Theorie ganz gleichgültig, und deshalb gilt mir jede Formulierung von Ideen und Begriffen bloß als eine Sprache, um die Realität auszudrücken. Wenn ich finde, daß man die Realität mit den Begriffen ausdrückt, die die Materialisten geformt haben, dann drücke ich das, was als Wirklichkeit zu sagen ist, materialistisch aus. Finde ich, daß die Idealisten passende Begriffe haben, um irgend etwas wirklich auszudrücken, dann drücke ich es eben idealistisch aus. Mir ist Materialismus, Idealismus, Realismus alles in der Theorie ganz gleich; ich betrachte es als eine Sprache, um die Wirklichkeiten auszudrücken. Daher kann man sehr leicht finden, wenn ich einmal in einer Zeit dasjenige, was ich habe ausführen wollen, mit den Worten Ernst Haeckels ausdrückte, daß gerade die Schriften, die ich in dieser Zeit schrieb, eine Form haben, die Anlaß geben kann, mich einen Materialisten zu nennen; und so kann man Widerspruch über Widerspruch finden.
[ 29 ] I am completely indifferent to any “theory,” and therefore I regard every formulation of ideas and concepts merely as a language for expressing reality. If I find that reality can be expressed using the concepts formulated by the materialists, then I express what needs to be said about reality in materialist terms. If I find that the idealists have suitable concepts to truly express something, then I simply express it in idealist terms. In theory, materialism, idealism, and realism are all equally indifferent to me; I regard them as a language for expressing realities. Therefore, it is very easy to find that, if at one time I expressed what I wanted to convey using Ernst Haeckel’s words, the very writings I produced during that period take a form that could give rise to calling me a materialist; and in this way, one can find contradiction upon contradiction.
[ 30 ] Allein so ist das Leben, und das kompliziert gewordene Leben der neueren Zeit namentlich. Wenn wir über das Soziale praktisch denken wollen, dann muß man berücksichtigen, daß all das, was wir als Naturalismus, Idealismus, Materialismus, Spiritualismus haben, dem juristisch-Jogischen Denken enstammt, daß das alles für die Gegenwart nicht mehr paßt; aber ebensowenig paßt «Industrialismus», «Kommunismus», «Sozialismus». Alle diese Dinge sind gut um das eine oder das andere auszudrücken, aber sie sind, wenn man sie als Theorien, Schlagworte, als Agitationsdirektiven nimmt, alle bereits verbraucht. Deshalb ist es so schwer, Titel zu finden. Ich habe zum Beispiel für meinen morgigen Vortrag einen Titel gewählt, der mir im Grunde ekelhaft ist, weil er im Grunde eben auf alte Schlagworte reflektiert, aber die gelten heute nicht mehr. Heute müssen wir in das wirkliche Leben untertauchen. Das ist nicht ideell, das ist eben real, und das fordert angesehen zu werden von den verschiedensten Gesichtspunkten. Ich habe es schon gesagt: Den Baum photographiert man von der einen Seite = «Materialismus»; den Baum photographieren wir von der anderen Seite = «Idealismus»; den Baum photographiert von der dritten Seite = «Naturalismus». Man photographiert das soziale Leben von der einen Seite = «Sozialismus»; von der anderen Seite = «Autokratie»; von der dritten Seite = «Kommunismus». Aber all das sind nicht Dinge, mit denen man heute operieren sollte. Man hat eben nicht heute einen richtigen Instinkt dafür, Begriffe zu finden, die aus dem heutigen Leben, das überall durchsetzt ist von Industrialismus, gewonnen werden müssen. Man sollte nur sich überlegen, wie intensiv das Leben gewirkt hat in den verflossenen Menschheitsepochen. Theokratie war einmal so intensiv allem sozialen Leben aufgedrückt, daß auch das Ökonomische, wie ich vorgestern sagte, unmittelbar aus den theokratischen Direktiven herauswuchs. Da geht es aber nur bis zu der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft läßt sich in einen sozialen Organismus voll hineingliedern, der theokratisch gedacht ist, denn es lebt im menschlichen Herzen, Grund und Boden mit dem Theokratischen zusammenzubringen. Fragen Sie den Menschen, der mit dem Lande, mit dem Grund und Boden zusammengewachsen ist, was ihm das Brot ist. Das Brot ist ihm in erster Linie eine Gabe Gottes. Da sehen Sie im Wortgebrauche dasjenige, was er auf dem Tische hat, zusammenhängen mit demjenigen, was er in der Theokratie erlebt.
[ 30 ] That is simply the nature of life—and especially the increasingly complicated life of modern times. If we want to think practically about social issues, we must take into account that everything we call naturalism, idealism, materialism, and spiritualism stems from legalistic-logical thinking, and that none of this is suitable for the present; but neither are “industrialism,” “communism,” or “socialism.” All these terms are useful for expressing one thing or another, but when taken as theories, catchphrases, or agitation directives, they have all already run their course. That is why it is so difficult to find titles. For example, for my lecture tomorrow, I have chosen a title that I actually find repulsive, because it essentially reflects old catchphrases—but those no longer apply today. Today we must immerse ourselves in real life. This is not idealistic; it is simply real, and it demands to be viewed from a wide variety of perspectives. As I’ve already said: If you photograph a tree from one side, it’s “materialism”; if we photograph the tree from another side, it’s “idealism”; if the tree is photographed from a third side, it’s “naturalism.” One photographs social life from one side = “socialism”; from the other side = “autocracy”; from the third side = “communism.” But these are not concepts one should be working with today. We simply lack the proper instinct today to find terms that must be derived from contemporary life, which is permeated everywhere by industrialism. One need only consider how intensely life has shaped the past epochs of humanity. Theocracy was once so intensely imposed on all social life that even the economic sphere, as I said the day before yesterday, grew directly out of theocratic directives. But this applies only up to the level of agriculture. Agriculture can be fully integrated into a social organism conceived theocratically, for it is in the human heart to bring land and soil together with the theocratic order. Ask the person who has grown up with the land, with the soil, what bread means to him. For him, bread is first and foremost a gift from God. There you see, in his use of language, that what he has on his table is connected to what he experiences in theocracy.
[ 31 ] Und dann bilden sich die sozialen Ordnungen, die ich vorgestern auseinandergesetzt habe, die begründet sind auf das Händlertum, auf das Gewerbe. Die Frage der Arbeit tritt auf. Ich habe es vorgestern in seiner Entstehung im Römertum zu erörtern gesucht. Und dann tritt auf ein ganz anderes Denken. Alle Begriffe, die wir haben, Eigentum, menschliches Recht gegenüber menschlichem Recht, bekamen damals eine juristisch-dialektisch-logische Färbung. «Gott hat es gewollt», das war die soziale Devise der Theokratien. «Menschen haben es untereinander abzumachen» — das wurde die soziale Devise in der juristisch-staatlichen Ordnung.
[ 31 ] And then the social orders emerge—the ones I discussed the day before yesterday—which are based on commerce and trade. The question of labor arises. The day before yesterday, I attempted to discuss its origins in Roman society. And then a completely different way of thinking emerges. All the concepts we have—property, human rights in relation to other human rights—took on a legal, dialectical, and logical character at that time. “God willed it”—that was the social motto of the theocracies. “People must settle matters among themselves”—that became the social motto in the legal and state order.
[ 32 ] Und das wirkte so intensiv, daß es allem Leben den Stempel aufdrückte. Nicht nur, was ich vorgestern gesagt habe, daß die Theosophie eine Theologie wurde, sondern viel intensiver noch ging das in das Leben hinein.
[ 32 ] And this had such a profound effect that it left its mark on all of life. Not only in the sense of what I said the day before yesterday—that theosophy had become a theology—but in an even more profound way, it permeated life.
[ 33 ] Bitte, sehen Sie sich das grandiose Bild an, das heute in der Sixtinischen Kapelle in Rom von Michelangelo gemalt ist: Christus, der Weltenrichter, aus der Zeit heraus, in der am intensivsten das juristischstaatliche Leben alles erfaßt hat. Aber ein religiöses Geheimnis sollte an die Wand gemalt werden der religiösen zentralen Wirkungsstätte.
[ 33 ] Please take a look at the magnificent painting by Michelangelo in the Sistine Chapel in Rome today: Christ the Judge of the World, from a time when legal and political life most intensely encompassed everything. But a religious mystery was to be painted on the wall of the central sanctuary of religion.
[ 34 ] Glauben Sie, wenn man aus dem alten orientalischen Theokratismus den Christus gemalt hätte, der wäre so geworden, wie ihn Michelangelo gemalt hat? Nimmermehr! Er wäre derjenige geworden, der in irgendeiner Weise die Weltengaben, die Gnaden, die der Mensch erhalten kann, mit segnenden Händen hinunterreicht, und der wäre der Weltengott geworden, der den Menschen segnend gibt.
[ 34 ] Do you think that if Christ had been depicted based on ancient Eastern theocracy, he would have turned out the way Michelangelo painted him? By no means! He would have become the one who, in some way, bestows the gifts of the world—the graces that humanity can receive—with blessing hands, and he would have become the God of the world who gives to humanity with a blessing.
[ 35 ] Was ist der Christus auf dem Bilde von Michelangelo? Der Weltenrichter, der große Weltenjurist, der die Guten belohnt, die Bösen bestraft. Das ganze Bild ist juristisch, ist getaucht in die Zeit, aus der es herausgeboren ist. Das ganze soziale Impulsieren der Zeit schaut man in diesem Bilde noch künstlerisch an. Die einstmalige Anschauung der Götterwelt, wo Gott eben Gott war, hat sich so verwandelt, daß die Welt-Anschauung eine Welt-Jurisprudenz geworden ist. Gott ist der große Jurist auf dem Bilde des Michelangelo. Jurisprudenz zieht sich hinein in die intimsten Fäden des Denkens, auch der Religion. Die Religion wird eine Empfindung desjenigen, was gerecht, ungerecht, gut und böse ist, und wie das zu belohnen oder zu bestrafen ist. Die Welt geht nicht aus in etwas, wohinein sie gegangen ist im alten Oriente: Wiedervereinigung der Menschheit mit der göttlichen Substanz, sondern die Welt naht sich an ihrem Ende der großen juristischen Session, wo juristisch entschieden wird über das Schicksal der Welt.
[ 35 ] Who is the Christ in Michelangelo’s painting? The Judge of the World, the great jurist of the universe, who rewards the good and punishes the wicked. The entire painting is legalistic, steeped in the era from which it emerged. The entire social momentum of the era is still viewed artistically in this painting. The former conception of the world of the gods, where God was simply God, has transformed to such an extent that the worldview has become a jurisprudence of the world. God is the great jurist in Michelangelo’s painting. Jurisprudence penetrates into the most intimate threads of thought, including religion. Religion becomes a sense of what is just, unjust, good, and evil, and how these should be rewarded or punished. The world does not culminate in what it once did in the ancient Orient—the reunification of humanity with the divine substance—but rather, as it nears its end, the world approaches the great judicial session, where the fate of the world is decided by legal judgment.
[ 36 ] Michelangelo hat so gemalt. Adam Smith hat so gedacht. Aber er hat gedacht nach der anderen Seite hin. Michelangelo hat gemalt nach der Seite der Theokratie hin, und die theokratische Ordnung ist ihm als Künstler in die juristische hineingerutscht. Adam Smith hat ganz juristisch gedacht; Ricardo ebenso und noch Karl Marx ebenso, und sie wollten dieses juristische Denken über die neue industrielle Ordnung stülpen, die nun nicht mehr den Menschen so hinstellt, wie die früheren Ordnungen den Menschen hingestellt haben.
[ 36 ] Michelangelo painted that way. Adam Smith thought that way. But he thought from the other perspective. Michelangelo painted from the perspective of theocracy, and as an artist, the theocratic order slipped into his legal thinking. Adam Smith thought entirely in legal terms; Ricardo did as well, and so did Karl Marx, and they wanted to impose this legal thinking on the new industrial order, which no longer presents human beings in the same way that earlier orders did.
[ 37 ] Der Mensch in der theokratischen Ordnung war hingestellt zum Boden, zum Grund und Boden; mit dem war er zusammengewachsen. Und er fühlte, wie er mit diesem Boden zusammenwachsen kann, wenn eben die theokratische soziale Ordnung hinter ihm ist. Das Zentrum, der Mittelpunkt, war die Stätte, wo die Inspirierten die Direktive abgaben, was in späterer Zeit das Dorf wurde mitdem umliegenden Grund und Boden und mit der Kirche. Im Laufe der menschheitlichen Entwickelung kam die Stadt. Die Stadt ist aus der sozialen Ordnung der Jurisprudenz heraus entstanden. Jetzt hat man nicht den Gegensatz Bauer und Priester, jetzt hat man den Gegensatz Stadt und Land.
[ 37 ] In the theocratic order, human beings were rooted to the soil, to the land; they had grown together with it. And they sensed how they could grow together with this soil once the theocratic social order was behind them. The center, the focal point, was the place where the inspired ones issued their directives—what later became the village, along with the surrounding land and the church. In the course of human development, the city emerged. The city arose from the social order of jurisprudence. Now there is no longer the contrast between farmer and priest; now there is the contrast between city and countryside.
[ 38 ] Das ist aber ganz in juristische Kategorien hinein verwebt. Aus diesen juristischen Kategorien heraus haben aber auch noch diejenigen gedacht, die dann den sozialen Organismus Stadt und Land zusammenfaßten als Staat; so haben sie auch noch gedacht von Adam Smith und John Stuart Mill bis Karl Marx. Da herrschen überall abstrakte, juristische Kategorien, wenn sie auch kritisch behandelt werden bei Karl Marx — bei Adam Smith positiv, bei Karl Marx negativ -—, aber er arbeitet ganz in juristischen Begriffen. Diese juristischen Begriffe sind Allgemeingut geworden jetzt derjenigen Menschheit, die mit nichts mehr verknüpft ist.
[ 38 ] However, this is entirely interwoven with legal categories. Even those who went on to conceive of the social organism—comprising city and countryside—as the state thought within these legal categories; this was the way of thinking from Adam Smith and John Stuart Mill all the way to Karl Marx. Abstract, legal categories prevail everywhere here, even if they are treated critically by Karl Marx—positively by Adam Smith, negatively by Karl Marx—but he works entirely in legal terms. These legal terms have now become common property of a humanity that is no longer connected to anything.
[ 39 ] Der Bauer war verknüpft mit dem Grund und Boden. Der Händler, der Gewerbetreibende war verknüpft mit dem anderen Menschen. Man studiert das nur nicht ordentlich, wie der Mensch dem anderen Menschen wert wurde, wenn er ihm etwas kaufte oder verkaufte, das er selber verfertigt hatte, mit dem er noch zusammenhing. Da war maßgebend dasjenige, was juristisch gedacht war. Da war maßgebend für den gerechten Preis dasjenige, was von Mensch zu Mensch wirkt, was sich abspielte zwischen Stadt und Land, die Gegenseitigkeit, dasjenige, was Mensch und Mensch untereinander abzumachen haben.
[ 39 ] The farmer was bound to the land. The merchant, the businessperson, was bound to other people. People simply don’t study this properly—how one person came to value another when buying or selling something that the seller had made himself, something to which he was still connected. What was decisive here was the legal perspective. What determined a fair price was what took place from person to person, what unfolded between city and countryside—the reciprocity, the agreements people make with one another.
[ 40 ] Nun kam die Zeit, wo die Menschheit der Maschine, der Technik gegenüberstand. Der Mensch insbesondere, der nun hineingestellt ist in die maschinelle Welt, der ist herausgerissen aus allen früheren Verhältnissen, hängt nicht mehr mit Grund und Boden zusammen, hängt nicht mehr zusammen mit dem, was gegenseitig spielte zwischen Mensch und Mensch, in der Zeit, wo Handel und Gewerbe dominierten. Er ist auf seine Menschlichkeit gestellt.
[ 40 ] Now came the time when humanity found itself face to face with machines and technology. Human beings in particular, now placed within the mechanical world, have been torn away from all their former circumstances; they are no longer tied to the land, nor are they connected to the mutual interactions that existed between people in the era when trade and commerce dominated. They are left to rely solely on their humanity.
[ 41 ] Und dabei ist das so, daß sich die soziale Struktur mit großer Abstraktheit entwickelt. Der Unternehmer steht da, und er hat im Grunde genommen bloß die Möglichkeit, mit der Bilanz zu rechnen, mit demjenigen zu rechnen, was sich ergibt aus der Unternehmung, denn alle übrigen Faktoren entziehen sich seiner Beobachtung. Er steht ja gar nicht mehr in Beziehung zum Menschen; er steht in Beziehung zu dem, was vom Menschlichen in die Bücher hineingegangen ist. Deshalb wird man gerade von sogenannten Praktikern heute außerordentlich schwer verstanden mit einem wirklich richtigen Denken.
[ 41 ] And yet the fact is that social structure develops in a highly abstract manner. The entrepreneur stands there, and essentially his only option is to work with the balance sheet—to work with what emerges from the enterprise—because all other factors elude his observation. After all, he no longer has any relationship with human beings; he has a relationship with what has been recorded in the books from the human realm. That is why it is exceptionally difficult today for so-called practitioners to understand truly correct thinking.
[ 42 ] Das konnte sich herausstellen, als versucht wurde im Praktischen etwas zu begründen, was wiederum hineinarbeitet ins konkrete Leben, wo diejenigen, die etwas leiten, nicht bloß nach den Büchern leiten, sondern in den wirklichen konkreten Unternehmungen mit ihrem Denken drinnenstehen. Aber man fand keine Mitarbeiter. Die Mitarbeiter, die stellten sich in der Mehrzahl hin und sagten: Das ist der Theoretiker, der denkt etwas aus; wir sind die Praktiker. Wir als Praktiker wissen, wie es ist. — Aber was hatten diese Praktiker im Kopfe? Ein paar Begriffe, ganz theoretische Begriffe, aus denen heraus sie sich einbildeten, wie es gerade zunächst da und dort sein muß just. Das waren ja die Philosophen, aber die Philosophen von den wenigen Begriffen, die sich just aus einer Ecke des ökonomischen Lebens heraus ein paar Begriffe bildeten bloß, und nun breit sagten: Diese theoretischen Begriffe, das ist die Praxis, und wenn irgend jemand mit etwas anderem kommt, dann versteht er halt gar nichts von allem.
[ 42 ] This became apparent when an attempt was made to establish something in practice that, in turn, feeds back into concrete life—where those in charge do not merely manage according to the books, but are actively engaged with their thinking in real, concrete undertakings. But no collaborators could be found. The majority of the collaborators took a stand and said: “He’s the theorist who comes up with ideas; we are the practitioners. We, as practitioners, know how things are.” — But what did these practitioners have in mind? A few concepts—entirely theoretical concepts—from which they imagined exactly how things ought to be here and there at that very moment. These were, of course, the philosophers—but philosophers of just a few concepts, who had merely cobbled together a few ideas from a corner of economic life and now proclaimed with great confidence: “These theoretical concepts are the practice, and if anyone comes along with something else, then they simply don’t understand a thing.”
[ 43 ] Es ist deshalb so ungeheuer schwer, heute mit «praktischem» Denken in der Welt etwas anzufangen, weil die Praktiker alle Theoretiker sind, und zwar die abstraktesten Theoretiker.
[ 43 ] It is therefore so incredibly difficult to make headway in the world today with “practical” thinking, because practitioners are all theorists—and indeed, the most abstract of theorists.
[ 44 ] Und so haben wir durchaus heute den Menschen dastehen, den Menschen aller Stände dastehen, denn auch die Begriffe «Bourgeoisie» und «Proletariat», «Arzttum» und «Priestertum», sie sind durchaus heute alle nicht mehr gültig. Wir können mit diesen alten Begriffsscheidemünzen nichts mehr anfangen. Denn wenn wir realistisch urteilen — verzeihen Sie, daß ich das ohnedies schon totgetretene Bild noch einmal gebrauche -, ich konnte wirklich, als ich unserem verehrten Mitvorsitzenden in den Straßen begegnete mit Talar und Barett, nicht mehr unterscheiden: ist er ein Priester oder ist er etwas anderes. Es gelingt nicht, dieDinge auseinanderzuhalten, weil wir im Leben drinnen mit den festgewordenen Begriffen stehen.
[ 44 ] And so today we certainly have people standing there—people from all walks of life—because even the terms “bourgeoisie” and “proletariat,” “medical profession” and “clergy,” are all completely obsolete today. We can no longer make sense of these old conceptual distinctions. For if we judge realistically—forgive me for using this overused metaphor once again—I really could no longer tell, when I encountered our esteemed co-chair on the street wearing a cassock and a biretta, whether he was a priest or something else. It’s impossible to tell the difference because we’re stuck with these rigid concepts in our daily lives.
[ 45 ] Wir müssen alles wiederum in Bewegung bringen, müssen untertauchen in das Leben, müssen nun sehen, wie der Industrialismus geworden ist, wie er sich abgelöst hat vom Menschen. In jedem Türschloß ebenso wie in der gotischen Kirche war früher etwas Menschliches darinnen. Davon strahlten die sozialen Impulse aus.
[ 45 ] We must set everything in motion again; we must immerse ourselves in life; we must now see what industrialism has become, how it has become detached from humanity. In every door lock, just as in a Gothic church, there used to be something human within. Social impulses radiated from that.
[ 46 ] In dem, was heute der Arbeiter in der Fabrik macht, und in dem, was der Architekt aufführt als Warenhaus in seiner ästhetischen Scheußlichkeit — die aber der Gegenwart gerade richtig angemessen ist, denn das Warenhaus ist der Stil, der Baustil der Gegenwart -, in dem drückt sich gar nichts mehr aus, was in irgendeiner Beziehung zum Menschen steht. Darum brauchen wir etwas, was wieder ausstrahlt von innen.
[ 46 ] In what the factory worker does today, and in what the architect erects as a department store in all its aesthetic ugliness—which, however, is perfectly appropriate to the present, for the department store is the style, the architectural style of the present—nothing is expressed anymore that has any connection to human beings. That is why we need something that once again radiates from within.
[ 47 ] Vom Grund und Boden strahlte das Essentielle des Geistes so aus, daß der Mensch sagte: Was mir der Grund und Boden gibt, das Brot, das ist eine Gabe Gottes. Ja, meine Damen und Herren, es wuchs die Theokratie nicht nur vom Himmel auf die Erde herunter, es wuchs die Theokratie mit jedem Weizenhalm aus dem Boden heraus. Das lebte doch in den menschlichen Seelen. Und später, indem der Mensch dasjenige, was er erworben hatte, dem anderen abgab, begründete sich in Handel und Gewerbe ein menschliches Verhältnis.
[ 47 ] The essence of the spirit radiated from the earth in such a way that people said: What the earth gives me—bread—is a gift from God. Yes, ladies and gentlemen, theocracy did not merely descend from heaven to earth; it grew out of the ground with every stalk of wheat. This was alive in human souls. And later, as people shared what they had acquired with one another, a human relationship took root in trade and commerce.
[ 48 ] Ein menschliches Verhältnis aber zur Maschine - es ist unmöglich. Die Maschine ist kalt, lebt kalt da. Und wir kommen nicht zu einer sozialen Urteilsbildung, weil wir nicht verstehen, dem Menschen von ganz woanders her nun einen menschlichen Inhalt zu geben, der aus der Maschine nicht so hervorkommen kann, wie aus dem Grund und Boden. Aus dem Grund und Boden wachsen Weizenhalme hervor, die eine Gabe Gottes sind für den Menschen; aus Handel und Gewerbe wächst das hervor, was zwischen Mensch und Mensch spielt, wo der Mensch das Gefühl hat: Du mußt anständig sein zu dem anderen, aus der Maschine wächst nicht gerade eine Gabe Gottes hervor; aber auch mit dem Anstand gegenüber der Maschine geht es nicht recht. Und so braucht gerade ein solches Zeitalter, das vom Industrialismus durchsetzt ist, einen Menscheninhalt, der nun nicht von dieser Erde ist, der gar nicht von dieser Erde ist, der die Seelen erfüllt aus der spirituellen Welt heraus.
[ 48 ] But a human relationship with the machine—that is impossible. The machine is cold; it exists coldly. And we cannot form a social judgment because we do not understand how to give the human being—coming from a completely different place—a human substance that cannot emerge from the machine in the same way it emerges from the earth. From the earth spring forth stalks of wheat, which are a gift from God to humankind; from trade and commerce springs forth what takes place between one person and another, where a person feels: You must treat the other decently; from the machine, however, a gift from God does not exactly spring forth; yet even treating the machine with decency does not quite work either. And so an age like this, permeated by industrialism, needs a human essence that is not of this earth—that is not of this earth at all—and that fills the souls from the spiritual world.
[ 49 ] So lange die Erde dem Menschen die Spiritualität gegeben hat, brauchte man nicht in freier Geistigkeit die Spiritualität zu erringen. So lange noch stark war das Gefühl von Mensch zu Mensch, brauchte man nicht in freier Geistigkeit die Spiritualität zu erringen. Heute sind wir darauf angewiesen, nachdem die Natur, die die Gaben Gottes gibt, sich zum großen Teil umgewandelt hat in die Welt der Produktionsmittel, die vom Menschen in abstrakter Weise als eine zweite Natur geschaffen worden ist, heute brauchen wir zu den Produktionsmitteln die Welt der freien Geistigkeit, die uns einen Inhalt gibt.
[ 49 ] As long as the Earth provided humanity with spirituality, there was no need to attain spirituality through free spiritual striving. As long as the bond between people remained strong, there was no need to attain spirituality through free spiritual striving. Today, we are dependent on this, since nature—which bestows God’s gifts—has largely been transformed into the world of the means of production, which humanity has created in an abstract sense as a second nature; today, alongside the means of production, we need the world of free spirituality, which provides us with meaning.
[ 50 ] Mit diesem Inhalt kommt man auch heran an diejenigen, mit denen man zusammen Assoziationen bilden will. Sehen Sie, ich habe gerade von Dornach, wo wir auch ein kleines Arbeiterheer, eine kleine ArbeiterKompagnie haben, neuere Erfahrungen. Diese Arbeiter, die wollen nicht nur arbeiten, sie wollen auch etwas Menschliches haben. Und man ist ja auch darauf gekommen, Arbeitern etwas Menschliches zu geben. Aber man spricht ihnen von allerlei ökonomischen Dingen, von Kapitalismus, Sozialismus, Bourgeoisismus, Kommunismus und so weiter. Man glaubt anfangs, daß das die Leute packt. Und die Arbeiterführer glauben am meisten, daß sie den Leuten nur davon sprechen sollten. Nun, ich fing auch zunächst an - als ich zum Schluß diese Sache selbst in die Hand nehmen mußte in Dornach -, ich fing auch zunächst an, mehr über Ökonomisches zu sprechen. Eines Tages tauchte aus der Masse der Arbeiter, die ich jedesmal das Thema selber geben lasse am Beginn der Stunde, ich rede unter diesen Leuten nicht über ein Thema, das ich selbst wähle, sondern ich lasse mir das Thema sagen am Anfang der Stunde und rede dann über das Thema - es stand einer auf, der zog unsere Zeitschrift «Die Drei» aus der Tasche und sagte, er wolle wissen, wie das eigentlich wäre, als die Erde noch ein Mond war, also unter einer ganz anderen Entwickelung stand. Und seit jener Zeit entwickelte sich die Sache so, daß über das Wesen des Menschen, über die Eingliederung des Menschen in den Kosmos, auf die Weise, wie sie die Dinge verstehen, gesprochen wird. Ich konnte unter Proletariern heute schon, denken Sie sich, so daß sie es als selbstverständlich ansehen, von den Einflüssen aus den Tierkreisrichtungen sprechen.
[ 50 ] With this kind of content, you can also reach out to those with whom you want to form connections. You see, I’ve just had some recent experiences in Dornach, where we also have a small army of workers, a small workers’ company. These workers don’t just want to work; they also want something human. And people have indeed come to realize that workers need something human. But they talk to them about all sorts of economic matters—capitalism, socialism, bourgeoisie, communism, and so on. At first, people believe that this is what grabs the workers’ attention. And the labor leaders, above all, believe that they should only talk to the workers about these things. Well, I, too, started out that way—when I finally had to take matters into my own hands in Dornach—I, too, started out talking more about economic issues. One day, from among the group of workers—whom I always let choose the topic themselves at the beginning of the session— I don’t choose a topic myself when speaking to these people; instead, I let them suggest the topic at the beginning of the session and then speak on that topic—one man stood up, pulled our magazine *Die Drei* out of his pocket, and said he wanted to know what it was actually like when the Earth was still a moon, that is, when it was undergoing a completely different stage of development. And since that time, things have developed in such a way that we speak about the nature of the human being and the human being’s place in the cosmos in a way that corresponds to how they understand these things. I have already been able to speak to proletarians today—just imagine—about the influences from the directions of the zodiac in such a way that they regard it as a matter of course.
[ 51 ] Wir müssen erst die Möglichkeit finden, zu erkennen, was in den anderen drinnensitzt an Seelischem und Geistigem und was in uns drinnen sitzt, wenn wir uns zusammensetzen wollen mit ihnen in den Assoziationen. Wir müssen die Klüfte überbrücken, die sich gebildet haben. Das ist dasjenige, was die erste Anforderung ist.
[ 51 ] We must first find a way to recognize what lies within others—in terms of their soul and spirit—and what lies within us, if we are to come together with them in the associations. We must bridge the gaps that have formed. That is the first requirement.
[ 52 ] Daher ist die soziale Frage in ihrem tiefsten Sinne zuallererst eine geistige Frage: Wie breiten wir eine einheitlich wirkende Geistigkeit unter den Menschen aus? Dann werden wir auf wirtschaftlichem Gebiete uns in Assoziationen zusammenfinden können, aus denen heraus sich erst die soziale Frage in einer konkreten Weise wird gestalten und partiell - muß ich immer sagen — lösen lassen.
[ 52 ] Therefore, the social question, in its deepest sense, is first and foremost a spiritual question: How do we spread a unifying spirituality among people? Then, in the economic sphere, we will be able to come together in associations, from which the social question will take concrete form and—I must always say—be partially resolved.
[ 53 ] Aber wir denken heute noch ganz in den alten Kategorien. Wir bilden juristisches Denken, aber wir bilden noch nicht ökonomisches Denken, weil - so paradox es klingt - ökonomisches Denken bedeutet: in Freiheit denken, Man braucht gerade in der Zeit, in der eine zweite Natur in den Produktionsmitteln aufgetaucht ist, in dieser Zeit, wo der Geist aus den Arbeitsmitteln, aus den Produktionsmitteln ganz gewichen ist, braucht man gerade eine Geistigkeit, die nun nicht geschöpft ist mehr aus der Natur, die nicht geschöpft ist in der Weise, wie sie in der Theokratie geschöpft wurde aus demjenigen, was noch mehr physisch im Menschen lebte, sondern die frei errungen ist, und die aber einen Inhalt hat.
[ 53 ] But even today, we still think entirely in the old categories. We cultivate legal thinking, but we do not yet cultivate economic thinking, because—as paradoxical as it sounds—economic thinking means thinking in freedom. Precisely at a time when a “second nature” has emerged in the means of production—at a time when the spirit has entirely withdrawn from the tools of labor, from the means of production— we need precisely a spirituality that is no longer drawn from nature, that is not drawn in the way it was in theocracy—from that which still lived more physically within human beings—but rather one that has been freely attained and yet possesses substance.
[ 54 ] Ich weiß, daß das heuteden Menschen gerade am Allerutopistischesten klingt, es ist aber das Allerpraktischeste. Sie können noch so viele soziale Gemeinschaften gründen, noch so viele Vereinigungen in die Welt schaffen, noch so viele Gewerkschaften und Genossenschaften schaffen — mit den Begriffen, mit dem Denken, das sich aus dem Mittelalter heraus in die neuere Zeit eingeschlichen hat, mit dem Denken kommt die soziale Frage nicht einmal in Fluß, geschweige denn zu einer partiellen Lösung. Die soziale Frage ist heute die Weltfrage geworden.
[ 54 ] I know that this sounds like the most utopian idea to people today, but it is actually the most practical. You can found as many social communities as you like, create as many associations as you like, establish as many unions and cooperatives as you like—but with the concepts and the way of thinking that have crept from the Middle Ages into modern times, the social question will not even begin to be addressed, let alone find even a partial solution. The social question has now become the global question.
[ 55 ] Aber was hat sich angeschlossen an das Denken, das den sozialen Organismus ganz im Sinne des Juristisch-Dialektischen und gewohnheitsmäßig Moralischen beurteilt? Es hat sich angeschlossen die schöne, die erfreuliche, die wunderbare Charitas, die menschliche Barmherzigkeit, das menschliche Mitleid. Jetzt, wo die soziale Frage zu einer brennenden Weltfrage geworden ist, jetzt sehen wir in Westeuropa überall auftauchen die Sammelbüchsen für den Osten. Es wird gesammelt. Sehr, sehr schön! Nichts soll dagegen eingewendet werden, und ich möchte sagen, je mehr man beitragen kann zu diesem Sammeln, desto mehr sollte man es tun. Aber was dadurch geschieht, ist Vergangenheit, ist nicht Zukunft. Es ist das alles, auch dieses Mitleid, auch diese Charitas, noch heraus gedacht aus dem Denken des Mittelalters. Und ich sehe zwei Bilder: den mittelalterlichen gotischen Dom, worinnen die prunkvollen Meßgewänder der Prälaten lagerten, jener Prälaten, die, mittlerweile ihre Meßgewänder in den Domen lagerten, in ihren eigenen Behausungen zusammensaßen und etwas taten, was in einer merkwürdigen Weise zutage getreten ist, als eine schweizerische Zeitung vor einigen Monaten das Menu veröffentlicht hat, das Weihnachtsmenu für die Prälaten, welche in einem schweizerischen Dom einst versorgt worden sind während Weihnachten. Sie würden erstaunen, wenn ich Ihnen die Zahl der Schweine nennen würde, die dazumal in den heiligen Weihnachtstagen von den Prälaten verspeist worden sind. Um diese Dome herum lagerten Heere von Armen, denen Almosen gegeben wurden. Es war ganz im Stil und Sinne des Mittelalters; anders konnte es nicht sein. So war es für die damalige Zeit das Selbstverständliche. Ob man das im heutigen Sinne schön oder häßlich findet, darauf kommt es nicht an, denn es war für die damalige Zeit das Selbstverständliche.
[ 55 ] But what has followed in the wake of the way of thinking that judges the social organism entirely in terms of the legal-dialectical and the conventional moral? What has followed is the beautiful, the joyful, the wonderful charity—human compassion, human sympathy. Now that the social question has become a burning global issue, we see collection boxes for the East popping up everywhere in Western Europe. People are donating. Very, very nice! There is nothing to be said against it, and I would like to say that the more one can contribute to this effort, the more one should do so. But what happens as a result of this belongs to the past, not the future. All of this—including this compassion, including this charity—is still rooted in medieval thought. And I see two images: the medieval Gothic cathedral, where the prelates’ magnificent chasubles were stored—those prelates who, meanwhile had their chasubles stored in the cathedrals, sat together in their own dwellings and did something that came to light in a curious way when a Swiss newspaper published, a few months ago, the menu—the Christmas menu for the prelates—who were once catered to in a Swiss cathedral during Christmas. You would be astonished if I told you the number of pigs that were consumed by the prelates back then during the holy days of Christmas. Around these cathedrals gathered multitudes of poor people to whom alms were given. It was entirely in the style and spirit of the Middle Ages; it could not have been otherwise. That was simply the norm for that time. Whether one finds this beautiful or ugly by today’s standards is irrelevant, for it was simply the norm for that time.
[ 56 ] Aber ist es nicht dasselbe, wenn heute das Elend in Rußland auf der einen Seite steht - das sind die Armen, die vor den Domen lagern und auf der anderen Seite gesammelt wird? Gut, sehr gut und brav. Aber die heutige soziale Frage wird damit nicht einmal berührt, geschweige denn auch nur irgendwie partiell gelöst. Denn man sollte nicht überhören, daß durch die Impotenz unseres sozialen Denkens heute ja überall die Stimmen hörbar sind, die nicht sagen: Wir sind dankbar für dasjenige, was man uns als Almosen gibt -, sondern die da sagen: Das ist das Allerschlimmste, daß man uns Almosen gibt, denn daraus sehen wir ja, daß es noch Menschen gibt, die Almosen geben können. Die soll es gar nicht mehr geben!
[ 56 ] But isn’t it the same thing when, today, misery in Russia is on one side—that is, the poor who camp out in front of the cathedrals—and on the other side, alms are being collected? Good, very good, and commendable. But this does not even touch upon today’s social problem, let alone solve it even partially. For we must not overlook the fact that, due to the impotence of our social thinking today, voices can be heard everywhere that do not say, “We are grateful for what is given to us as alms,” but rather say, “The very worst thing is that alms are given to us, for from this we see that there are still people who can give alms. They should no longer exist at all!”
[ 57 ] Das ist dasjenige, was man mit seinem ganzen Herzen fühlen muß als den Grundimpuls des sozialen Organismus in unserer Zeit, der eigentlich schon der Weltorganismus ist, den man aber überall bloß eigentlich im nationalen Sinne sieht. Und das ist dasjenige, was doch heute der Menschheit klar werden sollte, daß man vor allen Dingen etwas braucht, was die Brücke schafft zwischen den Abgründen, die in der sozialen Ordnung da sind.
[ 57 ] This is what one must feel with one’s whole heart as the fundamental impulse of the social organism in our time—which is, in fact, already the world organism, but which is everywhere viewed solely in a national sense. And this is what should become clear to humanity today: that, above all else, we need something that builds a bridge across the chasms that exist in the social order.
[ 58 ] Warum reden wir heute so viel von der sozialen Frage? Weil wir durch und durch antisozial geworden sind. Man redet gewöhnlich theoretisch am allermeisten von dem, was in der Empfindung und in dem Instinkt nicht da ist. Was in der Empfindung und im Instinkt da ist, darüber redet man theoretisch nicht. Wäre soziale Empfindung in der Menschheit, würde man furchtbar wenig von sozialen Theorien und sozialen Agitationen hören. Theoretiker auf irgendeinem Gebiete wird der Mensch, wenn er etwas nicht hat. Die Theorien sind eigentlich immer über dasjenige da, was nicht real ist. Aber wir müssen heute das reale Leben suchen, darauf kommt es vor allen Dingen an. Das erfordert mehr Mühe, als eine Theorie ausdenken. Aber der menschliche Fortschritt kommt auch in nichts weiter, wenn er sich nicht in das Leben wirklich hineinfindet, denn der theoretische Geist ist es, der unsere Welt heute zerklüftet hat, der unsere Zivilisation heute dem Chaos nahe bringt; der theoretische Geist ist es. Und der Lebensgeist, er wird uns einzig und allein weiterführen können.
[ 58 ] Why do we talk so much about the social question today? Because we have become thoroughly antisocial. People usually talk most theoretically about what is absent from their feelings and instincts. What is present in their feelings and instincts is not discussed theoretically. If there were social feeling among humanity, we would hear very little about social theories and social agitation. People become theorists in any field when they lack something. Theories are actually always about what is not real. But today we must seek real life; that is what matters above all else. That requires more effort than devising a theory. But human progress will not advance at all unless it truly finds its way into life, for it is the theoretical spirit that has fractured our world today, that is bringing our civilization close to chaos; it is the theoretical spirit. And the Life-Spirit—it alone will be able to lead us forward.
[ 59 ] Das ist es, ich muß es noch einmal sagen, was man tief im Herzen fühlen sollte als den Grundimpuls der sozialen Frage der Gegenwart. Wenn wir verstehen, wie die Menschen wiederum die Menschen finden, dann werden wir die Möglichkeit haben, auch das Soziale in die richtige Richtung zu bringen.
[ 59 ] That is it—I must say it once again—what we should feel deep in our hearts as the fundamental impulse behind the social issues of our time. If we understand how people can reconnect with one another, then we will have the opportunity to steer social matters in the right direction as well.
[ 60 ] Was haben die höheren Stände auf einem Gebiete getan? Ja, sie haben ihre Nase hineingesteckt in das proletarische Elend und Kunstwerke daraus geformt. Vom theokratischen Gott, dem Christus, kann man eine deutliche Vorstellung haben - den Weltenrichter hat Michelangelo gemalt. Wie derjenige aussehen muß, der aus der industriellen Ordnung heraus gestaltet wird — in Dornach versuchen wir es zu machen. Man versteht es aber heute noch nicht, weil man die spirituelle Welt noch nicht mit der kaltgewordenen maschinellen Welt in eine Beziehung zu setzen vermag. Man hat noch kein Denken, das sich ebenso wie das juristische und theokratische Denken früher an die Wirklichkeit sich angelehnt hat, an die heute kalt gewordene Wirklichkeit anlehnen kann, diese kaltgewordene Wirklichkeit durchdringen kann. Deshalb haben die höheren Stände ihre Nase hineingesteckt in das Elend und so irgend etwas geformt, nun ja, wie die Dichter, Bildhauer und Maler der Gegenwart es geformt haben: Soziale Kunst. Abscheuliche Sentimentalität ist daraus geworden, weil eben die Menschen noch nichts erfüllt von dem, was wirklich aus der freien Geistigkeit heraus sich hinzugesellen kann zu der menschlichen Ordnung. «Komm, Herr Jesu, sei unser Gast», heute gemalt, ist wirklich ein Sentimentales, Ekelhaftes, wenn man nicht mit Vorurteilen darangeht, mit Vorempfindungen darangeht. Es handelt sich darum, daß man mit derselben Kraft aus dem Industrialismus heraus wirkt, zu dem man aber jetzt freie Geistigkeit hinzubringen muß, wie man einstmals durch die Theokratie mit der Landwirtschaft, wie man einstmals durch die Jurisprudenz mit dem Händlertum hat wirken können. So kommt es darauf an, daß der Mensch zu sozialer Denkweise, zu sozialen Kenntnissen und Begriffen kommt, die man nicht bekommt, wenn man nicht absieht von abstrakten Begriffen wie «Kapital», «Mehrwert» und so weiter. Soziale Begriffe kann man einzig und allein bekommen, wenn man zu dem kalten Maschinellen das Warme, das offenbarende Geistige hinbringt. Und gerade diejenigen, die heute zwischen den Maschinen herumlaufen, die wollen, wenn sie es auch nicht wissen, eine wirkliche Geistigkeit, damit sie nicht allein den alten Materialismus haben, mit dem sie sonst ihr Herz einzig und allein anfüllen.
[ 60 ] What have the upper classes done in a given area? Well, they have stuck their noses into proletarian misery and fashioned works of art out of it. One can have a clear mental image of the theocratic God, Christ—Michelangelo painted the Judge of the World. As for what the one shaped by the industrial order must look like—in Dornach we are trying to create that. But people still do not understand this today, because they are not yet able to relate the spiritual world to the cold, mechanical world. We do not yet possess a mode of thinking that, just as legal and theocratic thinking once drew upon reality, can draw upon the reality that has grown cold today and penetrate this cold reality. That is why the higher classes have stuck their noses into this misery and shaped something out of it—well, just as the poets, sculptors, and painters of our time have shaped it: social art. It has turned into abominable sentimentality, precisely because people have not yet been filled with what can truly emerge from free spirituality to join the human order. “Come, Lord Jesus, be our guest,” painted today, is truly a sentimental, repulsive thing—unless one approaches it without prejudice or preconceived notions. The point is to exert the same influence from within industrialism—to which we must now bring free spirituality—as we were once able to exert through theocracy on agriculture, and as we were once able to exert through jurisprudence on commerce. Thus, it is essential that people arrive at a social way of thinking, at social knowledge and concepts, which cannot be attained unless one moves beyond abstract concepts such as “capital,” “surplus value,” and so on. Social concepts can be attained solely by bringing warmth—the revealing spiritual element—to the cold, mechanical world. And it is precisely those who today move about among the machines who, even if they do not realize it, long for true spirituality, so that they are not left with only the old materialism that otherwise fills their hearts entirely.
[ 61 ] Zum Dorf und zur Kirche ist das Land und die Stadt hinzugekommen. Die wurden beherrscht mit einem sozialen Denken. Die Fabrik gehört nicht mehr zur Stadt. Die Fabrik ist ein neues soziales Gebilde. Die Fabrik ist aber auch herausgestellt wie ein besonderer Dämon aus der ganzen Weltordnung. Die Fabrik hat nichts Geistiges mehr an sich. Da muß das Geistige von der anderen Seite hergebracht werden. Daher ist gerade die soziale Frage heutigen Tages im eminentesten Sinne eine spirituelle Frage. Wir müssen die Möglichkeit finden, nicht nur unsere Nase hineinzustecken in das proletarische Elend, sondern wir müssen eine Geistigkeit finden, die aus unserem Herzen herauskommt in ganz naturgemäßer Weise, die aber auch aus dem Herzen desjenigen herauskommt, und wenn es der Mensch des untersten Standes ist, zu dem man spricht. So wie die Sonne allen Menschen scheint, so scheint dasjenige, was wirkliche Geistigkeit ist, nicht diesem oder jenem Stand, nicht dieser oder jener Klasse, führt nicht diesen oder jenen Standes- oder Klassenkampf, sondern ist für alle Menschen. Und daß alle Menschen als Einzelne in die Geschichte eintreten können, das fordert der große welthistorische Augenblick der Gegenwart.
[ 61 ] The countryside and the city have been added to the village and the church. They were governed by a social mindset. The factory no longer belongs to the city. The factory is a new social entity. But the factory is also set apart like a special demon from the entire world order. The factory no longer possesses anything spiritual in itself. Therefore, the spiritual must be brought in from the other side. That is why the social question of today is, in the most eminent sense, a spiritual question. We must find a way not merely to stick our noses into proletarian misery, but to discover a spirituality that flows naturally from our own hearts—and that also flows from the heart of the person we are speaking to, even if that person belongs to the lowest social class. Just as the sun shines upon all people, so too does true spirituality not shine upon this or that social class, not upon this or that class; it does not wage this or that class struggle, but is for all people. And the great moment in world history that we are currently experiencing demands that all people be able to enter history as individuals.
[ 62 ] Man hatte es früher mit Ständen, mit Klassen zu tun. Man hat es heute und wird es in der Zukunft zu tun haben mit dem Menschen; mit dem Menschen, der aus sich selber heraus eine Welt gebiert. Dazu müssen wir helfen, nicht indem wir die alten Dinge fortpflanzen und fortwursteln, sondern indem wir tatsächlich in das Tiefste des Menschen hinuntersteigen, um das Weiteste der Welt in spiritueller Weise zu finden. Das dringt dann ganz gewiß ein in die soziale Frage.
[ 62 ] In the past, we dealt with estates and classes. Today—and in the future—we are dealing with the human being; with the human being who gives birth to a world from within himself. To this end, we must help—not by perpetuating the old ways and muddling through, but by truly descending into the deepest depths of the human being in order to find the broadest expanse of the world in a spiritual way. This will then most certainly penetrate the social question.
[ 63 ] Sehen Sie, so etwas ist gewollt worden in den «Kernpunkten der sozialen Frage», weil gerade der gegenwärtige Zeitpunkt derjenige ist, wo man meinen muß, daß die Menschen nicht bloß aus ihrem theoretischen Verstande, sondern aus ihrem Herzen, aus ihrem Wollen heraus so etwas verstehen können. Derjenige, der die «Kernpunkte der sozialen Frage» als ein Buch des Verstandes nimmt, versteht es nicht. Allein derjenige versteht es, der es als ein Willensbuch, als ein Herzensbuch nimmt, das gesprochen ist aus dem Leben heraus, aus demjenigen, was heute überall unter der Oberfläche des Daseins als die wichtigsten sozialen Impulse der Gegenwart genommen werden können.
[ 63 ] You see, this is precisely what was intended in the “Key Points of the Social Question,” because the present moment is precisely the time when one must believe that people can understand such things not merely through their theoretical intellect, but from their hearts, from their will. Anyone who regards “The Key Points of the Social Question” as a book of the intellect does not understand it. Only those who regard it as a book of the will, as a book of the heart—spoken from life itself, from what can be perceived today everywhere beneath the surface of existence as the most important social impulses of the present—will understand it.
[ 64 ] Die Materie hat es notwendig gemacht, statt einer Dreigliederung eine Zweigliederung des Vortrages zu machen, ich werde daher abschließen und mir dasjenige, was ich zur Abrundung des sozialen Problems zu sagen habe, auf morgen aufsparen.
[ 64 ] The subject matter has made it necessary to structure the lecture in two parts rather than three; I will therefore conclude for now and save what I have to say to round out the social problem for tomorrow.
