Fundamental Spiritual and Soul Forces
in the Art of Education
Spiritual Values in Education and Social Life
GA 305
26 August 1922, Oxford
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Fundamental Spiritual and Soul Forces in the Art of Education, tr. SOL
10. Die Entwickelung des sozialen Lebens in der Menschheit
10. The Development of Social Life Among Humankind
[ 1 ] Meine Damen und Herren! Es ist in der Gegenwart eine allgemeine Angelegenheit der ganzen Menschheit geworden, die soziale Frage zu betrachten, und innerhalb der sozialen Frage diejenigen Antworten zu finden, welche gerade in der Gegenwart geeignet sind, ein Handeln der Menschen hervorzurufen, das unsere sozialen Verhältnisse derjenigen Richtung zuführen kann, die als ein Unbestimmtes, ich möchte sagen, nebelhaftes Zukunftsgebilde vielen Menschen vorschwebt, über die aber keineswegs heute schon irgendwelche klaren Begriffe vorhanden sein können, ich sage: können, und nicht: vorhanden sind.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! It has now become a matter of universal concern for all of humanity to examine the social question and, within that question, to find those answers that are particularly suited at this moment to inspire human action capable of steering our social conditions in the direction of what many people envision as an indefinite, I would say, a nebulous vision of the future that many people have in mind, but about which there can by no means be any clear concepts available today—I say “can,” not “are.”
[ 2 ] Wenn ich mir erlaube, in drei kurzen Vorträgen über die soziale Frage zu sprechen, so ist es ja selbstverständlich, daß ich nur einige recht unbefriedigende Gesichtspunkte werde geben können, und daß manches von dem, was ich nur vage andeuten kann wegen der Kürze der Zeit, erst wird Gestalt gewinnen müssen, in dem, was die verehrten Zuhörer aus meinen Worten machen werden. Die Vorträge bitte ich daher nur als ganz vage Andeutungen zu betrachten, die einige Anregungen geben wollen.
[ 2 ] If I may take the liberty of speaking about the social question in three short lectures, it goes without saying that I will be able to offer only a few rather unsatisfactory perspectives, and that much of what I can only vaguely hint at—due to the limited time available—will first have to take shape in what my esteemed audience makes of my words. I therefore ask that these lectures be regarded merely as very vague suggestions intended to provide some food for thought.
[ 3 ] Die soziale Frage, wie liegt sie uns denn eigentlich heute vor? Sie liegt uns durchaus nicht, wenn wir unbefangen das Menschenleben der Gegenwart betrachten, so vor, daß wir eine klare Formulierung von ihr haben, daß wir wüßten, das ist die soziale Frage, und so kann man sie lösen. Das ist ja gar nicht der Fall. Was uns vorliegt, ist eine große Summe von differenzierten Lebensverhältnissen über die Erde hin, welche Klüfte und Abgründe zwischen den inneren menschlichen Erfahrungen und Erlebnissen und dem äußeren wirtschaftlichen Lebensstande innerhalb der Menschheit hervorgerufen haben. Diese mannigfaltig differenzierten Verhältnisse sind da. Wie mannigfaltig sie differenziert sind, das kann derjenige sich leicht vor die Seele rücken, der hinschaut auf die ganz verschiedene Art, wie diese Lebensverhältnisse waren vor dem furchtbaren Weltkriege, und wie sie jetzt sind nach dem Weltkriege. Wenn man nur ein wenig ein größeres Territorium der Erde in Betracht zieht, dann wird man bald finden, daß die Differenzierung in den sozialen Lebensverhältnissen vor und nach dem Kriege etwas Grundverschiedenes ist gegenüber auch den Verhältnissen, wie sie etwa noch vor fünfzig Jahren auf demselben Territorium waren.
[ 3 ] The social question—how does it actually present itself to us today? If we take an unbiased look at human life in the present, it certainly does not present itself to us in such a way that we have a clear definition of it, that we would know, “This is the social question,” and “This is how it can be solved.” That is simply not the case. What we are faced with is a vast array of diverse living conditions across the globe, which have created chasms and abysses between people’s inner experiences and the external economic conditions of life within humanity. These manifold and diverse conditions exist. Anyone who looks at the very different ways in which these living conditions existed before the terrible world war and how they are now after the world war can easily grasp just how diverse they are. If one considers even a slightly larger region of the earth, one will soon find that the differentiation in social living conditions before and after the war is fundamentally different from the conditions that existed in that same region as recently as fifty years ago.
[ 4 ] Wir schauen vielleicht heute, und man muß sagen, Gott sei Dank, mehr mit unserem Herzen in diese Lebensverhältnisse hinein, empfinden das Tragische; aber der Verstand, der Intellekt, so sehr er auch ausgebildet worden ist in den letzten Jahrhunderten, er kam nicht nach. Das ist das Eigentümliche in allen sozialen Verhältnissen der Gegenwart, daß die Frage der Wirklichkeit, des unmittelbaren Lebens ungeheuer drängen, und daß das Begreifen der Menschen nicht nachkommen will.
[ 4 ] Today, perhaps—and we must say, thank God—we look at these living conditions more deeply with our hearts and sense their tragedy; but reason, the intellect, no matter how highly developed it has become over the past centuries, has not kept pace. This is what is peculiar about all contemporary social conditions: the question of reality, of immediate life, is pressing with immense force, and people’s understanding simply cannot keep up.
[ 5 ] Wenn wir uns fragen: Wo sind die fruchtbaren sozialen Ideen? — dann werden wir wenig finden, was wir bei völliger Unbefangenheit so bezeichnen können. Gerade die Gedanken der Menschen pflegen, wenn es sich um das soziale Leben handelt, zu versagen.
[ 5 ] If we ask ourselves: Where are the fruitful social ideas? — then we will find very little that we can, in all impartiality, describe as such. It is precisely people’s ideas that tend to fall short when it comes to social life.
[ 6 ] Nun, heute ist infolge der sozialen Entwickelung, die die Menschheit genommen hat, die Frage des sozialen Zusammenlebens unmittelbar geknüpft an eine andere Frage, in der nur Sachkenntnisse den Ausschlag geben können, nur die wirkliche Einsicht in das Konkrete den Ausschlag geben kann.
[ 6 ] Well, today, as a result of the social developments that humanity has undergone, the question of social coexistence is directly linked to another question, one in which only expert knowledge can be the deciding factor—only a true understanding of the concrete reality can be the deciding factor.
[ 7 ] Meine Damen und Herren, über ein Paradies auf Erden, in dem die Menschen gut leben können, in dem alle Menschen zufrieden sein können, zu denken, ist sehr leicht. Das ergibt sich, man möchte sagen, von selbst. Zu sagen, wie aus der Konfiguration unseres Wirtschaftslebens, aus den einzelnen konkreten Tatsachen, die sich aus der Natur, aus der menschlichen Arbeit, aus dem menschlichen Erfindungs- und Kombinationsgeist ergeben, zu sagen, wie da heraus für die Menschen allmählich ein menschenwürdiges Dasein sich entwickeln soll, das erfordert eine so eingehende tiefe Sachkenntnis, wie kein Zweig der Wissenschaft, wie kein Zweig innerhalb der Naturerkenntnis. Denn gegenüber der Komplikation der sozialen wirtschaftlichen Tatsache ist dasjenige, was wir unter dem Mikroskop sehen und durch das Teleskop am Himmel beobachten, außerordentlich einfach.
[ 7 ] Ladies and gentlemen, it is very easy to imagine a paradise on earth where people can live well, where everyone can be content. One might say that this goes without saying. To explain how, from the structure of our economic life—from the individual concrete facts arising from nature, from human labor, and from the human spirit of invention and ingenuity—how a dignified existence for people is to gradually develop from these elements requires such thorough and deep expertise that no branch of science, nor any branch of the natural sciences. For compared to the complexity of social and economic reality, what we see under the microscope and observe in the sky through the telescope is extraordinarily simple.
[ 8 ] So muß man sagen: Gerade auf dem Gebiete der sozialen Frage möchte heute jeder mitreden, und die wenigsten Menschen haben die Geduld und die Ausdauer und auch nur die Gelegenheit, sich die konkreten Sachkenntnisse zu erwerben. Daher haben wir hinter uns ein Zeitalter in bezug auf die soziale Frage, von dem wir sagen müssen: Wir danken Gott, daß es hinter uns ist. — Es ist das Zeitalter der Utopie, das Zeitalter, wo man, ich möchte sagen, in romanhafter Weise ausgedacht hat, wie die Menschen in der Zukunft leben sollen, damit sie eine Art Paradies auf Erden finden. Ob man diese Utopie niedergeschrieben hat, oder ob man sie in der Wirklichkeit begründen will, wie das Owen in England oder Oppenheimer in Deutschland wollen, das ist es nicht, worauf es ankommt. Ob man Utopien in ein Buch schreibt, bei dem man einsehen kann, das läßt sich nicht verwirklichen, oder ob man irgendwo in einer kleinen Kolonie einen wirtschaftlichen Parasiten gründet, der nur bestehen kann, weil noch die andere Welt da ist, und der nur bestehen kann, solange als er sich als Parasit der Wirtschaftswelt erhält und dann zugrunde geht, das ist im Grunde genommen in bezug auf das gegenwärtige Leben der Menschheit, in bezug auf das Soziale ganz das gleiche.
[ 8 ] So one must say: It is precisely in the realm of social issues that everyone today wants to have a say, yet very few people have the patience, the perseverance, or even the opportunity to acquire the specific expertise required. That is why we have left behind an era regarding social issues about which we must say: We thank God that it is behind us. — It is the age of utopia, the age in which people, I would say, imagined in a novelistic way how people should live in the future so that they might find a kind of paradise on earth. Whether this utopia was put down in writing, or whether one seeks to establish it in reality—as Owen in England or Oppenheimer in Germany intend to do—that is not what matters. Whether one writes utopias in a book—where one can see that they cannot be realized—or whether one establishes an economic parasite somewhere in a small colony, one that can only survive because the rest of the world still exists, and which can survive only as long as it sustains itself as a parasite of the economic world—and then perishes—is, in essence, exactly the same in relation to the present life of humanity and in relation to society.
[ 9 ] Nun handelt es sich darum, daß man vor allen Dingen, will man über die soziale Frage sprechen, sich ein Auge, einen Sinn aneignen muß für dasjenige, was in den Untergründen der Menschheit sozial pulsiert, was in der Vergangenheit war, was in der Gegenwart da ist, was in die Zukunft hineinwirken will, denn das, was in die Zukunft hineinwirken will, ist zum großen Teile im Unbewußten der Menschen überall vorhanden. Wir werden daher in diesen Vorträgen gerade auf dieses Unbewußte in den Menschen außerordentlich stark hinweisen müssen. Aber vor allen Dingen ist es notwendig, daß man sich einen Begriff davon macht, wie die Verhältnisse über die Erde hin in bezug auf das soziale Leben im großen sind, wie sie sich geschichtlich entwickelt haben.
[ 9 ] Now, the point is that, above all else, if one wishes to speak about the social question, one must develop an eye and a sense for what pulsates socially in the depths of humanity—what was in the past, what exists in the present, and what seeks to influence the future; for what seeks to influence the future is, to a large extent, present everywhere in the unconscious of human beings. We will therefore have to place extraordinary emphasis on this unconscious aspect of human beings in these lectures. But above all, it is necessary to form a concept of what the conditions are like across the earth with regard to social life in general, and how they have developed historically.
[ 10 ] Denn, meine Damen und Herren, dasjenige, was einstmals vor langen Zeiten war, das ist ja noch immer unter uns als Tradition, als Rest, und wir können das, was unter uns dasteht, nur verstehen, wenn wir dasjenige verstehen, was einmal vor langen Zeiten da war. Und dasjenige, was Gegenwart ist, vermischt sich immer schon mit etwas, was hintendiert nach der Zukunft, und wir müssen verstehen, was da schon Zukünftiges, Keimhaftes in unserer Gegenwart herinnensteckt. Wir dürfen die Vergangenheit nicht bloß als etwas betrachten, was vor Jahrhunderten war, sondern was vielfach noch unter uns lebt, und was auch wirkt, und was wir nur verstehen als ein gegenwärtig Vergangenes oder vergangenes Gegenwärtiges, wenn wir es richtig zu taxieren verstehen. Da ergeben sich nur Einsichten, wenn wir die äußeren Symptome auf die tieferliegenden Gründe zurückführen können.
[ 10 ] For, ladies and gentlemen, that which once was long ago still remains among us as tradition, as a remnant, and we can only understand what is before us if we understand that which once was long ago. And what is the present is always already intertwined with something that points toward the future, and we must understand what is already future-oriented and embryonic within our present. We must not regard the past merely as something that happened centuries ago, but as something that in many ways still lives among us, that continues to have an effect, and that we can only understand as a “present past” or a “past present” if we know how to assess it correctly. Insights arise only when we can trace the outward symptoms back to their deeper causes.
[ 11 ] Mißverstehen Sie mich nicht, meine Damen und Herren, man muß, wenn man solche Dinge ausspricht, manchmal etwas stark auf die Dinge hinweisen, und es könnte scheinen, als ob man manches tadeln wollte, was man nur charakterisieren will. Also, ich will nicht tadeln, wenn das Vergangene heute in der Gegenwart noch drinnensteckt, ich kann sogar dieses Vergangene bewundern und außerordentlich sympathisch finden, indem es sich in die Gegenwart hineinstellt, aber ich muß wissen, wenn ich sozial denken will, daß es ein Vergangenes ist, und sich auch als Vergangenes eben richtig in die Gegenwart hineinstellen muß. So muß sich ein Gefühl für das unmittelbare soziale Leben mir aneignen können.
[ 11 ] Please do not misunderstand me, ladies and gentlemen; when one speaks of such things, one must sometimes emphasize them rather strongly, and it might seem as if one were criticizing certain things when one is merely trying to describe them. So, I do not wish to criticize the fact that the past is still present today; I can even admire this past and find it extraordinarily appealing as it inserts itself into the present, but if I am to think socially, I must recognize that it is a thing of the past and that it must insert itself into the present precisely as a thing of the past. In this way, I must be able to develop a sense of immediate social life.
[ 12 ] Zum Beispiel — Sie verzeihen, wenn ich aus der unmittelbarsten Gegenwart ein vielleicht etwas merkwürdiges, aber ganz gewiß nicht irgendwie verletzend gemeintes Symptom Ihnen anführe — gestern begegnete uns auf der Straße der verehrte Chairman im Talar und mit dem Barett. Er sah sehr schön aus. Ich mußte ihn bewundern. Aber, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich hatte nicht nur das Mittelalter vor mir, sondern ich dachte, es käme mir jemand entgegen aus den alten orientalischen Theokratien in der unmittelbaren Gegenwart.
[ 12 ] For example—please forgive me if I cite a perhaps somewhat strange, but certainly not in any way offensive, example from the very recent past—yesterday we ran into the esteemed Chairman on the street, dressed in a academic gown and wearing a beret. He looked very handsome. I couldn’t help but admire him. But, ladies and gentlemen, I was not only seeing the Middle Ages before me; I also thought I was seeing someone coming toward me from the ancient Eastern theocracies right here and now.
[ 13 ] Nicht wahr, in dem Talar steckte ja in diesem Falle eine ganz gegenwärtige Seele, sogar eine Anthroposophenseele, die sich vielleicht sogar noch zuschreibt, Zukunft in sich zu haben; aber dasjenige, was unmittelbar symptomatisch physiognomisch, möchte ich sagen, sich ausdrückte, das ist Geschichte, das ist Geschichte in der Gegenwart.
[ 13 ] Isn't it true that, in this case, that academic gown housed a very much present soul—even an anthroposophical soul—which perhaps even claims to have a future within itself; but what expressed itself in a way that was immediately symptomatic—physiognomic, I might say—that is history; that is history in the present.
[ 14 ] Und so müssen wir, wenn wir das soziale Leben verstehen wollen, wenn wir selbst die wirtschaftlichen Verhältnisse verstehen wollen, die tagtäglich auf unserem Kaffeetisch am Morgen wirksam sind, die bewirken, wieviel wir aus unserem Portemonnaie nehmen müssen, um diesen Frühstückstisch zu besorgen, wir müssen, um diese Verhältnisse zu verstehen, einen Überblick haben über die soziale Entwickelung der Menschheit. Und diese soziale Entwickelung der Menschheit wird heute, gerade wenn man die soziale Frage anschaut, fast nur im materialistischen Sinne behandelt.
[ 14 ] And so, if we want to understand social life—if we want to understand even the economic conditions that affect us every morning at our coffee table, that determine how much we have to take out of our wallets to set that breakfast table—we must, in order to understand these conditions, have an overview of the social development of humanity. And this social development of humanity is today—especially when one considers the social question—addressed almost exclusively in a materialistic sense.
[ 15 ] Man muß zuerst hinschauen auf ganz andersartige Verhältnisse, die einmal innerhalb der geschichtlichen und vorgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit waren. Man muß schon hinschauen auf jene sozialen Gemeinschaften, die man gerade als die orientalischen, noch stark nach Westen herüberwirkenden Theokratien auffassen kann.
[ 15 ] One must first consider the very different conditions that once existed within the historical and prehistoric development of humanity. One must indeed consider those social communities that can be understood precisely as the Oriental theocracies, which still exert a strong influence on the West.
[ 16 ] Das waren ganz andere soziale Gemeinschaften. Das waren soziale Gemeinschaften, in denen die Struktur der menschlichen Verhältnisse bewirkt worden war durch die Inspiration einer den übrigen Verhältnissen der Welt fremden Priesterschaft. Da hat man herausgeholt aus demjenigen, was sich einem an geistigen Impulsen ergab, die Impulse für die äußere Welt. Wenn Sie noch sehen, wie in Griechenland, in Rom, die soziale Struktur ist: ein ungeheures Sklavenheer, darüber eine in sich selbst zufriedene, wohlhabende — die Worte sind natürlich relativ gemeint — Oberschicht, dann können Sie diese soziale Struktur nicht verstehen, ohne daß Sie hinschauen auf deren Ursprung, auf den theokratischen Ursprung, innerhalb dessen es möglich war, diese soziale Struktur als ein Gottgegebenes oder Göttergegebenes den Menschen glaubhaft zu machen, glaubhaft nicht nur für den Kopf, glaubhaft für das Herz, glaubhaft für den ganzen Menschen; so daß der Sklave tatsächlich sich in der richtigen Weise durch die göttliche Weltenordnung einmal an seinen Platz hingestellt fühlte. Nur aus dem Durchsetztsein der äußeren materiell-physischen sozialen Struktur mit inspirierten Geboten ist das soziale Leben in alten Zeiten der Menschheit zu erklären.
[ 16 ] These were entirely different social communities. They were social communities in which the structure of human relationships had been shaped by the inspiration of a priesthood that was alien to the rest of the world. From the spiritual impulses that arose within them, they drew the impulses for the external world. If you still see how the social structure is in Greece and Rome—a vast army of slaves, above which stands a self-satisfied, wealthy—the words are, of course, meant relatively — upper class—then you cannot understand this social structure without looking at its origin, at its theocratic origin, within which it was possible to make this social structure credible to people as something given by God or the gods—credible not only to the mind, but to the heart, and to the whole person; so that the slave actually felt, in the proper way, that he had been placed in his rightful place by the divine world order. Social life in the ancient times of humanity can only be explained by the interweaving of the external, material-physical social structure with inspired commandments.
[ 17 ] Und aus diesen Geboten, die eine der Welt entzogene Priesterschaft von außerhalb der Welt zu bekommen suchte, aus diesen Geboten ging nicht nur dasjenige hervor, was der Mensch für sein Seelenheil haben sollte, nicht nur, was er über Geburt und Tod dachte und empfand, sondern es ging dasjenige hervor, was das Verhältnis bilden sollte zwischen Mensch und Mensch. Aus dem weiten Orient herüber tönt nicht nur das Wort: «Liebe Gott über Alles», sondern auch das andere: «und deinen Nächsten als dich selbst.» Wir nehmen heute ein solches Wort «deinen Nächsten als dich selbst» sehr abstrakt auf. Es war nicht so abstrakt in der Zeit, als von dem inspirierten Priester dieses Wort in die Menge klang. Da wurde es zu etwas zwischen den Menschen Wirkendem, wofür später alle diejenigen konkreten Verhältnisse traten, die wir unter dem Namen des Rechtes und der Moral zusammenfassen. Denn diese Verhältnisse des Rechtes und der Moral, die sich erst später der Menschenentwickelung eingliedern, die waren in dem ursprünglichen göttlichen Gebote: «Liebe deinen Nächsten als dich selbst» enthalten durch die ganze Art und Weise, wie sie durch die inspirierte Priesterschaft in der Theokratie in die Welt hineingetragen wurden.
[ 17 ] And from these commandments—which a priesthood withdrawn from the world sought to obtain from outside the world—not only did what a person should have for the salvation of his soul emerge, not only what he thought and felt about birth and death, but also what was to form the relationship between one person and another. From the distant East comes not only the words, “Love God above all,” but also the other: “and your neighbor as yourself.” Today we regard such a saying as “love your neighbor as yourself” in a very abstract way. It was not so abstract in the time when this saying resounded from the inspired priest to the crowd. There it became something active among people, for which later all those concrete relationships came to stand that we summarize under the names of law and morality. For these relationships of law and morality, which were only later integrated into human development, were contained within the original divine commandment, “Love your neighbor as yourself,” through the very manner in which they were brought into the world by the inspired priesthood in the theocracy.
[ 18 ] Ebenso waren die Verrichtungen des Wirtschaftslebens, dasjenige, was der Mensch tun sollte, was er tun sollte mit dem Vieh, was er tun sollte mit Grund und Boden - Sie finden den Nachklang dazu noch in der mosaischen Gesetzgebung -, das war aus den göttlich gedachten Eingebungen heraus festgestellt. Der Mensch fühlte sich als von den göttlichen Mächten in bezug auf sein geistiges Leben, in bezug auf sein Rechtsleben und moralisches Leben, in bezug auf sein Wirtschaftsleben in das Irdische hineingestellt. Eine einheitliche Struktur, wo die Glieder deshalb, weil ein Impuls in ihnen steckte, zusammenwirkten, war die Theokratie. Die drei Glieder: Geistesleben, Rechts-, dasjenige was wir heute auch Staatsleben nennen, dasjenige was wir Wirtschaftsleben nennen, war in einem einheitlichen Organismus, der durchpulst wurde von dem, was nicht auf der Erde zu finden war an Impulsen, zusammengefaßt.
[ 18 ] Likewise, the activities of economic life—what people were to do, what they were to do with livestock, what they were to do with land—you can still find echoes of this in Mosaic law—were established on the basis of divine inspiration. Human beings felt that they had been placed on earth by the divine powers with regard to their spiritual life, their legal and moral life, and their economic life. Theocracy was a unified structure in which the various elements worked together because an impulse resided within them. The three elements—spiritual life, legal life (what we today also call political life), and what we call economic life—were united in a single organism pulsating with impulses that could not be found on Earth.
[ 19 ] In der weiteren Entwickelung der Menschheit ist das das Eigentümliche, daß diese drei Impulse, Geistesleben, staatlich-juristisch-moralisches Leben, und wirtschaftliches Leben, auseinanderdrängten, sich differenzierten. Aus dem einen Strom, der in den Theokratien als einheitliches Menschenleben dahinfloß, wurden allmählich zwei, wie ich gleich nachher zeigen werde, und nachher drei; und diesen drei Strömen stehen wir heute gegenüber.
[ 19 ] What is distinctive about the further development of humanity is that these three impulses—spiritual life, political-legal-moral life, and economic life—drifted apart and became differentiated. The single stream that flowed as a unified human life in the theocracies gradually became two, as I will show shortly, and later three; and today we are faced with these three streams.
[ 20 ] Dasjenige, was sich aus diesem einen Strom der Theokratie ergeben hat, will ich nachher in dem zweiten Teile nach der Übersetzung besprechen.
[ 20 ] I will discuss what has resulted from this single current of theocracy later, in the second part of the translation.
[ 21 ] Meine Damen und Herren, die Theokratie, so wie sie in alten Zeiten bestanden hat mit der Inspiration der Mysterienpriester, die hineinfloß in die soziale Struktur, in das juristisch-moralische und auch in das wirtschaftliche Leben, diese Theokratie wird, um nur das eine anzuführen, im wirtschaftlichen Leben bloß fertig, kann nur zustande kommen mit demjenigen, was im wirtschaftlichen Leben bis zur Landwirtschaft geht, mit demjenigen, was zu tun hat mit dem Verhältnis des Menschen zu Grund und Boden. Es lassen sich gebotartige Verhaltungsmaßregeln für das wirtschaftliche Leben herausgestalten aus der Inspiration, wenn das wirtschaftliche Leben in seiner Hauptsache im Grund und Boden, in der Landwirtschaft, Viehzucht und so weiter begründet ist.
[ 21 ] Ladies and gentlemen, theocracy, as it existed in ancient times—with the inspiration of the mystery priests flowing into the social structure, into legal and moral life, and also into economic life—this theocracy, to cite just one example, can only be realized in economic life can only come about through that which extends into economic life as far as agriculture, through that which has to do with the relationship of human beings to the land. Commandment-like rules of conduct for economic life can be derived from this inspiration when economic life is primarily grounded in the land, in agriculture, livestock farming, and so on.
[ 22 ] Das beruht darauf, daß eben ein eigentümliches Verhältnis besteht zwischen dem Menschen, der an den Grund und Boden sich anschmiegt. Er hat in seinem Herzen dasjenige, was entgegenkommen kann dem, was aus der Theokratie herauskommt.
[ 22 ] This is because there is a unique relationship between the person who is deeply attached to the land. In his heart, he possesses what can resonate with what emerges from theocracy.
[ 23 ] In dem Augenblicke, wo in der Entwickelung der Menschheit anfangen Handel und Gewerbe eine größere Rolle zu spielen, in dem Augenblicke wird es anders. Die alten, die ältesten Theokratien, sie können nur verstanden werden, wenn man weiß, daß im wesentlichen alles wirtschaftliche Leben auf der Zugehörigkeit des Menschen zu Grund und Boden beruht, daß Handel und Gewerbe gewissermaßen nur oben aufgesetzt waren. Sie waren ja da, aber sie entwickelten sich so, daß sie sich im Anschluß an die Verhältnisse in bezug auf Grund und Boden, die Landwirtschaftentwickelten. Wir sehen in der Entwickelung der Menschheit, wie Handel und Gewerbe sich gewissermaßen emanzipieren von dem Landwirtschaftlichen, erst ganz in seinem Anfange im alten Griechenland, und dann deutlicher in dem alten römischen Reiche. Da sehen wir, wie gewissermaßen herauswächst wie etwas Selbständiges in der sozialen Struktur die Betätigung des Menschen im Handel und Gewerbe, und das gibt dem ganzen römischen Leben namentlich seine Konfiguration.
[ 23 ] The moment trade and commerce begin to play a greater role in the development of humanity, that is the moment things change. The ancient, the oldest theocracies—they can only be understood if one realizes that, in essence, all economic life is based on a person’s connection to the land, and that trade and commerce were, so to speak, merely superimposed upon this foundation. They did exist, of course, but they developed in such a way that they evolved in tandem with the conditions pertaining to land and agriculture. We see in the development of humanity how trade and commerce, so to speak, emancipate themselves from agriculture—first only in its very beginnings in ancient Greece, and then more clearly in the ancient Roman Empire. There we see how human activity in trade and commerce, so to speak, grows into something independent within the social structure, and this is what gives Roman life as a whole its distinctive character.
[ 24 ] Als dasjenige, was sich für die Menschen aus dieser Emanzipation ergab im römischen Reiche, tief zu Herzen ging den Gracchen, Tiberius Sempronius Gracchus, Cajus Gracchus, als es in deren Herzen Wort annahm, zur Tat wurde, da entstanden die großen sozialen Kämpfe des alten Rom. Die erste Streikbewegung war im Grunde genommen im alten Rom, als die Menschen hinauszogen auf den «Heiligen Berg» und ihre Rechte verlangten, da entstand das Drängen nach einer Neugestaltung in die Zukunft hinein.
[ 24 ] When the consequences of this emancipation for the people in the Roman Empire struck a deep chord in the hearts of the Gracchi—Tiberius Sempronius Gracchus and Gaius Gracchus—and when these sentiments took root in their hearts and were put into action, the great social struggles of ancient Rome arose. The first strike movement in ancient Rome essentially took place when the people marched out to the “Sacred Mountain” and demanded their rights; that is when the push for a new future began.
[ 25 ] Und dasjenige, was man jetzt erst als etwas Selbständiges bemerkte, was früher hineingegliedert war in die ganze soziale Struktur, das ist die menschliche Arbeit, die ein besonderes Verhältnis von Mensch zu Mensch begründet. Wenn aus den Geboten heraus der Mensch weiß, er steht als ein Niedriggestellter einem Höhergestellten gegenüber, so fragt er nicht, wie er die Arbeit gestalten soll; dies ergibt sich aus dem menschlichen Verhältnis. In dem Augenblicke, wo die Arbeit als etwas Emanzipiertes, Selbständiges auftritt, ergibt sich die Frage: Wie stelle ich mich zu meinem Mitmenschen, damit meine Arbeit in der richtigen Weise sich hineingliedert in die soziale Struktur? — Handel, Gewerbe, Arbeit, das sind die drei wirtschaftlichen Faktoren, aus denen dann der Mensch angeregt wird, hervorzutreiben aus sich dasjenige, was das Recht ist, und auch, was die abgezogene Moral ist, die aus der Religion herausgezogene Moral. Und der Mensch fühlt sich dadurch veranlaßt, aus dem einen Strome der Theokratie zwei hervorgehen zu lassen: die alte Theokratie weiter gehen zu lassen und einen zweiten Strom, den Strom, der im wesentlichen der Strom des Kriegerischen und namentlich des Juristischen ist, daneben fließen zu lassen.
[ 25 ] And what is now recognized as something independent—something that was previously integrated into the entire social structure—is human labor, which establishes a special relationship between people. When, based on the commandments, a person knows that he stands as an inferior before a superior, he does not ask how he should organize his work; this follows from the human relationship. The moment work appears as something emancipated and independent, the question arises: How do I relate to my fellow human beings so that my work integrates itself into the social structure in the proper way? — Trade, commerce, and labor—these are the three economic factors that then inspire human beings to draw forth from within themselves that which is right, as well as the morality derived from religion. And this prompts human beings to allow two streams to emerge from the single stream of theocracy: to let the old theocracy continue, and to allow a second stream—which is essentially the stream of the martial and, in particular, the legal—to flow alongside it.
[ 26 ] Daher sehen wir, wie, indem die orientalische Kultur sich herüberentwickelt nach Europa unter dem Einflusse von Handel, Gewerbe und Arbeit, das alte theokratische Denken übergeht in das juristische Denken, wie an die Stelle der alten Verhältnisse, die gar nicht Rechtsverhältnisse waren — versuchen Sie sich das klarzumachen noch aus der mosaischen Gesetzgebung -, sich entwickeln die Rechtsverhältnisse des Eigentums, die Verhältnisse, die ausdrücken sollen die Beziehungen von Mensch zu Mensch.
[ 26 ] Thus we see how, as Eastern culture spreads to Europe under the influence of trade, commerce, and labor, the old theocratic way of thinking gives way to legal thinking; just as the old relationships—which were not legal relationships at all (try to understand this clearly, even from the Mosaic Law)—are replaced by legal relationships of property, relationships that are meant to express the bonds between people.
[ 27 ] Man sieht das entstehen im Keime zur Zeit der Gracchen, später mehr aufgehen zur Zeit des Diokletian; man sieht da, wie der zweite Strom neben den ersten sich hinstellt, und man sieht dieses im ganzen menschlichen Leben sich ausdrücken.
[ 27 ] One can see this emerging in its infancy during the time of the Gracchi, and later blossoming more fully during the time of Diocletian; one sees there how the second current stands alongside the first, and one sees this expressed throughout human life.
[ 28 ] Man kann sagen: Im Oriente drüben, in den alten Theokratien war das, was die Menschen als Geistiges über die übersinnlichen Welten wissen sollten, alles selbstverständliche Theosophie. Theo-Sophia ist die konkrete Weisheit, die empfangen wurde durch Inspiration.
[ 28 ] One could say: Over in the Orient, in the ancient theocracies, what people were meant to know as spiritual knowledge about the supersensible worlds was all self-evident theosophy. Theo-Sophia is the concrete wisdom that was received through inspiration.
[ 29 ] Als der Strom nach Europa herübergeht, stellt sich neben ihn die Jurisprudenz. Die Jurisprudenz kann keine Sophia mehr sein, denn sie handelt nicht von etwas, was einem eingegeben wird, sondern von etwas, was der Mensch selbst immer mehr und mehr im Verkehr von Mensch zu Mensch entwickelt. Da wird das Urteil maßgebend. Da tritt an der Stelle der Sophia die Logik auf, und die Jurisprudenz, in die jetzt alle soziale Struktur hineingegossen wird, wird vorzugsweise logisch. Die Logik, die Dialektik entwickeln ihre Triumphe, nicht etwa in der Naturwissenschaft, sondern gerade in dem juristischen Leben, und alles menschliche Leben wird in diesen zweiten Strom, in die Logik hineingezwängt. Begriff des Eigentums, Begriff des persönlichen Rechtes, all das sind ja realisierte logische Kategorien.
[ 29 ] As the current flows toward Europe, jurisprudence takes its place alongside it. Jurisprudence can no longer be Sophia, for it does not deal with something that is imparted to one, but with something that human beings themselves develop more and more through human interaction. Here, judgment becomes decisive. Here, logic takes the place of Sophia, and jurisprudence—into which the entire social structure is now poured—becomes primarily logical. Logic and dialectics achieve their triumphs, not in the natural sciences, but precisely in legal life, and all human life is forced into this second current—into logic. The concept of property, the concept of personal rights—all of these are, after all, realized logical categories.
[ 30 ] Und die Sache hat eine so starke Kraft in dieser zweiten Strömung, daß diese Kraft auf die erste Strömung abfärbt. Aus der Theosophia wird eine Theologia. Der erste Strom wird also durchaus beeinflußt von dem zweiten Strom. Und wir haben jetzt nebeneinander ein Altbewahrtes, eine alte Theosophia, die, indem sie weniger lebendig, etwas dürrer, etwas magerer auch geworden ist, als sie in ihrer Jugend war, nun Theologia wird, und daneben die Jurisprudentia, die eigentlich in dieser Art alles umfaßt bis ins 15., 16., 17. Jahrhundert hinein, was in den verschiedenen Masken auftritt, die auch noch wirkt in dem gesamten wirtschaftlichen Leben der Menschheit.
[ 30 ] And this force is so powerful in this second current that it rubs off on the first current. Theosophia becomes Theologia. The first current is thus definitely influenced by the second current. And we now have, side by side, a time-honored tradition—an ancient Theosophia—which, having become less vibrant, somewhat drier, and somewhat leaner than it was in its youth, is now becoming Theologia; and alongside it, Jurisprudentia, which in this sense actually encompasses everything up into the 15th, 16th, 17th centuries, appearing in various guises, and which still exerts an influence on the entire economic life of humanity.
[ 31 ] Jurisprudenz wirkte auch in Adam Smith, auch wenn er das wirtschaftliche Leben in Betracht ziehen will. Lesen Sie Adam Smith einmal mit dem Gefühl, da rumort juristisches Denken; aber das wirtschaftliche Leben kommt herauf. Nun will er in die alten Begriffe des Juristischen — damals waren sie ja schon wiederum alt geworden -, da will er hineinzwängen, was als wirtschaftliches Leben in Komplikationen heraufkommt, nachdem das naturwissenschaftliche Denken die Technik und so weiter ergriffen hat.
[ 31 ] Jurisprudence also influenced Adam Smith, even though he sought to focus on economic life. Read Adam Smith with the sense that legal thinking is rumbling beneath the surface; yet economic life is emerging. Now he wants to squeeze into the old concepts of jurisprudence—which by then had already become outdated themselves—what is emerging as economic life in all its complexities, after scientific thinking had taken hold of technology and so on.
[ 32 ] Und so sehen wir, wie eine Zeitlang innerhalb der eigentlichen zivilisierten Menschheit die zwei Ströme sich herausbilden, die Theologia, die dann auf der einen Seite in die Wissenschaft einmündet — denn es ist ja überall nachzuweisen, wie die späteren Wissenschaften, auch die Naturwissenschaft, sich aus der Theologia heraus entwickeln. Aber die Menschen haben mittlerweile das dialektisch-logische Denken gelernt, das tragen sie jetzt in alles hinein, auch in die Wissenschaft. Und so entwickelt sich die neuere Zeit. Mit überwältigender Komplikation kommen die sozialen Verhältnisse, die wirtschaftlichen Verhältnisse herauf. Die Menschen sind gewohnt noch an das theologisch juristische Denken, und das tragen sie nun noch extra in die Naturwissenschaft hinein. In der Naturwissenschaft bemerkt man es nicht mehr. Man glaubt nicht, wenn man das Auge über das Mikroskop hält, oder wenn man durch das Teleskop in den Sternenhimmel hineinschaut, oder wenn man gar ein niederes Tier zergliedert, um daran den Organismus zu studieren, man glaubt es nicht, daß man eine historische Phase des menschheitlichen Denkens da hineingetragen hat, und nicht etwas Absolutes. Und so nimmt in der neueren Zeit dieses naturwissenschaftliche Denken durchaus die Menschheit, die Zivilisation in Anspruch: es soll über alles so gedacht werden, wie naturwissenschaftlich gedacht wird. Das ist heute nicht etwa bloß in den Gebildeten sitzend, das sitzt in der ganzen Menschheit, bis in den primitivsten Menschen hinein.
[ 32 ] And so we see how, for a time, two currents take shape within civilized humanity itself: theology, which then flows into science on the one hand—for it can indeed be demonstrated everywhere how the later sciences, including the natural sciences, developed out of theology. But in the meantime, people have learned dialectical-logical thinking, and they now apply it to everything, including science. And this is how the modern era has developed. Social and economic conditions have emerged with overwhelming complexity. People are still accustomed to theological-juridical thinking, and they now apply that specifically to the natural sciences as well. In the natural sciences, this is no longer noticed. When one looks through a microscope, or gazes at the starry sky through a telescope, or even dissects a lower animal to study its organism, one does not realize that one has brought a historical phase of human thought into that process—and not something absolute. And so, in recent times, this scientific way of thinking has come to dominate humanity and civilization: everything is to be thought of in the same way that science thinks. Today, this is not confined merely to the educated; it permeates all of humanity, right down to the most primitive of people.
[ 33 ] Ich möchte nicht mißverstanden werden auch hier, aber ich möchte eine Bemerkung machen. Wenn heute so etwas auseinandergesetzt wird, wie ich es zum Beispiel in bezug auf die Erziehung in den verflossenen Tagen tat, da muß auch dasjenige hineingebracht werden, was vom Spirituellen aus die Naturwissenschaft beleuchtet. Wenn der heutige Mensch, der an der Naturwissenschaft herangebildet ist, an diese Dinge herankommt, dann findet er: Ja, was da gesagt wird, das steht nicht in einem Physiologiebuch; was da gesagt wird, das habe ich nicht gehört vom physiologischen Katheder herunter, also ist es falsch. - Man setzt nicht voraus, daß dasjenige, was dort nicht gesagt werden kann, daß all das, was von mir in bezug auf Naturwissenschaftliches gesagt ist, durchaus nachgeprüft ist, daß es voll berücksichtigt dasjenige, was im Physiologiebuch steht, und was vom Katheder herunter als Physiologie gelehrt wird. Aber es ist die Menschheit heute so gestaltet, daß man gar nicht weiß, wie das eine aus dem anderen heraus sich ergibt. Und so ist heute die glänzende Naturwissenschaft, die ja voll anerkannt wird innerhalb des Anthroposophischen, diese Naturwissenschaft ist heute — nicht durch das, was sie selber sagt, sondern durch die Menschen, durch die Art, wie die Menschen sie auffassen — ein Hemmnis. Und ich möchte sagen, man kann es in der Entwickelung der neuesten Menschheit handgreiflich machen, wie sie ein Hemmnis ist.
[ 33 ] I do not wish to be misunderstood here either, but I would like to make a comment. When such matters are discussed today—as I did, for example, in relation to education in days gone by—it is also necessary to include what illuminates the natural sciences from a spiritual perspective. When people today, who have been educated in the natural sciences, encounter these ideas, they think: “Yes, what is being said here isn’t in a physiology textbook; I haven’t heard this from a physiology lecture, so it must be wrong.” - It is not assumed that what cannot be stated there—that everything I have said regarding natural science—has been thoroughly verified, or that it fully takes into account what is written in physiology textbooks and what is taught as physiology from the lectern. But humanity today is structured in such a way that people do not even know how one thing arises from the other. And so today, the brilliant natural science—which is, of course, fully recognized within anthroposophy—is now an obstacle, not because of what it says itself, but because of people, because of the way people perceive it. And I would like to say that one can make it tangible in the development of modern humanity just how it is an obstacle.
[ 34 ] Sehen Sie, da gab es einen Menschen, der Ihnen seinem Namen nach gut bekannt ist, Karl Marx, der in der neueren Zeit besonders eindringlich für Millionen und Millionen von Menschen über das soziale Leben geredet hat. Wie hat er geredet? Nun, er hat geredet, wie der repräsentative Mensch des naturwissenschaftlichen Zeitalters über das soziale Leben reden muß.
[ 34 ] You see, there was a man whose name is well known to you—Karl Marx—who, in recent times, spoke particularly forcefully about social life to millions and millions of people. How did he speak? Well, he spoke as the quintessential representative of the scientific age must speak about social life.
[ 35 ] Stellen wir uns einmal vor Augen, wie dieser repräsentative Mensch reden muß. Der Naturwissenschafter, der hat die Gedanken im Kopfe. Darauf gibt er nicht viel; er gibt erst etwas auf die Gedanken, wenn sie sich ihm verifiziert haben unter dem Mikroskop oder durch einen anderen Versuch oder durch irgendeine Beobachtung. Aber dasjenige, was er beobachtet, das muß ganz vom Menschen abgesondert sein, das darf nicht irgendwie verknüpft sein, das muß herangetragen sein. Und so muß derjenige, der naturwissenschaftlich denkt, einen Abgrund sehen zwischen seinem Denken und dem, was ihm herangetragen wird.
[ 35 ] Let’s imagine for a moment how this “typical” person must speak. The natural scientist has thoughts in his head. He doesn’t place much value on them; he only attaches any significance to them once they have been verified under the microscope, through an experiment, or by some other observation. But what he observes must be completely separate from the human being; it must not be linked in any way—it must be presented to him. And so the person who thinks scientifically must see a chasm between his thinking and what is presented to him.
[ 36 ] Nun, Karl Marx hat dieses Denken, das man nicht heranlassen will an die äußere Welt, zwar nicht ganz im Sinne der neuesten Naturwissenschaft gelernt, möchte ich sagen, aber er hat es in einer älteren Form gelernt als Hegelsche Dialektik. Es ist im Grunde genommen nur eine andere Färbung des naturwissenschaftlichen Denkens. Da, als er dieses Denken des modernen Menschen lernte, da stand er in seinem Milieu drinnen. Aber er war Repräsentant des naturwissenschaftlichen Zeitalters, da konnte er ja gar nichts damit anfangen. Er war ein Deutscher, er stand drinnen in der deutschen logisch-dialektischen Denkweise. Aber aus der heraus konnte er nichts anfangen, geradeso wie der Naturwissenschafter nichts anfangen kann mit seinen Gedanken. Er wartet, was ihm das Mikroskop oder Teleskop zeigt. Das muß von außen kommen. Karl Marx konnte mit seinen Gedanken nichts anfangen. Und da er schon einmal aus seiner Haut nicht herausfahren konnte, fuhr er aus Deutschland heraus und ging nach England. Da traten ihm die sozialen Verhältnisse von außen gegenüber, wie dem Naturwissenschafter das Mikroskop oder Teleskop. Da hatte er eine Außenwelt. Da konnte er so reden und eine soziale Theorie nach naturwissenschaftlichem Muster begründen, wie der Naturwissenschafter seine Theorie begründet. Und weil diese Denkweise den Leuten tief im Leibe sitzt, wurde das ungeheuer populär. Und weil nun schon einmal das, was sich bloß auf die äußere Natur bezieht, maßgebend ist, wenn man über den Menschen so redet wie über die äußere Natur, wie es Karl Marx getan hat, so schaut das alles, was man über den Menschen sagt, auch über seine sozialen Verhältnisse, so aus, wie wenn es Natur wäre. Was ich über den Jupiter sage, was ich über das Veilchen sage, was ich über den Regenwurm sage, das kann ich in Island ebenso sagen wie in Neuseeland, und in England ebenso wie in Rußland. Das gilt für die ganze Welt. Da brauche ich mich nicht zu konkretisieren, das muß allgemein gelten.
[ 36 ] Well, Karl Marx did not, I would say, learn this way of thinking—which refuses to engage with the external world—entirely in the spirit of the latest scientific discoveries, but he did learn it in an older form, namely Hegelian dialectics. It is, in essence, merely a different variation on scientific thinking. When he was learning this way of thinking characteristic of modern man, he was immersed in his own milieu. But as a representative of the scientific age, he simply could not make sense of it. He was a German; he was steeped in the German logical-dialectical mode of thought. But he could make no headway with it from that perspective, just as the natural scientist can make no headway with his own thoughts. He waits to see what the microscope or telescope reveals to him. That must come from outside. Karl Marx could make no headway with his own thoughts. And since he could not step outside his own skin, he left Germany and went to England. There, social conditions confronted him from the outside, just as the microscope or telescope does for the natural scientist. There he had an external world. There he could speak in such a way and establish a social theory based on a scientific model, just as the natural scientist establishes his theory. And because this way of thinking is deeply ingrained in people, it became immensely popular. And since what relates solely to external nature is already considered authoritative—when one speaks of human beings as one speaks of external nature, as Karl Marx did—then everything one says about human beings, including their social conditions, appears as if it were nature itself. What I say about Jupiter, what I say about the violet, what I say about the earthworm—I can say the same thing in Iceland as in New Zealand, and in England as in Russia. This applies to the whole world. I don’t need to be specific; it must apply universally.
[ 37 ] Wenn man also nach dem Muster des Naturwissenschaftlichen eine soziale Theorie begründet, so begründet man scheinbar etwas, was über die ganze Erde hin gilt, was überall daraufgesetzt werden kann. Das ist überhaupt die Eigentümlichkeit der juristisch-staatlichen Denkweise, die nur ihren Gipfelpunkt in dem Marxismus gefunden hat, daß sie das Allgemein-Abstrakte wie ein allgemeines Kleid überall draufsetzen will. Das finden Sie schon da, wo noch gar nicht sozialistisch, sondern nur juristisch-logisch gedacht wird, zum Beispiel bei Kant mit dem kategorischen Imperativ, der Ihnen ja vielleicht auch als etwas Ausländisches bekannt sein wird.
[ 37 ] So when one establishes a social theory based on the model of the natural sciences, one apparently establishes something that applies across the entire globe, something that can be applied everywhere. This is, in fact, the peculiarity of the legal-statist way of thinking—which has found its culmination in Marxism—namely, that it seeks to impose the general and abstract like a universal garment upon everything. You can already find this where thinking is not yet socialist but merely legal-logical, for example in Kant’s categorical imperative, which you may also be familiar with as something foreign.
[ 38 ] Meine Damen und Herren, dieser kategorische Imperativ, der sagt: Handle so, daß die Maxime deines Handelns für jeden Menschen gelten kann. - Im konkreten Leben läßt sich das nicht anwenden, denn man kann niemandem sagen: Laß dir vom Schneider deinen Rock so machen, daß er für jeden Menschen passen kann. Aber nach diesem Muster, das überhaupt das logische Muster ist, nach diesem Muster ist schon das alte juristisch-staatliche Denken geformt. Das erreicht seinen Gipfelpunkt im marxistisch-sozialen Denken.
[ 38 ] Ladies and gentlemen, this categorical imperative, which states: Act in such a way that the maxim of your action can apply to every human being. - In real life, this cannot be applied, because you cannot tell anyone: “Have the tailor make your coat in such a way that it fits every person.” But this pattern—which is, in fact, the logical pattern—is the very model upon which traditional legal and political thought is based. This reaches its culmination in Marxist-socialist thought.
[ 39 ] Und so sieht man, wie zuerst realisiert, verwirklicht wird dasjenige, was durch Marx auf naturwissenschaftliche Art beobachtet ist, indem er deutsches Denken betätigte am englischen Wirtschaftsdasein.
[ 39 ] And so we see how what Marx observed in a scientific manner—by applying German thought to the English economic reality—is first realized and brought to fruition.
[ 40 ] Nun wird es wieder zurückgetragen nach Mitteleuropa. Da lebt es sich in den Willensimpulsen der Menschen aus.
[ 40 ] Now it is being carried back to Central Europe. There, it finds its full expression in the impulses of human will.
[ 41 ] Und dann wird es noch weitergetragen ganz nach dem Osten. Im Osten nun ist sogar vorbereitet dieses Überstülpen des rein Abstrakten über die konkret menschlichen Verhältnisse. Denn im Osten sehen wir, wie dem Marx schon vorgearbeitet hat Peter der Große. Peter der Große hat schon den Westen in das russische Leben hineingeschoben, während Rußland in seiner Seele vielfach orientalischen Charakter trägt und die Menschen die Theokratie noch stark im Leibe haben, wurde durch ihn das Juristisch-Staatliche hineingetragen und Petersburg mehr im Westen, neben Moskau gesetzt.
[ 41 ] And then it is carried even further eastward. In the East, in fact, the superimposition of the purely abstract upon concrete human conditions has already been prepared. For in the East we see how Peter the Great had already paved the way for Marx. Peter the Great had already introduced Western influences into Russian life; although Russia, in its soul, retains many Oriental characteristics and its people still carry the spirit of theocracy deeply within them, he introduced the legal and state structures and established St. Petersburg further to the west, alongside Moscow.
[ 42 ] Man verstand nicht, daß das zwei Welten sind, Petersburg Europa ist und Moskau Rußland ist, wo noch tief hineinspielt die orientalische Theokratie in ihrer Reinheit. So daß, als dann Solowjow eine Philosophie bildete, sie natürlich nicht so wurde wie die dialektisch-naturwissenschaftliche Philosophie des Herbert Spencer, sondern sie wurde theosophisch. Aber Solowjow ist Moskau. Solowjow ist nicht Petersburg. Ich meine auch nicht, daß in Rußland nur so die Dinge geographisch getrennt werden können. Dostojewski, er mag noch so sehr an Moskau gekettet sein, Dostojewski, er mag noch so weit nach Osten gehen, ist Petersburg. Und die Erlebnisse in Rußland verlaufen zwischen Petersburg und Moskau. Moskau ist Asien, theokratisch angeschaut, heute noch; Petersburg ist Europa.
[ 42 ] People did not understand that these are two worlds: St. Petersburg is Europe, and Moscow is Russia, where Oriental theocracy in its purest form still runs deep. So when Soloviev developed a philosophy, it naturally did not turn out like Herbert Spencer’s dialectical-scientific philosophy, but became theosophical. But Soloviev is Moscow. Soloviev is not St. Petersburg. Nor do I mean to suggest that things in Russia can be separated solely on geographical grounds. Dostoevsky—no matter how deeply he may be bound to Moscow, no matter how far east he may go—is St. Petersburg. And life in Russia unfolds between St. Petersburg and Moscow. Moscow is Asia, viewed from a theocratic perspective, even today; St. Petersburg is Europe.
[ 43 ] Und in Petersburg wurde bereits vorbereitet auf staatlich-juristische Art dasjenige, was dann der Leninismus vollständig an Rußland verbrochen hat, wo etwas dem russischen Wesen so Fremdes, aber als die letzte Konsequenz des westeuropäischen Wesens aufgeprägt wurde, als etwas Abstraktes, so Fremdes, daß man sagen kann: Ebensogut hätte man dasjenige, was Lenin da in Rußland gemacht hat, auf dem Monde oder irgendwo anders machen können. Es kam gar nicht in Betracht, daß das Rußland ist, wo gerade Lenin regieren wollte.
[ 43 ] And in St. Petersburg, preparations were already underway—in a state-legal manner—for what Leninism would later inflict upon Russia as a whole, where something so foreign to the Russian essence was imposed as the ultimate consequence of the Western European essence—as something abstract, so alien that one might say: What Lenin did in Russia could just as well have been done on the moon or anywhere else. It did not even occur to anyone that this was Russia, the very place where Lenin wanted to rule.
[ 44 ] So haben sich allmählich die Verhältnisse ergeben, daß man gar nicht sich konkretisiert, indem man auf das Soziale hinsieht. Aber das muß man, meine Damen und Herren. Man muß sich klar sein darüber, daß in der Entwickelung der Menschheit das geistige Leben früher entstanden ist als das juristisch-staatliche, daß das als ein zweiter Strom sich neben den ersten gestellt hat, und daß vielleicht jetzt auch etwas anderes eintreten muß, als dieses bloße Abfärben der Jurisprudenz auf die Theosophie, so daß sie sie in die Theologie verwandelt; daß vielleicht das geistige Leben neu erwachen muß in einer neuen Form.
[ 44 ] Thus, circumstances have gradually developed in such a way that one does not actually get to the heart of the matter by focusing on the social aspect. But that is precisely what we must do, ladies and gentlemen. We must be clear that, in the development of humanity, spiritual life arose earlier than legal and political life; that the latter emerged as a second current alongside the first; and that perhaps something other than this mere transfer of jurisprudence into theosophy—which transforms it into theology—must now take place; that perhaps spiritual life must be reawakened in a new form.
[ 45 ] Denn die Sache ist doch so, daß die Evolution der Menschheit so vor sich ging, daß mancherlei aus dem geistigen Leben der alten Zeit seine Form in sich noch behalten hat. Es hat nicht bloß den Talar und das Barett, es hat auch die Gedankenformen behalten. Diese Gedankenformen, die passen nicht mehr auf eine Welt, in die Handel, Gewerbe und Arbeit hineingetragen wurden als emanzipiert, so daß das geistige Leben heute vielfach als ein abgesondertes Glied neben dem übrigen Leben steht, am meisten, je mehr man nach Westen kommt.
[ 45 ] For the fact is that the evolution of humanity has proceeded in such a way that many aspects of the spiritual life of ancient times have retained their form. It has retained not only the academic gown and the cap, but also the forms of thought. These forms of thought no longer fit a world into which commerce, industry, and labor were introduced as emancipated elements, so that spiritual life today often stands as a separate entity alongside the rest of life—most notably the farther west one goes.
[ 46 ] In Rußland, in Moskau-Rußland ist es noch am wenigsten der Fall. In Mitteleuropa drehen sich alle Kämpfe, auch die sozialen, darum, daß man kein rechtes Verhältnis findet zwischen dem dialektisch-juristischstaatlichen Element und dem theokratischen Element. Man weiß nicht, ob man nun den Talar und das Barett behalten kann, wenn man sich als Richter hinsetzt, oder ob man sie ausziehen soll. Die Rechtsanwälte schämen sich heute schon damit, die Richter finden noch etwas sehr Würdiges dabei, den Talar anzuhaben. Man weiß es nicht. In Mitteleuropa ist ein starker Kampf; in Westeuropa ist das Theokratische sehr stark konserviert in dem geistigen Leben, sehr stark in den Gedankenformen konserviert.
[ 46 ] In Russia—in Moscow-Russia—this is least of all the case. In Central Europe, all struggles, including social ones, revolve around the failure to find the right balance between the dialectical-legal-state element and the theocratic element. People do not know whether they can keep their robes and caps on when they take their seats as judges, or whether they should take them off. Lawyers are already ashamed of them today, while judges still find something very dignified in wearing the robe. No one knows. In Central Europe, there is a fierce struggle; in Western Europe, the theocratic element is very strongly preserved in intellectual life, very strongly preserved in patterns of thought.
[ 47 ] Aber der zweiteStrom in der Menschheit hat sich ja heraufentwickelt. Wir haben auf der einen Seite den Menschen, wenn wir das als Symptom betrachten, wunderbar konservierend das Alte - Talar, Barett -, und nun möchte man sehen, daß er Talar und Barett ausziehe und darunter etwas anderes hätte, ein zweites, ob es nun ein Königsmantel oder ein Kriegermantel sei, aber es müßte etwas sein, was nun in das Rechtsverhältnis, in das Staatsverhältnis sich hineinstellt. Und so, ich möchte sagen, wenn man ihm auf der Straße heute begegnet, möchte man ihm, um ihn als einen vollständigen Menschen zu sehen, Talar und Barett ausziehen und darunter etwas wie eine Art Kriegermantel finden, oder etwas, was in die Juristenstube paßt; dann würde man die zwei Strömungen im Menschen nebeneinander lebend haben.
[ 47 ] But the second current within humanity has, after all, developed over time. On the one hand, if we view this as a symptom, we have the human being who wonderfully preserves the old—the academic gown and beret—and now one would like to see him take off the gown and beret to reveal something else underneath, a second layer, whether it be a king’s cloak or a warrior’s cloak; but it would have to be something that now enters into the legal relationship, into the relationship with the state. And so, I would say, if one encounters him on the street today, in order to see him as a complete human being, one would want to remove his robe and beret and find beneath them something like a warrior’s cloak, or something that belongs in a lawyer’s office; then one would have the two currents within the human being living side by side.
[ 48 ] Ich muß Ihnen gestehen - nicht wahr, es ist scherzhaft ausgesprochen, aber es ist doch sehr real gemeint —, wenn ich heute einem Menschen in Talar und Barett auf der Straße begegne, so kommt mir der Gedanke: Ja, wenn du jetzt einen Brief schreiben solltest, du wüßtest doch nicht, sollst du 768 vor Christi Geburt schreiben, oder sollst du schreiben, weil doch wiederum vielleicht in diesem Talar drinnen ein Rechtsgelehrter ist, 1265 nach Christi Geburt? Man kommt mit dem Datum nicht zurecht, weil Vergangenheit, ältere und mittlere Vergangenheit Gegenwart braucht man dabei noch gar nicht zu berücksichtigen, auf das heutige Datum würde ich zuletzt kommen bei der Sache - weil sich weiter zurückliegende Vergangenheit und weniger weit zurückliegende Vergangenheit nebeneinanderstellen als zwei Strömungen. Und sie stellen sich so nebeneinander wie Moskau und Petersburg.
[ 48 ] I must confess to you—admittedly, I’m saying this in jest, but I mean it quite seriously—that whenever I encounter someone wearing a robe and a cap on the street these days, the thought occurs to me: “Well, if you were to write a letter right now, you wouldn’t know whether to date it 768 B.C. or—since there might, after all, be a legal scholar inside that robe—1265 A.D.?” One can’t make sense of the date, because the past—the distant and the more recent past—doesn’t even need to be taken into account here; I would only arrive at today’s date as a last resort—because the more distant past and the less distant past stand side by side like two currents. And they stand side by side just like Moscow and St. Petersburg.
[ 49 ] Und man hat die Frage vor sich: Wie kommt wirkliche Organisation, wirkliche Gliederung hinein in dasjenige, was heute nebeneinander steht? Diese Zweigliederung, die ich bis jetzt angeführt habe, werden wir dann auslaufen sehen in eine Dreigliederung in der modernen Zeit, wo die drei Glieder ebenso nebeneinander stehen.
[ 49 ] And the question arises: How does true organization, true structuring, come into play in what today exists side by side? We will then see this twofold structuring, which I have described so far, give way to a threefold structuring in modern times, where the three elements likewise exist side by side.
[ 50 ] Dreigliederung, meine Damen und Herren, ist ja nicht so gemeint, daß man jetzt eine schöne Einheit hat im sozialen Leben und nun drei Schnitte machen soll, daß die drei Glieder sich nebeneinander entwickeln, sondern die Dreigliederung ist so gemeint, daß sie da ist, wie im Menschen die drei Glieder sind: Kopf-Nervensystem, das rhythmische System und das Stoffwechselsystem. Nur müssen die ordentlich zusammenwirken, und es muß jedem das Seine zugeteilt werden. Wenn der Verdauungsorganismus wenig arbeitet und zuviel von seiner Arbeit an den Kopf abgibt, dann entstehen allerlei migräneartige Krankheiten.
[ 50 ] Threefold organization, ladies and gentlemen, does not mean that we now have a harmonious unity in social life and should simply make three divisions so that the three parts develop side by side; rather, threefold organization means that it exists just as the three parts exist within the human being: the head and nervous system, the rhythmic system, and the metabolic system. They simply have to work together properly, and each must be assigned its proper role. If the digestive system works too little and transfers too much of its work to the head, all sorts of migraine-like illnesses arise.
[ 51 ] Wenn das geistige Glied des sozialen Organismus nicht ordentlich arbeitet, zuviel, sagen wir, an das Wirtschaftliche abgibt, denn das ist der Kopf heute des sozialen Organismus, dann entstehen allerlei soziale Krankheiten.
[ 51 ] If the spiritual element of the social organism does not function properly—if, for example, it devotes too much of its energy to economic matters, since the economic sphere is currently the head of the social organism—then all sorts of social ills arise.
[ 52 ] So muß man diese Dinge mit der Entwickelung, mit der Evolution der Menschheit in Zusammenhang bringen, wenn man hineinsehen will in das soziale Leben. Dieses gestattet am allerwenigsten eine Oberflächenansicht. So müssen wir schon dahin kommen, in Talar und Barett solche Formen hineinzubringen, die einem nun auch möglich machen, die zwei geschichtlichen Daten ineinander zu denken. Das ist dann Gegenwart. Sonst bleibt Vergangenheit Vergangenheit mit den nebeneinanderlaufenden Strömungen, die heute eben gerade als der Urgrund der sozialen Krankheit in der Welt dastehen, wenn es auch die Menschen nicht glauben. Das Weitere will ich dann im dritten Teile meines heutigen Vortrages sagen.
[ 52 ] Thus, if one wishes to gain insight into social life, one must view these matters in the context of human development and evolution. Social life, more than anything else, does not lend itself to a superficial view. So we must come to the point of incorporating into our academic robes and caps forms that enable us to conceive of these two historical realities in relation to one another. That is the present. Otherwise, the past remains the past, with its parallel currents that today stand precisely as the root cause of social ills in the world—even if people do not believe it. I will elaborate further in the third part of my lecture today.
[ 53 ] Meine Damen und Herren, da die Zeit vorgeschritten ist, werde ich dasjenige, was ich heute noch zu Ihnen zu sagen habe, sehr kurz halten. Es führt uns ja auch bereits in die Gegenwart, in diese Tage herein, und daher werde ich mir das Wesentlichste aufzusparen haben auf den nächsten Vortrag. Was ich heute noch sagen möchte, ist dieses: Zu jenen zwei Strömungen, die ich charakterisiert habe, kommt immer mehr und mehr von dem Beginn des 15. bis 16. Jahrhunderts an, am deutlichsten aber im 19. Jahrhundert, ein dritter Strom. Er kommt um so deutlicher hinzu, je mehr sich die Kultur nach dem Westen bewegt. Es kommt zu demjenigen, was ursprünglich theokratisch angepaßt war dem Grund und Boden, der Landwirtschaft, zu dem kommt hinzu in den mittleren Gegenden das Juristische, das angepaßt ist Handel, Gewerbe, Arbeit. Und im Westen kommt nun hinzu immer mehr und mehr das, was man später begreift unter dem Namen des Industriellen, des eigentlich Industriellen mit all dem, was technisch sich diesem Industriellen einfügt.
[ 53 ] Ladies and gentlemen, since time is running short, I will keep what I have left to say to you today very brief. After all, it already brings us into the present, into these days, and so I will have to save the most essential points for my next lecture. What I would like to say today is this: In addition to the two currents I have described, a third current has been emerging more and more since the beginning of the 15th through the 16th centuries, but most clearly in the 19th century. It becomes all the more evident the more culture shifts toward the West. To what was originally theocratic in nature—adapted to the land and agriculture—is added, in the central regions, the legal system, which is adapted to trade, commerce, and labor. And in the West, what is later understood under the name of “industrial,” the truly industrial with all that is technically integrated into this industrial sphere, is now increasingly coming to the fore.
[ 54 ] Bedenken Sie nur, was die Einfügung des eigentlichen industriellen Elements in die Evolution der Menschheit bedeutet. Die heutigen Verhältnisse ließen sich leicht umrechnen auf dasjenige, was ich jetzt anführen will, aber ich will es für einen etwas früheren Zeitpunkt anführen, ungefähr für die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Da konnte man schon sagen: Wenn man die physischen Menschen auf der Erde zählen würde, man würde etwa 1500 Millionen Menschen finden. Aber das ist nicht die richtige Bevölkerung der Erde. Das wäre nur die richtige Bevölkerung der Erde, wenn wir noch im tiefen Altertum drinnen lebten, wo die Menschen im wesentlichen alle Arbeit verrichteten durch ihre Hände oder durch dasjenige, was etwa zusammenhing mit dem Menschen, so wie die Hand beim Führen des Pfluges oder beim Führen des Pferdes und so weiter. Es war bereits im 19. Jahrhundert eingezogen in die Erdenwelt eine ganz neue Bevölkerung; die Maschinen, die dem Menschen einen Teil der Arbeit abgenommen haben. Und wenn man rechnet, auch schon für die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, wieviel an menschlicher Arbeit die Maschine dem Menschen abgenommen hat, dann kommt man dazu, daß man als Erdenbevölkerung dann anzusehen hat 2000 Millionen Menschen, 25 Prozent mehr. Heute ist es, wenigstens vor dem Kriege war es noch viel mehr so, daß wir, wenn wir bloß physisch die Menschen heute anschauen auf der Erde, eine ganz falsche Erdenbevölkerungszahl bekommen. Wir müssen 500 Millionen mehr Menschen auf der Erde annehmen nach der verrichteten Arbeit.
[ 54 ] Just consider what the introduction of the actual industrial element into the evolution of humanity signifies. Today’s circumstances could easily be extrapolated to what I am about to describe, but I want to apply this to a somewhat earlier period—roughly the 1880s. At that time, one could already say: If one were to count the physical human beings on Earth, one would find about 1,500 million people. But that is not the true population of the Earth. That would only be the true population of the Earth if we were still living in deep antiquity, when people essentially performed all work with their hands or through means directly related to the human body—such as using one’s hands to guide a plow or lead a horse, and so on. As early as the 19th century, a whole new “population” had entered the world: machines, which have taken over a portion of human labor. And if one calculates—even for the 1880s—how much human labor the machine has taken over from people, one arrives at the conclusion that the Earth’s population should then be considered to be 2,000 million people—25 percent more. Today—and this was even more true before the war—if we look merely at the physical presence of people on Earth, we arrive at a completely inaccurate estimate of the Earth’s population. Based on the work performed, we must assume there are 500 million more people on Earth.
[ 55 ] Das hat in der Tat zu dem alten theokratischen und juristischen Strome ein ganz neues Element gebracht, einen ganz neuen Strom in den realen Verhältnissen, denn es hat den Menschen nicht etwa näher hingebracht an die Außenwelt, sondern es hat den Menschen mehr auf sich selbst zurückgewiesen. Der Mensch stand im Mittelalter so, daß ein Teil von ihm war, was er, sagen wir, als einen Schlüssel machte zu einem Schloß oder das Schloß selber. Da ging, was der Mensch betätigte, in die Arbeit über. Wenn der Mensch an der Maschine steht, es ist ihm ganz einerlei, etwas relativ gesprochen, wie sein Verhältnis zur Maschine ist. Dadurch wird er um so mehr auf sich zurückgewiesen. Seine Menschlichkeit empfindet er. Der Mensch tritt als ein ganz neues Wesen in die Entwickelung ein. Er löst sich los von seiner äußeren Betätigung.
[ 55 ] This did indeed introduce a completely new element into the old theocratic and legal tradition—a completely new current in real-world conditions—for it did not bring people closer to the outside world, but rather turned them back more toward themselves. In the Middle Ages, human beings were in such a position that a part of them was, so to speak, what they made—a key to a lock, or the lock itself. Thus, whatever human beings did was transformed into work. When a person stands at a machine, it makes no difference to them—relatively speaking—what their relationship to the machine is. This causes them to be turned back upon themselves all the more. They become aware of their humanity. Humanity is entering a new phase of development as an entirely new being. It is detaching itself from its external activities.
[ 56 ] Das ist es, was im Westen als das demokratische Element in den letzten Jahrhunderten heraufkommt, aber erst als eine Forderung, als ein Postulat, nicht wie irgend etwas Realisiertes. Denn die Verhältnisse überwältigen den Menschen. Die Menschen können nur theokratisch oder juristisch denken. Aber das Leben wird industriell-wirtschaftlich mit überwältigenden Forderungen. Da hinein gehen noch nicht die Gedanken. Selbst ein solcher Mensch wie Marx hat nur juristisch gedacht. Und das Verständnis, das er gefunden hat bei Millionen und Millionen, ist nur juristisch.
[ 56 ] This is what has emerged in the West as the democratic element over the past few centuries, but only as a demand, as a postulate—not as something that has actually been realized. For circumstances overwhelm human beings. People can think only in theocratic or legal terms. But life is becoming industrial and economic, with overwhelming demands. Their thoughts have not yet caught up with this. Even a man like Marx thought only in legal terms. And the understanding he found among millions and millions is purely legal.
[ 57 ] Und so kann man sagen: Dadurch trat eine dritte Strömung, über die wir namentlich im nächsten Vortrag werden zu sprechen haben, neben die zwei anderen hin. Der proletarische Mensch wird geboren. Das, was im proletarischen Menschen rumort, das lebt sich aus als eine bestimmte Auffassung über Kapitalismus, über Arbeit. Die Menschen sind gezwungen, diese Probleme aus dem Leben heraus sich vorzuhalten. Jetzt ist die Evolution der Menschheit eigentlich erst Gegenwart.
[ 57 ] And so one can say: As a result, a third current—which we will discuss by name in the next lecture—emerged alongside the other two. The proletarian is born. What stirs within the proletarian manifests itself as a specific conception of capitalism and of labor. People are compelled to confront these issues as they arise in their daily lives. Only now has the evolution of humanity truly become a reality.
[ 58 ] Man könnte sagen: da steht der Mann mit dem Talar und Barett, wunderbar schön, herrlich; er ragt herein aus der Vergangenheit. Da steht der Mann mit dem Kriegermantel und mit dem Degen als Verkörperung des Juristischen — das Kriegerische ist nur eine andere Seite des Juristischen -—, die spätere Vergangenheit, noch nicht Gegenwart. Und wenn ich den Mann in Talar und Barett sehe, so kann er ja noch, weil sich die Menschheit schon jahrhundertelang da hinein gewöhnt hat, unter Umständen ein guter Rechtsanwalt, ein guter Advokat sein. Da werde ich die Disharmonie noch nicht so stark empfinden. Aber wenn er nun ins wirtschaftliche Leben hineingestellt sein soll — da habe ich fast die Vermutung, wenn er nicht trotz Barett und Talar gerade dazu befähigt ist, sich ins wirtschaftliche Leben aktiv hineinzustellen, daß er bloß sein Geld verlieren wird! Denn die Menschheit ist im allgemeinen noch nicht hineingewachsen in dasjenige, was diese dritte Strömung im Leben bedeutet. Und das ist sie auch im großen nicht. Daher steht die soziale Frage vor uns als eine Menschheitsfrage. Denn neben die Maschine ist der Mensch hingestellt. Wir müssen heute die soziale Frage nicht als eine Wirtschaftsfrage, wir müssen sie als eine Menschheitsfrage erfassen können, und wir müssen verstehen, daß wir sie innerhalb der Menschheit lösen müssen.
[ 58 ] One might say: there stands the man in his robe and beret, wonderfully beautiful, magnificent; he looms in from the past. There stands the man in his warrior’s cloak and with his sword, the embodiment of the legal—the warlike is merely another aspect of the legal—the recent past, not yet the present. And when I see the man in a robe and beret, he may still—since humanity has been accustomed to this for centuries—under certain circumstances be a good lawyer, a good advocate. In that case, I won’t feel the disharmony so strongly. But if he is now to be placed within economic life—I almost suspect that, unless he is specifically qualified to actively engage in economic life despite his cap and robe, he will simply lose his money! For humanity, in general, has not yet grown into what this third current in life signifies. And, on a larger scale, it hasn’t either. That is why the social question stands before us as a question of humanity. For humanity stands alongside the machine. Today, we must not view the social question as an economic issue; we must be able to grasp it as a question of humanity, and we must understand that we must resolve it within humanity itself.
[ 59 ] Dazu fehlen aber noch die Gedankenimpulse, wie sie vorhanden waren für das Theokratische und für das Juristische. Für das Wirtschaftliche fehlen sie noch. Und die Kämpfe der Gegenwart gehen darum, Gedankenimpulse zu finden für das Wirtschaftliche, wie man sie gefunden hat für das Theokratische und für das Juristische. Das ist im wesentlichen heute noch der Inhalt der sozialen Frage. Im großen ist man dabei noch weniger auf einem heilsamen Wege als im kleinen. Die Staaten, die plötzlich empfangen sollten dieses industrielle Wirtschaftsleben, die haben es sich in ihre alten juristischen Formen eingliedern wollen. Und da sie das nicht gekonnt haben, verfielen sie auf dasjenige, was eine Art Ventil war, um es nicht nötig zu haben zunächst, das Wirtschaftsleben wirklich neben das Staatsleben hinzuentwickeln. Und dieses Ventil ist das Kolonisieren. Weil man nicht die Möglichkeit fand zu starken sozialen Ideen im Inneren, machte man sich zunächst etwas wie einen Ausweg im Kolonisieren.
[ 59 ] However, the intellectual impulses needed for this are still lacking, unlike those that existed for the theocratic and the legal spheres. They are still missing for the economic sphere. And the struggles of the present day are about finding intellectual impulses for the economic sphere, just as they were found for the theocratic and legal spheres. That is, in essence, still the substance of the social question today. On a large scale, we are even less on a healthy path than on a small one. The states that were suddenly supposed to embrace this industrial economic life sought to integrate it into their old legal forms. And since they were unable to do so, they resorted to what served as a kind of safety valve, so as not to have to develop economic life alongside state life right away. And this safety valve is colonization. Because they could not find the basis for strong social ideas at home, they initially sought a sort of way out through colonization.
[ 60 ] Das ging bei England. Bei Deutschland ging es nicht. Deutschland konnte sich seine Industrie nicht eingliedern, unzweifelbar deshalb, weil das Kolonisieren nicht ging. Und die große Frage steht heute vor der Menschheit: Wie macht es der Mensch mit dem wirtschaftlichen Leben, ebenso wie er es einstmals mit dem theokratischen, wie er es mit dem Juristischen gemacht hat.
[ 60 ] That worked for England. It didn’t work for Germany. Germany was unable to integrate its industry, undoubtedly because colonization didn’t work. And the great question facing humanity today is: How will humanity deal with economic life, just as it once dealt with theocratic and legal systems?
[ 61 ] Diese große Frage glaubt man heute, könne auf rein materialistische Weise gelöst werden. Jeder will sie aus dem Wirtschaftsleben heraus lösen. Hier soll gezeigt werden in bescheidenen Anfängen, daß sie nur auf spirituellem Wege gelöst werden kann. Das soll dann der Inhalt meiner zwei nächsten Vorträge sein.
[ 61 ] Today, people believe that this great question can be solved in a purely materialistic way. Everyone wants to resolve it through economic activity. Here, I will begin, in a modest way, to show that it can only be solved through spiritual means. That will be the subject of my next two lectures.
