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The Rudolf Steiner Archive

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Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst
Spirituelle Werte in Erziehung und sozialem Leben
GA 305

26 August 1922, Oxford

10. Die Entwickelung des sozialen Lebens in der Menschheit

[ 1 ] Meine Damen und Herren! Es ist in der Gegenwart eine allgemeine Angelegenheit der ganzen Menschheit geworden, die soziale Frage zu betrachten, und innerhalb der sozialen Frage diejenigen Antworten zu finden, welche gerade in der Gegenwart geeignet sind, ein Handeln der Menschen hervorzurufen, das unsere sozialen Verhältnisse derjenigen Richtung zuführen kann, die als ein Unbestimmtes, ich möchte sagen, nebelhaftes Zukunftsgebilde vielen Menschen vorschwebt, über die aber keineswegs heute schon irgendwelche klaren Begriffe vorhanden sein können, ich sage: können, und nicht: vorhanden sind.

[ 2 ] Wenn ich mir erlaube, in drei kurzen Vorträgen über die soziale Frage zu sprechen, so ist es ja selbstverständlich, daß ich nur einige recht unbefriedigende Gesichtspunkte werde geben können, und daß manches von dem, was ich nur vage andeuten kann wegen der Kürze der Zeit, erst wird Gestalt gewinnen müssen, in dem, was die verehrten Zuhörer aus meinen Worten machen werden. Die Vorträge bitte ich daher nur als ganz vage Andeutungen zu betrachten, die einige Anregungen geben wollen.

[ 3 ] Die soziale Frage, wie liegt sie uns denn eigentlich heute vor? Sie liegt uns durchaus nicht, wenn wir unbefangen das Menschenleben der Gegenwart betrachten, so vor, daß wir eine klare Formulierung von ihr haben, daß wir wüßten, das ist die soziale Frage, und so kann man sie lösen. Das ist ja gar nicht der Fall. Was uns vorliegt, ist eine große Summe von differenzierten Lebensverhältnissen über die Erde hin, welche Klüfte und Abgründe zwischen den inneren menschlichen Erfahrungen und Erlebnissen und dem äußeren wirtschaftlichen Lebensstande innerhalb der Menschheit hervorgerufen haben. Diese mannigfaltig differenzierten Verhältnisse sind da. Wie mannigfaltig sie differenziert sind, das kann derjenige sich leicht vor die Seele rücken, der hinschaut auf die ganz verschiedene Art, wie diese Lebensverhältnisse waren vor dem furchtbaren Weltkriege, und wie sie jetzt sind nach dem Weltkriege. Wenn man nur ein wenig ein größeres Territorium der Erde in Betracht zieht, dann wird man bald finden, daß die Differenzierung in den sozialen Lebensverhältnissen vor und nach dem Kriege etwas Grundverschiedenes ist gegenüber auch den Verhältnissen, wie sie etwa noch vor fünfzig Jahren auf demselben Territorium waren.

[ 4 ] Wir schauen vielleicht heute, und man muß sagen, Gott sei Dank, mehr mit unserem Herzen in diese Lebensverhältnisse hinein, empfinden das Tragische; aber der Verstand, der Intellekt, so sehr er auch ausgebildet worden ist in den letzten Jahrhunderten, er kam nicht nach. Das ist das Eigentümliche in allen sozialen Verhältnissen der Gegenwart, daß die Frage der Wirklichkeit, des unmittelbaren Lebens ungeheuer drängen, und daß das Begreifen der Menschen nicht nachkommen will.

[ 5 ] Wenn wir uns fragen: Wo sind die fruchtbaren sozialen Ideen? — dann werden wir wenig finden, was wir bei völliger Unbefangenheit so bezeichnen können. Gerade die Gedanken der Menschen pflegen, wenn es sich um das soziale Leben handelt, zu versagen.

[ 6 ] Nun, heute ist infolge der sozialen Entwickelung, die die Menschheit genommen hat, die Frage des sozialen Zusammenlebens unmittelbar geknüpft an eine andere Frage, in der nur Sachkenntnisse den Ausschlag geben können, nur die wirkliche Einsicht in das Konkrete den Ausschlag geben kann.

[ 7 ] Meine Damen und Herren, über ein Paradies auf Erden, in dem die Menschen gut leben können, in dem alle Menschen zufrieden sein können, zu denken, ist sehr leicht. Das ergibt sich, man möchte sagen, von selbst. Zu sagen, wie aus der Konfiguration unseres Wirtschaftslebens, aus den einzelnen konkreten Tatsachen, die sich aus der Natur, aus der menschlichen Arbeit, aus dem menschlichen Erfindungs- und Kombinationsgeist ergeben, zu sagen, wie da heraus für die Menschen allmählich ein menschenwürdiges Dasein sich entwickeln soll, das erfordert eine so eingehende tiefe Sachkenntnis, wie kein Zweig der Wissenschaft, wie kein Zweig innerhalb der Naturerkenntnis. Denn gegenüber der Komplikation der sozialen wirtschaftlichen Tatsache ist dasjenige, was wir unter dem Mikroskop sehen und durch das Teleskop am Himmel beobachten, außerordentlich einfach.

[ 8 ] So muß man sagen: Gerade auf dem Gebiete der sozialen Frage möchte heute jeder mitreden, und die wenigsten Menschen haben die Geduld und die Ausdauer und auch nur die Gelegenheit, sich die konkreten Sachkenntnisse zu erwerben. Daher haben wir hinter uns ein Zeitalter in bezug auf die soziale Frage, von dem wir sagen müssen: Wir danken Gott, daß es hinter uns ist. — Es ist das Zeitalter der Utopie, das Zeitalter, wo man, ich möchte sagen, in romanhafter Weise ausgedacht hat, wie die Menschen in der Zukunft leben sollen, damit sie eine Art Paradies auf Erden finden. Ob man diese Utopie niedergeschrieben hat, oder ob man sie in der Wirklichkeit begründen will, wie das Owen in England oder Oppenheimer in Deutschland wollen, das ist es nicht, worauf es ankommt. Ob man Utopien in ein Buch schreibt, bei dem man einsehen kann, das läßt sich nicht verwirklichen, oder ob man irgendwo in einer kleinen Kolonie einen wirtschaftlichen Parasiten gründet, der nur bestehen kann, weil noch die andere Welt da ist, und der nur bestehen kann, solange als er sich als Parasit der Wirtschaftswelt erhält und dann zugrunde geht, das ist im Grunde genommen in bezug auf das gegenwärtige Leben der Menschheit, in bezug auf das Soziale ganz das gleiche.

[ 9 ] Nun handelt es sich darum, daß man vor allen Dingen, will man über die soziale Frage sprechen, sich ein Auge, einen Sinn aneignen muß für dasjenige, was in den Untergründen der Menschheit sozial pulsiert, was in der Vergangenheit war, was in der Gegenwart da ist, was in die Zukunft hineinwirken will, denn das, was in die Zukunft hineinwirken will, ist zum großen Teile im Unbewußten der Menschen überall vorhanden. Wir werden daher in diesen Vorträgen gerade auf dieses Unbewußte in den Menschen außerordentlich stark hinweisen müssen. Aber vor allen Dingen ist es notwendig, daß man sich einen Begriff davon macht, wie die Verhältnisse über die Erde hin in bezug auf das soziale Leben im großen sind, wie sie sich geschichtlich entwickelt haben.

[ 10 ] Denn, meine Damen und Herren, dasjenige, was einstmals vor langen Zeiten war, das ist ja noch immer unter uns als Tradition, als Rest, und wir können das, was unter uns dasteht, nur verstehen, wenn wir dasjenige verstehen, was einmal vor langen Zeiten da war. Und dasjenige, was Gegenwart ist, vermischt sich immer schon mit etwas, was hintendiert nach der Zukunft, und wir müssen verstehen, was da schon Zukünftiges, Keimhaftes in unserer Gegenwart herinnensteckt. Wir dürfen die Vergangenheit nicht bloß als etwas betrachten, was vor Jahrhunderten war, sondern was vielfach noch unter uns lebt, und was auch wirkt, und was wir nur verstehen als ein gegenwärtig Vergangenes oder vergangenes Gegenwärtiges, wenn wir es richtig zu taxieren verstehen. Da ergeben sich nur Einsichten, wenn wir die äußeren Symptome auf die tieferliegenden Gründe zurückführen können.

[ 11 ] Mißverstehen Sie mich nicht, meine Damen und Herren, man muß, wenn man solche Dinge ausspricht, manchmal etwas stark auf die Dinge hinweisen, und es könnte scheinen, als ob man manches tadeln wollte, was man nur charakterisieren will. Also, ich will nicht tadeln, wenn das Vergangene heute in der Gegenwart noch drinnensteckt, ich kann sogar dieses Vergangene bewundern und außerordentlich sympathisch finden, indem es sich in die Gegenwart hineinstellt, aber ich muß wissen, wenn ich sozial denken will, daß es ein Vergangenes ist, und sich auch als Vergangenes eben richtig in die Gegenwart hineinstellen muß. So muß sich ein Gefühl für das unmittelbare soziale Leben mir aneignen können.

[ 12 ] Zum Beispiel — Sie verzeihen, wenn ich aus der unmittelbarsten Gegenwart ein vielleicht etwas merkwürdiges, aber ganz gewiß nicht irgendwie verletzend gemeintes Symptom Ihnen anführe — gestern begegnete uns auf der Straße der verehrte Chairman im Talar und mit dem Barett. Er sah sehr schön aus. Ich mußte ihn bewundern. Aber, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich hatte nicht nur das Mittelalter vor mir, sondern ich dachte, es käme mir jemand entgegen aus den alten orientalischen Theokratien in der unmittelbaren Gegenwart.

[ 13 ] Nicht wahr, in dem Talar steckte ja in diesem Falle eine ganz gegenwärtige Seele, sogar eine Anthroposophenseele, die sich vielleicht sogar noch zuschreibt, Zukunft in sich zu haben; aber dasjenige, was unmittelbar symptomatisch physiognomisch, möchte ich sagen, sich ausdrückte, das ist Geschichte, das ist Geschichte in der Gegenwart.

[ 14 ] Und so müssen wir, wenn wir das soziale Leben verstehen wollen, wenn wir selbst die wirtschaftlichen Verhältnisse verstehen wollen, die tagtäglich auf unserem Kaffeetisch am Morgen wirksam sind, die bewirken, wieviel wir aus unserem Portemonnaie nehmen müssen, um diesen Frühstückstisch zu besorgen, wir müssen, um diese Verhältnisse zu verstehen, einen Überblick haben über die soziale Entwickelung der Menschheit. Und diese soziale Entwickelung der Menschheit wird heute, gerade wenn man die soziale Frage anschaut, fast nur im materialistischen Sinne behandelt.

[ 15 ] Man muß zuerst hinschauen auf ganz andersartige Verhältnisse, die einmal innerhalb der geschichtlichen und vorgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit waren. Man muß schon hinschauen auf jene sozialen Gemeinschaften, die man gerade als die orientalischen, noch stark nach Westen herüberwirkenden Theokratien auffassen kann.

[ 16 ] Das waren ganz andere soziale Gemeinschaften. Das waren soziale Gemeinschaften, in denen die Struktur der menschlichen Verhältnisse bewirkt worden war durch die Inspiration einer den übrigen Verhältnissen der Welt fremden Priesterschaft. Da hat man herausgeholt aus demjenigen, was sich einem an geistigen Impulsen ergab, die Impulse für die äußere Welt. Wenn Sie noch sehen, wie in Griechenland, in Rom, die soziale Struktur ist: ein ungeheures Sklavenheer, darüber eine in sich selbst zufriedene, wohlhabende — die Worte sind natürlich relativ gemeint — Oberschicht, dann können Sie diese soziale Struktur nicht verstehen, ohne daß Sie hinschauen auf deren Ursprung, auf den theokratischen Ursprung, innerhalb dessen es möglich war, diese soziale Struktur als ein Gottgegebenes oder Göttergegebenes den Menschen glaubhaft zu machen, glaubhaft nicht nur für den Kopf, glaubhaft für das Herz, glaubhaft für den ganzen Menschen; so daß der Sklave tatsächlich sich in der richtigen Weise durch die göttliche Weltenordnung einmal an seinen Platz hingestellt fühlte. Nur aus dem Durchsetztsein der äußeren materiell-physischen sozialen Struktur mit inspirierten Geboten ist das soziale Leben in alten Zeiten der Menschheit zu erklären.

[ 17 ] Und aus diesen Geboten, die eine der Welt entzogene Priesterschaft von außerhalb der Welt zu bekommen suchte, aus diesen Geboten ging nicht nur dasjenige hervor, was der Mensch für sein Seelenheil haben sollte, nicht nur, was er über Geburt und Tod dachte und empfand, sondern es ging dasjenige hervor, was das Verhältnis bilden sollte zwischen Mensch und Mensch. Aus dem weiten Orient herüber tönt nicht nur das Wort: «Liebe Gott über Alles», sondern auch das andere: «und deinen Nächsten als dich selbst.» Wir nehmen heute ein solches Wort «deinen Nächsten als dich selbst» sehr abstrakt auf. Es war nicht so abstrakt in der Zeit, als von dem inspirierten Priester dieses Wort in die Menge klang. Da wurde es zu etwas zwischen den Menschen Wirkendem, wofür später alle diejenigen konkreten Verhältnisse traten, die wir unter dem Namen des Rechtes und der Moral zusammenfassen. Denn diese Verhältnisse des Rechtes und der Moral, die sich erst später der Menschenentwickelung eingliedern, die waren in dem ursprünglichen göttlichen Gebote: «Liebe deinen Nächsten als dich selbst» enthalten durch die ganze Art und Weise, wie sie durch die inspirierte Priesterschaft in der Theokratie in die Welt hineingetragen wurden.

[ 18 ] Ebenso waren die Verrichtungen des Wirtschaftslebens, dasjenige, was der Mensch tun sollte, was er tun sollte mit dem Vieh, was er tun sollte mit Grund und Boden - Sie finden den Nachklang dazu noch in der mosaischen Gesetzgebung -, das war aus den göttlich gedachten Eingebungen heraus festgestellt. Der Mensch fühlte sich als von den göttlichen Mächten in bezug auf sein geistiges Leben, in bezug auf sein Rechtsleben und moralisches Leben, in bezug auf sein Wirtschaftsleben in das Irdische hineingestellt. Eine einheitliche Struktur, wo die Glieder deshalb, weil ein Impuls in ihnen steckte, zusammenwirkten, war die Theokratie. Die drei Glieder: Geistesleben, Rechts-, dasjenige was wir heute auch Staatsleben nennen, dasjenige was wir Wirtschaftsleben nennen, war in einem einheitlichen Organismus, der durchpulst wurde von dem, was nicht auf der Erde zu finden war an Impulsen, zusammengefaßt.

[ 19 ] In der weiteren Entwickelung der Menschheit ist das das Eigentümliche, daß diese drei Impulse, Geistesleben, staatlich-juristisch-moralisches Leben, und wirtschaftliches Leben, auseinanderdrängten, sich differenzierten. Aus dem einen Strom, der in den Theokratien als einheitliches Menschenleben dahinfloß, wurden allmählich zwei, wie ich gleich nachher zeigen werde, und nachher drei; und diesen drei Strömen stehen wir heute gegenüber.

[ 20 ] Dasjenige, was sich aus diesem einen Strom der Theokratie ergeben hat, will ich nachher in dem zweiten Teile nach der Übersetzung besprechen.

[ 21 ] Meine Damen und Herren, die Theokratie, so wie sie in alten Zeiten bestanden hat mit der Inspiration der Mysterienpriester, die hineinfloß in die soziale Struktur, in das juristisch-moralische und auch in das wirtschaftliche Leben, diese Theokratie wird, um nur das eine anzuführen, im wirtschaftlichen Leben bloß fertig, kann nur zustande kommen mit demjenigen, was im wirtschaftlichen Leben bis zur Landwirtschaft geht, mit demjenigen, was zu tun hat mit dem Verhältnis des Menschen zu Grund und Boden. Es lassen sich gebotartige Verhaltungsmaßregeln für das wirtschaftliche Leben herausgestalten aus der Inspiration, wenn das wirtschaftliche Leben in seiner Hauptsache im Grund und Boden, in der Landwirtschaft, Viehzucht und so weiter begründet ist.

[ 22 ] Das beruht darauf, daß eben ein eigentümliches Verhältnis besteht zwischen dem Menschen, der an den Grund und Boden sich anschmiegt. Er hat in seinem Herzen dasjenige, was entgegenkommen kann dem, was aus der Theokratie herauskommt.

[ 23 ] In dem Augenblicke, wo in der Entwickelung der Menschheit anfangen Handel und Gewerbe eine größere Rolle zu spielen, in dem Augenblicke wird es anders. Die alten, die ältesten Theokratien, sie können nur verstanden werden, wenn man weiß, daß im wesentlichen alles wirtschaftliche Leben auf der Zugehörigkeit des Menschen zu Grund und Boden beruht, daß Handel und Gewerbe gewissermaßen nur oben aufgesetzt waren. Sie waren ja da, aber sie entwickelten sich so, daß sie sich im Anschluß an die Verhältnisse in bezug auf Grund und Boden, die Landwirtschaftentwickelten. Wir sehen in der Entwickelung der Menschheit, wie Handel und Gewerbe sich gewissermaßen emanzipieren von dem Landwirtschaftlichen, erst ganz in seinem Anfange im alten Griechenland, und dann deutlicher in dem alten römischen Reiche. Da sehen wir, wie gewissermaßen herauswächst wie etwas Selbständiges in der sozialen Struktur die Betätigung des Menschen im Handel und Gewerbe, und das gibt dem ganzen römischen Leben namentlich seine Konfiguration.

[ 24 ] Als dasjenige, was sich für die Menschen aus dieser Emanzipation ergab im römischen Reiche, tief zu Herzen ging den Gracchen, Tiberius Sempronius Gracchus, Cajus Gracchus, als es in deren Herzen Wort annahm, zur Tat wurde, da entstanden die großen sozialen Kämpfe des alten Rom. Die erste Streikbewegung war im Grunde genommen im alten Rom, als die Menschen hinauszogen auf den «Heiligen Berg» und ihre Rechte verlangten, da entstand das Drängen nach einer Neugestaltung in die Zukunft hinein.

[ 25 ] Und dasjenige, was man jetzt erst als etwas Selbständiges bemerkte, was früher hineingegliedert war in die ganze soziale Struktur, das ist die menschliche Arbeit, die ein besonderes Verhältnis von Mensch zu Mensch begründet. Wenn aus den Geboten heraus der Mensch weiß, er steht als ein Niedriggestellter einem Höhergestellten gegenüber, so fragt er nicht, wie er die Arbeit gestalten soll; dies ergibt sich aus dem menschlichen Verhältnis. In dem Augenblicke, wo die Arbeit als etwas Emanzipiertes, Selbständiges auftritt, ergibt sich die Frage: Wie stelle ich mich zu meinem Mitmenschen, damit meine Arbeit in der richtigen Weise sich hineingliedert in die soziale Struktur? — Handel, Gewerbe, Arbeit, das sind die drei wirtschaftlichen Faktoren, aus denen dann der Mensch angeregt wird, hervorzutreiben aus sich dasjenige, was das Recht ist, und auch, was die abgezogene Moral ist, die aus der Religion herausgezogene Moral. Und der Mensch fühlt sich dadurch veranlaßt, aus dem einen Strome der Theokratie zwei hervorgehen zu lassen: die alte Theokratie weiter gehen zu lassen und einen zweiten Strom, den Strom, der im wesentlichen der Strom des Kriegerischen und namentlich des Juristischen ist, daneben fließen zu lassen.

[ 26 ] Daher sehen wir, wie, indem die orientalische Kultur sich herüberentwickelt nach Europa unter dem Einflusse von Handel, Gewerbe und Arbeit, das alte theokratische Denken übergeht in das juristische Denken, wie an die Stelle der alten Verhältnisse, die gar nicht Rechtsverhältnisse waren — versuchen Sie sich das klarzumachen noch aus der mosaischen Gesetzgebung -, sich entwickeln die Rechtsverhältnisse des Eigentums, die Verhältnisse, die ausdrücken sollen die Beziehungen von Mensch zu Mensch.

[ 27 ] Man sieht das entstehen im Keime zur Zeit der Gracchen, später mehr aufgehen zur Zeit des Diokletian; man sieht da, wie der zweite Strom neben den ersten sich hinstellt, und man sieht dieses im ganzen menschlichen Leben sich ausdrücken.

[ 28 ] Man kann sagen: Im Oriente drüben, in den alten Theokratien war das, was die Menschen als Geistiges über die übersinnlichen Welten wissen sollten, alles selbstverständliche Theosophie. Theo-Sophia ist die konkrete Weisheit, die empfangen wurde durch Inspiration.

[ 29 ] Als der Strom nach Europa herübergeht, stellt sich neben ihn die Jurisprudenz. Die Jurisprudenz kann keine Sophia mehr sein, denn sie handelt nicht von etwas, was einem eingegeben wird, sondern von etwas, was der Mensch selbst immer mehr und mehr im Verkehr von Mensch zu Mensch entwickelt. Da wird das Urteil maßgebend. Da tritt an der Stelle der Sophia die Logik auf, und die Jurisprudenz, in die jetzt alle soziale Struktur hineingegossen wird, wird vorzugsweise logisch. Die Logik, die Dialektik entwickeln ihre Triumphe, nicht etwa in der Naturwissenschaft, sondern gerade in dem juristischen Leben, und alles menschliche Leben wird in diesen zweiten Strom, in die Logik hineingezwängt. Begriff des Eigentums, Begriff des persönlichen Rechtes, all das sind ja realisierte logische Kategorien.

[ 30 ] Und die Sache hat eine so starke Kraft in dieser zweiten Strömung, daß diese Kraft auf die erste Strömung abfärbt. Aus der Theosophia wird eine Theologia. Der erste Strom wird also durchaus beeinflußt von dem zweiten Strom. Und wir haben jetzt nebeneinander ein Altbewahrtes, eine alte Theosophia, die, indem sie weniger lebendig, etwas dürrer, etwas magerer auch geworden ist, als sie in ihrer Jugend war, nun Theologia wird, und daneben die Jurisprudentia, die eigentlich in dieser Art alles umfaßt bis ins 15., 16., 17. Jahrhundert hinein, was in den verschiedenen Masken auftritt, die auch noch wirkt in dem gesamten wirtschaftlichen Leben der Menschheit.

[ 31 ] Jurisprudenz wirkte auch in Adam Smith, auch wenn er das wirtschaftliche Leben in Betracht ziehen will. Lesen Sie Adam Smith einmal mit dem Gefühl, da rumort juristisches Denken; aber das wirtschaftliche Leben kommt herauf. Nun will er in die alten Begriffe des Juristischen — damals waren sie ja schon wiederum alt geworden -, da will er hineinzwängen, was als wirtschaftliches Leben in Komplikationen heraufkommt, nachdem das naturwissenschaftliche Denken die Technik und so weiter ergriffen hat.

[ 32 ] Und so sehen wir, wie eine Zeitlang innerhalb der eigentlichen zivilisierten Menschheit die zwei Ströme sich herausbilden, die Theologia, die dann auf der einen Seite in die Wissenschaft einmündet — denn es ist ja überall nachzuweisen, wie die späteren Wissenschaften, auch die Naturwissenschaft, sich aus der Theologia heraus entwickeln. Aber die Menschen haben mittlerweile das dialektisch-logische Denken gelernt, das tragen sie jetzt in alles hinein, auch in die Wissenschaft. Und so entwickelt sich die neuere Zeit. Mit überwältigender Komplikation kommen die sozialen Verhältnisse, die wirtschaftlichen Verhältnisse herauf. Die Menschen sind gewohnt noch an das theologisch juristische Denken, und das tragen sie nun noch extra in die Naturwissenschaft hinein. In der Naturwissenschaft bemerkt man es nicht mehr. Man glaubt nicht, wenn man das Auge über das Mikroskop hält, oder wenn man durch das Teleskop in den Sternenhimmel hineinschaut, oder wenn man gar ein niederes Tier zergliedert, um daran den Organismus zu studieren, man glaubt es nicht, daß man eine historische Phase des menschheitlichen Denkens da hineingetragen hat, und nicht etwas Absolutes. Und so nimmt in der neueren Zeit dieses naturwissenschaftliche Denken durchaus die Menschheit, die Zivilisation in Anspruch: es soll über alles so gedacht werden, wie naturwissenschaftlich gedacht wird. Das ist heute nicht etwa bloß in den Gebildeten sitzend, das sitzt in der ganzen Menschheit, bis in den primitivsten Menschen hinein.

[ 33 ] Ich möchte nicht mißverstanden werden auch hier, aber ich möchte eine Bemerkung machen. Wenn heute so etwas auseinandergesetzt wird, wie ich es zum Beispiel in bezug auf die Erziehung in den verflossenen Tagen tat, da muß auch dasjenige hineingebracht werden, was vom Spirituellen aus die Naturwissenschaft beleuchtet. Wenn der heutige Mensch, der an der Naturwissenschaft herangebildet ist, an diese Dinge herankommt, dann findet er: Ja, was da gesagt wird, das steht nicht in einem Physiologiebuch; was da gesagt wird, das habe ich nicht gehört vom physiologischen Katheder herunter, also ist es falsch. - Man setzt nicht voraus, daß dasjenige, was dort nicht gesagt werden kann, daß all das, was von mir in bezug auf Naturwissenschaftliches gesagt ist, durchaus nachgeprüft ist, daß es voll berücksichtigt dasjenige, was im Physiologiebuch steht, und was vom Katheder herunter als Physiologie gelehrt wird. Aber es ist die Menschheit heute so gestaltet, daß man gar nicht weiß, wie das eine aus dem anderen heraus sich ergibt. Und so ist heute die glänzende Naturwissenschaft, die ja voll anerkannt wird innerhalb des Anthroposophischen, diese Naturwissenschaft ist heute — nicht durch das, was sie selber sagt, sondern durch die Menschen, durch die Art, wie die Menschen sie auffassen — ein Hemmnis. Und ich möchte sagen, man kann es in der Entwickelung der neuesten Menschheit handgreiflich machen, wie sie ein Hemmnis ist.

[ 34 ] Sehen Sie, da gab es einen Menschen, der Ihnen seinem Namen nach gut bekannt ist, Karl Marx, der in der neueren Zeit besonders eindringlich für Millionen und Millionen von Menschen über das soziale Leben geredet hat. Wie hat er geredet? Nun, er hat geredet, wie der repräsentative Mensch des naturwissenschaftlichen Zeitalters über das soziale Leben reden muß.

[ 35 ] Stellen wir uns einmal vor Augen, wie dieser repräsentative Mensch reden muß. Der Naturwissenschafter, der hat die Gedanken im Kopfe. Darauf gibt er nicht viel; er gibt erst etwas auf die Gedanken, wenn sie sich ihm verifiziert haben unter dem Mikroskop oder durch einen anderen Versuch oder durch irgendeine Beobachtung. Aber dasjenige, was er beobachtet, das muß ganz vom Menschen abgesondert sein, das darf nicht irgendwie verknüpft sein, das muß herangetragen sein. Und so muß derjenige, der naturwissenschaftlich denkt, einen Abgrund sehen zwischen seinem Denken und dem, was ihm herangetragen wird.

[ 36 ] Nun, Karl Marx hat dieses Denken, das man nicht heranlassen will an die äußere Welt, zwar nicht ganz im Sinne der neuesten Naturwissenschaft gelernt, möchte ich sagen, aber er hat es in einer älteren Form gelernt als Hegelsche Dialektik. Es ist im Grunde genommen nur eine andere Färbung des naturwissenschaftlichen Denkens. Da, als er dieses Denken des modernen Menschen lernte, da stand er in seinem Milieu drinnen. Aber er war Repräsentant des naturwissenschaftlichen Zeitalters, da konnte er ja gar nichts damit anfangen. Er war ein Deutscher, er stand drinnen in der deutschen logisch-dialektischen Denkweise. Aber aus der heraus konnte er nichts anfangen, geradeso wie der Naturwissenschafter nichts anfangen kann mit seinen Gedanken. Er wartet, was ihm das Mikroskop oder Teleskop zeigt. Das muß von außen kommen. Karl Marx konnte mit seinen Gedanken nichts anfangen. Und da er schon einmal aus seiner Haut nicht herausfahren konnte, fuhr er aus Deutschland heraus und ging nach England. Da traten ihm die sozialen Verhältnisse von außen gegenüber, wie dem Naturwissenschafter das Mikroskop oder Teleskop. Da hatte er eine Außenwelt. Da konnte er so reden und eine soziale Theorie nach naturwissenschaftlichem Muster begründen, wie der Naturwissenschafter seine Theorie begründet. Und weil diese Denkweise den Leuten tief im Leibe sitzt, wurde das ungeheuer populär. Und weil nun schon einmal das, was sich bloß auf die äußere Natur bezieht, maßgebend ist, wenn man über den Menschen so redet wie über die äußere Natur, wie es Karl Marx getan hat, so schaut das alles, was man über den Menschen sagt, auch über seine sozialen Verhältnisse, so aus, wie wenn es Natur wäre. Was ich über den Jupiter sage, was ich über das Veilchen sage, was ich über den Regenwurm sage, das kann ich in Island ebenso sagen wie in Neuseeland, und in England ebenso wie in Rußland. Das gilt für die ganze Welt. Da brauche ich mich nicht zu konkretisieren, das muß allgemein gelten.

[ 37 ] Wenn man also nach dem Muster des Naturwissenschaftlichen eine soziale Theorie begründet, so begründet man scheinbar etwas, was über die ganze Erde hin gilt, was überall daraufgesetzt werden kann. Das ist überhaupt die Eigentümlichkeit der juristisch-staatlichen Denkweise, die nur ihren Gipfelpunkt in dem Marxismus gefunden hat, daß sie das Allgemein-Abstrakte wie ein allgemeines Kleid überall draufsetzen will. Das finden Sie schon da, wo noch gar nicht sozialistisch, sondern nur juristisch-logisch gedacht wird, zum Beispiel bei Kant mit dem kategorischen Imperativ, der Ihnen ja vielleicht auch als etwas Ausländisches bekannt sein wird.

[ 38 ] Meine Damen und Herren, dieser kategorische Imperativ, der sagt: Handle so, daß die Maxime deines Handelns für jeden Menschen gelten kann. - Im konkreten Leben läßt sich das nicht anwenden, denn man kann niemandem sagen: Laß dir vom Schneider deinen Rock so machen, daß er für jeden Menschen passen kann. Aber nach diesem Muster, das überhaupt das logische Muster ist, nach diesem Muster ist schon das alte juristisch-staatliche Denken geformt. Das erreicht seinen Gipfelpunkt im marxistisch-sozialen Denken.

[ 39 ] Und so sieht man, wie zuerst realisiert, verwirklicht wird dasjenige, was durch Marx auf naturwissenschaftliche Art beobachtet ist, indem er deutsches Denken betätigte am englischen Wirtschaftsdasein.

[ 40 ] Nun wird es wieder zurückgetragen nach Mitteleuropa. Da lebt es sich in den Willensimpulsen der Menschen aus.

[ 41 ] Und dann wird es noch weitergetragen ganz nach dem Osten. Im Osten nun ist sogar vorbereitet dieses Überstülpen des rein Abstrakten über die konkret menschlichen Verhältnisse. Denn im Osten sehen wir, wie dem Marx schon vorgearbeitet hat Peter der Große. Peter der Große hat schon den Westen in das russische Leben hineingeschoben, während Rußland in seiner Seele vielfach orientalischen Charakter trägt und die Menschen die Theokratie noch stark im Leibe haben, wurde durch ihn das Juristisch-Staatliche hineingetragen und Petersburg mehr im Westen, neben Moskau gesetzt.

[ 42 ] Man verstand nicht, daß das zwei Welten sind, Petersburg Europa ist und Moskau Rußland ist, wo noch tief hineinspielt die orientalische Theokratie in ihrer Reinheit. So daß, als dann Solowjow eine Philosophie bildete, sie natürlich nicht so wurde wie die dialektisch-naturwissenschaftliche Philosophie des Herbert Spencer, sondern sie wurde theosophisch. Aber Solowjow ist Moskau. Solowjow ist nicht Petersburg. Ich meine auch nicht, daß in Rußland nur so die Dinge geographisch getrennt werden können. Dostojewski, er mag noch so sehr an Moskau gekettet sein, Dostojewski, er mag noch so weit nach Osten gehen, ist Petersburg. Und die Erlebnisse in Rußland verlaufen zwischen Petersburg und Moskau. Moskau ist Asien, theokratisch angeschaut, heute noch; Petersburg ist Europa.

[ 43 ] Und in Petersburg wurde bereits vorbereitet auf staatlich-juristische Art dasjenige, was dann der Leninismus vollständig an Rußland verbrochen hat, wo etwas dem russischen Wesen so Fremdes, aber als die letzte Konsequenz des westeuropäischen Wesens aufgeprägt wurde, als etwas Abstraktes, so Fremdes, daß man sagen kann: Ebensogut hätte man dasjenige, was Lenin da in Rußland gemacht hat, auf dem Monde oder irgendwo anders machen können. Es kam gar nicht in Betracht, daß das Rußland ist, wo gerade Lenin regieren wollte.

[ 44 ] So haben sich allmählich die Verhältnisse ergeben, daß man gar nicht sich konkretisiert, indem man auf das Soziale hinsieht. Aber das muß man, meine Damen und Herren. Man muß sich klar sein darüber, daß in der Entwickelung der Menschheit das geistige Leben früher entstanden ist als das juristisch-staatliche, daß das als ein zweiter Strom sich neben den ersten gestellt hat, und daß vielleicht jetzt auch etwas anderes eintreten muß, als dieses bloße Abfärben der Jurisprudenz auf die Theosophie, so daß sie sie in die Theologie verwandelt; daß vielleicht das geistige Leben neu erwachen muß in einer neuen Form.

[ 45 ] Denn die Sache ist doch so, daß die Evolution der Menschheit so vor sich ging, daß mancherlei aus dem geistigen Leben der alten Zeit seine Form in sich noch behalten hat. Es hat nicht bloß den Talar und das Barett, es hat auch die Gedankenformen behalten. Diese Gedankenformen, die passen nicht mehr auf eine Welt, in die Handel, Gewerbe und Arbeit hineingetragen wurden als emanzipiert, so daß das geistige Leben heute vielfach als ein abgesondertes Glied neben dem übrigen Leben steht, am meisten, je mehr man nach Westen kommt.

[ 46 ] In Rußland, in Moskau-Rußland ist es noch am wenigsten der Fall. In Mitteleuropa drehen sich alle Kämpfe, auch die sozialen, darum, daß man kein rechtes Verhältnis findet zwischen dem dialektisch-juristischstaatlichen Element und dem theokratischen Element. Man weiß nicht, ob man nun den Talar und das Barett behalten kann, wenn man sich als Richter hinsetzt, oder ob man sie ausziehen soll. Die Rechtsanwälte schämen sich heute schon damit, die Richter finden noch etwas sehr Würdiges dabei, den Talar anzuhaben. Man weiß es nicht. In Mitteleuropa ist ein starker Kampf; in Westeuropa ist das Theokratische sehr stark konserviert in dem geistigen Leben, sehr stark in den Gedankenformen konserviert.

[ 47 ] Aber der zweiteStrom in der Menschheit hat sich ja heraufentwickelt. Wir haben auf der einen Seite den Menschen, wenn wir das als Symptom betrachten, wunderbar konservierend das Alte - Talar, Barett -, und nun möchte man sehen, daß er Talar und Barett ausziehe und darunter etwas anderes hätte, ein zweites, ob es nun ein Königsmantel oder ein Kriegermantel sei, aber es müßte etwas sein, was nun in das Rechtsverhältnis, in das Staatsverhältnis sich hineinstellt. Und so, ich möchte sagen, wenn man ihm auf der Straße heute begegnet, möchte man ihm, um ihn als einen vollständigen Menschen zu sehen, Talar und Barett ausziehen und darunter etwas wie eine Art Kriegermantel finden, oder etwas, was in die Juristenstube paßt; dann würde man die zwei Strömungen im Menschen nebeneinander lebend haben.

[ 48 ] Ich muß Ihnen gestehen - nicht wahr, es ist scherzhaft ausgesprochen, aber es ist doch sehr real gemeint —, wenn ich heute einem Menschen in Talar und Barett auf der Straße begegne, so kommt mir der Gedanke: Ja, wenn du jetzt einen Brief schreiben solltest, du wüßtest doch nicht, sollst du 768 vor Christi Geburt schreiben, oder sollst du schreiben, weil doch wiederum vielleicht in diesem Talar drinnen ein Rechtsgelehrter ist, 1265 nach Christi Geburt? Man kommt mit dem Datum nicht zurecht, weil Vergangenheit, ältere und mittlere Vergangenheit Gegenwart braucht man dabei noch gar nicht zu berücksichtigen, auf das heutige Datum würde ich zuletzt kommen bei der Sache - weil sich weiter zurückliegende Vergangenheit und weniger weit zurückliegende Vergangenheit nebeneinanderstellen als zwei Strömungen. Und sie stellen sich so nebeneinander wie Moskau und Petersburg.

[ 49 ] Und man hat die Frage vor sich: Wie kommt wirkliche Organisation, wirkliche Gliederung hinein in dasjenige, was heute nebeneinander steht? Diese Zweigliederung, die ich bis jetzt angeführt habe, werden wir dann auslaufen sehen in eine Dreigliederung in der modernen Zeit, wo die drei Glieder ebenso nebeneinander stehen.

[ 50 ] Dreigliederung, meine Damen und Herren, ist ja nicht so gemeint, daß man jetzt eine schöne Einheit hat im sozialen Leben und nun drei Schnitte machen soll, daß die drei Glieder sich nebeneinander entwickeln, sondern die Dreigliederung ist so gemeint, daß sie da ist, wie im Menschen die drei Glieder sind: Kopf-Nervensystem, das rhythmische System und das Stoffwechselsystem. Nur müssen die ordentlich zusammenwirken, und es muß jedem das Seine zugeteilt werden. Wenn der Verdauungsorganismus wenig arbeitet und zuviel von seiner Arbeit an den Kopf abgibt, dann entstehen allerlei migräneartige Krankheiten.

[ 51 ] Wenn das geistige Glied des sozialen Organismus nicht ordentlich arbeitet, zuviel, sagen wir, an das Wirtschaftliche abgibt, denn das ist der Kopf heute des sozialen Organismus, dann entstehen allerlei soziale Krankheiten.

[ 52 ] So muß man diese Dinge mit der Entwickelung, mit der Evolution der Menschheit in Zusammenhang bringen, wenn man hineinsehen will in das soziale Leben. Dieses gestattet am allerwenigsten eine Oberflächenansicht. So müssen wir schon dahin kommen, in Talar und Barett solche Formen hineinzubringen, die einem nun auch möglich machen, die zwei geschichtlichen Daten ineinander zu denken. Das ist dann Gegenwart. Sonst bleibt Vergangenheit Vergangenheit mit den nebeneinanderlaufenden Strömungen, die heute eben gerade als der Urgrund der sozialen Krankheit in der Welt dastehen, wenn es auch die Menschen nicht glauben. Das Weitere will ich dann im dritten Teile meines heutigen Vortrages sagen.

[ 53 ] Meine Damen und Herren, da die Zeit vorgeschritten ist, werde ich dasjenige, was ich heute noch zu Ihnen zu sagen habe, sehr kurz halten. Es führt uns ja auch bereits in die Gegenwart, in diese Tage herein, und daher werde ich mir das Wesentlichste aufzusparen haben auf den nächsten Vortrag. Was ich heute noch sagen möchte, ist dieses: Zu jenen zwei Strömungen, die ich charakterisiert habe, kommt immer mehr und mehr von dem Beginn des 15. bis 16. Jahrhunderts an, am deutlichsten aber im 19. Jahrhundert, ein dritter Strom. Er kommt um so deutlicher hinzu, je mehr sich die Kultur nach dem Westen bewegt. Es kommt zu demjenigen, was ursprünglich theokratisch angepaßt war dem Grund und Boden, der Landwirtschaft, zu dem kommt hinzu in den mittleren Gegenden das Juristische, das angepaßt ist Handel, Gewerbe, Arbeit. Und im Westen kommt nun hinzu immer mehr und mehr das, was man später begreift unter dem Namen des Industriellen, des eigentlich Industriellen mit all dem, was technisch sich diesem Industriellen einfügt.

[ 54 ] Bedenken Sie nur, was die Einfügung des eigentlichen industriellen Elements in die Evolution der Menschheit bedeutet. Die heutigen Verhältnisse ließen sich leicht umrechnen auf dasjenige, was ich jetzt anführen will, aber ich will es für einen etwas früheren Zeitpunkt anführen, ungefähr für die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Da konnte man schon sagen: Wenn man die physischen Menschen auf der Erde zählen würde, man würde etwa 1500 Millionen Menschen finden. Aber das ist nicht die richtige Bevölkerung der Erde. Das wäre nur die richtige Bevölkerung der Erde, wenn wir noch im tiefen Altertum drinnen lebten, wo die Menschen im wesentlichen alle Arbeit verrichteten durch ihre Hände oder durch dasjenige, was etwa zusammenhing mit dem Menschen, so wie die Hand beim Führen des Pfluges oder beim Führen des Pferdes und so weiter. Es war bereits im 19. Jahrhundert eingezogen in die Erdenwelt eine ganz neue Bevölkerung; die Maschinen, die dem Menschen einen Teil der Arbeit abgenommen haben. Und wenn man rechnet, auch schon für die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, wieviel an menschlicher Arbeit die Maschine dem Menschen abgenommen hat, dann kommt man dazu, daß man als Erdenbevölkerung dann anzusehen hat 2000 Millionen Menschen, 25 Prozent mehr. Heute ist es, wenigstens vor dem Kriege war es noch viel mehr so, daß wir, wenn wir bloß physisch die Menschen heute anschauen auf der Erde, eine ganz falsche Erdenbevölkerungszahl bekommen. Wir müssen 500 Millionen mehr Menschen auf der Erde annehmen nach der verrichteten Arbeit.

[ 55 ] Das hat in der Tat zu dem alten theokratischen und juristischen Strome ein ganz neues Element gebracht, einen ganz neuen Strom in den realen Verhältnissen, denn es hat den Menschen nicht etwa näher hingebracht an die Außenwelt, sondern es hat den Menschen mehr auf sich selbst zurückgewiesen. Der Mensch stand im Mittelalter so, daß ein Teil von ihm war, was er, sagen wir, als einen Schlüssel machte zu einem Schloß oder das Schloß selber. Da ging, was der Mensch betätigte, in die Arbeit über. Wenn der Mensch an der Maschine steht, es ist ihm ganz einerlei, etwas relativ gesprochen, wie sein Verhältnis zur Maschine ist. Dadurch wird er um so mehr auf sich zurückgewiesen. Seine Menschlichkeit empfindet er. Der Mensch tritt als ein ganz neues Wesen in die Entwickelung ein. Er löst sich los von seiner äußeren Betätigung.

[ 56 ] Das ist es, was im Westen als das demokratische Element in den letzten Jahrhunderten heraufkommt, aber erst als eine Forderung, als ein Postulat, nicht wie irgend etwas Realisiertes. Denn die Verhältnisse überwältigen den Menschen. Die Menschen können nur theokratisch oder juristisch denken. Aber das Leben wird industriell-wirtschaftlich mit überwältigenden Forderungen. Da hinein gehen noch nicht die Gedanken. Selbst ein solcher Mensch wie Marx hat nur juristisch gedacht. Und das Verständnis, das er gefunden hat bei Millionen und Millionen, ist nur juristisch.

[ 57 ] Und so kann man sagen: Dadurch trat eine dritte Strömung, über die wir namentlich im nächsten Vortrag werden zu sprechen haben, neben die zwei anderen hin. Der proletarische Mensch wird geboren. Das, was im proletarischen Menschen rumort, das lebt sich aus als eine bestimmte Auffassung über Kapitalismus, über Arbeit. Die Menschen sind gezwungen, diese Probleme aus dem Leben heraus sich vorzuhalten. Jetzt ist die Evolution der Menschheit eigentlich erst Gegenwart.

[ 58 ] Man könnte sagen: da steht der Mann mit dem Talar und Barett, wunderbar schön, herrlich; er ragt herein aus der Vergangenheit. Da steht der Mann mit dem Kriegermantel und mit dem Degen als Verkörperung des Juristischen — das Kriegerische ist nur eine andere Seite des Juristischen -—, die spätere Vergangenheit, noch nicht Gegenwart. Und wenn ich den Mann in Talar und Barett sehe, so kann er ja noch, weil sich die Menschheit schon jahrhundertelang da hinein gewöhnt hat, unter Umständen ein guter Rechtsanwalt, ein guter Advokat sein. Da werde ich die Disharmonie noch nicht so stark empfinden. Aber wenn er nun ins wirtschaftliche Leben hineingestellt sein soll — da habe ich fast die Vermutung, wenn er nicht trotz Barett und Talar gerade dazu befähigt ist, sich ins wirtschaftliche Leben aktiv hineinzustellen, daß er bloß sein Geld verlieren wird! Denn die Menschheit ist im allgemeinen noch nicht hineingewachsen in dasjenige, was diese dritte Strömung im Leben bedeutet. Und das ist sie auch im großen nicht. Daher steht die soziale Frage vor uns als eine Menschheitsfrage. Denn neben die Maschine ist der Mensch hingestellt. Wir müssen heute die soziale Frage nicht als eine Wirtschaftsfrage, wir müssen sie als eine Menschheitsfrage erfassen können, und wir müssen verstehen, daß wir sie innerhalb der Menschheit lösen müssen.

[ 59 ] Dazu fehlen aber noch die Gedankenimpulse, wie sie vorhanden waren für das Theokratische und für das Juristische. Für das Wirtschaftliche fehlen sie noch. Und die Kämpfe der Gegenwart gehen darum, Gedankenimpulse zu finden für das Wirtschaftliche, wie man sie gefunden hat für das Theokratische und für das Juristische. Das ist im wesentlichen heute noch der Inhalt der sozialen Frage. Im großen ist man dabei noch weniger auf einem heilsamen Wege als im kleinen. Die Staaten, die plötzlich empfangen sollten dieses industrielle Wirtschaftsleben, die haben es sich in ihre alten juristischen Formen eingliedern wollen. Und da sie das nicht gekonnt haben, verfielen sie auf dasjenige, was eine Art Ventil war, um es nicht nötig zu haben zunächst, das Wirtschaftsleben wirklich neben das Staatsleben hinzuentwickeln. Und dieses Ventil ist das Kolonisieren. Weil man nicht die Möglichkeit fand zu starken sozialen Ideen im Inneren, machte man sich zunächst etwas wie einen Ausweg im Kolonisieren.

[ 60 ] Das ging bei England. Bei Deutschland ging es nicht. Deutschland konnte sich seine Industrie nicht eingliedern, unzweifelbar deshalb, weil das Kolonisieren nicht ging. Und die große Frage steht heute vor der Menschheit: Wie macht es der Mensch mit dem wirtschaftlichen Leben, ebenso wie er es einstmals mit dem theokratischen, wie er es mit dem Juristischen gemacht hat.

[ 61 ] Diese große Frage glaubt man heute, könne auf rein materialistische Weise gelöst werden. Jeder will sie aus dem Wirtschaftsleben heraus lösen. Hier soll gezeigt werden in bescheidenen Anfängen, daß sie nur auf spirituellem Wege gelöst werden kann. Das soll dann der Inhalt meiner zwei nächsten Vorträge sein.