Contemporary Intellectual Life and Education
GA 307
7 August 1923, Ilkley
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Contemporary Intellectual Life and Education, tr. SOL
Dritter Vortrag
Third Lecture
[ 1 ] Wenn ich Ihnen gestern das griechische Erziehungsideal vor die Seele zu stellen versuchte, so konnte das nur in der Absicht geschehen, eben ein Ideal hinzustellen, um an diesem diejenigen Anschauungen anregen zu lassen, welche unser gegenwärtiges Erziehungs- und Unterrichtssystem beherrschen müssen. Denn es ist eine Unmöglichkeit, in dem gegenwärtigen Zeitpunkte des Menschheitslebens dieselbe Erziehungsmethode zu haben, welche der Grieche hatte. Dessen ungeachtet kann aber vor allen Dingen eine umfassende Wahrheit in bezug auf Erziehung und Unterricht gerade an dem griechischen Erziehungsideal gelernt werden; und diese umfassende Wahrheit wollen wir zunächst einmal als schon durch die alte griechische Zivilisation bekräftigt vor unsere Seele hinstellen.
[ 1 ] When I tried yesterday to present the Greek educational ideal to you, it was done solely with the intention of setting forth an ideal—one that might inspire the principles that must guide our current system of education and instruction. For it is impossible, at this present stage in the life of humanity, to employ the same educational methods as the Greeks did. Nevertheless, above all else, a fundamental truth regarding education and instruction can be learned precisely from the Greek educational ideal; and let us first set this fundamental truth before our minds, already affirmed by ancient Greek civilization.
[ 2 ] Das griechische Kind wurde bis zu seinem siebenten Lebensjahre im Hause aufgezogen. Die öffentliche Erziehung kümmerte sich erst vom siebenten Lebensjahre ab um das Kind. Im Hause wurde das Kind aufgezogen, in dem ja auch die Frauen lebten, zurückgezogen von dem allgemeinen sozialen Treiben der Männer.
[ 2 ] Greek children were raised at home until the age of seven. The public education system did not take charge of the child until the age of seven. Children were raised at home, where women also lived, secluded from the general social activities of men.
[ 3 ] Damit aber ist von vornherein eine Erziehungswahrheit bekräftigt, ohne deren Erkenntnis man überhaupt nicht erziehen und unterrichten kann: daß eben das siebente Lebensjahr als ein besonders wichtiger Einschnitt in dem kindlichen Alter betrachtet wird.
[ 3 ] This, however, reaffirms from the outset a fundamental truth about education—one without which it is impossible to educate or teach at all: namely, that the age of seven is regarded as a particularly important milestone in a child’s development.
[ 4 ] Sehen wir zunächst auf das allgemeine Charakteristikon in diesem siebenten menschlichen Lebensjahre, so bietet sich uns dieses dar in dem Zahnwechsel. Wir weisen damit auf eine Tatsache hin, die im menschlichen Leben gegenwärtig gar nicht genug gewürdigt wird. Man sehe nur einmal darauf hin, daß der menschliche Organismus so geartet ist, daß er gewissermaßen durch ein Erbteil seine ersten Zähne mitbringt, oder eigentlich die Kraft sich mitbringt, aus dem Organismus heraus diese ersten Zähne, die im siebenten Lebensjahre abgenutzt sind, hervorzubringen.
[ 4 ] If we first consider the general characteristic of this seventh year of human life, it is revealed to us in the process of tooth replacement. We are thereby pointing to a fact that is currently not given enough recognition in human life. One need only consider that the human organism is such that, through heredity, it brings with it, so to speak, its first teeth—or, more accurately, the power to produce from within the organism these first teeth, which are worn out by the seventh year of life.
[ 5 ] Man gibt sich natürlich vollständig einem Irrtum hin, wenn man glaubt, daß die Kraft, die zweiten Zähne um das siebente Jahr herum hervorzubringen, etwa erst in diesem Lebensalter erwächst. Sie entwickelt sich langsam seit der Geburt und erreicht nur ihre Kulmination um das siebente Jahr herum, treibt aus der Gesamtheit der menschlichen Organisationskraft dann die zweiten Zähne heraus.
[ 5 ] Of course, one is completely mistaken in believing that the force that brings forth the second set of teeth around the age of seven only develops at that age. It develops slowly from birth and only reaches its peak around the age of seven, at which point it drives the second set of teeth out of the totality of the human organism’s organizing power.
[ 6 ] Nun ist das deshalb ein so außerordentlich wichtiges Ereignis im gesamten menschlichen Lebenslauf, weil es sich ja nun nicht mehr wiederholt, weil diejenigen Kräfte, die zwischen der Geburt und dem siebenten Jahre da sind, und deren Kulmination eben das Hervorgehen der zweiten Zähne bedeutet, dann im ganzen menschlichen Erdenleben bis zum Tode hin nicht mehr wirksam sind.
[ 6 ] This is such an extraordinarily important event in the entire course of human life precisely because it does not recur; the forces that are present between birth and the age of seven—and whose culmination is marked by the emergence of the second set of teeth—are no longer active throughout the rest of a person’s earthly life until death.
[ 7 ] Diese Tatsache muß man verstehen. Und man versteht sie nur, wenn man sich einen unbefangenen Blick wahrt auf dasjenige, was sonst mit dem Menschen um dieses siebente Lebensjahr herum vorgeht. Bis zu diesem siebenten Lebensjahre wächst und gedeiht der Mensch, man möchte sagen, naturhaft. In seiner ganzen Organisation sind noch nicht voneinander getrennt die natürlichen Wachstumskräfte, das seelische Wesen und das geistige Gebiet. Alles ist bis zum siebenten Jahre eine Einheit. Indem der Mensch seine organischen Gefäße, sein Nervensystem, seine Blutzirkulation ausbildet, bedeutet diese Ausbildung der Gefäße, diese Ausbildung des Nervensystems, der Blutzirkulation zugleich seine seelische und geistige Entwickelung.
[ 7 ] This fact must be understood. And one can only understand it by maintaining an unbiased view of what otherwise takes place in a person’s life around the age of seven. Up until the age of seven, a person grows and flourishes—one might say—naturally. Throughout their entire organism, the natural forces of growth, the soul, and the spiritual realm are not yet separated from one another. Everything is a unity until the age of seven. As a person develops their organic vessels, their nervous system, and their blood circulation, this development of the vessels, the nervous system, and the blood circulation simultaneously constitutes their soul and spiritual development.
[ 8 ] Weil alles in diesem Lebensabschnitt noch beisammen ist, ist der Mensch gewissermaßen mit jener starken inneren Stoßkraft versehen, welche die zweiten Zähne hervorbringt. Dann wird diese Stoßkraft schwächer. Sie bleibt etwas zurück. Sie wirkt nicht mehr so stark aus dem Inneren des Organismus heraus. Warum? Nehmen wir einmal an, wir bekämen alle sieben Jahre Zähne. Ich will die Sache von der Gegenseite aus beleuchten, damit sie uns klar vor der Seele stehen kann. Nehmen wir an, wir würden dieselben organischen Kräfte, die wir bis zum siebenten Lebensjahre haben, jene Einheit von Leib, Seele und Geist durch das ganze Lebensalter hindurch haben, dann würden wir ungefähr alle sieben Jahre neue Zähne bekommen; die alten würden ausfallen, wir würden neue Zähne bekommen, aber wir würden auch unser ganzes Leben hindurch solche Kinder bleiben, wie wir sind bis zum siebenten Lebensjahre. Wir würden nicht ein von dem natürlichen Leben abgesondertes Seelen- und Geistesleben entwickeln. Daß die physische Stoßkraft geringer wird im siebenten Jahre, daß der Körper gewissermaßen nicht mehr so stark treibt, wuchtet, daß er feinere, schwächere Kräfte aus sich hervortreibt, das macht, daß die feinere Kraft des Seelenlebens sich nun entwickeln kann. Man möchte sagen: Der Körper wird schwächer, die Seele wird stärker.
[ 8 ] Because everything is still intact during this stage of life, a person is, so to speak, endowed with that strong inner driving force that brings forth the permanent teeth. Then this driving force weakens. It lags somewhat behind. It no longer exerts such a strong influence from within the organism. Why? Let’s suppose we got new teeth every seven years. I want to look at the matter from the opposite perspective so that it can stand clearly before our souls. Let’s suppose we retained the same organic forces we have up to the age of seven—that unity of body, soul, and spirit—throughout our entire lives; then we would get new teeth roughly every seven years; the old ones would fall out, we would get new teeth, but we would also remain, throughout our entire lives, the same children we are up to the age of seven. We would not develop a life of soul and spirit separate from natural life. The fact that physical momentum diminishes in the seventh year—that the body, so to speak, no longer drives or exerts itself as strongly, but instead brings forth finer, weaker forces from within—allows the finer power of the soul life to develop. One might say: The body grows weaker; the soul grows stronger.
[ 9 ] Ein ähnlicher Vorgang geschieht ja auch dann, wenn der Mensch im vierzehnten, fünfzehnten Jahre geschlechtsreif wird. Da wird das Seelische wiederum um einen Grad schwächer, und das Geistige tritt hervor. So daß im Laufe der drei ersten Lebensabschnitte, bis zum siebenten Jahre der Mensch vorzugsweise ein körperlich-geistig-seelisches Wesen ist; vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre ein körperlich-seelisches, und abgesondert davon ein seelisch-geistiges Wesen, und von der Geschlechtsreife an ein Wesen in drei Teilen, ein physisches Wesen, ein seelisches Wesen, ein geistiges Wesen ist.
[ 9 ] A similar process also takes place when a person reaches sexual maturity at the age of fourteen or fifteen. At that point, the soul aspect becomes weaker once again, and the spiritual aspect comes to the fore. Thus, over the course of the first three stages of life, up to the age of seven, a person is primarily a physical-spiritual-soul being; from the age of seven to fourteen, a physical-soul being, and separately from that, a soul-spiritual being; and from the onset of puberty onward, a being composed of three parts: a physical being, a soul being, and a spiritual being.
[ 10 ] Das ist eine Wahrheit, die ganz tief hineinschauen läßt in die ganze menschliche Entwickelung. Ohne daß man diese Wahrheit würdigt, sollte man überhaupt nicht herangehen an die Kindererziehung. Denn ohne daß man von allen Konsequenzen dieser Wahrheit durchdrungen ist, muß eigentlich mehr oder weniger jede Kindererziehung dilettantisch werden.
[ 10 ] This is a truth that offers a profound insight into the entire process of human development. One should not even attempt to raise children without fully appreciating this truth. For unless one is thoroughly imbued with all the implications of this truth, virtually any approach to child-rearing is bound to be amateurish.
[ 11 ] Der Grieche — und das ist das Erstaunliche -— wußte um diese Wahrheit. Denn das galt bei ihm als ein ganz festes Gesetz: der Knabe muß dem Elternhaus entnommen werden, dem rein natürlichen, elementar Selbstverständlichen der Erziehung, wenn er das siebente Lebensjahr überschreitet. Und es war diese Erkenntnis so eingewurzelt, daß man sich gerade heute sehr gut daran erinnern sollte. Später, im Mittelalter, waren durchaus noch gute Spuren von dieser wichtigen Erziehungswahrheit vorhanden.
[ 11 ] The Greeks—and this is what is so astonishing—knew this truth. For they regarded it as an unshakable law: a boy must be removed from his parents’ home, from the purely natural, elementary, and self-evident aspects of upbringing, once he passes the age of seven. And this insight was so deeply rooted that we would do well to remember it, especially today. Later, in the Middle Ages, there were still clear traces of this important educational truth.
[ 12 ] Die heutige rationalistische, intellektualistische Zeit hat ja alle solche Dinge vergessen, und sie möchte sogar äußerlich zeigen, daß sie keinen Wert legt auf solche Menschenwahrheiten, und fordert daher die Kinder möglichst zu einer anderen Zeit, ein Jahr früher als das siebente Lebensjahr vollendet ist, oder gar noch früher, in die Schule herein. Man möchte sagen: Dieses Nichtnachfolgen den ewigen Wahrheiten der Menschenentwickelung, das bezeichnet gerade das Chaotische unseres gegenwärtigen Erziehungssystems, aus dem wir uns herausarbeiten müssen. Der Grieche würdigte diese Wahrheit so tief, daß er eigentlich alle Erziehung daraufhin veranlagte,; denn dasjenige, was ich Ihnen gestern geschildert habe, geschah eigentlich alles, um die Erziehung in das Licht der eben ausgesprochenen Wahrheit zu rücken.
[ 12 ] Today’s rationalistic, intellectualistic age has, in fact, forgotten all such things, and it even seeks to demonstrate outwardly that it attaches no value to such human truths; consequently, it demands that children enter school as early as possible—a year before they turn seven, or even earlier. One might say: This failure to follow the eternal truths of human development is precisely what characterizes the chaos of our current educational system, from which we must work our way out. The Greeks held this truth in such high regard that they actually structured all education around it; for everything I described to you yesterday was, in fact, done to place education in the light of the truth just expressed.
[ 13 ] Und was sah der Grieche in dem kleinen Kinde von der Geburt bis zum Zahnwechsel? Er sah in ihm ein Wesen, das heruntergeschickt worden ist aus spirituellen Höhen auf die Erde. Er sah in dem Menschen ein Wesen, das ein Leben gehabt hat vor dem irdischen Leben in einer geistigen Welt. Und indem er das Kind ansah, suchte er in dem Körper zu erkennen, ob dieser Körper in einer richtigen Weise das göttliche Leben des vorirdischen Daseins zum Ausdruck bringt.
[ 13 ] And what did the Greek see in the little child, from birth until the child’s teeth began to fall out? He saw in the child a being who had been sent down to Earth from spiritual heights. He saw in the human being a being who had lived a life prior to earthly life in a spiritual world. And as he looked at the child, he sought to discern in the body whether it properly expressed the divine life of pre-earthly existence.
[ 14 ] Es war dem Griechen wichtig, in dem Kinde bis zum siebenten Lebensjahr anzuerkennen: da umschließt ein physischer Körper ein heruntergestiegenes spirituelles Wesen. Es gab eine furchtbar barbarische Sitte in Griechenland in gewissen Gegenden: diejenigen Kinder, von denen man instinktiv glaubte, daß sie nur Hüllen seien, daß sie nicht eine richtige spirituelle Wesenheit in ihrem Physischen zum Ausdruck bringen, sogar auszusetzen und dadurch zu töten. Aber das hängt zusammen mit einem starren Hinschauen auf den Gedanken: Dieses physische Menschenwesen ist in seinen ersten sieben Lebensjahren eine Umhüllung eines göttlich-geistigen Wesens.
[ 14 ] It was important to the Greeks to recognize in a child, up to the age of seven, that a physical body encloses a spiritual being that has descended. There was a terribly barbaric custom in certain regions of Greece: to abandon—and thereby kill—those children whom people instinctively believed to be mere shells, incapable of expressing a true spiritual being within their physical form. But this is connected to a rigid focus on the idea that this physical human being, during its first seven years of life, is a shell for a divine-spiritual being.
[ 15 ] Und wenn das Kind dann sein siebentes Lebensjahr überschreitet, dann steigt es eigentlich über eine zweite Stufe nieder. Das Kind ist gewissermaßen in den ersten sieben Lebensjahren vom Himmel entlassen, trägt noch an sich seine eigene ererbte Hülle, die es mit dem siebenten Jahre ablegt; und es werden ja nicht nur die ersten Zähne, sondern der ganze Körper alle sieben Jahre abgelegt, also zum ersten Male mit dem siebenten Lebensjahre. Das Kind zeigt in diesen ersten sieben Lebensjahren für den Griechen in dieser körperlichen Hülle dasjenige, was noch die Kräfte des vorirdischen Lebens aus ihm gemacht haben. Und seine eigentliche, seine erste irdische Hülle, die trägt es erst vom siebenten Jahre ungefähr bis zum vierzehnten Lebensjahre an sich.
[ 15 ] And when the child then passes the age of seven, it actually descends from a second level. In a sense, the child is sent down from heaven during the first seven years of life, still bearing its own inherited physical form, which it sheds at the age of seven; and it is not only the first set of teeth but the entire body that is shed every seven years, beginning for the first time at the age of seven. For the Greeks, during these first seven years of life, the child, in this physical shell, reveals what the forces of pre-earthly life have made of it. And its actual, first earthly shell, it wears only from about the seventh year until the fourteenth year of life.
[ 16 ] Verehren wir — ich möchte dies jetzt mit den Gedanken ungefähr zum Ausdruck bringen, mit denen die besten Griechen dieses angesehen haben — das Göttliche in dem kleinen Kinde. Wir brauchen uns um das kleine Kind in den ersten sieben Lebensjahren nicht zu kümmern, so dachte der Grieche, da kann es aufwachsen in der Familie, in die es die Götter hineingestellt haben. Da wirken noch aus dem vorirdischen Leben die überirdischen Kräfte in ihm. Mit dem siebenten Jahre muß die Menschheit selber die Entwickelung der Kräfte in die Hand nehmen.
[ 16 ] Let us revere—and I would like to express this now in terms roughly similar to those with which the greatest Greeks viewed this—the divine in the small child. We need not concern ourselves with the small child during the first seven years of life, the Greeks believed; during this time, the child can grow up within the family into which the gods have placed it. For during this period, the supernatural forces from its pre-earthly life are still at work within the child. By the age of seven, humanity itself must take charge of the development of these forces.
[ 17 ] Was muß dann diese Menschheit als Erzieher tun, wenn sie selber in der richtigen Weise das Göttliche im Menschen zu verehren weiß? Sie muß möglichst das fortsetzen, was an Menscheninitiative bis zum siebenten Jahre in dem Kinde sich vollzogen hat. Setzen wir also das göttliche Walten, wie sich das Geistige im Körperlichen zum Ausdruck bringt, möglichst fort. So mußte es dem Gymnasten eingeschärft werden, Gotteswalten im Menschenkörper zu verstehen und im Menschenkörper fortzusetzen. Dieselben gesundenden, dieselben lebenserhaltenden Kräfte, die es mitbekommen hat aus dem vorirdischen Leben und rein elementar gepflegt hat bis zu seinem Zahnwechsel, die sollten dem Kinde vom siebenten bis zum vierzehnten oder fünfzehnten Jahre erhalten werden durch menschliche Einsicht, durch menschliche Kunst. Ganz im Sinne des natürlichen Daseins sollte dann weiter erzogen werden. Daher war alle Erziehung eine gymnastische, weil man die göttliche Erziehung des Menschen als eine Gymnastik ansah, Der Mensch muß fortsetzen durch seine Erziehung die göttliche Gymnastik.
[ 17 ] What, then, must humanity do as educators if it knows how to revere the divine in human beings in the proper way? It must, as far as possible, continue what has been accomplished in the child through human initiative up to the age of seven. Let us therefore continue, as far as possible, the divine working—that is, the way the spiritual expresses itself in the physical. Thus, the gymnast had to be taught to understand God’s workings in the human body and to continue them there. The same healing, life-sustaining forces that the child had inherited from its pre-earthly life and nurtured in a purely elemental way until the change of teeth should be preserved in the child from the age of seven to fourteen or fifteen through human insight and human art. Education was then to continue entirely in keeping with natural existence. Therefore, all education was gymnastic in nature, because one regarded the divine education of the human being as a form of gymnastics. Through his education, the human being must continue the divine gymnastics.
[ 18 ] Der Grieche stand dem Kinde ungefähr in der Art gegenüber, daß er sich sagte: Wenn ich möglichst frisch, möglichst gesund erhalte, was das Kind an Wachstumskräften bis zum siebenten Jahre entwickelt hat, wenn ich das frisch und gesund erhalte durch meine Einsicht, wenn ich das Kind so erziehe, daß die Kräfte, die bis zu dem siebenten Jahre von selbst da sind, das ganze Erdenleben hindurch bis zum Tode bleiben, dann erziehe ich das Kind am allerbesten.
[ 18 ] The Greek viewed the child in much the same way, telling himself: If I can preserve as fresh and as healthy as possible the growth forces the child has developed up to the age of seven, if I can preserve them fresh and healthy through my insight, if I can raise the child in such a way that the forces present naturally up to the age of seven remain throughout the entire earthly life until death, then I am raising the child in the very best way.
[ 19 ] Das war das große, mächtige Prinzip der griechischen Erziehung, diese ungeheuer einschneidende Maxime: zu sehen, daß das Kind im Menschen bis zum Tode nicht verlorengehe. Sehen wir zu — so dachte etwa der griechische Erzieher —, daß der Mensch durch sein ganzes Erdenleben bis zum Tode die Kräfte des Kindes sich bewahren kann. Sorgen wir zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre, daß diese Kräfte lebendig bleiben! Eine ungeheuer einschneidende, bedeutungsvolle Erziehungsregel. Denn nun waren alle gymnastischen Übungen darauf angelegt, gewissermaßen zu sehen: diese Kräfte, die bis zum siebenten Jahre da waren, sie sind ja gar nicht fort, sie schlafen nur im Menschen. Man muß sie von Tag zu Tag aufwecken. Das Auferwecken von schlafenden Kräften zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre, das war die gymnastische Erziehung der Griechen: alles das im zweiten Lebensabschnitt aus dem Menschen nur herauszuholen, was im ersten Abschnitt von selber da ist.
[ 19 ] That was the great, powerful principle of Greek education, this immensely far-reaching maxim: to ensure that the child within a person is not lost until death. Let us see to it—so thought the Greek educator, for example—that a person can preserve the powers of childhood throughout their entire earthly life until death. Let us ensure, between the ages of seven and fourteen, that these powers remain alive! An immensely far-reaching, significant educational principle. For now all physical exercises were designed, so to speak, to recognize: these powers, which were present up to the age of seven, have not gone away at all; they merely lie dormant within the human being. They must be awakened day by day. The awakening of dormant powers between the ages of seven and fourteen—that was the physical education of the Greeks: to draw out of the child in the second phase of life only what is already present of its own accord in the first phase.
[ 20 ] Daß der Grieche bemüht war, durch Einpflanzung der richtigen Erziehung das Kind im Menschen bis zum 'Tode zu erhalten, das machte gerade die Größe der griechischen Kultur und griechischen Zivilisation aus. Und wenn wir bewundernd vor dieser Größe stehen, dann müssen wir uns fragen: Können wir ein solches Ideal nachahmen? Wir können es nicht. Denn auf drei Voraussetzungen beruht es, ohne die es gar nicht denkbar ist.
[ 20 ] The fact that the Greeks strove to preserve the child within the human being “until death” by instilling the proper upbringing was precisely what constituted the greatness of Greek culture and Greek civilization. And when we stand in awe before this greatness, we must ask ourselves: Can we emulate such an ideal? We cannot. For it is based on three prerequisites, without which it is simply inconceivable.
[ 21 ] Diese drei Voraussetzungen, die muß wiederum der heutige Erzieher haben, wenn er nach Griechenland hinüberschaut. Das erste ist: Diese Erziehungsmaximen waren nur für einen kleinen Teil der Menschheit da, für eine obere Schicht, und sie setzten voraus, daß die Sklaverei da war. Ohne daß die Sklaverei dagewesen wäre, wäre mit der griechischen Art und Weise nicht eine kleine Menschheitsschicht in dieser Art zu erziehen gewesen. Denn um in dieser Weise zu erziehen, mußte ein Teil dessen, was der Mensch auf Erden zu verrichten hat, von denjenigen verrichtet werden, die man ihrem elementaren Menschenschicksal überließ, ohne sie eigentlich in der Weise zu erziehen, wie man es in Griechenland für richtig hielt. Wie die ganze griechische Zivilisation nicht ohne diese Sklaverei zu denken ist, ebensowenig ist die griechische Erziehung ohne die Sklaverei zu denken.
[ 21 ] These three prerequisites, in turn, must be met by today’s educator when looking to Greece. The first is this: These educational principles were intended only for a small portion of humanity—the upper class—and they presupposed the existence of slavery. Without the existence of slavery, it would not have been possible to educate even a small segment of humanity in this manner using the Greek method. For in order to educate in this way, a portion of what human beings must accomplish on earth had to be carried out by those who were left to their basic human fate, without actually being educated in the manner deemed proper in Greece. Just as Greek civilization as a whole cannot be conceived without slavery, neither can Greek education be conceived without slavery.
[ 22 ] Und so hat eigentlich gerade für denjenigen, der mit inniger Befriedigung und mit Entzücken hinschaut nach dem, was Griechenland geleistet hat in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, dieses Entzücken den furchtbar tragischen Beigeschmack, daß es auf Kosten der Sklaverei erkauft werden mußte. Das war die eine Voraussetzung.
[ 22 ] And so, especially for those who look with deep satisfaction and delight upon what Greece has achieved in the history of human development, this delight has the terribly tragic aftertaste that it had to be purchased at the cost of slavery. That was one prerequisite.
[ 23 ] Die zweite Voraussetzung war die ganze Stellung der Frau im griechischen sozialen Leben. Die Frauen lebten zurückgezogen von dem, was eigentlich griechische Kultur in den Impulsen aus erster Hand machte. Und dieses zurückgezogene Leben machte auch einzig und allein möglich, daß das Kind bis zum siebenten Jahre dem reinen Instinkt im Hause überlassen worden ist. Denn dieser Instinkt wurde dadurch ohne alles Wissen gepflegt. Aus einem menschlichen Instinkt heraus wurde das Kind durch die elementaren Kräfte seines Wachstums bis zum Zahnwechsel hingeführt.
[ 23 ] The second prerequisite was the overall status of women in Greek social life. Women lived in seclusion from what actually constituted Greek culture in its most direct form. And it was this secluded life that made it possible, and possible alone, for the child to be left to pure instinct at home until the age of seven. For this instinct was thus nurtured without any conscious knowledge. Guided by human instinct and the elemental forces of its growth, the child was led through this process until the change of teeth.
[ 24 ] Man möchte sagen: Es war notwendig, daß ebenso unbewußt, wie durch die Naturkräfte das Embryonalleben des Kindes abläuft, ebenso unbewußt, wenn auch um einen Grad verschieden, das Leben bis zum Zahnwechsel in dem weiteren Schoße der Familie, der den Mutterschoß ablöste, sich entwickelte. Das war die zweite Notwendigkeit.
[ 24 ] One might say: It was necessary that, just as the child’s embryonic life unfolds unconsciously through the forces of nature, so too—albeit to a slightly different degree—life should develop unconsciously until the child’s teeth fell out within the broader embrace of the family, which took the place of the mother’s womb. That was the second necessity.
[ 25 ] Und die dritte Bedingung ist für den modernen Menschen sogar etwas paradox; aber der moderne Mensch wird sich schon dazu bequemen müssen, auch diese dritte Bedingung einzusehen. Die zweite Bedingung, wie die Stellung der Frau eben in Griechenland war, die ist ja leichter einzusehen, denn man weiß aus einer sehr oberflächlichen Beobachtung des modernen Lebens, daß eben zwischen dem Griechentum und heute gerade durch dasjenige, was sich dann im Verlaufe des Mittelalters abgespielt hat, in der Neuzeit eben die Frauen ihren entsprechenden Anteil am sozialen Leben gesucht haben. Und würden wir noch so sein wollen, wie es die Griechen waren, mit dem ausschließlichen Interesse der Männer an diesem bewußten Erziehungswesen, dann möchte ich einmal sehen, wie klein dieses Auditorium wäre, wenn es nur besucht sein sollte von den Männern, die sich für die Erziehung interessieren dürften!
[ 25 ] And the third condition is even somewhat paradoxical for modern people; but modern people will have to come to terms with it and recognize this third condition as well. The second condition—namely, the status of women in ancient Greece—is easier to understand, for even a very superficial observation of modern life reveals that, precisely because of what transpired during the Middle Ages, women in the modern era have sought their rightful place in social life. And if we still wanted to be like the Greeks were—with men’s exclusive interest in this deliberate system of education—then I’d like to see just how small this auditorium would be if it were attended only by the men who are allowed to take an interest in education!
[ 26 ] Aber die dritte Bedingung, die liegt eben schon tiefer, und sie ist eine solche, welche aus der modernen Zivilisation heraus am wenigsten zugegeben werden will. Das ist: Wir erringen dasjenige, was wir als geistiges Leben haben, durch menschliche Anstrengung. Wir müssen es uns durch aktive Arbeit erringen. Und derjenige, der durchschaut die aktive Geistesarbeit des Zivilisationslebens, der wird sich sagen müssen: Eigentlich müssen wir für die wichtigsten Gebiete des Zivilisationslebens erst überhaupt auf dasjenige rechnen, was wir uns in der Zukunft erringen werden durch menschliche Arbeit.
[ 26 ] But the third condition runs even deeper, and it is one that modern civilization is least willing to acknowledge. It is this: We attain what we have as spiritual life through human effort. We must earn it through active work. And anyone who truly understands the active intellectual work of civilized life will have to admit: In fact, when it comes to the most important areas of civilized life, we must first and foremost count on what we will achieve in the future through human labor.
[ 27 ] Wenn wir auf all das sehen, was wir an menschlicher Arbeit anwenden müssen, um uns ein Geistesleben in der gegenwärtigen Zivilisation zu erringen, dann blicken wir mit einigem Erstaunen hin auf das Geistesleben der alten Griechen, namentlich der alten Orientalen. Denn dieses Geistesleben war da. Eine solche Wahrheit, die der heutige Mensch überhaupt noch nicht begreift: welche Rolle das siebente Lebensjahr im menschlichen Leben spielt - man kann es aus äußeren Symptomen andeuten, was das bedeutet, aber vom Begreifen ist die heutige Zivilisation noch ganz entfernt -, eine solche Wahrheit war tief durchgedrungen in Griechenland, war eine von den großen Wahrheiten, die durch das alte Geistesleben hindurchströmen und denen wir bewundernd gegenüberstehen, wenn wir kennenlernen, was in alten Zeiten einmal die Menschheit als Urweisheit, als ein spirituelles Wissen gehabt hat.
[ 27 ] When we consider all the human effort we must expend to attain a spiritual life in today’s civilization, we look back with some astonishment at the spiritual life of the ancient Greeks, and especially that of the ancient peoples of the East. For that spiritual life did indeed exist. Such a truth—one that people today do not yet comprehend at all: the role that the seventh year of life plays in human existence—one can infer from external symptoms what this means, but modern civilization is still very far from truly grasping it—such a truth was deeply ingrained in Greece; it was one of the great truths that flow through the ancient spiritual life and which we regard with admiration when we come to know what humanity once possessed in ancient times as primordial wisdom, as spiritual knowledge.
[ 28 ] Gerade wenn wir, unbeirrt durch die modernen materialistischen und naturalistischen Vorurteile, zurückgehen in ursprüngliche Menschheitszivilisationen, so finden wir überall im Beginne des geschichtlichen Lebens eine eindringliche Weisheit, aus der heraus der Mensch sein Leben eingerichtet hat.
[ 28 ] Precisely when we, undeterred by modern materialistic and naturalistic prejudices, look back at the earliest human civilizations, we find everywhere, at the dawn of historical life, a profound wisdom from which humankind has structured its existence.
[ 29 ] Diese Weisheit war nicht eine durch die Menschheit erworbene, sondern sie war eine der Menschheit durch Offenbarung, durch eine Art Inspiration zugekommene. Das ist dasjenige, was die moderne Zivilisation nicht zugeben will. Nicht zugeben will sie, daß auf eine geistige Art dem Menschen eine Urweisheit gegeben ward, wobei er sich eigentlich so entwickelte, daß noch in Griechenland darauf gesehen wurde, das Kind im Menschen bis zum Erdentode zu erhalten.
[ 29 ] This wisdom was not acquired by humanity, but was bestowed upon humanity through revelation, through a kind of inspiration. This is precisely what modern civilization refuses to acknowledge. It refuses to admit that a primordial wisdom was given to humankind in a spiritual way, and that humankind actually developed in such a way that even in ancient Greece, the aim was to preserve the child within the human being until death.
[ 30 ] Diese Offenbarung der Urweisheit, sie ist - und das hängt mit der ganzen Entwickelung der Menschheit zusammen - nicht mehr da. Der Fortschritt des Menschen besteht zum Teil darinnen, daß er nicht mehr eine ohne sein Zutun ihm geoffenbarte Urweisheit bekommt, daß er sich durch seine eigene Arbeit seine Urweisheit erringen muß. Das hängt innig zusammen mit der Entwickelung des Impulses der menschlichen Freiheit, der in der Gegenwart in seiner größten Entwickelung steht. Der Fortschritt der Menschheit ist nicht ein solcher, wie man sich leicht vorstellt, der fortwährend gerade aufsteigt von einer Stufe zur anderen; sondern was der Mensch in der neueren Zeit aus sich selbst erringen muß, das muß er sich dadurch erringen, daß er verloren hat das sich von außen Offenbarende, das die tiefsten Weistümer in sich geschlossen hat.
[ 30 ] This revelation of primordial wisdom—and this is connected to the entire evolution of humanity—no longer exists. Human progress consists, in part, in the fact that human beings no longer receive primordial wisdom revealed to them without their own effort, but must attain it through their own work. This is intimately connected with the development of the impulse toward human freedom, which is currently at its highest stage of development. Humanity’s progress is not, as one might easily imagine, a continuous, straight ascent from one stage to the next; rather, what human beings must achieve from within themselves in modern times, they must achieve precisely because they have lost that which was revealed from without and which contained within itself the deepest wisdom.
[ 31 ] Der Verlust der Urweisheit, die Notwendigkeit, durch eigene menschliche Arbeit zur Weisheit zu kommen, das ist dasjenige, was mit der dritten Vorbedingung für die griechische Erziehung zusammenhängt.
[ 31 ] The loss of primordial wisdom, the necessity of attaining wisdom through one’s own human labor—this is what is connected with the third prerequisite for Greek education.
[ 32 ] So daß wir sagen können: Die griechische Erziehung, wir können sie bewundern, sie ist aber an drei Vorbedingungen geknüpft: an das antike Sklaventum, an die antike Stellung der Frau, an die antike Stellung der spirituellen Weisheit und des spirituellen Lebens. Alle drei sind heute nicht mehr da, würden heute nicht mehr als menschenwürdig angesehen werden. Wir leben in einer Zeit, in der die Frage entsteht: Wie müssen wir erziehen, wenn wir uns bewußt sind, daß diese drei Vorbedingungen gerade durch den Fortschritt der Menschheit hinweggeräumt sind? So müssen wir auf die Zeichen der Zeit hinsehen, wenn wir aus inneren Gründen heraus den richtigen Impuls für eine moderne Erziehung gewinnen wollen.
[ 32 ] So we can say: We can admire Greek education, but it is tied to three preconditions: ancient slavery, the ancient status of women, and the ancient status of spiritual wisdom and spiritual life. All three no longer exist today and would no longer be considered compatible with human dignity. We live in an age in which the question arises: How should we educate when we are aware that these three prerequisites have been eliminated precisely by the progress of humanity? We must therefore look to the signs of the times if we wish to gain the right impulse for a modern education from within.
[ 33 ] Im Grunde war nun die ganze sogenannte mittelalterliche Entwickelung der Menschheit, die auf das Griechentum folgte, und sogar bis zum heutigen Tag, ein durch die Tatsache dieser Menschheitsentwickelung selbst gelieferter Beweis, daß die Menschheit in bezug auf Erziehung und Unterricht andere Wege einschlagen müsse, als die für eine ältere Zeit so gesicherten griechischen Wege waren. Die Menschennatur wurde eben eine andere. Es beruht die Wirksamkeit, die Sicherheit der griechischen Erziehung darauf, daß sie gebaut war auf die menschliche Gewohnheit, auf dasjenige, was sich einbauen läßt in den menschlichen Körper.
[ 33 ] Essentially, the entire so-called medieval development of humanity—which followed on the heels of Greek civilization and continues to this very day—served as proof, provided by the very fact of this human development itself, that humanity must take different paths in education and instruction than the Greek paths that had been so firmly established in earlier times. Human nature had simply changed. The effectiveness and reliability of Greek education rested on the fact that it was built upon human habit—upon that which can be ingrained in the human body.
[ 34 ] Bis zum siebenten Lebensjahre, bis zum Zahnwechsel, entwickelt sich die menschliche Wesenheit in innigem Zusammenhange mit dem Körper. Der Körper aber entwickelt sich so, daß seine Verrichtungen wie unbewußt ausgeübt werden. Ja, sie sind erst dann die richtigen sicheren Fähigkeiten, wenn sie unbewußt wirken; wenn ich mir dasjenige, was ich tun soll, angeeignet habe im Handgriff, zu dem ich gar nicht mehr irgendwelche intellektuelle Überlegung brauche, sondern der sich von selber ausführt. Wenn ich die Übung zur Gewohnheit gebracht habe, dann habe ich dasjenige sicher errungen, was ich durch den Körper erringen soll.
[ 34 ] Until the age of seven, until the teeth are replaced, the human being develops in close connection with the body. The body, however, develops in such a way that its functions are carried out almost unconsciously. Indeed, these actions only become true, reliable skills when they occur unconsciously—when I have mastered what I am to do to such an extent that I no longer need any intellectual deliberation for the movement, but it carries itself out of its own accord. When I have turned the practice into a habit, then I have truly mastered what I am meant to achieve through the body.
[ 35 ] So aber in Gewohnheiten ausbilden wollte das griechische Leben im Grunde genommen das ganze menschliche Erdendasein. Was der Mensch tun sollte bis zu seinem Tode hin von seiner Erziehung an, das sollte eigentlich gewohnheitsmäßig getan werden, so gewohnheitsmäßig, daß man es eigentlich gar nicht unterlassen kann. Dann, wenn man die Erziehung so anlegt, auf so etwas hinorientiert, dann kann man das, was dem Menschen bis zum Zahnwechsel, bis zum siebenten Jahre natürlich ist, forterhalten; dann kann man die kindlichen Kräfte forterhalten, bis der Mensch das Erdendasein durch den Tod vollendet.
[ 35 ] But Greek life essentially sought to shape the entire course of human existence on earth through habits. Whatever a person was supposed to do from the time of their upbringing until their death was actually meant to be done out of habit—so ingrained a habit that one could not really fail to do it. Then, if one structures education in this way, orienting it toward such a goal, one can preserve what comes naturally to a person until their teeth fall out—that is, until the age of seven; then one can preserve these childlike powers until the person completes their earthly existence through death.
[ 36 ] Was aber trat nun durch jene geschichtlichen Ereignisse ein, wo ganz andere Völkerschaften von Osten nach dem Westen während des Mittelalters herüberfluteten, die namentlich in Mitteleuropa und im Westen sich festsetzten, bis nach Amerika hin sich festsetzten und eine neue Zivilisation begründeten, wo aufgenommen wurde vom Süden her dasjenige, was diesem Süden natürlich war, wodurch aber eben ganz andere Lebensgewohnheiten in die Menschheit hineinkamen? Das bedingte auch eine ganz andere individuelle Menschenentwickelung. Ein Mensch kam zum Beispiel herauf mit dem Bewußtsein: Sklaverei darf es nicht geben, die Frau muß respektiert werden, gleichzeitig damit kam in der individuellen Menschenentwickelung das Bewußtsein herauf: daß der junge Mensch zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre - wo also die Entwickelung nicht mehr eine leibliche allein ist, sondern die Seele gewissermaßen von dem Körper emanzipiert ist sich nicht mehr gefallen läßt, die Konservierung der Kindheit so fortzusetzen, wie sie bisher üblich war.
[ 36 ] But what actually came about as a result of those historical events, when entirely different peoples flooded in from the East to the West during the Middle Ages, settling particularly in Central Europe and the West, extending as far as America, and establishing a new civilization—when what was natural to the South was adopted from that direction, thereby introducing entirely different ways of life into humanity? This also led to a completely different kind of individual human development. For example, a person emerged with the awareness that slavery must not exist and that women must be respected; at the same time, the awareness arose in individual human development that the young person between the ages of seven and fourteen—when development is no longer solely physical, but the soul is, so to speak, emancipated from the body—no longer tolerates the continuation of childhood in the manner that had been customary up to that point.
[ 37 ] In dem Lebensalter zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre ist dies das wichtigste geschichtliche Ereignis des Mittelalters und bis herauf in die neuere Zeit. Und heute erst sehen wir die großen Kräfte, wo die Menschennatur am stärksten revoltiert, wenn sie über das vierzehnte, fünfzehnte Jahr hinausgewachsen ist und eben noch das in sich trägt, was da revoltiert.
[ 37 ] Between the ages of seven and fourteen, this is the most important historical event of the Middle Ages and well into modern times. And only today do we see the great forces at work where human nature rebels most strongly—when it has outgrown the ages of fourteen and fifteen and still carries within itself that which rebels.
[ 38 ] Wie drückte sich dieses Revoltieren in der Menschennatur aus? Aus der spirituellen Urweisheit, die bei den Griechen sozusagen noch wie eine Selbstverständlichkeit herunterfloß, wurde unter der römisch-mittelalterlichen Tradition dasjenige, was nur noch durch das Buch, nur durch die Schrift aufbewahrt war, und in der Tat nur auf die Autorität der Tradition hin geglaubt wurde. Der Glaubensbegriff, wie er sich während des Mittelalters entwickelte, war im Altertum und noch bei den Griechen gar nicht da. Das wäre für das Altertum und für die Griechen ein Nonsens gewesen. Der Glaubensbegriff entwikkelte sich erst, als die Urweisheit nicht mehr unmittelbar floß, sondern nur noch aufbewahrt, konserviert war.
[ 38 ] How did this rebellion manifest itself in human nature? The primordial spiritual wisdom that, so to speak, still flowed naturally among the Greeks became, under the Roman-Medieval tradition, something preserved solely through the book, solely through scripture, and in fact believed only on the authority of tradition. The concept of faith, as it developed during the Middle Ages, did not exist at all in antiquity or even among the Greeks. That would have been nonsense to the ancient world and to the Greeks. The concept of faith only developed once primordial wisdom no longer flowed directly but was merely preserved and conserved.
[ 39 ] Und so ist ja im Grunde genommen für den größten Teil der Menschheit alles, was sich auf das Spirituelle, Übersinnliche bezieht, noch heute Tradition, Überlieferung; es wird geglaubt, es ist nicht mehr unmittelbar da. Die Natur und ihre Anschauung ist unmittelbar da; dasjenige, was sich auf das Übersinnliche und dessen Leben bezieht, ist überliefert, ist Tradition. Dieser Tradition gibt sich ja die Menschheit hin bis herauf in das Mittelalter und weiterhin, indem sie ja zuweilen meint, sie erlebe dies. Aber die Wahrheit ist diese, daß eben ein unmittelbar spirituelles Wissen, ein Geoffenbartes, das zum schriftlich Aufbewahrten wurde, von Generation zu Generation als Erbschaft da war, und nur auf die Autorität der Tradition hin lebte. Das war das Äußere. Und was war das Innere? Nun, sehen wir noch einmal zurück nach Griechenland.
[ 39 ] And so, essentially, for the vast majority of humanity, everything related to the spiritual and the supersensible is still, even today, tradition; it is believed in, but it is no longer directly present. Nature and the perception of nature are directly present; that which relates to the supersensible and its life has been handed down; it is tradition. Humanity has devoted itself to this tradition all the way back to the Middle Ages and beyond, sometimes believing that it is actually experiencing these things. But the truth is this: an immediate spiritual knowledge—a revelation that came to be preserved in writing—was passed down from generation to generation as a legacy and lived on solely by virtue of the authority of tradition. That was the outer aspect. And what was the inner aspect? Well, let us look back once more to Greece.
[ 40 ] Durch die gewohnheitsmäßige Aneignung des ganzen Menschenwesens, wodurch das Kind bis zum Tode im Erdenmenschen bewahrt wurde, entwickelten sich die Seelenfähigkeiten wie von selbst; für das Musische, wie ich es gestern dargestellt habe aus der Atmung, aus der Blutzirkulation heraus, und für den Intellekt, wie ich es dargestellt habe, aus der Gymnastik heraus. Es entwickelte sich bei dem Griechen, ohne daß es gepflegt wurde — weil man die körperlichen Gewohnheiten entwickelte -, aus dieser Summe der körperlichen Gewohnheiten ein wunderbares Gedächtnis. Wir haben in unserer Zeit gar keinen Begriff mehr von dem, was sich beim Griechen noch als Gedächtnis entwickelte, ohne daß es gepflegt worden ist — und im alten Orient war das noch bedeutsamer. Der Körper wurde gepflegt, die Gewohnheiten wurden gepflegt, und da brachte der Körper selber das Gedächtnis hervor. Durch seine richtige Pflege brachte der Körper ein wunderbares Gedächtnis hervor.
[ 40 ] Through the habitual assimilation of the entire human being—by which the child was preserved within the earthly human being until death—the soul’s faculties developed as if of their own accord; for the artistic faculties, as I described yesterday, from breathing and blood circulation, and for the intellect, as I described, from gymnastics. Among the Greeks, without any deliberate cultivation—because they developed their physical habits—a marvelous memory arose from this sum of physical habits. In our time, we no longer have any concept of what developed as memory among the Greeks without having been cultivated—and in the ancient Orient, this was even more significant. The body was cared for, the habits were cultivated, and from this the body itself produced memory. Through its proper care, the body produced a marvelous memory.
[ 41 ] Daß wir von einem solchen Gedächtnis, wie es die Griechen hatten, wodurch in wunderbarer Weise ihre Geistesschätze so leicht überliefert und Gemeingut werden konnten, keinen rechten Begriff haben, dafür ist ein lebendiger Beweis der, daß wir bei Vorträgen, die dann die Leute haben wollen, an die sie sich erinnern wollen, Stenographen mitnehmen müssen, eine für die griechische Zivilisation ganz absurde Tatsache. Denn wozu brauchte man denn dasjenige, was man ja höchstens weggeworfen hätte! Das Gedächtnis bewahrte das alles treu, weil es getragen wurde von körperlicher Tüchtigkeit. Die Seele entwickelte sich selber aus der körperlichen Tüchtigkeit heraus. Indem sie sich entwickelt hatte, stand sie gegenüber dem, was wie durch Offenbarung von selbst da war: der spirituellen Urweisheit.
[ 41 ] The fact that we have no real concept of the kind of memory the Greeks possessed—which, in a marvelous way, allowed their intellectual treasures to be passed down so easily and become common property—is vividly demonstrated by the fact that, during lectures that people want to attend so they can remember them, we have to bring along stenographers—a fact that would have been completely absurd to Greek civilization. For what use would there be for something that one would, at most, have thrown away! Memory faithfully preserved it all because it was sustained by physical vigor. The soul developed out of physical vigor itself. As it developed, it stood in contrast to that which existed of its own accord, as if by revelation: primordial spiritual wisdom.
[ 42 ] Diese spirituelle Urweisheit war nun nicht mehr da; sie war Tradition. Sie mußte von Generationen zu Generationen durch eine die Tradition bewahrende Priesterschaft äußerlich getragen werden. Und innerlich mußte man anfangen, dasjenige zu pflegen, woran der Grieche als an eine Notwendigkeit, es zu pflegen, gar nicht gedacht hätte. Man fing immer mehr und mehr an in dem mittelalterlichen Erziehungswesen, das Gedächtnis pflegen zu müssen. Man einverleibte dem Gedächtnis dasjenige, was traditionell bewahrt wurde.
[ 42 ] This primordial spiritual wisdom was now gone; it had become tradition. It had to be outwardly upheld from generation to generation by a priesthood dedicated to preserving tradition. And inwardly, people had to begin cultivating that which the Greeks would never have considered necessary to cultivate. In the medieval educational system, there was an increasing emphasis on the need to cultivate memory. What had been preserved through tradition was incorporated into memory.
[ 43 ] So hatte man außen die historische Tradition, innerlich Erinnerung und Gedächtnis erziehungsmäßig zu pflegen; das erste Seelische, das man pflegte, als die Seele sich emanzipiert hatte: das Gedächtnis. Und wer da weiß, welcher Wert noch vor kurzem in dem Schulwesen auf das Gedächtnis gelegt worden ist, der kann auch beurteilen, wie zäh sich diese Pflege des Gedächtnisses, die durch eine historische Notwendigkeit heraufgekommen ist, forterhalten hat.
[ 43 ] Thus, externally, there was the historical tradition, while internally, memory and recollection were cultivated through education; the first aspect of the soul that was nurtured once the soul had emancipated itself: memory. And anyone who knows what value was placed on memory in the school system until recently can also appreciate how tenaciously this cultivation of memory—which arose out of a historical necessity—has persisted.
[ 44 ] Und so schwankt das ganze Mittelalter hindurch das Erziehungswesen wie ein Schiff im Sturme dahin, das sich nicht recht halten kann; denn der Seele des Menschen kommt man am schwersten bei. Dem Körper kommt man bei; über den Geist kann man sich verständigen; die Seele aber sitzt so im Individuellen des Menschen, daß man ihr am schwersten beikommt.
[ 44 ] And so, throughout the entire Middle Ages, the educational system drifts like a ship in a storm, unable to stay on course; for the human soul is the hardest to reach. One can reach the body; one can communicate with the mind; but the soul is so deeply rooted in the individuality of the human being that it is the most difficult to reach.
[ 45 ] Das alles war aber eine Seelenangelegenheit. Ob der Mensch den innerlichen Seelenweg fand zu jenen Autoritäten hin, die ihm die Tradition bewahrten; ob die Pietät so heranwachsen konnte, daß das Wort, das der mittelalterliche Priesterlehrer verkündigte, um die Tradition bei der Menschheit zu befestigen, stark genug war; ob diese Pietät groß genug werden konnte: das alles war seelische Angelegenheit. Und die Erinnerung pflegen, das Gedächtnis pflegen, und bei dieser Pflege des Gedächtnisses nicht den Menschen vergewaltigen, so daß man ihm wie suggestiv gewisse Dinge einprägt, die man bei ihm haben will: dazu gehört seelischer Takt.
[ 45 ] But all of this was a matter of the soul. Whether people found the inner spiritual path to those authorities who preserved tradition for them; whether piety could grow to such an extent that the word proclaimed by the medieval priest-teacher—intended to strengthen tradition among humanity—was strong enough; whether this piety could become great enough: all of this was a matter of the soul. And to nurture remembrance, to nurture memory, and in this nurturing of memory not to coerce people, so that one does not suggestively impress upon them certain things that one wishes them to believe: this requires spiritual tact.
[ 46 ] Was da notwendig war, um der Seelenzivilisation des Mittelalters in der richtigen Weise beizukommen, das wurde ebenso oft beobachtet von taktvollen Menschen, wie es außer acht gelassen wurde von taktlosen Menschen. Und in diesem Schwanken zwischen demjenigen, was der menschlichen Seele gut bekam, und demjenigen, was die menschliche Seele im Tiefsten beleidigte, befand sich die Erziehung des Mittelalters. Vieles, vieles hat sich von dieser Erziehung des Mittelalters, ohne daß die Menschen es bemerken, bis in die Gegenwart hinein erhalten.
[ 46 ] What was necessary to properly address the spiritual civilization of the Middle Ages was just as often observed by tactful people as it was overlooked by tactless ones. And medieval education existed in this oscillation between what was good for the human soul and what deeply offended it. Much, very much, of this medieval education has been preserved to the present day without people even realizing it.
[ 47 ] Diese Erziehung des Mittelalters ist aber so geworden, weil zunächst die Seele nicht mehr das «Kind» bewahren wollte, weil sie selbst erzogen werden sollte. Und sie konnte nur erzogen werden nach den Zeitumständen durch Tradition und Gedächtnis. - Wenn der Mensch zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre ist, dann ist eine Art labiler Zustand in seinem Menschenwesen. Das Seelische wirkt im Menschen nicht in jener Festigkeit wie das Körperliche bis zum siebenten Jahre hin, und die Orientierung durch den Geist ist noch nicht da. Alles gewinnt einen intimen Charakter, der Pietät und Zartheit notwendig macht.
[ 47 ] This form of education in the Middle Ages came about, however, because the soul no longer wished to preserve the “child”—since the soul itself was to be educated. And it could only be educated, given the circumstances of the time, through tradition and memory. - When a person is between the ages of seven and fourteen, their human nature is in a sort of unstable state. Until the age of seven, the soul does not act with the same firmness in a person as the body does, and guidance through the spirit is not yet present. Everything takes on an intimate character that necessitates reverence and tenderness.
[ 48 ] Das alles ließ das Erziehungswesen durch lange Zeit innerhalb der Menschheitsentwickelung eben auch in ein unbestimmtes, unklares Fahrwasser kommen, ließ die Zeit, in der Tradition und Gedächtnis gepflegt werden mußten, als eine für das Erziehungswesen außerordentlich schwierige erscheinen. Heute leben wir in einer Zeit, in der der Mensch durch seine naturgemäße Entwickelung nun eine andere Sicherheit haben will als diejenige, die auf solchen labilen Grundlagen beruhte, wie sie das Mittelalter hatte. Und dieses Suchen nach anderen Grundlagen, das drückt sich aus in den zahlreichen Bestrebungen nach erzieherischen Reformen in unserer Zeit.
[ 48 ] All of this caused the educational system, over a long period in the course of human development, to drift into uncertain, unclear waters, making the era in which tradition and memory had to be cultivated appear extraordinarily difficult for the educational system. Today we live in an age in which human beings, through their natural development, now seek a different kind of security than that which was based on such unstable foundations as those of the Middle Ages. And this search for different foundations is expressed in the numerous efforts toward educational reform in our time.
[ 49 ] Aus der Erkenntnis dieser Tatsache ist die Waldorfschul-Pädagogik hervorgegangen. Sie ruht auf der Frage: Wie kann erzogen werden, wenn die Seele zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre weiterbehält die Revolte gegen das Konservieren der Kindheit? Wie kann aber erzogen werden, wenn der Mensch außerdem noch jenes alte, mittelalterliche Verhältnis zu Tradition und Gedächtnis verloren hat, wie er es eben verloren hat in der neueren Zeit? Außen hat der Mensch das Vertrauen zur Tradition verloren; innen will der Mensch ein freies Wesen werden, das in jedem Augenblicke unbefangen dem Leben gegenüberstehen will. Er will nicht sein ganzes Leben hindurch auf einer Erinnerungsgrundlage stehen.
[ 49 ] Waldorf education emerged from the recognition of this fact. It is based on the question: How can education take place when, between the ages of seven and fourteen, the soul continues to rebel against the preservation of childhood? But how can education take place when human beings have, moreover, lost that old, medieval relationship to tradition and memory—just as they have lost it in modern times? Externally, human beings have lost their trust in tradition; internally, they want to become free beings who wish to face life with an open mind at every moment. They do not want to spend their entire lives standing on a foundation of memory.
[ 50 ] Das ist der moderne Mensch, der nun innerlich wieder von Tradition und Gedächtnis frei werden will. Und wie sehr auch gewisse Glieder unserer Menschheit heute noch die alte Zeit konservieren möchten — es geht nicht. Einfach die Tatsache der vielen Erziehungs-Reformbestrebungen zeigt an, daß die große Frage vor uns steht: Wie müssen wir weiter erziehen, wenn nun — geradeso wie für das Mittelalter die Unmöglichkeit eingetreten ist, im griechischen Sinne zu erziehen - heute die Notwendigkeit vorliegt, nicht mehr bloß auf Tradition und Gedächtnis hin erziehen zu können, sondern erziehen zu müssen auf den unmittelbaren Lebensaugenblick, durch den der Mensch in das Dasein auf Erden hineingestellt ist, wo er aus den augenblicklich gegebenen Tatsachen heraus als freier Mensch zur Entscheidung kommen muß? Wie müssen wir freie Menschen erziehen? — Das ist die Frage, die heute eigentlich zum ersten Male in dieser Intensität vor die Menschheit hingestellt wird.
[ 50 ] This is modern man, who now wishes to free himself inwardly from tradition and memory once again. And no matter how much certain segments of humanity today might still wish to preserve the old ways—it is impossible. The very fact that there are so many efforts to reform education indicates that we face a major question: How should we proceed with education now that—just as it became impossible for the Middle Ages to educate in the Greek sense — today we face the necessity not merely of being able to educate based on tradition and memory, but of having to educate in relation to the immediate moment of life through which human beings are placed into existence on earth, where they must make decisions as free human beings based on the facts presented to them in that moment? How must we educate free human beings? — That is the question that is actually being posed to humanity today for the first time with such intensity.
[ 51 ] Mit Rücksicht auf die schon vorgerückte Zeit will ich, um den Gedanken ganz abzuschließen, dies nur noch in wenigen Sätzen tun, und dasjenige, was als notwendige Erziehungsmethode für die Gegenwart zu charakterisieren ist, dann für den morgigen Vortrag versparen.
[ 51 ] Given how late it already is, I would like to wrap up this line of thought in just a few sentences and save what constitutes a necessary educational method for the present day for tomorrow’s lecture.
[ 52 ] Sieht man hin auf die griechische Erziehung, so muß man den Gymnasten anerkennen als den Bewahrer der Kindheit in den zweiten menschlichen Lebensabschnitt des Kindes hinein, in das Lebensalter zwischen dem siebenten und vierzehnten und fünfzehnten Jahre hinein. Das «Kind» soll bewahrt werden. Die Kräfte der Kindheit sollen dem Menschen bleiben bis zu seinem Erdentode hin; er darf diese Kräfte konservieren. Der griechische Erzieher, der Gymnast, hat im ganzen dasjenige zu pflegen, worauf er hinweisen muß, wenn er das Kind zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre vor sich hat, als auf die Naturgrundlage. Die vererbte Naturgrundlage des Kindes, die muß er aus seiner spirituellen Weisheit heraus zu beurteilen verstehen, deren Konservator muß er werden.
[ 52 ] When considering Greek education, one must acknowledge the gymnast as the guardian of childhood into the second stage of a child’s life—the period between the ages of seven and fourteen or fifteen. The “child” is to be preserved. The forces of childhood are to remain with the human being until his or her earthly death; he or she may preserve these forces. The Greek educator, the gymnast, must, on the whole, nurture that which he must point to when he has a child between the ages of seven and fourteen before him: the natural foundation. He must be able to assess the child’s inherited natural foundation through his spiritual wisdom, and he must become its guardian.
[ 53 ] Indem die mittelalterliche Menschheitsentwickelung über diese Dinge hinübergegangen ist, entwickelte sich unsere Gegenwart heraus. Dasjenige, was der moderne Mensch eigentlich in der sozialen Ordnung ist, das wird erst jetzt eine gewisse Bewußtseinstatsache. Diese Bewußtseinstatsache kann im individuellen Menschenleben sich nicht früher vollziehen als nach der Geschlechtsreife, nach dem vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahre. Da tritt im Menschenwesen dasjenige hervor, was ich wiederholentlich in den nächsten Vorträgen zu charakterisieren haben werde als das Bewußtsein der eigentlichen Wesenheit der inneren menschlichen Freiheit. Da kommt der Mensch eigentlich zu sich selbst. Und wenn, wie das ja heute zuweilen geschieht, Menschen unter dem vierzehnten, fünfzehnten Jahre, vor der Geschlechtsreife zu diesem Bewußtsein gekommen zu sein glauben, so ist das nur eine Nachäffung des späteren Lebensalters. Es ist keine ursprüngliche Tatsache. Diese ursprüngliche Tatsache, die nach der Geschlechtsreife eintritt, suchte der Grieche geradezu für den Menschen zu vermeiden; denn die Stärke, mit der er die Natur, das Kind hereinrief in das Menschendasein, umdunkelte, verfinsterte das volle Erleben dieses Bewußtseinsaugenblicks nach der Geschlechtsreife. Der Mensch ging wie im dumpfen Bewußtsein, durch die Natur zurückgehalten, durch diese Tatsache hindurch.
[ 53 ] As medieval human development moved beyond these things, our present era emerged. What modern human beings actually are within the social order is only now becoming a fact of consciousness. This fact of consciousness cannot take place in an individual’s life until after sexual maturity, after the age of fourteen or fifteen. It is then that what I will repeatedly characterize in the following lectures as the consciousness of the true essence of inner human freedom emerges in the human being. It is then that the human being truly comes into his own. And when, as sometimes happens today, people under the age of fourteen or fifteen—before reaching sexual maturity—believe they have attained this consciousness, it is merely an imitation of what occurs at a later age. It is not an original fact. The Greeks sought to avoid this original fact—which occurs after puberty—for human beings; for the force with which they summoned nature, the child, into human existence obscured and darkened the full experience of this moment of consciousness after puberty. Humanity passed through this fact as if in a dull state of consciousness, held back by nature.
[ 54 ] Die menschliche Entwickelung im Laufe der Geschichte ist so, daß der Mensch das jetzt nicht mehr kann. Diese Bewußtseinstatsache würde mit elementarer, vulkanischer Gewalt nach der Geschlechtsreife hervorbrechen, wenn man versuchen wollte sie zurückzuhalten.
[ 54 ] Human development throughout history has progressed to the point where people are no longer capable of this. This fact of consciousness would erupt with elemental, volcanic Powers upon reaching sexual maturity if one were to try to suppress it.
[ 55 ] Daher rechnete der Grieche in dem Lebensalter, das wir das volksschulmäßige Lebensalter nennen, zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre, mit dem ersten natürlichen Leben des Kindes.
[ 55 ] Therefore, the Greeks considered the period we call “elementary school age”—between the ages of seven and fourteen—to be the child’s first natural stage of life.
[ 56 ] Wir haben zu rechnen mit dem, was auf die Geschlechtsreife folgt, was der von uns durch sieben Jahre geführte Knabe, oder das durch sieben Jahre geführte Mädchen, nach der Geschlechtsreife als das volle Menschenbewußtsein erleben werden. Wir dürfen das nicht mehr in ein traumhaftes Dunkel hinuntertauchen, wie es bei den Griechen, bei den hervorragendsten Griechen der Fall ist, selbst noch bei Plato und Aristoteles, die, weil es bei ihnen der Fall war, die Sklaverei als etwas Selbstverständliches hingenommen haben. Weil die Erziehung so war, daß sie diese wichtigste Menschentatsache nach der Geschlechtsreife verdunkelte, konnte der Grieche Bewahrer der ersten Kindheit sein zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre.
[ 56 ] We must reckon with what follows sexual maturity—what the boy or girl we have guided for seven years will experience as full human consciousness after reaching sexual maturity. We must no longer plunge this into a dreamlike darkness, as was the case with the Greeks—even the most outstanding among them, including Plato and Aristotle—who, because this was their reality, accepted slavery as a matter of course. Because education was such that it obscured this most important human reality after sexual maturity, the Greeks were able to serve as guardians of early childhood between the ages of seven and fourteen.
[ 57 ] Wir müssen. Propheten des späteren Menschentums werden, wenn wir in der richtigen Weise erziehen wollen. Der Grieche konnte sich dem Instinkt überlassen, denn er hatte die Naturgrundlage weiter zu konservieren. Wir müssen als Erzieher Intuitionen entwickeln können. Wir müssen alles Menschliche vorausnehmen können, wenn wir Erzieher und Unterrichter sein wollen. Denn das wird das Wesentliche sein in unserer Erziehung, daß wir in das Kind zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre dasjenige hineinbringen, woran sich das Kind später, wenn es zum charakterisierten Menschheitsbewußtsein kommt, so erinnern kann, daß es mit einer inneren Befriedigung blickt auf das, was wir in es hineingepflanzt haben, daß es zu uns «Ja» sagt, wenn wir seine Lehrer und Erzieher gewesen sind. Schlimm erziehen wir heute, wenn später, nachdem das Kind in das Leben getreten ist, dieses Kind so auf uns zurückschaut, daß es nicht mehr zu uns «Ja» sagen kann.
[ 57 ] We must become prophets of the humanity of the future if we wish to educate in the right way. The Greeks could rely on instinct, for they had to preserve the natural foundation. As educators, we must be able to develop intuition. We must be able to anticipate everything human if we wish to be educators and teachers. For this will be the essence of our education: that we instill in the child between the ages of seven and fourteen that which the child can later recall—when it attains a fully formed consciousness of humanity—in such a way that it looks back with inner satisfaction on what we have planted within it, so that it says “Yes” when we have been their teachers and educators. We are educating poorly today if, later, after the child has entered life, that child looks back on us in such a way that it can no longer say “Yes” to us.
[ 58 ] So müssen wir intuitive Erzieher haben, die sich einlassen wiederum auf die Art und Weise, wie man die geistige Welt erringen kann, wie man das spirituelle Leben erringen kann, und die zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre dasjenige in das Kind hineinbringen können, wozu es mit Befriedigung später aufschauen kann.
[ 58 ] We therefore need intuitive educators who, in turn, are open to the ways in which one can attain the spiritual world and the spiritual life, and who, between the ages of seven and fourteen, can instill in the child something to which it can later look up with satisfaction.
[ 59 ] Der griechische Erzieher war ein Konservator. Er sagte: Im Kinde nach dem siebenten Jahre schlummert, was in ihm früher da war; ich habe es zu erwecken. — Wie kann alle Erziehung so werden, daß wir in das kindliche Alter hineinverpflanzen, was später von selbst in dem freien Menschen aufwachen darf?
[ 59 ] The Greek educator was a conservator. He said: “In a child after the age of seven, what was once present within him lies dormant; it is my task to awaken it.” — How can all education be structured so that we instill in childhood what may later awaken of its own accord in the free individual?
[ 60 ] Wir haben eine Erziehung in die Zukunft hineinzuführen. Das macht es, daß in unserem heutigen Zeitalter die ganze Angelegenheit der Erziehung zu etwas anderem werden muß, als sie war. In Griechenland war sie eine Tatsache, die sich den Menschen durch die Hingabe an das Natürliche ergab. Man möchte sagen: Eine ins Menschenleben hereinspielende Naturtatsache war die Erziehung. Durch das ganze bisherige Leben hat sie sich herausgearbeitet aus dieser Naturgrundlage.
[ 60 ] We must guide education into the future. This is why, in our present age, the whole concept of education must become something different from what it was. In Greece, it was a reality that arose for people through their devotion to nature. One might say: Education was a natural fact that played a role in human life. Throughout the course of human history thus far, it has developed from this natural foundation.
[ 61 ] Und wenn wir heute als Erzieher in der Schule stehen, so müssen wir uns bewußt sein dessen: so wie wir dem Kinde gegenübertreten, so müssen wir dem Kinde etwas bieten, zu dem es später, wenn es zum selbständigen Bewußtsein erwacht, «Ja» sagen kann. Es muß das Kind uns nicht nur lieben während der Schulzeit, sondern nach der Schulzeit in seinem reifen Urteile die Liebe zu uns als Lehrer und Erzieher gerechtfertigt finden; sonst ist die Erziehung nur eine halbe, daher eine sehr schwache Erziehung.
[ 61 ] And when we stand in the classroom today as educators, we must be aware of this: just as we approach the child, we must offer the child something to which it can later say “yes” when it awakens to independent consciousness. The child must not only love us during their school years, but also, after leaving school, find in their mature judgment that their love for us as teachers and educators is justified; otherwise, the education is only half-baked, and therefore very weak.
[ 62 ] Wenn wir uns dessen bewußt werden, dann werden wir uns klar darüber, in welch hohem Grade die Erziehung und das Unterrichtswesen aus einer ins Menschenwesen hineinspielenden Naturtatsache eine sittliche Tat werden muß.
[ 62 ] When we become aware of this, we realize to what a high degree education and the school system must transform a natural fact that influences human nature into a moral act.
[ 63 ] Das ist der tiefste innere Kampf, den heute jene kämpfen, die aus dem innersten Menschenwesen heraus etwas verstehen von der notwendigen Gestalt, welche Erziehung und Unterricht annehmen müssen. Das ist dasjenige, was man fühlt. Es drängt sich in die Frage zusammen: Wie machen wir im höchsten Sinne für den freien Menschen Erziehung und Unterricht zu einer freien Tat selber, das heißt zu einer im höchsten Grade sittlichen Tat? Wie wird Erziehung ganz und gar eine sittliche Angelegenheit der Menschheit?
[ 63 ] This is the deepest inner struggle faced today by those who, from the very core of their being, understand something of the necessary form that education and instruction must take. This is what one feels. It boils down to this question: How do we, in the highest sense, make education and instruction for the free human being a free act in and of itself—that is, an act of the highest moral order? How does education become, in its entirety, a moral matter for humanity?
[ 64 ] Daran hängen wir heute als an dem großen Rätsel, das beantwortet werden muß, wenn die Erziehungs-Reformbestrebungen, die so löblich sind, in der richtigen Weise weiter in die Zukunft hinein orientiert werden sollen.
[ 64 ] This is the central question we face today—the great mystery that must be resolved if the efforts toward educational reform, which are so commendable, are to be properly oriented toward the future.
[ 65 ] Die Fragen bezogen sich auf die Erziehung ganz junger Kinder, Kindergarten, Schulgesetze usw. im Anschluß an den Vortrag von Fräulein Dr. C. von Heydebrand.
[ 65 ] The questions concerned the education of very young children, kindergarten, school laws, etc., following the lecture by Dr. C. von Heydebrand.
[ 66 ] Dr. Steiner: Ich will zunächst nur ein paar Worte sagen in bezug auf die Frage der Erziehung ganz junger Kinder. Es ist ja wohl nicht nötig, daß ich darüber heute sehr viel sage, denn der Gegenstand wird selbstverständlich im Laufe der Vorträge berührt werden, und es ist besser, diese im wesentlichen pädagogisch-methodischen Fragen im Zusammenhang zu behandeln. Ich möchte nur soviel sagen: Die Erziehung der ganz jungen Kinder bis zum siebenten Jahre ist natürlich etwas, das demjenigen, der sich eine solche Aufgabe stellt, wie die mit der Waldorfschule ist, außerordentlich große Sorge macht. Wir haben durch äußere Umstände veranlaßt mit dem Alter begonnen, das man in Deutschland das schulpflichtige Alter nennt, also mit einer Schule für Kinder von sechs oder sieben Jahren an. Und ich muß gestehen, wenn man versucht, aus solchen Fundamenten heraus etwas zum Fortschritt der Pädagogik zu tun, wie es bei der Waldorfschule geschehen ist, dann bedeutet das eine außerordentlich weitgehende Arbeit. Wir haben mit acht Klassen zunächst begonnen, mit Kindern zwischen dem sechsten und vierzehnten Lebensjahre, haben dann seit dem Jahre 1919 immer eine Klasse hinzugefügt, so daß wir jetzt bereits zwölf Klassen haben. Wir haben also Kinder zwischen dem sechsten und siebzehnten, achtzehnten Lebensjahre, wollen die Kinder so weit bringen - ja, man darf bei uns nicht mehr Kinder sagen in diesem Lebensalter -, also sagen wir, wir wollen die jungen Damen und Herren so weit bringen, daß sie zu einer Universität oder sonstigen Hochschule kommen können. Diese Aufgabe mußten wir uns in den letzten vier bis fünf Jahren setzen. Es war wirklich eine Aufgabe, die reichlich die Zeit in Anspruch nahm. Denn dasjenige, was man so mitteilen kann in einer Rede über diese Dinge, sind ja doch eigentlich mehr oder weniger allgemeine Grundsätze. Dasjenige, worauf es ankommt, ist die Praxis jedes Tages, jeder Stunde gerade beim Unterrichten und Erziehen, und da ist manchmal wirklich außerordentlich viel zu tun. Es ist mehrmals auch schon die Frage nach einem Kindergarten aufgetaucht. Ich mußte bis jetzt, wo jedes Jahr eine neue Klasse eingerichtet worden ist, die Frage des Kindergartens einfach aus dem Grunde zurückstellen, weil es gar nicht möglich gewesen wäre, das pädagogische Problem zu bewältigen, immer eine neue Klasse, also eine neunte, zehnte, elfte, zwölfte Klasse richtig pädagogisch einzurichten und noch nach vorne auch zu gehen. Man soll sich nur ja nicht vorstellen, daß man irgend etwas eben leisten kann mit allgemeinen laienhaften Grundsätzen, sondern gerade je weiter man zurückgeht im Lebensalter, desto schwieriger werden die pädagogischen Aufgaben. Die Bewältigung der ersten vier Klassen ist weit schwieriger als die Bewältigung der neunten bis zur zwölften Klasse. Und geht man gar zurück bis zu der Erziehung der Jüngsten, so muß man folgendes bedenken: Will man dafür irgend etwas schulmäßig einrichten, dann ist das von einer ungeheuren pädagogischen Schwierigkeit, denn man kann ja eigentlich nur etwas schaffen, was nicht organisch ist. Man muß eine Art Surrogat schaffen. Denn eigentlich gehört die Erziehung des Kindes bis zum sechsten oder siebenten Lebensjahr durchaus ins Elternhaus. Da sind die Bemerkungen, die der Herr vorhin gemacht hat, außerordentlich richtig. Sie stellen im eminentesten Sinne dasjenige dar, was heute die pädagogische Frage verbindet mit einer großen sozialen Frage. Da segeln wir dann sofort hinein in eine überaus weite soziale Frage bei der Erziehung der kleinen Kinder, denn da beginnt die Frage eine Frage der sozialen Lage der Eltern und so weiter zu sein. So daß also dieses Problem nicht allein pädagogisch gelöst werden kann, sondern es mündet durchaus ein in ein soziales Problem.
[ 66 ] Dr. Steiner: I would like to begin by saying just a few words regarding the question of the education of very young children. There is, of course, no need for me to say very much about this today, since the subject will naturally be touched upon in the course of the lectures, and it is better to address these essentially pedagogical and methodological questions in context. I would just like to say this much: The education of very young children up to the age of seven is, of course, something that is of extraordinary concern to anyone who takes on a task such as that of the Waldorf School. Due to external circumstances, we began with the age that is referred to in Germany as the “school-age,” that is, with a school for children aged six or seven and up. And I must admit that when one attempts, building on such foundations, to contribute to the advancement of pedagogy—as has been the case with the Waldorf School—it entails an extraordinarily extensive undertaking. We began with eight classes, with children between the ages of six and fourteen, and have added one class each year since 1919, so that we now have twelve classes. So we have children between the ages of six and seventeen or eighteen; we want to bring these children—well, we no longer refer to them as “children” at this age—so let’s say we want to bring these young ladies and gentlemen to the point where they can attend a university or other institution of higher education. We have had to set this task for ourselves over the past four to five years. It was truly a task that took up a great deal of time. For what one can convey in a speech on these matters are, after all, more or less general principles. What really matters is the daily, hourly practice of teaching and educating, and there is sometimes an extraordinary amount to do. The question of a kindergarten has also come up several times. Up until now, with a new class being established every year, I’ve simply had to put the question of a kindergarten on hold for the simple reason that it would have been impossible to master the pedagogical challenge of properly organizing each new class—that is, a ninth, tenth, eleventh, and twelfth grade—from a pedagogical standpoint, while also moving forward. One must not form a mental image of one being able to accomplish anything with general, amateurish principles; on the contrary, the younger the children are, the more difficult the educational tasks become. Managing the first four grades is far more difficult than managing the ninth through twelfth grades. And if one goes all the way back to the education of the youngest children, one must consider the following: If one wishes to establish anything school-like for this purpose, it presents an immense pedagogical difficulty, for one can really only create something that is not organic. One must create a kind of surrogate. For in reality, the education of a child up to the age of six or seven belongs entirely within the family home. In this regard, the remarks the gentleman made earlier are extraordinarily accurate. They represent, in the most eminent sense, what today links the educational question to a major social issue. This immediately leads us into an exceedingly broad social issue regarding the education of young children, for there the question begins to concern the social circumstances of the parents and so on. Thus, this problem cannot be solved solely through educational means; rather, it undoubtedly leads to a social problem.
[ 67 ] Was aber nun die andere, damit verknüpfte Frage betrifft, daß man ja natürlich nicht bloße Musterkinder hat, sondern auch Kinder, die unter Umständen, so wie man es beurteilt, recht schlimme Eigenschaften in sich haben, so möchte ich das Folgende bemerken. Gewiß, man bekommt ja die Kinder mit diesen schlimmen Eigenschaften in die Schule herein, aber da hat man eben gerade seine Menschenkenntnis, seine wirkliche methodische Menschenkenntnis in Kraft zu setzen. Sie müssen nur bedenken, eine sogenannte schlimme Eigenschaft eines Kindes, die sich herausgebildet hat, sagen wir bis zum siebenten Jahre, ist nicht immer im absoluten Sinne ein schlimme Eigenschaft. Gar manche vielleicht bis zur Genialität reichende Fähigkeit im späteren Lebensalter führt ganz organisch zurück zu einer sogenannten schlimmen Eigenschaft, die man hatte mit zwei, drei, vier Jahren. Eine Eigenschaft, ich will gleich eine der schlimmsten Eigenschaften nennen, die Grausamkeit, die beim Kinde hervortreten kann, diese Grausamkeit, die man bemerkt, wenn man das Kind in die Schule hereinbekommt, die kann man in der Tat zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre nach der einen oder nach der anderen Richtung bewältigen, wenn man pädagogisch tüchtig genug ist dazu. Diejenigen Impulse des Menschen, die in der Grausamkeit liegen, können unter Umständen so gewendet werden, daß sie die Antriebe zu etwas Allerbestem werden. Gerade da handelt es sich darum, jene Kunst üben zu können, die mit den Eigenschaften, welche das Kind entwickelt von der Geburt bis zum siebenten Lebensjahre, das eine oder das andere machen kann. Man kann sogenannte schlimme Eigenschaften, wenn ich mich so ausdrücken darf, umbiegen, so daß sie gerade Energie, bestimmt gerichtete Energie und so weiter geben.
[ 67 ] But as for the other, related question—namely, that of course we do not have only model students, but also children who, depending on the circumstances and one’s judgment, may possess quite bad traits—I would like to make the following observation. Certainly, children with these “bad” traits do enter school, but that is precisely when one must put one’s knowledge of human nature—one’s genuine, methodical understanding of human nature—into practice. You need only consider that a so-called “bad” trait in a child, one that has developed, say, by the age of seven, is not always a “bad” trait in the absolute sense. Quite a few abilities—some of which may even reach the level of genius in later life—can be traced back quite naturally to a so-called “bad trait” that the child had at the age of two, three, or four. Take one trait—I’ll name one of the worst right away: cruelty, which can manifest in a child. This cruelty, which one notices when the child starts school, can in fact be channeled in one direction or another between the ages of seven and fourteen, provided one is pedagogically competent enough to do so. Those human impulses that lie in cruelty can, under certain circumstances, be redirected so that they become the driving forces behind something truly good. This is precisely where the ability to practice that art comes into play—the art of shaping the traits that a child develops from birth to the age of seven in one way or another. One can, if I may put it that way, redirect so-called “bad” traits so that they provide energy—specifically directed energy—and so on.
[ 68 ] Nur das will ich im Augenblick bemerken, denn wie gesagt, über das, was eigentlich in Betracht kommt für das Kind von der Geburt bis zum siebenten Lebensjahr, will ich dann im Zusammenhang meiner Vorträge sprechen.
[ 68 ] That is all I wish to note at the moment, for, as I said, I intend to discuss what is actually relevant for the child from birth to the age of seven in the context of my lectures.
[ 69 ] Das andere, was ich noch berühren möchte, ist die Frage, wie es steht mit unseren Beziehungen zu den Behörden, zu der Schulaufsicht? Da darf ja wohl gesagt werden, daß es eigentlich schon eine tiefere Bedeutung hat, daß die Waldorfschule gerade in Württemberg ist; denn Württemberg hatte, bevor die neuen Einrichtungen getroffen worden sind — die wurden ja erst getroffen durch die Nationalversammlung nach der Begründung der Waldorfschule —, Württemberg hatte ein ganz selten freies Schulgesetz, was in den wenigsten Gegenden, die sich sonst, äußerlich betrachtet, viel liberaler ausnehmen, noch möglich war. Es war so, daß ich zum Beispiel persönlich einfach die Lehrer nach meinem persönlichen Urteil anstellen konnte, unbesehen daraufhin, ob sie irgendein staatliches Examen hatten oder nicht. Das war nur durch das freie Schulgesetz in Württemberg möglich. Es ist in der Tat, ich möchte sagen, ein Ausschnitt in der Welt dagewesen in Württemberg, indem man eine im eminentesten Sinne freie Schule eben hinstellen konnte. Denn was die allgemeine staatliche Unterstellung betrifft, so konnte folgendes gemacht werden, und in dieser Beziehung kam uns tatsächlich mit tiefem Verständnis die württembergische Behörde entgegen: zugrunde liegen mußte die Erkenntnis des Menschen. Meine Vorträge in den nächsten Tagen werden zeigen, wie eine wirkliche Menschenerkenntnis vom Menschen den Lehrplan ablesen läßt. Man weiß einfach, je nachdem der Mensch sich entwickelt, im siebenten, achten Jahre und so weiter, ich möchte sagen nicht nur von Jahr zu Jahr, sondern von Monat zu Monat dasjenige, was man an den Menschen heranbringen kann.
[ 69 ] The other point I would like to touch on is the question of our relationship with the authorities, specifically the school supervisory board. It is fair to say that there is actually a deeper significance to the fact that the Waldorf School is located in Württemberg; because before the new regulations were enacted—which were, after all, only enacted by the National Assembly following the founding of the Waldorf School—Württemberg had a school law that granted an exceptionally high degree of freedom, something that was still possible in very few regions that, viewed from the outside, otherwise appeared much more liberal. It was the case, for example, that I personally could simply hire teachers based on my own judgment, regardless of whether they had passed any state examination or not. That was only possible because of the free school law in Württemberg. In fact, I would say that Württemberg represented a unique exception in the world, where it was possible to establish a school that was free in the most eminent sense of the word. For as far as general state oversight was concerned, the following could be done, and in this regard the Württemberg authorities indeed met us with deep understanding: the foundation had to be an understanding of the human being. My lectures over the next few days will show how a genuine understanding of the human being allows one to derive the curriculum from the human being itself. One simply knows, depending on how the human being develops—in the seventh, eighth year, and so on—I would say not only from year to year, but from month to month—what one can offer the human being.
[ 70 ] Nun, mit dem stimmt ja der äußere Lehrplan meistens nicht; aber ich konnte nun die Möglichkeit gewinnen, der württembergischen Schulbehörde ein Memorandum vorzulegen gleich bei der Gründungsversammlung der Waldorfschule. In diesem Memorandum führte ich aus, daß man natürlich einen bestimmten Spielraum haben muß, innerhalb dessen man ganz und gar nur sich richtet nach dem, was man aus der Menschennatur heraus methodisch für richtig hält. Und so sagte ich: ich möchte haben von dem Eintritt in die Schule bis zum neunten Lebensjahre, für die drei ersten Klassen freien Spielraum, den Lehrplan einzurichten und die Methoden wie sie sind; aber daß nun mit dem neunten Lebensjahr das Kind in der Lage ist, in die vierte Klasse einer jeden anderen Schule überzutreten. Dann wiederum ist ein freier Spielraum nötig zwischen dem neunten und zwölften Lebensjahre; dazwischen kann in den Klassen die Einteilung gemacht werden, wie wir es für richtig halten. Mit dem zwölften Jahre kann das Kind wiederum übertreten in die entsprechende Klasse einer gewöhnlichen Schule. Und so auch mit dem vollendeten vierzehnten Jahre. Und von da ab ist dann keine staatliche Aufsicht mehr, sondern nur die äußere Forderung, daß, wenn die betreffenden Leute in die Hochschule eintreten, sie ihr Examen machen müssen. So konnte von allem Anfang an durchaus ein Modus gefunden werden - allerdings ein Kompromiß, aber wo gibt es heute etwas anderes als Kompromisse? Nicht mit Kompromissen wird man erst arbeiten können, wenn ein allgemeines Verständnis für die Waldorfschule gefunden sein wird. Also es ist durchaus möglich gewesen, einen möglichst großen Spielraum zu gewinnen gegenüber den Behörden.
[ 70 ] Well, the official curriculum usually doesn’t align with that; but I was able to seize the opportunity to submit a memorandum to the Württemberg school authorities right at the founding meeting of the Waldorf School. In this memorandum, I explained that one must, of course, have a certain degree of leeway within which one can guide oneself entirely by what one methodically considers to be right based on human nature. And so I said: From the time a child enters school until the age of nine, I would like to have the freedom, for the first three grades, to organize the curriculum and use the methods as we see fit; but that by the age of nine, the child should be in a position to transfer to the fourth grade of any other school. Then, again, a degree of flexibility is necessary between the ages of nine and twelve; during this period, classes can be organized as we deem appropriate. At age twelve, the child can again transfer to the corresponding grade in a conventional school. And the same applies upon reaching the age of fourteen. From that point on, there is no longer any state supervision, but only the external requirement that, if the students in question enter higher education, they must pass their exams. Thus, from the very beginning, a solution could certainly be found—admittedly a compromise, but where today is there anything other than compromises? We will only be able to work with compromises once a general understanding of the Waldorf School has been established. So it has certainly been possible to gain as much leeway as possible with the authorities.
[ 71 ] Im übrigen kann nur gesagt werden, daß ich eigentlich mit all der Art und Weise, wie die Behörden inspizierend und so weiter uns entgegengekommen sind, außerordentlich zufrieden sein kann. Ich könnte eigentlich nichts Besseres nach dieser Richtung wünschen. Die Waldorfschule konnte sich bisher gegenüber den bestehenden Schulbehörden in außerordentlich freier Weise entwickeln.
[ 71 ] Incidentally, I can only say that I am actually extremely satisfied with the way the authorities—through their inspections and so on—have accommodated us. I really couldn’t ask for anything better in this regard. The Waldorf School has so far been able to develop with extraordinary freedom in relation to the existing school authorities.
[ 72 ] Es wird Schwierigkeiten geben, wenn die jungen Menschen übertreten sollen in die Hochschule; da müssen sie eben ihre Examina bestehen, und das weiß man ja, wie es bei Prüfungen eben sein kann, wieviel da von dem sogenannten Glück und so weiter abhängen kann. Aber die Waldorfschule konnte sich durchaus als eine freie Schule nach dieser Richtung hin entwickeln, und man kann sagen, daß ein bestimmtes großes Interesse ihr eigentlich gerade von den Schulbehörden entgegengebracht wurde. Wir dürfen uns also nach dieser Richtung eigentlich durchaus nicht beklagen. Das muß betont werden. Nur selbstverständlich, es droht uns ja das, daß, je weiter die Menschheit im Fortschritt vorrückt, nach dem Stile, der nun einmal jetzt in dem Chaos Sitte geworden ist, daß unfreiere Zustände kommen, in die wir hineinsegeln. Also es kann ja natürlich durchaus unter dem kommenden neuen Grundschulgesetz sein, daß uns einmal Schwierigkeiten gemacht werden. Bis jetzt war das durchaus nicht der Fall.
[ 72 ] There will be difficulties when young people are to transition to college; they simply have to pass their exams, and we all know how exams can be—how much can depend on so-called luck and so on. But the Waldorf School was certainly able to develop as a free school along these lines, and it can be said that the school authorities actually showed a great deal of interest in it. So we really have no reason to complain in this regard. That must be emphasized. Of course, there is a danger that, the further humanity advances—in the manner that has now become customary amid the chaos—the more we will find ourselves sailing into less free conditions. So it is certainly possible that, under the upcoming new elementary school law, we may one day face difficulties. Until now, that has certainly not been the case.
[ 73 ] Das ist dasjenige, was ich gerade mit Bezug auf unser Verhältnis zu den gesetzlichen Behörden, das also vorläufig das denkbar beste ist, doch sagen möchte.
[ 73 ] That is precisely what I would like to say regarding our relationship with the legal authorities, which is, for the time being, the best possible.
