Contemporary Intellectual Life and Education
GA 307
16 August 1923, Ilkley
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Contemporary Intellectual Life and Education, tr. SOL
Zwölfter Vortrag
Twelfth Lecture
[ 1 ] Im Unterricht und in der Erziehung hat man nach zwei Seiten hinzusehen. Die eine Seite ist diejenige, welche sich nach den Gegenständen, Objekten richtet, die man in der Schule zu behandeln hat; die andere Seite aber ist die, welche sich nach dem Kinde selber richtet und in einer, aus wirklicher Menschenbeobachtung hervorgegangenen Weise die einzelnen Fähigkeiten des Kindes entwickelt.
[ 1 ] In teaching and education, one must consider two aspects. One aspect focuses on the subjects and topics to be covered in school; the other, however, focuses on the child itself and develops the child’s individual abilities in a way that stems from genuine observation of human behavior.
[ 2 ] In dieser Beziehung wird, wenn so vorgegangen wird, wie das in den letzten Tagen hier auseinandergesetzt wurde, auch in jedem Lebensalter immer richtig an die richtige kindliche Fähigkeit appelliert. Eine besondere Beachtung aber ist dem Gedächtnis des Kindes, dem Erinnerungsvermögen beizumessen. Wir müssen uns ja klar darüber sein, daß in dieser Beziehung aus einer mangelhaften Menschenkenntnis heraus in früherer Zeit zuviel an Gedächtnisbelastung getan worden ist. Dadurch ist wiederum in einer ähnlichen Weise, wie das gestern schon in einem anderen Falle von mir betont worden ist, das andere Extrem entstanden. Man will das Gedächtnis im neueren Unterricht fast ganz ausschalten.
[ 2 ] In this regard, if we proceed as has been discussed here in recent days, we will always be appealing to the appropriate childlike abilities at every stage of life. Particular attention, however, must be given to the child’s memory and ability to recall. We must be clear that, in this regard, a lack of understanding of human nature in the past led to an excessive strain on children’s memories. This, in turn, has given rise to the opposite extreme, in a manner similar to what I emphasized yesterday in another context. In modern teaching, there is a tendency to almost completely eliminate the use of memory.
[ 3 ] Beides aber, sowohl die zu geringe wie die zu starke Belastung des Gedächtnisses, ist in der Erziehung vom Übel. Es handelt sich darum, daß in dem kindlichen Lebensalter bis zum Zahnwechsel hin, also gerade bis in diejenige Zeit, in der das Kind in die Schule geschickt wird, das Gedächtnis ganz allein sich selbst überlassen bleiben muß.
[ 3 ] However, both an insufficient and an excessive strain on memory are detrimental in education. The point is that during childhood, up until the child loses its baby teeth—that is, right up until the time the child is sent to school—memory must be left entirely to its own devices.
[ 4 ] In dieser Zeit wirken ja, wie wir gesehen haben, im Einklange miteinander physischer Leib, Äther- oder Bildekräfteleib, astralischer Leib und Ich-Organisation. Und die Art und Weise, wie das Kind nachahmend alles in sich ausbildet, was es unbewußt in seiner Umgebung beobachten kann, wirkt auch so, daß bis in den physischen Leib hinein diejenigen Kräfte sich entwickeln, welche die Gedächtnis-, die Erinnerungskraft am besten zur Entfaltung kommen lassen, so daß man in diesen Jahren eigentlich das Kind mit Bezug auf die Gedächtnisentwickelung ganz sich selbst überlassen muß.
[ 4 ] As we have seen, during this period the physical body, the etheric or formative body, the astral body, and the ego-organization all work in harmony with one another. And the way in which the child imitates and develops within itself everything it can unconsciously observe in its surroundings also has the effect of fostering, right down into the physical body, those forces that best allow the power of memory and recollection to unfold; thus, during these years, one must actually leave the child entirely to its own devices with regard to the development of memory.
[ 5 ] Dagegen vom Zahnwechsel ab, wo das Seelisch-Geistige in einer gewissen Weise vom Leiblichen emanzipiert wird, ist eine regelrechte methodische Behandlung gerade des Gedächtnisses von der allergrößten Wichtigkeit. Denn seien wir uns nur darüber klar: das Gedächtnis muß das ganze Leben des Menschen hindurch den physischen Körper in Anspruch nehmen. Ohne einen allseitig entwickelten physischen Leib ist das Gedächtnis des Menschen irgendwie auch unterbrochen. Man weiß ja auch schon in derjenigen Menschenkunde, die heute an den Laien herandringt, daß diese oder jene Verletzung des Gehirnes sofort irgendwelche Gedächtnisdefekte hervorbringt.
[ 5 ] On the other hand, starting with the change of teeth—when the soul-spiritual aspect is, in a certain sense, emancipated from the physical—a systematic, methodical approach specifically to memory is of the utmost importance. For let us be clear about this: memory must engage the physical body throughout a person’s entire life. Without a fully developed physical body, a person’s memory is, in a sense, also disrupted. Even in the field of human science accessible to the layperson today, it is well known that this or that injury to the brain immediately causes some form of memory impairment.
[ 6 ] Aber beim Kinde hat man nicht etwa bloß darauf zu sehen, wo sich irgendein Seelisches in die Krankheit hinein entlädt, sondern man hat auch die kleinen intimen Wirkungen des Seelisch-Geistigen auf das Körperliche als Pädagoge stets ins Auge zu fassen. So daß also eine unrichtige Gedächtnisentwickelung bis in den physischen Körper hinein das Kind für das ganze Erdenleben beeinträchtigt.
[ 6 ] But with a child, one must not merely observe where some aspect of the soul manifests itself in the illness; rather, as an educator, one must always keep in mind the subtle, intimate effects of the soul and spirit on the physical body. Thus, an improper development of memory that extends into the physical body impairs the child for its entire earthly life.
[ 7 ] Nun handelt es sich darum: wie kommen wir zu einer richtigen Gedächtnisentwickelung? Da müssen wir uns vor allen Dingen darüber klar sein, daß abstrakte Begriffe, Begriffe, die rationalistisch, intellektualistisch gebildet werden, das Gedächtnis immer belasten, gerade in dem Lebensalter am meisten belasten, das zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife liegt, daß Anschauungen, die in der Weise lebendig an das Kind herangebracht werden, wie ich es geschildert habe, plastisch-malerische Anschauungen, die wir im künstlerischen Unterrichtsbetrieb an das Kind heranbringen, auch in lebendiger Weise diejenigen Kräfte aufrufen, die bis in den physischen Körper hinein das Gedächtnis in der richtigen Weise zur Entfaltung kommen lassen. Das ist die beste Unterlage für eine richtige Gedächtnisentwickelung: künstlerisch den ganzen Unterricht zu gestalten gerade im Elementarschulzeitalter.
[ 7 ] The question now is: How do we achieve proper memory development? Above all, we must be clear that abstract concepts—concepts formed in a rationalistic, intellectualistic manner—always place a strain on memory, and do so most heavily during the period of life between the loss of baby teeth and sexual maturity; whereas visualizations presented to the child in a lively manner, as I have described—vivid -pictorial concepts—which we introduce to the child through artistic instruction—also vividly call upon those forces that allow memory to unfold properly, extending even into the physical body. This is the best foundation for proper memory development: structuring the entire curriculum artistically, especially during the elementary school years.
[ 8 ] Aus der Kunst, aus einer richtigen Behandlung der Kunst geht nun aber auch immer die richtige Behandlung der körperlichen Bewegungsfähigkeit hervor. Dann aber, wenn wir das Kind selber sich künstlerisch betätigen lassen, wenn wir in der Lage sind, das Kind selbst künstlerisch in Regsamkeit, in Tätigkeit zu bringen, so daß wir also bei dem, was das Kind tut während des Mallebens, während des Schreiblebens, während des Zeichnenlebens, während des musikalischen Unterrichtes, immer das Körperliche zugleich mit dem Geistigen in Tätigkeit bringen — wie das bei der Eurythmie geschieht, werde ich morgen an der Hand der Figuren hier zu erklären haben -, dann werden wir dasjenige, was von der seelischen Ausbildung in den physischen Leib für das Gedächtnis hineinkommen muß, in der richtigen Weise entwickeln. Wir dürfen auch nicht glauben, daß die völlige Ausschaltung des Gedächtnisses oder die mangelhafte Behandlung des Gedächtnisses irgendwie dem Kinde förderlich sein könnten.
[ 8 ] However, the proper treatment of art—that is, a correct approach to art—always leads to the proper development of physical motor skills. But when we allow the child to engage in artistic activity on their own—when we are able to stimulate the child’s artistic activity and initiative—so that, in everything the child does during painting, writing, drawing, and music lessons, we always engage the physical alongside the spiritual — as happens in eurythmy, which I will explain tomorrow using the figures here — then we will develop in the proper way that which, from the soul’s development, must enter the physical body for the sake of memory. Nor should we believe that the complete suppression of memory or the inadequate cultivation of memory could in any way be beneficial to the child.
[ 9 ] Wenn wir die drei Grundsätze festhalten: Begriffe belasten das Gedächtnis; Anschaulich-Künstlerisches bildet das Gedächtnis; Willensanstrengung, Willensbetätigung befestigt das Gedächtnis —, dann haben wir die drei goldenen Regeln für die Gedächtnisentwickelung.
[ 9 ] If we keep these three principles in mind—concepts burden the memory; vivid, artistic imagery shapes the memory; and mental effort and the exercise of will strengthen the memory—then we have the three golden rules for developing memory.
[ 10 ] Wir können diese drei goldenen Regeln ganz besonders dadurch anwenden, daß wir dann den Unterricht in der Naturkunde, in der Geschichte, den wir so leiten, wie ich es in diesen Tagen angedeutet habe, zur Ausbildung des Gedächtnisses benützen. Auch der rechnerische Unterricht ist durchaus zur Ausbildung des Gedächtnisses zu benützen. Es ist das so, daß wir immer beginnen sollen im Rechnen mit dem künstlerischen Verstehen der Dinge, wie es in diesen Tagen gezeigt worden ist.
[ 10 ] We can apply these three golden rules in a very special way by using the lessons in natural history and history—which we conduct as I have indicated in recent days—to train the memory. Math lessons, too, can certainly be used to train the memory. The fact is that we should always begin arithmetic with an artistic understanding of things, as has been demonstrated in recent days.
[ 11 ] Aber wenn wir wirklich dafür gesorgt haben, daß das Einfachere, sagen wir, die Zahlen bis zehn oder meinetwillen bis zwanzig in ihrer Handhabung bei den Rechnungsoperationen durchschaut worden sind, dann brauchen wir nicht davor zurückzuschrecken, das übrige gedächtnismäßig an das Kind herankommen zu lassen. Und wir sollen das Kind ebensowenig wie mit Gedächtnismaterial mit zu weit getriebener Anschaulichkeit überlasten. Denn Begriffe, die zu weit ins Komplizierte hineingetrieben werden, die belasten das Gedächtnis. So daß wir gerade in bezug auf die Gedächtnisentwickelung sorgfältig hinschauen müssen, wie es sich bei dem einzelnen Kinde macht.
[ 11 ] But if we have truly ensured that the simpler concepts—say, numbers up to ten, or up to twenty if you will—have been thoroughly understood in terms of their use in arithmetic operations, then we need not shy away from introducing the rest to the child through memorization. Nor should we overload the child with overly elaborate visual aids, just as we should not overload them with material to be memorized. For concepts that are pushed too far into the realm of complexity place a burden on the memory. Therefore, particularly with regard to the development of memory, we must carefully observe how each individual child is progressing.
[ 12 ] Und hier sieht man, wie notwendig es ist für den Lehrer und den Erzieher, etwas von der Art und Weise zu verstehen, wie der ganze Mensch für Gesundheits- und für Krankheitstendenzen arbeitet. In dieser Beziehung kann man gerade heute die merkwürdigsten Erfahrungen machen.
[ 12 ] And here we see how essential it is for teachers and educators to understand something of the way in which the whole human being functions in relation to tendencies toward health and illness. In this regard, one can have the most remarkable experiences, especially today.
[ 13 ] Unsere Waldorfschule wurde einmal besucht von einem Herrn, der mit seinem Denken ganz im Unterrichtswesen, im Erziehungswesen drinnen stand. Ich versuchte, ihm den ganzen Geist, aus dem in der Waldorfschule gewirkt wird, auseinanderzusetzen, und als er eine Weile sich das angehört und angesehen hatte, sagte er: Ja, aber dann müßten ja die Lehrer viel von Medizin verstehen! — Er betrachtete es von vornherein als eine Unmöglichkeit, daß die Lehrer so viel von Medizin verstehen könnten, als für den Geist eines solchen Unterrichts nötig ist. Ich sagte zu ihm: Wenn das eben aus der Natur des Menschen hervorgeht, so muß so viel medizinischer Unterricht, als für die Schule eben nötig ist, den Gegenstand jeder Lehrerseminarbildung bilden. — Das ist ganz zweifellos, wir dürfen niemals sagen, wir überlassen dasjenige, was sich auf die Gesundheit bezieht, dem Schularzte.
[ 13 ] Our Waldorf School was once visited by a gentleman whose thinking was entirely focused on the field of education and teaching. I tried to explain to him the whole spirit that animates the Waldorf school, and after he had listened and observed for a while, he said: “Yes, but then the teachers would have to know a great deal about medicine!” — From the outset, he considered it impossible for teachers to know as much about medicine as is necessary for the spirit of such instruction. I said to him: “If this arises from human nature, then the amount of medical instruction necessary for the school must form the subject matter of every teacher training program.” — “That is beyond doubt; we must never say that we leave matters relating to health to the school physician.”
[ 14 ] Ich betrachte es als ein ganz besonderes Glück der Waldorfschule, daß wir den eigentlichen Schularzt im Lehrerkollegium selber drinnen haben, daß er mit im Lehrerkollegium ist. Dr. Kolisko, der das Gesundheitliche fachmännisch betreibt, ist Arzt und steht im Lehrerkollegium zugleich lehrend darinnen. So daß in dieser Beziehung alles dasjenige, was sich auf das Körperliche der Kinder bezieht, in völligem Einklange mit allem Unterrichten und Erziehen betrieben werden kann.
[ 14 ] I consider it a very special blessing for the Waldorf School that we have the school physician himself as a member of the teaching staff, that he is part of the teaching staff. Dr. Kolisko, who expertly oversees health matters, is a physician and also serves as a teacher within the faculty. Thus, in this regard, everything pertaining to the children’s physical well-being can be carried out in complete harmony with all teaching and educational activities.
[ 15 ] Und das ist zum Schluß dasjenige, was notwendig ist: es muß in unsere Lehrerbildung eine Entwickelung hineinkommen, die aufnimmt, was sich auf Gesundheit und Krankheit des Kindes bezieht. Ein Lehrer bemerkt - ich will ein Beispiel anführen -, daß ein Kind immer mehr und mehr blaß wird. Ein anderes Kind verändert seine Farbe dadurch, daß es auffallend gerötet wird. Man bemerkt dann, wenn man richtig beobachtet, daß das gerötete Kind zugleich unruhig, jähzornig wird. Man muß eine solche Erscheinung in der richtigen Weise auf das Geistig-Seelische beziehen können. Man muß wissen, daß das Blaßwerden in abnormer Weise, wenn es sich auch nur in der Tendenz zeigt, von einer zu starken Berücksichtigung des Gedächtnisses herkommt. Das Gedächtnis beim blaßgewordenen Kinde ist zu stark belastet worden. Man muß also Einhalt tun gerade mit der Gedächtnisbelastung. Bei dem geröteten Kinde hat man das Gedächtnis zu wenig in Anspruch genommen. Da muß man dafür sorgen, daß es die Aufgabe bekommt, das oder jenes als Gedächtnisstoff aufzunehmen und wiederum zu zeigen, daß es die Sache behalten hat. Wir müssen also ein Kind, das uns blaß wird, gedächtnismäßig entlasten; ein Kind, das uns gerötet wird, müssen wir gerade nach der Richtung des Gedächtnisses hin sich entfalten lassen.
[ 15 ] And finally, this is what is necessary: our teacher training must evolve to incorporate aspects related to children’s health and illness. A teacher notices—let me give an example—that a child is becoming paler and paler. Another child’s complexion changes in such a way that the child becomes noticeably flushed. If one observes carefully, one notices that the flushed child simultaneously becomes restless and quick-tempered. One must be able to relate such a phenomenon correctly to the spiritual-soul aspect. One must know that becoming abnormally pale—even if it is only a tendency—stems from an excessive emphasis on memory. The memory of the child who has turned pale has been overburdened. One must therefore put a stop to this overburdening of the memory. In the case of the flushed child, too little demand has been placed on the memory. In such cases, one must ensure that the child is given the task of taking in this or that as material for memory and then demonstrating that it has retained the information. We must therefore relieve the memory load of a child who turns pale; a child who turns red, on the other hand, must be allowed to develop in the direction of memory.
[ 16 ] Nur dadurch, daß wir in einer so eingehenden Weise Seelisch-Geistiges im Einklang mit dem Physischen behandeln können, kommen wir in der rechten Weise an den ganzen Menschen heran. So wird auch der Mensch in unserer Waldorfschule als werdender Mensch, als Kind, nach seinen geistig-seelisch-körperlichen Anlagen, insbesondere nach den Temperamentsanlagen, behandelt.
[ 16 ] Only by treating the soul and spirit in such a thorough manner, in harmony with the physical, can we approach the whole human being in the right way. Thus, in our Waldorf school, the child is treated as a developing human being—as a child—according to his or her spiritual, soul, and physical dispositions, particularly according to his or her temperamental dispositions.
[ 17 ] Wir setzen schon in der Schule die Kinder so, daß sie in der richtigen Weise untereinander ihr cholerisches, ihr sanguinisches, ihr melancholisches oder ihr phlegmatisches Temperament zur Wirkung kommen lassen. Wenn man die Choleriker zusammensetzt, dann schleifen sie sich am allerbesten aneinander ab; ebenso die Melancholiker. Nur muß man in der richtigen Weise diese Temperamente bei den Kindern beobachten können. Diese Temperamentsbehandlung geht dann wiederum bis tief in die körperliche Entwickelung hinein.
[ 17 ] Even in school, we seat the children in such a way that their choleric, sanguine, melancholic, or phlegmatic temperaments can interact with one another in the right way. When choleric children are seated together, they balance each other out best; the same is true for melancholic children. However, one must be able to observe these temperaments in children correctly. This approach to temperaments, in turn, extends deep into physical development.
[ 18 ] Man nehme an, man habe ein sanguinisches Kind, ein Kind, das unaufmerksam ist für dasjenige, was es aufnehmen soll, das dagegen jedem möglichen äußeren Eindruck sogleich hingegeben ist, aber ihn auch sehr schnell wiederum aus seiner Seele verschwinden läßt. Dieses sanguinische Kind können wir dadurch in der richtigen Weise behandeln, daß wir darauf sehen, daß seinen Speisen möglichst Zucker entzogen wird; natürlich nicht in einer ungesunden Weise, aber in dem Maße, in dem wir richtig die Speisen, die wir dem Kinde verabreichen, weniger zuckern, in dem Maße wird auch das Sanguinische zurückgehen und ein harmonischeres Temperament sich an die Stelle setzen.
[ 18 ] Suppose we have a sanguine child—a child who is inattentive to what he is supposed to take in, yet who is immediately receptive to every possible external impression, only to let it vanish from his soul just as quickly. We can treat this sanguine child properly by ensuring that sugar is removed from their food as much as possible; not, of course, in an unhealthy way, but to the extent that we correctly reduce the amount of sugar in the food we give the child, to that extent will the sanguine disposition recede and a more harmonious temperament take its place.
[ 19 ] Haben wir ein melancholisches Kind, ein Kind, das leicht brütet, dann ist das Umgekehrte notwendig: dann müssen wir mehr Süße den Speisen zusetzen.
[ 19 ] If we have a melancholic child, a child who tends to brood, then the opposite is necessary: we must add more sweetness to their food.
[ 20 ] Auf diese Weise wirkt man hinein bis in die physische Organisation der Leber. Denn je nachdem der Mensch mehr oder weniger Zuckergenuß hat, entwickelt sich die Lebertätigkeit ganz anders. Alles dasjenige, was man im Äußeren tut, wirkt bis tief in die physische Organisation des Menschen hinein.
[ 20 ] In this way, one influences the physical structure of the liver. For depending on whether a person consumes more or less sugar, liver function develops quite differently. Everything one does externally has a profound effect on the physical structure of the human body.
[ 21 ] In dieser Beziehung sehen wir in der Waldorfschule außerordentlich stark darauf, daß ein inniger Kontakt besteht zwischen der Lehrerschaft und den Eltern. Natürlich ist das immer je nach dem Verständnis der Eltern nur bis zu einem gewissen Grade zu erreichen, aber wir sehen darauf, daß es soweit als möglich gehen könne; so daß in der Tat die Eltern sich verständnisvoll an den betreffenden Klassenlehrer wenden, und dieser ihnen auch Auskünfte darüber geben kann, wie individuell, für das Kind angemessen, die Diät zu besorgen ist. Denn das ist etwas, was in derselben Weise wichtig ist wie das, was man im Klassenzimmer tut.
[ 21 ] In this regard, we place extraordinary emphasis in Waldorf schools on maintaining a close relationship between the teaching staff and the parents. Of course, depending on the parents’ understanding, this can only be achieved to a certain extent, but we strive to ensure that it goes as far as possible; so that parents can indeed turn to the respective class teacher with understanding, and the teacher can also provide them with information on how to tailor the child’s diet to their individual needs. For this is just as important as what takes place in the classroom.
[ 22 ] Sie können natürlich nicht einem Kinde, das keine Hände hat, Klavierspielen beibringen. Es handelt sich nicht darum, daß man in materialistischer Weise glaubt, der Körper tue alles. Aber der Körper muß da sein als das geeignete Werkzeug. Und ebenso wie man einem Kinde mit fehlenden Händen nicht das Klavierspiel beibringen kann, ebensowenig kann man einem Kinde, das eine viel zu rege Lebertätigkeit hat, dadurch daß man seelisch nun alles Mögliche tut, was eine abstrakte Pädagogik glaubt tun zu können, die Melancholie wegbringen. Regelt man dagegen in der Diät die Lebertätigkeit durch Versüßen der Speisen, so hat das Kind die Möglichkeit, sich dieses körperlichen Organes als eines rechten Werkzeuges zu bedienen. Dann helfen erst die seelisch-geistigen Anordnungen, die man trifft.
[ 22 ] Of course, you cannot teach a child with no hands to play the piano. It is not a matter of believing, in a materialistic way, that the body does everything. But the body must be present as the appropriate tool. And just as one cannot teach a child without hands to play the piano, one cannot eliminate melancholy in a child whose liver activity is far too vigorous simply by doing everything possible on a psychological level—as an abstract pedagogy might believe it can do. If, on the other hand, one regulates liver function through diet by sweetening the food, the child has the opportunity to make use of this physical organ as a proper tool. Only then do the psychological and spiritual measures one takes actually help.
[ 23 ] Das ist eben immer zu berücksichtigen, daß man nun glauben kann, mit abstrakten Grundsätzen sehr viel reformierend in das Unterrichts- und Erziehungswesen hineinzuwirken. Was gut ist für den Unterricht, das wissen ja alle Leute; alle Leute wissen, wie man erziehen soll - aber wirklich erziehen zu können, das erfordert eben die Kenntnis des Menschen, die man nur Stück für Stück sich erwerben kann. Daher nützt jenes ausgezeichnete Wissen, wie man erziehen soll, das alle Leute haben - ich will es gar nicht anfechten, gar nicht bekritteln -, eben gar nichts. Und dieses Wissen, das kommt mir in der Regel so vor, als wenn jemand sagt: Ich möchte ein Haus gebaut haben. — Wie wollen Sie das Haus gebaut haben? — Ich will es so gebaut haben, daß es schön ist, daß es wetterbeständig, bequem ist. - Und jetzt soll man das Haus bauen. Ich soll zu einem Menschen gehen, der da weiß, das Haus muß schön, wetterbeständig, bequem sein, er soll es bauen. Das nützt gar nichts, daß man das weiß! Ungefähr soviel weiß man im allgemeinen auch von der allgemeinen Erziehungskunst, und damit will man reformieren.
[ 23 ] One must always bear in mind that one might believe it is possible to bring about significant reform in the fields of teaching and education through abstract principles. Everyone knows what’s good for teaching; everyone knows how to educate—but to truly be able to educate requires an understanding of human nature, which can only be acquired bit by bit. That is why all that excellent knowledge about how to educate—which everyone possesses—is, in my view, of absolutely no use. And this knowledge usually strikes me as if someone were to say: “I want to have a house built.” — “How do you want the house built?” — “I want it built so that it’s beautiful, weatherproof, and comfortable.” - And now the house is to be built. I’m supposed to go to someone who knows that the house must be beautiful, weatherproof, and comfortable, and have him build it. It’s of no use at all to know that! That’s about as much as people generally know about the art of education, and yet they want to use it to bring about reform.
[ 24 ] Man muß zum Baumeister gehen, der im einzelnen weiß, wie der Plan gemacht wird, wie Stein auf Stein gesetzt wird, wie dick ein Balken sein muß, auf dem eine Last ruht. Man muß im einzelnen wissen, wie der Mensch beschaffen ist, nicht im allgemeinen über den Menschen so reden, wie man über ein Haus redet, wenn man sagt: es muß schön, wetterbeständig und bequem sein.
[ 24 ] One must go to the master builder, who knows in detail how the plan is drawn up, how stone is laid upon stone, and how thick a beam must be to support a load. One must know in detail what makes a person tick; one cannot speak of people in general terms, the way one speaks of a house when one says: it must be beautiful, weatherproof, and comfortable.
[ 25 ] Das ist dasjenige, was zunächst einmal in die allgemeine Zivilisation hinein muß: Erziehungskunst ist etwas, was auch bis in die Einzelheiten hinein eine allerdings vergeistigte, aber doch eine Technik braucht. Wenn das in die allgemeine Zivilisation hineinkommt, dann wird es ein Segen sein für alle die so löblichen, so anerkennenswerten Reformbestrebungen, die gerade auf dem Gebiete des Erziehungs- und Unterrichtswesens sich heute so vielfach geltend machen.
[ 25 ] This is what must first and foremost find its way into general civilization: the art of education is something that, even down to the finest details, requires a technique that is certainly spiritual in nature, but a technique nonetheless. Once this becomes part of general civilization, it will be a blessing for all those commendable and worthy reform efforts that are currently making themselves felt so frequently, particularly in the field of education and instruction.
[ 26 ] Das Wichtige solcher Prinzipien zeigt sich gerade dann, wenn man auf die durchaus differenzierten Kinderindividualitäten hinschaut. In gewissen Zeiten hat sich ja in der Erziehung durch die Schule das Prinzip herausgebildet, Kinder, die nicht recht mitkamen in der einen oder anderen Klasse, sitzenzulassen, nicht hinaufrücken zu lassen in die nächste Klasse. Für eine Erziehung, die, wie ich auseinandergesetzt habe, so vorgeht, daß für jedes Lebensalter gerade das an das Kind herangebracht werden soll, was diesem Lebensalter entsprechend ist, für eine solche Erziehungskunst muß es eigentlich nach und nach etwas ganz Unmögliches werden, ein Kind in irgendeiner Klasse zurückzulassen; denn dadurch kommt es ja gerade aus dem Gange des Unterrichts und der Erziehung heraus, der dem Alter angemessen ist. In der Waldorfschule hat eben jede Klasse ihr besonderes Kindesalter. Lasse ich also einen Schüler oder eine Schülerin, die eigentlich aufrücken sollten von der dritten in die vierte Klasse, zurück in der dritten Klasse, dann kommt das Kind in seinem inneren Entwickelungsgang aus seinem Lebensalter heraus. Das ist daher etwas, was wir in der Waldorfschule, soviel es möglich ist, vermeiden. Nur in ganz ausnahmsweisen Fällen kann es bei uns vorkommen, daß irgendein Kind in einer Klasse zurückbleibt. Wir versuchen eben alles zu tun, um jede Kinderindividualität so zu behandeln, daß wir ein solches Zurückbleiben nicht nötig haben.
[ 26 ] The importance of such principles becomes particularly evident when one considers the highly differentiated individualities of children. At certain times, a principle has indeed emerged in school education whereby children who were not quite keeping up in one grade or another were held back and not allowed to move on to the next grade. For an educational approach that, as I have explained, proceeds in such a way that for each stage of life, the child is presented with exactly what is appropriate for that stage—for such an art of education—it must actually become, little by little, quite impossible to hold a child back in any grade; for this takes the child out of the course of instruction and education that is appropriate for their age. In the Waldorf school, each grade corresponds to a specific stage of childhood. So if I were to keep a student—who should actually be moving up from the third to the fourth grade—back in the third grade, the child would be taken out of the developmental phase appropriate to their age. That is therefore something we avoid as much as possible in the Waldorf school. Only in very exceptional cases does it happen here that a child is held back a grade. We simply try to do everything we can to treat each child’s individuality in such a way that holding them back is not necessary.
[ 27 ] Dazu ist allerdings ein anderes dann notwendig. Es gibt, wie Sie alle wissen, Kinder, die sich nicht normal entwickeln, die in irgendeiner Weise abnorm sind. Für solche Kinder haben wir nun eine Hilfsklasse errichtet. Diese Hilfsklasse, die ist uns, ich möchte sagen, ganz besonders ans Herz gewachsen. Da sind die intellektuell oder gefühlsmäßig oder willensgemäß schwächeren Kinder untergebracht. Irgendein Kind, das wir nicht haben können in der Klasse wegen seiner Schwäche in bezug auf irgendeine Seelenkraft, das wird dann in dieser Hilfsklasse untergebracht. Und eigentlich gehört es zu den erfreulichen Zuständen in der Waldorfschule, daß im Grunde genommen immer dann, wenn ein Kind aus der Normalklasse in die Hilfsklasse hinübergeführt werden muß, eine Art Wettstreit um das Kind entsteht in der Lehrerschaft, die ja sonst, wie Sie leicht begreifen können aus alledem, was ich auseinandersetzte, in der Waldorfschule nur in der Atmosphäre des tiefsten Friedens lebt; aber dann, wenn ein Kind aus einer Klasse einem Lehrer weggenommen werden soll, dann entsteht ein Wettstreit. Und es ist ein wahrer Ansturm auf unseren, für diese Hilfsklasse so außerordentlich segensreichen Dr. Schubert, dem diese Hilfsklasse anvertraut ist. Man will ihm keine Kinder übergeben, denn die Lehrer sind immer unglücklich, wenn ihnen ein Kind für diese Hilfsklasse des Dr. Schubert genommen werden soll. Die Kinder fühlen natürlich das auch als etwas, was ihnen gegen ihre Sympathien geht, wenn sie aus der Normalklasse herausrücken, ihre geliebte Lehrkraft verlassen und in die Hilfsklasse hinüberkommen sollen. Und nun ist es wiederum so segensreich, daß es gar nicht lange dauert, und das Kind, das in diese Hilfsklasse einrückt, bekommt den gerade für diese Hilfsklasse durch seinen Charakter, seine Temperamentseigenschaften, durch seine Liebefähigkeit so geeigneten Dr. Schubert so ungeheuer lieb, daß es nun wieder aus der Hilfsklasse nicht heraus will. Diese Zustände, die im wesentlichen durchaus die pädagogische Kunst zugleich auf Gesinnung, Liebefähigkeit, auf Hingebung und Opfertätigkeit bauen, sind ganz besonders wichtig da, wo es sich darum handelt, nun in einer solchen abgesonderten Hilfsklasse die Kinder so weit zu bringen, daß sie dann wiederum den Anschluß an ihre altersgemäße Klasse finden können. Und das setzen wir uns gerade durch diese Hilfsklasse ja zur Aufgabe.
[ 27 ] However, this requires something else. As you all know, there are children who do not develop normally, who are abnormal in some way. We have now established a support class for such children. This support class, I would like to say, has become very dear to our hearts. It is home to children who are intellectually, emotionally, or volitionally weaker. Any child whom we cannot have in the regular class because of a weakness in some aspect of their soul life is then placed in this support class. And in fact, one of the most gratifying aspects of the Waldorf school is that, essentially, whenever a child must be transferred from the regular class to the special support class, a sort of competition arises among the teachers over the child—teachers who, as you can easily understand from everything I have explained, otherwise live in an atmosphere of the deepest peace at the Waldorf school; but when a child is to be taken away from a teacher’s class, a competition arises. And there is a veritable rush toward our Dr. Schubert—who is so extraordinarily beneficial to this special class and to whom this special class is entrusted. No one wants to hand children over to him, because the teachers are always unhappy when a child is to be taken from them for Dr. Schubert’s remedial class. The children, of course, also feel this as something that goes against their wishes when they are moved out of the regular class, leave their beloved teacher, and are to be transferred to the remedial class. And yet it is so beneficial that it doesn’t take long at all before the child who enters this remedial class grows so immensely fond of Dr. Schubert—who is so well-suited to this class precisely because of the child’s character, temperament, and capacity for love—that the child no longer wants to leave the remedial class. These circumstances—which, in essence, are entirely based on the art of education grounded in disposition, capacity for love, devotion, and self-sacrifice—are particularly important when it comes to bringing the children in such a separate remedial class to the point where they can then rejoin their age-appropriate class. And that is precisely the task we set for ourselves through this remedial class.
[ 28 ] Eine wirkliche Menschenerkenntnis zeigt uns das Folgende. Wenn man von geistigen Abnormitäten oder gar geistigen Erkrankungen spricht, so sagt man eigentlich etwas Unsinniges, obwohl ja für den Redegebrauch und für das gewöhnliche Leben selbstverständlich man kein Fanatiker und Pedant zu sein braucht, und solche Ausdrücke durchaus gebraucht werden können. Aber im Grunde genommen werden Geist und auch Seele des Menschen niemals krank, sondern krank ist immer nur dasjenige, was körperliche Grundlage ist und was vom Körper in die Seele dann hinüberspielt. Da man nun den Menschen, insoweit er im Erdendasein lebt, nur so behandeln kann, daß man dem Geistig-Seelischen durch den Körper beikommt, so handelt es sich vor allen Dingen darum, daß man weiß: für eine Behandlung sogenannter abnormer Kinder ist die Schwierigkeit diese, daß der Körper durch seine Abnormität die Unmöglichkeit bewirkt, der Seele und dem Geiste beizukommen.
[ 28 ] A true understanding of human nature reveals the following to us. When one speaks of mental abnormalities or even mental illnesses, one is actually saying something nonsensical, although, of course, for the sake of common parlance and everyday life, one need not be a fanatic or a pedant, and such expressions can certainly be used. But fundamentally, the human spirit and soul never become ill; rather, only that which is the physical foundation—and which then affects the soul from the body—is ever ill. Since, as long as a person lives on Earth, one can treat them only by addressing the spiritual and soul aspects through the body, the most important thing is to realize that the difficulty in treating so-called abnormal children lies in the fact that the body’s abnormality makes it impossible to reach the soul and the spirit.
[ 29 ] Sobald wir beim Kinde über den körperlichen oder körperlich-seelischen Defekt hinauskommen, der im Körper liegt, und dem eigentlich Seelischen und Geistigen beikommen, ist in diesem Augenblick auch alles Nötige getan. So daß gerade auf diesem Gebiete immer mehr und mehr dahin gearbeitet werden muß, die feinen, intimen Eigenschaften und Kräfte des Körperlichen kennenzulernen.
[ 29 ] As soon as we move beyond the child’s physical or physical-psychic defect, which lies in the body, and address what is truly psychic and spiritual, everything necessary has been done at that very moment. Therefore, in this particular area, we must strive more and more to come to know the subtle, intimate qualities and powers of the physical body.
[ 30 ] Man wird, wenn man sieht, daß ein Kind nicht in normaler Weise begreift, Widerstand entgegensetzt den Verbindungen von Begriffen und Anschauungen, immer den Schluß zu ziehen haben, daß da irgend etwas im Nervensystem nicht in Ordnung ist, und man wird viel mehr erreichen durch die individuelle Behandlung in der Verlangsamung des Unterrichts oder in dem besonderen Anspornen der Willensfunktion oder dergleichen. Im einzelnen Falle ist gerade bei einem abnormen Kinde immer dasjenige, was man tun muß, ganz individuell zu gestalten, und man wird dadurch, daß man nun das Kind individuell behandelt, den Unterricht verlangsamt oder auch mehr Willensmäßiges hineinfügt, wirklich unsäglich Gutes bewirken können. Natürlich muß gerade bei einem solchen Kinde auf die körperliche Erziehung, auf die körperliche Pflege ein ganz besonderes Augenmerk gelenkt werden. Ich will an einem einfachen Beispiel das Prinzipielle einmal erörtern.
[ 30 ] When one observes that a child does not comprehend in the normal way and resists the connections between concepts and perceptions, one must always conclude that something is amiss in the nervous system, and one will achieve much more through individualized treatment—whether by slowing down the pace of instruction or by specifically stimulating the will, or similar measures. In each individual case—especially with an abnormal child—the approach must always be tailored to the child’s specific needs, and by treating the child individually—whether by slowing down the pace of instruction or incorporating more will-based exercises—one can truly achieve immeasurable benefits. Of course, with such a child in particular, special attention must be paid to physical education and physical care. I would like to discuss the principle behind this using a simple example.
[ 31 ] Man nehme an, ein Kind zeige sich ungeschickt in der Verbindung von Anschauungen. Man wird außerordentlich viel dadurch erreichen, daß man das Kind zum Beispiel solche Körperübungen machen läßt, die dann den eigenen Körper, das ganze menschliche organische System von der Seele aus in zusammenhängende Bewegung bringen: Greife mit dem dritten Finger deiner rechten Hand das linke Ohrläppchen an! Und man lasse solch eine Übung das Kind schnell ausführen. Dann kann man wechseln dadurch, daß man sagt: Greife mit dem kleinen Finger deiner linken Hand die obere Seite deines Hauptes an! Man kann dann die erste Übung mit der zweiten schnell wechseln. Man lasse in einer solchen Weise den menschlichen Organismus in Bewegung bringen, daß das Kind schnell die Gedanken einfließen lassen muß in die eigenen Bewegungen des menschlichen Organismus. Dann macht man dadurch, daß man auf diese Weise das Nervensystem geschickter macht, das Nervensystem in der richtigen Weise zu einer guten Grundlage auch für dasjenige, was das Kind dann für die Verbindung oder Trennung von Anschauungen, Begriffen aufbringen soll.
[ 31 ] Suppose a child shows difficulty in connecting perceptions. One can achieve a great deal by, for example, having the child perform physical exercises that bring the child’s own body—the entire human organic system—into coordinated movement, originating from the soul: “Grab your left earlobe with the third finger of your right hand!” And let the child perform such an exercise quickly. Then you can switch by saying, “Grab the top of your head with the little finger of your left hand!” You can then quickly alternate between the first and second exercises. Let the human organism be set in motion in such a way that the child must quickly allow thoughts to flow into the organism’s own movements. By making the nervous system more agile in this way, one thereby establishes the nervous system as a sound foundation for what the child must then bring to bear in connecting or distinguishing between perceptions and concepts.
[ 32 ] In dieser Beziehung macht man die wirklich wunderbarsten Erfahrungen darüber, in welcher Weise aus der Pflege des Körperlichen heraus das Geistige gehoben werden kann. Nehmen wir zum Beispiel an, ein Kind zeige einem den Fehler, daß es immer wieder und wiederum auf bestimmte Dinge zurückkommt. Das merkt man ja als eine besondere seelische Schwäche, wie man es nennt, sehr leicht. Das Kind kann nicht anders als bestimmte Worte wiederholen, auf bestimmte Begriffe, Anschauungen immer wieder zurückkommen. Die setzen sich fest in seinem Wesen, das Kind kommt nicht davon los. Man schaue dieses Kind an — natürlich sind die Dinge individuell, deshalb ist eine wirkliche Menschenerkenntnis, die individualisieren kann, so notwendig -, es wird in der Regel nicht so stark mit den Zehen, mit dem vorderen Fuß auftreten, sondern zu stark mit der Ferse auftreten. Man lasse nun das Kind solche Bewegungen möglichst so machen, daß das Kind bei jedem Schritte zuerst achtgeben muß, und dieses sich erst ganz langsam in Gewohnheit umwandelt, dann wird man sehen, daß das Kind, wenn es nicht schon zu spät ist - in der Regel ist aber für solche Dinge gerade zwischen dem siebenten und zwölften Jahre außerordentlich viel zu erreichen -, sich gerade in bezug auf solche seelischen Defekte außerordentlich bessert. Man muß nur eben eine Erkenntnis davon haben, wie, sagen wir, eine Bewegung der Finger der rechten Hand wirkt auf den Sprachorganismus, wie eine Bewegung der Finger der linken Hand wirkt auf dasjenige, was vom Denken aus dem Sprachorganismus zu Hilfe kommen kann. Man muß wissen, wie das Auftreten mit den Zehen, das Auftreten mit der Ferse, auf Sprache, auf Denkfähigkeit, namentlich auch auf Willensfähigkeit zurückwirkt. In dieser Beziehung ist ja auch die eurythmische Kunst, indem sie aus dem Normalen heraus gestaltet, für das Abnorme außerordentlich lehrreich, und man bildet dann die eurythmischen Bewegungen — die zunächst für den normalen Menschen selbstverständlich ins Künstlerische hinübergebildet sind — zu therapeutischen Bewegungen um. Die werden herausgeholt aus dem menschlichen Organismus, so daß dadurch angeregt wird vom Körperlichen aus die während der Wachstumsperiode immer noch anzuregende geistig-seelische Fähigkeit. Es ist schon gerade dann so hervorstechend, wie man vor allen Dingen Geist, Seele, Leib im Einklange miteinander beobachten können muß, wenn man es mit der abnormen Seite der Schüler oder Schülerinnen in irgendeinem Teil der Schule zu tun hat.
[ 32 ] In this regard, one has truly wonderful experiences of how the spiritual can be elevated through the care of the physical. Let us suppose, for example, that a child exhibits the tendency to return again and again to certain things. One very easily recognizes this as a particular “psychic weakness,” as it is called. The child cannot help but repeat certain words or keep returning to certain concepts and ideas. These become firmly entrenched in the child’s being; the child cannot break free from them. Look at this child—of course, each case is unique, which is why a true understanding of human nature, one that can take individual differences into account, is so necessary—as a rule, the child will not step so strongly with the toes or the ball of the foot, but will instead step too heavily on the heel. Now let the child perform such movements in such a way that the child must first pay attention with every step, and let this gradually become a habit; then one will see that the child—if it is not already too late (though, as a rule, an extraordinary amount can be achieved in such matters precisely between the ages of seven and twelve)—will improve remarkably, especially with regard to such psychological defects. One simply needs to understand how, for example, a movement of the fingers of the right hand affects the speech apparatus, and how a movement of the fingers of the left hand affects that which can be drawn upon from thinking to assist the speech apparatus. One must know how stepping on the toes or stepping on the heel affects speech, the ability to think, and, in particular, the power of will. In this regard, the art of eurythmy—by shaping movements from the normal—is also extraordinarily instructive for the abnormal, and one then transforms the eurythmic movements—which, for the normal person, are naturally expressed artistically—into therapeutic movements. These movements are drawn from the human organism so that they stimulate, from the physical level, the spiritual and soul capacities that still need to be stimulated during the growth period. It is precisely then that it becomes so strikingly clear how one must, above all, observe the spirit, soul, and body in harmony with one another when dealing with the abnormal aspects of students in any part of the school.
[ 33 ] Gerade mit Bezug auf diesen Teil unserer Schülerschaft wird ja durch den ganz vorzüglichen Lehrgang, den Dr. Schubert auf diesem Gebiete entfaltet, manches ganz Ersprießliche geleistet. Dazu allerdings gehört, gerade um die Dinge individuell zu behandeln, eine außerordentliche Liebefähigkeit und Opferwilligkeit. Gerade in einer Hilfsklasse ist es ja ganz besonders nötig, dies aufzubringen. Und man muß bedenken, daß man, wenn man in dieser Richtung etwas erreichen will, auch wirklich in mancher Beziehung Resignation haben muß. Denn selbstverständlich kann man gerade auf diesem Gebiete nur dasjenige leisten, was man sachgemäß eben aus dem Menschen herausholen kann. Wenn dann doch nur ein Viertel oder die Hälfte von demjenigen gelingt, was eigentlich das Kind zum vollen Normalzustand hinüberbringen könnte, dann sind die Eltern doch nicht ganz zufrieden. Aber das ist ja das Wesentliche in der menschlichen Berätigung, die vom Geiste, vom Spirituellen aus geleitet und gelenkt wird, daß wir, von der äußeren Anerkennung unabhängig, dazu kommen, immer mehr und mehr dasjenige zu fühlen, was die tragende Kraft wird, aus der inneren Verantwortlichkeit heraus die tragende Kraft wird. Die wird Stufe für Stufe erhöht, wenn man tatsächlich eine solche Erziehungskunst zugrunde legen kann, die bis in diese einzelnen Intimitäten des Lebens hinein Geist, Seele und Körper des Kindes in völligem Einklange sieht. Das Sehen, das Wahrnehmen, das Beobachtenkönnen, das ist für den Lehrer das erste; dann prickelt, ich möchte sagen, die Sache selber in seinem ganzen menschlichen Wesen. Er überträgt ganz instinktgemäß künstlerisch dasjenige, was er aus der Menschenbeobachtung herausholen kann, auf die Praxis des Unterrichtes.
[ 33 ] Especially with regard to this segment of our student body, the excellent program that Dr. Schubert has developed in this area has yielded many fruitful results. However, this requires—precisely in order to address each student’s needs individually—an extraordinary capacity for love and a willingness to make sacrifices. It is especially necessary to demonstrate these qualities in a remedial class. And one must bear in mind that if one wishes to achieve anything in this regard, one must also truly be prepared to accept certain limitations in some respects. For, of course, in this particular field, one can only achieve what can be appropriately drawn out of the individual. If, in the end, only a quarter or half of what could actually bring the child to a fully normal state is achieved, then the parents are not entirely satisfied. But that is precisely the essence of human activity—guided and directed by the spirit, by the spiritual—that, independent of external recognition, we come to feel more and more that which becomes the sustaining force, a force that arises from inner responsibility. This is heightened step by step when one can truly base one’s approach on an art of education that perceives the child’s spirit, soul, and body as being in complete harmony, right down into these individual intimacies of life. The ability to see, to perceive, to observe—that is the first thing for the teacher; then, I would say, the matter itself stirs within his entire human being. He instinctively and artistically transfers what he can glean from observing people into his teaching practice.
[ 34 ] Etwas ist von einer ganz besonderen Wichtigkeit in dem Lebensalter, in welchem nach den gestern von mir hier gemachten Ausführungen das Kind herübergeführt werden muß von einer mehr seelisch zu ergreifenden Pflanzen- und Tierkunde zu dem Unterricht, der dann mehr an das menschliche Begriffsvermögen, an den Intellekt appelliert, zu dem Unterricht im Mineralisch-Physikalisch-Chemischen, der, wie ich ausgeführt habe, ja nicht zu früh eintreten darf. Wenn wir an das Kind etwas heranbringen müssen, wodurch es lernt: in der Natur ist das Ursache, das Wirkung und so weiter, wenn wir also die Kausalität an das Kind heranbringen, dann ist von besonderer Wichtigkeit in diesem Lebensabschnitte, daß das Kind einen Ausgleich hat für das unorganisch leblose Naturkundliche in dem richtigen Hineinkommen in den künstlerischen Unterricht.
[ 34 ] There is something of particular importance at the stage of life when, as I explained here yesterday, the child must be guided from a study of plants and animals—which appeals more to the soul—to instruction that appeals more to the human capacity for understanding, to the intellect: instruction in the mineral, physical, and chemical sciences, which, as I have explained, must not begin too early. If we are to introduce the child to something through which they learn that in nature there is cause and effect and so on—that is, if we are to introduce the concept of causality to the child—then it is of particular importance during this stage of life that the child find a balance to the inorganic, lifeless aspects of natural history through a proper introduction to artistic education.
[ 35 ] Daß man in diesem Lebensalter in der richtigen Weise die Kunst an das Kind heranbringen kann, dazu ist natürlich notwendig, daß man den ganzen Unterricht vom Anfang an nicht nur künstlerisch einrichtet - darüber habe ich mich ja ausführlich ausgesprochen -, sondern auch der Kunst die rechte Rolle im Unterricht zugestehe. Daß für das Plastisch-Malerische gesorgt wird, ergibt sich ja schon dadurch, daß man aus dem Malerischen das Schreiben herauszuholen hat. Also man beginnt ja nach dem Waldorfschul-Prinzip mit einem malerisch-zeichnerischen Unterricht schon im ganz zarten Kindesalter. Auch das Plastische wird möglichst viel gepflegt, allerdings erst etwa vom neunten, zehnten Jahre an und in primitiver Weise. Aber es wirkt ungeheuer belebend auf das physische Sehvermögen des Kindes, auf die Beseelung des physischen Sehvermögens, daß das Kind auch in das Formen von plastischen Gestalten in der rechten Weise im richtigen Alter eingeführt werde. Die Menschen gehen ja vielfach so durchs Leben: die Dinge und Ereignisse sind um sie herum und viele sehen das Allerwichtigste nicht. Sehen lernen so, daß der Mensch in rechter Weise in der Welt drinnen steht, das muß man ja auch erst lernen. Und für dieses richtige Sehenlernen ist es ganz besonders fruchtbar, die plastische Betätigung, die das Gesehene vom Kopf ableitet, von den Augen in die Fingerbewegung, in die Handbewegung ableitet, beim Kinde möglichst frühzeitig zu pflegen. Das Kind wird dadurch nicht nur in geschmackvoller Weise hinübergeleitet dazu, daß ihm in seiner nächsten Umgebung, ich will sagen, in seiner Zimmereinrichtung und dergleichen nur das Geschmackvolle gefällt, nicht das Geschmacklose, sondern es wird dadurch auch in der richtigen Weise dazu geführt, in der Welt dasjenige zu sehen, was von der Welt vor allen Dingen in Menschenseele und Menschengemüt hereinkommen soll.
[ 35 ] In order to introduce art to children in the right way at this age, it is of course necessary not only to organize the entire curriculum artistically from the very beginning—a point I have already discussed at length—but also to grant art its proper role in the classroom. The fact that attention is given to the sculptural and pictorial arts follows naturally from the need to draw writing out of the pictorial. Thus, according to the Waldorf school principle, instruction in painting and drawing begins at a very tender age. The sculptural arts are also cultivated as much as possible, though only from about the age of nine or ten and in a primitive manner. But it has an immensely invigorating effect on the child’s physical vision—on the animation of that physical vision—when the child is introduced to the shaping of sculptural forms in the right way and at the right age. After all, people often go through life in this way: things and events are all around them, yet many fail to see what is most important. Learning to see in such a way that one stands properly within the world—that, too, is something one must first learn. And for this proper learning to see, it is particularly fruitful to cultivate in the child, as early as possible, the sculptural activity that channels what is seen from the head—from the eyes—into finger movements and hand movements. This not only guides the child in a tasteful way toward appreciating only what is tasteful—that is, in the child’s immediate surroundings, such as the furnishings of their room and the like—rather than what is tasteless, but it also leads the child in the right way to see in the world that which, above all else, is meant to enter the human soul and the human spirit from the world.
[ 36 ] Dadurch, daß wir den musikalischen Unterricht aus dem Gesanglichen heraus, aber immer mehr und mehr auch in das Instrumentale hinein in der richtigen Weise leiten, bringen wir es dahin, das Willenselement beim Menschen in der Weise in die Welt hineinzustellen, daß er nun nicht nur an dem Musikunterricht eine künstlerische Ausbildung hat, sondern daß auch sein Menschliches gerade nach der Willens- und Gemütsseite hin durch diesen Musikunterricht in besonderer Art gefördert werden kann.
[ 36 ] By guiding music instruction—starting from singing, but increasingly also into instrumental music in the proper way, we are able to bring the element of will in human beings into the world in such a way that they not only receive an artistic education through music instruction, but that their humanity—particularly in terms of will and emotion—can also be fostered in a special way through this music instruction.
[ 37 ] Dazu ist allerdings notwendig, daß von dem Gesanglichen ausgegangen wird, daß aber möglichst bald übergegangen wird zu dem Ergreifen des Instrumental-Musikalischen, so daß das Kind lernt, das rein Musikalische, Rhythmus, Takt, Melodie, loszulösen von allem übrigen, vom Nachahmerischen der Musik und dergleichen, von allem Malerischen der Musik, und immer mehr und mehr dazu kommt, das rein Musikalische in der Musik zu ergreifen. Gerade dadurch, daß wir in dieser Weise das Kind entsprechend in die Kunst hineinbringen, den Übergang schaffen vom Spiel ins Leben durch die Kunst, sind wir auch in der Lage, dann, wenn es nötig ist, also namentlich zwischen dem elften und zwölften Jahre, beim Kinde in der richtigen Weise den Unterricht für das Kunstverständnis betreiben zu können. Und das ist von einer ganz besonderen Bedeutung für diejenigen Erziehungsprinzipien, die durch die Waldorfschule verwirklicht werden sollen, daß das Kind auch in das entsprechende Kunstverständnis im rechten Lebensalter hineinkommt. In demselben Lebensalter, in dem das Kind begreifen lernen muß: die Natur ist nach abstrakten, durch den Verstand zu begreifenden Naturgesetzen geordnet, in demselben Lebensalter, wo man in der Physik kennenlernen muß, wie Ursache und Wirkung in den einzelnen Fällen zusammenhängen, in demselben Lebensalter sollen wir Kunstverständnis schaffen als das Gegengewicht, sollen in das Verständnis einführen, wie sich die einzelnen Künste in den verschiedenen Epochen der Menschengeschichte entwickelt haben, wie das eine oder das andere Kunstmotiv in diesem oder jenem Zeitalter eingreift. Dadurch erst wird dasjenige in dem Kinde wirklich angeregt, was der Mensch braucht, wenn er zu einer allseitigen Entfaltung seines Wesens kommen will. Dadurch wird auch dasjenige in der richtigen Weise entwickelt, wie ich morgen dann zeigen will, was für den Moralunterricht in ganz besonderer Art notwendig ist.
[ 37 ] To this end, however, it is necessary to begin with singing, but to move on as soon as possible to grasping the essence of instrumental music, so that the child learns to separate the purely musical—rhythm, meter, melody—from everything else: from the imitative aspects of music and the like, from all the pictorial elements of music—and increasingly comes to grasp the purely musical in music. Precisely by introducing the child to art in this way—by creating the transition from play to life through art—we are also in a position, when necessary—namely between the ages of eleven and twelve—to provide the child with instruction in artistic understanding in the proper manner. And this is of particular importance for the educational principles that the Waldorf School seeks to realize: that the child also develops an appropriate understanding of art at the right age. At the same age when the child must learn to grasp that nature is ordered according to abstract natural laws to be understood by the intellect—at the same age when, in physics, one must learn how cause and effect are related in individual cases—at that same age, we should foster an appreciation of art as a counterbalance, we should introduce an understanding of how the individual arts have developed throughout the various epochs of human history, and how one artistic motif or another comes into play in this or that era. Only in this way is that aspect of the child truly stimulated which a person needs if they wish to achieve a well-rounded development of their being. In this way, too, that which is necessary in a very special way for moral education—as I will demonstrate tomorrow—is developed in the proper manner.
[ 38 ] Dadurch, daß der Mensch Kunstverständnis sich erringt, wird er auch dem Menschen selbst, seinem Nebenmenschen, seinem Mitmenschen in einer ganz anderen Weise gegenüberstehen, als wenn ihm dieses Kunstverständnis fehlt. Denn, was ist das Wesentliche im Weltverständnis? Daß wir die abstrakten Begriffe im rechten Momente verlassen können, um Einsicht, Verständnis für die Welt gewinnen zu können.
[ 38 ] By acquiring an understanding of art, a person will also come to view other people—his neighbors and fellow human beings—in a completely different way than if he lacked this understanding of art. For what is the essence of understanding the world? That we can set aside abstract concepts at the right moment in order to gain insight into and understanding of the world.
[ 39 ] Wenn man Mineralien begreifen will, kann man das nach Ursache und Wirkung. Physikalisches läßt sich so begreifen. Kommt man zu den Pflanzen herauf, dann ist es schon unmöglich, alles durch Logik, durch Verstand, durch Intellekt zu begreifen. Da muß schon das plastische Prinzip im Menschen sich regen, da gehen die Begriffe, die Ideen über in bildhafte Formen. Und alles, was wir an plastischer Geschicklichkeit dem Kinde beibringen, gibt ihm die Befähigung, das Pflanzenwesen seinen Gestaltungen nach zu begreifen. Wollen wir das Tierreich begreifen, wir können es nicht anders, als wenn wir in uns die Verständnisbegriffe durch die moralische Erziehung veranlagen lassen. Dann erst werden in uns diejenigen Kräfte rege, die hinüberschauen können zu dem Aufbauenden, zu dem aus dem Unsichtbaren heraus Aufbauenden des Tieres. Wie wenige Menschen, auch wie wenige Physiologen wissen heute, woher die Gestalt eines Tieres kommt! Die Gestalt eines Tieres kommt nämlich aus der Bildung gerade derjenigen Organe, die beim Menschen nachher Sprachorgane und Gesangsorgane werden. Das ist das Zentrum der Formbildung, der Gestaltbildung des Tieres. Das Tier kommt nicht zur artikulierten Sprache; das Tier kommt auch nur zu jenem Gesang, den wir bei dem Vogel kennen. Aber ebenso wie in Gesang und Sprache die Gestaltung ausströmt und die Luftwellen bildet, wodurch das Hörbare entsteht, ebenso geht dasjenige, was in dem Sprachorganismus, in dem Gesangsorganismus sich aus einem vitalen Prinzip entwickelt, zurück in das Tier. Und derjenige erkennt erst die Tierform, der weiß, wie gewissermaßen «musikalisch» diese Tierform gerade sich aus den später beim Menschen zu den musikalischen Organen metamorphosierten Gliedern herausbildet.
[ 39 ] If one wants to understand minerals, one can do so through cause and effect. Physical phenomena can be understood in this way. But when one moves on to plants, it becomes impossible to understand everything through logic, reason, or intellect. Here, the creative principle within the human being must be stirred; here, concepts and ideas transform into pictorial forms. And everything we teach the child in terms of creative skill gives it the ability to understand the plant kingdom through its forms. If we wish to understand the animal kingdom, we can do so only by allowing the concepts of understanding to be instilled within us through moral education. Only then do those powers within us become active that can look beyond to what constitutes the animal—that which is built up from the invisible. How few people, and indeed how few physiologists, know today where an animal’s form comes from! For the form of an animal arises precisely from the development of those organs that later become the organs of speech and song in humans. This is the center of form-building, of the animal’s form-formation. The animal does not develop articulate speech; nor does it develop anything beyond the kind of song we know from birds. But just as form radiates out in song and speech to form the air waves that give rise to the audible, so too does that which develops from a vital principle within the speech organism and the singing organism flow back into the animal. And only those who understand how, in a sense, “musically” this animal form emerges from the limbs—which later metamorphosed into the musical organs in humans—can truly recognize the animal form.
[ 40 ] Und wollen wir zum Menschen heraufkommen, dann brauchen wir ein umfassendes Kunstverständnis. Denn alles, was am Menschen ist, ist nur seinem unorganischen Ingredienz nach durch den Verstand begreifbar. Wenn wir im rechten Momente wissen, Vorstellung in künstlerisches Erfassen überzuführen, dann erst haben wir die Möglichkeit eines Menschenverständnisses.
[ 40 ] And if we are to rise to the level of the human being, we need a comprehensive understanding of art. For everything that pertains to the human being is comprehensible to the intellect only in terms of its inorganic components. Only when we know, at the right moment, how to transform a mental image into an artistic conception do we have the possibility of understanding the human being.
[ 41 ] Das aber muß besonders durch den Kunstunterricht erweckt werden. Wenn wir als Lehrer selber, ausgerüstet mit künstlerischem Sinn, im rechten Lebensalter das Kind hinzuführen vermögen vor Leonardos Abendmahl oder vor Raffaels Sixtinische Madonna, wenn wir ihm zeigen können, wie da jede einzelne Gestalt zu der anderen in einem bestimmten Verhältnisse steht, wie aber gerade dasjenige Zeitalter in seiner historischen Entwickelung, in welchem Leonardo oder Raffael gestanden haben, in dieser Weise mit der Farbe verfuhr, in dieser Weise mit der inneren Perspektive verfuhr und so weiter, wenn wir allen übrigen Natur- und Geschichtsunterricht beseelen können durch einen auf das Kunstverständnis führenden Unterricht: dann bringen wir in allen Unterricht das menschliche, das humane Prinzip hinein.
[ 41 ] But this must be awakened especially through art education. If we as teachers, equipped with an artistic sensibility, are able to guide the child—at the right age—to Leonardo’s *Last Supper* or Raphael’s *Sistine Madonna*, if we can show the child how each individual figure relates to the others in a specific way, and how the very era in which Leonardo or Raphael lived—in its historical development—used color in this manner, handled interior perspective in this way, and so on—if we can infuse all other natural science and history lessons with a teaching method that leads to an understanding of art—then we bring the human, humane principle into all our teaching.
[ 42 ] Darauf müssen wir sehen, daß wir nichts, was nötig ist an künstlerischem Sich-Durchdringen bei dem Kinde, diesem Kinde im rechten Lebensalter entziehen. Unsere Zivilisation kann nur dadurch den ihr notwendigen Aufschwung, den Aufstieg erlangen, wenn wir mehr Künstlerisches in die Schule hineinbringen; nicht nur dasjenige, was ich in allen diesen Stunden angedeutet habe: die Durchdringung des gesamten Unterrichts mit einem artistischen, künstlerischen Element, sondern wenn wir auch für alles prosaische Auffassen von Natur und Geschichte ein Gegengewicht schaffen durch ein lebendiges, selber von künstlerischer Schöpferkraft getragenes Unterrichten in Kunstverständnis.
[ 42 ] We must therefore ensure that we do not deprive this child, at the right stage of life, of anything necessary for artistic self-expression. Our civilization can only achieve the necessary upswing and advancement if we bring more artistic elements into the school; not only what I have hinted at throughout these lectures—the permeation of the entire curriculum with an artistic element—but also by creating a counterbalance to every prosaic understanding of nature and history through a lively instruction in artistic understanding, one that is itself sustained by artistic creativity.
[ 43 ] Das ist dasjenige, was wir nun als ein besonderes Ingredienz im Unterricht, in der Erziehungskunst der Waldorfschule auch befolgen wollen, was wir für notwendig halten, weil es einfach wahr ist, was jeder wahre Künstler auch gefühlt hat: daß die Kunst nicht bloß etwas vom Menschen Erfundenes ist, sondern ein Gebiet, in dem der Mensch auf einem anderen Niveau, als durch das sonstige Begreifen, in die Geheimnisse der Natur hineinzuschauen vermag, in die Geheimnisse der ganzen Welt überhaupt hineinzublicken vermag. Erst in dem Momente, wo der Mensch begreifen lernt: die Welt selber ist ein Kunstwerk, wo der Mensch lernt, in alle Natur und alles Naturgeschehen so hineinzuschauen, daß er in der Natur eine schöpferische Künstlerin sieht, erst in dem Momente ist der Mensch auf dem Wege, auch zur religiösen Vertiefung hinaufzudringen. Nicht umsonst sagte der Dichter Mitteleuropas: «Nur durch das Morgenrot des Schönen dringst du in der Erkenntnis Land.» Wahr ist es: wenn wir durch die Kunst den ganzen Menschen ergreifen, bewirken wir in dem Menschen auch wiederum ein entsprechendes Weltverständnis, das auf das Ganze, auf das Totale der Welt geht. Daher sollen wir, soviel es nur möglich ist, zu dem, was nun schon einmal für die Prosakultur und -zivilisation notwendig ist, im Unterricht dasjenige hinzufügen, was rein menschlich ist. Und das kann nicht nur durch einen künstlerischen Unterricht, sondern auch durch eine entsprechende Unterweisung im Kunstverständnis einzig und allein geschehen.
[ 43 ] This is precisely what we now wish to incorporate as a special element in our teaching—in the art of education at the Waldorf School—because we consider it necessary, since it is simply true, as every true artist has also felt: that art is not merely something invented by human beings, but a realm in which human beings are able to glimpse into the mysteries of nature—and indeed into the mysteries of the entire world—on a different level than that of ordinary understanding. Only at the moment when a person learns to understand that the world itself is a work of art—when a person learns to look into all of nature and all natural processes in such a way that they see a creative artist in nature—only at that moment is a person on the path to ascending to religious depth. It was not for nothing that the poet of Central Europe said: “Only through the dawn of beauty do you enter the land of knowledge.” It is true: when we engage the whole human being through art, we in turn foster in that person a corresponding understanding of the world that extends to the whole, to the totality of the world. Therefore, as much as possible, we should supplement in our teaching—beyond what is already necessary for prose culture and civilization—that which is purely human. And this can be achieved solely through artistic instruction as well as through appropriate instruction in the understanding of art.
[ 44 ] Kunst und Wissenschaft führen dann im rechten Maße, wie wir morgen sehen werden, zur moralischen und zur religiösen Vertiefung. Dafür aber, daß der Mensch in religiöser und moralischer Beziehung vorwärtskomme, muß eben die Vorbereitung geschaffen werden durch die Tatsache, daß der Unterricht wie zu einer Waage wird. Auf der einen Seite liegt alles dasjenige, was in die Prosa des Lebens führt, was den Menschen sozusagen an die Erde bindet; auf der anderen Seite liegt das Gleichgewichtbewirkende alles dessen, was zur Kunst führt, was den Menschen in jedem Augenblicke seines Lebens das, was er in Prosa erarbeiten muß, auch künstlerisch erhöhen und so unmittelbar wiederum in den Geist hineinführen kann.
[ 44 ] Art and science, as we shall see tomorrow, lead—in just the right measure—to moral and religious deepening. However, in order for a person to make progress in religious and moral terms, the groundwork must be laid by ensuring that instruction functions as a kind of balance. On one side lies everything that leads to the prose of life, that which, so to speak, binds human beings to the earth; on the other side lies the balancing force of everything that leads to art—that which, at every moment of life, can artistically elevate what a person must work out in prose and thus immediately lead it back into the spirit.
[ 45 ] Es wird gefragt, ob nicht doch der griechisch-lateinische Unterricht durchaus notwendig sei.
[ 45 ] The question is raised as to whether Greek and Latin instruction might not, after all, be absolutely necessary.
[ 46 ] Dr. Steiner: Mr. C. scheint eine gewisse Sorge zu haben, daß durch die Worte, die ich vor einigen Tagen gesprochen habe, die griechische Kultur und Zivilisation der Menschheit verlorengehen könnte. Nun ist ja dagegen zunächst bloß das Tatsächliche zu stellen, daß wir in unserer Waldorfschule tatsächlich griechischen und lateinischen Unterricht soweit geben, als diejenigen Schüler es nötig haben, die das Gymnasial-Abiturium ablegen müssen. Wir haben allerdings die Einrichtung, daß der griechische und lateinische Unterricht zunächst bei uns nicht obligatorisch erteilt wird, sondern für diejenigen Schüler, die ihn selbst wünschen, oder deren Eltern ihn verlangen. Es ist ja bis jetzt durchaus eine sehr starke Frage nach diesem griechischen und lateinischen Unterricht, und wir werden eine Anzahl von Schülern und Schülerinnen zum erstenmal nächste Ostern zum Gymnasial-Abiturium führen; so daß also durchaus bei uns zunächst gesorgt ist für diese Erteilung des griechisch-lateinischen Unterrichts wie an anderen Gymnasien.
[ 46 ] Dr. Steiner: Mr. C. seems to have some concern that, because of the words I spoke a few days ago, Greek culture and civilization might be lost to humanity. Now, in response to this, one must first simply point out the fact that in our Waldorf School we do indeed offer Greek and Latin instruction to the extent required by those students who must take the high school graduation exam. We do, however, operate under the principle that Greek and Latin instruction is not initially mandatory at our school, but is offered to those students who wish to take it themselves or whose parents request it. There has, in fact, been very strong demand for these Greek and Latin classes up to now, and next Easter we will be guiding a number of students—both boys and girls—to the high school graduation exam for the first time; thus, for the time being, we have certainly made provisions for offering Greek and Latin instruction just as other high schools do.
[ 47 ] Meine Bemerkung, die ich vor einigen Tagen machte, bezog sich eigentlich nicht darauf, daß wir den griechischen und lateinischen Sprachunterricht durchaus ausmerzen wollen, sondern darauf, daß im Gymnasialunterricht zu stark nach der Richtung hin tendiert wird, daß die Schüler weniger das Leben, die lebendige Zivilisation der Gegenwart kennenlernen, sondern mehr sich hineinvertiefen in etwas, was nicht mehr gegenwärtig ist, was Vergangenheit ist. Es ist gar nicht zu leugnen, daß Gründe bestehen, wichtige Gründe, um den griechischen und lateinischen Unterricht, insbesondere den griechischen, durchaus aufrechtzuerhalten. Der eine Grund ist der, daß es in unserer ja immerhin einfach materialistischen Gegenwart sehr gut ist, wenn in einem gewissen Lebensalter die Kinder herausgerissen werden aus einem Ergreifen des unmittelbaren Materialismus der Gegenwart und zu dem hingeführt werden, was schon dadurch wenigstens idealistisch ist, daß es jenen Übergang nicht durchgemacht hat, den ja alles durchmacht, wenn es, ich möchte sagen, durch die Historie geht. Das ist der eine gewichtige Grund. Es spricht allerdings dagegen, daß die Leute, die das Gymnasium absolviert haben, trotzdem auch noch Materialisten geworden sind, und unsere materialistische Kultur durchaus getragen wird zum großen Teil von Absolventen der Gymnasialstudien. Aber wie gesagt, es kann dieser Grund als ein gewichtiger immerhin angeführt werden.
[ 47 ] The remark I made a few days ago did not actually refer to the idea that we want to completely eliminate Greek and Latin language instruction, but rather to the fact that high school education tends too strongly in the direction of having students learn less about life and the vibrant civilization of the present, and instead delve more deeply into something that is no longer part of the present—something that belongs to the past. There is no denying that there are reasons—important reasons—to continue teaching Greek and Latin, especially Greek. One reason is that in our—after all—simply materialistic present, it is very beneficial if, at a certain age, children are pulled away from being swept up in the immediate materialism of the present and are guided toward what is, at the very least, idealistic simply because it has not undergone that transition which everything undergoes when it, I might say, passes through history. That is one compelling reason. An argument against this, however, is that people who have graduated from the Gymnasium have nonetheless become materialists as well, and our materialistic culture is, to a large extent, sustained by graduates of the Gymnasium. But as I said, this reason can at least be cited as a compelling one.
[ 48 ] Das andere ist etwas, das, ich möchte sagen, mit unserem ganzen historischen Leben zusammenhängt. Wir sind nun einmal darauf angewiesen, dasjenige, was gelebt hat namentlich innerhalb der griechischen Kultur — bei der römischen Kultur ist das sogar weniger der Fall -, in unsere Gegenwart bis zu einem gewissen Grade herüberzunehmen. Die Griechen waren das nicht in derselben Weise, weil sie noch sehr viel spirituelles Leben hatten, wie ich es ja in den Vorträgen auseinandergesetzt habe. Sie hatten noch viel Spirituelles in ihrer eigenen Kultur. Wir haben eine Zivilisation, die im Grunde genommen seit langer Zeit keine neuen Seeleninhalte hervorgebracht hat. Wir müssen in dieser Beziehung nur gegen uns selber ehrlich sein und uns klar sein darüber, daß wir großartige, gewaltige Fortschritte gemacht haben in bezug auf die Bezwingung der äußeren Naturkräfte, daß wir aber heute eigentlich noch arbeiten — mehr als wir glauben — mit denjenigen Begriffen, mit denjenigen seelischen Zusammenhängen, die aus Griechenland herübergekommen sind. Und wir würden für viele unserer Seeleninhalte das Verständnis verlieren, wenn wir nicht mehr anknüpfen könnten an das Griechische. Von Mitteleuropa kommend, braucht man ja nur daran zu erinnern, daß Goethe geradezu es nicht aushalten konnte, eine bloße europäische Kultur des 18. Jahrhunderts in sich aufzunehmen, daß er krank wurde an der Sehnsucht, die antike Kultur wirklich in sich aufzunehmen, das Griechentum in sich lebendig zu machen.
[ 48 ] The other point is something that, I would say, is connected to our entire historical existence. We are, after all, dependent on incorporating into our present, to a certain extent, that which has come down to us—particularly from Greek culture; this is even less the case with Roman culture. The Greeks were not in the same way, because they still had a great deal of spiritual life, as I have explained in my lectures. They still had much that was spiritual in their own culture. We have a civilization that, fundamentally speaking, has not produced any new spiritual content for a long time. In this regard, we need only be honest with ourselves and realize that while we have made magnificent, tremendous progress in mastering the external forces of nature, we are actually still working today—more than we realize—with the concepts and spiritual contexts that have come down to us from Greece. And we would lose our understanding of much of our spiritual content if we could no longer draw upon the Greek tradition. Coming from Central Europe, one need only recall that Goethe simply could not bear to absorb a mere 18th-century European culture; that he became ill with longing to truly take in ancient culture, to bring Greek culture to life within himself.
[ 49 ] Aber allerdings, eines scheint mir aus einer wirklichen Menschenerkenntnis hervorzugehen: daß wir ebenso notwendig haben, unsere Jugend einzuführen in die unmittelbaren Bedürfnisse der Gegenwart, daß wir über der Gymnastalerziehung nicht vergessen dürfen das Einführen in das praktische Leben der gegenwärtigen Zivilisation, wie ich es auch in diesen Tagen immer wieder auseinandergesetzt habe. Und da glaube ich allerdings, daß eine Selektion starker Art notwendig sein wird, stärkerer Art, als sie in der Gegenwart gerade für die lateinischen und griechischen Studien üblich ist. Wir werden allerdings für alle europäischen Sprachen das Griechentum, die griechische Kultur und Zivilisation nicht verlieren, wenn wir, aber nur die fähigsten Menschen, einführen in griechische und lateinische Sprache, und diese fähigsten Menschen aus einem wirklichen Erfassen des Griechentums — zu dem noch viel anderes gehört als das Erfassen der griechischen Sprache, wie sie am Gymnasium gelehrt wird -, wenn sie aus einem solchen Erfassen heraus das Griechentum wiedererstehen lassen gerade in der modernen Form, aus dem modernen Leben heraus. Und da kommt man gerade auf diesem Boden zu ganz merkwürdigen Aperçus. Wir haben versucht, Mannigfaltiges aus dem gegenwärtigen Dichterischen heraus, sagen wir, durch Eurythmie, vor die Welt hinzustellen. Es ist auch die Sehnsucht entstanden, innerhalb des deutschen Sprachgebietes, den Schülern vorzuführen in Eurythmie Griechisches; das könnte man natürlich sehr leicht heute; aber in deutscher Sprache Äschylos vorzuführen, das ist heute unmöglich, weil eben noch nicht jenes geistige Erfassen des Griechentums bei den Übersetzern des Äschylos da ist. Und dazu hat uns eigentlich das Gymnasialstudium des Griechentums in der ganzen Zivilisation bis jetzt furchtbar wenig geholfen. Und gerade wenn in dieser Beziehung eine bessere Selektion geschieht, so daß tatsächlich nur diejenigen jungen Leute an das Griechisch-Lernen herangeführt werden, die dann aus einem gewissen Genius heraus das Griechentum wirklich auferstehen lassen können, so wird in der modernen Zivilisation das erneuerte Griechentum, das von einzelnen Menschen erneuerte, in einer ganz anderen Weise wirklich an die Seelen der Menschen herangelangen können, als das eigentlich bis jetzt trotz der vielen Gymnasien der Fall ist. Ich glaube also nicht, daß, wenn wir den griechischen und lateinischen Unterricht nur soweit betreiben als es nötig ist, dadurch in der Gegenwart die griechische Zivilisation und Kunst verloren gehen könne. Es muß ja doch schließlich dahin kommen, daß die großen Impulse gerade für die höchsten Dinge des geistigen Lebens von einzelnen Menschen gegeben werden. Und es wird wahrscheinlich besser sein, wenn diese Impulse von solchen Menschen gegeben werden, die wirklich nun als einzelne eindringen, dann aber auch sie so geben werden, daß diese Impulse eben in die moderne Sprache hineindringen, daß sie durch die modernen Sprachen in einer der Gegenwart gemäßen Form wiedergegeben werden.
[ 49 ] But certainly, one thing seems to me to emerge from a genuine understanding of human nature: that we have just as much of a need to introduce our youth to the immediate demands of the present, and that, alongside a classical education, we must not forget to introduce them to the practical life of contemporary civilization—as I have repeatedly explained in recent days. And in this regard, I do believe that a rigorous selection process will be necessary—one more rigorous than is currently customary, particularly for the study of Latin and Greek. We will certainly not lose Greek heritage, Greek culture, and civilization for all European languages if we, introduce only the most capable individuals to the Greek and Latin languages, and if these most capable individuals, through a genuine understanding of Hellenism—which encompasses much more than merely grasping the Greek language as it is taught in high school—are able to revive Hellenism precisely in its modern form, drawn from modern life. And it is precisely on this ground that one arrives at quite remarkable insights. We have attempted to present a variety of elements from contemporary poetry to the world—let us say—through eurythmy. A desire has also arisen within the German-speaking world to present Greek works to students through eurythmy; of course, that could be done very easily today; but to present Aeschylus in the German language is impossible today, precisely because that spiritual grasp of Hellenism is not yet present among Aeschylus’s translators. Moreover, the way Greek has been taught in high schools throughout our civilization has, in fact, been of very little help to us in this regard. And precisely when a better selection process takes place in this regard—so that only those young people are introduced to the study of Greek who, by virtue of a certain genius, can truly bring Greek culture to life— then in modern civilization, the renewed Greek culture—that which is renewed by individual human beings—will truly be able to reach people’s souls in a completely different way than has actually been the case so far, despite the many high schools. I therefore do not believe that, if we teach Greek and Latin only to the extent that is necessary, Greek civilization and art will be lost as a result in the present. After all, it must ultimately come to pass that the great impulses—especially for the highest aspects of spiritual life—are provided by individual human beings. And it will probably be better if these impulses are provided by people who truly make an impact as individuals, but who also convey them in such a way that these impulses penetrate the modern language and are rendered through modern languages in a form appropriate to the present.
[ 50 ] Also, wie gesagt, ängstlich braucht man nicht zu sein, daß durch die Waldorfschule, durch das Waldorfschul-Prinzip irgend etwas getan werden soll, um die griechische Kultur, das griechische Kunstleben etwa der Menschheit zu nehmen, sondern es darf der Glaube bestehen, und der Glaube ist berechtigt, daß gerade dadurch, daß wir die zu diesem Studium fähigsten Leute durch eine soziale Selektion auswählen, oder dadurch, daß, wenn wir sehen, daß eine ganz besondere Befähigung vorhanden ist, wir den jungen Leuten den Rat geben, Griechisch und Latein zu lernen, daß dadurch in einer wirklich tiefen, echten, wahren Weise die griechische Kultur und Zivilisation erhalten werde. Das Historische soll durchaus der Menschheit nicht verlorengehen. Wir glauben zum Beispiel auch, daß durch unsere Methode junge Leute in einer lebendigen Weise herangeführt werden zum Christentum, zum Mysterium von Golgatha, trotzdem wir nicht darauf sehen, das alles ihnen auszuführen, was die dogmatische Theologie hervorgebracht hat, trotzdem wir darauf nicht sehen -—, daß dadurch das lebendige Christentum, das lebendige Gegenüberstehen dem Mysterium von Golgatha nicht verlorengeht. Und so glaube ich, daß wir auch lebendiger zum Griechentum führen können, wie wir lebendig zum Christentum führen können, wenn wir den Ballast gerade weglassen, wenn wir ökonomisch auch auf diesem Gebiet verfahren. Und deshalb bitte ich, nach dieser Richtung sich zu beruhigen. Wir werden in der Pflege des Banausentums ganz gewiß nicht irgendwie etwas Hervorragendes leisten wollen.
[ 50 ] So, as I said, there is no need to fear that the Waldorf School or the Waldorf educational principle is intended to do anything to deprive humanity of Greek culture or Greek artistic life, for example; rather, we may hold the conviction and this belief is justified, that precisely by selecting the people most capable of this study through a process of social selection—or by advising young people to learn Greek and Latin when we recognize a very special aptitude—Greek culture and civilization will be preserved in a truly deep, genuine, and authentic way. Humanity must by no means lose its historical heritage. We also believe, for example, that through our method young people are introduced in a living way to Christianity, to the Mystery of Golgotha, even though we do not set out to explain to them everything that dogmatic theology has produced, even though we do not set out—that through this, living Christianity, the living encounter with the Mystery of Golgotha, is not lost. And so I believe that we can lead people to Greek culture in a more vibrant way, just as we can lead them to Christianity, if we simply leave out the ballast, if we proceed economically in this area as well. And that is why I ask that you rest assured in this regard. We certainly do not intend to achieve anything outstanding by cultivating philistinism.
