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Physiological Therapeutics
based on Spiritual Science
GA 314

7 October 1920, Dornach

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Physiologisch-therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft I

Physiological Therapy Based on the Spiritual Science I

[ 1 ] Der Vortragende ist noch nicht da. Ich hoffe, daß er bald kommt, aber ich möchte Sie zunächst nicht so hier erwartungsvoll sitzen lassen. Es ist ja selbstverständlich geradezu, daß diese Vortragsreihe eine besondere Wichtigkeit hat innerhalb unseres Kurses. Es soll an einem praktischen Gebiete gezeigt werden, wie diese unsere anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in der Lage ist, wirklich in die Lebenspraxis hineinzugreifen. Nun ist ja, das fühlt jeder Mensch am eigenen Leibe, dasjenige Gebiet der Lebenspraxis, das die Medizin, das die Therapie betrifft, eines der allerwichtigsten, und schon aus diesem Grunde darf gleich im Anfänge unseres anthroposophischen Strebens das Hineintragen der Anthroposophie in das Medizinische nicht fehlen.

[ 1 ] The speaker isn't here yet. I hope he'll arrive soon, but I don't want to keep you sitting here waiting any longer. It goes without saying that this lecture series holds particular importance within our course. It is intended to demonstrate, through a practical field of application, how our anthroposophically oriented Spiritual Science is capable of truly influencing everyday life. Now, as every person knows from personal experience, the area of daily life that concerns medicine and therapy is one of the most important, and for this reason alone, the integration of anthroposophy into the field of medicine must not be overlooked right from the very beginning of our anthroposophical endeavors.

[ 2 ] Nun haben wir uns gerade bei diesem Kurs bestrebt, die einzelnen Fächer durch gewissermaßen auch äußerlich abgestempelte Fachleute vertreten zu lassen, und es ist der Vertretung der Geisteswissenschaft vor der Welt gegenüber notwendig, daß diese einzelnen Fächer von Fachleuten vertreten werden, sonst werden sie ja doch nicht in derjenigen Art aufgenommen, wie sie aufgenommen werden müßten. Und so will ich mich denn, bis eben der Vortragende kommt, bemühen, einiges zu Ihnen zu sprechen vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft über Physiologie und ihre Beziehung zum Therapeutischen. So etwas sollte ja das Thema berühren. Und ich will Ihnen zeigen, wie in das medizinische Studium und dann auch in die medizinische Praxis, in die ganze medizinische Kunst, Geisteswissenschaft hineinzuwirken berufen ist.

[ 2 ] In this course, we have made a special effort to have the individual subjects represented by experts who are, so to speak, officially recognized in their fields, and it is essential for the representation of Spiritual Science to the world that these individual subjects be represented by experts; otherwise, they will not be received in the way they ought to be. And so, until the lecturer arrives, I will endeavor to speak to you a little about physiology and its relationship to therapy from the perspective of Spiritual Science. This should, after all, touch on the topic at hand. And I want to show you how Spiritual Science is called upon to influence medical studies and, subsequently, medical practice—indeed, the entire art of medicine.

[ 3 ] Nun wissen Sie ja, daß gewöhnlich innerhalb unseres Hochschulbetriebes dem eigentlich medizinischen Studium ein vorbereitendes naturwissenschaftliches Studium vorangeht. Darauf folgt das eigentliche medizinische Studium. Also, nachdem man die mehr biologischphysiologischen Erscheinungen kennengelernt hat, widmet man sich mehr den pathologischen Erscheinungen, um sich dann zur Therapie hindurchzuringen. Aber es dürfte auch einer großen Anzahl der verehrten Zuhörer bekannt sein, wie schlecht eigentlich die Therapie bei diesem medizinischen Studium wegkommt. Es ist schon so, daß durch die naturwissenschaftliche Hinorientierung das medizinische Studium zur Auffassung der Naturprozesse am Menschen führt und daß gewissermaßen der angehende Mediziner, wenn er dann in das pathologische Gebiet eintritt, mit einer gewissen Anschauung über die Naturprozesse ankommt, daß er kaum ein richtiges Verhältnis zu den pathologischen Prozessen gewinnen kann. Eines, scheint mir nun aber, ist ja in der neueren Zeit mit einer gewissen Notwendigkeit als eine Meinung aufgetreten: Wir sind gewöhnt worden, eine ganz bestimmte Anschauung zu gewinnen über die Naturprozesse, ihren inneren Zusammenhang und die zugrunde liegende Kausalität. Im gesunden Menschen müssen wir dieser Voraussetzung nach ganz offenbar gewisse Naturprozesse in einem notwendigen Kausalzusammenhang suchen. Im kranken Menschen, oder sagen wir, in dem erkrankten Organismus, was können wir da aber anderes suchen als im Grunde genommen auch kausal notwendig verlaufende Naturprozesse? — Dennoch sind wir gezwungen, zu sagen das, was in diesem ganz offenbar kausal bedingten Naturprozesse in der Krankheit vorliegt, das sei gegenüber dem gesunden Organismus abnorm, das falle aus dem Kausalzusammenhang des gesunden Organismus in einer gewissen Weise heraus. Kurz, wir werden, wenn wir in das Gebiet der Medizin eindringen, ganz offenbar sogleich wankend und skeptisch gemacht in bezug auf dasjenige, was als unsere eigentliche Naturanschauungsgesinnung gegenüber dem Naturgeschehen unserer modernen Anschauung zugrunde liegt. Das hat denn auch dazu geführt, daß bei vielen Medizinern ein Skeptizismus geradezu, dasjenige, was ich bei anderen Gelegenheiten hier schon erwähnt habe, eine Art Nihilismus gegenüber der Therapie aufgetreten ist. Ich kannte noch jene berühmten Professoren, die an der Medizinischen Fakultät in Wien tätig waren — in der Zeit, als diese Medizinische Fakultät auf ihrer Glanzhöhe angekommen war — und die eigentlich im Grunde genommen therapeutische Nihilisten waren. Sie sagten: Man kann eine Krankheit — und sie wählten dabei besonders diejenige Krankheit, auf die eine solche Anschauung ganz besonders anwendbar ist —, wie zum Beispiel die Lungenentzündung, eigentlich nur ihren eigenen Verlauf nehmen lassen und durch irgendwelche lindernden, fördernden und so weiter äußere Maßnahmen diesen Verlauf in die richtigen Bahnen leiten, bis die Krisis eintritt und dann wiederum das Ganze abflutet. — Man kann eigentlich im Grunde genommen von dem, was man durch Jahrhunderte, ja Jahrtausende eine Heilung genannt hat, im wahren Sinne des Wortes nicht sprechen.

[ 3 ] As you know, within our university system, the actual medical program is usually preceded by preparatory studies in the natural sciences. This is followed by the medical program itself. So, after becoming familiar with the more biological and physiological phenomena, one turns one’s attention more to pathological phenomena, and then works one’s way toward therapy. But it is likely also known to a large number of my esteemed listeners just how poorly therapy is actually treated in this medical curriculum. It is indeed the case that, due to its orientation toward the natural sciences, medical education leads to an understanding of natural processes in humans, and that, in a sense, when the aspiring physician enters the field of pathology, he arrives with a certain conception of natural processes that prevents him from gaining a proper understanding of pathological processes. One thing, however, seems to me to have emerged in recent times as a view with a certain inevitability: We have become accustomed to forming a very specific understanding of natural processes, their internal connections, and the underlying causality. In a healthy person, according to this premise, we must quite obviously seek certain natural processes within a necessary causal relationship. In a sick person—or, let us say, in a diseased organism—what else can we look for other than natural processes that, in essence, also proceed in a causally necessary manner? —Nevertheless, we are compelled to say that what is present in these clearly causally determined natural processes in the context of disease is abnormal in relation to the healthy organism; it falls, in a certain sense, outside the causal context of the healthy organism. In short, when we enter the field of medicine, we are quite obviously made to waver and become skeptical regarding what, as our actual view of nature, underlies our modern understanding of natural phenomena. This has also led to the emergence among many physicians of a skepticism—indeed, what I have already mentioned here on other occasions—a kind of nihilism toward therapy. I still knew those famous professors who worked at the Medical Faculty in Vienna—at a time when that Medical Faculty had reached the height of its glory—and who were, at heart, therapeutic nihilists. They said: One can—and they specifically chose the disease to which such a view is particularly applicable—such as pneumonia, for example—really only let a disease take its own course and, through various palliative, supportive, and other external measures, guide this course in the right direction until the crisis sets in and then the whole thing subsides again. — In the true sense of the word, one cannot really speak of what has been called a “cure” for centuries, indeed millennia.

[ 4 ] Es würde sich, wenn eine solche Anschauung konsequent fortgesetzt würde, allmählich aus der Medizin eine bloße Pathologie entwickeln. Denn in bezug auf das Untersuchen der Krankheiten, allerdings vom Gesichtspunkte der materialistisch denkenden Naturwissenschaft, hat man es gerade in dieser Zeit des therapeutischen Nihilismus zu einer außerordentlich großen Vollkommenheit gebracht. Und ich möchte auch an dieser Stelle vor einem Mißverständnisse warnen, das darinnen bestehen könnte, daß irgend jemand glaubt, von dieser Stätte aus und von Seiten der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft überhaupt könne die große Bedeutung der Naturwissenschaft der neueren Zeit verkannt und unterschätzt werden. Das ist durchaus nicht der Fall. Derjenige, der nur ein wenig hineingeschaut hat in dasjenige, was die pathologischen Untersuchungsmethoden im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Förderung erfahren haben, der muß erstaunend, bewundernd vor diesem großartigen, gewaltigen Fortschritte stehen. Ja nicht nur dieses, er muß sich zu einem ganz anderen Bekenntnisse noch durchringen. Er muß sich sagen: Gewiß, es ist der Materialismus heraufgezogen. Der Materialismus kann erstens gewissen Ansprüchen des menschlichen Gemütes keine Genüge leisten, er kann aber auch andererseits in die weiten Gebiete des menschlichen Erkennens nicht in genügender Weise hineinleuchten. — Aber auf der anderen Seite hat dieser Materialismus doch, ich möchte sagen, eine Art Mission gehabt. Die Fähigkeit zum experimentell beobachtenden Forschen hat er in einer außerordentlich gewissenhaften Weise ausgebildet. Und so etwas wie die moderne, allerdings materialistisch gefärbte Pathologie verdanken wir einzig und allein diesem Materialismus. Man nimmt es einem immer übel, wenn man in der neueren Zeit nicht einseitig ist, und als ich, während ich Redakteur und Herausgeber des «Magazins für Litteratur» war, beim Tode Büchners auch einen Büchner nun nicht verdammenden, sondern gerade seine Verdienste anerkennenden Artikel geschrieben hatte, hat man mich zum Materialisten selber gestempelt. Das ist gerade das Wesentliche im Erleben und Betreiben der Geisteswissenschaft, daß man sich in alles hineinversetzen kann, daß man überall die Gedankenform findet, die Empfindungsform findet, aus denen vielleicht sogar die entgegengesetztesten Richtungen und Weltanschauungen ihre Kräfte herausschöpfen können, und daß man auch würdigen kann die Verdienste desjenigen, was hervorgegangen ist aus so etwas, wie der Materialismus es ist, der allerdings in der Gegenwart — das ist einfach eine Zeitforderung — überwunden werden muß.

[ 4 ] If such a view were consistently pursued, medicine would gradually develop into mere pathology. For as far as the investigation of diseases is concerned—albeit from the standpoint of materialistically oriented natural science—extraordinary perfection has been achieved, particularly in this age of therapeutic nihilism. And I would also like to take this opportunity to warn against a misunderstanding that might arise if anyone were to believe that, from this perspective and on the part of anthroposophically oriented Spiritual Science, the great significance of modern natural science could be misjudged or underestimated. That is by no means the case. Anyone who has even briefly examined the advances made in pathological research methods during the second half of the 19th century cannot help but stand in awe and admiration before this magnificent, tremendous progress. Indeed, not only that, but they must also bring themselves to make a very different acknowledgment. They must say to themselves: Certainly, materialism has risen to prominence. Materialism, first of all, cannot satisfy certain needs of the human soul; but on the other hand, it also cannot shed sufficient light on the vast realms of human knowledge. — But on the other hand, this materialism has, I would say, had a kind of mission. It has developed the capacity for experimental, observational research in an extraordinarily meticulous manner. And we owe something like modern pathology—albeit one tinged with materialism—solely to this materialism. People always hold it against you if you are not one-sided in modern times, and when I—while serving as editor and publisher of the *Magazin für Litteratur*—wrote an article on Büchner’s death that did not condemn him but rather acknowledged his merits, I was labeled a materialist myself. This is precisely the essence of experiencing and pursuing Spiritual Science: that one can put oneself in everyone’s shoes, that one finds everywhere the form of thought and the form of feeling from which even the most opposing movements and worldviews can perhaps draw their strength, and that one can also acknowledge the merits of what has emerged from something like materialism—which, admittedly, must be overcome in the present—simply because that is a demand of the times.

[ 5 ] Aber auf etwas anderes möchte ich Sie noch aufmerksam machen. Sie haben gehört hier im Laufe unserer Vorträge, daß wir streben nach einer Phänomenologie in der Wissenschaft. Sie haben auch gehört, und zwar mit der allergrößten Berechtigung gehört, daß gestrebt werden müsse sogar nach einer hypothesenfreien Chemie. Nun bin ich ganz darauf gespannt, daß in manchen der Dinge, die gerade vorgebracht werden müssen mit Bezug auf das Medizinische und die medizinische Praxis, jemand in den Auseinandersetzungen das eine oder das andere finden könne, was ihm wie eine Hypothese vorkommt. Aber man muß den Begriff der Hypothese, gerade wenn man nun eintritt in die Betrachtung des Organischen aus dem Unorganischen heraus, zuerst ordentlich herausstellen.

[ 5 ] But there is something else I would like to bring to your attention. You have heard here, in the course of our lectures, that we are striving for a phenomenology in science. You have also heard—and quite rightly so—that we must even strive for a hypothesis-free chemistry. Now, I am quite curious to see whether, in some of the points that must be raised specifically in relation to medicine and medical practice, someone might find in the discussions one thing or another that strikes them as a hypothesis. But one must first properly define the concept of a hypothesis, especially when one is now entering into the consideration of the organic from the inorganic.

[ 6 ] Was ist eine Hypothese? Nun, nehmen wir einmal eine ganz triviale Sache aus dem gewöhnlichen Leben. Wenn ich einen Weg gegangen bin und ich habe auf diesem Wege einen Menschen gesehen, ich gehe weiter, ich sehe ihn nicht mehr, da werde ich zunächst wohl nicht annehmen, daß dieser Mensch verschwunden sei in den Erdboden hinein, das wird in den wenigsten Fällen der Fall sein, sondern ich werde mich umsehen, sehe vielleicht ein Haus. Ich kann meine Gedanken so begrenzen, daß ich mir sagen kann: Nun, der Mensch ist in dieses Haus hineingegangen. Ich sehe ihn jetzt nicht, aber er ist jetzt drinnen, und ich werde keine unberechtigte Hypothese aufstellen, wenn ich gewissermaßen die Gedanken, die sich mir ergeben im Verlaufe der Sinneswahrnehmung, dann, wenn in diesem Verlaufe etwas eintritt, was erklärend fortgesetzt werden muß so, daß ich irgend etwas voraussetze, hypothesenhaft anzunehmen habe, was sich zwar ergibt aus meinem Vorstellungsverlaufe, was aber nicht unmittelbar gesehen, beobachtet werden kann, was also für mich nicht unmittelbar Phänomen ist. Ich werde nicht eine unbestimmte Hypothese aufstellen, wenn ich so etwas annehme, geradesowenig wie ich eine unbestimmte Hypothese aufstelle, wenn ich durch irgendeinen Vorgang Wärme zunächst mit dem Thermometer wahrnehmbar habe und dann durch Erstarrung oder dergleichen diese Wärme verschwinden sehe und dann spreche von verschwundener latenter Wärme.

[ 6 ] What is a hypothesis? Well, let’s take a very trivial example from everyday life. If I’ve been walking down a path and I saw a person along the way, and then I keep walking and don’t see him anymore, I probably won’t assume at first that this person has vanished into the ground—that would be the case in very few instances—but rather I’ll look around and perhaps see a house. I can narrow down my thoughts so that I can say to myself: Well, the person has gone into that house. I don’t see them now, but they’re inside, and I won’t formulate an unfounded hypothesis when, so to speak, the thoughts that arise in the course of my sensory perception—when something occurs in that course that must be explained by assuming something— I must assume—as a hypothesis—something that, although it arises from the course of my imagination, cannot be directly seen or observed, and is therefore not an immediate phenomenon for me. I will not formulate an indeterminate hypothesis when I assume such a thing, any more than I formulate an indeterminate hypothesis when, through some process, I first perceive heat with a thermometer and then, through solidification or the like, see this heat disappear and speak of vanished latent heat.

[ 7 ] Es handelt sich also darum, daß es durchaus gerade zum fruchtbringenden Forschen notwendig ist, die Reihe der Sinnesvorstellungen da oder dort fortzusetzen. Eine unberechtigte Hypothese ist diejenige, die zu Vorstellungen kommt, bei denen, wenn man sie vollzieht, es sich einem einsichtsvollen Denken herausstellt, daß das ihm zugrunde liegende überhaupt niemals wahrgenommen werden kann. Man muß dann die Vorstellungen, zu denen man kommt — und das sind die Vorstellungen über Atomistik, Molekularismus —, ausstatten mit solchen Ingredienzien, die niemals wahrgenommen werden können, sonst könnte man sie eben wahrnehmen. Denn man kann ja zum Beispiel niemals sich der Illusion hingeben, wenn man die kleinsten Teile der Körper durch irgendeinen Vorgang noch sehen würde, daß man dann noch das Licht erklären könnte durch die Bewegung. Denn dann würde man ja das Licht hineintragen bis in diese kleinsten Teile.

[ 7 ] The point is, then, that it is indeed necessary for fruitful research to continue the series of sensory representations here and there. An unjustified hypothesis is one that leads to mental images which, when fully explored, reveal to discerning thought that the underlying reality can never be perceived at all. One must then endow the mental images one arrives at—and these are the mental images of atomism and molecularism—with elements that can never be perceived; otherwise, one would indeed be able to perceive them. For one can never, for example, succumb to the illusion that, if one were still able to see the smallest parts of bodies through some process, one could then explain light through motion. For then one would, after all, be carrying light all the way down into these smallest parts.

[ 8 ] Ich bitte Sie, an dieser Stelle doch Veranlassung zu nehmen, über berechtigtes Fortdenken innerhalb der Erfahrung und über die Aufstellung unberechtigter Hypothesen gerade sich eine klare Anschauung zu verschaffen.

[ 8 ] I ask you to take this opportunity to form a clear understanding of legitimate reasoning based on experience and of the formulation of unfounded hypotheses.

[ 9 ] Wenn wir nun noch einmal zurückkommen auf unseren früheren Gedanken, dann müssen wir folgendes sagen: Wir sehen den sogenannten normalen Menschen vor uns. Wir sehen auf der anderen Seite den erkrankten Menschen vor uns. Wir müssen notwendigerweise in beiden Organisationen einen naturgemäß verlaufenden Prozeß anerkennen. Und doch, wie verhält sich der eine Prozeß zu dem andern? Gerade das Trennen der Physiologie von der Pathologie und der Therapie, wie das in der neueren Zeit so üblich geworden ist, verhindert uns, beim Übergänge von einem zu dem anderen zu entsprechenden Vorstellungen zu kommen. Außerdem kann ja im Grunde genommen der moderne Mediziner das Geistige gar nicht in Berechnung ziehen, wenn er Physiologie oder auch wenn er Pathologie treibt, denn dieses Geistige ist ja innerhalb der modernen Wissenschaftsgesinnung eigentlich doch ein Unbekanntes. Und es fällt uns daher heraus aus allen unseren Betrachtungen. Nun kann man, indem man diese beiden Naturprozesse, das Physiologische und das Pathologische, klar und anschaulich zunächst in abstrakter Form einander gegenübersteht, ich möchte sagen, gewisse Endformen des Pathologischen vor die Betrachtung hinstellen, und man wird aus der Betrachtung solcher Endformen heraus vielleicht zu fruchtbaren Vorstellungen gerade kommen können. Sie brauchen nicht schon beim Beginne einer Wissenschaft an das Vorhandensein, an das Gefordertsein einer unbedingten Notwendigkeit zu denken. Dieses, was man Richtigkeit, was man innere Notwendigkeit nennt, kann sich ja erst im Verlaufe der Betrachtung ergeben. Und so kann man, ich möchte sagen, an jedem Zipfel anfangen, wenn man ein gewisses Naturgebilde betrachten will. Nehmen wir einen sehr extremen Fall innerhalb des erkrankten menschlichen Organismus. Da haben wir als einen sehr extremen Fall, der der modernen Medizin außerordentlich viel Schwierigkeiten macht, die Karzinombildung, die Krebsbildung.

[ 9 ] If we now return to our earlier thought, we must say the following: We see the so-called normal person before us. On the other hand, we see the sick person before us. We must necessarily recognize a naturally occurring process in both states. And yet, how does one process relate to the other? It is precisely the separation of physiology from pathology and therapy—as has become so common in recent times—that prevents us from arriving at appropriate mental images when transitioning from one to the other. Moreover, the modern physician cannot, in essence, take the spiritual into account at all when practicing physiology or even pathology, for this spiritual aspect is, after all, essentially an unknown within the modern scientific mindset. And it therefore falls outside the scope of all our considerations. Now, by first clearly and vividly contrasting these two natural processes—the physiological and the pathological—in abstract form—I would say, by placing certain extreme forms of the pathological at the forefront of our consideration—we may, through the examination of such extreme forms, be able to arrive at fruitful mental images. You do not need to think, right at the outset of a science, about the existence or the requirement of an absolute necessity. What is called correctness, what is called inner necessity, can only emerge in the course of the examination. And so, I would say, one can begin at any point when one wishes to examine a certain natural phenomenon. Let us take a very extreme case within the diseased human organism. There we have, as a very extreme case that poses extraordinary difficulties for modern medicine, the formation of carcinoma, the formation of cancer.

[ 10 ] Wir sehen innerhalb dieses Krankheitsbildes gewissermaßen auftreten etwas, das sich auch bei der mikroskopischen Untersuchung zeigt, wie ein Organisches sogar, oder wenigstens ein organisch Aussehendes, im gewöhnlichen Organismus so auftritt, daß es allmählich das Leben des übrigen Organismus zerstört. Wir können uns zunächst nur sagen, wir finden da gewissermaßen innerhalb der Körperlichkeit des menschlichen Organismus etwas auftreten, wo wir sehen, wie, aus unbekannten Tiefen heraufkommend, in unseren gewöhnlichen Naturverlauf etwas anderes sich hineinstellt, was diesen Naturverlauf stört.

[ 10 ] Within this clinical picture, we see, in a sense, something emerging that is also evident upon microscopic examination—something organic, or at least something that appears organic—which manifests in the normal organism in such a way that it gradually destroys the life of the rest of the organism. For now, we can only say that we find something occurring, as it were, within the physicality of the human organism, where we see how, rising up from unknown depths, something else inserts itself into our ordinary natural course, disrupting that course.

[ 11 ] Aber wir können auch an das andere Extrem des pathologischen Organismus gehen, wir können sehen, wie auf der anderen Seite dasjenige entstehen kann, was in einer gewissen Weise eine Überwucherung der Normaltätigkeit des menschlichen Organismus ins Unnormale hinein ist, wir betrachten einen menschlichen Organismus dann als abnorm. Ich will mit diesen Ausdrücken normal und abnorm nicht besonders spielen, aber zur vorläufigen Verständigung können sie ja doch hinreichen. Im weiteren Verlaufe würde sich zeigen, wenn gerade diese Betrachtungen fortgesetzt werden müßten, die ich jetzt hier anstelle, was ich nicht hoffe, daß das Normale auch in Übergangen einfach in das sogenannte Abnorme hinein verläuft. Aber zur vorläufigen Verständigung können ja die Ausdrücke normal und abnorm durchaus gebraucht werden. Wir sehen, wenn wir die normale menschliche Organisation gegenüber haben, entwickelt auch seelisch sich eine bestimmte Art des Wollens, eine bestimmte Art des Fühlens, eine bestimmte Art des Denkens. Wir haben uns im sozialen Leben allmählich angeeignet, gewissermaßen eine Art Normalbild herauszukristallisieren aus den Vorstellungen, die wir uns aus unserem Verkehr mit Menschen eben machen, ein Bild, das uns anleitet, einen Menschen als normal zu betrachten, der in einer gewissen Weise Wollen, Fühlen, Denken aus sich herausgestaltet bis zu einem gewissen Maße.

[ 11 ] But we can also go to the other extreme of the pathological organism; we can see how, on the other hand, something can arise that is, in a certain sense, an overgrowth of the normal activity of the human organism into the abnormal—we then regard a human organism as abnormal. I do not wish to play around with the terms “normal” and “abnormal” in any particular way, but they may suffice for the time being to facilitate understanding. As we proceed—if these very considerations were to be continued, which I do not hope will be the case—it would become apparent that even in transitional states, the normal simply merges into the so-called abnormal. But for the time being, the terms “normal” and “abnormal” can certainly be used to facilitate understanding. We see that when we consider the normal human constitution, a certain way of willing, a certain way of feeling, and a certain way of thinking also develop psychologically. In social life, we have gradually learned, so to speak, to crystallize a kind of “normal” image from the mental images we form through our interactions with others—an image that guides us to regard as “normal” a person who, to a certain extent, expresses their willing, feeling, and thinking in a particular way.

[ 12 ] Wir kommen da ganz notwendigerweise, wenn wir den Gedanken nur ein klein wenig verdichten, dazu, uns zu sagen: Wenn nun der Organismus zu stark funktioniert, wenn er gewissermaßen so funktioniert, wie funktionieren würde irgendein Körper, in dem latente Wärme ist, dem wir diese latente Wärme nehmen und der dann viel zuviel freie Wärme an die Umgebung abgeben würde, so daß wir uns nicht mehr auskennen, was wir mit dieser Wärme machen sollen, wenn also der menschliche Organismus so funktionieren würde, daß er gewissermaßen zuviel nach dieser Richtung aus sich heraustreibt, dann würde er uns ganz notwendigerweise, wenn er uns in Realität gegenüberträte, zeigen müssen diejenigen Ergebnisse, die wir zum Beispiel innerhalb des gedanklichen Gebietes, wo aber immer das Emotionelle durch das Gefühlsmäßige hineinspielt, finden. Innerhalb des gedanklichen Gebildes würde uns ein solcher menschlicher Organismus mit dem behaftet erscheinen, was wir Manie nennen. Wir sehen nun also an diesem menschlichen Organismus etwas von dem auftreten, was sich gewissermaßen durch eine Überflutung dieses Organismus mit Organisationskräften, die hindrängen nach dem Sinnesmäßigen, ergibt. Wir haben in den karzinomartigen Bildungen etwas, wo im Organismus, gewissermaßen sich absondernd, Naturkraft organisierend auftritt, wo sich diese Organisationskraft einlagert in den Organismus. Wir haben auf der anderen Seite in den pathologischen Erscheinungen der Manie oder ähnlichen Erscheinungen etwas, was gewissermaßen vom Organismus nicht gehalten werden kann, was aus dem Organismus heraus kommt. Wenn ich das schematisch zeichnen sollte, so könnte ich das so zeichnen, daß ich sage: Wenn ich mit diesem hier umfasse die Normalbildung des menschlichen Organismus, so müßte ich das Auftreten eines Karzinominösen so hineinzeichnen (rot), daß ich gewissermaßen an irgendeiner Stelle etwas hinzeichne, was als Wachstumskräfte auftritt, die nun dem Organismus innerlich anhaften, so daß er da etwas abgeben muß, was er sonst an den ganzen Organismus abgeben würde.

[ 12 ] If we take this idea just a little further, we inevitably come to the conclusion that: If the organism functions too vigorously—if, so to speak, it functions like any body containing latent heat, from which we were to remove that latent heat, causing it to release far too much free heat into the environment, so that we would no longer know what to do with this heat—if, then, the human organism were to function in such a way that it, so to speak, expels too much in this direction from within itself—then it would, quite necessarily, if it were to confront us in reality, have to show us the very results that we find, for example, within the realm of thought, where, however, the emotional always comes into play through feeling. Within the realm of thought, such a human organism would appear to us to be afflicted with what we call mania. We now see, then, something occurring in this human organism that results, so to speak, from an overflow of organizational forces into this organism, forces that are pushing toward the sensory realm. In carcinoma-like formations, we have something where, in a sense, natural organizing power appears within the organism as a separate entity, where this organizing power becomes embedded in the organism. On the other hand, in the pathological manifestations of mania or similar phenomena, we have something that, in a sense, cannot be retained by the organism—something that emerges from the organism. If I were to sketch this schematically, I could draw it as follows: If I were to use this symbol here to represent the normal development of the human organism, I would have to depict the occurrence of a carcinomatous condition (in red) by, so to speak, drawing something at a certain point that manifests as growth forces which now adhere internally to the organism, so that it must release something there that it would otherwise release to the entire organism.

[ 13 ] Wollte ich zeichnen dasjenige, was beim anderen Pol, bei der Manie auftritt, so müßte ich — schematisch ist das natürlich alles gemeint es etwa als herausquellend aus dem Organismus (blau), als ein nach dem Geistig-Seelischen Hindrängendes annehmen.

[ 13 ] If I were to depict what occurs at the other pole—in mania—I would have to assume—schematically, of course—that it flows out of the organism (blue), as something pressing toward the mental-emotional realm.

[ 14 ] Sie können dann diese äußersten Fälle, die ich hier angeführt habe, die gewissermaßen extreme Fälle sind, die können Sie in abgeschwächterem Zustande sich vorstellen. Denken wir uns, es kommt nicht bis zur Karzinombildung, sondern es kommt gewissermaßen bis zu einer auf dem Wege aufgehaltenen Karzinombildung. Wenn es bis zu einer auf dem Wege aufgehaltenen Karzinombildung kommt, dann wird einfach irgendein Organ — denn es kann ja natürlich das, was da geschieht, nicht im Nichts geschehen, nicht in den Zwischenräumen des Organismus —, es wird irgendein Organ ergriffen, aber es verbindet sich gewissermaßen die Kraft, die sonst nach innen strebt in der Karzinombildung und da ganz selbständig sich innerlich emanzipiert, mit dem, was als Normalkraft in einem Organe ist, und wir haben es mit der Erkrankung eines Organes dann zu tun, die wir in der verschiedensten Weise, wie es ja gang und gäbe geworden ist, gebräuchlich geworden ist in der Medizin, bezeichnen können.

[ 14 ] You can then create a mental image of these extreme cases I have cited here—which are, in a sense, extreme cases—in a less severe form. Let’s imagine that it does not progress to the formation of a carcinoma, but rather, in a sense, to a carcinoma formation that is halted along the way. If it comes to a stage where carcinoma formation is halted along the way, then simply some organ—for what is happening there cannot, of course, take place in a vacuum, not in the interstices of the organism—some organ is affected, but, in a sense, the force that otherwise strives inward in the formation of a carcinoma—and emancipates itself internally in a completely autonomous manner—combines with what is the normal force within an organ, and we are then dealing with a disease of an organ that we can describe in a wide variety of ways, as has become common practice in medicine.

[ 15 ] Nehmen wir an, solch ein Hinneigen zur Manie wird auf halbem Wege aufgehalten. Der Betreffende wird durch das Abnorme seiner Organisation nicht dazu gebracht, daß das Geistig-Seelische völlig herausgesetzt wird wie in der Hochmanie, wo er gewissermaßen ganz außer sich kommt und das Gedankliche emotionell seinen eigenen Verlauf nimmt. Es bleibt gewissermaßen auf halbem Wege dasjenige stehen, was nach dem anderen Extrem hindrängt: dann haben wir es zu tun mit den verschiedenen Formen der sogenannten geistigen Erkrankungen — der sogenannten, sage ich —, die eben in der verschiedensten Weise auftreten können, von den organisch bedingten Illusionen und so weiter bis zu den organisch kaum mehr nachweisbaren, aber im Organismus immer doch begründeten Zuständen der Hysterie und so weiter.

[ 15 ] Let us assume that such a tendency toward mania is halted halfway. The individual is not driven by the abnormality of his constitution to the point where his mental and emotional life is completely sidelined, as in full-blown mania, where he, so to speak, completely loses himself and his thoughts take on a life of their own, driven by emotion. What drives the person toward the other extreme comes to a halt, as it were, halfway: then we are dealing with the various forms of so-called mental illnesses—so-called, I say—which can manifest in the most diverse ways, ranging from organically caused delusions and so on to states of hysteria and the like, which are scarcely detectable organically but are nevertheless always rooted in the organism.

[ 16 ] Sie sehen, hier ist versucht worden, gewissermaßen nach zwei verschiedenen Richtungen hin die Erscheinungen zu verfolgen, die uns aus dem Normalen ins Pathologische hineinführen. Und nur wenn man zunächst diese Erscheinungen verfolgt, kann man zu einer Anschauung über diese Erscheinungen kommen. Ich möchte Ihnen nun von einer anderen Seite her zeigen, wie man noch nicht ganz aus dem Gebiete jener Geisteswissenschaft heraus, deren Methode ich Ihnen charakterisiert habe als Imagination, als Inspiration, als Intuition, sondern, ich möchte sagen, schon aus einem gewissen Instinkte heraus, in einer gewissen Weise erfassen kann, was da eigentlich zugrunde liegt, aber wie dieses Erfassen, wenn es eben nicht bis zum geisteswissenschaftlichen Weg vordringen will, doch in der Mitte steckenbleibt.

[ 16 ] As you can see, an attempt has been made here to trace, as it were, in two different directions, the phenomena that lead us from the normal into the pathological. And only by first tracing these phenomena can one arrive at an understanding of them. I would now like to show you from another perspective how—without having yet fully departed from the realm of that Spiritual Science whose method I have characterized to you as imagination, inspiration, and intuition— I would say, already from a certain instinct, one can grasp in a certain way what actually underlies this—but how this grasping, if it does not wish to advance all the way to the path of Spiritual Science, nevertheless remains stuck in the middle.

[ 17 ] Wir haben innerhalb der deutschen Geistesentwicklung eine außerordentlich interessante Erscheinung. Ganz abgesehen jetzt davon, wie man sich zu Schelling stellen will als Philosophen, wir haben in ihm eine interessante kulturhistorische Erscheinung. Mag alles falsch und schief sein, was er in seiner Philosophie ausgebildet hat, in ihm lebte aber ein gewisser Instinkt für das natürliche Geschehen bis in die Gebiete hinein, wo die gewöhnliche Naturwissenschaft so ungern das natürliche Geschehen verfolgt, wo sie sich mehr auf eine ganz grobe Empirie verläßt. Schelling hat durchaus da, wo ihm die Möglichkeit vorlag, auch versucht medizinisch zu denken, ja er hat sich sogar in Fragen der Heilungsprozesse in einem ausgiebigen Maße betätigt. Man hat sich wenig in den philosophischen Geschichtsbetrachtungen über die neuere Zeit damit beschäftigt, wie eigentlich Schelling darauf gekommen ist, ganz instinktiv so unterzutauchen aus der bloß abstrakten, logisch-philosophischen Betrachtung in eine reale Naturbetrachtung, selbst des Organischen. Und er hat ja sogar eine Zeitschrift herausgegeben, die sich in ausgiebigem Maße mit medizinischen Fragen beschäftigt hat.

[ 17 ] We have an extraordinarily interesting phenomenon within the development of German thought. Quite apart from how one might view Schelling as a philosopher, he represents an interesting cultural-historical phenomenon. Even if everything he developed in his philosophy may be wrong and flawed, he possessed a certain instinct for natural processes that extended into areas where conventional natural science is so reluctant to investigate natural phenomena, relying instead on very crude empiricism. Wherever the opportunity arose, Schelling certainly attempted to think in medical terms; indeed, he even engaged extensively with questions concerning healing processes. In philosophical historical reflections on the modern era, little attention has been paid to how Schelling actually came to instinctively shift from a purely abstract, logical-philosophical perspective to a concrete observation of nature—including the organic realm. And he even published a journal that dealt extensively with medical issues.

[ 18 ] Woher kommt das? Man kann sich darüber aufklären, wenn man weiß und in richtiger Weise zu würdigen versteht, aus welchen tiefen Erkenntnisinstinkten heraus Schelling seine Wahrheiten und seine Irrtümer geschöpft hat. Und so findet sich bei Schelling, durchaus nicht auf eine klare Erkenntnis gebaut, aber, ich möchte sagen, herausgehauen aus dem Instinktiven des seelischen Lebens, ein merkwürdiger Satz. Die Natur erkennen, sagte er, heißt die Natur schaffen. — Ja, wenn dieser Satz realisiert wäre unmittelbar für das menschliche Erkennen, dann hätten wir es leicht, in die Medizin hineinzukommen. Wenn wir mit in unser Erkennen aufnehmen könnten die Schaffenskräfte, wenn wir in unserem Bewußtsein anwesend hätten die Schaffenskräfte, dann könnten wir sehr leicht in das Gebiet der physiologischen und pathologischen Erscheinungen hineindringen, denn dann würden wir die schaffende Natur gewissermaßen bei ihren Schritten beobachten können. Die empirische Anschauung sagt einfach: Das können wir nicht. — Und derjenige, der dann weitergeht, kann sagen, daß gerade in der Nichterfüllbarkeit einer solchen, über das menschliche Vermögen hinausgehenden Forderung, wie sie da Schelling aufgestellt hat, etwas von dem liegt, was uns nicht hineinschauen läßt zunächst in einen solchen Prozeß, wo neue Bildungen auftreten. Weil wir das Schaffen der Natur unmittelbar mit unserem Erkennen nicht verfolgen können, deshalb können wir nicht hineinschauen da, wo neue Bildungen auftreten, das heißt, wir können das Dasein der materiellen Prozesse, wie sie sich zum Beispiel in der Karzinombildung vollziehen, nicht ohne weiteres verfolgen. Aber in dem richtigen Zusammenhalten desjenigen, was uns da eigentlich versagt ist, indem wir nicht erfüllen können die instinktive Forderung eines genialischen Menschen: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen — in der Nichterfüllbarkeit dieser Forderung, in Zusammenstellung mit demjenigen, was uns nun doch auftritt im karzinomatösen Prozeß, wird sich ergeben, wie man solchen Prozessen zu Leibe zu gehen hat.

[ 18 ] Where does this come from? One can gain insight into this if one knows—and understands how to properly appreciate—the deep instincts of insight from which Schelling drew his truths and his errors. And so we find in Schelling—a statement that is by no means based on clear cognition, but, I would say, carved out of the instinctive realm of spiritual life—a remarkable proposition. To know nature, he said, is to create nature. — Yes, if this proposition were directly realized in human cognition, then we would have an easy time entering the realm of medicine. If we could incorporate the creative forces into our cognition, if we had these creative forces present in our consciousness, then we could very easily penetrate the realm of physiological and pathological phenomena, for then we would be able, as it were, to observe creative nature as it proceeds. Empirical observation simply states: We cannot do that. — And whoever goes further may say that it is precisely in the unattainability of such a demand—one that goes beyond human capacity, as Schelling has formulated it—that lies something that initially prevents us from gaining insight into a process where new formations arise. Because we cannot directly follow nature’s creative process through our cognition, we cannot look into the very place where new formations arise; that is to say, we cannot readily track the existence of material processes, such as those that take place in the formation of cancer. But in the proper synthesis of what is actually denied to us—since we cannot fulfill the instinctive demand of a genius: “To know nature is to create nature”—in the unfulfillability of this demand, when combined with what does, after all, present itself to us in the carcinomatous process, it will become clear how one must tackle such processes.

[ 19 ] Nach der anderen Seite hin, ja, da hat Schelling allerdings aus keinem Instinkt heraus gesprochen. Ich bitte Sie nur einmal, den polarischen Gegensatz zu dem, was Schelling gesprochen hat, ins Auge zu fassen. Wenn auf der einen Seite der Satz steht: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen —, den wir nicht erfüllen können, so würde ja auf der anderen Seite der Satz stehen: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören. Dieser Satz ist bisher nur von Geisteswissenschaftern und da auch nur in einem gewissen mysteriösen Dunkel ausgesprochen worden: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören. Wenn wir nun nicht erfüllen können das Schaffen der Natur, so können wir — das wollen wir zunächst durch Analogie zugeben, man kann davon dann noch weiter reden —, so können wir auch nicht aus unserem menschlichen Vermögen heraus den Geist zerstören. Wir können nicht vordringen mit unserem Erkennen bis dahin, wo die Zerstörung des Geistigen beginnt. Aber Sie ahnen schon, da besteht eine gewisse Verwandtschaft zu den manischen oder ähnlichen Zuständen, denn da tritt etwas Zerstörerisches im Geiste auf. Und gesucht wird werden müssen auf der einen Seite der Zusammenhang jener normalen menschlichen Vermögen, die nicht können die Natur schaffen, indem sie erkennen, und die nicht können den Geist zerstören, indem sie ihn erkennen. Hier habe ich Ihnen zunächst den Weg aufgezeigt, etwas, was uns geradezu aus einem normalen, aber instinktiv tiefer angeregten Bewußtsein hineinführt in ein Verhältnis des Menschen zur Natur. Wir werden sehen, daß auf diesem Wege, der hier angedeutet worden ist, im weiteren Verlaufe dasjenige liegt, was eigentlich gesucht werden muß beim Übergänge von der Physiologie zur Pathologie.

[ 19 ] On the other hand, yes, Schelling certainly did not speak out of instinct there. I ask you just once to consider the polar opposite of what Schelling said. If, on the one hand, there is the statement: “To know nature is to create nature”—which we cannot fulfill—then on the other hand there would be the statement: “To know the spirit is to destroy the spirit.” This statement has so far been uttered only by people who study Spiritual Science, and even then only in a certain mysterious obscurity: “To know the spirit is to destroy the spirit.” If we cannot fulfill the task of creating nature, then—let us concede this for now by analogy, though we can discuss it further later—we cannot, by our own human capacity, destroy the spirit either. We cannot advance with our cognition to the point where the destruction of the spiritual begins. But you can already sense that there is a certain kinship here with manic or similar states, for in those cases something destructive arises within the spirit. And we must seek, on the one hand, the connection between those normal human faculties that cannot create nature through cognition, and that cannot destroy the spirit through cognition. Here I have first shown you the path—something that leads us directly from a normal, yet instinctively more deeply stirred consciousness into a relationship between the human being and nature. We shall see that along this path, which has been indicated here, lies what must actually be sought in the transition from physiology to pathology.

[ 20 ] Nun, ich hoffe, daß ich morgen nicht auch noch genötigt bin, in dieser Weise zu Ihnen zu sprechen, aber ich werde doch versuchen, im Laufe der nächsten Tage wenigstens dann skizzenweise zu irgendeiner Zeit abends diese Betrachtung fortzusetzen.

[ 20 ] Well, I hope I won't be forced to speak to you in this manner again tomorrow, but I will nevertheless try, over the next few days, to at least continue this reflection in outline form at some point in the evening.