Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Physiological Therapeutics
based on Spiritual Science
GA 314

8 October 1920, Dornach

Translate the original German text into any language:

Physiologisch-therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft II

Physiological Therapy Based on the Spiritual Science II

[ 1 ] Ich will anknüpfen an dasjenige, was ich gestern am Schlusse dieser Betrachtungen gesagt habe. Es handelte sich darum, daß hingewiesen wurde auf eine Persönlichkeit, die gewissermaßen durch ihre philosophischen Instinkte getrieben worden ist von der Erkenntnis des Geistig-Seelischen in ein Ahnen des Zusammenhanges dieses GeistigSeelischen mit dem physisch-leiblichen Dasein des Menschen. Es handelt sich um die Persönlichkeit Schellings, und ich habe gesagt, daß aus diesen Instinkten heraus Schelling sich ja auch nicht nur in theoretischer Medizin, sondern mit allerlei Heilbehandlungen praktisch betätigt hat. Ich weiß nicht, ob dies mit größerer oder geringerer Befriedigung geschehen ist, als es bei manchen gut präparierten Ärzten geschieht. Denn diese Frage, wieviel durch einen Heilprozeß zur Besserung eines Menschen beigetragen wird, ist ja in den meisten Fällen, wenn man es nicht gerade innerlich anschaut, ohnedies eine sehr problematische. Schelling hat aber aus dieser ganzen Seelenverfassung heraus, aus der ihm dieser Instinkt geworden ist, ein Prinzip gewonnen, von dem man allerdings sagen kann, daß es gut wäre, wenn es eine Art inneres Prinzip für jeden Arzt würde, so würde, daß der Arzt gewissermaßen seine ganze praktische Anschauung vom Wesen des gesunden und kranken Menschen aus diesem Prinzipe heraus einstellen würde. Und ich habe eben die Schellingschen Worte selber angeführt. Sie sind eine Art von Kühnheit. Er sagte einfach: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen. — Nun, nicht wahr, dasjenige, was einem zuerst auffallen muß, wenn jemand, der ein genialischer Mensch ist, einen solchen Ausspruch tut, das ist ja die ganz offenbare Absurdität dieses Ausspruches. Denn niemand wird sich im Ernste zutrauen, daß er als irdischer Mensch im physischen Leibe imstande ist, irgend etwas von der Natur durch das Naturerkennen auch zu schaffen. Selbstverständlich wird in der Technik fortwährend geschaffen, aber da handelt es sich ja nicht darum, etwas wirklich in dem Sinne zu schaffen, wie es Schelling meint, sondern nur durch eine Zusammenstellung, Komponierung der Naturkräfte der Natur Gelegenheit zu geben, ihrerseits zu schaffen in einer bestimmten Weise und durch eine bestimmte Anordnung und so weiter. Also wir haben es im Grunde genommen zu tun mit einer Absurdität, die ein genialischer Mensch seinem ganzen Denken doch eigentlich zugrunde legt. Und ich habe Ihnen gestern einen anderen Satz angeführt, welcher dem: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen — entgegengestellt werden kann und der da heißen würde dann: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören. — Diesen letzteren Satz hat wohl Schelling nicht in einer so grundsätzlichen Weise ausgesprochen. Aber derjenige, der nun in der neueren Zeit wiederum an Geisteswissenschaft herantritt und eigenes Geistesforschen entwickelt, der sieht, daß im Grunde genommen beide Sätze zurückweisen auf uralte Erkenntnisinspirationen. Gewiß, Schelling, der nach keiner Richtung hin ein Eingeweihter war, sondern einfach ein genialischer Mensch, Schelling hat aus seinen Instinkten heraus den einen Satz geprägt. Dieser eine Satz erinnert einen sogleich, wenn man nun solche Studien macht, die eben in der Zeit Schellings nicht gemacht worden sind, daß er anklingt an uralte Weistümer. Dann wird man herübergetragen zu dem anderen Satze, der in einer ähnlichen Weise aus uralten Weistümern heranklingt. Beide Sätze sind mit der gewöhnlichen heutigen Verstandeserkenntnis, die wir in unseren Wissenschaften anwenden, nicht irgendwie zu begreifen. Beide sind eigentlich so nebeneinander betrachtet und für sich betrachtet eine Absurdität. Sie weisen aber auf Allerwichtigstes in der Menschheitsorganisation, sowohl für den gesunden wie für den kranken Zustand, hin.

[ 1 ] I would like to pick up where I left off yesterday at the end of these reflections. The point was that reference was made to a figure who, driven, as it were, by his philosophical instincts, moved from an understanding of the spiritual-soul aspect to a sense of the connection between this spiritual-soul aspect and the physical-bodily existence of the human being. I am referring to Schelling, and I said that, driven by these instincts, Schelling was active not only in theoretical medicine but also in all kinds of practical therapeutic treatments. I do not know whether this was done with greater or lesser satisfaction than is the case with some well-trained physicians. For this question—to what extent a healing process contributes to a person’s recovery—is, in most cases, a very problematic one anyway, unless one looks at it from an inner perspective. But Schelling, drawing from this entire state of mind—from which this instinct arose in him—derived a principle of which one can certainly say that it would be good if it became a kind of inner principle for every physician, such that the physician would, so to speak, base his entire practical understanding of the nature of the healthy and sick human being on this principle. And I have just quoted Schelling’s own words. They are a kind of audacity. He simply said: To know nature is to create nature. — Well, isn’t it true that the very first thing that must strike one when a person of genius makes such a statement is the utterly obvious absurdity of that statement? For no one would seriously presume that, as an earthly human being in a physical body, they are capable of creating anything from nature through the act of recognizing nature. Of course, creation takes place constantly in technology, but there it is not a matter of truly creating something in the sense that Schelling means, but rather of giving nature the opportunity—through a combination or composition of natural forces—to create in its own way, through a specific arrangement, and so on. So, fundamentally, we are dealing with an absurdity that a genius actually lays at the foundation of his entire thinking. And yesterday I cited another statement that can be set against the one: “To know nature is to create nature”—and which would then read: “To know the spirit is to destroy the spirit.”—Schelling probably did not express this latter statement in such a fundamental way. But anyone who, in more recent times, approaches Spiritual Science anew and develops their own spiritual research will see that, fundamentally, both statements point back to ancient sources of insight. Certainly, Schelling—who was not an initiate in any sense, but simply a genius—coined that one statement out of his instincts. This one proposition immediately reminds one—when engaging in studies that were not undertaken in Schelling’s time—that it resonates with ancient wisdom. Then one is led to the other proposition, which similarly resonates with ancient wisdom. Neither of these statements can be understood in any way through the ordinary intellectual understanding we apply in our sciences today. Viewed side by side or considered in isolation, both are actually absurd. Yet they point to what is most important in the organization of humanity, both in its healthy and in its diseased states.

[ 2 ] Wir können, wenn wir die äußere Natur betrachten, den fertigen Naturprozessen gegenüber nichts anderes sagen als: Die Natur erkennen heißt höchstens in Gedanken die Natur nachschaffen. Also dasjenige, was wir unsere Gedanken nennen und was es nicht weiterbringt als zu einem Nachschaffen der Natur, dem die innere Bildekraft fehlt, das entwickeln wir eigentlich in unserem Denken, in dem von Gedanken, von Vorstellungen durchtränkten Seelenleben. Aber es ist ja schon hingewiesen worden darauf, wie dieses von Vorstellungen durchtränkte Seelenleben im Grunde genommen nichts anderes ist als dasjenige, was sich um die Zahnwechselperiode herum aus dem physisch-ätherischen Organismus heraus emanzipiert, was man also bis zum Zahnwechsel hin im physisch-ätherischen Organismus des Menschen drinnen hat. So daß man dasjenige, was da im physisch-ätherischen Menschen kraftet in den Kinderjahren, was da wirklich eine schaffende Tätigkeit ausübt, eine schöpferische Tätigkeit, dann abgeschwächt hat, abgetönt im Seelenleben als eine Bilderwelt oder Gedankenwelt oder Vorstellungswelt, kurz, ich möchte sagen, als eine von ihrer schöpferischen Substantialität herunter verdünnte Weltenkraft, in den Gedanken, in den Vorstellungen drinnen. Es sitzt also einfach in unserem Organismus dasjenige, was wir vom siebenten Jahre ab erkennen, das sitzt einfach organisierend in unserem Organismus drinnen. Da schafft es. Da schafft es zwar nicht so, daß wir es sehen können schaffend in der äußeren Natur, aber da sehen wir es schaffend drinnen in unserem eigenen Organismus. So daß, wenn das Kind schon ein Weiser sein könnte und sich aussprechen könnte nun nicht über die äußere Natur, sondern über dasjenige, was in seinem Innern vorgeht, wenn das Kind in sein Inneres blicken und dort die Natur durchschauen könnte, dann würde es sagen, wie Schelling gesagt hat: Diese Natur erkennen heißt diese Natur schaffen -, denn da würde das Kind sich einfach durchimprägnieren mit den schaffenden Kräften, würde eins werden mit diesen schaffenden Kräften. Und Schelling hat in seinem medizinischen Instinkt, in seinem physiologischen Instinkt, nichts anderes getan als dasjenige, was für das ganze spätere Leben eine Absurdität ist, heraufgeholt aus dem Kindheitszeitalter und hat es herausgestoßen, indem er gewissermaßen gesagt hat: All dieses Erkennen im Alter ist doch nichts anderes als ein ohnmächtiges Bildergespinst; könnte man als Kind erkennen, dann würde man sagen müssen: Erkennen heißt eigentlich schaffen, heißt schöpferische Tätigkeit entwickeln. Aber wir können diese schöpferische Tätigkeit nur schauen in dem eigenen Inneren.

[ 2 ] When we observe the external world, we can say nothing more about the completed processes of nature than this: To understand nature means, at most, to recreate it in thought. So what we call our thoughts—which amount to nothing more than a re-creation of nature, lacking inner creative power—is what we actually develop in our thinking, in the life of the soul imbued with mental images. But it has already been pointed out how this inner life of the soul, imbued with mental images, is essentially nothing other than that which emancipates itself from the physical-etheric organism around the time of tooth replacement—that which, until tooth replacement, is contained within the human physical-etheric organism. So that what is at work within the physical-etheric human being during childhood—what truly exerts a creative activity—is then weakened and tempered in the life of the soul as a world of images, or a world of thoughts, or a world of ideas; in short, I would say, as a world force diluted from its creative substance, within our thoughts and mental images. So what we begin to recognize from the age of seven onward is simply present within our organism; it is simply at work, organizing within our organism. There it is at work. It does not work in such a way that we can see it creating in the external natural world, but we do see it creating within our own organism. So that if the child could already be a sage and could speak—not about external nature, but about what is taking place within—if the child could look into its inner self and see through nature there, then it would say, as Schelling said: To recognize this nature is to create this nature—for there the child would simply become imbued with the creative forces, would become one with these creative forces. And Schelling, in his medical instinct, in his physiological instinct, did nothing other than bring forth from childhood—something that is an absurdity for the rest of one’s life—and thrust it forth by saying, as it were: All this cognition in adulthood is, after all, nothing more than a powerless web of images; if one could cognize as a child, then one would have to say: Cognition actually means creating, means developing creative activity. But we can only observe this creative activity within ourselves.

[ 3 ] Was ist es denn eigentlich also, was uns da als schöpferische Tätigkeit in dem eigenen Inneren entgegentritt, was ein genialischer Mensch wie Schelling so ausspricht, wie ich es angedeutet habe? Nicht wahr, das Genialische beruht ja überhaupt darauf, daß der Mensch sich ein gewisses Kindliches im späteren Alter bewahrt. Diejenigen Menschen sind niemals genial, die unbedingt altern, die das Altern schon aufnehmen in einer gewissen normalen Art, wenn eben das entsprechende Alter herankommt, sondern diejenigen Menschen sind die eigentlich Genialischen, die hineintragen in das spätere Alter etwas positiv Schöpferisch-Kindliches. Es ist dieses Kindliche, dieses positiv Schöpferische, dieses erkennend Schöpferische, das gewissermaßen — wenn ich mich töricht ausdrücken will — nicht Zeit hat, nach außen hin zu erkennen, weil es die Erkenntniskräfte nach innen wendet und schafft. Das ist die Erbschaft, die wir mitbringen, indem wir durch die Geburt ins physische Dasein treten. Wir bringen Organisationskräfte mit, und wir können sie durch Geisteswissenschaft gewissermaßen schauen. Und ein solcher Mensch wie Schelling hat sie instinktiv geahnt.

[ 3 ] So what, then, is it that we encounter within ourselves as creative activity—what a genius like Schelling expresses in the way I have indicated? After all, genius is based entirely on a person retaining a certain childlike quality in later life. Those people are never truly brilliant—those who inevitably grow old, who simply accept aging in a certain normal way when the corresponding age approaches—but rather, the truly brilliant are those who carry into later life something positively creative and childlike. It is this childlike quality, this positive creativity, this creative insight, which—if I may put it foolishly—has no time, so to speak, to perceive the external world, because it turns its powers of perception inward and creates. This is the inheritance we bring with us when we enter physical existence through birth. We bring organizational forces with us, and through Spiritual Science we can, in a sense, perceive them. And a person like Schelling instinctively sensed them.

[ 4 ] Nun, ein jeder Mensch aber, der sich solches Schauen aneignet, weiß, daß die Dinge nicht so sind, daß etwa diese geistig-seelischen Kräfte, die da im ersten Kindheitsalter organisierend den Organismus durchtränken, etwa mit dem Zahnwechsel vollständig aufhören. Sie machen nur eine Etappe durch. Sie werden gewissermaßen auf eine geringere Wirkungsmenge herabgedrängt, so daß wir später durchaus noch organisierende Kräfte in uns haben. Aber wir haben uns erobert das Gedächtnisbildende, das mit dem Zahnwechsel in das Bewußtsein eintritt und sich dadurch loslöst von der Organisation. Wir haben das Gedächtnis aus seinem latenten Zustande in sein Freiwerden hereinbekommen, haben als seelische Anschauungskraft unsere Wachstums-, unsere Bewegungskraft, unsere Gleichgewichtskraft, die dann in entsprechend erhöhtem Maße im ersten Kindheitsalter wirken. Aber Sie sehen daraus, daß in der normalen Menschheitsentwickelung in einer gewissen Weise bis zu einem Maß herab diese organisierende Kraft, diese Wachstumskraft gewissermaßen umgewandelt werden muß in geistig-seelische, sagen wir, in Erinnerungskraft, in gedankenbildende Kraft. Nehmen wir aber an, durch irgendeinen Vorgang werde zuviel von dieser organisierenden Kraft, die im ersten Kindheitsalter wirkt, zurückgehalten, es sei einfach die Entwickelung so gestaltet, daß nicht genug Kräfte der Organisation in gedächtnisbildende Kraft umgewandelt werden, dann bleiben sie unten im Organismus stecken, dann werden sie gewissermaßen nicht mit jedem Einschlafen in den Schlaf ordentlich hineingetragen, sondern wirken vom Einschlafen bis zum Aufwachen im Organismus weiter, durchrumorend den Organismus.

[ 4 ] Now, anyone who cultivates this kind of insight knows that things are not such that these spiritual-soul forces—which permeate the organism in an organizing manner during early childhood—cease completely with the change of teeth. They are merely passing through a stage. They are, so to speak, reduced to a lesser degree of activity, so that we still possess organizing forces within us later on. But we have acquired the capacity for memory, which enters consciousness with the change of teeth and thereby detaches itself from the organism. We have brought memory out of its latent state into its free existence; we have, as a soul power of perception, our power of growth, our power of movement, and our power of balance, which then act to a correspondingly greater degree during early childhood. But you can see from this that in normal human development, to a certain extent, this organizing force—this growth force—must, so to speak, be transformed into a spiritual-psychic force, let us say, into the power of memory, into the power to form thoughts. But let us suppose that, through some process, too much of this organizing force—which is active in early childhood—is held back; or if development is simply structured in such a way that not enough of the organizing forces are transformed into memory-forming power, then they remain stuck in the lower parts of the organism; they are not, so to speak, properly carried into sleep each time one falls asleep, but continue to act within the organism from the moment of falling asleep until waking, churning through the organism.

[ 5 ] Man wird dazu geführt, wenn man die medizinische physiologisch-phänomenologische Forschung in der Richtung, die ich Ihnen hier in diesen kurzen Vortragszeiten nur andeuten kann, macht, einzusehen, daß es im menschlichen Organismus möglich ist, daß Kräfte, die eigentlich ins Geistig-Seelische hineingehen sollten im richtigen Lebensabschnitte, unten bleiben in der physischen Organisation. Dann ist dasjenige gegeben, wovon ich Ihnen gestern gesprochen habe, wenn das Normalmaß der Organisationskräfte sich umwandelt mit dem Zahnwechsel, dann haben wir ein solches Maß von Kräften im Organismus im späteren Lebensalter, das diesen Organismus nach seiner Normalgestalt und Normalstruktur durchorganisieren kann. Wenn wir aber das nicht haben, wenn wir zuwenig umwandeln, dann bleiben organisierende Kräfte da unten, treten irgendwo auf, und wir erhalten jene Neubildungen, jene karzinomatösen Neubildungen, von denen ich gestern gesprochen habe, und wir können auf diese Weise verfolgen den Prozeß des Erkrankens oder des Kränkens, wie der Mediziner Troxler sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgedrückt hat, des Kränkens in dem späteren Lebensabschnitte. Und wir können dann vergleichen, wie es mit den Kinderkrankheiten nun steht, denn selbstverständlich können Kinderkrankheiten nicht denselben Ursprung haben, weil sie im kindlichen Lebensalter auftreten, wo durchaus noch nichts umgewandelt ist. Aber wenn man gelernt hat dasjenige, was an Krankheitsursachen im späteren Lebensalter auftritt, hat man sich ja auch eine Fähigkeit angeeignet, zu beobachten, wie es mit den Krankheitsursachen im Kindheitsalter liegt. Da findet man allerdings in einer gewissen Weise dasselbe, nur von einer anderen Seite her. Man findet, daß auch dann zuviel von geistig-seelischer Organisationskraft im menschlichen Organismus ist, wenn Kinderkrankheiten auftreten. Für denjenigen, der sich in dieser Richtung Anschauungsvermögen angeeignet hat, treten diese Dinge besonders kraftvoll hervor, wenn er das Phänomen des Scharlachs, der Masern während der kindlichen Zeit ins Auge faßt, wo er sehen kann, wie im kindlichen Organismus dasjenige, was sonst normalerweise funktionieren würde, das Geistig-Seelische, zu rumoren anfängt, wie es in einem höheren Maße wirkt, als es eigentlich wirken sollte. Der ganze Verlauf dieser Krankheiten wird verständlich in dem Augenblicke, wo man dieses Rumoren des Geistig-Seelischen im Organismus nun wirklich schauen kann als die Grundlage der Erkrankung. Und dann ist man nicht mehr weit — ich bitte, meinen Satz ganz genau ins Auge zu fassen, denn ich gehe nie einen Schritt weiter, als gerechtfertigt ist durch die vorhergehenden Erwägungen, wenn auch manches nur skizzenhaft gesagt werden kann, aber ich deute überall an, wie weit man gehen kann —, ich sage nicht, daß hier nun ein Schluß gezogen wird, sondern sage nur, man ist nicht mehr weit, etwas anzuerkennen, was außerordentlich wichtig ist anzuerkennen für ein wirkliches Wissen. Wenn wir dabei angelangt sind, zu erkennen, wie im menschlichen Organismus bei einer Erkrankung im späteren Lebensalter, die nach der Richtung der Neubildung geht, zuviel organisierende Kraft da ist, die also einen Überschuß gewissermaßen in einer Organisationsinsel ergibt, dann ist man eben auch nicht mehr weit davon, sich zu sagen: Weist so das spätere Lebensalter auf die früheste Kindheit zurück, so weist schließlich dasjenige, was sich in der Kindheit zeigt, auf die Zeit vor der Geburt oder sagen wir vor der Empfängnis zurück; es weist zurück auf das geistig-seelische Dasein des Menschen, das er durchlaufen hat, bevor er mit einem physischen Leibe umkleidet wurde. Ein solcher Mensch hat einfach zuviel mitgebracht an GeistigSeelischem aus seinem vormenschlichen Leben, vorirdischen Leben, und dieser Überschuß lebt sich in den Kinderkrankheiten aus. Es wird in der Zukunft gar nicht anders gehen, als sich hineintreiben zu lassen aus den unfruchtbaren materialistischen Betrachtungen, in denen wir heute namentlich im Physiologisch-Therapeutischen stekken, in eine geistig-seelische Betrachtung. Und man wird schon sehen, daß dasjenige, was in der Geisteswissenschaft auftritt, nicht etwa aus dem Grunde auftritt, weil der Geistesforscher zuwenig drinnensteht in der physischen Forschung, und weil er gewissermaßen ein Dilettant ist in der physischen Forschung, wobei ich in Parenthese durchaus sage, daß viele, die sich Geistesforscher nennen, allerdings solche Dilettanten sind, aber es ist dasjenige nicht das, was sein soll. Der Geistesforscher braucht nicht zuwenig drinnen zu stecken in der physischen Forschung, um Geistesforscher zu werden, sondern er wird Geistesforscher, wenn er gerade mehr drinnensteckt als der gewöhnliche Naturforscher. Wenn er die Erscheinungen intensiver durchschaut, dann treiben ihn die Erscheinungen schon selbst ins Geistig-Seelische hinein, insbesondere, wenn wir vom Kranksein zu sprechen haben.

[ 5 ] When one conducts medical, physiological, and phenomenological research in the direction that I can only hint at here during these brief lectures, one comes to realize that it is possible within the human organism for forces that should actually enter the spiritual-soul realm at the appropriate stages of life to remain within the physical organism. Then what I spoke to you about yesterday comes to pass: when the normal measure of the organizing forces is transformed during the change of teeth, we have a sufficient measure of these forces in the organism in later life to organize the organism according to its normal form and structure. But if we do not have this—if we transform too little—then organizing forces remain down there, manifest themselves somewhere, and we end up with those neoplasms, those carcinomatous neoplasms, that I spoke of yesterday; and in this way we can trace the process of falling ill or becoming ailing—as the physician Troxler put it in the first half of the 19th century—of becoming ailing in later life. And we can then compare this to childhood illnesses, for of course childhood illnesses cannot have the same origin, since they occur during childhood, when absolutely nothing has yet been transformed. But once one has learned about the causes of disease that arise in later life, one has also acquired the ability to observe the causes of disease in childhood. There, one finds, in a certain sense, the same thing, only from a different perspective. One finds that even when childhood illnesses occur, there is an excess of spiritual-soul organizing power in the human organism. For those who have developed an intuitive understanding in this direction, these things stand out particularly powerfully when they observe the phenomena of scarlet fever and measles during childhood, where they can see how, in the child’s organism, that which would otherwise function normally—the spiritual-soul aspect—begins to stir, acting to a greater degree than it actually should. The entire course of these diseases becomes understandable the moment one can truly perceive this turmoil of the spiritual-soul aspect within the organism as the basis of the illness. And then one is not far off—I ask you to consider my statement very carefully, for I never go a step further than is justified by the preceding considerations, even if some things can only be outlined in broad strokes; but I indicate everywhere just how far one can go— I am not saying that a conclusion is drawn here, but only that one is not far from acknowledging something that is extraordinarily important to acknowledge for true knowledge. Once we have come to recognize how, in the human organism, a disease in later life that proceeds in the direction of new formation involves an excess of organizing power—which thus results, so to speak, in a surplus within an “island of organization”—then we are not far from saying to ourselves: Just as later life points back to early childhood, so too does what manifests in childhood ultimately point back to the time before birth—or, let us say, before conception; it points back to the spiritual-soul existence that the human being went through before being clothed in a physical body. Such a person has simply brought too much of the spiritual-soul aspect with them from their pre-human, pre-earthly life, and this excess manifests itself in childhood illnesses. In the future, there will be no other way but to allow ourselves to be drawn out of the barren materialistic perspectives in which we are currently mired—particularly in the field of physiology and therapy—and into a spiritual-soul perspective. And it will become clear that what occurs in Spiritual Science does not occur because the spiritual researcher is not sufficiently immersed in physical research, or because he is, so to speak, a dilettante in physical research—though I should note in parentheses that many who call themselves spiritual researchers are indeed such dilettantes—but that is not the point. The spiritual researcher does not need to be insufficiently immersed in physical research in order to become a spiritual researcher; rather, he becomes a spiritual researcher precisely because he is more deeply immersed in it than the ordinary natural scientist. When he penetrates the phenomena more deeply, the phenomena themselves drive him into the spiritual-psychic realm, especially when we are speaking of illness.

[ 6 ] Und auf der anderen Seite, der Satz: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören — ja, das ist ja eigentlich eine ebensolche Absurdität. Aber auch dieser Satz weist auf etwas hin, was erkannt, was durchschaut werden muß. Nämlich gerade so, wie uns der Satz: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen — auf das erste Kindheitszeitalter hinweist, eigentlich noch auf das Vorgeburtliche, wenn wir ihn in der richtigen Weise schauend ausdehnen, ebenso weist uns der Satz: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören — auf des Menschen Lebensende hin, auf dasjenige, was das Ertötende im Menschen ist. Sie brauchen ja nur, ich möchte sagen, in paradoxer Weise sich an diesen Satz zu halten: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören —, dann werden Sie schon finden, wie man ihm nicht folgen darf, wie er aber trotzdem im Leben als etwas, dem man sich asymptotisch fortwährend annähert, da ist. Den Geist erkennen, das heißt für den, der nicht einfach, ich möchte sagen, daraufloserkennt, sondern der in richtiger Weise Selbstschau entwickelt: Sehen, Schauen, fortwährende Abbauprozesse, fortwährende Zerstörungsprozesse im menschlichen Organismus. So wie wir, wenn wir in das kindlich schaffende Zeitalter hineinsehen, fortwährende Aufbauprozesse sehen, Aufbauprozesse, die aber ein Eigentümliches haben, die uns eigentlich das Bewußtsein trüben. Deshalb träumen wir, schlafen wir halb im Kindheitszeitalter, deshalb ist das Bewußtsein nicht voll erwacht. Diese unsere eigene iirdische Geistigkeit, nämlich die bewußte Geistigkeit zurückdrängende Wachstumstätigkeit, ist dasjenige, was uns eigentlich durchorganisiert, und in dem Momente, wo diese Kraft ins Bewußtsein hereindringt, hört sie auf, uns in demselben Maße durchzuorganisieren, wie sie uns vorher durchorganisiert hat. Ebenso, wie man da zuschaut, indem man ins Kindheitsalter hineinblickt, den aufbauenden Kräften, aber bewußtseinslähmenden Kräften, so schaut man zu, indem man den entwickelten Denkprozessen schauend sich hingibt, Abbauprozessen, die aber dazu geeignet sind, als Abbauprozesse gerade unser Bewußtsein hell und klar zu machen.

[ 6 ] And on the other hand, the statement: “To recognize the spirit is to destroy the spirit”—yes, that is actually just as absurd. But this statement, too, points to something that must be recognized, that must be seen through. Namely, just as the statement: “To recognize nature is to create nature” points to the earliest stage of childhood—indeed, even to the prenatal stage, if we expand its meaning by contemplating it in the right way—so too does the statement “To recognize the spirit is to destroy the spirit” point to the end of human life, to that which is deadly within the human being. You need only, I might say, adhere to this statement in a paradoxical way: “To recognize the spirit is to destroy the spirit”—then you will already find how one must not follow it, yet how it nevertheless exists in life as something to which one continually approaches asymptotically. To recognize the spirit—for those who do not simply, I might say, recognize it aimlessly, but who develop self-observation in the right way—means seeing, observing, the continuous processes of breakdown, the continuous processes of destruction within the human organism. Just as, when we look into the age of childlike creativity, we see continuous processes of building up—processes that, however, have a peculiar quality that actually clouds our consciousness. That is why we dream, why we sleep half-awake in childhood; that is why consciousness is not fully awakened. This growth activity—which is part of our own earthly spirituality and which suppresses conscious spirituality—is what actually organizes us throughout our being; and the moment this force enters our consciousness, it ceases to organize us to the same extent that it did before. Just as one observes—by looking into childhood—the constructive forces that nonetheless paralyze consciousness, so too does one observe—by devoting oneself to the developed thought processes—the processes of dissolution, which, precisely as processes of dissolution, are suited to making our consciousness bright and clear.

AltNameAltName

[ 7 ] Das ist dasjenige, was die moderne physiologische Wissenschaft allzuwenig berücksichtigt, obwohl sie es eigentlich in ihren Erscheinungen so offenkundig daliegen hat, wie man nur irgend etwas daliegen haben kann. Nehmen Sie sich die wirklichen Erscheinungen der modernen Physiologie einmal heran, und Sie werden sehen, nichts kann klarer belegt werden aus all dem, was man kennt über Gehirnphysiologie und dergleichen, also daß man es bei den eigentlich seelisch-geistigen Prozessen, die bewußt verlaufen, nicht zu tun hat mit irgendwelchen Wachstumskräften, mit irgendwelchen Kräften der Nahrungsaufnahme, sondern daß man es zu tun hat mit Ausscheidungsprozessen, durch das Nervensystem mit Abbauprozessen, daß man es zu tun hat mit einem fortwährenden langsamen Ersterben. Es ist der Tod, der in uns wirkt, indem wir uns hingeben an dasjenige, was geistig eigentlich in unserem Bewußtsein wirkt. Und ebenso, wie wir durch die unbewußt schaffenden Kräfte auf den Lebensanfang blicken, so blicken wir durch die bewußt vorstellenden Kräfte, dadurch, daß sie als zerstörende Kräfte sich uns enthüllen, als dasjenige sich enthüllen, was immer mehr und mehr anfängt, indem wir ins irdische Leben hereinwachsen, uns zu ergreifen, uns abzubauen und uns zuletzt dem irdischen Tode entgegenzuführen; wir sehen eben durch diese Kräfte zu dem anderen Ende des Lebens, nach dem Tode hin. Und nicht anders wird man Geburt und Tod, oder sagen wir Empfängnis, Geburt und Tod verstehen können, als dadurch, daß man das Geistige mit hereinnimmt. Und in dem Satze: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören — liegt eigentlich das, daß man damit sagen will: würde man nun auf den Geist hinschauen wollen, würde man ihn nicht mehr oder weniger naiv aufnehmen, würde man ihn eben so aufnehmen, wie man die äußere Natur aufnimmt, dann würde man dasjenige, was in dieser bewußten Denkund Vorstellungs- und Empfindungs-, Gefühlstätigkeit wirkt, zurückstauen müssen, man würde das Abbauen verhindern müssen. Das heißt, man müßte in dem Momente die Gewalt über das Geistige, das innerlich Bewußte, zur Unbewußtheit, zu einem Wirken des Geistigen in Unbewußtheit herunterstimmen, herunterlähmen. Man würde dazu kommen, ein Geistiges aus sich herauszubilden, ein Geistiges gewissermaßen aus sich herauszustoßen. Aber man könnte nicht mit dem Bewußtsein mit, weil man die Organisation nicht hineintragen kann in diesen Abbauprozeß, in diesen Geistprozeß. Und so können wir sagen: Während die Organisationsprozesse darinnen bestehen, daß wir gewissermaßen — natürlich ist das eine abstrakte Betrachtung jetzt — das Formgerüst des menschlichen Organismus haben (siehe Zeichnung a), in das sich hineinbegibt die organisierende Kraft (siehe Zeichnung b, rot) als Geistig-Seelisches, haben wir es im anderen Falle so — in dem zweiten Fall, den ich beschrieben habe —, daß wir hier das Formgerüste des menschlichen Organismus haben, aber es nicht durchdrungen sein lassen wollen von der organisierenden, von der bis zu einem gewissen Grade unser Bewußtsein lähmenden Kraft, sondern daß wir die organisierende Kraft, die wir als Geist nun erkennen wollen, heraustreiben wollen (siehe Zeichnung c). Wir können 'aber nicht mit unserem Ich mit, weil dieses an den Organismus gebunden ist. Wir haben die andere Seite, die Seite, wo der Mensch zwar anfängt, Geistiges zu entwickeln, im Geistigen namentlich Willenstätigkeit zu entwickeln. In der Durchdringung mit Willenstätigkeit, die unbewußt bleibt, gewissermaßen schlafend, träumend ist, beruht das, daß wir eigentlich ohne Bewußtsein ein Geistig-Seelisches herausbringen aus unserer Organisation. Wir haben die andere, die manische Seite, die tobende Seite, wo der Mensch toll wird, und die verschiedenen Formen der sogenannten geistigen Erkrankungen, die aber in nichts anderem bestehen als darinnen, daß wir hier bei den physischen Erkrankungen ein Geistig-Seelisches haben, das nicht hineingehört in den physischen Organismus (siehe Zeichnung b), während wir bei den sogenannten geistigen Erkrankungen im Psychisch-Seelischen aus dem Physisch-Atherischen etwas heraustreiben, was eigentlich drinnen sein sollte und was wir aus dem Organismus heraustreiben (siehe Zeichnung c). Wir sehen heute von der anderen Seite noch beleuchtet dasjenige, worauf wir gestern gekommen sind. Und die Sache ist so, daß uns gerade dieser Gesichtspunkt mehr leitet, wir werden morgen sehen, zu welchen fruchtbaren therapeutischen Konsequenzen man gerade durch diese Gesichtspunkte kommt, die sich dann durchaus im Leben bestätigen, die sich erweisen als die alleräußerste Lebenspraxis in der Medizin, als die therapeutische Praxis.

[ 7 ] This is precisely what modern physiological science takes far too little into account, even though it is actually as plain to see in its phenomena as anything can possibly be. Take a look at the actual phenomena of modern physiology, and you will see that nothing can be more clearly demonstrated from all that is known about brain physiology and the like, namely that in the truly psychological and spiritual processes that occur consciously, we are not dealing with any growth forces or any forces of nutrition, but rather with excretory processes, with processes of breakdown mediated by the nervous system—that we are dealing with a continuous, slow dying off. It is death that works within us as we surrender to that which actually works spiritually in our consciousness. And just as we look toward the beginning of life through the unconsciously creative forces, so do we look—through the consciously imaginative forces, in that they reveal themselves to us as destructive forces—toward that which, as we grow into earthly life, begins more and more to take hold of us, to break us down, and ultimately to lead us toward earthly death; it is precisely through these forces that we look toward the other end of life, toward death. And one cannot understand birth and death—or, let us say, conception, birth, and death—in any other way than by taking the spiritual into account. And in the statement: “To recognize the spirit is to destroy the spirit”—what is actually meant is this: if one were to look toward the spirit, if one were to take it in more or less naively, if one were to take it in just as one takes in external nature, then one would have to hold back that which is at work in this conscious activity of thought, mental images, sensation, and feeling; one would have to prevent this process of decline. That is to say, at that moment one would have to subdue and paralyze the spiritual—that which is inwardly conscious—reducing it to unconsciousness, to a spiritual activity operating in the unconscious. One would end up forming a spiritual element out of oneself, expelling a spiritual element from oneself, so to speak. But one could not do so with consciousness, because one cannot carry the organization into this process of breakdown, into this spiritual process. And so we can say: While the organizational processes consist in the fact that we have, so to speak—of course, this is an abstract consideration now—the structural framework of the human organism (see drawing a), into which the organizing force (see drawing b, red) enters as a spiritual-soul element, in the other case— — in the second case I have described — that we have here the structural framework of the human organism, but we do not want it to be permeated by the organizing force—which, to a certain degree, paralyzes our consciousness—but rather we want to drive out the organizing force, which we now wish to recognize as spirit (see drawing c). But we cannot do this with our “I,” because it is bound to the organism. We have the other side—the side where the human being begins to develop the spiritual, specifically volitional activity within the spiritual realm. It is through this interpenetration with volitional activity—which remains unconscious, so to speak, dormant, dreamlike—that we actually bring forth a spiritual-soul aspect from our organism without conscious awareness. Then there is the other, the manic side, the raging side, where the human being goes mad, and the various forms of so-called mental illnesses—which, however, consist of nothing other than the fact that, in the case of physical illnesses, we have a spiritual-psychic element that does not belong within the physical organism (see drawing b), whereas in so-called mental illnesses we expel from the psychically-soul-related realm—out of the physical-etheric—something that should actually be inside and that we expel from the organism (see drawing c). Today we are examining from another perspective what we arrived at yesterday. And the fact is that it is precisely this point of view that guides us more; tomorrow we will see what fruitful therapeutic consequences arise precisely from these points of view, which are then thoroughly confirmed in life, which prove to be the very essence of practical medicine, as therapeutic practice.

AltNameAltName

[ 8 ] Wenn wir fragen nach der Ursache einer physischen Krankheit, müssen wir sie eigentlich letzten Endes in einer Verirrung des Geistigen im Organismus suchen. Gewiß, man darf da nicht abstrakt vorgehen. Derjenige, der nichts versteht vom Zusammenhange des Seelisch-Geistigen mit dem physischen Organismus, der sollte eigentlich in diese Dinge nicht dreinreden. Denn man kann das Spezielle, wo irgendwo in einem Organ eine zu große Organisationskraft, eine, ich möchte sagen, hypertrophische Organisationskraft sitzt, nur erkennen, wenn man das Konkret-Geistig-Seelische, das in sich ebenso konkretisiert ist, wie das Physisch-Leibliche zur Leber, zum Magen und so weiter konkretisiert ist, wenn man dieses GeistigSeelische, wovon die Psychologie keine Ahnung hat, mit seinen Bestandteilen, mit seinen Gliedern ebenso kennt wie das PhysischSinnliche. Und wenn man die Beziehungen kennt zwischen beiden, dann kann man hinweisen aus dem oftmals sogar geistig-seelischen Befunde, der bei dem Menschen auftritt, wo irgendwo eine Art Überorganisation in irgendeinem Organe steckt. Man wird bei alledem, was nicht äußere Insulte sind, hinweisen können auf irgend solch einen Ursprung.

[ 8 ] When we ask about the cause of a physical illness, we must ultimately seek it in a disturbance of the spiritual within the organism. Certainly, one must not approach this abstractly. Anyone who understands nothing of the connection between the soul-spiritual and the physical organism should really not weigh in on these matters. For one can only recognize the specific condition—where, somewhere in an organ, there is an excessive organizational force, a— I would say, hypertrophic organizing force—only recognize it if one knows the concrete spiritual-psychic aspect—which is just as concretely embodied in itself as the physical-bodily aspect is embodied in the liver, the stomach, and so on—if one knows this spiritual-psychic aspect, of which psychology has no idea, with its components and its parts just as well as one knows the physical-sensory aspect. And when one understands the relationships between the two, one can point to the often even spiritual-soul-related symptoms that occur in a person when there is a kind of over-organization in some organ. In all cases that are not due to external insults, one will be able to point to such an origin.

[ 9 ] Umgekehrt, wenn man es nun mit Geisteskrankheiten zu tun hat, mit sogenannten Geisteskrankheiten, dann wird man ein Abstraktling bleiben, wenn man glaubt, aus einer halben Phänomenologie irgend etwas gewinnen zu können, wenn man glaubt, dadurch, daß man einfach die geistig-seelischen Abnormitäten beschreibt — was zu beschreiben ja sehr nützlich ist —, irgend etwas gewinnen zu können. Mit diesen Beschreibungen kann man natürlich Sensationen bei Laien sehr gut hervorrufen, denn es ist immer interessant, wie irgend jemand, der närrisch ist, abweicht von dem normalen Maß des Lebens. Denn interessant ist das Seltene, und es ist in unserer Zeit doch so, daß wenigstens noch als Seltenheit auftritt dasjenige, was in dieser Weise vom normalen Leben abweicht. Aber dabei stehenzubleiben, darum kann es sich nie handeln. Insbesondere kann es sich nicht darum handeln, etwa hinzutreiben zu dem laienhaft dilettantischen Urteil, daß der Geist und die Seele erkrankt seien, und daß man den Geist und die Seele nun irgendwie durch geistigseelische Maßnahmen, wie es sich die Abstraktlinge träumen, kurieren kann. Nein, gerade bei den sogenannten Geisteskrankheiten hängt es in eminentester Weise davon ab, daß man überall hinweisen kann darauf, wo die Unterorganisation irgendeines Organes sitzt. Derjenige, der eine bis zur Geisteskrankheit getriebene Melancholie oder Hypochondrie wirklich erkennen will, soll nicht im Seelischen herumwaten, sondern der soll versuchen, aus der Unterleibsbeschaffenheit des betreffenden Menschen zu erkennen, wie da die Unterorganisation in der Unterleibsorganisation des Menschen wirkt, wie eine unter dem normalen Maß wirkende Organisationskraft gewissermaßen etwas herausfallen läßt, wie man in der Chemie sagt; man fällt etwas heraus aus irgendeiner Lösung und dergleichen, so daß ein Bodensatz entsteht, wie dadurch eine zu geringe Organisationskraft Physisch-Leibliches, das sonst von der Organisationskraft durchdrungen wäre, herausfällt, wie es im Organismus als Physisch-Leibliches dann vorhanden ist, wie es abgelagert wird, was in Leber, in Galle, im Magen, im Herzen, in der Lunge vorgeht. Vorgänge, die allerdings nicht so bequem zu untersuchen sind, wie man gern möchte in unserer heutigen, an das Grobe — denn das Histologische ist auch ein Grobes — sich wendenden Zeit. Psychologien sind nötig zu einer solchen Untersuchung, aber überall ist es nötig, daß die sogenannten Geisteskrankheiten zurückgeführt werden auf körperliche Zustände.

[ 9 ] Conversely, when dealing with mental illnesses—so-called mental illnesses—one will remain stuck in abstraction if one believes one can gain anything from a half-baked phenomenology, or if one believes that simply describing mental and emotional abnormalities—which is, of course, very useful—will yield any insight. Of course, these descriptions are very effective at arousing sensation among laypeople, for it is always interesting to see how someone who is mad deviates from the normal course of life. For what is rare is interesting, and in our time it is still the case that what deviates from normal life in this way appears, at least, as a rarity. But we must never stop there. In particular, we must not be led to the layman’s amateurish judgment that the mind and soul are diseased, and that the mind and soul can somehow be cured through “spiritual-soul” measures, as the abstract thinkers dream. No, precisely in the case of so-called mental illnesses, it is of the utmost importance to be able to point out where the under-organization of any organ is located. Anyone who truly wishes to recognize a melancholy or hypochondria that has been driven to the point of mental illness should not wade around in the realm of the soul, but should try to discern, from the condition of the patient’s lower abdomen, how the under-organization is affecting the lower abdominal structure of the person; how an organizing force operating below the normal level, so to speak, causes something to “fall out”—as one says in chemistry; just as something precipitates out of a solution and the like, forming a sediment—so that an insufficient organizing force causes physical-bodily matter, which would otherwise be permeated by that organizing force, to precipitate out; how this physical-bodily matter is then present in the organism; how it is deposited; what occurs in the liver, the gallbladder, the stomach, the heart, and the lungs. These are processes that, however, are not as easy to investigate as one might wish in our present age, which tends toward the coarse—for histology, too, is a coarse discipline. Psychological insights are necessary for such an investigation, but everywhere it is necessary that so-called mental illnesses be traced back to physical conditions.

[ 10 ] Allerdings, sie werden dadurch weniger interessant. Aber es ist doch so. Es ist natürlich interessanter, wenn ein Hypochonder sagen kann, auf diese oder jene Weise ist sein Seelisches engagiert am geistig-seelischen Kosmos, als wenn man ihm nachweisen kann, daß in seiner Leber eine unterorganisierende Kraft ist. Oder es ist interessanter, im Geistig-Seelischen, sagen wir, die Ursache zu suchen für die Hysterie, interessanter, als wenn man einfach auf die Stoffwechselvorgänge der sexuellen Organe hinzuweisen hat, wenn man von den hysterischen Erscheinungen spricht oder auch von dem, was sich sonst im Organismus an Stoffwechselunregelmäßigkeiten ausdehnt. Aber erkennen wird man die Dinge nicht, wenn man sie nicht in dieser Weise verfolgt.

[ 10 ] Admittedly, this makes them less interesting. But that is the way it is. It is, of course, more interesting when a hypochondriac can say that, in this or that way, his psyche is engaged with the spiritual-psychic cosmos, than when one can prove to him that there is a disorganizing force in his liver. Or it is more interesting to seek the cause of hysteria in the spiritual-soul realm, so to speak, than to simply point to the metabolic processes of the sexual organs when speaking of hysterical symptoms or of other metabolic irregularities spreading throughout the organism. But one will not come to understand these things unless one approaches them in this way.

[ 11 ] Geisteswissenschaft geht durchaus nicht darauf aus, immer nur den Geist zu suchen. Das mag sie ruhig den Spiritisten und anderen interessanten, weil auch seltenen Leuten — sie sind nur leider viel zu wenig selten! — überlassen; aber sie redet nicht fortwährend von Geist, Geist, Geist, sondern sie versucht, den Geist wirklich zu ergreifen, und sie versucht, seine Wirksamkeiten zu verfolgen und gelangt dadurch gerade an der rechten Stelle in ein Begreifen des Materiellen hinein. Sie hat gar nicht den Stolz, die Geisteskrankheiten auf geistige abstrakte Weise zu erklären, sondern sie führt gerade für die Geisteskrankheiten in eine materielle Auffassung der Geisteskrankheiten hinein.

[ 11 ] Spiritual Science is by no means limited to constantly seeking the spirit. It can happily leave that to the spiritualists and other interesting—because they are also rare—people; unfortunately, they are far from rare enough!—but it does not constantly talk about spirit, spirit, spirit; rather, it attempts to truly grasp the spirit, and it attempts to trace its effects, thereby arriving precisely at the right point in an understanding of the material. It does not presume to explain mental illnesses in an abstract, spiritual way, but rather leads us—precisely in the case of mental illnesses—to a material understanding of them.

[ 12 ] So daß man sagen kann: Sie weist auf das interessante Phänomen erklärend hin, das sich — man braucht nur eine kurze Zeit zurückzublicken — vielleicht noch bei Griesinger oder anderen, oder in der Vor-Griesingerschen Zeit in der Psychiatrie findet, so daß sich zeigt, daß vor verhältnismäßig kurzer Zeit die Psychiater auch noch wenigstens den körperlichen Tatbestand einbezogen haben in ihre Diagnose. Was ist heute immer häufiger und häufiger geworden? Daß einen die Psychiater überhäufen in ihrer Literatur mit Krankheitsbildern, die lediglich eine Beschreibung der Abnormitäten des Geistig-Seelischen sind. So daß hier der Materialismus in ein abstrakt Geistig-Seelisches gerade hineingeführt hat. Das ist seine Tragik. Da hat er gerade aus dem Materiellen herausgeführt. Das ist das Merkwürdige für den Materialismus, daß er an gewissen Stellen gerade zum Unverständnis, zum Nichtbegreifen des Materiellen führt, während derjenige, der den Geist verfolgt als eine wirkliche Tatsache, ihn auch da verfolgt, wo er hineinwirkt in das Materielle, und wo er sich dann dem Materiellen entzieht, so daß das Materielle sich ablagert, wie in den sogenannten Geisteskrankheiten.

[ 12 ] So one can say: She points out, by way of explanation, the interesting phenomenon that—if one looks back just a short time—can perhaps still be found in the work of Griesinger or others, or in the pre-Griesinger era of psychiatry, showing that, until relatively recently, psychiatrists still included at least the physical aspects in their diagnoses. What has become more and more common today? That psychiatrists overwhelm us in their literature with clinical pictures that are merely descriptions of mental and emotional abnormalities. Thus, materialism has led us right into an abstract realm of the mental and emotional. That is its tragedy. It has led us away from the material realm. This is what is peculiar about materialism: that in certain respects it leads precisely to a lack of understanding, to a failure to grasp the material, whereas the one who pursues the spirit as a real fact pursues it even where it influences the material, and where it then withdraws from the material, so that the material precipitates itself, as in so-called mental illnesses.

[ 13 ] Diese Dinge mußte ich zugrunde legen, wenn ich Ihnen nun auch einiges über Richtlinien mit Bezug auf das Therapeutische morgen andeuten möchte. Dasjenige aber, was wir so durch ein Befruchten des Physiologisch-Therapeutischen mit dem Geisteswissenschaftlichen finden, hat schon auch seine soziale Seite. Und es ist das Eigentümliche des Lebens, daß wir jetzt überall, wenn wir nicht in einem abstrakten Zurückziehen in ein lebensfeindliches Gelehrtendasein das Wissenschaftliche suchen, sondern in der lebensvollen Auffassung des menschlichen Daseins, des menschlichen Zusammenseins, dann gerade durch eine wirkliche lebendige Wissenschaft in das Soziale hineingetrieben werden. Denn wir haben zum Beispiel ein außerordentlich interessantes soziales Phänomen in der neuzeitlichsten Entwickelung vor uns. Wir sehen, wie durch (die Spaltung der Menschen auf der einen Seite hinauf in ein bourgeois-aristokratisches Wesen, auf der anderen Seite hinunter in das proletarische Wesen, das einseitig aristokratische Wesen ergriffen wird von einem falschen Geistessuchen, von dem Materialismus auf geistigem Gebiete, und wie das proletarische Wesen ergriffen wird von einem gewissen Spiritualismus auf materiellem Gebiete. Was heißt Spiritualismus auf materiellem Gebiete? Es heißt, stehenzubleiben, wenn man nach den Ursachen des Daseins sucht. Das Proletariat hat daher den wissenschaftlichen Materialismus als eine Lebensanschauung ausgebildet, in derselben Zeit, als das aristokratische Element die Geistlehre materialistisch ausgebildet hat. Während die Proletarier Materialisten geworden sind, sind die Aristokraten Spiritisten geworden. Denn wenn Sie unter den Proletariern Spiritisten finden, so ist das nicht aus dem eigenen proletarischen Kraut, sondern es ist «Mimicry», es ist nachgeahmt, es ist bloß etwas, was durch Ansteckung — ich werde morgen von Ansteckung sprechen — hinübergedrungen ist aus dem aristokratisch-bourgeoisen Element. Und wenn Sie unter Aristokraten den Materialismus auf der anderen Seite ausgebildet sehen also dadurch, daß sich die Geister materiell anschauen lassen, wie man Flammen anschaut, daß man also den Materialismus hineinträgt in das Allergeistigste und das Geistige materiell sehen will, dann wächst das aus jener ursprünglichen dekadenten Einseitigkeit, die sich aus dem Gesamtmenschlichen, aus der Totalität heraus hinwendet eben auf der einen Seite nach dem aristokratischen und nach dem bourgeoisen Element, das von dem aristokratischen Element angekränkelt ist. Wenn dasjenige, was sich, wenn es den Geist anwendet, gezwungen fühlt, in der Materie stehenzubleiben, weil es nicht durch entsprechende Schulbildung und dergleichen herausgezogen wird, wenn das Proletariat gezwungen wird, beim Geistsuchen in der Materie stehenzubleiben, dann entwickelt sich der Materialismus als Lebensanschauung. Der Materialismus wurde entwickelt von dem Proletariat als Lebensanschauung zum Beispiel in der materialistischen Geschichtsauffassung. Der Materialismus wurde entwickelt von den mehr aristokratischen Menschen als Spiritismus, denn der Spiritismus ist Materialismus, maskierter Materialismus, der dazu noch nicht einmal dabei bleibt, ehrlich sich zu bekennen, sondern der lügt und der behauptet, daß seine materiellen Bekenner spirituelle Geister seien. Nach dieser Reminiszenz wollen wir dann morgen in unseren Betrachtungen fortfahren.

[ 13 ] I had to take these things as a starting point if I am now to suggest to you a few things regarding therapeutic guidelines for tomorrow. But what we discover through this cross-fertilization of the physiological-therapeutic with the Spiritual Science also has its social aspect. And it is a peculiar feature of life that, wherever we seek the scientific—not in an abstract retreat into a scholarly existence hostile to life, but in a life-affirming understanding of human existence and human togetherness—we are driven into the social realm precisely through a truly living science. For we have before us, for example, an extraordinarily interesting social phenomenon in the most modern development. We see how, through the division of humanity—on the one hand upward into a bourgeois-aristocratic nature, and on the other hand downward into a proletarian nature—the one-sidedly aristocratic nature is seized by a false quest for the spiritual, by materialism in the spiritual realm, and how the proletarian nature is seized by a certain spiritualism in the material realm. What does “spiritualism in the material realm” mean? It means coming to a standstill when seeking the causes of existence. The proletariat has therefore developed scientific materialism as a worldview, at the very same time that the aristocratic element has developed the doctrine of spirits in a materialistic manner. While the proletarians have become materialists, the aristocrats have become spiritualists. For if you find spiritualists among the proletariat, this does not stem from their own proletarian roots, but is “mimicry”—it is imitated; it is merely something that has seeped over—through contagion—from the aristocratic-bourgeois element. And if, on the other hand, you see materialism taking shape among the aristocrats—that is, through the practice of viewing spirits as material objects, just as one views flames—so that materialism is introduced into the most spiritual of realms and one seeks to perceive the spiritual as material, then this grows out of that original decadent one-sidedness that, turning away from the totality of humanity, turns on the one hand toward the aristocratic element and, on the other, toward the bourgeois element, which has been tainted by the aristocratic element. When that which, upon applying itself to the spirit, feels compelled to remain within matter—because it has not been drawn out through appropriate schooling and the like—when the proletariat is compelled to remain within matter in its search for the spirit, then materialism develops as a worldview. Materialism was developed by the proletariat as a worldview, for example, in the materialist conception of history. Materialism was developed by the more aristocratic people as spiritualism, for spiritualism is materialism—materialism in disguise—which does not even have the decency to honestly admit it, but instead lies and claims that its material adherents are spiritual beings. Following this reminiscence, we will then continue our reflections tomorrow.