An Anthroposophical Understanding
of Humanity and Medicine
GA 319
17 July 1924, Arnheim
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An Anthroposophical Understanding of Humanity and Medicine, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft, die von mir hier einen Vortragskursus über pädagogische Gegenstände veranlaßt hat, hat es auch angemessen gefunden, daß ich einige öffentliche Vorträge halte, welche die Beziehungen anthroposophischer Geisteswissenschaft zur Heilkunst zum Gegenstande haben. Es wird notwendig sein, daß ich heute abend eine Art einleitenden Vortrag halte und den eigentlichen Gegenstand, die Befruchtung der Heilkunst durch die Anthroposophie, in den beiden nächsten Vorträgen behandele - aus dem Grunde, weil zur großen Befriedigung der Veranstalter viele Zuhörer erschienen sind, welche mit Anthroposophie noch weniger bekannt sind, und Vorträge, die ein spezielles Kapitel behandeln, mehr in der Luft hängen würden, wenn ich nicht heute eine Art einleitenden Vortrag über Anthroposophie im allgemeinen den eigentlichen Betrachtungen vorangehen ließe, die das Gebiet des Medizinischen berühren sollen. Anthroposophie will ja nicht das sein, was ihr von so vielen Seiten nachgesagt wird: irgendeine Art von Schwärmerei oder Sektierertum; sondern sie will sein eine ganz ernste, im wissenschaftlichen Sinne gehaltene Betrachtung der Welt, nur daß diese Betrachtung der Welt in ebenso ernster Weise auf das geistige Gebiet gerichtet sein soll, wie wir heute gewohnt sind, wissenschaftliche Methoden angewendet zu finden auf das materielle Gebiet. Nun könnte es ja scheinen, als ob von vornherein mit der Hinwendung auf das Geistige für viele Menschen heute etwas Unwissenschaftliches gegeben werde, aus dem Grunde, weil eine allgemeine Meinung diese ist: daß man nur das wissenschaftlich erfassen könne, was sich durch sinnliche Erfahrung erkennen läßt, und was der Verstand, der Intellekt des Menschen aus dieser sinnlichen Erfahrung gewinnen kann. Die Meinung vieler Menschen ist: in dem Augenblicke, in dem man übergeht auf das Geistige, habe die wissenschaftliche Resignation einzutreten, in der Art, daß man sagt, über das Geistige könne nur eine subjektive Meinung, eine Art Gefühlsmystik entscheidend sein, die jeder mit sich selbst abmachen müsse, Glaube müsse da an die Stelle wissenschaftlichen Erkennens treten. Daß dies nicht der Fall sein soll, dies gerade zu zeigen, soll die Aufgabe dieses einleitenden Vortrages sein.
[ 1 ] The leadership of the Anthroposophical Society, which has invited me here to give a series of lectures on educational topics, has also deemed it appropriate for me to deliver several public lectures on the relationship between anthroposophical Spiritual Science and the art of healing. It will be necessary for me to give a sort of introductory lecture this evening and to address the actual subject—the enrichment of medicine through anthroposophy—in the next two lectures; this is because, to the great satisfaction of the organizers, many listeners have come who are even less familiar with anthroposophy, and lectures dealing with a specific topic would fall flat if I did not first give a sort of introductory lecture on anthroposophy in general today, preceding the actual discussions that are to touch on the field of medicine. Anthroposophy does not, after all, intend to be what so many accuse it of being: some kind of fanaticism or sectarianism; rather, it aims to be a very serious, scientifically grounded view of the world—except that this view of the world is to be directed toward the spiritual realm with the same seriousness with which we are accustomed today to seeing scientific methods applied to the material realm. Now, it might seem as though, from the very outset, turning toward the spiritual implies something unscientific for many people today, simply because the general opinion is this: that one can scientifically grasp only what can be perceived through sensory experience and what the human mind—the intellect—can derive from this sensory experience. The view held by many people is that the moment one turns to the spiritual realm, scientific resignation must set in—in the sense that one says the spiritual can be determined only by a subjective opinion, a kind of emotional mysticism that each person must work out for themselves; faith must take the place of scientific knowledge. The purpose of this introductory lecture is precisely to show that this is not the case.
[ 2 ] Anthroposophie will allerdings nicht eine «Wissenschaft» im gewöhnlichen Sinne des Wortes sein, die abgezogen vom Leben von einzelnen Menschen getrieben wird, die sich für diesen oder jenen wissenschaftlichen Beruf vorbereiten, sondern sie will sein eine Betrachtungsweise der Welt, die für jeden Menschensinn gelten kann, der Sehnsucht danach hat, sich die Fragen zu beantworten, die handeln von dem Sinn, den Aufgaben des Lebens, von der Wirkungsweise der geistigen und der materiellen Kräfte im Dasein und der Anwendung dieser Erkenntnisse im Leben. Und es ist uns auf anthroposophischem Felde bisher durchaus gelungen, auf einzelnen Gebieten ganz praktische Anwendungsmöglichkeiten der anthroposophischen Betrachtungsweise zu erzielen, vor allen Dingen auf pädagogischem Gebiete, wo wir Schulen eingerichtet haben, die auf der Anschauungsweise beruhen, von der heute abend hier gesprochen werden soll. Und es ist uns dies auch in einer schon vielfach anerkannten Weise auf dem Gebiete der Heilkunst gelungen, so paradox das für manchen heute noch scheinen mag. Denn Anthroposophie will auf keinem Gebiete irgendwie in einen Gegensatz, in eine Opposition geraten zu dem, was heute anerkannte Wissenschaft ist, sie will nicht einen trivialen Dilettantismus pflegen. Sie will durchaus, daß die, welche im ernsten Sinne Anthroposophie als Erkenntnis sich erarbeiten wollen, dasjenige achten und schätzen, was zu so großen Errungenschaften, vollends in der neueren Zeit, gerade auf den verschiedensten Gebieten in wissenschaftlicher Art geführt hat. So kann es sich also nicht darum handeln, auch auf dem Gebiete der Heilkunst nicht, irgendwie Laienhaftes, zu der heutigen Wissenschaft in Opposition Tretendes, mit der Anthroposophie zu verkünden, sondern zu zeigen, wie man durch gewisse geistige Methoden in der Lage ist, zu dem Anerkannten anderes hinzuzufügen, das eben nur dann hinzugefügt werden kann, wenn man das Gebiet ernsten Forschens erweitert in die geistige Welt hinein.
[ 2 ] Anthroposophy, however, does not seek to be a “science” in the ordinary sense of the word—one that is detached from the lives of individual people preparing for this or that scientific profession—but rather aims to be a way of viewing the world that can apply to every human sensibility, who yearns to find answers to questions concerning the meaning and purpose of life, the workings of spiritual and material forces in existence, and the application of these insights in daily life. And in the field of anthroposophy, we have so far succeeded in achieving quite practical applications of the anthroposophical perspective in specific areas, above all in the field of education, where we have established schools based on the worldview that will be discussed here this evening. And we have also succeeded in this, in a way that has already been widely recognized, in the field of medicine, however paradoxical that may still seem to some today. For anthroposophy does not seek to enter into any kind of conflict or opposition with what is recognized as science today; it does not wish to cultivate a trivial form of dilettantism. It certainly wants those who, in a serious sense, wish to develop anthroposophy as a form of knowledge to respect and value what has led to such great achievements—especially in recent times—in the most diverse fields through scientific methods. Thus, it cannot be a matter—not even in the field of medicine— to proclaim through anthroposophy anything of a lay nature that stands in opposition to modern science, but rather to show how, through certain spiritual methods, one is able to add to what is already recognized—something that can only be added when the realm of serious research is expanded into the spiritual world.
[ 3 ] Anthroposophie will dies dadurch erreichen, daß sie nach Erkenntnisarten strebt, die im gewöhnlichen Leben und auch in der gewöhnlichen Wissenschaft nicht vorhanden sind. Im gewöhnlichen Leben wie in der gebräuchlichen Wissenschaft bedient man sich ja derjenigen Erkenntnisse, welche der Mensch erringt, wenn er mit seinen nun einmal menschlich vererbten Anlagen und Fähigkeiten dasjenige hinzuerwirbt in seiner Entwickelung, was uns die gewöhnliche heutige niedere oder höhere Schulerziehung geben kann, und was uns in dem heute anerkannten Sinne zu einem reifen Menschen macht. Anthroposophie will weitergehen, sie will ausgehen von dem, was ich nennen möchte intellektuelle Bescheidenheit. Und diese intellektuelle Bescheidenheit, die zunächst da sein muß, wenn man überhaupt Sinn und Gesinnung für Anthroposophie entwickeln will, möchte ich in der folgenden Weise charakterisieren.
[ 3 ] Anthroposophy seeks to achieve this by striving for forms of knowledge that do not exist in ordinary life or in conventional science. In everyday life, as in conventional science, we make use of the knowledge that a person acquires when, through the innate human faculties and abilities they have inherited, they gain—in the course of their development—what today’s conventional primary or secondary education can provide, and what, in the sense recognized today, makes us mature human beings. Anthroposophy aims to go further; it seeks to proceed from what I would like to call intellectual humility. And this intellectual humility—which must be present from the outset if one is to develop any sense or disposition toward anthroposophy at all—I would like to characterize in the following way.
[ 4 ] Nehmen wir einmal die Entwickelung des Menschen von der jüngsten Kindheit auf. Wir sehen das Kind so in die Welt treten, daß es in seinen Lebensäußerungen und namentlich in dem, was es in der Seele trägt, noch nichts von dem hat, womit der reife Mensch sich erkenntnismäßig und tatenmäßig in der Welt orientiert. Durch Erziehung und Unterricht müssen erst aus der kindlichen Seele und aus dem kindlichen Organismus diejenigen Fähigkeiten herausgeholt werden, die der Mensch nicht reif zur Welt mitbringt. Und wir geben alle zu, daß wir ja nicht im wahren Sinne des Wortes für die Welt wirkende Menschen sein können, wenn wir nicht zu dem, was wir durch Vererbung in die Welt mitbringen, dasjenige hinzuerwerben würden, was eben erst durch die Erziehung aus dem Menschen herausentwickelt werden kann. Dann treten wir — der eine früher, der andere später, je nachdem er niedere oder höhere Schulen absolviert — ins Leben und haben ein gewisses Verhältnis zum Leben, haben die Möglichkeit, ein gewisses Bewußtsein zu entwickeln von dem, was uns in der Welt umgibt. Nun sagt der, der mit Verständnis an das Wollen der Anthroposophie herankommt: Warum sollte dasselbe, was zunächst beim Kinde möglich ist — daß es etwas ganz anderes wird, wenn es seine seelischen Eigenschaften weiterentwickelt -, warum sollte denn das nicht möglich sein beim reifen Menschen im heutigen Sinne? Warum sollte man denn, wenn man mit der heutigen, auch höchsten Schulbildung, an die Welt der Sinne herantritt, nicht auch in der Seele verborgene Fähigkeiten haben, die noch weiterentwickelt werden können, so daß man durch eine weitere Entwickelung hinauskommt zu Erkenntnissen und zu einer praktischen Lebensführung, die gewissermaßen dasjenige fortsetzen, was man sich in derjenigen Entwickelung errungen hat, die zum gewöhnlichen Bewußtsein hinführt?
[ 4 ] Let us consider human development from early childhood onward. We see the child entering the world in such a way that, in its expressions of life—and especially in what it carries within its soul—it possesses none of the qualities by which a mature human being orients itself in the world through knowledge and action. Through upbringing and education, the abilities that a human being does not bring into the world in a mature form must first be drawn out of the child’s soul and organism. And we all admit that we cannot, in the true sense of the word, be people who actively engage with the world unless we supplement what we bring into the world through heredity with that which can only be developed within the human being through education. Then we—some sooner, others later, depending on whether we attend lower or higher schools—enter life and have a certain relationship to it, possessing the ability to develop a certain awareness of what surrounds us in the world. Now, someone who approaches the aims of anthroposophy with understanding might ask: Why shouldn’t the same thing that is initially possible for a child—that is, becoming something entirely different as the child further develops its soul qualities—why shouldn’t that also be possible for a mature adult in today’s sense? Why, when one approaches the world of the senses with today’s education—even the highest level of schooling—should one not also possess abilities hidden within the soul that can be further developed, so that through further development one can arrive at insights and a practical way of life that, in a sense, continue what one has attained in the development leading to ordinary consciousness?
[ 5 ] So wird denn auf dem Felde der Anthroposophie eine Art von Selbstentwickelung aufgenommen, eine Selbstentwickelung, die über den gewöhnlichen Stand des Bewußtseins hinausführen soll. Nun gibt es in der menschlichen Seele drei Fähigkeiten, die wir für das gewöhnliche Leben bis zu einem gewissen Grade entwickeln, die aber weiterentwickelt werden können. Und erst Anthroposophie ist dasjenige im modernen Kultur- und Zivilisationsleben, was zu einer entsprechenden Weiterentwickelung dieser Fähigkeiten die Anregung geben will. Diese Fähigkeiten sind Denken, Fühlen und Wollen. Alle drei Fähigkeiten können so umgestaltet werden, daß sie Erkenntnisfähigkeiten in einem höheren Sinne werden.
[ 5 ] Thus, in the field of anthroposophy, a form of self-development is undertaken—a self-development intended to lead beyond the ordinary state of consciousness. Now, there are three faculties in the human soul that we develop to a certain degree for ordinary life, but which can be developed further. And it is anthroposophy alone that, within modern cultural and civilizational life, seeks to provide the impetus for the corresponding further development of these faculties. These faculties are thinking, feeling, and willing. All three faculties can be transformed in such a way that they become faculties of knowledge in a higher sense.
[ 6 ] Zunächst das Denken. Wir gebrauchen in derjenigen Bildung, die wir uns heute erwerben, das Denken so, daß wir uns eigentlich im Denken ganz passiv der Welt hingeben. Ja, man verlangt es gerade in der Wissenschaft, daß möglichst keine innere Aktivität im Denken wirken soll, sondern daß das, was draußen in der Welt ist, nur so sprechen soll, wie die Sinne es beschreiben, und daß man im Denken sich einfach dieser Sinnesbeobachtung hingibt. Man sagt: jedes Weitergehen über ein solches Passivverhalten führe zur Phantastik, zur Träumerei. Aber das, um was es sich bei der Anthroposophie handelt, führt nicht zur Phantastik, nicht zur Träumerei, sondern ganz im Gegenteil zu einer solchen inneren Betätigung, die klar ist, wie nur irgendeine Verrichtungsweise auf dem Gebiete der Mathematik oder der Geometrie klar sein kann. Gerade die Art und Weise, wie man sich in der Mathematik, in der Geometrie verhält, wird in der Anthroposophie zum Muster genommen, nur daß dann nicht spezielle Eigenschaften entwickelt werden wie in der Geometrie, sondern daß allgemein-menschliche, jedes menschliche Herz und jeden Menschensinn berührende Fähigkeiten entwickelt werden. Und im Grunde genommen ist das, was zunächst zu leisten ist, etwas, was eigentlich von jedem Menschen, wenn er nur unbefangen genug dazu ist, eingesehen werden kann. Man verwendet einfach die Fähigkeit, die Kraft des Denkens, eine Weile zunächst nicht dazu, um etwas anderes, Äußeres zu erfassen, zu ergreifen, sondern man läßt einen Gedanken anwesend sein in der menschlichen Seele, einen Gedanken, den man möglichst überschauen kann, und man gibt sich für eine bestimmte Zeit ganz diesem Gedanken hin. Ich will es genauer beschreiben.
[ 6 ] First, thinking. In the kind of education we receive today, we use thinking in such a way that we actually surrender ourselves quite passively to the world through our thinking. Indeed, especially in science, it is demanded that as little inner activity as possible should be at work in thinking; rather, what exists out there in the world should speak only as the senses describe it, and one should simply surrender oneself to this sensory observation in one’s thinking. It is said that any departure from such a passive attitude leads to fantasy, to daydreaming. But what anthroposophy is concerned with does not lead to fantasy or daydreaming; on the contrary, it leads to a kind of inner activity that is as clear as any procedure in the field of mathematics or geometry can be. It is precisely the way one approaches mathematics and geometry that serves as a model in anthroposophy, except that here, rather than developing specific properties as in geometry, one cultivates universal human abilities that touch every human heart and every human sense. And fundamentally, what must first be accomplished is something that can actually be understood by every human being, provided they are open-minded enough to do so. One simply uses the ability—the power of thought—for a while, not initially to grasp or comprehend something else, something external, but rather to allow a thought to be present in the human soul—a thought that one can survey as fully as possible—and to devote oneself entirely to this thought for a certain period of time. I will describe it in more detail.
[ 7 ] Wer das nötige Vertrauen dazu hat, wende sich an einen auf diesem Gebiete erfahrenen Menschen und frage ihn: Welches ist für mich der beste Gedanke, dem ich mich so hingeben kann? - Dann wird dieser ihm einen leicht überschaubaren Gedanken geben, der dem, der so etwas sucht, aber möglichst neu sein soll. Verwendet man einen alten Gedanken, dann steigen allerlei Erinnerungen, Gefühle, also Subjektives aus der Seele herauf, und man kommt leicht in die Träumerei hinein. Verwendet man jedoch einen Gedanken, der einem ganz sicher neu ist, bei dem man an nichts erinnert wird, dann kann man sich einem solchen so hingeben, daß man die denkerischen Seelenkräfte dabei immer mehr und mehr verstärkt. Ich nenne in meinen Schriften, besonders in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in der «Geheimwissenschaft im Umriß» diese Art, das Denken innerlich zu kultivieren, Meditation. Es ist ein altes Wort; wir wollen heute mit ihm nur den Sinn verbinden, den ich auseinandersetzen will.
[ 7 ] Anyone who has the necessary confidence should turn to someone experienced in this field and ask: “What is the best thought for me to devote myself to?”—Then that person will give them a thought that is easy to grasp, but which should be as new as possible for someone seeking such a thing. If one uses an old thought, all sorts of memories and feelings—that is, subjective elements—rise up from the soul, and one easily slips into daydreaming. If, however, one uses a thought that is certainly new to them—one that does not remind them of anything—then one can devote oneself to it in such a way that the soul’s powers of thought are strengthened more and more in the process. In my writings, particularly in my book How to Attain Knowledge of the Higher Worlds and in An Outline of Esoteric Science, I call this method of cultivating thought inwardly “meditation.” It is an old word; today we shall attach to it only the meaning I intend to explain.
[ 8 ] Die Meditation besteht darin, daß man die Aufmerksamkeit von allem äußerlich und auch innerlich Erlebten abwendet, daß man an nichts denkt als nur an den einen Gedanken, den man ganz in den Mittelpunkt des Seelenlebens stellt. Indem man so alle Kraft, die man in der Seele hat, auf einen einzigen Gedanken wendet, geschieht mit den seelischen Kräften etwas, was sich damit vergleichen läßt, daß man immer mehr und mehr eine Handbewegung als Übung ausführt. Was geschieht dabei? Die Muskeln verstärken sich, man bekommt kräftige Muskeln. Genau so geht es mit den Seelenkräften. Wenn man sie immer wieder und wieder auf einen Gedanken hin richtet, so erkraften sie sich, verstärken sich. Und wenn dies lange Zeit hindurch geschieht — es braucht auf einmal wahrhaftig nicht längere Zeit, denn es handelt sich mehr darum, daß man überhaupt in eine Seelenverfassung hineinkommt, sich zu konzentrieren auf einen Gedanken -, dann wird man, je nachdem man die Veranlagung dazu hat, bei einem kann es acht Tage dauern, bei einem anderen kann sich der Erfolg in drei Jahren einstellen und so weiter, aber man wird durch solche Übungen, die man immer wieder und wieder, und seien es auch nur fünf Minuten oder eine Viertelstunde täglich, anstellt, dazu kommen, innerlich etwas zu fühlen, wie wenn sich das menschliche Wesen mit einem neuen inneren Kräfteinhalt erfüllt. Man fühlt vorher die Kräfte seiner Nerven im gewöhnlichen Denken und Fühlen; man fühlt die Kräfte seiner Muskeln im Ergreifen der Gegenstände, im Ausführen der verschiedenen Verrichtungen. So wie man das nach und nach fühlt, wenn man von Kindheit an aufwächst, so lernt man nach und nach etwas fühlen, was einen neu durchdringt, wenn man solche Denkübungen anstellt, die ich hier nur prinzipiell anführen kann. Genauer sind sie in den schon angeführten Büchern beschrieben. Dann fühlt man eines Tages: Man kann jetzt nicht mehr über äußere Dinge denken, wie man es früher auch gekonnt hat, sondern man fühlt jetzt: man hat eine ganz neue Seelenkraft in sich, man hat etwas in sich, was wie ein verdichtetes, wie ein viel stärkeres Denken ist. Und endlich fühlt man: mit diesem Denken ergreift man zuerst etwas, was man vorher nur in ganz schattenhafter Weise gekannt hat.
[ 8 ] Meditation consists of turning one’s attention away from everything experienced externally and internally, and thinking of nothing but that one thought which one places at the very center of one’s inner life. By directing all the power one has in the soul toward a single thought in this way, something happens to the soul’s powers that can be compared to repeatedly practicing a hand movement. What happens then? The muscles grow stronger; one develops powerful muscles. It is exactly the same with the powers of the soul. When one directs them again and again toward a single thought, they gain strength and become more powerful. And if this continues over a long period of time—it truly doesn’t have to take a long time at all, for it is more a matter of entering a state of mind in which one can concentrate on a single thought—then, depending on one’s predisposition—for some it may take eight days, for others success may come in three years, and so on— but through such exercises—which one performs again and again, even if only for five minutes or a quarter of an hour each day—one will come to feel something inwardly, as if the human being were filling itself with a new inner reserve of strength. One feels the strength of one’s nerves in ordinary thinking and feeling; one feels the strength of one’s muscles in grasping objects and performing various tasks. Just as one gradually feels this as one grows up from childhood, so one gradually learns to feel something that permeates one anew when one performs such thinking exercises, which I can only outline here in principle. They are described in more detail in the books already mentioned. Then one day one feels: One can no longer think about external things as one used to be able to, but one now feels that one has a completely new spiritual power within oneself, that one has something within oneself that is like a condensed, much stronger form of thinking. And finally, one feels that with this thinking, one first grasps something that one had previously known only in a very vague way.
[ 9 ] Was man da ergreift, das ist nämlich im Grunde genommen die Wirklichkeit des eigenen Lebens. Wie kennt man denn dieses eigene Erdenleben, wie man es seit der Geburt durchlebt hat? Man kennt es in der Erinnerung, die bis zu einem gewissen Punkt der Kindheit zurückreicht. Da tauchen aus unbestimmten Seelentiefen herauf die Erinnerungen an die durchgemachten Erlebnisse. Sie sind schattenhaft. Vergleichen Sie nur einmal, wie schattenhaft das ist, was als Erinnerungsbilder an das Leben auftaucht, gegenüber dem, was man vollsaftig, intensiv von Tag zu Tag an Erlebnissen hat. Erfaßt man nun in der geschilderten Weise das Denken, dann hört diese Schattenhaftigkeit der Erinnerungen auf. Dann geht man zurück ins eigene Erdenleben und man erlebt das, was man vor zehn, vor zwanzig Jahren erlebt hat, mit derselben inneren Kraft und Stärke, wie es war, als man es erlebt hatte. Aber man erlebt es nun nicht so, wie man es damals erlebte, daß man mit den äußeren Gegenständen, mit den äußeren Wesenheiten in unmittelbare Berührung kommt, sondern man erlebt einen geistigen Extrakt davon. Und was man erlebt, das kann, so paradox es heute noch klingen mag, ganz eindeutig geschildert werden. Man hat auf einmal, wie in einem mächtigen Tableau, wie in einem Panorama, sein Leben bis zur Geburt hin vor sich. Nicht daß man die einzelnen Ereignisse bloß in der Zeitenfolge vor sich hat, sondern man hat sie in einem einheitlichen Lebenstableau vor sich. Die Zeit wird zum Raume. Was man erlebt hat, das hat man vor sich, aber nicht im Sinne der gewöhnlichen Erinnerung, sondern man hat es so vor sich, daß man weiß: Was man da vor sich hat, das ist die tiefere menschliche Wesenheit, ein zweiter Mensch in demjenigen Menschen, den man im gewöhnlichen Bewußtsein vor sich hat. Und dann kommt man auf folgendes: Dieser physische Mensch, den man im gewöhnlichen Bewußtsein vor sich hat, baut sich auf aus den Stoffen, die wir aus der Welt, die um uns herum ist, nehmen. Wir stoßen diese Stoffe fortwährend ab, nehmen neue Stoffe auf, und man kann ganz genau sagen: innerhalb eines Zeitraumes von sieben bis acht Jahren ist das, was unseren Körper materiell stofflich gebildet hat, abgestoßen, ist durch Neues ersetzt. Was in uns stofflich ist, das ist etwas Vorüberfließendes. Und wir kommen, indem wir durch das verdichtete Denken das eigene Leben kennenlernen, zu demjenigen, was bleibt, was bleibt durch unser ganzes Erdenleben hindurch, was aber zu gleicher Zeit das ist, was aus den äußeren Stoffen unseren Organismus aufbaut und was ihn wieder abbaut. Und dies letzte ist gleichzeitig das, was wir als ein Lebenstableau übersehen.
[ 9 ] What one grasps there is, in essence, the reality of one’s own life. How does one know this own earthly life, as one has lived it since birth? One knows it through memories that extend back to a certain point in childhood. From the indeterminate depths of the soul, memories of past experiences rise to the surface. They are shadowy. Just compare how shadowy these images of life that emerge as memories are, compared to the rich, intense experiences one has day by day. If one now grasps thinking in the manner described, this shadowy quality of the memories ceases. Then one goes back into one’s own earthly life and experiences what one experienced ten or twenty years ago with the same inner power and strength as when one first experienced it. But one does not experience it now as one did back then—coming into direct contact with external objects and external beings—but rather one experiences a spiritual essence of it. And what one experiences can, as paradoxical as it may still sound today, be described quite clearly. Suddenly, as in a powerful tableau, as in a panorama, one has one’s life up to the moment of birth spread out before one. Not that one merely sees the individual events in chronological order, but rather one sees them as a unified tableau of one’s life. Time becomes space. What one has experienced is before one, but not in the sense of ordinary memory; rather, it is before one in such a way that one knows: What one has before oneself there is the deeper human essence, a second human being within the human being one has before oneself in ordinary consciousness. And then one comes to the following realization: This physical human being, whom one has before oneself in ordinary consciousness, is built up from the substances we take from the world around us. We are constantly shedding these substances and taking in new ones, and one can say quite precisely: within a period of seven to eight years, what has materially constituted our body is shed and replaced by something new. What is material within us is something that flows past. And as we come to know our own life through concentrated thinking, we arrive at that which remains—that which endures throughout our entire earthly life—but which is at the same time what builds up our organism from external substances and what breaks it down again. And this latter aspect is also what we survey as a tableau of life.
[ 10 ] Nun unterscheidet sich das, was wir in dieser Weise ansehen, von der gewöhnlichen Erinnerung noch durch etwas anderes. In der gewöhnlichen Erinnerung treten die Ereignisse des Lebens so vor unsere Seele hin, wie sie von außen an uns herankommen. Wir erinnern uns, was uns dieser Mensch getan hat, was uns durch jenes Ereignis zugefügt worden ist. In dem Tableau, das durch das verdichtete Denken vor uns hintritt, lernen wir uns so erkennen, wie wir sind, was wir einem Menschen getan haben, wie wir uns zu einem Ereignis gestellt haben. Wir lernen uns selbst kennen. Das ist das Wichtige. Denn indem wir uns selbst kennenlernen, lernen wir uns auch intensiver kennen und lernen uns so kennen, wie wir in unseren Wachstumskräften, ja selbst in unseren Ernährungskräften drinnenstecken; und wie wir es selbst sind, die unseren Körper aufbauen und wieder abbauen. Wir lernen daher so unsere innere Wesenheit kennen.
[ 10 ] Now, what we perceive in this way differs from ordinary memory in yet another respect. In ordinary memory, the events of life appear before our soul just as they come to us from the outside. We remember what this person did to us, what was inflicted upon us by that event. In the tableau that unfolds before us through concentrated thinking, we come to recognize ourselves as we are—what we have done to another person, how we have responded to an event. We come to know ourselves. That is what is important. For by getting to know ourselves, we also come to know ourselves more deeply—and come to know ourselves as we are within our forces of growth, indeed even within our nourishing forces; and how it is we ourselves who build up and break down our bodies. We thus come to know our inner being in this way.
[ 11 ] Und das Wesentliche ist dann, daß wir, indem wir so zu dieser Selbsterkenntnis kommen, sogleich etwas erfahren, was man durch keine gewöhnliche Wissenschaft und durch kein gewöhnliches Bewußtsein erfahren kann. Ich muß gestehen, es ist heute noch schwer auszusprechen, wozu man da kommt, aus dem Grunde, weil es gegenüber dem, was heute aus autoritativen Gründen als berechtigt angesehen wird, so fremdartig klingt. Aber es ist eben so. Es ist eine Erfahrung, die man mit dem verdichteten Denken macht. Und diese Erfahrung besteht darin, daß man folgendes sagen muß: Wir haben Naturgesetze, wir studieren diese Naturgesetze emsig in unseren Wissenschaften, wir lernen sie schon zum Teil in der Volksschule kennen. Wir sind stolz darauf, und die nüchterne Menschheit ist mit Recht stolz auf das, was sie so als Naturgesetze kennengelernt hat in Physik, Chemie und so weiter. Ich möchte es ausdrücklich betonen: Anthroposophie dilettiert nicht in einer wesenlosen Opposition in der Wissenschaft. Im Gegenteil, sie erkennt diese Wissenschaft viel stärker an, als die Wissenschaft selber es tut. Sie nimmt sie gerade recht ernst, aber sie kommt darauf, indem sie das innerlich verdichtete Denken ergreift, zu sagen: Naturgesetze, wie wir sie in Physik und Chemie kennenlernen, sind doch nur da innerhalb der Stoffeswelt unserer Erde, und sie gelten nicht mehr, wenn man in den Weltenraum hinausgeht.
[ 11 ] And the essential point is that, as we arrive at this self-knowledge in this way, we immediately experience something that cannot be experienced through any ordinary science or ordinary consciousness. I must admit, it is still difficult today to put into words what one arrives at, for the reason that it sounds so strange in comparison to what is currently regarded as valid for reasons of authority. But that is precisely how it is. It is an experience one has through concentrated thinking. And this experience consists in having to say the following: We have laws of nature; we study these laws of nature diligently in our sciences; we already become acquainted with them to some extent in elementary school. We are proud of this, and sober-minded humanity is rightly proud of what it has come to know as the laws of nature in physics, chemistry, and so on. I would like to emphasize this explicitly: Anthroposophy does not engage in a meaningless opposition to science. On the contrary, it acknowledges science far more strongly than science itself does. It takes science very seriously indeed, but by drawing upon deeply concentrated thinking, it comes to the conclusion that the laws of nature, as we learn them in physics and chemistry, exist only within the material world of our Earth, and they no longer apply once one ventures out into outer space.
[ 12 ] Ich muß da etwas aussprechen, was vielleicht dem, der unbefangen darüber nachdenkt, gar nicht so unplausibel erscheint, da es nur scheinbar paradox ist. Wenn wir irgendwo eine Lichtquelle haben, so wissen wir, wie dieses Licht, wenn man es zerstreut, an Intensität immer mehr abnimmt; und wenn wir hinausgehen in den Raum, wird es immer schwächer und schwächer, so daß wir zuletzt versucht sind, es als Dämmerung, gar nicht mehr als Licht anzusprechen, bis es endlich, wenn wir recht weit hinausgehen, uns gar nicht mehr als Licht gelten kann. So wie es für das Licht ist, so ist es für die Naturgesetze. Sie gelten im Erdbereich, aber je weiter wir in den Kosmos hinauskommen, desto weniger und weniger gelten sie, und wenn wir schließlich recht sehr hinausgehen, dann gelten diese Naturgesetze nicht mehr. — Jene Gesetze, die wir aber durch das verdichtete Denken kennenlernen, die leben in unserem eigenen Leben schon, und die zeigen uns, daß wir als Mensch nicht aus den Naturgesetzen der Erde herausgewachsen sind, sondern aus höheren kosmischen Gesetzen. Wir haben sie uns mitgebracht, indem wir in das Erdendasein hineingekommen sind. Und so lernen wir erkennen, wie wir in dem Augenblicke, wo wir das verdichtete Denken erfassen, die Naturgesetze nur auf das mineralische Reich anwenden können. Wir können nicht, wie es aus einem sehr begreiflichen Irrtum heraus die neuere Physik macht, sagen, man könne die Naturgesetze auch anwenden auf die Sonne, auf die Sterne. Das können wir nicht; denn Naturgesetze auf das Weltall anwenden wollen, wäre gerade so einfältig, wie wenn man mit einer Kerzenflamme in den Weltenraum hinausleuchten wollte. Indem wir von dem Mineral, das so, wie es als Mineral uns erscheint, nur auf der Erde ist, aufsteigen zu dem Lebendigen, können wir nicht mehr sprechen von den Naturgesetzen im Bereich der Erde, sondern müssen sprechen von Gesetzen, die aus dem Kosmos, aus dem Weltenraume in das Erdendasein hereinwirken. Das ist nun schon bei der Pflanze der Fall. Nur wenn wir das Mineral erklären wollen, können wir die Gesetze der Erde gebrauchen, jene Gesetze also, zu denen zum Beispiel die Schwerkraft und so weiter gehört, die vom Mittelpunkt zum Umkreis wirken. Gehen wir zum Pflanzendasein, so müssen wir sagen: da ist die Kugel der Mittelpunkt, und es wirken von überall her, von allen Seiten vom Kosmos die Lebensgesetze, jene Lebensgesetze, die wir zuerst mit dem verdichteten Denken in uns selber entdecken, von denen wir kennenlernen, daß wir uns selber zwischen Geburt und Tod durch sie aufbauen. Wir lernen zu den vom Mittelpunkt der Erde nach auswärts wirkenden Gesetzen diejenigen kennen, die von allen Seiten zum Mittelpunkt der Erde hereinwirken, und die schon im Pflanzenreich wirksam sind. Da schauen wir uns dann diePflanze an, wie sie aus der Erde heraussprießt, und sagen uns, diese Pflanze enthält mineralische Stoffe. Die Chemie ist heute sehr weit, diese Stoffe in ihrem gegenseitigen Wirken zu erkennen. Alles berechtigt, alles sehr schön und gut. Sie wird noch weiterkommen. Das wird auch sehr schön und gut sein. Aber wenn wir die Pflanzen erklären wollen, müssen wir ihr Wachstum erklären, und das können wir nicht mehr durch die Kräfte, die von der Erde aufsteigend wirken, sondern nur durch jene Kräfte, die vom Umfange, vom Kosmos in das Erdendasein hereinwirken. Da kommen wir dazu, anzuerkennen, daß wir in der Erkenntnis von der irdischen Anschauung aufsteigen und zu der kosmischen Anschauung kommen müssen. Und in dieser kosmischen Anschauung ist nun das enthalten, was wirkliche menschliche Selbsterkenntnis ist.
[ 12 ] I must say something here that may not seem all that implausible to anyone who thinks about it objectively, since it is only seemingly paradoxical. When we have a light source somewhere, we know that as this light is scattered, its intensity decreases more and more; and as we move out into space, it grows weaker and weaker, so that we are eventually tempted to refer to it as twilight, or not as light at all, until finally, when we go far enough out, it can no longer be considered light at all. Just as it is with light, so it is with the laws of nature. They apply within the Earth’s sphere, but the farther we venture out into the cosmos, the less and less they apply, and when we finally go out quite far, these laws of nature no longer apply. — But those laws that we come to know through concentrated thinking are already at work in our own lives, and they show us that we, as human beings, have not outgrown the natural laws of the Earth, but rather have emerged from higher cosmic laws. We brought them with us when we entered earthly existence. And so we come to realize that, the moment we grasp concentrated thinking, we can apply the laws of nature only to the mineral kingdom. We cannot—as modern physics does, out of a very understandable error—say that the laws of nature can also be applied to the sun or the stars. We cannot do that; for attempting to apply the laws of nature to the universe would be just as naive as trying to illuminate outer space with a candle flame. As we ascend from the mineral—which, as it appears to us as a mineral, exists only on Earth—to the living, we can no longer speak of the laws of nature within the realm of the Earth, but must speak of laws that act upon earthly existence from the cosmos, from outer space. This is already the case with plants. Only when we wish to explain the mineral can we use the laws of the Earth—that is, those laws that include, for example, gravity and so on, which act from the center outward. When we turn to the plant realm, we must say: here the sphere is the center, and the laws of life act from everywhere, from all sides of the cosmos—those laws of life that we first discover within ourselves through concentrated thinking, and through which we come to understand that we build ourselves up between birth and death. Alongside the laws acting outward from the center of the Earth, we come to know those that act inward toward the center of the Earth from all sides—laws that are already at work in the plant kingdom. There we observe the plant as it sprouts from the earth and realize that this plant contains mineral substances. Modern chemistry has made great strides in recognizing these substances and their interactions. All of this is valid, all very fine and good. Chemistry will advance even further. That, too, will be very fine and good. But if we want to explain plants, we must explain their growth, and we can no longer do so through the forces that act upward from the earth, but only through those forces that act inward into earthly existence from the periphery, from the cosmos. This leads us to recognize that, in our understanding, we must rise above the earthly perspective and arrive at the cosmic perspective. And this cosmic perspective now contains what constitutes true human self-knowledge.
[ 13 ] Wir können weiterkommen, indem wir auch das Fühlen umgestalten. Das Fühlen, das wir im gewöhnlichen Leben haben, ist eine persönliche Angelegenheit, nicht eine eigentliche Erkenntnisquelle. Aber wir können das, was sonst nur im Fühlen subjektiv erlebt wird, zu einer wirklichen objektiven Erkenntnisquelle machen, und zwar in folgender Weise.
[ 13 ] We can make progress by also transforming our feelings. The feelings we experience in everyday life are a personal matter, not a true source of knowledge. But we can turn what is otherwise only subjectively experienced through feeling into a genuine, objective source of knowledge, in the following way.
[ 14 ] Im Meditieren konzentriert man sich auf einen ganz bestimmten Gedanken; man kommt zu dem verdichteten Denken und ergreift dadurch etwas, was von der Peripherie des Weltalls zum Mittelpunkte der Erde wirkt, im Gegensatz zu den gewöhnlichen Naturgesetzen, die vom Mittelpunkt der Erde nach allen Seiten hin wirken. Hat man das verdichtete Denken erreicht, hat man erreicht, daß das eigene Leben und auch das Leben der Pflanzen wie auf einem mächtigen Tableau vor der Seele ausgebreitet sind, so kann man weitergehen. Man kann dahin kommen, nachdem einen im erkrafteten Denken etwas ergriffen hat, nun den verstärkten Gedanken wieder auszuschalten. Wer da weiß, wie es schwierig ist im gewöhnlichen Leben, Gedanken, die einen ergriffen haben, wieder auszuschalten, der wird begreifen, daß besondere Übungen dazu notwendig sind, um das Angedeutete zu erreichen. Aber man kann es; man kann nicht nur erreichen, daß man einen Gedanken, auf den man sich konzentriert hat, mit aller Kraft der Seele ausschaltet, sondern daß man auch das ganze Erinnerungstableau — und damit sein eigenes Leben — ausschaltet und die Aufmerksamkeit davon abzieht. Dann tritt etwas ein, von dem man deutlich merkt: man steigt jetzt tiefer in die Seele hinunter, steigt jetzt in jene Regionen hinunter, die sonst nur dem Gefühle zugänglich sind. Nun ist es ja gewöhnlich so, wenn man im gewöhnlichen Leben Gesichtseindrücke, Gehörseindrücke und so weiter verschwinden läßt, dann schläft der Mensch meistens ein. Hat man aber das verdichtete Denken entwickelt, so schläft man nicht ein, wenn man nun alle Gedanken, auch die verdichteten, ausschaltet. Da kommt man in einen Zustand, in welchem keine Sinneswahrnehmungen und keine Gedanken wirken, den man nur so beschreiben kann, daß man sagt: der Mensch ist bloß wach, er schläft nicht ein; aber er hat zunächst nichts im Bewußtsein, er ist mit leerem Bewußtsein wach. Das ist ein Zustand, den die Geisteswissenschaft entdeckt, der im Menschen da sein kann, der ganz systematisch, methodisch heranentwickelt werden kann: Leeres Bewußtsein haben im vollbesonnenen Wachzustand. Wenn man sonst leeres Bewußtsein herstellt, ist man für den gewöhnlichen Lebenszustand eingeschlafen. Vom Einschlafen bis zum Aufwachen haben wir zwar leeres Bewußtsein, aber wir schlafen eben. Wachend leeres Bewußtsein haben, ist das, was als zweiter Erkenntniszustand angestrebt wird.
[ 14 ] In meditation, one concentrates on a very specific thought; one arrives at concentrated thinking and thereby grasps something that acts from the periphery of the universe toward the center of the Earth, in contrast to the ordinary laws of nature, which act from the center of the Earth outward in all directions. Once one has attained concentrated thinking—once one has reached the point where one’s own life and the life of plants are spread out before the soul as if on a vast tableau—one can proceed further. One can reach the point where, after something has taken hold of one in intensified thinking, one can now switch off that intensified thought again. Anyone who knows how difficult it is in ordinary life to switch off thoughts that have taken hold of one will understand that special exercises are necessary to achieve what has been described. But it is possible; one can not only succeed in shutting out a thought on which one has concentrated with all the power of the soul, but also in shutting out the entire tableau of memories—and thus one’s own life—and withdrawing one’s attention from it. Then something occurs that one clearly perceives: one is now descending deeper into the soul, descending into those regions that are otherwise accessible only to feeling. Now, it is usually the case that in everyday life, when one allows visual impressions, auditory impressions, and so on to fade away, one usually falls asleep. But if one has developed concentrated thinking, one does not fall asleep when one now shuts out all thoughts, even the concentrated ones. One then enters a state in which neither sensory perceptions nor thoughts are active—a state that can only be described by saying: the person is merely awake, he does not fall asleep; but at first he has nothing in his consciousness; he is awake with an empty consciousness. This is a state that Spiritual Science has discovered, one that can exist within the human being and that can be developed quite systematically and methodically: to have empty consciousness in a fully lucid waking state. When one otherwise induces empty consciousness, one has fallen asleep in the ordinary state of life. From falling asleep to waking up, we do indeed have empty consciousness, but we are, after all, asleep. To have empty consciousness while awake is what is sought as the second state of knowledge.
[ 15 ] Aber das Bewußtsein bleibt dann nicht lange leer. Es füllt sich. So wie sich das gewöhnliche Bewußtsein durch die Augenwahrnehmungen mit Farben füllt, durch das Ohr mit Tönen, so füllt sich nun dieses leere Bewußtsein mit einer geistigen Welt, die ebenso im Umkreise ist wie hier die gewöhnliche physische Welt. Erst das leere Bewußtsein entdeckt die geistige Welt, jene geistige Welt, die weder hier auf der Erde noch im Kosmos im Raume ist, sondern die außer Raum und Zeit ist, die aber doch unsere tiefste menschliche Wesenheit ausmacht. Denn haben wir vorher mit dem verdichteten Bewußtsein des Denkens hinschauen gelernt auf unser ganzes Erdenleben wie auf eine Einheit, jetzt schauen wir mit dem erfüllten, zuerst leeren Bewußtsein hinaus in diejenige Welt, die wir in einem seelisch-geistigen Leben durchgemacht haben, bevor wir ins irdische Dasein heruntergestiegen sind. Wir lernen uns jetzt kennen als ein Wesen, das geistig vorhanden war vor Geburt und Empfängnis, das vor dem Erdendasein in einem vorirdischen Dasein gelebt hat. Wir lernen uns erkennen als ein geistig-seelischer Mensch, der den Leib, den er an sich trägt, von Eltern und Voreltern überliefert erhalten hat, so überliefert erhalten hat, daß er ihn, wie gesagt, alle sieben Jahre auswechseln kann, der aber das, was er seinem eigentlichen Wesen nach ist, sich hereingebracht hat aus dem vorirdischen Dasein. Das lernt man nicht durch Theorien oder durch ein spintisierendes Denken kennen, sondern man kann es nur kennenlernen, wenn man in intellektueller Bescheidenheit eben die entsprechenden Fähigkeiten dazu erst entwickelt.
[ 15 ] But consciousness does not remain empty for long. It fills up. Just as ordinary consciousness is filled with colors through visual perceptions and with sounds through the ear, so now this empty consciousness is filled with a spiritual world that is just as all-encompassing as the ordinary physical world here. It is only this empty consciousness that discovers the spiritual world—that spiritual world which is neither here on Earth nor in the cosmos within space, but which lies beyond space and time, and yet constitutes our deepest human essence. For whereas we previously learned, with the condensed consciousness of thought, to view our entire earthly life as a unity, we now look out with the fulfilled—and initially empty—consciousness into that world which we experienced in a soul-spiritual life before we descended into earthly existence. We now come to know ourselves as a being who existed spiritually before birth and conception, who lived in a pre-earthly existence prior to earthly life. We come to recognize ourselves as a spiritual-soul being who has received the body he bears from parents and ancestors—received it in such a way that, as mentioned, he can replace it every seven years—but who has brought with him from his pre-earthly existence that which constitutes his true essence. This is not something one comes to know through theories or speculative thinking; rather, one can only come to know it by first developing the necessary abilities with intellectual humility.
[ 16 ] So lernen wir jetzt die innere menschliche Wesenheit, die eigentliche geistig-seelische Wesenheit kennen. Sie tritt uns entgegen, wenn wir in die Region des Gefühls nicht nur fühlend, sondern auch erkennend hinuntersteigen. Da müssen wir aber erst merken, daß Erkenntnis-Erringen verbunden ist mit starken inneren Erlebnissen, die ich in folgender Weise schildern kann. Wenn Sie irgendein Glied Ihres physischen Organismus unterbunden haben, es nicht bewegen können, wenn Ihnen jemand vielleicht nur zwei Finger zusammenbindet, so spüren Sie es als unangenehm, vielleicht als schmerzhaft. Jetzt sind Sie in einem Zustande, wo Sie im Geistig-Seelischen erfahren ohne den Leib. Jetzt haben Sie den ganzen physischen Menschen nicht an sich, denn jetzt leben Sie in einem leeren Bewußtsein. Der Übergang dazu ist mit einem tiefen Schmerzgefühl verbunden. Über die Erfahrung des Schmerzes, der Entbehrung hinüber, erringt man sich den Eingang in das, was unser tiefstes geistig-seelisches Wesen ist. Davor schrecken viele Menschen zurück. Aber es ist eben nicht anders möglich, sich über das wirkliche menschliche Wesen aufzuklären, als auf diese Art. Lernt man auf diese Weise erkennen, was man dem innersten Wesen des Menschen nach ist, so kann man dann noch weitergehen. Dann muß man aber eine Erkenntniskraft ausbilden, die im gewöhnlichen Leben nicht als Erkenntniskraft genommen wird: man muß die Liebe ausbilden als Erkenntniskraft, das selbstlose Hinausgehen in die Dinge und Vorgänge der Welt. Bildet man diese Liebe immer mehr und mehr aus, so daß man tatsächlich sich hinaustragen kann in den Zustand, den ich eben geschildert habe, wo man leibfrei, körperfrei die Welt anzuschauen vermag, dann lernt man sich vollständig erfassen als geistiges Wesen in der geistigen Welt. Dann weiß man, was der Mensch als Geist ist, dann weiß man aber auch, was Sterben heißt, denn im Tode legt der Mensch seinen physischen Leib tatsächlich ab. In der Erkenntnis, die ich jetzt als dritte schildere, die durch eine Vertiefung der Liebe erfahren wird, lernt man sich erkennen außerhalb seines Leibes; man vollzieht in der Erkenntnisbildhaftigkeit die Trennung von seinem Leibe. Man weiß von diesem Augenblicke an, was es heißen will, wenn man im Erdendasein den Leib ablegt und durch die Pforte des Todes geht. Man lernt den Tod kennen, aber auch das Leben im Geistig-Seelischen über den Tod hinaus. Man lernt die geistig-seelische Wesenheit des Menschen jetzt erkennen, wie sie im Leben nach dem Tode sein wird. Wie man sie vorher erkennen gelernt hat, wie sie vor dem Herabstieg in das irdische Dasein in der geistigen Welt ist, so lernt man jetzt erkennen das Fortleben der geistig-seelischen Wesenheit des Menschen nach dem Tode.
[ 16 ] In this way, we now come to know the inner human being—the true spiritual-soul being. It comes to meet us when we descend into the realm of feeling not only through feeling, but also through cognition. But first we must realize that the attainment of knowledge is connected with powerful inner experiences, which I can describe as follows. If you have had any part of your physical body bound so that you cannot move it—if, for example, someone were to tie just two of your fingers together—you would find it unpleasant, perhaps even painful. Now you are in a state where you experience the spiritual and soul realm without the body. Now you do not have your entire physical being with you, for you are living in a state of empty consciousness. The transition to this state is accompanied by a deep sense of pain. Through the experience of pain and deprivation, one gains entry into what constitutes our deepest spiritual-psychic being. Many people shrink back from this. But there is simply no other way to gain insight into the true human being than in this manner. If one learns in this way to recognize what one is in terms of the innermost essence of the human being, then one can go even further. But then one must develop a power of cognition that is not regarded as such in ordinary life: one must cultivate love as a power of cognition—the selfless reaching out into the things and events of the world. If one cultivates this love more and more, so that one can actually carry oneself into the state I have just described—where one is able to view the world free from the body—then one learns to grasp oneself completely as a spiritual being in the spiritual world. Then one knows what a human being is as spirit, but one also knows what dying means, for in death the human being actually sheds his physical body. In the insight I am now describing as the third—which is experienced through a deepening of love—one learns to recognize oneself outside one’s body; one carries out, in the imagery of insight, the separation from one’s body. From that moment on, one knows what it means to shed the body during earthly existence and to pass through the gate of death. One comes to know death, but also life in the spiritual-soul realm beyond death. One now learns to recognize the spiritual-soul nature of the human being as it will be in the life after death. Just as one has previously learned to recognize it as it exists in the spiritual world before the descent into earthly existence, so one now learns to recognize the continued existence of the human being’s spiritual-soul nature after death.
[ 17 ] Da tritt etwas auf, woran man so recht merkt, wie unvollkommen das heutige Bewußtsein ist. Es spricht aus Hoffnung, aus Glauben heraus von Unsterblichkeit. Aber Unsterblichkeit ist nur die Hälfte der Ewigkeit: Das Fortdauern von dem gegenwärtigen Zeitpunkte in alle Ewigkeit. Wir haben heute kein Wort, wie es noch Erkenntnisstufen früherer Zeiten gehabt haben, die zur Unsterblichkeit noch die andere Hälfte der Ewigkeit fügten: das Ungeborensein. Denn ebenso wie der Mensch unsterblich ist, so ist er ungeboren, das heißt, er tritt durch die Geburt aus der geistigen Welt in das physische Dasein herein, wie er durch den Tod aus der physischen Welt wieder in ein geistiges Dasein hineingeht. Man lernt auf diese Weise die wahre, durch Geburt und Tod gehende geistige Wesenheit des Menschen kennen, und erst dann ist man in der Lage, den ganzen Menschen aufzufassen.
[ 17 ] Here something arises that really brings home just how imperfect our present consciousness is. It speaks of immortality out of hope and faith. But immortality is only half of eternity: the continuation from the present moment into all eternity. We have no word for this today, unlike the levels of understanding in earlier times, which added the other half of eternity to immortality: the unborn. For just as the human being is immortal, so too is he unborn; that is to say, through birth he enters physical existence from the spiritual world, just as through death he returns from the physical world to a spiritual existence. In this way, one comes to know the true spiritual essence of the human being, which passes through birth and death, and only then is one able to comprehend the whole human being.
[ 18 ] Was ich so nur prinzipiell, in der Kürze hier geschildert habe, ist der Inhalt einer heute schon reichen Literatur, die wahrhaftig ihre Gewissenhaftigkeit, ihre Erkenntnisverantwortlichkeit von der exaktesten Wissenschaft gelernt hat, die es heute nur geben kann. Man berührt damit eine Geisteswissenschaft, die wirklich der gewöhnlichen Wissenschaft gewachsen sein will.
[ 18 ] What I have described here only in principle and in brief is the subject matter of a body of literature that is already extensive today—one that has truly learned its conscientiousness and its responsibility for knowledge from the most exact science that can exist today. This touches upon a Spiritual Science that truly aspires to be on par with conventional science.
[ 19 ] Aber gerade dadurch lernt man ein anderes kennen: wie das Leben eigentlich aus zwei Strömen besteht. Man spricht heute allgemein von Entwickelung, man spricht davon: das Kind ist klein, es entwickelt sich, es wächst. Es wuchtet und kraftet, es sprießt und sproßt das Leben. Man spricht davon, daß sich die niederen Lebewesen zu den höheren entwickelt haben: sprießendes, sprossendes Leben, das immer komplizierter und komplizierter wird. Mit Recht! Dieser Strömung des Lebens - das lernt man erkennen - steht eine andere gegenüber, die auch in jedem Lebewesen, das empfindet, vorhanden ist: die abbauende Strömung. Geradeso wie wir wucherndes, sprießendes, sprossendes Leben in uns haben, aufbauendes Leben, so haben wir auch abbauendes Leben in uns. Durch eine solche Erkenntnisart, wie ich sie beschrieben habe, lernt man einsehen, daß man nicht nur sagen kann: unser Leben geht hinauf bis in unser Gehirn und Nervensystem; dort richtet sich das Materielle so ein, daß das Nervensystem der Träger des seelischen Lebens werden kann. So ist es nicht. Es sprießt und sproßt das Leben, aber es gliedert sich ein in dieses sprießende, sprossende Leben das fortwährende Zerfallen. Fortwährend zerfällt in uns das Leben. Das sprießende, sprossende Leben macht dem Zerfall fortwährend Platz. Wir sterben eigentlich teilweise in jedem Augenblick, es zerfällt etwas in uns. Wir bauen es nur immer wieder auf. Aber indem etwas in uns materiell zerfällt, hat das Geistig-Seelische Platz, in uns einzutreten, in uns tätig zu sein. Hier kommen wir an den großen Irrtum des Materialismus: dieser glaubt, daß das sprießende, sprossende Leben sich hinaufentwickelt im Menschen bis zu den Nerven, und daß gerade so, wie aus dem Blut die Muskeln aufgebaut werden, auch die Nerven sich aufbauen, sie werden es auch. Aber dadurch entwickelt sich noch kein Denken, daß die Nerven aufgebaut werden, und ebenso kein Fühlen. Sondern indem die Nerven gewissermaßen zerfallen, gleichsam lauter Löcher bekommen, gliedert sich in das Zerfallende das Geistig-Seelische hinein. Wir müssen das Materielle zuerst abbauen, damit das Geistig-Seelische in uns erscheinen kann, damit wir selber es erleben können.
[ 19 ] But it is precisely through this that one comes to understand something else: how life actually consists of two currents. Today, people generally speak of “development”; they say: the child is small, it develops, it grows. It struggles and strives; life sprouts and shoots forth. People speak of how lower life forms have evolved into higher ones: sprouting, budding life that becomes ever more and more complex. And rightly so! This current of life—as one learns to recognize—is counterbalanced by another, which is also present in every sentient being: the decomposing current. Just as we have proliferating, sprouting, and budding life within us—life that builds up—so too do we have life that breaks down within us. Through the kind of insight I have described, one comes to realize that one cannot simply say: our life extends up into our brain and nervous system; there, the material structure organizes itself in such a way that the nervous system can become the bearer of spiritual life. That is not the case. Life sprouts and shoots forth, but woven into this sprouting, budding life is the constant process of decay. Life is constantly decaying within us. The sprouting, budding life continually makes room for decay. We are, in fact, dying in part at every moment; something within us is decaying. We simply rebuild it again and again. But as something within us decays physically, the spiritual-soul aspect has room to enter us and to be active within us. Here we come to the great error of materialism: it believes that the sprouting, budding life develops upward in the human being all the way to the nerves, and that just as muscles are built up from the blood, so too are the nerves built up—and indeed they are. But the building up of the nerves does not in itself give rise to thinking, nor does it give rise to feeling. Rather, as the nerves, so to speak, disintegrate—as it were, becoming riddled with holes—the spiritual and soul elements structure themselves into what is disintegrating. We must first break down the material so that the spiritual and soul elements can emerge within us, so that we ourselves can experience them.
[ 20 ] Das wird der große Moment in der Entwickelung der richtig verstandenen Naturwissenschaft sein, wo sie das Entgegengesetzte der Entwickelung, an der entsprechenden Stelle, fortsetzend diese Entwickelung erkennen wird, wo sie nicht nur den Aufbau, sondern auch den Abbau, wo sie zu der Evolution die Devolution erkennen wird. Dann wird man verstehen, wie das Geistige im Tiere und im Menschen — im Menschen auf eine selbstbewußte Art — das Materielle ergreift. Das Geistige ergreift das Materielle nicht dadurch, daß dieses sich ihm entgegenentwickelt, sondern es ergreift es dadurch, daß das Materielle sich im umgekehrten Prozeß abbaut, und im Abbauen findet das Geistige dann seine Erscheinung, seine Offenbarung. So sind wir erfüllt von Geistigem, das überall da ist, wo Devolution ist, nicht Evolution, wo Ent-Entwickelung ist.
[ 20 ] That will be the great moment in the development of properly understood natural science—when it recognizes the opposite of development at the appropriate point, thereby continuing that development; when it recognizes not only construction but also decay; when it recognizes devolution alongside evolution. Then one will understand how the spiritual in animals and in humans—in humans in a self-conscious way—grasps the material. The spiritual does not take hold of the material by the latter developing toward it, but rather by the material breaking down in a reverse process; and in this breakdown, the spiritual then finds its manifestation, its revelation. Thus, we are filled with the spiritual, which is present wherever there is devolution, not evolution—where there is de-development.
[ 21 ] Dann aber lernt man durchschauen, wie dieser ganze Mensch vor uns steht, wie er in einem polarischen Gegensatz vor uns steht. Überall, wo Aufbau ist, in einem jeglichen Organ, muß auch Abbau sein. Und indem wir irgendein Organ, Leber, Lunge oder Herz, anschauen, ist es in einem stetigen Strom, in einem Strom, der sich zusammensetzt aus Aufbau-Abbau, Aufbau-Abbau. Ist es denn nicht so, daß wir eigentlich eine merkwürdige Sprache führen, wenn wir zum Beispiel sagen: Hier fließt der Rhein? — Was ist denn der Rhein? Wenn wir sagen: Hier fließt der Rhein -, so meinen wir gewöhnlich nicht: Da ist das Flußbett «Rhein», aber das fließende Wasser meinen wir, wenn wir hinschauen. Das ist jedoch in jedem Augenblicke ein anderes. Der Rhein ist hundert Jahre, ist tausend Jahre da. Aber was ist denn in jedem Augenblicke da? Was in jedem Augenblicke in dem Strömen in Veränderung begriffen ist! So ist alles, was in uns ist, in dem Strom der Veränderung enthalten, im Aufbau und im Abbau, und im Abbau wird es Träger des Geistigen. Und so gibt es in jedem normalen Menschenleben einen Gleichgewichtszustand zwischen Aufbau und Abbau, und in ihm entwickelt der Mensch seine richtige Fähigkeit für das Geistig-Seelische. Aber dieser Gleichgewichtszustand kann gestört sein, kann so gestört sein, daß ein Organ seinen richtigen Aufbau einem zu geringen Abbau entgegenstellt, so daß sein Wachstum wuchert; oder umgekehrt, ein Organ kann einem normalen Abbau einen zu geringen Aufbau entgegenstellen, dann verkümmert das Organ, trocknet aus, und wir kommen aus dem Physiologischen in das Pathologische hinein.
[ 21 ] But then we learn to see through it all—how this whole human being stands before us, how he stands before us in a polar contrast. Wherever there is building up, in every organ, there must also be breaking down. And when we look at any organ—the liver, the lungs, or the heart—it is in a constant flow, a flow composed of building up and breaking down, building up and breaking down. Isn’t it true that we actually use a strange kind of language when we say, for example, “Here flows the Rhine”? — What, then, is the Rhine? When we say, “Here flows the Rhine,” we usually do not mean: “There is the riverbed called ‘Rhine’”; rather, we mean the flowing water when we look at it. Yet that water is different at every moment. The Rhine has been there for a hundred years, for a thousand years. But what is actually there at any given moment? That which is in a state of constant change within the flow! Thus, everything within us is contained in the stream of change—in building up and breaking down—and in the process of breaking down, it becomes the vehicle of the spiritual. And so, in every normal human life, there is a state of equilibrium between building up and breaking down, and within this, the human being develops their proper capacity for the spiritual and soul life. But this state of equilibrium can be disrupted—so much so that an organ may counterbalance its proper formation with insufficient breakdown, causing it to grow uncontrollably; or, conversely, an organ may counterbalance normal breakdown with insufficient formation, in which case the organ atrophies, dries up, and we move from the physiological into the pathological.
[ 22 ] Nur wer durchschaut, was dieser Gleichgewichtszustand ist, kann auch durchschauen, wie dieser Gleichgewichtszustand durch Hypertrophie des Aufbaues oder Abbaues gestört wird. Wenn wir aber dies erkennen, dann können wir auch den Blick auf die große Welt hinausrichten und können in ihr das finden, was unter Umständen auf den gestörten Aufbau oder Abbau ausgleichend wirken kann. Haben wir zum Beispiel ein Organ des Menschen, das dadurch gestört ist, daß es einen zu großen Abbau in sich hat, und schauen wir dann mit einem durch geisteswissenschaftliche Erkenntnis geschärften Blick auf irgend etwas draußen in der Natur, auf irgendeine Pflanze, so erkennen wir dann in einer bestimmten Pflanze: da ist Aufbau. Nun stellt sich heraus, daß wir in den Arten gewisser Pflanzen immer Aufbaukräfte haben, die genau den Aufbaukräften von menschlichen Organen entsprechen. So können wir finden, wenn wir diese allgemeine, jetzt von mir entwickelte Anschauung haben: im menschlichen Nierenorgan sind aufbauende Kräfte. Nehmen wir an, sie sind zu schwach, sie werden von den Abbaukräften überwuchert. Wir schauen hinaus auf die Pflanzen, finden im gewöhnlichen Ackerschachtelhalm, im Equisetum arvense, Aufbaukräfte, die genau den Aufbaukräften, die wir im Nierenorgan haben, entsprechen. Wenn wir aus Equisetum arvense ein Präparat bereiten und im Zirkulationsprozeß, in der Ernährung, in der richtigen Weise das Präparat an seinen Ort bringen, wo es wirken kann, so verstärken wir durch das Heilmittel die zu schwach gewordenen aufbauenden Kräfte des Nierenorgans. So für jedes Organ. Haben wir nur einmal diese Kenntnis ergriffen, dann haben wir durch die Kräfte, die wir draußen in der Welt finden, die Möglichkeit, Aufbau und Abbau, die aus ihrem Gleichgewicht gekommen sind, wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Haben wir irgendwo, etwa auch in den Nieren, zu starke Kräfte des Aufbaues, zu schwache des Abbaues, so müssen wir den Abbau verstärken. In diesem Falle müssen wir zu niederen Pflanzen, etwa den Farnkräutern greifen, die die Abbaukräfte verstärken.
[ 22 ] Only those who understand what this state of equilibrium is can also understand how it is disrupted by an excess of building up or breaking down. But once we recognize this, we can also turn our gaze out toward the wider world and find within it what may, under certain circumstances, have a balancing effect on the disrupted processes of formation or breakdown. For example, if we have a human organ that is disturbed because it undergoes excessive breakdown, and if we then look—with a gaze sharpened by insight into Spiritual Science—at something out in nature, at any plant, we will recognize in a particular plant: there is building up. It turns out that in certain plant species we always find building forces that correspond exactly to the building forces of human organs. Thus, if we adopt this general perspective I have now outlined, we can see that the human kidney contains building forces. Let’s suppose they are too weak; they are overwhelmed by the forces of breakdown. We look out at the plants and find, in the common field horsetail (Equisetum arvense), building forces that correspond exactly to the building forces we have in the kidney. If we prepare a remedy from Equisetum arvense and, through the circulatory process and nutrition, properly deliver the remedy to the place where it can take effect, we strengthen—through this remedy—the regenerative forces of the kidney that have become too weak. The same applies to every organ. Once we have grasped this knowledge, we have the ability—through the forces we find in the outside world—to restore balance to the processes of building up and breaking down that have become unbalanced. If, in any part of the body—such as the kidneys—the forces of building up are too strong and those of breaking down are too weak, we must strengthen the breaking-down forces. In this case, we must turn to lower plants, such as ferns, which strengthen the forces of breakdown.
[ 23 ] So kann man über das bloße Probieren und Experimentieren, ob irgendein Stoff oder Präparat hilft, hinauskommen. Man durchschaut den menschlichen Organismus nach den Gleichgewichtsverhältnissen seiner Organe; man durchschaut die Natur nach den aufbauenden und den abbauenden Kräften, und man macht nun die Heilkunst zu etwas, was man durchschaut, wo man nicht nur ein Heilmittel deshalb anwendet, weil die Statistik festgestellt hat: in so und so vielen Fällen wirkt es nützlich -, sondern aus dem Durchschauen des Menschen und der Natur weiß man, wie man ganz exakt im einzelnen Falle den Naturvorgang in einem Naturprodukt zum Heilfaktor umgestalten kann, das heißt für das menschliche Organ in bezug auf aufbauende und abbauende Kräfte.
[ 23 ] In this way, one can move beyond merely trying things out and experimenting to see if a particular substance or preparation is helpful. One gains insight into the human organism by understanding the balance among its organs; one gains insight into nature by understanding its constructive and destructive forces; and one thus transforms the art of healing into something that is fully understood—where one does not simply apply a remedy because statistics have shown that “in so many cases it is effective”—but rather, based on an understanding of human beings and nature, one knows exactly how, in each individual case, to transform the natural process in a natural product into a healing factor—that is, for the human organ in terms of constructive and destructive forces.
[ 24 ] Ich sage nicht, daß nicht die Medizin in der neueren Zeit ungeheure Fortschritte gemacht hat. Auch für die Medizin werden diese Fortschritte von der Anthroposophie voll anerkannt. Es wird von uns nicht mit Ausschluß der modernen Medizin gearbeitet, sondern im Gegenteil, mit vollster Würdigung derselben. Aber gerade wenn man das untersucht, was sich auf dem Gebiete der wirksamen Heilmittel der neueren Zeit herausgestellt hat, so findet man bei alledem, daß man durch langsames Experimentieren dazu gekommen ist, es zu finden. Was sich durch das Durchschauen der menschlichen Natur auf den Gebieten, wo die Medizin schon glücklich war, voll bestätigt hat, dafür liefert die Anthroposophie die durchsichtige Erkenntnis. Dazu aber liefert sie eine ganze Reihe neuer Heilmittel, die zu finden durch dieses Durchschauen der Natur und des Menschen möglich geworden ist.
[ 24 ] I am not saying that medicine has not made tremendous progress in recent times. Anthroposophy fully acknowledges these advances in medicine as well. We do not work in a way that excludes modern medicine; on the contrary, we work with the utmost appreciation for it. But precisely when one examines what has emerged in the field of effective remedies in recent times, one finds that, in all these cases, they were discovered through slow experimentation. Anthroposophy provides clear insight into what has been fully confirmed through an understanding of human nature in those areas where medicine has already been successful. In addition, it offers a whole range of new remedies that have been made possible by this understanding of nature and the human being.
[ 25 ] Lernt man aber auf diese Weise in einer geistigen Art in den Menschen hineinschauen — und ich werde noch zeigen, wie auf den einzelnen Gebieten die Heilkunst befruchtet werden kann durch eine wirkliche Erkenntnis des Geistes —, lernt man so hineinblicken in das geistige Leben neben dem materiellen, dann gelangt man, und jetzt nicht auf die alte träumerische Weise, die dann in den Mythen ihren Ausfluß gefunden hat, sondern auf exakte Weise, dazu, ganz rationell Erkenntnis und Heilkunde zu verbinden. Man lernt heilen aus einer wirklichen, aus künstlerischer Anschauung der Welt erwachsenden Kunst. Und damit ist man wieder bei dem angelangt, was in den alten Zeiten — aber nicht auf diejenige Weise, wie man es heute anstreben muß, nachdem wir die glorreiche Wissenschaft hinter uns haben - durch eine Art traumhafter Erkenntnis vorhanden war, wo man zu dem kam, was zum Anwenden der Kräfte der Natur und der Geisteskräfte gegenüber dem gesunden und kranken Menschen führen kann, gegenüber dem Gesunden in Schule und Volkspädagogik, gegenüber dem Kranken in der Heilkunst. Wir haben in den alten Zeiten Mysterienstätten, in denen eine Erkenntnis gepflegt wurde, die dem Menschen seine religiösen Rätsel lösen und seine Seelensehnsuchten befriedigen sollte; neben diesen Mysterien aber haben wir die Heilstätten. Wir sehen mit Recht heute das als kindlich an, was damals gepflegt worden ist. Aber es lag ein gesunder Kern darin, der Kern, daß sich die Erkenntnis der sogenannten normalen Welt fortsetzen muß in die Erkenntnis der anormalen Welt hinein. Denn, ist es nicht sonderbar, daß wir auf der einen Seite sagen: aus der Natur heraus entsteht der Mensch in seinem gesunden Zustande — und daß wir dann wieder aus den Naturgesetzen heraus den kranken Menschen erklären müssen? Denn jede Krankheit ist wieder aus Naturgesetzen erklärbar. Widerspricht sich die Natur? Wir werden sehen, daß sie sich nicht widerspricht, wenn der Mensch krank wird. Aber die Erkenntnis muß sich aus dem Physisch-Normalen fortsetzen in das Pathologische hinein. Dadurch gewinnt die Erkenntnis erst ihren Lebenswert, daß neben der Pflegestätte für das Normale im Leben sich diejenige für das Erkrankende im Leben findet.
[ 25 ] But if one learns to look into the human being in this spiritual way—and I will yet show how the art of healing can be enriched in the various fields through a true understanding of the spirit—if one learns to look into the spiritual life alongside the material one, then one arrives, —and not in the old, dreamlike way that found its expression in myths, but in a precise way—to combine knowledge and medicine in a thoroughly rational manner. One learns to heal through an art that arises from a genuine, artistic view of the world. And with that, one has returned to what existed in ancient times—though not in the way one must strive for today, now that we have left that glorious science behind us—was present through a kind of dreamlike insight, where one arrived at what can lead to the application of the forces of nature and the spiritual powers toward both the healthy and the sick: toward the healthy in schools and public education, and toward the sick in the art of healing. In ancient times, we had mystery temples where a form of knowledge was cultivated that was intended to solve people’s religious riddles and satisfy the longings of their souls; alongside these mysteries, however, we had healing centers. We are right to view what was practiced back then as childish today. Yet there was a sound core to it—the core being that knowledge of the so-called normal world must extend into knowledge of the abnormal world. For is it not strange that, on the one hand, we say: human beings arise from nature in their healthy state—and yet, on the other hand, we must again explain the sick human being through the laws of nature? For every illness can, in turn, be explained by the laws of nature. Does nature contradict itself? We shall see that it does not contradict itself when a person becomes ill. But understanding must extend from the physically normal into the pathological. It is only in this way that understanding gains its true value—that alongside the place of care for what is normal in life, there is also a place for what is diseased in life.
[ 26 ] Es ist allerdings die Anthroposophie mit diesen Dingen erst in einem Anfange, aber auf dem Wege zu Zielen, die für den unbefangenen Sinn durchaus als berechtigt erkannt werden können. In dem uns leider abgebrannten Goetheanum bei Dornach in der Schweiz sollte eine Erkenntnisstätte vorhanden sein — sie wird hoffentlich bald wieder aufgebaut sein —, eine Erkenntnisstätte, durch die des Menschen Sehnsucht nach dem Durchschauen seiner eigenen Lebensquellen möglich sein sollte. Wiederum sind wir, ich möchte sagen, aus der Selbstverständlichkeit heraus dazu gekommen, diesem Goetheanum anzugliedern die Heilstätte, zwar auch noch in bescheidener Art, aber doch so, wie es vor einer wirklichen Menschenerkenntnis sein muß: in dem Klinisch-Therapeutischen Institut in Arlesheim, das aus den Bemühungen von Frau Dr. Wegman erflossen ist, das dann auch seine Nachfolgeschaft durch das Institut von Dr. Zeylmans van Emmichoven, in den Haag, gefunden hat. Damit ist in Dornach neben einer Erkenntnisstätte für das Geistige auch wieder die Heilstätte hingestellt. Und wenn zu alledem, was die Erkenntnis des Geistes ist, vor allem Mut gehört, so gehört auch zu der Heilweise vor allem Mut. Und das ist es, was in dem Klinisch-Therapeutischen Institut in Arlesheim lebt, das zum Goetheanum gehört: der Mut des Heilens, um das, was aus dem ganzen Menschen an möglicher Beherrschung der Heilkräfte fließt, zum Segen der Menschheit anzuwenden. Deshalb darf, wenn auch in bescheidener Weise, eine solche Erkenntnisstätte, die wiederum zum Mysterium hinstrebt — aber im modernen Sinne -, wo die großen Fragen des Daseins neben dem Erkennen der Kleinigkeiten des Lebens gepflegt werden sollen, nebeneinandergestellt werden mit der Heilstätte, die da anstrebt in geistiger Weise, auch die Heilkunst entsprechend zu vertiefen, insbesondere seitdem in einer vertiefteren Art noch das aufgetreten ist, was seit letzte Weihnachten in Dornach gepflegt wird.
[ 26 ] Anthroposophy is, however, still in its infancy with regard to these matters, but it is on the path toward goals that an unbiased mind can certainly recognize as legitimate. The Goetheanum near Dornach in Switzerland—which, unfortunately, was destroyed by fire—was intended to be a center of knowledge—one that will hopefully be rebuilt soon—a center of knowledge through which human beings’ longing to gain insight into the sources of their own lives could be fulfilled. Once again, we have—I would say—naturally come to affiliate with this Goetheanum the sanatorium, albeit still in a modest form, but nonetheless in the way it must be before a true understanding of the human being can be achieved: in the Clinical-Therapeutic Institute in Arlesheim, which arose from the efforts of Dr. Wegman and which has since found its successor in the institute of Dr. Zeylmans van Emmichoven in The Hague. Thus, in Dornach, alongside a center for spiritual knowledge, the healing center has once again been established. And if, above all, courage is required for the knowledge of the spirit, then courage is also required above all for the art of healing. And this is what lives on at the Clinical-Therapeutic Institute in Arlesheim, which is part of the Goetheanum: the courage to heal, to apply for the benefit of humanity all that flows from the whole human being in terms of the potential mastery of healing forces. Therefore, even if only in a modest way, such a center of spiritual knowledge—which in turn strives toward the Mystery — but in a modern sense — where the great questions of existence are to be cultivated alongside an appreciation of life’s small details, may be placed side by side with the healing center that strives, in a spiritual way, to deepen the art of healing accordingly, especially since what has been taking place in Dornach since last Christmas has emerged in an even deeper form.
[ 27 ] Das ist das, was heute schon als die reale Beziehung zwischen Anthroposophie und Medizin dasteht, und was sich dann auslebt auf dem Gebiete der Medizin durch die hingebungsvolle Arbeit meiner lieben Mitarbeiterin Frau Dr. Wegman, die sich von Anfang an und schon seit Jahrzehnten so in die Anthroposophie hineingestellt hat, daß mit einer gewissen Selbstverständlichkeit die Orientierung in bezug auf die Heilkunst erfolgen konnte.
[ 27 ] This is what already stands today as the real relationship between anthroposophy and medicine, and what is then brought to life in the field of medicine through the dedicated work of my dear colleague, Dr. Wegman, who from the very beginning—and for decades now—has immersed herself so deeply in anthroposophy that her orientation toward the art of healing has come about quite naturally.
[ 28 ] In dieser äußerlichen Nebeneinanderstellung von Erkenntnisstätte und Heilstätte ist auch das äußere Bild vorhanden, wie innerlich nebeneinander stehen sollen die anthroposophische Erkenntnis und die Praxis des Heilens - aus einer solchen Geistesart heraus, wo aus einer Anschauung des kranken Zustandes des Menschen auch herauswachsen soll die Anschauung des Therapeutischen, des Heilens, so daß beide nicht auseinanderfallen, sondern daß sich der diagnostische Prozeß fortsetzt in den Heilprozeß hinein. So strebt Anthroposophie an, daß man, indem man die Diagnose ausführt, in der Erkenntnis dessen, was im Menschen geschieht, wenn er im kranken Zustande ist, zugleich anschaut: da geschieht dies im Menschen, geschieht dies im Abbauprozeß, geschieht jenes im Aufbauprozeß. Man erkennt dann die Natur zum Beispiel in Vorgängen, wo Abbaukräfte wirken; man weiß, wo Abbaukräfte vorhanden sind, und indem man diese im Heilmittel verwendet, ist man in die Lage gesetzt, so zu wirken, daß diese Abbaukräfte einem Aufbauprozeß im Menschen entgegenarbeiten können. Und umgekehrt. So durchschaut man in dem, was im Menschen vor sich geht, den kranken Zustand; aber indem man den kranken Zustand hat, schaut man zugleich in das Wesen der Wirkung des Heilmittels hinein.
[ 28 ] In this external juxtaposition of a center of knowledge and a center of healing, we also see the external image of how anthroposophical knowledge and the practice of healing should coexist internally —arising from a mindset in which an understanding of the human condition in sickness should also give rise to an understanding of the therapeutic, of healing, so that the two do not diverge, but rather the diagnostic process continues into the healing process. Thus, anthroposophy strives for the following: as one makes a diagnosis, in the understanding of what happens within a human being when they are in a state of illness, one simultaneously observes: this is happening within the human being as part of a process of breakdown; that is happening as part of a process of rebuilding. One then recognizes the nature of these processes, for example, where forces of breakdown are at work; one knows where destructive forces are present, and by employing these forces in the remedy, one is enabled to act in such a way that these destructive forces can counteract a constructive process within the human being. And vice versa. In this way, one discerns the state of illness in what is taking place within the human being; but by recognizing the state of illness, one simultaneously gains insight into the nature of the remedy’s effect.
[ 29 ] Was sich nun aus diesem innerlichen Erfassen des gesunden und kranken Menschen zu diesem äußerlichen Nebeneinanderstellen von Goetheanum und Klinik für die Befruchtung der modernen Heilkunst durch geisteswissenschaftliche Vertiefung sagen läßt, das möchte der Inhalt der nächsten beiden Vorträge sein. Heute wollte ich nur das Wesen des geistigen Erkennens auseinandersetzen und darauf hinweisen, wie aus diesem geistigen Erkennen ein innerliches Durchdrungensein des Menschen wirkt, durch das er nicht bloß theoretisch an Natur- und Geisteskräfte herantritt, sondern so, daß er sie auch handhaben lernt, um aus dem geistigen Erkennen heraus das Leben in seinen gesunden und kranken Zuständen zu gestalten. Das Leben wird mit fortdauernder Zivilisation immer komplizierter und komplizierter. Heute schon waltet auf dem Untergrunde vieler Seelen die Sehnsucht, das zu finden, was diesem immer komplizierter werdenden Leben gewachsen ist. Anthroposophie will vor allem mit diesen Sehnsuchten rechnen. Und man wird sehen, daß sie, gegenüber vielem Zerstörenden im heutigen Leben, in ehrlicher Weise mitarbeiten willam Aufbauenden, am Wachsen und Gedeihen in der Zivilisation — aber nicht in lahmen Phrasen, sondern in der Betätigung, in den praktischen Fragen des Lebens, überall da, wo erkannt werden soll, will sie so erkennen, daß Erkenntnis ins Leben überfließen kann; und überall da, wo etwas im Leben auftritt, will sie so erkennen, daß sie helfen kann.
[ 29 ] What can be said—based on this inner understanding of the healthy and sick human being—about the external juxtaposition of the Goetheanum and the Clinic in terms of enriching modern medicine through a deeper understanding of Spiritual Science will be the subject of the next two lectures. Today I wanted only to explore the nature of spiritual cognition and to point out how this spiritual cognition gives rise to an inner permeation of the human being, through which he approaches the forces of nature and the spirit not merely theoretically, but in such a way that he also learns to handle them, so as to shape life—in its healthy and diseased states—out of spiritual cognition. As civilization continues to develop, life is becoming more and more complicated. Even today, a longing prevails deep within many souls to find what is equal to this increasingly complex life. Anthroposophy seeks above all to take these longings into account. And one will see that, in the face of much that is destructive in today’s life, it seeks to contribute in an honest way to what is constructive, to growth and flourishing in civilization—not through empty phrases, but through action, in the practical questions of life; wherever understanding is needed, it seeks to understand in such a way that insight can flow into life; and wherever something arises in life, it seeks to understand it in such a way that it can help.
