Zweiter Naturwissenschaftlicher Kurs
Die Wärme auf der Grenze
positiver und negativer Materialität
Geisteswissenschaftliche Impulse zur Entwicklung der Physik
GA 321
5 März 1920, Stuttgart
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Ich hätte Ihnen gerne heute noch einige Versuche vorgeführt, die jene Tatsachenreihe ergänzen würden, die wir brauchen zu unserem Ziel, allein es ist das heute noch nicht möglich, und ich muß daher den Vortrag etwas anders einrichten, als ich es beabsichtigt hatte, zum Teil, weil es uns nicht gelungen ist, die Apparate in den nötigen Zustand zu versetzen, dann auch, weil man keinen Alkohol bekommen konnte, wie es uns Ja auch gestern an Eis fehlte.
[ 2 ] So werde ich im wesentlichen in jener Betrachtung fortfahren, mit der ich gestern begonnen habe. Sie brauchen nur einen Blick zurückzuwerfen auf alle diejenigen Tatsachen, die wir uns vor Augen gestellt haben zum Zwecke eines Überblickes über das Verhalten verschiedener Körper zu dem Wärmewesen, und Sie werden sehen, daß gewisse typische Erscheinungen uns eben entgegentreten so, daß wir sagen können: Es besteht ein Ausdruck in diesen Erscheinungen, der zusammenhängen muß mit dem zunächst uns unbekannten Wärmewesen, mit seinem Verhältnis zum Druck, der auf irgendeinen Körper ausgeübt werden kann, auch zur Gestaltungsfähigkeit, die ein fester Körper zum Beispiel annehmen kann, und eben zum Wärmegrad, zum Wärmezustand, ebenso zur Größe des Rauminhaltes, zum Volumen. Wir können ja verfolgen, wie auf der einen Seite feste Körper sich verflüssigen. Wir können sehen, wie während der Verflüssigung des festen Körpers eine Temperaturerhöhung äußerlich durch Thermometer oder Temperaturmesser nicht zu konstatieren ist, so daß gewissermaßen die Wärmezunahme stillsteht, bis die Verflüssigung zu Ende ist. Wenn wir es dann mit einer Flüssigkeit zu tun haben, dehnt sich diese wieder weiter aus unter der Wärmezunahme. Wir können andererseits sehen, wie ein flüssiger Körper sich in Dampf oder Gas verwandelt und wie dieselben Erscheinungen gewissermaßen des Verschwindens und Wiederauftretens der Temperatursteigerung eintreten, wenn der ganze Körper in den gasigen Zustand übergegangen ist. Wir haben da — Sie können es sich ja selbst vor Augen führen, was damit zusammenhängt - eine Tatsachenreihe, die wir gewissermaßen mit den Augen, den Sinnen und mit den Instrumenten verfolgen können. Dann haben wir gestern aufmerksam gemacht auf gewisse innere Erlebnisse, die der Mensch selber unter dem Einfluß des Wärmewesens macht, die er aber auch macht unter dem Einfluß anderer Sinnesqualitäten, wie des Lichtes, des Tones, die er hat an solchen äußeren Vorgängen, wie Magnetismus und Elektrizität, die es nicht bis zu einer wirklichen Sinnesempfindung, wenigstens unmittelbar, bringen, weil, wie die gebräuchliche Physik sagt, dazu bei dem Menschen keine Organe vorhanden sind. Wir sehen ja das, was Elektrizitätswirkungen, was magnetische Wirkungen sind, nur mittelbar, indem wir konstatieren, wie die magnetischen Körper andere Körper anziehen, und wir sehen bei den Elektrizitätsvorgängen die verschiedensten Wirkungen. Allein, ein unmittelbares Wahrnehmungsvermögen, wie wir es für Licht und Ton haben, haben wir für Elektrizität und Magnetismus nicht.
[ 3 ] Wir haben uns dann besonders vor Augen geführt und müssen besonders festhalten, daß ja unsere eigentlichen passiven Vorstellungen, durch die wir uns erkennend die Welt vergegenwärtigen, eigentlich destillierte höhere Sinneswahrnehmungen sind. Sie werden überall sehen, wo Sie prüfen, daß Sie solche höheren Vorstellungen haben. Sie werden sehen, wie schließlich doch - ich habe das gestern sogar für den Seinsbegriff erwähnt — Ihre höheren Vorstellungen hinterher destillierte Wahrnehmungen der höheren Sinne sind. Sie können noch anklingen hören Töne in den Bezeichnungen, die wir haben in den höheren Vorstellungen, Sie können überall noch durchscheinen sehen, was diese Vorstellungen vom Licht her haben. Nur bei einer ganz bestimmten Reihe von Vorstellungen können Sie das nicht, wie Sie das sehr bald bemerken werden. Sie können es nicht bei den eigentlich mathematischen Vorstellungen. Bei diesen mathematischen Vorstellungen ich meine, insofern es bei ihnen auf Mathematisches ankommt - ist ein Zurückführen auf irgend etwas Tonliches oder Sichtbares nicht vorhanden. Wir dürfen dabei natürlich keine Verwechslung begehen. Der Mensch wird sofort an Tonliches erinnert, wenn er von Schwingungszahlen der Tonwellen redet. Das meine ich hiermit natürlich nicht. Ich meine alles dasjenige, was man an mathematischen Vorstellungen gewinnt und was rein mathematisch ist, also zum Beispiel den Inhalt des pythagoreischen Lehrsatzes, oder daß die Summe der Winkel eines Dreiecks 180° ist, oder daß das Ganze größer ist als seine Teile und so weiter. Dasjenige, was diesen rein mathematischen Vorstellungen zugrunde liegt, das führt nämlich zuletzt nicht zurück auf Gesehenes oder Gehörtes, sondern das führt, wenn man es letztlich verfolgt, eigentlich zurück auf Willensimpulse in uns, so sonderbar das zunächst erscheint. Sie werden überall sehen, wenn Sie sich wirklich aneignen eine Art Psychologie dieser Dinge, daß Menschen, wenn sie ein Dreieck zeichnen — das äußere Dreieck ist ja nur eine Versinnlichung -, daß sie in der Vorstellung, die sie gewinnen, die dreifach um die Ecke gegangene Entfaltung ihres Willens vorstellen, eine dreifach um die Ecke gegangene Entfaltung durch die Handbewegung oder durch das Gehen, durch das Sich-Wenden. Das, was Sie da als Willensvorstellungen drinnen haben, das tragen Sie in Wirklichkeit in ganz rein mathematische Vorstellungen hinein. Das ist ja der eigentliche Unterschied zwischen den anderen Vorstellungen und den mathematischen Vorstellungen, jener Unterschied, der zum Beispiel Kant oder anderen Philosophen so viel Kopfzerbrechens macht. Sie können unterscheiden das innerlich Zwingende der mathematischen Vorstellungen von dem bloß Empirischen, dem Nichtzwingenden der anderen Vorstellungen. Dieser Unterschied rührt davon her, daß die mathematischen Vorstellungen so eng gebunden sind an uns selbst, daß wir unser Willenswesen in sie hineintragen und nur das, was wir innerhalb der Willenssphäre erfahren, in die mathematischen Operationen hineinlegen. Deshalb erscheinen die Ergebnisse uns so gewiß. Und was wir nicht so eng mit uns verbunden fühlen, sondern nur dadurch fühlen, daß ein Organ eingelagert ist an einer Stelle, das erscheint uns ungewiß und empirisch. Das ist der wirkliche Unterschied. Nun muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß, wenn wir in diese Willenssphäre hinuntergehen, wo heraufdämmert in der Abstraktheit die Summe unseres rein mathematischen, geometrischen Vorstellens, wir in das Gebiet des Willens kommen, der in seinem eigentlichen Verlauf, wie er in unseren Organen waltet, uns innerlich so unbekannt ist, wie Elektrizität und Magnetismus uns äußerlich unbekannt sind. Und ich habe das gestern zu veranschaulichen versucht dadurch, daß ich Sie aufforderte, sich vorzustellen, Sie wären ein lebendig denkender Regenbogen und würden in der Farbe des Grün Ihr Bewußtsein halten, daher das Grün nicht wahrnehmen, sondern nach beiden Seiten hin ins Unbekannte eintauchen. Ich habe das Rot verglichen mit. dem Eintauchen in die unbekannte Willenssphäre, und das Blauviolett mit dem Eintauchen nach außen in die elektrische, magnetische und ähnliche Sphären.
[ 4 ] Nun, ich schaltete hier an dieser Stelle unseres Kursus diese, ich möchte sagen, psychologisch-physiologische Betrachtungsweise ein, weil es ganz wesentlich ist, daß bei allen zukünftigen physikalischen Betrachtungen das eigentlich Physikalische wiederum zurückgeführt werde auf den Menschen. Es ist unmöglich, daß jene Konfusionen, welche die Physik heute aufweist, hinauskommen aus der Physik, wenn wir nicht wiederum anknüpfen an den Menschen. Das werden wir bei der weiteren Verfolgung der Wärmeerscheinungen sehen. Aber diese Anknüpfung an den Menschen ist, wenigstens dem heutigen Denken, nicht gar so leicht, und zwar aus dem Grunde, weil der Mensch heute wirklich nicht sehr gut die Brücke zu schlagen versteht zwischen dem, was er äußerlich in der Welt der Raumerscheinungen oder überhaupt der äußeren Sinneserscheinungen wahrnimmt, und dem, was er innerlich erlebt. Es ist heute ein solcher Dualismus vorhanden zwischen alledem, was wir uns als Wissen aneignen über die äußere Welt und alledem, was wir innerlich erleben, daß diese Brücke außerordentlich schwer zu schlagen ist. Aber sie muß gerade zum Heil der physikalischen Wissenschaft geschlagen werden. Daher muß angeknüpft werden, mehr zur Veranschaulichung als zur Erklärung, an eine Erscheinung im Menschen selbst, durch die sich wenigstens in etwas begreiflich wird machen lassen, wie wir uns eigentlich bei der Betrachtung so schwerwiegender physikalischer Erscheinungen, wie denen des Wärmewesens, zu verhalten haben. Ich möchte Sie da auf folgendes hinweisen:
[ 5 ] Nehmen Sie an, Sie lernen ein Gedicht auswendig. Sie werden, indem Sie dieses Gedicht auswendig lernen, zunächst nötig haben, sich die Vorstellungen zu vergegenwärtigen, die diesem Gedicht zugrunde liegen, und Sie werden zunächst immer sehr versucht sein, während Sie das Gedicht dann rezitieren, diese Vorstellungen in sich ablaufen zu lassen. Aber Sie werden auch wissen, daß, je öfter Sie das Gedicht rezitieren, namentlich wenn ein Zeitraum dazwischen liegt, dann eine Zeit kommt, wo Sie sich bis zu einem gewissen Grade ersparen, die Vorstellungen in derselben Intensität innerlich ablaufen zu lassen, wie Sie sie zuerst haben ablaufen lassen. Und es kann — man verachtet das ja sehr, aber wir wollen es doch besprechen -, wenigstens in Annäherung, asymptotisch, möchte ich sagen, eine Zeit kommen, wo wir imstande sind, ohne weiter nachzudenken, was das Gedicht enthält, es einfach mechanisch herzusagen. Gewiß wir werden uns, weil wir ja Menschen sind, dieser Stufe des rein mechanischen Hersagens schon aus dem Gemütszustand nicht gern nähern wollen, aber wenigstens denkbar ist es, daß wir es bis zu dieser Force bringen, daß wir gar nicht mehr nachzudenken brauchen, sondern, wenn wir die erste Zeile anschlagen, läuft das Gedicht herunter, ohne daß wir viel nachdenken. Verspüren Sie, daß das ein Endzustand ist, dem man sich nähert, wie sich die Asymptote der Hyperbel nähert. Das aber führt Sie darauf, daß, wenn wir ein Gedicht sprechen, wir es doch im Grunde genommen mit dem Ineinanderlaufen zweier verschiedener Tätigkeiten unseres Organismus zu tun haben: mit einem mechanischen Ablaufen gewisser Vorgänge unserer Organisation und mit dem Begleiten dieses mechanischen Ablaufens durch unsere seelischen Vorstellungen. Mit etwas also, von dem wir ganz gut sagen können, daß es als MechanischAußerliches im Raume abläuft, und auf der anderen Seite mit etwas, was als Seelisches sich ganz dem Wesen des Raumes entzieht.
[ 6 ] Wenn Sie nun - in Gedanken können Sie das ja tun — auf dasjenige, was mechanisch, was physikalisch abläuft, bloß hinhören zum Beispiel bei der Rezitation eines Gedichtes in einer Sprache, die Sie nicht verstehen, dann haben Sie einen mechanischen, einen physikalischen Ablauf. In dem Augenblick, wo Sie sich denken dasjenige, was innerlich begleitet diesen mechanischen Ablauf, haben Sie ein Seelisches, welches Sie nicht zu den Raumerscheinungen dazubringen können. Sie können nicht die Gedanken, mit denen der rezitierende Mensch seine Rezitation begleitet, in den Raum hinaus so versetzen, wie die mechanischen Vorgänge des Sprachablaufes, des Wortablaufes.
[ 7 ] Ich mache Sie nun aufmerksam auf ein Analogon: Wenn wir verfolgen die Erwärmung, die wir einem festen Körper zufügen, bis er zu seinem Schmelzpunkt kommt, wird die Temperatur immer höher und höher. Wir können das am Thermometer verfolgen, dann sehen wir, daß das Thermometer stehenbleibt, bis der Körper geschmolzen ist. Wenn er geschmolzen ist, fängt das Thermometer wieder an zu steigen. Es ist ja unmöglich zunächst, zu verfolgen thermometergemäß, was mit dem Wärmewesen geschieht, während der Körper schmilzt. Ein Analogon besteht nun zwischen dem, was wir äußerlich verfolgen können mit dem Thermometer, den äußeren physikalischen Vorgängen und dem, was wir an der Wortfolge verfolgen können physikalisch, und ein Analogon besteht zwischen dem, was sich uns entzieht, dem, was der Rezitierende in seiner Vorstellung erlebt, und dem, was mit diesem Wärmewesen geschieht, während das Schmelzen vor sich geht. Sie sehen, hier haben wir ein Beispiel, wo wir wenigstens zunächst analog zurückführen können eine äußerliche Beobachtung auf etwas am Menschen. Wir haben nicht so naheliegende Beispiele für dieses Brükkenschlagen bei anderen Gebieten der menschlichen Betätigung, wie beim Sprechen, weil wir da beim Menschen auf der einen Seite, wenn auch fast in unendlicher Entfernung, die Möglichkeit haben, daß wir das Auswendiggelernte nur herunterratschen mechanisch, und auf der anderen Seite nicht herunterratschen, sondern, ohne daß wir sprechen, nur innerlich denken, wodurch sich das dem Raum entzieht. Wir haben bei anderen Sphären nicht diese menschliche Betätigung, wir haben nicht die Möglichkeit, geradezu zu sehen, wie das eine in das andere übergeht. Vor allen Dingen wird uns das nicht so leicht, wenn wir das Wärmewesen verfolgen wollen, weil wir da schon physiologisch-psychologische Untersuchungen anstellen müssen, wie sich das Wärmewesen verhält, wenn wir es selber in uns aufgenommen haben.
[ 8 ] Ich habe Ihnen gestern, nur um etwas zu veranschaulichen, gesagt: Ich trete in einen Raum, der behaglich erwärmt ist. Ich setze mich hin und schreibe etwas. Ich kann nicht so leicht den Zusammenhang finden zwischen dem, was ich da erfahre, erlebe, indem ich in den warmen Raum trete, und dem, was innerlich in mir vorgeht, wenn ich meine Gedanken niederschreibe. Ich kann nicht so leicht den Zusammenhang konstatieren, wie ich den Zusammenhang konstatieren kann zwischen dem Abratschen der Sprache und dem Denken innerlich. Deshalb wird es natürlich schwierig, durch inneres Erleben irgend etwas zu finden, was dem Wärmeerlebnis von außen im rein inneren Erleben entsprechen würde. Dennoch handelt es sich darum, daß wir uns allmählich annähern an Vorstellungen, die uns auf diesem Wege weiterführen können. Und da möchte ich zunächst aufmerksam machen auf etwas, was Sie aus der Anthroposophie heraus wissen.
[ 9 ] Sie wissen, wenn wir den Versuch machen, unsere Gedanken durch Meditation weiterzuführen, weiterzuführen an innerer Intensität, also wenn wir unser Denken so bearbeiten, daß wir immer wieder und wiederum in den Zustand hineinkommen, wo wir wissen, daß wir innerlich Seelentätigkeit anwenden, ohne den Körper zu Hilfe zu nehmen, dann geschieht das nicht, ohne daß sich unser ganzes inneres Seelenleben verwandelt. Man kann nicht mit den gewöhnlichen abstrakten Gedanken in eine höhere Region des menschlichen Seelenlebens kommen. Die Gedanken werden dann bildlich, und man muß sie erst aus dem imaginativen Element zurückversetzen in unser abstraktes Element, wenn man sie denen vortragen will, die nicht mit dem Imaginativen bekannt sind. Aber Sie brauchen nur einmal eine Darstellung durchzusehen, die sich bemüht, möglichst sachlich zu sein, wie zum Beispiel meine «Geheimwissenschaft im Umriß», die deshalb die reinen Abstraktlinge so schockiert hat. Da muß schon der Versuch gemacht werden, die Dinge ins Bildliche hinüberzuführen, wie ich es bei der Saturn- und Sonnendarstellung habe tun müssen im äußersten Maße. Da finden Sie lauter bildliche Vorstellungen in das andere hineingemischt. Das wird den Menschen sehr schwer, ins Bildliche überzugehen, weil man da nicht mehr die Dinge ins Abstrakte hinüberleiten kann. Dem liegt nämlich zugrunde, daß, wenn wir abstrakt denken, wenn wir uns bewegen in engen Vorstellungen, die die Menschen heute am meisten gewohnt sind und die am liebsten in der Wissenschaft, namentlich in der Naturwissenschaft, angewendet werden, das durchaus Vorstellungen sind, zu denen wir unseren Körper gebrauchen. Wir können zum Beispiel durchaus nicht den Körper entbehren, wenn wir dasjenige, was heute als physikalische Gesetze in den Physikbüchern steht, durchdenken wollen. Da müssen wir so denken, daß wir unseren Körper als Instrument haben. Wenn man in die Sphäre des Imaginativen hinaufkommt, dann müssen die abstrakten Vorstellungen sämtlich verwandelt werden, weil man da eben nicht mehr den Körper verwendet zum inneren Seelenleben.
[ 10 ] So können Sie also jetzt hinschauen auf, ich möchte sagen, das ganze Gebiet des imaginativen Denkens. Dieses Gebiet des imaginativen Denkens hat in uns selber nichts mehr zu tun mit demjenigen, was noch an unsere äußere Leiblichkeit gebunden ist. Wir steigen auf in eine Region, wo wir erleben als seelisch-geistiges Wesen, ohne daß das zu tun hat mit unserer äußeren Leiblichkeit. Das heißt aber mit anderen Worten: Wir kommen in dem Augenblick, wo wir aufsteigen ins Imaginative, aus dem Raum hinaus. Wir sind dann selbst nicht mehr im Raum.
[ 11 ] Sehen Sie, das hat eine sehr bedeutsame Konsequenz. Ich habe Ihnen beim vorigen Kursus einen strengen Unterschied machen müssen zwischen alldem, was bloß phoronomisch ist, und dem, wo dann Mechanisches, wie zum Beispiel die Masse, in unsere Betrachtung eintritt. Solange ich beim Phoronomischen bleibe, brauche ich mir die Dinge nur in Gedanken auf eine Tafel, auf ein Blatt aufzuzeichnen, und ich bekomme die Veranschaulichung dessen, was ich in dem Gebiete der Bewegung, des Rauminhaltes und so weiter denken kann. Aber ich muß eben dann bei dem bleiben, was räumlich und zeitlich anschaulich ist. Warum ist das so? Das ist so aus einem ganz bestimmten Grunde. Sie müssen sich nämlich klar sein darüber: Alle Menschen, wie sie hier auf der Erde leben, sind wie Sie selber im Raum und in der Zeit drinnen. Sie nehmen einen gewissen Raum ein und verhalten sich als Raumkörper zu anderen Raumkörpern. Also, indem Sie über den Raum reden, sind Sie gar nicht in der Lage, etwas ernsthaftig, wenn Sie die Dinge vorurteilslos betrachten, in Kantischen Vorstellungen hinzustellen. Denn wenn der Raum in uns sein könnte, so könnten wir nicht selber im Raum drinnen sein. Wir können uns nur einbilden, daß der Raum in uns ist. Wir werden von dieser Vorstellung, von dieser Einbildung sofort geheilt, wenn wir uns klarwerden, daß dieses Drinnensein im Raum für uns eine sehr reale Bedeutung hat. Wenn der Raum in uns wäre, könnte es keine Bedeutung haben, ob ich in Moskau oder in Wien geboren bin. Das hat aber eine sehr reale Bedeutung, wo ich in den realen Raum hineingeboren bin. Ich bin auch als irdisch-empirischer Mensch durchaus ein Ergebnis der Raumtatsachen, das heißt, ich gehöre als Mensch den Verhältnissen an, die sich im Raum ausbilden.
[ 12 ] Ebenso ist es mit der Zeit. Sie alle wären andere Menschen geworden, wenn Sie zwanzig Jahre früher geboren worden wären. Das heißt: Ihr Leben hat nicht die Zeit in sich, sondern die Zeit hat Ihr Leben in sich. Sie stehen also als empirischer Mensch im Raum und in der Zeit darinnen. Und indem wir reden über Raum und Zeit, auch wenn wir unsere Willensimpulse in der Geometrie, wie ich es eben erwähnt habe, bildhaft ausdrücken, so ist das deshalb, weil wir selber in den Raumverhältnissen und Zeitverhältnissen drinnenleben und dadurch mit ihnen gerade verwandt sind und so a priori über sie reden können, wie wir das in der Mathematik tun.
[ 13 ] Wenn Sie übergehen nur schon zu dem Begriff der Masse, da geht es nicht so. Da müssen Sie sich sagen: Sie machen als Mensch mit Bezug auf die Masse — gestatten Sie den trivialen Ausdruck, die Österreicher werden mich verstehen —, Sie machen sich mit Bezug auf die Masse eine Extrawurst zurecht, während Sie nicht sagen können, daß Sie ein Stück des Raumes oder der Zeit herausreißen, sondern in dem allgemeinen Raum und der Zeit leben Sie drinnen. Sie gehören dazu. Sie nehmen in der Tat, schon wenn Sie essen und trinken, aus der allgemeinen Masse etwas heraus und machen es zu Ihrer eigenen Masse. Diese Masse ist dann in Ihnen. Es ist gar nicht zu leugnen, daß diese Masse mit all ihren Betätigungen, all ihren Potentialen in Ihnen tätig ist. Das ist etwas, was ir Ihnen ist. Aber es ist zu gleicher Zeit dasjenige, worüber wir nicht so reden können, wie über Raum und Zeit. Gerade indem Sie selber teilnehmen, ich möchte sagen, mit Ihrem inneren Eigentum an der Masse, indem Sie sie in sich erleben, gestattet Ihnen diese Masse gar nicht, daß sie in Ihnen so bewußt wird wie Raum und Zeit. Wir kommen also da, wo wir gerade unser eigenes haben von der Welt, in die uns unbekannten Gebiete hinein. Das hängt ja damit zusammen, daß zum Beispiel unser Wille im höchsten Grade von Massevorgängen in uns abhängig ist. Aber die Massevorgänge sind uns gerade unbekannt. Bezüglich ihrer schlafen wir gerade. Und wir verhalten uns zu einem Massevorgang in uns, während unser Wille tätig ist, nicht anders als zwischen Einschlafen und Aufwachen in der Welt irgendwo. Wir wissen von dem einen und anderen nichts. Es ist zwischen diesen beiden Verhaltungen des menschlichen Bewußtseins kein unmittelbarer Unterschied.
[ 14 ] So kommen wir dazu, das Physikalische an den Menschen allmählich heranzurücken. Es ist dasjenige, wovor sich die Physik so scheut: es an den Menschen heranzurücken. Aber man kommt auch auf keine andere Weise dazu, über die Welt wirklich sachgemäße Vorstellungen zu gewinnen, als indem man ebenso verwandt wird mit dem in der Welt, mit dem man zunächst unverwandt ist, wie man verwandt ist mit Raum und Zeit. Über Raum und Zeit reden wir aus unserer, sagen wir, Vernunft heraus. Daher die Gewißheit der mathematischen und phoronomischen Wissenschaften. Über dasjenige, was wir bloß äußerlich durch unsere Sinne erfahren und was mit der Masse verknüpft ist, können wir nur eben wiederum zunächst durch Erfahrung reden. Aber wir würden anfangen, ebenso darüber reden zu können, wenn wir den Zusammenhang zwischen der Tätigkeit irgendeines Masseteiles in uns und der Tätigkeit der äußeren Masse ebenso klar auseinandersetzen könnten wie das offenbare Verhältnis zwischen uns und der Zeit oder zwischen uns und dem Raum. Das heißt, wir müßten so innig verwachsen mit der Welt auch für die physikalischen Vorstellungen, wie wir verwachsen mit der Welt für die mathematischen oder phoronomischen Vorstellungen.
[ 15 ] Das ist aber das Eigentümliche, daß wir, während wir vom eigenen Leibe unabhängig werden, worinnen alles sitzt, was wir so verschlafen wie die Willenserscheinungen, während wir aufrücken zum imaginativen Vorstellen, wir einen Schritt hinein in die Welt machen. Wir kommen immer wiederum näher dem, was eigentlich sonst unbekannt in uns waltet, und es gibt keinen anderen Weg, in die Objektivität der Tatsachen hineinzukommen, als in uns selber mit unserer eigenen inneren Seelenentwickelung vorwärts zu schreiten. Während wir uns von unserer eigenen Materialität entfernen, nähern wir uns immer mehr und mehr demjenigen, was draußen in der Welt vorgeht.
[ 16 ] Allerdings, die elementarsten Erfahrungen auf diesem Gebiet sind nicht so ganz leicht zu machen, denn man muß sich schon darauf verlegen, Dinge zu bemerken, die eigentlich gewöhnlich nicht in Augenschein genommen ‚werden. Aber ich möchte Ihnen da etwas verraten, was Sie vielleicht schon in Erstaunen versetzt. Nehmen Sie an, Sie kommen auf dem Gebiet des imaginativen Vorstellens ein Stück weiter, Sie kommen wirklich hinein in das imaginative Vorstellen. Da tritt etwas in Ihnen ein, was Sie eben vielleicht etwas in Erstaunen versetzen wird. Es wird Ihnen jetzt leichter als früher, ein Gedicht, das Sie gelernt haben, bloß äußerlich hinzuratschen, nicht schwerer wird es Ihnen, sondern leichter. Ja, wenn Sie sich ganz genau beobachten, ohne Schonung Ihres Seelenegoismus, so werden Sie sogar finden, daß Sie viel mehr Neigung haben, ein Gedicht herunterzuratschen, ohne es mit Gedanken zu verfolgen, wenn Sie eine okkulte Entwickelung durchgemacht haben, als wenn Sie eine solche nicht durchgemacht haben. Sie verachten auch nicht mehr so stark dieses Ins-Mechanische-Übergehen, wenn Sie eine okkulte Entwickelung durchgemacht haben, als vorher. Das sind solche Dinge, wie man sie eigentlich gewöhnlich nicht voraussetzt, die man aber meint, wenn man immer wiederum sagt: Die Erlebnisse bei der okkulten Entwickelung sind eigentlich entgegengesetzt den Vorstellungen, die man sich gewöhnlich zuerst macht, wenn man noch nicht eingetreten ist in eine okkulte Entwickelung,
[ 17 ] Und so ist es auch, daß, wenn man nur eine weitere Stufe überschreitet, man auch dahin kommt, nun die eigenen Vorstellungen wiederum im gewöhnlichen Leben leichter beobachten zu können. Deshalb kommt für jeden, der okkult etwas vorschreitet, sehr leicht die Gefahr - er ist in der Regel, wenn er eine ordentliche okkulte Schulung durchmacht, durch diese Schulung geschützt, aber es kommt die Gefahr -, nachher ein materialistischer Mensch zu werden. Die Versuchung, ein Materialist zu werden, ist gerade für den, der eine okkulte Entwickelung durchmacht, außerordentlich naheliegend. Ich werde Ihnen an einem Fall sagen, warum.
[ 18 ] Sehen Sie, im gewöhnlichen Leben liegt ja wirklich das vor, daß Theoretiker behaupten, das Gehirn denkt. Aber im gewöhnlichen Leben hat das noch kein Mensch wahrgenommen. Im gewöhnlichen Leben kann man gut einen Dialog führen, den ich mit einem Jugendfreund in meiner Kindheit geführt habe, der ein krasser Materialist war und es immer mehr und mehr wurde. Der sagte: Wenn ich denke, denkt mein Gehirn. — Ich sagte dazumal immer: Ja, aber wenn du neben mir gehst, sagst du doch immer: Ich will das. Ich denke. Warum sagst du denn nicht: Mein Gehirn will das. Mein Gehirn denkt. Dann lügst du ja fortwährend. — Das ist aus dem Grunde, weil der, der theoretischer Materialist ist, ganz natürlich niemals die Möglichkeit hat, Vorgänge des Gehirns zu beobachten. Er kann die materiellen Vorgänge nicht beobachten. Daher bleibt der ganze Materialismus bei ihm Theorie. In dem Augenblick, wo man nämlich etwas vorschreitet vom imaginativen zum inspirierten Vorstellen, kommt man dazu, nun wirklich Parallelvorgänge im Gehirn beobachten zu können. Da wird einem wirklich dasjenige, was in der Materialität der Leiblichkeit ist, auch anschaulich. Abgesehen davon, daß dasjenige, was man da anschaut in der eigenen Tätigkeit, außerordentlich versucherisch ist, erscheint es einem immer wieder und wiederum als bewundernswert. Denn diese Tätigkeit des Gehirns ist ja in der Anschauung etwas viel Bewundernswürdigeres, als alles, was die theoretischen Materialisten davon beschreiben können. Also liegt die Versuchung vor, weil man zu der anschaulichen Betätigung des menschlichen Gehirns kommt, gerade dann Materialist zu werden. Man ist nur davor auch, wie gesagt, schon geschützt. Aber indem ich Ihnen diese Stufe der okkulten Entwickelung dargelegt habe, habe ich Sie zu gleicher Zeit dahin geführt, Ihnen zu zeigen, wie mit der okkulten Entwickelung man gleichzeitg die Möglichkeit gewinnt, nun auch in die materiellen Vorgänge tiefer sich hineinzubewegen. Das ist das Eigentümliche. Wer bloß als Abstraktling zum Geiste sich erhebt, wird ziemlich ohnmächtig den Naturerscheinungen gegenüber. Wer sich wirklich zum Geist erhebt, der kommt dazu, gerade tiefer in die Natur hineinschauen zu können. Er verwächst dann mit den anderen Erscheinungen der Natur, wie er vorher nur mit Raum und Zeit verwachsen war.
[ 19 ] Das, was wir da anschaulich gemacht haben, müssen wir jetzt auf die eine Seite stellen gewissermaßen, und das, was uns bis jetzt in den Wärmeerscheinungen entgegentritt, das müssen wir auf die andere Seite stellen. Was ist uns in den Wärmeerscheinungen entgegengetreten? Nun, wir verfolgen das Ansteigen der Temperatur, indem wir einen festen Körper erwärmen bis zum Flüssigwerden. Wir verfolgen, wie die Temperatursteigerung verschwindet für eine Zeit, dann wiederum erscheint, bis der Körper zu sieden, zu verdampfen beginnt. Und wenn wir sie dann wieder weiter verfolgen, können wir noch etwas anderes beobachten. Wir können verfolgen - an dem Experiment, das wir ausführen wollten und demnächst ausführen werden, wird sich das klar zeigen —, daß wir eben ein Gas oder einen Dampf allseitig einschließen müssen, wenn es seine Form haben soll, wie aber auch dieses Gas oder dieser Dampf allseitig drückt auf die Umgebung, allseitig sich zu zerstreuen strebt, und wie wir ihm nur dadurch eine Form beibringen, daß wir diesem Druck einen Gegendruck entgegensetzen, also nur dadurch, daß wir sie ihm von außen beibringen. In dem Augenblick, wo wir durch Temperaturerniedrigung den Übergang zum festen Körper finden, besorgt er es für sich selbst, sich die Form zu geben. Wir erleben, indem wir rein Temperatursteigerung und Temperaturgefälle erleben, äußerlich ein Formen, ein Bilden. Wir erleben ein Sich-Gestalten und eine Auflösung der Gestalt. Das Gas löst uns die Gestalt auf, der feste Körper bildet uns die Gestalt. Wir erleben auch den Übergang zwischen beiden und gerade diesen Übergang in außerordentlich interessanter Weise. Denn denken Sie einmal, wenn Sie den zwischen dem festen Körper und dem Gas in der Mitte stehenden Zustand ins Auge fassen, das Wasser, den flüssigen Körper, so müssen Sie ihn nicht in einem allseitig geschlossenen Gefäß aufbewahren, sondern in einem Gefäß, das nur von unten und von den Seiten geschlossen ist. Oben bildet er die Niveaufläche, auf der die Schwerlinie, die Verbindungslinie eines Teilchens mit dem Mittelpunkt der Erde, immer senkrecht steht, so daß wir sagen können, wir haben hier einen Übergangszustand zwischen Gas und festem Körper. Beim Gas haben wir nirgends eine solche Niveaufläche. Beim Wasser haben wir noch die eine Niveaufläche. Beim festen Körper haben wir dasjenige, was wir beim Wasser nur nach oben haben, rundherum.
[ 20 ] Sehen Sie, das ist ein außerordentlich interessanter und bedeutungsvoller Zusammenhang. Denn der weist uns darauf hin, daß der feste Körper eigentlich überall so etwas wie eine Niveaufläche hat, aber sie sich durch seine eigene Wesenheit besorgt. Wodurch besorgt denn das Wasser sich diese Niveaufläche? Es steht eben auf ihr senkrecht die Schwerlinie der Erde. Es besorgt sich diese Niveaufläche durch die ganze Erde. So daß wir sagen können: Wenn wir Wasser haben, so nimmt ein Punkt dieses Wassers zu der ganzen Erde dasjenige Verhältnis an, das ein Punkt eines festen Körpers zu irgend etwas in seinem Inneren hat. Dadurch ist der feste Körper etwas Abgeschlossenes, was das Wasser nur darstellt in seinem Verhältnis zur Erde. Und das Gas streikt. Das geht dieses Verhältnis zur Erde gar nicht mehr ein. Das entzieht sich diesem Verhältnis zur Erde. Das hat nirgends eine solche Niveaufläche.
[ 21 ] Sie sehen aber daraus, daß wir in die Notwendigkeit versetzt sind, .zu einem alten Begriff wiederum zurückzugehen. Ich habe Sie aufmerksam gemacht in einer der vorigen Stunden, daß man noch in der alten griechischen Physik den festen Körper die Erde genannt hat. Das hat man nicht getan aus jenen oberflächlichen Vorstellungen heraus, die man heute oftmals mit solchen Dingen verbindet, sondern das hat man deshalb getan, weil man sich bewußt war: Der feste Körper besorgt für sich selbst etwas, was beim Wasser durch die Erde besorgt wird. Er übernimmt für sich selber die Rolle des Erdigen. Man hat bloß ein Recht zu sagen: Das Erdige sitzt in einem festen Körper. Im Wasser sitzt es nicht ganz drinnen, sondern die Erde behält sich die Rolle, eine Niveaufläche zu bilden, selber vor.
[ 22 ] Sie sehen also, schon indem man vom festen Körper zum Wasser vorschreitet, macht sich die Notwendigkeit geltend, unsere Betrachtungen nicht nur auszudehnen auf das, was wir vor uns haben, sondern wir können gar nicht über das Wasser eine Auskunft bekommen, wenn wir nicht das ganze, über die Erde verbreitete Wasser als Einheit auffassen und diese seine Einheit zum Mittelpunkt der Erde in Beziehung bringen. Ein Stück Wasser ebenso physikalisch zu betrachten wie ein Stück festen Körpers, ist ein Unsinn, ein ebensolcher Unsinn, wie ein Stück meines kleinen Fingers, das ich abschneiden würde, für sich als Organismus zu betrachten. Es stirbt ja sogleich ab. Es hat als Organismus nur eine Bedeutung mit dem ganzen Organismus zusammen. Die Bedeutung, die der feste Körper für sich hat, hat das Wasser für sich nicht. Es hat sie erst im Zusammenhang mit der ganzen Erde. Und so ist es für alles auf der Erde befindliche Flüssige überhaupt.
[ 23 ] Und wiederum, wenn wir vom Flüssigen zum Gasförmigen übergehen, kommen wir dazu, daß sich das Gasförmige dem irdischen Gebiet entzieht. Es bildet keine gewöhnliche Niveaufläche. Es nimmt teil an all dem, was nicht irdisch ist. Das heißt: Wir müssen das, was im Gas wirkt, nicht bloß auf der Erde suchen, sondern wir müssen die Umgebung der Erde zu Hilfe nehmen, müssen in weite Räume gehen, und da die Kräfte suchen. Es gibt, wenn wir die Gesetze des Gasigen kennenlernen wollen, nichts anderes als eine astronomische Betrachtungsweise. So sehen Sie, wie das hineingestellt wird in den ganzen Erdenzusammenhang, wenn wir diese Erscheinungen betrachten, die wir bisher nur aufgeführt haben. Und wenn wir an solch einen Punkt kommen, wie der Schmelz- oder Siedepunkt ist, da treten Dinge ein, die uns jetzt ganz merkwürdig werden müssen. Denn, geraten wir zum Schmelzpunkt, so kommen wir von dem Erdigen eines festen Körpers, wo er für sich selbst die Gestalt, den Zusammenhang besorgt, hinein in dasjenige, was allirdisch ist. Die Erde fängt an, den festen Körper zu kapern, indem er in den flüssigen Zustand übergeht. Aus seinem eigenen Bereich geht der feste Körper in den Wirkungsbereich der ganzen Erde über, wenn wir beim Schmelzpunkt ankommen. Er hört auf, eine Individualität zu sein. Und wenn wir den flüssigen Körper in den gasförmigen Zustand überführen, dann kommen wir dazu, daß auch jenes Verhältnis zur Erde, das durch die Bildung der Niveaufläche sich äußert, gelöst wird, daß in dem Augenblick, wo wir zum Gas übergehen, der Körper in den Bereich des Außerirdischen kommt, sich gewissermaßen abhebt vom Irdischen. Wenn wir einem Gas gegenüberstehen, haben wir in den Wirkungskräften des Gases das, was sich der Erde schon entzogen hat. Wir können also, gerade wenn wir diese Erscheinungen betrachten, gar nicht umhin, von dem gewöhnlichen Physikalisch-Irdischen in das Kosmische überzutreten. Denn wir stehen nicht mehr in der Realität drinnen, wenn wir auf das, was wirklich wirkt in den Dingen, nicht aufmerksam werden.
[ 24 ] Aber nun treten uns ja andere Erscheinungen gegenüber. Nehmen Sie eine solche Erscheinung, wie die ist, die Sie ja genau kennen, auf die ich ja aufmerksam gemacht habe: daß das Wasser sich sehr merkwürdig verhält, daß Eis auf dem Wasser schwimmt, also weniger dicht ist als Wasser, daß es aber, indem es vom festen in den flüssigen Zustand übergeht und seine Temperatur erhöht, sich zusammenzieht, dichter wird. Dadurch nur kann Eis auf Wasser schwimmen. Da haben wir also zwischen O und 4 Grad etwas, wo das Wasser sich wiederum entzieht den allgemeinen Vorgängen, die uns sonst bei Temperaturerhöhungen entgegentreten, daß ein Körper dünner und dünner wird durch Erwärmung. Dieses Spatium von 4 Graden, wo das Wasser immer dichter wird, ist sehr lehrreich. Was sehen wir denn in diesem Spatium? Da sehen wir, wie das Wasser kämpft. Es ist als Eis ein fester Körper mit seinen inneren Zusammenhängen, eine Art Individualität. Jetzt soll es selbstlos in den ganzen Bereich der Erde übergehen. Diese Selbstlosigkeit will es sich nicht gleich gefallen lassen. Es kämpft gegen dieses Übergehen in eine ganz andere Sphäre. Solche Dinge müssen durchaus beachtet werden. Dann aber wird es auch anfangen Sinn zu haben, darauf hinzuschauen, wie unter gewissen Verhältnissen, also sagen wir beim Schmelzpunkt und Siedepunkt, die thermometrisch konstatierbare Wärme zurücktritt, verschwindet. Sie verschwindet so, wie uns die leibliche Wirksamkeit verschwindet, indem wir ins Imaginative aufsteigen. Wir werden auf diese Dinge noch eingehen. Es wird Ihnen nicht so sehr paradox erscheinen, wenn wir versuchen, zu verfolgen, was denn nun wird, wenn ein Wärmezustand es uns notwendig macht, die Temperatur in die dritte Potenz zu erheben, das heißt also in die für diesen Fall vierte Dimension, also aus dem Raum herauszugehen. Wir wollen uns nun diese Voraussetzung zunächst einmal vor die Seele stellen und dann morgen darüber weiter reden. Es könnte ja auch, wie die Tätigkeit unseres Leibes übergeht ins Geistige, wenn wir ins Imaginative hineinkommen, ebensogut ein Übergang stattfinden zwischen dem Äußerlich-Sichtbaren, was da im Wärmebereich vor sich geht, und Erscheinungen, die dahinterstehen, auf die nur hingedeutet wird, wenn die Wärme als thermometrisch meßbare Wärme vor unseren Augen verschwindet. Wir müssen fragen: Was wird hinter dem Vorhange getan? Was unterrichtet uns über die Vorgänge, die hinter diesem Vorhang vor sich gehen? Das ist die Frage, die wir uns heute stellen wollen. Morgen sprechen wir dann darüber weiter.
