Zweiter Naturwissenschaftlicher Kurs
Die Wärme auf der Grenze
positiver und negativer Materialität
Geisteswissenschaftliche Impulse zur Entwicklung der Physik
GA 321
14 März 1920, Stuttgart
Vierzehnter Vortrag
[ 1 ] Ich werde nur durch einige Hinweise diese Betrachtungen heute vorläufig abschließen können. Es ist ja selbstverständlich, daß dasjenige, was versucht worden ist in dem vorigen und in diesem Kursus, letztlich erst so recht herauskommen kann, wenn wir in der Lage sein werden, die Betrachtungen fortzusetzen. Ich werde über diese Dinge am Ende der heutigen Stunde noch ein paar Bemerkungen zu machen haben. Zunächst möchte ich Sie aber aus der ganzen Summe desjenigen, was wir vor unserer Anschauung vorbeigeführt haben in bezug auf die Wärmeerscheinungen und damit Verwandtes, aus dem Umkreis der Vorstellungen, die Sie dadurch haben gewinnen können, heute auf einiges aufmerksam machen. Das ist zunächst dieses:
[ 2 ] Wir haben, wenn wir dieses noch einmal uns vor Augen führen, Wirklichkeitsgebiete im Physischen unterschieden: Das feste Gebiet, das wir \(z’\) genannt haben, das flüssige Gebiet, das wir \(y’\) genannt haben, das gasige oder luftförmige Gebiet, das wir \(x’\) genannt haben. Dann haben wir dazwischen gehabt das Wärmegebiet, haben \(x\) als Lichtgebiet gehabt, \(y\) als Gebiet chemischer Effekte, \(z\) als die Lebenswirkungen.
[ 3 ] Nun haben wir ganz bestimmte Beziehungen gestern uns vor Augen führen müssen, die gewissermaßen bestehen über das Wärmegebiet hinüber von \(x\) zu \(x’,\) von \(y\) zu \(y’.\) Wir haben versucht, die Tatsache uns vor Augen zu stellen, welche darauf hinweist, wie chemische Effekte vorzugsweise im flüssigen Element sich verwirklichen können. Wer versucht, chemische Vorgänge zu verstehen, wird ja finden: Wo auch chemische Vorgänge vor sich gehen, in einer gewissen Weise ist alles, was an chemischen Verbindungen und chemischen Entbindungen, chemischen Zersetzungen entsteht, an das flüssige Element gebunden. Es muß das Flüssige seine besondere Art wirken zu lassen, in das Feste oder Gasförmige hinein fortsetzen, damit dort chemische Wirkungen zustande kommen. Und so können wir ein Ineinanderwirken der chemischen Effekte und des Flüssigen bei einer relativen Scheidung dieser beiden Gebiete, also ein Durchdringen und im Durchdringen sich gewissermaßen binden, ins Auge fassen, wenn wir überhaupt von unserer irdischen Chemie sprechen. Unsere irdische Chemie würde also darstellen gewissermaßen ein Beleben des flüssigen Elementes durch die chemischen Effekte.
[ 4 ] Nun werden Sie sich aber leicht vorstellen können, daß, wenn wir diese Wirklichkeitsgebiete ins Auge fassen, wir unmöglich uns denken können, daß gewissermaßen nur immer über die Wärme und das Gasige hinweg ein solches Gebiet in das andere wirkt, sondern es werden auch die anderen Gebiete aufeinander wirken. Es werden auch die anderen Gebiete gewisse Effekte hervorrufen wiederum in diesem oder jenem Wirklichkeitsfeld. So daß wir auch sagen können: Wenn auch zunächst wie durch eine innere Verwandtschaft die chemischen Effekte besonders wirken im flüssigen Medium, so müssen wir uns aber auch eine Wirkungsweise vorstellen, die von den chemischen Effekten zum Beispiel auf das \(x’,\) geht, also ein direktes Hineinwirken der chemischen Effekte in das Gasige, das Luftförmige.
[ 5 ] Sie müssen, wenn ich jetzt sage «chemische Effekte», nur ja nicht an die chemischen Vorgänge denken. Sondern Sie müssen, wenn ich sage «chemische Effekte», an dasjenige denken, was ja wie ein inneres, durchgeistigtes Element im blauvioletten Teil des Spektrums uns klar entgegentritt, wo gewissermaßen die chemischen Effekte sich uns in einer gewissen Selbständigkeit gegenüber dem materiellen Dasein zeigen, während, wenn wir von chemischen Vorgängen sprechen, wir eigentlich schon sprechen von dem Durchdringen des Materiellen durch die chemischen Effekte. Bei diesen müssen wir uns vorstellen etwas, was mit unserer ponderablen Materie zunächst nichts zu tun hat, sondern sie durchdringt, also zunächst durch eine innere Verwandtschaft, deren Charakter ich Ihnen gestern zusammengestellt habe, das flüssige Element durchdringt. Aber wenn wir die Frage aufwerfen: Wenn nun gewissermaßen sich diese chemischen Effekte das nähere Element, das Luftförmige, zu ihrem Wirken wählen, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, was entsteht denn dann? Dann muß - wir bleiben ja immer im Anschaulichen — im Luftförmigen etwas entstehen, was in einer gewissen Beziehung vorgestellt werden kann dadurch, daß wir es vergleichen mit dem, was im Flüssigen besteht. Im Flüssigen packt gewissermaßen das Wesen der chemischen Effekte die Materie an, bringt die Materien so durcheinander, daß diese Materien selbst in Wechselwirkungen treten. Wenn wir das flüssige Element uns vorstellen, müssen wir uns denken, daß die Materien da drinnen selbst in Wechselwirkung treten bei den chemischen Vorgängen. Nehmen wir aber an, es kommt nicht bis dahin, daß die chemischen Effekte die Materien selber anpacken, sondern nehmen wir an, sie bearbeiten diese Materien nur von außen, sie bleiben der Materie um ein Stück fremder, als sie es im flüssigen Medium sein können, dann tritt etwas ein, was sich stärker als ein Nebenhergehen der chemischen Effekte zeigen muß in dem luftförmigen Körper als in der Flüssigkeit. Dann muß eine gewisse Selbständigkeit des Imponderablen gegenüber dem materiellen Träger stattfinden. Bei den chemischen Vorgängen faßt das Imponderable die Materie scharf an. Hier werden wir auf Gebiete gewiesen, wo ein solch scharfes Anfassen nicht ist, sondern wo das Imponderable nicht drinnen bleibt in der Materie: Das ist bei dem Akustischen, bei den Tonwirkungen der Fall. Während wir in den chemisch-materiellen Wirkungen ein vollständiges Untertauchen des Imponderablen in die Materie haben, haben wir beim Ton ein Wahren, ein Sich-Bewahren des Imponderablen in der gasigen, der luftförmigen Materie. Das aber führt uns jetzt zu etwas anderem. Es führt uns dazu, daß wir uns sagen müssen: Es muß doch ein Grund da sein, warum im Flüssigen das Imponderable die Materie direkt angreift, daß aber dann, wenn Tonwirkungen im Luftförmigen auftreten, das Imponderable die Materie weniger erfassen kann.
[ 6 ] Wenn wir chemische Wirkungen betrachten und einen Sinn haben für innerlich physikalisch Anschauliches, dann werden wir selbstverständlich verspüren, daß es eben einfach zum Wesen des Materiellen gehört, daß die chemischen Wirkungen gerade so vor sich gehen, wie sie vor sich gehen, das heißt, das Imponderable ist da wie etwas, was ein Merkmal an der Materie ist. Das ist nicht anders möglich als dadurch, daß in diesem Falle, wenn wir es mit einer irdischen Materie 'zu tun haben, das Erfassen des Imponderablen durch die Erde selber stattfindet. Durch die Kräfte der Erde wird gewissermaßen der chemische Effekt erfaßt und arbeitet in der flüssigen Materie drinnen. Sie sehen die Gestaltungskraft über das ganze Gebiet der Erde ausgedehnt und wirksam, indem sich diese Gestaltungskraft bemächtigt des herandringenden chemischen Effektes.
[ 7 ] Wenn wir das nur richtig verstehen, daß es hier die Kraft der Erde ist, dann müssen wir, wenn wir richtig erfassen wollen das Weben des Tones in der Luft, die umgekehrte Kraft voraussetzen. Das heißt: Wir müssen im Tone uns wirksam denken die von der Erde nach allen Richtungen des Weltraumes hinausgehende, die Kräfte der Erde überwindende Tendenz, die also das Imponderable von der Erde wegbringt. Das macht das Eigentümliche der Tonwelt aus. Das macht das Eigentümliche aus bei der Physik der Töne, der Akustik, daß wir auf der einen Seite fähig sind, die materiellen Vorgänge physikalisch zu studieren, und auf der anderen Seite im Grunde genommen gar nichts von irgendeiner Rücksicht zu nehmen brauchen auf diese Akustik, wenn wir in der Welt der Töne mit unseren Empfindungen leben. Was geht uns schließlich, als empfindender Mensch, wenn wir die Töne wahrnehmen, alle Akustik an? Diese Akustik ist schön, weil sie merkwürdige innere Regelmäßigkeiten und Geserzmäßigkeiten uns enthüllt, aber dasjenige, was sich als das subjektive Erlebnis in der Welt der Töne darlebt, das ist weit, weit entfernt von dem, was sich da als Physik der Akustik abspielt im Materiellen. Und das ist aus dem Grunde, weil das Tonelement eben seine Selbständigkeit dadurch bewahrt, daß es eigentlich uns seinem Ursprunge nach sich zeigt ebenso von der Peripherie des Weltenalls her bestimmt, wie sich uns die chemischen Vorgänge in der flüssigen Materie, als von dem Zentrum unserer Erde her bestimmt, zeigen.
[ 8 ] Nun, der eine Zusammenhang, den wir ebensogut gestern schon beim Vortrag des Herrn Dr. Kolisko hätten erwähnen können, zeigt sich aber erst, wenn wir gewissermaßen zu einer Universalbetrachtung aufsteigen: daß wir ja die Anordnung der Elemente im periodischen System uns unter dem Bild der Oktave vorstellen können. Darin zeigt sich eine Analogie zwischen der inneren Gesetzmäßigkeit der Töne und dem ganzen Aufbau der Materie, wie sie sich vorbereitet, chemische Vorgänge zu entfalten. Dadurch rechtfertigt sich aber auch, daß wir das ganze Verbinden und Lösen des materiellen Daseins wie ein äußeres Bild auffassen einer inneren Weltenmusik und daß diese innere Weltenmusik eben nur in einem besonderen Falle sich uns enthüllt in der irdischen Musik. Diese irdische Musik darf am allerwenigsten etwa bloß so angesehen werden, daß wir sagen: Was in uns Ton ist, ist außen schwingende Luft. Das muß als geradeso unsinnig betrachtet werden, wie man etwa es als unsinnig empfinden würde, wenn man sagen würde: Was du außen als Leib bist, das bist du, von innen betrachtet, als Seele, nur für dich. — Jetzt fehlt uns das Subjekt. Also dieses Fehlen des Subjektes ist auch da, wenn wir den Ton in seinen inneren Gesetzmäßigkeiten als dasselbe, als identisch betrachten wollen mit den Verdünnungen und Verdichtungen der Luft, die äußerlich im luftförmigen Medium seine Träger sind. Nun, wenn Sie dieses sich richtig vor Augen führen, so werden Sie sehen: Wir haben. es zu tun mit einer gewissen Beziehung von \(y\) zu \(y’\) bei den chemischen Vorgängen, und wir haben es zu tun mit einer gewissen Beziehung von \(y\) zu \(x’\) bei den Tonwirkungen (siehe Schema).
[ 9 ] Ich habe Sie darauf hingewiesen, daß, wenn wir innerhalb des einen oder anderen Gebietes bleiben, wir immer bei dem, was wir in der Außenwelt gewahr werden, zu Niveaudifferenzen geführt werden. Nun versuchen Sie zu verspüren das mit Niveaudifferenzen Ähnliche bei dem, was uns hier entgegentrritt, versuchen Sie einfach zu verspüren das Ähnliche, sagen wir mit einer Niveaudifferenz, wie sie einfach bei der Schwerkraft auftritt, wo ein Wasser stürzt, wo auch die treibende Kraft bei einem Rade auf der Niveaudifferenz beruht. Versuchen Sie sich klarzumachen, daß Temperaturdifferenz, Wärmedifferenz, Klangdifferenz, der Ausgleich von Elektrizität auf Niveaudifferenz beruht. Also auf Niveaudifferenz. Wir kommen immer auf Niveaudifferenzen, wenn wir Wirkungen verfolgen. Aber was haben wir denn da? (Siehe Schema, Bogen \(y - y’.\)) Wir haben da eine innere Verwandtschaft zwischen dem, was wir im Spektrum wahrnehmen, und dem Materiellen in der Flüssigkeit. Und dasjenige, was sich uns darstellt, indem wir einen chemischen Vorgang beobachten, ist selber nichts anderes als der Unterschied des Daseins zwischen den chemischen Effekten und den Kräften, die in der Flüssigkeit sind. Es ist eine Niveaudifferenz \( y - y’.\) Und dann ist da eine geringere Niveaudifferenz \(y - x’,\) welche uns in den Tonwirkungen entgegentritt. So daß wir sagen können: Mit Bezug auf die Wirklichkeitsgebiete kann uns ein chemischer Vorgang eine Niveaudifferenz sein zwischen chemischen Effekten und Flüssigkeitskräften. Und das Auftreten des Tones und Klanges in der Luft muß uns sein die Niveaudifferenz zwischen demjenigen, was in den chemischen Effekten gestaltend, durch die Welt schießend wirkt, aber peripherisch von außen, und dem Materiellen des Gases, des luftförmigen Körpers.
[ 10 ] Auch dasjenige, was durch diese Wirklichkeitsgebiete selbst sich äußert, äußert sich dadurch, daß sich Niveaudifferenzen herausbilden. Ob wir in einem Element bleiben, in der Wärme oder gar im Gas oder im Wasser: Auf Niveaudifferenzen beruhen die Dinge. Aber daß wir überhaupt Unterschiede wahrnehmen zwischen diesen Gebieten, das beruht auf den Niveaudifferenzen der Effekte dieser Gebiete selber.
[ 11 ] Wenn Sie das alles zusammennehmen, so werden Sie auf folgendes kommen: Gehen wir bis zur Flüssigkeit und ihrer relativen Oberfläche, so müssen wir sagen: Wir haben es für die festen Körper zu tun mit Erdkräften. Inwiefern die Gestaltungskräfte — die figurativen Energien könnte man sagen, wenn man den Ausdruck der heutigen Physik anwenden wollte - verwandt sein müssen mit der Schwerkraft, ist Ihnen ja vor Augen getreten in den verflossenen Betrachtungen. Gehen wir aber von da über zu den Kräften, die sich als Schwerkraft äußern, zu demjenigen, was sich uns im gewöhnlichen Leben wegen der Größe der Erde als Niveau charakterisiert, so finden wir eine Sphäre. Natürlich, dasjenige, was die verschiedenen Niveauflächen des Wassers sind, bildet zusammen eine Sphäre. Nun werden Sie sehen, wenn man nach auswärts dringt, vom Mittelpunkt der Erde gegen diese Sphären hindringt, so ist das so, daß wir uns sagen müssen: Für irdische Verhältnisse haben wir es, wenn Kräfte wirken, die im Bereich des Festen sind, zu tun mit Umschließungskräften; wenn Kräfte wirken, die in der Flüssigkeit sind, haben wir es zu tun mit Kräften, welche eigentlich in ihrer Konfiguration erreicht werden können, etwa indem man die Tangente hier zieht, oder die Tangentialebene legen würde. Wenn wir aber noch weiter hinausgehen, wenn wir über das Gebiet der Sphären dringen, so müssen wir doch folgendes sagen: Unter diesen Sphären haben wir es mit Gestaltungskräften für unsere festen Körper zu tun, mit Gestaltungskräften, die auf der Erde selbst noch die Körperräume abschließen. Hier (die gestrichelte Sphäre) haben wir es zu tun mit einer einzigen Gestalt, die vielen Gestalten verbinden sich gewissermaßen, durchdringen sich zu der einen Gestalt, welche das flüssige Element der Erde hat. Aber wenn wir jetzt hier (außerhalb der Sphäre) hinauskommen — wie müssen wir uns denn da eine Vorstellung bilden, indem wir vorgedrungen sind heraus aus dem, was sich einzeln gestaltet, was also im Inneren bewirkt, daß der feste Körper sich zusammenschließt, daß das Ganze eine Gestalt ist -, wie müssen wir, wenn wir da hinauskommen, uns die Sache vorstellen? So müssen wir sie uns vorstellen, daß wir das Entgegengesetzte haben. Haben wir hier den festen Körper, mit Materie ausgefüllt, dann müssen wir hier uns den Raum mit negativer Materie ausgespart denken. Hier haben wir eine Raumerfüllung, hier eine Raumentleerung.
[ 12 ] Das muß eine Vorstellung der Menschen werden, daß eine Raumentleerung möglich ist. Und indem ja wahrhaftig dasjenige, was auf der Erde geschieht - ich will es heute nur so sagen, später wird es uns noch eingehender beschäftigen —, durchaus nicht nur etwa sich zeigt als von einer Seite her beeinflußt, sonst müßten die Vorgänge auf der Erde ganz andere sein, zeigt sich die Erde von allen Seiten in differenzierter Weise beeinflußt. Es würde zum Beispiel ja nicht möglich sein, daß Unterschiede in den Kontinenten und in der Wasserverteilung zwischen Nordpol und Südpol auftreten, wenn im Umkreis nur ein solcher Hohlraum irgendwo im Raume wäre. Es müssen von verschiedenen Seiten her diese Raumaussparungen wirken. Suchen wir sie, so finden wir sie in dem, was man in den alten kosmischen Systemen die Planeten genannt hat, zu denen man noch die Sonne selbst gerechnet hat.
[ 13 ] Wir werden also hinausgetrieben über das Gebiet der Erde in das Gebiet des Kosmos und wir müssen den Übergang finden von der einen Seite des Raumes zu der anderen Seite des Raumes, wir müssen den Übergang finden von Raumerfüllung zu Raumentleerung. Und diese Raumentleerung müssen wir uns für unsere Erdenwirkung lokalisiert denken in den Planeten, die die Erde umgeben. Es werden daher auf unserer Erde — weil immer dasjenige, was durch die Raumentleerung hereinwirkt, gewissermaßen als Saugwirkung, und dasjenige, was hier wirkt durch die Gestaltungskräfte, als Druckwirkung erscheint —, es werden in jedem Punkte, wo Erdengeschehen stattfinden kann, Wechselwirkungen stattfinden zwischen Irdischem und Kosmischem. Diese Wechselwirkungen treten uns entgegen in denjenigen Konfigurationen des Erdengeschehens, die man gewöhnlich in Molekularkräften, Molekularanziehungen sucht, während wir es wirklich so machen müßten, wie man aus anderen Erkenntnisvoraussetzungen es in früheren Zeiten gemacht hat. Statt daß man, wenn man etwas vor sich hat wie eine Materienwirkung, bei der ja immer Imponderables beteiligt ist, den ganzen Kosmos sich ausdrücken läßt in seiner Wirkung, verlegt man dasjenige, was geschieht, in phantastisch ausgedachte innere Konfigurationen. Dasjenige, was die Sterne machen, was Riesen wirken, wenn sie in ihren gegenseitigen Beziehungen sich darstellen in den Vorgängen der Erde, das sollen die Zwerge der Atome und Moleküle zustande bringen. Das ist eben das, was wir nötig haben: daß wir wissen, wenn wir irgend etwas hineinzeichnen oder hineinrechnen in einen materiellen Prozeß unserer Erde, daß das nichts anderes ist als das Abbild von außerterrestrischen, von kosmischen Wechselwirkungen.
[ 14 ] Aber nun sehen Sie, wir haben hier die Kraft, den Raum mit Materiellem zu erfüllen (siehe Zeichnung, links). Hier haben wir noch immer die Kraft, den Raum mit Materiellem zu erfüllen, nur hat sich diese Kraft ausgedehnt, und sie muß irgendwo einmal ankommen auf der anderen Seite, sie muß zur Entleerung des Raumes kommen. Es muß da eine Region dazwischen sein, wo gewissermaßen, wenn ich mich so ausdrücken darf, der Raum zerreißt. Wir müssen uns sagen: Unser Raum, der uns um uns herum erscheint und der gewissermaßen das Gefäß ist für unsere physikalische Wirkung, der muß innig verbunden sein mit unseren physikalischen Wirkungen. Er muß etwas darstellen, was in diesen physikalischen Wirkungen drinnen ist. Aber indem wir vom Ponderablen ins Imponderable übergehen, zerreißt der Raum, und wenn er zerreißt, dann kommt durch den Riß herüber dasjenige, was nicht da ist, bevor er zerrissen ist. Nehmen wir an, wir reißen den dreidimensionalen Raum auf, und wir fragen: Was kommt denn da heraus aus dem Riß? — Wenn ich hier in meinen Finger schneide, kommt Blut heraus, das bleibt im dreidimensionalen Raum. Wenn ich aber den Raum selber zerschneide, kommt das heraus, was schon im Unräumlichen ist.
[ 15 ] Sehen Sie, hier liegt einer der Punkte, wo sich recht anschaulich zeigt, auf welchen Holzwegen die heutige physikalische Anschauungsweise ist. Nicht wahr, wenn wir elektrische Versuche im Schulzimmer machen, dann müssen wir unsere elektrischen Apparate sorgfältig abtrocknen, wir müssen sie zu schlechten Elektrizitätsleitern machen, sonst kriegen wir nichts fertig. Wenn sie feucht sind, kriegen wir nichts fertig. Aber es findet sich tatsächlich die Anschauung — ich habe das oftmals erwähnt -, als ob durch die Reibung der Wolken, die doch ganz gewiß feucht sind, nach Anschauung der Physiker die Elektrizität sich entwickelt und in Blitz und Donner zum Vorschein kommt. Das ist natürlich eine der unmöglichsten Vorstellungen, die nur überhaupt zu denken ist.
[ 16 ] Dagegen findet derjenige, der nun, um zu einem wirklichkeitsgemäßen Begriff zu kommen, alles das zusammenträgt, was wir hier versuchen, in unseren physikalischen Betrachtungen zusammenzutragen, daß in dem Augenblick, wo der Blitz erscheint, der Raum zerreißt, und dasjenige, was den Raum intensiv undimensional erfüllt, das tritt heraus, wie, wenn ich mich schneide, das Blut herausdringt. Das ist aber der Fall jedesmal, wenn Licht in Begleitung von Wärme erscheint: Der Raum zerreißt, der Raum enthüllt uns dasjenige, was in seinem Inneren ist, während er uns in seinen gewöhnlichen drei Dimensionen, die wir vor uns haben, nur seine Außenseite zeigt. Der Raum führt uns in sein Inneres.
[ 17 ] Wir dürfen sagen: Indem wir weiter aufsteigen vom Ponderablen ins Imponderable und gerade durch das Gebiet der Wärme gehen müssen, finden wir, daß die Wärme überall da herausquillt, wo wir aus den Druckwirkungen der ponderablen Materie in die Saugwirkungen des Imponderablen hineinkommen. Es quillt die Wärme überall heraus. Wenn Sie sich nun vorstellen, daß wir es zu tun haben mit dem Vorgange, den wir vor ein paar Tagen hier als Wärmeleitung bezeichneten, so müssen Sie daran die andere Vorstellung knüpfen, daß diese Wärmeleitung ja an die ponderable Materie gebunden ist, im Gegensatz zu dem, was wir ja auch aufgezeigt haben als die sich ausbreitende Wärme selbst. Die sich ausbreitende Wärme selbst finden wir ja jetzt als dasjenige, was da herausquillt, wenn der Raum zerreißt. Wie will denn diese Wärme wirken? Sie will aus der Intensität des Raumes in die Extensivität hineinwirken. Sie will gewissermaßen aus dem Inneren des Raumes in sein Außenwerk hineinwirken. Wenn sie in Wechselwirkung tritt mit einem materiellen Körper, so sehen wir die Erscheinung auftreten, die darin besteht, daß die Eigentendenz der Wärme aufgehalten wird, ihr Saugeffekt in einen Druckeffekt umgewandelt wird, daß sich der Weltentendenz der Wärme entgegenstellt die individualisierende Tendenz des Materiellen, die im festen Körper dann die gestaltende Kraft wird. Wir haben also in der Wärme, in dem Erscheinen der Wärme, sofern dieses Erscheinen zur Wärmeleitung führt, zu suchen eine jetzt nicht in Strahlen, sondern nach allen Seiten sich bildende Ausbreitungstendenz, wir haben zu suchen ein Spiegeln der imponderablen Materie an der ponderablen Materie, oder des Imponderablen an der ponderablen Materie. Der Körper, welcher uns die Wärme leitet, der bringt ja eigentlich fortwährend Wärme zum Vorschein, indem er im Grunde intensiv zurückstößt — nicht extensiv, wie beim Licht, das aber nur in seinen Bildern uns entgegentritt — die auf sein Materielles aufstoßende imponderable Wärme.
[ 18 ] Nun möchte ich Sie aber bitten, solche Vorstellungen, wie wir sie ja gewohnt sind zu fassen, wirklich allmählich so zu verarbeiten, daß Sie in diesem Verarbeiten wirklich merken, wie wir es zu tun haben gewissermaßen mit wirklichkeitsgesättigten Vorstellungen. Und wie solche wirklichkeitsgesättigte Vorstellungen uns hineinführen in ein lebendiges Erfassen des Weltendaseins, das möge Ihnen noch ein Schlußbild veranschaulichen.
[ 19 ] Ich habe Sie ja schon aufmerksam gemacht, worauf das Wahrnehmen, das subjektive Wahrnehmen, das Empfinden einer Temperatur beruht. Wir nehmen eigentlich die Temperaturdifferenz zwischen unserem eigenen Organismus und der Außenwelt wahr, was ja auch das Thermometer tut, ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht. Nun beruht aber überhaupt alles Wahrnehmen darauf, daß wir innerhalb eines gewissen Gebietes etwas sind, und dasjenige, was außerhalb dieses Gebietes liegt, wird unsere Wahrnehmung. Wir können nicht etwas zugleich sein und es wahrnehmen, sondern wir müssen immer etwas anderes sein als dasjenige, was wir wahrnehmen. Nehmen wir also Töne wahr, so können wir, insofern wir Töne wahrnehmen, nicht selbst Töne sein. Und wenn wir unbefangen die Frage beantworten: Was sind wir, indem wir Töne wahrnehmen? - so können wir zu dem Schlusse kommen: Dann sind wir eben gerade dasjenige, was nun der andere Niveauunterschied ist. Diesen Niveauunterschied ( \(y-x’\) im Schema) nehmen wir wahr; \(y-y’\) nehmen wir nicht wahr, der sind wir während dieser Zeit; jene unsere Tonwahrnehmungen begleitenden, ebenso regelmäßig verlaufenden chemischen inneren Vorgänge in unserem Flüssigkeitsorganismus, die sind wir. Dasjenige, was die chemischen Effekte in uns bewirken, das zeichnet in die Welt hinein etwas sehr Regelmäßiges. Es ist keineswegs uninteressant, das folgende Bild zu betrachten. Sie wissen ja, der menschliche Körper besteht nur zu sehr geringen Teilen aus festen Bestandteilen, zu mehr als neunzig Prozent ist er eine Flüssigkeitssäule. Das, was da — und zwar an chemischen Vorgängen, die nur sehr feiner Art sind — in unserem Organismus sich abspielt während wir eine Symphonie anhören, das ist ein ganz innerer, fortwährend phosphoreszierender Wunderbau. Da sind wir, was die Chemie eines 'Tongemäldes ist. Und dadurch nehmen wir die Tonwelt wahr, daß wir gewissermaßen chemisch das werden, was die Tonwelt in dem Sinne ist, wie ich das hier dargestellt habe.
[ 20 ] Sie sehen, das Verständnis des Menschen wird wesentlich gefördert dadurch, daß man das physikalische Verständnis an den Menschen heranbringt. Nun aber handelt es sich, um so etwas zu erreichen, immer darum, daß wir nicht jene abstrakten Vorstellungen uns bilden, die insbesondere in der heutigen Physik beliebt sind, sondern daß wir zu Vorstellungen vordringen, die nun wirklich mit der Welt, der objektiven Welt verwoben sind. Es ist im Grunde genommen alles das, was Geisteswissenschaft als Erkenntnisstreben, aber auch als Gesinnungsstreben will, darauf hingehend, solches wirklichkeitsgemäßes Denken in der menschlichen Entwickelung wiederum heraufzubringen. Und es ist notwendig, daß das heraufkommt. Deshalb wäre es so sehr notwendig, daß gerade solche schönen Bestrebungen, wie sie jetzt während dieser letzten vierzehn Tage hier hervorgetreten sind, fortgesetzt würden. Sie können ja überall sehen, wie in der Gegenwart ein Altes abstirbt. Kann man es denn nicht an den physikalischen Vorstellungen, mit denen nichts anzufangen ist, wirklich sehen, wie ein Altes abstirbt? Und indem wir hier noch ganz unvollkommen -— denn es können ja nur immer Andeutungen ganz unvollkommener Art sein — versuchen, das physikalische Anschauen auch aufzubauen, zeigt sich denn darin nicht, wie sehr wir heute an einem Wendepunkte der menschlichen Entwickelung stehen?
[ 21 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, so etwas muß uns immer darauf aufmerksam machen: Wir sollen diese Dinge fortsetzen, die jetzt eingetreten sind dadurch, daß Herr Dr. von Baravalle, Herr Dr. Blümel, Herr Strakosch, Herr Dr. Kolisko hier auf den verschiedensten Gebieten angeregt haben, dasjenige, was die Entwickelung der Menschheit bis jetzt gegeben hat, mit einem neuen Einschlag zu versehen. Dadurch liefern wir erst die Grundlage für ein Weiterkommen. Denn sehen Sie, draußen in der Welt reden die Leute davon, es müsse aufgebaut werden. Volkshochschulen müßten begründet werden. Ja, aber, was heißt denn das heute draußen in der Welt: Man fordert Volkshochschulen? Die dänische Volkshochschulbewegung wird uns vorgewiesen. Was heißt denn das alles, was da Volkshochschulen fordert? Man trägt dasjenige, was an den alten Hochschulen getrieben worden ist, in die Volkshochschulen hinein. Dadurch wird nichts Neues geschaffen. Dadurch wird nur von demjenigen, von dem bis jetzt nur unsere gelehrte Bildung angesteckt war, das ganze Volk angesteckt. Es gibt kaum etwas Trostloseres als den Zukunftsgedanken, daß nun dasjenige, was die Köpfe unserer Gelehrten und Gebildeten in dieser Weise verwüstet hat, wie wir es gesehen haben, nun auch noch auf dem Wege des Volkshochschulwesens die ganze gebildete Bevölkerung der Erde ebenso erstarren machen soll. Will man Volkshochschulen errichten, dann hat man vor allen Dingen dafür zu sorgen, daß dort etwas gelehrt werden kann, was selber in seiner inneren Konfiguration ein Aufbau ist. Wir brauchen ja erst die Wissenschaft, die an den Volkshochschulen getrieben werden kann. Man möchte immer an der Oberfläche bleiben, man möchte immer nur das nehmen, was da ist. Geradeso wie die Menschen im Politischen nicht das Neue möchten, sondern immer wiederum probieren möchten mit dem Alten; wie selbst die Sozialdemokraten nicht etwas Neues aufbauen, sondern es mit dem alten Staat versuchen wollen, nur dort ihren Senf hineintragen wollen, so willman auch in der geistigen Kulturbewegung nicht radikal nach einer Erneuerung unserer Erkenntnisart streben, sondern das Alte, das Untergehende nun in das Volk tragen. Gerade an den physikalischen Betrachtungen ist das ja am tiefsten und bedeutungsvollsten einzusehen.
[ 22 ] Gewiß, Sie werden Unbefriedigendes genug da oder dort in dieser Vortragsfolge finden, weil die Vorträge nur aphoristisch sein konnten, aber das eine wird sich Ihnen in dieser Vortragsfolge zeigen: daß es einfach notwendig ist, unsere gesamte physikalische, chemische, physiologische und biologische Vorstellungswelt neu aufzubauen, gründlich neu aufzubauen. Darin kommen wir natürlich nur weiter, wenn wir nicht nur das Schulwesen, sondern auch das Wissenschaftswesen selbst weiterbilden. Und wenn so etwas entstehen könnte hier an unserer Waldorfschule, daß wir ausbauen erstens die Unterrichtsklassen nach oben und zweitens ausbauen zu gleicher Zeit mit dem Schulwesen das Akademiewesen, zu dem wir einen wirklichen Keim in diesen. Tagen gelegt haben — denn es war so etwas wie der Keim zu einem neuen Akademiewesen —, dann würden wir eigentlich erst das erreichen, was im Grunde genommen erreicht werden soll und muß, wenn die europäische Zivilisation nicht zugrunde gehen soll auf geistigem Gebiet.
[ 23 ] Nehmen Sie nur einmal das schreckliche Treiben in den Akademien der Welt heute: Dieses von allem wirklichen Leben ausgesogene sich gegenseitige Anlesen mit langgeschriebenen Abhandlungen in den Akademien, wo die Leute in schönen Sälen sitzen und sich ihre langgeschriebenen Vorlesungen vorlesen und keiner dem anderen zuhört. Denn das Merkwürdige ist doch das, daß der eine Spezialist auf dem Gebiete ist, der andere auf jenem. Da hört der Mediziner dem Mathematiker nicht zu, aber der Mathematiker liest. Und wenn der Mediziner liest, beschäftigt sich in seinen Gedanken der Mathematiker mit etwas ganz anderem. Außerdem ist das ganze nur ein äußerliches traditionelles Zeichen. Da muß die Erneuerung einsetzen. Im Zentrum des geistigen Strebens muß die Erneuerung einsetzen. Das muß durchschaut werden. Daher kann man schon sagen: Wenn man es noch dahin bringen könnte, daß hier in Verbindung mit dem Streben nach einer neuen Art von Wirklichkeit ein Ausbau dieses unseres Schulgedankens geschehen könnte, dann würden wir erst das erreichen, was erreicht werden soll.
[ 24 ] Sie sehen, es ist viel zu tun. Aber man lernt auch nur erst richtig erkennen, wieviel zu tun ist, wenn man auf die Einzelheiten eingeht. Deshalb ist es ja so unendlich bedauernswert, daß jetzt Leute, die nur die alten Erkenntnisvorurteile der Menschheit — dazu sind sie geworden, denn ihre Zeit haben sie gehabt - in Phrasen umsetzen, heute tatsächlich große Kapitalien zusammenbekommen, um ihre Akademien und dergleichen in die Welt setzen zu können. Uns wird es vorzugsweise aus dem Grunde schwer, weil wir von der Erkenntnis durchdrungen sein müssen: Ein wirkliches Neuland ist notwendig. Wir können uns nicht der Illusion hingeben: Macht Volkshochschulen! Denn wir müssen in der Wirklichkeit leben und uns sagen, wir müssen erst etwas haben, was wir an diesen Volkshochschulen lehren sollen. Ebenso aber wie, ich möchte sagen, sogar zwischen den Zeilen der bisherigen Wissenschaft, sich eine fruchtbare Technik entwickelt hat, so wird sich erst recht eine noch fruchtbarere Technik entwickeln, wenn jene Wissenschaft populär werden wird, die wir hier zum Beispiel gerade im physikalischen Gebiet anstreben. Sie sehen ja, überall versucht man, aus dem alten Theoretischen herauszukommen und ins Wirkliche hineinzukommen, so daß schon die Vorstellungen mit Wirklichkeit gesättigt sind. Das muß auch eine Technik geben, die in ganz anderer Weise verläuft als die bisherige Technik. Praxis und Erkenntnis, sie hängen doch innerlich zusammen. Und wenn man an irgendeinem Punkte anfaßt dasjenige, was heute des Reformierens bedarf wie die Physik, so merkt man gleich, was eigentlich zu geschehen hat. Wenn es daher jetzt an der Zeit ist, daß wir wieder auseinandergehen, so möchte ich Sie doch darauf verweisen, daß Sie in dem, was hier nur aphoristisch vorgetragen worden ist, etwas sehen, das Sie selber anregen soll, diese Dinge weiter auszubauen. Sie werden sie ausbauen können. Unsere mathematischen Physiker, die wir ja unter uns haben, werden in der Lage sein, die alten Formeln zu revidieren, und sie werden finden, daß, wenn sie hineinarbeiten in die alten Formeln die Erkenntnisse, die sich gewinnen lassen aus den aphoristischen Andeutungen, die ich gegeben habe, diese Formeln auch gewiß Transformationen erfahren, die aber eigentlich Metamorphosen sind, und aus denen wird mancherlei heraussprießen, was technisch von ungeheurer Bedeutung für die Fortentwickelung der Menschheit sein wird. Das ist ja etwas, was man nicht einmal andeuten kann, sondern worauf man zunächst nur hinzuweisen hat.
[ 25 ] Aber wir müssen diese Betrachtungen jetzt abschließen, deren Fortsetzung in Ihrer eigenen selbständigen Arbeit liegen muß, und die ist es, die ich Ihnen besonders ans Herz legen möchte. Denn die Sachen sind jetzt außerordentlich dringlich, die sich beziehen auf den Fortschritt der Menschen auf allen drei Gebieten. Die Dinge sind heute erstens dringlich: Wir haben wirklich keine Zeit zu verlieren, weil das Chaos ja vor der Türe steht. Das zweite aber ist: Richtiges ist doch nur zu erreichen durch eine geregelte menschliche Zusammenarbeit. Also müssen wir versuchen, dasjenige, was angeregt ist, in uns selber weiter zu verarbeiten. Und Sie werden auf der anderen Seite gerade hier in der Waldorfschule finden: In dem Augenblick, wo Sie sich bemühen, gewisse rektifizierte Begriffe, die wir hier gewonnen haben, auf den Unterricht anzuwenden, geht es gleich. Sie werden aber auch ‚ finden, insofern Sie genötigt sind, diese Dinge im Betriebe des Lebens anzuwenden, geht es auch. Und es wäre schon zu wünschen, daß man heute mit der Naturwissenschaft nicht immer nur zu einem Publikum zu sprechen hat, das ja eigentlich schon manches aufnimmt, das aber immer sich ausgesetzt sieht — ich habe das ja schon im Verlaufe des Kursus bemerkt — dem Urteil der «richtigen Wissenschafter», der «Autoritäten». Diese Autoritäten haben keine Ahnung davon, daß ja in alles, was wir betrachten, im Grunde genommen alles andere fortwährend hineinspielt. An der Sprache könnte man es merken.
[ 26 ] Sehen Sie, in der Sprache lassen wir alles in gegenseitiger Wechselbeziehung sein. Wir sprechen von einem Stoß. Nur deshalb, weil wir etwas, was ursprünglich der Stoß war, den wir selbst vollführt haben, mit dem entsprechenden Wort bezeichnen, sprechen wir von einem Stoß auch in einem menschenentblößten Raum. Und wiederum umgekehrt, wir sprechen dasjenige, was in uns geschieht, mit Worten aus, die von der Außenwelt her genommen sind. Aber wir wissen nicht, daß wir in die Außenwelt schauen sollen, zum Beispiel in den planetarischen Kosmos, wenn wir die Konstitution des irdischen Körpers verstehen wollen. Und wir werden daher, wenn wir das nicht wissen, auch nicht dasjenige lernen können, worauf es ankommt. Wir können zwar ganz interessantes Kleinzeug entdecken, wenn wir das Mikroskop auf irgendeinen Pflanzenkeim oder Tierembryo richten, auf irgendeine Zelle, die mikroskopisch klein ist; da entdecken wir allerlei wirklich Interessantes. Aber dasjenige, worauf es ankommt, was wir ahnen, das würden wir entdecken, wenn wir dieselben Vorgänge, die im Mikroskop drinnen sind, überhaupt nur erst einmal sehen würden, wenn sie sich makrokosmisch abspielen. Wenn wir erst sehen würden, wie sich fortwährend im Wechselspiel der äußeren Natur Befruchtungen und Entfruchtungen vollziehen; wenn wir studieren würden, wie die Planeten als Ausgangspunkte für die imponderablen physikalischen Wirkungen zu erfassen sind; wenn wir erfassen würden den Kosmos in seinen Ausgangspunkten für das Pflanzenkeimen, für das Tierkeimen; wenn wir das alles betrachten würden im Großen, was wir heute versuchen zu sehen, wenn wir das Mikroskop auf die Zelle richten im Kleinen, wo es gar nicht ist; wenn wir versuchen könnten, überhaupt erst anzuschauen, was uns umgibt — dann würden wir weiterkommen. Der Weg ist heute schon klar vorgezeichnet. Durch die Vorurteile der Menschen ist er sehr, sehr verlegt. Diese Vorurteile der Menschen werden sich schwer überwinden lassen. An uns aber ist es, alles zu tun, was diese Vorurteile überwinden kann.
Hoffentlich können wir diese Betrachtungen einmal wieder fortsetzen.
