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The Boundaries of Natural Science
GA 322

30 September 1920, Dornach

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Vierter Vortrag

Fourth Lecture

[ 1 ] Unsere Betrachtungen sind gestern darauf hinausgelaufen, daß ein gewisses Verstehen stattfinden müsse nach der einen Grenze des Naturerkennens hin, daß wir stehenzubleiben haben innerhalb der Phänomene und diese Phänomene zu durchsetzen haben, gewissermaßen zu lesen haben mit demjenigen, was sich in unserem Bewußtsein an diesen Phänomenen entzündet, mit unseren Begriffen, Ideen und so weiter. Es hat sich uns als das reinste, in sich durchsichtigste Gebiet dieser Ideen das mathematische und das der analytischen Mechanik ergeben, und wir mußten zuletzt unsere Betrachtungen darinnen gipfeln lassen, daß eine wirkliche Selbstbesinnung zeigte, wie alles dasjenige, was in unserer Seele präsent wird als mathematischer Inhalt, als Inhalt der analytischen Mechanik, im wesentlichen auf Inspiration beruht, und wir konnten dann hindeuten, wie die Ausbreitung dieses Inspirationsimpulses zu merken ist in der alten orientalischen Vedantaphilosophie, wie aus demselben Geist heraus, aus dem eigentlich bei uns nur mehr die Mathematik und die analytische Mechanik entspringen, die so feingeistige Anschauung der Vedantaphilosophie gewonnen ist. Und wir konnten dann darauf hinweisen, wie Goethe bei der Begründung seiner Art des Phänomenalismus innerhalb der Phänomene nach Urphänomenen strebt, und daß sein Gang von den komplizierten Phänomenen zu den Urphänomenen seelisch derselbe Gang ist wie der in der Mathematik von den komplizierteren Anschauungen zu den Axiomen hin.So daß Goethe, der von sich selbst sagte, er habe äußerlich keine mathematische Kultur, das Wesen des Mathematischen doch so klar empfand, daß er für seine Phänomenologie verlangte, gegenüber der Statuierung der Urphänomene so vorzugehen, daß man dem strengsten Mathematiker Rechenschaft ablegen könne. Das ist ja auch das Anziehende für einen abendländischen Geist an der Vedantaphilosophie, daß sie in ihrem innerlichen Gefüge, in ihrem Übergehen von Anschauung zu Anschauung sich so offenbart, wie die strenge innere Notwendigkeit auch sich offenbart in dem Mathematischen und in dem Analytisch-Mechanischen. Daß diese Dinge nicht so recht innerhalb unseres offiziellen Studiums der Vedantaphilosophie zum Vorschein kommen, das rührt einfach davon her, daß es in unserer Zeit nicht genug universell gebildete Menschen gibt. Diejenigen, die zumeist dasjenige treiben, was sie dann in die orientalische Philosophie hineinführt, die haben zu wenig Anschauung — wie gesagt, Goethe hatte sie - von dem eigentlichen Gefüge des Mathematischen. Sie können daher gar nicht begreifen, welches der eigentliche Lebensnerv dieser orientalischen Philosophie ist. Und so konnten wir nach der einen, nach der Materieseite hinweisen, wie zunächst das Verhalten des Seelischen sein muß, wenn wir nicht jenes Penelope-Gewebe erhalten wollen, das in den letzten Jahrhunderten als naturwissenschaftliche Anschauung gesponnen worden ist, sondern wenn wir etwas erhalten wollen, das feststeht in sich selber, das gewissermaßen seinen Schwerpunkt in sich selber hat.

[ 1 ] Our reflections yesterday led us to the conclusion that a certain understanding must take place within the limits of our knowledge of nature, that we must remain within the realm of phenomena and penetrate these phenomena—in a sense, interpret them—using what is kindled in our consciousness by these phenomena, using our concepts, ideas, and so on. Mathematics and analytical mechanics have revealed themselves to us as the purest, most transparent realm of these ideas, and we ultimately had to bring our reflections to a climax in the realization that a true self-reflection showed how everything that becomes present in our soul as mathematical content, as the content of analytical mechanics, is essentially based on inspiration, and we were then able to point out how the spread of this inspirational impulse can be discerned in the ancient Eastern Vedanta philosophy, and how the refined insight of Vedanta philosophy was gained from the very same spirit from which, in our own context, only mathematics and analytical mechanics actually spring. And we were then able to point out how Goethe, in establishing his own form of phenomenalism, strives for primordial phenomena within phenomena, and that his path from complex phenomena to primordial phenomena is, in a spiritual sense, the same path as that in mathematics from more complex conceptions to axioms. Thus Goethe, who said of himself that he had no formal mathematical training, nevertheless perceived the essence of mathematics so clearly that he demanded, for his phenomenology, that the establishment of the primordial phenomena be carried out in such a way that one could give an account to even the most rigorous mathematician. This is, after all, what makes Vedanta philosophy so appealing to the Western mind: that in its inner structure, in its progression from one insight to the next, it reveals itself just as strictly internal necessity reveals itself in mathematics and in analytical-mechanical thought. The fact that these things do not really come to light within our official study of Vedanta philosophy stems simply from the fact that there are not enough universally educated people in our time. Those who are mostly engaged in what then leads them into Eastern philosophy have too little insight—as I said, Goethe had it—into the actual structure of mathematics. They therefore cannot comprehend what the very lifeblood of this Eastern philosophy is. And so we were able to point out, from the material side of things, how the spiritual realm must first behave if we do not wish to preserve that Penelope-like web that has been spun over the last few centuries as a scientific worldview, but rather if we wish to preserve something that stands firm in itself, that, so to speak, has its center of gravity within itself.

[ 2 ] Auf der andern Seite steht, wie ich schon gestern andeutete, das Bewußtseinsproblem. Wenn wir durch ein einfaches Hineinbrüten in unser seelisches Inneres, wie es die nebulosierenden Mystiker tun, dieses Bewußtsein in seinem Inhalt erforschen wollen, dann kommen wir im Grunde genommen auf nichts anderes als auf die Reminiszenzen innerhalb dieses Bewußtseins, die sich angehäuft haben im Verlaufe unseres Lebens seit der Geburt, seit unserer Kindheit. Das kann empirisch leicht gezeigt werden. Man braucht nur daran zu denken, wie ein in äußerer Naturwissenschaft gut gebildeter Mann beschreibt, gerade um das Reminiszenzenhafte dieses sogenannten Innenlebens anzudeuten, wie er beschreibt, daß er einmal vor einem Bücherladen stand. Er sah in diesem Bücherladen ein Buch. Es fiel ihm auf durch seinen Titel. Es handelte über niedere Tiere. Und siehe da, er mußte, indem er dieses Buch anschaute, lächeln. Nun denke man sich, wie er selbst erstaunt sein kann, ein ernster Professor der Naturwissenschaft, der einen ernsten Büchertitel sieht im Bücherladen, über niedere Tiere noch dazu, und der lächeln muß! Da kam er auf den Gedanken, woher dieses Lächeln denn eigentlich kommen möge. Er konnte auf nichts kommen zunächst. Da fiel ihm ein: Ich mache die Augen zu. - Und siehe da, als er die Augen zumachte und es finster war um ihn herum, da hörte er ganz in der Ferne ein musikalisches Motiv, und dieses musikalische Motiv, das erinnerte ihn jetzt erst in diesem Augenblicke an jene Tanzmusik, die er — er war damals, als er die Beobachtung machte, schon ein alter Knabe - einmal hörte, als er sein erstes Tänzchen aufführte. Und er kam dann darauf, wie ja selbstverständlich jetzt in seinem Unterbewußtsein nicht nur lebt dieses musikalische Motiv, sondern wohl auch ein wenig die Partnerin, mit der er dazumal herumgehopst ist, und wie das, was er für sein gewöhnliches Bewußtsein längst vergessen hatte, was er überhaupt niemals so stark aufgenommen hatte, daß es für das ganze Leben hätte nach seiner Ansicht bestimmt sein können, wie das Ganze als Vorstellungskomplex da heraufkam. Und in dem Augenblicke, wo er ein ernstes Buch anschaute, kam ihm auch nicht zum Bewußtsein, daß ganz in der Ferne ein Leierkasten eben tönte. Selbst die Töne dieses Leierkastens blieben ihm in diesem Momente noch im Unterbewußtsein. Erst als er die Augen zumachte, kamen sie herauf.

[ 2 ] On the other hand, as I already hinted at yesterday, there is the problem of consciousness. If we wish to explore the content of this consciousness simply by brooding over our inner psychological world—as the vague mystics do—then, in essence, we arrive at nothing other than the reminiscences within this consciousness that have accumulated over the course of our lives since birth, since our childhood. This can easily be demonstrated empirically. One need only consider how a man well-educated in the natural sciences describes—precisely to hint at the reminiscence-like nature of this so-called inner life—how he once stood in front of a bookstore. He saw a book in that bookstore. It caught his eye because of its title. It was about lower animals. And lo and behold, as he looked at this book, he couldn’t help but smile. Now imagine how astonished he himself must have been—a serious professor of natural science who sees a serious book title in a bookstore, about lower animals no less, and who can’t help but smile! Then it occurred to him to wonder where this smile might actually be coming from. At first, he couldn’t think of anything. Then it occurred to him: I’ll close my eyes. - And lo and behold, when he closed his eyes and it was dark around him, he heard a musical motif in the very distance, and this musical motif—only now, at that very moment—reminded him of that dance music which he—he was already a young man at the time he made this observation—had once heard when he performed his first little dance. And it then occurred to him that, of course, not only does this musical motif live on in his subconscious, but so too, to some extent, does the partner with whom he had once pranced about, and how what he had long since forgotten in his ordinary consciousness—what he had never even absorbed strongly enough, in his view, to have been destined to last a lifetime—how the whole thing emerged as a complex of images. And at the very moment he was looking at a serious book, it did not even occur to him that a barrel organ was playing in the distance. Even the sounds of that barrel organ remained in his subconscious at that moment. Only when he closed his eyes did they surface.

[ 3 ] Nun, so kommt manches herauf, was in unserem Bewußtsein bloß als Lebensreminiszenz vorhanden ist. Und dann kommen manchmal die nebulosierenden Mystiker und erzählen uns, wie sie in ihrem Inneren einen tiefen Zusammenhang mit dem göttlichen Urprinzip der Dinge erkennen, wie aus ihrem Inneren herauf ein höheres Erlebnis, eine Wiedergeburt der menschlichen Seele ertönt. Und da werden mystische Gewebe gesponnen, und es ist nichts anderes als die vergessene Melodie des Leierkastens. Sie können eine große Prozentzahl der mystischen Literatur auf dieses Konto der vergessenen Melodie des Leierkastens setzen.

[ 3 ] Well, this is how certain things emerge that exist in our consciousness merely as memories of life. And then sometimes the nebulous mystics come along and tell us how they perceive within themselves a deep connection with the divine primordial principle of all things, how a higher experience, a rebirth of the human soul, resounds from within them. And so mystical webs are spun, and it is nothing other than the forgotten melody of the barrel organ. You can attribute a large percentage of mystical literature to this forgotten melody of the barrel organ.

[ 4 ] Das ist gerade dasjenige, was wir brauchen in einer wirklichen Geisteswissenschaft, daß wir Besonnenheit und Präzision genug dazu haben, nicht alles Mögliche, was nur als Reminiszenz aus dem Unterbewußtsein heraufkommt, als Mystik auszuposaunen, als irgend etwas, welches irgendeine objektive Geltung beanspruchen könne. Gerade der Geisteswissenschafter braucht, wenn er nach dieser Richtung zu wirklich fruchtbringenden Resultaten kommen will, im höchsten Maße innerlich Klarheit, gerade dann braucht er innerlich Klarheit, wenn es sich darum handelt, hinunterzusteigen in die Tiefen des Bewußtseins, um da herauszuholen Anschauungen darüber, was eigentlich dieses Bewußtsein ist. Es muß schon hinuntergestiegen werden in die Tiefen dieses Bewußtseins, indem man zugleich kein Dilettant ist auf diesem Gebiete, sondern volle Sachkenntnis hat über alles dasjenige, was Psychopathologie, was Psychologie, was Physiologie bis heute hervorgebracht haben, damit man unterscheiden könne dasjenige, was unberechtigt zum Anspruch auf geisteswissenschaftliche Statuierung ist, von demjenigen, was aus derselben Disziplin hervorgeht, wie zum Beispiel die Mathematik oder die analytische Mechanik.

[ 4 ] This is precisely what we need in a true Spiritual Science: enough level-headedness and precision so that we do not proclaim every possible thing that surfaces from the subconscious as mere reminiscence to be mysticism—or as something that could claim any kind of objective validity. It is precisely the scholar of Spiritual Science who, if he wishes to arrive at truly fruitful results in this direction, needs the highest degree of inner clarity; he needs inner clarity precisely when it comes to descending into the depths of consciousness in order to draw out insights into what this consciousness actually is. One must indeed descend into the depths of this consciousness, while at the same time not being a dilettante in this field, but possessing full expertise in everything that psychopathology, psychology, and physiology have produced to date, so that one may distinguish between that which unjustifiably claims to be established as a Spiritual Science and that which emerges from the same discipline, such as, for example, mathematics or analytical mechanics.

[ 5 ] Zu diesem Zwecke versuchte ich bereits im vorigen Jahrhundert den andern Pol in bescheidener Weise zu charakterisieren, den Pol des Bewußtseins gegenüber dem Materiepol. Der Materiepol erforderte eine Ausgestaltung der Goetheschen Naturanschauung. Der Bewußstseinspol war nicht so leicht einfach aus dem Goetheanismus heraus zu erreichen, aus dem einfachen Grunde, weil Goethe kein Trivialling war, auch kein Gefühlstrivialling dann, wenn es sich darum handelte, zur Erkenntnis vorzudringen, sondern weil er mitbrachte all diejenige Ehrfurcht, welche notwendig ist, wenn man sich den wirklichen Quellen des Erkennens nähern will. Und so hat denn Goethe, der mehr auf die äußere Natur hin organisiert war, gerade vor dem ein gewisses Zurückschrecken gefühlt, was hinunterleiten soll in die Tiefen des Bewußstseins selber, vor einem bis zu seiner höchsten, reinsten Ausgestaltung getriebenen Denken. Goethe schrieb es seinem guten Schicksal zu, daß er niemals über das Denken gedacht habe. Diesen Ausspruch muß man verstehen, denn man kann eigentlich in Wirklichkeit nicht über das Denken denken. Man kann das Denken ebensowenig im Grunde denken, wie man das Eisen eisern und das Holz hölzern kann. Aber man kann ein anderes. Man kann versuchen, so die Wege zu gehen, die gewiesen werden im Denken, die gewiesen werden, indem das Denken immer rationeller und rationeller wird, und so sie weiterzugehen, wie man sie beginnt durch die Disziplin des mathematischen Denkens. Wenn man dies tut, dann kommt man einfach durch eine naturgemäße innere Wegleitung in jene Region hinein, die ich versuchte in meiner «Philosophie der Freiheit» zu betrachten. Da kommt man nicht zu einem Denken über das Denken. Man kann höchstens bildlich sprechen dann von einem Denken über das Denken. Aber man kommt zu etwas anderem, man kommt zu einem Anschauen des Denkens. Um aber zu diesem Anschauen des Denkens zu kommen, ist es nötig, daß man wirklich vorher sich eine intensive Vorstellung davon erworben habe, was reines, sinnlichkeitsfreies Denken ist. Man muß die innere Arbeit des Denkens so weit getrieben haben, daß man dann ankommt bei einem Bewußtseinszustande, wo man einfach durch das Ergreifen der sinnlichkeitsfreien Gedanken, durch das Anschauen der sinnlichkeitsfreien Gedanken weiß, man habe es jetzt mit sinnlichkeitsfreien Gedanken zu tun.

[ 5 ] To this end, I attempted as early as the last century to modestly characterize the other pole—the pole of consciousness as opposed to the pole of matter. The pole of matter required a further elaboration of Goethe’s view of nature. The pole of consciousness was not so easily accessible simply through Goetheanism, for the simple reason that Goethe was no trivial figure—nor was he a trivial figure of sentiment when it came to advancing toward knowledge—but because he possessed all the reverence necessary for approaching the true sources of knowledge. And so Goethe, who was more attuned to external nature, felt a certain hesitation precisely toward that which is meant to lead down into the depths of consciousness itself—toward thinking driven to its highest, purest form. Goethe attributed it to his good fortune that he had never thought about thinking. One must understand this statement, for in reality one cannot actually think about thinking. One cannot, in essence, think about thinking any more than one can make iron iron or wood wood. But one can do something else. One can try to follow the paths that are laid out in thought—paths that are revealed as thought becomes ever more rational—and to continue along them as one begins through the discipline of mathematical thought. If one does this, one simply enters, through a natural inner guidance, into that region which I attempted to examine in my Philosophy of Freedom. There, one does not arrive at a thinking about thinking. At most, one can speak figuratively of a thinking about thinking. But one arrives at something else; one arrives at a contemplation of thinking. However, in order to arrive at this contemplation of thinking, it is necessary to have first truly acquired an intense mental image of what pure, senseless thinking is. One must have driven the inner work of thinking so far that one then arrives at a state of consciousness in which, simply by grasping the non-sensory thoughts—by contemplating the non-sensory thoughts—one knows that one is now dealing with non-sensory thoughts.

[ 6 ] Das ist der Weg, den ich versucht habe — wie gesagt, in bescheidener Weise — in meiner «Philosophie der Freiheit». Ich möchte sagen, es wurde da versucht, das Denken so hinzulegen vor das Bewußtsein, nachdem es erst sinnlichkeitsfrei gemacht worden war, wie vor dem Bewußtsein liegt das Mathematisieren oder die Seelenfähigkeiten und Kräfte der analytischen Mechanik, wenn man sich mit voller Disziplin diesen Wissenschaften hingibt.

[ 6 ] That is the path I have attempted—as I said, in a modest way—in my Philosophy of Freedom. I would like to say that an attempt was made there to present thought to consciousness—after it had first been freed from sensibility—in the same way that mathematical reasoning or the mental faculties and powers of analytical mechanics lie before consciousness when one devotes oneself to these sciences with complete discipline.

[ 7 ] Ich darf vielleicht hier wieder eine persönliche Bemerkung einfügen. Indem ich statuierte dieses sinnlichkeitsfreie Denken, indem ich es einfach als eine Tatsache, aber als eine insofern streng erweisbare Tatsache hinstellte, daß es erzwungen werden kann ebenso wie das mathematische Gebilde im inneren Erleben, kam ich in Widerspruch mit allen möglichen Philosophen der achtziger Jahre, der neunziger Jahre. Mir wurde immer wieder und wiederum erwidert: Ja, mit diesem Denken stehe man nicht in irgendeiner Wirklichkeit. — Ich aber mußte schon in meinen «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung» in der ersten Hälfte der achtziger Jahre hinweisen auf das Ergreifen dieses reinen Denkens, in dessen Gegenwart man einfach weiß: Du lebst jetzt in einem Elemente, das keine sinnlichen Eindrücke mehr enthält und dennoch in der inneren Aktivität sich offenbart, daß es eine Realität ist. - Ich mußte etwa sagen von diesem Denken: In ihm haben wir die wahre geistige Kommunion des Menschen, die Vereinigung mit der wahren Wirklichkeit. Wir fühlen gewissermaßen an einem Zipfel des Weltendaseins, wie wir als Seele mit diesem Weltendasein zusammenhängen. — Ich mußte gewissermaßen energisch protestieren gegen dasjenige, was dazumal in der Philosophie heraufkam, dem Eduard von Hartmann huldigte, indem er als Motto auf seine «Philosophie des Unbewußten» 1869 schrieb: «Spekulative Resultate nach induktiv naturwissenschaftlicher Methode.» Das war eine philosophische Reverenz gegenüber der Naturwissenschaft. Ich schrieb, um zu protestieren gegen das Aufsuchen einer wesenlosen Metaphysik, die nur dadurch entsteht, daß wir im charakterisierten Sinne aus innerer Trägheit über den Sinnenschleier hinaus das Denken fortrollen lassen, als Motto über meine «Philosophie der Freiheit»: «Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.» Ich wies darauf hin, daß alles dasjenige, was Inhalt einer Philosophie ist, nicht ersonnen ist, sondern daß es im strengsten Sinne so Beobachtungsresultat nach innen hin ist, wie Farbe und Ton Beobachtungsergebnisse nach außen hin sind. Und indem man in diesem, allerdings die menschliche Wesenheit wie erkältenden Elemente des reinen Denkens lebt, macht man eine Entdeckung. Man macht die Entdeckung, daß die Menschen zwar instinktiv von Freiheit reden können, daß im Menschenwesen Impulse sind, die durchaus nach Freiheit hintendieren, die aber so lange unbewußt, instinktiv bleiben, bis man die Freiheit wieder entdeckt, indem man weiß, aus dem sinnlichkeitsfreien Denken heraus können Impulse erfließen für unser sittliches Handeln, die, weil wir ein Denken ergriffen haben, das selbst keine Sinnlichkeit mehr enthält, dann selber nicht aus der Sinnlichkeit heraus determiniert sind, sondern aus der reinen Geistigkeit heraus determiniert sind. Und man erlebt die reine Geistigkeit, indem man beobachtet, rein beobachtet, wie einfließt die Kraft des Sittlichen in das sinnlichkeitsfreie Denken. Und das beste Resultat, das man aus so etwas erzielt, das ist das, daß man erstens jedem mystischen Aberglauben Valet sagen kann, denn der hat etwas zum Ergebnis, was in irgendeiner Weise verhüllt ist und nur auf irgendeine dunkle Empfindung hin angenommen wird. Man kann ihm Valet sagen aus dem Grunde, weil man jetzt etwas in seinem Bewußtsein erlebt, was innerlich durchsichtig ist, was nicht mehr von außen impulsiert wird, sondern was von innen her sich mit Geistigkeit erfüllt. Man hat ergriffen in einem Punkt das Weltendasein, indem man sich selbst nur zum Schauplatz des Erkennens gemacht hat, man hat ergriffen, wie das Weltendasein verläuft in seiner wahren Gestalt und sich — wenn wir uns fügen diesem inneren Beobachten — uns dann ergibt. Ich möchte sagen: In einem Punkt nur ergreifen wir dasjenige, was das Wesen des Weltendaseins eigentlich ist, und wir ergreifen es als eine Realität, nicht als ein abstraktes Denken, indem herein impulsieren in die Gewebe des sinnlichkeitsfreien Denkens die moralischen Antriebe, die dadurch als freie erscheinen, daß sie jetzt leben nicht mehr als Instinkte, sondern in dem Gewande des sinnlichkeitsfreien Denkens. Wir erleben die Freiheit, allerdings eine Freiheit, von der wir dann zugleich wissen, daß der Mensch sich ihr nur nähern kann so, wie sich die Hyperbel ihrer Asymptote nähert, aber wir wissen, daß diese Freiheit lebt im Menschen, insofern das Geistige lebt. Wir ergreifen zuerst aus dem Elemente der Freiheit heraus das Geistige.

[ 7 ] Perhaps I may insert another personal remark here. By positing this thinking free of sensuality—by presenting it simply as a fact, but as a fact that is strictly provable insofar as it can be compelled just as a mathematical construct is in inner experience—I came into conflict with all manner of philosophers of the 1880s and 1890s. Time and again, I was told: Yes, with this kind of thinking, one is not grounded in any kind of reality. — But as early as in my “Outlines of an Epistemology of Goethe’s Worldview” in the first half of the 1880s, I had to point to the experience of this pure thinking, in the presence of which one simply knows: You are now living in an element that no longer contains any sensory impressions and yet reveals itself in inner activity as a reality. — I had to say, for example, about this thinking: In it we have the true spiritual communion of the human being, the union with true reality. We feel, as it were, at the very edge of worldly existence how we, as souls, are connected to this worldly existence. — I felt compelled, so to speak, to protest vigorously against what was emerging in philosophy at the time, which Eduard von Hartmann espoused when he wrote as the motto for his Philosophy of the Unconscious (1869): “Speculative results according to the inductive method of natural science.” This was a philosophical homage to the natural sciences. To protest against the pursuit of an insubstantial metaphysics—which arises solely from allowing thought, in the sense described, to roll on beyond the veil of the senses out of inner inertia—I wrote as the motto for my Philosophy of Freedom: “Psychological observational results according to the scientific method.” I pointed out that everything that constitutes the content of a philosophy is not contrived, but is, in the strictest sense, a result of inward observation, just as color and sound are results of outward observation. And by living within this—admittedly, the human essence as elements of pure thought that are as chilling as a cold—one makes a discovery. One discovers that, although people can speak instinctively of freedom, and although there are impulses within the human being that certainly tend toward freedom, these impulses remain unconscious instinctive until one rediscovers freedom by realizing that, from thinking free of sensuality, impulses can flow for our moral action; and because we have grasped a form of thinking that itself no longer contains any sensuality, these impulses are then not determined by sensuality but by pure spirituality. And one experiences pure spirituality by observing—purely observing—how the power of the moral flows into thinking free from sensuality. And the best result one achieves from such an endeavor is, first of all, that one can say “goodbye” to all mystical superstition, for it leads to something that is in some way veiled and is accepted solely on the basis of some obscure feeling. One can bid it farewell because one now experiences in one’s consciousness something that is inwardly transparent, something that is no longer impulsed from the outside but is filled with spirituality from within. One has grasped world existence at a single point by making oneself merely the scene of cognition; one has grasped how world existence unfolds in its true form and—if we submit to this inner observation—then reveals itself to us. I would like to say: At a single point alone do we grasp what the essence of worldly existence actually is, and we grasp it as a reality, not as abstract thought, when moral impulses flow into the fabric of non-sensual thought—impulses that appear free because they now live no longer as instincts but in the guise of non-sensual thought. We experience freedom—admittedly, a freedom of which we know at the same time that human beings can only approach it in the same way that a hyperbola approaches its asymptote—but we know that this freedom lives within human beings to the extent that the spiritual lives. We first grasp the spiritual from the element of freedom.

[ 8 ] Und damit kommen wir auf etwas, was im Innersten des Menschen zusammenwebt den Impuls unseres sittlich-sozialen Handelns, die Freiheit, mit dem Erkennen, mit demjenigen, was wir wissenschaftlich zuletzt doch erringen. Wir erleben, indem wir die Freiheit im sinnlichkeitsfreien Denken erfassen, indem wir verstehen, wie dieses Erfassen nur in der wirklichen Geistigkeit sich vollzieht, wie wir in der Geistigkeit drinnen leben, indem wir solches vollziehen; wir erleben ein Erkennen, das sich zu gleicher Zeit als ein inneres Tun erweist, das als ein Inneres Außenwelttun werden kann, das also unbedingt überströmen kann in das soziale Leben. Ich habe dazumal versucht, mit aller Schärfe hinzuweisen auf zwei Dinge. Allein es ist damals noch wenig verstanden worden. Ich habe vor allen Dingen hinzuweisen versucht darauf, wie das Wesentliche bei einem Verfolgen eines solchen Erkenntnisweges die innere Erziehung ist, die wir uns dadurch angedeihen lassen. Ja, es ist schon etwas, wenn man diesen Weg zum sinnlichkeitsfreien Denken geht. Man muß vieles innerlich durchmachen. Man muß Überwindungen absolvieren, von denen man im äußeren Leben zumeist keine Ahnung hat. Und indem man diese Überwindungen absolviert, indem man zuletzt in einem seelischen Erlebnisse ist, das sich kaum festhalten läßt, weil es sich so leicht wiederum den gewöhnlichen Kräften des Menschenwesens entzieht, indem man in dieses Wesen untertaucht, taucht man nicht in unklar nebuloser, mystischer Weise unter, sondern man taucht in eine helle Klarheit unter, aber man taucht in Geistigkeit unter. Man macht Bekanntschaft mit der Geistigkeit. Man weiß, was Geist ist, und man weiß es, indem man den Geist gefunden hat auf dem Wege, den die andere Menschheit auch geht, den sie nur nicht zu Ende geht, der aber für die Bedürfnisse unseres gegenwärtigen Erkenntnis- und sozialen Strebens gegangen werden muß von all denjenigen Menschen, die in der Erkenntnis, die im sozialen Leben irgendwie tätig sein wollen. Das ist das eine, was ich durchblicken ließ durch meine «Philosophie der Freiheit».

[ 8 ] And this brings us to something that is woven together at the very core of the human being: the impulse behind our moral and social actions—freedom—with knowledge, with that which we ultimately attain through science. We experience this by grasping freedom in thinking free from the senses, by understanding how this grasping takes place only in true spirituality, how we live within spirituality as we carry this out; we experience a form of knowledge that simultaneously proves to be an inner activity, one that can become an inner activity directed toward the outer world—and thus can inevitably spill over into social life. At that time, I tried to point out two things with the utmost clarity. Yet little was understood back then. Above all, I tried to point out how, in pursuing such a path of knowledge, the essential element is the inner education we thereby bestow upon ourselves. Indeed, it is quite something to walk this path toward thinking free from sensuality. One must go through much inwardly. One must overcome challenges of which one usually has no inkling in one’s outer life. And as one overcomes these challenges, as one ultimately finds oneself in a soul experience that can scarcely be grasped—because it so easily eludes the ordinary faculties of the human being—and as one immerses oneself in this essence, one does not immerse oneself in an unclear, nebulous, or mystical way, but rather in a bright clarity; yet one immerses oneself in spirituality. One becomes acquainted with spirituality. One knows what spirit is, and one knows it by having found the spirit on the path that the rest of humanity also walks—a path they simply do not complete—but which must be walked for the sake of our present intellectual and social aspirations by all those people who wish to be active in some way in intellectual and social life. That is the one thing I sought to convey through my Philosophy of Freedom.

[ 9 ] Das andere, was ich da durchblicken ließ, ist das, daß, wenn wir nun die Freiheit als den Träger des eigentlich Sittlichen im sinnlichkeitsfreien Denken entdeckt haben, wir dann nicht irgendwie aus Naturerscheinungen, gewissermaßen analogisierend, sittliche Moralbegriffe, sittliche Gebote ableiten können, daß wir aufgeben müssen alles dasjenige, was uns auf naturwissenschaftliche Art zu einem sittlichen Inhalte führt, daß dieser sittliche Inhalt frei entstehen müsse, im übersinnlichen Erleben entstehen müsse. Und ich wagte dazumal einen Terminus, der wenig verstanden worden ist, der aber unbedingt statuiert werden muß, wenn man in diese Region hineinkommt und wenn man Freiheit überhaupt verstehen will. Ich gebrauchte den Ausdruck: Die sittliche Welt geht uns auf in unserer moralischen Phantasie. — Und ich gebrauchte mit vollem Bewußtsein diesen Ausdruck «moralische Phantasie», ich gebrauchte ihn aus dem Grunde, um darauf hinzudeuten, daß - so wie bei dem Gebilde der Phantasie — die geistige Arbeit, die dazugehört, sich abgesehen vom Äußeren im Inneren des Menschen vollzieht; und auf der andern Seite, um darauf hinzudeuten, daß sich zunächst dasjenige, was uns die Welt sittlich-religiös wertvoll macht, nämlich die Sittengebote, nur ergreifen lassen auf diesem Gebiete, das sich frei hält von den äußeren Eindrücken, das auf innerer Menschenarbeit selber beruht. Ich wies aber zu gleicher Zeit schon in meiner «Philosophie der Freiheit» deutlich darauf hin, daß, wenn wir innerhalb des Menschlichen stehenbleiben, sich uns zwar enthüllt der sittliche Inhalt als Inhalt der moralischen Phantasie, daß aber dann, wenn wir auf diesen Inhalt, der sich uns enthüllt als dasjenige, was wir aus einer geistigen Welt herübertragen, näher eingehen, wir uns der äußeren Sinneswelt einfügen.

[ 9 ] The other point I hinted at there is that, now that we have discovered freedom as the bearer of what is truly moral in thinking free from sensuality, we cannot then, in some way, by drawing analogies from natural phenomena, derive moral concepts or moral precepts; that we must abandon everything that leads us to moral content through the natural sciences; that this moral content must arise freely, must arise in supersensible experience. And at that time I ventured a term that has been little understood, but which must absolutely be established if one is to enter this realm and if one wishes to understand freedom at all. I used the expression: The moral world unfolds before us in our moral imagination. — And I used the expression “moral imagination” with full awareness; I used it to indicate that—just as with the process of imagination—the spiritual work involved takes place within the human being, apart from the external world; and, on the other hand, to indicate that, at first, that which gives the world its ethical and religious value—namely, the moral precepts—can be grasped only in this realm, which remains free from external impressions and is based on the inner work of the human being itself. At the same time, however, I already pointed out clearly in my Philosophy of Freedom that, while we remain within the human realm, the moral content does indeed reveal itself to us as the content of moral imagination; yet when we examine more closely this content—which reveals itself to us as that which we bring over from a spiritual world— we become integrated into the external sensory world.

[ 10 ] Sie werden, wenn Sie die Philosophie wirklich studieren, das Tor genau merken, durch das durch diese Philosophie der Weg in die Geistigkeit hinein geboten wird, nur daß ich in dieser Philosophie so vorging, daß ich jedem analytischen Mechaniker über den Gang meiner Untersuchungen hätte Rechenschaft geben können, und daß ich gar keinen Wert darauf legte auf dasjenige, was etwa an Zustimmung zu einem Wege in die Geistigkeit hinein kommen könnte durch all das Geschwafel, das von irgendwelcher spiritistischen oder mystisch-nebulosen Seite her kommt. Von diesen Seiten her kann man leicht Zustimmung erlangen, wenn man von allerlei Geistigem redet, aber gerade jenen Weg vermeidet, den ich dazumal zu gehen versuchte. Ich suchte Gewißheit und Sicherheit für das Geistige, und mir war höchst gleichgültig die Zustimmung all der Schwafler, die aus irgendwelchen nebulos-mystischen Untergründen heraus für dieses Geistige eintreten. Aber ein anderes war damit zugleich gewonnen.

[ 10 ] If you truly study this philosophy, you will clearly recognize the gateway through which this philosophy offers a path into the spiritual realm; it’s just that in this philosophy I proceeded in such a way that I could have accounted for the course of my investigations to any analytical mechanist, and that I attached no value whatsoever to whatever approval of a path into the spiritual realm might come from all the rambling that originates from some spiritualist or mystically nebulous quarter. From such quarters, one can easily gain approval by speaking of all manner of spiritual matters, but one avoids precisely the path that I attempted to follow at that time. I sought certainty and assurance regarding the spiritual, and I was utterly indifferent to the approval of all those ramblers who advocate for the spiritual from whatever nebulous, mystical backgrounds they may come. But at the same time, something else was gained.

[ 11 ] Gerade wenn man einging auf diese zwei Richtungen, die ich da in der «Philosophie der Freiheit» wies als wahre Bewußtseinsbeobachtungen, gerade dann zeigte sich, wenn man noch weiter geht, wenn man den nächsten Schritt macht — was dann? Wenn man angelangt ist bei jenen inneren Erlebnissen, die in der Sphäre des reinen Denkens stehen, bei jenen inneren Erlebnissen, die sich als das Erlebnis der Freiheit zuletzt enthüllen, dann gelangt man zu einer Metamorphose des Erkennens in bezug auf die innere Bewußtseinswelt. Dann bleiben die Begriffe und Ideen nicht Begriffe und Ideen, dann bleibt nach dieser Seite hin der Hegelianismus nicht Hegelianismus, dann bleibt die Abstraktheit nicht Abstraktheit, dann geht es nach dieser Richtung hin zunächst in das reale Gebiet der Geistigkeit hinein. Dann ist das Nächste, wo hinein man gelangt, nicht mehr der bloße «Begriff», die bloße «Idee», nicht mehr etwas, wie es den ganzen Inhalt der Hegelschen Philosophie ausmacht, nein, dann verwandelt sich Begriff und Idee in Bild, in Imagination. Man entdeckt sogleich die höhere Stufe, die sich zunächst nur projiziert hat in der moralischen Phantasie, man entdeckt die Erkenntnisstufe der Imagination. Wie man mit der Philosophie noch in einer selbstgemachten Wirklichkeit drinnensteckt, so steckt man dann, wenn man sich innerlich hat treiben lassen durch den Weg, den die «Philosophie der Freiheit» weist, wenn man sich über diesen Plan der Phantasie herausbegeben hat, drinnen in einer Welt von Ideen, die aber jetzt nicht Traumbilder sind, sondern die ebenso auf Realitäten, aber auf geistige Realitäten hinweisen, wie Farben und Töne in den sinnlichen Realitäten verankert sind. Jetzt gelangt man in das Gebiet des bildlichen, des imaginativen Denkens hinein. Man gelangt zu jenen Imaginationen, die real sind, durch die man in einer Welt steht, nicht mehr bloß in seinem Inneren steht; man gelangt zu der Inspiration, die sich erleben läßt, wenn man im richtigen Sinne mathematisiert, wenn das Mathematisieren selbst ein Erleben wird, und dann gewissermaßen über sich hinauswachsen kann zu dem, was sich etwa in der Vedantaphilosophie gezeigt hat. Zu dieser Inspiration tritt auf der andern Seite die Imagination. Und durch diese Imagination entdeckt man dann dasjenige, was erst den Menschen begreiflich macht. Man entdeckt in Imaginationen, in bildhaften Vorstellungen, in Vorstellungen, die einen konkreteren Inhalt haben als abstrakte Gedanken, man entdeckt in diesen bildhaften Vorstellungen dasjenige, was einem den Menschen von der Bewußtseinsseite her begreiflich macht. Man muß die Resignation haben, nicht weitergehen zu wollen, wenn man an diesem Punkte angelangt ist, nun nicht weitergehen zu wollen, nicht durch innere Trägheit einfach das sinnlichkeitsfreie Denken nun weiterrollen zu lassen und zu glauben, daß man durch dieses sinnlichkeitsfreie Denken in die Geheimnisse des Bewußtseins hinuntergelange, sondern man muß eben die Resignation haben, nun stehenzubleiben und sich gewissermaßen von der Innenseite aus der geistigen Außenwelt gegenüberzustellen. Dann wird man nicht hineinspinnen Gedanken in das Bewußtsein, die es doch nicht begreifen können, sondern dann wird man empfangen die Imagination, durch die das Bewußtsein nun erfaßt werden kann. So wie man an der äußeren Grenze stehenbleiben muß bei dem Phänomen und sich einem die Gedanken als dasjenige erweisen, was in der Erkenntnis diese Phänomene durchorganisieren kann, so wie man da diese Resignation notwendig hat und gerade dadurch zur Geistigkeit der Intellektualitäit kommt, so muß man nach innen forschen, die Resignation haben, mit den Gedanken stillezuhalten, sie gewissermaßen innerlich zur Reflexion zu bringen, um dadurch an die Bilder heranzukommen, die jetzt erst das Innere des Menschen entrollen. Ich möchte sagen, wenn ich hier (siehe Zeichnung) das menschliche Innere statuiere und mich nähere durch Selbstbeschauung und reines Denken diesem Inneren, dann muß ich nun nicht fortrollen wiederum mit meinem Denken, denn da komme ich in ein Gebiet, wo das reine Denken nichts mehr findet, sondern nur anschauliche oder überhaupt Lebensreminiszenzen hinstellen kann. Ich muß die Resignation haben, zurückzukehren. Dann aber wird sich mir an dem Punkt der Reflexion die Imagination ergeben. Dann enthüllt sich mir die innere Welt als eine imaginative Welt.

[ 11 ] Precisely when one delved into these two directions—which I identified in The Philosophy of Freedom as true observations of consciousness—precisely then, when one goes even further, when one takes the next step—what then? When one arrives at those inner experiences that lie within the sphere of pure thought, at those inner experiences that ultimately reveal themselves as the experience of freedom, then one arrives at a metamorphosis of cognition with regard to the inner world of consciousness. Then concepts and ideas are no longer merely concepts and ideas; in this respect, Hegelianism is no longer Hegelianism; abstractness is no longer abstractness; and in this direction, one first enters the real realm of spirituality. Then the next stage one enters is no longer the mere “concept,” the mere “idea,” no longer something that constitutes the entire content of Hegel’s philosophy; no, then concept and idea are transformed into image, into imagination. One immediately discovers the higher stage, which at first had projected itself only into moral imagination; one discovers the cognitive stage of imagination. Just as one is still caught up in a self-created reality through philosophy, so too, once one has allowed oneself to be guided inwardly along the path laid out by the Philosophy of Freedom, once one has ventured beyond this realm of imagination, one finds oneself in a world of ideas—which are no longer dream images, but which point just as much to realities—namely, spiritual realities—as colors and sounds are anchored in sensory realities. Now one enters the realm of pictorial, imaginative thinking. One arrives at those imaginations that are real, through which one stands in a world, no longer merely within oneself; one arrives at the inspiration that can be experienced when one engages in mathematics in the true sense, when the act of doing mathematics itself becomes an experience, and can then, in a sense, transcend oneself to reach what has been revealed, for example, in Vedanta philosophy. On the other hand, imagination joins this inspiration. And through this imagination, one then discovers what makes human beings comprehensible in the first place. One discovers in imaginations, in pictorial mental images, in mental images that have a more concrete content than abstract thoughts—one discovers in these pictorial mental images what makes human beings comprehensible from the perspective of consciousness. One must have the resignation not to want to go any further once one has reached this point—not to want to proceed any further, not to simply let this non-sensory thinking roll on out of inner inertia and believe that through this non-sensory thinking one will descend into the mysteries of consciousness—but rather, one must have the resignation to stop right there and, as it were, to confront the spiritual outer world from within. Then one will not spin thoughts into consciousness that cannot comprehend it anyway, but one will receive the imagination through which consciousness can now be grasped. Just as one must stop at the outer boundary of the phenomenon and find that thoughts are what can systematically organize these phenomena in cognition—just as one necessarily needs this resignation there and thereby arrives at the spirituality of intellectuality—so one must search inward, have the resignation to hold one’s thoughts still, to bring them, so to speak, into inner reflection, in order thereby to approach the images that only now unfold the inner life of the human being. I would like to say that when I depict the human inner world here (see drawing) and approach this inner world through self-contemplation and pure thinking, I must not allow my thinking to run away with me again, for there I enter a realm where pure thinking finds nothing more, but can only present vivid images or, indeed, reminiscences of life. I must have the resignation to turn back. But then, at that point of reflection, imagination will reveal itself to me. Then the inner world will reveal itself to me as an imaginative world.

[ 12 ] Sehen Sie, da kommen wir innerlich nun an zwei Pole. Wir kommen an den Pol der Inspiration gegen die Außenwelt zu, an den Pol der Imagination gegenüber der Innenwelt. Hat man nun aber diese Imagination ergriffen, dann kann man aus diesen Imaginationen zusammenstellen, so wie man in der äußeren Natur durch die Begriffe und durch Experimente zusammenstellt die Naturerkenntnisse, dann kann man zusammenstellen innerlich dasjenige, was real ist, was sich zunächst als das erweist, was nun nicht als sinnlicher Leib, sondern als ätherischer Leib den Menschen durchzieht, selbstverständlich sein ganzes Leben, aber in einer besonders intensiven Weise durchzieht in seinen ersten sieben Lebensjahren, was dann beim Zahnwechsel in eine andere Gestalt kommt, wie ich Ihnen das gestern dargestellt habe. Aber man erwirbt sich dadurch die Fähigkeit zu beobachten, wie dieser ätherische oder Lebensleib im physischen menschlichen Organismus arbeitet.

[ 12 ] You see, this brings us to two poles within ourselves. We arrive at the pole of inspiration toward the external world, and at the pole of imagination toward the inner world. But once one has grasped this imagination, one can synthesize from these imaginative images—just as one synthesizes knowledge of nature in the external world through concepts and experiments—one can then synthesize inwardly that which is real, that which initially reveals itself not as a physical body but as an etheric body permeating the human being, naturally throughout his entire life, but in a particularly intense way during the first seven years of life, which then takes on a different form during the change of teeth, as I described to you yesterday. But through this, one acquires the ability to observe how this etheric or Life-Body functions within the physical human organism.

[ 13 ] Man kann nun leicht sagen aus irgendeiner philosophischen Erkenntnistheorie heraus: Ja, der Mensch muß eben, wenn er in klarer Logik stehenbleiben will, dann innerhalb der Begriffe stehenbleiben, er muß innerhalb desjenigen stehenbleiben, was sich diskursiv und im gewöhnlichen Sinne beweisend rechtfertigen läßt. Schön. Man kann so lange fort erkenntnistheoretisieren. Aber wenn man auch noch so starken Glauben an ein solches erkenntnistheoretisches Gewebe hat, wenn es auch noch so logisch richtig ist, die Wirklichkeit ergibt sich mir nicht, die Wirklichkeit lebt nicht in dem, was wir so logisch ausbauen. Die Wirklichkeit lebt eben in Bildern. Und wenn wir uns nicht entschließen, Bilder oder Imaginationen zu ergreifen, dann ergreifen wir eben die Wirklichkeit des Menschen nicht. Und es handelt sich gar nicht darum, daß wir äußerlich aus einer gewissen Vorliebe heraus sagen, wie Erkenntnis ausschauen muß, damit sie echt sei, sondern es handelt sich darum, daß wir die Wirklichkeit fragen, durch was sie sich uns enthüllen will. Da kommen wir eben auf die Imagination. So erweist sich dann dasjenige, was in der moralischen Phantasie lebt, als ein in das gewöhnliche Bewußtsein Herunterprojiziertes einer höheren geistigen Welt, die wir aber ergreifen können in den Imaginationen.

[ 13 ] It is easy to say, from the perspective of any philosophical theory of knowledge: Yes, if a person wants to remain within clear logic, then they must remain within the realm of concepts; they must remain within that which can be discursively justified and proven in the ordinary sense. Fine. One can continue to theorize about epistemology like this for as long as one likes. But no matter how strongly one believes in such an epistemological framework, no matter how logically sound it may be, reality does not reveal itself to me; reality does not live in what we construct so logically. Reality lives precisely in images. And if we do not resolve to grasp images or imaginations, then we simply do not grasp human reality. And it is not at all a matter of us externally declaring, out of a certain preference, what knowledge must look like in order to be genuine; rather, it is a matter of asking reality through what it wishes to reveal itself to us. This brings us to imagination. Thus, what lives in the moral imagination proves to be a projection into ordinary consciousness from a higher spiritual world—a world that we can, however, grasp through our imaginations.

[ 14 ] Und so, meine sehr verehrten Anwesenden, habe ich Sie geführt, zu führen versucht wenigstens an die zwei Pole der Inspiration und der Imagination, die wir in den nächsten Tagen nun auch geisteswissenschaftlich noch genauer und näher kennenlernen wollen. Ich mußte gewissermaßen erst an das Tor führen, damit Sie sehen, daß dieses Tor im gewöhnlichen wissenschaftlichen Sinne gut fundiert ist. Denn erst, wenn wir die Fundierung dieses Tores haben, können wir auch dann zur Fundierung des Baues kommen, in den wir eintreten durch dieses Tor, des Baues der Geisteswissenschaft selber. Allerdings, indem man diesen ganzen Weg durchmacht, den ich Ihnen ja heute schildern mußte als einen, ich möchte sagen, sehr schwierigen erkenntnistheoretischen Weg, gegenüber dem mancher sagen kann, er sei schwer verständlich, indem man diesen Weg macht, muß man den Mut haben, auch eingehen zu können, ich möchte sagen auf den Anti-Hegel, nicht bloß auf den Hegel. Man muß verstehen, nachdem man den Hegelismus so geschildert hat, wie ich versuchte, ihn in meinen «Rätseln der Philosophie» zu schildern, auch Stirner gerecht zu werden, ihn zu schildern, wie ich versucht habe, ihn in meinen «Rätseln der Philosophie» zu schildern, denn in Stirner steht da dasjenige, was aus dem Bewußtsein herauf als das Ich sich enthüllt. Und wenn man dieses Stirnersche Ich, das aus den instinktiven Erlebnissen heraufkommt, einfach so nimmt, wie es ist, wenn man es nicht durchdringt mit dem, was zur moralischen Phantasie und zur Imagination kommt, dann bedeutet es ein Antisoziales. Dasjenige aber, was die «Philosophie der Freiheit» setzt an die Stelle des Stirnerianismus, das bedeutet, wie wir gesehen haben, in Wahrheit ein Soziales. Man muß auch jenen Mut haben, durch das instinktive Ich im Stirnerschen Sinn hindurchzugehen, um zur Imagination zu kommen, und man muß den andern Mut haben, ins Antlitz zu schauen der Assoziations-Psychologie, die von Mill, von ähnlichen Geistern, von Spencer und so weiter herrührt, die da mit dem bloßen Begriff das Bewußtsein ergreifen möchte, aber es nicht kann. Man muß den Mut haben, einzusehen, daß der entgegengesetzte Weg heute gegangen werden muß. Der alte Morgenländer hat einen heute nicht mehr gehbaren Weg gehabt, indem er das Mathematisieren in die Vedantaphilosophie hineingetragen hat. Der Abendländer hat diesen Weg nicht mehr. Die Menschheit ist in Entwickelung. Sie ist fortgeschritten. Es muß ein anderer Weg gesucht werden. Der ist aber erst in seinem Anfange, und sein Anfang zeigt sich am besten, wenn man diese Assoziations-Psychologie, die die inneren Vorstellungen gesetzmäßig so in Verbindung bringt, wie man sonst die äußeren Naturerscheinungen in Verbindung bringt, wenn man diese Assoziations-Psychologie zu betrachten weiß als dasjenige, was da in Trägheit durchstoßen will und eigentlich ins Nichts kommt; und wenn man diese Assoziations-Psychologie zunächst aufzufassen versteht, dann aber hineinzuführen versteht durch Schauung in das Gebiet der Imagination. Wie der Osten einstmals an einem urmathematischen Denken heraufgehen sah die Gedanken der Vedantaphilosophie, den Weg hinein in die Geistigkeit der Außenwelt, so müssen wir durch unsere Aufgaben, die uns heute gestellt sind, indem wir nach innen sehen, den Mut haben, von den bloßen Begriffen und Ideen zu den Imaginationen, zu den Schauungen zu gehen, und dadurch diese Geistigkeit zuerst in unserem Inneren wieder zu entdecken. Dann werden wir sie in die äußere Welt hineintragen können. Dann werden wir haben Geistigkeit, ergriffen durch des Menschen innere Wesenheit, mit der Möglichkeit, sie hinauszutragen in das soziale Dasein. Dieses Dasein wartet in Wirklichkeit nicht auf etwas anderes als auf eine solche Erkenntnis, die zugleich sozial sein kann. Daß das der Fall ist, werden wir dann in den nächsten Stunden sehen.

[ 14 ] And so, my esteemed audience, I have guided you—or at least attempted to guide you—to the two poles of inspiration and imagination, which we now intend to explore in greater depth and detail from a Spiritual Science perspective over the next few days. In a sense, I first had to lead you to the gate so that you could see that this gate is well-founded in the ordinary scientific sense. For only when we have established the foundation of this gate can we then proceed to lay the foundation of the edifice into which we enter through this gate—the edifice of Spiritual Science itself. However, in undertaking this entire journey—which I had to describe to you today as, I would say, a very difficult epistemological path, one that some might say is hard to understand—in undertaking this journey, one must have the courage to engage not only with Hegel, but also, I would say, with the “anti-Hegel.” After describing Hegelianism as I attempted to do in my Riddles of Philosophy, one must also do justice to Stirner and describe him as I attempted to do in my Riddles of Philosophy; for in Stirner lies that which emerges from consciousness and reveals itself as the “I.” And if one simply takes this Stirnerian “I,” which arises from instinctive experiences, just as it is—without penetrating it with what pertains to moral imagination and the imagination—then it represents something antisocial. But what the Philosophy of Freedom sets in place of Stirnerianism, as we have seen, is in truth a social force. One must also have the courage to pass through the instinctive “I” in the Stirnerian sense in order to arrive at imagination, and one must have the other kind of courage to look into the face of the psychology of association, which stems from Mill, from similar minds, from Spencer, and so on—those who would like to grasp consciousness with a mere concept but cannot. One must have the courage to recognize that the opposite path must be taken today. The ancient Eastern thinker followed a path that is no longer viable today, having introduced mathematical reasoning into Vedanta philosophy. The Western thinker no longer follows this path. Humanity is evolving. It has progressed. Another path must be sought. But it is still in its infancy, and its beginnings are best revealed when one regards this psychology of association—which systematically links inner mental images in the same way that one otherwise links external natural phenomena—as that which, out of inertia, seeks to break through and actually ends up in nothingness; and if one first understands how to grasp this psychology of association, but then knows how to lead it, through intuition, into the realm of the imagination. Just as the East once saw in primordial mathematical thinking the path into the spirituality of the external world—the thoughts of Vedanta philosophy—so must we, through the tasks set before us today, by looking inward, have the courage to move from mere concepts and ideas to imaginations, to visions, and thereby rediscover this spirituality first within ourselves. Then we will be able to carry it out into the outer world. Then we will possess spirituality, imbued with the inner essence of the human being, with the possibility of carrying it out into social life. In reality, this social life awaits nothing other than such an insight, which can at the same time be social. We will see in the coming hours that this is indeed the case.