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The Boundaries of Natural Science
GA 322

2 October 1920, Dornach

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Siebenter Vortrag

Seventh Lecture

[ 1 ] Aus meinen Darlegungen über die Grenzen der Naturerkenntnis dürfte wenigstens andeutungsweise hervorgegangen sein, welcher Unterschied besteht zwischen dem, was innerhalb der Geisteswissenschaft Erkennen höherer Welten genannt wird und demjenigen Erkennen, von dem wir sprechen aus dem gewöhnlichen Bewußtsein heraus im alltäglichen Leben oder in der gewöhnlichen Wissenschaft. Im alltäglichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft bleiben wir stehen in bezug auf unsere Erkenntniskräfte bei demjenigen, was wir uns errungen haben durch die Erziehung, die gewöhnliche Erziehung, die uns bis zu einem gewissen Punkte des Lebens gebracht hat, und bei dem, was wir aus den vererbten Eigenschaften, aus den allgemein menschlichen Eigenschaften durch diese Erziehung zu machen vermögen. Dasjenige, was innerhalb der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft Erkenntnis höherer Welten genannt wird, das beruht darauf, daß man gewissermaßen eine Weitererziehung, eine Weiterentwickelung selbst in die Hand nimmt, daß man ein Bewußtsein davon erwirbt, wie man ebenso, wie man als Kind vorwärtsrücken kann zu dem gewöhnlichen Bewußtsein, so im weiteren Lebenslauf durch Selbsterziehung aufrücken kann zu einem höheren Bewußtsein. Und diesem höheren Bewußtsein enthüllen sich dann erst diejenigen Dinge, die wir sonst vergebens suchen an den beiden Grenzen des Naturerkennens, an der materiellen Grenze und an der Bewußtseinsgrenze, wobei hier Bewußtsein als das gewöhnliche verstanden wird. Von einem solchen erhöhten Bewußtsein, durch das eine weitere Stufe von Wirklichkeiten dem Menschen zugänglich wird gegenüber der gewöhnlichen alltäglichen Wirklichkeit, von einem solchen Bewußtsein, von dem wir ja gesprochen haben, redeten in alten Zeiten die orientalischen Weisen, und sie haben durch diejenigen Mittel innerer Selbsterziehung, die eben ihren Rasseeigentümlichkeiten, ihrem Entwickelungsstadium entsprachen, eine solche höhere Entwickelung angestrebt. Erst wenn man erkennt, was dem Menschen sich offenbart durch eine solche höhere Entwickelung, bemerkt man völlig den Sinn desjenigen, was uns aus den alten orientalischen Weisheitsurkunden herüberstrahlt. Wenn man dann charakterisieren soll dasjenige, was als ihren Entwickelungsweg diese Weisen genommen haben, so muß man sagen: Es war ein Weg der Inspiration. - Es war eben damals die Menschheit gewissermaßen auf die Inspiration hin angelegt. Und es wird gut sein, wenn wir uns, um diese Entwickelungswege in die höheren Erkenntnisgebiete hinein zu verstehen, zunächst vorbereitend klarmachen, wie der Entwickelungsweg dieser alten orientalischen Weisen eigentlich war. Ich bemerke nur gleich von vornherein, daß dieser Weg durchaus nicht mehr derjenige unserer abendländischen Zivilisation sein kann, denn die Menschheit ist eben in Entwickelung begriffen, die Menschheit schreitet vorwärts. Und derjenige, der — wie es viele getan haben — wiederum zurückkehren will, um höhere Entwickelungswege zu betreten, zu den alten orientalischen Weisheitsanweisungen, der will die Entwickelung der Menschheit eigentlich zurückschrauben, oder er zeigt auch, daß er kein wirkliches Verständnis hat für das menschliche Vorwärtskommen. Wir leben mit dem gewöhnlichen Bewußtsein in unserer Gedankenwelt, in unserer Gefühlswelt, in unserer Willenswelt, und wir begründen dasjenige, was da als Gedanke, Gefühl und Wille in der Seele auf und ab wogt, wir begründen es zunächst, indem wir erkennen. Auch die äußeren Wahrnehmungen, die Wahrnehmungen der physisch-sinnlichen Welt sind es eben, an denen unser Bewußtsein eigentlich erst erwacht.

[ 1 ] From my remarks on the limits of knowledge of nature, it should at least have become somewhat clear what difference exists between what is called “knowledge of higher worlds” within Spiritual Science and the kind of knowledge we speak of from the perspective of ordinary consciousness in everyday life or in conventional science. In everyday life and in conventional science, our powers of cognition remain limited to what we have acquired through education—conventional education, which has brought us to a certain point in life—and to what we are able to make of our inherited qualities, of our general human qualities, through this education. What is called “knowledge of higher worlds” within anthroposophically oriented Spiritual Science is based on the fact that one, so to speak, takes further education and further development into one’s own hands, that one acquires an awareness of how, just as one can progress as a child toward ordinary consciousness, so too, in the course of one’s life, one can advance through self-education to a higher consciousness. And it is only to this higher consciousness that those things are revealed which we otherwise seek in vain at the two boundaries of knowledge of nature—the material boundary and the boundary of consciousness—whereby consciousness here is understood in the ordinary sense. The Eastern sages of old spoke of such an elevated consciousness—through which a further level of realities becomes accessible to human beings beyond ordinary, everyday reality—of such a consciousness, of which we have indeed spoken, and they strove for such higher development through those means of inner self-education that corresponded precisely to their racial characteristics and their stage of development. Only when one recognizes what is revealed to human beings through such higher development does one fully grasp the meaning of what shines forth to us from the ancient Eastern wisdom texts. If one is then to characterize the path of development these sages took, one must say: It was a path of inspiration. — Humanity at that time was, so to speak, oriented toward inspiration. And it will be helpful, in order to understand these paths of development into the higher realms of knowledge, if we first clarify for ourselves, by way of preparation, what the path of development of these ancient Eastern sages actually was. I would just like to note right from the outset that this path can by no means be the same as that of our Western civilization, for humanity is, after all, in the process of development; humanity is moving forward. And anyone who—as many have done—wishes to turn back in order to embark on higher paths of development, returning to the ancient Eastern teachings of wisdom, is in fact seeking to reverse the progress of humanity, or is demonstrating that they have no real understanding of human advancement. We live with ordinary consciousness in our world of thought, in our world of feeling, in our world of will, and we ground what surges up and down in the soul as thought, feeling, and will; we ground it, first and foremost, through cognition. It is precisely through external perceptions—the perceptions of the physical-sensory world—that our consciousness actually first awakens.

[ 2 ] Nun handelt es sich darum, einzusehen, daß ein gewisses anderes Verhalten notwendig war für die orientalischen Weisen, für die sogenannten Initiierten des Orients, ein anderes Verhalten als dasjenige, das der Mensch im gewöhnlichen Leben hat in bezug auf die Behandlung der Wahrnehmungen, des Denkens, des Fühlens, des Wollens. Wir können zu einem Verständnis desjenigen kommen, was da eigentlich vorlag als ein Entwickelungsweg in die höheren Welten hinein, wenn wir auf folgendes hinsehen: Wir entwickeln ja in gewissen Lebensaltern zu einer größeren Freiheit, zu einer größeren Unabhängigkeit dasjenige, was wir Geistig-Seelisches nennen. Wir konnten charakterisieren, wie mit dem Zahnwechsel dasjenige Geistig-Seelische, das in den ersten Kindheitsjahren organisierend im Leibe wirkt, dann sich emanzipiert, gewissermaßen frei wird, wie dann der Mensch mit seinem Ich frei in diesem Geistig-Seelischen lebt, wie dieses GeistigSeelische sich ihm ergibt, während es vorher, wenn ich mich so ausdrücken darf, beschäftigt war damit, den Leib durchzuorganisieren. Nun aber tritt, indem wir immer mehr und mehr in das Leben hineinwachsen, dasjenige auf, was zunächst für das gewöhnliche Bewußtsein die Entwickelung dieses freigewordenen Geistig-Seelischen in die geistige Welt hinein nicht aufkommen läßt. Wir müssen als Menschen in unserem Leben zwischen Geburt und Tod den Weg machen, der uns als geeignete Wesen in die äußere Erdenwelt hineinstellt. Wir müssen uns jene Fähigkeiten aneignen, die uns Orientierungsvermögen geben in der äußeren sinnlich-physischen Welt. Wir müssen uns auch diejenigen Fähigkeiten geben, die uns zu einem brauchbaren Gliede in dem sozialen Zusammenleben mit andern Menschen machen.

[ 2 ] Now it is a matter of realizing that a certain different way of behaving was necessary for the Eastern sages—the so-called initiates of the East—a way of behaving different from that which people exhibit in ordinary life with regard to the handling of perceptions, thinking, feeling, and willing. We can gain an understanding of what was actually at work there as a path of development into the higher worlds if we consider the following: At certain stages of life, we develop what we call the spiritual-soul aspect toward greater freedom and greater independence. We could describe how, with the change of teeth, the spiritual-soul aspect—which acts in an organizing way within the body during the early years of childhood—then emancipates itself, becomes free, so to speak; how the human being then lives freely with his or her “I” within this spiritual-soul aspect; how this spiritual-soul aspect yields to him or her, whereas previously—if I may put it that way—it was occupied with organizing the body. But now, as we grow more and more into life, there arises something that, at first, prevents the ordinary consciousness from perceiving the development of this now-liberated spiritual-psychic realm into the spiritual world. As human beings, we must, in our lives between birth and death, forge the path that establishes us as suitable beings within the outer earthly world. We must acquire those abilities that give us the capacity for orientation in the outer sensory-physical world. We must also develop those abilities that make us useful members of social life with other human beings.

[ 3 ] Dasjenige, was da auftritt, das ist ein Dreifaches. Ein Dreifaches bringt uns in den richtigen Zusammenhang insbesondere mit der äußeren Menschenwelt, regelt unseren Wechselverkehr mit der äußeren Menschenwelt: Das ist die Sprache, das ist das Vermögen, die Gedanken unseres Mitmenschen zu verstehen, das ist auch, ein Verständnis, gewissermaßen eine Wahrnehmung zu gewinnen von dem Ich des andern Menschen. Indem man diese drei Dinge sagt: Sprachewahrnehmung, Gedankenwahrnehmung, Ich-Wahrnehmung, spricht man etwas aus, was sich einfach ansieht, was aber für denjenigen, der in ernster, gewissenhafter Weise Erkenntnis anstrebt, keineswegs so einfach ist. Wir sprechen eben gewöhnlich nur von fünf Sinnen, zu denen dann die neuere Physiologie einige weitere, innere fügt. Also wir haben kein vollständiges System der Sinne innerhalb der äußeren Wissenschaft. Nun, über diesen Punkt werde ich noch hier vor Ihnen sprechen. Heute will ich aber nur bemerken, daß es eine Illusion ist, wenn man glaubt, daß mit dem Sinn des Gehörs, mit der Einrichtung des Gehörs und mit demjenigen, was eine heutige Physiologie träumt als Einrichtung des Gehörs, schon gegeben wäre auch das Sprachverständnis. Geradeso wie wir einen Gehörsinn haben, ebenso haben wir einen Sprachsinn. Damit ist nicht gemeint jener Sinn, man nennt ja auch das so, der uns zum Sprechen anleitet, sondern damit ist gemeint jener Sinn, der uns ebenso befähigt, die Sprachwahrnehmung zu verstehen, wie uns der Sinn des Ohres befähigt, die Töne als solche wahrzunehmen. Und wird man einmal eine vollständige Physiologie haben, dann wird man wissen, daß dieser Sprachsinn durchaus analog ist dem andern Sinn, daß er mit Recht als ein eigener Sinn angesprochen werden kann. Er ist nur mehr verbreitet innerhalb der menschlichen Organisation als manche andere, mehr lokalisierte Sinne. Aber er ist ein scharf zu umgrenzender Sinn. Und ebenso haben wir einen Sinn, der sich allerdings fast über unsere ganze Körperlichkeit ausdehnt, zur Wahrnehmung der Gedanken des andern. Denn dasjenige, was wir im Worte wahrnehmen, ist noch nicht der Gedanke. Wir brauchen andere Organe, eine andere Organisation als die bloße Wort-Wahrnehmungsorganisation, wenn wir durch das Wort hindurch verstehen wollen den Gedanken, den uns der andere mitteilt.

[ 3 ] What appears here is a threefold entity. A threefold aspect places us in the proper context, particularly with regard to the external human world, and governs our interaction with it: this is language; this is the ability to understand the thoughts of our fellow human beings; and this is also gaining an understanding—a perception, so to speak—of the “I” of another person. By speaking of these three things—perception of language, perception of thoughts, and perception of the “I”—we are expressing something that appears simple at first glance, but which is by no means so simple for those who strive for knowledge in a serious and conscientious manner. We usually speak only of the five senses, to which modern physiology adds a few more, internal ones. So we do not have a complete system of the senses within external science. Well, I will speak further on this point here before you. Today, however, I merely wish to note that it is an illusion to believe that an understanding of language is already given through the sense of hearing, through the structure of the ear, and through what modern physiology envisions as the structure of the ear. Just as we have a sense of hearing, so too do we have a sense of language. This does not refer to that sense—which is also called by that name—that prompts us to speak, but rather to the sense that enables us to understand language perception just as the sense of hearing enables us to perceive sounds as such. And once we have a complete understanding of physiology, we will know that this sense of language is entirely analogous to the other senses, that it can rightly be referred to as a distinct sense in its own right. It is simply more widespread within the human organism than some other, more localized senses. But it is a sense that can be clearly defined. And in the same way, we have a sense—which, admittedly, extends across nearly our entire physical being—for perceiving the thoughts of others. For what we perceive in words is not yet the thought itself. We need other organs, a different system than the mere system for perceiving words, if we wish to understand, through the words, the thought that the other person is communicating to us.

[ 4 ] Und ebenso sind wir ausgestattet mit einem allerdings über unsere ganze Leibesorganisation ausgedehnten Sinn, den wir den Sinn für die Ich-Wahrnehmung des andern nennen können. In dieser Beziehung ist Ja auch unsere Philosophie in der neueren Zeit, man möchte sagen, in die Kinderschuhe hineingeraten, denn man kann heute zum Beispiel oft hören, daß man sagt: Wir begegnen einem andern Menschen, wir wissen, ein Mensch ist so und so geformt. Dadurch, daß uns das Wesen, das uns begegnet, so geformt vorkommt, wie wir uns selber wissen und daß wir als Mensch Ich-behaftet sind, so schließen wir gewissermaßen durch einen unterbewußten Schluß: Aha, der hat auch ein Ich in sich. — Das widerspricht jedem psychologischen Tatbestand. Wer wirklich beobachten kann, der weiß, daß es eine unmittelbare Wahrnehmung ist, nicht ein Analogieschluß, durch die wir zu der Wahrnehmung des andern, des fremden Ich kommen. Es ist eigentlich nur ein Freund, möchte ich sagen, oder ein Verwandter der Göttinger Husserl-Schule, Max Scheler, der eben darauf gekommen ist auf dieses unmittelbare Wahrnehmen des Ich des andern. So daß wir, ich möchte sagen, nach oben hin, über die gewöhnlichen Menschensinne hinaus, noch zu unterscheiden haben drei Sinne, den Sprachsinn, den Gedankensinn, den Ichsinn. Diese Sinne, die kommen in demselben Maße im Laufe der menschlichen Entwickelung hervor, in dem eben dasjenige hervorkommt, was sich nach und nach von der Geburt bis zum Zahnwechsel absondert in derjenigen Wesenheit, die ich Ihnen charakterisiert habe.

[ 4 ] And in the same way, we are endowed with a sense—one that extends throughout our entire physical organism, however—which we might call the sense of the other’s sense of self. In this regard, our philosophy in more recent times has, one might say, been in its infancy, for today, for example, one often hears people say: We encounter another person; we know that a person is shaped in such and such a way. Because the being we encounter appears to us to be shaped in the same way that we know ourselves to be, and because we, as human beings, possess a “self,” we draw a sort of subconscious conclusion: “Aha, that person also has a ‘self’ within them.” — This contradicts every psychological fact. Anyone who is truly capable of observation knows that it is a direct perception—not an inference by analogy—through which we arrive at the perception of the other, of the foreign “I.” It is actually only one friend, I would say—or a relative—of the Göttingen Husserl School, Max Scheler, who has just arrived at this direct perception of the other’s “I.” So that, I would say, on a higher level, beyond the ordinary human senses, we must still distinguish three senses: the sense of language, the sense of thought, and the sense of the “I.” These senses emerge in the course of human development to the same extent that what gradually separates itself—from birth through the change of teeth—in the very being I have described to you.

[ 5 ] Diese drei Sinne, sie weisen uns zunächst auf den Wechselverkehr mit der andern Menschheit hin. Wir werden gewissermaßen hineingeleitet in das soziale Leben unter andern Menschen dadurch, daß wir diese drei Sinne haben. Aber der Weg, der durch diese drei Sinne genommen wird, der wurde eben zum Zwecke der höheren Erkenntnis von den alten, namentlich indischen Weisen in einer andern Art genommen. Es wurde für dieses Ziel der höheren Erkenntnis nicht so die Seele nach den Worten hin bewegt, daß man durch diese Worte zum Verständnis desjenigen kommen wollte, was ein anderer sagte. Es wurde die Seele mit ihren Kräften nicht so zu den Gedanken hingelenkt, daß man dabei die Gedanken des andern wahrnahm, und nicht so zum Ich hingelenkt, daß man dadurch mitfühlend wahrnahm dieses Ich des andern. Das wurde dem gewöhnlichen Leben überlassen. Wenn der Weise sozusagen aus seinem Streben nach der höheren Erkenntnis, aus seinem Verweilen in geistigen Welten, wiederum zurückging in die gewöhnliche Welt, dann brauchte er diese drei Sinne im gewöhnlichen Sinne. Dann aber, wenn er ausbilden wollte die Methode der höheren Erkenntnis, dann brauchte er diese drei Sinne in anderer Art. Er ließ gewissermaßen die Kraft der Seele nicht durchdringen durch das Wort beim Zuhorchen, beim Sprachwahrnehmen, um durch das Wort hindurch auf den andern Menschen begreifend zu kommen, sondern er blieb beim Worte selbst stehen. Er suchte nichts hinter dem Worte. Er lenkte den Strom des Seelenlebens nur bis zum Worte. Dadurch ergab sich ihm ein verstärktes Wahrnehmen des Wortes. Er verzichtete auf das Verstehen von etwas anderem durch das Wort. Er lebte mit seinem ganzen Seelenleben in das Wort hinein, ja er gebrauchte das Wort beziehungsweise die Wortfolge so, daß er sich ganz in das Wort hineinleben konnte. Er bildete gewisse Sprüche aus, einfache, wortschwere Sprüche, bei denen er ganz im Wortklange, im Worttone drinnen zu leben sich bestrebte. Und er ging mit seinem ganzen Seelenleben mit mit dem Klang des Wortes, den er sich vorsagte. Das führte dann zur Ausbildung solchen Lebens in Sprüchen, in den sogenannten «Mantren». Die mantrische Kunst, das Leben in den Sprüchen, es besteht darinnen, daß man nicht durch die Sprüche hindurch das Inhaltliche der Worte versteht, sondern daß man die Sprüche selbst wie ein Musikalisches erlebt, daß man die Sprüche selbst mit der eigenen Seelenkraft verbindet, daß man darinnen bleibt in den Sprüchen, daß man durch fortwährendes Wiederholen seine Seelenkraft, die in den Sprüchen lebt, verstärkt, daß man durch immer und immer fortwährendes Sich-Vorsagen dieser Sprüche seine Seelenkraft verstärkt. Diese Kunst, sie wurde nach und nach in hohem Maße ausgebildet und sie verwandelte jene Kraft, die wir sonst in der Seele tragen, um durch das Wort den andern Menschen zu verstehen, sie verwandelte diese Kraft in eine andere. Es ging in der Seele eine Kraft auf an dem Hersagen und Wiederholen des mantrischen Spruches, es ging in der Seele eine Kraft auf durch die Wiederholung des Mantrams, die nun nicht hinüberführte zu andern Menschen, sondern die hineinführte in die geistige Welt. Und hat man die Seele so erzogen an den Mantren, hat man es so weit gebracht, daß man innerlich verspürt das Weben und Strömen dieser Seelenkraft, die sonst unbewußt bleibt, weil alle Aufmerksamkeit auf das Verstehen des andern durch das Wort gerichtet ist, hat man es dazu gebracht, daß man solche Kraft so fühlt als eine seelische Kraft, wie man sonst fühlt die Muskelanspannung, wenn man mit dem Arm etwas ausführen will, dann hat man sich reif gemacht, zu erfassen dasjenige, was in der Kraft, in der höheren Kraft des Gedankens liegt. Im gewöhnlichen Leben sucht man durch den Gedanken hinüberzukommen zum andern Menschen. Mit dieser Kraft aber ergreift man den Gedanken in einer ganz andern Art. Man ergreift das Gedankenweben in der äußeren Wirklichkeit. Man lebt sich hinein in die äußere Wirklichkeit. Man lebt sich hinauf zu dem, was ich Ihnen beschrieben habe als Inspiration.

[ 5 ] These three senses first draw our attention to our interaction with the rest of humanity. In a sense, we are guided into social life among other people by the very fact that we possess these three senses. But the path taken through these three senses was, for the sake of higher knowledge, taken in a different way by the ancient sages, particularly the Indian sages. For the purpose of this higher knowledge, the soul was not directed toward words in such a way as to seek, through those words, an understanding of what another person was saying. The soul, with its powers, was not directed toward thoughts in such a way as to perceive the thoughts of another, nor was it directed toward the “I” in such a way as to perceive the other’s “I” with empathy. That was left to ordinary life. When the sage, so to speak, returned from his pursuit of higher knowledge—from his sojourn in spiritual worlds—to the ordinary world, he needed these three senses in the ordinary sense. But when he wished to develop the method of higher knowledge, he needed these three senses in a different way. He did not, so to speak, allow the power of the soul to penetrate through the word while listening or perceiving speech—in order to arrive at an understanding of the other person through the word—but rather he stopped at the word itself. He sought nothing behind the word. He directed the flow of his soul life only as far as the word. This resulted in a heightened perception of the word for him. He refrained from seeking to understand anything else through the word. He immersed his entire soul life in the word; indeed, he used the word—or rather, the sequence of words—in such a way that he could live entirely within the word. He formulated certain sayings—simple, word-heavy sayings—in which he strove to live entirely within the sound and tone of the words. And he moved with his entire soul life in step with the sound of the words he recited to himself. This then led to the development of such a way of life in sayings, in the so-called “mantras.” The art of mantras—life within the sayings—consists in not understanding the meaning of the words through the sayings themselves, but rather in experiencing the sayings themselves as something musical, in connecting the sayings themselves with one’s own soul power, in remaining within the sayings, and in strengthening, through constant repetition, one’s soul power that lives within the sayings, and that, by reciting these phrases to oneself over and over again, one strengthens one’s soul power. This art was gradually developed to a high degree, and it transformed that power which we otherwise carry within the soul—the power to understand other people through the word—into something else. A force arose in the soul through the recitation and repetition of the mantric verse; a force arose in the soul through the repetition of the mantra, which now did not lead toward other people, but led into the spiritual world. And once one has trained the soul in this way through the mantras, once one has progressed to the point where one inwardly senses the weaving and flowing of this soul force—which otherwise remains unconscious because all attention is directed toward understanding others through speech—one has reached the point where one perceives such a force as a soul force, just as one otherwise perceives muscle tension, when one wants to perform an action with one’s arm—then one has prepared oneself to grasp that which lies in the power, in the higher power of thought. In ordinary life, one seeks to reach out to another person through thought. With this power, however, one grasps thought in an entirely different way. One grasps the weaving of thought in external reality. One immerses oneself in external reality. One ascends to what I have described to you as inspiration.

[ 6 ] Und dann kommt man auch dahin auf diesem Wege, statt sich hinüberzuleben zum Ich des andern Menschen, sich hinaufzuleben zu den Ichen von individualisierten geistigen Wesenheiten, die uns ebenso umgeben, wie uns umgeben die Wesenheiten der sinnlichen Welt. Dasjenige, was ich Ihnen hier schildere, war für den alten orientalischen Weisen eine Selbstverständlichkeit. Er wanderte gewissermaßen seelisch so hinauf zu der Wahrnehmung einer Geistwelt. Er erlangte im höchsten Maße dasjenige, was man Inspiration nennen kann, und er war gerade für diese Inspiration organisiert. Er brauchte nicht so wie der Abendländer zu fürchten, daß sein Ich ihm irgendwie verlorengehen könne bei dieser Wanderung hinaus aus dem Leibe. Und in den späteren Zeiten, in denen, weil die Menschheit schon vorwärtsentwickelt war, auch der Zustand eintrat, daß man sehr leicht ohne sein Ich da hinauskommen konnte in die äußere Welt, da wurde Vorsorge getroffen. Es wurde dafür gesorgt, daß der Betreffende, der der Schüler der höheren Weisheit werden sollte, nicht ungeleitet in diese geistige Welt hineinkam und etwa in jene Zweifelsucht pathologisch verfiel, von der ich in diesen Tagen hier gesprochen habe. In den alten orientalischen Zeiten wäre das wegen der Rasseneigenschaft ja ohnedies nicht zu fürchten gewesen. Aber beim weiter Fortrücken der Menschheit war es doch zu fürchten. Daher jene Vorsicht, welche gerade in den orientalischen Weisheitsschulen strenge gebraucht worden ist, die Schüler zu verweisen darauf, daß sie sich anlehnten an eine nicht äußere Autorität — das, was wir heute unter Autorität verstehen, kam im Grunde genommen erst in der abendländischen Zivilisation auf —, sondern durch ein selbstverständliches Sich-Anpassen an die Verhältnisse suchte man zu entwickeln in dem Schüler ein SichAnlehnen an den Führer, an den Guru. Das, was der Führer darlebte, das, wie der Führer für sich drinnenstand ohne Zweifelsucht, ja auch nur ohne Hinneigung zur Zweifelsucht, in der geistigen Welt, das nahm einfach der Schüler wahr, und an diesem Wahrnehmen gesundete er selbst so weit bei seinem Hineingehen in die Inspiration, daß ihn die pathologische Zweifelsucht nicht erreichen konnte.

[ 6 ] And then, by following this path, instead of living our way over to the “I” of another human being, we live our way up to the “I”s of individualized spiritual beings who surround us just as the beings of the sensory world surround us. What I am describing to you here was a matter of course for the ancient Eastern sage. In a sense, he made this spiritual ascent toward the perception of a spiritual world. He attained to the highest degree what one might call inspiration, and he was organized precisely for this inspiration. Unlike Westerners, he did not need to fear that his “I” might somehow be lost to him during this journey out of the body. And in later times, when—because humanity had already advanced—a situation arose in which one could very easily venture out into the outer world without one’s “I,” precautions were taken. Measures were taken to ensure that the individual who was to become a student of higher wisdom would not enter this spiritual world unguided and perhaps fall into that pathological state of doubt of which I have spoken here in recent days. In ancient Eastern times, this would not have been a cause for concern anyway, due to the characteristics of the race. But as humanity progressed further, it did become a cause for concern. Hence the caution—which was strictly observed especially in the Eastern schools of wisdom—to remind the students that they were relying on an authority that was not external —what we understand today as “authority” essentially arose only in Western civilization—but rather, through a natural adaptation to circumstances, they sought to develop in the student a reliance on the guide, on the guru. What the guide embodied—the way the guide stood within himself, free from doubt, indeed free even from any inclination toward doubt, in the spiritual world—the student simply perceived, and through this perception he healed himself to such an extent as he entered into inspiration that pathological doubt could not reach him.

[ 7 ] Aber auch wenn so dasjenige, was geistig-seelisch ist, bewußt herausgezogen wird aus dem physischen Leib, stellt sich ja dann ein anderes ein. Es stellt sich das ein, daß dann der Mensch wiederum eine Verbindung herstellen muß mit dem physischen Leib, die jetzt auch bewußter werden muß. Ich habe heute morgen gesagt, es darf nicht das Pathologische eintreten, daß der Mensch gewissermaßen nur egoismusbehaftet, nicht liebend, untertaucht in seinen physischen Leib, denn dadurch ergreift er in falscher Weise seinen physischen Leib. Auf naturgemäße Weise, so sagte ich, ergreift ja der Mensch seinen physischen Leib, indem er zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre diesem Leib den Liebesinstinkt einprägt. Aber gerade auch dieses naturgemäße Einprägen des Liebesinstinktes kann pathologisch verlaufen. Dann stellen sich eben diejenigen Schäden heraus, die ich als die pathologischen Zustände heute morgen geschildert habe. Das allerdings konnte auch den Schülern der alten orientalischen Weisen passieren, daß, wenn sie heraußen waren aus ihrem physischen Leib, sie nicht wiederum die Möglichkeit fanden, das Geistig-Seelische in der rechten Weise mit diesem physischen Leibe zu verbinden. Da wurde eine andere Vorsichtsmaßregel gebraucht, eine Vorsichtsmaßregel, auf die ja die Psychiater, manche wenigstens, zurückgekommen sind, indem sie Menschen, die an Agoraphobie oder dergleichen erkrankt sind, zu heilen hatten. Das sind Waschungen, kalte Waschungen. Das sind durchaus physische Maßregeln, die da zu ergreifen sind. Und wenn Sie hören, daß in den orientalischen Mysterien - das sind die Initiationsschulen, die Schulen, die zur Inspiration führen sollten — auf der einen Seite die Vorsichtsmaßregel der Anlehnung an den Guru gebraucht worden ist, so hören Sie auf der andern Seite von allem möglichen, was an Vorsichtsmaßregeln durch kalte Waschungen und Ähnliches angewendet worden ist. Versteht man die menschliche Natur so, wie man sie durch Geisteswissenschaft verstehen kann, dann versteht man auch dasjenige, was sonst ziemlich rätselhaft klingt in diesen alten Mysterien. Geschützt wurde der Mensch davor, daß er durch eine mangelhafte Verbindung seines Geistig-Seelischen mit dem Physischen ein falsches Raumgefühl bekam, ein falsches Raumgefühl, das ihn zu Platzfurcht und Ähnlichem treiben konnte, das ihn auch dazu treiben konnte, nun nicht in der regelrechten Weise seinen sozialen Verkehr mit dem andern Menschen zu suchen. Das ist ja eine Gefahr, aber eine Gefahr, die vermieden werden kann und soll und muß bei jeder Anleitung zur höheren Erkenntnis, das ist eine Gefahr, weil, wenn der Mensch auf diese Weise den Weg zur Inspiration sucht, wie ich es beschrieben habe, er dann in einer gewissen Weise ausschaltet die Wege der Sprache, des Denkens zum Ich, zu dem andern Menschen, und er dann, wenn er in krankhafter Weise sein Leibliches verläßt, auch wenn es nicht zum Zwecke einer höheren Erkenntnis ist, sondern wenn es nur herausgefordert ist durch pathologische Zustände, er dann abkommen kann davon, den Wechselverkehr mit den andern Menschen in der richtigen Weise zu pflegen. Er kann dadurch dann geradezu das, was sich in normaler, ja in zweckentsprechender Weise entwickelt durch geregelte Geistesforschung, er kann das abnorm pathologisch entwickeln. Dann stellt er eine Verbindung des Geistig-Seelischen mit seinem Leibe her, so daß er sich so egoistisch in seinem Leibe fühlt durch ein zu starkes Untertauchen in seinen Leib, daß er den Verkehr mit andern Menschen hassen lernt und er ein unsoziales Wesen wird. Man kann oftmals in recht fürchterlicher Weise die Folgen eines solchen pathologischen Zustandes in der Welt kennenlernen. Ich habe ein merkwürdiges Menschenexemplar dieser Gattung kennengelernt, ein Menschenexemplar, welches aus einer Familie stammte, die neigte zu einem gewissen Freiwerden des Geistig-Seelischen vom Physischen, die auch Persönlichkeiten in sich schloß -— eine lernte ich auch sehr genau kennen -, die den Weg in die geistigen Welten hinein suchten. Aber gewissermaßen ein entartetes Individuum dieser Familie bildete dieselbe Tendenz in krankhafter, pathologischer Weise aus und kam zuletzt dazu, überhaupt nichts mehr an den eigenen Leib herankommen zu lassen, was irgendwie von der Außenwelt her an diesen Leib herankommen wollte. Essen mußte dieser Mensch wohl, aber — wir reden ja unter erwachsenen Menschen — waschen tat er sich mit seinen eigenen Ausscheidungen, weil er Furcht hatte vor jedem Wasser, das von der Außenwelt kam. Und was er sonst zu tun pflegte, um sich ganz und gar abzuschließen, das mag ich nun doch nicht schildern, was er alles tat, um diesen Leib abzusondern von der Außenwelt, um sich ganz und gar zu einem antisozialen Wesen zu machen, was er alles tat, weil sein Geistig-Seelisches zu tief eingetaucht war in die Leiblichkeit, weil es zu stark, zu intensiv verbunden war mit dieser Leiblichkeit.

[ 7 ] But even if what is spiritual and soul-related is consciously drawn out of the physical body in this way, something else then takes its place. What happens is that the human being must once again establish a connection with the physical body, a connection that must now also become more conscious. I said this morning that the pathological condition must not arise in which a person, so to speak, immersed in his physical body while being dominated by selfishness and lacking love, for in this way he grasps his physical body in a wrong manner. In a natural way, as I said, a person grasps his physical body by imprinting the instinct of love upon it between the ages of seven and fourteen. But precisely this natural imprinting of the instinct of love can also take a pathological course. Then the very damages arise that I described this morning as pathological conditions. This, however, could also happen to the disciples of the ancient Eastern sages: that when they were outside their physical body, they did not find the means to reconnect the spiritual-soul aspect with this physical body in the right way. In such cases, a different precautionary measure was required—a measure to which psychiatrists, at least some of them, have returned when treating people suffering from agoraphobia or similar conditions. These are ablutions, cold ablutions. These are entirely physical measures that must be taken. And when you hear that in the Eastern mysteries—that is, the schools of initiation, the schools intended to lead to inspiration—the precautionary measure of leaning on the guru was used on the one hand, you also hear, on the other hand, of all sorts of precautionary measures that were applied through cold ablutions and the like. If one understands human nature as it can be understood through Spiritual Science, then one also understands what otherwise sounds rather enigmatic in these ancient mysteries. People were protected from developing a false sense of space due to an inadequate connection between their spiritual-soul aspect and their physical body—a false sense of space that could drive them to a fear of open spaces and similar conditions, and that could also prevent them from seeking social interaction with others in the proper way. This is indeed a danger, but one that can, should, and must be avoided in any guidance toward higher knowledge; it is a danger because, when a person seeks the path to inspiration in the way I have described, he then, in a certain sense, shuts off the pathways of language and thought leading to the “I” and to other people; and when he leaves his physical body in a pathological manner—even if not for the purpose of higher knowledge, but merely as a result of pathological conditions—he may then lose the ability to maintain proper interaction with other people. As a result, they may develop in an abnormal, pathological way precisely what normally—indeed, appropriately—develops through systematic spiritual research. He then establishes a connection between his spiritual-soul aspect and his body in such a way that, through an excessive immersion in his body, he feels so self-centered within it that he learns to hate interaction with other people and becomes an antisocial being. One can often witness the consequences of such a pathological condition in the world in quite dreadful ways. I once met a remarkable individual of this kind, a person who came from a family that tended toward a certain liberation of the spiritual-soul aspect from the physical, a family that also included individuals—one of whom I came to know very well—who sought the path into the spiritual worlds. But, in a sense, a degenerate individual from this family developed the same tendency in a morbid, pathological way and eventually reached the point where he would not allow anything from the outside world that sought to come into contact with his body to touch him at all. This person certainly had to eat, but—since we’re speaking among adults—he washed himself with his own excretions because he was afraid of any water that came from the outside world. And as for what else he used to do to shut himself off completely—I’d rather not describe all the things he did to isolate this body from the outside world, to turn himself entirely into an antisocial being—all the things he did because his spiritual and soul life was too deeply immersed in physicality, because it was too strongly, too intensely connected to this physicality.

[ 8 ] Es liegt durchaus auch im Sinn des Goetheanismus, in dieser Weise das eine, das zum Höchsten führt, was wir zunächst als Erdenmenschen erreichen können, zusammenzubringen mit demjenigen, was in die pathologischen Niederungen führt. Man braucht sich ja nur ein wenig bekanntzumachen mit der Goetheschen Metamorphosenlehre und man wird das sehen. Goethe sucht zu erkennen, wie sich die einzelnen Glieder, zum Beispiel der Pflanze, auseinander entwickeln, und damit er erkennt, wie sich die Dinge metamorphosieren, blickt er mit besonderer Vorliebe hin auf diejenigen Zustände, die durch Entartung eines Blattes, durch Entartung einer Blüte, durch Entartung der Staubgefäße entstehen. Goethe ist sich klar darüber, daß im Anblicke des Pathologischen dem richtig Schauenden sich gerade die wahre Wesenheit des Gesunden enthüllen könne. Und man kann auch nur einen richtigen Weg in die geistige Welt hinein tun, wenn man weiß, worinnen das Wesen der Menschennatur eigentlich liegt, in welch mannigfaltiger Weise sich dieses komplizierte Wesen der Menschennatur äußern kann.

[ 8 ] It is certainly in the spirit of Goetheanism to bring together in this way that which leads to the highest—what we, as earthly human beings, can initially attain—with that which leads into the pathological depths. One need only familiarize oneself a little with Goethe’s theory of metamorphosis to see this. Goethe seeks to understand how the individual parts—of a plant, for example—develop separately, and in order to understand how things undergo metamorphosis, he looks with particular interest at those conditions that arise from the degeneration of a leaf, the degeneration of a flower, or the degeneration of the stamens. Goethe is well aware that, in observing the pathological, the true nature of the healthy can be revealed to the discerning observer. And one can only take a true path into the spiritual world if one knows where the essence of human nature actually lies, and in what manifold ways this complex essence of human nature can manifest itself.

[ 9 ] Aber wir sehen auch an anderem, daß gewissermaßen der Orientale noch in der Spätzeit darauf angelegt war, beim Worte stehenzubleiben, nicht durch das Wort hindurch die Seelenkräfte zu leiten, sondern im Worte drinnen zu leben. Wir sehen es zum Beispiel an den Reden Buddhas. Man lese einmal diese Reden Buddhas mit ihren vielen Wiederholungen. Ich habe abendländische Menschen kennengelernt, die liebten diejenigen Buddha-Ausgaben, wo die vielen Wiederholungen bis auf den einmaligen Wortlaut eines Satzes zusammengestrichen waren, und dann glaubten die Leute, wenn sie einen so zusammengestrichenen Buddha hatten, in dem alles nur einmal vorkommt, da gewinnen sie eine Erkenntnis von dem wirklichen Inhalt desjenigen, was Buddha eigentlich gemeint hat. So bar allen Verständnisses des orientalischen Wesens ist nach und nach die abendländische Zivilisation geworden. Denn wenn man nur dasjenige aufnimmt, was wortwörtlich in den Reden des Buddha liegt, was jenem Inhalte nach, den wir als abendländische Menschen schätzen, jenem Inhalte nach in den Reden Buddhas liegt, dann nimmt man nicht dasjenige, was Buddhas Anschauungen sind, in sich auf, sondern die nimmt man nur auf, wenn man mitgeht mit den Wiederholungen, wenn man will leben in den Worten, wenn man will leben in jener Verstärkung der Seelenkraft, die durch die Wiederholungen entsteht. Wenn man sich nicht aneignet eine Fähigkeit, etwas zu empfinden bei den immer fortwährenden Wiederholungen und der rhythmischen Wiederkehr gewisser Passagen, so kommt man nicht hinein in dasjenige, was mit dem Buddhismus eigentlich gemeint ist.

[ 9 ] But we can also see from other sources that, in a sense, even in later times, people of the East were still inclined to dwell on the word itself—not to channel the powers of the soul through the word, but to live within the word. We see this, for example, in the discourses of the Buddha. One need only read these discourses of the Buddha with their many repetitions. I have met Westerners who loved those editions of the Buddha’s teachings in which the many repetitions had been pared down to the single wording of each sentence, and then these people believed that by having such an abridged version of the Buddha—in which everything occurs only once—they would gain insight into the true content of what the Buddha actually meant. Thus, Western civilization has gradually become devoid of any understanding of the Eastern essence. For if one takes in only what is found word for word in the Buddha’s discourses—that is, the content that we, as Westerners, value, the content found in the Buddha’s discourses—then one does not take in the Buddha’s actual views; rather, one takes them in only when one goes along with the repetitions, when one wishes to live within the words, if one wishes to live within that strengthening of the soul’s power that arises through the repetitions. If one does not develop the ability to feel something in the ceaseless repetitions and the rhythmic recurrence of certain passages, then one does not enter into what Buddhism actually means.

[ 10 ] So muß man sich bekanntmachen mit dem inneren Wesen der morgenländischen Kultur. Denn ohne diese Bekanntschaft mit dem inneren Wesen der morgenländischen Kultur gelangt man schließlich nicht einmal zu einem wirklichen Verständnis unserer abendländischen Religionsbekenntnisse, denn im Grunde genommen stammen letzten Endes diese abendländischen Religionsbekenntnisse aus der orientalischen Weisheit. Etwas anderes ist das Christus-Ereignis. Das ist eine Tatsache. Das steht da als eine Tatsache in der Erdenentwickelung. Aber die Art und Weise, wie man das zu verstehen hat, was durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist, die war durchaus in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung aus der orientalischen Weisheit heraus genommen. Mit orientalischer Weisheit verstand man zunächst das Grundereignis des Christentums. Aber alles schreitet vorwärts. Dasjenige, was einstmals im Oriente vorhanden war in dieser Urweisheit, die durch Inspiration errungen wurde, im Griechentum ist es noch bemerkbar, indem es sich herüberentwickelt hat aus dem Oriente nach Griechenland, im Griechentum ist es noch bemerkbar als Kunst. In der griechischen Kunst wurde denn doch noch etwas anderes erlebt als dasjenige, was wir gewöhnlich heute in der Kunst erleben. In der griechischen Kunst wurde noch erlebt dasjenige, wozu sich Goethe wiederum heranerziehen wollte, indem er seine innersten Triebe ausdrückte mit dem Worte: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen beginnt, der empfindet eine tiefe Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst. — Für den Griechen war die Kunst noch ein Hineingleiten in die Geheimnisse des Weltendaseins, war die Kunst nicht bloß eine Offenbarung der Menschenphantasie, sondern eine Offenbarung desjenigen, was aus einer Wechselwirkung der menschlichen Phantasie mit den Offenbarungen der Geistwelt durch Inspiration hervordringt. Aber immer mehr und mehr, ich möchte sagen, verdünnte sich dasjenige, was noch durch die griechische Kunst floß, und wurde zum Inhalte der abendländischen Religionsbekenntnisse. Wir haben es zu tun beim Ursprunge der Urweisheit mit einem vollinhaltlichen Geistesleben, wir haben es aber in der weiteren Entwickelung damit zu tun, daß dieses vollinhaltliche Geistesleben sich verdünnt und daß es endlich ankommt im Abendländischen und den Inhalt der abendländischen Religionsbekenntnisse bildet. So daß diejenigen Menschen, die dann für ein anderes Zeitalter veranlagt sind, in dem, was da als Verdünnung entstanden ist, nur etwas sehen können, dem sie eben mit Skepsis begegnen. Und im Grunde genommen ist es nichts anderes als die Reaktion des abendländischen Gemütes auf die orientalische Weisheit, die in die Dekadenz gekommen ist, was sich als atheistischer Skeptizismus im Abendlande allmählich entwickelt und was immer weiter und weiter kommen muß, wenn nicht eine andere Geistesströmung ihm begegnet. Ebensowenig wie man ein Naturwesen, das eine bestimmte Entwickelung, sagen wir, eine Altersentwickelung erreicht hat, wiederum durchgreifend jung machen kann, ebensowenig kann man dasjenige, was sich geistig-seelisch entwickelt, wenn es in einen Alterszustand verfallen ist, wiederum durchgreifend jung machen. Aus den Religionsbekenntnissen des Abendlandes, die Abkömmlinge sind der orientalischen Urweisheit, läßt sich nichts machen, was die Menschheit wiederum voll erfüllen kann, wenn diese Menschheit vorrückt aus den Erkenntnissen heraus, die nun für diese abendländische Menschheit seit drei bis vier Jahrhunderten aus dem Naturwissen heraus und aus der Naturbeobachtung heraus gewonnen worden sind. Es muß sich ein immer weitergehender Skeptizismus entwickeln. Und derjenige, der die Weltentwickelung durchschaut, der kann geradezu davon sprechen, daß von Osten nach Westen ein Zug der Entwickelung geht, welcher nach dem Skeptizismus sich hinbewegt, das heißt, daß sich von Osten nach Westen ein Geistesleben bewegt, das, indem es aufgenommen wird von den immer mehr und mehr in das Abendländische sich hineinlebenden Gemütern, zu einem immer stärkeren Skeptizismus führen muß. Der Skeptizismus ist einfach der Marsch des Geisteslebens von dem Osten nach dem Westen, und ihm muß begegnet werden mit einer andern geistigen Strömung, die nunmehr geht vom Westen nach dem Osten. Und wir leben in der Kreuzung dieser geistigen Strömungen und wollen sehen im weiteren Verlaufe dieser Betrachtungen, wie wir in der Kreuzung drinnen leben.

[ 10 ] One must therefore familiarize oneself with the inner essence of Eastern culture. For without this familiarity with the inner essence of Eastern culture, one ultimately cannot even arrive at a true understanding of our Western religious creeds, since, in the final analysis, these Western religious creeds ultimately stem from Eastern wisdom. The Christ event is something else entirely. That is a fact. It stands there as a fact in the development of the Earth. But the way in which one is to understand what took place through the Mystery of Golgotha was, in the first centuries of Christian development, derived entirely from Eastern wisdom. Eastern wisdom was initially used to understand the fundamental event of Christianity. But everything moves forward. What once existed in the East in this primordial wisdom, attained through inspiration—and is still discernible in Greek culture, having developed from the East into Greece—is still discernible in Greek culture as art. In Greek art, something different was experienced than what we usually experience in art today. In Greek art, people still experienced what Goethe sought to return to when he expressed his innermost impulses with the words: “To whom nature begins to reveal her manifest mystery, there arises a deep longing for her most worthy interpreter, art.” — For the Greeks, art was still a slipping into the mysteries of worldly existence; art was not merely a revelation of the human imagination, but a revelation of that which emerges through inspiration from an interaction between the human imagination and the revelations of the spiritual world. But more and more—I would say—that which still flowed through Greek art became diluted and became the content of Western religious creeds. At the origin of primordial wisdom, we are dealing with a spiritual life rich in content, but in its further development, we are dealing with the fact that this rich spiritual life becomes diluted and ultimately finds its way into the Western world, forming the content of Western religious creeds. Thus, those people who are predisposed to a different age can see in what has arisen as a dilution only something they regard with skepticism. And, fundamentally speaking, it is nothing other than the reaction of the Western mind to Eastern wisdom that has fallen into decadence—a reaction that gradually develops into atheistic skepticism in the West and that must continue to advance further and further unless another spiritual current counters it. Just as one cannot thoroughly rejuvenate a natural being that has reached a certain stage of development—let us say, a state of old age—one cannot, either, thoroughly rejuvenate that which develops spiritually and psychologically once it has fallen into a state of old age. Nothing can be derived from the religious creeds of the West—which are descendants of primordial Eastern wisdom—that can fully satisfy humanity again, as humanity advances on the basis of the insights that have now been gained for Western humanity over the past three to four centuries through the study of nature and the observation of nature. An ever-increasing skepticism must develop. And anyone who sees through the course of world development can speak quite plainly of a current of development moving from East to West that is heading toward skepticism—that is to say, a spiritual life is moving from East to West which, as it is taken up by minds that are becoming ever more immersed in Western culture, must lead to ever-stronger skepticism. Skepticism is simply the march of spiritual life from the East to the West, and it must be met with another spiritual current that now flows from the West to the East. And we live at the intersection of these spiritual currents, and we shall see in the further course of these reflections how we live within that intersection.

[ 11 ] Zunächst ist aber darauf aufmerksam zu machen, daß das abendländische Gemüt mehr daraufhin angelegt ist, eine andere Entwickelung nach den höheren Welten zu nehmen als das morgenländische Gemüt. Wie das morgenländische Gemüt strebt nach der Inspiration zunächst und daraufhin rassenmäßig veranlagt ist, so strebt das abendländische Gemüt durch seine besondere Seelenanlage - es sind jetzt sogar weniger Rassenanlagen als Seelenanlagen — nach der Imagination. Es ist nicht mehr das Erleben desjenigen, was im mantrischen Spruch musikalisch vorhanden ist, nach dem wir als Abendländer streben sollen, es ist ein anderes. Wir sollen als Abendländer so streben, daß wir nun nicht besonders stark verfolgen denjenigen Weg, der folgt dem Hinaustreten des Geistig-Seelischen aus dem Leibe, sondern daß wir vielmehr folgen dem Späteren, das eintritt, wenn sich wiederum bewußt verbinden soll im Ergreifen des physischen Leibes das GeistigSeelische mit der physischen Organisation. Wir sehen das natürliche Phänomen in der Entstehung des Leibesinstinktes: Während der Orientale seine Weisheit mehr gesucht hat, indem er zu einem Höheren ausgebildet hat dasjenige, was zwischen der Geburt und dem siebenten Jahre liegt, ist der Abendländer mehr dazu organisiert, dasjenige weiter zu verfolgen, was zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife liegt, indem in das Geistig-Seelische hinaufgeführt wird dasjenige, was für diese Epoche der Menschheit das Natürliche ist. Das aber erlangen wir, wenn wir — ebenso wie man hineinnehmen muß in die Inspiration das Ich — das Ich nun heraußen lassen, indem wir wieder untertauchen in unsere Leiblichkeit, aber nicht es etwa unbeschäftigt lassen heraußen, nicht etwa es vergessen, nicht etwa es aufgeben, es in die Unbewußtheit hinunterdrängen, sondern gerade dieses Ich verbinden mit dem reinen Denken, mit dem klaren, scharfen Denken, so daß man zuletzt das innere Erlebnis hat: Dein Ich ist ganz stark durchzogen von all dem scharfen Denken, zu dem du es zuletzt gebracht hast. Man kann geradezu dieses Erlebnis des Untertauchens haben in einer sehr klaren, in einer sehr ausgesprochenen Weise. Und ich darf Ihnen vielleicht an dieser Stelle von einem persönlichen Erlebnis sprechen, weil Sie dieses Erlebnis hinführen wird zu dem, was ich hier eigentlich meine.

[ 11 ] First, however, it should be noted that the Western mind is more inclined to follow a different path of development toward the higher worlds than the Eastern mind. Just as the Eastern mind strives first and foremost for inspiration—and is racially predisposed to do so—so the Western mind, through its particular soul disposition—which is now less a matter of racial predisposition than of soul disposition—strives for imagination. It is no longer the experience of what is musically present in the Mantric chant that we, as Westerners, should strive for; it is something else. As Westerners, we should strive not so much to follow the path that involves the spiritual-soul aspect stepping out of the body, but rather to follow the later stage, which occurs when the spiritual-soul aspect is to consciously reconnect with the physical organization in the act of taking hold of the physical body. We see this natural phenomenon in the development of the bodily instinct: While the Eastern person has sought wisdom more by elevating to a higher level that which lies between birth and the age of seven, the Westerner is more inclined to pursue that which lies between the change of teeth and sexual maturity, by raising into the spiritual-soul realm that which is natural for this epoch of humanity. But we attain this when—just as one must bring the “I” into inspiration—we now let the “I” go outward by immersing ourselves once more in our physicality, but not leaving it idle out there, not forgetting it, not giving it up, not pushing it down into the unconscious, but rather connecting this very “I” with pure thinking, with clear, sharp thinking, so that one ultimately has the inner experience: Your “I” is thoroughly permeated by all the sharp thinking to which you have most recently brought it. One can actually have this experience of immersion in a very clear, very distinct way. And perhaps I may speak to you here of a personal experience, because this experience will lead you to what I actually mean here.

[ 12 ] Ich habe Ihnen gesprochen von der Konzeption meiner «Philosophie der Freiheit». Diese «Philosophie der Freiheit» ist wirklich ein Versuch, in bescheidener Weise es bis zum reinen Denken zu treiben, bis zu jenem reinen Denken, in dem das Ich leben kann, in dem das Ich sich halten kann. Dann kann man, wenn man dieses reine Denken auf diese Weise erfaßt hat, ein anderes anstreben. Man kann dann dieses Denken, das man jetzt dem Ich läßt, dem sich frei und unabhängig in freier Geistigkeit fühlenden Ich überläßt, man kann dann dieses reine Denken von dem Wahrnehmungsprozesse ausschalten, und man kann gewissermaßen, während man sonst im gewöhnlichen Leben, sagen wir, die Farbe sieht, indem man sie zugleich mit dem Vorstellen durchdringt, man kann die Vorstellungen herausheben aus dem ganzen Verarbeitungsprozeß der Wahrnehmungen und kann die Wahrnehmungen selber direkt in unsere Leiblichkeit hineinziehen.

[ 12 ] I have spoken to you about the conception of my Philosophy of Freedom. This Philosophy of Freedom is truly an attempt, in a modest way, to push things all the way to pure thought—to that pure thought in which the “I” can live, in which the “I” can sustain itself. Then, once one has grasped this pure thinking in this way, one can strive for another. One can then take this thinking—which one now leaves to the “I,” to the “I” that feels itself to be free and independent in a spirit of freedom— one can then isolate this pure thinking from the process of perception, and one can, so to speak—whereas in ordinary life one, say, sees a color by simultaneously permeating it with a mental image—one can extract the mental images from the entire process of processing perceptions and draw the perceptions themselves directly into our physicality.

[ 13 ] Goethe war schon auf dem Wege. Er hat schon die ersten Schritte gemacht. Man lese im letzten Kapitel seiner Farbenlehre: «Die sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe», wie er bei jeder Wirkung etwas empfindet, das zugleich tief sich vereinigt nicht bloß mit dem Wahrnehmungsvermögen, sondern mit dem ganzen Menschen, wie er das Gelbe, das Rote als attackierende Farbe empfindet, die gewissermaßen ganz durch ihn durchdringt, ihn mit Wärme erfüllt, wie er ansieht das Blaue und das Violette als diejenigen Farben, die einen gewissermaßen aus sich selber herausreißen, als die kalten Farben. Der ganze Mensch erlebt etwas bei der Sinneswahrnehmung. Die Sinneswahrnehmung mit ihrem Inhalte geht unter in die Leiblichkeit und es bleibt gewissermaßen darüber schweben das Ich mit dem reinen Gedankeninhalt. Wir schalten das Denken aus, indem wir also intensiver als sonst, wo wir den Wahrnehmungsinhalt durch die Vorstellungen abschwächen, nun den ganzen Wahrnehmungsinhalt hereinnehmen und uns mit ihm erfüllen. Wir erziehen uns in besonderer Weise zu einem solchen Erfüllen unserer selbst mit dem Wahrnehmungsinhalte, wenn wir dasjenige, wozu als zu einer Entartung der Orientale gekommen ist, das symbolische Vorstellen, das bildliche Vorstellen, wenn wir das systematisch treiben, wenn wir, statt daß wir im reinen Gedanken, im gesetzmäßig logischen Gedanken den Wahrnehmungsinhalt auffassen, nunmehr diesen Wahrnehmungsinhalt in Symbolen, in Bildern auffassen und dadurch ihn gewissermaßen mit Umgehung der Gedanken in uns hineinströmen lassen, wenn wir uns durchdringen mit all der Sattheit der Farben, der Sattheit des Tones dadurch, daß wir nicht begrifflich, daß wir symbolisch, bildlich zu unserer Schulung die Vorstellungen innerlich erleben. Dadurch, daß wir nicht mit dem Gedankeninhalt, wie es die Assoziations-Psychologie machen will, unser Inneres durchstrahlen, sondern daß wir es durchstrahlen mit diesem durch Symbole und Bilder angedeuteten Wahrnehmungsinhalt, dadurch strömt uns von innen entgegen dasjenige, was in uns als ätherischer Leib, astralischer Leib lebendig ist, dadurch lernen wir die Tiefe unseres Bewußtseins und unserer Seele kennen. Man lernt wirklich das Innere des Menschen auf diese Weise kennen, nicht durch jene schwafelnde Mystik, die oftmals von nebulosen Geistern als ein Weg zum inneren Gotte angegeben wird, die aber zu nichts anderem führt als zu einer äußerlichen Abstraktion, bei der man doch, wenn man ein ganzer, voller Mensch sein will, nicht stehenbleiben kann.

[ 13 ] Goethe was already on this path. He had already taken the first steps. One need only read the last chapter of his Theory of Colors: “The Sensual-Moral Effect of Color,” how, with every effect, he experiences something that is deeply united not only with the faculty of perception but with the whole human being; how he perceives yellow and red as aggressive colors that, in a sense, penetrate him completely, filling him with warmth; how he regards blue and violet as colors that, in a sense, tear one out of oneself—as the cold colors. The whole person experiences something through sensory perception. Sensory perception, with its content, merges into physicality, and the “I,” with its pure thought content, remains, as it were, hovering above it. We set thinking aside by taking in the entire content of perception more intensely than usual—whereas normally we attenuate the perceptual content through mental images—and by filling ourselves with it. We train ourselves in a special way to fill ourselves with the content of perception when we systematically engage in what has become a distortion among Easterners—symbolic mental image, pictorial mental image—when, instead of grasping the content of perception through pure thought, through lawful, logical thought, but instead grasp this content of perception in symbols and images, thereby allowing it to flow into us, as it were, by bypassing thought; when we imbue ourselves with all the richness of colors and the richness of tone by experiencing these mental images inwardly—not conceptually, but symbolically and pictorially—as part of our training. By not permeating our inner being with the content of thought—as association psychology seeks to do—but rather by permeating it with this perceptual content indicated through symbols and images, that which is alive within us as the etheric body and the astral body flows toward us from within; through this, we come to know the depth of our consciousness and our soul. One truly comes to know the inner being of the human being in this way, not through that rambling mysticism that is often presented by nebulous spirits as a path to the inner God, but which leads to nothing other than an external abstraction—one that, if one wishes to be a whole, complete human being, one cannot remain stuck at.

[ 14 ] Will man den Menschen wirklich physiologisch erforschen, dann muß man mit Ausschaltung des Denkens auf diese Weise das bildhafte Vorstellen nach innen treiben, so daß die Leiblichkeit des Menschen in Imaginationen darauf reagiert. Dies ist allerdings ein Weg, der in der abendländischen Entwickelung erst im Beginne ist, aber es ist der Weg, der eingeschlagen werden muß, wenn demjenigen, was vom Oriente herüberströmt und was in die Dekadenz führen würde, wenn es allein Geltung hätte, wenn dem etwas, das ihm gewachsen ist, entgegengestellt werden soll, so daß wir zu einem Aufstieg und nicht zu einem Niederstieg unserer Zivilisation kommen sollen. Aber man kann sagen: Im allgemeinen ist die menschliche Sprache selbst noch nicht so weit, daß sie nun jene Erlebnisse, die man da antrifft im Inneren seiner Seele, voll ausgestalten kann. Und hier ist es, wo ich ein persönliches Erlebnis Ihnen erzählen möchte.

[ 14 ] If one truly wishes to study human beings physiologically, one must, by setting aside thought in this way, direct pictorial mental images inward, so that the physicality of the human being responds to them through these imaginations. This is, however, a path that is still in its infancy in Western development, but it is the path that must be taken if we are to counteract what is flowing in from the East—which would lead to decadence if it were allowed to prevail on its own—with something that is commensurate with it, so that our civilization may rise rather than fall. But one might say: In general, human language itself has not yet advanced far enough to fully articulate those experiences one encounters within the depths of one’s soul. And this is where I would like to share a personal experience with you.

[ 15 ] Ich habe vor vielen Jahren auf einem gewissen Gebiete versucht, in Worte zu kleiden dasjenige, was man nennen kann menschliche Sinnenlehre. Es ist mir in einer Weise gelungen, das in Worte zu kleiden, was solche menschliche Sinneslehre, die Lehre von den zwölf Sinnen ist, im mündlichen Vortrage, weil man da noch eher die Möglichkeit hat, die Sprache so zu drehen und zu wenden, und durch Wiederholungen zu sorgen für das Verständnis, daß man die Mängel unserer Sprache, die solch übersinnlichem Wesen noch nicht gewachsen ist, nicht so stark fühlt. Aber als ich dann — es war, wie gesagt, vor vielen Jahren - aufschreiben wollte dasjenige, was ich als eigentliche Anthroposophie gegeben habe in Vorträgen, um es zu einem Buche zu formen, da stellte sich das Merkwürdige heraus, daß das äußerlich Erlebte bei seinem Hineintragen in das Innere etwas so Sensitives wurde, daß die Sprache nicht die Worte hergab, und ich glaube, fünf bis sechs Jahre lag der Anfang des Gedruckten, mehrere Bogen, in der Druckerei. Ich konnte, weil ich das Ganze in dem Stil fortschreiben wollte, wie es angefangen war, einfach weil die Sprache zunächst das nicht hergab für meine damalige Entwickelungsstufe, was ich erreichen wollte, nicht weiterschreiben. Nachher ist eine Überlastung mit Arbeiten gekommen, und ich konnte bis jetzt dieses Buch noch nicht fertigmachen. Derjenige, der es weniger gewissenhaft nimmt mit dem, was er aus der geistigen Welt heraus seinen Mitmenschen gibt, der mag vielleicht lächeln über ein solches Stehenbleiben bei einer zeitlich unüberwindlichen Schwierigkeit. Wer aber wirklich erlebt hat und wer zu durchdringen vermag mit dem vollen Verantwortlichkeitsgefühl dasjenige, was sich ergibt, wenn man schildern will die Wege, die nun die abendländische Menschheit zur Imagination hin nehmen muß, der weiß, daß vieles notwendig ist, um gerade für eine solche Schilderung die richtigen Worte zu finden. Als Schulungsweg ist es verhältnismäßig einfach zu schildern. Das ist in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschehen. Aber, indem man ganz bestimmte Resultate erzielen will, wie es das Resultat war, die Wesenheit der menschlichen Sinne selber, also eines Teiles der inneren Menschheitsorganisation zu beschreiben, wenn man solche ganz bestimmte Resultate erzielen soll, dann ergibt sich die Schwierigkeit, Imaginationen zu erfassen und sie in scharfen Konturen durch die Worte hinzustellen.

[ 15 ] Many years ago, in a certain field, I attempted to put into words what might be called the human theory of the senses. I succeeded to a certain extent in putting into words what this “human theory of the senses”—the doctrine of the twelve senses—entails in oral lectures, because there one still has a greater opportunity to turn language this way and that, and to ensure understanding through repetition, so that one does not feel so acutely the limitations of our language, which is not yet equal to such a supersensory reality. But when I then—as I said, many years ago—wanted to write down what I had presented as actual anthroposophy in lectures, in order to shape it into a book, it turned out, strangely enough, that what had been experienced externally became, upon being carried into the inner realm, something so delicate that language could not provide the words, and I believe the first draft of the printed work—several sheets—lay in the printing shop for five or six years. I was unable to continue writing—simply because I wanted to carry on in the same style in which I had begun, and because, at that stage of my development, language initially could not provide the means to achieve what I sought. Afterward, I became overwhelmed with work, and I have not yet been able to finish this book. Those who are less conscientious about what they offer their fellow human beings from the spiritual world may perhaps smile at such a standstill in the face of a difficulty that is insurmountable for the time being. But anyone who has truly experienced—and who is able to penetrate, with a full sense of responsibility, what arises when one seeks to describe the paths that Western humanity must now take toward imagination—knows that much is required to find the right words for precisely such a description. As a path of training, it is relatively simple to describe. This is what I have done in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?. But when one seeks to achieve very specific results—such as describing the very nature of the human senses themselves, that is, a part of humanity’s inner organization—when one is to achieve such very specific results, then the difficulty arises of grasping imaginations and rendering them in sharp contours through words.

[ 16 ] Dennoch, dieser Weg muß von der abendländischen Menschheit gegangen werden. Und geradeso wie der Morgenländer an seinen Mantren empfunden hat das Hineingehen in die geistige Welt des Außeren, so muß der Abendländer über alle Assoziations-Psychologie hinaus das Hineinschreiten des Menschen in seine eigene Wesenheit dadurch lernen, daß er zur imaginativen Welt kommt. Nur dadurch, daß er zur imaginativen Welt kommt, wird er eine wahre Menschheitserkenntnis erringen. Und diese wahre Menschheitserkenntnis, die muß zum Fortschritte der Menschheit errungen werden. Und weil wir in einer viel bewußteren Weise leben müssen, als die Orientalen gelebt haben, so dürfen wir nicht einfach etwa sagen: Nun, wir können es ja der Zukunft überlassen, ob nicht durch natürliche Vorgänge sich allmählich die Menschheit diese imaginative Welt aneignet — nein, diese imaginative Welt muß, weil wir in das Stadium der bewußten Entwickelung der Menschheit getreten sind, auch bewußt angestrebt werden, und man darf nicht bei gewissen Etappen stehenbleiben. Denn, was geschieht, wenn man auf gewissen Etappen stehenbleibt? Dann setzt man nicht das Richtige dem immer mehr überhandnehmenden Skeptizismus, der von Osten nach Westen zieht, entgegen, sondern dann setzt man dasjenige entgegen, was doch davon herrührt, daß das Geistig-Seelische zu gründlich, zu tief, unbewußt sich verbindet mit dem physischen Leibe, daß gewissermaßen eine zu dichte Verbindung entsteht des Geistig-Seelischen mit dem physischen Leibe.

[ 16 ] Nevertheless, this path must be taken by Western humanity. And just as the Easterners have experienced, through their mantras, the entry into the spiritual world of the external, so must Westerners—going beyond all psychology of association—learn how humanity enters into its own being by entering the world of the imagination. Only by entering the world of the imagination will he attain a true understanding of humanity. And this true understanding of humanity must be attained for the progress of humanity. And because we must live in a far more conscious way than the Orientals have lived, we must not simply say, for example: Well, we can leave it to the future to see whether humanity will gradually appropriate this imaginative world through natural processes—no, because we have entered the stage of humanity’s conscious development, this imaginative world must also be consciously sought after, and one must not remain stagnant at certain stages. For what happens if one remains stagnant at certain stages? Then one does not counter the ever-increasing skepticism—which is spreading from East to West—with the right approach, but rather with that which stems from the fact that the spiritual-soul aspect is connected too thoroughly, too deeply, and unconsciously with the physical body, so that, in a sense, an overly dense connection arises between the spiritual-soul aspect and the physical body.

[ 17 ] Ja, man kann nicht nur materialistisch denken, man kann auch materialistisch sein, indem sich das Geistig-Seelische zu stark verbindet mit dem physischen Leibe. Dann lebt man nicht mit dem Ich frei in den Begriffen des reinen Denkens, zu denen man es gebracht hat. Und taucht man mit dem bildhaft gewordenen Wahrnehmen in die Leiblichkeit unter, dann taucht man mit dem Ich und mit den Begriffen in die Leiblichkeit unter. Und wenn man das dann verbreitet, wenn man mit dem die Menschen durchdringt, dann entsteht dadurch die geistige Erscheinung, die wir gut kennen, der Dogmatismus aller Sorten. Der Dogmatismus aller Sorten ist nichts anderes, als ins Geistig-Seelische übersetzt dasjenige, was dann auf einer tieferen Stufe ins Pathologische übertragen in der Platzfurcht und dergleichen zutage tritt, und was deshalb, weil es verwandt ist, sich auch in etwas zeigt, was eine Metamorphose der Furcht ist, in allerlei Aberglauben. Aus dem, was sich da als Dogmatismus entwickelt hat, was, ich möchte sagen, aus dem unbewußten Drang nach Imagination entsteht, der aber zurückgehalten wird durch Gewaltmächte, aus dem, was sich da entwickelt, entstehen alle Arten des Dogmatismus. Sie müssen allmählich ersetzt werden durch dasjenige, was entsteht, wenn man die Ideenwelt in der Region des Ich erhält, wenn man zur Imagination schreitet, dadurch den Menschen in seiner wahren Gestalt in sein inneres Erlebnis aufnimmt und allmählich auf eine andere Art den abendländischen Weg in die geistige Welt hinein geht. Dieser andere Weg durch die Imagination, er ist derjenige, der begründen muß dasjenige, was als Geisteswissenschaftsströmung, als Geistesentwickelung von dem Westen nach dem Osten hin sich bewegen muß, wenn die Menschheit vorwärtsschreiten will. Das aber ist dasjenige, was jetzt eine wichtigste Angelegenheit der Menschheit ist, zu erkennen, wie der wahre Weg der Imagination sein soll, welchen Weg die abendländische Geisteswissenschaft einzuschlagen hat, wenn sie gewachsen sein will dem, was einstmals die orientalische Weisheit, auf die den Rasseeigentümlichkeiten jener Völker entsprechende Art als Inspiration, als Inspirationsgehalt gewonnen hat. Nur wenn wir der entarteten Inspiration des Morgenlandes entgegenstellen können geistgetragene, wirklichkeitsdurchsättigte Imaginationen, die auf dem Wege zu einer höheren Geistkultur sind, wenn wir die als einen Geisteszug von Westen nach Osten hervorrufen können, dann tun wir dasjenige, was eigentlich in den Untergründen der Menschheitsimpulse lebt, wonach die Menschheit hinstrebt, und was sich heute noch in Explosionen sozialer Natur entlädt, weil es nicht herauskommen kann.

[ 17 ] Yes, one can not only think materialistically; one can also be materialistic by allowing the spiritual-soul aspects to become too closely bound to the physical body. Then one does not live freely with the “I” within the concepts of pure thought that one has arrived at. And if one plunges into physicality with perception that has become pictorial, then one plunges into physicality with the “I” and with the concepts. And when one then spreads this, when one permeates people with it, this gives rise to the spiritual phenomenon we know well: dogmatism of all kinds. Dogmatism of all kinds is nothing other than—translated into the spiritual-psychic realm—that which, when transferred to a deeper level into the pathological, manifests itself in fear of open spaces and the like; and which, because it is related to this, also reveals itself in what is a metamorphosis of fear—in all manner of superstition. From what has developed there as dogmatism—which, I would say, arises from the unconscious urge toward imagination but is held back by forces of coercion—from what develops there, all kinds of dogmatism arise. They must gradually be replaced by that which arises when one maintains the world of ideas in the realm of the “I,” when one advances toward imagination, thereby taking in the human being in his true form within his inner experience, and gradually embarking on a different path into the spiritual world. This other path through imagination is the one that must lay the foundation for what, as a current of spiritual science and as spiritual development, must move from the West toward the East if humanity is to move forward. But this is precisely what is now the most important task for humanity: to recognize what the true path of imagination should be, and which path Western Spiritual Science must take if it is to measure up to what Eastern wisdom once attained—in a manner corresponding to the racial characteristics of those peoples—as inspiration, as the substance of inspiration. Only if we can counter the degenerate inspiration of the East with spirit-bearing, reality-imbued imaginations that are on the path to a higher spiritual culture—only if we can evoke this as a spiritual current flowing from West to East— then we will be doing what actually lives in the depths of humanity’s impulses—that toward which humanity strives—and what still erupts today in explosions of a social nature because it cannot find an outlet.

[ 18 ] Wie nun der Weg der Imagination eigentlich eingeschlagen werden muß, wie nun der Weg zu den höheren Welten für anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sich gestaltet, davon wollen wir dann morgen weiter sprechen.

[ 18 ] We will continue tomorrow to discuss how the path of imagination should actually be taken, and how the path to the higher worlds takes shape for anthroposophically oriented Spiritual Science.