Naturalistic Observation, Experimentation, Mathematics
and the Stages of Knowledge in Spiritual Science
GA 324
19 March 1921, Stuttgart
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Naturalistic Observation, Experimentation, Mathematics, tr. SOL
Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Ich habe mich gestern bemüht darzulegen, wie durch die Entwickelung des imaginativen Vorstellens es möglich werden kann, die Wesenheit der menschlichen Sinneswahrnehmung in einer anderen Weise zu durchschauen, als das der Fall sein kann, wenn man nur wiederum mit den Ergebnissen der gewöhnlichen Sinneswahrnehmung und mit dem kombinierenden Verstand an diese Aufgabe herantritt. Ich habe besonders betont, daß dieses imaginative Vorstellen, dessen Entwikkelung, wie ich schon gesagt habe, ich noch im weiteren schildern werde, im seelischen Erleben so verlaufen muß, daß es nachgebildet ist dem mathematischen Vorstellen, dem Entwickeln, Analysieren und so weiter von mathematischen Gebilden.
[ 1 ] Yesterday I endeavored to explain how, through the development of imaginative mental images, it becomes possible to gain insight into the nature of human sensory perception in a different way than is possible when one approaches this task solely with the results of ordinary sensory perception and the combining intellect. I have particularly emphasized that this imaginative mental image—the development of which, as I have already said, I will describe in greater detail later—must proceed in psychological experience in such a way that it is modeled on mathematical mental images, the development, analysis, and so on of mathematical structures.
[ 2 ] Nun wird Ihnen ja daraus das weitere klar sein, was ich dann dargestellt habe: daß man genau in derselben Weise, wie man sich mit den Ergebnissen innerlich entwickelten Mathematisierens an die äußere sinnliche Wirklichkeit macht im mineralisch-physischen Reiche, man sich mit demjenigen, was dem imaginativen Vorstellen gegeben ist, so, sagen wir zunächst, an das Reich der menschlichen Sinne macht, um dasjenige zu erkennen, was in diesen — ich habe gestern gesagt — Golfen, welche die physisch-sinnliche Außenwelt hineinsendet in den menschlichen Organismus, vorgeht. Nun handelt es sich aber darum, daß derjenige, der ein solches imaginatives Vorstellen ausgebildet hat, zu gleicher Zeit mit der Erkenntnis des Wesens der menschlichen Sinne, also der eigentlichen Hauptesorganisation des Menschen, auch zu anderem kommt. Er kommt zum Beispiel dazu, sich Vorstellungen bilden zu können über das Wesen des Vegetabilischen. Angedeutet habe ich das auch schon gestern. Nicht wahr, wenn wir mit den bloßen Ergebnissen räumlicher und algebraischer Mathematik an das Pflanzenwachstum, an die Pflanzengestaltung und so weiter treten, so können wir ja nicht die Empfindung erhalten, daß in irgendeiner Weise dasjenige, was wir im mathematischen Bewußtsein gegeben haben, untertauchen könne in das Pflanzenreich ebenso, wie es untertauchen kann in das mineralische Reich. Dagegen in dem Augenblick, wo wir das imaginative Vorstellen zunächst rein innerlich ausbilden, kommen wir dazu, das Pflanzliche uns so zu vergegenwärtigen, wie das sonst im Mineralischen auf die angezeigte Art der Fall ist.
[ 2 ] Now, I’m sure it will be clear to you from this what I went on to explain: that in exactly the same way that one approaches external sensory reality in the mineral-physical realm using the results of internally developed mathematization, one approaches—let us say for now—the realm of the human senses with what is given to the mental image, in order to recognize what takes place within these—as I said yesterday—waves that the physical-sensory external world sends into the human organism. Now, however, the point is that whoever has developed such imaginative perception comes to something else at the same time as gaining insight into the nature of the human senses—that is, into the actual primary organization of the human being. For example, they come to be able to form mental images about the nature of the vegetative realm. I already hinted at this yesterday. Isn’t it true that when we approach plant growth, plant form, and so on, using only the results of spatial and algebraic mathematics, we cannot gain the sense that what we have established in mathematical consciousness could in any way permeate the plant kingdom, just as it can permeate the mineral kingdom? On the other hand, the moment we first develop an imaginative mental image purely inwardly, we come to perceive the plant realm in the same way that we otherwise perceive the mineral realm in the manner described.
[ 3 ] Aber es tritt dann das Eigentümliche ein: Man tritt dann an die Pflanzenwelt so heran, daß einem die einzelne Pflanze eigentlich nur erscheint wie ein Teil eines großen Ganzen. Man bekommt auf diese Art eigentlich erst eine Vorstellung von dem Pflanzlichen innerhalb der Erdenwelt. Man bekommt nämlich die Vorstellung, daß das gesamte Pflanzenreich der Erdenwelt eigentlich mit dieser Erdenwelt zusammen eine große Einheit bildet. Das ergibt sich rein empirisch dem imaginativen Blick. Natürlich, wir können ja niemals mit unserem physischen Dasein mehr umfassen als irgendeinen Teil der Pflanzenwelt der Erde. Wir betrachten die Pflanzenwelt irgendeines Territoriums; selbst wenn wir Botaniker sind, bleibt unsere empirische Kenntnis der Pflanzenwelt gegenüber der totalen Pflanzenwelt der Erde immer etwas sehr Partielles. Aber das weiß man auch durch unmittelbare Anschauung. Man sagt sich: Da hast du kein Ganzes, da hast du etwas, das nur Teil einer Totalität ist, was mit anderem zusammengehört. — Es ist etwa einer solchen Teilpflanzenwelt gegenüber der Eindruck der, wie man ihn bekommen würde, wenn man einem Menschen gegenübertritt, der durch irgend etwas ganz verdeckt ist mit Ausnahme eines einzigen Armes und einer Hand. Man würde da wissen, man hat da keine abgeschlossene Ganzheit vor sich, sondern etwas, was Teil eines Ganzen ist und seine Daseinsmöglichkeit überhaupt nur als ein Teil eines solchen Ganzen hat. Man bekommt dann aber auch noch die Vorstellung, daß man das Irdische überhaupt nicht so denken kann, wie es der Physiker, der Mineraloge oder der Geologe denkt, sondern man bekommt die Vorstellung, daß zum Erdensein geradeso hinzugehört dasjenige, was sich als Kräfte in der Pflanzenwelt auslebt, wie dasjenige, was sich im Geologischen oder Mineralogischen und so weiter auslebt. Nicht im Sinne einer vagen Analogie, sondern im Sinne eines wirklichen Durchschauens wird einem die Erde eine Art organischen Wesens. Allerdings ein organisches Wesen, welches durch seine verschiedenen Entwickelungsstadien das mineralische Reich aus sich herausgesondert und auf der anderen Seite das pflanzliche Reich differenziert hat.
[ 3 ] But then something peculiar happens: one begins to approach the plant world in such a way that the individual plant actually appears to be merely a part of a greater whole. It is only in this way that one truly begins to form a mental image of the plant world within the earthly realm. One gains the impression, in fact, that the entire plant kingdom of the earthly realm actually forms a great unity together with this earthly realm. This becomes apparent purely empirically to the imaginative gaze. Of course, with our physical existence, we can never encompass more than some part of the Earth’s plant world. We observe the plant world of a particular territory; even if we are botanists, our empirical knowledge of the plant world remains, in relation to the total plant world of the Earth, always something very partial. But one also knows this through direct observation. One says to oneself: Here you do not have a whole; here you have something that is only a part of a totality, something that belongs together with other things. — The impression one would get when faced with such a partial plant world is roughly the same as the one one would have upon encountering a person who is completely covered by something, with the exception of a single arm and a hand. One would know then that one is not facing a self-contained whole, but rather something that is part of a whole and whose very existence is possible only as a part of such a whole. But one also forms the mental image that one cannot conceive of the earthly realm at all in the way a physicist, mineralogist, or geologist does; rather, one forms the mental image that just as much a part of earthly existence is what manifests as forces in the plant world as what manifests in the geological or mineralogical realms and so on. Not in the sense of a vague analogy, but in the sense of true insight, the Earth becomes a kind of organic being. Admittedly, an organic being that, through its various stages of development, has separated the mineral kingdom from itself and, on the other hand, has differentiated the plant kingdom.
[ 4 ] Dasjenige, was ich Ihnen hier entwickle, das kann ja sehr leicht, wie es zum Beispiel bei Gustav Theodor Fechner der Fall ist, durch bloße Analogieschlüsse gewonnen werden. Auf solche bloßen Analogieschlüsse gibt aber die Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, gar nichts, sondern eben nur auf das unmittelbare Anschauen. Daher muß immer betont werden, daß vorangehen müsse dem Sprechen über so etwas wie zum Beispiel die Erde als Organismus das Sprechen über das imaginative Vorstellen, denn nur dem imaginativen Vorstellen, nicht dem kombinierenden Verstande mit seinen Analogien kann gegeben sein die Erde als ein Gesamtwesen.
[ 4 ] What I am developing here can, of course, very easily be arrived at through mere analogies, as is the case, for example, with Gustav Theodor Fechner. However, the Spiritual Science referred to here attaches no value whatsoever to such mere analogies, but rather relies solely on direct perception. Therefore, it must always be emphasized that speaking about something such as the Earth as an organism must be preceded by speaking about imaginative mental images; for only to imaginative mental images—and not to the combining intellect with its analogies—can the Earth be given as a total being.
[ 5 ] Man eignet sich dabei aber auch noch etwas anderes an, und das ist etwas, was ich hier ausdrücklich erwähnen will, weil es eine sehr große methodologische Bedeutung hat, und weil ich vor allen Dingen darauf Rücksicht nehme, daß meine Worte für Studierende gesprochen sind. Es herrscht in den Auseinandersetzungen, die in der Gegenwart über das Gedankliche und auch über das sonstige seelische Erfassen der Welt gegeben werden, im Grunde eine große Unklarheit. So spricht man zum Beispiel davon, daß man einen Kristall betrachtet, sagen wir einen Salzwürfel, und man will an diesem Salzwürfel irgend etwas sich klarmachen, sagen wir etwas über seine Beziehung zum menschlichen Erkenntnisvermögen oder über seine Stellung innerhalb des Naturganzen und so weiter. So wie man ungefähr über diesen Salzwürfel spricht, so spricht man oftmals auch — ja man könnte sogar sagen, heute fast ausschließlich — zum Beispiel über eine Rose, und man hat dabei das Gefühl, man dürfe das objektive Sein dem Salzwürfel in derselben Weise zuschreiben wie der Rose. Und dennoch, derjenige, der mit seiner Erkenntnis nicht irgend etwas Formales anstrebt, sondern der mit seiner Erkenntnis hineinstrebt in die Wirklichkeit, der die Wirklichkeit wirklich ergreifen will, der muß sich das Folgende ganz klar vor Augen stellen. Er muß sich sagen: Der Salzwürfel hat einen Bestand innerhalb seiner Grenzen. Die Rose hat keinen Sinn innerhalb derjenigen Grenzen, in denen ich sie hier als Rose mit einem Stengel sehe. Denn als solche Rose kann sie sich nicht in demselben Grade - ich bitte das Wort zu beachten - selbständig entwickeln wie der Salzwürfel. Sie muß am Rosenstock sich entwickeln, der Rosenstock gehört zu der Entwickelung dieser Rose dazu, und sie ist nicht ein wirkliches Ding außerhalb des Rosenstockes. Sie hat für mich im Grunde genommen, wenn ich sie als abgesonderte Rose ansehe, ein Scheindasein.
[ 5 ] But in doing so, one also acquires something else, and this is something I want to mention explicitly here because it has great methodological significance, and because I am particularly mindful that my words are addressed to students. There is, in essence, a great deal of confusion in the current debates concerning the intellectual and other spiritual apprehensions of the world. For example, people speak of observing a crystal—let’s say a cube of salt—and wanting to gain some insight from this cube of salt, say, regarding its relationship to human cognitive faculties or its place within the whole of nature, and so on. Just as one speaks of this salt cube, so one often speaks—indeed, one might even say, almost exclusively today—of, for example, a rose, and in doing so one has the feeling that one may ascribe objective existence to the salt cube in the same way as to the rose. And yet, anyone who, through their understanding, does not seek some formal concept, but rather strives through their understanding to penetrate reality—who truly wishes to grasp reality—must hold the following in mind with complete clarity. They must tell themselves: The salt cube has an existence within its own boundaries. The rose has no meaning within those boundaries in which I see it here as a rose with a stem. For as such a rose, it cannot develop independently—please note the word—to the same degree as the salt cube. It must develop on the rosebush; the rosebush is an integral part of this rose’s development, and it is not a real thing outside the rosebush. Essentially, when I view it as a separate rose, it has a semblance of existence.
[ 6 ] Das sage ich zur Verdeutlichung. Es soll nur soviel daraus hervorgehen, daß wir nötig haben, bei allen Beobachtungen, die wir machen, nicht irgendwie zu theoretisieren über die Beobachtungen, bevor wir das Beobachtete in seine entsprechende Totalität eingefaßt haben. Erst dem gesamten Rosenstock können wir ein Sein von selbständiger Art in demselben Sinne beilegen wie dem Salzwürfel. Wir dürfen also nicht etwa in erkenntnistheoretischer oder anderer Beziehung von der Rose ebenso sprechen wie von dem Salzwürfel. Die Wirklichkeit erleben zu wollen in einer gewissen Abgeschlossenheit, dafür erwirbt man sich einen starken Sinn, wenn man zum imaginativen Vorstellen aufrückt, und mit diesem Sinn ausgerüstet, muß man auch dann dasjenige hinnehmen, was ich eben jetzt gesagt habe mit Bezug auf die Pflanzenwelt. Die irdische Pflanzenwelt als ein Ganzes, sie ist in einem gewissen Sinne nur dann seinsgemäß vor uns gestellt, wenn wir sie mit dem Bewußtsein als ein Ganzes auffassen und wenn wir das Einzelne, was uns entgegentritt, die Gattungen und Arten der Pflanzenwelt gewissermaßen nur betrachten als Teil des ganzen Pflanzenorganismus, der die Erde bedeckt, besser gesagt, der aus der Erde herauswächst.
[ 6 ] I say this to clarify. The point is simply this: in all the observations we make, we must not theorize about them in any way before we have placed what we have observed within its corresponding totality. Only to the entire rosebush can we ascribe a mode of being of an independent kind in the same sense as we do to the cube of salt. We must not, therefore, speak of the rose in the same way as we do of the cube of salt—whether in an epistemological or any other respect. To seek to experience reality in a certain self-contained way—one acquires a keen sense for this when one advances to a mental image—and, equipped with this sense, one must then also accept what I have just said with regard to the plant world. The earthly plant world as a whole is, in a certain sense, presented to us in accordance with its true nature only when we perceive it as a whole with our consciousness, and when we regard the individual elements that meet our gaze—the genera and species of the plant world—as, so to speak, merely parts of the entire plant organism that covers the earth, or rather, that grows out of the earth.
[ 7 ] Also nicht nur ein Verständnis der Sinneswelt, sondern auch der äußeren Pflanzenwelt bekommt man durch das imaginative Vorstellen. Aber man bekommt auch bedeutsame innere Erkenntnisse. Ich möchte zunächst von diesen inneren Erkenntnissen so sprechen, daß ich Ihnen nur das Empirische davon mitteile. Wir sind in der Lage, als Menschen durch unsere gewöhnliche Erinnerung zurückzublicken auf dasjenige, was bis zu einem gewissen Jahre in unserer Kindheit sich abgespielt hat während unseres wachen Daseins, und wir können aus dem Strom unserer Erlebnisse durch die Erinnerungskraft das eine oder andere Ereignis in bildhafter Form heraufholen. Aber wir haben ein deutliches Bewußtsein davon, daß wir in diesem Heraufholen die Erinnerungskraft anstrengen müssen, daß wir die einzelnen Bilder heraufholen müssen aus dem zeitlich verlaufenden Strom. Wenn aber das imaginative Anschauen immer mehr und mehr ausgebildet wird, dann kommt man allmählich dazu, daß die Zeit gleichsam zum Raume wird. Die Sache stellt sich sehr allmählich ein, und man soll sich nicht vorstellen, daß die Ergebnisse von so etwas, wie das imaginative Anschauen es ist, auf einen Schlag kommen. Man braucht sich gar nicht vorzustellen, daß etwa die Aneignung der imaginativen Methode leichter ist als diejenige von Laboratoriumsmethoden oder diejenige der Klinik, der Sternwarte und so weiter. Das eine wie das andere braucht jahrelange Arbeit, das eine Gedankenarbeit, das andere seelische innere Arbeit. Aber als Erlebnis dieser seelischen inneren Arbeit ergibt sich dann, daß sich uns die einzelnen Ergebnisse zusammenschließen, daß wir gewissermaßen sehen, wie die Zeit, die wir als verlaufend überblicken, wenn wir aus dem Strom unserer Erlebnisse die eine oder die andere Erinnerung heraufholen, daß diese Zeit — annähernd wenigstens — wie zum Raume wird, daß sich zusammenschließt wie in einem bedeutsamen Erinnerungsbilde dasjenige, was wir in dem Leben nahezu von unserer Geburt an durchlebt haben. Es wird durch die Anstrengung des imaginativen Lebens diese Rückschau, die jetzt etwas anderes ist als eine bloße Rückerinnerung, in einzelnen Momenten vor unsere Seele hingestellt. Tatsächlich liegt zunächst dieses Subjektive vor, daß wir eine Rückschau auf unser bisheriges Erdenleben bekommen. Das ist, wie gesagt, ein empirisches Ergebnis des imaginativen Vorstellens.
[ 7 ] Through imaginative mental images, one gains not only an understanding of the sensory world but also of the external plant world. But one also gains significant inner insights. I would like to speak of these inner insights, to begin with, by sharing only the empirical aspects of them with you. As human beings, we are able to look back through our ordinary memory on what took place during our waking lives up to a certain year in our childhood, and through the power of memory we can bring up one event or another from the stream of our experiences in pictorial form. But we are clearly aware that in this process of recalling, we must exert our power of memory; we must bring up individual images from the stream of time as it flows. However, as imaginative contemplation becomes more and more developed, one gradually reaches a point where time, as it were, becomes space. This process unfolds very gradually, and one should not form a mental image of the results of something like imaginative contemplation coming all at once. One need not form a mental image of mastering the imaginative method being any easier than mastering laboratory methods or those used in clinical practice, at the observatory, and so on. Both require years of work—one intellectual work, the other inner, spiritual work. But as an experience of this inner, spiritual work, it then becomes apparent that the individual results coalesce for us, that we see, as it were, how time—which we perceive as passing—when we draw up one memory or another from the stream of our experiences—how this time — at least approximately — becomes like space, that what we have lived through in life from nearly the moment of our birth coalesces as in a meaningful image of memory. Through the effort of the imaginative life, this retrospective—which is now something other than a mere recollection—is presented to our soul in individual moments. In fact, what is initially present is this subjective experience: that we are given a retrospective view of our earthly life thus far. This is, as I said, an empirical result of imaginative mental images.
[ 8 ] Welches innere Erlebnis oder, ich möchte besser sagen, welche innere Erlebnisart stellt sich nun parallel diesem Anschauen, diesem Panorama unserer Erlebnisse ein? Es stellt sich dasjenige ein, daß wir zwar diese Erlebnisbilder als Bilder vor uns haben, daß wir uns aber doch ganz klar sind darüber: Die Kraft unserer Seele, welche uns diese Erinnerungsbilder eben vor das Bewußtsein stellt, die ist durchaus verwandt mit der gewöhnlichen hellen und klaren Verstandeskraft. Sie ist nicht selbst die Verstandeskraft, aber sie ist verwandt mit dieser hellen und klaren Verstandeskraft. Man kann durchaus sagen: Das, was man angestrebt hat, daß man in allen Verhältnissen bei diesem imaginativen Vorstellen das Bewußtsein so durchhellt, wie es sonst im Mathematisieren ist, das bleibt einem, wenn man zu diesen Erinnerungsbildern kommt. Man hat Bilder, aber man hält sie so fest, wie man sonst die Inhalte des Verstandes festhält. Dadurch aber bekommt man in einer ganz bestimmten Art eine Anschauung von dem Verstandeswirken selber, man bekommt eine Anschauung von der Bedeutung dieses Verstandeswirkens für den Menschen und seine Selbsterkenntnis. Man blickt nämlich nicht nur auf sein Leben zurück, sondern dieses Leben, das sich einem da wie durch ein Spiegelbild darstellt, zeigt sich einem so, daß man wirklich den Vergleich mit einem Spiegel gebrauchen kann. Wie man bei einem Spiegel davon spricht, daß die sich spiegelnden Gegenstände in ihren Spiegelbildern begriffen werden können dadurch, daß man optische Gesetze anwendet zu diesem Begreifen, so lernt man, indem man zu solchen inneren Anschauungen kommt, das Wirken jener Seelenkraft erkennen, die da so erlebt wird wie sonst der Verstand. Man erlebt gewissermaßen den gesteigerten Verstand, einen Verstand, der nicht nur in abstrakten Bildern schaffen kann, sondern der zustande bringt diese sehr konkret sich ausnehmenden Bilder unserer Erlebnisse.
[ 8 ] What inner experience—or, I should rather say, what kind of inner experience—arises in parallel with this contemplation, this panorama of our experiences? What arises is this: although we have these images of experiences before us as images, we are nevertheless quite clear about the following: the power of our soul, which brings these images of memory to our consciousness, is closely related to the ordinary, bright, and clear power of the intellect. It is not the power of the intellect itself, but it is related to this bright and clear power of the intellect. One can certainly say: What one has strived for—that in all circumstances, during this imaginative mental image, one’s consciousness be illuminated just as it is in mathematical reasoning—remains with one when one arrives at these images of memory. One has images, but one holds onto them just as one otherwise holds onto the contents of the intellect. Through this, however, one gains, in a very specific way, an insight into the workings of the intellect itself; one gains an insight into the significance of these intellectual processes for the human being and his self-knowledge. For one does not merely look back on one’s life; rather, this life, which presents itself to one as if through a mirror image, reveals itself in such a way that one can truly draw a comparison with a mirror. Just as one speaks of a mirror in the sense that the objects reflected in it can be understood through the application of optical laws to this understanding, so too, by arriving at such inner insights, one learns to recognize the workings of that soul force which is experienced there in the same way as the intellect is otherwise experienced. One experiences, so to speak, an enhanced intellect—an intellect that is not only capable of creating abstract images but also brings about these very concrete images of our experiences.
[ 9 ] Allerdings eines tritt ein, das zunächst eine Art subjektiver Schwierigkeit bildet, die aber nur verstanden zu werden braucht, damit man sich in der richtigen Weise hineinfindet. Indem man in diesen Bildern lebt, lebt man schon in ihnen wie in völliger mathematischer Klarheit, aber die Empfindung des freien Seins — nicht des freien Sich-Verhaltens, aber des freien Seins —, wie man sie hat in der Verstandestätigkeit, die hat man bei dieser Art des Imaginierens dann nicht mehr. Sie müssen mich nicht mißverstehen: Die ganze Tätigkeit des Imaginierens, sie verläuft schon durchaus in einer ebenso willkürlichen Weise wie die gewöhnliche Verstandestätigkeit, aber die Sache ist doch so, daß bei der Verstandestätigkeit man immer das subjektive Erlebnis hat — ich sage Erlebnis, weil es mehr ist als eine bloße Empfindung -: Du schwimmst eigentlich im Bilde, du schwimmst in irgend etwas, was der Außenwelt gegenüber eigentlich ein Nichts ist. Dieses Gefühl, dieses Erlebnis hat man nun nicht gegenüber dem Inhalte der imaginativen Welt, sondern man hat durchaus das Erlebnis, daß dasjenige, was man da produziert als Imaginationen, zu gleicher Zeit da ist, daß man in etwas Daseinendem drinnen lebt, daß man also lebt und webt in einer Realität, allerdings in einer Realität zunächst, die einen nicht außerordentlich, ich möchte sagen, stark festhält, aber deren Festhalten eben schon durchaus empfunden werden kann.
[ 9 ] However, something occurs that at first presents a kind of subjective difficulty, but which simply needs to be understood in order to find one’s way into it properly. By living within these images, one already lives in them as if in complete mathematical clarity; yet the sensation of being free—not of behaving freely, but of being free—as one experiences it in intellectual activity, is no longer present in this kind of imagination. Don’t misunderstand me: the entire process of imagining does indeed proceed in just as arbitrary a manner as ordinary intellectual activity, but the fact remains that in intellectual activity one always has the subjective experience—I say “experience” because it is more than a mere sensation—: You are actually swimming in the image; you are swimming in something that is, in relation to the external world, essentially nothing. Now, one does not have this feeling, this experience, in relation to the content of the imaginative world; rather, one has the distinct experience that what one produces there as imaginations is present at the same time—that one lives within something that exists, that one thus lives and weaves within a reality, albeit a reality that, at first, does not hold one exceptionally—I would say—firmly, but whose hold can nevertheless be distinctly felt.
[ 10 ] Und durch dasjenige, was man nun da, ich möchte sagen, aus der Realität herausschält, was man sich innerlich gegenwärtig macht, indem man zurückreflektiert von dem Lebenspanorama zu der inneren Tätigkeit, welche dieses Lebenspanorama schafft, lernt man wiederum innerlich mathematisch kennen dasjenige, was man jetzt wiederum zur Deckung bringen kann — wie man sonst die mathematischen Vorstellungen mit der äußeren mineralisch-physischen Wirklichkeit zur Dekkung bringen kann — mit demjenigen, was in der Bildekraft des Menschen - auch in der Bildekraft anderer Wesen, davon will ich jetzt nicht sprechen -, was in der Wachstumskraft des Menschen enthalten ist. Man bekommt eine Vorstellung von einer gewissen inneren Verwandtschaft desjenigen, was im Imaginieren rein seelisch lebt, denn es ist ein rein seelisches Erlebnis, und demjenigen, was den Menschen durchwebt als seine Wachstumskraft, was ihn heranwachsen läßt vom Kinde zum erwachsenen Menschen, was seine Glieder größer werden läßt, was ihn innerlich als Wachstumskraft durchorganisiert. Kurz, man bekommt dadurch eine unmittelbare Erkenntnis von dem, was als reales Wachstumsprinzip im Menschen wirkt. Und zwar bekommt man die Einsicht zunächst auf einem ganz bestimmten Gebiet, nämlich auf dem Gebiet des Nervenwesens. Dadurch, daß man das Lebenspanorama hat mit demjenigen, was man in der geschilderten Weise daran erlebt, dadurch sieht man dasjenige zunächst ein — von dem anderen werde ich später sprechen —, was als Wachstumsprinzip im Nervenorganismus des Menschen ist, der ja den Sinnesorganismus nach innen fortsetzt. Und man bekommt die Vorstellung: In deinen Sinnesorganen hast du etwas gegeben, was du zunächst durch die Imagination etwas durchschauen kannst. Das enthält aber jetzt auch die Möglichkeit, den ganzen Nervenorganismus so zu überblicken wie ein werdendes, ich möchte sagen, synthetisches Sinnesorgan, welches die übrigen Sinnesorgane eben synthetisch umfaßt. Man lernt erkennen, daß unsere Sinne mit unserem Geborenwerden nicht in ihrem vollen Wachstumsergebnis, wohl aber in ihren inneren Kräften etwas Abgeschlossenes sind — das geht ja hervor aus der Art, wie ich gesprochen habe über die Stellung der Imagination zur Sinneswelt —, daß aber dasjenige, was in unserem Nervenorganismus lebt, durch dieselbe Kraft wie die Sinnesorgane durchsetzt ist, aber ein Werdendes ist, ein werdendes großes Sinnesorgan. Man bekommt eben die Vorstellung als eine reale Anschauung, daß wir die einzelnen Sinne haben nach außen sich öffnend und nach innen sich fortsetzend in dem Nervenorganismus, so daß während unseres Lebens noch bis zu einem gewissen Lebensalter dieser Nervenorganismus von der Kraft organisiert wird, die wir in der Imagination auf die charakterisierte Weise kennengelernt haben.
[ 10 ] And through that which one now, I might say, extracts from reality—that which one brings to mind inwardly by reflecting back from the panorama of life to the inner activity that creates this panorama of life—one comes to know inwardly, in a mathematical way, that which one can now bring into correspondence — just as one can otherwise bring mental images into correspondence with external mineral-physical reality — with that which is contained in the human power of imagination—and also in the power of imagination of other beings, though I will not speak of that now—and in the human power of growth. One forms a mental image of a certain inner kinship between what lives purely in the soul through imagination—for it is a purely soul-based experience—and that which permeates the human being as his power of growth, which causes him to grow from a child into an adult, which causes his limbs to grow larger, and which organizes him internally as a power of growth. In short, this provides an immediate insight into what acts as a real principle of growth within the human being. And one gains this insight initially in a very specific area, namely that of the nervous system. By having this panorama of life—with what one experiences in it as described—one first perceives that which—I will speak of the other later—is the principle of growth in the human nervous system, which, after all, continues the sensory system inward. And one gains a mental image: In your sensory organs, you have something that you can initially perceive to some extent through imagination. But this now also contains the possibility of surveying the entire nervous system as a developing—I would say—synthetic sensory organ, which synthetically encompasses the other sensory organs. One comes to recognize that our senses, at the time of our birth, are not yet fully developed in their growth, though they are somewhat complete in their inner powers—this is evident from the way I have spoken about the relationship of imagination to the sensory world—but that what lives within our nervous system is permeated by the same force as the sensory organs, yet is a process of becoming, a great sensory organ in the making. One gains the mental image—as a real insight—that we possess the individual senses, which open outward and continue inward into the nervous organism, so that throughout our lives, up to a certain age, this nervous organism is organized by the force we have come to know in imagination in the manner described.
[ 11 ] Sie sehen, was da eigentlich angestrebt wird. Es wird angestrebt, daß dasjenige, was einem am Menschen selbst eigentlich wie geistig undurchsichtig entgegentritt — was weiß denn der Mensch eigentlich von sich, was weiß er, wie die Kräfte in seinem eigenen Inneren wirken? -, allmählich durchsichtig werde. Dasjenige, was man ein geistig-seelisch Undurchsichtiges nennen kann, ein von der gewöhnlichen Erkenntnis nicht zu Bewältigendes, das beginnt geistig-seelisch durchsichtig zu werden. Man bekommt eine Möglichkeit, mit einer höheren, qualitativen Mathematik, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, zunächst die Welt der Sinne und dann die Welt unseres Nervenorganismus zu durchdringen. Und man beginnt jetzt, wenn man zu diesen Dingen kommt, nicht etwa hochmütig und unbescheiden zu werden, sondern man fängt jetzt erst eigentlich an, gerade gegenüber dem Erkennen des Menschen so recht bescheiden zu werden. Denn dasjenige, was ich Ihnen hier in verhältnismäßig wenigen Worten geschildert habe, das eignet man sich eigentlich im Laufe einer sehr langen Zeit an, und obzwar es bei dem einen früher, bei dem anderen später auftritt, wenn er wirklich die Methode der Geistesforschung auf sich anwenden will, so darf man doch sagen: Gewiß, einem dann außerordentlich fundamental und wichtig erscheinende Ergebnisse, sie überraschen einen oftmals erst, nachdem man innerlich jahrelang an sich gearbeitet hat. Dasjenige, was durch solche innerliche Arbeit zutage tritt, wenn es einigermaßen zutreffend geschildert wird, es kann dem gesunden Menschenverstand durchaus immer begreiflich erscheinen. Aber das Daraufkommen, das Heraufholen solcher Ergebnisse aus den Untergründen des Seelendaseins, das ist etwas, was eben doch einer ausdauernden und energischen inneren Seelenarbeit bedarf. Und namentlich lernt man nun bescheiden werden, weil man kennenlernt, wie man sich erst Stück für Stück durcharbeiten muß zu einer relativen menschlichen Selbsterkenntnis. Denn durch das, was man so in der imaginativen Vorstellung sich erringt, sieht man ganz genau: Du lernst eigentlich dadurch nur kennen den Nerven-Sinnesorganismus des Menschen, und du kannst jetzt im Grunde genommen erst ermessen, in welchem Dunkel vor dir steht dasjenige, was sonst der menschlichen Organisation eingegliedert ist.
[ 11 ] You can see what is actually being sought here. The aim is for that which in human beings themselves actually appears spiritually opaque—for what does a person actually know about themselves, and how do the forces within them work?—to gradually become transparent. That which can be called a spiritual-psychic opacity—something that ordinary cognition cannot grasp—begins to become spiritually and psychically transparent. One gains the ability, through a higher, qualitative mathematics—if I may use that expression—to penetrate first the world of the senses and then the world of our nervous system. And when one comes to these things, one does not become arrogant or immodest; rather, one is only now truly beginning to become genuinely humble, especially with regard to our understanding of the human being. For what I have described to you here in relatively few words is actually acquired over the course of a very long time, and although it occurs earlier for some and later for others—if one truly wishes to apply the method of spiritual research to oneself—one may nevertheless say: Certainly, results that then appear extraordinarily fundamental and important often surprise one only after one has worked on oneself inwardly for years. What comes to light through such inner work, if described with reasonable accuracy, can always appear comprehensible to common sense. But arriving at these results—bringing them up from the depths of the soul’s existence—is something that requires persistent and energetic inner soul work. And above all, one learns to become humble, because one comes to realize how one must work one’s way through, bit by bit, to achieve a relative self-knowledge as a human being. For through what one thus attains in a mental image, one sees quite clearly: You are actually only coming to know the human nervous-sensory organism through this process, and only now can you truly begin to grasp the extent of the darkness that lies before you regarding that which is otherwise integrated into the human organism.
[ 12 ] Dann aber handelt es sich darum, eine höhere Stufe — das Wort «höhere» ist ja nur ein Terminus - in übersinnlicher Erkenntnis zu erringen, um eben etwas weiterzukommen als bis zum bloßen Selbsterkennen bezüglich des Nerven-Sinnessystems. Da aber muß ich zunächst darauf hinweisen, daß — ich werde es noch genauer schildern — das Erringen der imaginativen Erkenntnis im wesentlichen darauf beruht, daß man immer wieder und wiederum in einer nicht konfusen, sondern methodisch-technisch geführten Meditation, wie ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» den Ausdruck gewählt habe, leicht überschaubare Vorstellungen sich vor die Seele hinstellt. Wesentlich ist, daß sie leicht überschaubar sind, nicht irgendwelche Erinnerungen, Reminiszenzen und so weiter — dadurch würde man verleitet sein, eben das mathematische Erleben zu stark in den Hintergrund zurückzudrängen -, also leicht überschaubare Vorstellungen, am besten, weil diese am leichtesten überschaubar sind, symbolische Vorstellungen. Es kommt darauf an, was wir mit diesen Vorstellungen seelisch erleben. Diese Vorstellungen suchen wir so in unser Bewußtsein hereinzustellen, daß das Anwesendsein im Bewußtsein nach Art einer sonstigen Erinnerungsvorstellung da ist. Also selbstgemachte Vorstellungen werden durch willkürliche Tätigkeit so in die menschliche Seele hereingenommen, wie sonst Erinnerungsvorstellungen drinnen stehen. Man ahmt in einer gewissen Weise durchaus dasjenige nach, was im Erinnern geschieht. Im Erinnern werden gewisse Erlebnisse in Bildern dauernd gemacht. Hinter diese Tätigkeit der menschlichen Seele sucht man zu kommen, wie, das werde ich noch darstellen. Indem man dahinter zu kommen sucht, wie das Erinnern sich vollzieht, wird man dann auch in den Stand kommen, willkürlich solche leicht überschaubaren Vorstellungen ganz nach dem Muster der erinnerten Vorstellungen durch eine gewisse Zeit hindurch — man gewöhnt sich immer mehr und mehr, diese Zeit sogar von wenigen Sekunden bis zu Minuten herauf auszudehnen -, durch eine verhältnismäßig also längere Zeit im Bewußtsein festzuhalten. Nicht auf diese Vorstellungen kommt es an, sondern darauf kommt es an, daß an diesem Vorstellen solcher selbstgewählten Vorstellungen eine gewisse innere Seelenkraft sich entwickelt. Geradeso wie wenn ich die Muskeln meines Armes anstrenge, sich diese Muskeln entwickeln durch die Anstrengung, so verstärken sich gewisse Seelenkräfte, wenn sie es zu tun haben mit solchen Vorstellungen, wie ich sie geschildert habe, die immer wieder und wiederum willkürlich in das Bewußtsein gerückt werden. Die Seele muß sich anstrengen, um diesen Prozeß herbeizuführen und festzuhalten, und auf diese Anstrengung im seelischen Erleben kommt es an. Und indem wir uns so üben an den selbstgemachten Vorstellungen, tritt eben etwas in uns auf, was die Kraft der Imagination ist, die also nach dem Muster der Erinnerungskraft entwickelt wird, die aber doch nicht zu verwechseln ist mit dieser Erinnerungskraft. Denn wir werden noch zu schildern haben, wie das, was wir in den Imaginationen auffassen — wir haben es zum Teil ja schon geschildert —, eben durchaus reale äußere Dinge sind, nicht etwa wie in den Erinnerungsvorstellungen unsere bloßen eigenen Erlebnisse. Das ist der Unterschied im Grunde zwischen den Imaginationen und den Erinnerungsvorstellungen, daß die Erinnerungsvorstellungen nur im Bilde wiedergeben unsere eigenen Erlebnisse, daß aber die Imaginationen, trotzdem sie zunächst wie Erinnerungsvorstellungen auftreten, durch ihren eigenen Inhalt klarmachen, daß sie sich nicht beziehen auf unsere eigenen Erlebnisse bloß, sondern daß sie sich beziehen können wenigstens auf uns gegenüber durchaus objektive Tatsachen der Welt.
[ 12 ] But then the task is to attain a higher level—the word “higher” is, after all, merely a technical term—of supersensible knowledge, in order to go a step further than mere self-knowledge with regard to the nervous-sensory system. But here I must first point out that—as I will describe in greater detail—the attainment of imaginative knowledge essentially depends on repeatedly presenting the soul with easily comprehensible mental images in a meditation that is not confused but methodically and technically guided, as I have described in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?. It is essential that they be easily comprehensible, not just any memories, reminiscences, and so on—for that would lead one to push the mathematical experience too far into the background—but rather easily comprehensible mental images, preferably symbolic ones, since these are the easiest to grasp. What matters is what we experience psychologically through these mental images. We seek to bring these mental images into our consciousness in such a way that their presence in consciousness is akin to that of a memory image. Thus, self-created mental images are taken into the human soul through a voluntary act in the same way that memory images are otherwise present within it. In a certain sense, one is imitating exactly what happens in the process of remembering. In remembering, certain experiences are permanently fixed in images. One seeks to get to the bottom of this activity of the human soul; I will explain how later. By seeking to understand how memory operates, one will then also be able to voluntarily hold such easily comprehensible mental images in consciousness for a certain period of time—following the very pattern of remembered images—and one becomes increasingly accustomed to extending this time from just a few seconds up to minutes—that is, for a relatively longer period of time. It is not these mental images themselves that matter, but rather that a certain inner spiritual strength develops through the act of visualizing such self-chosen mental images. Just as when I strain the muscles of my arm, those muscles develop through the exertion, so certain powers of the soul are strengthened when they are engaged with such mental images as I have described, which are repeatedly and arbitrarily brought into consciousness. The soul must exert itself to bring about and sustain this process, and it is this effort in the soul’s experience that matters. And as we practice in this way with the mental images we have created ourselves, something arises within us that is the power of imagination—a power that is thus developed along the lines of the power of memory, yet must not be confused with it. For we will yet have to describe how what we perceive in imaginations—we have, in part, already described it—are indeed entirely real external things, not merely our own experiences, as is the case with memories. This is essentially the difference between imaginations and memories: that memories merely reproduce our own experiences in image form, whereas imaginations—even though they initially appear like memories—make it clear through their own content that they do not refer merely to our own experiences, but that they can refer, at least, to facts of the world that are entirely objective in relation to us.
[ 13 ] Sie sehen also, durch ein Weiterbilden des Erinnerungsvermögens bilden wir die imaginative Kraft der Seele. Nun kann man geradeso, wie man weiterbildet die Kraft der Erinnerung, eine andere Kraft weiterbilden. Fast wird es Ihnen komisch erscheinen, wenn ich Ihnen diese Kraft nenne. Und dennoch, die Weiterbildung dieser Kraft, sie ist schwieriger als diejenige der Erinnerungskraft. Im gewöhnlichen Leben sorgen ja manche Mächte dafür, daß wir nicht nur erinnern — namentlich die verehrten Kommilitonen werden mir das zugeben -, sondern auch vergessen, und wir brauchen uns zuweilen gar nicht besonders anzustrengen, um vergessen zu können. Das ändert sich etwas, wenn wir die weitergebildete Erinnerungskraft in der Meditation ausbilden. Denn merkwürdigerweise führt diese Kraft des Festhaltens gewisser Imaginationen dazu, daß diese Imaginationen zunächst bleiben wollen. Sie sind, wenn sie auftreten im Bewußtsein, nicht ohne weiteres leicht wiederum fortzuschaffen, sie machen sich geltend. Das hängt damit zusammen, was ich vorhin charakterisiert habe, daß wir es mit einem Stehen in einer Realität eigentlich zu tun haben. Diese Realität macht sich darin geltend, daß sie auch bleibend sein will. Nun, hat man es dazu gebracht - aber in einer dem mathematischen Vorstellen nachgebildeten Weise —, die imaginative Kraft auszubilden, dann bringt man es durch eine weitere Anstrengung auch dazu, diese Vorstellungen ebenso willkürlich, wie man sie gebildet hat, wiederum aus dem Bewußtsein herauszuwerfen. Und diese Kraft des fortgebildeten Vergessens, sie muß ganz besonders gepflegt werden. Es handelt sich durchaus darum, daß, wenn diese inneren Erkenntniskräfte ausgebildet werden sollen, man wirklich auch alles Nötige anwendet, um nicht innerhalb der Seele gerade Unheil anzurichten. Aber derjenige, der dabei nur auf gewisse Gefahren hinweisen würde, der gliche demjenigen, der verbieten würde, im Laboratorium gewisse Versuche zu machen, weil dabei auch das oder jenes einmal explodieren könnte. Sehen Sie, ich selbst habe an der Hochschule einen Chemieprofessor gehabt, der einäugig war, weil er bei einem Experiment das eine Auge verloren hatte. Solche Dinge sind natürlich kein Einwand gegen die Notwendigkeit der Ausbildung gewisser Methoden, und ich darf wohl sagen, wenn alle die Vorsichtsmaßregeln, die ich in meinen Büchern geschildert habe mit Bezug auf dieses innere Ausbilden der Seelenkräfte, angewendet werden, daß dann durchaus Gefahren für das Seelenleben ganz gewiß nicht eintreten können. Es liegt eben, wenn man nicht auch die Methoden des Wiederloswerdens der Vorstellungen entwickelt, die Gefahr vor, daß man schon in einer gewissen Weise gegängelt wird von demjenigen, was man durch seine Meditationen herbeigeführt hat. Aber das darf ja erstens nicht geschehen, und zweitens würde es einen, wenn es geschähe, auf dem Wege der übersinnlichen Erkenntnis nicht weiterkommen lassen. Denn es ist zu gleicher Zeit eine weitere Etappe, daß diese Fortführung des Vergessens ausgebildet wird.
[ 13 ] So you see, by developing our power of memory, we develop the soul’s power of imagination. Now, just as we develop the power of memory, we can develop another power. It will almost seem strange to you when I tell you what this power is. And yet, developing this power is more difficult than developing the power of memory. In everyday life, certain forces ensure that we not only remember—my esteemed fellow students will certainly agree with me on this—but also forget, and at times we do not even need to make a special effort to forget. This changes somewhat when we cultivate our refined power of memory through meditation. For, curiously enough, this power of holding onto certain images leads to those images initially wanting to remain. When they arise in consciousness, they are not easily dispelled; they assert themselves. This is connected to what I described earlier—that we are actually dealing with a state of being within a reality. This reality asserts itself in that it, too, wants to be enduring. Now, once one has managed—but in a manner modeled on mathematical thinking—to develop the imaginative power, then, through a further effort, one can also bring about the expulsion of these mental images from consciousness just as arbitrarily as they were formed. And this power of cultivated forgetting must be nurtured with particular care. The point is certainly this: if these inner powers of insight are to be developed, one must truly do everything necessary to avoid causing harm within the soul. But anyone who would merely point out certain dangers in this process would be like someone who forbids certain experiments in the laboratory simply because this or that might explode at some point. You see, I myself had a chemistry professor at the university who was one-eyed because he had lost one eye during an experiment. Such things are, of course, no objection to the necessity of training in certain methods, and I may well say that if all the precautions I have described in my books regarding this inner training of the soul’s powers are applied, then dangers to the life of the soul can certainly not arise. The danger lies in the fact that, unless one also develops methods for letting go of these mental images, one risks being constrained in a certain way by what one has brought about through one’s meditations. But, first of all, this must not happen; and secondly, if it did happen, it would prevent one from making further progress on the path of supersensible knowledge. For the cultivation of this continued process of forgetting constitutes a further stage in the process.
[ 14 ] Nun gibt es eine gewisse Hilfe, welche man anwenden kann, um diese Fortführung der Vergessenskraft wirklich leisten zu können. Da komme ich auf etwas, was vielleicht gerade denjenigen, die in irgendeiner Richtung heutiger moderner Erkenntnistheorie drinnenstecken, als etwas ganz Dilettantisches erscheinen wird. Ich kenne alle die-Einwände, die gegen solche Dinge gemacht werden können, aber ich bin auch verpflichtet, die Tatsachen zu schildern, wie sie eben sind. Und so muß ich denn sagen, daß man sich in der Erkraftung des Vergessens zu Hilfe kommen kann, wenn man weiterbildet durch eine gewisse Selbstzucht, Zucht des eigenen Selbst, dasjenige, was im gewöhnlichen Leben auftritt als die Fähigkeit der Liebe. Ganz gewiß kann man sagen: Liebe ist ja keine Erkenntniskraft. - So wie man die Erkenntnis heute auffaßt, so ist sie es vielleicht auch nicht. Aber es handelt sich auch nicht darum, die Liebekraft so beizubehalten, wie sie im gewöhnlichen Leben für dieses gewöhnliche Leben auftritt, sondern darum, diese Liebekraft weiterzubilden, durch eine gewisse Selbstzucht. Und man kann das erreichen dadurch, daß man folgendes beachtet.
[ 14 ] Now, there is a certain method one can use to truly achieve this continuation of the power of forgetting. Here I come to something that may seem quite amateurish, especially to those who are immersed in some branch of contemporary epistemology. I am aware of all the objections that can be raised against such things, but I am also obliged to describe the facts as they are. And so I must say that one can aid the development of the power of forgetting by cultivating—through a certain self-discipline, the discipline of one’s own self—that which appears in ordinary life as the capacity for love. One can certainly say: Love is, after all, not a power of cognition. - As we understand cognition today, perhaps it is not. But the point is not to preserve the power of love as it appears in ordinary life for the sake of that ordinary life, but rather to develop this power of love further through a certain kind of self-discipline. And one can achieve this by observing the following:
[ 15 ] Nicht wahr, wenn man so als Mensch lebt sein Leben hindurch, so muß man sich ja gestehen, daß man eigentlich mit jedem Jahr doch ein bißchen ein anderer geworden ist, und vergleicht man dasjenige, was man ist in einem gewissen Lebensalter, mit demjenigen, was man war vielleicht vor zehn Jahren, so wird man schon finden, wenn man nur etwas ehrlich zu Werke geht mit dieser Selbstbeobachtung, daß man im Inhalte seines Seelenlebens, auch in demjenigen, der nicht bloß konturierter Gedanken- oder Empfindungs- oder auch Willensinhalt ist, sondern in demjenigen, was, ich möchte sagen, der Duktus, die ganze Verfassung des Seelenlebens ist, daß sich in dem manches im Laufe der Zeit geändert hat. Man ist innerlich ein anderer geworden, und man kann ja, wenn man auf die Faktoren hinsehen will, durch die man innerlich ein anderer geworden ist, sich sagen: Erstens ist es das, was mit unserem physischen Organismus geschehen ist, der wird ja immer ein anderer. Er wird in der ersten Lebenshälfte ein anderer durch das fortschreitende Wachstum, er wird in der zweiten Lebenshälfte immer ein anderer durch das rückschreitende Bilden und so weiter. Aber auch die äußeren Erlebnisse, dasjenige, was einem entgegentritt erstens als Vorstellungswelt, dann aber auch als dasjenige, was Schmerzen, Leiden, Lust und Freude auf unsere Seele ablagert, dasjenige, was wir versucht haben, als Willenskräfte zu entwickeln und auszuleben, das ist es ja, was uns im Lauf des Lebens immer wieder und wiederum zu einem anderen macht. Und wenn man ehrlich sich gestehen will, was da vorliegt, so muß man sich sagen: Nun ja, man schwimmt eigentlich so dahin im Strome des Lebens. — Derjenige, der Geistesforscher werden will, der muß nun in der Tat auch diese seine Selbstentwickelung durch eine gewisse Selbstzucht in die Hand nehmen. Er muß schon auch das in sich ausbilden, daß er sich vorsetzt, in einer gewissen Zeit diese oder jene Gewohnheit — kleine Gewohnheiten sind da manchmal von ausschlaggebender Bedeutung — durch eigene Arbeit umzugestalten, so daß man sich im Laufe des Lebens metamorphosiert. Nicht nur durch den Strom des Lebens selbst, sondern durch dasjenige, was man mit vollem Bewußtsein an sich selbst tut, kann man dann von irgendeinem Punkt des Lebens mit Hilfe der ja schon vorher entwickelten Rückschau des Lebenspanoramas zurückschauen auf dasjenige, was sich verändert hat im Leben durch diese eigene Selbstzucht. Dann wirkt das in merkwürdiger Weise auf das eigene Seelenleben zurück. Es wirkt dieses zurück nicht etwa im Sinne einer Erhöhung des Egoismus, sondern im Gegenteil, im Sinne der Erhöhung der Liebekraft des Menschen. Man wird immer fähiger und fähiger, mit einer gewissen Liebe die Außenwelt zu umfassen, in die Außenwelt sich zu vertiefen. Und darüber urteilen, was das heißt, kann eigentlich nur derjenige, der in solcher Selbstzucht Anstrengungen gemacht hat. Er kann nur wirklich bemessen, was es bedeutet, die Verstandesvorstellungen, die man sich bildet über irgendeinen Vorgang oder über irgendein Ding, begleitet sein zu lassen von den Ergebnissen solcher Selbstzucht. Man dringt ein mit einem viel stärkeren persönlichen Anteil in dasjenige, in das unsere Vorstellungen untertauchen, man dringt sogar in die einen mit den Ergebnissen der Mathematik sonst gleichgültig lassende physisch-mineralische Welt in einer gewissen Liebeentfaltung ein, und man merkt deutlich den Unterschied zwischen dem Eindringen mit dem bloßen blassen Vorstellen und dem Eindringen mit der entwikkelten Liebekraft.
[ 15 ] Isn’t it true that when one lives one’s life as a human being in this way, one must admit that, in fact, one has become a little different with each passing year? And if one compares who one is at a certain age with who one was, say, ten years ago, you will find—if you approach this self-observation with even a modicum of honesty—that in the substance of your inner life, including not only the more defined content of thoughts, feelings, or even volition, but also what I would call the character, the entire disposition of your inner life, many things have changed over time. One has become a different person inwardly, and if one looks at the factors through which one has become a different person inwardly, one can say to oneself: First, there is what has happened to our physical organism, which is, after all, always changing. In the first half of life, it changes through progressive growth; in the second half, it continues to change through the process of decline and so on. But also our external experiences—that which confronts us first as the world of imagination, and then also as that which deposits pain, suffering, pleasure, and joy upon our soul; that which we have sought to develop and live out as forces of the will—that is precisely what, in the course of life, makes us different again and again. And if one is willing to honestly admit to oneself what is actually happening, one must say: Well, one is actually just drifting along in the stream of life. — Anyone who wants to become a spiritual researcher must, in fact, take charge of this self-development through a certain degree of self-discipline. One must also cultivate within oneself the resolve to transform this or that habit—small habits are sometimes of decisive importance—through one’s own effort within a certain period of time, so that one undergoes a metamorphosis over the course of one’s life. Not only through the flow of life itself, but also through what one consciously does to oneself, one can then, from any point in life—with the aid of the retrospective view of the panorama of one’s life that has already been developed—look back upon what has changed in one’s life as a result of this self-discipline. This then has a remarkable effect on one’s own inner life. This effect does not manifest as an increase in selfishness, but rather, on the contrary, as an increase in a person’s capacity for love. One becomes increasingly capable of embracing the external world with a certain love and of immersing oneself in it. And only those who have made efforts toward such self-discipline can truly judge what this means. Only they can truly gauge what it means to allow the mental concepts one forms about any process or any object to be accompanied by the results of such self-discipline. One penetrates with a much stronger personal involvement into that which our mental images immerse themselves in; one even penetrates the physical-mineral world—which otherwise leaves one indifferent to the results of mathematics—with a certain unfolding of love, and one clearly notices the difference between penetrating with mere pale mental images and penetrating with the developed power of love.
[ 16 ] Sie werden nur dann Anstoß nehmen an demjenigen, was ich hier über diese entwickelte Liebekraft sage, wenn Sie etwa von vornherein das Dogma aufstellen wollen: Diese Liebekraft darf nicht sein bei dem Eindringen in die Außenwelt. — Ja, solch ein Dogma kann man aufstellen. Man kann sagen, richtige objektive Erkenntnis sei nur diejenige, die im bloßen logischen Vorstellen errungen wird. Gewiß, man braucht auch durchaus diejenige Fähigkeit, die mit Ausschluß jeder anderen Kraft sich durch den bloßen nüchternen Verstand hineinversetzen kann in das Geschehen der äußeren Welt. Aber ihr Ganzes gibt uns diese äußere Welt nicht, wenn wir ihr in dieser Weise beikommen wollen, sondern ihr Ganzes gibt uns die Welt erst dann, wenn wir ihr mit einer die Vorstellungen verstärkenden Liebekraft beikommen. Und es kommt ja nicht darauf an, daß wir unsere Erkenntnis kommandieren, daß wir sagen, die Natur muß sich uns durch diese oder jene Kräfte erschließen, daß wir gewissermaßen erkenntnistheoretische Dogmen aufstellen, sondern darauf kommt es an, zu fragen: Wie erschließt sich uns die Natur? Wie ergibt sie sich uns? — Sie ergibt sich uns nur, wenn wir die Vorstellungskräfte von Liebekräften durchdrungen sein lassen.
[ 16 ] You will take offense at what I say here about this developed power of love only if, for example, you wish to establish the dogma from the outset: This power of love must not be present when penetrating the external world. — Yes, one can establish such a dogma. One could say that true objective knowledge is only that which is attained through pure mental images. Certainly, one also needs the ability to immerse oneself in the events of the external world through pure, sober reason, to the exclusion of every other power. But this external world does not reveal its entirety to us if we seek to approach it in this way; rather, the world reveals its entirety to us only when we approach it with a power of love that strengthens our mental images. And it is not a matter of us dictating our knowledge, of us saying that nature must reveal itself to us through this or that faculty, of us, so to speak, establishing epistemological dogmas; rather, what matters is to ask: How does nature reveal itself to us? How does it yield to us? — It yields to us only when we allow our powers of imagination to be imbued with the forces of love.
[ 17 ] Aber zunächst spreche ich nur davon, daß man versucht, die Übungen des Vergessens mit einer größeren Kraft und sicherer ausbilden zu können mit der Liebekraft als ohne sie. Indem man zu gleicher Zeit diese Selbstzucht, die einen liebefähiger macht, ausbildet, gelangt man dazu, tatsächlich mit einer ebenso starken Willkür das erweiterte, das verstärkte Vergessen in sich erleben zu können wie das weiterentwikkelte, das verstärkte Erinnern. Und indem man so etwas ganz Bestimmtes, Positives innerlich seelisch an die Stelle zu setzen vermag, welche sonst im Grunde genommen das Ende unseres Erlebens ist — denn wenn wir etwas vergessen haben, so ist in bezug auf eine gewisse Erlebnisreihe dieses Vergessen das Ende -, indem wir so an die Stelle einer Null gleichsam das Positive der ausgebildeten Vergessenskraft setzen, wo wir aktiv etwas ausbilden, was sonst passiv verläuft, wenn wir dazu gekommen sind, dann ist es, wie wenn wir innerlich in uns einen Abgrund übersetzt hätten, wie wenn wir tatsächlich eingedrungen wären in eine Region des Erlebens, durch die uns ein neues Dasein zufließt. Und so ist es auch. Wir haben bis dahin gehabt unsere Imaginationen. Wenn wir wirklich mit mathematischer Seelenverfassung ausgerüstete Menschen sind innerhalb dieser Imaginationen und nicht Narren, dann werden wir klar durchschauen: In der imaginativen Welt haben wir Bilder. Die Physiologie mag streiten darüber, ob dasjenige, was uns durch unsere Sinne vermittelt wird, als Bilder gegeben ist derart, wie man es meint — ich habe es in meinen «Rätseln der Philosophie» dargestellt -, ob das Bilder sind oder eine Realität. Daß das zunächst Bilder sind, die wohl auf eine Realität hinweisen, aber Bilder sind, das weiß man, und gerade darauf beruht das gesunde Erleben in einer solchen Region, daß man zunächst weiß, man hat es mit Bildern zu tun. In dem Augenblick aber, wo ein gewisses Ergebnis der verstärkten Vergessenskraft einrritt, da füllen sich diese Bilder gewissermaßen von der anderen Seite des Lebens aus mit demjenigen, was geistige Realität ist, und da wächst man zusammen mit der geistigen Realität. Man nimmt da sozusagen an dem anderen Ende des Lebens wahr. So wie man wahrnimmt durch die Sinne an dem einen Ende des Lebens, namentlich am physisch-sinnlichen, so lernt man nach der anderen Seite hinschauen und lernt erkennen, wie einfließt in die Bilder des imaginativen Lebens eine geistige Realität. Dieses Einfließen einer geistigen Realität, dieses, ich möchte sagen, am Abgrund des Seelendaseins Einfließen einer geistigen Realität in dasjenige, was wir gut vorbereitet haben innerhalb unserer Erkenntniskräfte, das habe ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in anderen Büchern Inspiration genannt. Man braucht sich nicht an dem Ausdruck zu stoßen, man muß sich nur an dasjenige halten, was zur Charakteristik solcher Worte gegeben ist. Man soll nicht Reminiszenzen aufklauben, wo sich dieses Wort auch findet. Wir müssen ja Worte haben für das, was wir vorbringen wollen, und wir müssen da oft ältere Worte wählen, und ich habe für dasjenige, was sich so darstellt, wie ich es eben geschildert habe, das Wort Inspiration gewählt.
[ 17 ] But for now, I am simply saying that one can try to cultivate the exercises of forgetting with greater strength and greater confidence through the power of love than without it. By simultaneously cultivating this self-discipline—which makes one more capable of love—one comes to experience within oneself the expanded, intensified forgetting with just as strong a sense of volition as the further developed, intensified remembering. And by being able to place something quite specific and positive within one’s inner soul in the place that is otherwise, in essence, the end of our experience—for when we have forgotten something, this forgetting marks the end with regard to a certain sequence of experiences —by substituting, as it were, the positive power of cultivated forgetting for a void, where we actively cultivate something that otherwise proceeds passively—once we have reached this point, it is as if we had crossed an abyss within ourselves, as if we had actually penetrated a region of experience through which a new existence flows to us. And so it is. Up to that point, we have had our imaginations. If we are truly people endowed with a mathematical disposition of mind within these imaginations—and not fools—then we will see clearly: In the imaginative world, we have images. Physiology may dispute whether what is conveyed to us through our senses is presented as images in the sense that is commonly understood—I have described this in my Riddles of Philosophy—whether these are images or a reality. That these are, at first, images—which certainly point to a reality, but are nonetheless images—is something we know, and a healthy experience in such a realm is based precisely on the fact that we know from the outset that we are dealing with images. But the moment a certain result of the intensified power of forgetting sets in, these images are, as it were, filled from the other side of life with what constitutes spiritual reality, and one grows together with spiritual reality. One perceives, so to speak, from the other end of life. Just as one perceives through the senses at one end of life—namely, the physical-sensory end—so one learns to look toward the other side and to recognize how a spiritual reality flows into the images of the imaginative life. This infusion of a spiritual reality—this, I would say, infusion of a spiritual reality at the abyss of soul existence into that which we have well prepared within our powers of cognition—is what I have called “inspiration” in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? and in other books. One need not take offense at the term; one need only hold fast to what is given as the characteristic of such words. One should not pick up on every instance where this word appears. After all, we must have words for what we wish to convey, and we often have to choose older terms; and for what presents itself as I have just described, I have chosen the word “inspiration.”
[ 18 ] Dasjenige, was ich so geschildert habe als das Erringen der Inspiration, das erst führt uns dahin, eine Erkenntnis zu gewinnen von demjenigen, was ich genannt habe das rhythmische System im menschlichen Organismus, das in einer gewissen Weise verbunden ist mit der Welt des Fühlens. Und da kommen wir dazu, ausdrücklich betonen zu müssen, daß diese Methode zur Inspiration, wie ich sie eben geschildert habe, eigentlich nur von dem modernen Menschen so ausgebildet werden kann. In älteren Phasen der Menschheitsentwickelung wurde sie mehr instinktiv ausgebildet, und wir finden eine solche Ausbildung im indischen Jogasystem, das nicht erneuert werden kann. Es ist unhistorisch und im geisteswissenschaftlichen Sinn so furchtbar dilettantisch, wenn man das alte Jogasystem wiederum erneuern will. Das geht zu Werke mit gewissen menschlichen Kräften, die eben nur einem früheren Entwickelungszustand des Menschen angemessen waren. Es geht zu Werke unmittelbar mit der Entwickelung gewisser rhythmischer Prozesse, mit der Entwickelung methodisch zugerichteter Atmungsprozesse. Indem der Jogi in bestimmter Weise atmet, will er ausbilden mehr durch das Physisch-Körperliche dasjenige, was der moderne Mensch durch das Seelisch-Geistige ausbilden muß, wie ich es geschildert habe. Dennoch können wir sagen, daß die instinktive Inspiration, die wir finden als durchziehend die Vedantaphilosophie oder dergleichen, für eine frühere Stufe der Menschheitsentwickelung etwas ähnliches war wie dasjenige, was wir wieder erreichen durch die vollbewußte Inspiration, die aber den Weg wählen muß durch dasjenige, was ich geschildert habe.
[ 18 ] What I have described as the attainment of inspiration is what ultimately leads us to gain an understanding of what I have called the rhythmic system in the human organism, which is connected in a certain way to the world of feeling. And this brings us to the point where we must explicitly emphasize that this method of attaining inspiration, as I have just described it, can actually only be developed by modern human beings. In earlier phases of human development, it was cultivated more instinctively, and we find such a form of cultivation in the Indian yoga system, which cannot be revived. It is ahistorical and, in the sense of Spiritual Science, terribly amateurish to attempt to revive the old yoga system. It operates through certain human forces that were appropriate only to an earlier stage of human development. It operates directly through the development of certain rhythmic processes, through the development of methodically directed breathing processes. By breathing in a specific way, the yogi seeks to develop—more through the physical-bodily realm—that which modern human beings must develop through the soul-spiritual realm, as I have described. Nevertheless, we can say that the instinctive inspiration that pervades Vedanta philosophy and similar traditions was, for an earlier stage of human development, something similar to what we attain again through fully conscious inspiration—which, however, must take the path I have described.
[ 19 ] Wir gelangen gewissermaßen als moderne Menschen dazu, von oben herunter durch rein geistig-seelische Übungen in uns die Kraft auszubilden, die sich dann hineinlebt als Kraft der Inspiration in die rhythmische Organisation des Menschen, wie der Inder sich unmittelbar einleben wollte durch das Jogaatmen in diese rhythmische Organisation des Menschen. Er ging von Physischem aus, wir gehen von GeistigSeelischem aus. Beides bezweckt, den Menschen zu erfassen in seinem mittleren System, in dem rhythmischen System, und wir werden sehen, wie tatsächlich dasjenige, was uns entgegentritt im imaginativen Erkennen als ein Erfassen des Sinnessystems und des Nervensystems, wiederum ein Stück ergänzt werden kann, wenn wir durchdringen vom Gesichtspunkt der Inspiration aus das rhythmische System. Und wir werden sehen können zu gleicher Zeit, wie aufleben müssen alte instinktive, mehr kindliche Arten der höheren Erkenntnis, wie sie da waren im indischen Jogasystem, wie die aufleben müssen im vollen, freibewußten Menschen.
[ 19 ] As modern human beings, we are, so to speak, able to develop within ourselves—from above, through purely spiritual and soul-based exercises—the power that then permeates the human being’s rhythmic organization as a force of inspiration, just as the Indian sought to directly permeate this rhythmic organization through yogic breathing. They started from the physical; we start from the spiritual-psychic. Both aim to grasp the human being in his middle system—the rhythmic system—and we will see how, in fact, what we encounter in imaginative cognition as a grasp of the sensory system and the nervous system can in turn be supplemented to some extent when we penetrate the rhythmic system from the standpoint of inspiration. And at the same time, we will be able to see how ancient, instinctive, more childlike forms of higher knowledge—such as those found in the Indian yoga system—must be revived in the fully conscious, free human being.
[ 20 ] Über diese Beziehung des Ausbildens des rhythmischen Systems durch die vorzeitliche Jogaphilosophie zu dem, was sich namentlich heute ergibt durch innere seelisch-geistige Arbeit bis zur Inspiration hin, werde ich mir dann erlauben, das nächste Mal zu sprechen.
[ 20 ] I will take the liberty of speaking next time about this connection between the development of the rhythmic system through the prehistoric yoga philosophy and what emerges today, in particular, through inner psychological and spiritual work leading up to inspiration.
