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Natural Science
and the Historical Development of Humanity
since Ancient Times
GA 325

22 May 1921, Dornach

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Natural Science, tr. SOL
  1. Die Naturwissenschaft

4. Die Naturwissenschaft und die weltgeschichtliche Entwickelung der Menschheit seit dem Altertum II

4. The Natural Sciences and the Development of Humanity II

[ 1 ] Wenn man sich eine Überzeugung darüber verschaffen will, was Naturwissenschaft in dem neueren Sinn des Wortes für die ganze Menschheitsentwickelung bedeutet, muß man bis zu den Quellen der gegenwärtigen Zivilisation zurückgehen. Diese muß man, wie man wohl schon aus der gebräuchlichen geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Betrachtung heraus ersehen kann, in der Zeit sehr weit zurückliegend denken. Aber erst dann, wenn man die Entwickelung des Menschen, das allmähliche Heraufkommen seiner besonderen Fähigkeiten in dem ganzen neueren Zeitalter ins Auge faßt, kann man sehen, wie die Fähigkeiten aus den Tiefen der menschlichen Seele sich heraufringen, die zur gegenwärtigen Naturbetrachtung und zur Anwendung dieser Naturbetrachtung in der Technik und im Leben führen.

[ 1 ] If one wishes to gain a clear understanding of what the natural sciences—in the modern sense of the term—mean for the development of humanity as a whole, one must go back to the origins of our present civilization. As can be seen from standard historical and scientific perspectives, one must conceive of these sources as lying very far back in time. But only when one considers the development of humankind—the gradual emergence of its distinctive abilities throughout the modern era—can one see how these abilities rise from the depths of the human soul, leading to our present understanding of nature and to the application of this understanding in technology and daily life.

[ 2 ] Nun liegt, wenn man zunächst sich in die gegenwärtige Wissenschaftsart eingefühlt hat, eine gewisse Schwierigkeit vor, sich die ganze neuere weltgeschichtliche Epoche in ihrem Wesen vor die Seele zu führen.

[ 2 ] Now, once one has familiarized oneself with the current state of scholarship, there is a certain difficulty in grasping the essence of the entire recent epoch of world history.

[ 3 ] Wir haben gestern versucht, einleitungsweise auszugehen von der Gegenwart — natürlich im weiteren Sinne, indem man Herder, Goethe zu dieser Gegenwart dazurechnet — und gewisse Strömungen aufzusuchen, welche in ältere Zeiten zurückführen. Wir haben gesehen, wie die eine der beiden Geistesströmungen, die in Goethe so charakteristisch vorhanden sind, zurückführte in die ägyptische, die andere in die chaldäische Anschauung. Wir haben uns zurückversetzt in vorchristliche Zeiten, und wir haben charakteristische Unterschiede hervorgehoben zwischen der ganzen Art der Seelenverfassung der in Vorderasien lebenden chaldäischen Völker, die man zurückverfolgen kann bis etwa in den Beginn des 3. vorchristlichen Jahrtausends, und derjenigen der Ägypter, die noch weiter zurück, auch äußerlich historisch, betrachtet werden können.

[ 3 ] Yesterday we attempted, by way of introduction, to take the present as our starting point—in the broader sense, of course, by including Herder and Goethe within this present—and to explore certain currents that lead back to earlier times. We saw how one of the two spiritual currents so characteristic of Goethe led back to the Egyptian worldview, and the other to the Chaldean one. We transported ourselves back to pre-Christian times, and we highlighted characteristic differences between the entire nature of the spiritual constitution of the Chaldean peoples living in the Near East—which can be traced back to about the beginning of the 3rd millennium B.C.—and that of the Egyptians, who can be considered to date even further back, even in purely historical terms.

[ 4 ] Wir haben gesehen, wie bei den Chaldäern eine Anschauung vorhanden ist, die mehr in der Außenwelt lebt, bei der sich der menschliche Sinn sozusagen an die Außenwelt so weit verliert, daß selbst die Zeit elastisch wird. Diese Seelenverfassung macht notwendig, die Tagesstunden im Sommer als länger anzusehen als im Winter, während bei den Ägyptern durch Jahrhunderte hindurch die Jahreseinteilung streng so festgehalten wird, wie es sich gewissermaßen aus einer Art von Rechnung heraus, nicht aus der Erfassung der äußeren Ereignisse, ergibt. Man nimmt das Jahr zu 365 Tagen an, setzt also stets zu 365 Tagen 365 weitere hinzu, und merkt nicht, daß man eigentlich dadurch nicht mehr zusammentrifft mit dem draußen in der Sinneswelt sich darstellenden Jahresverlauf, sondern indem man das Jahr kürzer nimmt, als es ist, und einfach rechnet, man in Widerspruch kommt mit demjenigen, was man eigentlich in der Außenwelt wahrnimmt.

[ 4 ] We have seen that the Chaldeans hold a view that is more rooted in the external world, in which the human mind, so to speak, becomes so absorbed in the external world that even time becomes elastic. This state of mind necessitates viewing the hours of the day in summer as longer than in winter, whereas among the Egyptians, the division of the year has been strictly maintained for centuries, as it results, so to speak, from a kind of calculation rather than from the observation of external events. One assumes the year consists of 365 days, thus always adding 365 more days to 365, and fails to notice that, in doing so, one no longer corresponds to the course of the year as it presents itself in the sensory world; rather, by treating the year as shorter than it is and simply calculating, one comes into contradiction with what one actually perceives in the external world.

[ 5 ] Das zeigte einen bedeutsamen Unterschied in der Seelenverfassung zweier Völker, die miteinander in Handels- und geistigem Verkehr gestanden haben, also sich äußerlich nahestanden. Richtig würdigen wird man einen solchen Unterschied aber nur, wenn man sich weiter beobachtend auf die Ursprünge der menschlichen Zivilisation einläßt. Das wird dadurch erschwert, daß die Kulturen, die sich zeitlich nacheinander entwickelt haben, heute räumlich nebeneinander in verschiedenen Entwickelungsphasen durcheinandergemischt sind. Wenn heute der Europäer oder der Amerikaner, der aus seinem Materialismus heraus zu geistigeren Vorstellungen von dem Menschenwesen kommen will, sich zu der heutigen indischen Kultur hinwendet, so findet er innerhalb dieser indischen Kultur eine hochentwickelte Geistigkeit, einen von scharfsinnigen Verstandesbegriffen durchzogenen Mystizismus. Er findet innerhalb der Weltanschauung, die ihm da entgegentritt, durchaus nichts von dem, was er innerhalb der abendländischen oder amerikanischen Zivilisation als naturwissenschaftliche Weltanschauung kennengelernt hat. Wenn er die Sehnsucht empfindet, über den Menschen selbst etwas zu erfahren, was ihm die heutige Wissenschaft nicht geben kann, und wenn er sich nicht darauf einläßt, dasjenige in Berücksichtigung zu ziehen, was eine neuere Geisteswissenschaft über diesen Menschen zu geben weiß, so wird er sich vertiefen wollen in die geistige Weltanschauung des heutigen Indien oder wenigstens desjenigen, das aus verhältnismäßig nicht langvergangener Vorzeit sich erhalten hat.

[ 5 ] This revealed a significant difference in the spiritual disposition of two peoples who had engaged in trade and intellectual exchange—that is, who were outwardly close to one another. However, one can only truly appreciate such a difference by delving further into the origins of human civilization. This is made more difficult by the fact that cultures, which developed one after another in chronological order, are today intermingled geographically, existing side by side in various stages of development. When a European or an American today—seeking to move from materialism toward more spiritual conceptions of the human being—turns to contemporary Indian culture, he finds within that culture a highly developed spirituality, a mysticism permeated by subtle intellectual concepts. Within the worldview that confronts him there, he finds absolutely nothing of what he has come to know in Western or American civilization as a scientific worldview. If he feels a longing to learn something about human beings themselves that modern science cannot provide, and if he is not willing to take into account what a more recent spiritual science has to offer about this human being, then he will want to immerse himself in the spiritual worldview of present-day India—or at least of that which has been preserved from a relatively recent past.

[ 6 ] Wer aber etwas ausgerüstet mit den Erkenntnissen der hier gemeinten Geisteswissenschaft ist und so an diese indische Weltanschauung herangeht, der wird finden, daß aus demjenigen, was in ihr heute vorhanden ist und das aus einer mehr oder weniger weit zurückliegenden Vergangenheit sich historisch erhalten hat, etwas spricht, was nicht mehr ganz offenbar ist, sondern wie ein Untergrund sich ausnimmt, wie etwas, das, aus dunklen Tiefen heraufkommend, darinnen spielt. Es spielt darinnen selbst in der Sprache, aber namentlich in der Vorstellungs- und Bilderwelt und muß als etwas beurteilt werden, das viele Umgestaltungen durchgemacht haben muß, bevor es die heutige Gestalt angenommen hat. Was im heutigen Indien vorhanden ist, hat erst in den allerletzten Zeiten seine Ausgestaltung erhalten, es trägt aber Elemente in sich, die uralt sind, die Jahrtausende gebraucht haben, um so zu dem zu erwachsen, zu dem sie ausgewachsen sind.

[ 6 ] But anyone who is equipped with the insights of the spiritual science referred to here and approaches this Indian worldview in that way will find that what is present in it today—and which has been historically preserved from a past that lies more or less far behind us— there is something at work that is no longer entirely obvious, but rather appears as an undercurrent—something that, rising from dark depths, plays out within it. It plays out there even in the language, but especially in the world of ideas and imagery, and must be regarded as something that must have undergone many transformations before taking on its present form. What exists in India today has only taken its present form in very recent times; yet it contains elements that are ancient, elements that have taken millennia to develop into what they have become.

[ 7 ] Geht man an andere Kulturen, sagen wir mehr vorderasiatische oder die chinesische heran, dann findet man, daß da ein Ähnliches der Fall ist, aber man bekommt das Gefühl, so weit brauche man da nicht zurückzugehen, um das Gegenwärtige zu verstehen, wie in Indien. Und betrachtet man das ägyptische Leben, wie es sich abspielt etwa seit dem Beginne des 3. vorchristlichen Jahrtausends, dann hat man das Gefühl, dasjenige, was historisch in den Dokumenten enthalten ist, das nimmt sich so aus, daß man nötig hat, sich gefühlsmäßig in älteste Zeiten hineinzuversetzen, wie wir das gestern zum Beispiel versucht haben; aber man findet auch, daß da mit einer Art von Treue sich das Alte erhalten hat, so daß sein Tiefgründigstes auch im Späteren sichtbar ist, während in Indien das Tiefste im Anfange seiner Entwickelung gesucht werden muß.

[ 7 ] If one looks at other cultures—say, those of the Near East or China—one finds that a similar situation exists there, but one gets the sense that one does not need to go back as far as in India to understand the present. And if one considers Egyptian life as it has unfolded since, say, the beginning of the third millennium B.C., one gets the sense that what is historically recorded in the documents presents itself in such a way that one needs to emotionally transport oneself back to the earliest times, as we attempted to do yesterday, for example; but one also finds that the ancient has been preserved with a kind of fidelity, so that its deepest essence is also visible in later periods, whereas in India the deepest essence must be sought at the beginning of its development.

[ 8 ] In einer ähnlichen Weise verhält es sich dann bei der griechischen und bei unserer eigenen Kultur, die, wie wir sehen werden, etwa mit dem 15. Jahrhundert beginnt. Da nimmt sich ja die Sache so aus, daß zwar für den Tieferblickenden durchaus uralte Elemente sich fortgepflanzt haben, daß diese aber für das gewöhnliche Bewußtsein kaum bemerkbar sind. Wir werden in den folgenden Betrachtungen sehen, wie innerhalb der europäischen und amerikanischen Kultur diese alten Elemente zu entdecken sind.

[ 8 ] The situation is similar with regard to Greek culture and our own culture, which, as we shall see, begins around the 15th century. The situation appears to be such that, while elements of ancient origin have certainly been passed down—as the discerning observer can see—they are scarcely perceptible to the ordinary consciousness. In the following reflections, we shall see how these ancient elements can be discovered within European and American culture.

[ 9 ] Man möchte sagen, das naturwissenschaftliche Element, das in die neuere Zivilisation eingezogen ist, hat scheinbar so gründlich aufgeräumt mit dem, was alt war, daß dieses Alte eben nur mehr durch ganz bestimmte Methoden zu ergründen ist. Es ist aber doch noch da. So sind auf der Erde nebeneinander Kulturen verschiedenen Alters vorhanden. Man muß sehr, sehr weit zurückgehen, wenn man die heutige indische Kultur verstehen will; man braucht nur weniger weit zurückzugehen, um die vorderasiatische Kultur und deren Literaturen zu verstehen, weniger weit, um die ägyptische, noch weniger, um die griechisch-römische Kultur und so weiter zu verstehen. Man kann fast ganz in der Gegenwart bleiben, will man die europäische und amerikanische Gegenwartskultur verstehen.

[ 9 ] One might say that the scientific element that has found its way into modern civilization seems to have done away with the old so thoroughly that this old way of life can now only be explored through very specific methods. Yet it is still there. Thus, cultures of different ages coexist on Earth. One must go back very, very far to understand contemporary Indian culture; one need only go back a little further to understand Near Eastern culture and its literatures, a little further still to understand Egyptian culture, and even less far to understand Greco-Roman culture, and so on. One can remain almost entirely in the present if one wishes to understand contemporary European and American culture.

[ 10 ] Dasjenige, was sich im Laufe der Zeiten nacheinander entwickelt hat, das steht nebeneinander für uns da; und dasjenige, was so nebeneinander dasteht, hat in Wirklichkeit verschiedenes Alter, wenigstens zunächst für den äußeren Anschein, so daß sich das Räumliche mit dem Zeitlichen vermischt und man erst, ich möchte sagen, vom Gegenwartsstandpunkte aus die Methoden finden muß, um zu sehen, von welchen gegenwärtigen Kulturen man in die uralten Zeiten zurückgehen kann, von welchen man den Zugang zu diesen schwer und höchstens auf Umwegen findet.

[ 10 ] What has developed successively over the course of time stands side by side before us; and what stands side by side in this way is, in reality, of different ages—at least at first glance—so that the spatial and the temporal become intertwined, and only then, I might say, from the present-day standpoint, must find the methods to determine from which present-day cultures one can trace a path back to ancient times, and from which one finds access to those times difficult and, at best, only through detours.

[ 11 ] Nun schließt sich ja, wie Sie wissen — und wir haben gestern gesehen, in welch äußerlicher Weise das oftmals der Fall ist —, die naturwissenschaftliche Betrachtung, die sogenannte anthropologische oder geologische Betrachtung an dasjenige nach vorne an, was die Historie bietet. Wir werden heute schon von der äußeren anthropologischen Forschung zurückgeführt in sehr frühe europäische Zeiten. Allerdings, wie sich das für die asiatischen Menschen ausnimmt, davon ist noch wenig die Rede, aber für die europäische Entwickelung werden wir zurückgeführt in alte Zeiten. Sie wissen ja, daß die durch die Geologie bereicherte Anthropologie und Geschichte heute davon sprechen, daß die älteste Bevölkerung Europas, deren wahrhaft künstlerische Überreste sich in gewissen Höhlenfunden Spaniens und Südfrankreichs gefunden haben, um Jahrtausende zurückliegen muß; daß wir in den merkwürdigen Malereien, die sich durch diese Höhlenfunde gezeigt haben, darauf aufmerksam werden, wie in ururalten Zeiten Menschen in Europa mit einer gewissen Kultur schon gelebt haben müssen, sogar vor jenen bedeutsamen Ereignissen, von denen Anthropologie und Geologie sprechen als von der europäischen Eiszeit, innerhalb welcher ein großer Teil des europäischen Kontinents mit Eis bedeckt war, so daß er unbewohnbar war. Solche Gegenden wie diejenigen, in denen sich die Höhlenfunde Südfrankreichs und Spaniens gefunden haben, sie müssen Oasen gewesen sein. In der weiten Vereisung, da müssen Menschen gewohnt haben, da muß eine verhältnismäßig reiche Natur gewesen sein und sich eine Kultur entwickelt haben.

[ 11 ] Now, as you know—and we saw yesterday just how outwardly this is often the case—the scientific perspective, the so-called anthropological or geological perspective, follows on directly from what history has to offer. Today, even external anthropological research takes us back to very early European times. Admittedly, there is still little discussion of how this applies to Asian peoples, but as far as European development is concerned, we are taken back to ancient times. As you know, anthropology and history—enriched by geology—now suggest that the oldest population of Europe, whose truly artistic remains have been found in certain cave sites in Spain and southern France, must date back millennia; that the remarkable paintings revealed by these cave discoveries draw our attention to how, in ancient times, people in Europe must already have lived with a certain level of culture—even before those significant events that anthropology and geology refer to as the European Ice Age, during which a large part of the European continent was covered in ice, rendering it uninhabitable. Regions such as those where the cave discoveries in southern France and Spain were made must have been oases. Amid the vast ice sheet, people must have lived there; nature must have been relatively abundant, and a culture must have developed there.

[ 12 ] So werden wir heute schon zurückgeführt in sehr alte Zeiten des europäischen Zivilisationslebens. Und hier schließt sich gewissermaßen zusammen dasjenige, was äußere Forschung bieten kann, mit demjenigen, was Geisteswissenschaft zu sagen hat. Geisteswissenschaft kann ja nur ausgehen von demjenigen, was die entwickelten Seelenfähigkeiten des Menschen ergründen können, was sich durch Imagination, Inspiration ergeben kann; sie kann von demjenigen sprechen, was innerlich bewußt geschaut werden kann. Da kann man sagen, in bezug auf dasjenige, was durch die äußere Geschichte erforscht werden kann, kann eigentlich durch Geistesforschung nur der geistige Teil der Entwickelung mehr oder weniger ergründet werden, weniger dasjenige, was sich in der äußeren Natur zugetragen hat. Durch diese Geistesforschung aber kann zurückgegangen werden bis zu denjenigen Zeiten, welche den Menschen und seine Umwelt noch in ganz anderen Verhältnissen gesehen haben als denjenigen zur Zeit der europäischen Vereisung.

[ 12 ] Thus, even today, we are taken back to the very ancient times of European civilization. And here, in a sense, what external research can offer converges with what spiritual science has to say. Spiritual science can, after all, proceed only from what human beings’ developed soul faculties can fathom—what can arise through imagination and inspiration; it can speak of what can be inwardly and consciously perceived. One might say, with regard to what can be investigated through external history, that spiritual research can actually only fathom, to a greater or lesser extent, the spiritual aspect of development—and to a lesser extent, what has taken place in external nature. Through this spiritual research, however, one can go back to those times when human beings and their environment were still viewed under conditions entirely different from those at the time of the European glaciation.

[ 13 ] Es wird weniger die Aufgabe gerade dieser Vorträge sein, zurückzuweisen in solche alten Zeiten, in denen der Mensch unter ganz anderen Verhältnissen und in ganz anderen Erdgebieten gelebt hat als später; aber es soll ein Gefühl davon hervorgerufen werden, wie berechtigt es ist, auf solche übersinnlichen Erkenntnisse hinzuweisen, die auch das Historische der Menschheitsentwickelung bis in frühe Zeiten zurückverfolgen können.

[ 13 ] The purpose of these particular lectures will not so much be to look back to those ancient times when human beings lived under conditions and in regions of the world that were entirely different from those of later periods; but rather to evoke a sense of how justified it is to point to such supersensible insights, which can also trace the historical development of humanity back to early times.

[ 14 ] Jedenfalls aber, wenn wir vertieft mit jenem Blick und mit jener Empfindung, die aus Geisteswissenschaft gewonnen werden können, herantreten an dasjenige, was die äußere Geschichte gibt, so können wir etwas erfahren über den Entwickelungsgang der zivilisierten Menschheit. Das kann man vom Gesichtspunkte der äußeren Anthropologie und äußeren Geologie und Geschichte zugeben, daß, wenn man etwa um zehn bis fünfzehn Jahrtausende zurückgeht, eben eine ganz andere Art von Leben bestand als im heutigen zivilisierten Europa. Man kann zugeben, daß in diese Zeit, etwa in die letzten zehn- bis fünfzehntausend Jahre, die Entwickelung der europäischen, der asiatischen und im wesentlichen auch der alten amerikanischen Menschheit fällt.

[ 14 ] In any case, however, if we approach what external history presents with that perspective and that sensibility that can be gained from spiritual science, we can learn something about the course of human civilization’s development. From the standpoint of external anthropology, geology, and history, it can be acknowledged that, if one goes back some ten to fifteen millennia, a completely different way of life existed than in today’s civilized Europe. One can acknowledge that the development of European, Asian, and, to a large extent, ancient American humanity took place during this period, roughly the last ten to fifteen thousand years.

[ 15 ] Aber dasjenige, was an Dokumenten vorliegt, es muß eben in einer ganz besonderen, durch die Geisteswissenschaft zu gewinnenden Weise beleuchtet werden. Da muß man allerdings sagen: Hat man sich aus solchen Betrachtungen, wie ich sie gestern einleitungsweise gemacht habe, die Möglichkeit angeeignet, zurückzugehen von der Gegenwart in frühere Seelenverfassungen, dann kann man in einer gewissen Weise dasjenige, was jetzt nebeneinander lebt, in der richtigen Art anschauen in bezug auf seine Vorzeitlichkeit. Dann wird allerdings der Blick zuerst auf die indischen Gebiete gelenkt.

[ 15 ] But the documents that are available must be examined in a very special way, one that can be gained through spiritual science. It must be said, however: If, through considerations such as those I presented yesterday in my introduction, one has acquired the ability to trace back from the present to earlier states of the soul, then one can, in a certain sense, view what now exists side by side in the proper light with regard to its antiquity. Then, of course, one’s gaze is first directed toward the Indian regions.

[ 16 ] Dasjenige, was heute da noch lebt in einer merkwürdig scharfsinnigen Art, die Welt zu interpretieren, das führt zurück in diejenigen Zeiten, in denen die große, gewaltige indische Philosophie und in denen die Vedendichtungen entstanden sind. Aber auch wenn man die Vedendichtungen, die Vedantaphilosophie, die Yogaphilosophie der Inder auf sich wirken läßt, so empfindet man, daf3 man dasjenige, was da in seinen Nachwirkungen noch neben uns auf der Erde ist, um es zu verstehen, in sehr frühe Zeiten zurückverfolgen muß. Und vergleicht man es dann mit demjenigen, was sonst an Kultur vorhanden ist, sagen wir zum Beispiel mit unserer europäischen Art, logisch zu denken, oder mit der griechischen Art, die Gedanken auszubilden, dann findet man überall, daß die europäische Zivilisation von heute sich gegenüber der indischen ausnimmt wie ein Urenkelkind, ein Enkelkind, ein Kind, die neben dem Vater gleichzeitig leben. Es steht da das Indische wie in sehr frühe Zeiten zurückweisend, aber alt geworden. In dem Zustand, wie es sich als alt geworden darstellt, ergründet man noch dasjenige, was einmal in alten Zeiten als höchste Geistigkeit sich geoffenbart hat. Aber man sieht es eben in seiner Dekadenz, in seiner Greisenhaftigkeit, man sieht es so, wie man an dem Kinde sieht, wie es gewisse Zustände des Vaters auf einer früheren Stufe dieses Vaters darstellt, aber anders, weil es diese Zustände in späterer Zeit durchlebt. Denken Sie zum Beispiel an einen Menschen, der Kind war in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts, und blicken Sie von ihm zum Vater oder gar zum Großvater auf. Gewiß, der Großvater war Kind in den vierziger, fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts; aber er hat die Kindheit in anderen Verhältnissen durchgemacht, als das Kind der neunziger Jahre; das wußte im Grunde schon ganz andere Dinge als der Großvater mit seiner naiven Kindlichkeit in den vierziger Jahren. Eignet man sich für so etwas im Völkerwerden einen Blick an, dann erscheinen eben gegenwärtige europäische Zivilisationen oder auch die griechische Zivilisation, soweit wir sie durchdringen können, wie spät geboren gegenüber dem, was früh geboren ist als Indisches, was aber uns heute schon in Greisenhaftigkeit entgegentritt. Können wir uns hineinfühlen in dieses heute greisenhaft gewordene Indische, in das im Grunde schon alt gewesene zur Zeit der Vedendichtungen, der Vedantaphilosophie? Haben wir aber eine durch Geisteswissenschaft anerzogene Seelenverfassung, um aus dem Späteren das Frühere zu erschauen, wie man aus dem alt gewordenen Menschen, weil man dafür einen Blick hat, auf die Kindheit schauen kann, dann kommt man allerdings zu einer Anschauung auch über das Urindische. Aber man sagt sich dann auch, dieses Urindische, es ist ganz zweifellos eine Art von Kultur gewesen, welche grundverschieden von der unsrigen ist. Diese Kultur muß ganz durch und durch geistig gewesen sein und muß den Menschen ganz besonders als Geistiges aufgefaßt haben. Und man sagt sich dann, wenn man die Mannigfaltigkeit desjenigen betrachtet, was gerade im Indischen einem entgegentritt, gegenüber der Vedendichtung mit ihrer Bildlichkeit, die aber im lyrischen Element bleibt, der scharfsinnigen Vedantaphilosophie, der inbrünstigen Yogaphilosophie: Da muß sich im Laufe der Zeit Kultur mit Kultur gemischt haben; da muß einfach einmal eine Urkultur dagewesen sein ganz geistiger Art. Dann aber muß darüber dasjenige gezogen sein, was schon weniger geistig war, und was dann seinen Niederschlag in der Vedendichtung gefunden hat. Dann muß sich niedergeschlagen haben dasjenige, was in der inbrünstigen Yogaphilosophie aufgetaucht ist. Unmöglich kann das alles aus einem Volk herausgekommen sein. Da haben sich Völker durcheinandergeschoben mit verschiedenen Anlagen. Das eine hat die Yogalehre, das andere die Vedendichtung gebracht. Diese Völkerschaften haben ein Urindisches schon vorgefunden, mit dem sie sich dann durchdrungen haben, dem sie dasjenige entnommen haben, was reif und alt war, aber in den Menschen abgestorben. Die eindringenden Völker kamen mit frischem Blute dazu; sie gestalteten dasjenige, was die Menschen, die in der Dekadenz waren, nicht weiter ausbilden konnten. Und so ging es weiter. So kam allmählich der gegenwärtige Zustand zustande; und man wird dann nicht mehr sehr weit davon sein, die uralte indische Kultur mit dem zu vergleichen, was als Überreste vorhanden ist in den Gegenden, in denen sich die heutige Zivilisation entwickelt hat. Man wird mit den Menschen Urindiens diejenigen Menschen vergleichen, die die merkwürdigen Bilder gemalt haben könnten, die sich da zeigen in Westeuropa, diese eigentümlichen Bilder in ihrer, ich möchte sagen, tiefen Eindruck machenden Linienführung. Wenn man diese Bilder sieht, wenn man sich in dasjenige hineinversetzen kann, was eine Menschenseele durchlebt, indem sie gerade solche Bilder ausführt, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Ja, gewiß, in diesen Bildern ist etwas sehr Primitives enthalten, manchmal etwas, wie es begabte heutige Kinder malen; aber doch noch etwas anderes. Man sieht diesen Bildern an, wie die Menschen in einer gewissen Liebe zur äußeren Natur, die sie umgibt, gelebt haben; und man sieht, daß diese Bilder aus tiefen inneren Impulsen heraus gemalt sind; man sieht, ich möchte sagen, daß sie von Menschen gemalt sind, die nicht erst mit den Augen austüftelten, wie sie Linien zu führen haben, Farben zu setzen haben, sondern die aus ihren inneren Erlebnissen heraus dasjenige bilden, malen, was tief, ich möchte sagen, in ihrem Leibe saß.

[ 16 ] That which still lives on today in a remarkably perceptive way of interpreting the world leads back to those times when the great, mighty Indian philosophy and the Vedic texts came into being. But even when one allows the Vedic texts, Vedanta philosophy, and the Indian philosophy of yoga to sink in, one senses that in order to understand what still exists among us on Earth in their aftereffects, one must trace it back to very early times. And if one then compares it with other forms of culture—for example, with our European way of thinking logically, or with the Greek way of developing ideas—one finds everywhere that today’s European civilization, when set against the Indian one, appears like a great-grandchild, a grandchild, or a child living alongside the father at the same time. Indian civilization stands there as if rejecting the very early times, yet having grown old. In the state in which it presents itself as having grown old, one can still fathom that which once revealed itself in ancient times as the highest spirituality. But one sees it precisely in its decadence, in its senility; one sees it just as one sees in the child how it embodies certain states of the father at an earlier stage of that father’s life—but differently, because it experiences these states at a later time. Think, for example, of a person who was a child in the 1890s, and look up from him to his father or even his grandfather. Certainly, the grandfather was a child in the 1840s and 1850s; but he experienced childhood under different circumstances than the child of the 1890s; who, in essence, already knew quite different things than the grandfather with his naïve childishness in the 1840s. If one adopts a perspective on such matters in the development of peoples, then contemporary European civilizations—or even Greek civilization, insofar as we can penetrate it—appear to have been born late compared to what was born early as Indian civilization, which, however, confronts us today already in a state of senility. Can we empathize with this Indian civilization, which has now become senile—with that which was, in essence, already ancient at the time of the Vedic poems and Vedanta philosophy? But if we possess a state of mind cultivated by spiritual science, enabling us to perceive the earlier from the later—just as one can look upon childhood in a person who has grown old, because one has the insight to do so—then we do indeed arrive at an understanding of the primordial Indian culture as well. But one then also tells oneself that this primordial Indian culture was, without a doubt, a kind of culture that is fundamentally different from our own. This culture must have been spiritual through and through and must have conceived of human beings in a particularly spiritual way. And one then tells oneself that when one considers the diversity of what one encounters specifically in Indian culture—in contrast to Vedic poetry with its imagery, which nevertheless remains within the lyrical realm; the incisive Vedanta philosophy; and the fervent yoga philosophy—it must be that, over the course of time, one culture has blended with another; there must simply have once been a primordial culture of a wholly spiritual nature. But then something less spiritual must have come to dominate, finding its expression in Vedic poetry. Then what emerged in the fervent philosophy of yoga must have taken root. It is impossible that all this could have come from a single people. Here, peoples with different dispositions must have intermingled. One brought the teachings of yoga, the other the Vedic poetry. These peoples found a primordial Indian culture already in place, which they then permeated, drawing from it that which was mature and ancient, yet had died out within the people. The invading peoples arrived with fresh blood; they shaped what the people, who were in a state of decadence, could no longer develop further. And so it continued. Thus the present state of affairs gradually came into being; and one will then not be very far from comparing the ancient Indian culture with what remains in the regions where today’s civilization has developed. One will compare the people of ancient India with those who might have painted the remarkable pictures that appear in Western Europe—these peculiar images with their, I would say, deeply evocative lines. When one sees these pictures, when one can put oneself in the position of what a human soul experiences in creating precisely such images, then one comes to say to oneself: Yes, certainly, there is something very primitive in these paintings—sometimes something like what gifted children of today might paint—but there is also something else. One can see from these paintings how these people lived with a certain love for the external nature that surrounded them; and one sees that these paintings were created out of deep inner impulses; one sees—I would say—that they were painted by people who did not first figure out with their eyes how to draw lines or apply colors, but who, drawing from their inner experiences, formed and painted what lay deep—I would say—within their very bodies.

[ 17 ] Vergleicht man dieses mit dem, was sich abgesetzt hat in der urindischen Kultur, dann findet man dennoch eine Verwandtschaft. Im Westen Europas tritt die Sache primitiv auf, und es bleibt beim Primitiven zunächst; drüben in Asien, in Südasien, entwickelt sich es weiter und weiter, weil es immer befruchtet wird von anderen Volksstämmen; und es entwickelt sich herauf bis zu der Vedantaphilosophie. Würde ich diese Dinge geisteswissenschaftlich, wie ich es öfters getan habe, vortragen, so würden Sie sehen, daß man da noch mit einer ganz anderen Konkretheit an die Sache herantreten kann. Ich will aber zunächst heute die Sache so fassen, wie sie sich dem Geisteswissenschafter ergibt, wenn er auch Rücksicht nimmt auf die äußeren Dokumente. Aber so, wie man heute gewohnt ist, mit weitmaschigen Begriffen, die man sich anerzogen hat an der groben, naturwissenschaftlichen Betrachtung, an diese Dinge heranzugehen, kommt man an sie nicht heran. Man muß, um das zu erreichen, ich möchte sagen, seine Begriffe so beweglich machen, so plastisch, wie Sie das sehen werden an den Betrachtungen, die ich heute vor Ihnen anstellen will. Man kann natürlich nicht, wie man die Ähnlichkeit von Dreiecken beweist, den Zusammenhang zwischen der Höhlenkultur Westeuropas und der indischen Kultur zeigen, aber die Gewißheit ist darum nicht eine kleinere, wenn man nur sich einlassen will auf diese Dinge und wenn man eben auf die Seelenverfassung zurückgeht, auf die gestern aufmerksam gemacht worden ist.

[ 17 ] If one compares this with what has taken shape in ancient Indian culture, one nevertheless finds a kinship. In Western Europe, the phenomenon appears in a primitive form, and it remains primitive at first; over in Asia, in South Asia, it continues to develop further and further because it is constantly enriched by other tribes; and it evolves all the way up to Vedanta philosophy. If I were to present these matters from a spiritual-scientific perspective, as I have often done, you would see that one can approach the subject with a completely different level of concreteness. But for now, I want to frame the matter today as it presents itself to the spiritual scientist, even while taking external documents into account. But the way we are accustomed to approaching these matters today—with broad, general concepts acquired through the crude, natural-scientific perspective—we cannot get to the heart of them. To achieve this, I would say, one must make one’s concepts so flexible, so malleable, as you will see from the reflections I intend to present to you today. Of course, one cannot demonstrate the connection between the cave culture of Western Europe and Indian culture in the same way one proves the similarity of triangles; yet the certainty is no less for that, provided one is willing to engage with these matters and returns to the state of the soul that was brought to our attention yesterday.

[ 18 ] Derjenige, der von diesem Gesichtspunkte aus sich in die Begriffe, in die wunderbaren Begriffe der Vedantaphilosophie vertieft, der sieht in ihnen gewissermaßen, ganz ins Abstrakt-Geistige umgesetzt, durchaus die Linienführung der Malereien in den Höhlen von Spanien und Südfrankreich. Und nicht auffällig wird es ihm daher sein, selbst aus der äußeren Forschung heraus, daß ihm die Geisteswissenschaft vorträgt, wie eine gemeinsame Urbevölkerung, die etwa gesucht werden muß im Anfange des 8. vorchristlichen Jahrtausends, die sich allmählich ausgebreitet hat über die bewohnbaren Gegenden Europas, Afrikas und Asiens und die je nach den verschiedenen Lebensverhältnissen diese alte Kultur, innerhalb welcher man ganz in der äußeren Natur noch drinnen lebte, ausgebildet hat, sich als am begabtesten erwiesen hat im alten Indien. Dort offenbart sich dasjenige, was sonst nur primitiv zum Ausdruck kommt. Dort hat sich das dann weiterentwickelt, was zum Beispiel als die Kultur von Kreta die Leute in solches Erstaunen gebracht hat. Diese entstand im Süden Europas. Drüben in Asien aber hat es sich als urindische Kultur entwickelt, ist immer weiter und weiter geschritten, ist sozusagen lebensfähig geblieben bis ins höchste Alter, hat aber eine Blüte durchgemacht in der Zeit, als die Veden, die Vedantaphilosophie entstanden sind und dann die Yogaphilosophie und andere philosophische Denkarten. Es ist sehr viel in diesem Indischen durcheinandergemischt, was zu verschiedenen Zeiten sich ausgebildet hat und was heute nebeneinanderlebt.

[ 18 ] Anyone who, from this perspective, delves into the concepts—the wondrous concepts—of Vedanta philosophy will, in a sense, see in them—transformed entirely into the abstract-spiritual realm—the very lines of the cave paintings in Spain and southern France. And it will therefore not be surprising to him—even from the perspective of external research—that spiritual science reveals to him how a common indigenous population, which must be sought, for example, at the beginning of the 8th millennium B.C., gradually spread across the habitable regions of Europe, Africa, and Asia—and that, depending on the varying living conditions, this ancient culture—within which people still lived entirely immersed in the external natural world—developed, proving to be most gifted in ancient India. There, what is otherwise expressed only in a primitive form is revealed. There, what had previously astonished people—such as the culture of Crete—continued to develop. This culture originated in southern Europe. Over in Asia, however, it developed as the primordial Indian culture, advancing further and further, remaining, so to speak, viable well into old age, but reaching its zenith during the time when the Vedas and Vedanta philosophy arose, followed by yoga philosophy and other philosophical schools of thought. There is a great deal intermingled within this Indian tradition—elements that took shape at different times and that coexist today.

[ 19 ] Sieht man auf dasjenige, was sich in der urindischen Kultur ankündigt, genauer hin, dann muß man sagen, es weist das alles auf einen Menschen mit einer Seelenverfassung, auf die man nicht durch äußere Mittel heute kommt.

[ 19 ] If one takes a closer look at what is emerging in ancient Indian culture, one must say that it all points to a human being with a state of soul that cannot be attained today through external means.

[ 20 ] Ich habe gestern davon gesprochen, daß man vordringen kann zum imaginativen Vorstellen, und wenn man dies bewußt tut, dann bekommt man auch einen Begriff von dem, was noch nicht bewußt, aber instinktiv solche Menschen erlebt haben wie die alten Chaldäer oder wie die späteren Ägypter. Ihre Seelenverfassung war eben eine durch und durch andere, als die der heutigen Menschen ist.

[ 20 ] I spoke yesterday about how one can advance to imaginative visualization, and if one does this consciously, one also gains an understanding of what people such as the ancient Chaldeans or the later Egyptians experienced—not yet consciously, but instinctively. Their state of mind was simply one that was thoroughly different from that of people today.

[ 21 ] Durch das Aufgehen in diesen imaginativen Vorstellungen wird man selber zum Bilde, man verschmilzt mit der Bildlichkeit, und man lebt sich in das Werden ein. So haben zum Beispiel die Chaldäer im Werden gelebt. Aber auf der anderen Seite lernt man auch erkennen, indem man sich zur Inspiration erhebt, die Trennung zwischen dem Subjektiv-Inneren und dem äußeren Objektiven zu überwinden; man fühlt sich gewissermaßen eins mit dem Weltenall, man fühlt sich im Weltenall so drinnen, daß man sich sagt: Dasjenige, was sich durch dich ankündigt, das ist die Stimme, die Sprache des Weltenalls selber; du gibst dich nur dazu her, ein Glied im Weltenall zu sein und die Welt durch dich sich offenbaren zu lassen. — Heute können wir das bewußt in der Inspiration erreichen. Instinktiv lebten es die Ägypter in einem Spätstadium dar. Aber das führt uns weiter in Zeiten zurück, aus denen ein verhältnismäßig gutes Dokument ist dasjenige, was uns als chinesische Kultur entgegentritt. Dasjenige allerdings, was uns gewöhnlich als solche geschildert wird, das ist schon Spätprodukt, aber geradeso wie sich im Indischen alte Stufen, Kindheitsstufen offenbaren, so offenbaren sich im Chinesischen uralte Stufen der Zivilisation. Und wenn wir auf eine Vorstellung namentlich zurückgehen, fühlen wir so recht, wie in diesem Chinesentum eine instinktive Inspiration lebt. Wir erlangen heute durch geisteswissenschaftliche Methode eine bewußte Inspiration. Im Chinesischen lebt sich eine mehr oder weniger iinstinktive Inspiration aus, das heißt, deren Ergebnisse sind als Untergrund vorhanden in dem, was heute als chinesische Literatur übermittelt ist. Da werden wir zurückgeführt allerdings in eine menschliche Anschauung, durch die sich der Mensch als ein Glied des ganzen Weltenalls fühlt. Wie wir heute vom dreigliedrigen Menschen, dem Kopfmenschen, dem Gliedmaßenmenschen und in der Mitte dem rhythmischen Menschen, sprechen und deren Wesen in ihrer vollen Tiefe durch Inspiration ergründen, so lebte der Vorfahre des heutigen Chinesentums einmal in einer instinktiven inspirierten Erkenntnis von etwas Ähnlichem. Diese bezog sich aber nicht auf den Menschen, sondern, weil der Mensch nur ein Glied des ganzen Weltenalls war, bezog sie sich auf das ganze Weltenall. Wie wir unser Haupt empfinden, so empfand der Chinese dasjenige, was er Yang nannte. Wenn wir nämlich unser Haupt beschauen wollen, können wir uns ja gewöhnlich nicht sehen, höchstens sehen wir ein wenig die Nasenspitze, wenn wir die Augen darauf wenden. Wie wir die anderen oberflächlichen Teile unseres Organismus sehen können, wenn wir unser Äußeres anblicken, das Haupt aber gewissermaßen nur geistig bewußt ist, so war dem Chinesen bewußt etwas, was er Yang nannte. Und unter diesem Yang dachte er das oben Befindliche, das geistig sich Ausbreitende, das Himmlische, das Leuchtende, das Zeugende, das Aktive, das Gebende. Und er unterschied sich selbst nicht in bezug auf dasjenige, was in seinem Haupte lebte, von diesem Yang. Wie wir, die wir den Menschen unterscheiden von der Umwelt, den Gliedmaßenmenschen empfinden, den Menschen, der uns in Tätigkeit versetzt, uns mit unserer Umgebung zusammenführt, so sprach der Chinese von Yin, und er deutete damit auf alles dasjenige, was finster ist, was erdig ist, was empfangend ist und so weiter. Wir sagen heute, in unseren Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen nehmen wir die äußeren Stoffe auf; wir verbinden die äußeren Stoffe durch unseren Gliedmaßen-Stoffwechselmenschen mit unserer eigenen Wesenheit, und wir nehmen das sinnenfällige gedankliche Element durch unsere Hauptesorganisation auf. Aber dazwischen steht alles dasjenige, was gewissermaßen diesen Rhythmus zwischen dem Haupte und dem Gliedmaßen-Stoffwechselmenschen herstellt. Der Atmungsrhythmus, der Blutzirkulationsrhythmus bewirkt das. Wie wir so den Menschen empfinden und erkennen, so sah der Chinese einstmals das ganze Weltenall: oben das Zeugende, Hell-Leuchtende, Himmlische, unten das Irdische, Finstere, Empfangende, und den Ausgleich zwischen den beiden, dasjenige, was einen Rhythmus bildet zwischen Himmel und Erde, das er empfand, wenn ihm die Wolken erschienen am Himmel, wenn der Regen herabträufelte, wenn das zur Erde Herabgekommene wieder verdunstete, wenn die Pflanzen aus der Erde heraus dem Himmel zuwuchsen und so weiter. In diesem allem empfand er den Rhythmus des Oberen und Unteren, und er nannte das Tao. Und so hatte er eine Anschauung von dem, womit er verwachsen war. Es stellte sich ihm das in dieser Dreigliederung dar. Aber er unterschied sich selbst nicht von alledem.

[ 21 ] By immersing oneself in these imaginative visions, one becomes an image oneself, merges with the imagery, and lives oneself into the process of becoming. This is how, for example, the Chaldeans lived within the process of becoming. But on the other hand, by rising to a state of inspiration, one also learns to recognize how to overcome the separation between the subjective inner world and the outer objective world; one feels, as it were, at one with the universe, so deeply immersed in it that one says to oneself: That which announces itself through you is the voice, the language of the universe itself; you merely allow yourself to be a link in the universe and let the world reveal itself through you.” — Today we can consciously attain this through inspiration. The Egyptians lived it out instinctively at a late stage. But this takes us further back in time, a period for which Chinese culture provides a relatively good record. What is usually described to us as such, however, is already a later product; but just as ancient stages—stages of childhood—are revealed in Indian culture, so too are ancient stages of civilization revealed in Chinese culture. And when we trace a particular concept back to its origins, we truly sense how an instinctive inspiration lives within this Chinese culture. Today, through the method of spiritual science, we attain a conscious inspiration. In Chinese culture, a more or less instinctive inspiration is at work; that is to say, its results are present as an underlying foundation in what is transmitted today as Chinese literature. There we are led back, however, to a human perspective through which human beings feel themselves to be a part of the entire universe. Just as we speak today of the threefold human being—the head human, the limb human, and, in the middle, the rhythmic human—and fathom their essence in its full depth through inspiration, so did the ancestors of modern Chinese culture once live in an instinctive, inspired awareness of something similar. This insight, however, did not pertain to the human being; rather, because the human being was merely a part of the entire universe, it pertained to the entire universe. Just as we perceive our head, so did the Chinese perceive what they called Yang. For when we wish to look at our head, we usually cannot see it; at most, we catch a glimpse of the tip of our nose when we turn our eyes toward it. Just as we can see the other superficial parts of our organism when we look at our exterior, but the head is, so to speak, only mentally conscious, so the Chinese were conscious of something they called Yang. And by this Yang they meant that which is above, that which spreads out spiritually, the heavenly, the luminous, the generative, the active, the giving. And they did not distinguish themselves—in terms of what lived within their heads—from this Yang. Just as we, who distinguish human beings from their environment, perceive the “limb-human”—the human being who sets us in motion and brings us into contact with our surroundings—so the Chinese spoke of Yin, referring to everything that is dark, earthy, receptive, and so on. Today we say that in our metabolic-limb human we take in external substances; we connect these external substances to our own being through our metabolic-limb human, and we take in the sensory-mental element through our head organization. But in between lies everything that, in a sense, establishes this rhythm between the head and the metabolic human of the limbs. The rhythm of breathing and the rhythm of blood circulation bring this about. Just as we perceive and understand the human being in this way, so did the Chinese of old view the entire universe: above, the creative, bright, and heavenly; below, the earthly, the dark, receptive—and the balance between the two—that which forms a rhythm between heaven and earth—he sensed this when the clouds appeared in the sky, when the rain dripped down, when what had fallen to the earth evaporated again, when the plants grew out of the earth toward the sky, and so on. In all of this, he sensed the rhythm of the Upper and the Lower, and he called this the Tao. And so he had a vision of that with which he was intertwined. It presented itself to him in this threefold division. But he did not distinguish himself from any of it.

[ 22 ] Diese Anschauung tritt uns dann verändert in Vorderasien entgegen. In allem, was wir namentlich aus der Gegend Persiens als uralte Kultur überliefert haben, das muß, was im Chinesischen sich zeigt, einstmals eine ganz andere Ausbildung gehabt haben, die sich dann zu dem metamorphosiert hat, was überliefert ist in dem Gegensatze zwischen Ahura Mazdao und Ahriman, dem hellen, dem leuchtenden, glänzenden Lichtgotte und dem dunklen, finsteren Ahriman, zwischen denen die Welt als im Rhythmus ablaufend dargestellt wird.

[ 22 ] This view then appears to us in a transformed form in the Near East. In everything we have inherited as ancient culture, particularly from the region of Persia, what is evident in Chinese culture must once have taken a completely different form, which then metamorphosed into what has been handed down in the contrast between Ahura Mazda and Ahriman—the bright, radiant, shining god of light and the dark, gloomy Ahriman—between whom the world is depicted as unfolding in rhythm.

[ 23 ] Der Unterschied zwischen dem, was einmal urindisch gewesen sein muß, und dem, was dann ganz metamorphosiert im Chinesentum entstanden ist, und was man als Untergrund auch in manchen vorderasiatischen Kulturen empfindet — ich nenne es das Urpersische in meinem Buche «Geheimwissenschaft im Umriß» —, ist der gewesen, daf3 das Urindische noch nicht unterschieden hat zwischen oben und unten, zwischen Himmel und Erde, daß es noch nicht von einem Subjektiven im Inneren des Menschen und einem Objektiven in der Außenwelt gesprochen hat, und daß es in der Außenwelt noch nicht unterschieden hat dasjenige, was mehr geistig-hell ist, von dem, was mehr finster-körperlich ist, während in einer späteren Zeit, im Urpersischen, die beiden unterschieden wurden, und die Wechselwirkungen der beiden durch Tao oder durch irgend etwas, was eben den rhythmischen Ausgleich bildet, vermittelt gedacht wurden.

[ 23 ] The difference between what must once have been proto-Indian, and what then emerged, completely transformed, in Chinese culture—and what one senses as an underlying current even in some Near Eastern cultures—I call it “proto-Persian” in my book *Outlines of Esoteric Science* —is that the Proto-Indian had not yet distinguished between above and below, between heaven and earth; that it had not yet spoken of a subjective aspect within the human being and an objective aspect in the external world, and that it had not yet distinguished in the external world between that which is more spiritual and light and that which is more dark and physical, whereas in a later period, in Primordial Persian thought, the two were distinguished, and the interactions between them were conceived as mediated by the Tao or by something that constitutes a rhythmic balance.

[ 24 ] Was ist da geschehen? Wodurch hat der Mensch jene alte Stufe verlassen, in der er das Geistig-Helle von dem Physisch-Finsteren noch nicht unterschieden hat,und wodurch ist er übergegangen zu der Auffassung eines solchen Gegensatzes, einer solchen Polarität oder Dualität?

[ 24 ] What happened there? How did humankind leave behind that earlier stage, in which it had not yet distinguished the spiritual-light from the physical-dark, and how did it come to conceive of such a contrast, such polarity or duality?

[ 25 ] Da kommen wir dann, wenn wir dasjenige ins Auge fassen, was in Dokumenten vorhanden ist, wenn wir die Gefühle, die in diesen Dokumenten und in den Überlieferungen leben, auf unsere eigene Seelenverfassung wirken lassen, dazu, zu erkennen: Es war der Mensch in jenen ältesten Zeiten durchaus in einem solchen Verhältnis zur Umwelt, daß er möglichst wenig Hand an diese Umwelt anzulegen hatte. Er lebte da zwar für unsere allerdings richtigen Anschauungen einerseits auf einer hohen geistigen Stufe, aber auf der anderen Seite doch wiederum in tierischer Unschuld. Denn es war ja alles instinktiv, was er da erlebte an Einheit mit dem Weltenall, was dann später ausgehaucht gedacht wird von Brahma.

[ 25 ] When we consider what is contained in these documents, and allow the feelings that live on in these documents and traditions to influence our own state of mind, we come to realize: In those earliest times, human beings were in such a relationship with their environment that they had to interfere with it as little as possible. Although, from the perspective of our—admittedly correct—views, they lived on a high spiritual level, they also lived, on the other hand, in animal-like innocence. For everything they experienced—that sense of oneness with the universe, which was later conceived as having been breathed forth by Brahma—was, after all, purely instinctive.

[ 26 ] Das alles war nur einem Menschen möglich, der nicht Hand anlegte an die äußere Natur, der sich in diese hineinstellte, ich möchte sagen, wie das Tier, wie der Vogel, der da nimmt, was ihm die Natur an Nahrung bietet, der seine Nahrung sich nicht erst erarbeitet, sondern sie sich höchstens holt, wie der Vogel sie sich erfliegt, der also in vollem Frieden mit allen Naturreichen lebt, der auch seine Liebe über alle Naturreiche ausdehnt.

[ 26 ] All of this was possible only for a person who did not interfere with the natural world, who placed himself within it, I would say, like an animal, like a bird that takes whatever food nature offers it, that does not first have to work for its food but, at most, simply retrieves it—just as a bird flies to obtain it—and thus lives in complete harmony with all the realms of nature, extending its love to all of them as well.

[ 27 ] Wenn man so mit vollmenschlicher Erkenntnis sich hineinvertieft in alles dieses, so kommt man unmittelbar dazu, dasjenige, was noch lebt in der indisch-orientalischen Weltanschauung als Tierliebe, als Liebe zu den Pflanzen, hervorgehen zu sehen aus der All-Liebe, die noch keinem Wesen etwas tut, die daher noch nicht zu jenem voll erwachten menschlichen Bewußtsein gekommen sein kann, in dem die Menschen später waren, sondern in einer Geistigkeit lebte, die instinktiv, aber als Geistigkeit eben höher in gewissem Sinne als die griechische und die unsrige heute war, die aber in unschuldigem Zustand gegenüber der Natur lebte, diese Natur liebte, nichts schlachtete, ja auch die Pflanzen, von denen die Menschen lebten, nur so zu sich nahm, daß sie sie nicht besonders säte, sondern dasjenige, was wild sich bot, zunächst hinnahm. Man blickt mit einer solchen Betrachtung zurück auf die etwa vor acht Jahrtausenden die südlichen asiatischen Gegenden bevölkernden Menschen. Später ist dann etwas aufgetreten, das im Menschen das Bewußtsein hervorgerufen hat des radikalen Unterschiedes des Oben und Unten, des Geistigen, das man nicht verändern kann, an das man nicht heran kann, das oben ist, und des Physischen, das man bearbeiten kann, mit dem man sich abgeben kann. Man kommt etwa in dem Beginn des 6. Jahrtausends an eine Veränderung — in den dekadenten Resten läßt sie sich verfolgen —, durch welche die Menschen dasjenige, mit dem sie umgehen können, das sie verändern können, als etwas anderes ansehen, das unter ihrer Herrschaft steht. Sie beginnen die Tiere zu zähmen, sie machen aus den wilden Tieren Haustiere und werden Ackerbauer.

[ 27 ] When one delves into all of this with fully human insight, one immediately comes to see that what still lives in the Indian-Oriental worldview—as love for animals, as love for plants—emerges from the universal love that harms no being, and which therefore cannot yet have reached that fully awakened human consciousness in which people later found themselves, but lived in a spirituality that, though instinctive, was in a certain sense higher than the Greek spirituality and our own today; a spirituality that lived in an innocent relationship with nature, loved that nature, slaughtered nothing, and even consumed the plants on which people depended only by taking what grew wild, without specifically cultivating them. With such a perspective, one looks back on the people who inhabited the regions of South Asia some eight millennia ago. Later, something occurred that awakened in human beings an awareness of the radical distinction between the upper and the lower—between the spiritual, which cannot be altered, which is beyond human reach, and which is above, and the physical, which can be worked on and with which one can engage. Around the beginning of the 6th millennium, a change took place—its traces can be found in the decadent remnants of that era—through which people began to regard that which they could handle and change as something distinct, something under their control. They began to tame animals, turning wild animals into domesticated ones, and became farmers.

[ 28 ] Das ist offenbar der große, radikale Umschwung vom 7. ins 6. Jahrtausend der vorchristlichen Zeit, daß die Menschen anfangen, die Natur zu bearbeiten, und dadurch die Natur unterscheiden von dem, was sie nicht bearbeiten können, was nur als das Leuchtende, Glänzende herunterscheint auf das, was bearbeitbar ist und das seine Form empfangen kann vom Menschen. Es ist jedoch nicht nur der Mensch, was so formgebend wirkt; der Mensch macht Werkzeuge, nimmt seine primitive Hacke, das ist ja dasjenige Instrument, das dem Pflug voranging — wahrscheinlich waren es zuerst die Frauen, die den Ackerbau betrieben haben —; er pflügt damit den Boden durch Handarbeit und sät; aber er sieht auch, daß, wie die Erde von ihm Form empfangen kann, so aber auch, daß sie sich im Frühling, nicht durch ihn, mit Pflanzen bedeckt, daß die Pflanzen im Herbst wieder weggehen. Und so, wie die Erde von dem Menschen ihre Form empfangen kann, so auch von dem, was ihm herunterleuchtet aus dem Weltenraum; und er kommt auf den Unterschied zwischen Licht und Finsternis, zwischen Geist und Materie.

[ 28 ] This is evidently the great, radical turning point from the 7th to the 6th millennium B.C., when humans began to work nature, thereby distinguishing nature from that which they cannot work—which merely shines down as the luminous, glittering aspect upon that which is workable and can receive its form from humans. However, it is not only humans who exert such a formative influence; humans make tools, take up their primitive hoe—which is, after all, the instrument that preceded the plow—and it was probably women who first engaged in agriculture; he plows the soil by hand with it and sows seeds; but he also sees that, just as the earth can receive its form from him, so too does it cover itself with plants in the spring—not through his action—and that the plants wither away again in the fall. And just as the earth can receive its form from human beings, so too can it receive it from that which shines down upon him from outer space; and he comes to understand the difference between light and darkness, between spirit and matter.

[ 29 ] Alles das entwickelt sich in der Art, daß der Mensch sich zuerst von der Außenwelt unterscheiden gelernt hat, indem er die Natur bearbeitete, indem er Ackerbauer, Viehzüchter wurde. Man sieht es der persischen Kultur einer späteren Zeit noch an, wie alles auf den Ackerbau eingerichtet ist. Man sieht den Zusammenhang desjenigen, was sich im Avesta äußert, mit diesem Geschilderten, und man sieht den Fortschritt gegenüber der urindischen Kultur.

[ 29 ] All of this developed in such a way that human beings first learned to distinguish themselves from the external world by working the land, by becoming farmers and herders. One can still see in Persian culture of a later period how everything is geared toward agriculture. One can see the connection between what is expressed in the Avesta and what has been described here, and one can see the progress made in comparison to the ancient Indian culture.

[ 30 ] Das alles aber entwickelt sich so, daß der Mensch anfangs noch nichts von sich als Selbst weiß; er identifiziert sich mit dem Äußeren, er ist gewissermaßen ganz in instinktiver Inspiration; und er schreitet von dieser instinktiven Inspiration zu einer späteren Seelenverfassung in die Zeit hinüber, die in Vorderasien erscheint im Beginne des 3. Jahrtausends als die bildhafte Chaldäerkultur, von der wir sagen können, jetzt ist der Mensch schon so weit, daß er nicht nur das Obere und Untere unterscheidet, sondern auf die Sternbilder eingeht; daß er allerlei Instrumente erfindet, Wasseruhren und so weiter. Aber wenn wir innerhalb des Chaldäischen stehenbleiben, so finden wir überall, wie der Mensch stark in der Außenwelt lebt, wie er sozusagen schwer ein inneres Erleben gewinnt.

[ 30 ] All of this, however, unfolds in such a way that at first human beings are still unaware of themselves as selves; they identify with the external world; they are, so to speak, entirely in the grip of instinctive inspiration; and from this instinctive inspiration, he progresses to a later state of soul development that emerges in the Near East at the beginning of the third millennium as the pictorial Chaldean culture—of which we can say that human beings have now advanced to the point where they not only distinguish between the upper and lower realms but also engage with the constellations; that he invents all manner of instruments, water clocks, and so on. But if we remain within the Chaldean context, we find everywhere how deeply humanity lives in the external world, how, so to speak, it struggles to attain an inner experience.

[ 31 ] In Ägypten sehen wir ein anderes. Wir sehen das Chaldäische eigentlich später entstanden als das Ägyptische; das Ägyptische können wir weit zurückverfolgen, wir können es vor allen Dingen aber zurückverfolgen bis in diejenigen Zeiten, für die wir auch die urpersische Kultur mit ihrer Metamorphose des Chinesischen ansetzen müssen, wo das Obere und das Untere unterschieden worden sind. Aber wir sehen gerade im Beginne des 3. vorchristlichen Jahrtausends einen mächtigen, radikalen Umschwung gerade innerhalb der ägyptischen Kultur. Wie wir einen solchen radikalen Umschwung sahen in dem Auftauchen der Viehzähmung und des Ackerbaues, so sehen wir etwa im Beginne des 3. Jahrtausends einen weiteren radikalen Umschwung. Wir kommen auf denselben in der folgenden Art: Wir sehen, wie innerhalb Ägyptens sich in der späteren Zeit der Pyramidenbau entwickelt. Wir können die ägyptische Kultur heute auch historisch weiter zurückverfolgen, als der Pyramidenbau reicht. Der Pyramidenbau tritt gerade im Beginne des 3. Jahrtausends auf, aber wir können das Ägyptische weiter zurückverfolgen. Diese ägyptische Kultur reicht bis in die Meneszeit vor dem 3. Jahrtausend. Da werden nicht die mächtigen Pyramiden gebaut. Wir sehen gleichzeitig mit dem Pyramidenbau in Ägypten etwas entstehen, das in starker Weise darauf hindeutet, daß die Ägypter eine Verinnerlichung des ganzen Bewußtseinszustandes erlebten. Zweifellos mußten mächtige Werkzeuge zustande kommen, um die Pyramiden aufzubauen. Diese Werkzeuge konnten nur aus einer Art von Metallverarbeitung hervorgehen, und diese Metallverarbeitung wieder nur aus gewissen Kenntnissen des inneren Gefüges der Metalle.

[ 31 ] In Egypt, we see something different. We see that the Chaldean culture actually emerged later than the Egyptian; we can trace the Egyptian culture back a long way, but above all we can trace it back to those times for which we must also locate the Proto-Persian culture with its metamorphosis of the Chinese, where a distinction was made between the upper and the lower. But we see, precisely at the beginning of the 3rd millennium B.C., a powerful, radical upheaval within Egyptian culture itself. Just as we saw such a radical upheaval in the emergence of domesticated animals and agriculture, so too do we see another radical upheaval around the beginning of the 3rd millennium. We approach this in the following way: We see how, within Egypt, pyramid construction developed in later times. Today, we can trace Egyptian culture historically even further back than the period of pyramid construction. Pyramid construction appeared precisely at the beginning of the third millennium, but we can trace Egyptian culture further back. This Egyptian culture dates back to the Menes period before the 3rd millennium. That is not when the mighty pyramids were built. At the same time as pyramid construction in Egypt, we see something emerging that strongly suggests the Egyptians experienced an internalization of their entire state of consciousness. Undoubtedly, powerful tools had to be developed in order to build the pyramids. These tools could only have emerged from a certain type of metalworking, and this metalworking, in turn, could only have arisen from specific knowledge of the internal structure of metals.

[ 32 ] Wir sehen dasjenige, was man später chemische Kenntnisse nennt, in primitiver Form bei den Ägyptern auftreten; wir sehen, mit anderen Worten, wie der Mensch anfängt, sein Inneres in eine starke Tätigkeit zu versetzen, und wie er sich doch noch nicht dessen bewußt ist, daß dieses Innere da ist. Wie der Mensch aber die Kraft dieses Inneren gewahr wird, das tritt uns insbesondere entgegen, wenn wir die von einem gewissen Gesichtspunkte aus hochentwikkelte ägyptische Arzneikunst ins Auge fassen. Sie ist allerdings etwas ganz anderes als unsere Arzneikunst. Für diejenigen Krankheiten, die in Ägypten vorhanden waren, gab es eigentlich Spezialärzte schon im alten Ägypten, besonders Augenärzte. Die dortige Heilkunde nahm den sogenannten Tempelschlaf zu Hilfe. Die Kranken wurden in die Tempel gebracht und in eine Art Schlaf versetzt, in dem sie in traumähnliche Zustände verfielen. Dasjenige, an das sie sich da erinnerten, wurde in seiner charakteristischen Bildlichkeit von den in solchen Dingen unterrichteten Priestergelehrten studiert. Diese fanden zwischen dem Ablaufen der inneren Dramatik der Träume, zwischen der Art der Bilder, ob finstere Bilder auf helle, helle auf finstere folgten und so weiter, erstens etwas, was auf die Pathologie des Menschen hindeutete. Auf der anderen Seite fanden sie aus der besonderen Konfiguration der Träume eine Andeutung des Heilmittels, das zu verwenden war. Aus dieser Betrachtung dessen, was der Mensch innerlich erlebt und was in Traumbildern vor das innere Auge trat, studierten die Menschen in Ägypten den innerlich körperlichen Zustand des kranken Menschen.

[ 32 ] We see what would later be called chemical knowledge emerging in a primitive form among the Egyptians; in other words, we see how human beings begin to set their inner being into vigorous activity, yet are not yet aware that this inner being exists. But how human beings become aware of the power of this inner world becomes particularly evident when we consider Egyptian medicine, which was highly developed from a certain point of view. It is, of course, something entirely different from our own medicine. For the diseases that existed in Egypt, there were in fact specialists even in ancient Egypt, particularly ophthalmologists. The medical practice there made use of what is known as “temple sleep.” The sick were brought to the temples and induced into a kind of sleep in which they fell into dream-like states. What they recalled from these states was studied in its characteristic imagery by priest-scholars trained in such matters. These scholars identified, first, something that pointed to the person’s pathology by observing the unfolding of the inner drama of the dreams and the nature of the images—whether dark images followed light ones, or light ones followed dark ones, and so on. On the other hand, they found in the specific configuration of the dreams a hint as to the remedy that should be used. Through this observation of what a person experiences internally and what appears before the inner eye in dream images, the people of Egypt studied the inner physical condition of the sick person.

[ 33 ] Das sehen wir zeitlich parallel gehen mit demjenigen, was drüben in Chaldäa sich entwickelte. In Chaldäa lebten die Menschen mehr in einer äußerlichen Anschaulichkeit. Sie erfanden Werkzeuge wie ihre wunderbaren Wasseruhren, die aus der Bildlichkeit ihrer Seelenart kamen. Sie lebten so stark in der Bildlichkeit, daß sie die Zeit in wandelnden Bildern erblickten. Da war die Bildlichkeit mehr ein äußeres Element, in dem der Mensch lebte. Bei den Ägyptern war die Bildhaftigkeit etwas, was im Innersten des Menschen ergriffen wurde, was so erfaßt wurde, daß es sogar in seinen Traumgestalten studiert wurde, kurz, wir sehen da einen Zeitraum, in dem der Mensch nicht mehr sich bloß als ein Glied der ganzen Welt fühlte, sondern in dem der Mensch sich heraushob aus der Welt, herausindividualisierte, auf die zwei Weisen, auf die chaldäische und auf die ägyptische. Und wir sehen den Umschwung in dem Auftreten der bildhaften Anschauung des instinktiven Imaginativen, das in der zweifachen Weise uns entgegentritt: in der einen Art drüben in Chaldäa, anders dann in Ägypten herüben.

[ 33 ] We see this occurring in parallel with what was developing over in Chaldea. In Chaldea, people lived more in a world of external imagery. They invented tools such as their marvelous water clocks, which sprang from the imagery inherent in their nature. They lived so deeply within this imagery that they perceived time as shifting images. There, imagery was more of an external element in which human beings lived. For the Egyptians, imagery was something grasped in the innermost being of the human being—something understood so deeply that it was even studied in the figures of their dreams; in short, we see here a period in which human beings no longer felt themselves to be merely a part of the whole world, but in which they distinguished themselves from the world and became individualized in two ways: the Chaldean and the Egyptian. And we see the turning point in the emergence of the pictorial perception of the instinctive-imaginative, which presents itself to us in two distinct ways: in one form over there in Chaldea, and in another form over here in Egypt.

[ 34 ] Und wir sehen, wie in dem Beginne des Pyramidenbaues, der ja in seinen Maßen und geometrischen Verhältnissen auf Anschauung der Maße in der Entwickelung des Menschen, auf der Entwickelung der inneren Kraft und auf dem Erfühlen dieser inneren Kraft beruht, wir sehen, wie da sich eine dritte Kulturepoche ergibt, eine Kulturepoche, in der das instinktive Imaginieren eine besondere Nuance für die Menschheitsentwickelung abgibt. Und wir sehen, wie in allen diesen Zeiten die sozialen Zustände sich als eine notwendige Folge desjenigen ergeben, was da als Seelenverfassung auftritt. Wenn wir die sozialen Zustände des Urindischen studieren, so werden wir finden, wie da die Menschen friedfertig zusammenleben.

[ 34 ] And we see how, at the beginning of pyramid construction—which, in its dimensions and geometric proportions, is based on an understanding of the stages of human development, on the development of inner strength, and on the perception of this inner strength— we see how a third cultural epoch emerges—a cultural epoch in which instinctive imagination imparts a distinctive nuance to human development. And we see how, in all these periods, social conditions arise as a necessary consequence of what manifests as the state of the soul. When we study the social conditions of ancient India, we will find that people there lived together peacefully.

[ 35 ] Am Urpersischen sehen wir, wie der Mensch, indem er den Kampf mit der Natur aufnimmt, eine Art kriegerisches Element empfängt; und wir sehen, wie dieser Instinkt des Kriegerischen sich in seine Imaginationen hinüberlebt. Und weil der Mensch in seinem Innersten ergriffen wird, weil dieses instinktive Ergreifen des Menschen in bezug auf sich selbst nicht anders auftreten kann als im Emotionellen, im Willensartigen, erzeugen sich im Menschen jene Machtimpulse, die sich in den grotesk großen Pyramidenbauten ausleben, die Totenstätten sind und die zu gleicher Zeit Zeugnisse sein sollen für die äußere Macht derjenigen, die regieren. Wir sehen, wie das Machtbewußtsein auftaucht, aber auch, wie jetzt aus anderen Gegenden her sich fremde Völkerschaften einmischen, wie diese anderes Blut hineinbringen in dasjenige, was da als Imaginatives, Instinktives auch in den sozialen Zuständen sich auslebt; wir sehen, wie solche Völkerschaften mehr aus dem Inneren Asiens herkommen und sich unter die anderen mischen. Dasjenige, was sie hineinbringen, das hängt zusammen mit diesem Sich-mehr-nun-als-Mensch-Fühlen, abgesondert von der Umwelt sich als Mensch fühlen.

[ 35 ] In Proto-Persian, we see how human beings, by taking up the struggle against nature, acquire a kind of warlike element; and we see how this warlike instinct carries over into their imaginations. And because human beings are gripped at their very core—because this instinctive gripping of the human being in relation to itself can only manifest in the emotional and volitional realms—those impulses of power arise within them that find expression in the grotesquely large pyramidal structures, which are burial sites and are at the same time intended to serve as testaments to the outward power of those who rule. We see how the consciousness of power emerges, but also how foreign peoples are now intermingling from other regions, how they introduce different blood into that which, as imaginative and instinctive forces, also manifests itself in social conditions; we see how such peoples come more from the interior of Asia and mingle with the others. What they bring with them is connected to this feeling of being more than human—of feeling like a human being set apart from the environment.

[ 36 ] Bei dem Ägypter steigert sich das in einem bestimmten Zeitalter so, daß er sich als göttlichen Menschen ansah; er fühlte so stark sein Selbstbewußtsein, daß er die anderen alle als Barbaren anschaute und nur diejenigen, die in inneren Bildern leben konnten, als Menschen gelten ließ. Man sieht da heraufkommen ein intensives Geltungsbewußstsein, und diesem Entstehen des intensiven Geltungsbewußtseins des Menschen geht parallel ein Ereignis, das an diese Geistesverfassung gebunden ist.

[ 36 ] Among the Egyptians, this tendency intensified to such an extent during a certain era that they regarded themselves as divine beings; their sense of self-awareness was so strong that they viewed everyone else as barbarians and recognized as human only those who could live within inner images. Here we see the emergence of an intense sense of self-importance, and this development of the human being’s intense sense of self-importance is accompanied by an event that is linked to this state of mind.

[ 37 ] Wenn wir die Gesetze des Hammurabi studieren, dann finden wir, daß er unter den gezähmten Haustieren noch nicht das Pferd anführt. Es trat im Kulturleben aber gleich nachher auf. Allerdings, Hammurabi führt an Esel und Rinder, und etwas nach seiner Zeit wird das Pferd zuerst in den Dokumenter: der «Esel des Berglandes» genannt. Das Pferd wird der Esel des Berglandes genannt, weil es von dem gebirgigen Osten herübergebracht worden ist. Völker, die aus Asien sich hineingeschoben haben in das Chaldäische, haben das Pferd mitgebracht, und damit ist dann das kriegerische Element aufgetreten. Wir sehen zuerst dieses kriegerische Element in einer älteren Zeit geboren; aber wir sehen es weiter ausgebildet, als zu den anderen Tieren auch das Pferd hinzu gezähmt wird. Und auch das hängt mit der Seelenverfassung des damaligen Menschen zusammen. Man kann sagen, der Mensch hat sich nicht früher auf das Pferd gesetzt und sich gewissermaßen verstärkt als Individualität dadurch, daß er ein Tier an sich kettete in seiner eigenen Bewegung, als bis er zu diesem Grade des Selbstbewußtseins erwacht war, wie es sich ausdrückte als das bildhafte Vorstellen der Chaldäer, wie es innerlich in dem traumhaften Leben der Ägypter ausgedrückt war. So innig hängen die äußeren Verhältnisse der Menschheitsentwickelung mit dem, was die Metamorphose der Seelenverfassung in den aufeinanderfolgenden Epochen ist, zusammen, daß man sagen kann: auf der einen Seite der Bau der Pyramiden und auf der anderen die Zähmung des Pferdes; sie drücken aus, äußerlich angesehen, die dritte Kulturepoche, die chaldäisch-ägyptische, und innerlich hängt diese zusammen mit dem Entstehen des instinktiven imaginativen Erlebens.

[ 37 ] When we study the Code of Hammurabi, we find that he does not yet list the horse among domesticated animals. However, it appeared in cultural life shortly thereafter. Admittedly, Hammurabi lists donkeys and cattle, and somewhat later in his era, the horse is first mentioned in the documents as the “donkey of the mountain country.” The horse is called the “donkey of the mountain country” because it was brought over from the mountainous east. Peoples who migrated from Asia into the Chaldean region brought the horse with them, and with it the warlike element emerged. We first see this warlike element emerging in earlier times; but we see it further developed as the horse, along with other animals, was domesticated. And this, too, is connected to the state of mind of the people of that time. One could say that human beings did not mount the horse—and thereby, in a sense, strengthen themselves as individuals by chaining an animal to their own movement—until they had awakened to that degree of self-consciousness, as expressed in the pictorial imagination of the Chaldeans and as it was inwardly expressed in the dreamlike life of the Egyptians. The external circumstances of human development are so intimately connected with the metamorphosis of the soul’s constitution across successive epochs that one can say: on the one hand, the building of the pyramids, and on the other, the domestication of the horse; externally, they express the third cultural epoch, the Chaldean-Egyptian one, and internally, this is connected with the emergence of instinctive-imaginative experience.

[ 38 ] In Ägypten geht verhältnismäßig früh dasjenige zugrunde, was während der Pyramidenzeit als eine hohe Kultur auftritt, die sich aber ganz in einer traumhaften imaginativen Weise äußert. Diese Kultur dämmert herauf im Beginne des 3. Jahrtausends und ist eigentlich nach vier Jahrhunderten im Verfall. Die Seelenverfassung, die dieser Kultur zugrunde liegt, lebt, nachdem sie selbst zu verfallen beginnt, weiter von Asien herüber fortschreitend in Vorderasien, Kleinasien, kommt auf den europäischen Kontinent herüber und ist so, wie sie sich da auslebt, noch deutlich wahrnehmbar auch in dem, was aus Kleinasien, aus der älteren griechischen Kultur kommt. Sie ist noch bemerkbar in den Homerischen Gesängen und ihrer Weltanschauung. Aber wir nähern uns, indem wir an die Homerischen Gesänge herankommen, bereits einem radikalen Umschwung. Dasjenige, was als Weltanschauung den Homerischen Gesängen zugrunde liegt, zeigt noch durchaus das bildhafte, das imaginative Vorstellen, noch jene Anschauung des Menschen, die auf das Bildhafte geht. Indem Homer einen Achilles, einen Hektor schildert, zeigt er — abgesehen davon, daß er in Bildern, die äußerlich angesehen sind, das bildhafte Element andeutet, wenn er zum Beispiel sagt: «der schnellfüßige Achilles, Hektor, der Held mit dem wogenden Helmbusch» — das Dargestellte so, daß man mit dem inneren Seelenauge plastisch sehen muß, um seine Eigenart zu erfassen.

[ 38 ] In Egypt, what emerged during the Pyramid Age as a high culture—one that, however, expressed itself entirely in a dreamlike, imaginative manner—began to decline relatively early. This culture dawned at the beginning of the 3rd millennium and was, in fact, in decline after four centuries. The spiritual disposition underlying this culture, even after it itself begins to decline, continues to live on, spreading from Asia into the Near East and Asia Minor, crossing over to the European continent, and—as it plays out there—is still clearly perceptible even in what comes from Asia Minor and from the earlier Greek culture. It is still discernible in the Homeric epics and their worldview. But as we approach the Homeric epics, we are already drawing near to a radical turning point. The worldview underlying the Homeric poems still clearly reveals the pictorial, the imaginative conception, and that view of humanity that is rooted in the pictorial. When Homer describes Achilles or Hector—aside from the fact that he alludes to the pictorial element through images viewed from the outside, for example when he says: “the swift-footed Achilles, Hector, the hero with the billowing plume on his helmet”—he presents the subject in such a way that one must see it vividly with the inner eye of the soul in order to grasp its unique character.

[ 39 ] Wir sehen auch in der ganzen Gesinnung des Homer noch etwas von dem Chaldäischen. Das wird anders, als sich diejenige griechische Kultur heranbildete, die wir dann bei Äschylos und Sophokles und in der griechischen Plastik finden, und wir können sie von der älteren unterscheiden dadurch, daß wir gewahr werden, wie stark es im Griechen als Impuls lebte, den Menschen in seiner eigentlichen Menschlichkeit aufzufassen. Wenn wir dasjenige, was bei den Chaldäern bildhaft war, anschauen, so sehen wir schon, wie da plastisches Anschauen in Bildhaftigkeit aufgetreten ist, und wir sehen das namentlich bei einem derjenigen Völker, die wenigstens örtlich den Chaldäern nahe waren, bei den Sumerern. Wir sehen aber, wie dieses Volk, ebenso wie das ägyptische, erst auf dem Wege ist, den Menschen äußerlich darzustellen. Wir finden aber dann bei den Griechen, sowohl in der Dramatik wie auch da, wo die Dramatik übergeführt wird ins Gebiet der Plastik, wie da der Mensch in seiner Außenoffenbarung erfaßt werden soll. Es hat sich, ich möchte sagen, der Mensch des dritten Zeitraumes stark gefühlt, indem er seine tiefen, instinktiven Kräfte ausgelebt hat. In Ägypten geschah das, indem er die Pyramiden gebaut hat und da gewissermaßen seine Kraft im Pyramidenbau ins Riesenhafte hat wachsen lassen, und bei gewissen Stämmen Asiens, die als besonders kriegerische gelebt haben, zeigt es sich, indem er sich aufs Pferd gesetzt hat und sich so mit dem Pferde eins gefühlt hat. Der Grieche geht dann dazu über, zu sagen: Ich brauche äußere Mittel nicht; alle Kraft des Menschen liegt innerhalb meiner Haut selber. — Und er gestaltet plastisch jene in sich schon vollkommenen Menschen in einer Art, die alles dasjenige, was eine vorhergehende Epoche noch durch eine äußere Verkörperung gesucht hat, in den Menschen hineinnimmit. Dieses sich ganz Hineinversetzen, ganz Hineinleben in das Menschliche und alles Höchste im Menschen selber Suchen, das finden wir dann im griechischen Geiste ausgelebt, und es stellt sich dann später dar in einer anderen, mehr äußerlichen Weise, im Römertum ausgeprägt. Wir sehen gewissermaßen heute noch, wenn wir uns an den über das Forum gehenden Cäsar oder die anderen Gestalten in der römischen Toga erinnern, wie sich da in sehr viel abstrakteren Formen als in Griechenland dieses den Menschen ganz mit höchster Kraft Ausgestaltende, innerhalb der menschlichen Haut sich Erfühlende darstellte.

[ 39 ] We can still see traces of the Chaldean influence in Homer’s entire worldview. This changes as Greek culture developed—the culture we then find in Aeschylus and Sophocles and in Greek sculpture—and we can distinguish it from the earlier culture by recognizing how strongly the impulse to perceive human beings in their true humanity lived within the Greeks. When we look at what was pictorial among the Chaldeans, we can already see how plastic perception emerged in pictorial form, and we see this particularly among one of the peoples who were at least geographically close to the Chaldeans—the Sumerians. We see, however, that this people, just like the Egyptians, is only just beginning to depict human beings externally. We then find among the Greeks, both in drama and where drama is transferred into the realm of sculpture, how the human being is to be grasped in his outward manifestation. I would say that the human being of the third epoch felt himself strongly by living out his deep, instinctive forces. In Egypt, this was expressed through the construction of the pyramids, where, in a sense, human power was allowed to grow to gigantic proportions in the act of building them; and among certain Asian tribes, who lived particularly warlike lives, it was manifested in mounting a horse and thus feeling at one with it. The Greek then goes on to say: I have no need of external means; all human power lies within my own skin. — And he sculpturally shapes those human beings who are already perfect within themselves in a way that incorporates into the human being everything that a preceding epoch had still sought through an external embodiment. This complete immersion, this living fully within the human condition and seeking all that is highest within the human being itself—we find this fully realized in the Greek spirit, and it later manifests itself in a different, more external way, as expressed in Roman culture. In a sense, we can still see this today when we recall Caesar walking across the Forum or the other figures in the Roman toga—how, in forms far more abstract than in Greece, this force that shapes human beings with the highest power and is felt within the human skin manifested itself.

[ 40 ] Im 6. vorchristlichen Jahrhundert etwa beginnt ein neues Zeitalter. Das homerische Zeitalter liegt noch vorher. Dieses Zeitalter, das da beginnt, sehen wir besonders stark und kräftig sich in Griechenland entwickeln, wo es etwa vier Jahrhunderte lang bis zur Großartigkeit sich steigert und nachher einem Niedergang entgegengeht.

[ 40 ] A new era begins around the 6th century B.C. The Homeric era preceded it. We see this new era developing with particular strength and vigor in Greece, where it rose to greatness over the course of about four centuries before eventually entering a period of decline.

[ 41 ] Und nun greift das Christentum ein. Während der Grieche noch etwas voll Lebendiges empfand, wenn er seine Zeusstatue vor sich hatte, sah der Römer im Grunde genommen nur einen abstrakten Begriff, wenn er seine Statuen anblickte. Das wurde immer stärker in bezug auf seine Abstraktheit; und noch im 4. nachchristlichen Jahrhundert wird im römischen Senatssaal, wenn die Senatoren ihn betraten, von jedem in die leuchtende Flamme, welche vor der Bildsäule der Viktoria steht, ein Weihrauchkörnchen gestreut, bevor er sich auf seinen Sitz als Senator begibt. Wir sehen, wie da in abstrakter, bloßer Gedankenform, die aber Realität ist, in einer auch als abstrakt empfundenen Bildsäule dasjenige lebt, was in höchster Daseinsfülle in Griechenland noch bei der Zeus-, Athene-, Apollostatue empfunden worden ist, wo man noch etwas wie das magische Weben der Götterkräfte selber in dem Zeus, in der Athene gefühlt hat. In Rom ist alles zum abstrakten Begriff geworden.

[ 41 ] And now Christianity enters the picture. While the Greek still sensed something fully alive when he stood before his statue of Zeus, the Roman essentially saw only an abstract concept when he looked at his statues. This tendency toward abstraction grew ever stronger; and even in the 4th century A.D., in the Roman Senate chamber, when the senators entered, each would scatter a grain of incense into the glowing flame before the statue of Victoria before taking his seat as a senator. We see how, in an abstract, purely conceptual form—which is nonetheless reality—what was still perceived in Greece in the statues of Zeus, Athena, and Apollo, in the highest fullness of existence, lives on in a statue that is itself perceived as abstract; there, people still sensed something like the magical weaving of the gods’ powers themselves within Zeus and Athena. In Rome, everything has become an abstract concept.

[ 42 ] Wir sehen dann, wie der das Christentum einführende Kaiser Konstantin diese Säule entfernen läßt aus dem Senatssaal, weil er glaubt, daß sie gegenüber der christlichen Anschauung allen Sinn verloren hat. Wir sehen, wie noch einmal in die vollmenschliche Anschauung des vierten Zeitraumes Julian Apostata sich vertieft, wie dieser noch einmal in den Senatssaal die Viktoriasäule hineintragen läßt, noch einmal die alten Zeremonien sich abspielen läßt mit den Senatoren, wie er aber das Alte nicht mehr erneuern kann, wie er darüber zugrunde geht. Denn der Pfeil, der ihn getroffen hat, war der Pfeil eines Mörders, der von seinen Gegnern gedungen war.

[ 42 ] We then see how Emperor Constantine, who introduced Christianity, had this column removed from the Senate chamber because he believed it had lost all meaning in light of the Christian worldview. We see how Julian the Apostate once again immerses himself in the fully human worldview of the fourth epoch, how he has the Column of Victoria carried back into the Senate Hall, how he allows the old ceremonies to be performed once more with the senators—yet how he can no longer restore the old ways, and how he ultimately perishes because of it. For the arrow that struck him was the arrow of an assassin hired by his enemies.

[ 43 ] Und dann entwickelt sich aus dem allem dasjenige Zeitalter, das ich im weiteren näher zu charakterisieren haben werde, das Zeitalter, in dem der Mensch sich in innerer Geistigkeit, in Intellektualität, in Verstandesfähigkeiten befindet, das dann in seiner besonderen Eigenart das Mittelalter hindurch sich entwickelt, wo über den Verstand selber gedacht wird, wie es in der Scholastik geschehen ist, wo über Nominalismus und Realismus gestritten wurde. Dann kommt das 15. Jahrhundert heran, und in diesem ein ganz. anderer Geist, jener Geist, der dann in das Zeitalter der Naturwissenschaft hinübergeführt hat, jener Geist, der in den ersten Zeiten besonders stark entwickelt war in Galilei und Kopernikus, der uns die großen Fortschritte in dem Menschheitsbewußtsein gebracht hat, der gegenüber dem griechischen eine Verinnerlichung darstellt — wenn er auch dann in den Materialismus ausartet im 18. Jahrhundert —, der im 19. Jahrhundert dann so vieles aus dem Äußeren der Natur enthüllt hat.

[ 43 ] And then, out of all this, emerges the era that I will describe in greater detail later, the age in which human beings are characterized by inner spirituality, intellectuality, and rational faculties—an age that, in its own distinctive way, developed throughout the Middle Ages, when people reflected upon reason itself, as happened in Scholasticism, where disputes raged over nominalism and realism. Then the 15th century dawns, and with it a completely different spirit emerges—the spirit that then led into the age of natural science, the spirit that was particularly strongly developed in its early stages in Galileo and Copernicus, the spirit that brought us the great advances in human consciousness, a spirit that represents an internalization in contrast to the Greek spirit—even if it later degenerated into materialism in the 18th century — and which then revealed so much of the outer world of nature in the 19th century.

[ 44 ] Und heute stehen wir an einem wirklichen Wendepunkt. Ich will wahrhaftig nicht Spenglerische Epochenphantasien hinstellen. Aber es ist etwas anderes, was ich sagen will. Wir sehen zurück in den Beginn der ägyptischen Zeit, wie das Zeitalter des Pyramidenbaues beginnt, das sich auch durch andere Symptome ankündigt, wir sehen, wie da die erste Bewußtseinsetappe in der Erfassung des Menschlichen auftritt; wir sehen, wie die nächste Etappe im 8. vorchristlichen Jahrhundert beginnt, wie sich im Griechentum, im Römertum die Seelenverfassung der Menschen dieses Zeitalters ausbildet in dem Erfassen des «Menschen als solchem»; wie dieses Zeitalter zu Ende geht und das Verinnerlichen des Verstandes im Beginne des 15. Jahrhunderts beginnt.

[ 44 ] And today we stand at a true turning point. I certainly do not wish to put forward Spenglerian fantasies about historical eras. But there is something else I want to say. We look back to the beginning of the Egyptian era, to the dawn of the age of pyramid-building, which is also heralded by other signs; we see how the first stage of consciousness in the understanding of the human being emerges there; we see how the next stage begins in the 8th century B.C., how in Greek and Roman culture the spiritual constitution of the people of that era develops through the grasping of “humanity as such”; how this era comes to an end and the internalization of the intellect begins at the start of the 15th century.

[ 45 ] Wir sehen also gewissermaßen auf drei starke Wendepunkte hin: auf einen Wendepunkt, da das ägyptisch-chaldäische Zeitalter beginnt, wir sehen, wie das vierte Zeitalter beginnt, das griechisch-lateinische, und wir sehen, wie dasjenige Zeitalter heraufkommt, das die Naturwissenschaft eingeführt hat, womit wiederum so etwas gegeben war wie der Pyramidenbau, so etwas, was eine besondere Durchkraftung mit etwas Neuem in der Menschheitsentwickelung darstellt.

[ 45 ] So, in a sense, we are looking at three major turning points: a turning point marking the beginning of the Egyptian-Chaldean era, we see the beginning of the fourth era, the Greco-Latin era, and we see the emergence of the era that introduced the natural sciences—an era that, in turn, brought about something akin to the construction of the pyramids, something that represents a special infusion of new vitality into human development.

[ 46 ] Wir sehen vier Jahrhunderte Blüte des Pyramidenzeitalters, sehen das dann verglimmen, radikal verglimmen, und nur dasjenige fortgehen, was sich in der Bildlichkeit des Chaldäertums geltend gemacht

[ 46 ] We see four centuries of the heyday of the Pyramid Age, then see it fade away—fade away radically—and only that which asserted itself in the imagery of Chaldean culture remains

[ 47 ] hat, das Sich-Hinüberleben in das Griechische. Wir sehen im 8. Jahrhundert ein neues Zeitalter herantreten, vier Jahrhunderte darnach verglimmen im Griechentum. Wir sehen es abstrakt werden im Römertum. Wir sehen, wie dann wieder ein neues Zeitalter beginnt im Beginne des 15. Jahrhunderts, dasjenige Zeitalter, das uns die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise, die Intellektualität, die Verstandesmäßigkeit gebracht hat. Und wir sind heute ungefähr in der Zeit so weit nach diesem radikalen Umschwung, vierhundert bis fünfhundert Jahre, wie die ägyptische Verfallzeit nach dem Beginne des 3. Jahrtausends war, wie die griechische Verfallzeit nach dem Beginne des vierten Zeitalters war. Wir haben heute wachsam zu sein, damit es uns nicht ergehe als zivilisierten Menschen, wie es den Ägyptern gegangen ist vierhundert Jahre nach dem Anbruch des dritten geschichtlichen Zeitalters, den Griechen vierhundert bis fünfhundert Jahre nach dem Anbruch des vierten Zeitalters — damit es uns, die wir ebensoweit hinter dem Anbruch des fünften Zeitalters stehen, nicht ebenso ergehe.

[ 47 ] has—the transition into Greek culture. In the 8th century, we see a new era dawning; four centuries later, it fades away in Greek civilization. We see it becoming abstract in Roman civilization. We see how, then, a new era begins again at the start of the 15th century—the era that brought us the scientific approach, intellectuality, and rationality. And today we are roughly at a point in time—four hundred to five hundred years after this radical turning point—that corresponds to the period of decline in Egypt following the beginning of the third millennium, and to the period of decline in Greece following the beginning of the fourth historical era. We must be vigilant today so that we, as civilized people, do not suffer the same fate as the Egyptians did four hundred years after the dawn of the third historical epoch, or as the Greeks did four hundred to five hundred years after the dawn of the fourth epoch—so that we, who are at the same distance behind the dawn of the fifth epoch, do not suffer the same fate.

[ 48 ] Die Römer haben nicht weiterführen können, was noch bei den Griechen volles Leben war; sie haben nur die Abstraktheit und Intellektualität in das Leben hineintragen können, die dann aber erstarb in der toten lateinischen Sprache. Wir haben heute auf all das zu achten, weil wir bewußter geworden sind, als die Griechen waren; und aus unserer Bewußtheit haben wir darauf zu achten, daß wir von innen heraus verhindern den Verfall, der bei den Griechen eingetreten ist und der als ein furchtbares Exempel dasteht. So müssen wir von der Geschichte lernen, daß es uns nicht so ergehe, wie es den Menschen ergehen mußte, die schwach werden mußten, weil sie an dem Äußerlichen gehangen hatten. Wir müssen dasjenige überwinden, was in den älteren Epochen nicht überwunden werden konnte. Und wenn man sagt, man muß von der Geschichte lernen, dann muß dies so geschehen, daß wir unsere Kräfte so stählen, daß wir wachsam achtgeben auf dasjenige, was uns die älteren Zeiten lehren, daß wir nicht nur diejenigen Fehler zu vermeiden lernen, die gemacht worden sind von den einzelnen Menschen, sondern auch diejenigen, die ja im Grunde genommen gar nicht Fehler genannt werden dürfen, sondern notwendige Mängel der Menschheitsentwickelung. Es muß dasjenige überwunden werden, was droht, über die heutige Menschheit zu kommen, wie es über eine frühere gekommen ist. Man muß hinauskommen über eine große Krise. Und man kann überzeugt sein, daß man die Wesenheit unserer gegenwärtigen Krise nur verstehen kann, wenn man sie aus den Tiefen der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit heraus versteht. Damit wird man aber auch verstehen, wie aus Naturwissenschaft Geisteswissenschaft werden soll. Denn das kann man nur verstehen, wenn man es aus dem ganzen Geiste der Menschheitsentwickelung zu erfassen vermag.

[ 48 ] The Romans were unable to carry forward what was still fully alive among the Greeks; they were only able to introduce abstractness and intellectualism into life, which then, however, withered away in the dead Latin language. We must pay attention to all this today because we have become more self-aware than the Greeks were; and out of this self-awareness, we must ensure that we prevent from within the decline that occurred among the Greeks and which stands as a terrible example. Thus, we must learn from history so that we do not suffer the same fate as those who were bound to grow weak because they had become attached to the external. We must overcome what could not be overcome in earlier epochs. And when we say we must learn from history, this must be done in such a way that we steel our strength, that we remain vigilant regarding what earlier times teach us—so that we learn not only to avoid the mistakes made by individual people, but also those that, strictly speaking, cannot even be called mistakes, but rather necessary shortcomings in human development. We must overcome what threatens to befall humanity today, just as it befell a previous generation. We must emerge from a great crisis. And we can be certain that we can only understand the essence of our present crisis if we grasp it from the depths of humanity’s historical development. In doing so, however, we will also understand how natural science is to become spiritual science. For this can only be understood if we are able to grasp it from within the entire spirit of human development.