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Die Naturwissenschaft
und die weltgeschichtliche Entwickelung der Menschheit seit dem Altertum
GA 325

22 Mai 1921, Dornach

4. Die Naturwissenschaft und die weltgeschichtliche Entwickelung der Menschheit seit dem Altertum II

[ 1 ] Wenn man sich eine Überzeugung darüber verschaffen will, was Naturwissenschaft in dem neueren Sinn des Wortes für die ganze Menschheitsentwickelung bedeutet, muß man bis zu den Quellen der gegenwärtigen Zivilisation zurückgehen. Diese muß man, wie man wohl schon aus der gebräuchlichen geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Betrachtung heraus ersehen kann, in der Zeit sehr weit zurückliegend denken. Aber erst dann, wenn man die Entwickelung des Menschen, das allmähliche Heraufkommen seiner besonderen Fähigkeiten in dem ganzen neueren Zeitalter ins Auge faßt, kann man sehen, wie die Fähigkeiten aus den Tiefen der menschlichen Seele sich heraufringen, die zur gegenwärtigen Naturbetrachtung und zur Anwendung dieser Naturbetrachtung in der Technik und im Leben führen.

[ 2 ] Nun liegt, wenn man zunächst sich in die gegenwärtige Wissenschaftsart eingefühlt hat, eine gewisse Schwierigkeit vor, sich die ganze neuere weltgeschichtliche Epoche in ihrem Wesen vor die Seele zu führen.

[ 3 ] Wir haben gestern versucht, einleitungsweise auszugehen von der Gegenwart — natürlich im weiteren Sinne, indem man Herder, Goethe zu dieser Gegenwart dazurechnet — und gewisse Strömungen aufzusuchen, welche in ältere Zeiten zurückführen. Wir haben gesehen, wie die eine der beiden Geistesströmungen, die in Goethe so charakteristisch vorhanden sind, zurückführte in die ägyptische, die andere in die chaldäische Anschauung. Wir haben uns zurückversetzt in vorchristliche Zeiten, und wir haben charakteristische Unterschiede hervorgehoben zwischen der ganzen Art der Seelenverfassung der in Vorderasien lebenden chaldäischen Völker, die man zurückverfolgen kann bis etwa in den Beginn des 3. vorchristlichen Jahrtausends, und derjenigen der Ägypter, die noch weiter zurück, auch äußerlich historisch, betrachtet werden können.

[ 4 ] Wir haben gesehen, wie bei den Chaldäern eine Anschauung vorhanden ist, die mehr in der Außenwelt lebt, bei der sich der menschliche Sinn sozusagen an die Außenwelt so weit verliert, daß selbst die Zeit elastisch wird. Diese Seelenverfassung macht notwendig, die Tagesstunden im Sommer als länger anzusehen als im Winter, während bei den Ägyptern durch Jahrhunderte hindurch die Jahreseinteilung streng so festgehalten wird, wie es sich gewissermaßen aus einer Art von Rechnung heraus, nicht aus der Erfassung der äußeren Ereignisse, ergibt. Man nimmt das Jahr zu 365 Tagen an, setzt also stets zu 365 Tagen 365 weitere hinzu, und merkt nicht, daß man eigentlich dadurch nicht mehr zusammentrifft mit dem draußen in der Sinneswelt sich darstellenden Jahresverlauf, sondern indem man das Jahr kürzer nimmt, als es ist, und einfach rechnet, man in Widerspruch kommt mit demjenigen, was man eigentlich in der Außenwelt wahrnimmt.

[ 5 ] Das zeigte einen bedeutsamen Unterschied in der Seelenverfassung zweier Völker, die miteinander in Handels- und geistigem Verkehr gestanden haben, also sich äußerlich nahestanden. Richtig würdigen wird man einen solchen Unterschied aber nur, wenn man sich weiter beobachtend auf die Ursprünge der menschlichen Zivilisation einläßt. Das wird dadurch erschwert, daß die Kulturen, die sich zeitlich nacheinander entwickelt haben, heute räumlich nebeneinander in verschiedenen Entwickelungsphasen durcheinandergemischt sind. Wenn heute der Europäer oder der Amerikaner, der aus seinem Materialismus heraus zu geistigeren Vorstellungen von dem Menschenwesen kommen will, sich zu der heutigen indischen Kultur hinwendet, so findet er innerhalb dieser indischen Kultur eine hochentwickelte Geistigkeit, einen von scharfsinnigen Verstandesbegriffen durchzogenen Mystizismus. Er findet innerhalb der Weltanschauung, die ihm da entgegentritt, durchaus nichts von dem, was er innerhalb der abendländischen oder amerikanischen Zivilisation als naturwissenschaftliche Weltanschauung kennengelernt hat. Wenn er die Sehnsucht empfindet, über den Menschen selbst etwas zu erfahren, was ihm die heutige Wissenschaft nicht geben kann, und wenn er sich nicht darauf einläßt, dasjenige in Berücksichtigung zu ziehen, was eine neuere Geisteswissenschaft über diesen Menschen zu geben weiß, so wird er sich vertiefen wollen in die geistige Weltanschauung des heutigen Indien oder wenigstens desjenigen, das aus verhältnismäßig nicht langvergangener Vorzeit sich erhalten hat.

[ 6 ] Wer aber etwas ausgerüstet mit den Erkenntnissen der hier gemeinten Geisteswissenschaft ist und so an diese indische Weltanschauung herangeht, der wird finden, daß aus demjenigen, was in ihr heute vorhanden ist und das aus einer mehr oder weniger weit zurückliegenden Vergangenheit sich historisch erhalten hat, etwas spricht, was nicht mehr ganz offenbar ist, sondern wie ein Untergrund sich ausnimmt, wie etwas, das, aus dunklen Tiefen heraufkommend, darinnen spielt. Es spielt darinnen selbst in der Sprache, aber namentlich in der Vorstellungs- und Bilderwelt und muß als etwas beurteilt werden, das viele Umgestaltungen durchgemacht haben muß, bevor es die heutige Gestalt angenommen hat. Was im heutigen Indien vorhanden ist, hat erst in den allerletzten Zeiten seine Ausgestaltung erhalten, es trägt aber Elemente in sich, die uralt sind, die Jahrtausende gebraucht haben, um so zu dem zu erwachsen, zu dem sie ausgewachsen sind.

[ 7 ] Geht man an andere Kulturen, sagen wir mehr vorderasiatische oder die chinesische heran, dann findet man, daß da ein Ähnliches der Fall ist, aber man bekommt das Gefühl, so weit brauche man da nicht zurückzugehen, um das Gegenwärtige zu verstehen, wie in Indien. Und betrachtet man das ägyptische Leben, wie es sich abspielt etwa seit dem Beginne des 3. vorchristlichen Jahrtausends, dann hat man das Gefühl, dasjenige, was historisch in den Dokumenten enthalten ist, das nimmt sich so aus, daß man nötig hat, sich gefühlsmäßig in älteste Zeiten hineinzuversetzen, wie wir das gestern zum Beispiel versucht haben; aber man findet auch, daß da mit einer Art von Treue sich das Alte erhalten hat, so daß sein Tiefgründigstes auch im Späteren sichtbar ist, während in Indien das Tiefste im Anfange seiner Entwickelung gesucht werden muß.

[ 8 ] In einer ähnlichen Weise verhält es sich dann bei der griechischen und bei unserer eigenen Kultur, die, wie wir sehen werden, etwa mit dem 15. Jahrhundert beginnt. Da nimmt sich ja die Sache so aus, daß zwar für den Tieferblickenden durchaus uralte Elemente sich fortgepflanzt haben, daß diese aber für das gewöhnliche Bewußtsein kaum bemerkbar sind. Wir werden in den folgenden Betrachtungen sehen, wie innerhalb der europäischen und amerikanischen Kultur diese alten Elemente zu entdecken sind.

[ 9 ] Man möchte sagen, das naturwissenschaftliche Element, das in die neuere Zivilisation eingezogen ist, hat scheinbar so gründlich aufgeräumt mit dem, was alt war, daß dieses Alte eben nur mehr durch ganz bestimmte Methoden zu ergründen ist. Es ist aber doch noch da. So sind auf der Erde nebeneinander Kulturen verschiedenen Alters vorhanden. Man muß sehr, sehr weit zurückgehen, wenn man die heutige indische Kultur verstehen will; man braucht nur weniger weit zurückzugehen, um die vorderasiatische Kultur und deren Literaturen zu verstehen, weniger weit, um die ägyptische, noch weniger, um die griechisch-römische Kultur und so weiter zu verstehen. Man kann fast ganz in der Gegenwart bleiben, will man die europäische und amerikanische Gegenwartskultur verstehen.

[ 10 ] Dasjenige, was sich im Laufe der Zeiten nacheinander entwickelt hat, das steht nebeneinander für uns da; und dasjenige, was so nebeneinander dasteht, hat in Wirklichkeit verschiedenes Alter, wenigstens zunächst für den äußeren Anschein, so daß sich das Räumliche mit dem Zeitlichen vermischt und man erst, ich möchte sagen, vom Gegenwartsstandpunkte aus die Methoden finden muß, um zu sehen, von welchen gegenwärtigen Kulturen man in die uralten Zeiten zurückgehen kann, von welchen man den Zugang zu diesen schwer und höchstens auf Umwegen findet.

[ 11 ] Nun schließt sich ja, wie Sie wissen — und wir haben gestern gesehen, in welch äußerlicher Weise das oftmals der Fall ist —, die naturwissenschaftliche Betrachtung, die sogenannte anthropologische oder geologische Betrachtung an dasjenige nach vorne an, was die Historie bietet. Wir werden heute schon von der äußeren anthropologischen Forschung zurückgeführt in sehr frühe europäische Zeiten. Allerdings, wie sich das für die asiatischen Menschen ausnimmt, davon ist noch wenig die Rede, aber für die europäische Entwickelung werden wir zurückgeführt in alte Zeiten. Sie wissen ja, daß die durch die Geologie bereicherte Anthropologie und Geschichte heute davon sprechen, daß die älteste Bevölkerung Europas, deren wahrhaft künstlerische Überreste sich in gewissen Höhlenfunden Spaniens und Südfrankreichs gefunden haben, um Jahrtausende zurückliegen muß; daß wir in den merkwürdigen Malereien, die sich durch diese Höhlenfunde gezeigt haben, darauf aufmerksam werden, wie in ururalten Zeiten Menschen in Europa mit einer gewissen Kultur schon gelebt haben müssen, sogar vor jenen bedeutsamen Ereignissen, von denen Anthropologie und Geologie sprechen als von der europäischen Eiszeit, innerhalb welcher ein großer Teil des europäischen Kontinents mit Eis bedeckt war, so daß er unbewohnbar war. Solche Gegenden wie diejenigen, in denen sich die Höhlenfunde Südfrankreichs und Spaniens gefunden haben, sie müssen Oasen gewesen sein. In der weiten Vereisung, da müssen Menschen gewohnt haben, da muß eine verhältnismäßig reiche Natur gewesen sein und sich eine Kultur entwickelt haben.

[ 12 ] So werden wir heute schon zurückgeführt in sehr alte Zeiten des europäischen Zivilisationslebens. Und hier schließt sich gewissermaßen zusammen dasjenige, was äußere Forschung bieten kann, mit demjenigen, was Geisteswissenschaft zu sagen hat. Geisteswissenschaft kann ja nur ausgehen von demjenigen, was die entwickelten Seelenfähigkeiten des Menschen ergründen können, was sich durch Imagination, Inspiration ergeben kann; sie kann von demjenigen sprechen, was innerlich bewußt geschaut werden kann. Da kann man sagen, in bezug auf dasjenige, was durch die äußere Geschichte erforscht werden kann, kann eigentlich durch Geistesforschung nur der geistige Teil der Entwickelung mehr oder weniger ergründet werden, weniger dasjenige, was sich in der äußeren Natur zugetragen hat. Durch diese Geistesforschung aber kann zurückgegangen werden bis zu denjenigen Zeiten, welche den Menschen und seine Umwelt noch in ganz anderen Verhältnissen gesehen haben als denjenigen zur Zeit der europäischen Vereisung.

[ 13 ] Es wird weniger die Aufgabe gerade dieser Vorträge sein, zurückzuweisen in solche alten Zeiten, in denen der Mensch unter ganz anderen Verhältnissen und in ganz anderen Erdgebieten gelebt hat als später; aber es soll ein Gefühl davon hervorgerufen werden, wie berechtigt es ist, auf solche übersinnlichen Erkenntnisse hinzuweisen, die auch das Historische der Menschheitsentwickelung bis in frühe Zeiten zurückverfolgen können.

[ 14 ] Jedenfalls aber, wenn wir vertieft mit jenem Blick und mit jener Empfindung, die aus Geisteswissenschaft gewonnen werden können, herantreten an dasjenige, was die äußere Geschichte gibt, so können wir etwas erfahren über den Entwickelungsgang der zivilisierten Menschheit. Das kann man vom Gesichtspunkte der äußeren Anthropologie und äußeren Geologie und Geschichte zugeben, daß, wenn man etwa um zehn bis fünfzehn Jahrtausende zurückgeht, eben eine ganz andere Art von Leben bestand als im heutigen zivilisierten Europa. Man kann zugeben, daß in diese Zeit, etwa in die letzten zehn- bis fünfzehntausend Jahre, die Entwickelung der europäischen, der asiatischen und im wesentlichen auch der alten amerikanischen Menschheit fällt.

[ 15 ] Aber dasjenige, was an Dokumenten vorliegt, es muß eben in einer ganz besonderen, durch die Geisteswissenschaft zu gewinnenden Weise beleuchtet werden. Da muß man allerdings sagen: Hat man sich aus solchen Betrachtungen, wie ich sie gestern einleitungsweise gemacht habe, die Möglichkeit angeeignet, zurückzugehen von der Gegenwart in frühere Seelenverfassungen, dann kann man in einer gewissen Weise dasjenige, was jetzt nebeneinander lebt, in der richtigen Art anschauen in bezug auf seine Vorzeitlichkeit. Dann wird allerdings der Blick zuerst auf die indischen Gebiete gelenkt.

[ 16 ] Dasjenige, was heute da noch lebt in einer merkwürdig scharfsinnigen Art, die Welt zu interpretieren, das führt zurück in diejenigen Zeiten, in denen die große, gewaltige indische Philosophie und in denen die Vedendichtungen entstanden sind. Aber auch wenn man die Vedendichtungen, die Vedantaphilosophie, die Yogaphilosophie der Inder auf sich wirken läßt, so empfindet man, daf3 man dasjenige, was da in seinen Nachwirkungen noch neben uns auf der Erde ist, um es zu verstehen, in sehr frühe Zeiten zurückverfolgen muß. Und vergleicht man es dann mit demjenigen, was sonst an Kultur vorhanden ist, sagen wir zum Beispiel mit unserer europäischen Art, logisch zu denken, oder mit der griechischen Art, die Gedanken auszubilden, dann findet man überall, daß die europäische Zivilisation von heute sich gegenüber der indischen ausnimmt wie ein Urenkelkind, ein Enkelkind, ein Kind, die neben dem Vater gleichzeitig leben. Es steht da das Indische wie in sehr frühe Zeiten zurückweisend, aber alt geworden. In dem Zustand, wie es sich als alt geworden darstellt, ergründet man noch dasjenige, was einmal in alten Zeiten als höchste Geistigkeit sich geoffenbart hat. Aber man sieht es eben in seiner Dekadenz, in seiner Greisenhaftigkeit, man sieht es so, wie man an dem Kinde sieht, wie es gewisse Zustände des Vaters auf einer früheren Stufe dieses Vaters darstellt, aber anders, weil es diese Zustände in späterer Zeit durchlebt. Denken Sie zum Beispiel an einen Menschen, der Kind war in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts, und blicken Sie von ihm zum Vater oder gar zum Großvater auf. Gewiß, der Großvater war Kind in den vierziger, fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts; aber er hat die Kindheit in anderen Verhältnissen durchgemacht, als das Kind der neunziger Jahre; das wußte im Grunde schon ganz andere Dinge als der Großvater mit seiner naiven Kindlichkeit in den vierziger Jahren. Eignet man sich für so etwas im Völkerwerden einen Blick an, dann erscheinen eben gegenwärtige europäische Zivilisationen oder auch die griechische Zivilisation, soweit wir sie durchdringen können, wie spät geboren gegenüber dem, was früh geboren ist als Indisches, was aber uns heute schon in Greisenhaftigkeit entgegentritt. Können wir uns hineinfühlen in dieses heute greisenhaft gewordene Indische, in das im Grunde schon alt gewesene zur Zeit der Vedendichtungen, der Vedantaphilosophie? Haben wir aber eine durch Geisteswissenschaft anerzogene Seelenverfassung, um aus dem Späteren das Frühere zu erschauen, wie man aus dem alt gewordenen Menschen, weil man dafür einen Blick hat, auf die Kindheit schauen kann, dann kommt man allerdings zu einer Anschauung auch über das Urindische. Aber man sagt sich dann auch, dieses Urindische, es ist ganz zweifellos eine Art von Kultur gewesen, welche grundverschieden von der unsrigen ist. Diese Kultur muß ganz durch und durch geistig gewesen sein und muß den Menschen ganz besonders als Geistiges aufgefaßt haben. Und man sagt sich dann, wenn man die Mannigfaltigkeit desjenigen betrachtet, was gerade im Indischen einem entgegentritt, gegenüber der Vedendichtung mit ihrer Bildlichkeit, die aber im lyrischen Element bleibt, der scharfsinnigen Vedantaphilosophie, der inbrünstigen Yogaphilosophie: Da muß sich im Laufe der Zeit Kultur mit Kultur gemischt haben; da muß einfach einmal eine Urkultur dagewesen sein ganz geistiger Art. Dann aber muß darüber dasjenige gezogen sein, was schon weniger geistig war, und was dann seinen Niederschlag in der Vedendichtung gefunden hat. Dann muß sich niedergeschlagen haben dasjenige, was in der inbrünstigen Yogaphilosophie aufgetaucht ist. Unmöglich kann das alles aus einem Volk herausgekommen sein. Da haben sich Völker durcheinandergeschoben mit verschiedenen Anlagen. Das eine hat die Yogalehre, das andere die Vedendichtung gebracht. Diese Völkerschaften haben ein Urindisches schon vorgefunden, mit dem sie sich dann durchdrungen haben, dem sie dasjenige entnommen haben, was reif und alt war, aber in den Menschen abgestorben. Die eindringenden Völker kamen mit frischem Blute dazu; sie gestalteten dasjenige, was die Menschen, die in der Dekadenz waren, nicht weiter ausbilden konnten. Und so ging es weiter. So kam allmählich der gegenwärtige Zustand zustande; und man wird dann nicht mehr sehr weit davon sein, die uralte indische Kultur mit dem zu vergleichen, was als Überreste vorhanden ist in den Gegenden, in denen sich die heutige Zivilisation entwickelt hat. Man wird mit den Menschen Urindiens diejenigen Menschen vergleichen, die die merkwürdigen Bilder gemalt haben könnten, die sich da zeigen in Westeuropa, diese eigentümlichen Bilder in ihrer, ich möchte sagen, tiefen Eindruck machenden Linienführung. Wenn man diese Bilder sieht, wenn man sich in dasjenige hineinversetzen kann, was eine Menschenseele durchlebt, indem sie gerade solche Bilder ausführt, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Ja, gewiß, in diesen Bildern ist etwas sehr Primitives enthalten, manchmal etwas, wie es begabte heutige Kinder malen; aber doch noch etwas anderes. Man sieht diesen Bildern an, wie die Menschen in einer gewissen Liebe zur äußeren Natur, die sie umgibt, gelebt haben; und man sieht, daß diese Bilder aus tiefen inneren Impulsen heraus gemalt sind; man sieht, ich möchte sagen, daß sie von Menschen gemalt sind, die nicht erst mit den Augen austüftelten, wie sie Linien zu führen haben, Farben zu setzen haben, sondern die aus ihren inneren Erlebnissen heraus dasjenige bilden, malen, was tief, ich möchte sagen, in ihrem Leibe saß.

[ 17 ] Vergleicht man dieses mit dem, was sich abgesetzt hat in der urindischen Kultur, dann findet man dennoch eine Verwandtschaft. Im Westen Europas tritt die Sache primitiv auf, und es bleibt beim Primitiven zunächst; drüben in Asien, in Südasien, entwickelt sich es weiter und weiter, weil es immer befruchtet wird von anderen Volksstämmen; und es entwickelt sich herauf bis zu der Vedantaphilosophie. Würde ich diese Dinge geisteswissenschaftlich, wie ich es öfters getan habe, vortragen, so würden Sie sehen, daß man da noch mit einer ganz anderen Konkretheit an die Sache herantreten kann. Ich will aber zunächst heute die Sache so fassen, wie sie sich dem Geisteswissenschafter ergibt, wenn er auch Rücksicht nimmt auf die äußeren Dokumente. Aber so, wie man heute gewohnt ist, mit weitmaschigen Begriffen, die man sich anerzogen hat an der groben, naturwissenschaftlichen Betrachtung, an diese Dinge heranzugehen, kommt man an sie nicht heran. Man muß, um das zu erreichen, ich möchte sagen, seine Begriffe so beweglich machen, so plastisch, wie Sie das sehen werden an den Betrachtungen, die ich heute vor Ihnen anstellen will. Man kann natürlich nicht, wie man die Ähnlichkeit von Dreiecken beweist, den Zusammenhang zwischen der Höhlenkultur Westeuropas und der indischen Kultur zeigen, aber die Gewißheit ist darum nicht eine kleinere, wenn man nur sich einlassen will auf diese Dinge und wenn man eben auf die Seelenverfassung zurückgeht, auf die gestern aufmerksam gemacht worden ist.

[ 18 ] Derjenige, der von diesem Gesichtspunkte aus sich in die Begriffe, in die wunderbaren Begriffe der Vedantaphilosophie vertieft, der sieht in ihnen gewissermaßen, ganz ins Abstrakt-Geistige umgesetzt, durchaus die Linienführung der Malereien in den Höhlen von Spanien und Südfrankreich. Und nicht auffällig wird es ihm daher sein, selbst aus der äußeren Forschung heraus, daß ihm die Geisteswissenschaft vorträgt, wie eine gemeinsame Urbevölkerung, die etwa gesucht werden muß im Anfange des 8. vorchristlichen Jahrtausends, die sich allmählich ausgebreitet hat über die bewohnbaren Gegenden Europas, Afrikas und Asiens und die je nach den verschiedenen Lebensverhältnissen diese alte Kultur, innerhalb welcher man ganz in der äußeren Natur noch drinnen lebte, ausgebildet hat, sich als am begabtesten erwiesen hat im alten Indien. Dort offenbart sich dasjenige, was sonst nur primitiv zum Ausdruck kommt. Dort hat sich das dann weiterentwickelt, was zum Beispiel als die Kultur von Kreta die Leute in solches Erstaunen gebracht hat. Diese entstand im Süden Europas. Drüben in Asien aber hat es sich als urindische Kultur entwickelt, ist immer weiter und weiter geschritten, ist sozusagen lebensfähig geblieben bis ins höchste Alter, hat aber eine Blüte durchgemacht in der Zeit, als die Veden, die Vedantaphilosophie entstanden sind und dann die Yogaphilosophie und andere philosophische Denkarten. Es ist sehr viel in diesem Indischen durcheinandergemischt, was zu verschiedenen Zeiten sich ausgebildet hat und was heute nebeneinanderlebt.

[ 19 ] Sieht man auf dasjenige, was sich in der urindischen Kultur ankündigt, genauer hin, dann muß man sagen, es weist das alles auf einen Menschen mit einer Seelenverfassung, auf die man nicht durch äußere Mittel heute kommt.

[ 20 ] Ich habe gestern davon gesprochen, daß man vordringen kann zum imaginativen Vorstellen, und wenn man dies bewußt tut, dann bekommt man auch einen Begriff von dem, was noch nicht bewußt, aber instinktiv solche Menschen erlebt haben wie die alten Chaldäer oder wie die späteren Ägypter. Ihre Seelenverfassung war eben eine durch und durch andere, als die der heutigen Menschen ist.

[ 21 ] Durch das Aufgehen in diesen imaginativen Vorstellungen wird man selber zum Bilde, man verschmilzt mit der Bildlichkeit, und man lebt sich in das Werden ein. So haben zum Beispiel die Chaldäer im Werden gelebt. Aber auf der anderen Seite lernt man auch erkennen, indem man sich zur Inspiration erhebt, die Trennung zwischen dem Subjektiv-Inneren und dem äußeren Objektiven zu überwinden; man fühlt sich gewissermaßen eins mit dem Weltenall, man fühlt sich im Weltenall so drinnen, daß man sich sagt: Dasjenige, was sich durch dich ankündigt, das ist die Stimme, die Sprache des Weltenalls selber; du gibst dich nur dazu her, ein Glied im Weltenall zu sein und die Welt durch dich sich offenbaren zu lassen. — Heute können wir das bewußt in der Inspiration erreichen. Instinktiv lebten es die Ägypter in einem Spätstadium dar. Aber das führt uns weiter in Zeiten zurück, aus denen ein verhältnismäßig gutes Dokument ist dasjenige, was uns als chinesische Kultur entgegentritt. Dasjenige allerdings, was uns gewöhnlich als solche geschildert wird, das ist schon Spätprodukt, aber geradeso wie sich im Indischen alte Stufen, Kindheitsstufen offenbaren, so offenbaren sich im Chinesischen uralte Stufen der Zivilisation. Und wenn wir auf eine Vorstellung namentlich zurückgehen, fühlen wir so recht, wie in diesem Chinesentum eine instinktive Inspiration lebt. Wir erlangen heute durch geisteswissenschaftliche Methode eine bewußte Inspiration. Im Chinesischen lebt sich eine mehr oder weniger iinstinktive Inspiration aus, das heißt, deren Ergebnisse sind als Untergrund vorhanden in dem, was heute als chinesische Literatur übermittelt ist. Da werden wir zurückgeführt allerdings in eine menschliche Anschauung, durch die sich der Mensch als ein Glied des ganzen Weltenalls fühlt. Wie wir heute vom dreigliedrigen Menschen, dem Kopfmenschen, dem Gliedmaßenmenschen und in der Mitte dem rhythmischen Menschen, sprechen und deren Wesen in ihrer vollen Tiefe durch Inspiration ergründen, so lebte der Vorfahre des heutigen Chinesentums einmal in einer instinktiven inspirierten Erkenntnis von etwas Ähnlichem. Diese bezog sich aber nicht auf den Menschen, sondern, weil der Mensch nur ein Glied des ganzen Weltenalls war, bezog sie sich auf das ganze Weltenall. Wie wir unser Haupt empfinden, so empfand der Chinese dasjenige, was er Yang nannte. Wenn wir nämlich unser Haupt beschauen wollen, können wir uns ja gewöhnlich nicht sehen, höchstens sehen wir ein wenig die Nasenspitze, wenn wir die Augen darauf wenden. Wie wir die anderen oberflächlichen Teile unseres Organismus sehen können, wenn wir unser Äußeres anblicken, das Haupt aber gewissermaßen nur geistig bewußt ist, so war dem Chinesen bewußt etwas, was er Yang nannte. Und unter diesem Yang dachte er das oben Befindliche, das geistig sich Ausbreitende, das Himmlische, das Leuchtende, das Zeugende, das Aktive, das Gebende. Und er unterschied sich selbst nicht in bezug auf dasjenige, was in seinem Haupte lebte, von diesem Yang. Wie wir, die wir den Menschen unterscheiden von der Umwelt, den Gliedmaßenmenschen empfinden, den Menschen, der uns in Tätigkeit versetzt, uns mit unserer Umgebung zusammenführt, so sprach der Chinese von Yin, und er deutete damit auf alles dasjenige, was finster ist, was erdig ist, was empfangend ist und so weiter. Wir sagen heute, in unseren Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen nehmen wir die äußeren Stoffe auf; wir verbinden die äußeren Stoffe durch unseren Gliedmaßen-Stoffwechselmenschen mit unserer eigenen Wesenheit, und wir nehmen das sinnenfällige gedankliche Element durch unsere Hauptesorganisation auf. Aber dazwischen steht alles dasjenige, was gewissermaßen diesen Rhythmus zwischen dem Haupte und dem Gliedmaßen-Stoffwechselmenschen herstellt. Der Atmungsrhythmus, der Blutzirkulationsrhythmus bewirkt das. Wie wir so den Menschen empfinden und erkennen, so sah der Chinese einstmals das ganze Weltenall: oben das Zeugende, Hell-Leuchtende, Himmlische, unten das Irdische, Finstere, Empfangende, und den Ausgleich zwischen den beiden, dasjenige, was einen Rhythmus bildet zwischen Himmel und Erde, das er empfand, wenn ihm die Wolken erschienen am Himmel, wenn der Regen herabträufelte, wenn das zur Erde Herabgekommene wieder verdunstete, wenn die Pflanzen aus der Erde heraus dem Himmel zuwuchsen und so weiter. In diesem allem empfand er den Rhythmus des Oberen und Unteren, und er nannte das Tao. Und so hatte er eine Anschauung von dem, womit er verwachsen war. Es stellte sich ihm das in dieser Dreigliederung dar. Aber er unterschied sich selbst nicht von alledem.

[ 22 ] Diese Anschauung tritt uns dann verändert in Vorderasien entgegen. In allem, was wir namentlich aus der Gegend Persiens als uralte Kultur überliefert haben, das muß, was im Chinesischen sich zeigt, einstmals eine ganz andere Ausbildung gehabt haben, die sich dann zu dem metamorphosiert hat, was überliefert ist in dem Gegensatze zwischen Ahura Mazdao und Ahriman, dem hellen, dem leuchtenden, glänzenden Lichtgotte und dem dunklen, finsteren Ahriman, zwischen denen die Welt als im Rhythmus ablaufend dargestellt wird.

[ 23 ] Der Unterschied zwischen dem, was einmal urindisch gewesen sein muß, und dem, was dann ganz metamorphosiert im Chinesentum entstanden ist, und was man als Untergrund auch in manchen vorderasiatischen Kulturen empfindet — ich nenne es das Urpersische in meinem Buche «Geheimwissenschaft im Umriß» —, ist der gewesen, daf3 das Urindische noch nicht unterschieden hat zwischen oben und unten, zwischen Himmel und Erde, daß es noch nicht von einem Subjektiven im Inneren des Menschen und einem Objektiven in der Außenwelt gesprochen hat, und daß es in der Außenwelt noch nicht unterschieden hat dasjenige, was mehr geistig-hell ist, von dem, was mehr finster-körperlich ist, während in einer späteren Zeit, im Urpersischen, die beiden unterschieden wurden, und die Wechselwirkungen der beiden durch Tao oder durch irgend etwas, was eben den rhythmischen Ausgleich bildet, vermittelt gedacht wurden.

[ 24 ] Was ist da geschehen? Wodurch hat der Mensch jene alte Stufe verlassen, in der er das Geistig-Helle von dem Physisch-Finsteren noch nicht unterschieden hat,und wodurch ist er übergegangen zu der Auffassung eines solchen Gegensatzes, einer solchen Polarität oder Dualität?

[ 25 ] Da kommen wir dann, wenn wir dasjenige ins Auge fassen, was in Dokumenten vorhanden ist, wenn wir die Gefühle, die in diesen Dokumenten und in den Überlieferungen leben, auf unsere eigene Seelenverfassung wirken lassen, dazu, zu erkennen: Es war der Mensch in jenen ältesten Zeiten durchaus in einem solchen Verhältnis zur Umwelt, daß er möglichst wenig Hand an diese Umwelt anzulegen hatte. Er lebte da zwar für unsere allerdings richtigen Anschauungen einerseits auf einer hohen geistigen Stufe, aber auf der anderen Seite doch wiederum in tierischer Unschuld. Denn es war ja alles instinktiv, was er da erlebte an Einheit mit dem Weltenall, was dann später ausgehaucht gedacht wird von Brahma.

[ 26 ] Das alles war nur einem Menschen möglich, der nicht Hand anlegte an die äußere Natur, der sich in diese hineinstellte, ich möchte sagen, wie das Tier, wie der Vogel, der da nimmt, was ihm die Natur an Nahrung bietet, der seine Nahrung sich nicht erst erarbeitet, sondern sie sich höchstens holt, wie der Vogel sie sich erfliegt, der also in vollem Frieden mit allen Naturreichen lebt, der auch seine Liebe über alle Naturreiche ausdehnt.

[ 27 ] Wenn man so mit vollmenschlicher Erkenntnis sich hineinvertieft in alles dieses, so kommt man unmittelbar dazu, dasjenige, was noch lebt in der indisch-orientalischen Weltanschauung als Tierliebe, als Liebe zu den Pflanzen, hervorgehen zu sehen aus der All-Liebe, die noch keinem Wesen etwas tut, die daher noch nicht zu jenem voll erwachten menschlichen Bewußtsein gekommen sein kann, in dem die Menschen später waren, sondern in einer Geistigkeit lebte, die instinktiv, aber als Geistigkeit eben höher in gewissem Sinne als die griechische und die unsrige heute war, die aber in unschuldigem Zustand gegenüber der Natur lebte, diese Natur liebte, nichts schlachtete, ja auch die Pflanzen, von denen die Menschen lebten, nur so zu sich nahm, daß sie sie nicht besonders säte, sondern dasjenige, was wild sich bot, zunächst hinnahm. Man blickt mit einer solchen Betrachtung zurück auf die etwa vor acht Jahrtausenden die südlichen asiatischen Gegenden bevölkernden Menschen. Später ist dann etwas aufgetreten, das im Menschen das Bewußtsein hervorgerufen hat des radikalen Unterschiedes des Oben und Unten, des Geistigen, das man nicht verändern kann, an das man nicht heran kann, das oben ist, und des Physischen, das man bearbeiten kann, mit dem man sich abgeben kann. Man kommt etwa in dem Beginn des 6. Jahrtausends an eine Veränderung — in den dekadenten Resten läßt sie sich verfolgen —, durch welche die Menschen dasjenige, mit dem sie umgehen können, das sie verändern können, als etwas anderes ansehen, das unter ihrer Herrschaft steht. Sie beginnen die Tiere zu zähmen, sie machen aus den wilden Tieren Haustiere und werden Ackerbauer.

[ 28 ] Das ist offenbar der große, radikale Umschwung vom 7. ins 6. Jahrtausend der vorchristlichen Zeit, daß die Menschen anfangen, die Natur zu bearbeiten, und dadurch die Natur unterscheiden von dem, was sie nicht bearbeiten können, was nur als das Leuchtende, Glänzende herunterscheint auf das, was bearbeitbar ist und das seine Form empfangen kann vom Menschen. Es ist jedoch nicht nur der Mensch, was so formgebend wirkt; der Mensch macht Werkzeuge, nimmt seine primitive Hacke, das ist ja dasjenige Instrument, das dem Pflug voranging — wahrscheinlich waren es zuerst die Frauen, die den Ackerbau betrieben haben —; er pflügt damit den Boden durch Handarbeit und sät; aber er sieht auch, daß, wie die Erde von ihm Form empfangen kann, so aber auch, daß sie sich im Frühling, nicht durch ihn, mit Pflanzen bedeckt, daß die Pflanzen im Herbst wieder weggehen. Und so, wie die Erde von dem Menschen ihre Form empfangen kann, so auch von dem, was ihm herunterleuchtet aus dem Weltenraum; und er kommt auf den Unterschied zwischen Licht und Finsternis, zwischen Geist und Materie.

[ 29 ] Alles das entwickelt sich in der Art, daß der Mensch sich zuerst von der Außenwelt unterscheiden gelernt hat, indem er die Natur bearbeitete, indem er Ackerbauer, Viehzüchter wurde. Man sieht es der persischen Kultur einer späteren Zeit noch an, wie alles auf den Ackerbau eingerichtet ist. Man sieht den Zusammenhang desjenigen, was sich im Avesta äußert, mit diesem Geschilderten, und man sieht den Fortschritt gegenüber der urindischen Kultur.

[ 30 ] Das alles aber entwickelt sich so, daß der Mensch anfangs noch nichts von sich als Selbst weiß; er identifiziert sich mit dem Äußeren, er ist gewissermaßen ganz in instinktiver Inspiration; und er schreitet von dieser instinktiven Inspiration zu einer späteren Seelenverfassung in die Zeit hinüber, die in Vorderasien erscheint im Beginne des 3. Jahrtausends als die bildhafte Chaldäerkultur, von der wir sagen können, jetzt ist der Mensch schon so weit, daß er nicht nur das Obere und Untere unterscheidet, sondern auf die Sternbilder eingeht; daß er allerlei Instrumente erfindet, Wasseruhren und so weiter. Aber wenn wir innerhalb des Chaldäischen stehenbleiben, so finden wir überall, wie der Mensch stark in der Außenwelt lebt, wie er sozusagen schwer ein inneres Erleben gewinnt.

[ 31 ] In Ägypten sehen wir ein anderes. Wir sehen das Chaldäische eigentlich später entstanden als das Ägyptische; das Ägyptische können wir weit zurückverfolgen, wir können es vor allen Dingen aber zurückverfolgen bis in diejenigen Zeiten, für die wir auch die urpersische Kultur mit ihrer Metamorphose des Chinesischen ansetzen müssen, wo das Obere und das Untere unterschieden worden sind. Aber wir sehen gerade im Beginne des 3. vorchristlichen Jahrtausends einen mächtigen, radikalen Umschwung gerade innerhalb der ägyptischen Kultur. Wie wir einen solchen radikalen Umschwung sahen in dem Auftauchen der Viehzähmung und des Ackerbaues, so sehen wir etwa im Beginne des 3. Jahrtausends einen weiteren radikalen Umschwung. Wir kommen auf denselben in der folgenden Art: Wir sehen, wie innerhalb Ägyptens sich in der späteren Zeit der Pyramidenbau entwickelt. Wir können die ägyptische Kultur heute auch historisch weiter zurückverfolgen, als der Pyramidenbau reicht. Der Pyramidenbau tritt gerade im Beginne des 3. Jahrtausends auf, aber wir können das Ägyptische weiter zurückverfolgen. Diese ägyptische Kultur reicht bis in die Meneszeit vor dem 3. Jahrtausend. Da werden nicht die mächtigen Pyramiden gebaut. Wir sehen gleichzeitig mit dem Pyramidenbau in Ägypten etwas entstehen, das in starker Weise darauf hindeutet, daß die Ägypter eine Verinnerlichung des ganzen Bewußtseinszustandes erlebten. Zweifellos mußten mächtige Werkzeuge zustande kommen, um die Pyramiden aufzubauen. Diese Werkzeuge konnten nur aus einer Art von Metallverarbeitung hervorgehen, und diese Metallverarbeitung wieder nur aus gewissen Kenntnissen des inneren Gefüges der Metalle.

[ 32 ] Wir sehen dasjenige, was man später chemische Kenntnisse nennt, in primitiver Form bei den Ägyptern auftreten; wir sehen, mit anderen Worten, wie der Mensch anfängt, sein Inneres in eine starke Tätigkeit zu versetzen, und wie er sich doch noch nicht dessen bewußt ist, daß dieses Innere da ist. Wie der Mensch aber die Kraft dieses Inneren gewahr wird, das tritt uns insbesondere entgegen, wenn wir die von einem gewissen Gesichtspunkte aus hochentwikkelte ägyptische Arzneikunst ins Auge fassen. Sie ist allerdings etwas ganz anderes als unsere Arzneikunst. Für diejenigen Krankheiten, die in Ägypten vorhanden waren, gab es eigentlich Spezialärzte schon im alten Ägypten, besonders Augenärzte. Die dortige Heilkunde nahm den sogenannten Tempelschlaf zu Hilfe. Die Kranken wurden in die Tempel gebracht und in eine Art Schlaf versetzt, in dem sie in traumähnliche Zustände verfielen. Dasjenige, an das sie sich da erinnerten, wurde in seiner charakteristischen Bildlichkeit von den in solchen Dingen unterrichteten Priestergelehrten studiert. Diese fanden zwischen dem Ablaufen der inneren Dramatik der Träume, zwischen der Art der Bilder, ob finstere Bilder auf helle, helle auf finstere folgten und so weiter, erstens etwas, was auf die Pathologie des Menschen hindeutete. Auf der anderen Seite fanden sie aus der besonderen Konfiguration der Träume eine Andeutung des Heilmittels, das zu verwenden war. Aus dieser Betrachtung dessen, was der Mensch innerlich erlebt und was in Traumbildern vor das innere Auge trat, studierten die Menschen in Ägypten den innerlich körperlichen Zustand des kranken Menschen.

[ 33 ] Das sehen wir zeitlich parallel gehen mit demjenigen, was drüben in Chaldäa sich entwickelte. In Chaldäa lebten die Menschen mehr in einer äußerlichen Anschaulichkeit. Sie erfanden Werkzeuge wie ihre wunderbaren Wasseruhren, die aus der Bildlichkeit ihrer Seelenart kamen. Sie lebten so stark in der Bildlichkeit, daß sie die Zeit in wandelnden Bildern erblickten. Da war die Bildlichkeit mehr ein äußeres Element, in dem der Mensch lebte. Bei den Ägyptern war die Bildhaftigkeit etwas, was im Innersten des Menschen ergriffen wurde, was so erfaßt wurde, daß es sogar in seinen Traumgestalten studiert wurde, kurz, wir sehen da einen Zeitraum, in dem der Mensch nicht mehr sich bloß als ein Glied der ganzen Welt fühlte, sondern in dem der Mensch sich heraushob aus der Welt, herausindividualisierte, auf die zwei Weisen, auf die chaldäische und auf die ägyptische. Und wir sehen den Umschwung in dem Auftreten der bildhaften Anschauung des instinktiven Imaginativen, das in der zweifachen Weise uns entgegentritt: in der einen Art drüben in Chaldäa, anders dann in Ägypten herüben.

[ 34 ] Und wir sehen, wie in dem Beginne des Pyramidenbaues, der ja in seinen Maßen und geometrischen Verhältnissen auf Anschauung der Maße in der Entwickelung des Menschen, auf der Entwickelung der inneren Kraft und auf dem Erfühlen dieser inneren Kraft beruht, wir sehen, wie da sich eine dritte Kulturepoche ergibt, eine Kulturepoche, in der das instinktive Imaginieren eine besondere Nuance für die Menschheitsentwickelung abgibt. Und wir sehen, wie in allen diesen Zeiten die sozialen Zustände sich als eine notwendige Folge desjenigen ergeben, was da als Seelenverfassung auftritt. Wenn wir die sozialen Zustände des Urindischen studieren, so werden wir finden, wie da die Menschen friedfertig zusammenleben.

[ 35 ] Am Urpersischen sehen wir, wie der Mensch, indem er den Kampf mit der Natur aufnimmt, eine Art kriegerisches Element empfängt; und wir sehen, wie dieser Instinkt des Kriegerischen sich in seine Imaginationen hinüberlebt. Und weil der Mensch in seinem Innersten ergriffen wird, weil dieses instinktive Ergreifen des Menschen in bezug auf sich selbst nicht anders auftreten kann als im Emotionellen, im Willensartigen, erzeugen sich im Menschen jene Machtimpulse, die sich in den grotesk großen Pyramidenbauten ausleben, die Totenstätten sind und die zu gleicher Zeit Zeugnisse sein sollen für die äußere Macht derjenigen, die regieren. Wir sehen, wie das Machtbewußtsein auftaucht, aber auch, wie jetzt aus anderen Gegenden her sich fremde Völkerschaften einmischen, wie diese anderes Blut hineinbringen in dasjenige, was da als Imaginatives, Instinktives auch in den sozialen Zuständen sich auslebt; wir sehen, wie solche Völkerschaften mehr aus dem Inneren Asiens herkommen und sich unter die anderen mischen. Dasjenige, was sie hineinbringen, das hängt zusammen mit diesem Sich-mehr-nun-als-Mensch-Fühlen, abgesondert von der Umwelt sich als Mensch fühlen.

[ 36 ] Bei dem Ägypter steigert sich das in einem bestimmten Zeitalter so, daß er sich als göttlichen Menschen ansah; er fühlte so stark sein Selbstbewußtsein, daß er die anderen alle als Barbaren anschaute und nur diejenigen, die in inneren Bildern leben konnten, als Menschen gelten ließ. Man sieht da heraufkommen ein intensives Geltungsbewußstsein, und diesem Entstehen des intensiven Geltungsbewußtseins des Menschen geht parallel ein Ereignis, das an diese Geistesverfassung gebunden ist.

[ 37 ] Wenn wir die Gesetze des Hammurabi studieren, dann finden wir, daß er unter den gezähmten Haustieren noch nicht das Pferd anführt. Es trat im Kulturleben aber gleich nachher auf. Allerdings, Hammurabi führt an Esel und Rinder, und etwas nach seiner Zeit wird das Pferd zuerst in den Dokumenter: der «Esel des Berglandes» genannt. Das Pferd wird der Esel des Berglandes genannt, weil es von dem gebirgigen Osten herübergebracht worden ist. Völker, die aus Asien sich hineingeschoben haben in das Chaldäische, haben das Pferd mitgebracht, und damit ist dann das kriegerische Element aufgetreten. Wir sehen zuerst dieses kriegerische Element in einer älteren Zeit geboren; aber wir sehen es weiter ausgebildet, als zu den anderen Tieren auch das Pferd hinzu gezähmt wird. Und auch das hängt mit der Seelenverfassung des damaligen Menschen zusammen. Man kann sagen, der Mensch hat sich nicht früher auf das Pferd gesetzt und sich gewissermaßen verstärkt als Individualität dadurch, daß er ein Tier an sich kettete in seiner eigenen Bewegung, als bis er zu diesem Grade des Selbstbewußtseins erwacht war, wie es sich ausdrückte als das bildhafte Vorstellen der Chaldäer, wie es innerlich in dem traumhaften Leben der Ägypter ausgedrückt war. So innig hängen die äußeren Verhältnisse der Menschheitsentwickelung mit dem, was die Metamorphose der Seelenverfassung in den aufeinanderfolgenden Epochen ist, zusammen, daß man sagen kann: auf der einen Seite der Bau der Pyramiden und auf der anderen die Zähmung des Pferdes; sie drücken aus, äußerlich angesehen, die dritte Kulturepoche, die chaldäisch-ägyptische, und innerlich hängt diese zusammen mit dem Entstehen des instinktiven imaginativen Erlebens.

[ 38 ] In Ägypten geht verhältnismäßig früh dasjenige zugrunde, was während der Pyramidenzeit als eine hohe Kultur auftritt, die sich aber ganz in einer traumhaften imaginativen Weise äußert. Diese Kultur dämmert herauf im Beginne des 3. Jahrtausends und ist eigentlich nach vier Jahrhunderten im Verfall. Die Seelenverfassung, die dieser Kultur zugrunde liegt, lebt, nachdem sie selbst zu verfallen beginnt, weiter von Asien herüber fortschreitend in Vorderasien, Kleinasien, kommt auf den europäischen Kontinent herüber und ist so, wie sie sich da auslebt, noch deutlich wahrnehmbar auch in dem, was aus Kleinasien, aus der älteren griechischen Kultur kommt. Sie ist noch bemerkbar in den Homerischen Gesängen und ihrer Weltanschauung. Aber wir nähern uns, indem wir an die Homerischen Gesänge herankommen, bereits einem radikalen Umschwung. Dasjenige, was als Weltanschauung den Homerischen Gesängen zugrunde liegt, zeigt noch durchaus das bildhafte, das imaginative Vorstellen, noch jene Anschauung des Menschen, die auf das Bildhafte geht. Indem Homer einen Achilles, einen Hektor schildert, zeigt er — abgesehen davon, daß er in Bildern, die äußerlich angesehen sind, das bildhafte Element andeutet, wenn er zum Beispiel sagt: «der schnellfüßige Achilles, Hektor, der Held mit dem wogenden Helmbusch» — das Dargestellte so, daß man mit dem inneren Seelenauge plastisch sehen muß, um seine Eigenart zu erfassen.

[ 39 ] Wir sehen auch in der ganzen Gesinnung des Homer noch etwas von dem Chaldäischen. Das wird anders, als sich diejenige griechische Kultur heranbildete, die wir dann bei Äschylos und Sophokles und in der griechischen Plastik finden, und wir können sie von der älteren unterscheiden dadurch, daß wir gewahr werden, wie stark es im Griechen als Impuls lebte, den Menschen in seiner eigentlichen Menschlichkeit aufzufassen. Wenn wir dasjenige, was bei den Chaldäern bildhaft war, anschauen, so sehen wir schon, wie da plastisches Anschauen in Bildhaftigkeit aufgetreten ist, und wir sehen das namentlich bei einem derjenigen Völker, die wenigstens örtlich den Chaldäern nahe waren, bei den Sumerern. Wir sehen aber, wie dieses Volk, ebenso wie das ägyptische, erst auf dem Wege ist, den Menschen äußerlich darzustellen. Wir finden aber dann bei den Griechen, sowohl in der Dramatik wie auch da, wo die Dramatik übergeführt wird ins Gebiet der Plastik, wie da der Mensch in seiner Außenoffenbarung erfaßt werden soll. Es hat sich, ich möchte sagen, der Mensch des dritten Zeitraumes stark gefühlt, indem er seine tiefen, instinktiven Kräfte ausgelebt hat. In Ägypten geschah das, indem er die Pyramiden gebaut hat und da gewissermaßen seine Kraft im Pyramidenbau ins Riesenhafte hat wachsen lassen, und bei gewissen Stämmen Asiens, die als besonders kriegerische gelebt haben, zeigt es sich, indem er sich aufs Pferd gesetzt hat und sich so mit dem Pferde eins gefühlt hat. Der Grieche geht dann dazu über, zu sagen: Ich brauche äußere Mittel nicht; alle Kraft des Menschen liegt innerhalb meiner Haut selber. — Und er gestaltet plastisch jene in sich schon vollkommenen Menschen in einer Art, die alles dasjenige, was eine vorhergehende Epoche noch durch eine äußere Verkörperung gesucht hat, in den Menschen hineinnimmit. Dieses sich ganz Hineinversetzen, ganz Hineinleben in das Menschliche und alles Höchste im Menschen selber Suchen, das finden wir dann im griechischen Geiste ausgelebt, und es stellt sich dann später dar in einer anderen, mehr äußerlichen Weise, im Römertum ausgeprägt. Wir sehen gewissermaßen heute noch, wenn wir uns an den über das Forum gehenden Cäsar oder die anderen Gestalten in der römischen Toga erinnern, wie sich da in sehr viel abstrakteren Formen als in Griechenland dieses den Menschen ganz mit höchster Kraft Ausgestaltende, innerhalb der menschlichen Haut sich Erfühlende darstellte.

[ 40 ] Im 6. vorchristlichen Jahrhundert etwa beginnt ein neues Zeitalter. Das homerische Zeitalter liegt noch vorher. Dieses Zeitalter, das da beginnt, sehen wir besonders stark und kräftig sich in Griechenland entwickeln, wo es etwa vier Jahrhunderte lang bis zur Großartigkeit sich steigert und nachher einem Niedergang entgegengeht.

[ 41 ] Und nun greift das Christentum ein. Während der Grieche noch etwas voll Lebendiges empfand, wenn er seine Zeusstatue vor sich hatte, sah der Römer im Grunde genommen nur einen abstrakten Begriff, wenn er seine Statuen anblickte. Das wurde immer stärker in bezug auf seine Abstraktheit; und noch im 4. nachchristlichen Jahrhundert wird im römischen Senatssaal, wenn die Senatoren ihn betraten, von jedem in die leuchtende Flamme, welche vor der Bildsäule der Viktoria steht, ein Weihrauchkörnchen gestreut, bevor er sich auf seinen Sitz als Senator begibt. Wir sehen, wie da in abstrakter, bloßer Gedankenform, die aber Realität ist, in einer auch als abstrakt empfundenen Bildsäule dasjenige lebt, was in höchster Daseinsfülle in Griechenland noch bei der Zeus-, Athene-, Apollostatue empfunden worden ist, wo man noch etwas wie das magische Weben der Götterkräfte selber in dem Zeus, in der Athene gefühlt hat. In Rom ist alles zum abstrakten Begriff geworden.

[ 42 ] Wir sehen dann, wie der das Christentum einführende Kaiser Konstantin diese Säule entfernen läßt aus dem Senatssaal, weil er glaubt, daß sie gegenüber der christlichen Anschauung allen Sinn verloren hat. Wir sehen, wie noch einmal in die vollmenschliche Anschauung des vierten Zeitraumes Julian Apostata sich vertieft, wie dieser noch einmal in den Senatssaal die Viktoriasäule hineintragen läßt, noch einmal die alten Zeremonien sich abspielen läßt mit den Senatoren, wie er aber das Alte nicht mehr erneuern kann, wie er darüber zugrunde geht. Denn der Pfeil, der ihn getroffen hat, war der Pfeil eines Mörders, der von seinen Gegnern gedungen war.

[ 43 ] Und dann entwickelt sich aus dem allem dasjenige Zeitalter, das ich im weiteren näher zu charakterisieren haben werde, das Zeitalter, in dem der Mensch sich in innerer Geistigkeit, in Intellektualität, in Verstandesfähigkeiten befindet, das dann in seiner besonderen Eigenart das Mittelalter hindurch sich entwickelt, wo über den Verstand selber gedacht wird, wie es in der Scholastik geschehen ist, wo über Nominalismus und Realismus gestritten wurde. Dann kommt das 15. Jahrhundert heran, und in diesem ein ganz. anderer Geist, jener Geist, der dann in das Zeitalter der Naturwissenschaft hinübergeführt hat, jener Geist, der in den ersten Zeiten besonders stark entwickelt war in Galilei und Kopernikus, der uns die großen Fortschritte in dem Menschheitsbewußtsein gebracht hat, der gegenüber dem griechischen eine Verinnerlichung darstellt — wenn er auch dann in den Materialismus ausartet im 18. Jahrhundert —, der im 19. Jahrhundert dann so vieles aus dem Äußeren der Natur enthüllt hat.

[ 44 ] Und heute stehen wir an einem wirklichen Wendepunkt. Ich will wahrhaftig nicht Spenglerische Epochenphantasien hinstellen. Aber es ist etwas anderes, was ich sagen will. Wir sehen zurück in den Beginn der ägyptischen Zeit, wie das Zeitalter des Pyramidenbaues beginnt, das sich auch durch andere Symptome ankündigt, wir sehen, wie da die erste Bewußtseinsetappe in der Erfassung des Menschlichen auftritt; wir sehen, wie die nächste Etappe im 8. vorchristlichen Jahrhundert beginnt, wie sich im Griechentum, im Römertum die Seelenverfassung der Menschen dieses Zeitalters ausbildet in dem Erfassen des «Menschen als solchem»; wie dieses Zeitalter zu Ende geht und das Verinnerlichen des Verstandes im Beginne des 15. Jahrhunderts beginnt.

[ 45 ] Wir sehen also gewissermaßen auf drei starke Wendepunkte hin: auf einen Wendepunkt, da das ägyptisch-chaldäische Zeitalter beginnt, wir sehen, wie das vierte Zeitalter beginnt, das griechisch-lateinische, und wir sehen, wie dasjenige Zeitalter heraufkommt, das die Naturwissenschaft eingeführt hat, womit wiederum so etwas gegeben war wie der Pyramidenbau, so etwas, was eine besondere Durchkraftung mit etwas Neuem in der Menschheitsentwickelung darstellt.

[ 46 ] Wir sehen vier Jahrhunderte Blüte des Pyramidenzeitalters, sehen das dann verglimmen, radikal verglimmen, und nur dasjenige fortgehen, was sich in der Bildlichkeit des Chaldäertums geltend gemacht

[ 47 ] hat, das Sich-Hinüberleben in das Griechische. Wir sehen im 8. Jahrhundert ein neues Zeitalter herantreten, vier Jahrhunderte darnach verglimmen im Griechentum. Wir sehen es abstrakt werden im Römertum. Wir sehen, wie dann wieder ein neues Zeitalter beginnt im Beginne des 15. Jahrhunderts, dasjenige Zeitalter, das uns die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise, die Intellektualität, die Verstandesmäßigkeit gebracht hat. Und wir sind heute ungefähr in der Zeit so weit nach diesem radikalen Umschwung, vierhundert bis fünfhundert Jahre, wie die ägyptische Verfallzeit nach dem Beginne des 3. Jahrtausends war, wie die griechische Verfallzeit nach dem Beginne des vierten Zeitalters war. Wir haben heute wachsam zu sein, damit es uns nicht ergehe als zivilisierten Menschen, wie es den Ägyptern gegangen ist vierhundert Jahre nach dem Anbruch des dritten geschichtlichen Zeitalters, den Griechen vierhundert bis fünfhundert Jahre nach dem Anbruch des vierten Zeitalters — damit es uns, die wir ebensoweit hinter dem Anbruch des fünften Zeitalters stehen, nicht ebenso ergehe.

[ 48 ] Die Römer haben nicht weiterführen können, was noch bei den Griechen volles Leben war; sie haben nur die Abstraktheit und Intellektualität in das Leben hineintragen können, die dann aber erstarb in der toten lateinischen Sprache. Wir haben heute auf all das zu achten, weil wir bewußter geworden sind, als die Griechen waren; und aus unserer Bewußtheit haben wir darauf zu achten, daß wir von innen heraus verhindern den Verfall, der bei den Griechen eingetreten ist und der als ein furchtbares Exempel dasteht. So müssen wir von der Geschichte lernen, daß es uns nicht so ergehe, wie es den Menschen ergehen mußte, die schwach werden mußten, weil sie an dem Äußerlichen gehangen hatten. Wir müssen dasjenige überwinden, was in den älteren Epochen nicht überwunden werden konnte. Und wenn man sagt, man muß von der Geschichte lernen, dann muß dies so geschehen, daß wir unsere Kräfte so stählen, daß wir wachsam achtgeben auf dasjenige, was uns die älteren Zeiten lehren, daß wir nicht nur diejenigen Fehler zu vermeiden lernen, die gemacht worden sind von den einzelnen Menschen, sondern auch diejenigen, die ja im Grunde genommen gar nicht Fehler genannt werden dürfen, sondern notwendige Mängel der Menschheitsentwickelung. Es muß dasjenige überwunden werden, was droht, über die heutige Menschheit zu kommen, wie es über eine frühere gekommen ist. Man muß hinauskommen über eine große Krise. Und man kann überzeugt sein, daß man die Wesenheit unserer gegenwärtigen Krise nur verstehen kann, wenn man sie aus den Tiefen der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit heraus versteht. Damit wird man aber auch verstehen, wie aus Naturwissenschaft Geisteswissenschaft werden soll. Denn das kann man nur verstehen, wenn man es aus dem ganzen Geiste der Menschheitsentwickelung zu erfassen vermag.