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Die Naturwissenschaft
und die weltgeschichtliche Entwickelung der Menschheit seit dem Altertum
GA 325

24 Mai 1921, Dornach

6. Die Naturwissenschaft und die weltgeschichtliche Entwickelung der Menschheit seit dem Altertum IV

[ 1 ] Es dürfte wohl das 4. nachchristliche Jahrhundert aus unseren Betrachtungen als ein besonders bedeutsamer Einschnitt in die Menschheitsentwickelung sich ergeben haben, und ich möchte mit ein paar Worten noch einmal darauf zurückkommen, was eigentlich in diesem 4. Jahrhundert vorgelegen hat.

[ 2 ] Ein charakteristischer Geist dieses 4. Jahrhunderts ist ja Augustinus, und wenn wir Augustinus betrachten, so haben wir so recht einen Repräsentanten dieses Zeitabschnittes vor uns. Augustinus weist ja gewissermaßen mit einem Teil seines Wesens, den er vorzugsweise in der Jugend ausgelebt hat und in seinen frühen Lebensjahren, ganz deutlich zurück nach der alten Bildung. Und dann ist bei ihm ein ziemlich schroffer Übergang zu verzeichnen, der ihn zu einer absoluten Unterwerfung unter die römisch-katholische Kirche führte, so daß ja Augustinus derjenige geworden ist, der in gewisser Beziehung Wissen, Erkenntnis für sich abgesetzt hat und innerlich subjektiv praktisch mit den Glaubensbegriffen völligen Ernst gemacht hat, indem er sich zu der Meinung, zu der Anschauung bekannte, daß er zwar nicht einsehe, was eigentlich die Grundlage der Wahrheit sei, die er anerkennen solle, und daß er sich zu der Wahrheit, zu der er sich zuletzt entschlossen hatte, eben nur deshalb bekenne, weil die katholische Kirche sie zu glauben vorschreibt. Zu dieser Meinung ist Augustinus durch harte Lebenskämpfe gekommen. Er huldigte eine gewisse Zeit hindurch jener Lehre, welche man als Manichäismus bezeichnet, der orientalisierenden Lehre des Mani. Diese Lehre gehört zu denjenigen, die ich von einer gewissen Seite hier schon in diesen Abendbetrachtungen charakterisiert habe. Ich sagte: Immer wiederum tauchen aus den Zeiten, die wir als indischen, persischen, chaldäisch-ägyptischen Zeitraum ansehen gelernt haben, aus diesen uralten Zeiten tauchen Anschauungen auf als eine Art Reaktion gegen das, was sich aufbaut aus der Entwickelung der vorzugsweise intellektualistischen Fähigkeit der Menschheit. Die Manichäerlehre war eine solche. Es ist ja nun einmal so, da? dazumal schon in den Zeiten, in denen Augustinus in seiner afrikanischen Heimat bekanntgeworden ist mit der Manichäerlehre, solche Anschauungen eigentlich in einer etwas zweifelhaften Art auftraten. Augustinus war ja zunächst ganz gefangengenommen von der Manichäerlehre. Dann aber ist er in Berührung gekommen mit einem Bischof der Manichäer, Faustus, und die ganze Art und Weise, wie dieser Mann die Manichäerlehre vertreten hat, widerte dann Augustinus an. Man muß aber doch durch vieles, was ganz gewiß nicht nur als seichte Dialektik, sondern vielleicht als phrasenhafte Rederei dem Augustinus entgegengetreten ist, auf etwas Kernhaftes in dieser Manichäerlehre blicken, und dieses Kernhafte wird man innerlich auch nur verstehen, wenn man sich von den Gesichtspunkten, die hier in diesen Betrachtungen geltend gemacht worden sind, dieser Manichäerlehre nähert.

[ 3 ] Es ist ja von den wahren Urkunden solcher Lehren der Menschheit der neueren Zeit im Grunde genommen nicht viel erhalten geblieben; es ist nur das erhalten geblieben, was zitiert haben die christlichen Lehrer der ersten Jahrhunderte und was sie dann bekämpft haben. Es ist also eigentlich Wichtigstes aus den alten Zeiten nur durch die Zitate der Gegner auf die spätere Nachwelt gekommen. Aber vielleicht wird derjenige, der sich hineinempfinden kann in solche Dinge, gerade aus dem besonderen Verhalten des Augustinus zur Manichäerlehre auch etwas verspüren von dem Wesen dieser Lehre selber. Augustinus wendet sich ab von der Manichäerlehre aus dem Grunde, weil er sagt, er habe die Wahrheit gesucht, die Wahrheit gesucht in der Sonne, in den Sternen, den Wolken, den Flüssen, den Quellen, den Bergen, in den pflanzlichen, in den tierischen Wesen, kurz in alledem, was ihm als Sichtbares entgegentreten konnte. Er habe sie da nicht gefunden, denn alles das hätte ihm doch nur äußerlich Materielles dargeboten, er aber suche nach dem Geistigen. Nun hat sich dann Augustinus gewandt von der Manichäerlehre zum Neuplatonismus, den ich Ihnen ja auch schon von einer gewissen Seite her charakterisiert habe. Der Neuplatonismus wandte sich ab von der sinnlichen Außenwelt. Er berücksichtigte sie wenig und wollte in seinem Inneren in einer Art mystischer Abstraktion sich mit dem All-Einen verbinden. Das ist es, was dann Augustinus in seinem späteren Lebensalter angezogen hat, und in dem, was er gegen die Manichäerlehre vorbringt, steckt schon, was er sich anerzogen hat durch sein Hineinleben in den Neuplatoniismus, in die ungegenständliche, unmaterielle, unsinnliche, abstrakte Welt. Der Welt gegenüber, in die er sich nun hineinversetzte, erschien ihm das, was ihm der Manichäismus bieten konnte, eben nur gewissermaßen wie ein Registrieren der äußeren, materiellen Dinge, die dann als das Göttliche ausgegeben werden.

[ 4 ] Aber derjenige, der heute zur Geisteswissenschaft kommt, der wird erst lernen, diese Dinge in der richtigen Weise zu sehen. Betrachten wir einmal vom Standpunkt heutiger Geisteswissenschaft, was da eigentlich vorliegen mag. Ich habe Ihnen ja charakterisiert: Steigt man auf zum imaginativen, zum inspirierten Erkennen, dann lernt man allmählich die inneren Organe des Menschen kennen, konkret kennen, und es ergibt sich nicht jene mystische Nebelwelt, von der so viele falsche Mystiker träumen, sondern es ergibt sich ein sachliches Durchschauen der inneren Organik des Menschen. Gerade indem man diese innere Organik des Menschen als ein Ergebnis des Geistes auffaßt, indem man sie geistig durchschauen kann, lernt man sie als Materielles kennen. Ich will Ihnen ein Beispiel dafür anführen. Sagen wir, ein mehr abstrakt denkender Mensch lernt einen sogenannten Hypochonder kennen. Ein abstrakt denkender Mensch wird leicht von einem Hypochonder sagen: Dem fehlt ja eigentlich physisch nichts Besonderes, er ist nur seelisch krank. Er versetzt sich zu stark immerfort in sein eigenes Inneres, er lebt sich gewissermaßen ganz in eine Selbstbetrachtung hinein, beurteilt dadurch die Dinge der Außenwelt falsch, beurteilt sie oftmals so, wie wenn sie ihn verfolgten oder dergleichen. Jedenfalls aber kommt er dadurch in ein falsches Verhältnis zur Außenwelt. — Und so kommt der abstrakte Mensch leicht dazu, zu sagen: Dem Hypochonder fehlt ja physisch eigentlich nichts, er ist nur seelisch krank. — Eine solche Abstraktion kommt dadurch zustande, daß man eben noch nicht hineinsieht in das eigentliche innere Gefüge der menschlichen Organisation. Dieses innere Gefüge der menschlichen Organisation ist ja so, daß der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist. Da haben wir die Kopforganisation, die dann allerdings, wie ich öfters ausgeführt habe, über den ganzen Organismus sich erstreckt, aber deren hauptsächlichster Sitz im Kopf ist und daher nach ihm bezeichnet wird; da haben wir die rhythmische Organisation der Brustorgane, welche die Atmung, die Blutzirkulation umschließt, und da haben wir alles das, was im Stoffwechselorganismus und dem damit im Zusammenhang stehenden Gliedmaßenorganismus besteht.

[ 5 ] Nun ist die Sache so, daß in der Kopforganisation die einzelnen Organe der Außenwelt zugewendet sind und dadurch äußere Sinnesorgane sind. Aber auch in den übrigen Gliedern des menschlichen Organismus finden wir, daß die Organe neben dem, daß sie Verdauungsorgane sind, zugleich in einer gewissen Beziehung Sinnesorgane sind, und wir finden eine Art Korrespondenz, eine Art Polarität zwischen den Kopforganen und den Organen des Stoffwechsels. Die Organe des Stoffwechsels sind auch Sinnesorgane, nur sind sie Sinnesorgane, welche nicht nach außen gerichtet sind, sondern nach den Vorgängen innerhalb der menschlichen Haut. Und so finden wir zum Beispiel, daß der Mensch in seiner Kopforganisation, nach außen gerichtet, das Geruchsorgan hat; mit dem riecht er, was in seiner Umgebung außen ist. Diesem Geruchsorgan korrespondiert unter den Verdauungsorganen die Leber. Die Leber riecht gewissermaßen, was im Inneren des Menschen, in ihrer Umgebung ist. Nicht wahr, über diese Dinge muß ganz objektiv gesprochen werden, wenn man überhaupt zur Erkenntnis aufsteigen will.

[ 6 ] Nun, sehen Sie, Sie müssen also dahin das Augenmerk lenken, daß, was gewissermaßen Verhältnis des Geruchsorganes zur Außenwelt ist, dem Verhältnis der Leber zu den inneren menschlichen Vorgängen entspricht. Nun ist bei einem Hypochonder immer die Leber nicht in Ordnung, ganz einfach als, wenn Sie wollen, physisches Organ nicht in Ordnung. Das ist es gerade, was bei der Geisteswissenschaft auftritt, daß sie nicht nur etwa in ein nebuloses Geisterreich hinaufführt, sondern daß sie durch die Anwendung ihrer Methoden gerade auch das Materielle in seiner Wesenheit erkennt, daß sie also hineinschauen kann in die Funktionen des Materiellen. Und dadurch, daß gewöhnlich Leberleiden mit sehr geringen oder gar keinen Schmerzen verbunden sind, tritt das nicht als physisch wahrnehmbare Krankheit auf, sondern es tritt eben als seelisches Erlebnis auf, wenn die Leber nicht in Ordnung ist und daher falsch nach innen riecht. Der Hypochonder ist für den, der die Dinge wirklich durchschaut, kein anderer als derjenige, dessen Leber nicht in Ordnung ist und der daher innerlich das, was sie ja sehr leicht als nicht gerade sympathisch Riechendes empfindet, nicht in normaler Weise, sondern in zu sensitiver Weise mit seiner kranken Leber beriecht. Er beriecht sich fortwährend in seinem Inneren, und dieses Beriechen, das ist es, was eigentlich zugrunde liegt der hypochondrischen Seelenanlage. Sie sehen, als nebulose Mystik kann man Geisteswissenschaft nicht charakterisieren, denn sie führt zu einer wirklich objektiven Erkenntnis auch des Materiellen. Gerade der Materialismus kommt nicht auf diese Dinge, weil er sie immerfort nur in abstrakten Formen betrachtet. Die imaginative und inspirierte Erkenntnis erklärt die sogenannten Geisteskrankheiten eigentlich immer aus ihren physischen Grundlagen heraus. Viel mehr hat man noch Veranlassung vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus, die sogenannten physischen Krankheiten vom geistigen Standpunkte aus zu erklären, als die sogenannten Geisteskrankheiten. Die Geisteskrankheiten sind in der Regel die allerphysischsten, das heißt, die allerphysischsten Ursachen liegen ihnen in der Regel zugrunde. Und so muß man sich klar sein darüber, daß derjenige, der das Geistige der Welt durchschaut, auch zu einer Anerkennung des Wirkens des Geistigen im Materiellen kommt. Er sieht nicht die Leber bloß als dasjenige an, als was sie sich darstellt gegenüber dem Anatomen, der die Leichen seziert, sondern er sieht die Leber als ein innerlich gebildetes Organ an, welches in seiner äußeren Form abweicht von dem Geruchsorgan, dennoch aber eine Metamorphose dieses Geruchsorganes darstellt. Und so wird sich vielfach dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat über die materielle Welt, weil er diese, ich möchte sagen, auf ihre geistigen Ursachen zurückführt, so ausnehmen, daß er gerade auf die Offenbarungen des Materiellen hinweist, weil man viel mehr durch die Offenbarung des Materiellen das Geistige erkennt als durch alle möglichen mystischen Schwärmereien und mystisch-nebulosen sogenannten Versenkungen in das Innere. Sie entspringen ja alle im Grunde genommen nur einer gewissen Abneigung, sich mit wirklicher Erkenntnis zu befassen und dafür ins Innere hineinzubrüten, was ja auch von nichts anderem herrührt als von einer gewissen Anlage physischer Organe. Mystik in nebulosem Sinne zu betreiben ist selber eine Art von Geisteskrankheit auf physischer Grundlage.

[ 7 ] Sehen Sie, so etwas wie das Schauen des Geistigen im Materiellen, das trat dem Augustinus im Manichäismus entgegen. Er war aber schon zu sehr hineingeboren — er hatte ja bekanntlich die griechische Mutter Monika — in die Sehnsucht, aus dem Physischen herauszukommen, als daß er dabei hätte bleiben können. Daher wandte er sich an den Neuplatonismus, und auf diesem Umwege über den Neuplatonismus wandte er sich dem römischen Katholizismus zu.

[ 8 ] Wir sehen also, wie in diesem 4. Jahrhundert, in das ja gerade die Vorbildungszeit des Augustinus fällt, die Menschen tatsächlich sich abwandten von der geistigen Betrachtung der äußeren Welt und auch der inneren Welt des Menschen. Diese Abwendung mußte geschehen. Diese Abwendung mußte aus dem Grunde geschehen, weil ja der Mensch niemals hätte frei werden können, ein freies Wesen werden können, wenn er sich nur als ein Glied der Außenwelt gefühlt hätte, so wie ich das an den vergangenen Abenden charakterisiert habe. Der Mensch mußte gewissermaßen heraus aus diesem Verquicktsein mit der Außenwelt. Er mußte sich einmal abwenden von der Außenwelt. Und der Höhepunkt dieses Abwendens von der Außenwelt, ich möchte sagen, derjenige Punkt, wo der Mensch verließ das Bewußtsein: Du bist ein Glied der Außenwelt, wie der Finger ein Glied von deinem Organismus ist —, der Höhepunkt liegt in diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert. Was der Zeit vor diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert das Gepräge gab, war eine Entwickelung der Menschheit, die im Grunde genommen ganz aus dem menschlichen Organismus, ich möchte sagen, aus dem Blute heraus kam. In den südlichen europäischen Gegenden, in den nordafrikanischen, in den vorderasiatischen Gegenden waren die Menschen aber schon dazu gekommen, gewissermaßen von ihrer eigenen menschlichen Wesenheit verlassen zu sein, insofern sie eine physische, eine ätherische ist, und aufzusteigen zu einem Unbestimmten. Denn zu einem Unbestimmten, man möchte sagen, zu einem Leeren, wo nichts mehr abhängig ist vom Blute, wo nicht mehr sich herausbildet das, was Lebensansicht ist, aus dem Rassenhaften des Menschen, zu einem solchen Leeren mußten sich die Menschen hinentwickeln, um in die Intellektualität hineinzukommen. Was alle die einzelnen Völkerschaften vor diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert — natürlich ist das approximativ, wenn man einen solchen Zeitpunkt angibt — an Lebensansichten, an Erkenntnis und so weiter entwickelt haben, das war ihnen aufgestiegen aus ihrem Blute, wie wir uns noch entwickeln zum Zahnwechsel, den wir auch nicht aus unserer Intelligenz heraus bilden, sondern aus unseren organischen Stoffen, oder wie wir uns bilden zur Geschlechtsreife, schließlich auch aus dem Organismus heraus, und zugleich zur Urteilsreife. So entwickelte sich alles, was diese Völkerschaften in ihren alten, instinktiven Imaginationen, Inspirationen hervorgebracht hatten, aus dem Blute heraus. Das hatte überall einen Rassenursprung. Und wenn irgendwo zwei Rassen, zwei Völkerschaften verschiedenen Blutes sich durcheinandermischten, dann blieb das eine Volk unten, sie wurden zu Sklaven, die andere Bevölkerung hob sich gewissermaßen nach oben, bildete die oberen Zehntausend. Sowohl diese sozialen Unterschiede wie auch dasjenige, was in der Erkenntnis, in den Seelen der Menschen lebte, das war durchaus ein Ergebnis der Rasse, des Blutes. Jetzt aber arbeiteten sich diese südlichen Völker, diese um das Mittelmeer herumsitzenden Völker aus dem Blute heraus. Jetzt arbeiteten sie sich durch zu einem, wenn ich sagen darf, rein Geistigen. Denn in der Sphäre des rein Geistigen mußte die Intelligenz entwickelt werden.

[ 9 ] Sehen Sie, so wäre der Mensch, wenn er sich weiter entwickelt hätte nur aus diesen Mittelmeervölkern heraus nach dem 4. nachchristlichen Jahrhundert, gewissermaßen ohne Grundlage gewesen. Das Blut gab nichts mehr her. Aus den Rassengrundlagen entwickelte sich nichts mehr an seelischen Fähigkeiten. Der Mensch war gewissermaßen darauf angewiesen, insofern er von diesen Gegenden ausging, sich in einen — bildlich gesprochen — luftleeren Raum hineinzuentwickeln.

[ 10 ] Diesen luftleeren Raum, das heißt dieses von dem Rassenhaften freie Entwickelungsgebiet, das betraten jetzt die Menschen dieser Mittelmeergegend. Sie mußten etwas anderes haben, woran sie sich anlehnen konnten. Sie mußten gewissermaßen dasjenige, was ihnen früher aus dem Blute kam, von außen empfangen. Und sie empfingen es dadurch, daß berechnende Menschen, die damals durchaus noch aus den alten Weisheitslehren heraus wußten, wie die Dinge eigentlich sind, die alten Staatsanschauungen des Römerreichs auf das Religionsregiment übertragen und die äußere katholische Kirche begründet haben. Diese äußere katholische Kirche, sie konservierte, was früher aus den verschiedenen Rassen an Geistesleben hervorgegangen ist, sie konservierte, was die alten Zeiten aufbewahrt haben, und sie verdichtete es zu Dogmen. Diese Dogmen sollten fortgepflanzt werden. Nichts mehr wurde aus dem Menschen hervorgebracht, aber was da war, wurde zu Dogmen verdichtet. Und damit kam ein unlebendiges Element hinein, aus dem der Mensch wirklich von außen empfangen konnte, was er früher von innen empfangen hatte. Es wurde nämlich die lateinische Sprache als eine tote Sprache fortgepflanzt, und das Erkenntnisleben verlief in der lateinischen Sprache.

[ 11 ] Und so hatte man die eine Geistesströmung, die darin bestand, daß gewissermaßen das, was die alte Lebensansicht gebracht hatte, auslief in einem toten Element. Wäre nichts anderes gekommen, so hätte dieses tote Element allmählich ersterben müssen. Die ganze sogenannte Kultur hätte ersterben müssen. Man hätte zwar ein Höchstes gehabt, denn es war ein Höchstes, das dazumal sich heraufgelebt hatte. Die katholische Kirche hat selber viele gnostische, manichäische Elemente übernommen, nur hat sie die Terminologie abgestreift. Sie hat die alten Weltanschauungen fortgepflanzt. Sie hat auch die alten Kultformen aufgenommen, aufbewahrt und fortgepflanzt in einer toten Sprache. Was so weiterlebte, war zur Entstehung von irgend etwas, was nun die Zivilisation hätte weiterbringen können, ebenso unfähig, wie zum Beispiel eine Frau allein unfähig ist, ein Kind hervorzubringen.

[ 12 ] Das war nur die eine Seite des Wesens, die jetzt notwendig war, um weiterzukommen. Die andere Seite des Wesens bestand in dem frischen Blute, das die vom Osten Europas herüberwandernden germanischen und sonstigen Völkerschaften in sich hatten. Da war wiederum Blut. Und das Eigentümliche war dieses, daß diese Völkerschaften in ihrer Entwickelung, wenn wir Jetzt das Wort nicht wertend nehmen, sondern rein objektiv terminologisch, zurückgeblieben waren gegenüber den südlichen Völkerschaften. Die südlichen Völkerschaften waren gewissermaßen im Galoppschritt zu der höchsten Bildung vorgeschritten, aus der dann der Intellekt heraufkam. Dieser stand auf seiner höchsten Entwickelungsstufe im 4. nachchristlichen Jahrhundert und sollte sich jetzt einleben, sollte als toter Intellekt weiterleben. So haben wir also das Weiterleben dieses toten Intellekts und das Heraufkommen, das ihm Entgegenkommen des germanischen Blutes der anderen Völker, die da auftauchten.

[ 13 ] Wenn wir nun die äußeren historischen Vorgänge studieren, so kommen wir zu etwas außerordentlich Interessantem. Wir kommen nämlich dazu, uns zu sagen, daf3 in einem gewissen Zeitraum eine völlige Umwandlung, eine Metamorphose des abendländischen Lebens stattfindet. Wir sehen nämlich, wie ja in der Tat in einem großen, weiten Gebiete von Europa durch die sogenannte Völkerwanderung die alte Kultur abstirbt und eine Art Bauernkultur aufkommt. Was die oberen Zehntausend früher im alten Römerreich als ihre Kultur gehabt haben, das stirbt ab. Es bleibt, was die breite, ansässige Bevölkerung hatte, und so etwas Ähnliches, allerdings anders geartet, brachten dem auch die germanischen Stämme entgegen. Innerhalb dieses bäuerlichen Wesens, wo die Menschen eigentlich in kleinen Dorfgemeinden lebten und sich in diesen kleinen Dorfgemeinden ganz andere Dinge erzählten als das, was ihnen die katholischen Priester predigten, innerhalb dieser Gebiete, in denen die Dorfgemeinden waren, wurde nun durch äußere Macht die katholische Religion verbreitet.

[ 14 ] Das war die eine Strömung, die eben in lateinischer Sprache ging. Was wußten denn die Menschen, die da sahen, wie ihre Kirchen gebaut wurden, wie in lateinischer Sprache die Weisheit fortgepflanzt wurde, was wußten denn diese Menschen, auf die es gerade dazumal ankam in den Dörfern, von all dem, was da vorging? Wovon sie wußten, das waren die Geschichten, die sie sich nach getaner Arbeit am Abend erzählten, Erzählungen, die zum großen Teil aus Träumereien bestanden, wie wir sie bei den alten Ägyptern und dergleichen noch kennengelernt haben.

[ 15 ] Es war durchaus eine Weltanschauung hier, durch die Zeit vom 4. bis zum 8., 9., 10. Jahrhundert durch die Dorfgemeinden gehend, die in den südlichen Gegenden längst abgetan war, wenigstens bei den oberen Zehntausend. Längst hatte sich aus diesen Untergründen eine feine Kultur bei den oberen Zehntausend herausgebildet. Und jetzt, im 9., 10., 11., 12. Jahrhunderte, sehen wir — genauer habe ich es in Dornach jüngst ausgeführt, ich will es hier nur kurz anführen —, wie aus den bloßen Dorfgemeinden sich allmählich die Städte kristallisierten. Die Städtekultur beginnt, und es ist, wie wenn der Mensch losgerissen wird aus der äußeren Natur, wenn er in den Städten zusammen konzentriert wird. Da kommt diese Städtekultur, die wir verfolgen können von der Bretagne an bis tief hinein ins russische Reich, bis nach Nowgorod, von oben herunter bis nach Spanien, Italien hinein, überall dieser merkwürdige Zug nach dem Städtetum.

[ 16 ] Und wenn wir nachschauen, was da eigentlich lebt in diesem Übergang zum Städtetum, dann hat das für den, der innerlich die Geschichte studieren kann, eine große Ähnlichkeit, eine Wesensähnlichkeit mit demjenigen, was geschehen war, als nach dem trojanischen Kriege sich in Griechenland die Städte herausentwickelt haben mehr aus einer Bauernkultur. Was dazumal in Griechenland geschah im Jahre 1200 der vorchristlichen Zeit, das wiederholte sich da heroben jetzt, etwa um das Jahr 950 oder so etwas — es sind alle diese Zahlen approximativ —, und um so viel, als 1200 und 950 Jahre ausmachen, um so viel waren eigentlich diese Menschen, die da als germanische Menschen von Osten herüberkamen, zurück hinter denjenigen, in deren Gebiet sie jetzt eindrangen. Addieren Sie diese Zahlen, die vorchristlichen zu den nachchristlichen, so bekommen Sie 2150 oder 2160 Jahre, und das ist ungefähr das an Jahren, was da liegt zwischen zwei solchen aufeinanderfolgenden Kulturen. Man kann das an der Geschichte ablesen, wenn man nur wirklich die Geschichte studieren will. Wenn man sich fragt: Um wieviel waren diese germanischen Völkerschaften zurück? — so ist es die Länge einer Kulturepoche. Gerade so lange hat eine Kulturepoche gedauert, und so kann man an dem Reifegrad zurückgebliebener Völker das Zeitmaß ihres Zurückgebliebenseins berechnen.

[ 17 ] Jetzt können wir auch einen gewissen Anhaltspunkt dafür gewinnen, warum die vierte Kulturepoche, die die eigentliche Entwickelung des Intellekts gebracht hat, etwa 747 vor Christus beginnt und, sagen wir, 1413 schließt. Da bekommen Sie 2160 Jahre. Das ist die Länge einer solchen Kulturepoche. Allerdings, wenn wir weiter zurückgehen, werden diese Zahlen etwas verschwimmen. Das ist aber natürlich, denn die geschichtliche Entwickelung ist natürlich nicht mit mathematisch exakten Zahlen zu charakterisieren. Es brachten diese Völkerschaften in ihrem Blute etwas der anderen, der südländischen Bevölkerung entgegen, was im Grunde genommen früher war. Das war die andere Strömung.

[ 18 ] Und jetzt wurde die weltgeschichtliche Ehe geschlossen zwischen dem, was da in lateinischer Sprache hinüberschwamm, und demjenigen, was in den Volkssprachen, in sehr zurückgebliebenen Volkssprachen, an die Oberfläche sich hinaufarbeitete, Aus diesen zwei Elementen mußte das hervorgehen, was nun weiter sich entwickeln konnte. Das führte dann im 15. Jahrhundert zur Entwickelung der sogenannten Bewußtseinsseele, wie ich das schon öfters ausgesprochen habe.

[ 19 ] Die alte Kultur hätte ganz verschwinden müssen, wenn nicht dieses Neue sich hineinversetzt hätte, das seinerseits nun umfangen war von diesem Südlichen. Zurückgebliebenes und Weitvorgeschrittenes glichen sich miteinander aus, und an die Stelle der bloß intellektualistischen Kultur trat die Bewußtseinskultur.

[ 20 ] In dieser wurde der Verstand zum bloßen Schatten. Man lebte in ihm nicht einmal mehr als in einem Toten weiter, sondern er wurde zu einem Schattenprodukt, zu etwas, was nur in innerer Aktivität lebt. Und damit war gewissermaßen der Mensch befreit davon, innerlich vom Verstande besessen zu sein. Er konnte den Verstand anwenden in innerer Aktivität und konnte nun übergehen zur äußeren Naturbetrachtung, wie Galilei, Kopernikus, Kepler zur. äußeren Naturbetrachtung übergegangen sind. Dazu mußte erst der Verstand frei werden. Sehen Sie sich alles das an, was nun heraufgekommen ist an europäischer Zivilisation seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, so werden Sie überall sehen, wie das zurückzuführen ist auf das Eindringen dieses germanischen Elements in das alte lateinisch-romanische. Bis auf die einzelnen Persönlichkeiten hin können Sie das durchaus wahrnehmen.

[ 21 ] Der Mensch war also gewissermaßen ins Leere hineingestiegen, indem er sich vom Süden her entwickelte. Aber bei den führenden Geistern bestand ein starkes Bewußtsein davon, daß man mit der Entwickelung des Intellekts in etwas Leeres hineingeht. Einem Neuen zusteuern wollten gewisse Persönlichkeiten nicht. Wenn ich jetzt etwas hypothetisch der Geschichtsentwickelung unterlege, so kann man das, was man sich in der Zeit sagen konnte, die auf das 4. nachchristliche Jahrhundert folgte, etwa so ausdrücken. Man konnte sagen: Wir lassen entweder den Intellekt frei, wir lassen ihn sich entwickeln, dann geschieht das Folgende. Während früher aus dem Menschen heraufgestiegen ist, was ihn innerlich mit GeistigSeelischem durchdrungen hat, ist er jetzt an einem höchsten Punkt angekommen, wo seine Entwickelung frei wurde, so daß er ins Leere sich hineinentwickeln kann. Was jetzt nicht mehr an seinem Leibe haftet, muß, weiterentwickelt, dazu führen, daß der Mensch in eine geistige Welt von außen eindringt. — Das war das eine, das man sich hätte sagen können. Oder aber man konnte sich auch sagen: Wir bewahren die alten Weistümer fort, wir konservieren sie. Dann können wir den Menschen sagen: Indem du dich heraufentwickelt hast bis ins 4. Jahrhundert mit deinem Intellekt, bist du jetzt am Ende. Da darfst du nicht weitergehen. Du bist ins Leere gekommen. Schau jetzt zurück, hinter dich, nicht vor dich; schreite nicht im Leeren weiter, so daß du etwa im Weiterschreiten eine neue Geistigkeit findest. — Mit diesem Instinkte durchdrungen, das Alte zu bewahren, den Intellekt zu halten, daß er sich nicht weiterentwickelt, war das achte allgemeine ökumenische Konzil von Konstantinopel 869 einberufen worden, das zum katholischen Dogma machte, was dann mit den Worten ausgedrückt ist: Der Mensch hat «unam animam rationalem et intellectualem», er hat eine Seele, die denkend und geistig ist. Aber über diese Seele hinaus hat er nichts, nichts Geistiges weiter, denn würde man ihm etwas Geistiges zuschreiben, so würde die Bahn frei gewesen sein, sich zu einer neuen Geistigkeit zu entwickeln. — Daher wurde dem dreigliedrigen Menschen nach Leib, Seele und Geist der Geist abgesprochen und seiner Seele nur einzelne geistige Eigenschaften beigelegt. Er habe nicht Leib, Seele und Geist, sondern Leib und Seele, und die Seele habe denkende und geistige Eigenschaften, wäre rationell und intellektuell. Weiter darf es nicht gehen. — Das war nun Dogma geworden. Das war nichts anderes als die Konstatierung dessen, was eigentlich in der Sache gegeben war mit dem Bewahren des Alten, mit dem rationellen Verarbeiten des Alten, womit man zugleich verhindern wollte, daß man auf der Bahn der geistigen Entwickelung weiterschreite. Ausgelöscht sollte werden, was das Kind werden sollte der beiden ineinanderfließenden Strömungen.

[ 22 ] Und das ist es, was dann weiter hinübergewirkt hat über das 15. Jahrhundert weg bis in unsere Zeit. Auf der einen Seite ist der Mensch instinktiv reif geworden, den Verstand, dessen er bereits ganz Herr war, allmählich in innerer Aktivität zu betätigen. Andrerseits vermochte er nicht, diesen aktivierten, aber schattenhaften Verstand in seinem geistig leeren Inneren zu halten, wo er an nichts hätte aktiv werden können als an der eigenen Schattenhaftigkeit. Obwohl man meinen sollte, daß man nicht versuchen würde, einen Schatten innerlich zu verarbeiten, wurde gerade das zum Gegenstande aller Philosophie jener Zeit, die daher etwas nur Schattenhaftes hat. So kommt zuletzt der Kantianismus herauf, der nur noch Formen und Kategorien hat, und der wie die anderen Philosophien der Zeit nur in diesem Schattenhaften herumplätschert.

[ 23 ] Es zeigte sich also, daß man mit einem schattenhaften Intellekt allein nichts anfangen konnte; man mußte ihn, und das ist nun die andere Seite, mit etwas anderem erfüllen, und das konnte nur die Außenwelt, das konnte nur die äußere Natur sein. Nicht etwa aus irgendwelchen Gründen, etwa weil der Mensch früher kindlich war und jetzt allmählich zu der Erkenntnis der Natur vordrang, geschah dieses, sondern weil der Mensch es zu seiner Entwickelung brauchte. Er brauchte eine Erfüllung. In den letzten vier bis fünf Jahrhunderten haben wir diese Erfüllung erlebt. Der schattenhafte Verstand hat sich der Natur bemächtigt. Das führte zu einem Höhepunkt. Gerade in der Mitte des 19. Jahrhunderts war der Verstand am allerschattenhaftesten geworden.

[ 24 ] Während der Verstand an sich das Geistigste ist, hatte man ihn überhaupt nicht mehr berücksichtigt, denn er war zum Schatten geworden. Aber man hatte eine ausgebildete, ausgebreitete Naturwissenschaft. Der Verstand hatte sich erfüllt mit dem, was die Natur von außen darbot, aber immer mehr und mehr schwand dahin die Möglichkeit, das Seelische zu sehen. Dieses Seelische, das konnte man immer weniger und weniger sehen, denn man hatte ja eigentlich, wenn man sich an die Außenwelt wandte, nur den schattenhaften Verstand. Daher wurde die Psychologie, die Seelenlehre des 19. Jahrhunderts, immer mehr, ich möchte sagen, nominalistisch, reine Wortplänkelei. Es ist geradezu trostlos, in den Psychologien des 19. Jahrhunderts zu lesen, wie da die Leute immer wieder von Fühlen, Wollen, Denken reden und eigentlich nur die Worte haben, bis endlich Fritz Mauthner kommt und die große Entdeckung macht, daß alles Wissen in Worten bestehe und die Leute sich nur immer getäuscht haben, die hinter den Worten etwas gesucht hatten.

[ 25 ] Es ist das charakteristisch für das 19. Jahrhundert, nicht für die Menschheit, aber für das 19. Jahrhundert. Da ist die Entdeckung Mauthners im Grunde genommen gar nicht so schlecht. Das 19. Jahrhundert webte, insbesondere wenn es von dem Seelischen sprach, nur in Worten, bis den Leuten endlich dieses Weben in Worten, dieses fortwährende Herumjonglieren mit Denken, Fühlen und Wollen, Apperzeption und Perzeption und allem möglichen, das, was dann in der englischen Psychologie heraufgekommen ist seit Hume, insbesondere im 19. Jahrhundert seit John Stuart Mill dieses Jonglieren mit bloßen Worten, bis das den Leuten zu dumm geworden ist. Und sie haben gesagt: Nun haben wir in der Naturwissenschaft durch Experimentieren so etwas Schönes herausgekriegt, also experimentieren wir auch mit der Seele. — Apparate hatte man entwickelt, die Signale abgeben konnten, wenn der Mensch eine Wahrnehmung machte. Man konnte dann wissen, wann diese Wahrnehmung bewußt wird, wenn der Mensch seine Hand bewegt, infolge dieser Wahrnehmung; man konnte hübsch experimentieren. Bis in unsere Zeit herein hat sich das so gemacht, daß man die Fähigkeit der Kinder beurteilen will nicht durch ein Sich-Hineinversetzen in das kindliche Gemüt, durch eine gewisse Hingabe an dieses kindliche Gemüt, sondern man will mit Apparaten prüfen das Gedächtnis, das Denken, alles mögliche, wie es einem erzählt wird zum Beispiel von russischen Schulen, wo es nicht mehr auf Prüfungen ankommt im alten Stil, sondern wo von außen mit Hilfe einer Apparatur die Fähigkeiten festgestellt werden. Allerdings, diese bolschewistische Anschauung ist auch schon in unsere Gegenden eingedrungen. Gewisse Gegner der Anthroposophie möchten auch auf eine solche äußerliche Weise feststellen, ob diese Anthroposophie auf einer Wahrheit beruht, aber das entspricht nur einem bolschewistischen Vorurteil. Das alles ist schließlich herausgeboren aus demjenigen, was die Menschen allmählich durch das Unberücksichtigtlassen des Geistes dazu gebracht hat, den schattenhaften Verstand auf die Natur anzuwenden und dadurch zwar eine großartige Naturwissenschaft hervorzubringen, auf der anderen Seite aber das Seelische unberücksichtigt zu lassen. Nun macht sich aber dieses Seelische doch wiederum geltend, aus den Tiefen des Menschenwesens heraus, und will erforscht sein. Dazu ist notwendig, daß der Weg wiederum zurück gemacht werde, daß wir gewissermaßen uns seiner erinnern.

[ 26 ] Wenn die neuere Wissenschaft auch glaubt, unabhängig zu sein, sie steht doch noch unter dem Einflusse des kirchlichen Diktates, daß der Mensch nur aus Leib und Seele bestehe und keinen Geist habe. Wir müssen wiederum zum Geiste kommen. Und im Grunde genommen ist Geisteswissenschaft ja nur dieses Streben, wiederum zum Geiste zu kommen und so wiederum das Seelische des Menschen zu erforschen, das heißt, den Menschen selber zu erforschen. Man wird da durchgehen durch ein Element, das allerdings vielen unangenehm ist, durch die Organisation des Menschen; aber gerade dadurch wird man das wahrhaft Geistige im Menschen finden. Das heißt aber, es muß der Geist wiederum eingeführt werden in die Anschauung der Menschheit. Dazu gibt es aber heute ein beträchtliches Hindernis, ein furchtbares Hindernis. Man möchte sagen, man scheut sich fast, von diesem Hindernis zu sprechen, weil man dadurch auf sehr dünnes Eis tritt, aber es muß eben durchaus die ganze Signatur der Zeit einmal untersucht werden. Die Menschen müssen aufmerksam werden auf das, was eigentlich als Impuls in unserer Zeit steckt. Sehen Sie, da muß man eben das Folgende ins Auge fassen.

[ 27 ] Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, da der Mensch im schattenhaften Verstande lebt und eigentlich auch sein ganzes Seelendasein als ein Schattenhaftes erlebt, seit dieser Zeit war der Mensch ganz angewiesen auf die äußere Natur. Und so kam er allmählich dazu, die äußeren Erscheinungen der Natur experimentell nicht nur so zu untersuchen, wie sie Goethe, der noch zugleich von antikem Geiste durchseelt war, untersuchte, sondern hinter den Phänomenen etwas zu suchen, was im Grunde genommen auch nur eine Art Phänomen ist, was aber da nicht hineinversetzt werden darf. Der Mensch kam zum Atomismus. Der Mensch kam dazu, hinter der Sinneswelt noch eine andere, unsichtbare Sinneswelt, kleinere Wesen, dämonische Wesen, die Atome zu denken. Statt zu einer geistigen Welt überzugehen, ging er zu einem Duplikat der sinnlichen Welt, wiederum zu einer sinnlichen, aber fiktiven Welt über, und dadurch erstarrte sein Erkenntnisvermögen für die äußere Sinneswelt. Und dieses brachte im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr etwas hervor, was schon immer gespukt hat, was aber eben aus diesem völligen Erstarren des Erkenntnisvermögens für die äußere Sinneswelt im 19. Jahrhundert erst mit vollem Radikalismus hervortrat, und das war die Ausspintisierung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, von der Erhaltung der Kraft. Man sagte: Im Weltenall entstehen nicht neue Kräfte, sondern die alten wandeln sich bloß um; die Summe der Kräfte bleibt konstant. Wenn wir irgendeinen Augenblick ins Auge fassen, gewissermaßen herausschneiden aus dem Weltgeschehen, dann war bis zu diesem Augenblick eine gewisse Summe von Energien da; im nächsten Augenblick haben sich diese Energien etwas anders gruppiert, sie sind anders durcheinandergefahren, aber die Energien sind dieselben; sie haben sich nur gewandelt. Die Summe der Energien des Kosmos bleibt dieselbe. — Man konnte zwei Dinge nicht mehr unterscheiden. Man hat ein völliges Recht gehabt, zu sprechen davon, daß Maß, Zahl und Gewicht in den Energien dieselben bleiben. Aber das verwechselt man mit den Energien selber.

[ 28 ] Nun, wenn diese Energienlehre, dieses Gesetz von der Konstanz der Energie, das heute die ganze Naturwissenschaft beherrscht, richtig wäre, dann gäbe es keine Freiheit, dann wäre jede Idee von Freiheit eine bloße Illusion. Daher wurde auch für die Anhänger des Gesetzes von der Konstanz der Energie die Freiheit immer mehr eine Illusion. Stellen Sie sich nur einmal vor, wie solche Leute, wie zum Beispiel Wundt, die Freiheit, die man denn doch fühlt, erklären. Wenn ich, sagen wir, der Esel des berühmten Buridan bin zwischen zwei Bündeln Heu, links und rechts, die gleich groß und gleich schmackhaft sind, so müßte ich, wenn ich frei wäre, also wenn ich nicht nach der einen oder anderen Seite gedrängt würde, verhungern, da ich mich nicht entschließen könnte. Wenn ich nicht bloß zwischen zwei solchen Dingen zu entscheiden habe, sondern zwischen vielen, so werde ich, meinen solche Psychologen, dennoch getrieben, aber weil so viele Begriffe da sind, die ineinanderschießen, was da im Inneren mich besessen macht und was da durcheinanderarbeitet, so entscheide ich mich zuletzt und bekomme, weil ich nicht überschauen kann, was mich eigentlich dazu nötigt, das Gefühl der Freiheit. Ja, es ist nicht lächerlich, es ist wirklich aus dem Grunde nicht lächerlich, weil das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe — ich habe gar nicht erwartet, daß man zu lachen beginnt —, in zahlreichen sehr gelehrten Werken steht als eine große Errungenschaft des modernen Denkens, das aus der Naturwissenschaft heraus geboren ist; also es ist eigentlich der Wissenschaft gegenüber unanständig, über so etwas zu lachen. Nun, sehen Sie, die Freiheit wäre eben unmöglich, wenn das Gesetz von der Erhaltung der Kraft wahr wäre. Denn dann wäre ich in irgendeinem Augenblick durch alles Vorhergehende bestimmt, die Energien wandelten sich bloß um, die Freiheit müßte eine bloße Illusion sein. Das ist nämlich eingetreten aus der Entwickelung der Menschheit heraus im 19. Jahrhundert, durch die Aufstellung des Gesetzes von der Konstanz der Energie, daß wir eine Naturanschauung haben, die die Freiheit als eine Idee ausschließt, unmöglich macht, die den Menschen unbedingt zu einem Produkt der notwendigen Naturordnung macht. Die Dinge waren schon vorbereitet, ich möchte sagen, man hat schon seit Jahrhunderten so empfunden. Wie soll es denn da werden mit den Dingen, wie sittliche Verantwortlichkeit, Ethik, religiöse Überzeugung, die ja doch eigentlich gar nicht da sein können, wenn es eine bloße Naturordnung gibt? Die Materialisten des 19. Jahrhunderts, sie waren in einer gewissen Weise ehrlich, sie haben daher abgeleugnet diese ethischen Illusionen der alten Zeit und haben den Menschen wirklich nur für ein Produkt der natürlichen Nötigung erklärt. Aber das konnten andere nicht mitmachen, teilweise deswegen nicht, weil sie nicht die Courage hatten, wie David Friedrich Strauß oder Vogt, oder teilweise auch deshalb nicht, weil sie Pfründen hatten, innerhalb welcher sie verpflichtet waren, von Freiheit, Ethik, Religion zu reden. Da kann man nicht eingehen auf solche Dinge. Die Sache war schon seit langer Zeit mißlich geworden, und daher kam es so, daß man sich sagte: Ja, mit Wissenschaft, mit der ist nur etwas gegenüber der Notwendigkeit zu machen. Diese Wissenschaft beweist, daß die Welt aus einem Urnebel herausgekommen ist und immerfort jeder folgende Zustand notwendig sich aus dem früheren entwickelt hat, daß dabei die Kräftesumme konstant geblieben ist und so weiter, mit dieser Wissenschaft, da ist nichts anzufangen gegenüber Ethik, Religion und so fort. Also los von dieser Wissenschaft! Nichts mit Wissenschaft, nur Glaube! Man muß eine doppelte Buchführung haben, auf der einen Seite für die Außenwelt, für die natürliche Welt: die Wissenschaft; auf der anderen Seite den Glauben, der nun die Ethik feststellt, sogar den Gott beweist. Also retten wir uns auf ein ganz anderes Gebiet als das der Wissenschaft.

[ 29 ] Die Nachwirkung dieses eigentümlichen Zustandes sehen Sie ja überall seit dem Auftreten der neueren Geisteswissenschaft. Es heißen diejenigen, die diesen Glauben retten wollen, Zaun, Niebergall und Gogarten, und ich könnte Ihnen eine ganze Reihe von Leuten herzählen, Bruhn, Leese, die da meinen, das Gebiet des Glaubens muß gerettet werden; wenn die Wissenschaft da einbricht, dann wird die Sache schlimm. Also Wissenschaft, man läßt ihr alles gelten, alles mag ihr hingehen, nur das, was wir wollen, das nennen wir dafür anders: Glaube. — Nun, wie gesagt, es war das Gesetz der Erhaltung der Kraft, das aber nur ein dogmatisches, jetzt ein naturwissenschaftlich-dogmatisches Vorurteil ist. Denn zum Schluß, was bedeutet es denn eigentlich? Sehen Sie, es kann jemand das Experiment machen, kann sagen: Ja, ich stelle mich vor ein Bankgebäude hin und beobachte, wieviel Geld da hineingetragen wird, und bilde mir daraus eine Statistik. Und dann beobachte ich, wieviel Geld herausgetragen wird, und mache mir auch darüber eine Statistik, und ich sehe doch, dieselbe Menge Geld wird herausgetragen, die hineingetragen wurde. Jetzt soll ich noch zu der Vorstellung mich aufschwingen, daß da drinnen Menschen arbeiten! Was herauskommt, ist ja nur das umgewandelte Geld. Es ist ja rein das Gesetz der Konstanz der Geldgröße. — Man hat sehr schöne Experimente gemacht, die ja, wie es scheint, auf Studenten ausgedehnt wurden. Man hat berechnet die Wärmeenergien der Nahrung und hat berechnet, was diese Leute getan haben, und hat richtig sich errechnet, was hineingegessen und hinausgearbeitet wurde: Gesetz der Erhaltung der Kraft! — Auf nichts anderem beruht dieses Gesetz der Erhaltung der Kraft als auf einer ganzen Summe von solchen Vorurteilen. Und wenn man sich über dieses Gesetz der Erhaltung der Kraft nicht erheben wird, so wird man mit diesem Gesetz der Erhaltung der Kraft das Geistige weiter auslöschen. Denn dieses Gesetz der Erhaltung der Kraft ist die Einnistung des Intellekts in der äußeren Natur und das Absehen vom Seelischen.

[ 30 ] Vom Seelischen dringen wir nur weiter, wenn wir wiederum in das Geistige eindringen, und in dieses Geistige eindringen, heißt eben nichts anderes, als nun wirklich verstehen, was da eigentlich im Beginne der christlichen Zeitrechnung in die Weltenentwickelung eingetreten ist als ein völlig neuer Impuls, der Christus-Impuls. Ich habe es schon erwähnt, er wurde so verstanden, wie er eben von der einen oder anderen Geistesströmung verstanden werden konnte. Aber wir sind heute in die Notwendigkeit versetzt, ihn neu zu verstehen. Er wurde eine Zeitlang so verstanden, daß man zunächst nicht zugeben wollte, daß der ins Leere gehende Intellekt wiederum zu einem neuen Geistigen komme. Ich sagte Ihnen schon, der Neuplatonismus nahm den Christus ins menschliche Innere herein. Das ist schließlich bis jetzt Usus geblieben. Wir müssen, indem wir nach außen dringen, den Christus auch mit der Außenwelt verbunden denken, das heißt, wir müssen ihn hineinbringen in die Evolution der Außenwelt. Das ist aber gerade das, was an Anthroposophie besonders bekämpft wird, daß man von dem Christus nicht nur in leeren Phrasen herumredet, sondern daß man ihn wiederum im Zusammenhange mit der ganzen Weltentwickelung sieht. Und wenn davon gesprochen wird, daß es wirklich ein kosmisches Ereignis ist, daß da wirklich ein kosmisches Wesen erschienen ist in einem Menschenleibe, in dem Christus, daß so, wie schließlich das Sonnenlicht auf dem irdischen Gebiet jeden Tag sich mit der Erde vereinigt, als etwas Kosmisches die Erde durchdringt, daß so auch auf dem geistigen Gebiete solche Dinge sich vollziehen, so verstehen das insbesondere die Gelehrten der heutigen Zeit noch nicht. Aber das ist notwendig, daß dasjenige, was zunächst auf dem Gebiete der Naturwissenschaft gewonnen worden ist mit dem Intellekt, der zum Schatten geworden ist, aber gerade dadurch als eine freie menschliche Fähigkeit anwendbar geworden ist auf die Außenwelt, daß dieser Intellekt auch anwendbar werde auf die Innenwelt. Daher das Aufsteigen zur Imagination, zur Inspiration, daher das Aufsteigen zu einer wirklichen geistigen Erkenntnis kommen muß.

[ 31 ] Aus der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit ergibt sich die Notwendigkeit der Naturwissenschaft, und aus dem Vorhandensein der Naturwissenschaft ergibt sich die Notwendigkeit des Aufsteigens in die Geisteswissenschaft. Es ist keine Schrulle, sich zur Geisteswissenschaft im anthroposophischen Sinne hinzuwenden, sondern das ist selber eine historische Entwickelungstatsache. Nur muß man, wie gesagt, auf dünnes Eis treten, um darauf aufmerksam zu machen, wo die Hindernisse sind. Die Hindernisse sind auf der einen Seite in so etwas wie in dem Gesetz der Erhaltung der Kraft. Zwei Gesetze waren es, welche im 19. Jahrhundert in zweifacher Weise den menschlichen Intellekt beschränken wollten auf bloß dasjenige, was im Irdisch-Sinnlichen lebt, was im Materiellen lebt. Das eine Gesetz ist gegeben von einem naturwissenschaftlichen Konzil als das Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Wenn dieses Gesetz richtig ist, dann kann die menschliche Erkenntnis nicht zur Anerkenntnis des Geistigen und der Freiheit weiter vorrücken, sondern dann muß bei einer bloßen automatischen Notwendigkeit stehengeblieben werden, dann muß bei einem bloß Seelischen, das allmählich zum Schattenhaften wird, stehengeblieben werden. Dann kann man aber auch nicht hinaus über das, was bereits das achte ökumenische Konzil von Konstantinopel 869 festgesetzt hat.

[ 32 ] Das sind die beiden Konzilien: Eines, das von naturwissenschaftlicher Seite ausgegangen ist. Das andere Konzil steht wie im polarischen Gegensatz dazu. Es ist dasjenige, das 1870 die Infallibilität des päpstlichen Stuhles, wenn er ex cathedra spricht, erklärt hat. Da wird, um zur Erkenntnis zu kommen, nicht mehr appelliert an ein Geistiges, da wird appelliert an den römischen Papst, da ist der Papst derjenige, der ex cathedra entscheidet über das, was als katholisches Lehrgut wahr oder falsch sein soll. Da ist heruntergeholt aus geistigen Höhen auf die Erde, ins Materielle, die Entscheidung über Wahrheit und Irrtum. So wie ins Materielle unsere Erkenntnis untergetaucht ist durch das Gesetz von der Konstanz der Kraft, so ist ins Materielle untergetaucht die lebendige Entwickelung des Menschen im Geistigen durch das Infallibilitätsdogma. Beide gehören zusammen, beide verhalten sich wie Nord- und Südpol.

[ 33 ] Was wir brauchen in der Menschheitsentwickelung, ist aber eine freie Geistigkeit. Der Herrscher muß das Geistige selber sein, und der Mensch muß seinen Weg in den Geist hinein finden. Daher brauchen wir den Aufstieg in das Geistige. Wir brauchen diesen Aufstieg, um uns zu erheben auf der einen Seite von jener Niederlage, die der Geist erlitten hat dadurch, daß das Gesetz von der Erhaltung der Kraft aufgestellt wurde, und jener anderen Niederlage, die er erlitten hat dadurch, daß alles Religiöse vermaterialisiert wurde, indem nach der Erde heruntergeholt worden ist von Rom die Entscheidung über Wahr und Falsch. Daß ein Durchbruch auf der Bahn des Geistes selbstverständlich heute nicht leicht ist, das ist begreiflich, denn die Welt ist durch und durch voller Oberflächlichkeit und bildet sich auf ihre Oberflächlichkeit furchtbar viel ein. Sie läßt durch Autoritäten entscheiden, die Autoritäten aber entscheiden manchmal ganz sonderbar. Da las ich neulich einen Artikel, den ein hier lehrender, in einer benachbarten Stadt wohnender Professor geschrieben hat, weil ihn ein Blatt aus der hiesigen Gegend ersucht hat, ein autoritatives Urteil abzugeben über diese Anthroposophie. Dieser Professor schrieb allerlei in diesem Artikel. Dann stößt man mittendrin auf einen merkwürdigen Satz. Da steht drinnen, daß ich behaupte, indem ich die geistige Welt schildere, daß man sehen könnte in dieser geistigen Welt, wie sich geistige Wesenheiten frei so bewegten wie Tische und Stühle in dem physischen Raum. Nun, das ist Traubsche Logik! Tische und Stühle im physischen Raum sich bewegen sehen — ich möchte den Geisteszustand des Autors in dem Augenblick, wo er einen solchen Satz geschrieben hat, nicht weiter untersuchen! Aber an Menschen solchen geistigen Kalibers wenden sich heute die Journale, wenn autoritativ entschieden werden soll über Geisteswissenschaft. Merkwürdig sind ja die Menschen manchmal. Zum Beispiel heißt da einer Zaun. Weil ich doch morgen einen Vortrag zu halten habe, habe ich nun auch gestern dieses Büchlein von Laun gelesen. Ich habe mich immer gefragt: Ja, warum redet der Laun gar solchen Unsinn? Ich fand mich eigentlich aus dem Grunde nicht zurecht, weil ich gar keinen Menschen sprechen hörte; es war so etwas ganz Hohles. Allerdings, einmal stieß ich da auf einen ganz merkwürdigen Satz, der ungefähr lautet — ich habe das Schriftchen nicht da —: Es sei allerdings richtig, daß ein katholischer Christ, wenn er über Anthroposophie urteilen sollte, sich eigentlich ausnehme wie ein Mensch, der von der Anthroposophie nichts wissen könne. — Das steht wörtlich drinnen. Man kann es sogar dem Domkapitular Laun wirklich glauben, denn dann sagt er ganz richtig: Ja, es wäre ja selbstverständlich, daß ein katholischer Christ nichts wissen kann, denn es ist ja seit dem 18. Juli 1919 den Christen verboten, die Bücher zu lesen. Es ist ihnen nicht verboten, Gegenschriften zu schreiben, aber es ist ihnen verboten, die Bücher zu lesen! — Man darf ja gar nichts wissen. Es gibt eben wirklich sonderbare Leute.

[ 34 ] Und das ist eben der andere Pol, dieses Angekommensein bei einem völlig passiven Sich-Hingeben, nun nicht an ein Geistiges, sondern an etwas sehr Weltliches, an etwas durchaus in der materiellen Welt Existierendes. Und so könnte man ja sehr vieles aufzählen. Wenn man ein wenig kulturhistorisch die Moralität unserer Zeit schildern wollte, so findet man gar manche niedliche Dokumentchen. Aber ich will Ihnen nur noch ein Beispiel sagen. Hier wird eine gefährliche Irrlehre - Sie können sich denken, welche das ist - in einem Feuilleton aus Göttingen abgehandelt. Aber man rechnet offenbar darauf, daß die Leser, die das lesen, gar nichts gelesen haben, eigentlich auch gar nichts Richtiges gehört haben von demjenigen, worüber da geurteilt wird. Daher macht man eine Anmerkung von vierzehn Zeilen, und in diesen vierzehn Zeilen ist abgehandelt: Anthroposophie und Dreigliederung. Mit der Abhandlung über Anthroposophie will ich Sie verschonen, ich will Ihnen nur den letzten Satz vorlesen, was über die Dreigliederung gesagt wird: «Die Bewegung erstrebt eine möglichst hohe Entwickelung des Menschentums. Sie hat auch ihre Anschauungen in bezug auf den Staat festgelegt. Sie wünscht eine Zerlegung in Wirtschafts-, Finanz- und Kulturstaat!» Da haben Sie die Dreigliederung: in Wirtschafts-, Finanz- und Kulturstaat! Also Sie sehen, so sucht man diejenigen zu unterrichten, zu denen man in solchen Kritiken dann redet, und man kann sie in solcher Weise unterrichten. Man schreibt solche Artikel, indem man Anmerkungen dazu macht, in denen man sich so gut unterrichtet zeigt! Also es ist schon schwierig, dasjenige, was auf der einen Seite aus der weltgeschichtlichen Entwickelung sich ergibt als ein sachgemäßer Impuls, was auf der anderen Seite sich ergibt aus der naturwissenschaftlichen Denkweise selber, die nur, möchte man sagen, in ihr Gegenteil sich verkehrt hat mit dem Einmünden in das Gesetz von der Konstanz der Energie oder Kraft, es ist schon notwendig, sich wirklich durchzuringen zu einer Erkenntnis der geistigen Welt. Vieles wird aufstehen gegen diese Arbeit, die in dem erkennenden Ergreifen der geistigen Welt besteht. Aber diese Arbeit muß erfolgen, und selbst, wenn die Gegner für eine Zeit die Macht hätten, sie zu zertreten, sie muß wieder erstehen, denn sollen wir aus der Geschichte lernen, so müssen wir aus dieser Geschichte nicht nur reden lernen, sondern wir müssen lernen, aus dieser Geschichte unseren Willen befeuern, unsere Herzen erwärmen! Wenn wir so die Geschichte auf uns wirken lassen, dann wird sie uns das zeigen, was unsere Taten erfüllen muß, was eindringen muß in das Geistige, in das Rechtlich-Staatliche, in das Wirtschaftliche als Geistigkeit.

[ 35 ] Das ist es, was ich zum Schlusse noch sagen wollte. Ich wollte Ihnen zunächst eine objektive Darstellung geben, wie Naturwissenschaft herauswächst aus dem Entwickelungsgang der Menschheit, um gerade dadurch jetzt am Schlusse dieses vielleicht nur als ein Anhängsel zu geben, die Erkenntnis, daß es eine Lehre der wirklichen Geschichte, nicht einer agnostischen Geschichte, die wir im 19. Jahrhundert durchlebt haben, sondern daß es eine Lehre der wirklichen Geschichte ist: Wir Menschen, wir müssen zur Geist-Erkenntnis durch!