Der Entstehungsmoment der Naturwissenschaft
in der Weltgeschichte
und ihre seitherige Entwickelung
GA 326
3 Januar 1922, Dornach
Achter Vortrag
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Freunde, in fortdauernder Weise kommen Kundgebungen an des Verbundenseins und des Schmerzteilens. Ich werde mir erlauben, morgen oder übermorgen die betreffenden Kundgebungen hier mitzuteilen.
[ 2 ] Ich habe versucht zu zeigen, wie einzelne Gebiete des naturwissenschaftlichen Denkens in der neueren Zeit entstehen. Ich möchte eine Ausführung einschalten, welche bestimmt sein soll, ein wenig zu beleuchten dasjenige, was sich da vollzogen hat in dieser Bildung naturwissenschaftlicher Anschauungen, weil man besser verstehen kann, um was es sich da eigentlich im Gesamtfortgange der Menschheitsentfaltung handelt, wenn man von einem gewissen Gesichtspunkte aus auf die Dinge Licht wirft. Man muß sich ja durchaus klar darüber sein, daß dasjenige, was in der äußeren Kultur und Zivilisation der Menschheit auftritt, innerlich, ich möchte sagen, wie von einer Art von Pulsschlag durchströmt ist, durchzuckt ist, einem Pulsschlag, der von tieferen Einsichten herrührt, die nicht gerade immer als solche Einsichten wirken müssen, die gelehrt werden, sondern die auf eine andere Weise tatsächlich der Entwickelung zugrunde liegen, auf eine Weise, die ich nun auch in den nächsten Tagen noch andeuten werde. Jetzt möchte ich nur sagen, daß man besser versteht, um was es sich nach dieser Richtung handelt, wenn man dasjenige zu Hilfe nimmt, was in bestimmten Zeiten Initiationswissenschaft war, Wissenschaft von den tieferen Grundlagen des Lebens und des Weltgeschehens.
[ 3 ] Wir wissen, je weiter wir in der Menschheitsentwickelung zurückgehen, desto mehr treffen wir auf ein instinktives geisteswissenschaftliches Erkennen, auf instinktives hellsichtiges Anschauen desjenigen, was gewissermaßen hinter den Kulissen des Daseins vorgeht. Und wir wissen ferner, daß es in der Gegenwart möglich ist, zu einem tieferen Wissen zu kommen, weil, wenn ich mich populär ausdrücken will, seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nach der Entwickelung der Hochflut materialistischer Anschauungen und materialistischer Empfindungen, die im 19. Jahrhundert eingetreten sind, sich einfach durch das Verhältnis der geistigen Welt zur physischen Welt die Möglichkeit ergeben hat, daß geistige Erkenntnisse unmittelbar wiederum aus der übersinnlichen Welt herausgeholt werden. Es ist möglich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, die menschliche Erkenntnis so zu vertiefen, daß es dazu kommt, geistig in seinen Grundlagen dasjenige anzuschauen, was sich im äußeren Naturgeschehen abspielt.
[ 4 ] So daß man etwa sagen kann: Eine ältere, instinktive Initiationswissenschaft macht einer exoterischen Menschheitszivilisation Platz, einer Zivilisation, in der von einem unmittelbaren Geistwissen wenig zu spüren ist in der Welt. Und dann kommt wiederum eine neue Morgenröte von Geistwissen, jetzt vollbewußtem, nicht mehr instinktivem Geisteswissen.
[ 5 ] Wir stehen im Anfange dieser Entwickelung eines neuen Geisteswissens. Es wird das aber in die Zukunft hinein sich weiter entfalten. Wenn man nun Einblicke hat in dasjenige, was der Mensch als seine Erkenntnis ansah während der Zeit der alten, instinktiven Initiationswissenschaft, dann ergibt sich einem auf dem Hintergrunde dieser Einsichten, daß bis zum Beginne des 14. Jahrhunderts in der zivilisierten Welt Ansichten vorhanden waren, die nicht unmittelbar zu vergleichen sind mit unseren heutigen Naturerkenntnissen, weil sie von ganz anderer Art waren, die andrerseits noch weniger zu vergleichen sind mit demjenigen, was etwa die heutige Wissenschaft Seelenkunde oder Psychologie nennt. Auch da muß man sagen, daß sie anderer Art war. Man hat sowohl das Geistig-Seelische des Menschen wie auch das Physisch-Natürliche in einer gewissen Weise in Vorstellungen gefaßt, die heute gar nicht mehr von den Menschen, die nicht ausdrücklich sich mit Initiationswissenschaft befassen, verstanden werden. Es war eine ganz andere Art, zu denken, zu empfinden.
[ 6 ] Wenn wir nun mit dem, was alte Initiationswissenschaft war, diese auch durch die Geschichte teilweise wenigstens bekannten Einsichten des früheren Zeitalters vergleichen, so finden wir, trotz der mangelhaften Überlieferung, daß vorhanden waren tiefe Einsichten, tiefe Vorstellungen über den Menschen, über das Verhältnis des Menschen zur Welt und so weiter. Man läßt sich heute nicht gern darauf ein, etwa so etwas zu würdigen, wie das Werk über die Einteilung der Natur von Johannes Scotus Erigena im 9. Jahrhundert. Man läßt sich nicht darauf ein, weil man solch ein Werk nicht als ein historisches Denkmal nimmt aus einer Zeit, in der eben ganz anders gedacht wurde als heute, in der so gedacht wurde, wie man es gar nicht mehr versteht, wenn man solch ein Werk heute liest. Und wenn gewöhnliche Philosophen in ihrer Geschichtsschreibung solche Dinge darstellen, so hat man es eigentlich nur mit Worten zu tun. Ein Eingehen auf den eigentlichen Geist eines solchen Werkes, wie das von Johannes Scotus Erigena über die Einteilung der Natur, wobei Natur etwas ganz anderes bedeutet als das Wort Natur in der späteren Naturwissenschaft, ein Eingehen auf diesen Geist ist eigentlich nicht mehr da. Kann man bei geisteswissenschaftlicher Vertiefung doch darauf eingehen, so muß man sich merkwürdigerweise folgendes sagen: Dieser Scotus Erigena hat Ideen entwickelt, die auf einen den Eindruck machen, daß sie außerordentlich tief hineingehen in das Wesen der Welt, aber er hat diese Ideen ganz zweifellos in einer nicht zulänglichen, nicht eindringlichen Form in seinem Werke dargestellt. Wenn man sich nicht der Gefahr aussetzen würde, gegenüber einem immerhin überragenden Werke der Menschheitsentwickelung respektlos zu sprechen, so würde man im Grunde eigentlich sagen müssen, daß schon Johannes Scotus Erigena selbst nicht mehr völlig gewußt hat, was er schreibt. Man sieht das seiner Darstellung an. Für ihn selber waren, wenn auch nicht in dem Grade, wie es für die heutigen Geschichtsschreiber der Philosophie der Fall ist, doch schon die Worte, die er aus der Tradition entnommen hat, mehr oder weniger nur Worte, deren tiefen Inhalt er selber nicht mehr einsah. Man ist eigentlich immer mehr genötigt, wenn man diese Dinge liest, in der Geschichte zurückzugehen. Und von Scotus Erigena wird man ja, das ist leicht ersichtlich aus seinen Schriften, unmittelbar geführt auf die Schriften des sogenannten Pseudo-Dionysius des Areopagiten. Ich will jetzt auf dieses Entwickelungsproblem nicht eingehen, wann der gelebt hat und so weiter. Und von diesem Dionysius dem Areopagiten wird man wiederum weiter zurückgeführt. Da muß man dann schon wirklich ausgerüstet mit Geisteswissenschaft weiterforschen, und man kommt endlich etwa, wenn man in das 2., 3. Jahrtausend vorchristlicher Zeit zurückgeht, zu tiefen Einsichten, die eben der Menschheit verlorengegangen sind, die eben nur in einem schwachen Nachklange vorhanden sind in solchen Schriften wie denen von Johannes Scotus Erigena.
[ 7 ] Aber auch noch wenn wir uns richtig vertiefen können in die Werke selbst der Scholastiker, dann werden wir finden, daß hinter der unglaublich pedantisch-schulmäßig zugerichteten Darstellung tiefe Ideen liegen über die Art, wie der Mensch die äußere Welt, die ihm entgegentritt, auffaßt; wie in diesem Auffassen auf der einen Seite lebt das Übersinnliche, auf der anderen Seite lebt das Sinnliche und so weiter. Und wenn man die fortlaufende Tradition nimmt, die sich auf Aristoteles wiederum begründet, der in einer logisch-pedantischen Weise ein altes Wissen, das ihm überliefert war, selbst wieder zusammengefaßt hat, so stößt man auf dasselbe: Tiefe Einsichten, die einmal in alten Zeiten gut verstanden worden sind, die ins Mittelalter hineinreichen, die wiederholt werden in den aufeinanderfolgenden Zeitepochen und die immer weniger verstanden werden. Das ist das Charakteristische dann. Und im 13., 14. Jahrhundert verschwindet dann das Verständnis fast vollständig, und es tritt ein ganz neuer Geist auf, eben der kopernikanisch-galileische Geist, den ich Ihnen ja in den letzten Vorträgen seinem Wesen nach zu charakterisieren versuchte.
[ 8 ] Überall, wo man solche Nachforschungen, deren Geist ich eben jetzt angedeutet habe, anstellt, findet man, daß dieses alte Wissen, das so von Epoche zu Epoche, immer weniger verstanden, fortgepflanzt wird bis ins 14. Jahrhundert herein, daß dieses alte Wissen im wesentlichen bestand in einem innerlichen Erleben desjenigen, was im Menschen selbst vor sich geht, also in dem Erleben — es wird das sehr verständlich sein nach den Auseinandersetzungen der letzten Tage — des MathematischMechanischen beim menschlichen Sich-Bewegen, in dem Erleben eines gewissen Chemischen, wie wir heute sagen würden, bei der inneren Säftebewegung des Menschen, die vom ätherischen Leib durchzogen ist. So daß wir wirklich das Schema, das ich Ihnen gestern auf die Tafel geschrieben habe (siehe S. 109), auch gewissermaßen geschichtlich betrachten können. Wir können es nämlich so betrachten: Sehen wir heute wiederum mit unserer Initiationswissenschaft das Wesen des Menschen an, so haben wir den physischen Leib, den ätherischen Leib oder Bildekräfteleib, den astralischen Leib — das innerlich Seelische — und die Ich-Organisation. Ich habe nun schon gestern gesagt, es bestand eben, als aus der alten Initiationswissenschaft hervorgehend, ein innerliches Erleben des physischen Leibes, ein innerliches Erleben desjenigen, was Bewegung ist, ein innerliches Erleben der Dimensionalität des Raumes, Erleben aber auch von anderen physisch-mechanischen Vorgängen, und wir können dieses innerliche Erleben das Erleben des Physikalischen im Menschen nennen. Zugleich ist dieses Erleben des Physikalischen im Menschen eben das Erkennen von physikalisch-mechanischen Gesetzen: eine Physik des menschlichen Wesens nach dem physischen Leibe hin gab es. Niemandem wäre es eingefallen damals, Physik anders zu suchen als durch das Erleben im Menschen. Im galilei-kopernikanischen Zeitalter wird nun mit der Mathematik zugleich, die ja dann auf die Physik angewendet wird, dasjenige, was so innerlich erlebt wird, herausgeworfen aus dem Menschen und nur noch abstrakt erfaßt. So daß wir also sagen können: Die Physik rückt aus dem Menschen heraus, während sie vorher im Menschen selbst beschlossen war.
[ 9 ] Einen ganz ähnlichen Prozeß erlebte man mit dem, was innerlich im Menschen erfahren wurde als Säftevorgänge, Vorgänge der wässerigen, der flüssigen Bestandteile des menschlichen Organismus. Ich wies gestern auf Galen in den ersten christlichen Jahrhunderten hin, der den Menschen innerlich so beschrieb, daß er sagte: Im Menschen lebt «schwarze Galle», die in den Säfteströmen zirkuliert, «Blut», «Schleim» und die gewöhnliche Galle, die «weiße» oder «gelbe Galle». Durch das Ineinanderströmen, durch das sich gegenseitige Beeinflussen dieser Säfteströmungen entwickelt sich das menschliche Wesen in der physischen Welt. Aber dasjenige, was da Galen behauptete, das hatte er nicht durch Methoden, die unseren heutigen physiologischen Methoden ähnlich sind, sondern das beruhte im wesentlichen noch auf innerem Erleben. Galen hatte es zwar auch schon traditionell. Aber was er traditionell hatte, was er einfach der Überlieferung entnahm, das erlebte man einstmals innerlich im flüssigen Teile des menschlichen Organismus, der vom ätherischen oder Bildekräfteleib durchzogen ist.
[ 10 ] Aus dieser Tatsache heraus schilderte ich auch im Beginne meiner «Rätsel der Philosophie» die griechischen Philosophen nicht so, wie man sie gewöhnlich schildert. Wenn Sie in den gewöhnlichen Geschichten der Philosophie nachlesen, so finden Sie ja überall die Sache so verzeichnet: Thales dachte nach über den Ursprung desjenigen, was in der Sinneswelt ist, und er suchte den Ursprung, den Ausgangspunkt für alles im Wasser. Heraklit suchte den Ausgangspunkt im Feuer, andere in der Luft, andere im Festen, zum Beispiel in einer Art von Atomen und so weiter. Daß so etwas gesagt werden kann, ohne daß man sich Rechenschaft darüber gibt, daß es im Grunde unerklärlich ist, warum der Thales gerade das Wasser, der Heraklit das Feuer als den Ursprung der Dinge erklärte, das fällt ja heute den Menschen nicht weiter auf. Sie brauchen nur nachzulesen in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» und Sie werden sehen, wie einfach die Ansicht des Thales, die sich ausdrückte in dem Satze: Alles ist aus dem Wasser entsprungen —, auf einem inneren Erlebnis beruhte. Er fühlte die Tätigkeit dessen, was man dazumal eben das Wässerige nannte, und mit dieser innerlichen Tätigkeit fühlte er verwandt dasjenige, was dem äußeren Naturvorgang zugrunde liegt, und er schilderte also aus inneren Erlebnissen heraus das Äußere. Ebenso Heraklit, der, möchte ich sagen, von anderem Temperament war. Thales war, wie wir heute sagen würden, eben Phlegmatiker, der in dem innerlichen «Wasser» oder «Schleim» lebte. Er schilderte also die Welt als ein Phlegmatiker: Alles ist aus dem Wasser entsprungen. — Heraklit war der Choleriker, der das innerliche «Feuer» erlebte. Er schilderte die Welt so, wie er sie erlebte. Und daneben gab es, nicht mehr verzeichnet heute in der äußeren Überlieferung, noch eindringlichere Geister. Die wußten noch mehr über die Dinge. Dasjenige, was sie wußten, ging dann weiter und war als Überlieferung vorhanden in den ersten christlichen Jahrhunderten, so daß Galen eben von seinen vier Bestandteilen des inneren Säftewesens des Menschen sprechen konnte.
[ 11 ] Das, was man da wußte über das innere Säftewesen, wie diese vier Gattungen von Säften: gelbe Galle, schwarze Galle, Blut und Schleim ineinandergehen, sich mischen — was man heute für eine Kinderei ansieht, nun, das ist ja begreiflich —, das ist eigentlich dasjenige, was innere menschliche Chemie ist. Eine andere Chemie gab es eben damals nicht. Denn dasjenige, was man äußerlich als Erscheinungen ansah, die heute in das Gebiet der Chemie gehören, das beurteilte man nach diesen inneren Erlebnissen, so daß wir von einer inneren Chemie reden können, die auf Erlebnissen des vom Ätherleib durchzogenen Säftemenschen, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, beruht. Und so haben wir in der älteren Zeit diese Chemie an den Menschen gebunden. Sie tritt später heraus, ebenso wie die Mathematik und wie die Physik, und wird äußerliche Chemie (siehe Schema). Denken Sie nur einmal, wie diese Physik und diese Chemie der älteren Zeiten von den Menschen empfunden worden sind! Sie sind empfunden worden als etwas, was gewissermaßen ein Stück von ihnen selbst war, nicht als etwas, was bloß Beschreibung einer äußeren Natur mit ihren Vorgängen ist. Das war das Wesentliche. Es war erlebte Physik, erlebte Chemie. In einer solchen Zeit, in der man die äußere Natur in seinem physischen, in seinem Ätherleib fühlte, erlebte man auch dasjenige, was im astralischen Leibe ist und was in der Ich-Organisation ist, anders als später. Wir haben heute eine Psychologie. Aber diese Psychologie, sie ist — man sollte sich es gestehen, aber man tut es nicht —, sie ist tatsächlich ein Inventar von lauter Abstraktionen. Denken, Fühlen, Wollen finden Sie da drinnen wie auch Gedächtnis, Phantasie und so weiter eigentlich nur als Abstraktionen angeführt. Das entstand allmählich aus dem, was man da nun als seinen eigenen Seeleninhalt noch gelten ließ. Die Chemie und die Physik hatte man herausgeworfen, Denken, Fühlen und Wollen, das warf man nicht heraus, das behielt man, aber es verdünnte sich allmählich so, daß es eigentlich nur noch ein Inventar wurde von den wesenlosesten Abstraktionen. Das läßt sich auf die leichteste Weise beweisen, daß das wesenlose Abstraktionen wurden. Denn, nehmen wir zum Beispiel die Leute, die etwa im 15., 16. Jahrhundert noch vom Denken, Wollen sprachen. So wie sie sprachen — bitte, nehmen Sie ältere Schriften über diese Dinge —, hat das alles noch den Charakter des Konkreteren. Man hat das Gefühl, wenn so ein Mensch über das Denken redet, dann redet er noch so, als ob dieses Denken wirklich noch eine Summe von inneren Vorgängen in ihm wäre, als ob die Gedanken sich stoßen würden, sich tragen würden. Es ist auch noch ein Erleben von Gedanken. Die Sache ist noch nicht so abstrakt, wie sie später geworden ist. Später ist sie so etwas geworden, daß dann, als das 19. Jahrhundert gekommen ist und das Ende des 19. Jahrhunderts, es den Philosophen leicht geworden war, diesen Abstraktionen überhaupt alle Realität abzusprechen und nur noch davon zu sprechen, daß es innere Spiegelbilder seien und so weiter, was ja in besonders geistreicher Weise eben der öfter angeführte Richard Wahle gemacht hat, der nun das Ich, das Denken, Fühlen und Wollen nur noch für Illusionen erklärt. Aus Abstraktionen werden sie dann Illusionen, die inneren Seeleninhalte.
[ 12 ] Eben in derjenigen Zeit, in der der Mensch sein Gehen als einen Vorgang gefühlt hat, der sich mit ihm und der Welt zugleich abspielt, in der er seine Säftebewegung gespürt hat, so daß er wußte, wenn er sich, sagen wir, im heißen Sonnenscheine bewegt, also äußere Wirkungen da sind, so bewegen sich Blut und Schleim in ihm anders, als im kalten Winter. Er erlebte die Blut-Schleimbewegungen in sich, aber er erlebte sie zusammen mit dem Sonnenschein oder mit der Abwesenheit des Sonnenscheins. So wie er ja das Physische und Chemische mit der Welt zusammen erlebte, so erlebte er auch Denken, Fühlen, Wollen mit der Welt zusammen. Er versetzte sie nicht bloß in sein Inneres in der Art wie spätere Zeiten, wo sie allmählich zu vollständigen Abstraktionen verdufteten, sondern in dem Erfahren dessen, was da vor sich geht im Menschen, und jetzt nicht in dem, was Säftebewegung ist, oder was physische Bewegungen, physische Kräfteentfaltungen sind, sondern in dem, was der astralischen Wesenheit des Menschen, dem Seelischen angehört, in diesem Erleben war das enthalten, was für die damalige Zeit Gegenstand einer Psychologie war (siehe Schema $.120).
[ 13 ] Die wurde nun ganz an den Menschen gebunden. Mit dem heraufkommenden naturwissenschaftlichen Zeitalter stieß also der Mensch die Physik hinaus in die Welt, die Chemie hinaus in die Welt; die Psychologie stieß er in sich selber hinein. Man kann diesen Prozeß bei Baco von Verulam, bei John Locke namentlich verfolgen. Alles dasjenige, was erfahren wird als Seeleninhalt an der Außenwelt: Ton, Farbe, Wärmequalität, wird hineingestoßen in den Menschen.
[ 14 ] Noch mehr spielt sich dieser Prozeß ab in bezug auf die Ich-Organisation. Die Ich-Organisation wurde allmählich wirklich ein recht dünnes Erlebnis. So, wie man da in sich hineinschaut, ist das Ich allmählich etwas Punktartiges geworden. Daher es wiederum für die Philosophen sehr leicht geworden ist, es wegzudisputieren. Nicht das Ich-Bewußtsein, aber das Erlebnis des Ich war für ältere Zeiten ein Inhaltserfülltes, Vollwirkliches. Und das Erleben des Ich drückte sich aus in dem, was nun eine Wissenschaft war, höher als die Psychologie, eine Wissenschaft, die man Pneumatologie nennen kann. Auch diese nahm der Mensch in späteren Zeiten in sich herein und verdünnte sie zu seiner wirklich recht dünnen Ich-Empfindung (siehe Schema S.120).
[ 15 ] Wenn der Mensch das Innenerlebnis seines physischen Leibes hatte, hatte er das Physikerlebnis, er hatte zu gleicher Zeit dasjenige, was in der äußeren Natur als gleichartig mit den Vorgängen in seinem physischen Leibe vor sich geht. Und so ähnlich ist es mit dem Ätherleib. Bei diesem wurde nun nicht nur das Ätherische, sondern auch die physische Säftewelt, aber beherrscht von dem Ätherischen, innerlich erlebt. Was wird denn erlebt innerlich, indem der Mensch das Psychologische wahrnimmt, indem er die Vorgänge seines astralischen Leibes erlebt? Da wird innerlich erlebt dasjenige, was, wenn ich mich so ausdrücken darf, der Luftmensch ist. Wir sind ja nicht nur feste organische Gebilde, säftehaltige organische Gebilde, also wässerige Gebilde, sondern wir sind ja fortwährend auch innerlich gasig-luftig. Wir atmen die Luft ein, atmen sie wieder aus. In innigem Vereine mit der innerlichen Luftverarbeitung erlebte der Mensch den Inhalt der Psychologie. Daher war sie konkreter. Als man das Lufterlebnis herausgeworfen hatte, dasjenige, was man auch äußerlich verfolgen kann, herausgeworfen hatte aus dem Denkinhalte, da wurde der Denkinhalt eben immer mehr abstrakt, bloßer Gedanke. Denken Sie, wie der indische Philosoph in seinen Übungen gestrebt hat, sich so recht bewußt zu werden, daß im Atmen, im Atmungsprozeß etwas Verwandtes mit dem Denkprozeß vor sich ging. Er machte einen geregelten Atmungsprozef, um in seinem Denken vorwärtszukommen. Er wußte, Denken, Fühlen, Wollen ist etwas, was nicht solch luftiges Zeug ist, wie wir es heute anschauen, sondern was immerhin mit der äußeren Natur und namentlich mit der inneren Natur nach dem Atmen hin zusammenhing, was also zusammenhing mit der Luft. Kann man also sagen: Das Physikalische, das Chemische warf der Mensch aus seiner Organisation heraus, so kann man auch sagen: Das Psychologische sog er ein, aber er warf das äußere Element, nämlich das Luft-Atemerlebnis heraus. Aus dem Physischen und Chemischen warf er sich selber heraus und beobachtete nur mehr als Physik und Chemie die äußere Welt; aus dem Psychologischen warf er die äußere Welt, die Luft heraus, und ebenso warf er aus dem Pneumatologischen das Wärmehafte heraus. Dadurch wurde es zu der Dünnheit des Ichs gemacht.
[ 16 ] Also wenn ich dies, physischen Leib und Ätherleib, den unteren Menschen nenne (siehe Schema S.120), astralischen Leib und Ich-Organisation den oberen Menschen nenne, so kann ich sagen: Die geschichtliche Entwickelung beim Übergange von einem älteren Zeitalter zu dem naturwissenschaftlichen zeigt, daß der Mensch das Physische, das Chemische aus sich herauswarf und in seine physischen und chemischen Begriffe nur mehr die äußere Natur aufnahm. In der Psychologie und Pneumatologie entwickelte der Mensch Vorstellungen, aus denen er die äußere Natur herauswarf und nur noch das erlebte, was noch davon im Inneren in seinen Vorstellungen übrig blieb. In der Psychologie blieb ihm so viel übrig, daß er wenigstens noch Worte hatte für Seeleninhalte. Für das Ich blieb ihm so wenig übrig, daß die Pneumatologie, teilweise vorbereitet allerdings durch die Dogmatik, aber auch sonst vollständig verschwand. Es schrumpfte alles zu dem Punkte des Ich zusammen.
[ 17 ] Das trat an Stelle desjenigen, was einst rein einheitlich erlebt worden ist, wenn man sagte: Man hat vier Elemente, Erde, Wasser, Luft, Feuer; die Erde erlebt man in sich selber, wenn man den physischen Leib erlebt; das Wasser erlebt man in sich selber, wenn man den Ätherleib erlebt als Säftebeweger und Säftemischer und Entmischer; die Luft erlebt man, wenn man den astralischen Leib erlebt in Denken, Fühlen und Wollen, denn das Denken, Fühlen und Wollen erlebte man als wogend auf dem innerlichen Atmungsvorgang; und die Wärme oder das Feuer, wie man es damals nannte, erlebte man in der IchEmpfindung.
[ 18 ] So können wir also sagen: In einer Umwandelung des ganzen Verhältnisses des Menschen zu sich selber entwickelte sich die naturwissenschaftliche Anschauung der neueren Zeit. Und wenn man mit diesen Einsichten eben die geschichtliche Entwickelung verfolgt, so findet man erstens das, was ich Ihnen früher gesagt habe, und in jeder neuen Epoche neue Darstellungen der alten Überlieferungen, aber immer weniger verstanden. Und merkwürdige Zeugnisse solcher alten Überlieferungen sind dann die Anschauungen etwa eines Paracelsus, van Helmonts, Jakob Böhmes.
[ 19 ] Bei Jakob Böhme hat derjenige, der sich Einsichten in solche Dinge verschaffen kann, unmittelbar die Erfahrung, daß da ein außerordentlich einfacher Mensch spricht, der aus Quellen seine Erkenntnis hat, die heute zu besprechen ja nicht möglich sind, die zu weit führen würden, daß aber eigentlich in einer Weise, die wirklich deshalb schwer verständlich ist, weil sie sehr ungeschickt ist, Jakob Böhme in dieser ungeschickten Darstellung tiefe alte Einsichten aufnimmt, die sich einfach volksmäßig fortgepflanzt haben. In welcher Lage war denn so jemand wie Jakob Böhme? Während Giordano Bruno, der demselben Zeitalter angehört, in der für ihn neuesten Phase der Entwickelung der Menschheit so drinnensteht, wie ich das in einem früheren Vortrage dieses Kurses dargestellt habe, sehen wir bei Jakob Böhme, daß er ganz offenbar zur Hand bekommt allerlei Werke, die heute natürlich verschollen sind. Durch eine innere Anlage geht ihm auf an Werken, die buntestes Zeug in der äußeren Darstellung repräsentieren, daß das auf einen Ursinn zurückgeht. Und er stellt wiederum, ich möchte sagen, unter ungeheuren inneren Hemmnissen, wodurch die Sache eben ungeschickt wird, diese Urweisheit, die er von noch ungeschickteren, unzulänglichen Überlieferungen übernommen hatte, dar. Er konnte aber zurückgehen zu einer früheren Stufe infolge seiner inneren Erleuchtung.
[ 20 ] Und geht man nun in das 15., 16. Jahrhundert, und namentlich ins 17. und 18. Jahrhundert, und sieht man über solche einzelnen Erscheinungen wie Paracelsus und Jakob Böhme, die eigentlich nur da sind wie Denkmäler einer alten Zeit, hinweg und nimmt das, was im fortlaufenden exoterischen Strom der Menschheitsentwickelung vorhanden ist, so bekommt man, indem man den Maßstab der Initiationswissenschaft anlegt und die Sache mit ihrem Lichte beleuchtet, den Eindruck: Da weiß keiner mehr irgendwie von den tieferen Grundlagen des Weltenwesens. Da ist schon das eingetreten, daß Physik herausgeworfen ist aus dem Menschen, daß Chemismus herausgeworfen ist aus dem Menschen, da tritt schon der Spott auf über Alchimie. Man hatte ja natürlich recht mit diesem Spott, denn dasjenige, was noch erhalten war von den alten Traditionen als mittelalterliche Alchimie, darüber konnte man spotten. Man hatte die ins Innere des Menschen genommene Psychologie und eine sehr dünne Pneumatologie. Also man hatte gebrochen mit demjenigen, was man früher vom Menschen gewußt hat, und man erlebte auf der einen Seite das vom Menschen Getrennte, auf der anderen Seite das in den Menschen chaotisch Hineingeworfene. Und man möchte sagen, überall zeigte sich in dem, was man nun als Menschenerkenntnis anstrebte, diese eben charakterisierte Tatsache.
[ 21 ] Da tritt zum Beispiel im 17. Jahrhunderte eine Anschauung auf, die, wenn man sie als einzelne Anschauung ins Auge faßt, eigentlich ziemlich unverständlich bleibt, die aber, in die Historie hineingestellt, ganz verständlich wird, da taucht die Ansicht auf, daß die ganze Summe der Vorgänge, die ein Mensch in seinem Inneren als Ernährungsvorgänge hat, auf einer Art von Gärung beruhen. Dasjenige, was der Mensch als Nahrungsmittel aufnimmt, das speichelt er ein, durchdringt es mit Säften, zum Beispiel der Pankreas, und da vollziehen sich verschiedene Grade von Gärungsprozessen, wie man es etwa nannte. Wenn man vom heutigen Anschauen aus, das ja natürlich auch wieder nur ein Vorübergehendes ist, diese Dinge betrachtet, so kann man ja natürlich darüber höhnen. Aber dann strebt man nicht nach Einsicht, sondern höchstens nach einer professoralen Darstellung. Wenn man aber darauf eingeht, so sieht man, woher solche allerdings merkwürdigen Ansichten über den Menschen kommen. Ganz im Verglimmen sind die alten Traditionen, die noch bei Galen und noch früher auf inneren Erlebnissen beruhten und einen guten Sinn hatten. Und dasjenige, was jetzt äußerlich als abgestoßene Chemie da sein sollte, das ist nur in den allerersten Elementen da. Das Innere hat man nicht mehr; das Äußere hat sich noch nicht entwickelt. Und so ist man in der Lage, nur in außerordentlich schwachen neuchemischen Vorstellungen, wie etwa einer unbestimmt gedachten Gärung, von den innerlichen Ernährungsvorgängen sprechen zu können. Und es waren die Nachzügler der Galenlehre, welche zwar noch etwas fühlten, daß man ausgehen muß, wenn man den Menschen verstehen will, von seiner Säftebewegung, also von dem Flüssigen in ihm, welche aber zu gleicher Zeit schon anfingen, das Chemische nur an den äußeren Vorgängen zu betrachten, und welche also die äußerlich betrachteten Gärungsvorgänge nun auf den Menschen anwendeten. Der Mensch war ein leerer Sack geworden, weil er nichts mehr in sich erlebte. In diesen leeren Sack füllte man dasjenige jetzt hinein, was äußere Wissenschaft geworden war. Nun, damals im 17. Jahrhundert war es noch wenig. Da hatte man unbestimmte Vorstellungen über Gärungen und ähnliche Prozesse. Die schob man jetzt in den Menschen hinein. Das war im 17. Jahrhundert die sogenannte Jatrochemische Schule.
[ 22 ] Wenn man die Jatrochemiker in Betracht zieht, so sagt man sich, die haben noch in ihren Vorstellungen so etwas wie kleine Schatten der alten Säftelehre, die auf innerem Erleben beruhte. Andere aber, die mehr oder weniger Zeitgenossen dieser Jatrochemiker waren, die hatten auch solche schattenhaften Vorstellungen gar nicht mehr, und die fingen nun an, den Menschen so zu betrachten, wie er sich etwa ausnimmt, wenn wir heute ein Anatomiebuch aufschlagen. Wenn wir heute ein Anatomiebuch aufschlagen, da wird der Mensch so dargestellt: Meinetwillen wird ein Knochensystem dargestellt, der Magen, das Herz, die Leber dargestellt, und unwillkürlich bekommt dann derjenige, der das verfolgt, den Eindruck, als ob das der ganze Mensch wäre und der aus mehr oder weniger festen Organen mit scharfen Konturen bestünde. Diese sind ja auch da in gewisser Beziehung. Aber das Feste — das Erdige, im alten Sinne gesprochen — ist ja höchstens ein Zehntel vom Menschen. Im übrigen ist der Mensch eine Flüssigkeitssäule. Natürlich nicht in der Mitteilung, aber in der betrachtenden Methode wurde das allmählich ganz vergessen, daß der Mensch eine Flüssigkeitssäule ist, und daß in dieser Flüssigkeitssäule drinnen sich bilden diese Organe mit den festen Konturen, die darinnen nur schwimmen, die man heute eben einfach aufzeichnet und dadurch insbesondere bei Laien die Vorstellung hervorruft, als ob man damit den Menschen verstanden hätte. Wenn Sie die heutigen Bilder des anatomischen Atlasses anschauen, da haben Sie das entwickelt, aber es gibt ein falsches Bild. Es ist nur ein Zehntel vom Menschen. Den anderen Menschen müßte man darstellen, indem man hineinzeichnet in diese Gebilde, in Magen, Leber usw., einen fortwährenden Säftestrom in der mannigfaltigsten Weise, ein Ineinanderwirken von Säften, eine Wechselwirkung von Säften (siehe Zeichnung S.128). Wie das eigentlich ist, darüber hat man ganz falsche Vorstellungen bekommen, weil man gewissermaßen nur mehr die festbegrenzten Organe des Menschen betrachtete. Und so kam es zum Beispiel, daß im 19. Jahrhundert die Leute außerordentlich frappiert waren, daß, wenn der Mensch das erste Glas Wasser trinkt — ich will jetzt von Wasser sprechen —, daß das den Eindruck macht, es geht ganz durch durch den Menschen und wird von seinen Organen überall verarbeitet in der Weise, wie es aufgefaßt wird. Wenn er aber das zweite, wenn er das dritte Glas Wasser trinkt, so macht das gar nicht den Eindruck, als ob das in derselben Weise verarbeitet würde. Diese Dinge hat man dann bemerkt, aber man kann sie nicht mehr erklären, weil man eine ganz falsche Anschauung, wenn ich mich so ausdrücken darf, vom Flüssigkeitsmenschen gewonnen hat, in dem der Ätherleib die treibende Wesenheit gewesen ist, die die Flüssigkeiten mischt und entmischt, die organische Chemie im Menschen bewirkt.
[ 23 ] Nun, im 17. Jahrhundert hat man wirklich angefangen, diesen Flüssigkeitsmenschen nach und nach ganz zu ignorieren und nur die fest begrenzten Teile ins Auge zu fassen. Dadurch kam allmählich das heraus, daß man den Menschen ansah wie einen Zusammenhang von festen Teilen. Da, innerhalb dieser Welt von fest begrenzten Teilen, spielt sich alles in mechanischer Ordnung ab. Da stößt eins das andere; das bewegt sich; da werden Dinge gepumpt, da wirken die Dinge in der Art von Saugpumpen oder Druckpumpen. Mechanisch also betrachtet man den Menschenleib wie einen nur durch den Zusammenhang von fest begrenzten Organen existierenden Leib. Und allmählich wurde aus der jatrochemischen Ansicht, eigentlich gleichzeitig schon mit ihr, die jatromechanische oder gar jatromathematische Anschauung. Da florierte natürlich ganz besonders stark eine solche Anschauung, daß das Herz eigentlich eine Pumpe sei, die das Blut durch den Körper pumpt — nicht wahr, so richtig mechanisch —, weil man nicht mehr wußte, daß die innerlichen Säfte des Menschen innerliches Leben haben, daß also die Säfte sich selbst bewegen, daß das Herz nur ein Sinnesorgan ist, um diese Säftebewegung in seiner Art wahrzunehmen. So kehrte man die ganze Sache um, sah nicht mehr hin auf die Säftebewegung, auf die innere Lebendigkeit der Säftebewegung, auf den Ätherleib, der da drinnen wirkt, und das Herz wurde ein mechanischer Apparat, ist es im Grunde genommen heute noch für die meisten sogenannten Physiologen und Mediziner.
[ 24 ] Also die Jatrochemiker haben noch einen Schatten vom Wissen über den Ätherleib. In demjenigen, was Galen vortrug, war durchaus ein volles Bewußtsein des Ätherleibes vorhanden. In demjenigen, was van Helmont zum Beispiel vortrug oder Paracelsus, ist ein schattenhaftes Bewußtsein vorhanden von dem Ätherleib, ein noch schattenhafteres bei den offiziellen Jatrochemikern, die die Schule versorgten. Gar kein Bewußtsein mehr von diesem Ätherleib war vorhanden bei den Jatromechanikern. Da war alle Vorstellung vom ÄÄtherleib verduftet, und man stellte den Menschen nur als physischen Leib vor, da aber nur nach seinen festen Bestandteilen, die man aber jetzt behandelte mit der Physik, die man nun auch schon herausgeworfen hatte aus dem Menschen, die man also äußerlich anwendete auf den nicht mehr verstandenen Menschen. Man hatte zuerst den Menschen zu einem leeren Sack gemacht — ich möchte das Beispiel noch einmal gebrauchen —, hatte draußen die Physik in abstrakter Weise begründet und nun diese Physik zurück in den Menschen geworfen. So daß man nicht die lebendige Wesenheit des Menschen hatte, sondern einen leeren Sack, ausgefüllt mit Theorien.
[ 25 ] So ist es heute noch. Denn dasjenige, was uns heute etwa die Physiologie oder die Anatomie vom Menschen erzählt, das ist ja nicht der Mensch, es ist die aus dem Menschen herausgeworfene Physik, die nun umgeändert ist, indem man sie wiederum in den Menschen hineingestopft hat. Gerade wenn man so recht innerlich die Entwickelung betrachtet, so sieht man, wie das Schicksal da ging. Die Jatrochemiker hatten noch ein Schattenbewußtsein vom Ätherleib, die Jatromechaniker gar nichts mehr davon. Da kam einer, Stahl. Er war eigentlich, wenn man sein Zeitalter berücksichtigt, ein außerordentlich gescheiter Mensch. Er hatte offenbar bei den Jatrochemikern sich umgesehen. Diese innerlichen Gärungsprozesse, die erschienen ihm unzulänglich, weil sie ja auch nur die schon nach außen geworfene Chemie wiederum in den Menschensack zurückversetzen. Die Jatromechaniker erst recht, denn die versetzen ja nur die äußere mechanische Physik in den Menschensack zurück. Aber vom Ätherleib als der treibenden Kraft der Säftebewegung war nichts mehr da, keine Tradition. Es gab keine Möglichkeit, sich darüber zu informieren. Was tat Stahl im 17., 18. Jahrhundert? Er erfand sich etwas, weil in der Tradition nichts mehr da war — er erfand sich etwas. Er sagte sich: Das, was im Menschen vor sich geht an physikalischen, an chemischen Vorgängen, das kann doch wirklich nicht auf diese Physik und Chemie gebaut sein, die man da nun für die Außenwelt findet. Aber er hatte nichts anderes, um es in den Menschen hereinzubringen. So erfand er sich dasjenige, was er «Lebenskraft» nannte. Dadurch begründete er die dynamische Schule. Es war also eine nachträgliche Erfindung für etwas, was man verloren hatte. Stahl war eigentlich tatsächlich noch von einem gewissen Instinkt beseelt. Ihm fehlte etwas. Weil er es nicht hatte, so erfand er es wenigstens: Lebenskraft. Das 19. Jahrhundert hatte wieder alle Mühe, diese Lebenskraft loszukriegen. Sie war ja auch in Wirklichkeit nichts weiter als eine Erfindung, und man hat also wieder sich alle Mühe gegeben, diese Lebenskraft loszukriegen.
[ 26 ] Es ist also tatsächlich so, daß man ringt, in diesen leeren Sack «Mensch» wiederum etwas hineinzubringen, was irgendwie hineinpaßt. So kam man darauf, wiederum auf der anderen Seite sich zu sagen: Das Maschinelle haben wir. Wie eine Maschine sich bewegt und reagiert, das weiß man. Und so steckte man in den leeren Menschensack die Maschine hinein: «L’homme machine» von de La Mettrie. Der Mensch ist eine Maschine. Der Materialismus oder eigentlich Mechanismus des 18. Jahrhunderts wie etwa im «Systeme de la nature» von Holbach, das Goethe in seiner Jugend so furchtbar gehaßt hat, er ist die Ohnmacht, an das Wesen des Menschen heranzukommen mit demjenigen, was in der äußeren Natur in der damaligen Zeit schon und später so wirksam geworden ist. Und noch das 19. Jahrhundert nagte an diesem Unvermögen: An den Menschen konnte man nicht herankommen.
[ 27 ] Nun aber wollte man doch mit irgend etwas den Menschen vorstellen. Also verfiel man darauf, ihn als höher entwickeltes Tier vorzustellen. Das Tier verstand man zwar auch nicht, denn mit Ausnahme der Pneumatologie brauchte man für das Verständnis des Tieres nun auch im alten Sinne Physik, Chemie, Psychologie. Aber daß man für das Tier so etwas auch braucht, wenn man es verstehen will, das merkte man zunächst nicht. Man ging halt von etwas aus, nicht wahr. Und so führte man den Menschen früher, im 18. Jahrhundert, auf die Maschine, im 19. Jahrhundert auf das Tier zurück. Das alles ist historisch gut zu begreifen. Im ganzen Fortgang der Menschheitsent. wickelung hat das seinen guten Sinn, denn unter dem Einflusse dieser Unkenntnis vom Menschenwesen entstanden die neuzeitlichen Empfindungen über den Menschen. Wären die alten Ansichten geblieben von der innerlichen Physik, von der innerlichen Chemie, der vom Menschen außerhalb seiner selbst erlebten Psychologie und Pneumatologie, so wäre zum Beispiel die Freiheitsentwickelung niemals in der Menschheitsentwickelung erwacht. Der Mensch mußte sich als elementares Wesen verlieren, um sich als freies Wesen zu finden. Das konnte er nur, wenn er gewissermaßen eine Weile zurücktrat von sich, sich nicht mehr beachtete, sich mit dem Äußeren befaßte und, wenn er Theorien über sich wollte, das in sich hereinnahm, was nun zum Verständnis der äußeren Welt sehr gut paßte. In dieser Zwischenzeit, in der der Mensch sich mit sich Zeit ließ, um so etwas wie Freiheitsempfindung zu entwickeln, in dieser Zwischenzeit entwickelte der Mensch die naturwissenschaftlichen Vorstellungen, jene Vorstellungen, die, ich möchte sagen, so robust sind, daß sie die äußere Natur begreifen können, aber zu grob sind für das Wesen des Menschen, weil er sich nicht die Mühe machte, sie so zu verfeinern, daß sie auch den Menschen mitbegreifen. Es entstanden die naturwissenschaftlichen Begriffe, die auf die Natur gut anwendbar sind, ihre großen Triumphe feiern, die aber unbrauchbar sind, um das Wesen des Menschen in sich aufzunehmen.
[ 28 ] Hieraus sehen Sie auch, daß ich wirklich nicht eine Kritik liefere über das Naturwissenschaftliche, sondern daß ich nur Charakteristik liefern will. Gerade dadurch erlangt ja der Mensch sein ganzes Freiheitsbewußtsein, daß er nicht mehr belastet war mit alledem, wovon er eigentlich belastet sein mußte, als er so eigentlich die ganze Sache noch in sich trug. Dieses Freiheitserlebnis für den Menschen kam, als der Mensch sich eine Wissenschaft zimmerte, die in ihrer Robustheit nur für die äußere Natur paßte, und da sie ja doch nun eben nicht eine Totalität ist, natürlich auch wiederum Kritik erfahren kann, nicht anwendbar ist auf den Menschen, anwendbar ist eigentlich nur am bequemsten als Physik, in der Chemie fängt es schon an zu hapern, die Psychologie wird eigentlich ein vollständiges Abstraktum. Aber die Menschen mußten durch ein Zeitalter, das in dieser Weise verläuft, hindurchgehen, um eben nach einer ganz anderen Seite, nach der Seite des Freiheitsbewußtseins, zu einer individuell nuancierten Moralauffassung von der Welt zu kommen. Man kann die Entstehung der Naturwissenschaft im neueren Zeitalter nicht verstehen, wenn man sie nur einseitig betrachtet, wenn man sie nicht so betrachtet, daß sie eine Parallelerscheinung ist des nun in demselben Zeitalter heraufkommenden Freiheitsbewußtseins des Menschen und alles dessen, was moralisch und religiös mit diesem Freiheitsbewußtsein zusammenhängt.
[ 29 ] Daher sehen wir, wie solche Leute, die wie Hobbes oder Bacon die Ideen der Naturwissenschaft begründen, wie denen die Möglichkeit entfällt — lesen Sie sich das nach bei Hobbes —, den Menschen anzugliedern an dasjenige, was Geist und Seele im Weltenall ist. Und es kommt bei Hobbes das heraus, daß er auf der einen Seite schon, ich möchte sagen, in radikalster Weise die naturwissenschaftlichen Vorstellungen im Keime bildet, daß er auf der anderen Seite aus dem menschlichen sozialen Leben auch alles Geistige herauswirft, den Krieg aller gegen alle statuiert, also nichts Bindendes anerkennt, das von irgendeinem Übersinnlichen kommt im sozialen Leben, daher er in einer etwas karikierten Form eigentlich zum ersten Mal theoretisch das Freiheitsbewußtsein bespricht.
[ 30 ] Ja, geradlinig ist eben durchaus die Entwickelung der Menschheit nicht. Man muß die nebeneinander hergehenden Strömungen betrachten, dann erst kommt man dazu, den Sinn der geschichtlichen Entwickelung des Menschen zu begreifen.
