The Liberation of Humanity as the
Basis for Social Transformation
GA 329
11 March 1919, Bern
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The Liberation of Humanity as the Basis for Social Transformation, tr. SOL
1. Die wirklichen Grundlagen eines Völkerbundes in den Wirtschaftlichen, Rechtlichen und geistigen Kräften der Völker
1. The True Foundations of a League of Nations Lie in the Economic, Legal, and Intellectual Forces of Nations
[ 1 ] Im Laufe der letzten vier Jahre konnte man oftmals hören, daß Ereignisse, die für die Menschen so schrecklich gewesen sind wie die gerade zurückliegenden, in der ganzen Zeit, über die sich das geschichtliche Denken der Menschen erstreckt, nicht vorgekommen seien. Weniger häufig kann man dieser Empfindung gegenüber hören, daß nun dem Furchtbaren, das die Menschheit getroffen hat, auch wenigstens die Versuche einer Neugestaltung des sozialen Zusammenlebens entgegengestellt werden müßten, die sich in ihren gedanklichen Grundlagen in ebenso gründlicher Weise unterscheiden von dem, was man gewohnt ist zu denken, wie sich die schreckhaften Ereignisse der letzten Jahre unterscheiden von dem, was man erleben konnte im Lauf der Menschheitsentwickelung. Ja, wenn solch ein Versuch auftaucht, Gedanken zu entwickeln, die den eingewurzelten Denkgewohnheiten zuwiderlaufen, dann hört man heute zumeist einem solchen Versuch mit dem Vorwurf begegnen: Nun, auch wiederum eine Utopie! - Man hat aber mit der Gesinnung, welche auch heute wiederum einem solchen Vorwurf zugrunde liegt, im Laufe der neueren Zeit schon einige Erfahrungen machen können. Gerade diejenigen Menschen, die so denken wie jene, die in dem angedeuteten Falle von «Utopie» sprechen, die waren es ja, welche auch eine Schilderung - wenn sie hätte jemand machen können von den katastrophalen Ereignissen, die uns betroffen haben, noch im Frühling 1914 für eine Träumerei, für eine Phantastik gehalten haben würden. Sie nennen sich ja Praktiker, diese Leute. Wie haben sie dazumal, bevor die welterschütternde Katastrophe hereingebrochen ist, gesprochen? Schauen wir uns einige an. Wir brauchen nur den Blick auf einige der damals, im Frühling 1914, leitenden Staatsmänner Europas zu lenken. Man führt fast Wörtliches an, wenn man sagt: Solche Praktiker, solche Verächter dessen, was sie Utopien nennen, die sprachen dazumal ungefähr so: Die Beziehungen, in denen dank der Bemühungen der Kabinette die europäischen Großmächte zueinander stehen, geben eine gewisse Garantie dafür, daß für absehbare Zeiten der Weltfrieden nicht erschüttert werden kann. - Solche Rede ist keine Erfindung, man kann sie in den Parlamentsberichten nachlesen; sie ist da in den verschiedensten Variationen enthalten.
[ 1 ] Over the past four years, it has often been said that events as terrible for humanity as those that have just occurred have never happened in the entire span of human history. Less frequently, one hears the counterargument to this sentiment: that the horrors that have befallen humanity there must at least be counterposed attempts to reshape social life—attempts whose intellectual foundations differ just as fundamentally from what we are accustomed to thinking as the terrifying events of recent years differ from what we have experienced in the course of human development. Indeed, when such an attempt emerges to develop ideas that run counter to ingrained habits of thought, one usually hears such an attempt met today with the accusation: “Well, yet another utopia!”—But we have already had some experience in recent times with the mindset that underlies such an accusation even today. It was precisely those people who think like those who speak of “utopia” in the case mentioned above who, had anyone been able to describe the catastrophic events that have befallen us back in the spring of 1914, would have dismissed such a description as a daydream, as fantasy. These people call themselves pragmatists. What did they say back then, before the world-shattering catastrophe struck? Let’s look at a few examples. We need only turn our attention to some of the leading statesmen of Europe at that time, in the spring of 1914. One could almost quote them verbatim when saying: Such “practical” people, such scoffers at what they call “utopias,” spoke back then something like this: “The relations between the major European powers—thanks to the efforts of their cabinets—provide a certain guarantee that world peace cannot be shaken for the foreseeable future.” - Such statements are not fabrications; they can be found in the parliamentary records, where they appear in a wide variety of forms.
[ 2 ] Wer sich aber damals nicht nach der Denkgesinnung solcher Leute in der inneren Verfassung seiner Seele richten konnte, sondern wer versuchte, sich den unbefangenen Blick für die Ereignisse zu wahren, der sprach vielleicht doch so, wie im April 1914 der sprechen mußte vor einer Versammlung in Wien, der auch heute zu Ihnen spricht. Mir war es dazumal durch mein intellektuelles Gewissen und meine Beobachtungsgabe auferlegt zu sagen: Wir stehen in bezug auf die Entwickelung unserer sozialen und Völkerverhältnisse in etwas darinnen, das sich nur bezeichnen läßt als ein Karzinom, als eine Krebskrankheit im Leben der Völker, die in kürzester Zeit in einer furchtbaren Art zum Ausbruch kommen muß. - Vielleicht wird die Gewalt der Ereignisse dann doch die Menschen zwingen, weniger diejenigen als Utopisten anzusehen, die aus dieser Seelenverfassung heraus sprechen, als die anderen, die mit dem, was sie sagen, so gut die Ereignisse treffen, wie ich es Ihnen eben angedeutet habe. Heute wiederum hört man die Praktiker, die sich über manches hermachen, was sie als Utopien bezeichnen, sagen: Wir können in der Gegenwart nicht gleich die höchsten Berggipfel einer Neuordnung in der menschlichen gesellschaftlichen Ordnung besteigen, wir müssen Schritt für Schritt vorwärtsgehen. Gewiß seien manche Gedanken - sagen solche Leute - ja schön, und man werde vielleicht auch zu solchen Dingen in Jahrhunderten einmal kommen; aber heute sei es uns auferlegt, eben die nächsten Schritte zu tun.
[ 2 ] But those who, at that time, could not allow the mindset of such people to dictate the inner state of their souls—those who instead tried to maintain an unbiased view of events—may well have spoken as the person who, in April 1914, had to speak before an assembly in Vienna, and who is speaking to you today. At that time, my intellectual conscience and my powers of observation compelled me to say: With regard to the development of our social and international relations, we find ourselves in a situation that can only be described as a carcinoma, as a cancer in the life of nations, which is bound to erupt in a terrible manner within the shortest possible time. - Perhaps the powers of events will then compel people to regard as utopians not so much those who speak from this state of mind, but rather the others, whose words so accurately reflect the course of events, as I have just indicated to you. Today, once again, one hears the pragmatists—who set about implementing many things they label as utopias—say: “We cannot immediately scale the highest peaks of a new order in human society; we must move forward step by step. Certainly, some ideas—such people say—are indeed beautiful, and perhaps we will arrive at such things someday in centuries to come; but today, it is incumbent upon us to take precisely the next steps.”
[ 3 ] Nun ist es ganz gewiß einfach eine Selbstverständlichkeit, daß man zunächst die allernächsten Schritte tun muß, aber derjenige wird schlecht einen Berg heraufsteigen, der sich gar keine Vorstellung macht, wenn er schon den nächsten Schritt unternimmt, welches seine Wegrichtung sein soll; der sich gar keine Vorstellung davon macht, in welcher Richtung der Gipfel eigentlich liegt. Und wer nicht im Sinne dieser Utopieverächter denkt, sondern vielleicht gerade in einem realistischen Sinne denkt, der wird heute vielleicht noch von einem anderen Vergleich ausgehen müssen gegenüber dem, was im Keime verborgen liegt und auch in furchtbarer Weise zum Ausbruche kommen könnte. Er wird vielleicht nicht ausgehen müssen von jenem Karzinom, das ja in der Kriegskatastrophe der letzten Jahre zum Ausbruch gekommen ist. Er wird aber darauf hinweisen müssen, daß viele Menschen jetzt so denken, wie diejenigen, die ein Haus bewohnen, das Risse und Sprünge hat, die dem Haus mit Einsturz drohen, die aber sich nicht dazu entschließen können, etwas vorzunehmen zum Neubau des Hauses, sondern die in allerlei Beratungen darüber eintreten, wie man die einzelnen Zimmer, die man da bewohnt, miteinander durch Türen verbinden kann, damit man durch diese Türen leichter die Möglichkeit hat, sich gegenseitig zu helfen. - Es wird die Hilfe, die man durch diese Türen sich leisten kann, dann wenig helfen, wenn die Sprünge zu einer entsprechenden Stärke gediehen sein werden!
[ 3 ] Now, it is certainly a matter of course that one must first take the very next steps, but one will have a hard time climbing a mountain if, even as one takes the next step, one has no mental image of which direction to head in—if one has no mental image at all in which direction the summit actually lies. And anyone who does not think in the vein of these critics of utopia—but perhaps thinks in a realistic sense—may today have to start from a different comparison regarding what lies hidden in the bud and could also erupt in a terrible way. They may not have to start with that cancer that broke out in the catastrophe of war in recent years. But they will have to point out that many people now think like those who live in a house that has cracks and fissures threatening to cause it to collapse—yet they cannot bring themselves to take action to rebuild the house; instead, they engage in all sorts of discussions about how to connect the individual rooms they inhabit with doors, so that through these doors they might more easily help one another. - The help that can be provided through these doors will be of little use once the cracks have grown to a certain size!
[ 4 ] Solche Dinge zu denken, liegt, wie es scheint, wohl in der Entwickelung der Tatsachen, die heute eine lautere und deutlichere Sprache sprechen, als die Menschen oftmals geneigt sind heute zu hören.
[ 4 ] Thinking such things seems, it appears, to be part of the course of events, which today speak more plainly and clearly than people are often inclined to hear.
[ 5 ] Nun hat diese Weltkriegskatastrophe aus den Schrecknissen heraus, die zu durchleben waren, eine Empfindung losgelöst, die sich in solchen Ansichten allmählich kristallisiert hat, wie sie auch jetzt wiederum zugrunde liegen der bedeutungsvollen Versammlung, die hier in Bern als eine Völkerbundskonferenz abgehalten wird. Der Ruf nach einem Völkerbund, er hat sich herausentwickelt aus den schreckhaften Ereignissen der letzten Jahre. Man wird aber sagen müssen, daß es vielleicht doch gerechtfertigt erscheinen könnte, mit anderen Empfindungen noch an das heranzugehen, was in diesem Ruf nach dem Völkerbund liegt, als dies manche heute tun. Denn vielleicht ist es doch wichtiger, nicht allein zu fragen: Was könnte man für diesen Völkerbund tun? Welche Maßregeln könnte man unternehmen, damit er in der besten Weise - wie man sich das vorstellt - zustande kommt? Sondern es könnte vielleicht gerade die Frage aufgeworfen werden: Welche Grundlagen bestehen im Leben der Völker für die Errichtung eines solchen Völkerbundes? Denn allein wenn man hinsieht auf die Kräfte, die im Völkerleben sind, kann man vielleicht aus diesen Kräften erkennen, inwieweit man in der Lage ist, mit einem solchen Völkerbund etwas Fruchtbares zu erreichen. Und scheint es nicht notwendig, ich möchte sagen, nach dieser Richtung hin die Frage etwas zu verschieben, da ja die wichtige, der Welt besonders einleuchtende Konzeption dieses Völkerbundes zusammen mit einem Gedanken entstanden ist, von dessen Verwirklichung heute gar nicht mehr die Rede sein kann? Im Jahre 1917 tauchte in einer Rede Wilsons vor dem amerikanischen Senat ein Gedanke auf, der in Verbindung mit einem anderen Gedanken etwa so lautete: Das, was man anstreben könne mit diesem Völkerbund, das habe eine gewisse Voraussetzung, die Voraussetzung nämlich, daß in den Kriegsereignissen sich weder von der einen noch von der anderen Seite dasjenige ergebe, was man im entschiedenen Sinne nennen müsse Sieg oder Niederlage. - Auf einen Ausgang blickte Wilson hin, der nicht der von Sieg oder Niederlage der einen Partei sei. Und aus der Gedankenrichtung nach einem solchen Ausgange leitete er die Empfindungen her, die ihn zu diesem Völkerbund drängten.
[ 5 ] Now, this catastrophe of the World War, arising from the horrors that had to be endured, has given rise to a sentiment that has gradually crystallized into views such as those that now, once again, underlie the significant gathering being held here in Bern as a League of Nations conference. The call for a League of Nations has emerged from the harrowing events of recent years. However, it must be said that it might yet seem justified to approach the essence of this call for a League of Nations with a different perspective than some do today. For perhaps it is more important not merely to ask: What could be done for this League of Nations? What measures could be taken to ensure that it comes into being in the best possible way—as one has a mental image of it? Rather, one might perhaps raise the very question: What foundations exist in the life of nations for the establishment of such a League of Nations? For only by looking at the forces present in the life of nations can one perhaps discern from these forces to what extent one is in a position to achieve something fruitful with such a League of Nations. And does it not seem necessary—I would say—to shift the question somewhat in this direction, since the important concept of this League of Nations, which is particularly clear to the world, arose together with an idea whose realization is no longer even a possibility today? In 1917, a thought emerged in a speech by Wilson before the U.S. Senate which, in connection with another idea, went something like this: What one could strive for with this League of Nations had a certain prerequisite, namely, that the events of the war should not result, on either side, in what one must, in the decisive sense, call victory or defeat. - Wilson envisioned an outcome that was not one of victory or defeat for either side. And from this line of thought regarding such an outcome, he derived the sentiments that drove him toward this League of Nations.
[ 6 ] Gewiß, der Gedanke hatte in sich eine Realität; aber von derjenigen Realität, an die damals gedacht worden ist, von der kann heute nicht mehr die Rede sein; denn heute ist der entschiedene Sieg auf der einen Seite die entschiedene Niederlage auf der anderen Seite. Ja, vielleicht muß gerade aus diesem Grunde zum Beispiel die Frage nach dem Völkerbund in ganz anderer Weise gestellt werden.
[ 6 ] Certainly, there was a reality to that idea; but the reality that was envisioned back then can no longer be considered relevant today; for today, a decisive victory on one side is a decisive defeat on the other. Yes, perhaps for this very reason, for example, the question of the League of Nations must be posed in an entirely different way.
[ 7 ] Mir liegt es ganz besonders nahe, wenn ich schon selbst die Frage nach dem Völkerbund stelle und mich getraue, sie vor Menschen heute zu besprechen, diese Frage in einer ganz besonderen Art zu stellen. Als Angehöriger desjenigen Volkes, auf dessen Seite die entschiedene Niederlage ist, ist es heute nicht möglich, die Frage so zu stellen, als ob ihre Beantwortung nur hervorgehen könne aus einer freien Übereinkunft derjenigen Völker, die sich vielleicht verbinden wollten in einem solchen Völkerbunde, und zu denen ja ihren innersten Empfindungen nach ganz gewiß auch die mitteleuropäischen Völker gehören. Die Pariser Ereignisse schließen für den Deutschen eine solche Fragestellung im Grunde genommen heute aus, und man soll sich darüber keinen Illusionen hingeben. Aber so will ich auch diese Frage nicht stellen. Mir geht es darum, eine Fragestellung zu finden und eine entsprechende Antwort zu formulieren, bei der auch der mitsprechen kann, der vielleicht für die nächsten Zeiten von der Teilnahme an diesem Völkerbund ausgeschlossen ist. Das heißt, die Frage wird so gestellt werden müssen: Was kann, gleichgültig welche augenblicklichen Vereinbarungen zustande kommen, jedes einzelne Volk aus seinen eigenen Kräften, ungeachtet dessen, ob es Sieg oder Niederlage erlitten hat, für einen wirklichen Völkerbund, der der Menschheit das bringen kann, was von ihr ersehnt wird, beitragen?
[ 7 ] It is particularly close to my heart—since I myself am raising the question of the League of Nations and dare to discuss it before people today—to pose this question in a very special way. As a member of the nation that has suffered a decisive defeat, it is not possible today to pose the question as if its answer could arise solely from a free agreement among those nations that might wish to unite in such a League of Nations—and to which, according to their innermost feelings, the Central European nations certainly also belong. The events in Paris essentially preclude such a framing of the question for Germans today, and we should not harbor any illusions about this. But I do not wish to pose the question in that way either. My aim is to find a way of framing the question and to formulate a corresponding answer in which even those who may be excluded from participating in this League of Nations for the foreseeable future can have a say. That is to say, the question will have to be posed as follows: Regardless of whatever temporary agreements may be reached, what can each individual nation, drawing on its own resources—whether it has suffered victory or defeat—contribute toward a true League of Nations capable of bringing humanity what it so ardently desires?
[ 8 ] Da aber wird man, da ein Völkerbund es ganz zweifellos zu tun haben mufß mit internationalen Angelegenheiten, sich vor allen Dingen den allerwichtigsten internationalen Angelegenheiten zuzuwenden haben, die unter allen Umständen in der nächsten Zeit alle Völker angehen werden.
[ 8 ] However, since a League of Nations will undoubtedly have to deal with international affairs, it must, above all, focus on the most important international issues that will, under all circumstances, concern all nations in the near future.
[ 9 ] Wenn man heute solche Verhältnisse behandelt, dann richtet man, wie man es in der heutigen Zeit gewohnt ist, den Blick zunächst nach zwei Richtungen hin. Man richtet den Blick hin auf der einen Seite nach dem Staate, und auf der anderen Seite nach dem Wirtschaftsleben. Diejenigen Menschen, die heute irgend etwas in bezug auf das Zusammenleben der Menschen wollen, sie sehen mit Bezug auf die Richtlinien dieses Wollens zunächst auf den Staat hin, indem sie fragen: Was soll der Staat tun in dieser oder jener Angelegenheit, für die eine Änderung spruchreif geworden ist? - Oder aber, um zu einer Erklärung zu kommen, blicken die Leute heute, wie, ich möchte sagen, mit hypnotisierten Blicken hin nach dem Wirtschaftsleben; denn die wirtschaftlichen Verhältnisse scheinen die einzigen zu sein, welche die heutigen Konflikte, die größten Konflikte wenigstens der Gegenwart, hervorrufen.
[ 9 ] When addressing such circumstances today, one naturally looks in two directions, as is customary in our time. On the one hand, one looks to the state, and on the other, to economic life. Those people today who have any aspirations regarding human coexistence first turn to the state in connection with the guiding principles of these aspirations, asking: What should the state do in this or that matter where change has become a pressing issue? - Or, to put it another way, people today look—as I might say—with hypnotized gazes toward economic life; for economic conditions seem to be the only ones that give rise to today’s conflicts—at least the greatest conflicts of the present.
[ 10 ] Bei diesen Betrachtungen, die von diesen zwei Blickrichtungen ausgehen, bleibt zunächst eines gewöhnlich unberücksichtigt. Wenn man auch versichert, man wolle Rechnung tragen den Verhältnissen der heutigen Zeit, und vor allen Dingen den Blick auf den Menschen richten, so tut man dies in Wirklichkeit selten. Hier möchte ich gerade versuchen, mich nicht zu scheuen, nachzugehen dem, was man findet, wenn man den Blick einerseits auf den Staat, andererseits auf das Wirtschaftsleben richtet. Aber vor allen Dingen möchte ich nicht außer acht lassen, in ganz energischer Weise eine Frage zu stellen, ausgehend vom Gesichtspunkt des Menschen als solchem: Was haben die Staaten zu tun, um sich zu einem Völkerbunde zu vereinigen? Das ist ja dasjenige, was zunächst vor allen Dingen gefragt wird. Und mancherlei - glauben Sie nicht, daß ich kritisieren oder verurteilen will -, mancherlei recht Gutes wird für die nächste Zeit zustande kommen, wenn man diese Frage so aufwirft, indem man versucht, aus der Konstruktion der Staaten, aus den einzelnen Gepflogenheiten der Staaten nun auch gewissermaßen etwas die Staaten Übergreifendes wie einen Weltenbund oder ein Weltenparlament zu finden. —- Allein, ich möchte heute gegenüberstellen der Frage: Was sollen die Staaten tun? - die andere Frage: Was sollen die Staaten zum Heile des Menschen unterlassen? - In vieler Beziehung haben wir ja durch die furchtbaren Ereignisse der letzten Jahre kennengelernt, was die Staaten zuwege gebracht haben mit ihrem Tun; sie haben eben die Menschheit in diese furchtbare Katastrophe hineingeführt. Wir können es nicht ableugnen, die Staaten sind es, welche die Menschheit in diese furchtbare Katastrophe hineingeführt haben!
[ 10 ] In these considerations, which proceed from these two perspectives, one aspect is usually overlooked at first. Even when people claim they want to take current circumstances into account—and, above all, focus on the human being—in reality they rarely do so. Here, I would like to make a point of not shying away from examining what one finds when one focuses, on the one hand, on the state and, on the other, on economic life. But above all, I do not wish to neglect posing a question in the most forceful manner, starting from the perspective of the human being as such: What must states do to unite into a league of nations? That is, after all, the question that is asked first and foremost. And all sorts of—please do not think that I wish to criticize or condemn—all sorts of quite good things will come about in the near future if one poses this question in this way, by attempting to find, within the structure of states and their individual customs, something that transcends the individual states, so to speak—such as a world federation or a world parliament. —- However, today I would like to set against the question, “What should the states do?”—the other question: “What should the states refrain from doing for the sake of humanity?”—In many respects, we have indeed learned through the terrible events of recent years what the states have accomplished through their actions; they have, in fact, led humanity into this terrible catastrophe. We cannot deny it: it is the states that have led humanity into this terrible catastrophe!
[ 11 ] Sollte es da nicht doch naheliegen, einmal zu überlegen, ob ein Mensch, wenn er gesehen hat, daß er mit seinen Taten allerlei Unheil anrichtet, er sich denn da just immer fragen muß: Wie mache ich die Sache nun anders? - Könnte es nicht einmal nützlicher sein zu sagen: vielleicht überlasse ich dasjenige, was ich schlecht zustande gebracht habe, besser einem anderen zu tun? - Da, sehen Sie, wird vielleicht die Frage auf ein ganz anderes Geleise abgeleitet.
[ 11 ] Wouldn’t it make sense, then, to consider whether a person, upon realizing that his actions are causing all sorts of harm, should always ask himself: How can I do things differently? - Might it not be more useful to say: perhaps I should leave what I have done poorly to someone else to handle? - You see, that might steer the question in an entirely different direction.
[ 12 ] Man muß vielleicht doch zu den wichtigsten internationalen Fragen greifen, wenn man fruchtbare Unterlagen zu demjenigen gewinnen will, wovon man sagen kann, daß es die Risse und Sprünge hineinbringt in das Haus, das, aus verschiedenen Staaten bestehend, die gegenwärtige Menschheit bewohnt. Man muß vielleicht fragen: Woher rühren diese Risse und Sprünge? Woher kommt es, daß die Staaten die Menschen in diese furchtbare Kriegskatastrophe hineingetrieben haben?
[ 12 ] Perhaps one must turn to the most important international issues after all if one wishes to gain fruitful insights into that which can be said to introduce cracks and fissures into the house—composed of various states—in which present-day humanity dwells. Perhaps one must ask: Where do these cracks and fissures come from? How is it that the states have driven people into this terrible catastrophe of war?
[ 13 ] Zwei Dinge sind im Laufe der neueren Zeit ganz gewiß international geworden; außer manchem anderen sind es: der Kapitalismus und die menschliche Arbeitskraft. Zweifellos, einen «Völkerbund» oder irgend etwas, was dem ähnlich sieht, hatten wir: den Bund, dem das internationale Kapital zugrunde lag. Und ein anderer «Völkerbund» war auch im Werden, und er macht sich heute sehr geltend: es ist derjenige, dem das Internationale der menschlichen Arbeitskraft zugrunde liegt. Und man wird auf diese beiden Dinge zurückgreifen müssen, wenn man zu den fruchtbaren Keimen eines solchen Völkerbundes kommen will, der nun wirklich auf die Angelegenheiten des Menschen als solchem gebaut sein kann.
[ 13 ] Two things have certainly become international in recent times; among many others, they are: capitalism and the human labor force. Undoubtedly, we had a “League of Nations” or something similar to it: the alliance based on international capital. And another “League of Nations” was also in the making, and it is making its presence felt today: it is the one founded on the international nature of human labor. And one will have to draw upon these two things if one wishes to arrive at the fruitful seeds of such a League of Nations that can truly be built upon the affairs of humankind as such.
[ 14 ] Bezüglich des Kapitals erleben wir es ja, daß von einer großen Menge von Menschen die Art und Weise, wie es im Laufe der Zeit verwaltet wurde und was zum sogenannten Kapitalismus geführt hat, als dasjenige angesehen wird, was am meisten gerade gegen die Interessen eines großen Teiles der Menschheit ist, und was außerdem durch vieles, was in ihm liegt, dazu geführt hat, daß wir in so furchtbare Ereignisse hineingekommen sind. Und der Ruf wird von vielen Seiten erhoben - der sich ausdrückt in einer Gegnerschaft gegen diesen Kapitalismus -, der radikale Ruf, daß die gesamte auf den Kapitalismus aufgebaute gesellschaftliche Menschenordnung geändert werden müsse, daß die privatwirtschaftliche Verwaltung des Kapitalismus dem weichen müsse, was man heute gewohnt worden ist, die Sozialisierung zu nennen. Dieses, verbunden mit einer Empfindung über die menschliche Arbeitskraft, das gibt heute dem internationalen Leben seine Färbung. Man muß es immer wieder wiederholen: So wenig deutlich es auch zum Ausdruck kommt in den bewußt ausgesprochenen Gedanken der proletarischen Weltbevölkerung, unbewußt lebt es in den Untergründen einer nach Millionen zählenden Menschenmenge, daß im Laufe der kapitalistischen Entwickelung gerade die menschliche Arbeitskraft einen Charakter angenommen hat, den sie weiterhin nicht haben dürfe.
[ 14 ] With regard to capital, we are seeing that a large number of people view the way it has been managed over time—and what has led to so-called capitalism—as precisely what is most contrary to the interests of a large portion of humanity, and that, furthermore, many aspects inherent in it have led us into such terrible events. And a call is being raised from many quarters—expressed as opposition to this capitalism—a radical call that the entire social order built upon capitalism must be changed, that the private-sector management of capitalism must give way to what we have come to call “socialization.” This, combined with a certain perception of human labor, is what shapes international life today. It must be repeated again and again: however little it may be clearly expressed in the consciously articulated thoughts of the world’s proletarian population, it lives unconsciously in the depths of a crowd numbering in the millions—that in the course of capitalist development, human labor in particular has taken on a character that it must not continue to possess.
[ 15 ] Lassen Sie uns den Blick zunächst nach diesen beiden Richtungen hin lenken. Das Kapital, die kapitalistische Verwaltung des Wirtschaftslebens, muß man, will man sie ganz klar durchschauen, ganz entschieden trennen von dem, womit sie heute verbunden ist. Zwei Dinge sind heute mit dem verbunden, was man Kapitalismus nennt: das eine weist auf etwas hin, was von dem Kapitalismus gar nicht ablösbar ist; das andere ist etwas, das von ihm Abstand nehmen muß. Man mengt heute in eines zusammen wirtschaftliche Betriebe auf Grundlage des Kapitals, und privaten Besitz von Kapital. Die Frage muß aber gestellt werden: Sind diese beiden Dinge voneinander lösbar? Denn die private Verwaltung der wirtschaftlichen Betriebe, die aufgebaut ist auf die größere oder geringere Intensität individueller menschlicher Fähigkeiten, diese private Verwaltung, die zu ihrer Betätigung eines Hilfsmittels, des Kapitals, bedarf, die kann nicht aufgehoben werden. Wer irgendwie sich unbefangen bemüht zu fragen, unter welchen Verhältnissen der soziale Organismus lebensfähig ist, wird immer darauf kommen, sich sagen zu müssen: Dieser soziale Organismus ist nicht lebensfähig, wenn ihm seine wichtigste Quelle entzogen wird, nämlich dasjenige, was in ihn hineinfließt durch die individuellen Fähigkeiten, die sich in verschiedenen Maßstäben der eine oder der andere Mensch aneignen kann. Was in der Richtung des Kapitals arbeitet, das muß auch in der Richtung der individuellen menschlichen Fähigkeiten arbeiten. Das weist darauf hin, daß in keinerlei Art im Zukunftsstaat trennbar sein kann die notwendige Beigabe zum sozialen Leben, die von Seiten der individuellen menschlichen Fähigkeiten kommt, von seinem Mittel, dem Kapital.
[ 15 ] Let us first turn our attention to these two directions. Capital—the capitalist management of economic life—must, if one wishes to understand it clearly, be decisively separated from that with which it is associated today. Two things are associated today with what is called capitalism: one points to something that is inseparable from capitalism; the other is something that must be distanced from it. Today, economic enterprises based on capital and private ownership of capital are conflated into a single concept. But the question must be asked: Are these two things separable from one another? For the private management of economic enterprises—which is built upon the greater or lesser intensity of individual human abilities—this private management, which requires a means of action, namely capital, cannot be abolished. Anyone who makes an unbiased effort to ask under what conditions the social organism is viable will always come to the conclusion that this social organism is not viable if it is deprived of its most important source—namely, that which flows into it through the individual abilities that one person or another can acquire to varying degrees. Whatever works in the direction of capital must also work in the direction of individual human abilities. This indicates that, in the state of the future, the necessary contribution to social life that comes from individual human abilities cannot in any way be separated from its means, namely capital.
[ 16 ] Etwas anderes aber ist der private Besitz an Kapital, ist das Eigentum an Privatkapital. Dieses Eigentum an Privatkapital, das hat eine andere gesellschaftliche Funktion als die Verwaltung der Betriebe, zu denen Kapital notwendig ist, durch die individuellen menschlichen Fähigkeiten. Dadurch, daß jemand, wodurch auch immer, Privatkapital erwirbt oder erworben hat, dadurch kommt er zu einer gewissen Macht über andere Menschen. Diese Macht, die zumeist eine wirtschaftliche Macht sein wird, kann auf keine andere Weise geregelt werden als dadurch, daß sie in Zusammenhang gebracht wird mit den Rechtsverhältnissen des sozialen Organismus. Dasjenige, was dem sozialen Organismus wirklich fruchtbare Kräfte zuführt, das ist die Arbeit, die die individuellen Fähigkeiten durch das Kapital leisten. Dasjenige aber, was den sozialen Organismus schädigt, das ist, wenn Menschen, die selber durch ihre individuellen Fähigkeiten eine solche Arbeit nicht leisten können, dennoch durch irgendwelche Verhältnisse in dauerndem Besitze von Kapital sind. Denn solche haben wirtschaftliche Macht. Was heißt es denn: Kapital haben? - Kapital haben heißt: eine Anzahl von Menschen nach seinen Intentionen arbeiten zu lassen, Macht haben über die Arbeit einer Anzahl von Menschen.
[ 16 ] Private ownership of capital, however, is something else entirely—it is ownership of private capital. This ownership of private capital serves a different social function than the management, through individual human abilities, of the enterprises for which capital is necessary. By acquiring private capital—however that may come about—a person gains a certain power over other people. This power, which will mostly be economic in nature, can be regulated in no other way than by linking it to the legal relationships of the social organism. What truly provides the social organism with productive forces is the work that individual abilities perform through capital. What harms the social organism, however, is when people who, due to their individual abilities, cannot perform such work themselves nevertheless remain in permanent possession of capital due to certain circumstances. For such people possess economic power. What does it mean to “have capital”?—To have capital means to make a number of people work according to one’s intentions; it means to have power over the labor of a number of people.
[ 17 ] Die Gesundung kann nur dadurch herbeigeführt werden, daß alles, was mit dem Mittel des Kapitals erarbeitet werden muß im sozialen Organismus, nicht abgetrennt wird von der menschlichen Persönlichkeit mit ihren individuellen Fähigkeiten, die dahinter stehen. Gerade aber durch den Besitz des Kapitals auf seiten solcher Personen, welche nicht ihre individuellen Fähigkeiten in die Verwendung des Kapitals hineinlegen, gerade dadurch wird immer wieder und wiederum im sozialen Organismus losgelöst das Fruchtbare der Kapitalwirkung von demjenigen, was Kapital im allgemeinen ist, und was auch sehr, sehr schädliche Folgen für das soziale Zusammenleben der Menschen haben kann. Das heißt, wir stehen im gegenwärtigen, geschichtlichen Augenblicke der Menschheit vor der Notwendigkeit, daß abgetrennt werden muß der Besitz des Kapitals von der Verwaltung des Kapitals. Das ist die eine Frage. Lassen wir sie zunächst so stehen. Wir werden gleich nachher sehen, welcher mögliche Lösungsversuch sich für diese Frage ergeben kann.
[ 17 ] Recovery can only be achieved if everything in the social organism that must be produced through the use of capital is not separated from the human personality and the individual abilities that underlie it. But it is precisely because capital is owned by people who do not apply their individual abilities to the use of that capital—precisely because of this—that, time and again, the productive effects of capital are detached within the social organism from what capital generally is, a separation that can have very, very harmful consequences for human social coexistence. This means that, at this present, historic moment in human history, we are faced with the necessity of separating the ownership of capital from the management of capital. That is one issue. Let us leave it at that for now. We will see shortly what possible solution might emerge for this issue.
[ 18 ] Das zweite ist die Frage nach der sozialen Bedeutung der menschlichen Arbeitskraft. Diese soziale Bedeutung der menschlichen Arbeitskraft sieht man ein, wenn man verfolgen kann, was im letzten Jahrzehnte durch die Seelen der proletarischen Bevölkerung gezogen ist, wenn man gesehen hat, wie einschlagend in diese Seelen dasjenige war, was ein Karl Marx und diejenigen, die in seiner Richtung gearbeitet haben, über diese menschliche Arbeitskraft gesagt haben. Was Karl Marx in seiner Theorie von dem Mehrwert gesagt hat, es schlug zündend ein in die Proletarierseelen! Warum? Weil Empfindungen in ihnen waren, die diese Frage nach der menschlichen Arbeitskraft zuammenbrachten mit den tiefsten Fragen nach der Menschenwürde und nach einem menschenwerten Dasein überhaupt. In solche Worte mußte Marx kleiden, was er über die soziale Bedeutung der menschlichen Arbeitskraft zu sagen hatte, welche besagten, daß die menschliche Arbeitskraft durch die moderne kapitalistische Wirtschaftsordnung bisher noch nicht befreit wurde von dem Charakter, eine Ware zu sein. Im Wirtschaftsprozeß zirkulieren Waren; aber im modernen Wirtschaftsprozeß zirkulieren nicht nur Waren; da folgen nicht nur Waren den Geboten des Angebotes und der Nachfrage, da kommen auf den Warenmarkt, der in diesem Falle Arbeitsmarkt heißen muß, auch die menschlichen Arbeitskräfte zum Angebot, und sie werden bezahlt, so wie sonst Waren bezahlt . werden. Derjenige, der seine menschliche Arbeitskraft zum Markte zu tragen hat, der empfindet, trotz des Vorhandenseins des modernen Arbeitsvertrages, das Entwürdigende für seinen Menschenwert, wenn er also die Arbeitskraft zur Ware gemacht sieht. Denn dieser moderne Arbeitsvertrag, er wird unter der Voraussetzung geschlossen, daß der Arbeitsleiter - in diesem Falle der Unternehmer - dem Arbeiter seine Arbeitskraft abnimmt gegen eine Entschädigung, die sich eben auf dem Wirtschaftsmarkte als notwendig erweist. Kurz: die Arbeitskraft wird zur Ware gemacht.
[ 18 ] The second is the question of the social significance of human labor. One can appreciate this social significance of human labor power by tracing what has stirred the souls of the proletarian population over the past decade, by seeing how profoundly what Karl Marx and those who followed in his footsteps said about human labor power resonated within those souls. What Karl Marx said in his theory of surplus value struck a fiery chord in the souls of the proletariat! Why? Because there were feelings within them that linked this question of human labor power to the deepest questions of human dignity and of a life worthy of human beings in general. Marx had to express in such words what he had to say about the social significance of human labor power—namely, that under the modern capitalist economic order, human labor power had not yet been liberated from its character as a commodity. Commodities circulate in the economic process; but in the modern economic process, it is not only commodities that circulate; it is not only commodities that follow the dictates of supply and demand—human labor power also enters the commodity market, which in this case must be called the labor market, and is paid for just as commodities are otherwise paid for. Those who must bring their labor power to the market feel, despite the existence of the modern employment contract, that their human dignity is degraded when they see their labor power turned into a commodity. For this modern employment contract is concluded on the premise that the employer—in this case, the business owner—purchases the worker’s labor power in exchange for compensation that is deemed necessary by the economic market. In short: labor power is turned into a commodity.
[ 19 ] Erst dadurch wird aber diese Frage gelöst werden können, daß man nicht stehenbleibt bei demjenigen, was Karl Marx ausgesprochen hat. Es wird heute eine Lebensfrage sein für das, was zu erreichen ist - sei es auf seiten der proletarischen Bevölkerung, sei es auf seiten der bürgerlichen leitenden, führenden Kreise -, gerade in diesem Punkte die Befreiung dadurch herbeizuführen, daß man in der richtigen Weise hinausgehen lernt über dasjenige, was Karl Marx der proletarischen Bevölkerung auf diesem Gebiete hat beibringen können. Wo auch heute Leute sind, die da glauben, mit ihrem sozialen Wollen ganz in der Richtung des Proletariats zu denken, immer und immer liegt ihnen doch die Empfindung zugrunde: derjenige, der sonst besitzlos ist, der nur seine Arbeitskraft hat, er muß eben auf Lohn ausgehen; das heißt, er muß seine Arbeitskraft zur Ware machen. Wie kann man am besten die Arbeitskraft zur Ware machen? so etwa wird die Frage formuliert, wie kann man sie am erträgnisreichsten machen? - Man wird niemals diese Frage in einer solchen Weise lösen, daß aus ihr nicht neue soziale Erschütterungen hervorgehen können, wenn man nicht die entgegengesetzte Forderung aufstellt: Wie kann menschliche Arbeitskraft überhaupt des Charakters der Ware entkleidet werden? Wie ist eine soziale Organisation möglich, in welcher die menschliche Arbeitskraft fortan keine Ware mehr ist? - Der Tatbestand des Arbeitens ergibt ja im eigentlichen Sinne doch das folgende. Durch die gemeinsame - nennen wir es jetzt Arbeit -, durch die gemeinsame Arbeit des handwerklich Arbeitenden und des geistig Leitenden entsteht ein Produkt. Die Frage ist diese: Wodurch kann diese gemeinsame Erzeugung eines Produktes für den Warenmarkt in ein befriedigendes Verhältnis gebracht werden zu dem, was man heute den Arbeitnehmer, und zu dem, was man heute den Arbeitgeber nennt?
[ 19 ] However, this question can only be resolved by not stopping at what Karl Marx said. Today, it will be a matter of life and death for what is to be achieved—whether on the part of the proletarian population or on the part of the bourgeois ruling and leading circles—to bring about liberation precisely on this point by learning to go beyond, in the right way, what Karl Marx was able to teach the proletarian population in this area. Even today, among those who believe their social aspirations are entirely aligned with those of the proletariat, there is always, time and again, an underlying assumption: that those who are otherwise propertyless, who possess nothing but their labor power, must rely on wages; that is, they must turn their labor power into a commodity. “What is the best way to turn labor power into a commodity?”—this is how the question is typically framed—“How can it be made most profitable?”—One will never resolve this question in a way that does not give rise to new social upheavals unless one poses the opposite question: “How can human labor power be stripped of its character as a commodity altogether?” How is a social organization possible in which human labor power is no longer a commodity?—The reality of work, after all, amounts to the following in the strictest sense. Through the joint—let us now call it work—through the joint work of the manual laborer and the intellectual leader, a product is created. The question is this: How can this joint production of a product for the commodity market be brought into a satisfactory relationship with what we today call the employee and what we today call the employer?
[ 20 ] Dies sind doch die zwei bedeutungsvollsten Fragen, die heute über das ganze internationale Völkerleben hin aufgeworfen werden können und müssen: Was steckt in der Verwendung des Kapitals im menschlichen sozialen Leben? Was steckt auf der anderen Seite in dem Hineinfließen der menschlichen Arbeitskraft in dieses soziale menschliche Leben?
[ 20 ] These are, after all, the two most significant questions that can and must be raised today regarding the entire spectrum of international life: What is the significance of the use of capital in human social life? And, conversely, what is the significance of the contribution of human labor to this social life?
[ 21 ] Der Arbeiter heute - betrachten wir seine Lage -, er kann, wenn er das eben auch nicht ausspricht, wenn auch Marx nicht gelernt hat, in dieser Richtung zu Ende zu denken, der Arbeiter kann empfinden: Mit dem Unternehmer gemeinsam verfertige ich mein Produkt. Dasjenige, was an der Arbeitsstätte erzeugt wird, das geht von uns beiden aus. Darum kann es sich nur handeln: welche Teilung tritt ein zwischen dem, was man heute den Unternehmer nennt, und demjenigen, der heute der handwerklich Arbeitende ist? Und eine solche Teilung muß eintreten, welche nach beiden Seiten hin befriedigend sein kann im unmittelbaren konkreten Falle.
[ 21 ] The worker today—let us consider his situation—may, even if he does not say so outright, even if Marx did not learn to think this through to its logical conclusion, feel that: Together with the entrepreneur, I produce my product. What is produced at the workplace comes from both of us. That is the only question at hand: what division exists between what we today call the entrepreneur and the person who is today a skilled craftsman? And such a division must exist—one that can be satisfactory to both sides in the immediate, concrete case.
[ 22 ] Was ist denn eigentlich heute das Verhältnis, das sich abspielt zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer? Ich will nicht in agitatorische Phrasen hinein verfallen. Nüchtern aber wollen wir dieses ganze Verhältnis betrachten, nüchtern, wie es - allerdings nicht einmal in klaren Begriffen - von dem heutigen Proletarier formuliert wird, wie es aber in den unterbewußten Empfindungen dieser Proletarier ganz tief und intensiv sitzt. Da der Arbeiter durch die wirtschaftliche Macht des Unternehmers nicht in der Lage ist, über dasjenige, was sie gemeinsam als Ware erzeugen, oder was das gemeinsame Erträgnis dieser Ware ist, darüber, wieviel dem einen und dem anderen zufällt, einen Vertrag abzuschließen, da er nur in der Lage ist, einen Arbeitsvertrag abzuschließen, so gerät der Arbeiter in eine Seelenverfassung hinein, die ihm die Empfindung gibt, daß im Grunde genommen niemals irgendwelche Arbeitskraft verglichen werden kann mit irgendeiner Ware. Und doch spricht man heute davon, daß man im Wirtschaftsprozeß Ware gegen Ware beziehungsweise ihren Repräsentanten, das Geld, austauscht. Und man spricht auch davon, daß man Ware beziehungsweise ihren Repräsentanten, das Geld, gegen menschliche Arbeitskraft austauscht. So bekommt der Arbeiter heute die Empfindung, er arbeite zwar gemeinsam mit dem Unternehmer an der Erzeugung der Waren, werde aber eigentlich übervorteilt, indem ihm der ihm zustehende Teil eben nicht zukommt.
[ 22 ] What, exactly, is the relationship between employer and employee today? I do not wish to resort to inflammatory rhetoric. But let us examine this entire relationship soberly—soberly, as it is formulated—albeit not even in clear terms—by today’s proletarian, and as it lies deeply and intensely embedded in the subconscious feelings of these proletarians. Since the worker, due to the economic power of the employer, is not in a position to enter into a contract regarding what they jointly produce as a commodity, or what the joint proceeds of that commodity are, or how much is allocated to one and the other—since he is only in a position to enter into an employment contract— the worker falls into a state of mind that gives him the feeling that, fundamentally speaking, no labor power can ever be compared to any commodity. And yet today people speak of exchanging commodities for commodities—or rather, for their representative, money—in the economic process. And it is also said that commodities—or their representative, money—are exchanged for human labor. Thus, workers today feel that, although they work alongside the entrepreneur to produce commodities, they are in fact being shortchanged because they do not receive the share to which they are entitled.
[ 23 ] Dadurch wird man schon hingewiesen darauf, daß die individuellen menschlichen Fähigkeiten, die sich des Kapitals bedienen müssen, eigentlich auf einer schiefen Ebene laufen. Denn was diese individuellen menschlichen Fähigkeiten zuwege bringen, indem sie aus der menschlichen Geistes- oder Körperkraft heraus das Kapital verwalten, das empfindet ein großer Teil der Menschheit als Übervorteilung, als eine Art Betrug. Ob das nun berechtigt ist oder nicht, darüber wollen wir augenblicklich nicht nachforschen; aber empfunden wird es so. Und in der Empfindung bildet es die Grundlage für die lautsprechenden Tatsachen der Gegenwart.
[ 23 ] This already points to the fact that individual human abilities, which must make use of capital, are actually operating on an uneven playing field. For what these individual human abilities accomplish—by managing capital through human mental or physical power—is perceived by a large portion of humanity as exploitation, as a kind of fraud. Whether this perception is justified or not is not something we wish to investigate at this moment; but that is how it is perceived. And in this perception, it forms the basis for the glaring realities of the present.
[ 24 ] Damit aber wird man darauf gewiesen, daß die individuellen Fähigkeiten der Menschen in etwas wurzeln müssen, das in einer schiefen Art sich heute in den sozialen Organismus hineinstellt, oder wenigstens hineinstellen kann. Diese Verwertung der individuellen Fähigkeiten des Menschen, sie ist verbunden heute im modernen kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb mit dem Aneignen des Besitzes der Produktionsmittel; sie ist dadurch verbunden mit dem Aneignen einer bestimmten wirtschaftlichen Gewalt, einer wirtschaftlichen Übermacht. Dasjenige aber, was sich in einer Gewalt ausdrücken kann, was sich in dieser Übermacht eines Menschen über den anderen ausdrücken kann, das ist nichts anderes, als was im menschlichen Leben ein Rechtsverhältnis ausmacht.
[ 24 ] This, however, points to the fact that people’s individual abilities must be rooted in something that, in a distorted way, is—or at least can be—incorporated into the social organism today. This exploitation of human individual abilities is linked today, in the modern capitalist economic system, to the appropriation of the means of production; it is thereby linked to the appropriation of a certain economic power, an economic supremacy. But that which can be expressed as power, that which can be expressed in this supremacy of one person over another, is nothing other than what constitutes a legal relationship in human life.
[ 25 ] Wer nun einmal den Blick darauf lenkt, wie sich in merkwürdiger Weise ein Rechtsverhältnis verquickt mit der Anwendung individueller menschlicher Fähigkeiten, der wird vielleicht, wie es dem gegangen ist, der hier zu Ihnen spricht, seinen Blick richten müssen auf etwas, was tiefer in der ganzen Natur des sozialen Organismus begründet ist als die Dinge, die man heute sehr häufig sucht. Es liegt ja nahe, von solchen Voraussetzungen aus zu fragen: Wie ist Recht und wie ist Aufwendung individueller menschlicher Fähigkeiten, die immerzu aufs neue produktiv sein müssen, die aus ihrem Urquell im Menschen immer wieder aufs neue hervorkommen müssen, wie ist Verwertung individueller Fähigkeiten im sozialen Organismus begründet?
[ 25 ] Anyone who takes the time to consider how, in a remarkable way, a legal relationship intertwines with the application of individual human abilities may—as has happened to the one speaking to you here—find themselves compelled to turn their gaze to something rooted more deeply in the very nature of the social organism than the things people so often seek today. It stands to reason, given such premises, to ask: How is law—and how is the application of individual human abilities, which must continually be productive anew, which must continually spring forth anew from their original source within the human being—how is the utilization of individual abilities grounded in the social organism?
[ 26 ] Wer sich einen unbefangenen Blick auf das menschliche Leben bewahrt hat, der wird allmählich dann zur Einsicht kommen, daß in einem sozialen Organismus drei ganz verschiedene, ursprüngliche Quellen des menschlichen Lebens zu unterscheiden sind. Diese drei ursprünglichen Quellen des menschlichen Lebens, sie fließen ganz natürlich im sozialen Organismus zusammen, sie wirken zusammen. Aber die Art und Weise, wie sie zusammen wirken, wird man nur ergründen können, wenn man vermag, auf die Wirklichkeit des Menschen als solchen hinzuschauen, der eine Einheit, ein einheitliches Wesen innerhalb der sozialen Dreiheit sein muß.
[ 26 ] Anyone who has retained an unbiased view of human life will gradually come to realize that within a social organism, three entirely distinct, primordial sources of human life can be distinguished. These three primordial sources of human life flow together quite naturally within the social organism; they interact. But the manner in which they interact can only be fathomed if one is able to look at the reality of the human being as such, who must be a unity, a unified being within the social triad.
[ 27 ] Im sozialen Organismus sind zunächst einmal diese individuellen menschlichen Fähigkeiten vorhanden. Und wir können ihr Gebiet verfolgen von den höchsten geistigen Leistungen des Menschen in der Kunst, in der Wissenschaft, im religiösen Leben bis herab zu jener Form der Anwendung individueller menschlicher Fähigkeiten, wie sie mehr oder weniger im Seelischen oder im Körperlichen begründet sind, bis zu jener Anwendung individuell-menschlicher Fähigkeiten, die im gewöhnlichsten, im materialistischen Prozesse verwendet werden müssen, der auf kapitalistischer Grundlage beruht, bis in den Wirtschaftsprozeß hinein, den man gewöhnlich mit einem absprechenden Worte den materiellen Bereich nennt. Bis da hinein läßt sich eine einheitliche Strömung von den sonstigen Geistesleistungen herunter verfolgen. Innerhalb dieses Gebietes beruht dann alles auf der entsprechenden, auf der fruchtbaren Anwendung dessen, was immer von neuem aus den Urquellen der menschlichen Natur herausgehoben werden muß, wenn es in der richtigen Weise hineinfließen soll in den gesunden sozialen Organismus.
[ 27 ] In the social organism, these individual human abilities are present to begin with. And we can trace their scope from humanity’s highest intellectual achievements in art, in science, in religious life, all the way down to that form of application of individual human abilities which is rooted more or less in the soul or in the body, to that application of individual human abilities which must be employed in the most ordinary, materialistic processes based on a capitalist foundation, and into the economic process that is usually disparagingly referred to as the “material realm.” A unified current can be traced from other intellectual achievements all the way down to this point. Within this realm, everything then depends on the appropriate, fruitful application of whatever must continually be drawn anew from the primordial sources of human nature if it is to flow in the right way into the healthy social organism.
[ 28 ] Ganz anders lebt im gesunden sozialen Organismus alles das, was sich auf das Recht begründet. Denn dieses Recht ist etwas, was sich abspielt zwischen Mensch und Mensch einfach dadurch, daß der Mensch eben im allgemeinen Mensch ist. Wir müssen die Möglichkeit haben, im sozialen Leben unsere individuellen Fähigkeiten auszugestalten. Je besser wir sie ausgestalten, desto besser für die Allgemeinheit des sozialen Organismus. Je mehr wir Freiheit haben im Herausholen und im Verwerten unserer individuellen Fähigkeiten, desto besser für den sozialen Organismus. Schroff steht dem gegenüber im wirklichen Leben für jeden, der nicht von Theorien, von Dogmen ausgeht, der das wahre Leben zu beobachten in der Lage ist, alles das, was als Recht spielen muß zwischen Menschen. Da kommt nichts anderes in Betracht als das, worin alle Menschen sich einander gleich gegenüberstehen.
[ 28 ] In a healthy social organism, everything based on justice functions quite differently. For this justice is something that takes place between people simply because people are, in general, human beings. We must have the opportunity to develop our individual abilities in social life. The better we develop them, the better it is for the social organism as a whole. The more freedom we have to bring out and utilize our individual abilities, the better it is for the social organism. In real life, however, this stands in stark contrast to the reality faced by anyone who does not start from theories or dogmas, but is able to observe true life—everything that must play out as justice between people. There is nothing else to consider but that in which all people stand equal before one another.
[ 29 ] Und ein Drittes, was im menschlichen sozialen Zusammenleben spielt, was wiederum total verschieden ist von den beiden anderen den individuellen menschlichen Fähigkeiten, die aus den Ungleichheiten der menschlichen Natur kommen, dem Recht, das aus dem Rechtsbewußtsein kommt -, das ist das menschliche Bedürfnis, das aus den Naturgrundlagen des körperlichen und seelischen Lebens kommt, und das im Kreislauf des Wirtschaftslebens durch Produktion, durch Zirkulation und Konsumtion seine Befriedigung finden muß.
[ 29 ] And a third factor at play in human social coexistence—which, in turn, is entirely different from the other two: individual human abilities, which stem from the inequalities of human nature, and law, which stems from a sense of justice—is the human need that arises from the natural foundations of physical and mental life, and which must be satisfied within the cycle of economic life through production, circulation, and consumption.
[ 30 ] Diese Dreigliederung des sozialen Organismus hat nicht irgendein abstraktes Denken zustande gebracht, diese Dreigliederung ist da. Und die Frage kann nur sein: Wie kann diese Dreigliederung in der entsprechenden Weise reguliert werden, so daß nicht ein kranker, sondern ein gesunder sozialer Organismus herauskommt? Da führt denn - und ich kann in diesen Andeutungen selbstverständlich nur Ergebnisse anführen -, da führt denn ein unbefangenes Betrachten des sozialen Organismus dazu, sich zu sagen: Gerade die Verkennung dieser radikalen Verschiedenheit der drei Quellen des sozialen Lebens im Verlaufe der neueren geschichtlichen Entwickelung hat zu der Erörterung geführt, in der wir heute schon drinnenstehen, und in der wir immer mehr und mehr drinnenstehen werden. In einer unrechtmäßigen Weise sind im Laufe der neueren Zeit diese drei Strömungen des menschlichen Zusammenwirkens vermengt worden.
[ 30 ] This threefold structure of the social organism did not arise from some abstract line of thought; it simply exists. And the question can only be: How can this threefold structure be regulated in the appropriate way so that the result is not a sick social organism, but a healthy one? In this regard—and of course I can only cite findings in these remarks—an unbiased observation of the social organism leads one to say: It is precisely the failure to recognize this radical difference between the three sources of social life in the course of recent historical development that has led to the debate in which we are already engaged today, and in which we will become increasingly involved. In recent times, these three currents of human interaction have been improperly conflated.
[ 31 ] Wodurch hat es begonnen? Als in der neueren Zeit das wirtschaftliche Leben, ich möchte sagen, den Blick wie hypnotisiert in Anspruch nahm, da hat man es im Fortschritt der Menschheit begründet gefunden, mit dem rein politischen Staate - der es ja zu tun hat mit dem, worin alle Menschen gleich sind, mit dem eigentlichen Rechte - zu verschmelzen zunächst gewisse Wirtschaftszweige, besonders das Telegraphenwesen, Eisenbahnwesen und so weiter, also diejenigen Wirtschaftszweige, welche als die geeignetsten erschienen, mit dem Staate verquickt zu werden, auf den ja auch, wie auf das Wirtschaftsleben, der menschliche Blick wie hypnotisiert hingerichtet war. Und was tut im Grunde genommen der sozialistisch Denkende von heute? Er tritt nur das Erbe des bürgerlichen Denkens in dieser Beziehung an. Fr will, daß nun nicht bloß gewisse einzelne geeignet erscheinende Wirtschaftszweige verstaatlicht oder vergesellschaftet werden. Er will entweder den gesamten Besitz oder den gesamten Berrieb sozialisieren, vergesellschaften. Er will nur die letzte Konsequenz desjenigen ziehen, was da getan worden ist.
[ 31 ] How did it all begin? When, in more recent times, economic life—I might say—captured people’s attention as if under a spell, it was seen as a step forward for humanity to merge certain economic sectors—particularly the telegraph system, railroads, and so on—that is, those sectors of the economy that seemed best suited to be integrated with the state, upon which, just as upon economic life, the human gaze was fixed as if hypnotized. And what, in essence, does today’s socialist thinker do? He merely takes up the legacy of bourgeois thought in this regard. He wants not merely certain individual economic sectors that appear suitable to be nationalized or socialized. He wants to socialize either all property or all production. He merely wishes to draw the ultimate conclusion from what has already been done.
[ 32 ] Nun könnte man vieles anführen. Man braucht nur auf äußerem politischem Gebiet anzuführen, welche Rolle unter den verhängnisvollen Kriegsursachen, wie sie sich seit Jahren vorbereitet haben, dasjenige spielt, was ich zu bezeichnen brauche mit dem einzigen Wort «Bagdadbahn». Solche Dinge ließen sich zu Hunderten und Hunderten anführen. Was bedeuten solche Dinge? Solche Dinge bedeuten ein Zusammenwachsen wirtschaftlicher Interessen mit dem reinen Staatsinteresse. So daß zuletzt das herauskommt, daß die Verwalter des Staatslebens sich dazu hergeben müssen, die Dienste, die ihnen vermöge ihrer Macht möglich sind, wirtschaftlichen Interessen folgend, zu leisten. Und in die Konflikte der wirtschaftlichen Interessen werden die politischen Interessen der Staaten auf diese Weise hineingezogen. Die ganze Konfiguration der Staaten hat in der neueren Zeit diese Vermengung des Wirtschaftslebens mit dem politischen Leben gezeigt.
[ 32 ] Now, one could cite many examples. One need only point out, in the realm of foreign policy, the role played—among the fateful causes of war that have been brewing for years—by what I must describe with a single word: “the Baghdad Railway.” Hundreds upon hundreds of such examples could be cited. What do such things mean? They mean the intertwining of economic interests with the pure interests of the state. The result is that, ultimately, those who administer public life are compelled to use the powers at their disposal to serve economic interests. And in this way, the political interests of states are drawn into the conflicts of economic interests. The entire structure of states in recent times has demonstrated this intermingling of economic life with political life.
[ 33 ] Wer gerade das mitteleuropäische Leben von diesem Gesichtspunkte aus betrachten konnte - wie derjenige, der heute zu Ihnen spricht, es auf österreichischem Gebiete betrachten konnte -, der weiß, daß viel zu dem, was heute den österreichischen Staat ausgelöscht hat aus dem Kreise des Bestehenden, dasjenige beigetragen hat, woran die Leute am wenigsten denken. Als man in den sechziger Jahren in Österreich daran dachte, ein Verfassungsleben einzurichten, wurde dieses Verfassungsleben darauf begründet, daß man eigentlich für die Staatskonfiguration das bloße Wirtschaftsleben herangezogen hat. Für den österreichischen Reichsrat war das Wählen so eingerichtet, daß vier Wahlkurien wählten: die der Großgrundbesitzer, die der Handelskammern, die der Städte, Märkte und Industrialorte sowie die der Landgemeinden, lauter wirtschaftliche Gemeinschaften. Was aus diesen wirtschaftlichen Gemeinschaften heraus gewählt wurde, das machte in Österreich das Recht. Was da als Recht aus den rein wirtschaftlichen Interessen heraus entstand, das konnte selbstverständlich nicht zurechtkommen mit etwas, was aus geistig-individuellen Unterlagen der Menschheit heraus kommt: mit den Völkerinteressen des sogenannten österreichischen Staates. Und so verquickten sich die Dinge in der Weise, daß? zum Recht gemacht wurde, was die von den vier Wirtschaftskurien Gewählten in einem Scheinstaate aus ihren wirtschaftlichen Interessen heraus zum Recht machen wollten. Das wiederum konfundierte sich mit dem, was man aus den Empfindungen der neueren Zeit heraus besonders gern konfundiert, das konfundierte sich mit den geistigen Interessen und Aspirationen der Menschheit, mit all dem, was man nennen kann den ganzen Umfang des geistigen Lebens.
[ 33 ] Anyone who was able to view Central European life from this perspective—as the person speaking to you today was able to do in Austria—knows that much of what has now wiped the Austrian state from the face of the earth was brought about by the very thing people think about the least. When, in the 1860s, Austria considered establishing a constitutional system, that system was based on the fact that the configuration of the state was actually derived solely from economic life. For the Austrian Imperial Council, the electoral system was structured so that four electoral colleges cast votes: those of the large landowners, the chambers of commerce, the cities, market towns, and industrial centers, and the rural communities—all of them economic communities. Whatever was elected from these economic communities constituted the law in Austria. What emerged as law from purely economic interests could, of course, not reconcile with something arising from humanity’s spiritual and individual foundations: the national interests of the so-called Austrian state. And so things became intertwined in such a way that… what those elected by the four economic electoral colleges sought to establish as law—based on their economic interests within a sham state—was made into law. This, in turn, became conflated with what people, particularly in recent times, are so fond of conflating—it became conflated with the spiritual interests and aspirations of humanity, with everything that can be called the entire scope of spiritual life.
[ 34 ] Wenn auf der einen Seite das Wirtschaftsleben einbezogen ist in das moderne Staatsleben, so ist auf der anderen Seite einbezogen worden in dieses Staatsleben das gesamte geistige Leben. Man hat ja auch darin dasjenige gesehen, was gerade im Sinne des modernen Menschheitsfortschrittes liegt. Alles geistige Leben nach und nach zu einem Gliede des politischen Staatslebens zu machen, das wurde das Ideal. Wieviel ist heute noch frei geblieben? Einzelne Zweige der Kunst und einzelne Zweige der Wissenschaft, die von denjenigen besorgt werden, die nicht von einem Staate angestellt werden mögen, und ähnliches. Man hat heute noch keinen Sinn dafür, daß geistiges Leben seine Wirklichkeit nur dann dem sozialen Organismus in der richtigen Weise eingliedern kann, wenn dieses geistige Leben völlig emanzipiert von allem übrigen Leben auf sich selbst gestellt ist, wenn es sich selbst seine Verwaltung, seine Struktur geben kann. Während man in der neueren Zeit immer mehr und mehr danach strebte, das ganze Schulwesen zu verstaatlichen, liegt es in den Entwickelungskräften gerade des modernen Menschen, auf diesem Gebiete eine völlige Umkehr zu bewirken. Man stelle sich nur einmal vor: Wenn der unterste Lehrer nicht der Diener des Staates ist, sondern wenn der unterste Lehrer sich hineinzustellen weiß in ein frei organisiertes Geistesleben, sich hineinzustellen weiß in einen geistigen Organismus, wie anders er dasjenige, was er zu leisten vermag, dann gerade der Einheit des menschlichen sozialen Organismus eingliedern kann, wie anders, als wenn der Staat von ihm fordert, was er zu tun oder zu lassen hat, was er dem werdenden Menschen beizubringen hat!
[ 34 ] Just as economic life has been integrated into modern political life, so too has the entirety of intellectual life been integrated into that political life. Indeed, this was seen as precisely what was in the spirit of modern human progress. The ideal became to gradually make all spiritual life a part of political state life. How much of it remains free today? Individual branches of art and individual branches of science, pursued by those who do not wish to be employed by the state, and the like. Even today, there is still no understanding that intellectual life can only properly integrate itself into the social organism if it is completely emancipated from all other aspects of life and left to its own devices—if it can establish its own administration and structure. While in recent times there has been an ever-increasing drive to nationalize the entire school system, it is precisely in the developmental forces of modern humanity that the potential lies to bring about a complete reversal in this area. Just imagine for a moment: If the lowest-ranking teacher is not a servant of the state, but rather if the lowest-ranking teacher knows how to place himself within a freely organized spiritual life, knows how to place himself within a spiritual organism, how differently he can then integrate what he is capable of accomplishing and integrate it precisely into the unity of the human social organism—how different this would be from a situation where the state dictates to him what he must or must not do, and what he must teach the developing human being!
[ 35 ] Diejenigen, welche über diese Dinge urteilen, die glauben vielleicht aus mancherlei üblen Erfahrungen, die gemacht worden sind, daß die Leute, die zum Beispiel die Wissenschaft zu besorgen haben, von der wieder so viel abhängt, nach gewissen Rücksichten angestellt werden. Aber die Wissenschaft selbst und ihre Lehre sind frei. Solche Gesetze findet man ja in den verschiedensten Staaten. Und daß dies so sei, behaupten ja auch viele Leute. Wer die Dinge wirklich kennt, der weiß, daß nicht nur in bezug auf die Anstellung, nicht nur in bezug auf die Verwaltung der geistigen Ämter diese Überschreitungen eintreten, sondern auch in der Arbeit selbst. Freies Geistesleben, das kraftvoll mit seiner eigenen Wirklichkeit sich hineinstellen kann in den gesunden sozialen Organismus, das muß sich auch frei und abgesondert vom staatlichen und Wirtschaftsleben als auf sich selbst gestellt entwickeln können.
[ 35 ] Those who pass judgment on these matters may believe—perhaps based on various negative experiences that have occurred—that people who, for example, are responsible for science, on which so much depends, are appointed according to certain considerations. But science itself and its teachings are free. Such laws are found in a wide variety of countries. And many people assert that this is indeed the case. Anyone who truly understands these matters knows that these transgressions occur not only in regard to appointments, not only in regard to the administration of intellectual offices, but also in the work itself. A free spiritual life—one that can powerfully engage with its own reality within a healthy social organism—must also be able to develop freely and independently of state and economic life, as a self-contained entity.
[ 36 ] Ich kenne die billigen Einwände, die gemacht werden können: «Wenn wiederum die Schule befreit sein wird von dem Staatszwange, wenn jeder seine Kinder in die Schule schicken kann aus dem Eifer, den er für die geistige Bildung hat, dann kehren wir wieder in den Analphabetismus zurück.» Menschen, die so sprechen, rechnen mit alten Empfindungen in modernen Verhältnissen. Wir werden gleich sehen, wie diese modernen Verhältnisse ganz anderes bewirken, als diese Menschen mit den alten Empfindungen vermuten. Dasjenige aber ergibt sich - es muß vorausgeschickt werden -, daß die wirkliche Wahrheit nur leben kann im sozialen Organismus, wenn die notwendige Gliederung auch vorhanden ist und das folgende umfaßt: den geistigen Organismus, der auf die individuellen körperlichen und seelischen Fähigkeiten der Menschen gebaut ist was wir auch das geistige Leben in seinem vollen Umfange nennen könnten; den Rechtsorganismus, der das Gebiet des eigentlichen politischen Staates umfaßt; und den Kreislauf der Wirtschaftsprozesse, in dem bloß Warenproduktion, -zirkulation und -konsumtion besorgt werden.
[ 36 ] I am familiar with the cheap objections that might be raised: “If schools are once again freed from state coercion, if everyone can send their children to school out of a desire for intellectual development, then we will return to illiteracy.” People who speak this way are applying old ways of thinking to modern circumstances. We will soon see how these modern circumstances bring about results quite different from what these people with their old ways of thinking assume. It must be stated at the outset, however, that the real truth can only thrive within the social organism if the necessary structure is in place and encompasses the following: the spiritual organism, which is built upon the individual physical and mental capacities of human beings—what we might also call spiritual life in its full scope; the legal organism, which encompasses the realm of the political state proper; and the cycle of economic processes, in which the production, circulation, and consumption of goods are carried out.
[ 37 ] Man glaube nicht, daß dadurch die Einheit des Lebens zerstört wird. Im Gegenteil, ein jedes dieser Glieder des gesunden sozialen Organismus wird gerade dadurch wieder gesund werden, daß es seine Kräfte aus sich selbst bekommt und jedes Glied dem anderen die entsprechende Beisteuer geben kann. Und so muß von demjenigen, der auf die Gesundung unserer sozialen Verhältnisse hinsteuert, gefordert werden die Verselbständigung dieser drei Glieder, die ein wirres Denken und ein wirres Handeln in dem letzten Jahrhunderte zusammengeschmolzen hat, also die Verselbständigung dieser drei Glieder: des geistigen Lebens, des Rechtslebens und des Lebens, das den Kreislauf des Wirtschaftsprozesses umfaßt.
[ 37 ] One should not believe that this will destroy the unity of life. On the contrary, each of these parts of a healthy social organism will regain its health precisely because it draws its strength from within itself and each part can provide the others with the appropriate support. And so, those who seek to restore our social conditions must strive for the autonomy of these three components—which have been fused together by confused thinking and confused action over the past century—that is, the autonomy of these three components: intellectual life, legal life, and the life that encompasses the cycle of the economic process.
[ 38 ] Der Staat kann nicht Wirtschafter sein. Das wirtschaftliche Leben muß notwendig nach seinen eigenen Verhältnissen auf seine eigene Grundlage gestellt werden. Im wirtschaftlichen Leben hat sich dies auch bis zu einem gewissen Grade herausgebildet im genossenschaftlichen, im gewerkschaftlichen Leben. Aber dieses genossenschaftliche, gewerkschaftliche Leben ist immer wieder in ungehöriger Weise verquickt worden mit Rechtsverhältnissen. Dasjenige, was notwendig ist im wirtschaftlichen Leben, ist das Assoziationenwesen, also die Zusammenschließung gewisser Menschenkreise nach den Bedürfnissen des Konsums und der dazu notwendigen Produktion, die Zusammenschließung von Menschen nach Berufsinteressen und die Verwaltung desjenigen, was innerhalb dieser Kreise zirkuliert nach entsprechenden menschlichen Bedürfnissen, wie es sich nur aus einem sachverständigen Urteil des Wirtschaftslebens selbst ergeben kann.
[ 38 ] The state cannot act as an economic manager. Economic life must necessarily be based on its own conditions and founded on its own principles. In economic life, this has also emerged to a certain extent in cooperative and labor union activities. But these cooperative and labor union activities have repeatedly been improperly intertwined with legal relationships. What is necessary in economic life is the system of associations—that is, the coming together of certain groups of people according to the needs of consumption and the production required to meet those needs, the coming together of people based on professional interests, and the management of what circulates within these groups in accordance with corresponding human needs, as can only result from an expert assessment of economic life itself.
[ 39 ] In dieses Leben spielen nun die Wirkungen der menschlichen Arbeitskraft hinein, spielen hinein die Wirkungen des Kapitals. Ich kann nur in einigen Linien andeuten, wie diese Wirkungen sich bilden. Die Verwendung der menschlichen Arbeitskraft im sozialen Organismus besteht in dem Verhältnisse desjenigen, der handwerklich arbeitet, zu irgendeinem geistigen Leiter, der sich des Kapitals bedienen muß, indem er irgendeinen wirtschaftlichen Betrieb oder überhaupt irgend etwas dem sozialen Organismus Nutzbringendes verwaltet. Dieses Verhältnis kann nur ein Rechtsverhältnis sein. Das Verhältnis, das der Arbeiter zu dem Unternehmer einnimmt, muß sich auf ein Recht begründen. Das muß auf einem anderen Boden begründet werden, als auf dem Boden des Wirtschaftslebens selbst. Dadurch wird ein radikal anderes herbeigeführt, als wir es heute haben. Aber man muß heute gegenüber den radikalen Tatsachen auch zu radikalen Urteilen kommen. Das Wirtschaftsleben ist heute auf der einen Seite abhängig von der Naturgrundlage. Dieser muß der Mensch mit sachverständigem Urteil gegenüberstehen. Er kann in einer gewissen Weise das eine oder andere Bodenstück durch seinen Fleiß und die Technik fruchtbar machen, aber nur innerhalb gewisser Grenzen. Er ist in weitem Maße abhängig von seiner Naturgrundlage. Ebenso wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite von der Naturgrundlage abhängig ist, ebenso muß es abhängig werden von dem, was festgestellt werden muß auf der Grundlage des Rechtsstaates, in dem Zusammenwirken aller Menschen, gleichgültig welche Art von Arbeit sie betreiben. Ob sie geistige oder Handarbeiter sind, sie gehen auf dem Boden des Rechtsstaates ein Verhältnis ein in dem die Gleichheit der Menschen untereinander in Betracht kommt. Und es wird festgestellt, jetzt nicht in assoziativer Weise, wie es im Wirtschaftsleben sein muß, sondern in rein demokratischer Weise, in einer Weise, die die Wirkungen auf dem politischen Gebiete des Staates für alle Menschen gleich macht vor dem Gesetze. Da wird das festgelegt, was sich auf die Verwertung der menschlichen Arbeitskraft bezieht, festgelegt, was sich auf das Verhältnis vom Arbeiter zum Leiter bezieht. Da kann nur festgesetzt werden ein Maximal- oder Minimalarbeitstag und die Art der Arbeit, die ein Mensch leisten kann. Dasjenige, was festgesetzt wird - das muß beachtet werden -, wird zurückwirken auf den Volkswohlstand. Wenn irgendein Produktionszweig nicht gedeihen sollte, aus dem Grunde, weil für ihn zu viel rechtlich unmögliche Arbeit gefordert wird, so soll sie nicht geleistet werden; dann soll auf andere Weise Abhilfe geschaffen werden. Das Wirtschaftsleben soll auf beiden Seiten an die Grenzen kommen: auf der einen Seite an die Grenze seiner naturwissenschaftlichen Grundlage, auf der anderen Seite an die Grenze des Rechtes. Kurz, wir kommen von dem einen Glied des sozialen Organismus zu dem anderen Glied, dem politischen Staate, in dem im weitesten Umfange alles Rechtliche und alles dem Rechte Verwandte reguliert wird.
[ 39 ] The effects of human labor and the effects of capital now come into play in this life. I can only briefly outline how these effects take shape. The use of human labor in the social organism consists in the relationship between the manual laborer and some intellectual leader who must make use of capital by managing some economic enterprise or, indeed, anything that benefits the social organism. This relationship can only be a legal one. The relationship between the worker and the entrepreneur must be based on law. It must be founded on a basis other than that of economic life itself. This will bring about a situation radically different from what we have today. But in the face of today’s radical realities, we must also arrive at radical judgments. Economic life today is, on the one hand, dependent on natural resources. Human beings must approach these with expert judgment. To a certain extent, they can make one piece of land or another fertile through their diligence and technology, but only within certain limits. They are, to a large extent, dependent on these natural resources. Just as economic life depends, on the one hand, on natural resources, so too must it depend on what must be established on the basis of the rule of law, through the cooperation of all people, regardless of the type of work they perform. Whether they are intellectual or manual workers, they enter into a relationship within the framework of the rule of law in which the equality of all people is taken into account. And these matters are determined—not in an associative manner, as must be the case in economic life, but in a purely democratic manner, in a way that ensures equal treatment for all people before the law in the political sphere of the state. Here, provisions are established regarding the utilization of human labor and the relationship between workers and managers. Only a maximum or minimum workday and the type of work a person can perform can be established. What is established—and this must be taken into account—will have a retroactive effect on the nation’s prosperity. If any branch of production should fail to thrive because it demands too much work that is legally impossible, then such work should not be performed; then a remedy must be found by other means. Economic life must reach its limits on both sides: on the one hand, the limits of its scientific foundation; on the other hand, the limits of the law. In short, we move from one link in the social organism to the next—the political state—in which, to the greatest extent possible, everything legal and everything related to the law is regulated.
[ 40 ] Und wir kommen dann zum dritten Gliede, das sich wiederum aus seinen eigenen Verhältnissen und Bedürfnissen regulieren und Gesetze geben muß: das ist die Organisation des Geistigen. Das Geistige muß darauf beruhen, daß auf der einen Seite die freie Initiative des Menschen steht, so daß der Mensch in der Lage ist, im freien Geistesleben seine Kräfte individuell der Menschheit anzubieten. Auf der anderen Seite muß das freie Verständnis und das freie Entgegennehmen dieser Geisteskräfte liegen. Wie kann das sein? Das kann nur dadurch sein, daß bis in jene Verwendung des Geisteslebens, die sich ausdrückt in der Verwertung des Kapitals, das geistige Leben, das frei ist im Schulleben, in allen geistigen Zweigen, daß bis in die Verwendung des Kapitals hinein das geistige Leben einzig und allein verwaltet wird von der geistigen Organisation. Wie ist das möglich? Das ist nur dadurch möglich, daß nun wirklich jene Sozialisierung eintritt, die nicht dadurch eintreten kann, daß man die menschliche Gesellschaft zu einer einheitlichen Genossenschaft macht, bei der vielleicht nur wirtschaftliche Interessen sich geltend machen, und alles aus wirtschaftlichen Interessen organisiert werden soll. Gliedert sich ab in gesunder Weise der geistige Organismus, frei von den beiden anderen Zweigen, dem Staats- und dem Wirtschaftsorganismus, die angeführt worden sind, und ist man in der Lage, von jenem geistigen Organismus aus auch jene Verwaltung zu besorgen, die sich bezieht auf die Verwendung des Kapitals und das ganze Wirtschaftsleben, das heißt: werden ausgefüllt alle Stellen, die im Wirtschaftsleben notwendig sind, durch die Verwaltung der geistigen Organisation, wird der Mensch mit seinen individuellen Fähigkeiten in das Wirtschaftsleben hineingestellt von der geistigen Organisation aus, dann kommt man allein zu einer gesunden, fruchtbaren Sozialisierung. Denn nur damit ist man in der Lage, das, was der Besitz des privaten Kapitals ist, von der Verwaltung dieses Kapitals zugunsten des gesunden sozialen Organismus abzutrennen.
[ 40 ] And we then come to the third element, which in turn must regulate itself and establish its own laws based on its own circumstances and needs: this is the organization of the spiritual realm. Spiritual life must be based, on the one hand, on human free initiative, so that human beings are able to offer their individual powers to humanity within a free spiritual life. On the other hand, there must be free understanding and free reception of these spiritual powers. How can this be? It can only be achieved by ensuring that—all the way down to that aspect of spiritual life expressed in the utilization of capital, including the spiritual life that is free in school life and in all branches of the spirit—that spiritual life is administered solely and exclusively by the spiritual organization. How is this possible? It is possible only if that form of socialization truly takes place—one that cannot be achieved by turning human society into a uniform cooperative in which perhaps only economic interests prevail, and everything is to be organized according to economic interests. If the spiritual organism is structured in a healthy manner, free from the other two branches—the state and economic organisms—that have been mentioned, and if one is in a position to manage, from within that spiritual organism, the administration pertaining to the use of capital and the entire economic life, that is to say: if all the positions necessary in economic life are filled through the administration of the spiritual organization, and if people, with their individual abilities, are placed into economic life by the spiritual organization, then—and only then—can one achieve a healthy, fruitful socialization. For only in this way is one able to separate the ownership of private capital from the administration of that capital for the benefit of the healthy social organism.
[ 41 ] Was wird da eintreten? Nun, es wird mancherlei eintreten. Ich will nur beispielhaft einiges anführen. Es ist ganz selbstverständlich, daß der Mensch im Wirtschaftsprozesse privates Kapital, Eigentum erwirbt. Aber so wenig man die Verwertung dieses privaten Kapitals von der Verwertung der individuellen Fähigkeiten wird trennen dürfen unmittelbar, solange diese individuellen Fähigkeiten des Menschen tätig sein können, so sehr wird notwendig sein dann, wenn deren Tätigkeit aufhört, die Trennung des privaten Eigentums von dem Individuum vorzunehmen. Denn alles private Eigentum wird doch erworben durch das, was in den sozialen Kräften spielt, und es muß wiederum zurückströmen in den sozialen Organismus, aus dem es entnommen ist. Das heißt, es wird etwa eintreten müssen, daß ein Gesetz besteht aus dem Rechtsorganismus heraus - denn Besitz ist ein Recht, das Recht, irgendeinen Gegenstand oder irgend etwas ausschließlich zu benützen -, es wird ein Gesetz existieren müssen, daß dasjenige, was man erworben hat als privaten Besitz aus dem Wirtschaftsleben heraus, daß das - durch freie Verfügung allerdings desjenigen, der es erworben hat - nach einer gewissen Zeit wiederum zurückfallen muß an den geistigen Organismus, der dafür wiederum eine andere Individualität zu suchen hat, die es in entsprechender Weise verwerten kann.
[ 41 ] What will happen then? Well, all sorts of things will happen. I will cite just a few examples. It goes without saying that, in the course of economic activity, people acquire private capital and property. But just as one cannot directly separate the utilization of this private capital from the utilization of individual abilities as long as those individual abilities remain active, so too will it be necessary, once their activity ceases, to separate private property from the individual. For all private property is, after all, acquired through the forces at work in society, and it must in turn flow back into the social organism from which it was taken. This means that there will have to be a law arising from the legal system—for ownership is a right, the right to make exclusive use of a certain object or thing— there must be a law stipulating that whatever has been acquired as private property from economic life—albeit through the free disposal of the person who acquired it—must, after a certain period of time, revert to the spiritual organism, which in turn must seek out another individual capable of utilizing it in an appropriate manner.
[ 42 ] Etwas Ähnliches wird eintreten für allen Besitz, der heute vorhanden ist, wie für den Besitz gewisser geistiger Dinge, die man produziert, die ja dreißig Jahre nach dem Tode der allgemeinen Menschheit gehören. Man kann gar nicht sagen, daß man mehr Anrecht hat auf irgendeinen anderen Besitz als auf diesen geistigen Besitz. Wie lange es auch dauern darf, daß man das Erworbene behalten darf, der Zeitpunkt wird eintreten müssen, sei es für Erbschaftsbesitz oder anders erworbenen Besitz, wo durch freie Verfügung des Privatbesitzers dasjenige an den geistigen Organismus zurückkommt, was durch individuelle Arbeit in seinen Besitz übergegangen ist. Daneben wird sich das andere entwickeln, daß diejenigen, die aus dem Wirtschaftsprozeß sich Privatbesitz erwerben, sich auf freie Art, aus freiem Verständnisse denjenigen aussuchen können, den sie für individuell befähigt halten, irgend etwas zu betreiben. Das aber wird durch die Kraft des Rechtsstaates, des eigentlichen politischen Staates unmöglich gemacht werden, daß ein beträchtlicher Teil des Privateigentums auf den reinen Zins verfällt, durch den jemand in der Lage ist, ohne daß er individuelle Fähigkeiten aufwendet, die in den Wirtschaftsprozeß des Gesamtlebens hineingehen, private Arbeit und anderer Menschen Arbeit für sich zu verwenden. Möglich ist es, und möglich wird es durch diese drei Glieder gemacht, daß die menschliche Produktivität immer verbunden bleibt mit den individuellen Fähigkeiten des Menschen, mit denen sie sachgemäß verbunden sein muß.
[ 42 ] Something similar will happen with all property that exists today, as well as with certain intellectual works that are produced, which, after all, belong to all of humanity thirty years after one’s death. One cannot claim to have any greater right to any other property than to this intellectual property. No matter how long one may be permitted to retain what has been acquired, the time will inevitably come—whether for inherited property or property acquired in other ways—when, through the free disposition of the private owner, that which came into his possession through individual labor will be returned to the intellectual organism. In addition, another development will take place: those who acquire private property through economic activity will be able to freely choose, based on their own judgment, those whom they consider individually capable of carrying out a particular endeavor. However, the power of the constitutional state—the true political state—will prevent a significant portion of private property from devolving into pure rent, whereby someone is able, without contributing individual abilities to the economic process of society as a whole, to use private labor and the labor of others for their own benefit. It is possible—and it is made possible by these three elements—that human productivity will always remain linked to the individual abilities of human beings, to which it must properly be linked.
[ 43 ] Diese Dreigliederung des sozialen Organismus erscheint heute noch als ein radikaler Gedanke. Und doch, wer sich nicht bequemen wird zu diesem Gedanken, wer nicht den ersten Schritt zu dem Gipfel, den wir erklimmen müssen in der Gesellschaftsordnung, in dieser Richtung wird machen wollen, wer nicht einsieht, daß die unmittelbarsten, alleralltäglichsten, allernächsten Handhabungen mit dem Wissen von dieser Richtung entwickelt werden müssen, der wird nicht im Sinn der Menschheitsentwickelung, sondern der wird gegen diesen Sinn der Menschheitsentwickelung handeln. Wir stehen heute vor Tatsachen, die Urempfindungen der Menschen auf den Plan gefordert haben. Denen müssen wir die Urgedanken der menschlichen sozialen Ordnung entgegensetzen. Und ein solcher Urgedanke ist diese Dreigliederung.
[ 43 ] This threefold structure of the social organism still seems like a radical idea today. And yet, anyone who is not willing to come to terms with this idea, anyone who is not willing to take the first step in this direction toward the summit we must climb in the social order, anyone who does not realize that the most immediate, most everyday, and most immediate practical actions must be developed with knowledge of this direction—such a person will not be acting in the spirit of human development, but rather against it. Today we are faced with realities that have called upon people’s primal feelings. We must counter these with the primal ideas of the human social order. And one such primal idea is this threefold social order.
[ 44 ] Dieser Gedanke wird nun zunächst selbst von denjenigen, die ihn nicht für eine reine Utopie halten, sondern die sich vielleicht durchringen können dazu, ihn für etwas ganz Praktisches zu halten, er wird selbst von denen nur für etwas gehalten werden können, was sich auf das Innere der Staaten bezieht.
[ 44 ] This idea will now, at first, even by those who do not consider it a mere utopia—but who might perhaps bring themselves to regard it as something quite practical—will even by them be regarded only as something that pertains to the internal affairs of states.
[ 45 ] Und jetzt wird man fragen: Was hat denn das mit dem Völkerbund zu tun? - Das ist dasjenige, was zugleich die allerrealste auswärtige Politik sein kann! Denn wenn hingearbeitet wird auf die Beantwortung der Frage: Was soll der Staat unterlassen ? - so bekommt man aus dieser Betrachtung heraus die Antwort: Er soll unterlassen, sich in die Funktionen des geistigen und in die Funktionen des wirtschaftlichen Lebens einzumischen. Er soll sich auf das Gebiet, das das rein politische, das das rein rechtliche Gebiet ist, beschränken. Dadurch aber wird auch im außerpolitischen Leben die notwendige Konsequenz eintreten, daß über die ganze Erde hin die wirtschaftlichen Interessen des einen Gebietes unmittelbar zur Verhandlung, zum Austausch, zum Verkehr kommen mit den wirtschaftlichen Interessen des anderen Gebietes, und ebenso die Rechtsverhältnisse und die geistigen Verhältnisse. Sind die geistigen Verhältnisse auf einem Gebiete befreit, dann wird niemals aus diesem geistigen Gebiete heraus irgendein Anlaß entstehen können, der sich in irgendeinem kriegerischen Ereignisse entladen könnte. Man kann das im kleinsten beobachten. Die geistigen Interessen können mit den kriegerischen Konflikten nur in eine Beziehung kommen dadurch, daß das staatliche Leben dazwischen tritt.
[ 45 ] And now one might ask: What does this have to do with the League of Nations? — This is precisely what can also be the most genuine foreign policy! For if one works toward answering the question: What should the state refrain from doing?—then this line of reasoning yields the answer: It should refrain from interfering in the functions of intellectual life and in the functions of economic life. It should confine itself to the realm that is purely political, the realm that is purely legal. As a result, however, the necessary consequence will also arise in non-political life: throughout the entire world, the economic interests of one region will come into direct contact—through negotiation, exchange, and interaction—with the economic interests of another region, and the same will hold true for legal and intellectual relations. If intellectual conditions in a given region are liberated, then no cause whatsoever will ever arise from that intellectual sphere that could lead to any kind of warlike event. This can be observed even on the smallest scale. Intellectual interests can only become involved in warlike conflicts through the intervention of state life.
[ 46 ] Auch da kann man eigentlich nur aus der Erfahrung heraus urteilen; aber schon kleine Erfahrungen können beredt sein. Man konnte beobachten, wenn man für solche Dinge einen Blick hat, wie in Ungarn zum Beispiel in den Zeiten, in denen das staatliche Leben in Ungarn sich noch nicht in den deutschsprachigen Teilen in alles hineingemischt hatte, in den zahlreichen deutschen Gegenden die Leute, die eben deutsche Kinder hatten, sie in deutschsprachige Schulen schickten, die in deutschen Gegenden wohnenden Magyaren sie in die magyarischen Schulen schickten, und umgekehrt: Die Deutschen, die in Gegenden wohnten mit magyarischen Schulen, schickten ihre Kinder in solche Gegenden, wo deutsche Schulen waren. Dieser Kinderaustausch wurde gepflegt in freier Weise.
[ 46 ] Here, too, one can really only judge based on experience; but even small experiences can speak volumes. If one has an eye for such things, one could observe—as in Hungary, for example, during the times when Hungarian state life had not yet interfered in every aspect of life in the German-speaking regions—that in the numerous German-speaking areas, people who had German children sent them to German-language schools, while the Magyars living in German-speaking areas sent their children to Magyar schools, and vice versa: Germans living in areas with Magyar schools sent their children to areas where there were German schools. This exchange of children was carried out freely.
[ 47 ] Es war ein freier Austausch des geistigen Gutes der Sprachen, so wie man andere geistige Güter in freiem Austausch pflegen kann, von Land zu Land, von Stadt zu Stadt. Dieser freie Austausch des geistigen Gutes der Sprachen bedeutete für das Land Ungarn einen tiefen Frieden in allen Gebieten, in denen er gepflegt worden ist. In diesen freien Austausch wurde der innerliche Volkstrieb hineingeprägt. Als der Staat sich hineinmischte, da wurde die Sache anders. Dasjenige, was da im inneren politischen Leben geschah, das geschah im Verlauf der neueren Zeit immerzu im äußeren politischen Leben. Derjenige, der für solche Dinge einen Blick hat, der konnte sehen, wie eigentlich tief friedlich im Grunde genommen die deutschen Intellektuellen waren. Aus der Stimmung dieser deutschen Intellektuellen wäre nie die Kriegsstimmung erwacht! Aber aus dem Verhältnisse, in dem sie standen zu dem Staat, ist dasjenige geworden, was jenen Eindruck in bezug auf den Staat hat entstehen lassen. Das soll weder ein Einwand noch etwas anderes sein, sondern nur ein Begreifen der Tatsachen.
[ 47 ] It was a free exchange of the intellectual wealth of languages, just as one can cultivate other forms of intellectual wealth through free exchange, from country to country, from city to city. For Hungary, this free exchange of the intellectual wealth of languages meant profound peace in all areas where it was cultivated. This free exchange was imbued with the inner impulse of the people. When the state intervened, things changed. What was happening in internal political life was, in the course of modern times, constantly occurring in external political life as well. Anyone with an eye for such matters could see how deeply peaceful the German intellectuals actually were at heart. The mood of these German intellectuals would never have given rise to a warlike spirit! But the relationship they had with the state is what gave rise to that impression regarding the state. This is meant to be neither an objection nor anything else, but simply an understanding of the facts.
[ 48 ] Das Wirtschaftsleben eines dreigliedrigen sozialen Organismus wird gerade dadurch sich auch innerhalb des internationalen Wirtschaftslebens ausleben können, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht von Staatsverhältnissen gemacht werden, sondern von Menschen, welche aus solchen Territorien herauswachsen, in denen nicht ein Parlament ist, sondern drei Parlamente, ein geistiges, ein wirtschaftliches und ein Staatsparlament sind, in welchen nicht eine Verwaltung ist, sondern drei Verwaltungen sind, die zusammenwirken. Erst aus solchen Territorien werden die Menschen herauswachsen können, die dann in einer zwischenstaatlichen Organisation die rechte Rolle spielen können. Und nicht auf den Staat und die Wirtschaft, sondern auf den Menschen, auf den ganzen, vollen Menschen kommt es an.
[ 48 ] The economic life of a threefold social organism will be able to unfold fully within the international economic order precisely because economic conditions are not shaped by state structures, but by people who emerge from territories in which there is not one parliament, but three parliaments— a spiritual parliament, an economic parliament, and a state parliament—in which there is not one administration, but three administrations working together. Only from such territories will people be able to emerge who can then play the proper role in an intergovernmental organization. And what matters is not the state or the economy, but the human being—the whole, complete human being.
[ 49 ] Die Rolle der geistigen Führer wird eine andere sein, wenn sie aus der emanzipierten geistigen Organisation heraus sich gestaltet, eine andere als jene Theaterspielerei, die sich zum Beispiel zwischen den Mittelstaaten und Amerika im Professorenaustausch abspielt, die ja eben nur aus demjenigen heraus, was sich mit dem Staate in geistig ungehöriger Weise verband, sich entwickeln konnte. Alle diese Verhältnisse werden auch auf internationalem Gebiete auf eine gesunde Grundlage gestellt, wenn die gesunde Grundlage erst im einzelnen sozialen Territorium eingetreten sein wird. Aus diesen einzelnen sozialen Territorien wird dann der Mensch hervorgehen, der in der rechten Weise auch zum internationalen Leben das seinige beitragen kann.
[ 49 ] The role of intellectual leaders will be different when it takes shape out of an emancipated intellectual organization—different from the theatrical posturing that takes place, for example, between the Central Powers and America in the exchange of professors, which could develop only out of that which was linked to the state in an intellectually inappropriate manner. All these relationships will also be placed on a sound foundation in the international sphere once that sound foundation has first been established within the individual social territories. From these individual social territories will then emerge the kind of person who can contribute in the right way to international life as well.
[ 50 ] Das scheint mir die Antwort zu sein, die so gegeben werden kann, daß sie nicht nur das Zusammenstimmen der verschiedenen Völker in Betracht zieht, sondern daß der Beitrag jedes Volkes für die wirklichen Zukunftsideale des menschlichen Völkerbundes in Betracht kommen kann. So kann auch ein Deutscher sprechen; denn seien auch die mitteleuropäischen Länder oder Deutschland ausgeschlossen von dem nächsten Völkerbund, sie können so arbeiten, daß sie durch die Gesundung des eigenen Territoriums für den gesunden Völkerbund der Zukunft vorausarbeiten; sie können das ihrige dazu beitragen.
[ 50 ] That seems to me to be the answer that can be given in such a way that it not only takes into account the harmony among the various nations, but also allows for each nation’s contribution to the true future ideals of the League of Nations. A German, too, can speak in this way; for even if the Central European countries or Germany were excluded from the next League of Nations, they could work in such a way that, by restoring their own territories to health, they would lay the groundwork for a healthy League of Nations in the future; they could make their own contribution to this.
[ 51 ] Das ist eine Antwort, die jeder für sich selber geben kann. Das ist eine Antwort, die auch jeder Staat als eigene Politik nach auswärts hin entwickeln kann. Denn wie auch die Staaten, die in irgendeine Friedensverhandlung zum Beispiel mit dem deutschen Reiche eintreten, selber ihre Friedensdelegierten wählen, dasjenige, was sich dann aus dem chaotischen ehemaligen deutschen Reiche heraus ergibt, das wird nicht verhindert werden können: aus den drei Gliedern - aus dem Wirtschafts-, aus dem Staats-, aus dem geistigen Organismus - seine Delegierten besonders zu wählen, die in entsprechender Weise dann den gesunden sozialen Organismus auch nach außen hin vertreten können. Das ist wirkliche, mögliche, das ist wahre reale Politik.
[ 51 ] That is a question each person must answer for themselves. It is also an answer that every state can develop as its own foreign policy. For just as the states that enter into any peace negotiations—for example, with the German Empire—choose their own peace delegates, what ultimately emerges from the chaotic former German Empire cannot be prevented: to select delegates specifically from the three components—the economic, the political, and the spiritual organisms—who can then appropriately represent the healthy social organism to the outside world. That is genuine, feasible, and truly real politics.
[ 52 ] Ich habe in den letzten Jahren vielfach diese Ideen vor Menschen vorgetragen; ich habe sie auch, wie vielleicht manche von Ihnen gesehen haben, in einem Aufruf zusammengefaßt, der jetzt durch die Zeitungen erscheint, unterschrieben von einer mich sehr befriedigenden Anzahl von Menschen, unter denen solche sind, bei denen ausgeschlossen ist, daran zu zweifeln, daß sie ein Recht haben, über diese Dinge mitzuurteilen, und ich habe oftmals hören müssen: durch eine solche Gliederung wird ja das Alte wieder hervorgerufen, was gerade widerstrebt dem, was in den Empfindungen eines großen Teils der modernen Menschheit liegt, die Menschheit werde wieder gegliedert in die alten drei Stände: Nährstand, Wehrstand und Lehrstand. Das Gegenteil ist der Fall! Nichts unterscheidet sich so sehr von diesen alten Ständen Nährstand, Wehrstand und Lehrstand wie dasjenige, was hier gewollt wird; denn nicht die Menschen werden gegliedert in Klassen, in Stände, wie frühere Zeiten gliederten, sondern das, was vom Menschen abgesondert ist, worin der Mensch lebt: der soziale Organismus wird gegliedert. Und der Mensch ist gerade dasjenige, was als ganzes, volles, in sich abgeschlossenes Wesen innerhalb dieser von ihm abgeschlossenen Gliederung sich erst recht als Mensch wird entwickeln können. Dieser befreite Mensch, er allein wird es sein können, der auch zugrunde legen kann die Gedanken, die Empfindungen, die Willenshandlungen, die im modernen Völkerbund spielen müssen.
[ 52 ] I have presented these ideas to people on many occasions in recent years; I have also, as some of you may have seen, summarized them in an appeal that is now appearing in the newspapers, signed by a number of people that gives me great satisfaction—among whom are those about whom there can be no doubt that they have the right to weigh in on these matters—and I have often had to hear: such a division would, after all, bring back the old order—which runs counter to the sentiments of a large part of modern humanity—as if humanity were once again being divided into the old three estates: the productive estate, the military estate, and the scholarly estate. The opposite is true! Nothing differs so greatly from these old estates—the productive, the military, and the clerical—as what is intended here; for it is not human beings who are divided into classes or estates, as in earlier times, but rather that which is separate from the human being, in which the human being lives: the social organism is being structured. And it is precisely the human being—as a whole, complete, self-contained being—who, within this structure that has been separated from him, will be able to develop all the more fully as a human being. This liberated human being—he alone will be able to lay the foundation for the thoughts, feelings, and acts of will that must play a role in the modern League of Nations.
[ 53 ] Man möchte ja, indem man über diese Dinge nachdenkt, nicht einseitig werden. Und das wird man leicht, wenn man nur seine eigenen Empfindungen zugrunde legt. Daher möchte ich mich auf einen anderen jetzt zum Schluß berufen, nachdem ich dasjenige, was ich ausgeführt habe als notwendig zur Gesundung des sozialen Organismus, so radikal hingestellt habe und es unterschieden wissen will von dem, was sich bisher entwickelt hat, und was zu dieser furchtbaren Katastrophe geführt hat. Ich möchte mich auf einen anderen berufen, auf einen Mann, auf den ich mich oftmals berufe, wenn ich hinschaue nach einem hochstehenden geistigen Betrachter derjenigen Dinge, die sich innerhalb der menschheitlichen Entwickelung bis in die Gegenwart herauf ergeben haben: Herman Grimm. Er sagt einmal an einer Stelle, die aus seinen Gedanken über die neuzeitliche soziale Entwickelung der Menschheit hervorgegangen ist, er sagt einmal: Wenn man das heutige Europa ansieht, so sieht man auf der einen Seite, wie die Menschen miteinander in Verbindungen gekommen sind, von denen sich ehemalige Zeiten nichts träumen ließen; aber man sieht zu gleicher Zeit hereinragen in dieses, was man moderne Zivilisation nennt, dasjenige, was sich ausdrückt in unserem kriegerischen Rüsten - so sagt er als Deutscher -, in unserem eigenen Militarismus und in dem Rüsten der anderen Staaten, das ja doch nur darauf hinauslaufen kann, sich eines schönen Tages zu überfallen. Und wenn man sieht, was daraus werden könnte - die Worte klingen wahrhaftig prophetisch, sie sind in den neunziger Jahren geschrieben, Herman Grimm ist bereits 1901 gestorben -, wenn man darauf hinsieht, meint Herman Grimm, dann ist es einem, als ob sich eine Zukunft aus lauter menschlichen Konflikten bestehend entwickeln könnte, so daß man am liebsten einen Tag zum allgemeinen Selbstmord der Menschheit ansetzen möchte, damit sie nicht erleben muß das Schreckliche, das aus diesen Verhältnissen folgt.
[ 53 ] When reflecting on these matters, one does not want to become one-sided. And it’s easy to become one-sided if one bases one’s views solely on one’s own feelings. Therefore, I would like to refer to someone else now, in conclusion, after having presented so radically what I have outlined as necessary for the recovery of the social organism, and after having sought to distinguish it from what has developed thus far and what has led to this terrible catastrophe. I would like to refer to another person, a man to whom I often turn when I am seeking a distinguished intellectual observer of the developments that have arisen within human evolution up to the present: Herman Grimm. He once says, in a passage that emerged from his reflections on the modern social development of humanity, he once says: When one looks at Europe today, one sees, on the one hand, how people have come into connections with one another that were unimaginable in earlier times; but at the same time, one sees intruding into what is called modern civilization that which is expressed in our warlike armament—so he says as a German—in our own militarism and in the armament of other states, which can only lead to one day attacking one another. And when one considers what might come of this—the words sound truly prophetic; they were written in the 1890s, Herman Grimm had already died in 1901—if one looks at this, Herman Grimm says, it seems as though a future consisting entirely of human conflicts might unfold, so that one would almost prefer to set a date for the general suicide of humanity, so that it need not experience the horrors that follow from these circumstances.
[ 54 ] Seither haben die Menschen manches gesehen, was aus diesen Verhältnissen folgt. Was sie gesehen haben, könnte wohl hinleiten zu Gedanken, die dann nicht mehr für eine Utopie angesehen werden, zumal wenn man gesehen hat, wie manches, was wirklich entstanden ist, sich gerade für den Blick der Praktiker wie eine Utopie ausnehmen müßte gegenüber dem, woran sie vor kurzem noch als an etwas Unmögliches geglaubt haben.
[ 54 ] Since then, people have witnessed many things that result from these circumstances. What they have witnessed could well lead to ideas that are no longer regarded as utopian—especially when one considers how some of what has actually come into being must appear utopian to practitioners, given what they until recently believed to be impossible.
[ 55 ] Das ist es, was die Leute heute nicht nur zur Veränderung ihres Handelns, sondern zur Veränderung ihrer Gedanken, zum Umdenken bringen sollte. Wir brauchen zukünftig nicht allein andere Einrichtungen, wir brauchen letztlich neue Gedanken, neue Menschen, die nur aus einer neuen Gliederung des sozialen Organismus herauswachsen können. Internationale Bündnisse, wir haben sie ja auch im Grunde genommen doch erlebt! Ob das, was angestrebt wird, festeren Grund und Boden hat, festeren Halt bietet, als die alten Verhältnisse, das ist nur dann zu entscheiden, wenn man wirklich zurückgeht auf die Grundbedingungen des menschlichen sozialen Zusammenlebens. Haben wir nicht auch in der Art, wie man früher unter den Angehörigen der verschiedensten Fürstenhäuser zu heiraten pflegte, so etwas wie ein internationales Leben sich entwickeln gesehen? Dagegen wäre ja nichts einzuwenden, wenn sich die Fürstenhäuser in einer verheißungsvollen Art entwickelt hätten! Es hätte sich dann auch im Sinne dieses «internationalen Bündnisses» etwas ergeben können, was selbst unter dem monarchischen Prinzip sehr nützlich gewesen wäre! - Wir haben andere internationale Bündnisse, so zum Beispiel das sehr reale internationale Bündnis des Kapitals erlebt. Wir haben erlebt die internationale Sozialdemokratie. Wir haben verschiedenes Internationales erlebt. Dasjenige, was auf das Internationale der familiären Instinkte baute, es ist zerfallen. Was auf die wirtschaftliche Gewalt des ungeistigen Kapitalismus baut, dem unbefangenen Blick zeigt es sich: es wird zerfallen. Aber auch das, worauf der internationale Sozialismus hinzielt, ist im Grunde genommen die Sehnsucht nach Macht. Diese Macht wird in Zukunft dem Rechte weichen müssen, denn was der Mensch durch sein Machtstreben im sozialen Leben an sich reißen kann, kann nur zum Heil der Menschheit ausschlagen, wenn es dem Rechtsleben eingegliedert, vom Rechtsleben durchleuchtet wird.
[ 55 ] This is what should prompt people today not only to change their actions, but also to change their thoughts—to rethink their perspectives. In the future, we will not only need different institutions; ultimately, we will need new ideas and new people who can only emerge from a new structure of the social organism. International alliances—after all, we have essentially experienced them before! Whether what is being strived for has firmer ground and offers a more secure footing than the old conditions can only be determined by truly going back to the fundamental conditions of human social coexistence. Did we not also see something like an international way of life develop in the way people used to marry among members of the most diverse royal houses? There would be nothing wrong with that, of course, if the royal houses had developed in a promising way! Something could then have emerged in the spirit of this “international alliance” that would have been very useful even under the monarchical principle! — We have experienced other international alliances, such as the very real international alliance of capital. We have experienced international social democracy. We have witnessed various forms of internationalism. That which was built on the internationalism of familial instincts has crumbled. As for the economic powers of unspiritual capitalism, it is clear to the impartial observer: it will crumble. But even what international socialism aims for is, at its core, a longing for power. This power will have to give way to the rule of law in the future, for whatever a person can seize through their pursuit of power in social life can only benefit humanity if it is integrated into the rule of law and scrutinized by it.
[ 56 ] Und so darf vielleicht doch in dem gegenwärtigen Menschen gegenüber mancherlei Internationalem die Empfindung entstehen, daß ein wirklich fruchtbar wirkender Völkerbund der Menschheit gegründet sein muß auf etwas anderes, als auf diese alten Verhältnisse. Er muß gegründet sein auf ganz neuen Menschengedanken, ganz neuen Menschenimpulsen und nicht auf fürstlichem Geblüt, nicht auf der Macht des Kapitals oder der Arbeit. Er muß gegründet sein auf das Recht, auf den wirklich befreiten ganzen Menschen. Denn nur dieser wirklich befreite, ganze, für internationale Empfindung wache Mensch wird auch in der rechten Weise Verständnis haben für das, was ihm dann leuchten kann als das Licht des internationalen Rechts.
[ 56 ] And so, perhaps, in the face of various international developments, the feeling may arise in people today that a truly effective League of Nations must be founded on something other than these old conditions. It must be founded on entirely new human ideas, entirely new human impulses—and not on royal bloodlines, nor on the power of capital or labor. It must be founded on justice, on the truly liberated, whole human being. For only this truly liberated, whole human being, attuned to international sentiment, will also have a proper understanding of what can then shine upon them as the light of international law.
[ 57 ] Diskussion
[ 57 ] Discussion
[ 58 ] 1. Redner: Erklärte, die von Herrn Dr. Steiner vorgeschlagene Lösung sei ihm nicht klar geworden. Auch sei es nicht möglich, den Sozialismus als große geistige Konzeption in der Weise, wie cs Herr Dr. Steiner getan habe, abzufertigen, denn schließlich entstehe ein neues Recht nicht dadurch, daß man den gesunden Kern des Sozialismus wegwische. Die Idee der Dreigliederung scheine wohl eine Lösung zu sein, sie sei aber eine willkürliche Lösung. Die Bodenreform ist nach der Ansicht dieses Redners etwas, was im Wesen der Zeit liegt. Zum Schluß wurde auf die fortschreitende Ausbreitung des Sozialismus hingewiesen, als ein Zeugnis dafür, daß dieser nicht ein ausgedachtes System ist, sondern einer Realität entspricht.
[ 58 ] 1st Speaker: Stated that the solution proposed by Dr. Steiner had not become clear to him. Nor, he said, was it possible to dismiss socialism as a grand spiritual concept in the way Dr. Steiner had done, for, after all, a new form of justice does not arise simply by wiping away the healthy core of socialism. The idea of the threefold social order may seem to be a solution, but it is an arbitrary one. In this speaker’s view, land reform is something inherent in the spirit of the times. Finally, reference was made to the ongoing spread of socialism as evidence that it is not a contrived system but corresponds to reality.
[ 59 ] Rudolf Steiner: Es ist natürlich schwer zu diskutieren darüber, ob das, was in einem immerhin nicht ganz kurzen Vortrag angedeutet werden konnte, im absoluten Sinne jedem einzelnen einleuchten muß oder nicht; das ist schließlich eine individuelle Sache, und darüber wird ja jeder Zuhörer selbstverständlich seine eigene Meinung haben. Ich will daher diese Frage nicht besonders berühren. Ich möchte nur über die anderen Gedanken, die der verehrte Herr Vorredner geäußert hat, einige ganz kurze Bemerkungen machen, vor allen Dingen über das Prinzipielle. Wer heute meinen vielleicht radikalen und deshalb als unbeweisbar erscheinenden Gedankengängen doch einigermaßen gefolgt ist, hat vielleicht sehen können, aus der Art, wie die Sache gefaßt war, daß das, was ich aussprach, durchaus nicht aus einem Einfalle nur eines schönen Morgens gekommen ist, oder anderen Einfällen entsprungen ist, sondern daß sie gerade gebaut sind auf dem, was meinetwillen von anderer Seite bewiesen ist. Es ist ja nicht notwendig, Ihnen wiederum alles das zu beweisen, was der Sozialismus zum Beispiel bewiesen hat! Ich habe einen Gedanken geäußert, den Gedanken: daß besonders einleuchtend den Proletarierseelen die Gedankentheorie vom Mehrwert und seiner Beziehung zu der menschlichen Arbeitskraft ist. Ich habe dann den Gedanken geäußert, daß man aber diese Anschauung noch um einen Schritt weiter führen muß. Damit glaube ich aber auch gezeigt zu haben, daß ich durchaus nicht wegwischen will das, worauf gerade der verehrte Herr Vorredner gedeutet hat: den modernen Sozialismus. Wer mir genauer zugehört hat, wird sich vielleicht auch sagen können, daß ich gerade mit Bezug auf die Bedeutung des modernen Sozialismus in meinem Vortrag genügend Andeutungen gemacht habe.
[ 59 ] Rudolf Steiner: It is, of course, difficult to discuss whether what was hinted at in a lecture that was, after all, not exactly short must make sense to every single person in an absolute sense or not; that is, after all, a matter of individual perspective, and every listener will naturally have their own opinion on the matter. I therefore do not wish to address this question specifically. I would simply like to make a few very brief remarks on the other thoughts expressed by the esteemed speaker who preceded me, particularly regarding the fundamental principles. Anyone who has followed my train of thought today—which may seem radical and therefore unprovable—to some extent may have been able to see, from the way the matter was framed, that what I expressed did not arise from a mere whim one fine morning, nor did it spring from other whims, but rather that these ideas are precisely built upon what, as far as I am concerned, has been proven from other sources. After all, it is not necessary to prove to you all over again what socialism, for example, has already proven! I expressed a thought—namely, that the theoretical concept of surplus value and its relationship to human labor power is particularly illuminating to the minds of the proletariat. I then expressed the thought that this perspective, however, must be taken one step further. In doing so, however, I believe I have also shown that I have no intention whatsoever of dismissing what the esteemed speaker before me has just alluded to: modern socialism. Anyone who listened to me more closely may also be able to say that I made sufficient allusions in my lecture precisely with regard to the significance of modern socialism.
[ 60 ] Was ich ausgesprochen habe, konnte ich nicht anders verstehen, als im Sinne des erwähnten Beispieles. Ich meinte, wenn man sich nicht einlasse auf den modernen Sozialismus, dann lebe man so wie die Bewohner eines Hauses, dem der Einsturz droht, und die sich nicht entschließen, einen Neubau zu errichten, sondern beraten, wie man alle Zimmer gegenseitig verbinden müsse, damit man sich durch diese Türen gegenseitig helfen könne.
[ 60 ] I could not interpret what I had said in any other way than in the spirit of the example mentioned. I meant that if one does not embrace modern socialism, then one lives like the residents of a house that is in danger of collapsing—people who cannot bring themselves to build a new one, but instead discuss how to connect all the rooms to one another so that they can help each other through these doors.
[ 61 ] Dadurch konnte man bei einigem guten Willen sehen, welches Gewicht ich eigentlich dem modernen Sozialismus beilege. Und es war im Grunde dann nicht so schwer, daraus den Gedanken abzuleiten, der ja natürlich in vierzig, fünfzig Vorträgen weiter ausgeführt werden könnte, daß man doch nicht auskommt mit dem, was im modernen Sozialismus schon liegt. Ich will dabei noch auf eines hinweisen. Natürlich werde ich auch jetzt wiederum nur so kurz sein können, daf unter Umständen derjenige, der will, sagen kann, daß ich den verehrten Zuhörern nichts mit nach Hause gebe. Ich möchte nur sagen: Ich habe den allergrößten Respekt vor demjenigen, was namentlich im modernen proletarischen Denken der Marxismus und auch alles dasjenige, was sich auf dem Marxismus aufgebaut hat, hervorgebracht hat. Ich war selbst jahrelang Lehrer an einer von Wilhelm Liebknecht gegründeten Arbeiterbildungsschule, und ich habe sozusagen mitgearbeitet an dem Einleben gerade der sozialistischen Gedanken innerhalb der Arbeiterschaft. Und ich darf vielleicht darauf hinweisen, daß es nicht gerade unrichtig sein würde, wenn ich sage: Ich glaube, daß immerhin eine Anzahl entsprechender älterer Redaktoren an deutschen sozialistischen Zeitungen, sogar Redner, die heute in Deutschland immerhin ein nicht ungewichtiges Wort reden, meine Schüler vielleicht sind. Also ich kenne nicht nur den modernen Sozialismus als solchen - aus der Art, wie ich meine Gesichtspunkte vorgebracht habe, hätte man das schon sehen können -, sondern ich kenne auch das Gewicht, das im Leben des modernen Proletariats dieser Sozialismus hat. Wenn man das so jahrelang, ich darf sagen, jahrzehntelang mitgemacht hat, dann hat man es nicht gerade nötig, auf einen schönen, besonderen Einfall zu warten, um auch ein System auszubilden, weil man eben auch eines haben will, sondern dann baut man eben an demjenigen weiter, was da ist. Und wer eingeht auf die Dinge, sieht aus dem Weitergebauten, daß man das Vorhandene gerade achtet.
[ 61 ] With a little goodwill, this made it possible to see how much importance I actually attach to modern socialism. And it wasn’t really that difficult to deduce from this the idea—which, of course, could be elaborated further in forty or fifty lectures—that we simply cannot make do with what modern socialism already offers. I would like to point out one more thing in this regard. Of course, I will again have to be brief, since some might say that I am not giving my esteemed audience anything to take home with them. I would just like to say: I have the utmost respect for what Marxism—and everything built upon it—has produced, particularly in modern proletarian thought. For many years, I myself was a teacher at a workers’ educational school founded by Wilhelm Liebknecht, and I helped, so to speak, to instill socialist ideas within the working class. And perhaps I may point out that it would not be entirely incorrect for me to say: I believe that, after all, a number of prominent older editors at German socialist newspapers—and even speakers who, in Germany today, carry considerable weight—may well be my former students. So I am not only familiar with modern socialism as such—as one could already have seen from the way I have presented my views—but I am also aware of the significance that this socialism holds in the life of the modern proletariat. When one has been involved in this for years—I might even say, for decades—one doesn’t exactly need to wait for some brilliant, special idea to develop a system, simply because one wants to have one; rather, one simply builds on what is already there. And anyone who takes the time to examine these matters can see from what has been built that the existing framework is precisely what is being respected.
[ 62 ] Aber nun darf man eines nicht aus dem Auge verlieren. Gewiß, Gedanken sind eigentlich als solche, wenn sie innerhalb des T'heoretischen gehalten werden, im Grunde nichts weiter als Symptome für das, was im wirklichen Leben sich bewegt. Daher glauben Sie nicht, daß ich Ihnen nun Vorschläge machen will, wie die moderne Arbeiterbewegung oder irgend etwas eigentlich nur von der Triebkraft der Gedanken getragen wird, sondern ich will im Gegenteil zum Ausdruck bringen, daß die zum Vorschein kommenden Gedanken ich denke dabei allerdings nicht bloß an Wirtschaftskräfte - tiefer gelegene innere Kräfte eben symptomatisch zum Ausdruck bringen. Ich glaube überhaupt, daß wir in der Zukunft einer symptomatologischen, nicht einer so kausalen Geschichtsbetrachtung, wie sie heute beliebt ist, entgegengehen.
[ 62 ] But there is one thing we must not lose sight of. Certainly, thoughts—as such, when confined to the realm of theory—are essentially nothing more than symptoms of what is happening in real life. Therefore, do not think that I now intend to offer suggestions as to how the modern labor movement—or anything else, for that matter—is driven solely by the impetus of ideas; on the contrary, I wish to express that the ideas that come to the surface—and here I am certainly not thinking solely of economic forces—are merely symptomatic expressions of deeper, inner forces. I believe, in general, that in the future we are moving toward a symptomatological, rather than a causal, view of history, as is popular today.
[ 63 ] Aber nun muß man doch sehen, wie gewisse Gedanken, die alle als Symptome für gewisse dahinterliegende Tatsachen anzusehen sind, wie diese Gedankensymptome sich darleben. Sie kennen heute sehr radikale Ausgestaltungen des Sozialismus. Glauben Sie nicht, wie das etwa im Unterbewußtsein bei manchem aufsteigen könnte, der dies - was vielleicht auch der Herr Vorredner gar nicht so gemeint hat - mißdeutet, glauben Sie nicht, daß ich so schreckhaft empfinde dasjenige, was in der Gegenwart hervortritt - obwohl ich es gerade mit dem Gewicht belastet betrachten muß, wie ich es im Vortrag angegeben habe - wie manche Menschen der leitenden Kreise. Ich kann schon mit einer gewissen Objektivität auf die Konsequenzen der sozialen Denkweise und der sozialen Entwickelung hinsehen, die sich heute zum Beispiel ergeben. Ich will da auf etwas hinweisen, was Ihnen vielleicht bedeutsam erscheinen könnte. Sehen Sie, Lenin und Trotzki sind doch auch Sozialisten. Und wer nicht, möchte ich sagen, sich einschüchtern läßt von dem, was jetzt vom Osten Europas erzählt wird, und das alles den «verruchten Bolschewisten» zuschreibt, sondern wer da weiß, daß alles das, was man heute geneigt ist, den russischen Sozialisten zuzuschreiben, zum großen Teil noch auf das Konto des Zarismus und desjenigen zu schreiben ist, was vorangegangen ist, wird vielleicht doch einigermaßen objektiver hinschauen auf das, was geschieht! Und wer objektiv schaut, wird dann vor allen Dingen sich sagen müssen: Nach einer gewissen Richtung hin ist gerade Lenin eine Art letzter Konsequenz von Marx, auch wie er sich selber ansieht. Und Lenin macht gerade aufmerksam auf zwei Dinge bei Marx. Er macht zunächst darauf aufmerksam, daß die moderne soziale Bewegung dahin streben muß, durch die Diktatur des Proletariats den Staat selbst zu proletarisieren. Der Staat wird aber nur - ich muß das kurz andeuten - von der Diktatur des Proletariats in Anspruch genommen, weil er dadurch seine letzten Konsequenzen zieht. Was im Staate keimhaft veranlagt ist, davon werden die letzten Konsequenzen durch den Sozialdemokratismus gezogen: nämlich, der Staat ertötet sich selbst, er löst sich auf.
[ 63 ] But now we must consider how certain thoughts—all of which are to be regarded as symptoms of certain underlying facts—manifest themselves. Today, you are familiar with very radical forms of socialism. Do not imagine how this might arise in the subconscious of some people who misinterpret it—which perhaps the previous speaker did not even mean— do not think that I am as alarmed by what is emerging in the present—even though I must view it with the gravity I indicated in my lecture—as some people in the ruling circles are. I am already able to view the consequences of social thinking and social development—which are emerging today, for example—with a certain degree of objectivity. I would like to point out something here that might seem significant to you. You see, Lenin and Trotsky are, after all, socialists as well. And I would say: let no one allow themselves to be intimidated by what is now being reported from Eastern Europe, and attributes it all to the “wicked Bolsheviks”—but rather, those who know that everything people today are inclined to attribute to the Russian socialists is, for the most part, still attributable to tsarism and what preceded it—may perhaps take a somewhat more objective view of what is happening! And anyone who looks at things objectively will then, above all, have to admit to themselves: In a certain sense, Lenin himself is a kind of ultimate consequence of Marx, even in how he views himself. And Lenin draws attention to two things in particular regarding Marx. First, he points out that the modern social movement must strive, through the dictatorship of the proletariat, to proletarianize the state itself. But the state is only—I must briefly point this out—appropriated by the dictatorship of the proletariat because it thereby draws its ultimate conclusions. Social democracy draws the ultimate conclusions from what is latent within the state: namely, the state kills itself; it dissolves.
[ 64 ] Nun, die verschiedenen Schattenseiten dieses sozialistischen Staates, die müssen hervortreten. Darüber gibt sich zum Beispiel Lenin keiner Täuschung hin. Das ist auch besser, als wenn man sich, wie so viele Leute, eben Illusionen hingibt. Aber er arbeitet darauf hin, einen solchen Staat zu gestalten, der Todeskeime in sich trägt, der sich auflöst. Dann kommt erst das wirklich neue Stadium, wo nicht die Arbeit gleich bezahlt wird, sondern wo die Devise gilt: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. - Und in diesem Augenblicke, wo das auftritt: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen - was nicht nur ein sozialistisches, sondern ein ganz allgemeines Ideal sein muß -, in dem Augenblick, da macht Lenin, ähnlich wie schon Marx, eine sonderbare Bemerkung, die viel tiefer blicken läßt, als man gewöhnlich blickt. Er macht die Bemerkung: Diese soziale Ordnung, welche nur eintreten kann so, daß jeder nach seinen Bedürfnissen und seinen Fähigkeiten in die gesellschaftliche Ordnung hineingestellt wird, die kann natürlich nicht mit heutigen Menschen erreicht werden; dazu ist ein ganz neuer Menschenschlag notwendig, der erst entstehen muß.
[ 64 ] Well, the various downsides of this socialist state must come to light. Lenin, for example, is under no illusions about this. That is also better than succumbing to illusions, as so many people do. But he is working toward shaping a state that carries within it the seeds of its own destruction, a state that will disintegrate. Only then will the truly new stage arrive, where labor is not paid equally, but where the motto applies: From each according to his ability, to each according to his needs. - And at that very moment when this occurs—“From each according to his ability, to each according to his needs”—which must be not only a socialist ideal but a universal one—at that very moment, Lenin, much like Marx before him, makes a peculiar remark that reveals a much deeper insight than is usually apparent. He remarks: This social order, which can only come about if everyone is placed within the social order according to their needs and abilities, cannot, of course, be achieved with people as they are today; this requires an entirely new breed of human beings, one that has yet to emerge.
[ 65 ] Ja, sehen Sie, wer nicht warten will und warten kann auf einen «neuen Menschenschlag», weil unter Umständen sonst die Zeit eintreten könnte, wo es besser wäre, den allgemeinen Selbstmord, von dem ich gesprochen habe, festzusetzen, der wird seine Gedanken dem gegenwärtigen Leben zuwenden, und wird versuchen, aus diesem gegenwärtigen Leben eine Anschauung darüber zu gewinnen, was die Fehler waren. Und in dieser Beziehung glaube ich doch, daß schon aus meinen, allerdings kurzen und skizzenhaften Gedankengängen ersichtlich sein könnte, indem ich auf die Frage hingewiesen habe: Was soll der Staat machen, und was soll er nicht tun? Wie durch die Verquickung des Wirtschaftslebens mit dem Staate, durch die Verquickung des geistigen Lebens mit dem Staate gerade die Schäden der sozialen Ordnung entstanden sind - ich versuchte es anzudeuten; es könnte hundertfach vermehrt werden, was ich an Beispielen angeführt habe.
[ 65 ] Yes, you see, anyone who does not want to—and cannot—wait for a “new breed of humanity,” because otherwise the time might come when it would be better to carry out the general suicide I have spoken of, will turn their thoughts to the present life and will try to gain an understanding from this present life of what the mistakes were. And in this regard, I do believe that it might already be apparent from my—admittedly brief and sketchy—train of thought, in which I pointed to the question: What should the state do, and what should it not do? I tried to suggest how the very entanglement of economic life with the state, and the entanglement of intellectual life with the state, has given rise to the ills of the social order—and the examples I have cited could be multiplied a hundredfold.
[ 66 ] Liegt es da nicht ganz nahe, daß man darüber nachdenken muß, wie diesen Schäden abgeholfen werden kann? Dadurch kann abgeholfen werden, daß man nicht weiter verschmilzt, sondern rückgängig macht das, was gerade eingetreten ist.
[ 66 ] Isn't it quite obvious, then, that we need to consider how to remedy this damage? This can be remedied by not continuing the fusion, but rather by reversing what has just occurred.
[ 67 ] Sie könnten es natürlich naiv nennen, aber ich glaube doch, aus meinem heutigen Vortrag war zu entnehmen, wie tief eigentlich gerade in die Untergründe des modernen Lebens das, was ich ausgeführt habe, eingreifend ist. Wie weit dies der Fall ist, muß allerdings der Beurteilung jedes einzelnen überlassen werden. Die Gedanken, die gegenwärtig verwirklicht und anerkannt sind, sind in der Tat nicht neue Gedanken; und mit diesen Ideen wird sich nichts Neues aufbauen lassen.
[ 67 ] You might, of course, call it naive, but I do believe that my lecture today made it clear just how deeply what I have discussed cuts into the very foundations of modern life. To what extent this is the case, however, must be left to the judgment of each individual. The ideas that are currently being put into practice and accepted are, in fact, not new; and nothing new can be built upon these ideas.
[ 68 ] Die Idee der Dreigliederung habe ich namentlich in der schweren Kriegszeit manchem Menschen vorgetragen, der in der Lage gewesen wäre, sie zu realisieren. Ich habe auch schon in einigen Kreisen Verständnis gefunden. Allein es führte heute noch keine Brücke von dem Verständnis durch den Kopf zu dem mutigen Willen, zu dem Willen, irgend etwas zu tun. Diese Brücke ist nicht geschlagen worden.
[ 68 ] I presented the idea of the threefold social order—especially during the difficult war years—to many people who would have been in a position to put it into practice. I have also found understanding in some circles. Yet even today, no bridge has been built from that understanding through the mind to the courageous will—to the will to actually do something. That bridge has not been built.
[ 69 ] Ich habe gerade in diesen Tagen eine merkwürdige Erfahrung gemacht, die Sie vielleicht darauf hinweisen könnte, wie das, was ich gesagt habe, doch ganz tief im wirklichen Leben drinnen steht, und nicht etwa ein Wegwischen ist, sondern gerade ein Aufnehmen oder vielmehr ein Weiterführen des sozialistischen Denkens ist: Ich habe gesprochen - was heute nicht gerade leicht ist - vor einer Arbeiterversammlung, die einfach von der Straße eingeladen worden ist. Da wandten sich - wie ich das jaauch während meiner Tätigkeit in Berlin vielfach erfahren habe - gerade die sozialistischen Führer mannigfaltig gegen meine Ausführungen. Und es trat, nachdem viel dawider eingewendet worden war, eine Russin auf, die - ich erzähle nur! - unter mancherlei anderem sagte: Man habe heute vielleicht so manches gehört, wogegen man dieses oder jenes einwenden könne, aber es wäre heute unmöglich, bloß bei den alten Gedanken oder auch bei den alten sozialistischen Gedanken stehenzubleiben, sondern es sei nötig, zu neuen Gedanken vorzuschreiten.
[ 69 ] Just recently, I had a strange experience that might help you see how what I have said is, in fact, deeply rooted in real life—and is not merely a dismissal, but rather an embrace, or more accurately, a continuation of socialist thought: I spoke—which isn’t exactly easy these days—before a workers’ assembly that had simply been invited off the street. There—as I have often experienced during my work in Berlin—it was precisely the socialist leaders who objected to my remarks in various ways. And after many objections had been raised, a Russian woman stood up who—I’m just telling you this!—said, among other things: “Perhaps we have heard many things today to which one might object in this or that way, but it would be impossible today to simply remain stuck in the old ways of thinking, or even in the old socialist ideas; rather, it is necessary to move forward toward new ideas.”
[ 70 ] Wir werden zu keinem wirklichen, gründlichen Neuaufbau des Hauses, sondern nur zu neuen Türen und so weiter kommen, die doch nichts helfen können, wenn das Ganze einstürzt, wenn wir uns nicht wirklich auf neue Gedanken einlassen. Und deshalb habe ich zu manchem in der schweren Zeit gesagt, daß manches Unglück, das im Laufe der letzten Jahre geschehen ist, hätte vermieden werden können, wenn viele Menschen so gedacht hätten, wie die Russin, von der ich gesprochen habe. Ich bin überzeugt davon, daß man es verstanden hätte, wenn seinerzeit die mitteleuropäischen Unterhändler die von mir hier vertretenen Gedanken - einem davon wenigsten waren sie sehr gut bekannt - zum Inhalt der auswärtigen Politik, zum Inhalt des Friedens von Brest-Litowsk gemacht hätten. Wenn diese Gedanken nach außen hin entfaltet worden wären, hätte man sie verstanden.
[ 70 ] We will not achieve a true, thorough rebuilding of the house, but only new doors and so on—which will be of no help at all if the whole thing collapses, unless we truly embrace new ideas. And that is why I have said to some people during these difficult times that many of the misfortunes that have occurred over the past few years could have been avoided if many people had thought the way the Russian woman I spoke of did. I am convinced that people would have understood if, at the time, the Central European negotiators had made the ideas I am presenting here—at least one of which was very well known to them—the substance of foreign policy and the substance of the Treaty of Brest-Litovsk. If these ideas had been articulated to the outside world, they would have been understood.
[ 71 ] Solche Dinge kann man selbstverständlich nicht in einem Vortrage in allen Einzelheiten begreiflich machen; aber man hat so das Gefühl, daß in der Gegenwart leben müßte in der menschlichen Seele wirkliches Leben, wie es einfach in der Wirklichkeit wurzelte. Ich halte mich durchaus nicht für so gescheit, daß ich besser als andere weiß, was in den Einzelheiten zu geschehen hat!
[ 71 ] Of course, it is not possible to explain such things in all their details during a lecture; but one gets the feeling that real life—rooted simply in reality—must be present in the human soul. I certainly do not consider myself so clever as to know better than others what needs to happen in the details!
[ 72 ] Deshalb, weil ich kein Programm-Mensch bin, weil ich keine Programme und Utopien gebe, sondern weil ich einer bin, der haben will, daß die Wirklichkeit als Wirklichkeit erfaßt wird, deshalb liegt mir gar nichts daran, daß alle meine Anregungen bis in die Einzelheiten ausgeführt werden. Wenn man an irgendeinem Punkte anfangen wird, so zu arbeiten, wie es im Sinne dessen liegt, was ich heute gesagt habe, dann möge von dem Inhalt, den ich vermittelt habe, kein Stein auf dem anderen bleiben; etwas ganz anderes wird sich vielleicht ergeben, aber es wird dann doch etwas sein, was dem wirklichen Leben gegenüber gerechtfertigt ist.
[ 72 ] Precisely because I am not a “program” person—because I do not offer programs or utopias, but rather because I am someone who wants reality to be grasped as reality—I have no interest whatsoever in seeing all my suggestions carried out down to the last detail. If, at any point, people begin to work in the spirit of what I have said today, then let not a single stone remain upon another of the content I have conveyed; something entirely different may emerge, but it will still be something that is justified in the face of real life.
[ 73 ] Bei Programmen, ob sozialistischen oder anderen Programmen, will man immer darauf sehen, daß das einzelne, was ausgedacht wurde, programmäßig verwirklicht wird; hier handelt es sich darum, die Wirklichkeit an einem Punkte anzufassen. Dann mag dasjenige, was daraus kommt, etwas ganz anderes werden! Und so steht das, was ich gesagt habe, nur scheinbar so unverständlich da, weil die Sache gar nicht so aufzufassen ist wie andere Programme. Man kann sagen: es ist heute leicht, ein Programm mit ein paar Gedanken nicht nur einzuführen, sondern sogar zu beweisen. Schwer ist es aber, an die menschlichen Seelen zu appellieren, und so zu appellieren, wie ich es habe tun wollen, nämlich diese Seelen auf sich selbst zurück zuweisen, ihnen Anregungen zu geben. Dann werden sie vielleicht etwas ganz anderes denken. Aber es ist im Grunde genommen heute das Allernotwendigste, daß der Mensch weiß: Man muß von einer Wirklichkeit ausgehen, dann wird sich das andere schon ergeben.
[ 73 ] With programs—whether socialist or otherwise—the aim is always to ensure that the specific ideas that have been conceived are carried out as outlined in the program; the point here is to address reality at a single point. Then what emerges from it may turn out to be something entirely different! And so what I have said only appears to be so incomprehensible because the matter is not to be understood in the same way as other programs. One might say: today it is easy not only to introduce a program consisting of a few ideas, but even to prove it. But it is difficult to appeal to human souls—and to appeal to them as I have sought to do, namely, by directing these souls back to themselves and providing them with inspiration. Then they may perhaps think something entirely different. But fundamentally, what is most essential today is for people to know: one must start from a reality; then the rest will follow on its own.
[ 74 ] Deshalb braucht durchaus nicht etwas verachtet zu werden, wie die Bodenreformer es anstreben. In einer Unterredung, die ich vor langen Jahren in Berlin einmal mit Damaschke hatte, machte ich ihn darauf aufmerksam, daß seine Gedanken ganz gewiß sehr viel Tragkraft haben, daß sie aber deshalb nicht ins wirkliche Leben voll eingreifen können und es durchgreifend verstehen können, weil der Boden nicht elastisch ist. Das ist er ja nicht; und deshalb, sagte ich ihm, ist es nicht möglich, sie unmittelbar in Wirklichkeit umzusetzen.
[ 74 ] Therefore, there is certainly no need to look down on anything, as the land reformers seek to do. In a conversation I once had with Damaschke in Berlin many years ago, I pointed out to him that while his ideas certainly have great potential, they cannot fully intervene in real life or thoroughly understand it because the soil is not elastic. It is not, after all; and for that reason, I told him, it is not possible to implement them directly in reality.
[ 75 ] Nun, man kommt auf keine andere Weise zurecht, als wenn man gerade die Tendenz der Zeit ins Auge faßt, die sich dadurch ergibt, daf3 die Menschen in eine Sackgasse gekommen sind durch die Konfundierung von Rechtsleben, Wirtschaftsleben und geistigem Leben. Dann ergibt sich etwas, was durchaus nicht so schwer zu beweisen ist, nämlich, daß man sie nun nicht weiterhin konfundieren soll, sondern den Rückweg antreten soll!
[ 75 ] Well, there is no other way to cope with this than by taking a close look at the trend of the times, which arises from the fact that people have reached a dead end due to the confusion between legal life, economic life, and spiritual life. This leads to a conclusion that is by no means difficult to prove: namely, that we should not continue to confuse these spheres, but rather set out on the path back!
[ 76 ] Das, was ich sagte, will Gedanken darüber weiterführen, wie eigentlich sozialisiert werden soll, wie man in die Lage kommt, daß in berechtigter Weise nicht menschliche Arbeit verwendet werden darf im Sinne der Gewalt eines anderen. Und wie gesagt: So unvollkommen das bleiben muß, weil man es in einem Vortrage nicht erschöpfend behandeln kann, so meine ich doch, daß es heute nötig ist, mit ein wenig gutem Willen an die Dinge heranzugehen; denn die Tatsachen sprechen zu laut! Und selbst gegenüber dem, was auf sozialistischem Gebiet durchaus anders erscheinen könnte als vor vier Jahren, sprechen die Tatsachen heute zu stark. Ich werde dies alles demnächst in einer Broschüre umfassend und zugleich in allen Einzelheiten ausführen, weil ich das für die Gegenwart für außerordentlich notwendig halte, die dann das, was jetzt wahrhaftig nur andeutungsweise erschienen ist, in den Einzelheiten beweisen wird.
[ 76 ] What I said is intended to further the discussion on how socialization should actually take place, and how we can reach a point where, justifiably, human labor may not be used to exert power over another. And as I said: As imperfect as this must remain—since it cannot be dealt with exhaustively in a single lecture—I nevertheless believe that it is necessary today to approach these matters with a little good will; for the facts speak all too loudly! And even in light of developments in the socialist sphere that might appear quite different from what they were four years ago, the facts speak all too strongly today. I will soon elaborate on all of this comprehensively and in full detail in a pamphlet, because I consider this to be of the utmost necessity at the present time; this pamphlet will then provide detailed proof of what has so far been merely hinted at.
[ 77 ] Ich glaube, man muß heute eines nicht aus dem Auge verlieren. Ich hatte da gestern ein besonderes Erlebnis. Als ich ein kleiner Bub war, da lernte ich immer in meinen Religionsbüchern das Folgende: Da lernte ich, daß man doch einsehen müsse, daß Christus entweder ein Narr oder ein Heuchler sein müsse, oder aber das sein müsse, als was er sich selber ausgegeben hat. Und da steht in diesen Religionsbüchern drinnen: Und da man ihn weder für einen Narren noch für einen Heuchler halten kann, muß er der Sohn des lebendigen Gottes sein. - Das habe ich gestern auch als die Lösung der sozialen Fragen antworten gehört hier in Bern! Ich habe es vor mehr als fünfzig Jahren schon in meinen Schulbüchern gelesen, ich höre es heute wiederum wiederholen - als die richtige Lösung der sozialen Frage. Zwischen dem Zeitpunkt, da ich es in meinen Religionsbüchern in der Schule gelesen habe, und dieser fast wortwörtlichen Wiederholung, die man in der schweren Zeit immer wieder und wiederum hören konnte, ich möchte sagen: wortwörtlich genau, zwischen den zwei Zeitpunkten liegt aber die Erfahrung, die die Menschheit durch die große Katastrophe, die wir durchlebt haben, gemacht haben sollte. Von dieser großen Katastrophe sollte man etwas lernen! Man sollte vor allen Dingen, glaube ich, williger geworden sein mit Bezug auf das Einsehen von Gedanken, die vielleicht etwas skizzenhaft sich ausnahmen heute, die aber doch vielleicht durch die Art und Weise, wie sie auf die Dinge hinweisen, zeigen, daß sie wenigstens den Versuch machen, in die Untergründe der Dinge unterzutauchen.
[ 77 ] I believe there’s one thing we mustn’t lose sight of today. I had a special experience yesterday. When I was a little boy, I always learned the following from my religion textbooks: I learned that one must realize that Christ must either be a fool or a hypocrite, or else he must be what he claimed to be. And it says in those religion textbooks: “And since he can be considered neither a fool nor a hypocrite, he must be the Son of the living God.”—I heard that very same answer given yesterday here in Bern as the solution to social issues! I read it in my schoolbooks more than fifty years ago, and today I hear it repeated once again—as the correct solution to the social question. Between the time I read it in my religion textbooks at school and this almost word-for-word repetition—which could be heard over and over again during those difficult times—I would say: literally, exactly—between those two points in time, however, lies the experience that humanity should have gained through the great catastrophe we have lived through. We should learn something from this great catastrophe! Above all, I believe we should have become more open to understanding ideas that may seem somewhat sketchy today, but which—through the way they point to things—perhaps show that they at least attempt to delve into the depths of reality.
[ 78 ] 2. Redner (Baron von Wrangell): Sieht in der von Herrn Dr. Steiner vorgeschlagenen Dreigliederung des sozialen Organismus die richtige Lösung. Wie der Gedanke verwirklicht werden kann, scheint ihm eine andere Frage zu sein. Der Grundfehler des Sozialismus liege darin, daß er zu einer Überbewertung des Staates führe.
[ 78 ] 2nd Speaker (Baron von Wrangell): Sees the threefold social order proposed by Dr. Steiner as the correct solution. How this idea can be put into practice, he believes, is another matter. The fundamental flaw of socialism, he argues, lies in the fact that it leads to an overvaluation of the state.
[ 79 ] 3. und 4. Redner: Wandten im wesentlichen ein, daß eine Verwirklichung der Idee der Dreigliederung die Verhältnisse unnötig verkomplizieren würde, was gegen diese Lösung spreche. Die Dreigliederung würde zu einer Zersplitterung führen, während das Leben des Menschen eine Einheit bilden solle.
[ 79 ] 3rd and 4th speakers: Essentially objected that putting the idea of the threefold social order into practice would unnecessarily complicate matters, which argued against this solution. The threefold social order would lead to fragmentation, whereas human life should form a unity.
[ 80 ] Rudolf Steiner: Nun, ich glaube, vielleicht doch ganz kurz noch etwas sagen zu müssen. Ich kann ganz gut verstehen, was der verehrte Herr Vorredner will; aber ich habe das Gefühl, daß er sich selber nicht ganz gut versteht! Ich meine, er sollte die ganze Lage, in der wir sind, beurteilen aus etwas größeren Gesichtspunkten heraus. Wir Menschen haben wirklich nicht bloß die Aufgabe, uns das Leben bequem einzurichten. Es gibt noch manches andere im Leben, als es sich bequem einzurichten! Und ich glaube, ein großer Teil der Schäden, unter denen wir heute leiden, kommt eben gerade davon her, daß ein großer Teil der Menschheit nur danach strebt, das Leben bequem einzurichten, eben in ihrer Art. Aber dasjenige, worauf es ankommt, scheint mir etwas anderes zu sein.
[ 80 ] Rudolf Steiner: Well, I think I might have to say something very briefly after all. I can understand quite well what the esteemed speaker before me is trying to say; but I have the feeling that he doesn’t quite understand himself! I mean, he should assess the entire situation we find ourselves in from a somewhat broader perspective. We human beings really do not have the sole task of making our lives comfortable. There is much more to life than simply making it comfortable! And I believe that a large part of the harm we suffer today stems precisely from the fact that a large part of humanity strives only to make life comfortable—in their own way. But what really matters, it seems to me, is something else.
[ 81 ] Sehen Sie, ich würde Sie nicht behelligen mit irgendeinem Einfall über eine Dreiteilung, wenn diese drei Teile nicht veranlagt wären in der Wirklichkeit des sozialen Organismus. Daß diese Dreigliederung geschehen will, das ist etwas, was nicht von uns abhängt, das können wir nicht ändern, das macht sich selber. Ich hatte wirklich, ich muß noch einmal darauf zurückkommen, in dieser schweren Zeit Gelegenheit, mit manchem Menschen zu sprechen, von dem ich glaubte, er solle irgend etwas von den Stellen aus tun, die heute so sehr die autoritativen sind - es war vor zweieinhalb Jahren schon, es wäre noch die Möglichkeit gewesen, etwas zu tun -, und sagte manchem: Sehen Sie, das, was hier ausgesprochen wird, ist nicht eine einfache Sache. Es ist entstanden durch eine durch Jahrzehnte hindurch gehende Beobachtung dessen, was sich über Europa hin im Laufe der nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre verwirklichen will. Wer nämlich den Gang der Ereignisse betrachtet - und anders kann man gar nicht zum Verständnis der sozialen Dreigliederung kommen, als aus dem ganzen Gegenwärtigen auch die Entwickelungsmöglichkeiten für die Zukunft zu erkennen -, der sieht, daß, ob wir wollen oder nicht, diese Dreigliederung sich vollzieht. Sie hat sich in früheren Zeiten instinktiv ergeben; immer mehr und mehr hat sich in der neueren Zeit eine Konfundierung, eine Zusammenschmelzung der drei Teile ergeben. Jetzt wollen diese drei Teile wieder in der ihnen entsprechenden Weise auseinandergehen, zu ihrer Selbständigkeit kommen. - Und ich sagte das manchem mit dem drastischen Wort: Sehen Sie, derjenige, der jetzt am Ruder ist, könnte manches nach dieser Richtung noch mit Vernunft tun; die Menschen haben die Wahl - auch schon Goethe hat mit Bezug auf die Revolution gesagt: Entweder Evolution oder Revolution -, sie haben die Wahl, entweder jetzt durch Vernunft das zu tun, oder sie werden Revolutionen und Kataklysmen erleben. Nicht nur diejenigen, die bisher am Ruder waren, werden die Kataklysmen erleben, sondern auch diejenigen, die an den Dogmen des Sozialismus bloß festhalten wollen, werden die Kataklysmen erleben. Es handelt sich darum, daß diese Dreigliederung des sozialen Organismus sich selber vollzieht. Und Sie können ja auch sehen: Dasjenige, was natürlich ist, das tritt immer unter gewissen außerordentlichen Verhältnissen in gewissen Einseitigkeiten der Entwickelung auf; diese drei Glieder wollen sich immer mehr verselbständigen. Und sie verselbständigen sich in einer unnatürlichen Weise, wenn man ihnen nicht ihre natürliche Selbständigkeit gibt, wenn man sie konfundiert, wenn man sie zusammenwirft; sie entwickeln sich in einer die Menschheit aufhaltenden Weise. Die geistige Macht, die geistige Organisation entwickelt sich, sei es als Kirchenstaat oder Staatskirche oder was immer, verselbständigt sich, und wenn sie auch nicht das Ganze des Geisteslebens umfassen kann, so sucht sie doch so viel zu erhaschen, als sie erhaschen kann. Das andere, das Rechtsleben nimmt der Staat in Anspruch, macht wiederum dem Staate dienstbar das, was sich zu verselbständigen suchen wird. Was im politischen Leben in unnatürlicher Weise sich verwirklichen will, das ist alles das, was heute der viel verpönte Militarismus ist. Denn sehen Sie, über diesen Militarismus und sein einseitiges Verhältnis zum Staatsleben hat sich gerade während des Krieges manche Meinung in gesunder Weise geäußert. Aber wenn man diesen Meinungen mit gesundem Menschenverstand auf den Grund geht, dann merkt man auch, daß der Militarismus nichts anderes ist, als die einseitige Verwirklichung dessen, dem man seine natürliche Selbständigkeit nicht geben will, des politischen Lebens wiederum. Und Clausewitz sagte: Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln; bei Clausewitz steht es in einem gewissen Zusammenhang; da kann man noch auf diese Dinge eingehen, nicht wie in den letzten Jahren, in denen man viele solche Einseitigkeiten sagen hörte. Man kann auch sagen: Der Ehestreit und die Scheidung sind die Fortsetzung der Ehe mit anderen Mitteln! Solche Einseitigkeiten wurden einem in den letzten Jahren sehr viele gesagt; da wirft man eben alles durcheinander. Das aber, worauf alles beruht, wenn man fruchtbar im Leben Ansichten entwickeln will, die auch dann in wirkliche Einrichtungen übergehen, das ist, daß man diese Verhältnisse gesund ansieht. Und so wollen sich diese Dinge wirklich verselbständigen, selbständig entwickeln. Der Wirtschaftsorganismus hat in der neueren Zeit eine so große Überflutung des ganzen öffentlichen Lebens bewirkt, daß heute schon viele überhaupt gar nichts mehr sehen als einen Wirtschaftsorganismus. Und dann sehen sie in dem, was sonst da sein kann, nur eine Verwaltung des Wirtschaftsorganismus.
[ 81 ] You see, I would not bother you with any idea about a threefold division if these three parts were not already inherent in the reality of the social organism. The fact that this threefold division is bound to come about is something that does not depend on us; we cannot change it; it happens of its own accord. I really did—and I must come back to this again—have the opportunity during this difficult time to speak with many people whom I believed should be doing something from the positions that are so authoritative today—it was already two and a half years ago, when there was still a possibility to do something—and I said to many of them: Look, what is being said here is not a simple matter. It has emerged from decades of observation of what is set to unfold across Europe over the next ten, twenty, or thirty years. For anyone who observes the course of events—and there is no other way to understand social threefolding than by recognizing the possibilities for future development within the entirety of the present—will see that, whether we like it or not, this threefolding is taking place. In earlier times, it arose instinctively; in more recent times, however, there has been an increasing blurring and merging of the three parts. Now these three parts want to separate again in the manner appropriate to them and attain their independence. - And I have said to many, using strong words: Look, the one who is at the helm now could still do many things in this direction through reason; people have a choice—Goethe himself said, with reference to revolution: “Either evolution or revolution”—they have the choice to either act through reason now, or they will experience revolutions and cataclysms. Not only those who have been at the helm until now will experience these cataclysms, but also those who merely wish to cling to the dogmas of socialism will experience them. The point is that this threefold structure of the social organism is bringing itself into being. And you can see for yourselves: That which is natural always manifests itself, under certain extraordinary circumstances, in certain one-sided aspects of development; these three members increasingly seek to become independent. And they become independent in an unnatural way if they are not granted their natural independence, if they are confused, if they are thrown together; they develop in a way that holds humanity back. The spiritual power, the spiritual organization—whether it takes the form of a papal state, a state church, or whatever—develops and becomes independent; and even if it cannot encompass the entirety of spiritual life, it nevertheless seeks to seize as much of it as it can. The other aspect—legal life—is claimed by the state, which in turn subjugates to itself that which seeks to become independent. Whatever seeks to realize itself in an unnatural way in political life is precisely what is today known as the much-maligned militarism. For you see, during the war in particular, many sound opinions were expressed regarding this militarism and its one-sided relationship to state life. But if one examines these views thoroughly with common sense, one also realizes that militarism is nothing other than the one-sided realization of that which one refuses to grant its natural autonomy—namely, political life itself. And Clausewitz said: “War is the continuation of politics by other means”; in Clausewitz’s work, this is presented in a certain context; there, one can still address these matters, unlike in recent years, when one heard many such one-sided statements. One could also say: Marital strife and divorce are the continuation of marriage by other means! We have heard far too many such one-sided statements in recent years; that is simply throwing everything into disarray. But what everything rests upon—if one wishes to develop fruitful perspectives in life that will then translate into real institutions—is viewing these relationships in a healthy light. And so these things truly want to take on a life of their own, to develop independently. In recent times, the economic organism has brought about such a massive inundation of the entire public life that today many people already see nothing at all but an economic organism. And then they see in whatever else might be there merely an administration of the economic organism.
[ 82 ] Das ist, was Sie zum Beweise führen kann. Aber vor allen Dingen, wenn ich nichts anderes erreicht habe, als daß es manchen anregt, so ist mir das schon vollständig genügend. Mehr will ich gar nicht! Denn ich glaube gar nicht, daß man ein Richtiges sagen kann über das, was sozial geschehen soll. Ich möchte folgendes doch noch beifügen: Sie wissen, in der Gegenwart gibt es zwei Bolschewisten: der eine ist Lenin, der andere Trotzki. Ich kenne einen dritten, der allerdings nicht in der Gegenwart lebt, an den denken die wenigsten Menschen, wenn sie über die Bolschewisten sprechen, das ist Johann Gottlieb Fichte! Lesen Sie seinen «Geschlossenen Handelsstaat», und Sie haben, theoretisch betrachtet, ganz genau dasjenige, was Sie bei Lenin und Trotzki lesen können! Warum? Weil Fichte ein Staatssystem aus der eigenen Seele heraus spinnt! Aus den Kräften, mit denen Sie in der Philosophie zu den höchsten Höhen kommen können, entwickelt er ein Staatssystem, ein politisches, respektive ein soziales System. Warum geschah das so? Weil überhaupt aus dem einzelnen Menschen heraus gar nicht eine Ansicht zu gewinnen ist über dasjenige, was sozial fruchtbar ist! Das kann nur von Mensch zu Mensch gefunden werden. Wie die Sprache nicht entwickelt werden kann, wenn ein Mensch einsam auf einer Insel lebt, sondern wie die Sprache nur als soziale Erscheinung, nur im richtigen Zusammenleben der Menschen sich entwickeln kann, so ist dasjenige, was überhaupt sozial ist, nicht durch Herausspinnen aus einem einzelnen Menschen zu gewinnen! Man kann nicht aus sich heraus ein Programm aufstellen. Man kann aber darüber nachdenken, in welche soziale Ordnung die Menschen gestellt sein müssen, damit sie so natürlich zueinander stehen, daß sie von sich aus finden, was die richtige soziale Ordnung ist.
[ 82 ] That is what can serve as proof. But above all, if I have achieved nothing more than inspiring some people, that is entirely enough for me. I don’t want anything more! For I do not believe at all that one can say anything definitive about what should happen socially. I would still like to add the following: As you know, there are two Bolsheviks today: one is Lenin, the other is Trotsky. I know of a third, who admittedly does not live in the present; very few people think of him when they speak of the Bolsheviks—that is Johann Gottlieb Fichte! Read his The Closed Commercial State, and you will find, from a theoretical standpoint, exactly what you can read in Lenin and Trotsky! Why? Because Fichte weaves a system of government out of his own soul! From the forces that can take you to the highest heights in philosophy, he develops a system of government—a political, or rather, a social system. Why did this happen? Because it is simply impossible to derive a view of what is socially fruitful from the individual alone! This can only be discovered through interaction between people. Just as language cannot develop if a person lives alone on an island, but can only develop as a social phenomenon—through the proper coexistence of people—so too, what is social in the first place cannot be derived by spinning it out of a single individual! One cannot devise a program on one’s own. One can, however, reflect on what kind of social order people must be placed in so that they relate to one another so naturally that they discover for themselves what the proper social order is.
[ 83 ] Die soziale Frage wird nicht von der Tagesordnung verschwinden! Die ist da und muß weiterhin immer mehr gelöst werden. Aber das, was als Aufgabe vorliegt, ist, die Frage zu beantworten: Wie sollen die Menschen zueinander stehen im dreigliedrigen sozialen Organismus? Dann werden Sie immer mehr oder weniger die Lösung finden. Die Menschen müssen im sozialen Organismus so zueinander in Verbindung treten, daß aus ihrem Zusammenleben die Lösungen entstehen. Diese Vorarbeit zu leisten, das ist ja das, was die Aufgabe eines wirklich sozialen Denkens ist, jene Vorarbeit, die zeigt, wodurch die Menschen im wirklichen sozialen Leben die sozialen Fragen lösen können.
[ 83 ] The social question will not disappear from the agenda! It is here and must continue to be resolved to an ever-greater extent. But the task at hand is to answer the question: How should people relate to one another within the threefold social organism? Then you will, to a greater or lesser extent, find the solution. People must relate to one another within the social organism in such a way that solutions arise from their coexistence. To carry out this preparatory work—that is precisely the task of truly social thinking—the preparatory work that shows how people can solve social issues in real social life.
[ 84 ] Ich sagte schon, ich glaube nicht, daß ich so gescheit sein könnte, ein soziales Programm aufzustellen. Aber ich machte darauf aufmerksam, daß, wenn die Menschen in dieser naturgemäßen Dreiteilung leben, und wenn sie das, was in dieser naturgemäßen Dreigliederung als Einrichtungen ihren Impulsen entspricht, wirklich in der Welt entstehen lassen, daß dann durch die Menschen, in diesem dem gesunden sozialen Organismus angemessenen Zusammenwirken der Menschen, die soziale Ordnung erst entsteht! Da kann man mitarbeiten! Man kann es nicht so machen, wie die modernen Marxisten sagen: Wir machen zuerst einen großen Kladderadatsch, dann kommt die Diktatur des Proletariats, dann wird sich das Richtige schon ergeben. - Nein, zum mindesten das ist notwendig, daß diese Vorarbeit geleistet wird, daß man sich frägt: Wie müssen die Menschen dastehen im sozialen Organismus, so daß durch ihr Zusammenwirken das geschieht, was eben heute die wahrhaftig laut sprechenden Tatsachen von uns fordern?
[ 84 ] As I said before, I don’t think I’m smart enough to draw up a social program. But I pointed out that if people live according to this natural threefold division, and if they truly bring into being in the world the institutions within this natural threefold division that correspond to their impulses, then social order arises through human beings—through this interaction of people that is appropriate to a healthy social organism! That’s where we can contribute! We can’t do it the way the modern Marxists say: First we’ll create a big mess, then comes the dictatorship of the proletariat, and then things will work themselves out. - No, at the very least it is necessary that this groundwork be laid, that we ask ourselves: How must people be positioned within the social organism so that, through their cooperation, what the facts—which are truly speaking out loud to us today—demand of us will come to pass?
