The Liberation of Humanity as the
Basis for Social Transformation
GA 329
17 March 1919, Bern
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The Liberation of Humanity as the Basis for Social Transformation, tr. SOL
2. Welchen Sinn hat die Arbeit des modernen Proletariers?
2. What is the meaning of the modern proletarian’s work?
[ 1 ] Glauben Sie nicht, daß ich heute Abend zu dem Zwecke das Wort ergreifen will, um in dem Sinne von einer Verständigung der verschiedenen Klassen der heutigen Bevölkerung zu sprechen, wie namentlich von seiten der herrschenden, bisher herrschenden Klassen gegenwärtig so oft von Versöhnung und vonVerständigung gesprochen wird. Ich möchte heute Abend zu Ihnen von einer ganz anderen Verständigung sprechen, von der Verständigung, die herausgefordert wird durch die heute laut sprechenden sozialen Tatsachen und den in den Lauf der Menschheitsentwickelung gegenwärtig eintretenden großen geschichtlichen Kräften. Von dem möchte ich sprechen, was mir insbesondere gegenüber der proletarischen Bewegung gefordert erscheint, von diesen heute, man kann sagen, weltumwälzenden geschichtlichen Kräften.
[ 1 ] Do not think that I intend to take the floor this evening for the purpose of speaking about understanding among the various classes of today’s population in the sense that the ruling classes—or rather, the classes that have ruled until now—so often speak of reconciliation and understanding at present. Tonight I would like to speak to you about a very different kind of understanding—the understanding demanded by the social realities that are making themselves heard today and by the great historical forces currently at work in the course of human development. I would like to speak about what seems to me to be particularly demanded of the proletarian movement in the face of these—one might say—world-transforming historical forces.
[ 2 ] Von einer anderen Verständigung zu sprechen, verbietet ja fast das ganze moderne Leben, dasjenige Leben, das von gewissen Seiten her genannt wird: die moderne Zivilisation. Was haben wir für Stimmen vernehmen können im Laufe der letzten Jahrzehnte innerhalb dieser modernen Zivilisation! Erinnern wir uns einmal, wie die bisher herrschenden Klassen diese moderne Zivilisation empfunden haben, man möchte sagen, bis weit hinein in die furchtbare Kriegskatastrophe, die als ein Schrecken der Menschheit in den letzten Jahren heraufgezogen ist. Wie oft wurde gesagt, wie wir Menschen es weit gebracht haben im Schaffen, im Produzieren! Wie wir es dazu gebracht haben, daß der Gedanke in kurzer Zeit weit über die Erde hin geschickt werden kann, wie Verbindungen geschaffen worden sind zwischen den fernsten Ländern, wie das Geistesleben in all seinen Formen eine ungeheure Ausbreitung gewonnen hat. Nun, ich könnte das Loblied, nicht wie ich es singen will, sondern wie es von dieser herrschenden Klasse über die moderne Zivilisation angestimmt worden ist, noch lange fortsetzen. Allein, sehen wir uns jetzt die Dinge von der anderen Seite an. Wodurch war denn diese moderne Zivilisation, auf die so viele Loblieder gesungen worden sind, eigentlich möglich? Dadurch allein war sie möglich, daß sie gewissermaßen unterhöhlt war von denen, die aus dem innersten Wesen ihrer Menschlichkeit heraus nicht einverstanden sein konnten mit dem, was die Träger dieser modernen Zivilisation taten. Und so konnte man neben all dem, was man auch eine Art Luxuskultur nennen könnte, die Stimmen vernehmen, die von der anderen Seite kamen, und die im wesentlichen doch immer austönten in die Worte: So kann es nicht weitergehen! So herrlich für euch auch eure Zivilisation sein mag, sie ist gar nicht anders möglich, als daß der weitaus größte Teil der Erdbevölkerung an dieser Zivilisation keinen unmittelbaren Anteil haben kann. Er muß sich ausgeschlossen fühlen von dieser Zivilisation, er muß gewissermaßen von außen zuschauen, aber auf der anderen Seite für diese Zivilisation alles erarbeiten!
[ 2 ] To speak of a different kind of understanding is almost forbidden by modern life itself—that life which certain quarters refer to as “modern civilization.” What voices have we heard over the course of the last few decades within this modern civilization! Let us recall how the ruling classes to date have perceived this modern civilization—one might say, right up to the terrible catastrophe of war that has loomed over humanity in recent years as a horror. How often has it been said how far we humans have come in our creative endeavors and in production! How we have managed to ensure that a thought can be sent far across the earth in a short time, how connections have been established between the most distant countries, how spiritual life in all its forms has gained immense scope. Well, I could go on singing this song of praise—not as I wish to sing it, but as it has been sung by this ruling class in praise of modern civilization—for a long time yet. But let us now look at things from the other side. What actually made this modern civilization—about which so many songs of praise have been sung—possible? It was possible solely because it was, so to speak, undermined by those who, from the very core of their humanity, could not agree with what the bearers of this modern civilization were doing. And so, alongside all that one might call a kind of “culture of luxury,” one could hear the voices coming from the other side, voices that essentially always resonated with the words: “Things cannot go on like this!” As wonderful as your civilization may be to you, it cannot possibly exist without the vast majority of the world’s population being excluded from having any direct share in it. They must feel excluded from this civilization; they must, so to speak, watch from the outside, yet at the same time do all the work for this civilization!
[ 3 ] Hat man irgendwie nun auf der anderen Seite in den letzten Jahrzehnten Verständnis gezeigt für die Gründe und Untergründe, aus denen ein solcher Ruf hervorgekommen ist? Man kann das nicht sagen. Überhaupt reden heute gewisse Menschen eine ganz merk würdige Sprache. Ich habe in den letzten Tagen einiges mitgemacht von dem, was sich hier in Bern abgespielt hat als Völkerbundskonferenz. Man hat da allerlei schöne Reden hören können, das heißt Reden, welche die Herren für sehr schön hielten. Aber wer imstande ist, ein wenig tiefer in das hineinzuschauen, was sich ausspricht in den weltumwälzenden Taten, die heute durch Europa hindurchgehen, der konnte bei dem, was da geredet wurde, vor allen Dingen das vernehmen, daß vorbeigeredet wurde und auch vorbeigedacht wurde an der allerwichtigsten Frage der Gegenwart, an dem, was als Frage einen großen Teil der Menschheit in immer steigendem Maße bewegt. Es wurde vorbeigeredet und vorbeigedacht an dem eigentlichen Nerv der sozialen Frage! Für diese Frage zeigte diese Konferenz außerordentlich wenig Verständnis, und man wurde dabei an etwas anderes erinnert, nämlich an die Wochen des Frühlings und Frühsommers des Jahres 1914. Da konnte man von Seiten der bisher herrschenden Kreise und deren Führern auch gar manche sonderbare Rede hören. Man könnte viele ähnliche Reden anführen wie diejenige, die von einem führenden Staatsmanne in einem Staate Mitteleuropas 1914 vor einem Parlament gehalten wurde und in der er sagte: Dank der energischen Bemühungen der europäischen Kabinette können wir hoffen, daß für absehbare Zeit der Friede unter den Großmächten Europas gesichert sein werde. - So ist in allen möglichen Abänderungen im Mai, im Juni 1914 noch gesprochen worden.
[ 3 ] Has the other side, in any way, shown understanding in recent decades for the reasons and underlying causes that gave rise to such a reputation? It’s hard to say. In general, certain people today speak in a most peculiar way. Over the past few days, I have witnessed some of what has been taking place here in Bern at the League of Nations conference. One could hear all sorts of fine speeches there—that is, speeches that the gentlemen considered very fine. But anyone capable of looking a little deeper into what is being expressed through the world-changing events sweeping across Europe today could, in what was said there, above all, that they were talking past—and thinking past—the most crucial issue of our time, the one that is increasingly preoccupying a large portion of humanity. They were talking past and thinking past the very heart of the social question! This conference showed extraordinarily little understanding of this issue, and it brought to mind something else—namely, the weeks of spring and early summer of 1914. At that time, one could hear quite a few strange speeches from the circles that had been in power up to that point and their leaders. One could cite many similar speeches, such as the one delivered by a leading statesman in a Central European country before a parliament in 1914, in which he said: “Thanks to the energetic efforts of the European cabinets, we can hope that peace among the great powers of Europe will be secured for the foreseeable future.” - Such statements were still being made, in all sorts of variations, in May and June 1914.
[ 4 ] Und dann? Dann kam dasjenige, was Millionen von Menschen tötete, was Millionen von Menschen zu Krüppeln machte. So gut wurde vorausgesehen das, was sich auch geltend machte neben dem, dem man solche Loblieder als der modernen Zivilisation sang!
[ 4 ] And then? Then came what killed millions of people, what crippled millions of people. That was so well foreseen—and yet it prevailed alongside the very thing to which such hymns of praise were sung as the hallmark of modern civilization!
[ 5 ] Ich selbst, wenn ich diese persönliche Bemerkung machen darf, mußte dazumal allerdings anders reden als diese Staatsmänner. Vor einer Versammlung in Wien im Frühling 1914 mußte ich sagen: Wer das Leben der gegenwärtigen europäischen Menschheit anschaut, der sieht in ihm etwas wie eine schleichende Krebskranklheit, die zum Ausbruch kommen muß. - Nun, man kann es heute dem Urteil der Menschheit anheimstellen, wer ein besserer Prophet war: derjenige, der von einer Krebskrankheit sprach, die so furchtbar in dem sogenannten Weltkriege zum Ausbruch gekommen ist, oder diejenigen, die da meinten, daß dank der Bemühungen der Kabinette ein längerer Friede in Aussicht stehen werde. Gerade so wie die Herren dazumal vorbeigeredet haben an dem, was als schwarze Wolke am politischen Himmel Europas heraufzog, so reden heute gewisse Menschen vorbei an dem, was das allerwichtigste ist: an den in das Völkerleben der Erde einziehenden sozialen Mächten und Kräften. Da die Dinge so liegen, ist zunächst wahrhaftig recht wenig Aussicht vorhanden, sozusagen durch Vernunft eine Verständigung herbeizuführen. Aber eine Verständigung nach der anderen Seite, wie ich schon sagte, kann gesucht werden. Und diese Verständigung scheint sich mir dann zu ergeben, wenn man folgenden Ausgangspunkt nimmt.
[ 5 ] I myself, if I may make this personal remark, had to speak differently at that time than these statesmen did. Speaking before an assembly in Vienna in the spring of 1914, I had to say: Anyone who looks at the life of contemporary European humanity sees in it something like a creeping cancer that is bound to break out. - Well, one can leave it to the judgment of humanity today to decide who was the better prophet: the one who spoke of a cancer that broke out so terribly in the so-called World War, or those who believed that, thanks to the efforts of the cabinets, a prolonged peace was in sight. Just as those gentlemen at the time failed to recognize what was gathering like a dark cloud on the political horizon of Europe, so today certain people fail to recognize what is of the utmost importance: the social forces and powers entering the life of the nations of the world. Since this is the case, there is indeed very little prospect, at first, of bringing about an understanding through reason, so to speak. But, as I have already said, an understanding from the other side can be sought. And this understanding seems to me to arise when one takes the following starting point:
[ 6 ] Bis in unsere Zeit hinein war die proletarische Bevölkerung im Grunde genommen in einer ganz anderen Lage, als sie von nun an sein wird. Wer nicht nur von einem gewissen theoretischen Gesichtspunkte über die proletarische Bewegung gedacht hat, sondern wer diese proletarische Bewegung so erlebt hat, daß er mit ihr gelebt hat, der weiß, daß? dasjenige, was das moderne Proletariat erlebte, die große, eindringliche Kritik war dessen, was durch Jahrhunderte, durch drei bis vier Jahrhunderte die Einrichtungen, die Maximen der bisher führenden Kreise angerichtet haben. Für alles dasjenige, was sie geglaubt hatten der Menschheit einfügen zu müssen, war dasjenige, was der moderne Proletarier erlebte, die lebendige, die weltgeschichtliche Kritik. Und im Grunde genommen war dasjenige, was innerhalb des Proletariats vorging, eine große, gewaltige Kritik. Während die bisher führenden Kreise innerhalb ihrer bürgerlichen Kultur, auf die sie solche Loblieder sangen, verweilten, während sie in ihren Hörsälen dasjenige hören konnten, was ihrem Staate diente, während sie in ihren Theatern die Scheinwelt ihrer Angelegenheiten vernahmen, während sie noch manches andere von dem trieben, was sie als eine so heilsame moderne Zivilisation empfanden, fanden sich die proletarischen Massen in den Stunden, die sie sich erübrigen konnten von der schweren, mühevollen Arbeit des Tages, zusammen, um über die ernsten Fragen der menschlichen Entwickelung, die ernsten Fragen der Weltgeschichte nachzudenken. Hatte doch die moderne technische und die mit ihr verbundene kapitalistische Entwickelung den modernen Proletarier hinweggeholt von allen übrigen menschlichen Zusammenhängen, die zum Beispiel das alte Handwerk gegeben hatte, hatte ihn hingestellt an die Maschine, eingespannt in die kapitalistische Weltordnung und damit ausgeschlossen im unmittelbaren Empfinden von dem, was die leitenden, führenden Kreise trieben. Da wandte sich dem allgemeinen, und von einem gewissen Gesichtspunkte aus dem höchsten Menschheitsinteresse, der Seelenblick, der geistige Blick des Proletariers zu. Und getrieben wurde in den Proletarierversammlungen eben dasjenige, was dann immer wiederum austönen mußte in den Ruf: So kann es nicht weitergehen!
[ 6 ] Up until our time, the proletarian population was, in essence, in a completely different situation than it will be from now on. Anyone who has not merely reflected on the proletarian movement from a certain theoretical standpoint, but who has experienced this proletarian movement to the extent of living it, knows that… what the modern proletariat experienced was a profound and forceful critique of what the institutions and maxims of the previously ruling classes had wrought over the course of centuries—three to four centuries. For everything they had believed they had to impose on humanity, what the modern proletarian experienced was a living, world-historical critique. And, fundamentally speaking, what was taking place within the proletariat was a great, powerful critique. While the ruling classes of the past remained within their bourgeois culture—which they sang such praises of—while they could hear in their lecture halls what served their state, while they witnessed in their theaters the illusory world of their affairs, while they were still engaged in many other activities they perceived as part of such a salutary modern civilization, the proletarian masses gathered together in the hours they could spare from the heavy, arduous labor of the day to reflect on the serious questions of human development, the serious questions of world history. After all, modern technological development—and the capitalist development associated with it—had torn the modern proletarian away from all other human connections, such as those provided by the old crafts; it had placed him at the machine, harnessed him to the capitalist world order, and thus excluded him, in his immediate experience, from what the ruling, leading circles were engaged in. Thus, the proletarian’s inner gaze—his spiritual gaze—turned toward the general, and from a certain point of view, the highest interests of humanity. And what was driven forward in the proletarian assemblies was precisely that which inevitably resounded again and again in the cry: “Things cannot go on like this!”
[ 7 ] Aber auch in dem, was sich da entwickelte, lag eine gewaltige, großartige Kritik der bisherigen Politik, der bisherigen Wirtschaftsführung der leitenden Kreise vor. Das ist in der Gegenwart in ein neues Stadium getreten. Und diesen Eintritt in ein neues Stadium wirklich mit Aufmerksamkeit zu verfolgen, das scheint mir heute eine der allernotwendigsten sozialen Aufgaben zu sein.
[ 7 ] But even in what was unfolding there lay a powerful, magnificent critique of the policies and economic management of the ruling circles up to that point. This has now entered a new stage. And to truly follow this transition into a new stage with close attention—that seems to me to be one of the most essential social tasks today.
[ 8 ] Wie hat der moderne Proletarier das empfunden, was als eine Gesellschaftsordnung sich herausgebildet hat seit drei bis vier Jahrhunderten, seit jener Zeit, in der auch der moderne Kapitalismus und die moderne Technik in die Menschheitsentwickelung eingetreten sind? Wie hat der moderne Proletarier das alles empfunden, was er wie ein Aufßsenstehender ansehen mußte, was er, soweit er es gebrauchen konnte, ja gerade mit seinem innigen Anteil aufnehmen wollte, damit er etwas auch für seine Seele habe? Die alten führenden Kreise sprachen zu ihm von mancherlei Mächten und Kräften, die im geschichtlichen Werden der Menschheit tätig sind; sie sprachen zu ihm von allerlei sittlichen Weltordnungen und ähnlichem. Er aber, der moderne Proletarier, der den Blick hinaufwendete zu dem, was diese herrschenden Klassen taten, der empfand wenig von der Kraft, von der inneren Ursprünglichkeit solcher sittlichen Weltordnungen; er empfand, daß das Handeln, das Denken, das Empfinden der führenden, leitenden Kreise im wesentlichen geprägt ist von dem, wie sie leben können vermöge ihrer Wirtschaftsformen, ihrer Wirtschaftsordnung, durch die sie in der Lage sind, sich ihre Zivilisation zu begründen als eine Art Überbau auf dem Elend, auf der Bedrückung größerer Menschheitsmassen, die für sie arbeiten mußten.
[ 8 ] How did the modern proletarian perceive the social order that had taken shape over the past three to four centuries, since the time when modern capitalism and modern technology also entered the course of human development? How did the modern proletarian perceive all that which he was forced to view as an outsider—all that which, to the extent he could make use of it, he actually wanted to embrace with his whole heart, so that he might have something for his soul as well? The old ruling circles spoke to him of various powers and forces at work in the historical development of humanity; they spoke to him of all manner of moral world orders and the like. But he, the modern proletarian, who turned his gaze upward toward what these ruling classes were doing, felt little of the power or the inner originality of such moral world orders; he sensed that the actions, thoughts, and feelings of the ruling and leading circles are essentially shaped by how they are able to live by virtue of their economic forms and their economic order, through which they are able to establish their civilization as a kind of superstructure upon the misery and oppression of the vast masses of humanity who were forced to work for them.
[ 9 ] Und so kam in dem modernen Proletariat das herauf, was gegenüber der Wirklichkeit, bezüglich dieser neueren Gedanken über die Menschheitsentwickelung, die Wahrheit war. Der moderne Proletarier empfand eine Wahrheit über das, worüber die anderen in einer gewissen Weise im Lügenhaften phantasierten; sie sprachen von sittlicher, von göttlicher Weltenordnung, durch die die Menschen in gegenseitige gesellschaftliche Verhältnisse auf der Erde gebracht werden. Der Proletarier empfand das als eine tiefe Lüge. Und er empfand, daß in alledem die Wahrheit ja ist, daß die Leute so leben, wie sie können dadurch, daß sie das wirtschaftliche Leben zu ihrer Bequemlichkeit, zu ihren Gunsten ausnützten. Und so entstand - und man muß jetzt sagen, als richtiges Erbgut desjenigen, was bürgerliche Wissenschaft war - die materialistische Geschichtsauffassung, diejenige Auffassung, die nicht zuließ, daß die eigentlich wirksamen Mächte im geschichtlichen Werden der Menschheit etwas anderes seien, als die wirtschaftlichen Kräfte sind. Und das wurde zu dem Glauben, daß sich wie eine Art «Überbau» über den wirtschaftlichen Kräften alles dasjenige, was menschliche Religion, menschliche Wissenschaft, menschliche Geistigkeit ist, erhebt, und daß darunter als einzige Wirklichkeit, auf die höchstens der Überbau zurückwirkt, die wirtschaftlichen Kräfte walten. Recht hatte gegenüber dem, was aus dem gesellschaftlichen Leben die bürgerliche Weltordnung gemacht hat - ein bloßes Wirtschaften -, recht hatte gegenüber dem das moderne Proletariat.
[ 9 ] And so what emerged among the modern proletariat was what, in light of reality and these newer ideas about human development, was the truth. The modern proletarian sensed a truth about what others, in a certain sense, were fantasizing about in a false way; they spoke of a moral, divine world order through which human beings are brought into mutual social relationships on earth. The proletarian perceived this as a profound lie. And he sensed that the truth in all of this is, in fact, that people live as best they can by exploiting economic life for their own convenience and benefit. And so arose—and one must now say, as the true legacy of what bourgeois science was—the materialist conception of history, the conception that did not allow for the actually effective forces in the historical development of humanity to be anything other than economic forces. And this became the belief that everything that constitutes human religion, human science, and human spirituality rises like a kind of “superstructure” above the economic forces, and that beneath it, as the sole reality upon which the superstructure at most exerts a reciprocal influence, the economic forces reign. The modern proletariat was right in its opposition to what bourgeois social order had made of social life—a mere economic enterprise—it was right in its opposition to that.
[ 10 ] Ein zweites, was ausging von der Denkergewalt des Karl Marx und sich verbreitete in die Proletarierversammlungen hinein, in die Proletarierseelen hinein, das ist jetzt nicht die Geistesfrage, wie ich sie eben charakterisieren konnte in der materialistischen Geschichtsauffassung, das ist die Rechtsfrage. Diese kulminiert in dem einen Wort, das Sie alle kennen, das aber wie elektrisierend wirkte innerhalb der modernen Proletarier-Bewegungen, das Verständnis hervorrief in den innersten Empfindungen der modernen Proletarierseelen, als es von Marx und seinen Nachfolgern diesen Proletarierseelen vorgebracht wurde: es ist das Wort vom Mehrwert. Und hinter manchem, was um dieses Wort vom Mehrwert herum gesprochen wurde, was der moderne Proletarier eigentlich als seine wichtigste Menschheitsfrage empfindet, verbirgt sich die Frage, die mehr oder weniger bewußt oder unbewußt, mehr oder weniger bloß empfunden oder mit dem Verstande gestellt ist, die aber tief empfunden wurde. Welchen Sinn hat denn eigentlich meine Arbeit innerhalb der modernen Gesellschaftsordnung? Und man muß sagen: Glänzend ist, was Karl Marx in verschiedener Art als Antwort gegeben hat. - Aber heute leben wir in einer Zeit, in der noch weitergegangen werden muß, als selbst Marx gegangen ist, gerade dann, wenn man Marx in der richtigen Weise versteht, nicht nach der Richtung der Opportunitäts-Politiker hin, sondern nach einer ganz anderen Richtung, wie wir gleich sehen werden.
[ 10 ] A second idea, which sprang from the intellectual power of Karl Marx and spread into the proletarian assemblies, into the souls of the proletariat—this is not the question of the spirit, as I have just characterized it in the materialist conception of history; rather, it is the question of law. This culminates in a single word that you all know, but which had an electrifying effect within modern proletarian movements and evoked understanding in the innermost feelings of modern proletarian souls when it was presented to them by Marx and his successors: it is the word “surplus value.” And behind much of what has been said about this concept of surplus value—which the modern proletarian actually perceives as the most important question for humanity—lies the question that is posed more or less consciously or unconsciously, more or less merely felt or formulated with the intellect, but which has been deeply felt. What, after all, is the meaning of my work within the modern social order? And one must say: What Karl Marx offered in various ways as an answer is brilliant. — But today we live in a time when we must go even further than Marx himself did, especially if one understands Marx correctly—not in the direction of opportunistic politicians, but in an entirely different direction, as we shall see shortly.
[ 11 ] Wenn der moderne Proletarier die Frage nach dem Sinn seiner Arbeit aufwarf und dieser ihm zur Frage wurde nach seiner Stellung innerhalb der modernen Gesellschaft, nach seiner Menschenwürde, so trat ihm immer wieder das Problem vor Augen, daß seine Arbeit gewissermaßen aufgesogen wird von dem kapitalistischen Wirtschaftsprozeß. Er erlebte, daß seine Arbeit etwas geworden ist, was sie nur scheinbar sein kann, nämlich: Ware. Der moderne Proletarier, der als einzigen «Besitz» sich lediglich seine Arbeitskraft von neuem erwerben kann, erlebte, daß er seine Arbeitskraft ebenso zu Markte tragen muß, seine Arbeitskraft behandeln lassen muß nach den Regeln von Angebot und Nachfrage, wie sonst vom Menschen abgesonderte, objektive Waren auf dem Warenmarkte behandelt werden.
[ 11 ] When the modern proletarian raised the question of the meaning of his work—a question that became, for him, one of his place within modern society and of his human dignity—he was repeatedly confronted with the problem that his work is, in a sense, absorbed by the capitalist economic process. He experienced that his labor had become something it can only appear to be: a commodity. The modern proletarian, whose only “possession” is his labor power—which he must continually reacquire—found that he must also bring his labor power to market and subject it to the rules of supply and demand, just as objective commodities—separate from human beings—are treated in the commodity market.
[ 12 ] Nun ist das Eigentümliche innerhalb des Menschenlebens, daß Dinge in diesem Menschenleben auftreten können, die wirklich sind, die aber doch keine Wahrheiten sind, die Lebenslügen sind. Und eine solche Lebenslüge ist es, daß menschliche Arbeitskraft überhaupt jemals Ware werden kann. Denn menschliche Arbeitskraft kann niemals irgendwelche Vergleiche, irgendwelche Preisvergleiche mit Waren eingehen. Sie ist etwas prinzipiell Verschiedenes von den Waren. Es ist also eine Lebenslüge, wenn dasjenige, was nie Ware werden kann, dennoch zur Ware gemacht wird. Wenn das auch nicht in dieser deutlichen Weise ausgesprochen wird, so ist es aber doch etwas, was empfunden wird als, ich möchte sagen, der Mittelpunkt der proletarischen Frage der neueren Zeit. Dadurch, daß die menschliche Arbeitskraft zur Ware geworden ist, ist ein Rechtsverhältnis, wie es zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter über das Arbeiten bestehen sollte, zu einem Kaufverhältnis geworden. Und moderne bürgerliche Nationalökonomen reden in der Tat so, als ob man innerhalb des Wirtschaftslebens auf der einen Seite Ware gegen Ware, auf der anderen Seite Ware gegen Arbeit austauschen könne.
[ 12 ] Now, what is peculiar about human life is that things can occur in it that are real, yet are not truths—they are “life lies.” And one such “life lie” is the notion that human labor power can ever become a commodity at all. For human labor power can never be subject to any comparisons—any price comparisons—with commodities. It is, in principle, something fundamentally different from commodities. It is therefore a “life lie” when that which can never become a commodity is nevertheless turned into one. Even if this is not expressed in such clear terms, it is nonetheless something that is perceived as—I would say—the crux of the proletarian question in modern times. Because human labor power has become a commodity, the legal relationship that should exist between the employer and the worker regarding work has turned into a buyer-seller relationship. And modern bourgeois economists do indeed speak as if, within economic life, one could exchange commodities for commodities on the one hand, and commodities for labor on the other.
[ 13 ] Dadurch, daß ein sogenannter Arbeitsvertrag existiert im modernen Sinne des Wortes, dadurch wird die Sache nicht anders; denn über das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter kann nur ein Rechtsvertrag geschlossen werden in dem Sinne, wie wir das später sehen werden. Befreit könnte die menschliche Arbeitskraft von dem Warencharakter nur werden - und sie muß befreit werden -, wenn der einzige Vertrag, der möglich wäre zwischen dem Arbeitnehmer und dem Arbeitgeber nicht der über die geleistete Arbeit, sondern der über die dem gesunden Organismus in richtigem Sinne dienende Verteilung der gemeinsam produzierten Waren oder Leistungen wäre. Das ist die Forderung, die sich hinter der marxistischen Theorie des Mehrwertes verbirgt. Das ist zugleich der Weg, bezüglich dessen man hinausgehen muß über das bloß marxistisch Gedachte. Und die Frage muß man stellen: Wie hört das Lohnverhältnis auf? Wie tritt an die Stelle des Arbeitsvertrages ein Warenverteilungsvertrag?
[ 13 ] The existence of a so-called employment contract in the modern sense of the word does not change the situation; for the relationship between employer and worker can only be governed by a legal contract in the sense that we shall see later. Human labor could only be liberated from its commodity character—and it must be liberated—if the only contract possible between the employee and the employer were not one concerning the work performed, but one concerning the distribution of jointly produced goods or services that truly serves the healthy organism. This is the demand underlying the Marxist theory of surplus value. This is also the path that requires us to move beyond mere Marxist thought. And we must ask: How does the wage relationship come to an end? How does a contract for the distribution of commodities replace the employment contract?
[ 14 ] Damit aber haben wir das zweite angedeutet, was immer wieder durch die Seele des modernen Proletariers zog und was als gewaltige Kritik den führenden Kreisen entgegengeschleudert wurde.
[ 14 ] With this, however, we have touched upon the second thing that repeatedly stirred the soul of the modern proletarian and was hurled at the ruling circles as a powerful critique.
[ 15 ] Und das dritte, das war die Überzeugung, daß alles, was sich im modernen Leben abspielt und was zu diesen Zuständen, in die wir nun einmal hineingeraten sind, geführt hat, nicht in einer Harmonie, nicht in einem aus gemeinsamem Sinn hervorgehenden Arbeiten der modernen Menschen besteht, sondern in einem Kampf zwischen Menschengruppen, in dem die eine zunächst im Vorteil ist; das ist der Klassenkampf des modernen Proletariats mit den führenden Klassen.
[ 15 ] And the third was the conviction that everything that takes place in modern life—and that has led to the conditions into which we have now found ourselves—does not consist of harmony or of the coordinated efforts of modern people arising from a shared sense of purpose, but rather of a struggle between groups of people, in which one group initially holds the advantage; that is, the class struggle of the modern proletariat against the ruling classes.
[ 16 ] Wahrhaftig, diese drei Punkte: die materialistische Geschichtsauffassung, die Mehrwert- und Arbeitskraftlehre sowie die Klassenkampf-Theorie wurden mit mehr zeitgemäßer Kraft studiert, als alles das, was innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft in der neueren Zeit geschrieben worden ist. Denn man sah ein, daß das, wozu die menschliche Entwickelung in den letzten Jahrhunderten gekommen ist, bloß ein Ergebnis von Wirtschaftsformen ist. Alles andere Ausdeuten ist im Grunde genommen eine große Menschheitslüge,
[ 16 ] Truly, these three points—the materialist conception of history, the theory of surplus value and labor power, and the theory of class struggle—were studied with more contemporary vigor than anything that has been written within bourgeois society in recent times. For it was recognized that the state to which human development has progressed in recent centuries is merely a result of economic systems. Any other interpretation is, in essence, a great lie told to humanity,
[ 17 ] Und so wurde denn das ganze Geistesleben, wie es für die herrschende Klasse zu einer Art Kulturluxus geworden war, für das moderne Proletariat zu einer «Ideologie», ein Wort, das man ja immer wieder und wiederum vernahm. Es wurde zu einem bloßen Gewebe von Gedanken und Empfindungen und Gefühlen, die sich ausleben als Rauch, der herausströmt aus der wahren Wirklichkeit des Wirtschaftslebens.
[ 17 ] And so the entire intellectual life, which had become a kind of cultural luxury for the ruling class, turned into an “ideology” for the modern proletariat—a word one heard over and over again. It became a mere web of thoughts, sensations, and feelings that manifest themselves like smoke billowing out of the true reality of economic life.
[ 18 ] Aber man versteht die Sache nicht, wenn man sie nur so auffaßt. Man versteht die Sache nur richtig, wenn man weiß, daß gegenüber dieser verödenden Ideologie, dieser seelentötenden Ideologie, die im wesentlichen ein Erbgut des Denkens der bisher herrschenden Klasse ist, in der modernen Proletarierseele, die Zeit hatte, über die Menschenwürde und über das wahrhaftige Menschenwerden nachzudenken an der Maschine und in der Einklammerung durch den kapitalistischen Wirtschaftsprozeß eine wirkliche Sehnsucht nach einem wahren Geistesleben, nicht nach einem Geistesluxus, nicht nach einem Überfluß, erwachte. Man kann heute noch oft in bürgerlichen Kreisen hören, wie eigentlich die moderne Proletarierfrage, nach dieser oder jener Seite betrachtet, eine Brotfrage sei. Gewiß, sie ist eine Brotfrage; aber darüber, daß sie eine Brotfrage ist, braucht man wahrhaftig nicht in einer Versammlung, in der Proletarierverstand herrscht, zu sprechen. Denn nicht darum handelt es sich, daß man in ähnlicher Weise denkt, wie etwa ein bürgerlicher Soziologe und Pädagoge, der jetzt viel in mancherlei Gegenden herumreist, und der unter anderem neulich die Worte geprägt hat: Man muß nur einmal wirklich die moderne Armut kennen, dann wird man schon zu der Sehnsucht nach einer Humanisierung der menschlichen Gesellschaft kommen. - Hinter solchen Worten steckt von solcher Seite gewöhnlich doch nichts anderes, als die Frage: Wie kann man in dem Wahn des alten Lebens der herrschenden Kreise fortfahren und wie kann man in der besten Art Brocken abfallen lassen für diejenigen, die nicht teilnehmen sollen an diesem Leben der herrschenden Klasse? Wie kann man der Arbeit beikommen unter Aufrechterhaltung der bisherigen Gesellschaftsordnung? - Nicht eine Brotfrage ist es, um die es sich handelt. Wenn es eine Brotfrage ist, so handelt es sich vor allen Dingen darum, wie um das Brot gekämpft wird, aus welchen Seelenmotiven heraus.
[ 18 ] But one does not understand the matter if one views it only in this way. One understands the matter correctly only if one knows that, in contrast to this desolating ideology—this soul-destroying ideology, which is essentially a legacy of the thinking of the previously ruling class—the modern proletarian soul which has had time to reflect on human dignity and on what it truly means to become human—even while working at the machine and trapped within the capitalist economic process—a genuine longing for a true spiritual life has awakened—not for a luxury of the spirit, not for excess. Even today, one often hears in bourgeois circles that the modern proletarian question, viewed from this or that angle, is essentially a question of bread. Certainly, it is a question of bread; but the fact that it is a question of bread truly need not be discussed in an assembly where proletarian understanding prevails. For the issue is not that one should think in a similar way to, say, a bourgeois sociologist and educator who is currently traveling extensively in various regions and who, among other things, recently coined the phrase: “One need only truly experience modern poverty once, and one will inevitably come to yearn for the humanization of human society.” - Behind such words, from that quarter, there is usually nothing more than the question: How can one continue in the delusion of the old way of life of the ruling circles, and how can one best throw crumbs to those who are not supposed to share in this life of the ruling class? How can one address the issue of labor while maintaining the existing social order? — This is not merely a question of bread. If it is a question of bread, then the primary issue is how the struggle for bread is waged and what inner motivations drive it.
[ 19 ] Das hängt mit viel tieferen geschichtlichen Kräften zusammen als diejenigen, die oftmals von solcher Seite über Geschichte sprechen, auch nur ahnen. Und heute sind die drei Fragen, die ich vorhin charakterisiert habe, dadurch in ein neues Stadium gekommen, daß vieles in ihnen liegt, was man noch nicht deutlich auszusprechen in der Lage ist, was aber der vernimmt, der ein Gehör hat für das Walten geschichtlicher Mächte, für die Töne, welche die großen welthistorischen Umwälzungen ankündigen. Heute ist die proletarische Bewegung nicht mehr eine bloße Kritik, heute ist sie dasjenige, was von den weltgeschichtlichen Mächten selbst aufgefordert wird, zum Handeln überzugehen, also die große Frage aufzuwerfen: Was hat zu geschehen? - Und da scheint mir dasjenige, was ich vorhin charakterisiert habe, sich etwas zu verwandeln, so zu verwandeln, daß gegenüber dem rein materiellen Leben, wie es sich bisher gestaltet hat, ein anderes sich entwickeln soll, welches gestattet, auch dem unterdrückten Teile der Menschheit ein wahrhaftig auch seelisch menschenwürdiges Dasein zu geben. Das ist das erste, die Frage nach dem Geistesleben: Wie kann man die Luxus-Ideologie, das ÜberflußGeistesleben verwandeln in das, was aus der innersten Natur des Menschen heraus der Mensch wirklich für ein menschenwürdiges Dasein erleben muß?
[ 19 ] This is connected to historical forces far deeper than those whom such people, when speaking of history, can even begin to imagine. And today, the three questions I characterized earlier have entered a new stage in that they contain much that cannot yet be clearly articulated, but which is perceived by those who have an ear for the workings of historical forces, for the sounds that herald the great upheavals of world history. Today, the proletarian movement is no longer mere criticism; today, it is what the forces of world history themselves demand—to move to action, that is, to raise the great question: What must happen? - And here it seems to me that what I characterized earlier is undergoing a transformation—a transformation such that, in contrast to purely material life as it has taken shape thus far, another form of life is to develop, one that will allow even the oppressed segment of humanity to lead an existence that is truly dignified, including in the spiritual sense. That is the first point—the question of spiritual life: How can we transform the ideology of luxury, the spiritual life of excess, into what, arising from the innermost nature of the human being, a person must truly experience as a dignified existence?
[ 20 ] Das andere, das sich entwickelt hat, ist, neben diesem Geistigen, auf dem Gebiete des Rechtslebens eben dasjenige, was die menschliche Arbeitskraft des Proletariers zur Ware gemacht hat. Das konnte sich nur entwickeln dadurch, daß in der unter dem Kapitalismus und der modernen Technik heraufkommenden Gesellschaftsordnung in vieler Beziehung das Recht zum Vorrecht wurde. Wie kann an die Stelle des Vorrechtes wiederum das Recht treten, innerhalb dessen Ordnung die menschliche Arbeitskraft des Proletariers entkleidet wird des Charakters einer bloßen Ware?
[ 20 ] The other development that has taken place—alongside this intellectual aspect—in the realm of legal life is precisely that which has turned the proletarian’s labor power into a commodity. This could only have come about because, in the social order emerging under capitalism and modern technology, the law became a privilege in many respects. How can the right—within whose framework the proletarian’s labor power is stripped of its character as a mere commodity—take the place of privilege?
[ 21 ] Und das dritte ist: Wie kann sich das, was sich als Klassenkampf entwickelt hat, in anderen Formen weiterentwickeln? Der Proletarier hat sehr wohl gefühlt, daß das, was im Leben geschehen muß, sich nur in diesem gegenseitigen Kampf ausbilden kann. Aber die Kämpfe, die im Laufe der neueren Geschichte stattgefunden haben, die empfindet er als solche, die überwunden werden müssen. Und so wird die Frage nach der Notwendigkeit von Klassenkämpfen nunmehr sich im heutigen Stadium der Entwickelung verwandeln in die Frage: Wie überwinden wir die Klassenkämpfe? - Die Frage nach dem Mehrwert, die innerhalb der Gesellschaftsordnung, wie sie sich herausgebildet hat in den letzten Jahrhunderten, in das Reich der Vorrechte gerückt ist, diese Frage nach dem Mehrwert begründet die andere: Wie findet man in der menschlichen Gesellschaft im wahren Sinne des Wortes einen alle Menschen befriedigenden Rechtszustand?
[ 21 ] And the third question is: How can what has developed as class struggle continue to evolve in other forms? The proletarian has keenly felt that what must happen in life can only take shape through this mutual struggle. But he perceives the struggles that have taken place in the course of recent history as ones that must be overcome. And so, at the present stage of development, the question of the necessity of class struggles will now transform into the question: How do we overcome class struggles? - The question of surplus value—which, within the social order as it has taken shape over the past centuries, has been relegated to the realm of privileges—this question of surplus value gives rise to another: How can one find, in human society in the true sense of the word, a legal order that satisfies all people?
[ 22 ] In bezug auf die erste Frage, die geistige Seite der sozialen Frage, muß man nur einmal sehen, wie tief der Abgrund zwischen den bisher herrschenden Klassen und denjenigen ist, die auf der anderen Seite eine neue Welt- und Gesellschaftsordnung anstreben. Und da muß man sagen, daß das, was als Geistesleben den modernen Proletarier erfüllt, im Grunde genommen als ein Erbgut von der bürgerlichen Klasse, die die Wissenschaft, die Kunst und so weiter, pflegen _ konnte, übernommen worden ist. - Aber dieses Geistesleben hat innerhalb des Proletariats anders gewirkt, denn der Proletarier war gegenüber dem, was er als Erbgut an Wissenschaft und so dergleichen übernommen hat, in einer anderen Lage als gegenüber dem, was da als modernes Geistesleben heraufgezogen ist bei denen, die bürgerliche, die leitende Kreise waren. Man konnte selbst ein sehr überzeugter Anhänger des modernen Geisteslebens sein, man konnte sich sehr aufgeklärt vorkommen, man stand doch als Mitglied der herrschenden Klasse innerhalb einer solchen gesellschaftlichen Ordnung, die durchaus nicht nach diesem modernen Geistesleben geordnet war. Man konnte ein Naturforscher Vogt, ein naturwissenschaftlicher Popularisator wie Büchner sein, man konnte glauben, ein ganz und gar Aufgeklärter zu sein - das war vielleicht gut für den Kopf, für die Verstandes-Überzeugung; das war aber nicht geeignet für ein Begreifen der Stellung des Menschen im wirklichen Leben. Denn die Art, wie diese Leute im Leben standen, ließ sich nur dadurch rechtfertigen, daß die gesellschaftliche Ordnung von ganz anderen Mächten, von religiösen, von veralteten sittlichen Weltanschauungen, jedenfalls von anderen Mächten herrührte, als diejenigen waren, die sich als wissenschaftlich beglaubigte Mächte diesen herrschenden, führenden Klassen dargestellt hatten. Daher wirkte auch das, was moderner wissenschaftlicher Geist ist und zu dem einfach aus der Kultur der neueren Zeit der Proletarier sich selbst heranführte, in der Proletarierseele ganz anders.
[ 22 ] With regard to the first question—the intellectual aspect of the social question—one need only consider how deep the chasm is between the classes that have ruled until now and those on the other side who are striving for a new world order and social order. And here one must say that what fills the modern proletarian as an intellectual life has, in essence, been inherited from the bourgeois class, which was able to cultivate science, art, and so on. - But this intellectual life has had a different effect within the proletariat, for the proletarian was in a different position with regard to what he inherited in terms of science and the like than he was with regard to what emerged as modern intellectual life among those who belonged to the bourgeoisie and the ruling circles. One could be a very committed adherent of modern intellectual life oneself; one could feel very enlightened; yet, as a member of the ruling class, one stood within a social order that was by no means organized according to this modern intellectual life. One could be a natural scientist like Vogt, a popularizer of the natural sciences like Büchner; one could believe oneself to be thoroughly enlightened—that might have been good for the mind, for intellectual conviction; but it was not suited to understanding the human being’s place in real life. For the way these people conducted their lives could only be justified by the fact that the social order stemmed from entirely different forces—religious ones, outdated moral worldviews—in any case, from forces other than those that had presented themselves to these ruling, leading classes as scientifically validated forces. Consequently, the modern scientific spirit—to which the proletariat had simply cultivated itself through the culture of recent times—had a very different effect on the proletarian soul.
[ 23 ] Ich darf an eine kleine Szene erinnern, woran das ganz besonders anschaulich werden konnte, dieses andere Wirken des modernen Geisteslebens auf den Proletarier, der genötigt war, dieses moderne Geistesleben nicht bloß für den Kopf zu fassen, sondern für den ganzen Menschen, für seine ganze Stellung innerhalb der Menschheit.
[ 23 ] I would like to recall a brief scene that illustrated this particularly vividly: the different way in which modern intellectual life affected the proletarian, who was compelled to grasp this modern intellectual life not merely with his mind, but with his whole being, in terms of his entire place within humanity.
[ 24 ] Ich stand vor vielen Jahren einmal in Spandau auf dem gleichen Podium mit der jetzt so tragisch geendeten Rosa Luxemburg. Sie sprach dazumal über die Wissenschaft und die Arbeiter, und ich hatte als Lehrer der Arbeiterbildungsschule ihren Worten über dasselbe Thema einiges anzufügen. Dieses Thema: «Die Wissenschaft und die Arbeiter» gab ihr Veranlassung, ertönen zu lassen gerade dasjenige, was mit Bezug auf das Geistesleben des modernen Proletariates so charakteristisch ist. Sie sagte da: Die Empfindungen - trotz der Kopfüberzeugung -, die Empfindungen der modernen führenden Klasse der Menschheit, die wurzeln doch noch in Anschauungen, als ob der Mensch herkäme von engelartigen Wesen, die ursprünglich gut waren; und aus diesem Ursprung rechtfertigt sich gefühls- und empfindungsgemäß bei diesen herrschenden Klassen das, was sich an Rang-, an Klassenunterschieden im Laufe der Entwickelung herausgebildet hat. Aber der moderne Proletarier wird in einer ganz anderen Weise dazu getrieben, die bürgerliche Wissenschaft ernst zu nehmen. Er muß ernst nehmen, wenn ihm gelehrt wird, wie der Mensch ursprünglich nicht ein engelartiges Wesen war, sondern wie ein Tier auf Bäumen herumkletterte und sich höchst unanständig benommen hat. Auf diesen Ursprung der Menschen zurückzusehen im Sinne der modernen Weltanschauung, das rechtfertigt nicht in demselben Sinne wie die anderen es gerechtfertigt glauben, Lebens- und Standes- und Klassenunterschiede, das begründet eine ganz andere Idee von der Gleichheit aller Menschen.
[ 24 ] Many years ago, I once stood on the same podium in Spandau with Rosa Luxemburg, whose life has now come to such a tragic end. She spoke at that time about science and the workers, and as a teacher at the workers’ educational school, I had a few things to add to her remarks on the same topic. This topic—“Science and the Workers”—prompted her to articulate precisely what is so characteristic of the intellectual life of the modern proletariat. She said there: The feelings—despite intellectual convictions—of the modern ruling class of humanity are still rooted in the belief that human beings descend from angelic beings who were originally good; and based on this origin, the ruling classes emotionally and intuitively justify the distinctions of rank and class that have emerged in the course of development. But the modern proletarian is driven in a completely different way to take bourgeois science seriously. He must take it seriously when he is taught that human beings were not originally angelic beings, but rather climbed around in trees like animals and behaved in a most indecent manner. Looking back on this origin of humankind from the perspective of the modern worldview does not justify differences in lifestyle, social status, and class in the same sense that others believe it does; rather, it establishes an entirely different idea of the equality of all people.
[ 25 ] Sehen Sie, das ist der Unterschied! Der Proletarier war genötigt, dasjenige, was die anderen wie eine Kopfüberzeugung nahmen, die nicht sehr tief ging, wenn sie auch noch so sehr aufgeklärt waren, er war genötigt, es mit seinem ganzen Menschen aufzunehmen, mit bitterstem Lebensernst die Sache zu nehmen. Dadurch aber wob es sich ganz anders in die Seele hinein. Man muß einfach auf solche Dinge aufmerksam werden, dann wird man schon erkennen, in welchem Sinne die moderne soziale Frage vor allen Dingen eine Frage des Geisteslebens ist und hintendiert nach einer Entwickelung eines alle Menschen befriedigenden Geisteslebens.
[ 25 ] You see, that is the difference! The proletarian was compelled to take what others accepted as a superficial conviction—one that did not run very deep, no matter how enlightened they might be—he was compelled to embrace it with his whole being, to take the matter with the utmost seriousness. But because of this, it took root in the soul in a completely different way. One simply has to become aware of such things, and then one will recognize in what sense the modern social question is, above all, a question of spiritual life and points toward the development of a spiritual life that satisfies all people.
[ 26 ] Dann, wenn man sich auf die Ursachen all dessen einläßt, was ich heute nur, ich möchte sagen, stammelnd habe schildern können, weil es, wollte man es wirklich ausführlich schildern, eine zu große Ausführlichkeit erfordert, wenn man also nach den Ursachen forscht und sich dann fragt: welche Entwickelung muß angestrebt werden? - so kann man folgendes sagen: Heute geht es wahrhaftig nicht um die Frage, ob die materialistische Kultur der wirkliche Unterbau des Geisteslebens ist, sondern darum, wie wir zu einem Geistesleben kommen, das die menschliche Seele, die Seele aller Menschen wirklich befriedigen kann. Heute kann es nicht mehr um eine kritische Auslegung dessen gehen, was Mehrwert ist, als was sich die menschliche Arbeitskraft innerhalb der kapitalistischen Weltordnung darstellt, sondern heute stellt sich die Frage: Wie befreit man die menschliche Arbeitskraft von dem Charakter der Ware und wie kommt man dahin, daß «Mehrwert» nicht Vorrecht bleibt, sondern zum Recht wird? Und wenn Kämpfe innerhalb der menschlichen Gesellschaftsordnung sein müssen, dürfen es Klassenkämpfe sein, dürfen es diejenigen Kämpfe sein, die sich allmählich im Laufe der neueren Jahrhunderte herausgebildet haben?
[ 26 ] Then, when one delves into the causes of all that I have been able to describe today—I would say, only haltingly—because, if one were to describe it in truly great detail, it would require too much elaboration; so, when one investigates the causes and then asks oneself: What kind of development must we strive for? —then one can say the following: Today, the question is truly not whether materialistic culture is the real foundation of spiritual life, but rather how we can arrive at a spiritual life that can truly satisfy the human soul—the soul of all people. Today, the issue can no longer be a critical interpretation of what “surplus value” is—as the manifestation of human labor power within the capitalist world order—but rather the question arises: How do we liberate human labor power from its character as a commodity, and how do we ensure that “surplus value” ceases to be a privilege and becomes a right? And if there must be struggles within the human social order, must they be class struggles? Must they be the very struggles that have gradually emerged over the course of recent centuries?
[ 27 ] Heute sind wir in einem Stadium der Entwickelung, wo nicht mehr die Kritik allein maßgebend ist, sondern wo die Frage maßgebend ist: Was ist zu tun? - Da ergibt sich nun allerdings für den, der auf die Untergründe des Lebens eingeht, eine, ich möchte sagen, sehr radikale Antwort. Sie sieht vielleicht für manche weniger radikal aus, als sie ist, aber es ergibt sich eine radikale Antwort. Weil ja das proletarische Denken in vieler Beziehung nur das Erbe ist des bürgerlichen Denkens, weil die proletarischen Denkgewohnheiten die Erbschaft sind der bürgerlichen Denkgewohnheiten, so wird zunächst über die Fragen nachgedacht: Wie können die Schäden des Kapitalismus beseitigt werden? Wie kann das Bedrückende, welches die Prägung der menschlichen Arbeitskraft zur Ware hat, beseitigt werden? Wie kann der Klassenkampf in einer menschenwürdigen Weise überwunden werden?
[ 27 ] Today we are at a stage of development where criticism alone is no longer decisive, but where the decisive question is: What is to be done?—For those who delve into the foundations of life, this gives rise to what I would call a very radical answer. It may seem less radical to some than it actually is, but a radical answer does emerge. Since proletarian thought is, in many respects, merely the legacy of bourgeois thought, and since proletarian habits of thought are the legacy of bourgeois habits of thought, the first questions to be considered are: How can the ills of capitalism be eliminated? How can the oppressive nature of the transformation of human labor power into a commodity be eliminated? How can the class struggle be overcome in a humane manner?
[ 28 ] Die Fragen müssen von einem viel tieferen Gesichtspunkt aus heute gestellt werden. Und große Anforderungen werden heute von den geschichtlichen Tatsachen selbst gestellt an die Denkgewohnheiten, an die Gedanken des Proletariers. Denn an ihm liegt es, der Zeit gewachsen zu sein, sich zu fragen: Wie kommen wir über die ungesunden Untergründe des heutigen materiellen Geschichtslebens hinaus? Wie kommen wir über die Verheerungen, welche der Kreislauf der Mehrwerterzeugung im Leben angerichtet hat, im Rechtsleben angerichtet hat, hinaus? Wie kommen wir hinaus über die Verwüstungen der modernen Klassenkämpfe? Aus dem Negativen ins Positive hinüber wandeln sich die wichtigsten drei modernen sozialen Fragen.
[ 28 ] Today, these questions must be posed from a much deeper perspective. And today, historical facts themselves place great demands on the habits of thought and on the ideas of the proletarian. For it is up to him to rise to the challenge of the times and to ask himself: How do we move beyond the unhealthy foundations of today’s material historical life? How do we move beyond the devastation that the cycle of surplus value production has wrought in life and in the legal system? How do we move beyond the devastation of modern class struggles? The three most important modern social questions are transforming from the negative toward the positive.
[ 29 ] Schaut man hin auf die Ursachen der gegenwärtigen Lebensverhältnisse, so findet man, daß ja wiederum eigentlich die Tendenz besteht, das fortzusetzen, was die bürgerliche Weltordnung heraufgebracht hat. Es fragen sich heute viele: Wie können wir den Kapitalismus überwinden? Wie können wir das Privateigentum an Produktionsmitteln überwinden? - Und sie kommen dann auf die uralte Ordnung der menschlichen Gesellschaftseinrichtungen, die der Genossenschaft und dergleichen, das heißt, sie kommen darauf, ein Gemeineigentum der Produktionsmittel als ein Ideal anzusehen.
[ 29 ] If one examines the causes of current living conditions, one finds that, in fact, there is a tendency to continue what the bourgeois world order has brought about. Many people today ask themselves: How can we overcome capitalism? How can we overcome private ownership of the means of production?—And they then turn to the age-old order of human social institutions, such as cooperatives and the like; that is, they come to regard common ownership of the means of production as an ideal.
[ 30 ] Das ist verständlich, und wahrhaftig, nicht aus irgendeinem bürgerlichen Vorurteile soll hier über diese Dinge gesprochen werden, sondern einzig und allein von dem Gesichtspunkte: Ist es möglich, dasjenige, was der moderne Proletarier will, auf dem Wege zu erreichen, auf dem es heute mancher sozialistisch Denkende zu erreichen glaubt? Kann man, indem man zu dem Rahmen des alten Staates greift und in diesen alten Staat das einfügt, was Wirtschaftsordnung ist, nur in einer anderen Form, kann man dadurch eine Erlösung von dem Bedrückenden, das die Vergangenheit heraufgebracht hat, herbeiführen ?
[ 30 ] This is understandable, and indeed, these matters are not to be discussed here out of any bourgeois prejudice, but solely from the following perspective: Is it possible to achieve what the modern proletarian wants by the means that many socialist thinkers today believe will lead to that end? Is it possible—by drawing on the framework of the old state and incorporating into that old state what constitutes an economic order, albeit in a different form—to thereby bring about liberation from the oppression that the past has brought about?
[ 31 ] Blicken wir hin auf den modernen Staat. Er ist ja dadurch entstanden, daß in einer Zeit - im 16., 17. Jahrhundert -, in der sich auch die moderne Technik, der moderne Kapitalismus entwickelten, die leitenden Kreise, die das Proletariat dann immer mehr und mehr an die Maschine rufen mußten, fanden, in dem Rahmen des Staates seien ihre Interessen am besten befriedigt. Und so fingen sie an, in den Zweigen, wo es ihnen bequem war, das Wirtschaftsleben in den Staat einlaufen zu lassen. Und insbesondere als die modernen Errungenschaften heraufkamen, wurden ja weite Teile des Wirtschaftslebens, wie das Post-, Telegraphen- und Eisenbahnwesen, in die Wirtschaft des Staates übernommen, die ja von altersher überkommen war. Dazumal ließ man auch das Geistesleben in das moderne Staatsgefüge einlaufen!
[ 31 ] Let us turn our attention to the modern state. It came into being because, at a time—in the 16th and 17th centuries—when modern technology and modern capitalism were also developing, the ruling classes, who were then forced to draw the proletariat more and more into the world of machinery, found that their interests were best served within the framework of the state. And so they began, in those sectors where it suited them, to incorporate economic life into the state. And especially as modern achievements emerged, large parts of economic life—such as the postal, telegraph, and railroad systems—were incorporated into the state economy, which had been handed down from time immemorial. At that time, intellectual life, too, was integrated into the modern state structure!
[ 32 ] Und immer mehr und mehr kam es zu dieser Verschmelzung von Wirtschaftsleben, Rechtsleben des Staates und geistigem Leben. Diese Verschmelzung führte nicht nur zu all den unnatürlichen Zuständen, welche mit dem Bedrückenden der neueren Zeit zusammenhingen, sondern es führte diese Verschmelzung zuletzt auch zu den verheerenden Wirkungen der Weltkriegskatastrophe.
[ 32 ] And more and more, this fusion of economic life, the legal life of the state, and intellectual life took place. This fusion not only led to all the unnatural conditions associated with the oppressive atmosphere of modern times, but ultimately also led to the devastating effects of the catastrophe of the World War.
[ 33 ] Wer heute aus den geschichtlichen Tatsachen heraus denkt, der wird nicht fragen: Was sollen die Staaten tun? - sondern im Gegenteil, er wird vielleicht zu der Frage gedrängt: Was sollen die Staaten unterlassen? - Denn was sie tun und dadurch bewirken, das haben wir in der Tat erlebt in der Tötung von zehn Millionen Menschen und in dem, was achtzehn Millionen Menschen zu Krüppeln machte.
[ 33 ] Anyone who reflects today on the facts of history will not ask: What should states do? — but, on the contrary, may be compelled to ask: What should states refrain from doing? —For what they do and the consequences of their actions, we have indeed witnessed in the killing of ten million people and in what left eighteen million people crippled.
[ 34 ] Und so drängt sich die Frage vielleicht doch in die Seele herein: Was sollen die Staaten unterlassen? - Das ist es, was ich hier nur andeuten kann, was aber wahrhaftig aus tiefen Grundlagen einer wahren sozialen Wissenschaft gegenwärtig schon gefragt werden kann. Wenn man sieht auf gewisse politisch-gesellschaftliche Zustände, wie sie sich, ich möchte sagen, typisch entwickelt haben, wie sie aber auch typisch zu ihrem wohlverdienten Ende geführt haben, dann braucht man nur zum Beispiel auf Österreich zu sehen, das sich in den sechziger Jahren hinwandte zu einem gemeinsamen Verfassungswesen im österreichischen Reichsrate.
[ 34 ] And so the question perhaps does force its way into the soul: What should states refrain from doing?—That is what I can only hint at here, but it is a question that can truly be asked at present, based on the deep foundations of a genuine social science. When one looks at certain political and social conditions—as they have, I might say, typically developed, but also as they have typically led to their well-deserved end—one need only look, for example, at Austria, which in the 1860s turned toward a unified constitutional system within the Austrian Imperial Council.
[ 35 ] Was sich dazumal herausgebildet hatte - ich habe drei Jahrzehnte meines Lebens in Österreich zugebracht, habe die Verhältnisse gründlich kennengelernt, habe kennengelernt, was sich dazumal im österreichischen Staate als Verfassungsleben entwickelte -, das paßte zu dem Zusammengewürfeltsein der verschiedenen Nationen wahrhaftig wie die Faust aufs Auge. Und für den, der geschichtliche Tatsachen wirklich verfolgen kann, ist es klar, daß gerade in dem, was dazumal im österreichischen Verfassungsleben gegründet worden ist, was Österreichs Politik geworden ist schon in den sechziger, siebziger Jahren, die Ursache mit veranlagt ist zu dem Ende, in das die jetzigen Jahre führten.
[ 35 ] What had taken shape back then—I spent three decades of my life in Austria, got to know the circumstances thoroughly, and came to understand what was developing at that time in the Austrian state as constitutional life—truly fit the hodgepodge of different nations like a glove. And for anyone who can truly follow historical facts, it is clear that precisely what was established back then in Austrian constitutional life—what had already become Austrian policy in the 1860s and 1870s—contains the seeds of the outcome to which the present years have led.
[ 36 ] Warum? Nun, dazumal wurde ein österreichischer Reichsrat begründet. In diesen österreichischen Reichsrat wurde zunächst hineingewählt die reine Wirtschaftskurie, die Kurie der Großgrundbesitzer, die Kurie der Märkte, der Städte und Industrialorte, die Kurie der Landgemeinden. Die hatten ihre Wirtschaftsinteressen zu vertreten in dem Staatsparlament. Und sie machten Rechte, sie machten Gesetze aus ihrem Wirtschaftsleben heraus. Es entstanden nur Rechte, welche eine Umwandlung der Wirtschaftsinteressen waren. Mit Bezug auf das Recht aber hat man es nicht mit demselben zu tun, womit man es zu tun hat auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Auf dem Boden des Wirtschaftslebens hat man es zu tun mit den menschlichen Bedürfnissen, mit Warenerzeugung, Warenzirkulation, Warenkonsum. Auf dem Gebiete des Rechtslebens hat man es aber mit dem zu tun, was, abgesehen von allen übrigen Interessen, den Menschen, insofern er rein nur Mensch ist, insofern er als Mensch allen anderen Menschen gleich ist, angeht. Aus ganz anderen Untergründen heraus muß geurteilt werden, wenn die Frage gestellt ist: Was ist rechtens? - als: Was hat zu geschehen, um irgendein Produkt in den Kreislauf des Wirtschaftslebens einzuführen? - Die unnatürliche Zusammenkoppelung der Wirtschaftskurie mit dem Rechtsleben, das ist es, was als eine Krebskrankheit am sogenannten österreichischen Staate fraß.
[ 36 ] Why? Well, at that time, an Austrian Imperial Council was established. Initially, the following curiae were elected to this Austrian Imperial Council: the Economic Curia, the Curia of Large Landowners, the Curia of Markets, Cities, and Industrial Centers, and the Curia of Rural Communities. They were there to represent their economic interests in the national parliament. And they created rights; they crafted laws based on their economic life. The only rights that emerged were those that were a transformation of economic interests. But when it comes to the law, one is not dealing with the same things as one deals with in the realm of economic life. In the realm of economic life, one deals with human needs, with the production, circulation, and consumption of goods. In the realm of legal life, however, one deals with what concerns human beings—as human beings alone, and as such equal to all other human beings—apart from all other interests. Judgments must be made on entirely different grounds when the question is posed: “What is lawful?”—as opposed to: “What must happen in order to introduce a particular product into the cycle of economic life?”—The unnatural coupling of economic affairs with the legal sphere—that is what gnawed at the so-called Austrian state like a cancer.
[ 37 ] Diese Dinge könnte man durch die modernen Staaten hindurch an vielen Beispielen verdeutlichen. Es handelt sich nicht darum, daß man diese Dinge bloß studiert, sondern darum, daß man den richtigen Gesichtspunkt findet, unter dem man einen Einblick in die wahre Wirklichkeit gewinnen kann, in dasjenige, was lebt und webt, nicht in dasjenige, wovon sich die Leute einbilden, daß es politisch oder wirtschaftlich das Richtige ist.
[ 37 ] These things could be illustrated with many examples from modern states. It is not a matter of merely studying these things, but of finding the right perspective from which to gain insight into true reality—into that which lives and weaves—not into what people imagine to be politically or economically correct.
[ 38 ] Und wiederum, man sehe auf den Deutschen Reichstag, seligen Angedenkens, hin, auf dieses demokratische Parlament mit gleichem Wahlrecht, in welchem zugleich eine Interessenvertretung sein konnte wie der Bund der Landwirte, in welchem aber auch sein konnte eine Vertretung einer bloßen geistigen Gemeinschaft, wie das Zentrum! Da sehen wir hineingeschweißt, hineingeschmolzen in das rein politische Leben etwas, was nur dem Geistesleben angehört. Und zu welchen unnatürlichen Verhältnissen hat dieses geführt! Wiederum könnte man zu dem einen Beispiel hinzu viele anführen. Will man das Leben der modernen Menschheit kennenlernen, dann muß man in der Lage sein, es einmal radikal von diesem Gesichtspunkte aus anzufassen. Man muß wirklich den Mut haben, solchen Dingen ins Angesicht zu schauen, dann wird man auf etwas kommen, was die modernen Menschen nocht nicht zugeben wollen, ich möchte sagen, sogar daß es nicht zugeben wollen die Menschen aller Parteien. Was aber einzig und allein der Impuls sein kann für eine Gesundung unseres sozialen Organismus, das ist die Anerkennung, daß fortan nicht mehr eine Zusammenschweißung, eine Zusammenkoppelung der drei Lebensgebiete sein darf - Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben -, sondern daß jedes dieser Gebiete seine eigenen Lebensgesetze hat, daß jedes dieser Gebiete daher auch aus seinen eigenen Quellen heraus sich seine gesellschaftliche Formation geben muß.
[ 38 ] And again, consider the German Reichstag, of blessed memory—that democratic parliament with universal suffrage, in which there could be representation of special interests, such as the Farmers’ League, but also representation of a purely intellectual community, such as the Center Party! There we see something welded—fused—into purely political life that belongs solely to spiritual life. And to what unnatural conditions has this led! Once again, one could cite many examples in addition to this one. If one wishes to understand the life of modern humanity, then one must be able to approach it radically from this perspective. One must truly have the courage to look such things squarely in the face; then one will come upon something that modern people are not yet willing to admit—I would even say that people of all political parties are unwilling to admit it. But the sole impulse for the healing of our social organism can be nothing other than the recognition that, from now on, there must no longer be a fusion or coupling of the three spheres of life—spiritual life, legal life, and economic life—but rather that each of these spheres has its own laws of life, and that each of these spheres must therefore shape its own social structure from its own sources.
[ 39 ] Im Wirtschaftsleben können bloß die Interessen der Warenerzeugung, des Warenkonsums und der Warenzirkulation walten. Die Grundgesetze dieses Wirtschaftslebens müssen maßgebend sein für die Verwaltung und Gesetzgebung. Auf dem Gebiete des Rechtsle bens muß herrschen dasjenige, was unmittelbar aus dem menschlichen Rechtsbewußtsein hervorquillt, dasjenige, worinnen alle Menschen wirklich gleich sind als Menschen. Auf dem Gebiete des geistigen Lebens muß herrschen dasjenige, was aus der natürlichen menschlichen Begabung in voller freier Initiative erfließen kann.
[ 39 ] In economic life, only the interests of the production, consumption, and circulation of goods can prevail. The fundamental laws of this economic life must be the guiding principle for administration and legislation. In the realm of legal life, what must prevail is that which springs directly from the human sense of justice—that in which all people are truly equal as human beings. In the realm of intellectual life, what must prevail is that which can flow from natural human talent through full and free initiative.
[ 40 ] Die moderne Sozialdemokratie hat Breschen hineingeschlagen ich möchte sagen, von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus, doch das kann uns heute hier nicht berühren - auf einem einzigen Gebiete, indem sie den Satz in ihren Anschauungen hat: Religion muß Privatsache sein. - Der Satz muß ausgedehnt werden auf alle Zweige des geistigen Lebens. Alles geistige Leben muß eine Privatangelegenheit sein gegenüber dem Rechtsstaate und gegenüber dem Kreislaufe des Wirtschaftslebens. Dasjenige Geistesleben allein, welches auf seine eigenen Kräfte gewiesen ist, dasjenige Geistesleben allein, welches aus seinem eigenen Impuls heraus immerzu seine Wirklichkeit erweist, das wird kein Geistesluxus, das wird kein Geistesüberfluß sein, das wird ein Geistesleben sein, das von allen Menschen in gleicher Weise ersehnt werden muß. Man hat, indem man das mittelalterliche Geistesleben angesehen hat, zum Beispiel die Wissenschaft im Verhältnis zur Religion und Theologie, oftmals den Satz ausgesprochen: Die Philosophie, die Weltenweisheit, trägt der Theologie die Schleppe nach. - Nun ja, man hat auch geglaubt, das sei in der neueren Zeit anders geworden. Es ist auch anders geworden, aber wie ist es anders geworden? Die weltlichen Wissenschaften sind zu Dienern der weltlichen Mächte, der Staaten, der Wirtschaftskreisläufe geworden. Und sie sind wahrhaftig dadurch nicht besser geworden. Und warum sind sie nicht besser geworden? Wenn man sieht, daß im Grunde genommen eine einheitliche Strömung geht, eine einheitliche Kraft, von den höchsten Zweigen des Geisteslebens bis herunter in die Verwertung der individuellen Fähigkeiten des Menschen, wie sie getragen werden durch das Kapital und den Kapitalismus, dann sieht man der Frage, die sich hier auftut, auf den Grund. Wer die Funktionen, die Betätigungen des Kapitals in der modernen Gesellschaftsordnung nicht lostrennt von dem übrigen Geistesleben, der sieht nicht auf den Grund. Arbeiten auf Grundlage eines Kapitals ist nur möglich in einer Gesellschaft, in welcher ein gesundes, emanzipiertes Geistesleben ist, aus dem herauswachsen kann auch die Entwickelung solcher Fähigkeiten, die auf das Kapital gegründet sind.
[ 40 ] Modern social democracy has made inroads—I would say from an entirely different perspective, though that is beyond the scope of our discussion here today—in a single area, by adopting the principle that religion must be a private matter. - This principle must be extended to all branches of intellectual life. All intellectual life must be a private matter in relation to the constitutional state and to the cycle of economic life. Only that intellectual life which relies on its own strengths, only that intellectual life which continually proves its reality out of its own impulse—that will not be an intellectual luxury, that will not be an intellectual excess; that will be an intellectual life that must be equally desired by all people. When considering medieval spiritual life—for example, science in relation to religion and theology—people have often made the statement: Philosophy, the wisdom of the world, trails in the wake of theology. - Well, it has also been believed that this has changed in more recent times. It has indeed changed, but how has it changed? The secular sciences have become servants of secular powers, of states, and of economic cycles. And they have certainly not become any better as a result. And why haven’t they become any better? When one sees that, fundamentally, there is a single, unified current—a single, unified force—flowing from the highest branches of spiritual life all the way down to the exploitation of human individual abilities, as driven by capital and capitalism, then one gets to the root of the question that arises here. Anyone who fails to distinguish the functions and activities of capital in the modern social order from the rest of spiritual life fails to grasp the root of the matter. Work based on capital is possible only in a society characterized by a healthy, emancipated spiritual life, from which can also grow the development of those abilities that are founded on capital.
[ 41 ] Was in der neueren Zeit geschehen ist, braucht ja nicht immer so grotesk zutage zu treten, wie es einmal zutage trat, als ein moderner, sehr bedeutender Forscher, ein Physiologe, charakterisieren wollte, was die Berliner Akademie der Wissenschaften, das heißt, die gelehrten Herren dieser Berliner Akademie der Wissenschaften eigentlich seien: Er nannte sie, diese gelehrten Herren, «die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern». Sehen Sie, die Sache war etwas anderes geworden. Die Wissenschaft war nicht mehr der Diener der Theologie; aber ob sie gerade nun zu einer höheren Würde dadurch aufgestiegen ist, daß sie der Schuldiener des Staates geworden ist, das ist eine andere Sache.
[ 41 ] What has happened in recent times does not always have to come to light in such a grotesque manner as it once did, when a modern, very distinguished researcher—a physiologist—sought to characterize what the Berlin Academy of Sciences, that is, the learned gentlemen of this Berlin Academy of Sciences, actually were: He called them—these learned gentlemen—“the scientific auxiliary force of the Hohenzollerns.” You see, things had changed somewhat. Science was no longer the servant of theology; but whether it has now risen to a higher dignity by becoming the school servant of the state is another matter.
[ 42 ] Ich müßte viel reden, wenn ich Ihnen die gut fundierte, gut begründete Wahrheit in allen ihren Teilen darbieten wollte dafür, daß einzig und allein die Umkehr von jener Bewegung, die in der neueren Zeit eintrat, nämlich die Befreiung des geistigen Lebens in allen Zweigen von dem Staatsleben, zur Gesundung unseres sozialen Organismus führen kann. Wie anders wird sich der unterste Lehrer fühlen, wenn er in all dem, was er zu vertreten hat, sich nur abhängig weiß von Verwaltung und Gesetzgebung, die auf der Grundlage des Geisteslebens selber aufgebaut ist, als wenn er die Maximen, die Impulse des politischen Lebens auszuführen hat! Lehrstand sollte sich ehemals entwickeln. Dienerstand hat sich gerade auf diesem Gebiete entwickelt. Und dieser Dienerstand auf diesem Gebiete, er entspricht auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens wahrhaftig auch wieder dem, was sich da entwickelt hat. Nährstand nannte man es im Altertum. Ausbeuterstand und ausgebeuteter Stand hat sich in der neueren Zeit entwickelt. Die Dinge gingen aber durchaus parallel. Das eine ist nicht ohne das andere möglich.
[ 42 ] I would have to speak at great length if I were to present to you, in all its parts, the well-founded and well-reasoned truth that only the reversal of the trend that has emerged in recent times—namely, the separation of spiritual life in all its branches from public life—can lead to the restoration of our social organism. How different will the lowliest teacher feel if, in all that he has to represent, he knows himself to be dependent only on administration and legislation founded upon spiritual life itself, rather than having to carry out the maxims and impulses of political life! A teaching class was supposed to develop in the past. A servant class has developed precisely in this area. And this class of servants in this sphere truly corresponds, in the sphere of economic life, to what has developed there as well. In antiquity, it was called the “nourishing class.” In more recent times, the “exploiting class” and the “exploited class” have developed. But these developments proceeded entirely in parallel. One is not possible without the other.
[ 43 ] Alles dasjenige, was sich auf das persönliche Verhältnis zwischen Mensch und Mensch bezieht - und dieses persönliche Verhältnis von Mensch zu Mensch bezieht sich auch auf dasjenige, was Arbeitnehmer und Arbeitgeber miteinander abmachen -, alles das kann nur von demjenigen Gliede des sozialen Organismus verwaltet werden, welches selbständig auf Grundlage des geistigen Lebens organisiert ist. Alles, was mit dem Rechte zusammenhängt, und mit dem Rechte hängt vor allen Dingen das Arbeitsverhältnis zusammen, das muß Domäne bleiben des politischen, des Rechtsstaates. Das aber, was mit Warenproduktion, Warenzirkulation und Konsum zusammenhängt, das muß ein eigenes Glied der gesellschaftlichen Ordnung werden, in welchem nur die Lebensgesetze dieses Organismus tätig sind.
[ 43 ] Everything that pertains to the personal relationship between human beings—and this personal relationship also encompasses the agreements between employees and employers—can only be administered by that part of the social organism which is organized autonomously on the basis of intellectual life. Everything related to the law—and the employment relationship is, above all, related to the law—must remain the domain of the political sphere, of the constitutional state. But that which is related to the production, circulation, and consumption of goods must become a separate component of the social order, in which only the laws of life governing this organism are at work.
[ 44 ] So kommt man, indem man sich auf die Grundlagen dieser Dinge einläßt, allerdings zu der radikalen, für manchen sich als unbequem erweisenden Ansicht, daß sich für die Gesundung unserer sozialen Verhältnisse drei selbständige soziale Organisationen nebeneinander entwickeln müssen, die gerade dadurch in der richtigen Weise zusammenwirken werden, daß sie nicht eine einheitliche Zentralisation haben, sondern zentralisiert in sich selber sind: ein Parlament, welches die geistigen Angelegenheiten verwaltet, eine Verwaltung, die nur diesen geistigen Angelegenheiten dient; ein Parlament und eine Verwaltung des Rechtsstaates, des im engeren Sinne politischen Staates; ein Parlament und eine selbständige Verwaltung des wirtschaftlichen Kreislaufes für sich; gewissermaßen wie souveräne Staaten nebeneinander. Die werden durch ihr Nebeneinanderstehen das verwirklichen können, was die moderne Proletarierseele will, was aber durch eine bloße zentralistische Verstaatlichung der gesellschaftlichen Ordnung nicht erreicht werden kann.
[ 44 ] Thus, by engaging with the fundamentals of these matters, one does, however, arrive at the radical view—one that some may find uncomfortable—that, for the recovery of our social conditions, three independent social organizations must develop side by side, which will interact in the proper way precisely because they do not have a unified centralization but are centralized within themselves: a parliament that administers intellectual affairs, an administration that serves only these intellectual affairs; a parliament and an administration of the constitutional state—the political state in the narrower sense; a parliament and an independent administration of the economic cycle in its own right; in a sense, like sovereign states existing side by side. Through their coexistence, they will be able to realize what the modern proletarian soul desires, but which cannot be achieved through a mere centralist nationalization of the social order.
[ 45 ] Nehmen Sie nur einmal das Wirtschaftsleben. Heute steht es so, daß es auf der einen Seite angehängt ist an die Naturgrundlagen. Man kann diese Naturgrundlagen durch Bodenverbesserung und dergleichen auch verbessern, dann können die Arbeitsbedingungen durch die Verbesserung der Arbeitsgrundlagen günstiger werden; aber man steht da an einer Grenze, über die man nicht hinausgehen kann. An einer solchen Grenze muß man auch nach der anderen Seite stehen. Wie das Wirtschaftsleben an die Natur, die außerhalb ist, angehängt ist, so muß auf der anderen Seite der Rechtsstaat stehen. Aus diesem Rechtsstaat heraus werden die Rechte und Gesetze so bestimmt, daß sie abgesondert vom Wirtschaftsleben bestimmt werden. Wie der Richter abgesondert von seinen Familien- oder menschlichen Beziehungen zu urteilen hat, wenn er nach dem Gesetze urteilt, wie er da ja aus einer anderen Quelle heraus seinen Menschenwillen funktionieren läßt als im alltäglichen Leben, so werden, wenn es auch dieselben Menschen sind - denn durch alle drei Gebiete der sozialen Organisation werden es ja dieselben Menschen sein, die da walten -, so werden sie, wenn sie aus dem modernen Rechtsstaate heraus urteilen, doch aus ganz anderen Prinzipien urteilen. Es wird sich zum Beispiel, um nur das eine anzuführen, gerade dadurch aus dem, was menschliche Anforderung an das Leben ist, das ergeben, was das Maß der Arbeit ist, das einer leisten kann, die Zeit, in welcher einer arbeiten kann. Das alles muß unabhängig sein von der Preisbildung, die im Wirtschaftsleben herrscht. Und wie die Natur auf der einen Seite dem Wirtschaftsleben die Preisbildung aufdrängt, so muß auf der anderen Seite die freie unabhängige Menschlichkeit aus dem Rechtsbewußtsein heraus zuerst immer die Arbeit entscheiden. Und vom außerhalb des Wirtschaftslebens stehenden politischen Staate muß die Arbeit hineingestellt werden in das Wirtschaftsleben. Dann ist die Arbeit preisbildend; dann wird nicht Warencharakter der Arbeit aufgedrückt werden, dann wirkt die Arbeit mit an der Bildung des Preises, ist nicht abhängig von der Preisbildung der Ware. Geradeso wie die Natur von außen wirkt auf das Wirtschaftsleben, so muß das Recht, welches verkörpert ist in der menschlichen Arbeitskraft, von außen wirken.
[ 45 ] Take economic life, for example. Today, the situation is such that, on the one hand, it is tied to natural resources. These natural resources can be improved through soil improvement and similar measures, and working conditions can then become more favorable through the improvement of working conditions; but there is a limit that cannot be crossed. At such a limit, one must also stand on the other side. Just as economic life is tied to nature, which lies outside it, so must the rule of law stand on the other side. From within this rule of law, rights and laws are defined in such a way that they are determined separately from economic life. Just as a judge must adjudicate independently of his family or personal relationships when he judges according to the law—since in doing so he exercises his human will from a different source than in everyday life—so too, even if the same people are involved—for it is indeed the same people who govern across all three spheres of social organization— they will, when judging from within the modern constitutional state, nevertheless judge according to entirely different principles. For example—to cite just one point—it is precisely from what constitutes human demands on life that the measure of work a person can perform and the time during which a person can work will result. All of this must be independent of the price formation that prevails in economic life. And just as nature, on the one hand, imposes price formation on economic life, so, on the other hand, free and independent humanity—acting out of a sense of justice—must always give priority to labor. And the political state, which stands outside of economic life, must integrate labor into economic life. Then labor will determine prices; then labor will not be forced into the character of a commodity; then labor will contribute to the formation of prices and will not be dependent on the pricing of commodities. Just as nature acts upon economic life from the outside, so must the law—which is embodied in human labor power—act from the outside.
[ 46 ] Es mag sein - denn das kann man einwenden -, daß davon in einer gewissen Weise der Wohlstand eines sozialen Organismus abhängig wird, wenn die Arbeit zuerst ihr Recht geltend macht; aber diese Abhängigkeit ist eine gesunde Abhängigkeit, und sie wird in derselben Weise zu einer gesunden Verbesserung führen, wie zum Beispiel die Bodenverbesserung durch technische Mittel, wenn es notwendig oder zweckmäßig ist oder sich als möglich herausstellt. Aber niemals wird in einer solchen Weise die Arbeitskraft preisbildend sein können, wie sie der Menschenwürde entsprechend preisbildend sein muß, wenn man das Wirtschaftsleben wie in eine große Genossenschaft in den Rahmen des modernen Staates hineinstellt. Das Wirtschaftsleben muß herausgenommen werden, auf sich selbst gestellt werden. Herausgenommen werden muß das Rechtsleben, das politische Leben, das Sicherheitsleben und auf sich gestellt werden. Da haben zu sprechen Leute aus der demokratischsten Grundlage heraus über dasjenige, was alle Menschen berührt. Dann wird das in der richtigen Weise zurückwirken auf das Wirtschaftsleben und dasjenige, was dadurch kommen muß. Niemals wird aus einer wie immer gearteten Genossenschaft oder staatlichen Einrichtung der Genossenschaft selbst, das geschehen können. Man wird es erleben, dafl, wenn es so bleibt, wie die jetzigen Unterdrücker sich aus anderen, historischen Grundlagen herauf entwickelt haben, sich auch so die neuen Unterdrücker entwickeln werden, wenn nicht wirkliche demokratische Grundlagen außerhalb des Wirtschaftslebens geschaffen werden.
[ 46 ] It may be—for this is a valid objection—that the prosperity of a social organism depends in a certain way on labor asserting its rights first; but this dependence is a healthy one, and it will lead to a healthy improvement in the same way that, for example, land improvement through technical means does, when it is necessary, expedient, or proves possible. But the labor force will never be able to determine prices in the way that it must, in accordance with human dignity, if economic life is placed within the framework of the modern state as if it were a large cooperative. Economic life must be set apart and left to its own devices. Legal life, political life, and security must be separated and made self-reliant. There, people must speak from the most democratic foundation about matters that affect all people. Then this will have the proper effect on economic life and on what must result from it. This can never happen through any kind of cooperative or state institution of the cooperative itself. We will see that, if things remain as they are—just as the current oppressors have developed from other, historical foundations—the new oppressors will develop in the same way, unless genuine democratic foundations are established outside of economic life.
[ 47 ] Ebenso wie außerhalb des Wirtschaftslebens das staatliche Rechtsleben stehen muß, so das gesamte Geistesleben von der niedersten Schule bis hinauf zur Hochschule. Dann wird dasjenige, was aus diesem Geistesleben heraus sich entwickelt, eine wirkliche geistgemäße Verwaltung sein können der beiden übrigen Zweige des Lebens. Dann wird es möglich sein, daß dasjenige, was sich im Wirtschaftsleben als Profit herausbildet, wirklich der Allgemeinheit zugeführt wird, aus der es genommen ist. Dann wird es möglich sein, daß für die materiellen Güter etwas ähnliches Platz greift, wie heute bloß für die schoflen Geistesgüter. Denn eigentlich sind die Geistesgüter der modernen Gesellschaft doch das Allerschofelste. Es ist so: in bezug auf dieses Geistesgut, da gilt es, daß dasjenige, was produziert wird, wenigstens dreißig Jahre nach dem Tode der Allgemeinheit zugeführt wird, Freigut wird, von jedem verwaltet werden kann. Das lassen sich die Leute heute mit Bezug auf die materiellen Güter wahrhaftig nicht gefallen
[ 47 ] Just as the legal system of the state must be separate from economic life, so too must the entire spiritual life—from the lowest level of schooling all the way up to higher education. Then what develops out of this spiritual life will be able to serve as a truly spiritually guided administration of the other two branches of life. Then it will be possible for what emerges as profit in economic life to be truly returned to the general public, from which it was taken. Then it will be possible for something similar to take hold with regard to material goods, as is currently the case only for the most precious spiritual goods. For in truth, the spiritual goods of modern society are, after all, the most precious of all. The fact is: with regard to these spiritual goods, what is produced is made available to the general public at least thirty years after the author’s death, becomes public domain, and can be managed by anyone. People today truly will not tolerate this when it comes to material goods
[ 48 ] Der Besitz ist im gesellschaftlichen Leben nicht das, wovon so sehr häufig diese oder jene Sozialökonomen in einer sonderbaren Weise träumen; man kann ihn nur so auffassen für das gesellschaftliche Leben: Der Besitz ist das ausschließliche Verfügungsrecht über eine Sache; Besitz in produktivem Sinne, im Sinne von Grund und Boden, ist ein Recht. Und dieses Recht kann nur dann statt zu einem Vorrecht zu einem Recht gemacht werden, das dem Rechtsbewußtsein aller Menschen entspricht, wenn auf einem Boden, wo nur das Recht bestimmt wird, die Urteilsbildung stattfindet, wenn es möglich wird, daß dasjenige, was als Profit sich ergeben hat, durch den Rechtsstaat in die Verfügung der geistigen Organisation übergeführt werden kann, so daß die geistige Organisation die richtigen individuellen Fähigkeiten zu finden hat für dasjenige, was nicht mehr zur Produktion, das heißt, zum Menschendienste verwendet wird, sondern zum bloßen Profit wird. So wird es möglich werden, immer neue individuelle Fähigkeiten der Menschheit zuzuführen.
[ 48 ] In social life, property is not what this or that social economist so often dreams of in a peculiar way; it can only be understood in this way in the context of social life: Property is the exclusive right to dispose of a thing; property in the productive sense—in the sense of land—is a right. And this right can only be transformed from a privilege into a right that corresponds to the legal consciousness of all people if judgment is formed on a foundation where only the law is the determining factor, if it becomes possible for what has resulted as profit to be transferred by the constitutional state to the disposal of the intellectual organization, so that the intellectual organization must identify the appropriate individual abilities for that which is no longer used for production—that is, for the service of humanity—but becomes mere profit. In this way, it will become possible to continually bring new individual abilities to the benefit of humanity.
[ 49 ] Aber damit wirklich eine Gewalt da ist, die in der richtigen Weise, nicht in Bürokratismus hinein, sondern in die freie Verwaltung der individuellen geistigen Fähigkeiten der Menschen dasjenige führt, was als Besitz von der einen Seite genommen werden muß, dazu ist notwendig, daß der Rechtsstaat den Besitz überwacht, das heißt das Besitzrecht, und daß er nicht seinerseits selber zum Eigentümer wird, sondern daß er das freie Eigentum an denjenigen geistigen Kreis abgeben kann, von dem aus es am besten verwaltet werden kann. Daraus ersehen Sie, daß man allerdings aus solchen Untergründen heraus heute zu radikalen Anschauungen kommt, die selbst Sie verwundern werden; aber ich meinerseits bin überzeugt davon, daß die weltgeschichtlichen Tatsachen heute solche Dinge von den Menschen fordern. Ich bin überzeugt davon, daß dasjenige, was der moderne Proletarier will, nicht auf eine andere Weise erreicht werden kann als dadurch, daß er seine Hand reicht der Trennung der Gewalten. Das ist die allein einzig mögliche «auswärtige Politik» heute. Und merkwürdigerweise kann das ein jedes einzelne Territorium für sich durchführen. Würde Deutschland heute für sich darauf eingehen, wie es neulich von mir in einem «Aufruf an die Deutschen und an die Kulturwelt», der viele Unterschriften gefunden hat, ausgesprochen worden ist, würden die Deutschen heute auf diese Dreiteilung eingehen, dann könnten sie doch vielleicht in anderer Weise mit den anderen verhandeln, als sie es heute können, wo sie als ein vollständig überwundener, gerade durch seine frühere Zentralisation vollständig überwundener Einheitsstaat dastehen und im Grunde genommen gar nichts vermögen.
[ 49 ] But for there to truly be a power that directs—in the proper way, not toward bureaucracy but toward the free administration of people’s individual intellectual abilities—that which must be taken as property from one side, it is necessary for the constitutional state to oversee that property—that is, the right of ownership—and for it not to become the owner itself, but rather to be able to transfer free ownership to the intellectual circle from which it can best be administered. From this you can see that, based on such underlying principles, one does indeed arrive today at radical views that will astonish even you; but for my part, I am convinced that the facts of world history today demand such things of people. I am convinced that what the modern proletarian wants cannot be achieved in any other way than by extending his hand toward the separation of Powers. That is the only possible “foreign policy” today. And, curiously enough, every single territory can implement this on its own. If Germany were to embrace this today—as I recently articulated in an “Appeal to the Germans and to the Civilized World”—which garnered many signatures—and if the Germans were to embrace this tripartite division today, then perhaps they could negotiate with others in a different way than they can today, when they stand as a completely defeated unitary state—defeated precisely because of its former centralization—and are, in essence, powerless.
[ 50 ] Ich will damit gar nicht Partei ergreifen, sondern nur sagen, daß dasjenige, was ich ausführe, gerade die Grundlage nicht nur aller inneren, sondern auch einer wahren auswärtigen Politik werden kann aus dem Grunde, weil es jedes einzelne Land, jedes einzelne Volk für sich allein durchführen kann. Man wird ja heute, wenn man die gewaltig sprechenden Tatsachen ins Auge faßt, zu der Überzeugung geführt, daß es nicht mehr bloß darum zu tun ist, einiges in den Zuständen nach den alten Gedanken zu ändern, sondern daß es notwendig ist, neue Gedanken, neue Tatsachen zugrunde zu legen. Man hat in den letzten Jahren wahrhaftig recht oft hören können: $o gewaltige Schreckensereignisse, wie die der letzten viereinhalb Jahre, hat es, solange die Menschen eine Geschichte haben, noch nicht gegeben. Das kann man heute öfter hören. Was aber das Echo auf diese Behauptung sein müßte, das hört man nicht so oft heute, nämlich: Noch niemals haben es die Menschen so nötig gehabt umzudenken, umzulernen wie heute, wo die soziale Frage auf das hindeutet, wo am meisten umzulernen ist, hindeutet auf das, an dem am meisten vorbeigeredet und vorbeigedacht wird.
[ 50 ] I do not mean to take sides here, but merely to say that what I am setting forth can serve as the very foundation not only for all domestic policy but also for a true foreign policy, precisely because every single country, every single people, can implement it on its own. Indeed, when one considers the overwhelming facts of today, one is led to the conviction that it is no longer merely a matter of making a few changes to the status quo based on old ideas, but that it is necessary to establish new ideas and new realities as the foundation. In recent years, one has indeed heard quite often: “There have never been such momentous and terrifying events as those of the last four and a half years in all of human history.” One hears this more frequently today. But what the response to this assertion ought to be—that is something one does not hear so often today, namely: Never before have people had such a pressing need to rethink and relearn as they do today, when the social question points to where the greatest need for relearning lies—it points to that which is most often overlooked in both speech and thought.
[ 51 ] Heute zeigt es sich, daß die Menschen es sind, die zu handeln haben. Da hat man nicht mit fertigen Programmen zu kommen! Was ich hier entwickelt habe, ist kein Programm, ist keine soziale Theorie. Dasjenige, was ich hier entwickelt habe, ist eine wirklichkeitsgemäße Menschheitstheorie. Ich bilde mir nicht ein, über alle Zustände, die entstehen sollen, ein Programm aufstellen zu können; das kann der einzelne von sich aus nicht. Denn so wenig der einzelne von sich aus die Sprache, die eine soziale Erscheinung ist, bilden kann, sondern so wie die Sprache sich im Zusammenleben der Menschen bildet, so muß alles soziale Leben sich im Zusammenleben der Menschen entwickeln.
[ 51 ] Today it is clear that it is people who must take action. One cannot simply come up with ready-made programs! What I have developed here is not a program; it is not a social theory. What I have developed here is a theory of humanity grounded in reality. I do not presume to be able to draw up a program for all the conditions that are to arise; the individual cannot do that on his own. For just as the individual cannot, on his own, create language—which is a social phenomenon—but rather language is formed through human coexistence, so too must all social life develop through human coexistence.
[ 52 ] Dazu müssen die Menschen aber erst im richtigen Verhältnisse zueinander stehen. [. . .] Derselbe Mensch kann im Wirtschaftsparlament, im demokratischen Parlament, im geistigen Parlament zugleich sein; er wird nur darauf sehen müssen, wie er aus der Objektivität der Verhältnisse immer aus den verschiedenen Quellen heraus das Urteil zu finden hat.
[ 52 ] To achieve this, however, people must first be in the right relationship with one another. [. . .] The same person can be a member of the economic parliament, the democratic parliament, and the intellectual parliament all at once; he will simply have to determine how to form his judgment based on the objectivity of the circumstances, drawing from the various sources.
[ 53 ] Wie die Menschen Rechts- und Wirtschafts- und Geistesleben verwalten werden, wenn sie richtig zueinander stehen, was die Menschen sagen werden über das Soziale, das möge man ergründen; nicht ein abstraktes, theoretisches Programm über dasjenige, was in allen Fällen richtig ist, hinstellen! Die Menschen in ein solches Verhältnis zu bringen, daß sie in der richtigen Weise miteinander wirken, dafür - könnte man glauben - hätte insbesondere das moderne Proletariat Verständnis, und dies aus dem einfachen Grunde, weil das moderne Proletariat gesehen hat, wie die verschiedenen Interessen, die Rechts-, die Wirtschafts- und die geistigen Interessen gegeneinander wirken. So bringt man sie in ein solches gegenseitiges Wirken, daß sie aus ihren eigenen Kräften heraus für jeden ein menschenwürdiges Dasein, für das Ganze einen lebensfähigen Organismus ergeben. Wenn es auch radikal ist, nichts anderes glaube ich, als daß der gute Wille und die Einsicht dazu gehören, um dieses soziale Programm, das kein Programm im landläufigen Sinne ist - man muß es so nennen, weil man einmal nicht andere Worte hat -, um dieses soziale Programm ins Leben überzuführen. Die soziale Frage wird dadurch allerdings als das erscheinen, was sie in Wirklichkeit ist. Es gibt gewisse Menschen, die glauben, die soziale Frage, die heraufgekommen ist, werden wir lösen, wenn wir dies oder jenes tun, [... .]nein, die soziale Frage ist heraufgekommen, weil die Menschen eine bestimmte Entwickelungsstufe erlangt haben. Und jetzt ist sie da und wird immer da sein und wird immer von neuem gelöst werden müssen. Und wenn die Menschen sich nicht einlassen werden auf immer neue Lösungen, so werden die Kräfte zuletzt in solche Disharmonien kommen, die immer mehr zu revolutionären Erschütterungen der gesellschaftlichen Ordnungen führen müssen. Revolutionen muß man Stufe um Stufe im kleinen besiegen; dann werden sie nicht im großen auftreten. Besiegt man aber nicht dasjenige, was als berechtigte revolutionäre Kräfte Tag für Tag ins Leben hereintritt, dann, ja dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn dasjenige, auf das man nicht aufmerksam sein will, in großen Erschütterungen sich entlädt. Dann muß man dies vielmehr in gewissem Sinne als etwas Begreifliches ansehen.
[ 53 ] How people will organize their legal, economic, and intellectual lives when they are in the right relationship with one another—what people will say about social matters—that is what we should seek to understand; we must not put forward an abstract, theoretical program about what is right in all cases! Bringing people into such a relationship that they interact with one another in the right way—one might think—is something the modern proletariat in particular would understand, for the simple reason that the modern proletariat has seen how the various interests—legal, economic, and intellectual—interact with one another. Thus, they are brought into such mutual interaction that, drawing on their own strengths, they create a dignified existence for each individual and a viable organism for the whole. Even if it is radical, I believe nothing other than that good will and insight are necessary to bring this social program—which is not a program in the conventional sense (one must call it that simply because there are no other words)—to life. The social question will thereby, however, appear as what it really is. There are certain people who believe that we will solve the social question that has arisen if we do this or that, [...]. No, the social question has arisen because people have reached a certain stage of development. And now it is here, and it will always be here, and it will always have to be resolved anew. And if people are not willing to embrace ever-new solutions, then these forces will ultimately fall into such disharmony that it will inevitably lead to increasingly revolutionary upheavals of social order. Revolutions must be defeated step by step on a small scale; then they will not occur on a large scale. But if one does not overcome what enters life day by day as legitimate revolutionary forces, then—yes, then—one need not be surprised when that which one refuses to acknowledge erupts in major upheavals. In a certain sense, one must rather regard this as something understandable.
[ 54 ] So glaube ich, daß sich gerade im Proletariat für eine wirklich weitgehende Überschau über die soziale Frage, wie sie sich in dieser Dreigliederung des sozialen Organismus ergibt, ein Verständnis entwickeln könnte. Und ich bin überzeugt davon, daß, wenn sich einiges Verständnis entwickelt, dann der Proletarier erst begreifen wird, wie er im wahren Sinne des Wortes der echte moderne Mensch ist. Er, den man aus den alten Gesetzlichkeiten herausgerissen hat, an die öde Maschine hingestellt hat, in den seelenlosen Wirtschaftsprozeß eingespannt hat, er hat die Möglichkeit, neben diesem Menschentötenden, Menschenzerstörenden über das Menschenwürdige nachzudenken, über dasjenige, was das Menschenleben wahrhaftig menschenwürdig macht; er hat die Möglichkeit, von den fundamentalen Grundlagen aus darüber nachzudenken und den Menschen als reinen Menschen ins Auge zu fassen. Daher darf man auch glauben, daß, wenn sich aus dem modernen proletarischen Klassenbewußtsein dasjenige herausentwickelt, was in ihm verborgen ist, was dahinter steht: das Bewußtsein der Menschenwürde - «ein menschenwürdiges Dasein muß allen Menschen zukommen» -, dann wird mit der Lösung der proletarischen Frage, mit der Befreiung des Proletariats, die Lösung einer großen weltgeschichtlichen Menschheitsfrage geschehen. Dann wird der Proletarier nicht nur sich erlösen, dann wird der Proletarier der Erlöser der gesamten Menschlichkeit in der Menschheit werden. Dann wird mit der proletarischen Befreiung zugleich die ganze Menschheit, dasjenige, was in dieser Menschheit wert ist, befreit zu werden, befreit werden können.
[ 54 ] I believe, then, that it is precisely within the proletariat that an understanding could develop of the social question—as it arises from this threefold division of the social organism—in a truly comprehensive way. And I am convinced that, once some understanding develops, the proletarian will finally grasp how he is, in the true sense of the word, the genuine modern human being. He, who has been torn away from the old laws, placed before the dreary machine, and harnessed to the soulless economic process—he has the opportunity, alongside this dehumanizing, destructive force, to reflect on what is truly human, on that which makes human life truly worthy of humanity; he has the opportunity to reflect on this from its fundamental foundations and to view human beings as purely human beings. Therefore, one may also believe that when what is hidden within modern proletarian class consciousness—what lies behind it—develops: the consciousness of human dignity—“a dignified existence must be granted to all human beings” —then, with the resolution of the proletarian question, with the liberation of the proletariat, the resolution of a great question of world history concerning all of humanity will be achieved. Then the proletarian will not only redeem himself; the proletarian will become the redeemer of all humanity within humanity. Then, with the proletarian liberation, all of humanity—that which within humanity is worthy of liberation—will be able to be liberated.
