The Liberation of Humanity as the
Basis for Social Transformation
GA 329
17 March 1919, Bern
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Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage für eine soziale Neugestaltung
2. Welchen Sinn hat die Arbeit des modernen Proletariers?
2. Welchen Sinn hat die Arbeit des modernen Proletariers?
[ 1 ] Glauben Sie nicht, daß ich heute Abend zu dem Zwecke das Wort ergreifen will, um in dem Sinne von einer Verständigung der verschiedenen Klassen der heutigen Bevölkerung zu sprechen, wie namentlich von seiten der herrschenden, bisher herrschenden Klassen gegenwärtig so oft von Versöhnung und vonVerständigung gesprochen wird. Ich möchte heute Abend zu Ihnen von einer ganz anderen Verständigung sprechen, von der Verständigung, die herausgefordert wird durch die heute laut sprechenden sozialen Tatsachen und den in den Lauf der Menschheitsentwickelung gegenwärtig eintretenden großen geschichtlichen Kräften. Von dem möchte ich sprechen, was mir insbesondere gegenüber der proletarischen Bewegung gefordert erscheint, von diesen heute, man kann sagen, weltumwälzenden geschichtlichen Kräften.
[ 1 ] Glauben Sie nicht, daß ich heute Abend zu dem Zwecke das Wort ergreifen will, um in dem Sinne von einer Verständigung der verschiedenen Klassen der heutigen Bevölkerung zu sprechen, wie namentlich von seiten der herrschenden, bisher herrschenden Klassen gegenwärtig so oft von Versöhnung und vonVerständigung gesprochen wird. Ich möchte heute Abend zu Ihnen von einer ganz anderen Verständigung sprechen, von der Verständigung, die herausgefordert wird durch die heute laut sprechenden sozialen Tatsachen und den in den Lauf der Menschheitsentwickelung gegenwärtig eintretenden großen geschichtlichen Kräften. Von dem möchte ich sprechen, was mir insbesondere gegenüber der proletarischen Bewegung gefordert erscheint, von diesen heute, man kann sagen, weltumwälzenden geschichtlichen Kräften.
[ 2 ] Von einer anderen Verständigung zu sprechen, verbietet ja fast das ganze moderne Leben, dasjenige Leben, das von gewissen Seiten her genannt wird: die moderne Zivilisation. Was haben wir für Stimmen vernehmen können im Laufe der letzten Jahrzehnte innerhalb dieser modernen Zivilisation! Erinnern wir uns einmal, wie die bisher herrschenden Klassen diese moderne Zivilisation empfunden haben, man möchte sagen, bis weit hinein in die furchtbare Kriegskatastrophe, die als ein Schrecken der Menschheit in den letzten Jahren heraufgezogen ist. Wie oft wurde gesagt, wie wir Menschen es weit gebracht haben im Schaffen, im Produzieren! Wie wir es dazu gebracht haben, daß der Gedanke in kurzer Zeit weit über die Erde hin geschickt werden kann, wie Verbindungen geschaffen worden sind zwischen den fernsten Ländern, wie das Geistesleben in all seinen Formen eine ungeheure Ausbreitung gewonnen hat. Nun, ich könnte das Loblied, nicht wie ich es singen will, sondern wie es von dieser herrschenden Klasse über die moderne Zivilisation angestimmt worden ist, noch lange fortsetzen. Allein, sehen wir uns jetzt die Dinge von der anderen Seite an. Wodurch war denn diese moderne Zivilisation, auf die so viele Loblieder gesungen worden sind, eigentlich möglich? Dadurch allein war sie möglich, daß sie gewissermaßen unterhöhlt war von denen, die aus dem innersten Wesen ihrer Menschlichkeit heraus nicht einverstanden sein konnten mit dem, was die Träger dieser modernen Zivilisation taten. Und so konnte man neben all dem, was man auch eine Art Luxuskultur nennen könnte, die Stimmen vernehmen, die von der anderen Seite kamen, und die im wesentlichen doch immer austönten in die Worte: So kann es nicht weitergehen! So herrlich für euch auch eure Zivilisation sein mag, sie ist gar nicht anders möglich, als daß der weitaus größte Teil der Erdbevölkerung an dieser Zivilisation keinen unmittelbaren Anteil haben kann. Er muß sich ausgeschlossen fühlen von dieser Zivilisation, er muß gewissermaßen von außen zuschauen, aber auf der anderen Seite für diese Zivilisation alles erarbeiten!
[ 2 ] Von einer anderen Verständigung zu sprechen, verbietet ja fast das ganze moderne Leben, dasjenige Leben, das von gewissen Seiten her genannt wird: die moderne Zivilisation. Was haben wir für Stimmen vernehmen können im Laufe der letzten Jahrzehnte innerhalb dieser modernen Zivilisation! Erinnern wir uns einmal, wie die bisher herrschenden Klassen diese moderne Zivilisation empfunden haben, man möchte sagen, bis weit hinein in die furchtbare Kriegskatastrophe, die als ein Schrecken der Menschheit in den letzten Jahren heraufgezogen ist. Wie oft wurde gesagt, wie wir Menschen es weit gebracht haben im Schaffen, im Produzieren! Wie wir es dazu gebracht haben, daß der Gedanke in kurzer Zeit weit über die Erde hin geschickt werden kann, wie Verbindungen geschaffen worden sind zwischen den fernsten Ländern, wie das Geistesleben in all seinen Formen eine ungeheure Ausbreitung gewonnen hat. Nun, ich könnte das Loblied, nicht wie ich es singen will, sondern wie es von dieser herrschenden Klasse über die moderne Zivilisation angestimmt worden ist, noch lange fortsetzen. Allein, sehen wir uns jetzt die Dinge von der anderen Seite an. Wodurch war denn diese moderne Zivilisation, auf die so viele Loblieder gesungen worden sind, eigentlich möglich? Dadurch allein war sie möglich, daß sie gewissermaßen unterhöhlt war von denen, die aus dem innersten Wesen ihrer Menschlichkeit heraus nicht einverstanden sein konnten mit dem, was die Träger dieser modernen Zivilisation taten. Und so konnte man neben all dem, was man auch eine Art Luxuskultur nennen könnte, die Stimmen vernehmen, die von der anderen Seite kamen, und die im wesentlichen doch immer austönten in die Worte: So kann es nicht weitergehen! So herrlich für euch auch eure Zivilisation sein mag, sie ist gar nicht anders möglich, als daß der weitaus größte Teil der Erdbevölkerung an dieser Zivilisation keinen unmittelbaren Anteil haben kann. Er muß sich ausgeschlossen fühlen von dieser Zivilisation, er muß gewissermaßen von außen zuschauen, aber auf der anderen Seite für diese Zivilisation alles erarbeiten!
[ 3 ] Hat man irgendwie nun auf der anderen Seite in den letzten Jahrzehnten Verständnis gezeigt für die Gründe und Untergründe, aus denen ein solcher Ruf hervorgekommen ist? Man kann das nicht sagen. Überhaupt reden heute gewisse Menschen eine ganz merk würdige Sprache. Ich habe in den letzten Tagen einiges mitgemacht von dem, was sich hier in Bern abgespielt hat als Völkerbundskonferenz. Man hat da allerlei schöne Reden hören können, das heißt Reden, welche die Herren für sehr schön hielten. Aber wer imstande ist, ein wenig tiefer in das hineinzuschauen, was sich ausspricht in den weltumwälzenden Taten, die heute durch Europa hindurchgehen, der konnte bei dem, was da geredet wurde, vor allen Dingen das vernehmen, daß vorbeigeredet wurde und auch vorbeigedacht wurde an der allerwichtigsten Frage der Gegenwart, an dem, was als Frage einen großen Teil der Menschheit in immer steigendem Maße bewegt. Es wurde vorbeigeredet und vorbeigedacht an dem eigentlichen Nerv der sozialen Frage! Für diese Frage zeigte diese Konferenz außerordentlich wenig Verständnis, und man wurde dabei an etwas anderes erinnert, nämlich an die Wochen des Frühlings und Frühsommers des Jahres 1914. Da konnte man von Seiten der bisher herrschenden Kreise und deren Führern auch gar manche sonderbare Rede hören. Man könnte viele ähnliche Reden anführen wie diejenige, die von einem führenden Staatsmanne in einem Staate Mitteleuropas 1914 vor einem Parlament gehalten wurde und in der er sagte: Dank der energischen Bemühungen der europäischen Kabinette können wir hoffen, daß für absehbare Zeit der Friede unter den Großmächten Europas gesichert sein werde. - So ist in allen möglichen Abänderungen im Mai, im Juni 1914 noch gesprochen worden.
[ 3 ] Hat man irgendwie nun auf der anderen Seite in den letzten Jahrzehnten Verständnis gezeigt für die Gründe und Untergründe, aus denen ein solcher Ruf hervorgekommen ist? Man kann das nicht sagen. Überhaupt reden heute gewisse Menschen eine ganz merk würdige Sprache. Ich habe in den letzten Tagen einiges mitgemacht von dem, was sich hier in Bern abgespielt hat als Völkerbundskonferenz. Man hat da allerlei schöne Reden hören können, das heißt Reden, welche die Herren für sehr schön hielten. Aber wer imstande ist, ein wenig tiefer in das hineinzuschauen, was sich ausspricht in den weltumwälzenden Taten, die heute durch Europa hindurchgehen, der konnte bei dem, was da geredet wurde, vor allen Dingen das vernehmen, daß vorbeigeredet wurde und auch vorbeigedacht wurde an der allerwichtigsten Frage der Gegenwart, an dem, was als Frage einen großen Teil der Menschheit in immer steigendem Maße bewegt. Es wurde vorbeigeredet und vorbeigedacht an dem eigentlichen Nerv der sozialen Frage! Für diese Frage zeigte diese Konferenz außerordentlich wenig Verständnis, und man wurde dabei an etwas anderes erinnert, nämlich an die Wochen des Frühlings und Frühsommers des Jahres 1914. Da konnte man von Seiten der bisher herrschenden Kreise und deren Führern auch gar manche sonderbare Rede hören. Man könnte viele ähnliche Reden anführen wie diejenige, die von einem führenden Staatsmanne in einem Staate Mitteleuropas 1914 vor einem Parlament gehalten wurde und in der er sagte: Dank der energischen Bemühungen der europäischen Kabinette können wir hoffen, daß für absehbare Zeit der Friede unter den Großmächten Europas gesichert sein werde. - So ist in allen möglichen Abänderungen im Mai, im Juni 1914 noch gesprochen worden.
[ 4 ] Und dann? Dann kam dasjenige, was Millionen von Menschen tötete, was Millionen von Menschen zu Krüppeln machte. So gut wurde vorausgesehen das, was sich auch geltend machte neben dem, dem man solche Loblieder als der modernen Zivilisation sang!
[ 4 ] Und dann? Dann kam dasjenige, was Millionen von Menschen tötete, was Millionen von Menschen zu Krüppeln machte. So gut wurde vorausgesehen das, was sich auch geltend machte neben dem, dem man solche Loblieder als der modernen Zivilisation sang!
[ 5 ] Ich selbst, wenn ich diese persönliche Bemerkung machen darf, mußte dazumal allerdings anders reden als diese Staatsmänner. Vor einer Versammlung in Wien im Frühling 1914 mußte ich sagen: Wer das Leben der gegenwärtigen europäischen Menschheit anschaut, der sieht in ihm etwas wie eine schleichende Krebskranklheit, die zum Ausbruch kommen muß. - Nun, man kann es heute dem Urteil der Menschheit anheimstellen, wer ein besserer Prophet war: derjenige, der von einer Krebskrankheit sprach, die so furchtbar in dem sogenannten Weltkriege zum Ausbruch gekommen ist, oder diejenigen, die da meinten, daß dank der Bemühungen der Kabinette ein längerer Friede in Aussicht stehen werde. Gerade so wie die Herren dazumal vorbeigeredet haben an dem, was als schwarze Wolke am politischen Himmel Europas heraufzog, so reden heute gewisse Menschen vorbei an dem, was das allerwichtigste ist: an den in das Völkerleben der Erde einziehenden sozialen Mächten und Kräften. Da die Dinge so liegen, ist zunächst wahrhaftig recht wenig Aussicht vorhanden, sozusagen durch Vernunft eine Verständigung herbeizuführen. Aber eine Verständigung nach der anderen Seite, wie ich schon sagte, kann gesucht werden. Und diese Verständigung scheint sich mir dann zu ergeben, wenn man folgenden Ausgangspunkt nimmt.
[ 5 ] Ich selbst, wenn ich diese persönliche Bemerkung machen darf, mußte dazumal allerdings anders reden als diese Staatsmänner. Vor einer Versammlung in Wien im Frühling 1914 mußte ich sagen: Wer das Leben der gegenwärtigen europäischen Menschheit anschaut, der sieht in ihm etwas wie eine schleichende Krebskranklheit, die zum Ausbruch kommen muß. - Nun, man kann es heute dem Urteil der Menschheit anheimstellen, wer ein besserer Prophet war: derjenige, der von einer Krebskrankheit sprach, die so furchtbar in dem sogenannten Weltkriege zum Ausbruch gekommen ist, oder diejenigen, die da meinten, daß dank der Bemühungen der Kabinette ein längerer Friede in Aussicht stehen werde. Gerade so wie die Herren dazumal vorbeigeredet haben an dem, was als schwarze Wolke am politischen Himmel Europas heraufzog, so reden heute gewisse Menschen vorbei an dem, was das allerwichtigste ist: an den in das Völkerleben der Erde einziehenden sozialen Mächten und Kräften. Da die Dinge so liegen, ist zunächst wahrhaftig recht wenig Aussicht vorhanden, sozusagen durch Vernunft eine Verständigung herbeizuführen. Aber eine Verständigung nach der anderen Seite, wie ich schon sagte, kann gesucht werden. Und diese Verständigung scheint sich mir dann zu ergeben, wenn man folgenden Ausgangspunkt nimmt.
[ 6 ] Bis in unsere Zeit hinein war die proletarische Bevölkerung im Grunde genommen in einer ganz anderen Lage, als sie von nun an sein wird. Wer nicht nur von einem gewissen theoretischen Gesichtspunkte über die proletarische Bewegung gedacht hat, sondern wer diese proletarische Bewegung so erlebt hat, daß er mit ihr gelebt hat, der weiß, daß? dasjenige, was das moderne Proletariat erlebte, die große, eindringliche Kritik war dessen, was durch Jahrhunderte, durch drei bis vier Jahrhunderte die Einrichtungen, die Maximen der bisher führenden Kreise angerichtet haben. Für alles dasjenige, was sie geglaubt hatten der Menschheit einfügen zu müssen, war dasjenige, was der moderne Proletarier erlebte, die lebendige, die weltgeschichtliche Kritik. Und im Grunde genommen war dasjenige, was innerhalb des Proletariats vorging, eine große, gewaltige Kritik. Während die bisher führenden Kreise innerhalb ihrer bürgerlichen Kultur, auf die sie solche Loblieder sangen, verweilten, während sie in ihren Hörsälen dasjenige hören konnten, was ihrem Staate diente, während sie in ihren Theatern die Scheinwelt ihrer Angelegenheiten vernahmen, während sie noch manches andere von dem trieben, was sie als eine so heilsame moderne Zivilisation empfanden, fanden sich die proletarischen Massen in den Stunden, die sie sich erübrigen konnten von der schweren, mühevollen Arbeit des Tages, zusammen, um über die ernsten Fragen der menschlichen Entwickelung, die ernsten Fragen der Weltgeschichte nachzudenken. Hatte doch die moderne technische und die mit ihr verbundene kapitalistische Entwickelung den modernen Proletarier hinweggeholt von allen übrigen menschlichen Zusammenhängen, die zum Beispiel das alte Handwerk gegeben hatte, hatte ihn hingestellt an die Maschine, eingespannt in die kapitalistische Weltordnung und damit ausgeschlossen im unmittelbaren Empfinden von dem, was die leitenden, führenden Kreise trieben. Da wandte sich dem allgemeinen, und von einem gewissen Gesichtspunkte aus dem höchsten Menschheitsinteresse, der Seelenblick, der geistige Blick des Proletariers zu. Und getrieben wurde in den Proletarierversammlungen eben dasjenige, was dann immer wiederum austönen mußte in den Ruf: So kann es nicht weitergehen!
[ 6 ] Bis in unsere Zeit hinein war die proletarische Bevölkerung im Grunde genommen in einer ganz anderen Lage, als sie von nun an sein wird. Wer nicht nur von einem gewissen theoretischen Gesichtspunkte über die proletarische Bewegung gedacht hat, sondern wer diese proletarische Bewegung so erlebt hat, daß er mit ihr gelebt hat, der weiß, daß? dasjenige, was das moderne Proletariat erlebte, die große, eindringliche Kritik war dessen, was durch Jahrhunderte, durch drei bis vier Jahrhunderte die Einrichtungen, die Maximen der bisher führenden Kreise angerichtet haben. Für alles dasjenige, was sie geglaubt hatten der Menschheit einfügen zu müssen, war dasjenige, was der moderne Proletarier erlebte, die lebendige, die weltgeschichtliche Kritik. Und im Grunde genommen war dasjenige, was innerhalb des Proletariats vorging, eine große, gewaltige Kritik. Während die bisher führenden Kreise innerhalb ihrer bürgerlichen Kultur, auf die sie solche Loblieder sangen, verweilten, während sie in ihren Hörsälen dasjenige hören konnten, was ihrem Staate diente, während sie in ihren Theatern die Scheinwelt ihrer Angelegenheiten vernahmen, während sie noch manches andere von dem trieben, was sie als eine so heilsame moderne Zivilisation empfanden, fanden sich die proletarischen Massen in den Stunden, die sie sich erübrigen konnten von der schweren, mühevollen Arbeit des Tages, zusammen, um über die ernsten Fragen der menschlichen Entwickelung, die ernsten Fragen der Weltgeschichte nachzudenken. Hatte doch die moderne technische und die mit ihr verbundene kapitalistische Entwickelung den modernen Proletarier hinweggeholt von allen übrigen menschlichen Zusammenhängen, die zum Beispiel das alte Handwerk gegeben hatte, hatte ihn hingestellt an die Maschine, eingespannt in die kapitalistische Weltordnung und damit ausgeschlossen im unmittelbaren Empfinden von dem, was die leitenden, führenden Kreise trieben. Da wandte sich dem allgemeinen, und von einem gewissen Gesichtspunkte aus dem höchsten Menschheitsinteresse, der Seelenblick, der geistige Blick des Proletariers zu. Und getrieben wurde in den Proletarierversammlungen eben dasjenige, was dann immer wiederum austönen mußte in den Ruf: So kann es nicht weitergehen!
[ 7 ] Aber auch in dem, was sich da entwickelte, lag eine gewaltige, großartige Kritik der bisherigen Politik, der bisherigen Wirtschaftsführung der leitenden Kreise vor. Das ist in der Gegenwart in ein neues Stadium getreten. Und diesen Eintritt in ein neues Stadium wirklich mit Aufmerksamkeit zu verfolgen, das scheint mir heute eine der allernotwendigsten sozialen Aufgaben zu sein.
[ 7 ] Aber auch in dem, was sich da entwickelte, lag eine gewaltige, großartige Kritik der bisherigen Politik, der bisherigen Wirtschaftsführung der leitenden Kreise vor. Das ist in der Gegenwart in ein neues Stadium getreten. Und diesen Eintritt in ein neues Stadium wirklich mit Aufmerksamkeit zu verfolgen, das scheint mir heute eine der allernotwendigsten sozialen Aufgaben zu sein.
[ 8 ] Wie hat der moderne Proletarier das empfunden, was als eine Gesellschaftsordnung sich herausgebildet hat seit drei bis vier Jahrhunderten, seit jener Zeit, in der auch der moderne Kapitalismus und die moderne Technik in die Menschheitsentwickelung eingetreten sind? Wie hat der moderne Proletarier das alles empfunden, was er wie ein Aufßsenstehender ansehen mußte, was er, soweit er es gebrauchen konnte, ja gerade mit seinem innigen Anteil aufnehmen wollte, damit er etwas auch für seine Seele habe? Die alten führenden Kreise sprachen zu ihm von mancherlei Mächten und Kräften, die im geschichtlichen Werden der Menschheit tätig sind; sie sprachen zu ihm von allerlei sittlichen Weltordnungen und ähnlichem. Er aber, der moderne Proletarier, der den Blick hinaufwendete zu dem, was diese herrschenden Klassen taten, der empfand wenig von der Kraft, von der inneren Ursprünglichkeit solcher sittlichen Weltordnungen; er empfand, daß das Handeln, das Denken, das Empfinden der führenden, leitenden Kreise im wesentlichen geprägt ist von dem, wie sie leben können vermöge ihrer Wirtschaftsformen, ihrer Wirtschaftsordnung, durch die sie in der Lage sind, sich ihre Zivilisation zu begründen als eine Art Überbau auf dem Elend, auf der Bedrückung größerer Menschheitsmassen, die für sie arbeiten mußten.
[ 8 ] Wie hat der moderne Proletarier das empfunden, was als eine Gesellschaftsordnung sich herausgebildet hat seit drei bis vier Jahrhunderten, seit jener Zeit, in der auch der moderne Kapitalismus und die moderne Technik in die Menschheitsentwickelung eingetreten sind? Wie hat der moderne Proletarier das alles empfunden, was er wie ein Aufßsenstehender ansehen mußte, was er, soweit er es gebrauchen konnte, ja gerade mit seinem innigen Anteil aufnehmen wollte, damit er etwas auch für seine Seele habe? Die alten führenden Kreise sprachen zu ihm von mancherlei Mächten und Kräften, die im geschichtlichen Werden der Menschheit tätig sind; sie sprachen zu ihm von allerlei sittlichen Weltordnungen und ähnlichem. Er aber, der moderne Proletarier, der den Blick hinaufwendete zu dem, was diese herrschenden Klassen taten, der empfand wenig von der Kraft, von der inneren Ursprünglichkeit solcher sittlichen Weltordnungen; er empfand, daß das Handeln, das Denken, das Empfinden der führenden, leitenden Kreise im wesentlichen geprägt ist von dem, wie sie leben können vermöge ihrer Wirtschaftsformen, ihrer Wirtschaftsordnung, durch die sie in der Lage sind, sich ihre Zivilisation zu begründen als eine Art Überbau auf dem Elend, auf der Bedrückung größerer Menschheitsmassen, die für sie arbeiten mußten.
[ 9 ] Und so kam in dem modernen Proletariat das herauf, was gegenüber der Wirklichkeit, bezüglich dieser neueren Gedanken über die Menschheitsentwickelung, die Wahrheit war. Der moderne Proletarier empfand eine Wahrheit über das, worüber die anderen in einer gewissen Weise im Lügenhaften phantasierten; sie sprachen von sittlicher, von göttlicher Weltenordnung, durch die die Menschen in gegenseitige gesellschaftliche Verhältnisse auf der Erde gebracht werden. Der Proletarier empfand das als eine tiefe Lüge. Und er empfand, daß in alledem die Wahrheit ja ist, daß die Leute so leben, wie sie können dadurch, daß sie das wirtschaftliche Leben zu ihrer Bequemlichkeit, zu ihren Gunsten ausnützten. Und so entstand - und man muß jetzt sagen, als richtiges Erbgut desjenigen, was bürgerliche Wissenschaft war - die materialistische Geschichtsauffassung, diejenige Auffassung, die nicht zuließ, daß die eigentlich wirksamen Mächte im geschichtlichen Werden der Menschheit etwas anderes seien, als die wirtschaftlichen Kräfte sind. Und das wurde zu dem Glauben, daß sich wie eine Art «Überbau» über den wirtschaftlichen Kräften alles dasjenige, was menschliche Religion, menschliche Wissenschaft, menschliche Geistigkeit ist, erhebt, und daß darunter als einzige Wirklichkeit, auf die höchstens der Überbau zurückwirkt, die wirtschaftlichen Kräfte walten. Recht hatte gegenüber dem, was aus dem gesellschaftlichen Leben die bürgerliche Weltordnung gemacht hat - ein bloßes Wirtschaften -, recht hatte gegenüber dem das moderne Proletariat.
[ 9 ] Und so kam in dem modernen Proletariat das herauf, was gegenüber der Wirklichkeit, bezüglich dieser neueren Gedanken über die Menschheitsentwickelung, die Wahrheit war. Der moderne Proletarier empfand eine Wahrheit über das, worüber die anderen in einer gewissen Weise im Lügenhaften phantasierten; sie sprachen von sittlicher, von göttlicher Weltenordnung, durch die die Menschen in gegenseitige gesellschaftliche Verhältnisse auf der Erde gebracht werden. Der Proletarier empfand das als eine tiefe Lüge. Und er empfand, daß in alledem die Wahrheit ja ist, daß die Leute so leben, wie sie können dadurch, daß sie das wirtschaftliche Leben zu ihrer Bequemlichkeit, zu ihren Gunsten ausnützten. Und so entstand - und man muß jetzt sagen, als richtiges Erbgut desjenigen, was bürgerliche Wissenschaft war - die materialistische Geschichtsauffassung, diejenige Auffassung, die nicht zuließ, daß die eigentlich wirksamen Mächte im geschichtlichen Werden der Menschheit etwas anderes seien, als die wirtschaftlichen Kräfte sind. Und das wurde zu dem Glauben, daß sich wie eine Art «Überbau» über den wirtschaftlichen Kräften alles dasjenige, was menschliche Religion, menschliche Wissenschaft, menschliche Geistigkeit ist, erhebt, und daß darunter als einzige Wirklichkeit, auf die höchstens der Überbau zurückwirkt, die wirtschaftlichen Kräfte walten. Recht hatte gegenüber dem, was aus dem gesellschaftlichen Leben die bürgerliche Weltordnung gemacht hat - ein bloßes Wirtschaften -, recht hatte gegenüber dem das moderne Proletariat.
[ 10 ] Ein zweites, was ausging von der Denkergewalt des Karl Marx und sich verbreitete in die Proletarierversammlungen hinein, in die Proletarierseelen hinein, das ist jetzt nicht die Geistesfrage, wie ich sie eben charakterisieren konnte in der materialistischen Geschichtsauffassung, das ist die Rechtsfrage. Diese kulminiert in dem einen Wort, das Sie alle kennen, das aber wie elektrisierend wirkte innerhalb der modernen Proletarier-Bewegungen, das Verständnis hervorrief in den innersten Empfindungen der modernen Proletarierseelen, als es von Marx und seinen Nachfolgern diesen Proletarierseelen vorgebracht wurde: es ist das Wort vom Mehrwert. Und hinter manchem, was um dieses Wort vom Mehrwert herum gesprochen wurde, was der moderne Proletarier eigentlich als seine wichtigste Menschheitsfrage empfindet, verbirgt sich die Frage, die mehr oder weniger bewußt oder unbewußt, mehr oder weniger bloß empfunden oder mit dem Verstande gestellt ist, die aber tief empfunden wurde. Welchen Sinn hat denn eigentlich meine Arbeit innerhalb der modernen Gesellschaftsordnung? Und man muß sagen: Glänzend ist, was Karl Marx in verschiedener Art als Antwort gegeben hat. - Aber heute leben wir in einer Zeit, in der noch weitergegangen werden muß, als selbst Marx gegangen ist, gerade dann, wenn man Marx in der richtigen Weise versteht, nicht nach der Richtung der Opportunitäts-Politiker hin, sondern nach einer ganz anderen Richtung, wie wir gleich sehen werden.
[ 10 ] Ein zweites, was ausging von der Denkergewalt des Karl Marx und sich verbreitete in die Proletarierversammlungen hinein, in die Proletarierseelen hinein, das ist jetzt nicht die Geistesfrage, wie ich sie eben charakterisieren konnte in der materialistischen Geschichtsauffassung, das ist die Rechtsfrage. Diese kulminiert in dem einen Wort, das Sie alle kennen, das aber wie elektrisierend wirkte innerhalb der modernen Proletarier-Bewegungen, das Verständnis hervorrief in den innersten Empfindungen der modernen Proletarierseelen, als es von Marx und seinen Nachfolgern diesen Proletarierseelen vorgebracht wurde: es ist das Wort vom Mehrwert. Und hinter manchem, was um dieses Wort vom Mehrwert herum gesprochen wurde, was der moderne Proletarier eigentlich als seine wichtigste Menschheitsfrage empfindet, verbirgt sich die Frage, die mehr oder weniger bewußt oder unbewußt, mehr oder weniger bloß empfunden oder mit dem Verstande gestellt ist, die aber tief empfunden wurde. Welchen Sinn hat denn eigentlich meine Arbeit innerhalb der modernen Gesellschaftsordnung? Und man muß sagen: Glänzend ist, was Karl Marx in verschiedener Art als Antwort gegeben hat. - Aber heute leben wir in einer Zeit, in der noch weitergegangen werden muß, als selbst Marx gegangen ist, gerade dann, wenn man Marx in der richtigen Weise versteht, nicht nach der Richtung der Opportunitäts-Politiker hin, sondern nach einer ganz anderen Richtung, wie wir gleich sehen werden.
[ 11 ] Wenn der moderne Proletarier die Frage nach dem Sinn seiner Arbeit aufwarf und dieser ihm zur Frage wurde nach seiner Stellung innerhalb der modernen Gesellschaft, nach seiner Menschenwürde, so trat ihm immer wieder das Problem vor Augen, daß seine Arbeit gewissermaßen aufgesogen wird von dem kapitalistischen Wirtschaftsprozeß. Er erlebte, daß seine Arbeit etwas geworden ist, was sie nur scheinbar sein kann, nämlich: Ware. Der moderne Proletarier, der als einzigen «Besitz» sich lediglich seine Arbeitskraft von neuem erwerben kann, erlebte, daß er seine Arbeitskraft ebenso zu Markte tragen muß, seine Arbeitskraft behandeln lassen muß nach den Regeln von Angebot und Nachfrage, wie sonst vom Menschen abgesonderte, objektive Waren auf dem Warenmarkte behandelt werden.
[ 11 ] Wenn der moderne Proletarier die Frage nach dem Sinn seiner Arbeit aufwarf und dieser ihm zur Frage wurde nach seiner Stellung innerhalb der modernen Gesellschaft, nach seiner Menschenwürde, so trat ihm immer wieder das Problem vor Augen, daß seine Arbeit gewissermaßen aufgesogen wird von dem kapitalistischen Wirtschaftsprozeß. Er erlebte, daß seine Arbeit etwas geworden ist, was sie nur scheinbar sein kann, nämlich: Ware. Der moderne Proletarier, der als einzigen «Besitz» sich lediglich seine Arbeitskraft von neuem erwerben kann, erlebte, daß er seine Arbeitskraft ebenso zu Markte tragen muß, seine Arbeitskraft behandeln lassen muß nach den Regeln von Angebot und Nachfrage, wie sonst vom Menschen abgesonderte, objektive Waren auf dem Warenmarkte behandelt werden.
[ 12 ] Nun ist das Eigentümliche innerhalb des Menschenlebens, daß Dinge in diesem Menschenleben auftreten können, die wirklich sind, die aber doch keine Wahrheiten sind, die Lebenslügen sind. Und eine solche Lebenslüge ist es, daß menschliche Arbeitskraft überhaupt jemals Ware werden kann. Denn menschliche Arbeitskraft kann niemals irgendwelche Vergleiche, irgendwelche Preisvergleiche mit Waren eingehen. Sie ist etwas prinzipiell Verschiedenes von den Waren. Es ist also eine Lebenslüge, wenn dasjenige, was nie Ware werden kann, dennoch zur Ware gemacht wird. Wenn das auch nicht in dieser deutlichen Weise ausgesprochen wird, so ist es aber doch etwas, was empfunden wird als, ich möchte sagen, der Mittelpunkt der proletarischen Frage der neueren Zeit. Dadurch, daß die menschliche Arbeitskraft zur Ware geworden ist, ist ein Rechtsverhältnis, wie es zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter über das Arbeiten bestehen sollte, zu einem Kaufverhältnis geworden. Und moderne bürgerliche Nationalökonomen reden in der Tat so, als ob man innerhalb des Wirtschaftslebens auf der einen Seite Ware gegen Ware, auf der anderen Seite Ware gegen Arbeit austauschen könne.
[ 12 ] Nun ist das Eigentümliche innerhalb des Menschenlebens, daß Dinge in diesem Menschenleben auftreten können, die wirklich sind, die aber doch keine Wahrheiten sind, die Lebenslügen sind. Und eine solche Lebenslüge ist es, daß menschliche Arbeitskraft überhaupt jemals Ware werden kann. Denn menschliche Arbeitskraft kann niemals irgendwelche Vergleiche, irgendwelche Preisvergleiche mit Waren eingehen. Sie ist etwas prinzipiell Verschiedenes von den Waren. Es ist also eine Lebenslüge, wenn dasjenige, was nie Ware werden kann, dennoch zur Ware gemacht wird. Wenn das auch nicht in dieser deutlichen Weise ausgesprochen wird, so ist es aber doch etwas, was empfunden wird als, ich möchte sagen, der Mittelpunkt der proletarischen Frage der neueren Zeit. Dadurch, daß die menschliche Arbeitskraft zur Ware geworden ist, ist ein Rechtsverhältnis, wie es zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter über das Arbeiten bestehen sollte, zu einem Kaufverhältnis geworden. Und moderne bürgerliche Nationalökonomen reden in der Tat so, als ob man innerhalb des Wirtschaftslebens auf der einen Seite Ware gegen Ware, auf der anderen Seite Ware gegen Arbeit austauschen könne.
[ 13 ] Dadurch, daß ein sogenannter Arbeitsvertrag existiert im modernen Sinne des Wortes, dadurch wird die Sache nicht anders; denn über das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter kann nur ein Rechtsvertrag geschlossen werden in dem Sinne, wie wir das später sehen werden. Befreit könnte die menschliche Arbeitskraft von dem Warencharakter nur werden - und sie muß befreit werden -, wenn der einzige Vertrag, der möglich wäre zwischen dem Arbeitnehmer und dem Arbeitgeber nicht der über die geleistete Arbeit, sondern der über die dem gesunden Organismus in richtigem Sinne dienende Verteilung der gemeinsam produzierten Waren oder Leistungen wäre. Das ist die Forderung, die sich hinter der marxistischen Theorie des Mehrwertes verbirgt. Das ist zugleich der Weg, bezüglich dessen man hinausgehen muß über das bloß marxistisch Gedachte. Und die Frage muß man stellen: Wie hört das Lohnverhältnis auf? Wie tritt an die Stelle des Arbeitsvertrages ein Warenverteilungsvertrag?
[ 13 ] Dadurch, daß ein sogenannter Arbeitsvertrag existiert im modernen Sinne des Wortes, dadurch wird die Sache nicht anders; denn über das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter kann nur ein Rechtsvertrag geschlossen werden in dem Sinne, wie wir das später sehen werden. Befreit könnte die menschliche Arbeitskraft von dem Warencharakter nur werden - und sie muß befreit werden -, wenn der einzige Vertrag, der möglich wäre zwischen dem Arbeitnehmer und dem Arbeitgeber nicht der über die geleistete Arbeit, sondern der über die dem gesunden Organismus in richtigem Sinne dienende Verteilung der gemeinsam produzierten Waren oder Leistungen wäre. Das ist die Forderung, die sich hinter der marxistischen Theorie des Mehrwertes verbirgt. Das ist zugleich der Weg, bezüglich dessen man hinausgehen muß über das bloß marxistisch Gedachte. Und die Frage muß man stellen: Wie hört das Lohnverhältnis auf? Wie tritt an die Stelle des Arbeitsvertrages ein Warenverteilungsvertrag?
[ 14 ] Damit aber haben wir das zweite angedeutet, was immer wieder durch die Seele des modernen Proletariers zog und was als gewaltige Kritik den führenden Kreisen entgegengeschleudert wurde.
[ 14 ] Damit aber haben wir das zweite angedeutet, was immer wieder durch die Seele des modernen Proletariers zog und was als gewaltige Kritik den führenden Kreisen entgegengeschleudert wurde.
[ 15 ] Und das dritte, das war die Überzeugung, daß alles, was sich im modernen Leben abspielt und was zu diesen Zuständen, in die wir nun einmal hineingeraten sind, geführt hat, nicht in einer Harmonie, nicht in einem aus gemeinsamem Sinn hervorgehenden Arbeiten der modernen Menschen besteht, sondern in einem Kampf zwischen Menschengruppen, in dem die eine zunächst im Vorteil ist; das ist der Klassenkampf des modernen Proletariats mit den führenden Klassen.
[ 15 ] Und das dritte, das war die Überzeugung, daß alles, was sich im modernen Leben abspielt und was zu diesen Zuständen, in die wir nun einmal hineingeraten sind, geführt hat, nicht in einer Harmonie, nicht in einem aus gemeinsamem Sinn hervorgehenden Arbeiten der modernen Menschen besteht, sondern in einem Kampf zwischen Menschengruppen, in dem die eine zunächst im Vorteil ist; das ist der Klassenkampf des modernen Proletariats mit den führenden Klassen.
[ 16 ] Wahrhaftig, diese drei Punkte: die materialistische Geschichtsauffassung, die Mehrwert- und Arbeitskraftlehre sowie die Klassenkampf-Theorie wurden mit mehr zeitgemäßer Kraft studiert, als alles das, was innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft in der neueren Zeit geschrieben worden ist. Denn man sah ein, daß das, wozu die menschliche Entwickelung in den letzten Jahrhunderten gekommen ist, bloß ein Ergebnis von Wirtschaftsformen ist. Alles andere Ausdeuten ist im Grunde genommen eine große Menschheitslüge,
[ 16 ] Wahrhaftig, diese drei Punkte: die materialistische Geschichtsauffassung, die Mehrwert- und Arbeitskraftlehre sowie die Klassenkampf-Theorie wurden mit mehr zeitgemäßer Kraft studiert, als alles das, was innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft in der neueren Zeit geschrieben worden ist. Denn man sah ein, daß das, wozu die menschliche Entwickelung in den letzten Jahrhunderten gekommen ist, bloß ein Ergebnis von Wirtschaftsformen ist. Alles andere Ausdeuten ist im Grunde genommen eine große Menschheitslüge,
[ 17 ] Und so wurde denn das ganze Geistesleben, wie es für die herrschende Klasse zu einer Art Kulturluxus geworden war, für das moderne Proletariat zu einer «Ideologie», ein Wort, das man ja immer wieder und wiederum vernahm. Es wurde zu einem bloßen Gewebe von Gedanken und Empfindungen und Gefühlen, die sich ausleben als Rauch, der herausströmt aus der wahren Wirklichkeit des Wirtschaftslebens.
[ 17 ] Und so wurde denn das ganze Geistesleben, wie es für die herrschende Klasse zu einer Art Kulturluxus geworden war, für das moderne Proletariat zu einer «Ideologie», ein Wort, das man ja immer wieder und wiederum vernahm. Es wurde zu einem bloßen Gewebe von Gedanken und Empfindungen und Gefühlen, die sich ausleben als Rauch, der herausströmt aus der wahren Wirklichkeit des Wirtschaftslebens.
[ 18 ] Aber man versteht die Sache nicht, wenn man sie nur so auffaßt. Man versteht die Sache nur richtig, wenn man weiß, daß gegenüber dieser verödenden Ideologie, dieser seelentötenden Ideologie, die im wesentlichen ein Erbgut des Denkens der bisher herrschenden Klasse ist, in der modernen Proletarierseele, die Zeit hatte, über die Menschenwürde und über das wahrhaftige Menschenwerden nachzudenken an der Maschine und in der Einklammerung durch den kapitalistischen Wirtschaftsprozeß eine wirkliche Sehnsucht nach einem wahren Geistesleben, nicht nach einem Geistesluxus, nicht nach einem Überfluß, erwachte. Man kann heute noch oft in bürgerlichen Kreisen hören, wie eigentlich die moderne Proletarierfrage, nach dieser oder jener Seite betrachtet, eine Brotfrage sei. Gewiß, sie ist eine Brotfrage; aber darüber, daß sie eine Brotfrage ist, braucht man wahrhaftig nicht in einer Versammlung, in der Proletarierverstand herrscht, zu sprechen. Denn nicht darum handelt es sich, daß man in ähnlicher Weise denkt, wie etwa ein bürgerlicher Soziologe und Pädagoge, der jetzt viel in mancherlei Gegenden herumreist, und der unter anderem neulich die Worte geprägt hat: Man muß nur einmal wirklich die moderne Armut kennen, dann wird man schon zu der Sehnsucht nach einer Humanisierung der menschlichen Gesellschaft kommen. - Hinter solchen Worten steckt von solcher Seite gewöhnlich doch nichts anderes, als die Frage: Wie kann man in dem Wahn des alten Lebens der herrschenden Kreise fortfahren und wie kann man in der besten Art Brocken abfallen lassen für diejenigen, die nicht teilnehmen sollen an diesem Leben der herrschenden Klasse? Wie kann man der Arbeit beikommen unter Aufrechterhaltung der bisherigen Gesellschaftsordnung? - Nicht eine Brotfrage ist es, um die es sich handelt. Wenn es eine Brotfrage ist, so handelt es sich vor allen Dingen darum, wie um das Brot gekämpft wird, aus welchen Seelenmotiven heraus.
[ 18 ] Aber man versteht die Sache nicht, wenn man sie nur so auffaßt. Man versteht die Sache nur richtig, wenn man weiß, daß gegenüber dieser verödenden Ideologie, dieser seelentötenden Ideologie, die im wesentlichen ein Erbgut des Denkens der bisher herrschenden Klasse ist, in der modernen Proletarierseele, die Zeit hatte, über die Menschenwürde und über das wahrhaftige Menschenwerden nachzudenken an der Maschine und in der Einklammerung durch den kapitalistischen Wirtschaftsprozeß eine wirkliche Sehnsucht nach einem wahren Geistesleben, nicht nach einem Geistesluxus, nicht nach einem Überfluß, erwachte. Man kann heute noch oft in bürgerlichen Kreisen hören, wie eigentlich die moderne Proletarierfrage, nach dieser oder jener Seite betrachtet, eine Brotfrage sei. Gewiß, sie ist eine Brotfrage; aber darüber, daß sie eine Brotfrage ist, braucht man wahrhaftig nicht in einer Versammlung, in der Proletarierverstand herrscht, zu sprechen. Denn nicht darum handelt es sich, daß man in ähnlicher Weise denkt, wie etwa ein bürgerlicher Soziologe und Pädagoge, der jetzt viel in mancherlei Gegenden herumreist, und der unter anderem neulich die Worte geprägt hat: Man muß nur einmal wirklich die moderne Armut kennen, dann wird man schon zu der Sehnsucht nach einer Humanisierung der menschlichen Gesellschaft kommen. - Hinter solchen Worten steckt von solcher Seite gewöhnlich doch nichts anderes, als die Frage: Wie kann man in dem Wahn des alten Lebens der herrschenden Kreise fortfahren und wie kann man in der besten Art Brocken abfallen lassen für diejenigen, die nicht teilnehmen sollen an diesem Leben der herrschenden Klasse? Wie kann man der Arbeit beikommen unter Aufrechterhaltung der bisherigen Gesellschaftsordnung? - Nicht eine Brotfrage ist es, um die es sich handelt. Wenn es eine Brotfrage ist, so handelt es sich vor allen Dingen darum, wie um das Brot gekämpft wird, aus welchen Seelenmotiven heraus.
[ 19 ] Das hängt mit viel tieferen geschichtlichen Kräften zusammen als diejenigen, die oftmals von solcher Seite über Geschichte sprechen, auch nur ahnen. Und heute sind die drei Fragen, die ich vorhin charakterisiert habe, dadurch in ein neues Stadium gekommen, daß vieles in ihnen liegt, was man noch nicht deutlich auszusprechen in der Lage ist, was aber der vernimmt, der ein Gehör hat für das Walten geschichtlicher Mächte, für die Töne, welche die großen welthistorischen Umwälzungen ankündigen. Heute ist die proletarische Bewegung nicht mehr eine bloße Kritik, heute ist sie dasjenige, was von den weltgeschichtlichen Mächten selbst aufgefordert wird, zum Handeln überzugehen, also die große Frage aufzuwerfen: Was hat zu geschehen? - Und da scheint mir dasjenige, was ich vorhin charakterisiert habe, sich etwas zu verwandeln, so zu verwandeln, daß gegenüber dem rein materiellen Leben, wie es sich bisher gestaltet hat, ein anderes sich entwickeln soll, welches gestattet, auch dem unterdrückten Teile der Menschheit ein wahrhaftig auch seelisch menschenwürdiges Dasein zu geben. Das ist das erste, die Frage nach dem Geistesleben: Wie kann man die Luxus-Ideologie, das ÜberflußGeistesleben verwandeln in das, was aus der innersten Natur des Menschen heraus der Mensch wirklich für ein menschenwürdiges Dasein erleben muß?
[ 19 ] Das hängt mit viel tieferen geschichtlichen Kräften zusammen als diejenigen, die oftmals von solcher Seite über Geschichte sprechen, auch nur ahnen. Und heute sind die drei Fragen, die ich vorhin charakterisiert habe, dadurch in ein neues Stadium gekommen, daß vieles in ihnen liegt, was man noch nicht deutlich auszusprechen in der Lage ist, was aber der vernimmt, der ein Gehör hat für das Walten geschichtlicher Mächte, für die Töne, welche die großen welthistorischen Umwälzungen ankündigen. Heute ist die proletarische Bewegung nicht mehr eine bloße Kritik, heute ist sie dasjenige, was von den weltgeschichtlichen Mächten selbst aufgefordert wird, zum Handeln überzugehen, also die große Frage aufzuwerfen: Was hat zu geschehen? - Und da scheint mir dasjenige, was ich vorhin charakterisiert habe, sich etwas zu verwandeln, so zu verwandeln, daß gegenüber dem rein materiellen Leben, wie es sich bisher gestaltet hat, ein anderes sich entwickeln soll, welches gestattet, auch dem unterdrückten Teile der Menschheit ein wahrhaftig auch seelisch menschenwürdiges Dasein zu geben. Das ist das erste, die Frage nach dem Geistesleben: Wie kann man die Luxus-Ideologie, das ÜberflußGeistesleben verwandeln in das, was aus der innersten Natur des Menschen heraus der Mensch wirklich für ein menschenwürdiges Dasein erleben muß?
[ 20 ] Das andere, das sich entwickelt hat, ist, neben diesem Geistigen, auf dem Gebiete des Rechtslebens eben dasjenige, was die menschliche Arbeitskraft des Proletariers zur Ware gemacht hat. Das konnte sich nur entwickeln dadurch, daß in der unter dem Kapitalismus und der modernen Technik heraufkommenden Gesellschaftsordnung in vieler Beziehung das Recht zum Vorrecht wurde. Wie kann an die Stelle des Vorrechtes wiederum das Recht treten, innerhalb dessen Ordnung die menschliche Arbeitskraft des Proletariers entkleidet wird des Charakters einer bloßen Ware?
[ 20 ] Das andere, das sich entwickelt hat, ist, neben diesem Geistigen, auf dem Gebiete des Rechtslebens eben dasjenige, was die menschliche Arbeitskraft des Proletariers zur Ware gemacht hat. Das konnte sich nur entwickeln dadurch, daß in der unter dem Kapitalismus und der modernen Technik heraufkommenden Gesellschaftsordnung in vieler Beziehung das Recht zum Vorrecht wurde. Wie kann an die Stelle des Vorrechtes wiederum das Recht treten, innerhalb dessen Ordnung die menschliche Arbeitskraft des Proletariers entkleidet wird des Charakters einer bloßen Ware?
[ 21 ] Und das dritte ist: Wie kann sich das, was sich als Klassenkampf entwickelt hat, in anderen Formen weiterentwickeln? Der Proletarier hat sehr wohl gefühlt, daß das, was im Leben geschehen muß, sich nur in diesem gegenseitigen Kampf ausbilden kann. Aber die Kämpfe, die im Laufe der neueren Geschichte stattgefunden haben, die empfindet er als solche, die überwunden werden müssen. Und so wird die Frage nach der Notwendigkeit von Klassenkämpfen nunmehr sich im heutigen Stadium der Entwickelung verwandeln in die Frage: Wie überwinden wir die Klassenkämpfe? - Die Frage nach dem Mehrwert, die innerhalb der Gesellschaftsordnung, wie sie sich herausgebildet hat in den letzten Jahrhunderten, in das Reich der Vorrechte gerückt ist, diese Frage nach dem Mehrwert begründet die andere: Wie findet man in der menschlichen Gesellschaft im wahren Sinne des Wortes einen alle Menschen befriedigenden Rechtszustand?
[ 21 ] Und das dritte ist: Wie kann sich das, was sich als Klassenkampf entwickelt hat, in anderen Formen weiterentwickeln? Der Proletarier hat sehr wohl gefühlt, daß das, was im Leben geschehen muß, sich nur in diesem gegenseitigen Kampf ausbilden kann. Aber die Kämpfe, die im Laufe der neueren Geschichte stattgefunden haben, die empfindet er als solche, die überwunden werden müssen. Und so wird die Frage nach der Notwendigkeit von Klassenkämpfen nunmehr sich im heutigen Stadium der Entwickelung verwandeln in die Frage: Wie überwinden wir die Klassenkämpfe? - Die Frage nach dem Mehrwert, die innerhalb der Gesellschaftsordnung, wie sie sich herausgebildet hat in den letzten Jahrhunderten, in das Reich der Vorrechte gerückt ist, diese Frage nach dem Mehrwert begründet die andere: Wie findet man in der menschlichen Gesellschaft im wahren Sinne des Wortes einen alle Menschen befriedigenden Rechtszustand?
[ 22 ] In bezug auf die erste Frage, die geistige Seite der sozialen Frage, muß man nur einmal sehen, wie tief der Abgrund zwischen den bisher herrschenden Klassen und denjenigen ist, die auf der anderen Seite eine neue Welt- und Gesellschaftsordnung anstreben. Und da muß man sagen, daß das, was als Geistesleben den modernen Proletarier erfüllt, im Grunde genommen als ein Erbgut von der bürgerlichen Klasse, die die Wissenschaft, die Kunst und so weiter, pflegen _ konnte, übernommen worden ist. - Aber dieses Geistesleben hat innerhalb des Proletariats anders gewirkt, denn der Proletarier war gegenüber dem, was er als Erbgut an Wissenschaft und so dergleichen übernommen hat, in einer anderen Lage als gegenüber dem, was da als modernes Geistesleben heraufgezogen ist bei denen, die bürgerliche, die leitende Kreise waren. Man konnte selbst ein sehr überzeugter Anhänger des modernen Geisteslebens sein, man konnte sich sehr aufgeklärt vorkommen, man stand doch als Mitglied der herrschenden Klasse innerhalb einer solchen gesellschaftlichen Ordnung, die durchaus nicht nach diesem modernen Geistesleben geordnet war. Man konnte ein Naturforscher Vogt, ein naturwissenschaftlicher Popularisator wie Büchner sein, man konnte glauben, ein ganz und gar Aufgeklärter zu sein - das war vielleicht gut für den Kopf, für die Verstandes-Überzeugung; das war aber nicht geeignet für ein Begreifen der Stellung des Menschen im wirklichen Leben. Denn die Art, wie diese Leute im Leben standen, ließ sich nur dadurch rechtfertigen, daß die gesellschaftliche Ordnung von ganz anderen Mächten, von religiösen, von veralteten sittlichen Weltanschauungen, jedenfalls von anderen Mächten herrührte, als diejenigen waren, die sich als wissenschaftlich beglaubigte Mächte diesen herrschenden, führenden Klassen dargestellt hatten. Daher wirkte auch das, was moderner wissenschaftlicher Geist ist und zu dem einfach aus der Kultur der neueren Zeit der Proletarier sich selbst heranführte, in der Proletarierseele ganz anders.
[ 22 ] In bezug auf die erste Frage, die geistige Seite der sozialen Frage, muß man nur einmal sehen, wie tief der Abgrund zwischen den bisher herrschenden Klassen und denjenigen ist, die auf der anderen Seite eine neue Welt- und Gesellschaftsordnung anstreben. Und da muß man sagen, daß das, was als Geistesleben den modernen Proletarier erfüllt, im Grunde genommen als ein Erbgut von der bürgerlichen Klasse, die die Wissenschaft, die Kunst und so weiter, pflegen _ konnte, übernommen worden ist. - Aber dieses Geistesleben hat innerhalb des Proletariats anders gewirkt, denn der Proletarier war gegenüber dem, was er als Erbgut an Wissenschaft und so dergleichen übernommen hat, in einer anderen Lage als gegenüber dem, was da als modernes Geistesleben heraufgezogen ist bei denen, die bürgerliche, die leitende Kreise waren. Man konnte selbst ein sehr überzeugter Anhänger des modernen Geisteslebens sein, man konnte sich sehr aufgeklärt vorkommen, man stand doch als Mitglied der herrschenden Klasse innerhalb einer solchen gesellschaftlichen Ordnung, die durchaus nicht nach diesem modernen Geistesleben geordnet war. Man konnte ein Naturforscher Vogt, ein naturwissenschaftlicher Popularisator wie Büchner sein, man konnte glauben, ein ganz und gar Aufgeklärter zu sein - das war vielleicht gut für den Kopf, für die Verstandes-Überzeugung; das war aber nicht geeignet für ein Begreifen der Stellung des Menschen im wirklichen Leben. Denn die Art, wie diese Leute im Leben standen, ließ sich nur dadurch rechtfertigen, daß die gesellschaftliche Ordnung von ganz anderen Mächten, von religiösen, von veralteten sittlichen Weltanschauungen, jedenfalls von anderen Mächten herrührte, als diejenigen waren, die sich als wissenschaftlich beglaubigte Mächte diesen herrschenden, führenden Klassen dargestellt hatten. Daher wirkte auch das, was moderner wissenschaftlicher Geist ist und zu dem einfach aus der Kultur der neueren Zeit der Proletarier sich selbst heranführte, in der Proletarierseele ganz anders.
[ 23 ] Ich darf an eine kleine Szene erinnern, woran das ganz besonders anschaulich werden konnte, dieses andere Wirken des modernen Geisteslebens auf den Proletarier, der genötigt war, dieses moderne Geistesleben nicht bloß für den Kopf zu fassen, sondern für den ganzen Menschen, für seine ganze Stellung innerhalb der Menschheit.
[ 23 ] Ich darf an eine kleine Szene erinnern, woran das ganz besonders anschaulich werden konnte, dieses andere Wirken des modernen Geisteslebens auf den Proletarier, der genötigt war, dieses moderne Geistesleben nicht bloß für den Kopf zu fassen, sondern für den ganzen Menschen, für seine ganze Stellung innerhalb der Menschheit.
[ 24 ] Ich stand vor vielen Jahren einmal in Spandau auf dem gleichen Podium mit der jetzt so tragisch geendeten Rosa Luxemburg. Sie sprach dazumal über die Wissenschaft und die Arbeiter, und ich hatte als Lehrer der Arbeiterbildungsschule ihren Worten über dasselbe Thema einiges anzufügen. Dieses Thema: «Die Wissenschaft und die Arbeiter» gab ihr Veranlassung, ertönen zu lassen gerade dasjenige, was mit Bezug auf das Geistesleben des modernen Proletariates so charakteristisch ist. Sie sagte da: Die Empfindungen - trotz der Kopfüberzeugung -, die Empfindungen der modernen führenden Klasse der Menschheit, die wurzeln doch noch in Anschauungen, als ob der Mensch herkäme von engelartigen Wesen, die ursprünglich gut waren; und aus diesem Ursprung rechtfertigt sich gefühls- und empfindungsgemäß bei diesen herrschenden Klassen das, was sich an Rang-, an Klassenunterschieden im Laufe der Entwickelung herausgebildet hat. Aber der moderne Proletarier wird in einer ganz anderen Weise dazu getrieben, die bürgerliche Wissenschaft ernst zu nehmen. Er muß ernst nehmen, wenn ihm gelehrt wird, wie der Mensch ursprünglich nicht ein engelartiges Wesen war, sondern wie ein Tier auf Bäumen herumkletterte und sich höchst unanständig benommen hat. Auf diesen Ursprung der Menschen zurückzusehen im Sinne der modernen Weltanschauung, das rechtfertigt nicht in demselben Sinne wie die anderen es gerechtfertigt glauben, Lebens- und Standes- und Klassenunterschiede, das begründet eine ganz andere Idee von der Gleichheit aller Menschen.
[ 24 ] Ich stand vor vielen Jahren einmal in Spandau auf dem gleichen Podium mit der jetzt so tragisch geendeten Rosa Luxemburg. Sie sprach dazumal über die Wissenschaft und die Arbeiter, und ich hatte als Lehrer der Arbeiterbildungsschule ihren Worten über dasselbe Thema einiges anzufügen. Dieses Thema: «Die Wissenschaft und die Arbeiter» gab ihr Veranlassung, ertönen zu lassen gerade dasjenige, was mit Bezug auf das Geistesleben des modernen Proletariates so charakteristisch ist. Sie sagte da: Die Empfindungen - trotz der Kopfüberzeugung -, die Empfindungen der modernen führenden Klasse der Menschheit, die wurzeln doch noch in Anschauungen, als ob der Mensch herkäme von engelartigen Wesen, die ursprünglich gut waren; und aus diesem Ursprung rechtfertigt sich gefühls- und empfindungsgemäß bei diesen herrschenden Klassen das, was sich an Rang-, an Klassenunterschieden im Laufe der Entwickelung herausgebildet hat. Aber der moderne Proletarier wird in einer ganz anderen Weise dazu getrieben, die bürgerliche Wissenschaft ernst zu nehmen. Er muß ernst nehmen, wenn ihm gelehrt wird, wie der Mensch ursprünglich nicht ein engelartiges Wesen war, sondern wie ein Tier auf Bäumen herumkletterte und sich höchst unanständig benommen hat. Auf diesen Ursprung der Menschen zurückzusehen im Sinne der modernen Weltanschauung, das rechtfertigt nicht in demselben Sinne wie die anderen es gerechtfertigt glauben, Lebens- und Standes- und Klassenunterschiede, das begründet eine ganz andere Idee von der Gleichheit aller Menschen.
[ 25 ] Sehen Sie, das ist der Unterschied! Der Proletarier war genötigt, dasjenige, was die anderen wie eine Kopfüberzeugung nahmen, die nicht sehr tief ging, wenn sie auch noch so sehr aufgeklärt waren, er war genötigt, es mit seinem ganzen Menschen aufzunehmen, mit bitterstem Lebensernst die Sache zu nehmen. Dadurch aber wob es sich ganz anders in die Seele hinein. Man muß einfach auf solche Dinge aufmerksam werden, dann wird man schon erkennen, in welchem Sinne die moderne soziale Frage vor allen Dingen eine Frage des Geisteslebens ist und hintendiert nach einer Entwickelung eines alle Menschen befriedigenden Geisteslebens.
[ 25 ] Sehen Sie, das ist der Unterschied! Der Proletarier war genötigt, dasjenige, was die anderen wie eine Kopfüberzeugung nahmen, die nicht sehr tief ging, wenn sie auch noch so sehr aufgeklärt waren, er war genötigt, es mit seinem ganzen Menschen aufzunehmen, mit bitterstem Lebensernst die Sache zu nehmen. Dadurch aber wob es sich ganz anders in die Seele hinein. Man muß einfach auf solche Dinge aufmerksam werden, dann wird man schon erkennen, in welchem Sinne die moderne soziale Frage vor allen Dingen eine Frage des Geisteslebens ist und hintendiert nach einer Entwickelung eines alle Menschen befriedigenden Geisteslebens.
[ 26 ] Dann, wenn man sich auf die Ursachen all dessen einläßt, was ich heute nur, ich möchte sagen, stammelnd habe schildern können, weil es, wollte man es wirklich ausführlich schildern, eine zu große Ausführlichkeit erfordert, wenn man also nach den Ursachen forscht und sich dann fragt: welche Entwickelung muß angestrebt werden? - so kann man folgendes sagen: Heute geht es wahrhaftig nicht um die Frage, ob die materialistische Kultur der wirkliche Unterbau des Geisteslebens ist, sondern darum, wie wir zu einem Geistesleben kommen, das die menschliche Seele, die Seele aller Menschen wirklich befriedigen kann. Heute kann es nicht mehr um eine kritische Auslegung dessen gehen, was Mehrwert ist, als was sich die menschliche Arbeitskraft innerhalb der kapitalistischen Weltordnung darstellt, sondern heute stellt sich die Frage: Wie befreit man die menschliche Arbeitskraft von dem Charakter der Ware und wie kommt man dahin, daß «Mehrwert» nicht Vorrecht bleibt, sondern zum Recht wird? Und wenn Kämpfe innerhalb der menschlichen Gesellschaftsordnung sein müssen, dürfen es Klassenkämpfe sein, dürfen es diejenigen Kämpfe sein, die sich allmählich im Laufe der neueren Jahrhunderte herausgebildet haben?
[ 26 ] Dann, wenn man sich auf die Ursachen all dessen einläßt, was ich heute nur, ich möchte sagen, stammelnd habe schildern können, weil es, wollte man es wirklich ausführlich schildern, eine zu große Ausführlichkeit erfordert, wenn man also nach den Ursachen forscht und sich dann fragt: welche Entwickelung muß angestrebt werden? - so kann man folgendes sagen: Heute geht es wahrhaftig nicht um die Frage, ob die materialistische Kultur der wirkliche Unterbau des Geisteslebens ist, sondern darum, wie wir zu einem Geistesleben kommen, das die menschliche Seele, die Seele aller Menschen wirklich befriedigen kann. Heute kann es nicht mehr um eine kritische Auslegung dessen gehen, was Mehrwert ist, als was sich die menschliche Arbeitskraft innerhalb der kapitalistischen Weltordnung darstellt, sondern heute stellt sich die Frage: Wie befreit man die menschliche Arbeitskraft von dem Charakter der Ware und wie kommt man dahin, daß «Mehrwert» nicht Vorrecht bleibt, sondern zum Recht wird? Und wenn Kämpfe innerhalb der menschlichen Gesellschaftsordnung sein müssen, dürfen es Klassenkämpfe sein, dürfen es diejenigen Kämpfe sein, die sich allmählich im Laufe der neueren Jahrhunderte herausgebildet haben?
[ 27 ] Heute sind wir in einem Stadium der Entwickelung, wo nicht mehr die Kritik allein maßgebend ist, sondern wo die Frage maßgebend ist: Was ist zu tun? - Da ergibt sich nun allerdings für den, der auf die Untergründe des Lebens eingeht, eine, ich möchte sagen, sehr radikale Antwort. Sie sieht vielleicht für manche weniger radikal aus, als sie ist, aber es ergibt sich eine radikale Antwort. Weil ja das proletarische Denken in vieler Beziehung nur das Erbe ist des bürgerlichen Denkens, weil die proletarischen Denkgewohnheiten die Erbschaft sind der bürgerlichen Denkgewohnheiten, so wird zunächst über die Fragen nachgedacht: Wie können die Schäden des Kapitalismus beseitigt werden? Wie kann das Bedrückende, welches die Prägung der menschlichen Arbeitskraft zur Ware hat, beseitigt werden? Wie kann der Klassenkampf in einer menschenwürdigen Weise überwunden werden?
[ 27 ] Heute sind wir in einem Stadium der Entwickelung, wo nicht mehr die Kritik allein maßgebend ist, sondern wo die Frage maßgebend ist: Was ist zu tun? - Da ergibt sich nun allerdings für den, der auf die Untergründe des Lebens eingeht, eine, ich möchte sagen, sehr radikale Antwort. Sie sieht vielleicht für manche weniger radikal aus, als sie ist, aber es ergibt sich eine radikale Antwort. Weil ja das proletarische Denken in vieler Beziehung nur das Erbe ist des bürgerlichen Denkens, weil die proletarischen Denkgewohnheiten die Erbschaft sind der bürgerlichen Denkgewohnheiten, so wird zunächst über die Fragen nachgedacht: Wie können die Schäden des Kapitalismus beseitigt werden? Wie kann das Bedrückende, welches die Prägung der menschlichen Arbeitskraft zur Ware hat, beseitigt werden? Wie kann der Klassenkampf in einer menschenwürdigen Weise überwunden werden?
[ 28 ] Die Fragen müssen von einem viel tieferen Gesichtspunkt aus heute gestellt werden. Und große Anforderungen werden heute von den geschichtlichen Tatsachen selbst gestellt an die Denkgewohnheiten, an die Gedanken des Proletariers. Denn an ihm liegt es, der Zeit gewachsen zu sein, sich zu fragen: Wie kommen wir über die ungesunden Untergründe des heutigen materiellen Geschichtslebens hinaus? Wie kommen wir über die Verheerungen, welche der Kreislauf der Mehrwerterzeugung im Leben angerichtet hat, im Rechtsleben angerichtet hat, hinaus? Wie kommen wir hinaus über die Verwüstungen der modernen Klassenkämpfe? Aus dem Negativen ins Positive hinüber wandeln sich die wichtigsten drei modernen sozialen Fragen.
[ 28 ] Die Fragen müssen von einem viel tieferen Gesichtspunkt aus heute gestellt werden. Und große Anforderungen werden heute von den geschichtlichen Tatsachen selbst gestellt an die Denkgewohnheiten, an die Gedanken des Proletariers. Denn an ihm liegt es, der Zeit gewachsen zu sein, sich zu fragen: Wie kommen wir über die ungesunden Untergründe des heutigen materiellen Geschichtslebens hinaus? Wie kommen wir über die Verheerungen, welche der Kreislauf der Mehrwerterzeugung im Leben angerichtet hat, im Rechtsleben angerichtet hat, hinaus? Wie kommen wir hinaus über die Verwüstungen der modernen Klassenkämpfe? Aus dem Negativen ins Positive hinüber wandeln sich die wichtigsten drei modernen sozialen Fragen.
[ 29 ] Schaut man hin auf die Ursachen der gegenwärtigen Lebensverhältnisse, so findet man, daß ja wiederum eigentlich die Tendenz besteht, das fortzusetzen, was die bürgerliche Weltordnung heraufgebracht hat. Es fragen sich heute viele: Wie können wir den Kapitalismus überwinden? Wie können wir das Privateigentum an Produktionsmitteln überwinden? - Und sie kommen dann auf die uralte Ordnung der menschlichen Gesellschaftseinrichtungen, die der Genossenschaft und dergleichen, das heißt, sie kommen darauf, ein Gemeineigentum der Produktionsmittel als ein Ideal anzusehen.
[ 29 ] Schaut man hin auf die Ursachen der gegenwärtigen Lebensverhältnisse, so findet man, daß ja wiederum eigentlich die Tendenz besteht, das fortzusetzen, was die bürgerliche Weltordnung heraufgebracht hat. Es fragen sich heute viele: Wie können wir den Kapitalismus überwinden? Wie können wir das Privateigentum an Produktionsmitteln überwinden? - Und sie kommen dann auf die uralte Ordnung der menschlichen Gesellschaftseinrichtungen, die der Genossenschaft und dergleichen, das heißt, sie kommen darauf, ein Gemeineigentum der Produktionsmittel als ein Ideal anzusehen.
[ 30 ] Das ist verständlich, und wahrhaftig, nicht aus irgendeinem bürgerlichen Vorurteile soll hier über diese Dinge gesprochen werden, sondern einzig und allein von dem Gesichtspunkte: Ist es möglich, dasjenige, was der moderne Proletarier will, auf dem Wege zu erreichen, auf dem es heute mancher sozialistisch Denkende zu erreichen glaubt? Kann man, indem man zu dem Rahmen des alten Staates greift und in diesen alten Staat das einfügt, was Wirtschaftsordnung ist, nur in einer anderen Form, kann man dadurch eine Erlösung von dem Bedrückenden, das die Vergangenheit heraufgebracht hat, herbeiführen ?
[ 30 ] Das ist verständlich, und wahrhaftig, nicht aus irgendeinem bürgerlichen Vorurteile soll hier über diese Dinge gesprochen werden, sondern einzig und allein von dem Gesichtspunkte: Ist es möglich, dasjenige, was der moderne Proletarier will, auf dem Wege zu erreichen, auf dem es heute mancher sozialistisch Denkende zu erreichen glaubt? Kann man, indem man zu dem Rahmen des alten Staates greift und in diesen alten Staat das einfügt, was Wirtschaftsordnung ist, nur in einer anderen Form, kann man dadurch eine Erlösung von dem Bedrückenden, das die Vergangenheit heraufgebracht hat, herbeiführen ?
[ 31 ] Blicken wir hin auf den modernen Staat. Er ist ja dadurch entstanden, daß in einer Zeit - im 16., 17. Jahrhundert -, in der sich auch die moderne Technik, der moderne Kapitalismus entwickelten, die leitenden Kreise, die das Proletariat dann immer mehr und mehr an die Maschine rufen mußten, fanden, in dem Rahmen des Staates seien ihre Interessen am besten befriedigt. Und so fingen sie an, in den Zweigen, wo es ihnen bequem war, das Wirtschaftsleben in den Staat einlaufen zu lassen. Und insbesondere als die modernen Errungenschaften heraufkamen, wurden ja weite Teile des Wirtschaftslebens, wie das Post-, Telegraphen- und Eisenbahnwesen, in die Wirtschaft des Staates übernommen, die ja von altersher überkommen war. Dazumal ließ man auch das Geistesleben in das moderne Staatsgefüge einlaufen!
[ 31 ] Blicken wir hin auf den modernen Staat. Er ist ja dadurch entstanden, daß in einer Zeit - im 16., 17. Jahrhundert -, in der sich auch die moderne Technik, der moderne Kapitalismus entwickelten, die leitenden Kreise, die das Proletariat dann immer mehr und mehr an die Maschine rufen mußten, fanden, in dem Rahmen des Staates seien ihre Interessen am besten befriedigt. Und so fingen sie an, in den Zweigen, wo es ihnen bequem war, das Wirtschaftsleben in den Staat einlaufen zu lassen. Und insbesondere als die modernen Errungenschaften heraufkamen, wurden ja weite Teile des Wirtschaftslebens, wie das Post-, Telegraphen- und Eisenbahnwesen, in die Wirtschaft des Staates übernommen, die ja von altersher überkommen war. Dazumal ließ man auch das Geistesleben in das moderne Staatsgefüge einlaufen!
[ 32 ] Und immer mehr und mehr kam es zu dieser Verschmelzung von Wirtschaftsleben, Rechtsleben des Staates und geistigem Leben. Diese Verschmelzung führte nicht nur zu all den unnatürlichen Zuständen, welche mit dem Bedrückenden der neueren Zeit zusammenhingen, sondern es führte diese Verschmelzung zuletzt auch zu den verheerenden Wirkungen der Weltkriegskatastrophe.
[ 32 ] Und immer mehr und mehr kam es zu dieser Verschmelzung von Wirtschaftsleben, Rechtsleben des Staates und geistigem Leben. Diese Verschmelzung führte nicht nur zu all den unnatürlichen Zuständen, welche mit dem Bedrückenden der neueren Zeit zusammenhingen, sondern es führte diese Verschmelzung zuletzt auch zu den verheerenden Wirkungen der Weltkriegskatastrophe.
[ 33 ] Wer heute aus den geschichtlichen Tatsachen heraus denkt, der wird nicht fragen: Was sollen die Staaten tun? - sondern im Gegenteil, er wird vielleicht zu der Frage gedrängt: Was sollen die Staaten unterlassen? - Denn was sie tun und dadurch bewirken, das haben wir in der Tat erlebt in der Tötung von zehn Millionen Menschen und in dem, was achtzehn Millionen Menschen zu Krüppeln machte.
[ 33 ] Wer heute aus den geschichtlichen Tatsachen heraus denkt, der wird nicht fragen: Was sollen die Staaten tun? - sondern im Gegenteil, er wird vielleicht zu der Frage gedrängt: Was sollen die Staaten unterlassen? - Denn was sie tun und dadurch bewirken, das haben wir in der Tat erlebt in der Tötung von zehn Millionen Menschen und in dem, was achtzehn Millionen Menschen zu Krüppeln machte.
[ 34 ] Und so drängt sich die Frage vielleicht doch in die Seele herein: Was sollen die Staaten unterlassen? - Das ist es, was ich hier nur andeuten kann, was aber wahrhaftig aus tiefen Grundlagen einer wahren sozialen Wissenschaft gegenwärtig schon gefragt werden kann. Wenn man sieht auf gewisse politisch-gesellschaftliche Zustände, wie sie sich, ich möchte sagen, typisch entwickelt haben, wie sie aber auch typisch zu ihrem wohlverdienten Ende geführt haben, dann braucht man nur zum Beispiel auf Österreich zu sehen, das sich in den sechziger Jahren hinwandte zu einem gemeinsamen Verfassungswesen im österreichischen Reichsrate.
[ 34 ] Und so drängt sich die Frage vielleicht doch in die Seele herein: Was sollen die Staaten unterlassen? - Das ist es, was ich hier nur andeuten kann, was aber wahrhaftig aus tiefen Grundlagen einer wahren sozialen Wissenschaft gegenwärtig schon gefragt werden kann. Wenn man sieht auf gewisse politisch-gesellschaftliche Zustände, wie sie sich, ich möchte sagen, typisch entwickelt haben, wie sie aber auch typisch zu ihrem wohlverdienten Ende geführt haben, dann braucht man nur zum Beispiel auf Österreich zu sehen, das sich in den sechziger Jahren hinwandte zu einem gemeinsamen Verfassungswesen im österreichischen Reichsrate.
[ 35 ] Was sich dazumal herausgebildet hatte - ich habe drei Jahrzehnte meines Lebens in Österreich zugebracht, habe die Verhältnisse gründlich kennengelernt, habe kennengelernt, was sich dazumal im österreichischen Staate als Verfassungsleben entwickelte -, das paßte zu dem Zusammengewürfeltsein der verschiedenen Nationen wahrhaftig wie die Faust aufs Auge. Und für den, der geschichtliche Tatsachen wirklich verfolgen kann, ist es klar, daß gerade in dem, was dazumal im österreichischen Verfassungsleben gegründet worden ist, was Österreichs Politik geworden ist schon in den sechziger, siebziger Jahren, die Ursache mit veranlagt ist zu dem Ende, in das die jetzigen Jahre führten.
[ 35 ] Was sich dazumal herausgebildet hatte - ich habe drei Jahrzehnte meines Lebens in Österreich zugebracht, habe die Verhältnisse gründlich kennengelernt, habe kennengelernt, was sich dazumal im österreichischen Staate als Verfassungsleben entwickelte -, das paßte zu dem Zusammengewürfeltsein der verschiedenen Nationen wahrhaftig wie die Faust aufs Auge. Und für den, der geschichtliche Tatsachen wirklich verfolgen kann, ist es klar, daß gerade in dem, was dazumal im österreichischen Verfassungsleben gegründet worden ist, was Österreichs Politik geworden ist schon in den sechziger, siebziger Jahren, die Ursache mit veranlagt ist zu dem Ende, in das die jetzigen Jahre führten.
[ 36 ] Warum? Nun, dazumal wurde ein österreichischer Reichsrat begründet. In diesen österreichischen Reichsrat wurde zunächst hineingewählt die reine Wirtschaftskurie, die Kurie der Großgrundbesitzer, die Kurie der Märkte, der Städte und Industrialorte, die Kurie der Landgemeinden. Die hatten ihre Wirtschaftsinteressen zu vertreten in dem Staatsparlament. Und sie machten Rechte, sie machten Gesetze aus ihrem Wirtschaftsleben heraus. Es entstanden nur Rechte, welche eine Umwandlung der Wirtschaftsinteressen waren. Mit Bezug auf das Recht aber hat man es nicht mit demselben zu tun, womit man es zu tun hat auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Auf dem Boden des Wirtschaftslebens hat man es zu tun mit den menschlichen Bedürfnissen, mit Warenerzeugung, Warenzirkulation, Warenkonsum. Auf dem Gebiete des Rechtslebens hat man es aber mit dem zu tun, was, abgesehen von allen übrigen Interessen, den Menschen, insofern er rein nur Mensch ist, insofern er als Mensch allen anderen Menschen gleich ist, angeht. Aus ganz anderen Untergründen heraus muß geurteilt werden, wenn die Frage gestellt ist: Was ist rechtens? - als: Was hat zu geschehen, um irgendein Produkt in den Kreislauf des Wirtschaftslebens einzuführen? - Die unnatürliche Zusammenkoppelung der Wirtschaftskurie mit dem Rechtsleben, das ist es, was als eine Krebskrankheit am sogenannten österreichischen Staate fraß.
[ 36 ] Warum? Nun, dazumal wurde ein österreichischer Reichsrat begründet. In diesen österreichischen Reichsrat wurde zunächst hineingewählt die reine Wirtschaftskurie, die Kurie der Großgrundbesitzer, die Kurie der Märkte, der Städte und Industrialorte, die Kurie der Landgemeinden. Die hatten ihre Wirtschaftsinteressen zu vertreten in dem Staatsparlament. Und sie machten Rechte, sie machten Gesetze aus ihrem Wirtschaftsleben heraus. Es entstanden nur Rechte, welche eine Umwandlung der Wirtschaftsinteressen waren. Mit Bezug auf das Recht aber hat man es nicht mit demselben zu tun, womit man es zu tun hat auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Auf dem Boden des Wirtschaftslebens hat man es zu tun mit den menschlichen Bedürfnissen, mit Warenerzeugung, Warenzirkulation, Warenkonsum. Auf dem Gebiete des Rechtslebens hat man es aber mit dem zu tun, was, abgesehen von allen übrigen Interessen, den Menschen, insofern er rein nur Mensch ist, insofern er als Mensch allen anderen Menschen gleich ist, angeht. Aus ganz anderen Untergründen heraus muß geurteilt werden, wenn die Frage gestellt ist: Was ist rechtens? - als: Was hat zu geschehen, um irgendein Produkt in den Kreislauf des Wirtschaftslebens einzuführen? - Die unnatürliche Zusammenkoppelung der Wirtschaftskurie mit dem Rechtsleben, das ist es, was als eine Krebskrankheit am sogenannten österreichischen Staate fraß.
[ 37 ] Diese Dinge könnte man durch die modernen Staaten hindurch an vielen Beispielen verdeutlichen. Es handelt sich nicht darum, daß man diese Dinge bloß studiert, sondern darum, daß man den richtigen Gesichtspunkt findet, unter dem man einen Einblick in die wahre Wirklichkeit gewinnen kann, in dasjenige, was lebt und webt, nicht in dasjenige, wovon sich die Leute einbilden, daß es politisch oder wirtschaftlich das Richtige ist.
[ 37 ] Diese Dinge könnte man durch die modernen Staaten hindurch an vielen Beispielen verdeutlichen. Es handelt sich nicht darum, daß man diese Dinge bloß studiert, sondern darum, daß man den richtigen Gesichtspunkt findet, unter dem man einen Einblick in die wahre Wirklichkeit gewinnen kann, in dasjenige, was lebt und webt, nicht in dasjenige, wovon sich die Leute einbilden, daß es politisch oder wirtschaftlich das Richtige ist.
[ 38 ] Und wiederum, man sehe auf den Deutschen Reichstag, seligen Angedenkens, hin, auf dieses demokratische Parlament mit gleichem Wahlrecht, in welchem zugleich eine Interessenvertretung sein konnte wie der Bund der Landwirte, in welchem aber auch sein konnte eine Vertretung einer bloßen geistigen Gemeinschaft, wie das Zentrum! Da sehen wir hineingeschweißt, hineingeschmolzen in das rein politische Leben etwas, was nur dem Geistesleben angehört. Und zu welchen unnatürlichen Verhältnissen hat dieses geführt! Wiederum könnte man zu dem einen Beispiel hinzu viele anführen. Will man das Leben der modernen Menschheit kennenlernen, dann muß man in der Lage sein, es einmal radikal von diesem Gesichtspunkte aus anzufassen. Man muß wirklich den Mut haben, solchen Dingen ins Angesicht zu schauen, dann wird man auf etwas kommen, was die modernen Menschen nocht nicht zugeben wollen, ich möchte sagen, sogar daß es nicht zugeben wollen die Menschen aller Parteien. Was aber einzig und allein der Impuls sein kann für eine Gesundung unseres sozialen Organismus, das ist die Anerkennung, daß fortan nicht mehr eine Zusammenschweißung, eine Zusammenkoppelung der drei Lebensgebiete sein darf - Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben -, sondern daß jedes dieser Gebiete seine eigenen Lebensgesetze hat, daß jedes dieser Gebiete daher auch aus seinen eigenen Quellen heraus sich seine gesellschaftliche Formation geben muß.
[ 38 ] Und wiederum, man sehe auf den Deutschen Reichstag, seligen Angedenkens, hin, auf dieses demokratische Parlament mit gleichem Wahlrecht, in welchem zugleich eine Interessenvertretung sein konnte wie der Bund der Landwirte, in welchem aber auch sein konnte eine Vertretung einer bloßen geistigen Gemeinschaft, wie das Zentrum! Da sehen wir hineingeschweißt, hineingeschmolzen in das rein politische Leben etwas, was nur dem Geistesleben angehört. Und zu welchen unnatürlichen Verhältnissen hat dieses geführt! Wiederum könnte man zu dem einen Beispiel hinzu viele anführen. Will man das Leben der modernen Menschheit kennenlernen, dann muß man in der Lage sein, es einmal radikal von diesem Gesichtspunkte aus anzufassen. Man muß wirklich den Mut haben, solchen Dingen ins Angesicht zu schauen, dann wird man auf etwas kommen, was die modernen Menschen nocht nicht zugeben wollen, ich möchte sagen, sogar daß es nicht zugeben wollen die Menschen aller Parteien. Was aber einzig und allein der Impuls sein kann für eine Gesundung unseres sozialen Organismus, das ist die Anerkennung, daß fortan nicht mehr eine Zusammenschweißung, eine Zusammenkoppelung der drei Lebensgebiete sein darf - Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben -, sondern daß jedes dieser Gebiete seine eigenen Lebensgesetze hat, daß jedes dieser Gebiete daher auch aus seinen eigenen Quellen heraus sich seine gesellschaftliche Formation geben muß.
[ 39 ] Im Wirtschaftsleben können bloß die Interessen der Warenerzeugung, des Warenkonsums und der Warenzirkulation walten. Die Grundgesetze dieses Wirtschaftslebens müssen maßgebend sein für die Verwaltung und Gesetzgebung. Auf dem Gebiete des Rechtsle bens muß herrschen dasjenige, was unmittelbar aus dem menschlichen Rechtsbewußtsein hervorquillt, dasjenige, worinnen alle Menschen wirklich gleich sind als Menschen. Auf dem Gebiete des geistigen Lebens muß herrschen dasjenige, was aus der natürlichen menschlichen Begabung in voller freier Initiative erfließen kann.
[ 39 ] Im Wirtschaftsleben können bloß die Interessen der Warenerzeugung, des Warenkonsums und der Warenzirkulation walten. Die Grundgesetze dieses Wirtschaftslebens müssen maßgebend sein für die Verwaltung und Gesetzgebung. Auf dem Gebiete des Rechtsle bens muß herrschen dasjenige, was unmittelbar aus dem menschlichen Rechtsbewußtsein hervorquillt, dasjenige, worinnen alle Menschen wirklich gleich sind als Menschen. Auf dem Gebiete des geistigen Lebens muß herrschen dasjenige, was aus der natürlichen menschlichen Begabung in voller freier Initiative erfließen kann.
[ 40 ] Die moderne Sozialdemokratie hat Breschen hineingeschlagen ich möchte sagen, von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus, doch das kann uns heute hier nicht berühren - auf einem einzigen Gebiete, indem sie den Satz in ihren Anschauungen hat: Religion muß Privatsache sein. - Der Satz muß ausgedehnt werden auf alle Zweige des geistigen Lebens. Alles geistige Leben muß eine Privatangelegenheit sein gegenüber dem Rechtsstaate und gegenüber dem Kreislaufe des Wirtschaftslebens. Dasjenige Geistesleben allein, welches auf seine eigenen Kräfte gewiesen ist, dasjenige Geistesleben allein, welches aus seinem eigenen Impuls heraus immerzu seine Wirklichkeit erweist, das wird kein Geistesluxus, das wird kein Geistesüberfluß sein, das wird ein Geistesleben sein, das von allen Menschen in gleicher Weise ersehnt werden muß. Man hat, indem man das mittelalterliche Geistesleben angesehen hat, zum Beispiel die Wissenschaft im Verhältnis zur Religion und Theologie, oftmals den Satz ausgesprochen: Die Philosophie, die Weltenweisheit, trägt der Theologie die Schleppe nach. - Nun ja, man hat auch geglaubt, das sei in der neueren Zeit anders geworden. Es ist auch anders geworden, aber wie ist es anders geworden? Die weltlichen Wissenschaften sind zu Dienern der weltlichen Mächte, der Staaten, der Wirtschaftskreisläufe geworden. Und sie sind wahrhaftig dadurch nicht besser geworden. Und warum sind sie nicht besser geworden? Wenn man sieht, daß im Grunde genommen eine einheitliche Strömung geht, eine einheitliche Kraft, von den höchsten Zweigen des Geisteslebens bis herunter in die Verwertung der individuellen Fähigkeiten des Menschen, wie sie getragen werden durch das Kapital und den Kapitalismus, dann sieht man der Frage, die sich hier auftut, auf den Grund. Wer die Funktionen, die Betätigungen des Kapitals in der modernen Gesellschaftsordnung nicht lostrennt von dem übrigen Geistesleben, der sieht nicht auf den Grund. Arbeiten auf Grundlage eines Kapitals ist nur möglich in einer Gesellschaft, in welcher ein gesundes, emanzipiertes Geistesleben ist, aus dem herauswachsen kann auch die Entwickelung solcher Fähigkeiten, die auf das Kapital gegründet sind.
[ 40 ] Die moderne Sozialdemokratie hat Breschen hineingeschlagen ich möchte sagen, von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus, doch das kann uns heute hier nicht berühren - auf einem einzigen Gebiete, indem sie den Satz in ihren Anschauungen hat: Religion muß Privatsache sein. - Der Satz muß ausgedehnt werden auf alle Zweige des geistigen Lebens. Alles geistige Leben muß eine Privatangelegenheit sein gegenüber dem Rechtsstaate und gegenüber dem Kreislaufe des Wirtschaftslebens. Dasjenige Geistesleben allein, welches auf seine eigenen Kräfte gewiesen ist, dasjenige Geistesleben allein, welches aus seinem eigenen Impuls heraus immerzu seine Wirklichkeit erweist, das wird kein Geistesluxus, das wird kein Geistesüberfluß sein, das wird ein Geistesleben sein, das von allen Menschen in gleicher Weise ersehnt werden muß. Man hat, indem man das mittelalterliche Geistesleben angesehen hat, zum Beispiel die Wissenschaft im Verhältnis zur Religion und Theologie, oftmals den Satz ausgesprochen: Die Philosophie, die Weltenweisheit, trägt der Theologie die Schleppe nach. - Nun ja, man hat auch geglaubt, das sei in der neueren Zeit anders geworden. Es ist auch anders geworden, aber wie ist es anders geworden? Die weltlichen Wissenschaften sind zu Dienern der weltlichen Mächte, der Staaten, der Wirtschaftskreisläufe geworden. Und sie sind wahrhaftig dadurch nicht besser geworden. Und warum sind sie nicht besser geworden? Wenn man sieht, daß im Grunde genommen eine einheitliche Strömung geht, eine einheitliche Kraft, von den höchsten Zweigen des Geisteslebens bis herunter in die Verwertung der individuellen Fähigkeiten des Menschen, wie sie getragen werden durch das Kapital und den Kapitalismus, dann sieht man der Frage, die sich hier auftut, auf den Grund. Wer die Funktionen, die Betätigungen des Kapitals in der modernen Gesellschaftsordnung nicht lostrennt von dem übrigen Geistesleben, der sieht nicht auf den Grund. Arbeiten auf Grundlage eines Kapitals ist nur möglich in einer Gesellschaft, in welcher ein gesundes, emanzipiertes Geistesleben ist, aus dem herauswachsen kann auch die Entwickelung solcher Fähigkeiten, die auf das Kapital gegründet sind.
[ 41 ] Was in der neueren Zeit geschehen ist, braucht ja nicht immer so grotesk zutage zu treten, wie es einmal zutage trat, als ein moderner, sehr bedeutender Forscher, ein Physiologe, charakterisieren wollte, was die Berliner Akademie der Wissenschaften, das heißt, die gelehrten Herren dieser Berliner Akademie der Wissenschaften eigentlich seien: Er nannte sie, diese gelehrten Herren, «die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern». Sehen Sie, die Sache war etwas anderes geworden. Die Wissenschaft war nicht mehr der Diener der Theologie; aber ob sie gerade nun zu einer höheren Würde dadurch aufgestiegen ist, daß sie der Schuldiener des Staates geworden ist, das ist eine andere Sache.
[ 41 ] Was in der neueren Zeit geschehen ist, braucht ja nicht immer so grotesk zutage zu treten, wie es einmal zutage trat, als ein moderner, sehr bedeutender Forscher, ein Physiologe, charakterisieren wollte, was die Berliner Akademie der Wissenschaften, das heißt, die gelehrten Herren dieser Berliner Akademie der Wissenschaften eigentlich seien: Er nannte sie, diese gelehrten Herren, «die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern». Sehen Sie, die Sache war etwas anderes geworden. Die Wissenschaft war nicht mehr der Diener der Theologie; aber ob sie gerade nun zu einer höheren Würde dadurch aufgestiegen ist, daß sie der Schuldiener des Staates geworden ist, das ist eine andere Sache.
[ 42 ] Ich müßte viel reden, wenn ich Ihnen die gut fundierte, gut begründete Wahrheit in allen ihren Teilen darbieten wollte dafür, daß einzig und allein die Umkehr von jener Bewegung, die in der neueren Zeit eintrat, nämlich die Befreiung des geistigen Lebens in allen Zweigen von dem Staatsleben, zur Gesundung unseres sozialen Organismus führen kann. Wie anders wird sich der unterste Lehrer fühlen, wenn er in all dem, was er zu vertreten hat, sich nur abhängig weiß von Verwaltung und Gesetzgebung, die auf der Grundlage des Geisteslebens selber aufgebaut ist, als wenn er die Maximen, die Impulse des politischen Lebens auszuführen hat! Lehrstand sollte sich ehemals entwickeln. Dienerstand hat sich gerade auf diesem Gebiete entwickelt. Und dieser Dienerstand auf diesem Gebiete, er entspricht auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens wahrhaftig auch wieder dem, was sich da entwickelt hat. Nährstand nannte man es im Altertum. Ausbeuterstand und ausgebeuteter Stand hat sich in der neueren Zeit entwickelt. Die Dinge gingen aber durchaus parallel. Das eine ist nicht ohne das andere möglich.
[ 42 ] Ich müßte viel reden, wenn ich Ihnen die gut fundierte, gut begründete Wahrheit in allen ihren Teilen darbieten wollte dafür, daß einzig und allein die Umkehr von jener Bewegung, die in der neueren Zeit eintrat, nämlich die Befreiung des geistigen Lebens in allen Zweigen von dem Staatsleben, zur Gesundung unseres sozialen Organismus führen kann. Wie anders wird sich der unterste Lehrer fühlen, wenn er in all dem, was er zu vertreten hat, sich nur abhängig weiß von Verwaltung und Gesetzgebung, die auf der Grundlage des Geisteslebens selber aufgebaut ist, als wenn er die Maximen, die Impulse des politischen Lebens auszuführen hat! Lehrstand sollte sich ehemals entwickeln. Dienerstand hat sich gerade auf diesem Gebiete entwickelt. Und dieser Dienerstand auf diesem Gebiete, er entspricht auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens wahrhaftig auch wieder dem, was sich da entwickelt hat. Nährstand nannte man es im Altertum. Ausbeuterstand und ausgebeuteter Stand hat sich in der neueren Zeit entwickelt. Die Dinge gingen aber durchaus parallel. Das eine ist nicht ohne das andere möglich.
[ 43 ] Alles dasjenige, was sich auf das persönliche Verhältnis zwischen Mensch und Mensch bezieht - und dieses persönliche Verhältnis von Mensch zu Mensch bezieht sich auch auf dasjenige, was Arbeitnehmer und Arbeitgeber miteinander abmachen -, alles das kann nur von demjenigen Gliede des sozialen Organismus verwaltet werden, welches selbständig auf Grundlage des geistigen Lebens organisiert ist. Alles, was mit dem Rechte zusammenhängt, und mit dem Rechte hängt vor allen Dingen das Arbeitsverhältnis zusammen, das muß Domäne bleiben des politischen, des Rechtsstaates. Das aber, was mit Warenproduktion, Warenzirkulation und Konsum zusammenhängt, das muß ein eigenes Glied der gesellschaftlichen Ordnung werden, in welchem nur die Lebensgesetze dieses Organismus tätig sind.
[ 43 ] Alles dasjenige, was sich auf das persönliche Verhältnis zwischen Mensch und Mensch bezieht - und dieses persönliche Verhältnis von Mensch zu Mensch bezieht sich auch auf dasjenige, was Arbeitnehmer und Arbeitgeber miteinander abmachen -, alles das kann nur von demjenigen Gliede des sozialen Organismus verwaltet werden, welches selbständig auf Grundlage des geistigen Lebens organisiert ist. Alles, was mit dem Rechte zusammenhängt, und mit dem Rechte hängt vor allen Dingen das Arbeitsverhältnis zusammen, das muß Domäne bleiben des politischen, des Rechtsstaates. Das aber, was mit Warenproduktion, Warenzirkulation und Konsum zusammenhängt, das muß ein eigenes Glied der gesellschaftlichen Ordnung werden, in welchem nur die Lebensgesetze dieses Organismus tätig sind.
[ 44 ] So kommt man, indem man sich auf die Grundlagen dieser Dinge einläßt, allerdings zu der radikalen, für manchen sich als unbequem erweisenden Ansicht, daß sich für die Gesundung unserer sozialen Verhältnisse drei selbständige soziale Organisationen nebeneinander entwickeln müssen, die gerade dadurch in der richtigen Weise zusammenwirken werden, daß sie nicht eine einheitliche Zentralisation haben, sondern zentralisiert in sich selber sind: ein Parlament, welches die geistigen Angelegenheiten verwaltet, eine Verwaltung, die nur diesen geistigen Angelegenheiten dient; ein Parlament und eine Verwaltung des Rechtsstaates, des im engeren Sinne politischen Staates; ein Parlament und eine selbständige Verwaltung des wirtschaftlichen Kreislaufes für sich; gewissermaßen wie souveräne Staaten nebeneinander. Die werden durch ihr Nebeneinanderstehen das verwirklichen können, was die moderne Proletarierseele will, was aber durch eine bloße zentralistische Verstaatlichung der gesellschaftlichen Ordnung nicht erreicht werden kann.
[ 44 ] So kommt man, indem man sich auf die Grundlagen dieser Dinge einläßt, allerdings zu der radikalen, für manchen sich als unbequem erweisenden Ansicht, daß sich für die Gesundung unserer sozialen Verhältnisse drei selbständige soziale Organisationen nebeneinander entwickeln müssen, die gerade dadurch in der richtigen Weise zusammenwirken werden, daß sie nicht eine einheitliche Zentralisation haben, sondern zentralisiert in sich selber sind: ein Parlament, welches die geistigen Angelegenheiten verwaltet, eine Verwaltung, die nur diesen geistigen Angelegenheiten dient; ein Parlament und eine Verwaltung des Rechtsstaates, des im engeren Sinne politischen Staates; ein Parlament und eine selbständige Verwaltung des wirtschaftlichen Kreislaufes für sich; gewissermaßen wie souveräne Staaten nebeneinander. Die werden durch ihr Nebeneinanderstehen das verwirklichen können, was die moderne Proletarierseele will, was aber durch eine bloße zentralistische Verstaatlichung der gesellschaftlichen Ordnung nicht erreicht werden kann.
[ 45 ] Nehmen Sie nur einmal das Wirtschaftsleben. Heute steht es so, daß es auf der einen Seite angehängt ist an die Naturgrundlagen. Man kann diese Naturgrundlagen durch Bodenverbesserung und dergleichen auch verbessern, dann können die Arbeitsbedingungen durch die Verbesserung der Arbeitsgrundlagen günstiger werden; aber man steht da an einer Grenze, über die man nicht hinausgehen kann. An einer solchen Grenze muß man auch nach der anderen Seite stehen. Wie das Wirtschaftsleben an die Natur, die außerhalb ist, angehängt ist, so muß auf der anderen Seite der Rechtsstaat stehen. Aus diesem Rechtsstaat heraus werden die Rechte und Gesetze so bestimmt, daß sie abgesondert vom Wirtschaftsleben bestimmt werden. Wie der Richter abgesondert von seinen Familien- oder menschlichen Beziehungen zu urteilen hat, wenn er nach dem Gesetze urteilt, wie er da ja aus einer anderen Quelle heraus seinen Menschenwillen funktionieren läßt als im alltäglichen Leben, so werden, wenn es auch dieselben Menschen sind - denn durch alle drei Gebiete der sozialen Organisation werden es ja dieselben Menschen sein, die da walten -, so werden sie, wenn sie aus dem modernen Rechtsstaate heraus urteilen, doch aus ganz anderen Prinzipien urteilen. Es wird sich zum Beispiel, um nur das eine anzuführen, gerade dadurch aus dem, was menschliche Anforderung an das Leben ist, das ergeben, was das Maß der Arbeit ist, das einer leisten kann, die Zeit, in welcher einer arbeiten kann. Das alles muß unabhängig sein von der Preisbildung, die im Wirtschaftsleben herrscht. Und wie die Natur auf der einen Seite dem Wirtschaftsleben die Preisbildung aufdrängt, so muß auf der anderen Seite die freie unabhängige Menschlichkeit aus dem Rechtsbewußtsein heraus zuerst immer die Arbeit entscheiden. Und vom außerhalb des Wirtschaftslebens stehenden politischen Staate muß die Arbeit hineingestellt werden in das Wirtschaftsleben. Dann ist die Arbeit preisbildend; dann wird nicht Warencharakter der Arbeit aufgedrückt werden, dann wirkt die Arbeit mit an der Bildung des Preises, ist nicht abhängig von der Preisbildung der Ware. Geradeso wie die Natur von außen wirkt auf das Wirtschaftsleben, so muß das Recht, welches verkörpert ist in der menschlichen Arbeitskraft, von außen wirken.
[ 45 ] Nehmen Sie nur einmal das Wirtschaftsleben. Heute steht es so, daß es auf der einen Seite angehängt ist an die Naturgrundlagen. Man kann diese Naturgrundlagen durch Bodenverbesserung und dergleichen auch verbessern, dann können die Arbeitsbedingungen durch die Verbesserung der Arbeitsgrundlagen günstiger werden; aber man steht da an einer Grenze, über die man nicht hinausgehen kann. An einer solchen Grenze muß man auch nach der anderen Seite stehen. Wie das Wirtschaftsleben an die Natur, die außerhalb ist, angehängt ist, so muß auf der anderen Seite der Rechtsstaat stehen. Aus diesem Rechtsstaat heraus werden die Rechte und Gesetze so bestimmt, daß sie abgesondert vom Wirtschaftsleben bestimmt werden. Wie der Richter abgesondert von seinen Familien- oder menschlichen Beziehungen zu urteilen hat, wenn er nach dem Gesetze urteilt, wie er da ja aus einer anderen Quelle heraus seinen Menschenwillen funktionieren läßt als im alltäglichen Leben, so werden, wenn es auch dieselben Menschen sind - denn durch alle drei Gebiete der sozialen Organisation werden es ja dieselben Menschen sein, die da walten -, so werden sie, wenn sie aus dem modernen Rechtsstaate heraus urteilen, doch aus ganz anderen Prinzipien urteilen. Es wird sich zum Beispiel, um nur das eine anzuführen, gerade dadurch aus dem, was menschliche Anforderung an das Leben ist, das ergeben, was das Maß der Arbeit ist, das einer leisten kann, die Zeit, in welcher einer arbeiten kann. Das alles muß unabhängig sein von der Preisbildung, die im Wirtschaftsleben herrscht. Und wie die Natur auf der einen Seite dem Wirtschaftsleben die Preisbildung aufdrängt, so muß auf der anderen Seite die freie unabhängige Menschlichkeit aus dem Rechtsbewußtsein heraus zuerst immer die Arbeit entscheiden. Und vom außerhalb des Wirtschaftslebens stehenden politischen Staate muß die Arbeit hineingestellt werden in das Wirtschaftsleben. Dann ist die Arbeit preisbildend; dann wird nicht Warencharakter der Arbeit aufgedrückt werden, dann wirkt die Arbeit mit an der Bildung des Preises, ist nicht abhängig von der Preisbildung der Ware. Geradeso wie die Natur von außen wirkt auf das Wirtschaftsleben, so muß das Recht, welches verkörpert ist in der menschlichen Arbeitskraft, von außen wirken.
[ 46 ] Es mag sein - denn das kann man einwenden -, daß davon in einer gewissen Weise der Wohlstand eines sozialen Organismus abhängig wird, wenn die Arbeit zuerst ihr Recht geltend macht; aber diese Abhängigkeit ist eine gesunde Abhängigkeit, und sie wird in derselben Weise zu einer gesunden Verbesserung führen, wie zum Beispiel die Bodenverbesserung durch technische Mittel, wenn es notwendig oder zweckmäßig ist oder sich als möglich herausstellt. Aber niemals wird in einer solchen Weise die Arbeitskraft preisbildend sein können, wie sie der Menschenwürde entsprechend preisbildend sein muß, wenn man das Wirtschaftsleben wie in eine große Genossenschaft in den Rahmen des modernen Staates hineinstellt. Das Wirtschaftsleben muß herausgenommen werden, auf sich selbst gestellt werden. Herausgenommen werden muß das Rechtsleben, das politische Leben, das Sicherheitsleben und auf sich gestellt werden. Da haben zu sprechen Leute aus der demokratischsten Grundlage heraus über dasjenige, was alle Menschen berührt. Dann wird das in der richtigen Weise zurückwirken auf das Wirtschaftsleben und dasjenige, was dadurch kommen muß. Niemals wird aus einer wie immer gearteten Genossenschaft oder staatlichen Einrichtung der Genossenschaft selbst, das geschehen können. Man wird es erleben, dafl, wenn es so bleibt, wie die jetzigen Unterdrücker sich aus anderen, historischen Grundlagen herauf entwickelt haben, sich auch so die neuen Unterdrücker entwickeln werden, wenn nicht wirkliche demokratische Grundlagen außerhalb des Wirtschaftslebens geschaffen werden.
[ 46 ] Es mag sein - denn das kann man einwenden -, daß davon in einer gewissen Weise der Wohlstand eines sozialen Organismus abhängig wird, wenn die Arbeit zuerst ihr Recht geltend macht; aber diese Abhängigkeit ist eine gesunde Abhängigkeit, und sie wird in derselben Weise zu einer gesunden Verbesserung führen, wie zum Beispiel die Bodenverbesserung durch technische Mittel, wenn es notwendig oder zweckmäßig ist oder sich als möglich herausstellt. Aber niemals wird in einer solchen Weise die Arbeitskraft preisbildend sein können, wie sie der Menschenwürde entsprechend preisbildend sein muß, wenn man das Wirtschaftsleben wie in eine große Genossenschaft in den Rahmen des modernen Staates hineinstellt. Das Wirtschaftsleben muß herausgenommen werden, auf sich selbst gestellt werden. Herausgenommen werden muß das Rechtsleben, das politische Leben, das Sicherheitsleben und auf sich gestellt werden. Da haben zu sprechen Leute aus der demokratischsten Grundlage heraus über dasjenige, was alle Menschen berührt. Dann wird das in der richtigen Weise zurückwirken auf das Wirtschaftsleben und dasjenige, was dadurch kommen muß. Niemals wird aus einer wie immer gearteten Genossenschaft oder staatlichen Einrichtung der Genossenschaft selbst, das geschehen können. Man wird es erleben, dafl, wenn es so bleibt, wie die jetzigen Unterdrücker sich aus anderen, historischen Grundlagen herauf entwickelt haben, sich auch so die neuen Unterdrücker entwickeln werden, wenn nicht wirkliche demokratische Grundlagen außerhalb des Wirtschaftslebens geschaffen werden.
[ 47 ] Ebenso wie außerhalb des Wirtschaftslebens das staatliche Rechtsleben stehen muß, so das gesamte Geistesleben von der niedersten Schule bis hinauf zur Hochschule. Dann wird dasjenige, was aus diesem Geistesleben heraus sich entwickelt, eine wirkliche geistgemäße Verwaltung sein können der beiden übrigen Zweige des Lebens. Dann wird es möglich sein, daß dasjenige, was sich im Wirtschaftsleben als Profit herausbildet, wirklich der Allgemeinheit zugeführt wird, aus der es genommen ist. Dann wird es möglich sein, daß für die materiellen Güter etwas ähnliches Platz greift, wie heute bloß für die schoflen Geistesgüter. Denn eigentlich sind die Geistesgüter der modernen Gesellschaft doch das Allerschofelste. Es ist so: in bezug auf dieses Geistesgut, da gilt es, daß dasjenige, was produziert wird, wenigstens dreißig Jahre nach dem Tode der Allgemeinheit zugeführt wird, Freigut wird, von jedem verwaltet werden kann. Das lassen sich die Leute heute mit Bezug auf die materiellen Güter wahrhaftig nicht gefallen
[ 47 ] Ebenso wie außerhalb des Wirtschaftslebens das staatliche Rechtsleben stehen muß, so das gesamte Geistesleben von der niedersten Schule bis hinauf zur Hochschule. Dann wird dasjenige, was aus diesem Geistesleben heraus sich entwickelt, eine wirkliche geistgemäße Verwaltung sein können der beiden übrigen Zweige des Lebens. Dann wird es möglich sein, daß dasjenige, was sich im Wirtschaftsleben als Profit herausbildet, wirklich der Allgemeinheit zugeführt wird, aus der es genommen ist. Dann wird es möglich sein, daß für die materiellen Güter etwas ähnliches Platz greift, wie heute bloß für die schoflen Geistesgüter. Denn eigentlich sind die Geistesgüter der modernen Gesellschaft doch das Allerschofelste. Es ist so: in bezug auf dieses Geistesgut, da gilt es, daß dasjenige, was produziert wird, wenigstens dreißig Jahre nach dem Tode der Allgemeinheit zugeführt wird, Freigut wird, von jedem verwaltet werden kann. Das lassen sich die Leute heute mit Bezug auf die materiellen Güter wahrhaftig nicht gefallen
[ 48 ] Der Besitz ist im gesellschaftlichen Leben nicht das, wovon so sehr häufig diese oder jene Sozialökonomen in einer sonderbaren Weise träumen; man kann ihn nur so auffassen für das gesellschaftliche Leben: Der Besitz ist das ausschließliche Verfügungsrecht über eine Sache; Besitz in produktivem Sinne, im Sinne von Grund und Boden, ist ein Recht. Und dieses Recht kann nur dann statt zu einem Vorrecht zu einem Recht gemacht werden, das dem Rechtsbewußtsein aller Menschen entspricht, wenn auf einem Boden, wo nur das Recht bestimmt wird, die Urteilsbildung stattfindet, wenn es möglich wird, daß dasjenige, was als Profit sich ergeben hat, durch den Rechtsstaat in die Verfügung der geistigen Organisation übergeführt werden kann, so daß die geistige Organisation die richtigen individuellen Fähigkeiten zu finden hat für dasjenige, was nicht mehr zur Produktion, das heißt, zum Menschendienste verwendet wird, sondern zum bloßen Profit wird. So wird es möglich werden, immer neue individuelle Fähigkeiten der Menschheit zuzuführen.
[ 48 ] Der Besitz ist im gesellschaftlichen Leben nicht das, wovon so sehr häufig diese oder jene Sozialökonomen in einer sonderbaren Weise träumen; man kann ihn nur so auffassen für das gesellschaftliche Leben: Der Besitz ist das ausschließliche Verfügungsrecht über eine Sache; Besitz in produktivem Sinne, im Sinne von Grund und Boden, ist ein Recht. Und dieses Recht kann nur dann statt zu einem Vorrecht zu einem Recht gemacht werden, das dem Rechtsbewußtsein aller Menschen entspricht, wenn auf einem Boden, wo nur das Recht bestimmt wird, die Urteilsbildung stattfindet, wenn es möglich wird, daß dasjenige, was als Profit sich ergeben hat, durch den Rechtsstaat in die Verfügung der geistigen Organisation übergeführt werden kann, so daß die geistige Organisation die richtigen individuellen Fähigkeiten zu finden hat für dasjenige, was nicht mehr zur Produktion, das heißt, zum Menschendienste verwendet wird, sondern zum bloßen Profit wird. So wird es möglich werden, immer neue individuelle Fähigkeiten der Menschheit zuzuführen.
[ 49 ] Aber damit wirklich eine Gewalt da ist, die in der richtigen Weise, nicht in Bürokratismus hinein, sondern in die freie Verwaltung der individuellen geistigen Fähigkeiten der Menschen dasjenige führt, was als Besitz von der einen Seite genommen werden muß, dazu ist notwendig, daß der Rechtsstaat den Besitz überwacht, das heißt das Besitzrecht, und daß er nicht seinerseits selber zum Eigentümer wird, sondern daß er das freie Eigentum an denjenigen geistigen Kreis abgeben kann, von dem aus es am besten verwaltet werden kann. Daraus ersehen Sie, daß man allerdings aus solchen Untergründen heraus heute zu radikalen Anschauungen kommt, die selbst Sie verwundern werden; aber ich meinerseits bin überzeugt davon, daß die weltgeschichtlichen Tatsachen heute solche Dinge von den Menschen fordern. Ich bin überzeugt davon, daß dasjenige, was der moderne Proletarier will, nicht auf eine andere Weise erreicht werden kann als dadurch, daß er seine Hand reicht der Trennung der Gewalten. Das ist die allein einzig mögliche «auswärtige Politik» heute. Und merkwürdigerweise kann das ein jedes einzelne Territorium für sich durchführen. Würde Deutschland heute für sich darauf eingehen, wie es neulich von mir in einem «Aufruf an die Deutschen und an die Kulturwelt», der viele Unterschriften gefunden hat, ausgesprochen worden ist, würden die Deutschen heute auf diese Dreiteilung eingehen, dann könnten sie doch vielleicht in anderer Weise mit den anderen verhandeln, als sie es heute können, wo sie als ein vollständig überwundener, gerade durch seine frühere Zentralisation vollständig überwundener Einheitsstaat dastehen und im Grunde genommen gar nichts vermögen.
[ 49 ] Aber damit wirklich eine Gewalt da ist, die in der richtigen Weise, nicht in Bürokratismus hinein, sondern in die freie Verwaltung der individuellen geistigen Fähigkeiten der Menschen dasjenige führt, was als Besitz von der einen Seite genommen werden muß, dazu ist notwendig, daß der Rechtsstaat den Besitz überwacht, das heißt das Besitzrecht, und daß er nicht seinerseits selber zum Eigentümer wird, sondern daß er das freie Eigentum an denjenigen geistigen Kreis abgeben kann, von dem aus es am besten verwaltet werden kann. Daraus ersehen Sie, daß man allerdings aus solchen Untergründen heraus heute zu radikalen Anschauungen kommt, die selbst Sie verwundern werden; aber ich meinerseits bin überzeugt davon, daß die weltgeschichtlichen Tatsachen heute solche Dinge von den Menschen fordern. Ich bin überzeugt davon, daß dasjenige, was der moderne Proletarier will, nicht auf eine andere Weise erreicht werden kann als dadurch, daß er seine Hand reicht der Trennung der Gewalten. Das ist die allein einzig mögliche «auswärtige Politik» heute. Und merkwürdigerweise kann das ein jedes einzelne Territorium für sich durchführen. Würde Deutschland heute für sich darauf eingehen, wie es neulich von mir in einem «Aufruf an die Deutschen und an die Kulturwelt», der viele Unterschriften gefunden hat, ausgesprochen worden ist, würden die Deutschen heute auf diese Dreiteilung eingehen, dann könnten sie doch vielleicht in anderer Weise mit den anderen verhandeln, als sie es heute können, wo sie als ein vollständig überwundener, gerade durch seine frühere Zentralisation vollständig überwundener Einheitsstaat dastehen und im Grunde genommen gar nichts vermögen.
[ 50 ] Ich will damit gar nicht Partei ergreifen, sondern nur sagen, daß dasjenige, was ich ausführe, gerade die Grundlage nicht nur aller inneren, sondern auch einer wahren auswärtigen Politik werden kann aus dem Grunde, weil es jedes einzelne Land, jedes einzelne Volk für sich allein durchführen kann. Man wird ja heute, wenn man die gewaltig sprechenden Tatsachen ins Auge faßt, zu der Überzeugung geführt, daß es nicht mehr bloß darum zu tun ist, einiges in den Zuständen nach den alten Gedanken zu ändern, sondern daß es notwendig ist, neue Gedanken, neue Tatsachen zugrunde zu legen. Man hat in den letzten Jahren wahrhaftig recht oft hören können: $o gewaltige Schreckensereignisse, wie die der letzten viereinhalb Jahre, hat es, solange die Menschen eine Geschichte haben, noch nicht gegeben. Das kann man heute öfter hören. Was aber das Echo auf diese Behauptung sein müßte, das hört man nicht so oft heute, nämlich: Noch niemals haben es die Menschen so nötig gehabt umzudenken, umzulernen wie heute, wo die soziale Frage auf das hindeutet, wo am meisten umzulernen ist, hindeutet auf das, an dem am meisten vorbeigeredet und vorbeigedacht wird.
[ 50 ] Ich will damit gar nicht Partei ergreifen, sondern nur sagen, daß dasjenige, was ich ausführe, gerade die Grundlage nicht nur aller inneren, sondern auch einer wahren auswärtigen Politik werden kann aus dem Grunde, weil es jedes einzelne Land, jedes einzelne Volk für sich allein durchführen kann. Man wird ja heute, wenn man die gewaltig sprechenden Tatsachen ins Auge faßt, zu der Überzeugung geführt, daß es nicht mehr bloß darum zu tun ist, einiges in den Zuständen nach den alten Gedanken zu ändern, sondern daß es notwendig ist, neue Gedanken, neue Tatsachen zugrunde zu legen. Man hat in den letzten Jahren wahrhaftig recht oft hören können: $o gewaltige Schreckensereignisse, wie die der letzten viereinhalb Jahre, hat es, solange die Menschen eine Geschichte haben, noch nicht gegeben. Das kann man heute öfter hören. Was aber das Echo auf diese Behauptung sein müßte, das hört man nicht so oft heute, nämlich: Noch niemals haben es die Menschen so nötig gehabt umzudenken, umzulernen wie heute, wo die soziale Frage auf das hindeutet, wo am meisten umzulernen ist, hindeutet auf das, an dem am meisten vorbeigeredet und vorbeigedacht wird.
[ 51 ] Heute zeigt es sich, daß die Menschen es sind, die zu handeln haben. Da hat man nicht mit fertigen Programmen zu kommen! Was ich hier entwickelt habe, ist kein Programm, ist keine soziale Theorie. Dasjenige, was ich hier entwickelt habe, ist eine wirklichkeitsgemäße Menschheitstheorie. Ich bilde mir nicht ein, über alle Zustände, die entstehen sollen, ein Programm aufstellen zu können; das kann der einzelne von sich aus nicht. Denn so wenig der einzelne von sich aus die Sprache, die eine soziale Erscheinung ist, bilden kann, sondern so wie die Sprache sich im Zusammenleben der Menschen bildet, so muß alles soziale Leben sich im Zusammenleben der Menschen entwickeln.
[ 51 ] Heute zeigt es sich, daß die Menschen es sind, die zu handeln haben. Da hat man nicht mit fertigen Programmen zu kommen! Was ich hier entwickelt habe, ist kein Programm, ist keine soziale Theorie. Dasjenige, was ich hier entwickelt habe, ist eine wirklichkeitsgemäße Menschheitstheorie. Ich bilde mir nicht ein, über alle Zustände, die entstehen sollen, ein Programm aufstellen zu können; das kann der einzelne von sich aus nicht. Denn so wenig der einzelne von sich aus die Sprache, die eine soziale Erscheinung ist, bilden kann, sondern so wie die Sprache sich im Zusammenleben der Menschen bildet, so muß alles soziale Leben sich im Zusammenleben der Menschen entwickeln.
[ 52 ] Dazu müssen die Menschen aber erst im richtigen Verhältnisse zueinander stehen. [. . .] Derselbe Mensch kann im Wirtschaftsparlament, im demokratischen Parlament, im geistigen Parlament zugleich sein; er wird nur darauf sehen müssen, wie er aus der Objektivität der Verhältnisse immer aus den verschiedenen Quellen heraus das Urteil zu finden hat.
[ 52 ] Dazu müssen die Menschen aber erst im richtigen Verhältnisse zueinander stehen. [. . .] Derselbe Mensch kann im Wirtschaftsparlament, im demokratischen Parlament, im geistigen Parlament zugleich sein; er wird nur darauf sehen müssen, wie er aus der Objektivität der Verhältnisse immer aus den verschiedenen Quellen heraus das Urteil zu finden hat.
[ 53 ] Wie die Menschen Rechts- und Wirtschafts- und Geistesleben verwalten werden, wenn sie richtig zueinander stehen, was die Menschen sagen werden über das Soziale, das möge man ergründen; nicht ein abstraktes, theoretisches Programm über dasjenige, was in allen Fällen richtig ist, hinstellen! Die Menschen in ein solches Verhältnis zu bringen, daß sie in der richtigen Weise miteinander wirken, dafür - könnte man glauben - hätte insbesondere das moderne Proletariat Verständnis, und dies aus dem einfachen Grunde, weil das moderne Proletariat gesehen hat, wie die verschiedenen Interessen, die Rechts-, die Wirtschafts- und die geistigen Interessen gegeneinander wirken. So bringt man sie in ein solches gegenseitiges Wirken, daß sie aus ihren eigenen Kräften heraus für jeden ein menschenwürdiges Dasein, für das Ganze einen lebensfähigen Organismus ergeben. Wenn es auch radikal ist, nichts anderes glaube ich, als daß der gute Wille und die Einsicht dazu gehören, um dieses soziale Programm, das kein Programm im landläufigen Sinne ist - man muß es so nennen, weil man einmal nicht andere Worte hat -, um dieses soziale Programm ins Leben überzuführen. Die soziale Frage wird dadurch allerdings als das erscheinen, was sie in Wirklichkeit ist. Es gibt gewisse Menschen, die glauben, die soziale Frage, die heraufgekommen ist, werden wir lösen, wenn wir dies oder jenes tun, [... .]nein, die soziale Frage ist heraufgekommen, weil die Menschen eine bestimmte Entwickelungsstufe erlangt haben. Und jetzt ist sie da und wird immer da sein und wird immer von neuem gelöst werden müssen. Und wenn die Menschen sich nicht einlassen werden auf immer neue Lösungen, so werden die Kräfte zuletzt in solche Disharmonien kommen, die immer mehr zu revolutionären Erschütterungen der gesellschaftlichen Ordnungen führen müssen. Revolutionen muß man Stufe um Stufe im kleinen besiegen; dann werden sie nicht im großen auftreten. Besiegt man aber nicht dasjenige, was als berechtigte revolutionäre Kräfte Tag für Tag ins Leben hereintritt, dann, ja dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn dasjenige, auf das man nicht aufmerksam sein will, in großen Erschütterungen sich entlädt. Dann muß man dies vielmehr in gewissem Sinne als etwas Begreifliches ansehen.
[ 53 ] Wie die Menschen Rechts- und Wirtschafts- und Geistesleben verwalten werden, wenn sie richtig zueinander stehen, was die Menschen sagen werden über das Soziale, das möge man ergründen; nicht ein abstraktes, theoretisches Programm über dasjenige, was in allen Fällen richtig ist, hinstellen! Die Menschen in ein solches Verhältnis zu bringen, daß sie in der richtigen Weise miteinander wirken, dafür - könnte man glauben - hätte insbesondere das moderne Proletariat Verständnis, und dies aus dem einfachen Grunde, weil das moderne Proletariat gesehen hat, wie die verschiedenen Interessen, die Rechts-, die Wirtschafts- und die geistigen Interessen gegeneinander wirken. So bringt man sie in ein solches gegenseitiges Wirken, daß sie aus ihren eigenen Kräften heraus für jeden ein menschenwürdiges Dasein, für das Ganze einen lebensfähigen Organismus ergeben. Wenn es auch radikal ist, nichts anderes glaube ich, als daß der gute Wille und die Einsicht dazu gehören, um dieses soziale Programm, das kein Programm im landläufigen Sinne ist - man muß es so nennen, weil man einmal nicht andere Worte hat -, um dieses soziale Programm ins Leben überzuführen. Die soziale Frage wird dadurch allerdings als das erscheinen, was sie in Wirklichkeit ist. Es gibt gewisse Menschen, die glauben, die soziale Frage, die heraufgekommen ist, werden wir lösen, wenn wir dies oder jenes tun, [... .]nein, die soziale Frage ist heraufgekommen, weil die Menschen eine bestimmte Entwickelungsstufe erlangt haben. Und jetzt ist sie da und wird immer da sein und wird immer von neuem gelöst werden müssen. Und wenn die Menschen sich nicht einlassen werden auf immer neue Lösungen, so werden die Kräfte zuletzt in solche Disharmonien kommen, die immer mehr zu revolutionären Erschütterungen der gesellschaftlichen Ordnungen führen müssen. Revolutionen muß man Stufe um Stufe im kleinen besiegen; dann werden sie nicht im großen auftreten. Besiegt man aber nicht dasjenige, was als berechtigte revolutionäre Kräfte Tag für Tag ins Leben hereintritt, dann, ja dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn dasjenige, auf das man nicht aufmerksam sein will, in großen Erschütterungen sich entlädt. Dann muß man dies vielmehr in gewissem Sinne als etwas Begreifliches ansehen.
[ 54 ] So glaube ich, daß sich gerade im Proletariat für eine wirklich weitgehende Überschau über die soziale Frage, wie sie sich in dieser Dreigliederung des sozialen Organismus ergibt, ein Verständnis entwickeln könnte. Und ich bin überzeugt davon, daß, wenn sich einiges Verständnis entwickelt, dann der Proletarier erst begreifen wird, wie er im wahren Sinne des Wortes der echte moderne Mensch ist. Er, den man aus den alten Gesetzlichkeiten herausgerissen hat, an die öde Maschine hingestellt hat, in den seelenlosen Wirtschaftsprozeß eingespannt hat, er hat die Möglichkeit, neben diesem Menschentötenden, Menschenzerstörenden über das Menschenwürdige nachzudenken, über dasjenige, was das Menschenleben wahrhaftig menschenwürdig macht; er hat die Möglichkeit, von den fundamentalen Grundlagen aus darüber nachzudenken und den Menschen als reinen Menschen ins Auge zu fassen. Daher darf man auch glauben, daß, wenn sich aus dem modernen proletarischen Klassenbewußtsein dasjenige herausentwickelt, was in ihm verborgen ist, was dahinter steht: das Bewußtsein der Menschenwürde - «ein menschenwürdiges Dasein muß allen Menschen zukommen» -, dann wird mit der Lösung der proletarischen Frage, mit der Befreiung des Proletariats, die Lösung einer großen weltgeschichtlichen Menschheitsfrage geschehen. Dann wird der Proletarier nicht nur sich erlösen, dann wird der Proletarier der Erlöser der gesamten Menschlichkeit in der Menschheit werden. Dann wird mit der proletarischen Befreiung zugleich die ganze Menschheit, dasjenige, was in dieser Menschheit wert ist, befreit zu werden, befreit werden können.
[ 54 ] So glaube ich, daß sich gerade im Proletariat für eine wirklich weitgehende Überschau über die soziale Frage, wie sie sich in dieser Dreigliederung des sozialen Organismus ergibt, ein Verständnis entwickeln könnte. Und ich bin überzeugt davon, daß, wenn sich einiges Verständnis entwickelt, dann der Proletarier erst begreifen wird, wie er im wahren Sinne des Wortes der echte moderne Mensch ist. Er, den man aus den alten Gesetzlichkeiten herausgerissen hat, an die öde Maschine hingestellt hat, in den seelenlosen Wirtschaftsprozeß eingespannt hat, er hat die Möglichkeit, neben diesem Menschentötenden, Menschenzerstörenden über das Menschenwürdige nachzudenken, über dasjenige, was das Menschenleben wahrhaftig menschenwürdig macht; er hat die Möglichkeit, von den fundamentalen Grundlagen aus darüber nachzudenken und den Menschen als reinen Menschen ins Auge zu fassen. Daher darf man auch glauben, daß, wenn sich aus dem modernen proletarischen Klassenbewußtsein dasjenige herausentwickelt, was in ihm verborgen ist, was dahinter steht: das Bewußtsein der Menschenwürde - «ein menschenwürdiges Dasein muß allen Menschen zukommen» -, dann wird mit der Lösung der proletarischen Frage, mit der Befreiung des Proletariats, die Lösung einer großen weltgeschichtlichen Menschheitsfrage geschehen. Dann wird der Proletarier nicht nur sich erlösen, dann wird der Proletarier der Erlöser der gesamten Menschlichkeit in der Menschheit werden. Dann wird mit der proletarischen Befreiung zugleich die ganze Menschheit, dasjenige, was in dieser Menschheit wert ist, befreit zu werden, befreit werden können.
