The Liberation of Humanity as the
Basis for Social Transformation
GA 329
19 March 1919, Winterthur
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The Liberation of Humanity as the Basis for Social Transformation, tr. SOL
3. Proletarische Forderungen und deren Künftige praktische Verwirklichung
3. Proletarian Demands and Their Future Practical Implementation
[ 1 ] Glauben Sie nicht, daß ich heute das Wort ergreifen möchte, um zu Ihnen in dem Sinne von Verständigung zwischen den verschiedenen Menschenklassen der Gegenwart zu sprechen, wie es so sehr häufig jetzt von gewissen Seiten her gepflogen wird, wo gesagt wird, es sei notwendig, daß man über Verständigung spreche. Ich möchte von einer ganz anderen Verständigung sprechen, wie wir gleich nachher sehen werden. Von jener Verständigung zu sprechen, verbietet sich, wenn man darauf hinblickt, wie sich dieses Leben im Laufe der letzten Jahrzehnte, vielleicht schon länger und bis in unsere Tage herein entwickelt hat, wie es nunmehr ausgelaufen ist in laut sprechende Tatsachen, die allerdings für manche Menschen, die sich von diesen Tatsachen vor kürzerer Zeit noch nichts haben träumen lassen, recht schreckhaft sind. Was würde es auch viel nützen, von Verständigung in dieser Art zu sprechen gegenüber dem, was man auf der Seite hören kann, wo heute so häufig diese Verständigung ersehnt wird?
[ 1 ] Do not think that I wish to take the floor today to speak to you about understanding among the various classes of people in our time, as is so often done these days by certain quarters, where it is said that it is necessary to talk about understanding. I would like to speak of a completely different kind of understanding, as we shall see shortly. To speak of that kind of understanding is out of the question when one considers how this way of life has developed over the course of the last few decades—perhaps even longer, and right up to the present day—and how it has now manifested itself in stark realities that are, admittedly, quite alarming to some people who, until recently, could not have imagined such realities. What good would it do, anyway, to speak of understanding of this kind in the face of what one hears from those quarters where such understanding is so frequently longed for today?
[ 2 ] Vor wenigen Tagen konnte man wiederum von einer solchen Seite allerlei hören, in Bern, bei der sogenannten Völkerbundskonferenz. Was da vorgebracht worden ist über das wünschenswerte und, wie die Leute glauben, mögliche internationale Leben der nächsten Zukunft, das erinnerte einen wahrhaftig an die Reden gewisser Staatsmänner, an Reden, die stets von demselben Grundton aus im Frühling und Frühsommer des Jahres 1914 gehalten worden sind. Ein paar Worte aus einer solchen Rede eines früheren Staatsmannes der später kriegführenden Mächte lassen Sie uns anführen. Sie lauteten etwa so - er sagte das zu seinem Reichstag -: Dank der Bemühungen der Kabinette der Regierungen der europäischen Großmächte dürfen wir annehmen, daß der europäische Friede auf lange Zeiten hinaus gesichert sein werde. - Im Mai 1914! Das war der Friede, von dem gesprochen worden ist, der dann gekommen ist, und der mindestens zehn Millionen Tote gebracht hat und achtzehn Millionen Menschen zu Krüppeln gemacht hat! So kannten die Menschen dasjenige, was in der Zeit schlummerte.
[ 2 ] Just a few days ago, one could once again hear all sorts of things from such a side, in Bern, at the so-called League of Nations Conference. What was put forward there regarding the desirable—and, as people believe, possible—international order of the near future truly brought to mind the speeches of certain statesmen, speeches that were delivered, always in the same vein, in the spring and early summer of 1914. Let us quote a few words from one such speech by a former statesman of the powers that later went to war. They went something like this—he said this to his Reichstag—: “Thanks to the efforts of the cabinets of the European great powers, we may assume that European peace will be secured for a long time to come.” —In May 1914! That was the peace that had been spoken of, that then came to pass, and that claimed at least ten million lives and left eighteen million people maimed! This is how people perceived what was lying dormant at the time.
[ 3 ] Ich selbst, wenn ich diese persönliche Bemerkung machen darf, mußte im Frühling 1914 angesichts dessen, was man herankommen sehen konnte, wenn man nicht blind und taub war für die Wirklichkeiten, in einer Versammlung, die ich in Wien halten konnte, die Worte sprechen: Wir leiden im sozialen Organismus der Gegenwart an einer schleichenden Krebskrankheit, die in kürzester Zeit als ein mächtiges Geschwür aufbrechen müsse. - So konnte man auch reden dazumal.
[ 3 ] I myself—if I may make this personal remark—had to say the following in the spring of 1914, in light of what was clearly on the horizon for anyone who was not blind and deaf to reality, during a gathering I was able to hold in Vienna: We are suffering from a creeping cancer in the social organism of the present, which is bound to erupt as a powerful ulcer in the very near future. — That is how one could speak back then.
[ 4 ] Nun, ich denke, die Tatsachen haben gezeigt, daß man mehr recht hatte, wenn man sprach von der schleichenden Krebskrankheit in der gesellschaftlichen Ordnung der damaligen Gegenwart, als wenn man so sprach, wie die damaligen Staatsmänner zur Betäubung, zur Ilusionserweckung für die Menschen gesprochen haben. Und so reden jetzt wiederum sehr, sehr viele Leute von dem, was zwischen den Völkern kommen soll an internationalem Leben. Und sie reden vorbei und denken vorbei an dem, was das Allerwichtigste und Wesentlichste ist und sein wird und was heute schon durch laut sprechende Tatsachen sich ankündigt; sie reden vorbei an den eigentlichen wahren sozialen Forderungen der Gegenwart.
[ 4 ] Well, I think the facts have shown that those who spoke of a creeping cancer in the social order of that time were more correct than those statesmen of the day, who spoke in order to lull people into a false sense of security and create illusions. And so, once again, a great many people are talking about what is to come in international relations among nations. And they are missing the point—both in their words and in their thinking—regarding what is and will be of the utmost importance and significance, and what is already being heralded today by facts that speak loudly; they are missing the point regarding the actual, true social demands of the present.
[ 5 ] Wie hat man von gewisser Seite bis zu den Schreckensjahren, die 1914 begonnen haben, das Leben der sogenannten modernen Zivilisation geschildert? Man konnte es immer wieder hören, wie gewaltig die Menschheit fortgeschritten sei, wie gegenüber früheren Zeiten es möglich sei, rasch über weite Strecken der Erde hin zu reisen, um Geschäfte zu machen, wie der Gedanke blitzschnell über die Erde hinfliege, wie Wissenschaft und Kunst - was man eben in gewissen Kreisen Wissenschaft und Kunst nennt - sich ausbreiten und so weiter. Loblied über Loblied wurde angestimmt auf diese moderne Zivilisation. Und die letzten viereinhalb Jahre? Was ist in ihrem Laufe aus dieser modernen Zivilisation in Europa geworden? Wie konnte das werden? Allein dadurch konnte es werden, daß diese moderne Zivilisation, der man solche Loblieder gesungen hat, auf einem Untergrunde ruhte, der unterhöhlt war, unterhöhlt allerdings nicht von irgend etwas der Menschheit als solcher Feindlichem, sondern unterhöhlt war von den nach den verschiedensten Richtungen hin berechtigtsten Forderungen eines großen Teiles der gegenwärtigen Erdbevölkerung. Die empfand dasjenige, was uns diese Zivilisation gebracht hat, nicht als ein menschenwürdiges Dasein.
[ 5 ] How did certain quarters portray the life of so-called modern civilization up until the years of terror that began in 1914? Time and again, one heard how tremendously humanity had advanced, how—compared to earlier times—it was now possible to travel rapidly across vast distances of the earth to conduct business, how thought flew across the earth at lightning speed, how science and art—what certain circles call science and art—were spreading, and so on. One paean after another was sung in praise of this modern civilization. And the last four and a half years? What has become of this modern civilization in Europe during that time? How could this have happened? It could only have come to pass because this modern civilization, for which such songs of praise were sung, rested on a foundation that had been undermined—not, however, by anything hostile to humanity as such, but by the most justified demands, in a wide variety of directions, of a large portion of the world’s current population. They did not perceive what this civilization has brought us as a life worthy of human dignity.
[ 6 ] Allein dadurch aber war diese Zivilisation möglich, daß sie sich erhob wie ein Überbau auf dem Unterbau, der darin besteht, daß unzählige Menschen kein menschenwürdiges Dasein hatten. Und dasjenige, was man als das Schlimmste ansehen muß, das ist, daß sich eine tiefe Kluft mit Bezug auf das Verständnis aufgetan hatte, eine Kluft zwischen denen, die auf der einen Seite die Loblieder angestimmt haben und denen, die auf der anderen Seite immer wieder und wieder aus den Versammlungen heraus, die sie sich abrangen von der schweren Arbeit, den Ruf ertönen lassen mußten: So kann es nicht weitergehen!
[ 6 ] But this civilization was only possible because it arose as a superstructure upon a foundation consisting of the fact that countless people did not lead a dignified existence. And what must be regarded as the worst of all is that a deep chasm had opened up in terms of understanding—a chasm between those who, on the one hand, sang its praises, and those who, on the other hand, had to raise their voices time and time again from the gatherings they wrested from their hard labor, crying out: “Things cannot go on like this!”
[ 7 ] Wenig Neigung war in den führenden, leitenden Kreisen zu einer wirklichen Verständigung, wie sie hätte gesucht werden müssen seit Jahrzehnten, ja seit vielleicht mehr als einem halben Jahrhundert. Seit diesem halben Jahrhundert ist die proletarische Bewegung immer mehr und mehr im Wachsen. Und sie ist so im Wachsen, daß man sagen kann: Bisher stand das Leben der proletarischen Bevölkerung da wie eine mächtige weltgeschichtliche Kritik dessen, was die bisher herrschenden und führenden Klassen in der Weltgeschichte, in der Entwickelung der Menschheit angerichtet hatten. Heute sprechen die Tatsachen diese Sprache der Kritik, die so und so oft diesen herrschenden Klassen entgegengehalten worden ist. Wie haben die bisher herrschenden Klassen sehr häufig dasjenige, was ihnen da entgegentönte als der Ruf: So kann es nicht weitergehen - wie haben sie das aufgenommen? Man brauchte ja nur - ich möchte Beispiele anführen - nicht gleich so weit zu gehen, wie zum Beispiel eine charakteristische Persönlichkeit, die sich aus den herrschenden Klassen der unmittelbaren Vergangenheit herausgehoben hat, wie etwa der deutsche Kaiser, der mit Bezug auf die proletarische Masse, insofern sie sich als Sozialisten auslebten, sagte: Diese Tiere, die den Boden des Deutschen Reiches unterhöhlen, müssen ausgerottet werden. Oder ein andermal sagte er - das sind seine eigenen Worte: Diese Menschen sind die Feinde der göttlichen Weltordnung. - Nicht bloß seien sie die Feinde anderer Menschen, sondern die Feinde der göttlichen Weltordnung. - Man brauchte, wie gesagt, nicht gleich so weit zu gehen; aber sonderbare Vorstellungen hatte man doch. Da hatten zum Beispiel im Deutschen Reiche aus gewissen Gründen heraus, die ich hier keiner Kritik unterwerfen will, die Sozialdemokraten gestimmt für die Kriegskredite, wenigstens ein überwiegender Teil der Sozialdemokraten hatte für Kriegskredite gestimmt, und hatte auch - wiederum aus Gründen, die ich nicht erörtern will ihre Soldatenpflicht getan, hatten sich überhaupt in einer gewissen Weise gegenüber dem sogenannten Weltkrieg verhalten. Glauben Sie nicht, daß die Meinung von Leuten aus den bürgerlichen intellektuellen Kreisen eine so seltene war, die, als sie gesehen haben, wie patriotisch sich die Sozialdemokratie verhielt, ernsthaftig geglaubt haben - das ist eine Tatsache -, daß eigentlich die Soldaten in der Zukunft lauter Männer würden, die brav sich brauchen lassen würden zu dem, wozu man sie ja, namentlich im vorigen Reiche, recht gern gebraucht haben würde, wenn die Dinge anders, aber recht sehr anders ausgegangen wären, als sie ausgegangen sind. Man hätte sie nämlich sehr gern gebraucht zur Steuerbewilligung im Reichstage seligen Andenkens.
[ 7 ] There was little inclination among the leading circles toward a genuine understanding, the kind that should have been sought for decades—perhaps even for more than half a century. For the past half century, the proletarian movement has been growing more and more. And it is growing to such an extent that one can say: Until now, the life of the proletarian population stood as a powerful critique in world history of what the hitherto ruling and leading classes had wrought in world history and in the development of humanity. Today, the facts speak this language of criticism, which has so often been held up against these ruling classes. How often have the hitherto ruling classes interpreted what resounded against them as the cry: “Things cannot go on like this”—how did they respond to it? One need only—and I would like to cite examples—not even go as far as, for instance, a prominent figure who stood out from the ruling classes of the immediate past, such as the German Emperor, who, referring to the proletarian masses insofar as they expressed themselves as socialists, said: “These animals, who are undermining the foundations of the German Empire, must be exterminated.” Or on another occasion he said—these are his own words: “These people are the enemies of the divine world order.”—Not merely are they the enemies of other people, but the enemies of the divine world order.—As I said, one need not have gone quite that far; but people did harbor strange mental images. For example, in the German Empire, for certain reasons—which I do not wish to subject to criticism here—the Social Democrats had voted in favor of war credits; at least the overwhelming majority of Social Democrats had voted in favor of war credits, and had also—again for reasons I do not wish to discuss—fulfilled their military duty, and had generally behaved in a certain way toward the so-called World War. Do not think that the opinion held by people in bourgeois intellectual circles—who, upon seeing how patriotically the Social Democrats behaved, sincerely believed —and this is a fact—that in the future, soldiers would actually be nothing but men who would obediently allow themselves to be used for the very purposes for which they would have been quite gladly used, particularly in the former Empire, had things turned out differently—very, very differently—than they did. For they would have been very gladly used to approve tax measures in the Reichstag of blessed memory.
[ 8 ] Nun, selbst auf mancher sozialistischen Seite hat man sich nichts träumen lassen von den laut sprechenden Tatsachen, die nunmehr aber eingetreten sind. Selbst auf sozialistischer Seite ist oft und oft wieder betont worden: Die Regierung wird nach diesem Weltkriege nicht so verfahren können mit der proletarischen Bevölkerung wie vorher; sie wird auf deren Willen Rücksicht nehmen müssen. Nun, die Tatsachen sind ziemlich anders geworden, nicht wahr? Diese Regierung, wenigstens ein großer Teil von ihr, kann heute nicht viel Rücksicht nehmen auf den Willen der proletarischen Bevölkerung.
[ 8 ] Well, even on some socialist sides, no one could have imagined the glaring realities that have now come to pass. Even on the socialist side, it has been emphasized time and again: After this world war, the government will not be able to treat the proletarian population as it did before; it will have to take their will into account. Well, the facts have turned out quite differently, haven’t they? This government—or at least a large part of it—cannot today take the will of the proletarian population into much consideration.
[ 9 ] Wenn man nach beiden Seiten hin sieht, so zeigt sich auf der einen Seite, was der österreichische Sozialist Pernerstorfer aus der Gesinnung gewisser bürgerlicher Kreise während des Weltkrieges so charakterisierte, indem er sagte: Diese Millionen schlössen, insofern sie den kriegführenden Staaten angehörten, ihren Frieden gern mit der Sozialdemokratie; aber sie möchten einen Frieden etwa unter der Bedingung, der dem entsprechen würde, daß der andere, dem man lebenslängliche Freundschaft anbietet, sie annehme, aber daß sich der Betreffende hinterher aufhänge. - Sehen wir aber nach der anderen Seite, da war auch keine Möglichkeit, viel Verständnis hervorzurufen. Ich darf hier sehr wohl aus persönlicher Erfahrung reden, denn ich arbeitete als Lehrer jahrelang an der von Wilhelm Liebknecht begründeten Arbeiter-Bildungsschule an dem Werden desjenigen, was sich in Proletarierseelen als Weltanschauung ausgebildet hatte, mit. Wer weiß, was sich in der proletarischen Seele ausbildete, der weiß auch, welche proletarischen Forderungen in dem steckten, was immer wieder und wiederum eben in jenen Versammlungen, die sich der Proletarier abrang von seiner Arbeitszeit, abrang auch von seiner körperlichen Gesundheit oftmals, was in jenen Versammlungen die Seelen durchtönte. Das kleidete sich immer wieder und wieder in dreierlei. Mancher sprach allerdings nicht mit einem vollen breiten Verständnis über dasjenige, was sich in diesen drei Dingen offenbarte, aber eine tiefe Empfindung war in den Proletarierseelen, was in diese drei Forderungen, wenn sie sich auch scheinbar nicht als Forderungen aussprechen, was in diese drei Forderungen verwoben ist. Das erste kleidete sich in die Worte: Materialistische Geschichtsauffassung; das zweite kleidete sich in das Wort, in das für den Proletarier vielbedeutende Wort von dem Mehrwert; und das dritte war dasjenige, was der Proletarier seit Jahrzehnten, wenn er auch von seinem Verständnis, von seiner Auffassung aus sprach, mit dem Klassenkampf meinte, der andeutete, wie innerhalb der neueren Zeit der Proletarier innerhalb des Klassenkampfes das geworden ist, was man nennen kann eben den klassenbewußten Proletarier.
[ 9 ] If one looks at both sides, one sees on the one hand what the Austrian socialist Pernerstorfer characterized as the attitude of certain bourgeois circles during the World War, saying: These millions, insofar as they belonged to the belligerent states, would gladly make peace with social democracy; but they would want a peace on terms roughly equivalent to offering lifelong friendship to someone, only for that person to hang himself afterward. - But if we look at the other side, there was no possibility of eliciting much understanding there either. I can certainly speak from personal experience here, for I worked for years as a teacher at the Workers’ Educational School founded by Wilhelm Liebknecht, helping to shape what had developed as a worldview in the souls of the proletariat. Anyone who knows what took shape in the proletarian soul also knows what proletarian demands lay at the heart of what resounded time and again in those very meetings—meetings for which the proletarian sacrificed not only his working hours but often his physical health as well. This took shape time and again in three forms. Admittedly, many did not speak with a full and broad understanding of what was revealed in these three things, but there was a deep sense in the souls of the proletariat of what was woven into these three demands—even if they did not seem to be expressed as demands. The first took the form of the words: “materialist conception of history”; the second took the form of the word—the word “surplus value,” which meant so much to the proletarian; and the third was what the proletarian had meant for decades—even when speaking from his own understanding and perspective—by “class struggle,” which hinted at how, in recent times, the proletarian had become, within the class struggle, what one might call the class-conscious proletarian.
[ 10 ] Was kleidete sich eigentlich in diese drei Worte? Es sieht zunächst recht theoretisch, recht schulmäßig aus, wenn man sagt: man bekenne sich zur materialistischen Geschichtswissenschaft; allein wir wollen heute lebenspraktisch und nicht theoretisch sprechen. Was war eigentlich gemeint mit dem, was der Proletarier gegenüber seiner Weltanschauung zum Ausdruck bringen wollte und will, wenn er von materialistischer Geschichtsauffassung spricht? Er hatte seit jener Zeit, seitdem sich im Laufe der neueren Geschichte gleichzeitig mit der modernen Technik der moderne Kapitalismus entwickelt hat, er hatte seit dieser Zeit von den führenden, leitenden Kreisen ein altes Lied hören können. Aber von dem, wovon man heute behauptet, daß es angeregt würde in der Menschenseele bei diesem alten Liede, bemerkte der Proletarier, wenn er hinsah auf die leitenden Kreise, blutwenig. Da sprachen die Menschen der leitenden und führenden Kreise: Der Mensch lebt in einer gewissen sozialen Ordnung von Generation zu Generation. Wie sich eben das geschichtliche Leben entwickelt, so lebt die Menschheit; und sie lebt nach Gesetzen, welche entsprechen einer göttlichen Weltordnung. Man nannte es eine sittliche Weltordnung, man nannte es die Ideen vielleicht auch, wenn man aufgeklärt sein wollte, welche das geschichtliche Leben der Menschheit beherrschen.
[ 10 ] What exactly did these three words mean? At first glance, it seems quite theoretical, quite academic, to say that one adheres to a materialist conception of history; but today we want to speak in practical, everyday terms rather than theoretically. What did the proletarian actually mean—and still means—when he speaks of a materialist conception of history in relation to his worldview? Ever since that time—since modern capitalism developed in tandem with modern technology in the course of recent history—he had heard the same old refrain from the ruling circles. But of what is claimed today to be stirred in the human soul by this old song, the proletarian noticed very little when he looked at the ruling and leading circles. For the people in those ruling and leading circles said: Human beings live within a certain social order from generation to generation. Humanity lives just as historical life unfolds; and it lives according to laws that correspond to a divine world order. People called it a moral world order; perhaps, if they wanted to be enlightened, they also called it the ideas that govern the historical life of humanity.
[ 11 ] Der Proletarier schaute sich diejenigen Kreise an, die da so sprachen, als wenn ihr Leben bedingt wäre von geistig-sittlichen Mächten, die durch die Welt gehen und weben. Aber er hatte seinerseits nichts von diesen sittlichen Mächten; er sah wohl noch weniger etwas von einer in den Tatsachen sich auswirkenden göttlichen Weltordnung. Man sprach von einer göttlichen Weltordnung, aber man sah sie nicht, diese göttliche Weltenordnung. Er sah sie vor allen Dingen nicht in den Handlungen der Menschen, in dem Verhalten der Menschen zueinander. Er war ja - seit Jahrhunderten hatte sich das entwickelt - eingespannt worden in die kapitalistische Wirtschaftsordnung, in die seelenlose, verödende kapitalistische Wirtschaftsordnung. Sie war heraufgekommen gleichzeitig mit der modernen Technik, die zahlreiche Menschen weggerufen hat von jenem alten Handwerk, von dem man sagte, daß es einen goldenen Boden hatte - es hatte in einer gewissen Weise einen goldenen Boden -, aber das hatte keinen goldenen Boden, was der moderne Proletarier erlebte an der Maschine in der Fabrik. Für ihn war diese gesellschaftliche Ordnung ausgedrückt in seinem Stehen an der Maschine, in seinem Eingespanntsein in die kapitalistische Wirtschaftsordnung. Und er sah, indem dieses neuere technische und kapitalistische Leben heraufkam, wie die leitenden, führenden Kreise sich dasjenige, was sie von einem gewissen sozialen Organismus von alten Zeiten her übernommen haben, als modernen Staat nach ihrem Interesse eingerichtet hatten. Er sah vor allen Dingen, wie die leitenden, führenden Kreise aus dem, was sie als Erträgnis hatten durch die moderne Wirtschaftsordnung, durch den modernen Staat, wie sie sich anstellten ihre sogenannten geistigen Leiter, wie sie sich anstellten ihre Lehrerschaft, ihre Juristen, ihre Mediziner und so weiter. Und er bemerkte, wie gesagt, wenig davon, daß in dieser geistigen Leitung eine göttliche, sittliche Weltordnung waltete. Er bemerkte vielmehr, weil er es ja gewohnt war, hinzuschauen auf die Abhängigkeit des Menschen von der wirtschaftlichen Ordnung, er bemerkte, wie auch diese leitenden Kreise durchaus von der wirtschaftlichen Ordnung abhängig waren. Der Kapitalismus, die moderne Technik, das Ausbeutersystem, von denen sah er, daß sie die geistigen Leiter hinstellten an die Plätze, wo sie standen. Man hatte, als so dieses moderne geistige Leben im modernen Staate heraufkam, aus gewissen Kreisen dieses geistigen Lebens heraus oftmals gesagt: Ach, dieses ferne Mittelalter, da war die Philosophie, die Weltweisheit - und man meinte damit die Wissenschaft überhaupt - in gewisser Weise die Magd der Theologie. Weniger wurde aber von dieser Seite her betont, daß in der neueren Zeit die Wissenschaft wahrhaftig nicht irgend etwas geworden war, das eine auf sich selbst gestellte freie Wissenschaft war, sondern daß sie war eine treue Dienerin des modernen Staatssystems. Man brauchte auch wiederum nicht gleich so weit zu gehen, wie ein moderner, berühmter Physiologe, der einmal von einer gelehrten Körperschaft, von der Berliner Akademie der Wissenschaften gesagt hat: diejenigen Gelehrten, die dieser Berliner Akademie der Wissenschaften angehören, seien die geistigen Schutztruppen der Hohenzollern. Man brauchte, wie gesagt, nicht gleich so weit zu gehen; aber man hatte doch zum Beispiel sehen können - und es kam ja alles während des Weltkrieges zu einer bestimmten Höhe -, man hatte doch Merkwürdiges sehen können während dieses Weltkrieges. Gewiß, die Mathematiker, die Chemiker, denen kann man nicht sogleich nachweisen, wie sie den Befehlen von oben gehorchen; dafür glänzt ja auch ihre Wissenschaft weniger stark, hängt weniger stark auffällig zusammen mit dem, was das Leben durchpulst. Geschichte hängt schon mehr zusammen mit demjenigen, was das Leben durchpulst. Wer das verfolgt, was als Geschichte produziert worden ist gerade von denen, die als Staatsdiener dieses Gebietes gewirkt und gewaltet haben, der konnte sich wohl ein unbefangeneres Urteil als mancher andere bilden, wenn er zum Beispiel alles dasjenige ansah, was während dieses Weltkrieges und schon vorher, wahrhaftig lange vorher, über die geschichtliche Bedeutung der Hohenzollern gesprochen wurde. Wahrhaftig, die Geschichte der Hohenzollern wird anders ausschauen, wenn sie nunmehr in der Zukunft geschrieben werden wird! Man kann schon sagen, dasjenige, was diese Herren produzierten auf diesem Gebiete, das war ein getreuliches Spiegelbild dessen, was eigentlich die Machthaber haben wollten; das war wirklich nicht freies Geistesleben, das war nichts anderes als ein geistiger Überbau über die Wirtschaftsordnung der letzten Jahrhunderte und namentlich der neueren Zeit. Was Wunder aber, wenn der Proletarier, anschauend alle diese Verhältnisse, sich sagte: Ach was, alle sittliche Weltordnung, alle Ideen in der Geschichte! Was hat göttliche Weltordnung zu sagen! Abhängig ist jeder Mensch von den wirtschaftlichen Grundlagen. Wie diese wirtschaftlichen Grundlagen sind, so breitet er seine Gedanken aus, so lebt er seine Empfindungen dar, so denkt er zuletzt auch selbst in bezug auf seine religiösen Vorstellungen: alles ein ideologischer Überbau! Das wahrhaft Wirkliche ist die Wirtschaftsordnung!
[ 11 ] The proletarian looked at those circles that spoke as if their lives were determined by spiritual and moral forces that permeate and shape the world. But he, for his part, had nothing of these moral forces; he saw even less of a divine world order manifesting itself in reality. People spoke of a divine world order, but they did not see it—this divine world order. Above all, he did not see it in people’s actions or in the way people treated one another. After all—a process that had been developing for centuries—he had been drawn into the capitalist economic order, into the soulless, desolating capitalist economic order. It had emerged alongside modern technology, which had drawn countless people away from that old craftsmanship said to have been a “gold mine”—it was, in a certain sense, a gold mine—but what the modern proletarian experienced at the machine in the factory was certainly no gold mine. For him, this social order was embodied in his standing at the machine, in his being ensnared within the capitalist economic system. And as this newer technical and capitalist way of life emerged, he saw how the ruling and leading circles had restructured what they had inherited from a certain social organism of old—the modern state—to serve their own interests. Above all, he saw how the ruling and leading circles, drawing on what they had gained through the modern economic order and the modern state, appointed their so-called intellectual leaders—their teachers, lawyers, doctors, and so on. And, as I said, he noticed little of the fact that a divine, moral world order prevailed within this spiritual leadership. Rather, because he was accustomed to observing humanity’s dependence on the economic order, he noticed how these ruling circles, too, were entirely dependent on the economic order. Capitalism, modern technology, the system of exploitation—he saw that these were what placed the intellectual leaders in the positions they occupied. As this modern intellectual life emerged in the modern state, it had often been said from certain circles within this intellectual life: “Ah, that distant Middle Ages, when philosophy, worldly wisdom—and by that they meant science in general—was, in a certain sense, the handmaiden of theology.” What was less emphasized from this perspective, however, was that in more recent times, science had truly not become something that was a free science standing on its own, but rather that it was a faithful servant of the modern state system. Nor was it necessary to go quite as far as a famous modern physiologist who once said of a learned body, the Berlin Academy of Sciences: the scholars belonging to this Berlin Academy of Sciences are the intellectual guard of the House of Hohenzollern. As I said, one need not go that far; but one could, for example, have observed—and everything did indeed reach a certain peak during the World War—one could have observed some curious things during that World War. Certainly, in the case of mathematicians and chemists, one cannot immediately prove how they obey orders from above; after all, their science does not shine quite as brightly and is less conspicuously connected to what pulses through life. History, on the other hand, is more closely connected to what pulses through life. Anyone who examines what has been produced as history—particularly by those who served and wielded power in this field as civil servants—could well form a more impartial judgment than many others, if, for example, they considered everything that was said during this World War and even before—truly long before—about the historical significance of the Hohenzollerns. Truly, the history of the Hohenzollerns will look different when it is written in the future! One can already say that what these gentlemen produced in this field was a faithful reflection of what those in power actually wanted; it was truly not a free intellectual life—it was nothing more than an intellectual superstructure built upon the economic order of the past centuries, and particularly of more recent times. But is it any wonder that the proletarian, observing all these conditions, said to himself: Oh, forget it—all moral world order, all ideas in history! What does divine world order have to say? Every human being is dependent on the economic foundations. Depending on what these economic foundations are, that is how he develops his thoughts, that is how he expresses his feelings, and that is ultimately how he thinks even with regard to his religious mental images: it’s all an ideological superstructure! The truly real thing is the economic order!
[ 12 ] Begreifen kann man, wie gesagt, dasjenige, was als Eindruck entstand aus dem unmittelbaren Leben in der Seele des Proletariers. War doch dieser Proletarier genötigt - die herrschende Klasse mußte selbst ihn zu einer gewissen Bildung aufrufen, sie konnte die alten Ungebildeten, den alten Analphabetismus nicht mehr gebrauchen in ihrer Wirtschaftsordnung -, war doch dieser Proletarier genötigt innerhalb der Bildung, die er aufnehmen wollte, nach der er sich sehnte, das entgegenzunehmen, was heraufgekommen war als Wissenschaft, als das ganze wissenschaftliche Denken über die Welt in der neueren Zeit.
[ 12 ] As I said, one can understand that which arose as an impression from immediate life in the soul of the proletarian. After all, this proletarian was compelled—the ruling class itself had to call upon him to acquire a certain level of education, since it could no longer make use of the old uneducated masses and illiteracy in its economic order—this proletarian was compelled, within the education he wished to acquire and for which he yearned, to accept what had emerged as science, as the entire body of scientific thought about the world in modern times.
[ 13 ] Aber dieser Proletarier war auch zu etwas anderem noch genötigt als zum Aufnehmen der Wissenschaft in einer solchen Art, wie etwa die herrschenden Kreise diese neuere Wissenschaft, die gleichzeitig heraufkam mit der modernen Technik und dem Kapitalismus, aufnahmen. Ich möchte immer wieder und wiederum ein Beispiel anführen, das ich schon neulich hier in dieser Frage zur Illustration brachte. Ich habe gerade über dieses Gebiet gesprochen. Man konnte selbst ein so draufgängerischer Naturforscher sein wie Karl Vogt, der dicke Vogt, man konnte ein naturwissenschaftlicher Popularisator sein, wie Büchner, man konnte sich in der Art von beiden recht freidenkerisch, recht aufgeklärt vorkommen; man konnte sich sagen: hinweg von mir alle die alten Vorurteile. Aber dabei wirkte doch dasjenige, was diese moderne wissenschaftliche Gesinnung bei diesen Klassen hervorgebracht hatte, ganz anders, als es wirkte in der Seele des modernen Proletariers. Die leitenden, führenden Kreise, sie sprachen davon, daß die Menschen abstammen von tierischen Lebewesen. Ich will jetzt nicht davon sprechen, ob diese Lehre unsinnig oder irgendwie berechtigt ist, aber man sprach so, ich will nur die Tatsachen anführen. Aber diese Lehre ist von den herrschenden Klassen so gedacht, daß sie nur in die Köpfe hineinging. Man konnte eine Kopfübernatur gewinnen. Aber in dem gesellschaftlichen Leben, in der gesellschaftlichen Lebensordnung, in der man drinnen stand, da walteten Gesetze, die wahrhaftig nicht hergenommen waren von der Grundanschauung, daß alle Menschen in gleicher Weise von irgendwelchem Tiere abstammten. Und man fand es bequem, die gesellschaftliche Ordnung nicht sich einzurichten, nicht einmal recht sie zu denken im Sinne dieser modernen naturwissenschaftlichen Anschauung.
[ 13 ] But this proletarian was also compelled to do something else besides simply assimilating science in the same way that the ruling classes assimilated this newer science, which emerged simultaneously with modern technology and capitalism. I would like to cite, again and again, an example that I recently brought up here to illustrate this point. I have just been speaking about this very area. One could be as daring a naturalist as Karl Vogt—the “fat” Vogt—one could be a popularizer of the natural sciences like Büchner; one could, in the manner of both, consider oneself quite a free thinker, quite enlightened; one could say to oneself: away with all those old prejudices. But at the same time, what this modern scientific mindset had brought about in these classes had a completely different effect than it did on the soul of the modern proletarian. The ruling, leading circles spoke of humans descending from animal beings. I do not wish to discuss here whether this doctrine is nonsense or in any way justified; people simply spoke this way—I merely wish to state the facts. But this doctrine was conceived by the ruling classes in such a way that it entered only into people’s minds. One could attain a kind of intellectual transcendence. But in social life, in the social order in which one lived, laws prevailed that were truly not derived from the fundamental view that all humans were equally descended from some kind of animal. And people found it convenient not to organize the social order—not even to truly conceive of it—in accordance with this modern scientific view.
[ 14 ] Ich stand einmal, wie gesagt, ich erwähne diese Tatsache noch einmal hier in dieser Stadt, auf einem gemeinsamen Podium mit der kürzlich tragisch geendeten Rosa Luxemburg. Sie und ich sprachen dazumal vor einer größeren Arbeiterschaft in der Nähe von Berlin über die Wissenschaft und die Arbeiter. In ihrer ganz besonders eiindringlichen Weise, in ihrer ruhigen und gelassenen Art sprach sie dazumal vor allem aus dem Geiste der modernen Wissenschaft heraus; aber sie sprach eben zu modernen Proletariern. Sie sprach zu diesen modernen Proletariern etwa so: Man sehe nur einmal die Wissenschaft heute an. Es heißt, daß der Mensch seinen Ursprung nicht aus irgendeinem geistigen Urzustande hat, denn, so sagte sie - ich zitiere ihre Worte fast wörtlich -, der Mensch wäre ursprünglich ein recht unanständiges Wesen gewesen, das auf Bäumen kletterte, und von solchen Wesen stammen wir alle ab. Da ist natürlich - sagte sie dann - kein Grund dazu, Rangunterschiede unter den Menschen zu machen, wie sie die heutige gesellschaftliche Ordnung macht. - Ja, sehen Sie, man konnte ein aufgeklärter Mensch sein und in dem Kreise der führenden, leitenden Klasse drinnen stehen, man konnte eine Kopfüberzeugung haben, aber dasjenige, was so gesprochen wurde, das wirkte doch anders auf den modernen Proletarier. Der moderne Proletarier kam mit einem großen, mit einem riesengroßen Vertrauen dieser - man muß es sagen - bürgerlichen Wissenschaft entgegen, denn er glaubte, daß sie die absolute Wahrheit enthalte. Und weil er hinweggerufen worden war an die Maschine, in die Fabrik, in die kapitalistische Wirtschaftsordnung hinein, weil er aus allem Früheren herausgerissen war, weil er auch nicht mehr Überlieferungen erhalten hatte, keine Traditionen, weil er nicht in einem ganz neuen Lebensverhältnis bleiben konnte, war er genötigt, das, was ihm diese bürgerliche Wissenschaft gab, als an den ganzen Menschen gerichtet zu nehmen und sich zu fragen: Ist sie so, die Welt, wie sie sich darstellt in den Augen dieser modernen Wissenschaft?
[ 14 ] As I said—and I am mentioning this fact once again here in this city—I once stood on a shared podium with Rosa Luxemburg, whose life recently came to a tragic end. At that time, she and I spoke to a large gathering of workers near Berlin about science and the working class. In her particularly compelling manner, with her calm and composed demeanor, she spoke at that time primarily from the spirit of modern science; but she was speaking to modern proletarians. She addressed these modern proletarians something like this: Just take a look at science today. It is said that human beings do not originate from some kind of primal spiritual state, for, as she said—and I am quoting her words almost verbatim—human beings were originally quite uncivilized creatures who climbed trees, and we are all descended from such creatures. So, of course—she then said—there is no reason to establish hierarchical distinctions among people, as today’s social order does. —Yes, you see, one could be an enlightened person and belong to the circle of the ruling, leading class; one could hold firm convictions, but what was said in this way had a different effect on the modern proletarian. The modern proletarian approached this—one must say—bourgeois science with great, indeed enormous, trust, for he believed that it contained the absolute truth. And because he had been summoned to the machine, to the factory, into the capitalist economic order; because he had been torn away from everything that came before; because he no longer had any inherited customs or traditions; and because he could not remain in an entirely new way of life—he was compelled to accept what this bourgeois science offered him as addressed to the whole person and to ask himself: Is the world really as it appears in the eyes of this modern science?
[ 15 ] Das ist die Hauptrichtung des geistigen Lebens des modernen Proletariers. Das ist dasjenige, was ihn immer wieder und wieder in der Seele zu der Empfindung nötigt, daß es so nicht weitergehen kann. Und dahinter verbirgt sich die eine der Forderungen.
[ 15 ] This is the main thrust of the modern proletarian’s intellectual life. This is what compels him, time and again, to feel deep in his soul that things cannot go on this way. And behind this lies one of the demands.
[ 16 ] Die zweite der Forderungen, man konnte sie immer wieder und wieder hören, wenn man nicht bloß den leitenden Kreisen angehörte und dadurch in bestimmter Weise über das Proletariat dachte, sondern wenn man, unter dem Proletariat lebend, mit dem Proletariat denken und sprechen konnte - man konnte es immer wieder und wiederum fühlen und empfinden. Jeder, der innerhalb dieser Kreise lebte, weiß, daß mit dem Begriff «Mehrwert» und allem, was damit zusammenhängt, durch Karl Marx und seine Nachfolger in theoretischer Art etwas in die Arbeiterschaft hineingeworfen wurde, das zündend wirkte. Denn in dieser modernen Arbeiterschaft war etwas, das aus den Lebensverhältnissen der neueren Zeit heraus verstand, tief schmerzlich verstand, was Mehrwert ist.
[ 16 ] The second of these demands—one could hear it time and time again, not merely if one belonged to the ruling circles and thus thought about the proletariat in a certain way, but if, living among the proletariat, one was able to think and speak with the proletariat—one could feel and sense it again and again. Anyone who lived within these circles knows that, through the concept of “surplus value” and everything associated with it, Karl Marx and his successors introduced something into the working class in a theoretical sense that had a electrifying effect. For there was something in this modern working class that, based on the living conditions of recent times, understood—deeply and painfully understood—what surplus value is.
[ 17 ] Hier ist der Punkt, wo man sagen muß: Wir stehen heute an einem Wendepunkte der geschichtlichen Entwickelung. Eine Kritik war dasjenige, was im modernen Proletariat lebte, an dem, was die leitenden Kreise bisher in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit besorgt haben. Zum Handeln ist heute das moderne Proletariat aufgerufen. Dieses Handeln wird nur möglich sein, wenn gerade in diesem Punkte, der sich an das Wort Mehrwert anschließt, man den Mut haben wird, allüberall, wo man weiterkommen will im menschlichen Leben selbst, über das hinauszugehen, was Karl Marx gemeint hat, als er von Mehrwert und dem damit Zusammenhängenden sprach.
[ 17 ] This is the point where one must say: We stand today at a turning point in historical development. What was alive within the modern proletariat was a critique of what the ruling circles have thus far brought about in the historical development of humanity. Today, the modern proletariat is called upon to act. This action will only be possible if, precisely on this point—which follows on from the concept of surplus value—we have the courage, wherever we wish to make progress in human life itself, to go beyond what Karl Marx meant when he spoke of surplus value and related concepts.
[ 18 ] Was war es denn, was in Anknüpfung an diesen Mehrwert ein so tiefes, empfindungsgemäßes Verständnis hervorrief in der Seele des modernen Proletariers? Es war dasjenige, was den Grundnerv des ganzen modernen Wirtschaftssystems berührte. Was ist Wirtschaft? Wirtschaft, auf deren Grundlage wir alle materiell leben? Was ist Ware, Produktion, Zirkulation, Konsumtion? In diesen Kreislauf des Wirtschaftslebens, in welchem nur Ware zirkulieren sollte, ist in einer gewissen Form seit alten Zeiten, sich abschälend von anderen Formen, dasjenige eingetreten, was man nur dadurch charakterisieren kann, daß man sagt: Innerhalb der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung lebt weiter die Arbeitskraft des modernen Proletariers in derselben Weise wie eine Ware. Sie wird gekauft, sie wird wie eine Ware getauscht gegen andere Waren. - Das empfindet der moderne Proletarier. Was auch immer in kleinen Brocken geschehen ist, um gewissermaßen seine Aufmerksamkeit abzulenken von dieser Fundamentaltatsache, wir stecken tief drinnen in einem Zusammenhang, in dem die proletarische Arbeit nichts weiter ist als eine Ware. Hier empfindet der moderne Proletarier noch viel mehr, als man eigentlich bisher genötigt war, in theoretischen Worten, selbst in der sozialistischen Wissenschaft, zum Ausdruck zu bringen, hier empfindet der moderne Proletarier das ganze Menschenunwürdige seines Daseins. Er sieht in seinem Dasein nur die Fortsetzung des alten Sklavendaseins, des mittelalterlichen Systems der Leibeigenschaft. Der Sklave wird als ganzer Mensch verkauft; der moderne Proletarier muß, weil er selbst nichts besitzt, auf den Arbeitsmarkt seine Arbeitskraft tragen, die ihm abgekauft wird. Aber kann man denn die Arbeitskraft auf den Arbeitsmarkt tragen, ohne sich selbst hinzutragen? Ist man nicht mit ihr als Mensch so verknüpft, daf? man als Mensch das Schicksal erleidet, das die eigene Arbeitskraft erleidet? Das ist es, worauf es ankommt: Nicht nur eine andere Form der Entlohnung, die nichts weiter ist als ein Kauf von Arbeitskraft als Ware, sondern die Entkleidung der Arbeitskraft von dem Warencharakter im modernen Wirtschaftsleben muß angestrebt werden. Das ist gerade die mehr oder weniger deutlich ausgesprochene Frage des modernen Proletariats: Wie kann es geschehen, daß der Mensch, auch wenn er nichts anderes in den gesellschaftlichen Organismus hineinzutragen hat als seine Arbeitskraft, ein menschenwürdiges Dasein erhält? Was bedeutet es eigentlich, daß seine Arbeitskraft, die in keiner Weise sich vergleichen läßt mit irgendeiner Ware, nicht mehr als Ware ist? Was ist das eigentlich? Das ist die große Lebenslüge: Dasjenige, was nie in Wirklichkeit Ware werden kann, Arbeitskraft, wird im modernen Leben zur Ware gemacht. Dadurch ist das eine experimentierende, eine in die Wirklichkeit hineingeworfene Tatsachenlüge; die muß in Wahrheit umgewandelt werden -, so könnte man radikal die Forderung in diesem Punkte stellen, formulieren.
[ 18 ] What was it, then, that—in connection with this surplus value—evoked such a deep, visceral understanding in the soul of the modern proletarian? It was that which struck at the very nerve center of the entire modern economic system. What is the economy? The economy upon which we all depend for our material livelihood? What are commodities, production, circulation, and consumption? Into this cycle of economic life—in which only commodities were supposed to circulate—has entered, in a certain form since ancient times and separating itself from other forms, that which can only be characterized by saying: Within the modern capitalist economic order, the labor power of the modern proletarian continues to exist in the same way as a commodity. It is bought; it is exchanged for other commodities just like a commodity. — This is what the modern proletarian experiences. Whatever may have happened in small ways to divert his attention, so to speak, from this fundamental fact, we are deeply entrenched in a context in which proletarian labor is nothing more than a commodity. Here, the modern proletarian feels far more than what we have actually been compelled to express in theoretical terms—even in socialist science—up to now; here, the modern proletarian feels the utter inhumanity of his existence. He sees in his existence nothing but the continuation of the old slave existence, of the medieval system of serfdom. The slave is sold as a whole human being; the modern proletarian, because he possesses nothing himself, must bring his labor power to the labor market, where it is purchased from him. But can one bring one’s labor power to the labor market without bringing oneself along with it? Are we not so closely bound to it as human beings that, as human beings, we suffer the fate that our own labor power suffers? That is what matters: We must strive not merely for a different form of remuneration—which is nothing more than the purchase of labor power as a commodity—but for the removal of labor power’s commodity character from modern economic life. This is precisely the question posed, more or less explicitly, by the modern proletariat: How can it be that a person—even if they have nothing else to contribute to the social organism but their labor power—can lead a dignified existence? What does it actually mean that their labor power—which cannot in any way be compared to any commodity—is no longer a commodity? What is this, really? It is the great lie of life: that which can never truly become a commodity—labor power—is turned into a commodity in modern life. This is an experimental lie, a factual lie thrust into reality; it must be transformed into truth—this is how one could radically articulate the demand on this point.
[ 19 ] Und das dritte ist dasjenige, was der moderne Proletarier sieht: Es ist Kampf. Er blickt hin auf das moderne Wirtschaftsleben; er hat in den Tiefen seiner Seele ein Gefühl davon, daß im Wirtschaftsleben Heilsames nur erblühen kann aus Gemeinsinn heraus. Wie würde er sich im speziellen Falle zum Beispiel ausdrücken, der Gemeinsinn? Nun, man kann ja in einem Spezialfall sagen: Der Unternehmer, der Arbeitgeber und der Arbeiter, sie produzieren miteinander. Es müßte also die Gemeinsamkeit, der Gemeinsinn darin bestehen, daß sie gegenüber dem sozialen Organismus dasselbe Interesse haben. Stattdessen kauft der Unternehmer wie eine Ware dem Arbeiter die Arbeitskraft ab, während sie das Erzeugnis, das Produkt gemeinsam produzieren. Er gibt ihm von dem Produkte eben nichts weiter als den Kaufpreis für diese Ware ab. Darüber hilft nicht hinweg, wie es auch immer mehr oder weniger verbrämt auftritt, der Arbeitsvertrag. Solange dieser Arbeitsvertrag geschlossen wird über die Verwendung der Arbeit des Proletariers, so lange muß dieser Vertrag immer die Arbeitskraft zur Ware machen. Einzig und allein möglich muß es werden, daß der Vertrag zwischen dem, was man heute den Arbeiter, und dem, was man heute den Unternehmer nennt, nicht geschlossen zu werden braucht, nicht geschlossen werden darf über die Arbeit, sondern daß er geschlossen werden muß über die Teilung des Produkts zwischen dem Arbeiter und dem Leiter der Arbeit. Es gibt keine andere Gerechtigkeit auf diesem Gebiete. Es gibt keinen anderen wirklichen Ausdruck dessen, was man als Gemeinsinn bezeichnete auf diesem Gebiete. Was aber sieht der moderne Proletarier statt eines solchen Gemeinsinnes? Nun, er sieht den Klassenkampf. Er sieht seine aus der physischen Arbeitskraft heraus produzierende Klasse im Kampfe mit der Unternehmerklasse, und er sieht in die Unternehmerklasse hineinfließen den Mehrwert, ohne daß er einen Anteil hat an denjenigen «Schicksalen», welche dieser Mehrwert hat innerhalb des sozialen Organismus.
[ 19 ] And the third is what the modern proletarian sees: it is struggle. He looks at modern economic life; deep in his soul, he senses that in economic life, anything wholesome can only flourish out of a sense of community. How, for example, would this sense of community manifest itself in a specific case? Well, in a specific case one might say: the entrepreneur, the employer, and the worker all produce together. The common ground, the sense of community, would therefore have to consist in their sharing the same interest in the social organism. Instead, the entrepreneur buys the worker’s labor power as if it were a commodity, even though they produce the goods together. He gives the worker nothing more from the product than the purchase price for this commodity. The employment contract does nothing to remedy this, no matter how it may be more or less sugarcoated. As long as this employment contract is concluded regarding the use of the proletarian’s labor, this contract must always turn labor power into a commodity. The only possible solution is that the contract between what is today called the worker and what is today called the entrepreneur need not—and must not—be concluded regarding labor, but must instead be concluded regarding the division of the product between the worker and the supervisor of the work. There is no other form of justice in this area. There is no other true expression of what is called the “public spirit” in this area. But what does the modern proletarian see instead of such a public spirit? Well, he sees class struggle. He sees his class—which produces through physical labor—in conflict with the class of entrepreneurs, and he sees surplus value flowing into the class of entrepreneurs without having any share in the “fates” that this surplus value undergoes within the social organism.
[ 20 ] Der Proletarier ist wahrhaftig nicht so dumm, daß er glaubt, Mehrwert brauche man nicht zu erzeugen. Wenn man alles aufessen würde, was man durch Handarbeit erzeugt, dann gäbe es keine Schulen, überhaupt keine geistige Kultur, dann könnte auch kein Staatswesen existieren; Steuern würde es nicht geben und so weiter; denn alles dasjenige, was in diesen Dingen ist, von denen doch wohl auch der Proletarier weiß, daß sie der Entwickelung der Menschheit notwendig sind, das fließt aus dem Mehrwert. Aber der Proletarier will etwas anderes. Und diejenigen verhüllen die Tatsachen, die die moderne proletarische Frage nur wie eine Brotfrage auffassen. Gewiß, sie ist eine Brotfrage; aber darauf kommt es an, wie diese Brotfrage gefühlt wird. Aus ganz anderen Untergründen heraus, aus dem Gefühle eines menschenunwürdigen Daseins empfindet heute der moderne Proletarier. Das ist es, worauf es ankommt. Und statt des Gemeinsinnes fühlt er den Klassenkampf zwischen sich und demjenigen, mit dem er gemeinsam für den sozialen Organismus produziert.
[ 20 ] The proletarian is certainly not so foolish as to believe that there is no need to produce surplus value. If people were to consume everything they produce through manual labor, there would be no schools, no intellectual culture whatsoever, and no state could exist; there would be no taxes, and so on; for everything that constitutes these things—which even the proletarian surely knows are necessary for the development of humanity—flows from surplus value. But the proletarian wants something else. And those who view the modern proletarian question merely as a question of bread obscure the facts. Certainly, it is a question of bread; but what matters is how this question of bread is felt. Today, the modern proletarian feels it from entirely different underlying motives—from the sense of a life unworthy of a human being. That is what matters. And instead of a sense of community, he feels the class struggle between himself and those with whom he produces together for the social organism.
[ 21 ] Was also ist dann denn die Erfahrung dieses modernen Proletariers im modernen Leben eigentlich? Indem man diese Frage aufwirft, sachgemäß, kommt man schon darauf, durch welche praktischen Maßnahmen die proletarischen Forderungen der neueren Zeit in der Zukunft befriedigt werden können. Man kann sagen: Jawohl, bisher hat es sich in einer gewissen Weise als eine Wahrheit erwiesen, als eine Wahrheit der letzten Jahrhunderte, daß das geistige Leben nur etwas wie ein Überbau, wie eine Ideologie ist, wie ein Rauch, der herauskommt aus dem, was das bloße Wirtschaftssystem ist. Allein, tief im Innern empfindet der Proletarier die Sehnsucht nach einem wirklichen Geistesleben, nach einem Geistesleben, das da ist zur Befriedigung jedes menschlichen Daseins. Wenn er auch sagt, alles Geistesleben komme aus der Wirtschaftsordnung heraus, im Unbewußten will er gerade ein Geistesleben, das nicht aus der Wirtschaftsordnung herauskommt, will er ein freies, auf sich selbst gestelltes geistiges Leben, will er ein wahres geistiges Leben. Das ist das eine.
[ 21 ] So what, then, is the actual experience of this modern proletarian in modern life? By raising this question—as is appropriate—one already arrives at the practical measures through which the proletarian demands of recent times can be met in the future. One might say: Indeed, up to now it has, in a certain sense, proved to be a truth—a truth of the past few centuries—that spiritual life is merely a kind of superstructure, an ideology, like smoke rising from what is merely the economic system. Yet, deep down, the proletarian feels a longing for a genuine spiritual life—a spiritual life that exists to fulfill every human existence. Even if he says that all spiritual life stems from the economic order, subconsciously he wants precisely a spiritual life that does not stem from the economic order; he wants a free, self-sufficient spiritual life; he wants a true spiritual life. That is one thing.
[ 22 ] Das zweite ist: Er sieht hin auf den modernen Staat. Was sieht er in diesem modernen Staat? Er sieht in diesem modernen Staate den Klassenkampf, und er hat das Gefühl, da, wo der Klassenkampf herrscht, da herrscht etwas nicht, was aus jedem menschlichen Bewußtsein heraus als eine notwendige Forderung des Lebens sich ergibt. In einer gesellschaftlichen Ordnung, in welcher der Klassenkampf herrschen kann, herrscht das Vorrecht; denn woher würde der Kampf der leitenden Kreise gegen die besitzlosen Kreise kommen, wenn nicht von einem Vorrechte? Aber es darf nicht das Vorrecht herrschen - so sagt die Seele -, es muß das Recht herrschen. Das ist die zweite Forderung. Das ist diejenige, die sich etwa so aussprechen läßt: Der moderne Proletarier sieht in dem modernen Staat die Verkörperung des Klassenkampfes. Er aber fordert auf dem Boden, auf dem der Klassenkampf herrscht, das Recht. Und er sieht auf dem Boden der modernen Wirtschaftsordnung sich dasjenige entwickeln, was seine Arbeitskraft zu einer Ware macht. Er sieht sich hineingespannt in diesen Wirtschaftsprozeß. Gewiß, theoretisch hat das Proletariat bisher als Wissenschaft aufgestellt, daß alles vom volkswirtschaftlichen Leben abhängig ist. Allein in den Tiefen der Seele, da wühlt es: ich will unabhängig werden von jenem Wirtschaftsleben, das jetzt herrscht; ich will ein ganz anderes Leben, als dasjenige, was von diesem Wirtschaftsleben abhängig ist.
[ 22 ] The second point is this: He looks to the modern state. What does he see in this modern state? He sees class struggle in this modern state, and he feels that where class struggle prevails, something is lacking that arises from every human consciousness as a necessary requirement of life. In a social order in which class struggle can prevail, privilege prevails; for where would the struggle of the ruling classes against the propertyless classes come from, if not from privilege? But privilege must not prevail—so says the soul—justice must prevail. That is the second demand. It is the one that can be expressed something like this: The modern proletarian sees in the modern state the embodiment of class struggle. Yet on the very ground where class struggle prevails, he demands justice. And he sees, within the framework of the modern economic order, the development of that which turns his labor power into a commodity. He sees himself caught up in this economic process. Certainly, theoretically, the proletariat has so far established as a scientific fact that everything depends on economic life. Yet deep in his soul, a longing stirs: I want to become independent of the economic life that now prevails; I want a life entirely different from the one that depends on this economic life.
[ 23 ] Sehen wir von diesem Gesichtspunkte aus die großen, weithin sprechenden Tatsachen der Gegenwart, die Europa beunruhigen, und immer mehr beunruhigen werden, sehen wir sie uns an, dann sprechen sie so: Aus rein materiellen Interessen der leitenden, führenden Kreise hat sich ein Geistesleben ergeben. Das ist nicht dasjenige, was allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein gibt. Aus dem, was die leitenden Kreise unter der Entwickelung von Technik und Kapitalismus aus dem modernen Staate gemacht haben, hat sich ein Gemeinwesen des Vorrechtes, nicht des Rechtes ergeben. Und Klassenkampf muß aufhören, Rechtsleben muß an dessen Stelle treten. Im Wirtschaftsleben hat sich ergeben, daß die Arbeitskraft eingespannt wurde in die Warenzirkulation; auf den Warenmarkt bringt man die menschliche Arbeitskraft. Herausgenommen werden muß aus dem reinen Wirtschaftskreislauf die menschliche Arbeitskraft. Das ist es, was sich in den jetzigen welthistorischen Tatsachen ausspricht. Wodurch ist das alles gekommen?
[ 23 ] If we view the major, highly significant facts of the present—which are causing concern in Europe and will continue to do so—from this perspective, if we examine them, they speak to us as follows: A spiritual life has emerged from the purely material interests of the ruling, leading circles. This is not what provides all people with a dignified existence. What the ruling circles have made of the modern state through the development of technology and capitalism has given rise to a community based on privilege, not on justice. And class struggle must cease; the rule of law must take its place. In economic life, it has turned out that labor power has been harnessed to the circulation of commodities; human labor power is brought to the commodity market. Human labor power must be removed from the purely economic cycle. This is what is expressed in the current facts of world history. How did all this come about?
[ 24 ] Nun, man braucht nur einige Tatsachen, die sich aber verhundertfachen ließen, einmal unter den Gesichtspunkt einer bestimmten Frage zu stellen. Es wird Sie vielleicht überraschen, daß hier gerade von dem Gesichtspunkte gesprochen wird, den ich jetzt andeute. Allein, wir stehen heute in einem entscheidenden Wendepunkte der sozialen Bewegung. Man hat in der letzten Zeit oftmals, mehr oder weniger geistreich ausgedrückt, die Phrase hören können, die aber gewiß nicht, durchaus nicht bloß Phrase ist: Dasjenige, was diese Weltkriegskatastrophe heraufgebracht hat, das war noch nicht da, seit die Menschheit eine geschichtliche Erinnerung hat. Das ist oft und oft wiederholt worden. Weniger hört man aber die Empfindung betonen: Nun, wenn das so ist, wenn die Menschen in verhältnismäRig kurzer Zeit dazu gekommen sind, zehn Millionen Menschen zu erschlagen, und achtzehn Millionen zu Krüppeln zu machen, wenn dieses unvergleichlicherweise eingetreten ist, warum bequemen sich denn die Menschen nicht vielleicht zu fragen: Müssen wir nicht, um solche Dinge unmöglich zu machen, zu neuen Gedanken greifen, zu Gedanken, die ebenso unmöglich sind gegenüber den bisherigen Denkgewohnheiten, wie dieser Weltkrieg gegenüber den bisherigen Erlebnissen der menschheitlichen Geschichte? Sie müssen entschuldigen, wenn nach der einen oder anderen Seite hin ich die Gedanken, die hier gemeint sind, etwas radikal. ausdrücke. Sehen wir uns einzelne Tatsachen, die, wie gesagt, sich verhundertfachen ließen, an. Ein recht charakteristisches Beispiel, wie ein Staat aus den Bedingungen der abgelaufenen Epoche heraus lebte, das ist Österreich. Ich kann gerade darüber reden, denn ich habe drei Jahrzehnte, die Hälfte meines bisherigen Lebens, in Österreich verbracht. Man kann gerade an diesem österreichischen Staate studieren, worinnen eigentlich dasjenige liegt, was einen sozialen Organismus in unserer Zeit zugrunde richten kann, ja zugrunde richten muß. Als man in den sechziger Jahren anfing, aus dem alten österreichischen Patriarchalismus, Despotismus heraus ein sogenanntes bürgerliches Verfassungsleben zu entwickeln, da wurden in den Österreichischen Reichsrat hinein die Abgeordneten gewählt nach vier Kurien: erstens die Kurie der Großgrundbesitzer; zweitens die Kurie der Handelskammer; drittens die Kurie der Städte, Märkte und Industrialorte; viertens die Kurie der Landgemeinden. Die letzteren sogar wurden nicht unmittelbar gewählt, sondern mittelbar, weil man die Landgemeinden nicht für so ganz sicher hielt. Die Vertreter dieser vier Kurien waren nun im Österreichischen Reichsrat und machten Gesetze, machten Rechte. Was heißt das aber? Das heißt, es waren reine Wirtschaftsvertreter, Vertreter des reinen Wirtschaftslebens in dem Parlamente, und die machten Gesetze. Was muß da herauskommen? Die Interessen des Wirtschaftslebens müssen sich einfach umwandeln in Gesetze, in Rechte, in Rechte über die Arbeitskraft, in Rechte über den Besitz. So sonderbar es scheint, es wurde über den Besitz auch manche bürgerliche nationalökonomische Rede gehalten: Besitz nämlich ist ein Recht, Besitz an Produktionsmitteln, Besitz an Grund und Boden ist ein Rechtsverhältnis. Denn alles andere, was Sie über den Besitz definieren werden, hat im volkswirtschaftlichen Prozeß keine Bedeutung. Bedeutung hat allein das, was Besitz begründet, das Recht, sich einer Sache ausschließlich, mit Ausschluß der anderen, zu bedienen. Das Verfügungsrecht darüber zu haben, das ist dasjenige, was die volkswirtschaftliche Grundlage ausmacht. Wir haben es im bisherigen Staat statt mit einem Recht mit einem Vorrecht zu tun.
[ 24 ] Well, one need only consider a few facts—which could easily be multiplied a hundredfold—from the perspective of a specific question. It may surprise you that I am speaking here precisely from the perspective I am now suggesting. Yet we stand today at a decisive turning point in the social movement. Recently, one has often heard—expressed more or less wittily—the phrase that is certainly not, by any means, merely a phrase: What brought about this catastrophe of the World War had never existed before, as far back as humanity’s historical memory extends. This has been repeated time and again. But one hears less emphasis placed on the following realization: Well, if that is the case—if people have managed, in a relatively short time, to kill ten million people and maim eighteen million, if this incomparable event has occurred—why do people not perhaps deign to ask themselves: “In order to make such things impossible, must we not turn to new ways of thinking—ways of thinking that are just as impossible in relation to our previous habits of thought as this world war is in relation to the previous experiences of human history?” Please excuse me if, in one way or another, I express the ideas I have in mind here somewhat radically. Let us look at individual facts which, as I said, could be multiplied a hundredfold. A rather characteristic example of how a state lived under the conditions of the past era is Austria. I am particularly qualified to speak on this subject, for I have spent three decades—half of my life so far—in Austria. It is precisely through the example of the Austrian state that one can study what it is that can—indeed, must—destroy a social organism in our time. When, in the 1860s, efforts began to develop a so-called bourgeois constitutional system out of the old Austrian patriarchy and despotism, representatives were elected to the Austrian Imperial Council from four electoral colleges: first, the college of large landowners; second, the college of the Chamber of Commerce; third, the college of cities, market towns, and industrial centers; fourth, the Curia of Rural Communities. The latter were not even elected directly, but indirectly, because the rural communities were not considered entirely trustworthy. The representatives of these four curiae now sat in the Austrian Imperial Council and made laws, established rights. But what does that mean? It means they were purely economic representatives—representatives of pure economic life in parliament—and they made laws. What must come of this? The interests of economic life must simply be transformed into laws, into rights—rights over labor, rights over property. As strange as it may seem, many bourgeois economic discourses were also held on the subject of property: for property is a right—ownership of the means of production, ownership of land—is a legal relationship. For everything else you might define as property has no significance in the economic process. What matters is solely what constitutes property: the right to make exclusive use of a thing, to the exclusion of others. Having the right of disposal over it—that is what constitutes the economic foundation. In the state as it has existed thus far, we have been dealing not with a right but with a privilege.
[ 25 ] Da haben wir das eine Beispiel, das man unendlich vermehren könnte. Wo das nicht durch ein Wahlgesetz bestimmt war in der alten Ordnung, konnte es sich von selbst machen. Jener Bund, der sich der Bund der Landwirte nannte, war ja zum Beispiel im Deutschen Reichstage eine rein wirtschaftliche Interessenvertretung. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Im Deutschen Reichstag gab es ja auch das sogenannte Zentrum, eine rein religiöse Gemeinschaft. Da wurde das Geistesleben hineingetragen in das Rechtsleben. Also geistige Interessen sprachen sich im Rechtsleben aus. Das alles hängt zusammen mit dem, was aus den Interessen der bisher führenden Kreise allmählich aus dem modernen Staat geworden ist. Als die neuere Zeit heraufkam mit ihrer Technik, mit dem Kapitalismus, da fand man diesen Staat, wie er sich aus dem Mittelalter herausgebildet hatte, als einen Rahmen vor. Man bezog in diesen Staat zunächst das Geistesleben ein, bildete das Theologische aus, Theologen, wie man sie im Staate haben wollte, Juristen, Mediziner, insbesondere die Schulmänner; alles das bildete man aus. Das ganze geistige Leben spannte man in den Staat ein. Wie hypnotisiert war man von dem Gedanken: der Staat kommt ja unseren Interessen entgegen, also lassen wir in ihm auch so lehren, lassen wir das geistige Leben so verwalten, wie es unseren Interessen angemessen ist, wie es aus diesem Staate selbst hervorgehen kann.
[ 25 ] Here we have one example that could be multiplied endlessly. Where this was not determined by an election law under the old order, it could develop on its own. That association, which called itself the Farmers’ Association, was, for example, a purely economic advocacy group in the German Reichstag. Let’s take another example. In the German Reichstag, there was also the so-called “Center,” a purely religious community. There, spiritual life was brought into the realm of law. Thus, spiritual interests found expression in the legal sphere. All of this is connected to what the modern state has gradually become as a result of the interests of the circles that had previously held power. When the modern era dawned with its technology and capitalism, people found this state—as it had developed out of the Middle Ages—already in place as a framework. Initially, they incorporated spiritual life into this state, training theologians—the kind the state wanted—as well as lawyers, doctors, and especially scholars; all of these were trained. The entire intellectual life was harnessed to the state. People were almost hypnotized by the idea: since the state serves our interests, let us have teaching conducted within it accordingly; let us administer intellectual life in a way that suits our interests, in a way that can emerge from the state itself.
[ 26 ] Und auf der anderen Seite glaubte man dem Fortschritte zu dienen, im Sinne der neueren Zeit zu wirken, wenn man zunächst gewisse Wirtschaftszweige, das Postwesen, Telegraphenwesen, Eisenbahnwesen in diesen modernen Staat einspannte. Das ist die Tendenz: alles zusammenzuschmelzen in dem modernen Staat. Das ist eine bürgerliche Tendenz. Auch der Sozialismus ist im Grunde genommen nichts anderes als die Erbschaft des Bürgertums, die er angetreten hat, indem er seinerseits die Ideen des alten Genossenschaftswesens wieder aufnahm, dadurch aufnahm die kapitalistische Wirtschaftsordnung, die aus seinen Forderungen heraus mit Recht überwunden werden muß. Daß er aber nun wiederum, den Rahmen des Staates benutzend, den sozialen Organismus zu einer großen Genossenschaft machen will, das ist das bürgerliche Erbe. Eine Heilung, eine wirkliche Gesundung des sozialen Organismus kann sich nur ergeben, wenn man einen Blick dafür hat, wie die Schäden, unter denen wir leben, gerade dadurch entstanden sind, daß man drei Gebiete, die nichts miteinander zu tun haben, miteinander verschmolzen hat, und daß der moderne Staat alles aufnehmen mußte, weil immer mehr und mehr gefragt wurde: Was soll der Staat tun? - Was ertun kann, man hat es gesehen in den Verheerungen, Verwüstungen Europas, die in den letzten viereinhalb Jahren eingetreten sind! Heute gebührt es vielmehr zu fragen: Was soll der Staat eigentlich unterlassen? Was ist besser, wenn er es nicht tut? - Zu dieser Frage müßte man sich heute aufschwingen. Wenn Sie den ganzen Kreis der Auseinandersetzungen betrachten, wie wir sie bisher gepflogen haben, dann werden Sie nicht erstaunt sein, wenn ich Ihnen sage, daß man auf der Grundlage gewissenhaftester Betrachtung des sozialen Lebens, wirklich mit ebenso guter Wissenschaft, die nur nicht in allen Einzelheiten im Laufe eines einzigen Vortrages vorgeführt werden kann, dazu kommt, die Forderung aufzustellen, die heute notwendigste praktische Forderung geradezu zur Befriedigung der proletarischen Bedürfnisse, nämlich: den Rückweg anzutreten in bezug auf das Verstaatlichen, in bezug auf das Zusammenschweißen von drei Dingen, die im Leben ganz verschieden voneinander sind.
[ 26 ] On the other hand, it was believed that one was serving progress and acting in the spirit of the modern era by first incorporating certain economic sectors—the postal service, the telegraph system, and the railroad system—into this modern state. That is the tendency: to merge everything into the modern state. That is a bourgeois tendency. Socialism, too, is essentially nothing other than the legacy of the bourgeoisie, which it inherited by, in turn, reviving the ideas of the old cooperative system—and thereby adopting the capitalist economic order, which, based on its own demands, must rightly be overcome. But the fact that it now, in turn, seeks to use the framework of the state to transform the social organism into one large cooperative—that is the bourgeois legacy. A cure—a true recovery of the social organism—can only come about if one understands how the ills under which we live arose precisely because three spheres that have nothing to do with one another were fused together, and because the modern state had to take on everything, as the question “What should the state do?” was asked more and more frequently. —What it can do—we have seen it in the devastation and ruin of Europe that have occurred over the past four and a half years! Today, we should rather ask: What should the state actually refrain from doing? What is better if it does not do it?—This is the question we must now address. If you consider the entire range of debates as we have conducted them thus far, you will not be surprised when I tell you that, on the basis of the most conscientious examination of social life—and indeed with equally sound scholarship, which simply cannot be presented in all its details in the course of a single lecture— one arrives at the conclusion that the most urgent practical demand today—precisely for the satisfaction of proletarian needs—is this: to reverse course with regard to nationalization, with regard to the fusion of three things that are entirely distinct from one another in life.
[ 27 ] Damit wir uns besser verstehen, lassen Sie mich Sie erinnern an jene drei Grundideen der neueren Zeit, die am Ende des 18. Jahrhunderts aus innerstem Bedürfnisse der Menschheit heraus, aus der Französischen Revolution heraus wie eine Devise der neueren Zeit erklungen sind: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. - Nun, es waren keineswegs dumme Leute des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Zeit, die immer wieder und wiederum gezeigt haben, daß diese drei Ideen miteinander nicht vereinbar sind, daß Freiheit nicht vereinbar ist mit Gleichheit und so weiter. Dennoch, wer das empfinden kann, empfindet diese Ideen selber als gesunde Stufen des menschlichen Lebens, selbst wenn sie sich widersprechen. Und warum widersprechen sie sich? Sie widersprechen sich nur, weil man sie als Forderung erhoben hat immer mehr innerhalb dessen, was nimmermehr eine einzige Zentralisation in sich selber sein kann, sondern was sich in drei voneinander unabhängige, nebeneinander sich entwickelnde Glieder spalten muß. Teilen muß sich in der Zukunft der soziale Organismus, wenn er gesund wirken will, zunächst in einen geistigen Organismus, wo alles geistige Leben seine eigene Gesetzgebung und seine eigene Verwaltung hat, wo vom untersten Lehrer an der Mensch nicht hört auf die Verfügung eines Staates, nicht eingezwängt wird in die Gewalt des Wirtschaftslebens, sondern einzig und allein lebt in einer Organisation, die auf geistige Gesetze selbst begründet ist, wo er sich ganz drinnen weiß in einer geistigen Welt, in einer rein geistigen Welt. Nicht darum handelte es sich, daß wir immer mehr und mehr in einen Beamtenorganismus, in einen Bürokratismus hineingeschnürt werden; denn Geistesleben kann sich nur entwickeln, wenn Herz und Sinn sich entwickeln für individuelle Initiative, für dasjenige, was in den persönlichen, in den individuellen Fähigkeiten des Menschen liegt. Werden sie im freien Geistesleben gepflegt, dann wird sich ein solches Geistesleben entwickeln, welches jedem Menschen ein menschenwürdiges Dasein bieten kann. Denn dann wird dasjenige, was als geistiges Leben sich entwickelt, nicht auf einem wirtschaftlichen Zwang, nicht auf einem staatlichen Zwang beruhen, sondern es wird allein aus den Impulsen entspringen, die der freien Menschlichkeit zugrunde liegen. Wer geistig produziert, wird zu allen Menschen sprechen und die geistige Organisation wird einzig und allein das Interesse haben, geistige Individualitäten zu pflegen. Die individuellen menschlichen Fähigkeiten sind eine Einheit, eine Einheit in Schulen, Mittelschulen, Universität, eine Einheit in Kunst und Wissenschaft. Einheitlich wirken aber diese mehr rein geistigen Zweige wiederum zusammen mit jenen individuellen Fähigkeiten, die in das Kapital hinein sich ergießen im sozialen Organismus.
[ 27 ] To help us understand each other better, let me remind you of those three fundamental ideas of modern times that emerged at the end of the 18th century from humanity’s deepest needs, from the French Revolution, as a motto of the modern era: liberty, equality, and fraternity. - Well, it was by no means the foolish people of the 19th century—and right up to our own time—who have shown time and again that these three ideas are incompatible with one another, that freedom is incompatible with equality, and so on. Nevertheless, anyone who can sense this perceives these ideas themselves as healthy stages of human life, even if they contradict one another. And why do they contradict each other? They contradict each other only because they have been raised as demands—increasingly so—within a framework that can never be a single, centralized entity in and of itself, but which must split into three mutually independent, coexisting components. In the future, if the social organism is to function healthily, it must divide itself first into a spiritual organism, where all spiritual life has its own laws and its own administration, where—starting with the lowliest teacher—the individual does not heed the dictates of a state, is not constrained by the Powers of economic life, but lives solely within an organization founded upon spiritual laws themselves, where he knows himself to be fully immersed in a spiritual world, in a purely spiritual world. The point was not that we should be increasingly constrained within a bureaucratic system; for spiritual life can develop only when the heart and mind open themselves to individual initiative, to that which lies in the personal, individual abilities of the human being. If these abilities are nurtured within a free spiritual life, then a spiritual life will develop that can offer every human being a dignified existence. For then what develops as spiritual life will not be based on economic coercion or state coercion, but will spring solely from the impulses that underlie free humanity. Those who produce spiritually will speak to all people, and the spiritual organization will have the sole interest of nurturing spiritual individualities. Individual human abilities form a unity—a unity in elementary schools, secondary schools, and universities; a unity in art and science. Yet these more purely spiritual branches, in turn, work in unity with those individual abilities that flow into capital within the social organism.
[ 28 ] Der Kapitalismus kann allein dadurch auf eine gesunde Grundlage gestellt werden, daß er der Träger wird eines freien Geisteslebens. Das allein würde die Möglichkeit gewähren, die Forderung zu erfüllen, die heute gewöhnlich ausgesprochen wird mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Denn nur ein freies Geistesleben kann soziales Verständnis hervorrufen, und nur im freien Geistesleben ist es möglich, immerzu in die Allgemeinheit dasjenige überzuleiten, was mit Hilfe von Produktionsmitteln und von Grund und Boden zustande kommt. Das zunächst in bezug auf das freie Geistesleben.
[ 28 ] Capitalism can be placed on a sound foundation only by becoming the vehicle for a free intellectual life. That alone would make it possible to fulfill the demand that is commonly expressed today as the socialization of the means of production. For only a free intellectual life can foster social understanding, and only within a free intellectual life is it possible to continually channel into the public sphere that which is brought about with the help of the means of production and land. This, first of all, with regard to the free intellectual life.
[ 29 ] Als eine selbständige Organisation muß sich im gesunden sozialen Organismus auch dasjenige entwickeln, was Rechtsstaat ist, der eigentliche politische Staat. Er hat es zu tun zum Beispiel mit der Regelung der Verwaltung der Leitungsverhältnisse. Er hat es aber vor allem zu tun mit der Regelung der menschlichen Arbeitskraft, die herausgehoben werden muß nicht durch abstrakte Gesetze, sondern durch Menschen selber herausgehoben werden muß aus dem bloßen Wirtschaftsprozeß.
[ 29 ] Within a healthy social organism, the rule of law—the actual political state—must also develop as an independent organization. Its role, for example, involves regulating the administration of leadership structures. Above all, however, it is concerned with regulating human labor, which must be elevated—not through abstract laws, but by people themselves—out of the mere economic process.
[ 30 ] Wie muß der Wirtschaftsprozeß verlaufen? Der Wirtschaftsprozefß ist auf der einen Seite abhängig von dem, was an seiner Grenze steht, von der Naturgrundlage, von den vorhandenen Rohstoffen eines Gebietes, von den Erträgnissen des Bodens und so weiter. Man kann bis zu einem gewissen Grade das Erträgnis des Bodens verbessern durch die Technik; aber eine Grenze ist da geboten, eine Grenze, welche errichtet wird für den Wohlstand, eine Grenze, von welcher die Preise abhängig sind. Das ist die eine Grenze. Im gesunden sozialen Organismus muß es eine zweite Grenze geben. Diese zweite Grenze ist der selbständig neben dem Wirtschaftsorganismus sich entwickelnde Rechts-, der politische Organismus. Im politischen Organismus wirkt das, wovor alle Menschen gleich sind, was demokratisch jeden Menschen angeht, wo jeder Mensch mit jedem Menschen sich verständigen muß. Das ist der Boden, auf dem entschieden werden muß aus den Interessen dieser Menschlichkeit heraus Maß und Art der menschlichen Arbeit. Dann erst, wenn auf dem vom Wirtschaftsboden unabhängigen Rechtsboden entschieden ist über Maß und Art der menschlichen Arbeit, dann fließt diese Arbeit in den Wirtschaftsprozeß hinein, dann ist die Arbeitskraft des Menschen preisbildend. Dann diktiert niemand der Arbeitskraft den Preis, dann ist sie so preisbildend, wie der Boden mit seinen Erträgnissen und so weiter selbst preisbildend ist. Das wird das große wirtschaftliche Gesetz der Zukunft sein, daß das Wirtschaftsleben eingespannt ist zwischen zwei Grenzen, so daß nicht aus den wirtschaftlichen Kräften selbst heraus Maß und Preis der menschlichen Arbeit bestimmt werden.
[ 30 ] How must the economic process unfold? On the one hand, the economic process depends on what lies at its boundaries—on the natural foundation, on the raw materials available in a region, on the soil’s yields, and so on. To a certain extent, one can improve soil productivity through technology; but there is a limit here—a limit that is set for prosperity, a limit on which prices depend. That is one limit. In a healthy social organism, there must be a second limit. This second limit is the legal and political organism, which develops independently alongside the economic organism. In the political organism, what operates is that in which all people are equal, what democratically concerns every person, and where every person must communicate with every other person. This is the ground on which the extent and nature of human labor must be determined based on the interests of humanity as a whole. Only then—once the scope and nature of human labor have been determined on the legal ground independent of the economic ground—does this labor flow into the economic process, and only then does human labor power determine prices. Then no one dictates the price of labor; rather, it determines its own price just as the land, with its yields and so on, determines its own price. This will be the great economic law of the future: that economic life is constrained between two limits, so that the extent and price of human labor are not determined by economic forces alone.
[ 31 ] Und das dritte unabhängige Gebiet wird das Wirtschaftsleben selbst sein. Ich kann der Kürze der Zeit willen nur andeuten, wie bedeutsam diese Umgestaltung des Wirtschaftslebens ist. Ich will ein konkretes Beispiel anführen, damit Sie sehen, daß ich Ihnen hier nicht vertrackte Theorien vortrage, sondern dasjenige, was aus dem praktischen Leben heraus ablesbar ist und in das praktische Leben hinein kann. Man braucht nur ein Wort zu nennen, dann steht in diesem Worte mit seinen Gedanken jeder Mensch sogleich im Wirtschaftsleben drinnen - nun, der eine in anderer Art als der andere -, man braucht nur das Wort «Geld» zu nennen. Aber sehen Sie, das Geld kennen ja die meisten Menschen; manche kennen es von den reichlichen Mengen, in denen sie es haben, manchen von den geringen Mengen, in denen sie es haben; aber sie glauben es zu kennen. Was aber Geld im sozialen Organismus eigentlich ist, davon haben, ich will nicht nur sagen, die Alltagsmenschen keine rechte Ahnung, sondern es haben unsere heutigen gelehrten Volkswirtschaftslehrer recht wenig Ahnung von dem, was eigentlich Geld ist. Die einen sind der Ansicht, das Geld beruhe auf dem Metallwert des Goldes oder des Silbers, der zugrunde liegt; die anderen sind der Ansicht, es sei eine bloße Marke, je nachdem der Staat mehr oder weniger dünne Anweisungen auf Waren und so weiter abstempelt. Man spricht von einem metaphysischen Prozeß des Geldes und so weiter, wie alle die Dinge sind; man hat ja in der Wissenschaft immer das Bedürfnis, recht gelehrte Worte zu wählen. Aber auf das alles kommt es nicht an; sondern die gelehrtesten Herren sind heute darinnen einverstanden, daß für das Austauschmittel Geld etwas da sein müsse. Dasjenige, was da sein müsse, sei der Goldschatz, auf den man immer wieder zurückkommen müsse, damit das Geld einen Wert habe.
[ 31 ] And the third independent sphere will be economic life itself. Due to time constraints, I can only hint at how significant this transformation of economic life is. I’d like to give a concrete example so that you can see that I’m not presenting you with convoluted theories here, but rather what can be gleaned from practical life and applied to practical life. One need only mention a single word, and through that word and the ideas it evokes, every person is immediately immersed in economic life—albeit in different ways—one need only mention the word “money.” But you see, most people are familiar with money; some know it from the abundant amounts they possess, others from the meager amounts they have; but they believe they understand it. But as for what money actually is within the social organism—I won’t just say that ordinary people have no real idea, but even our learned economists today have very little understanding of what money actually is. Some are of the opinion that money is based on the metal value of gold or silver that underlies it; others are of the opinion that it is merely a token, depending on which the state stamps more or less flimsy warrants for goods and so on. People speak of a metaphysical process of money and so on, as is the nature of all such things; after all, in academia there is always a need to choose rather scholarly words. But none of that matters; rather, even the most learned gentlemen today agree that there must be something behind money as a medium of exchange. That which must be there is the gold reserve, to which one must always return so that money has value.
[ 32 ] Nun läßt sich ja heute, nicht wahr, da England die Weltmacht besitzt und auf Gold besteht, im internationalen Verkehr selbstverständlich die Goldwährung nicht von heute auf morgen überwinden. Aber die Frage muß man doch gerade gegenüber der Gesundung des Wirtschaftslebens aufwerfen: Wie verhält es sich eigentlich damit, daß die Leute sagen, das zirkulierende Geld, gleichgültig in welcher Form, muß immer wieder zurückbezogen werden auf die Menge von Gold, die vorhanden ist in irgendeinem Staat, denn, so sagt man, Gold ist eine beliebte Ware, eine Ware, die längere Zeit ihren Wert nicht verändert. - Alle diese Theorien können Sie ja nachlesen. Man bezieht sich eben darauf, welche vorzüglichen Eigenschaften das Gold hat, um sich repräsentieren zu lassen durch das Geld.
[ 32 ] Now, of course, today—since England is the world power and insists on gold—the gold standard cannot be abolished overnight in international trade. But the question must be raised, particularly in light of the recovery of economic life: What is the truth behind the claim that money in circulation, regardless of its form, must always be traceable back to the amount of gold available in any given state—since, as they say, gold is a popular commodity, one whose value remains stable over time? - You can read about all these theories for yourself. People simply point to the excellent qualities that gold possesses, which allow it to be represented by money.
[ 33 ] Nun, was ist es denn aber eigentlich, worauf in Wirklichkeit Geld sich bezieht, so bezieht, wie die Nationalökonomen glauben, daß sich das Geld auf das Gold bezieht? Hier ist ein größerer Fortschritt der Wissenschaft notwendig. Eine Antwort ist notwendig, an die die Leute heute noch nicht glauben werden. Ich werde ausführlicher in meinem demnächst erscheinenden Büchelchen über die soziale Frage auch von diesem sprechen. Die Leute behaupten heute noch, nicht an diese Antwort zu glauben. Allein, wer unbefangen hinblickt auf das Wirtschaftsleben, der bekommt zur Antwort, wenn er fragt: Was ist eigentlich der wirkliche, der reale Gegenwert für das zirkulierende Geld? - er bekommt die Antwort, so sonderbar es dem heutigen Menschen noch klingt: Gold ist nur ein Scheinwert, wo er auch sein mag. - Dasjenige, was in Wahrheit dem Gelde entspricht, das ist die Summe aller in einem sozialen Territorium vorhandenen Produktionsmittel, einschließlich Grund und Boden. Darauf bezieht sich alles das, was durch Geld nur ausgedrückt wird. Alle die schönen Eigenschaften, die die Nationalökonomen dem Golde zuschreiben, damit es die Währung abgeben kann, alle diese Eigenschaften, sie sind in Wahrheit zuzuschreiben den Produktionsmitteln. Daher muß gerade aus der Warenzirkulation mit Hilfe des Geldes die Frage resultieren: Wie kann werden dasjenige, was allerdings in immer fortgehender Verwandlung, in immer fortgehender Neugestaltung, aber als ein bester Wert, aller Volkswirtschaft zugrundeliegt, wie kann werden solch eine einheitliche Grundlage des Wirtschaftslebens, wie das Geld selbst, das nur der Repräsentant ist? Alles, was in den Produktionsmitteln lebt, so gemeinsam, wie seiner Art nach das Geld ist, so gemeinsam müssen die Produktionsmittel sein. Das heißt, ihre Zirkulation muß eine solche sein, welche dem entspricht, daß niemand an Produktionsmitteln arbeiten kann als dadurch, daß der gesamte soziale Organismus mitarbeitet.
[ 33 ] Well, what, then, is it that money actually refers to—just as economists believe that money refers to gold? Here, greater scientific progress is necessary. An answer is needed—one that people today will not yet believe. I will discuss this in more detail in my forthcoming booklet on the social question. People still claim today that they do not believe this answer. Yet anyone who looks impartially at economic life will receive the answer when they ask: What is actually the real, tangible equivalent of the money in circulation?—they will receive the answer, however strange it may still sound to people today: Gold is merely a notional value, wherever it may be. —What truly corresponds to money is the sum of all means of production existing within a social territory, including land. Everything that is merely expressed through money relates to this. All the fine qualities that economists attribute to gold so that it can serve as currency—all these qualities are, in truth, attributable to the means of production. Therefore, the question must arise precisely from the circulation of commodities with the aid of money: How can that which—though in a state of constant transformation and constant reconfiguration—nonetheless serves as the ultimate value underpinning the entire national economy become a unified foundation of economic life, just as money itself, which is merely its representative? Everything that exists in the means of production—as common as money is by its very nature—must be equally common among the means of production. That is to say, their circulation must be such that no one can work on the means of production except through the cooperation of the entire social organism.
[ 34 ] Zweierlei ist zu berücksichtigen dabei. Erstens, daß dem gesellschaftlichen Organismus Unendliches verloren gehen würde, wenn man die individuellen Fähigkeiten ausschließen würde. Der Mensch soll durch seine individuellen Fähigkeiten, solange er sie hat und solange er sie gebrauchen will, für den sozialen Organismus arbeiten. Aber in dem Augenblicke, wo er nicht mehr für den sozialen Organismus arbeitet, müssen die Produktionsmittel, die er verwaltet, übergeführt werden durch den Rechtsstaat in die Allgemeinheit des sozialen Organismus.
[ 34 ] Two things must be taken into account here. First, that the social organism would lose an infinite amount if individual abilities were excluded. People should work for the social organism through their individual abilities, as long as they possess them and as long as they wish to use them. But the moment they no longer work for the social organism, the means of production they manage must be transferred by the constitutional state to the collective of the social organism.
[ 35 ] Ich brauche nur auf einen Zweig unseres modernen Lebens hinzuweisen, da ist die Sache durchgeführt. Es ist derjenige Zweig, der dem modernen Menschen so ziemlich als der schofelste, als der allerunbedeutendste, unbeträchtlichste gelten muß, weil man ihn so behandelt im modernen Kapitalismus: das ist das geistige Leben. Was man geistig produziert, das hängt ganz gewiß mit der individuellen Fähigkeit zusammen; aber dreißig Jahre nach dem Tode geht es in die Allgemeinheit über, gehört einem nicht mehr. - Dieses schofelste, dieses unbedeutendste Gut, das wird heute so behandelt. Man sucht einen Weg, wodurch das, was der einzelne hervorbringt, übergeleitet wird in die Gesellschaft. Um diese Überleitung geht es. Es ist auch auf geistigem Gebiete durchaus gerecht. Denn das, was man auf Grundlage seiner individuellen Fähigkeiten hat, verdankt man trotzdem dem sozialen Organismus, und man muß dem sozialen Organismus das wieder zurückgeben, was man auf Grund seiner individuellen Fähigkeiten erlangt hat.
[ 35 ] I need only point to one aspect of our modern life, and the point is made. It is the aspect that modern people must regard as the most contemptible, the most insignificant, and the most trivial—precisely because it is treated as such in modern capitalism: that is, intellectual life. What one produces intellectually is certainly linked to individual ability; but thirty years after one’s death, it passes into the public domain and no longer belongs to the individual. —This most trivial, this most insignificant asset is treated this way today. A way is being sought to transfer what the individual produces into society. That is what this transfer is all about. This is also entirely just in the intellectual sphere. For what one possesses on the basis of one’s individual abilities is nevertheless owed to the social organism, and one must give back to the social organism what one has attained through one’s individual abilities.
[ 36 ] So muß in der Zukunft durch den Rechtsstaat auch das, was mit Hilfe von materiellen Produktionsmitteln hervorgebracht wird, in die Allgemeinheit übergeleitet werden. Nicht darüber hat man nachzudenken, wie man bürokratisch vergesellschaften kann die Produktionsmittel, wie in der bisherigen Gesellschaftsordnung. Herausgewachsen sind diejenigen, die unterdrücken, aus dem Kapitalismus heraus. So wird sich in der zukünftigen Gesellschaftsordnung aus dem Bürokratismus heraus, aus den eigenen Reihen derer, die sich heute Sozialisten nennen, der Unterdrücker rekrutieren, wenn man nur hinarbeiten würde auf eine genossenschaftliche Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Aber eine gerechte Entfaltung dessen, was der einzelne aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus produziert, eine gerechte Überleitung ist diejenige in die Vergesellschaftlichung. Dahin hat man zu streben. Dann wird man, wenn man dies durchdenkt, einsehen: Viele haben aus einer alten Wirtschaftsgestaltung und Staatsordnung, Geistesordnung heraus gesagt: wollen wir die Menschheit zusammenhalten, dann brauchen wir, was sich gegenseitig stützt, Thron und Altar. Nun ja, in der neueren Zeit ist der Thron oftmals ein Präsidentensessel, und der Altar eine Wertheimsche Kasse. Die Gesinnung ist aber bei beiden oftmals ganz ähnlich.
[ 36 ] Thus, in the future, the rule of law must also ensure that what is produced with the aid of material means of production is transferred to the community at large. We need not consider how to socialize the means of production bureaucratically, as in the previous social order. Those who oppress have emerged from capitalism. Thus, in the future social order, the oppressors will be recruited from within the ranks of bureaucrats—from among those who today call themselves socialists—if we were only to work toward a cooperative socialization of the means of production. But a just realization of what the individual produces through his or her own abilities—a just transition—is the path toward socialization. That is what we must strive for. Then, if one thinks this through, one will realize: Many have said, based on an old economic system, state order, and intellectual framework: if we want to hold humanity together, we need things that support one another—the throne and the altar. Well, in more recent times, the throne is often a presidential chair, and the altar a Wertheim cash register. Yet the mindset behind both is often quite similar.
[ 37 ] Es fragt sich nur, ob es besonders viel besser werden würde, wenn sich Thron und Altar bloß verwandeln würden in Kontor und Maschine und Fabrik, und wenn alles statt der bisherigen Verwaltung eine bloße Buchführung würde. Dasjenige, was man als soziale Forderung stellt, das ist tief berechtigt; allein, wir leben in einem geschichtlichen Wendepunkte. Wir brauchen Gedanken, welche das Alte gründlich umformen. Und wie zueinander gestrebt haben Geistesleben, wirtschaftliches Leben, politisches Staatsleben unter dem Einfluß der bürgerlichen Kreise der neueren Zeit, so sollte verstehen der moderne Proletarier, daß der Rückweg angetreten werden muß. Hat doch dieser moderne Proletarier sich ein Verständnis für die Gliederung angeeignet dadurch, daß er studiert hat, wie die einzelnen Wirtschafts- und Lebenskreise zueinander wirken müssen, hat er doch den Klassenkampf studiert, hat er doch die Wirtschaftskreise in ihrem Verhältnis zueinander wirklich kennengelernt! Ein Verständnis müßte er haben, daß die Einheit des sozialen Organismus nicht gestört, sondern im Gegenteil gefördert wird, wenn nicht eine bloße einheitliche Zentralisierung, in der alles vermuddelt wird, gesucht wird, sondern wenn voneinander getrennt werden mit eigenen Verwaltungen, mit eigenen Gesetzmäßigkeiten die drei Zweige, geistige Organisation, Rechts- oder Staatsorganisation, Wirtschaftsorganisation.
[ 37 ] The only question is whether things would really be much better if the throne and the altar were simply transformed into offices, machines, and factories, and if everything were reduced to mere bookkeeping instead of the current system of administration. The demands being made in the social sphere are deeply justified; yet we are living at a turning point in history. We need ideas that will thoroughly transform the old order. And just as intellectual life, economic life, and political life have converged under the influence of the bourgeois circles of recent times, so too should the modern proletarian understand that we must set out on the path back. After all, this modern proletarian has acquired an understanding of this structure by studying how the various spheres of the economy and life must interact with one another; he has studied the class struggle; he has truly come to know the economic spheres in their relationship to one another! He should understand that the unity of the social organism is not disrupted but, on the contrary, promoted—not by seeking a mere uniform centralization in which everything becomes muddled, but by separating the three branches—intellectual organization, legal or state organization, and economic organization—each with its own administration and its own set of laws.
[ 38 ] Sagen Sie nicht, das sei kompliziert, wie souveräne Staaten aufeinander wirken sollten! Das wird sich alles in viel intensiverer Weise, in einer viel harmonischeren Weise ergeben als jetzt, wo alles durcheinanderflutet und chaotisch ist. Wird der moderne Proletarier, hinschauend und hinfühlend auf seine Forderungen, nach wirklich praktischen Lösungen seiner Lebensfragen, nach Erfüllung seiner Hoffnungen streben, dann wird er dieser Gliederung, die vielleicht heute noch fremd klingt, sich zuwenden. Und ich glaube nicht, daß in anderen Kreisen soviel Verständnis jemals sein könnte für die neueren geschichtlichen Dinge, wie gerade in proletarischen Kreisen. Oh, ich habe es gesehen, indem ich in den letzten viereinhalb Jahren oft und immer wiederum den Leuten Vorschläge nach dieser Richtung gemacht habe, ich habe ihnen gesagt: Dasjenige, was mit dieser Dreigliederung gefordert wird, das ist nicht ein abstraktes Programm, nicht ein Hirngespinst, das in einer Nacht entstanden ist, das ist aus dem Leben heraus, das ist dasjenige, was in den nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahren sich namentlich in Europa verwirklichen will. Und es wird sich verwirklichen, ob ihr nun wollt oder nicht; ihr habt nur die Wahl, entweder jetzt Vernunft anzunehmen, und aus der freien Wahl heraus manches zu verwirklichen, oder ihr steht vor Revolutionen ungeheuerster Art. - Nun, die Revolutionen sind bald gekommen!
[ 38 ] Don’t say it’s complicated—how sovereign states should interact with one another! It will all work out in a much more intense and harmonious way than it does now, when everything is in disarray and chaotic. If the modern proletarian, observing and feeling his own demands, strives for truly practical solutions to the questions of his life and for the fulfillment of his hopes, then he will turn to this structure, which may still sound foreign today. And I do not believe that there could ever be as much understanding in other circles for the newer historical developments as there is precisely in proletarian circles. Oh, I have seen this myself, having repeatedly made suggestions along these lines to people over the past four and a half years; I have told them: What is called for by this threefold social order is not an abstract program, not a figment of the imagination that arose overnight; it springs from life itself, and it is what will come to pass in the next ten, twenty, or thirty years, particularly in Europe. And it will come to pass, whether you want it to or not; you have only the choice of either accepting reason now and bringing some of it to fruition out of free will, or facing revolutions of the most monstrous kind. — Well, the revolutions are coming soon!
[ 39 ] Deshalb glaube ich, daß derjenige, der durch die äußeren Lebensverhältnisse hingestellt worden ist an dasjenige, was menschlich zunächst nichts sagt, an die leblose Maschine, eingespannt worden ist in den verödenden Kapitalismus, ich glaube, der müsse ein Verständnis haben für solche Ideen, die vom Alten sich unterscheiden, die aber mit dem Neuen, Entstehenden, Werdenden innig verwandt sind. Und ich habe die Überzeugung und glaube, daß sie sich allmählich in die Herzen und Seelen des neueren Menschen, des modernen Proletariers insbesondere, einsenken werden, ich habe die Überzeugung: Versteht der Proletarier im richtigen Sinne diese Forderungen und die Möglichkeit ihrer Lösung, dann wird er, indem er ein klassenbewußter Proletarier geworden ist, der nach seiner Befreiung hinarbeitet, seine Klasse, damit zugleich aber den Menschen befreien, dann wird er etwas anderes an die Stelle der Klasse setzen: den dreigliedrigen gesunden sozialen Organismus. Er wird dann damit nicht bloß der Befreier seiner Klasse werden, sondern der Befreier der ganzen Menschheit, das heißt alles desjenigen, was als wahrhaft Menschliches in der Menschheit befreit zu werden verdient und befreit werden soll.
[ 39 ] That is why I believe that anyone who, due to external circumstances, has been placed in a situation that, at first glance, seems meaningless—a lifeless machine—and has been ensnared in desolating capitalism, I believe that person must have an understanding of ideas that differ from the old but are intimately related to the new, the emerging, the becoming. And I am convinced—and believe—that these ideas will gradually sink into the hearts and souls of the new man, the modern proletarian in particular; I am convinced: If the proletarian understands these demands and the possibility of their solution in the true sense, then—having become a class-conscious proletarian who works toward his own liberation—he will liberate his class and, in doing so, liberate humanity as a whole; then he will replace the class with something else: the threefold, healthy social organism. He will then become not merely the liberator of his class, but the liberator of all humanity—that is, of everything within humanity that, as truly human, deserves to be liberated and must be liberated.
[ 40 ] Diskussion
[ 40 ] Discussion
[ 41 ] Der Veranstalter spricht in tief empfundenen Worten sein Erstaunen darüber aus, daß der Arbeiterbewegung von ihr bisher ganz unbekannter Seite Verständnis entgegengebracht wird. Er spricht seinen Dank nicht nur für den Vortrag, sondern auch für die diesem vorausgegangene Geistesarbeit aus.
[ 41 ] The organizer expresses, in heartfelt words, his astonishment that the labor movement is being met with understanding from a perspective entirely unknown to it until now. He expresses his gratitude not only for the lecture, but also for the intellectual work that preceded it.
[ 42 ] 1. Redner (Dr. Schmidt): Ist mit der Zielsetzung Steiners einverstanden, fragt nach dem Weg zur Verwirklichung. Dieser sei vorgezeichnet durch die bisherige sozialistische Bewegung: Partei, Gewerkschaft, genossenschaftliche Bewegung. Die drei Lebensgebiete werden wie heute so auch in Zukunft unter sich verbunden bleiben, aber von den Trägern der sozialistischen Bewegung gestaltet werden. Erstes Ziel muß Änderung der wirtschaftlichen Ordnung im Sinne der Gleichheit sein.
[ 42 ] 1st Speaker (Dr. Schmidt): Agrees with Steiner’s objective, but asks how it can be achieved. He argues that the path has already been laid out by the socialist movement to date: the party, the labor unions, and the cooperative movement. The three spheres of life will remain interconnected in the future, just as they are today, but will be shaped by the leaders of the socialist movement. The first goal must be to change the economic order in the spirit of equality.
[ 43 ] 2. Redner: Über den Inhalt der Zielsetzung wird man leicht einig werden. Dreigliederung sei eine Utopie (Hinweis auf Fourier). Der Weg dahin ist durch die Entwicklungstendenz der Zeit vorbestimmt: den Klassenkampf.
[ 43 ] 2nd Speaker: It will be easy to reach agreement on the content of the objective. A threefold social order is a utopia (reference to Fourier). The path toward it is predetermined by the historical trend of the times: the class struggle.
[ 44 ] 3. Redner: Auch die geistige Bewegung ist zu berücksichtigen. Jede Revolution ist durch Ideen vorbereitet worden.
[ 44 ] 3. Speaker: The intellectual movement must also be taken into account. Every revolution has been paved the way by ideas.
[ 45 ] 4, Redner: Die Kriegserfahrungen haben die materialistische Geschichtsauffassung bestätigt. Widerspricht der Feststellung, daß der Sozialismus die bürgerliche Staatsgläubigkeit übernehme. Die Diktatur des Proletariats har keinen anderen Zweck, als die Abschaffung des Staates vorzubereiten. Geistige Freiheit wird erst in einer Gemeinschaft frei produzierender Menschen möglich sein. Nur die proletarische Massenbewegung hat Aussicht auf Erfolg.
[ 45 ] 4, Speaker: The experiences of war have confirmed the materialist conception of history. This contradicts the assertion that socialism adopts the bourgeois belief in the state. The dictatorship of the proletariat has no other purpose than to prepare for the abolition of the state. Intellectual freedom will only be possible in a community of freely producing people. Only the proletarian mass movement has a chance of success.
[ 46 ] Rudolf Steiner: Was die verehrten Herren Redner gesagt haben, wird eigentlich gar nicht viel Möglichkeit bieten, auf das eine oder andere einzugehen, aus dem Grunde, weil es ja ganz natürlich ist, daß aus den geläufigen Anschauungen heraus die gemachten Einwendungen eben getan werden. Ich möchte sagen, ich habe bis ins einzelste herein die Dinge, die gesagt worden sind, erwarten können. Ich möchte nur mit Bezug auf einige mir wichtig erscheinende Punkte Ihre Zeit noch ein wenig in Anspruch nehmen.
[ 46 ] Rudolf Steiner: What the esteemed speakers have said does not really offer much opportunity to address one point or another, for the simple reason that it is only natural that the objections raised stem from commonly held views. I would like to say that I fully anticipated everything that has been said, down to the smallest detail. I would just like to take up a little more of your time to address a few points that seem important to me.
[ 47 ] Vorerst möchte ich auf folgendes aufmerksam machen. Man kann, wenn so etwas gesagt wird, wie ich heute abend es gesagt habe, immer wiederum eine Art Einwand hören, der darinnen besteht, daß gesagt wird: Ich kann mir nicht gut vorstellen, wie die Dinge sich in Wirklichkeit umsetzen. Und auf der anderen Seite wird verlangt geradezu, daß man nur ja keine Utopie geben soll. Ich glaube schon, daß es eine Zeitlang dauern wird, bis man erkennen wird, dafß dasjenige, was ich heute abend vorgebracht habe, sich zu einer Utopie wirklich verhält, wie sich das Schwarze zum Weißen verhält: es ist nämlich das Gegenteil einer Utopie. Die Dinge hängen ein bißchen zusammen. Dasjenige, was ich sagen wollte, ist eben wirklich nicht anders zu charakterisieren als so, wie ich schon manchem Menschen gesagt habe: Das liegt in der Entwickelungstendenz der nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre. Und ob wir wollen oder nicht, wir werden es durchführen müssen, entweder durch Vernunft oder durch Revolutionen. Es gibt eben keine Wahl, es nicht durchzuführen, weil die Zeit selbst es will. Und die Entwickelung der Menschheit hat schon zuweilen wirklich Richtlinien, die sie eingeschlagen hat, auch wiederum zurückgemacht scheinbar, und es handelt sich ja natürlich nicht um einen wirklichen Rückweg in frühere Zustände, sondern natürlich ist dann der Rückweg ein Weg zu völlig neuer Gestaltung. Nicht wahr, das weiß man natürlich, dafß das Gewerkschaftsleben, das Genossenschaftsleben, das politische Parteileben in der neueren Zeit Ungeheures geleistet haben und daß dem sehr viel zu verdanken ist. Aber auf der anderen Seite muß man sagen, daß in all den Dingen, die da geleistet worden sind, eben doch irgend etwas Unbefriedigendes, etwas noch nicht Fertiges drinnen stecken muß. Wir stehen heute nicht vor der Überzeugung, daß neue Tatsachen da sind. Aber es ist etwas da in der Tat, was nun endlich in anderer Weise eine Orientierung fordert, als man es bisher gehabt hat! Wenn gesagt wird, ich hätte die Macht der Idee überschätzt - ich habe ja gar nicht von Ideen gesprochen! Ich habe gerade das Gegenteil von dem gesprochen, was man als Macht der Idee bezeichnen könnte. Was habe ich denn eigentlich hingestellt als Forderung? Ich habe hingestellt eine mögliche gesellschaftliche Organisation. Ich habe hingewiesen darauf, wie die Menschen stehen sollen zueinander, damit sie das Richtige finden. Ein Utopist geht eigentlich immer von der Idee aus, so und so solle die gesellschaftliche Ordnung gestaltet sein. Er hält sich im Grunde genommen für gescheiter als alle anderen Leute; auf ihn hat man zu warten, und nachdem er geredet hat, hat man nichts mehr weiter zu reden. Er setzt sich dann, wenn er den Kontakt nicht findet, in seine Dachkammer und wartet. Es fällt mir gar nicht ein, nicht im allergeringsten, weder auf einen Millionär zu warten, noch irgendwie zu glauben, daß ich über diese oder jene Dinge Besseres weiß als ein anderer Mensch.
[ 47 ] First of all, I would like to draw attention to the following. Whenever something like what I said tonight is said, one always hears a certain kind of objection, which goes something like this: “I don’t have a clear mental image of how these things would work out in reality.” And on the other hand, there is an almost insistent demand that one must not, under any circumstances, present a utopia. I do believe it will take some time before people realize that what I have presented this evening really stands in the same relationship to a utopia as black does to white: namely, it is the very opposite of a utopia. These things are somewhat interconnected. What I wanted to say really can’t be characterized any differently than how I’ve already told many people: This is part of the trend of development over the next ten, twenty, thirty years. And whether we like it or not, we’ll have to carry it out—either through reason or through revolutions. There is simply no choice but to carry it out, because time itself demands it. And the development of humanity has indeed at times followed certain paths—paths it has taken, only to seemingly retrace its steps—and of course this is not a true return to earlier states, but rather the path back is a path toward a completely new form. Isn’t that right? Of course, we know that trade union life, cooperative life, and political party life have achieved tremendous things in recent times, and that we owe a great deal to them. But on the other hand, one must say that in all the things that have been accomplished, there must still be something unsatisfactory, something not yet complete. We are not convinced today that new realities exist. But there is indeed something there that now finally calls for a different kind of orientation than we have had up to now! When it is said that I have overestimated the power of the idea—I haven’t even spoken of ideas at all! I have spoken of precisely the opposite of what one might call the power of the idea. What, then, have I actually put forward as a demand? I have presented a possible social organization. I have pointed out how people should relate to one another so that they may find the right path. A utopian actually always starts from the idea that the social order should be shaped in such-and-such a way. He essentially considers himself smarter than everyone else; people have to wait for him, and once he has spoken, there is nothing left to discuss. If he can’t make contact, he retreats to his attic and waits. It doesn’t even occur to me—not in the slightest—to wait for a millionaire, nor to believe in any way that I know better than anyone else about this or that matter.
[ 48 ] Sehen Sie, es gibt eine sehr allgemeine soziale Erscheinung, die der Mensch als einzelner Mensch nicht erreichen kann, das ist die menschliche Sprache selber. Unzählige Male wird gesagt: Wenn der Mensch auf einer einsamen Insel lebt, allein aufwächst, ohne andere Menschen reden zu hören, so kommt er selbst auch nicht zur Sprache. Die Sprache entwickelt sich aus einer sozialen Erscheinung am Menschen, durch die anderen Menschen. So ist es mit allen sozialen Impulsen. Wir können zu gar nichts Sozialem kommen, als indem die Menschen in der richtigen Weise aufeinander wirken; deshalb mußte ich entwickeln eine Idee. Es fällt mir gar nicht ein, zu glauben, daß man mit einer Idee irgend etwas reformieren kann. Ich suchte die Frage zu beantworten: Wie werden die Menschen, wenn sie in der richtigen Weise zueinander stehen, wenn sie verwalten auf der einen Seite das Wirtschaftsleben, auf der anderen Seite das Rechtsleben, auf der dritten Seite das Geistesleben, wie werden dann die Menschen sich entwickeln? Man wird vorzugsweise Assoziationen einrichten im Wirtschaftsstaat, aus Produzenten und Konsumenten, aus Berufsständen zusammengesetzt und so weiter; wenn sie im demokratischen Rechtsstaate leben, werden aus ganz anderen Voraussetzungen heraus erwachsen die Ideen, der Impuls der Gleichheit aller Menschen vor der Wirklichkeit. Wenn sie in der geistigen Organisation drinnen stehen: Wie werden sie da aufeinander wirken? Sehen Sie, man braucht ja nur auf die Wirklichkeit hinzuschauen. Ein Richter kann Tanten, Onkels, Großväter, Enkel haben und so weiter, die kann er recht lieb haben, zärtlich lieben, und das ist gut. Wenn aber einer stiehlt, und er gerade als Richter urteilen soll, so wird er es genau ebenso verurteilen müssen, aus der anderen Quelle heraus, wie er einen ganz Fremden verurteilen müßte.
[ 48 ] You see, there is a very general social phenomenon that a person cannot achieve on their own—that is human language itself. It has been said countless times: If a person lives on a deserted island, grows up alone, without hearing other people speak, then that person will never develop language. Language develops from a social phenomenon in human beings, through other people. This is true of all social impulses. We cannot achieve anything social except through people interacting with one another in the right way; that is why I had to develop an idea. It would never occur to me to believe that one can reform anything with an idea. I sought to answer the question: How will people develop if they relate to one another in the right way—if, on the one hand, they manage economic life, on the other, legal life, and on the third, spiritual life? In the economic sphere, one will primarily establish associations composed of producers and consumers, professional groups, and so on; when they live in a democratic constitutional state, ideas will arise from entirely different premises—the impulse toward the equality of all people in the face of reality. When they are part of the spiritual organization: How will they interact with one another there? You see, one need only look at reality. A judge may have aunts, uncles, grandfathers, grandchildren, and so on; he may be very fond of them, love them tenderly, and that is good. But if one of them steals, and he happens to be the judge presiding over the case, he will have to condemn them just as he would a complete stranger, drawing from that other source.
[ 49 ] Es ist mir öfter gerade von Professoren erwidert worden, ich wolle die Menschheit in drei Klassen teilen. Das Gegenteil will ich! Früher wurde geteilt in Nährstand, Lehrstand und Wehrstand. Aber der heutige Lehrstand lehrt nichts. Der Nährstand ist nichts weiteres als ein Gewaltstand, und der Wehrstand, dem wird ja die Aufgabe gestellt, dasjenige den Besitzlosen zu sagen, was die Besitzenden wollen! Ja, sehen Sie, das ist dasjenige, was gerade überwunden werden soll: die Stände, die Klassen sollen überwunden werden gerade dadurch, daß man den Organismus als solchen, abgesondert vom Menschen gliedert. Der Mensch ist ja das Vereinigende. Er wird auf der einen Seite im Wirtschaftsorganismus drinnen stehen, und kann ebenso, indem er im Wirtschaftsorganismus drinnen steht, Mitglied der Vertretung des politischen Staates sein; er kann auch dem Geistesleben angehören. Dadurch ist die Einheit geschaffen. Ich will gerade den Menschen dadurch befreien, daß ich den sozialen Örganismus in drei Teile gliedere. Man verstehe das nur, um was es sich handelt: Um das Gegenteil einer Utopie, um eine wirkliche Realität handelt es sich. Es handelt sich darum, die Menschen aufzurufen, nicht zu glauben, daß man irgendeine vertrackte Utopie ausdenkt, sondern zu fragen: Wie soll man die Menschen sich gliedern lassen, damit sie im Zusammenwirken von sich aus das Richtige finden? Das ist der radikale Gegensatz zu allem anderen. Alle anderen gehen von der Idee aus; hier wird ausgegangen von der wirklichen sozialen Gliederung der Menschen, hier wird wirklich darauf aufmerksam gemacht, daß alle Unterschiede weggewischt werden dadurch, daß der Mensch selber, als bloßer Mensch das Einheitliche bildet. Und daher würde es mir leid tun, wenn gerade diejenige Ansicht Eindruck machte, die das Gegenteil von allem Utopismus für eine Utopie erklärt! Das ist dasjenige, was eigentlich die einzige mir leid tuende Finwendung ist, weil sie gerade den Nerv meiner Auseinandersetzungen nicht getroffen hat. Das ist das Wichtige, und darauf möchte ich ganz besonders aufmerksam machen.
[ 49 ] I have often been told—especially by professors—that I want to divide humanity into three classes. I want the exact opposite! In the past, society was divided into the productive class, the teaching class, and the military class. But today’s teaching class teaches nothing. The productive class is nothing more than a class of force, and the military class—well, its task is to tell the propertyless what the property-owning classes want! Yes, you see, that is precisely what must be overcome: the estates, the classes, must be overcome precisely by structuring the organism as such, separate from human beings. The human being is, after all, the unifying factor. On the one hand, he will be part of the economic organism, and just as he is part of the economic organism, he can also be a member of the political state’s representative body; he can also belong to intellectual life. This is how unity is created. I want to liberate the human being precisely by structuring the social organism into three parts. Let us just understand what this is all about: it is the opposite of a utopia; it is a matter of real reality. It is a matter of calling upon people not to believe that some convoluted utopia is being devised, but to ask: How should people be organized so that, through their interaction, they find the right path of their own accord? This is the radical opposite of everything else. All others start from an idea; here, the starting point is the actual social organization of people, and here attention is truly drawn to the fact that all differences are erased by the fact that human beings themselves, as mere human beings, constitute the unified whole. And that is why I would be sorry if the very view that declares the opposite of all utopianism to be a utopia were to make an impression! That is actually the only conclusion I regret, because it failed to strike at the very heart of my arguments. That is what is important, and I would like to draw particular attention to it.
[ 50 ] Also es handelt sich auch nicht um die Überschätzung irgendeiner Macht der Idee. Hier wird gar nichts auf die Macht der Utopie gegeben, sondern auf dasjenige, was Menschen sagen und denken und empfinden und wollen werden, wenn sie in einer menschenwürdigen Weise in den sozialen Organismus hineingestellt sind. Gerade deshalb, weil hier real gedacht wird, deshalb ist es natürlich schwierig, auf Einzelheiten hinzuweisen. Man kann das schon; aber jeder, der selber sich angewöhnt, real zu denken, der weiß, daß, wenn man die Menschen wirklich urteilen läßt, aus sich heraus urteilen läßt, sie über einen konkreten Fall vielleicht sogar verschieden urteilen können, und beide Arten können richtig sein. Ich will folgendes Beispiel anführen:
[ 50 ] So this is not a matter of overestimating the power of an idea. Here, no importance is attached to the power of utopia, but rather to what people say, think, feel, and aspire to become when they are integrated into the social organism in a way that is dignified. Precisely because we are thinking in concrete terms here, it is naturally difficult to point to specific details. It is possible to do so; but anyone who gets into the habit of thinking concretely knows that when people are truly allowed to judge—to judge from within themselves—they may even come to different conclusions about a specific case, and both conclusions can be correct. I would like to give the following example:
[ 51 ] Sehen Sie, man wird sich natürlich auch künftig durch seine individuellen Fähigkeiten der Produktionsmittel bedienen müssen; denn wer irgendeinen Betrieb leiten kann, der wird nicht um seinetwillen die Produktion zu leiten haben, sondern weil diejenigen, die bei ihm arbeiten, einen freien Vertrag mit ihm schließen, weil sie einsehen, daß ihre Arbeit besser gedeiht, wenn sie gut geleitet wird. Das ist eine Sache, die unbedingt zugrunde gelegt werden muß in der Zukunft, die ganz von selbst entstehen wird. Dann muß man sagen: Es entsteht eigentlich unter den Voraussetzungen, die hier gemacht werden, etwas Neues; es entsteht gar kein Besitz mehr, sondern nur eine Verwaltung. Man kennt dann nur eine Verwaltung. Denn ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß das materielle Gut ähnlich behandelt werden kann, wie das, was heute als das Schofelste angesehen wird, das Geistesgut. Das heißt, nach einer bestimmten Zeit, wobei wir nicht «nach dem Tode» denken, sondern dann, wenn der Betrieb nicht mehr mit den Produktionsmitteln produktiv arbeitet, gehen die Produktionsmittel an eine andere Leitung über. Das ist im einzelnen sehr kompliziert, aber eben, gerade weil wirklichkeitsgemäß gedacht wird, und nicht utopistisch gedacht wird, deshalb kann nur darauf hingewiesen werden: Die Menschen werden, wenn sie in der richtigen Weise zueinander stehen werden, das richtige Verhältnis finden. Das ist es, worauf es ankommt.
[ 51 ] You see, people will of course still have to make use of the means of production based on their individual abilities in the future; for whoever is capable of managing any kind of enterprise will not be in charge of production for their own sake, but because those who work for them enter into a free contract with them, recognizing that their work flourishes better when it is well managed. This is a principle that must absolutely be taken as a basis in the future—one that will arise quite naturally. Then one must say: Under the conditions outlined here, something new is actually emerging; there is no longer any ownership at all, but only administration. Then there will be only administration. For I have pointed out that material goods can be treated similarly to what is today regarded as the most sacred—intellectual property. That is to say, after a certain period of time—not “after death,” but rather when the enterprise is no longer operating productively with the means of production—the means of production will pass to a different management. The details are very complicated, but precisely because this is conceived in a realistic manner—and not in a utopian one—we can only point out the following: When people relate to one another in the right way, they will find the right balance. That is what matters.
[ 52 ] Sehen Sie, man kann, nachdem so entscheidende Tatsachen eingetreten sind, nachdem gerade der Weltkrieg eingetreten ist, die Meinung haben, es müssen wirklich neue Ideen kommen, aber man kann nicht immer wiederum betonen: Wir müssen stehenbleiben bei unseren Forderungen! Das ist dasjenige, was seit Jahrzehnten proklamiert worden ist. Damit kommen wir nicht weiter, daß wir sagen: Wir wünschen eine Gesellschaft, die frei sich entfaltet, wir wünschen eine freie soziale Gesellschaft für den Menschen - aber wie? - Ich habe gesagt, bisher war es eine Art Politik, jetzt geht die Sache zu den Tatsachen über. Der verehrte Vorredner hat ganz richtig auf Rußland hingewiesen. Das ist ganz richtig. In dem Augenblicke, wo wirklich solche entscheidenden Tatsachen auftreten, da kann man nicht mehr bloß im Ungewissen tappen. Ja, darum handelt es sich, daß man irgend etwas ganz Bestimmtes sich vorstellen kann. Und das, glaube ich, könnte man an demjenigen, was ich vorgetragen habe, bemerken: Es ist nicht ein Programm, sondern es ist eine Wegrichtung. Sie können überall, wo Sie wollen, die gegenwärtigen Zustände von ihrem jetzigen Ausgangspunkte fortsetzen, wenn Sie nur wollen. Nehmen Sie nur einen solchen Umbau der früheren Verhältnisse, wie er in Rußland ist. Sie können jederzeit auf irgendeinem Gebiete, wenn damit begonnen wird, staatlich zu verwalten, dieses Geistesleben abstoßen, indem Sie zunächst freie Schulen begründen lassen, indem Sie im Wirtschaftsleben gerade freie Genossenschaften und so weiter begründen lassen. Sie können an jedem Punkte weiterarbeiten, wie auch der Ausgangspunkt sein mag. Man darf sich das nicht alles nach schweizerischen Verhältnissen vorstellen. Das Leben wird immer mehr international. In Deutschland ist heute schon etwas ganz anderes notwendig, als zum Beispiel vor einigen Jahren. Man kann von jedem Ausgangspunkt aus weiterarbeiten; es wird sich nur darum handeln, daß man weiter aufbaut. Und ich rechne eben darauf, sei es nun in einer Genossenschaft, in einer Gewerkschaft, in irgendeiner Partei, es ist ja schon da oder dort die Möglichkeit, daß etwas entsteht; wo man auch sitzt, man kann die Dinge so gliedern, daß diese drei Teile auf allen Gebieten herauskommen. Dann kommen wir zu einer wirklich sachgemäßen, vom gesunden sozialen Organismus geforderten Organisation, gerade nicht zu einer utopistischen oder utopischen Sozialisierung.
[ 52 ] You see, after such decisive events have occurred—especially now that the World War has broken out—one might think that truly new ideas must emerge, but one cannot keep repeating: “We must stand firm on our demands!” That is precisely what has been proclaimed for decades. We won’t get anywhere by saying: “We want a society that develops freely; we want a free social society for humanity”—but how?—I have said that until now it was a kind of politics; now the matter is moving into the realm of reality. The esteemed speaker before me quite rightly pointed to Russia. That is entirely correct. The moment such decisive realities actually arise, we can no longer simply grope in the dark. Yes, that is precisely the point: that one can create a mental image of something quite specific. And that, I believe, is evident from what I have presented: it is not a program, but rather a direction. You can continue the current conditions from their present starting point wherever you wish, if you so desire. Just take, for example, a transformation of the former conditions, such as is taking place in Russia. At any time, in any field, once state administration has begun, you can counteract this spiritual life by first establishing free schools, and by establishing free cooperatives and so on in economic life. You can continue working at any point, whatever the starting point may be. One must not form a mental image of all of this in terms of Swiss conditions. Life is becoming increasingly international. In Germany today, something quite different is already necessary than, for example, a few years ago. One can continue working from any starting point; the only thing that matters is that one continues to build. And I am counting on this—whether in a cooperative, a labor union, or any political party—the possibility already exists here and there for something to emerge; wherever one is, one can structure things so that these three elements come to the fore in all areas. Then we will arrive at a truly appropriate organization—one required by a healthy social organism—and certainly not at a utopian or idealistic form of socialization.
[ 53 ] Jede Utopie zu vermeiden, das ist dasjenige, was vor allen Dingen anzustreben ist, jeden Glauben auszurotten, daß man mit abstrakten Ideen irgend etwas machen kann. Man kann im sozialen Leben nur etwas mit Menschen machen, die wissen, was sie in der ganz bestimmten Lage, in die sie hineingestellt sind, wollen. Da handelt es sich gar nicht darum, daß heute ein Kampf vorliegt zwischen denjenigen, die noch Besitzlose und Besitzende zu nennen sind. Wenn sie arbeiten, wie das in der Bewegungsrichtung liegt, die ich heute vorgetragen habe, wenn die Besitzenden und die Besitzlosen in der richtigen Weise arbeiten, so wird es zu ihren Gunsten ausschlagen. Wehren sich die Besitzenden, so werden sie ihren Besitz bald verloren haben. Aber darum handelt es sich, daß in den Massen ein Wissen von dem lebt, was geschehen soll. Und sehen Sie, in dieser Beziehung ist es, möchte man sagen, mit sozialen Impulsen noch schlimmer, als mit medizinischen, mit technischen Stoffen. Wenn einer nichts versteht vom Brückenbau, und doch eine Brücke bauen wollte, so würde sie einbrechen. Wenn einer jemanden kuriert, na ja, da kann man meistens nicht nachweisen, ob der Patient gestorben ist trotz der Kur oder vielleicht sogar durch die Kur; da wird die Sache schon sengerig. Und beim sozialen Organismus, da wird die Sache am allermeisten sengerig, da kann man meistens nicht nachweisen, was Heilmittel und was Kurpfuscherei ist, weshalb man meistens im Unbestimmten herumredet. Sehen Sie, ich habe einen Redner gehört, der sprach auch über soziale Dinge; er wollte hauptsächlich beweisen, daß man eigentlich alles andere nicht brauchte, nur den Christus, dann wird alles im sozialen Leben gut. Nun, man soll durchaus nicht meinen, daß eine Debatte darüber nun angefangen werde. Aber ich habe dabei folgendes erlebt. Ich habe mich erinnern müssen an etwas, was ich in meiner Schulbubenzeit, ich glaube fast vor fünfundvierzig Jahren gelesen habe. Da stand: Christus war entweder ein Heuchler oder ein Narr, oder er war dasjenige, als was er sich selber bezeichnet hat: der Sohn des lebendigen Gottes. - Wie gesagt, ich kritisiere nicht, weder nach der einen noch nach der anderen Richtung; ich bemerke nur: Neulich war ich in Bern, und ein Herr hielt dort im Anschluß an die Völkerbundskonferenz eine Rede, in der er sagte, der ganze Völkerbund wird falsch organisiert - daß er falsch organisiert wird, glaube ich ja selber -, aber der sagte, er wird falsch organisiert, wenn man nicht eingeht darauf: Christus war entweder ein Narr, oder ein Heuchler, oder er war der Sohn des lebendigen Gottes, als den er sich selbst bezeichnete. - Kurz, alles das, was vor fünfundvierzig Jahren in meinem Schulbuch stand, das hat der Herr seiner gläubigen Versammlung vorgebracht. Und das ist vor allen Dingen ja zu bemerken: Dazwischen liegt doch eben gerade der Weltkrieg! Die Leute haben, nachdem sie zwei Jahrtausende Zeit gehabt haben, um ihre Dinge der Welt zu bringen, es so weit gebracht, daß trotzdem der Weltkrieg gekommen ist. Weist das nicht alles darauf hin, daß gerade durch den Weltkrieg etwas gelernt werden müsse? Ist es nicht sozial besser und den sozialen Organismus heilend, wenn auch auf sozialistischem Gebiete, auf dem Gebiete des sozialistischen Wissens, durch den Weltkrieg wirklich etwas Neues gelernt wird? Muß man sagen, wir bleiben konservativ bei den alten Ideen stehen, die ja auch in vieler Beziehung durch den Weltkrieg Schiffbruch gelitten haben? Das ist dasjenige, was ich besonders betonen will: Es ist wirklich vorauszusehen gewesen und es ist mir durchaus — ich sage das ohne alle Ablehnung - sehr wichtig, ich bin sehr froh, dafS Dinge gesagt worden sind, wie sie gesagt worden sind. Aber ich möchte doch betonen, daß ja durch das konservative Stehenbleiben, durch das starre Betonen dessen, was man ja gesagt hat durch die Jahrhunderte und was nun gesagt wird seit Jahrzehnten, durch dieses starre Betonen, durch dieses Stehenbleiben in diesem Konservatiiven, viel Schaden in der Welt angerichtet worden ist! Möge der Sozialismus nur ja nicht durch dieses konservative Stehenbleiben auch bei sich Schaden anrichten! Denn dieser Schaden wäre ein sehr, sehr großer, vielleicht ein viel größerer als der, der sonst schon angerichtet worden ist.
[ 53 ] Avoiding any form of utopia—that is what we must strive for above all else—and eradicating any belief that one can accomplish anything with abstract ideas. In social life, one can only accomplish something with people who know what they want in the very specific situation in which they find themselves. This has nothing to do with the fact that there is currently a struggle between those who can still be called the propertyless and the property-owning. If they work in accordance with the direction I have outlined today—if the property-owning and the propertyless work in the right way—it will turn out in their favor. If the property-owning resist, they will soon have lost their property. But the point is that among the masses there is a living awareness of what is to come. And you see, in this regard, one might say that the situation with social impulses is even worse than with medical or technical matters. If someone knew nothing about bridge-building yet still wanted to build a bridge, it would collapse. If someone cures a patient—well, in most cases you can’t prove whether the patient died in spite of the treatment or perhaps even because of it; that’s where things get tricky. And when it comes to the social organism, that’s where things get the trickiest of all—you usually can’t tell what’s a cure and what’s quackery, which is why people usually end up talking in vague generalities. You see, I heard a speaker who also talked about social issues; he mainly wanted to prove that you don’t really need anything else—just Christ—and then everything in social life will be fine. Now, one should by no means think that a debate on this subject is about to begin. But I had the following experience in this regard. I was reminded of something I read back when I was a schoolboy—I believe almost forty-five years ago. It said: Christ was either a hypocrite or a fool, or he was what he called himself: the Son of the living God. - As I said, I am not criticizing either side; I am merely noting: Recently I was in Bern, and a gentleman gave a speech there following the League of Nations conference in which he said that the entire League of Nations is organized incorrectly—that it is organized incorrectly, I myself believe—but he said it is organized incorrectly if one does not address the following: Christ was either a fool, or a hypocrite, or he was the Son of the living God, as he described himself. — In short, everything that was in my schoolbook forty-five years ago, that is what this gentleman presented to his congregation of believers. And this, above all, is worth noting: the World War lies right in between! After having had two millennia to bring their ideas into the world, people have reached a point where, despite all that, the World War still broke out. Doesn’t all of this point to the fact that we must learn something precisely through the World War? Isn’t it better for society—and healing for the social organism—if, even in the realm of socialism, in the realm of socialist knowledge, something truly new is learned through the World War? Must we say that we will remain conservative and cling to the old ideas, which, after all, have been shipwrecked in many respects by the World War? This is what I particularly want to emphasize: It really could have been foreseen, and it is—I say this without any reservation—very important to me; I am very glad that things were said as they were said. But I would still like to emphasize that, indeed, by clinging to conservatism—by rigidly insisting on what has been said over the centuries and what has now been said for decades—through this rigid insistence, through this clinging to conservatism, much harm has been done in the world! May socialism, for heaven’s sake, not inflict harm upon itself through this conservative stagnation! For that harm would be very, very great—perhaps far greater than that which has already been inflicted.
[ 54 ] Sie haben vielleicht gehört aus dem, was ich am Schlusse meines Vortrages gesagt habe, daf3 darauf gerechnet werden kann, daß gerade aus dem Sozialismus heraus, mehr noch aus dem Proletariat heraus, gerade die Befreiung dessen erfolgen kann, was im Menschen befreit werden soll. Es handelt sich also nicht um eine Idee, es handelt sich nicht um eine Überschätzung einer Idee, und ich habe auch nichts davon gesagt, daß der Sozialismus sich einigen müsse mit dem Staatsbetrieb und dergleichen; sondern es handelt sich darum, ein Menschheitsproblem zu lösen!
[ 54 ] You may have gathered from what I said at the end of my lecture that one can count on the fact that it is precisely through socialism—and even more so through the proletariat—that the liberation of that which is to be liberated in human beings can take place. So this is not about an idea; it is not about overestimating an idea, and I have not said anything about socialism having to align itself with state-run enterprises and the like; rather, it is about solving a problem facing humanity!
[ 55 ] Und weil ich glaube, daß beim einzelnen es ziemlich gleichgültig ist, was er von sich aus fordert, so solle er Gemeinsames mit anderen Menschen fordern. Man kann gar nicht anders, als mit sozialistischen Forderungen scheitern, wenn man sie als einzelner Mensch aufstellen will. Man muß sie aufstellen in der menschlichen Gemeinschaft.
[ 55 ] And because I believe that, for the individual, it is largely irrelevant what he demands for himself, he should demand things in common with other people. One cannot help but fail with socialist demands if one tries to make them as an individual. One must make them within the human community.
[ 56 ] Also was ich fordere, ist nicht irgendeine Idee, nicht irgendeine Utopie, sondern dasjenige, was die Menschen von sich aus werden sagen können, wenn sie im sozialen Organismus drinnen stehen.
[ 56 ] So what I am calling for is not just any idea, not just any utopia, but rather what people will be able to say of their own accord once they are part of the social organism.
