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The Liberation of Humanity as the
Basis for Social Transformation
GA 329

2 April 1919, Basel

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4. Proletarische Forderungen und deren Künftige praktische Verwirklichung

4. Proletarian Demands and Their Future Practical Implementation

[ 1 ] Glauben Sie nicht, daß ich heute hier das Wort nehmen möchte, um mit Bezug auf die soziale Frage von jener billigen Verständigung zu sprechen, von der heute so viele Leute gerne sprechen möchten und die namentlich gerne gehört sein möchten. Ich möchte von einer ganz anderen Verständigung sprechen, von jener Verständigung, die mir scheint durch laut, laut sprechende Tatsachen, die über einen großen Teil Europas hin sich heute ausbreiten, gefordert zu sein: von der Verständigung mit den in der Gegenwart und in die Zukunft hinein wirkenden geschichtlichen Kräften, welche ein ganz bestimmtes klares und energisches Verhalten zu dem, was seit mehr als einem halben Jahrhundert die soziale Frage genannt wird, herausfordert. Wie sollte man auch heute von jener anderen, eingangs erwähnten Verständigung sprechen wollen? Ist nicht für diese Verständigung allzuviel verloren worden? Hat sich nicht ein gewisser Teil der neueren Menschheit recht viel Zeit gelassen, eine solche Verständigung zu suchen? Heute tut sich ein tiefer Abgrund auf zwischen denjenigen, die die bisher führenden Klassen der Menschheit waren, und denjenigen, die herandrängen mit neueren, aus der Zeit heraus mit Notwendigkeit folgenden Forderungen, also zwischen den bisher führenden Klassen der Menschheit und dem Proletariat mit seinen berechtigten Forderungen.

[ 1 ] Do not think that I wish to take the floor here today to speak, in reference to the social question, of that superficial understanding that so many people today would like to talk about and that they would particularly like to hear about. I would like to speak of a completely different kind of understanding—the kind that seems to me to be demanded by the loud, facts that are spreading across much of Europe today: an understanding with the historical forces at work in the present and extending into the future, forces that demand a very specific, clear, and energetic response to what has been called the social question for more than half a century. How, indeed, could one even wish to speak today of that other form of understanding mentioned at the outset? Has not far too much been lost for such understanding? Has not a certain segment of modern humanity taken far too long to seek such understanding? Today, a deep chasm is opening up between those who have been the ruling classes of humanity thus far and those who are pressing forward with new demands that have arisen out of the necessities of the times—that is, between the ruling classes of humanity and the proletariat with its just demands.

[ 2 ] Schauen wir uns einmal das neuere Leben an, um zunächst ein Urteil zu gewinnen über die Unmöglichkeit eines leichten Verständnisses heute. Vieles ist gesprochen worden jahrzehntelang von dieser modernen Zivilisation, von dieser Zivilisation, die so Großes, so Gewaltiges für die Menschheit heraufgebracht haben soll. Wie hat man sie immer wieder und wiederum hören können, die Lobhudeleien auf die moderne Technik, auf das moderne Verkehrswesen! Kennt man sie nicht, all die Phrasen davon, wie heute es den Menschen möglich ist - ja, welchen Menschen möglich ist!? -, in verhältnismäßig kurzer Zeit weite Landstrecken zu durchmessen, wie es den Gedanken möglich geworden ist, fast jede Raumesweite zu überbrücken, wie es möglich geworden ist, das sogenannte Geistesleben auszubreiten? Nun, ich brauche das ganze Loblied, das so und so oft gehört worden ist, nicht ausführlicher darzustellen. Aber worüber hat sich all das, dem ein solches Loblied gesungen wird, erhoben? Ohne was wäre es nicht möglich gewesen? Es wäre nicht möglich gewesen ohne die Arbeit des größten Teiles der Menschheit, jenes Teiles, der nicht teilnehmen durfte an all dem, was so gelobt worden ist, jenes Teiles, der unter körperlichen und seelischen Entbehrungen für diese Lebensbequemlichkeiten zu sorgen hatte, ohne daß er irgendwie Anteil nehmen konnte an all dem, was die moderne Zivilisation an Errungenschaften hervorgebracht hatte.

[ 2 ] Let’s take a look at modern life to begin by forming an opinion about how impossible it is to understand it easily today. Much has been said over the decades about this modern civilization—this civilization that is said to have brought about such great and mighty things for humanity. How often have we heard, time and again, the effusive praise for modern technology and modern transportation! Are we not all too familiar with the clichés about how it is now possible for people—yes, for which people!? —to traverse vast distances in a relatively short time, how it has become possible for thought to bridge almost any expanse of space, how it has become possible to expand so-called intellectual life? Well, I need not go into further detail about all the praise that has been heard time and again. But upon what has all that, to which such praise is sung, been built? Without what would it not have been possible? It would not have been possible without the labor of the majority of humanity—that part which was not allowed to participate in all that has been so praised, that part which had to provide for these comforts of life amid physical and emotional hardships, without being able in any way to share in all the achievements that modern civilization has produced.

[ 3 ] Sehen wir uns einmal genauer an, wie es seit mehr als einem halben Jahrhundert dazu gekommen ist, daß wir noch heute sagen müssen, der Abgrund besteht. Und wenn heute vielfach von einer Verständigung gesprochen wird, so ist es eben deshalb, weil man Furcht, weil man Angst hat vor den Tatsachen, die so drohend für manche Menschen heraufziehen. Womit hat sich zum Beispiel - um von einem beliebten Gegenstande der seither führenden Klassen auszugehen -, womit hat sich die moralische Weltanschauung dieser führenden Klassen besonders gern beschäftigt? Besonders gern beschäftigt hat sich die Weltanschauung, die moralische Weltanschauung dieser führenden Klassen in unendlichen Reden, in salbungsvollen Darstellungen, in Worten, die nur so von Gefühl überzurriefen schienen, damit, wie die Menschen füreinander Liebe entfalten müssen, wie die Menschen dafür sorgen müssen, daß Brüderlichkeit sich ausbreite, wie die Menschen nur dadurch sich die geistige Welt erobern können, daß sie auf solche Brüderlichkeit eingehen. Derlei von scheinbar tiefem Gefühle triefende Reden wurden von den leitenden Geisteskreisen der bisher führenden Klasse der Menschheit wahrhaftig recht viele geführt. Versetzen wir uns einmal an die Stelle solcher Reden in Spiegelsälen oder dergleichen und denken wir, wie da über Menschenliebe, über Nächstenliebe, über Religiosität gepredigt wurde, gepredigt wurde bei einer Öfenheizung, die geleistet wurde von Kohlen - ich möchte, um ein wenig den Hergang der heutigen Tatsachen zu charakterisieren, doch auf dieses aufmerksam machen -, die gefördert wurden aus jenen Kohlengruben, über die eine englische Enquete im Beginn der neueren Arbeiterbewegung ganz merkwürdige Dinge zutage gefördert hat. Da unten in den Schächten der Erde, da arbeiten neun-, elf-, dreizehnjährige Kinder, die den ganzen Tag unten in den Schächten waren, Kinder, die außer am Sonntag niemals das Sonnenlicht sahen, aus dem einfachen Grunde, weil sie, als es noch finster war, hinunterstiegen in die Gruben, und erst als es nicht mehr hell war, wiederum heraufgebracht wurden. Männer standen da unten, vollständig nackt, neben Frauen, die schwanger waren und die auch halb nackt unten standen und arbeiten mußten.

[ 3 ] Let’s take a closer look at how, over the course of more than half a century, we have reached the point where we still have to say today that the abyss exists. And if there is so much talk today of “understanding,” it is precisely because people are afraid—because they are terrified—of the realities that loom so menacingly over some people. What, for example—to take a favorite subject of the ruling classes since then—has the moral worldview of these ruling classes been particularly fond of addressing? The moral worldview of these ruling classes has been particularly fond of addressing, in endless speeches, unctuous descriptions, and words that seemed to overflow with emotion—on how people must cultivate love for one another, how people must ensure that brotherhood spreads, and how people can conquer the spiritual world only by embracing such brotherhood. Such speeches, seemingly dripping with deep emotion, were indeed delivered in great numbers by the leading intellectual circles of the class that had hitherto ruled humanity. Let us for a moment put ourselves in the place of such speeches delivered in mirrored halls or similar settings, and consider how love for humanity, love for one’s neighbor, and religiosity were preached there—preached while the room was heated by stoves fueled by coal. To characterize the course of today’s events a little, I would like to draw attention to this—coal that was mined from those coal mines, about which an English inquiry at the beginning of the modern labor movement brought some very strange things to light. Down there in the depths of the earth, nine-, eleven-, and thirteen-year-old children worked; they spent the entire day down in the shafts—children who, except on Sundays, never saw the sunlight, for the simple reason that they descended into the mines while it was still dark and were brought back up only after it had grown dark again. Men stood down there, completely naked, alongside women who were pregnant and who also stood there half-naked and had to work.

[ 4 ] Das war das erste Mal, als man aufmerksam machen wollte durch eine Regierungsenquete darauf, was eigentlich vorgeht unter den Menschen, daß man solche Erfahrungen machte, über die sich die Gedankenlosigkeit niemals hat aufklären wollen, trotz aller Predigten von Humanität, Nächstenliebe und Religiosität. Allerdings, das war im Anfange der modernen proletarischen Bewegung. Aber man kann nicht sagen, daß dasjenige, was wenigstens einigermaßen die Lage weiter Menschenkreise besser gemacht hat, herrührt von dem Verständnisse, das in den bisher führenden Klassen der Menschen gewonnen worden wäre. Ein großer Teil dieser führenden Klassen der Menschheit steht heute ebenso verständnislos den wahren Forderungen der Zeit gegenüber, die aus solchen Tatsachen folgen, wie er ihnen vor fünfzig und mehr Jahren gegenübergestanden hat.

[ 4 ] That was the first time a government inquiry sought to draw attention to what was actually happening among the people—to the kinds of experiences that thoughtlessness had never sought to shed light on, despite all the sermons on humanity, charity, and religiosity. Admittedly, that was at the beginning of the modern proletarian movement. But one cannot say that what has at least somewhat improved the situation for broader segments of the population stems from an understanding that would have been gained by the classes that have led humanity thus far. A large portion of these leading classes of humanity stands today just as clueless in the face of the true demands of the times—demands that arise from such facts—as they did fifty or more years ago.

[ 5 ] Man braucht ja nicht gleich so weit zu gehen, wie eine bisher führende, wenigstens scheinbar führende Persönlichkeit der Menschheit gegangen ist: der gewesene deutsche Kaiser, der die sozialistisch denkenden Menschen genannt hat: Tiere, welche den Unterbau des deutschen Reiches benagen und die Wert sind, ausgerottet zu werden. Das sind seine eigenen Worte. Wie gesagt, man braucht nicht gleich so weit zu gehen, aber immerhin gar so sehr verschieden sind die Urteile, die heute noch in gewissen Kreisen gefällt werden, nicht von diesem eben angeführten, besonders charakteristischen Urteile.

[ 5 ] One need not go as far as a figure who was once a leader—or at least appeared to be a leader—of humanity: the former German emperor, who referred to people with socialist views as “animals that gnaw at the foundations of the German Empire and are worthy of extermination.” Those are his own words. As I said, one need not go quite that far, but the judgments still passed today in certain circles are not all that different from this particularly characteristic judgment just cited.

[ 6 ] Wenn wir nun hinblicken auf dasjenige, was sich abgespielt hat im Laufe der letzten fünf bis sechs Jahrzehnte, seitdem es das gibt, was heute die soziale Frage genannt wird, so erblicken wir auf der einen Seite eben den gedankenlosen Unverstand mit Bezug auf alles dasjenige, was heraufgekommen ist in der Entwickelung der Menschheit, und auf der anderen Seite erblicken wir den Ansturm, den berechtigten Ansturm der weiten proletarischen Massen, der sich immerzu zusammendrängte in die Worte: So kann es nicht weitergehen. Aber heute sprechen Tatsachen noch eine ganz andere Sprache, als sie in den letzten Jahrzehnten gesprochen haben. Und die Urteile, die manche Leute sprechen, wie nehmen sie sich gegenüber den Tatsachen aus? Darüber ist uns die Schreckenskatastrophe, die wir in den letzten vier bis fünf Jahren durchlebt haben, eine gute Lehre.

[ 6 ] If we now look back at what has taken place over the course of the last five to six decades, ever since what is today called the “social question” came into being, we see, on the one hand, precisely that thoughtless folly regarding everything that has emerged in the course of human development, and on the other hand, we see the outcry—the justified outcry of the vast proletarian masses—which has consistently been summed up in the words: “Things cannot go on like this.” But today, the facts speak a very different language than they have in recent decades. And how do the judgments passed by some people stand up in the face of these facts? The horrific catastrophe we have lived through in the last four to five years has taught us a valuable lesson in this regard.

[ 7 ] Gestatten Sie die folgende persönliche Bemerkung. Dasjenige, was ich mir seit Jahrzehnten als Urteil über die europäischen politischen Verhältnisse bilden mußte, ich mußte es zusammenfassen in einem Vortrage, den ich im Frühling des Jahres 1914 in Wien vor einem kleineren Kreise gehalten habe - ein größerer hätte mich dazumal wahrscheinlich verlacht -, ich mußte zusammenfassen dasjenige, was dazumal unter den Menschen Europas wob, unter denjenigen Menschen, von denen man sagen konnte, daß sie etwas zu tun haben mit der politischen Schicksalsbildung in Europa. Damals mußte man sagen, wenn man unbefangenen Blickes in die Zeit hineinsah: Wir leiden mit Bezug auf die politischen und Staatenverhältnisse Europas an einem schleichenden Geschwür, an einer Krebskrankheit, die in der allernächsten Zeit in einer furchtbaren Weise wird zum Ausbruche kommen müssen. Die Zeit, in der diese Krebskrankheit ausgebrochen ist, sie kam sehr bald. Aber was sprachen die «Praktiker»? Was sprachen die «Staatsmänner»? Man ist heute versucht, wenn man von Staatsmännern spricht, immer Gänsefüßchen zu machen bei dem Worte. Was sprachen die «Staatsmänner»? Was dazumal der leitende auswärtige Staatssekretär im deutschen Reichstag gesagt hat, das ist das Folgende. Er sagte: Dank den Bemühungen der Kabinette können wir sagen, daß für absehbare Zeiten der europäische Frieden gesichert sein werde. - Das wurde im Mai 1914 von einem leitenden Staatsmann gesagt. Dieser Friede war so gesichert, daß seither zwölf bis fünfzehn Millionen Menschen totgeschossen worden sind, dreimal so viel zu Krüppeln geschlagen worden sind. So wie dazumal diese Staatsmänner sprachen über dasjenige, was auf dem politischen Himmel ist, so sprechen heute viele Leute über dasjenige, was heute durch Tatsachen bedeutsamster, energischester Art durch die ganze gebildete Welt spricht. So sprechen die Leute vielfach gegenüber der sozialen Frage. Keine Ahnung ist in vielen Kreise von dem vorhanden, was da kommen muß und was sicher kommen wird, und dem gegenüber unbedingt von jedem vernünftigen Menschen ein Urteil zu gewinnen ist.

[ 7 ] Allow me to make the following personal remark. What I had come to conclude over the course of decades regarding the political situation in Europe, I had to summarize in a lecture I gave in Vienna in the spring of 1914 before a small audience—a larger one would probably have laughed at me back then— I had to summarize what was stirring among the people of Europe at that time—among those people of whom one could say that they had a hand in shaping Europe’s political destiny. At that time, if one looked at the era with an unbiased eye, one had to say: With regard to the political and state conditions in Europe, we are suffering from a creeping ulcer, from a cancer that is bound to erupt in a terrible way in the very near future. The time when this cancer broke out came very soon. But what did the “practitioners” say? What did the “statesmen” say? Today, when speaking of statesmen, one is tempted to always put the word in quotation marks. What did the “statesmen” say? What the leading undersecretary of state for foreign affairs said in the German Reichstag at that time was as follows. He said: “Thanks to the efforts of the cabinets, we can say that European peace will be secured for the foreseeable future.”—This was said in May 1914 by a leading statesman. This peace was so “secured” that, since then, twelve to fifteen million people have been shot dead, and three times as many have been maimed. Just as those statesmen spoke back then about what was on the political horizon, so do many people today speak about what is now being made clear throughout the entire educated world by facts of the most significant and forceful kind. This is how people often speak about the social question. In many circles, there is no inkling of what must come and what will surely come—and in light of this, every reasonable person must inevitably form a judgment.

[ 8 ] Was ich in dieser Angelegenheit zu sagen habe, ist wahrhaftig nicht aus irgendeiner theoretischen Anschauung heraus gesprochen. Ich war jahrelang Lehrer an der in Berlin von Wilhelm Liebknecht, dem alten Liebknecht gegründeten Arbeiter-Bildungsschule, habe in den verschiedensten Zweigen gelehrt, von da aus auch innerhalb des Bildungswesens des modernen Proletariats in Gewerkschaften, in Genossenschaften und auch innerhalb der politischen Partei gewirkt. Gerade wenn man in dieser Weise bei denen, die bestrebt waren, aus wirklichen Gedanken, aus wirklichen Geistesgrundlagen heraus die moderne Arbeiterbewegung zu tragen, wenn man unter ihnen gelebt hat, wenn man mit ihnen gearbeitet hat, dann kann man vielleicht sagen, man könne sich ein Urteil bilden, nicht so, wie einer, der über das Proletariat denkt. Solches Urteilen hat heute keinen Wert. Heute kann nur einen Wert haben das Urteilen, das mit dem Proletariat gebildet ist, aus der Mitte des Proletariats heraus selbst gebildet ist.

[ 8 ] What I have to say on this matter is truly not based on any theoretical perspective. For many years I was a teacher at the Workers’ Educational School in Berlin, founded by Wilhelm Liebknecht—the elder Liebknecht—and taught in a wide variety of subjects; from there, I was also active within the educational system of the modern proletariat, in trade unions, in cooperatives, and within the political party. It is precisely when one has lived among those who strove to carry forward the modern labor movement based on genuine ideas and genuine intellectual foundations—when one has lived among them and worked with them—that one might perhaps say one is able to form a judgment, not in the same way as someone who merely thinks about the proletariat. Such judgments have no value today. Today, the only judgments that have any value are those formed with the proletariat, formed from within the very heart of the proletariat itself.

[ 9 ] In den Stunden, die sich die Arbeiter abrangen nach der harten Arbeit des Tages, in denen sie, während andere Klassen ins Theater gingen oder Skat spielten - ich will die schönen Dinge nicht alle aufzählen -, in den Stunden, in denen der Proletarier versuchte sich aufzuklären über seine Lage, in denen konnte man lernen, wie aus der modernen proletarischen Frage etwas ganz anderes geworden ist und werden wird als eine bloße Lohn- oder Brotfrage, wie heute noch viele glauben, nämlich eine Frage der Menschenwürde. Eine Frage des menschenwürdigen Daseins, das ist dasjenige, was doch hinter allen proletarischen Forderungen steckt, und seit langem steckte.

[ 9 ] In the hours the workers carved out for themselves after a hard day’s work—hours in which, while other classes went to the theater or played skat —I don’t want to list all the wonderful things—in those hours when the proletarian tried to educate himself about his situation, one could learn how the modern proletarian question has become, and will continue to become, something entirely different from a mere question of wages or bread, as many still believe today, namely, a question of human dignity. A question of a dignified existence—that is what lies behind all proletarian demands, and has long been the case.

[ 10 ] Auf drei Grundlagen, kann man sagen, ruhen die heutigen proletarischen Forderungen. Die eine Grundlage, sie wird von den Proletariern selbst sehr häufig bezeichnet dadurch, daß sie sprechen in Anknüpfung an den großen Lehrer des Proletariats, an Karl Marx, von dem Vorhandensein des sogenannten Mehrwertes. Mehrwert, es war stets ein Wort, welches tief hineindrang in die Seele des modernen Proletariers; es war ein Wort, welches zündend auf die Empfindungen dieses modernen Proletariers wirkte. Welches Wort stellten die bisher führenden Klassen diesem Mehrwert entgegen? Man wird vielleicht überrascht sein, wenn ich gerade die folgenden zwei Dinge gegenüberstelle.

[ 10 ] Today’s proletarian demands, one might say, rest on three foundations. The first foundation is very often referred to by the proletarians themselves when, following in the footsteps of the great teacher of the proletariat, Karl Marx, they speak of the existence of so-called surplus value. “Surplus value”—it has always been a term that penetrated deeply into the soul of the modern proletarian; it was a term that had a stirring effect on the feelings of this modern proletarian. What term did the ruling classes of the past use to counter this “surplus value”? You may be surprised when I contrast the following two things.

[ 11 ] Die führenden Klassen stellten diesem Mehrwert entgegen das Wort von dem großen, bedeutenden Geistesleben, das die Zivilisation der Menschheit heraufgebracht hat. Der Proletarier, was wußte er von diesem Geistesleben? Was war für ihn die große, die Menschheitsfrage? Er wußte, daß der Mehrwert, den er produziert, verwendet wird, um dieses Geistesleben möglich zu machen, und ihn auszuschließen von diesem Geistesleben. Mehrwert war für ihn die ganz abstrakte Grundlage des Geisteslebens. Was war das für ein Geistesleben? Es war das Geistesleben, das entstanden ist in der Morgenröte der modernen bürgerlichen Wirtschaftsordnung. Man spricht oft davon, gewiß nicht mit Unrecht, daß das moderne Proletariat geschaffen worden sei durch die moderne Technik, durch den modernen Industrialismus, durch den modernen Kapitalismus, und wir wollen von diesen Dingen gleich auch nachher sprechen. Aber gleichzeitig mit dieser modernen Technik, mit diesem Kapitalismus ist etwas anderes heraufgezogen, was man nennen kann die moderne wissenschaftliche Orientierung. Da war es- es ist schon ziemlich lange her -, daß gegenüber dem, was das moderne Bürgertum als die moderne wissenschaftliche Orientierung heraufgebracht hat, das Proletariat das letzte große Vertrauen dem Bürgertum entgegengebracht hat. Und dieses letzte große Vertrauen, weltgeschichtliche Vertrauen ist enttäuscht worden.

[ 11 ] The ruling classes countered this surplus value with talk of the great, significant intellectual life that human civilization has brought about. The proletarian—what did he know of this intellectual life? What was the great, universal human question for him? He knew that the surplus value he produced was used to make this intellectual life possible—and to exclude him from it. For him, surplus value was the entirely abstract foundation of intellectual life. What kind of intellectual life was this? It was the intellectual life that emerged at the dawn of the modern bourgeois economic order. It is often said—and certainly not without reason—that the modern proletariat was created by modern technology, by modern industrialism, by modern capitalism, and we will speak of these things shortly as well. But alongside this modern technology and this capitalism, something else has emerged that can be called the modern scientific orientation. There was a time—and it has been quite a while now—when, in the face of what the modern bourgeoisie had brought forth as the modern scientific orientation, the proletariat placed its last great trust in the bourgeoisie. And this last great trust—a trust of world-historical significance—has been betrayed.

[ 12 ] Wie war die Sache eigentlich? Nun, aus alten Weltanschauungen heraus, deren Berechtigung wir heute wahrhaftig nicht prüfen wollen, hat sich das gebildet, was heute aufgeklärte, wissenschaftliche Weltanschauung ist. Der Proletarier, der hinweg von dem mittelalterlichen Handwerk an die seelentötende Maschine gerufen worden ist, in den modernen Kapitalismus eingespannt worden ist, konnte nicht entgegennehmen dasjenige, was die alten Klassen in ihrem Geistesleben aufgenommen hatten. Er konnte nur entgegennehmen gewissermaßen das modernste Produkt, den modernsten Ausfluß dieses Geisteslebens. Aber für ihn wurde dieses Geistesleben etwas ganz, ganz anderes als für die führenden Klassen. Das muß man nur mit Bezug auf alle Tiefen der proletarischen Seele einmal sich vor Augen führen. Man muß sich vorstellen, wie Leute aus den bisher führenden Klassen, selbst wenn sie so aufgeklärte Leute waren wie der Naturforscher Vogt oder der naturwissenschaftliche Popularisator Büchner, wie sie mit dem Kopfe, mit dem Verstande aufgeklärte Leute im Sinne der heutigen Wissenschaft sein konnten; aber sie waren so aufgeklärte Leute nur deshalb, weil sie mit ihrem ganzen Menschen in einer gesellschaftlichen Ordnung drinnen lebten, die noch herrührte von den alten religiösen und sonstigen Weltanschauungen, in denen das Alte noch fortlebte. Ihr Leben war ein anderes als dasjenige, wozu sie sich bekannten, wenn sie theoretisch noch so ehrlich waren. Der moderne Proletarier war genötigt, dasjenige, was ihm da blieb als die Erbschaft des Bürgertums, im vollsten menschlichen Ernst zu nehmen. Man muß nur einmal gesehen haben, was es für eine Bedeutung hatte für den modernen Proletarier, wenn ihm, wie einst von Lassalle, gesprochen wurde von der Wissenschaft und den Arbeitern.

[ 12 ] How did it actually happen? Well, based on old worldviews—the validity of which we truly do not wish to examine today—what has emerged is what we now call an enlightened, scientific worldview. The proletarian, who was called away from medieval craftsmanship to the soul-destroying machine and harnessed to modern capitalism, could not assimilate what the old classes had absorbed into their spiritual life. He could only assimilate, so to speak, the most modern product, the most modern outgrowth of this spiritual life. But for him, this intellectual life became something quite, quite different than it was for the ruling classes. One need only consider this in light of all the depths of the proletarian soul. One must create a mental image of how people from the previously ruling classes—even if they were as enlightened as the naturalist Vogt or the popularizer of science Büchner, and could be considered enlightened in the sense of modern science in terms of their intellect and reason— but they were such enlightened people only because they lived, with their whole being, within a social order that still stemmed from the old religious and other worldviews, in which the old ways still lived on. Their lives were different from what they professed, no matter how theoretically honest they might have been. The modern proletarian was compelled to take what remained to him as the legacy of the bourgeoisie with the utmost human seriousness. One need only have seen once what it meant to the modern proletarian when, as Lassalle once did, he was spoken to about science and the workers.

[ 13 ] Ich stand - wenn ich diese persönliche Bemerkung auch noch machen darf - vor jetzt mehr als achtzehn Jahren in Spandau, in der Nähe von Berlin, auf der gleichen Rednerbühne mit der kürzlich so tragisch geendeten Rosa Luxemburg. Wir sprachen beide vor einer Proletarierversammlung über die Wissenschaft und die Arbeiter. Rosa Luxemburg sagte dazumal Worte, von denen man sehen konnte, wie zündend sie hineinwirkten in die Seelen dieser proletarischen Menschen, die am Sonntagnachmittag gekommen waren und Frau und Kind mitgebracht hatten; es war eine herzerquickende Versammlung. Sie sagte, die Menschen können sich unter dem Einflusse der modernen Wissenschaft nicht mehr einbilden, daß sie aus Zuständen heraufgekommen sind, die engelgleich waren, aus denen sich rechtfertigen würden die modernen Rang- und Klassenunterschiede. Nein, sagte sie ungefähr wörtlich: der Mensch, der physische Mensch von heute war einmal höchst unanständig, kletterte auf Bäumen herum, und wenn man sich dieses Ursprunges erinnert, dann findet man wahrhaftig keinen Anlaß, von den heutigen Klassenunterschieden zu sprechen.

[ 13 ] If I may be permitted to make this personal remark, more than eighteen years ago I stood in Spandau, near Berlin, on the same podium as Rosa Luxemburg, whose life recently came to such a tragic end. We both spoke before a proletarian assembly about science and the workers. Rosa Luxemburg said words at that time whose stirring effect on the souls of these proletarian people—who had come on that Sunday afternoon, bringing their wives and children with them—was plain to see; it was a heartwarming gathering. She said that, under the influence of modern science, people can no longer imagine that they have emerged from angelic states—states that would justify modern distinctions of rank and class. No, she said, more or less verbatim: the human being—the physical human being of today—was once extremely uncivilized, climbing around in trees, and if one remembers these origins, then one truly finds no reason to speak of today’s class distinctions.

[ 14 ] Das wurde verstanden, aber anders als von den leitenden Kreisen. Es wurde so verstanden, daß der ganze Mensch hineingestellt sein wollte in diese Weltanschauung, die dem an der öden Maschine verschmachtenden Proletarier die Frage beantworten sollte: Was bin ich als Mensch? Was ist der Mensch überhaupt in der Welt?

[ 14 ] This was understood, but not in the same way as by the ruling circles. It was understood to mean that the whole person was to be placed within this worldview, which was intended to answer the question for the proletarian languishing at the dreary machine: What am I as a human being? What is a human being in the world, anyway?

[ 15 ] Nun konnte aber der moderne Proletarier aus dieser ganzen Wissenschaft heraus nichts anderes gewinnen als dasjenige, was er ein Spiegelbild nennen konnte dessen, was als moderne kapitalistische Wirtschaftsordnung heraufgezogen ist. Er empfand: die Leute sprechen so, wie sie sprechen müssen nach ihren wirtschaftlichen Verhältnissen, nach ihrer wirtschaftlichen Lage. In diese wirtschaftliche Lage hatten sie ihn hineingestellt; aus der heraus konnte er auch nur urteilen. Die leitenden Kreise sagten: Wie die Menschen jetzt leben, ist das ein Ergebnis der göttlichen Weltordnung, oder aber ein Ergebnis der moralischen Weltordnung, oder aber ein Ergebnis der geschichtlichen Ideen und so weiter. Der moderne Proletarier, der konnte das alles nur so empfinden, daß er sich sagte: Ihr habt mich aber hineingestellt in dieses Wirtschaftsleben, und was habt ihr aus mir gemacht? Zeigt das, was ihr aus mir gemacht habt, diese göttliche Weltordnung, diese moralische Weltordnung, diese historischen Ideen’?

[ 15 ] But the modern proletarian could gain nothing from all this science other than what he might call a reflection of what had emerged as the modern capitalist economic order. He felt that people speak the way they must, according to their economic circumstances and their economic situation. They had placed him in this economic situation; he could only judge from that perspective. The ruling circles said: The way people live now is either a result of the divine world order, or a result of the moral world order, or a result of historical ideas, and so on. The modern proletarian could only perceive all this by saying to himself: “But you have placed me in this economic life—and what have you made of me? Does what you have made of me reflect this divine world order, this moral world order, these historical ideas?”

[ 16 ] Und so zündete der Begriff vom Mehrwert - jenem Mehrwert, den er produzierte, der ihm abgezogen wurde, der dieses Leben der führenden Klassen möglich machte - in seiner Empfindungswelt und in ihm entstand die Meinung, daß alles, was an Geistesleben von den leitenden Kreisen hervorgebracht wird, doch nur das Spiegelbild ihrer wirtschaftlichen Ordnung ist.

[ 16 ] And so the concept of surplus value—that surplus value which he produced, which was taken from him, and which made the lifestyle of the ruling classes possible—took hold in his consciousness, and he came to believe that everything produced by the ruling circles in the realm of intellectual life was merely a reflection of their economic order.

[ 17 ] Schließlich, für die letzten Jahrhunderte hatte der proletarische Theoretiker mit dieser Anschauung zweifellos Recht. Die letzten Jahre, sie haben ja auf den verschiedensten Gebieten das hinlänglich gezeigt. Oder kann man glauben, daß die Menschen, die an den verschiedenen Schulen - ich will nicht sagen Mathematik und Physik, da kann man nicht viel in Weltanschauungen machen - zum Beispiel Geschichte gelehrt oder über die Geschichte geschrieben haben, kann man sagen, daß die schließlich etwas anderes zum Ausdruck gebracht haben als ein Spiegelbild desjenigen, was staatlich-wirtschaftliche Ordnung war? Man sehe sich die Geschichte derjenigen Staaten an, die in den Weltkrieg eingetreten sind. Ganz sicher wird die Geschichte der Hohenzollern in der Zukunft anders ausschauen, als die deutschen Professoren sie in den letzten Jahren und in den letzten Jahrzehnten geschrieben haben. Sie wird allerdings gemacht werden, diese Geschichte, von Leuten, denen gegenüber man gesagt hat es ist Ja auch ein Wort des deutschen Kaisers -, daß sie nicht nur Feinde der herrschenden Klasse, sondern Feinde der göttlichen Weltordnung seien.

[ 17 ] After all, over the past few centuries, the proletarian theorist was undoubtedly correct in this view. Recent years have, in fact, amply demonstrated this in a wide variety of fields. Or can one believe that the people who, at various schools—I won’t say mathematics and physics, since there isn’t much room for worldviews there—taught history, for example, or wrote about history, can be said to have ultimately expressed anything other than a reflection of the prevailing political and economic order? Just look at the history of those states that entered the World War. Certainly, the history of the Hohenzollerns will look different in the future than the way German professors have written it in recent years and decades. This history, however, will be written by people who have been told—and this was indeed a statement by the German Emperor—that they are not only enemies of the ruling class but enemies of the divine world order.

[ 18 ] So wurde das, was das Geistesleben der herrschenden Klassen war, für den Proletarier zu einer öden Ideologie, zu einem Luxus der Menschheit, zu etwas, wofür er kein Verständnis aufbringen konnte. Dennoch, seine tiefste Sehnsucht ging dahin, gerade etwas zu finden, was ihm sagte, was Menschenwürde, was Menschenwert ist. Daher ist die erste proletarische Forderung eine Geistesforderung. Und man mag da oder dort sagen, was man will, die erste proletarische Forderung ist eine Geistesforderung, die Forderung nach einem solchen Geistesleben, in dem man empfinden kann, was man als Mensch ist, in dem jeder Mensch empfinden kann, was das Menschenleben auf der Erde wert ist. Das ist auf geistigem Gebiete die erste proletarische Forderung.

[ 18 ] Thus, what had been the intellectual life of the ruling classes became, for the proletarian, a barren ideology, a luxury of humanity, something he could not comprehend. Nevertheless, his deepest longing was to find precisely something that would tell him what human dignity and human worth are. Therefore, the first proletarian demand is a spiritual one. And no matter what people may say here or there, the first proletarian demand is a spiritual one—the demand for a spiritual life in which one can feel what it means to be human, in which every human being can feel the value of human life on Earth. This is the first proletarian demand in the spiritual realm.

[ 19 ] Die zweite proletarische Forderung, sie entspringt dem Gebiet des Rechtslebens, des eigentlich politischen Staates. Es ist schwierig, theoretisch über das zu reden, was eigentlich das Recht ist. Jedenfalls ist das Recht etwas, das alle Menschen angeht, und man braucht eigentlich über das Recht nur das Folgende zu sagen: Geradeso, wie man mit dem, der blind ist, nicht sprechen kann über das, was eine blaue Farbe ist, aber man nicht viel zu theoretisieren nötig hat über die blaue Farbe mit dem, der sieht, so läßt sich auch über das Recht mit denjenigen nicht reden, welche für das Recht blind sind. Denn auf einem ursprünglichen menschlichen Rechtsbewußtsein ruht das Recht. Auf den Geboten des politischen Staates, den sich in den letzten Jahrhunderten die herrschenden Klassen so fein zurechtgezimmert haben, suchte der Proletarier sein Recht, sein Recht vor allen Dingen mit Bezug auf sein Arbeitsgebiet. Was fand er? Er fand sich zunächst eingespannt nicht in den Rechtsstaat, er fand sich eingespannt in den Wirtschaftsstaat. Und da sah er, daß gegenüber allen Humanitätsideen, gegenüber allen Ideen von reiner Menschlichkeit für ihn ein Rest alter Unmenschlichkeit, ein furchtbarer Rest alter Unmenschlichkeit geblieben ist. Das ist wiederum etwas, was so zündend durch Karl Marx eingeschlagen hat in die Proletarierseelen. Sklaven hat es in alten Zeiten gegeben. Der ganze Mensch wurde wie eine Ware gekauft und verkauft. Später hat es Leibeigene gegeben. Da wurde dann weniger vom Menschen gekauft und verkauft als in der alten Sklavenzeit. Auch jetzt noch wird vom Menschen etwas gekauft und verkauft wie eine Ware. Was Karl Marx und seine Nachfolger immer wieder und wiederum so verständlich für die proletarische Seele ausgesprochen haben, das ist, daß die menschliche Arbeitskraft verkauft wird. Die Arbeitskraft wird auf dem modernen Warenmarkt, wo nur Waren sein sollten, selber wie eine Ware behandelt. Das ruht in den Tiefen, wenn auch oft unbewußt, der proletarischen Seele, so daß sich diese sagt: Die Zeit ist gekommen, wo meine Arbeitskraft nicht mehr Ware sein darf.

[ 19 ] The second proletarian demand arises from the realm of legal life, of the state in the strictly political sense. It is difficult to speak theoretically about what law actually is. In any case, the law is something that concerns all people, and one really need only say the following about it: Just as one cannot speak to a blind person about what the color blue is—yet one need not theorize much about the color blue with someone who can see—so, too, one cannot speak about the law with those who are blind to it. For the law rests upon an original human sense of justice. The proletarian sought his rights—above all, with regard to his sphere of labor—in the decrees of the political state that the ruling classes had so meticulously crafted over the past centuries. What did he find? He found himself, at first, not ensnared in the constitutional state, but ensnared in the economic state. And there he saw that, in the face of all ideas of humanity, in the face of all ideas of pure humanity, a remnant of old inhumanity—a terrible remnant of old inhumanity—remained for him. This, in turn, is something that struck such a powerful chord in the souls of the proletariat through Karl Marx. There were slaves in ancient times. The whole person was bought and sold like a commodity. Later, there were serfs. In those days, less of the person was bought and sold than in the old era of slavery. Even now, something of the person is still bought and sold like a commodity. What Karl Marx and his successors have repeatedly articulated—and in a way so understandable to the proletarian soul—is that human labor power is sold. On the modern commodity market—where only commodities are supposed to exist—labor power itself is treated as a commodity. This fact lies deep within the proletarian soul, even if often unconsciously, so that the soul says to itself: The time has come when my labor power must no longer be a commodity.

[ 20 ] Das ist die zweite proletarische Forderung. Sie entspringt dem Rechtsboden. Indem Karl Marx auf dieses Verhältnis aufmerksam machte, da sprach er wiederum eines seiner zündenden Worte. Aber noch radikaler, als Karl Marx selber dabei zu Werke gegangen ist, muß gerade auf diesem Gebiete zu Werke gegangen werden. Klar muß es werden: eine Weltordnung, eine Gesellschaftsordnung muß heraufziehen, in der die Arbeitskraft des Menschen keine Ware mehr ist, in der sie vollständig entkleidet wird des Charakters der Ware. Denn muß ich meine Arbeitskraft verkaufen, so kann ich auch gleich meinen ganzen Menschen verkaufen. Wie kann ich meinen Menschen noch zurückbehalten, wenn ich an irgend jemanden meine Arbeitskraft verkaufen muß? Er wird Herr meines ganzen Menschen. Damit ist der letzte Rest des alten Sklaventums, aber wahrhaftig nicht in geringerer Gestalt, heute noch da in dieser «humanen» Zeit.

[ 20 ] This is the second proletarian demand. It stems from the legal foundation. When Karl Marx drew attention to this relationship, he once again spoke one of his most stirring words. But action must be taken in this very area in a manner even more radical than the approach Karl Marx himself took. It must be made clear: a world order, a social order, must emerge in which human labor power is no longer a commodity, in which it is completely stripped of its character as a commodity. For if I must sell my labor power, I might as well sell my entire self. How can I still retain my humanity if I must sell my labor power to anyone? That person becomes the master of my entire being. Thus, the last remnant of the old slavery—though certainly not in a lesser form—still exists today in this “humane” age.

[ 21 ] So fand sich der Proletarier mit seiner Arbeitskraft und deren Verkauf vom Rechtsleben in das Wirtschaftsleben hinausgestoßen. Und wenn gesagt wird, nun, es besteht ja der Arbeitsvertrag, so muß dem entgegengehalten werden, daß so lange, wie überhaupt über das Arbeitsverhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter ein Vertrag geschlossen werden darf, so lange ist das Sklavenverhältnis in bezug auf die Arbeitskraft da. Erst dann, wenn hinübergenommen werden wird auf den bloßen Rechtsboden das Verhältnis mit Bezug auf die Arbeit zwischen Arbeitsleiter und physischen Arbeitern, erst dann ist dasjenige da, was die moderne Proletarierseele fordern muß.

[ 21 ] Thus, the proletarian, with his labor power and its sale, found himself pushed out of legal life and into economic life. And if it is said, “Well, there is the employment contract,” it must be countered that as long as a contract may be concluded at all regarding the employment relationship between employer and worker, the slave-like relationship with regard to labor power remains. Only when the relationship between supervisors and manual laborers with regard to work is transferred to the purely legal sphere—only then will what the modern proletarian soul must demand be realized.

[ 22 ] Das kann aber nur dann sein, wenn ein Verhältnis nurmehr abgeschlossen wird nicht über den Lohn, sondern lediglich abgeschlossen wird über dasjenige, was von dem physischen und dem geistigen Arbeiter gemeinschaftlich produziert wird. Verträge kann es nur geben über Waren, nicht über Stücke Menschen. Statt sein Arbeitsverhältnis geschützt zu wissen auf dem Boden des Rechtes, was fand der moderne Proletarier auf diesem Rechtsboden? Fand er Rechte? Wenn er auf sich sah, fand er wahrhaftig keine Rechte. Gewisse Leute hatten sich ja allmählich angewöhnt, diesen modernen Staat wie eine Art Gottheit, wie einen Götzen zu empfinden. Fast wie der Faust zum Gretchen im ersten Teile über Gott sprach, so sprachen gewisse Leute über den modernen Staat. Man könnte sich ganz gut denken, daß ein moderner Arbeitsunternehmer seine Arbeiter unterrichtete über die Göttlichkeit des modernen Staates und sagte von diesem Staat: «Der Allerhalter, der Allumfasser, faßt und erhält er nicht dich, mich und sich selbst?» Denken wird er dabei wahrscheinlich immer: besonders mich. - Rechte erwartete das Menschheitsbewußtsein auf dem Boden des Staates. Vorrechte derjenigen, welche sich diese Vorrechte aus dem Wirtschaftsleben, namentlich in der neueren Zeit, errungen haben, fand der moderne Proletarier. Statt desjenigen, was in bezug auf alles Recht gefordert werden muß Gleichheit aller Menschen -, was fand der moderne Proletarier? Wenn man hinblickt auf das, was er da fand auf dem Boden des Rechtsstaates, dann kommt man zu seiner dritten Forderung; denn er fand auf dem Boden, auf dem er das Recht finden sollte, namentlich das Recht seiner Arbeit und das entgegengesetzte Recht, das Recht des sogenannten Besitzers, er fand den Klassenkampf. Der moderne Staat ist für den modernen Proletarier nichts weiter als der klassenkämpferische Staat.

[ 22 ] But this can only be the case if a contract is no longer concluded on the basis of wages, but solely on the basis of what is jointly produced by manual and intellectual workers. Contracts can only be made for commodities, not for human beings. Instead of knowing that his employment relationship was protected by law, what did the modern proletarian find on this legal ground? Did he find rights? When he looked at himself, he truly found no rights. Certain people had, after all, gradually become accustomed to viewing this modern state as a kind of deity, as an idol. Almost as Faust spoke to Gretchen about God in the first part, so did certain people speak of the modern state. One could quite well imagine a modern employer instructing his workers about the divinity of the modern state and saying of this state: “The Sustainer of All, the All-Encompassing One—does he not encompass and sustain you, me, and himself?” In doing so, he will probably always be thinking: especially me. - The consciousness of humanity expected rights to be grounded in the state. The modern proletarian found the privileges of those who had won these privileges through economic life, particularly in more recent times. Instead of what must be demanded with regard to all rights—the equality of all people—what did the modern proletarian find? If one looks at what he found there within the framework of the constitutional state, one arrives at his third demand; for on the very ground where he was supposed to find justice—namely, the justice of his labor and the opposing justice, the justice of the so-called owner—he found the class struggle. For the modern proletarian, the modern state is nothing more than a state of class struggle.

[ 23 ] Damit bezeichnen wir die dritte proletarische Forderung als diejenige, welche darauf hinzielt, den Klassenstaat zu überwinden und den Rechtsstaat an seine Stelle treten zu lassen. Arbeit und Arbeitsleitung sind Gegenstände des Rechtes. Was ist denn schließlich der Besitz? Der wird im Laufe der neueren Zeit etwas werden müssen, das zu den alten verrosteten Dingen gehört; denn was ist er in Wirklichkeit? Im sozialen Organismus ist nur der Begriff zu brauchen, der da sagt: der Besitz ist das Recht irgendeines Menschen, sich irgendeiner Sache zu bedienen. Besitz beruht immer auf einem Rechte. Nur dann, wenn auf dem Boden, aber jetzt wahrer demokratischer Gesellschaftsordnung, die Rechte geregelt sind, dann werden den sogenannten Besitzrechten die Arbeiterrechte gegenüberstehen. Nur dann aber kann dasjenige erfüllt werden, was des modernen Proletariers berechtigte Forderungen sind.

[ 23 ] We thus define the third proletarian demand as the one that aims to overcome the class state and replace it with the rule of law. Labor and management are matters of law. What, after all, is property? In the course of modern times, it will have to become something that belongs to the old, rusted-out ways; for what is it in reality? In the social organism, we need only use the concept that states: property is the right of any person to make use of any thing. Property is always based on a right. Only when rights are regulated on the basis of a truly democratic social order will so-called property rights be counterbalanced by workers’ rights. Only then, however, can the legitimate demands of the modern proletarian be fulfilled.

[ 24 ] Wenn man so die heutigen Tatsachen, die so laut sprechen, sich ansieht, dann kommt man dahin, sich zu sagen: Genauer muß dasjenige, was sich allmählich als sozialer Organismus unter dem Einfluß der modernen Technik, unter dem Einfluß des modernen Kapitalismus herausgebildet hat, angesehen werden. - Und man braucht nur hinzuschauen auf die eben charakterisierten drei Forderungen des modernen Proletariats, dann wird man auch sehen, was not tut zur Gesundung des sozialen Organismus. Ein Geistiges, ein Rechtliches, ein Wirtschaftliches, das sind die drei Momente, auf die man hinschauen muß. Wie aber sind diese drei Momente in der modernen geschichtlichen, eben unter dem Einfluß von Technik und Kapitalismus stehenden Ordnung behandelt worden?

[ 24 ] When one looks at today’s facts, which speak so loudly, one is led to conclude that what has gradually emerged as a social organism under the influence of modern technology and modern capitalism must be examined more closely. - And one need only look at the three demands of the modern proletariat just characterized to see what is necessary for the recovery of the social organism. The spiritual, the legal, and the economic—these are the three aspects one must focus on. But how have these three aspects been treated in the modern historical order, which is precisely under the influence of technology and capitalism?

[ 25 ] Hier kommen wir aus der Kritik dessen, was sich herausgebildet hat durch die herrschenden Klassen der Gegenwart, zu dem, was heute als geschichtliche Forderung auftritt. Ich kann mir vorstellen, daß mancher in dem, was ich nunmehr sprechen werde, nicht mit mir vollständig übereinstimmen werde. Aber zeigen nicht die Tatsachen, die sich entwickelt haben, daß die Gedanken der Menschen vielfach hinter diesen Tatsachen zurückgeblieben sind? Deshalb ist es vielleicht doch berechtigt, darauf zu hören, wenn jemand sagt: Wir haben nicht nur allerlei Redensarten über Umwandlung der Zustände nötig, nein, wir haben es heute nötig, zu ganz neuen Gedanken vorzuschreiten. Neue Gedanken müssen in die menschlichen Hirne hinein, denn die alten Gedanken haben gezeigt, wozu sie die menschliche Gesellschaftsordnung gemacht haben. Umdenken und umlernen, nicht bloß umprobieren ist heute notwendig. Und wenn das, was ich zu sagen habe, in manchem abweichen wird von gewohnten Gedanken, so bitte ich Sie, die Sache so aufzunehmen, daß es aus der Lebensbeobachtung der Tatsachen heraus genommen ist und ebenso ehrlich gemeint ist wie manches andere, was ehrlich für die Gesundung der neueren sozialen Verhältnisse vorgebracht wird.

[ 25 ] Here we move from a critique of what has emerged through the ruling classes of the present to what now presents itself as a historical imperative. I can imagine that some may not fully agree with me on what I am about to say. But don’t the facts that have unfolded show that people’s ideas have in many ways lagged behind these facts? That is why it may, after all, be justified to listen when someone says: We need not only all sorts of talk about transforming conditions—no, today we need to move on to entirely new ideas. New ideas must enter people’s minds, for the old ideas have shown what they have done to the human social order. A change in thinking and a re-learning—not merely a change in approach—is necessary today. And if what I have to say differs in some respects from conventional thinking, I ask you to accept it as something drawn from the observation of real-life facts and meant just as sincerely as many other ideas that are honestly put forward for the recovery of modern social conditions.

[ 26 ] Ich sehe, wie zum Beispiel in der neueren Zeit gerade unter dem Einfluß der bürgerlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung das Wirtschaftsleben immer mehr und mehr mit dem Rechtsleben zusammengewachsen ist, wie der politische Staat und der Wirtschaftsstaat eins geworden sind. Nehmen wir ein recht charakteristisches Beispiel der Gegenwart. Nehmen wir das Beispiel des eben seinem Schicksal erlegenen Österreich. Als in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts dieses Österreich sich endlich einmal entschloß, ein sogenanntes Verfassungsleben einzurichten, wie wurde denn da der Reichsrat, dieser alte selige Reichsrat - man nannte, weil man einen so recht deutlichen kurzen Namen haben wollte, diesen österreichischen Staat außer Ungarn, den Ländern der sogenannten heiligen Stefanskrone, «die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder», - kurzer Name für Österreich! - gewählt? Da wurde gewählt für diesen Reichsrat nach vier Kurien, erstens der Großgrundbesitzer, zweitens der Handelskammern, drittens der Städte, Märkte und Industrialorte, viertens der Landgemeinden. Die letzteren durften nur indirekt wählen. Aber was sind alle diese Kurien? Wirtschaftskurien waren sie. Bloße wirtschaftliche Interessen hatten sie zu vertreten, und sie wählten ihre Abgeordneten in den österreichischen Reichsrat. Was war dort zu tun? Rechte waren festzusetzen, politische Rechte. Was hatte man für Vorstellungen über politische Rechte, indem man den österreichischen Reichsrat auf diesen vier Kurien aufbaute? Nun, man hatte die Vorstellung: im Reichsrate, wo das Recht beschlossen werden soll, wandelt man die wirtschaftlichen Interessen bloß um in Rechte. Und so kam es, und so ist es noch, daß im Grunde genommen die staatlichen Vertretungen in sich einschließen, zumeist offen oder versteckt, die bloßen wirtschaftlichen Interessen. Man sehe auf den Bund der Landwirte im deutschen Reichstag hin; näherliegende Beispiele erlassen Sie mir aufzuzählen. Überall sehen wir, wie die Tendenz der neueren Zeit dahin ging, das Wirtschaftsleben zusammenzuschmelzen mit dem politischen Leben des eigentlichen Staates. Das nannte man den Fortschritt. Man begann mit denjenigen Zweigen, die den herrschenden Klassen besonders genehm waren, dem Post-, Telegraphen-, Eisenbahnwesen und dergleichen, und dehnte das immer mehr und mehr aus. Das ist das eine, was man zusammengeschweißt hat. Das andere, was man verschmolzen, was man zusammengeschweißt hat, das war das Geistesleben und der politische Staat.

[ 26 ] I see how, for example, in more recent times—precisely under the influence of the bourgeois social and economic order—economic life has become increasingly intertwined with legal life, and how the political state and the economic state have become one. Let us take a rather characteristic example from the present day. Let us take the example of Austria, which has just succumbed to its fate. When, in the 1860s, Austria finally decided to establish a so-called constitutional system, how was the Imperial Council—that old, blessed Imperial Council—named? Because they wanted a clear and concise name for this Austrian state (excluding Hungary) comprising the lands of the so-called Holy Crown of St. Stephen, they chose “the kingdoms and lands represented in the Imperial Council” —a short name for Austria!—were elected? Members of this Imperial Council were elected from four curiae: first, the large landowners; second, the chambers of commerce; third, the cities, market towns, and industrial centers; and fourth, the rural communities. The latter were allowed to vote only indirectly. But what were all these colleges? They were economic colleges. They were to represent purely economic interests, and they elected their representatives to the Austrian Imperial Council. What was to be done there? Rights were to be established—political rights. What was the mental image of political rights when the Austrian Imperial Council was structured around these four curiae? Well, the mental image was this: in the Imperial Council, where laws are to be enacted, economic interests are simply transformed into rights. And so it came to pass—and so it remains—that, in essence, state representative bodies encompass, mostly openly or covertly, mere economic interests. Consider the Farmers’ League in the German Reichstag; I will spare you the need to list more obvious examples. Everywhere we see how the trend of recent times has been to merge economic life with the political life of the state itself. This was called “progress.” It began with those sectors that were particularly favored by the ruling classes—the postal, telegraph, and railroad systems, and the like—and expanded this more and more. That is one thing that has been fused together. The other thing that has been fused, that has been welded together, was intellectual life and the political state.

[ 27 ] Ich weiß, daß ich gewissermaßen auf Eis trete, wenn ich gerade über dieses Zusammenschmelzen des Geisteslebens mit dem politischen Staate spreche, wenn ich heute davon spreche, daß diese Zusammenschmelzung zum Nachteil, zum Schaden, zur Erkrankung des sozialen Organismus geführt hat. Gewiß, für die herrschenden Klassen war das in den letzten Jahrhunderten, und namentlich im 19. Jahrhundert, notwendig. Aber man darf nicht bloß glauben, daß die Verwaltung, der Betrieb von Wissenschaft und anderen Zweigen des Geisteslebens korrumpiert, beeinträchtigt worden ist durch die Staatsverwaltung, sondern der Inhalt der Wissenschaft selber. Auch da braucht man ja nicht gleich wiederum so weit zu gehen, wie der berühmte Physiologe Du Bois-Reymond, der einmal in einer schönen Rede - die Herren sprechen ja immer sehr, sehr schön, wenn sie von solchen Dingen reden -, in einer schönen Rede die Mitglieder der Berliner Akademie der Wissenschaften «die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern» genannt hat.

[ 27 ] I know that I am, in a sense, treading on thin ice when I speak specifically about this fusion of intellectual life with the political state, when I speak today about how this fusion has led to the detriment, the harm, and the sickness of the social organism. Certainly, for the ruling classes, this was necessary in recent centuries, and especially in the 19th century. But one must not merely believe that the administration and operation of science and other branches of intellectual life have been corrupted or compromised by the state administration, but rather that the very content of science itself has been affected. Even here, one need not go as far as the famous physiologist Du Bois-Reymond, who once, in a fine speech—gentlemen always speak very, very eloquently when they discuss such matters—in a fine speech, referred to the members of the Berlin Academy of Sciences as “the scientific auxiliary force of the Hohenzollerns.”

[ 28 ] Man hat ja in einer aufgeklärten Zeit viel darüber gespottet, wie im Mittelalter die äußere Wissenschaft und Weltanschauung, die Magd, die Dienerin der Theologie war. Gewiß, man wird diese Zeiten wohl niemals wieder zurückwünschen wollen. Wer die heutigen Dinge mit unbefangenem Urteil überblickt, der weiß, daß eine spätere Zeit über die unsrige in einer ähnlichen Weise urteilen wird. Die Schleppe der Theologie tragen vielfach die Gelehrten nicht mehr, na, ich will nicht sagen, daß sie die Stiefel putzen der betreffenden Staaten, aber Schleppenträger der betreffenden Staaten sind die Geistesträger in vieler Beziehung schon geworden. Das ist dasjenige, was man sich immer wieder und wiederum vor Augen halten muß, wenn man davon sprechen will, was es eigentlich bewirkt hat, daß in der neueren Zeit auf der einen Seite das Wirtschaftsleben zusammengeschmolzen wurde mit dem politischen Staatsleben, auf der anderen Seite das Geistesleben zusammengeschmolzen wurde mit eben diesem politischen Staatsleben. Wer in diese Dinge hineinschaut, der fragt Jetzt nicht, wie so viele Leute fragen: Was soll der Völkerbund tun, der jetzt von dem einen oder von dem anderen Standpunkt aus gegründet werden soll? Ich habe neulich in Bern gehört, wie ein Herr, der sich besonders gescheit dünkt, sagte: Der Völkerbund muß einen Überstaat begründen, er muß ein Überparlament ins Leben rufen. Ja, sehen Sie, wer mit unbefangenem Blick auf das schaut, was die bisherigen Staaten in diesen vier Schreckensjahren bewirkt haben, der möchte mit Bezug auf den Völkerbund wahrhaftig nicht fragen: Wie soll man die verschiedenen Maßnahmen und Einrichtungen der bisherigen Staaten auf diesen Völkerbund übertragen? Was soll man tun, damit dieser Völkerbund möglichst ähnlich werde dem Staate? - Er wird wohl anders fragen. Er wird vielleicht fragen: Was sollte denn dieser Staat unterlassen? - Denn das, was er getan hat, hat wahrhaftig in den letzten vier Jahren nicht sonderlich gute Früchte getragen. Da kommt man allmählich dazu, wenn man wirklich mit gesundem Sinn hineinschaut in das Getriebe des modernen sozialen Lebens, dasjenige zu sagen, was die geschichtlichen Mächte und Kräfte wirklich fordern in der neueren Zeit.

[ 28 ] In our enlightened age, there has been much mockery of how, in the Middle Ages, the external sciences and worldview were the handmaiden, the servant, of theology. Certainly, no one would ever wish to return to those times. Anyone who surveys today’s affairs with an unbiased judgment knows that a later age will judge our own in a similar way. In many cases, scholars no longer bear the train of theology—well, I won’t go so far as to say that they polish the boots of the respective states, but in many respects, the bearers of the spirit have already become the train-bearers of those states. This is precisely what one must keep in mind time and again when discussing what has actually brought about the fact that, in recent times, on the one hand, economic life has become fused with political state life, and on the other hand, intellectual life has become fused with this very same political state life. Anyone who looks closely at these matters does not ask—as so many people do—what the League of Nations, which is now to be founded from one perspective or another, should do. I recently heard in Bern a gentleman who considers himself particularly clever say: “The League of Nations must establish a supranational state; it must create a supranational parliament.” Yes, you see, anyone who looks impartially at what the existing states have accomplished during these four dreadful years would truly not ask, with regard to the League of Nations: “How should the various measures and institutions of the existing states be transferred to this League of Nations? What should be done to make this League of Nations as similar as possible to a state?”—He will likely ask something else. He might ask: What, then, should this state refrain from doing?—For what it has done has truly not borne particularly good fruit in the last four years. Thus, when one truly examines the workings of modern social life with sound judgment, one gradually comes to say what the historical powers and forces truly demand in recent times.

[ 29 ] Während der Weltkrieg gewütet hat, habe ich so manchem dasjenige vorgetragen, was ich auch hier vortrage. Tauben Ohren hat man gepredigt. Gar manchem habe ich gesagt: Jetzt haben Sie noch Zeit; solange die Kanonen donnern, schickt es sich, daß in den Kanonendonner hinein von denjenigen Staaten, die vernünftig diesen Krieg beenden wollen, Worte gesprochen werden, wie sie von der Zeit gefordert werden, wie sie sich unbedingt realisieren werden in den nächsten zehn, zwanzig Jahren. Sie haben heute die Wahl, entweder Vernunft anzunehmen und durch Vernunft sie zu realisieren, oder, wenn Sie das nicht wollen, gehen Sie eben Kataklysmen und Revolutionen entgegen. WieSchall und Rauch ging das an den Ohren vorbei.

[ 29 ] While the World War was raging, I shared with many people the very same message I am sharing here today. My words fell on deaf ears. To quite a few people I said: You still have time now; as long as the cannons are thundering, it is fitting that, amid the cannon fire, those states that wish to bring this war to a reasonable end should speak words that are demanded by the times—words that will inevitably come to pass in the next ten or twenty years. Today you have the choice: either to embrace reason and bring these things to pass through reason, or—if you do not wish to do so—to head straight toward cataclysms and revolutions. It went in one ear and out the other, like smoke and mirrors.

[ 30 ] Das, was die Zeit von uns fordert ist, daß wir uns wirklich dazu aufraffen, selbständige soziale Gebilde zu schaffen: ein freies, auf sich selbst gestelltes Geistesleben, einen politischen Staat, dem wir nur das Rechtsleben überlassen, und ein Wirtschaftsleben, das wir auf seine eigene Grundlage stellen. - Wie schauderhaft ist das für manchen, der sich im Sinne der alten Denkgewohnheiten für einen Praktiker hält, daß man nun dem Komplizierten entgegengehen soll, drei nebeneinanderstehende soziale Organismen, eine besondere Geistesorganisation, eine besondere Rechtsorganisation und eine besondere Wirtschaftsorganisation! Allein, machen wir uns das nur klar, was das zum Beispiel für das wirtschaftliche Leben für eine Wirkung haben wird. Da haben wir das wirtschaftliche Leben auf der einen Seite begrenzt durch die Naturgrundlage, Klima, Bodenbeschaffenheit. Man kann auf der einen Seite dadurch, daß man allerlei technische Verbesserungen macht, der Natur beikommen, aber eine Grenze ist gesetzt, über die man nicht hinausgehen kann. Die Naturgrundlage bildet die eine Grenze des Wirtschaftslebens. Man braucht sich nur an extreme Beispiele zu erinnern. Denken wir an ein Land, wo viele Leute sich von Bananen ernähren können. Um die Banane von ihrem Ausgangsorte zum Konsum zu bringen, ist hundertmal weniger Arbeit nötig, als um unseren Weizen in unseren Gegenden von der Aussaat bis zur Konsumfähigkeit zu bringen. Nun, so extreme Beispiele klären die Sache auf. Aber wenn auch die Dinge sonst in einem geschlossenen sozialen Territorium nicht so extrem nebeneinanderstehen, die Naturgrundlage ist da. Sie ist die eine Grenze des Wirtschaftslebens. Eine andere Grenze muß noch da sein. Das ist diejenige, die von dem selbständig neben dem Wirtschaftsleben stehenden Staate gebildet wird. Innerhalb dieses Staates, der auf rein demokratischer Grundlage stehen muß, weil er das behandelt, was für alle Menschen gleich gilt, worüber alle Menschen sich verständigen müssen, weil er aus dem Rechtsbewußstsein, das in der Seele jedes Menschen wurzelt, hervorgehen muß, in diesem Rechtsstaat wird auch bestimmt werden ganz unabhängig von dem Wirtschaftsleben Maß, Zeit und manches andere mit Bezug auf die menschliche Arbeit. Geradesowenig wie das Samenkorn in bezug auf die Kräfte, die es erfassen unter der Erde, schon im Wirtschaftsleben drinnensteht, sondern wie diese Naturkräfte das Wirtschaftsleben selbst bestimmen, so muß von seiten des selbständigen Staates dem Wirtschaftsleben auch das Arbeitsrecht zugrunde gelegt werden. Der Preis der Ware muß bestimmt werden, wie durch die Naturgrundlage auf der einen Seite, so auf der anderen Seite durch das vom Wirtschaftsleben unabhängige Arbeitsrecht. Warenpreise müssen abhängig sein vom Arbeitsrecht, nicht, wie es heute der Fall ist, Arbeitspreise von Warenpreisen.

[ 30 ] What the times demand of us is that we truly summon the will to create independent social structures: a free, self-reliant intellectual life; a political state to which we entrust only the legal sphere; and an economic life that we place on its own foundation. - How appalling this must seem to some who, in the spirit of old ways of thinking, consider themselves practical people—that we are now supposed to embrace complexity: three social organisms existing side by side—a distinct spiritual organization, a distinct legal organization, and a distinct economic organization! But let us just make it clear to ourselves what effect this will have, for example, on economic life. On the one hand, economic life is limited by natural conditions—climate and soil quality. On the one hand, one can overcome nature by making all sorts of technical improvements, but a limit is set that cannot be exceeded. Natural conditions form one boundary of economic life. One need only recall extreme examples. Let’s think of a country where many people can sustain themselves on bananas. It takes a hundred times less labor to bring a banana from its place of origin to the consumer than it does to bring our wheat in our regions from sowing to the point where it is ready for consumption. Well, such extreme examples clarify the matter. But even if things do not stand in such extreme contrast within a closed social territory, the natural foundation is still there. It is one boundary of economic life. There must be another boundary as well. This is the one formed by the state, which stands independently alongside economic life. Within this state—which must be founded on a purely democratic basis, because it deals with matters that apply equally to all people and on which all people must agree, and because it must arise from the sense of justice rooted in every human soul—within this constitutional state, measures, time, and many other aspects relating to human labor will also be determined entirely independently of economic life. Just as the seed, with regard to the forces that act upon it beneath the earth, is not itself part of economic life—but rather, just as these natural forces determine economic life itself—so too must labor law be established as the foundation of economic life by the independent state. The price of a commodity must be determined, on the one hand, by its natural basis and, on the other hand, by labor law, which is independent of economic life. Commodity prices must depend on labor law, not—as is the case today—labor prices on commodity prices.

[ 31 ] Das ist dasjenige, was im geheimen, im Innersten seiner Seele im Grunde jeder wirkliche Arbeiter erwartet, daß die Regelung der Arbeitskraft und auch die Regelung des sogenannten Besitzes, der dadurch gar kein Besitz mehr sein wird, abgesondert wird vom Wirtschaftsleben, damit auf wirtschaftlichem Gebiete nicht mehr ein Zwangsverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sondern lediglich ein Rechtsverhältnis sein könne. Dann wird es im Wirtschaftsleben nur dasjenige geben, was einzig und allein in das Wirtschaftsleben gehört: Warenerzeugung, Warenverkehr, Warenkonsum. Und verwirklicht werden kann dasjenige, was gerade das sozialistische Denken zu verwirklichen anstrebt, daß fortan nicht mehr produziert werde, um zu profitieren, sondern daß produziert werde, um zu konsumieren. Das kann nur geschehen, wenn ebenso unabhängig über Arbeit und Arbeitsleistung die Regeln getroffen werden, wie von der Natur für die wirtschaftliche Ordnung unabhängig von dieser wirtschaftlichen Ordnung, die Regeln selber getroffen werden. Dann wird auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens erst das zu seinem Rechte kommen, was sich heute alles herausbildet als das Genossenschaftswesen, das Assoziationswesen; das muß eine sachgemäße Verwaltung auf dem Boden des Wirtschaftslebens finden. Da muß nach dem Konsumbedürfnisse das Produktionsleben in Assoziationen, in Genossenschaften geregelt werden. Da muß vor allen Dingen genommen werden dem politischen Staate die ganze Regelung der Währung. Währung, Geld kann nicht mehr etwas sein, was dem politischen Staat untersteht, sondern etwas, was in den Wirtschaftskörper hineingehört. Was wird dann dasjenige sein, was der Repräsentant des Geldes ist? Nicht mehr irgendeine andere Ware, die eigentlich nur eine Luxusware ist und deren Wert auf menschlicher Einbildung beruht, das Gold, sondern dem Gelde wird entsprechen - ich kann das nur andeuten, Sie werden es nächstens in meinem Buche über die soziale Frage, das in ein paar Tagen erscheinen wird, ausgeführt finden -, dem Gelde wird entsprechen alles dasjenige, was vorhanden ist an brauchbaren Produktionsmitteln. Und diese brauchbaren Produktionsmittel, sie werden so behandelt werden können, wie sie eigentlich behandelt werden sollen im Sinne des modernen sozialen Denkens, sie werden so behandelt werden können, wie man heute nur dasjenige, was man in unserer Zeit als das schofelste Eigentum ansieht, behandelt.

[ 31 ] This is what every genuine worker secretly expects, deep down in the innermost part of his soul: that the regulation of labor—and also the regulation of so-called property, which will thereby cease to be property at all—be separated from economic life, so that in the economic sphere there may no longer be a relationship of coercion between employer and employee, but merely a legal relationship. Then economic life will consist solely of what belongs exclusively to economic life: the production of goods, the exchange of goods, and the consumption of goods. And what socialist thought strives to achieve—that from now on, production will no longer be for the sake of profit but for the sake of consumption—can be realized. This can only happen if the rules governing labor and work performance are established just as independently as nature establishes the rules for the economic order—independently of that economic order itself. Then, in the realm of economic life, what is currently emerging as the cooperative system, the system of associations, will finally come into its own; this must find appropriate administration within the framework of economic life. There, production must be organized into associations and cooperatives in accordance with consumption needs. Above all, the entire regulation of currency must be taken away from the political state. Currency—money—can no longer be something subject to the political state, but rather something that belongs within the economic body. What, then, will be the representative of money? No longer will it be some other commodity—which is really just a luxury item and whose value is based on human imagination, namely gold—but rather, money will correspond to—I can only hint at this; you will find it elaborated in my book on the social question, which will be published in a few days—money will correspond to all available means of production. And these usable means of production will be able to be treated as they actually ought to be treated in the spirit of modern social thought; they will be able to be treated in the same way that, today, only what is regarded in our time as the most despicable form of property is treated.

[ 32 ] Was gilt in unserer Zeit als das schofelste Eigentum? Na, selbstverständlich das Geistige, das geistige Eigentum. Von dem weiß man in unserer Zeit, daß man es hat von der sozialen Ordnung. Ja, wenn man ein noch so gescheiter Mensch ist, wenn man noch so viel leisten kann, noch so schöne Sachen hervorbringt, gewiß, den Anlagen entspricht es, manchem anderen auch noch, aber insofern man es verwertet im sozialen Organismus, insofern hat man es vom sozialen Organismus. Deshalb ist es gerecht, daß dieses Geistesgut nicht bei den Erben verbleibt, sondern wenigstens nach einer Anzahl von Jahren in den sozialen Organismus übergeht, Gemeineigentum wird, verwendet werden kann von dem, der dazu durch seine individuellen Fähigkeiten geeignet ist. Dieses schofelste Eigentum, das geistige Figentum, wird heute so behandelt. So wird in der Zukunft behandelt werden jedes sogenannte Eigentum. Nur wird es viel früher übergehen müssen in das Gemeineigentum, so daß derjenige, der dazu die Fähigkeiten hat, diese Fähigkeiten an diesem Eigentum wiederum im Sinne des Nutzens und Zweckes des sozialen Organismus einbringen kann. Deshalb habe ich in dem Buch, das in ein paar Tagen erscheinen wird, gezeigt, wie es notwendig ist, daß die Produktionsmittel nur so lange bei der Leitung eines Menschen bleiben, als die individuellen Fähigkeiten dieses Menschen die Leitung dieser Produktionsmittel rechtfertigen, daß alles dasjenige, was profitiert wird auf Grundlage der Produktionsmittel, wenn es nicht wiederum hineingesteckt wird in die Produktion selbst, übergeleitet werden muß an die Allgemeinheit. Durch den geistigen Organismus kann derjenige aufgesucht werden, der im Sinne seiner individuellen Fähigkeiten das für die soziale Gemeinschaft weiterleiten kann.

[ 32 ] What is considered the most precious form of property in our time? Well, of course, the intellectual—intellectual property. We know today that this is something we derive from the social order. Yes, no matter how intelligent a person may be, no matter how much they can accomplish, no matter how beautiful the things they produce—certainly, this corresponds to their natural gifts, and to those of many others as well—but to the extent that they utilize it within the social organism, to that extent they have received it from the social organism. That is why it is just that this intellectual property should not remain with the heirs, but should, at least after a certain number of years, pass into the social organism, become common property, and be used by those who are suited to it by virtue of their individual abilities. This most noble form of property—intellectual property—is treated this way today. In the future, all so-called property will be treated in this way. However, it will have to be transferred to common ownership much sooner, so that those who possess the necessary abilities can, in turn, apply those abilities to this property in a manner that serves the benefit and purpose of the social organism. That is why, in the book that will be published in a few days, I have shown how it is necessary that the means of production remain under the control of an individual only as long as that individual’s abilities justify their control of those means of production, and that all profits derived from the means of production—if not reinvested into production itself—must be transferred to the community. Through the spiritual organism, it is possible to identify the person who, in accordance with their individual abilities, can pass this on to the social community.

[ 33 ] Es ist, wenn man wirklich aus dem Leben heraus diesen sozialen Organismus kennengelernt hat, nicht so einfach, diese moderne Forderung zu erfüllen, die Produktionsmittel nicht mehr in das Privateigentum zu übergeben, damit sie in diesem Privateigentum bleiben. Es müssen aber die Mittel gefunden werden, wodurch dieses Privateigentum allen Sinn verliert, so daß dann der sogenannte Privateigentümer nur der zeitweilige Leiter ist, weil er die Fähigkeiten hat, die Produktionsmittel durch seine Fähigkeiten zum Wohle der Gemeinschaft am besten zu verwalten.

[ 33 ] Once one has truly come to understand this social organism through lived experience, it is not so easy to meet this modern demand—that the means of production no longer be transferred into private ownership so that they remain in that private ownership. However, we must find the means by which this private ownership loses all meaning, so that the so-called private owner is then merely a temporary manager, because he has the skills to best manage the means of production for the good of the community.

[ 34 ] Wenn auf der einen Seite das Arbeiterrecht in dem politischen Staate geregelt wird, wenn auf der anderen Seite der Besitz so in wahrem Sinne des Wortes ein Besitz-Kreislauf wird, dann wird ein freies Vertragsverhältnis über die gemeinschaftliche Produktion zwischen Arbeiter und Arbeitsleiter erst möglich sein. Arbeiter und Arbeitsleiter wird es geben, Unternehmer und Arbeitnehmer nicht mehr.

[ 34 ] If, on the one hand, workers’ rights are regulated within the political state, and if, on the other hand, ownership becomes—in the true sense of the word—a cycle of ownership, then a free contractual relationship regarding collective production between workers and supervisors will finally become possible. There will be workers and supervisors, but no longer entrepreneurs and employees.

[ 35 ] Ich kann alle diese Dinge eben nur kurz skizzieren. Deshalb gestatten Sie mir, daß ich auch noch darauf hinweise, daß als besonderes Gebiet neben dem selbständigen Wirtschaftsgebiet, das auf der anderen Seite das selbständige politische Staatsgebiet, den Rechtsstaat hat, der unabhängig, souverän neben dem Wirtschaftsgebiet steht, wie die Natur selbst, stehen wird das Geistesleben. Dieses Geistesleben, das kann sich nur seinen eigenen, wahren, wirklichen Kräften gemäß entwickeln, wenn es in der Zukunft auf seinen eigenen Boden gestellt ist, wenn der unterste Lehrer bis hinauf zu dem höchsten Leiter irgendwelchen Unterrichts- oder Bildungszweiges nicht mehr abhängig ist von irgendeiner Kapitalgruppe oder von dem politischen Staat, sondern wenn der unterste Lehrer und alle diejenigen, die am geistigen Leben beteiligt sind, wissen: dasjenige, was ich tue, ist nur abhängig von der geistigen Organisation selber. Aus einem guten Instinkt heraus, wenn auch nicht gerade aus einer besonderen Schätzung der Religion, aus einem guten Instinkt heraus hat mit Bezug auf Religion die moderne Sozialdemokratie das Wort geprägt: Religion muß Privatsache sein. In demselben Sinne, so sonderbar das auch heute noch den Menschen klingt, muß alles geistige Leben Privatsache sein und auf dem Vertrauen beruhen, das digjenigen, die es entgegennehmen wollen, zu denjenigen haben, die es leisten sollen. Gewiß, ich weiß, viele Menschen fürchten heute, daß wir alle wiederum, respektive unsere Nachkommen, Analphabeten werden, wenn wir uns unsere Schule selber wählen können. Das werden wir schon nicht werden. Es haben ja heute vielleicht gerade Angehörige leitender Kreise, bisher leitender Kreise, recht viel Veranlassung, so über die Bildung zu denken; sie erinnern sich, was es ihnen für Mühe gemacht hat, das bißchen Bildung sich anzueignen, welches ihnen ihre gesellschaftliche Stellung sichert. Dasjenige aber, was der dreigeteilte soziale Organismus von den Menschen fordert, das wird gerade unter dem Einfluß des modernen Proletariats bei einem freien Geistesleben wahrhaftig nicht zum Analphabetismus führen.

[ 35 ] I can only briefly outline all these things. Therefore, allow me to also point out that, alongside the independent economic sphere—which, in turn, has the independent political sphere of the state, the constitutional state, standing independently and sovereignly alongside the economic sphere, just as nature itself does—there will be the spiritual life. This spiritual life can develop in accordance with its own true, real forces only if, in the future, it is placed on its own foundation; if the lowest-ranking teacher, all the way up to the highest leader in any branch of instruction or education, is no longer dependent on any capital group or on the political state, but if the lowest-ranking teacher and all those involved in spiritual life know: what I do depends solely on the spiritual organization itself. Out of a sound instinct—even if not exactly out of a particular appreciation for religion—out of a sound instinct, modern social democracy has coined the phrase regarding religion: “Religion must be a private matter.” In the same sense—as strange as that may still sound to people today—all spiritual life must be a private matter and be based on the trust that those who wish to receive it place in those who are to provide it. Certainly, I know that many people today fear that we all—or rather, our descendants—will once again become illiterate if we are allowed to choose our own schools. We certainly will not become that. Indeed, it is perhaps precisely members of the ruling classes—or rather, the former ruling classes—who today have ample reason to think this way about education; they recall how much effort it took them to acquire the little education that secures their social position. But what the threefold social organism demands of people will certainly not lead to illiteracy—especially under the influence of the modern proletariat and within a free intellectual life.

[ 36 ] Ich bin völlig überzeugt davon, wenn man auf diese Weise zu verwirklichen in der Lage ist den völlig demokratischen Rechtsstaat, der das Arbeiterrecht sichert, in dem jeder Mensch über dasjenige, was gleich ist für alle Menschen, mitzuberaten hat, dann wird sich insbesondere das moderne Proletariat nicht dazu hergeben, den Analphabetismus besonders zu predigen, dann wird es schon von sich aus auch in einem freien Geistesleben fordern, daß die Menschen nicht so zur Wahlurne geführt werden, wie es jetzt erzählt werden kann zuweilen aus einzelnen Gegenden eines Nachbarstaates, wo die Mönche und die Landpfarrer die Idioten- und Irrenanstalten ausgeräumt haben, um diejenigen Leute, die nicht einmal wußten, wie sie hießen, zur Wahlurne zu führen.

[ 36 ] I am fully convinced that if we are able to establish in this way a fully democratic constitutional state that safeguards workers’ rights—in which every person has a say in matters that are common to all—then the modern proletariat, in particular, will not lend itself to preaching illiteracy, then it will, of its own accord, demand—as part of a free intellectual life—that people not be led to the ballot box in the manner that is sometimes reported from certain regions of a neighboring state, where monks and country pastors have emptied the asylums for the mentally ill and the mentally disabled in order to lead people who did not even know their own names to the ballot box.

[ 37 ] Wer an diese Dinge glauben und auf diese Dinge hoffen will, der muß allerdings den Glauben haben an wirkliche Menschenkraft und an wirkliche Menschenwürde. Wer wie ich sein ganzes Leben unabhängig war von einer jeglichen staatlichen Ordnung, wer sich nie gefügt hat in eine Abhängigkeit von irgendeiner staatlichen Ordnung, der hat sich auch die Unbefangenheit bewahren können für dasjenige, was als ein auf sich selbst gestelltes, vom Staate unabhängiges Geistesleben sich aufbauen läßt. Dieses Geistesleben, das wird nicht die individuellen menschlichen Fähigkeiten so pflegen, wie es das Luxusgeistesleben, die Ideologie des bisherigen Geisteslebens getan hat. Das Geistesleben, das auf sich selbst gebaut ist, wird auch kein philiströses, kein bürgerliches Geistesleben sein, das wird ein Menschheits-Geistesleben sein, ein Geistesleben, das von den höchsten, allerhöchsten Gliedern des geistigen Schaffens hinunterreichen wird bis in die einzelnen Details der menschlichen Arbeit und ihrer Leitung hinein; die Leiter der einzelnen Wirtschaftsgebiete, sie werden Zöglinge des freien Geisteslebens sein und aus diesem freien Geistesleben heraus nicht das entwickeln, was heute zum Unternehmergeist, zum Kapitalismusgeist geworden ist.

[ 37 ] Anyone who wishes to believe in these things and place their hope in them must, of course, have faith in the true power of humanity and in true human dignity. Anyone who, like me, has been independent of any form of state order throughout their entire life—anyone who has never submitted to dependence on any state order—has also been able to preserve the impartiality necessary for what can be built as an intellectual life that stands on its own and is independent of the state. This spiritual life will not cultivate individual human abilities in the same way that the “luxury” spiritual life—the ideology of spiritual life as it has existed until now—has done. This spiritual life, built upon itself, will also not be a philistine or bourgeois spiritual life; it will be a spiritual life of humanity—a spiritual life that will extend from the highest, the very highest levels of spiritual creation down into the individual details of human work and its management; the leaders of the individual economic sectors will be disciples of the free spiritual life and, drawing from this free spiritual life, will not develop what has today become the spirit of entrepreneurship, the spirit of capitalism.

[ 38 ] Arbeitsverträge gibt es, aber über die Arbeit kann man eigentlich keinen wirklichen Vertrag schließen. Dasjenige, was heute Arbeitsvertrag ist, ist eine Lebenslüge, denn in Wirklichkeit ist Arbeit nicht vergleichbar mit irgendeiner Ware. Daher muß man sagen: Wenn in der Zukunft irgendein Vertrag geschlossen werden soll, so wird er über das gemeinsam geleistete Produkt geschlossen werden, und man wird dann erst recht empfinden: Was war denn eigentlich dieser bisherige Arbeitsvertrag? Auf was beruhte er? - Er beruhte auf keinem Recht, sondern auf einem Mißbrauch persönlicher, individueller Fähigkeiten. Im Grunde genommen war er eine Übervorteilung. Aber Übervorteilung, woraus geht sie denn hervor? Aus der Klugheit, die das heutige Geistesleben vielfach gezeitigt hat. Dasjenige Geistesleben, das ich mir denke, das auf sich selbst gestellt ist, das wird nicht diese Klugheit, das wird nicht die Lebenslüge, das wird Lebenswahrheiten zeitigen. Da werden keine Schutztruppen mehr für irgendwelche Throne und Altare herrschen, sondern da wird der Geist selber bis hinein in die einzelnen Menschenzweige die individuellen Fähigkeiten des Menschen verwalten. Kapitalismus ist nur möglich, wenn das Geistesleben auf der andern Seite geknechtet sein kann. Wird das Geistesleben befreit, dann verschwindet in seiner heutigen Form der Kapitalismus. Ich wollte nachdenken, wie der Kapitalismus verschwinden kann. Sie können es in meinem Buch über die soziale Frage in einigen Tagen lesen, daß dieser Kapitalismus verschwinden wird, wenn das Geistesleben wirklich emanzipiert ist und die Lebenswahrheiten an die Stelle der Lebenslüge gesetzt werden.

[ 38 ] Employment contracts do exist, but you can’t really enter into a true contract regarding work. What is called an employment contract today is a lie we live with, because in reality, work cannot be compared to any commodity. Therefore, one must say: If any contract is to be concluded in the future, it will be concluded regarding the jointly produced product, and only then will people truly realize: What, in fact, was this previous employment contract? On what was it based?—It was based not on any right, but on an abuse of personal, individual abilities. Essentially, it was an exploitation. But exploitation—where does it stem from? From the cunning that today’s spiritual life has often produced. The kind of spiritual life I envision—one that is self-reliant—will not produce this cunning; it will not produce this lie of life; it will produce truths of life. There will no longer be any guard troops ruling over thrones and altars; rather, the spirit itself will administer human beings’ individual abilities right down into the individual branches of humanity. Capitalism is only possible if spiritual life can be enslaved on the other side. If spiritual life is liberated, then capitalism in its present form will disappear. I wanted to reflect on how capitalism can disappear. In a few days, you will be able to read in my book on the social question that this capitalism will disappear when spiritual life is truly emancipated and the truths of life take the place of the lies of life.

[ 39 ] Im Grunde genommen klingt das, was ich Ihnen heute in einer kurzen Skizze auseinandergesetzt habe, seit langer Zeit durch die Menschheit hindurch. Ende des 18. Jahrhunderts erklangen wie eine gewaltige Devise in Frankreich die Worte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. - Im Lauf des 19. Jahrhunderts haben ganz gescheite Leute immer wieder den Beweis geliefert, daß diese drei Ideen im sozialen Organismus einander widersprechen. Freiheit auf der einen Seite fordert, daß die Individualität sich frei bewegen kann. Gleichheit schließt diese Freiheit aus. Brüderlichkeit wiederum widerspricht den beiden anderen.

[ 39 ] Essentially, what I have outlined for you today in a brief sketch has been resonating throughout humanity for a long time. At the end of the 18th century, the words “Liberty, Equality, Fraternity” rang out in France like a mighty rallying cry. - Throughout the 19th century, very intelligent people repeatedly demonstrated that these three ideas are mutually contradictory within the social organism. Freedom, on the one hand, demands that the individual be able to act freely. Equality precludes this freedom. Fraternity, in turn, contradicts the other two.

[ 40 ] Solange man unter der Hypnose des Dogmas stand: Der Allerhalter, Allumfasser, umfaßt er nicht dich und mich, sich selbst? Solange man unter der Hypnose dieses Einheitsstaatsgötzen stand, so lange waren diese drei Ideen Widersprüche. In dem Augenblicke, wo die Menschheit sich verständnisvoll finden wird für den dreigeteilten gesunden sozialen Organismus, werden sich diese drei Ideen nicht mehr widersprechen, denn dann wird herrschen auf dem Gebiete des selbständigen, souveränen Geistesorganismus die Freiheit, auf dem Gebiete des Staatsorganismus, des Rechtsorganismus die Gleichheit aller Menschen, und auf dem Gebiete des Wirtschaftsorganismus die Brüderlichkeit, jene Brüderlichkeit im großen Stile, die auf den Produktions- und Konsumgenossenschaften beruhen wird, die beruhen wird auf den Assoziationen der einzelnen Berufe, die sachgemäß brüderlich das Wirtschaftsleben verwalten werden. Die drei großen Ideen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sie werden einander nicht mehr widersprechen, wenn die drei Gebiete, Geistiges, Rechtliches, Wirtschaftliches, selbständig zu ihrem Rechte gekommen in der Welt dastehen werden. Nehmen Sie das heute noch so auf als etwas, an das wenig gedacht wird, aber es ist keine Utopie, es ist nicht dasjenige, was irgendwie ausgedacht nur ist, sondern es ist dasjenige, was aus einer jahrzehntelangen Beobachtung der modernen politischen, wirtschaftlichen und geistigen Verhältnisse hat gewonnen werden können, von dem geglaubt werden kann, daß es im Schoße der Menschheitsentwickelung selber wie ein Keim ruht, der sich in der nächsten Zeit verwirklichen will. Und man kann wahrnehmen in den laut sprechenden Tatsachen der heutigen Tage, man kann wahrnehmen in den Forderungen des Proletariats, wenn auch vieles noch anders ausgesprochen wird, daß die Sehnsucht nach solcher Verwirklichung durchaus heute schon vorhanden ist.

[ 40 ] As long as people were under the spell of dogma—the All-Sustaining, All-Encompassing One—does He not encompass you and me, as well as Himself? As long as people were under the spell of this idol of the unitary state, these three ideas were contradictory. The moment humanity comes to understand the sound, tripartite social organism, these three ideas will no longer contradict one another, for then freedom will reign in the realm of the independent, sovereign spiritual organism; equality among all people will reign in the realm of the state organism and the legal organism; and in the realm of the economic organism, there will be brotherhood—that brotherhood on a grand scale which will be based on production and consumer cooperatives, which in turn will be based on the associations of the various professions that will manage economic life in a truly fraternal manner. The three great ideas—freedom, equality, and fraternity—will no longer contradict one another once the three spheres—the intellectual, the legal, and the economic—have come into their own as independent entities in the world. You may still regard this today as something that receives little thought, but it is no utopia; it is not merely something that has been conjured up, but rather it is what has been gleaned from decades of observation of modern political, economic, and intellectual conditions—something that can be believed to lie dormant within the very bosom of human development itself, like a seed that seeks to come to fruition in the near future. And one can perceive in the eloquent facts of the present day, one can perceive in the demands of the proletariat—even if much is still expressed differently—that the longing for such a realization is certainly already present today.

[ 41 ] Viele nennen das, was ich ausspreche, eine Utopie. Sie ist einem wirklichkeitsfreundlichen, einem wirklichkeitsgemäßen Denken entnommen. Diese Idee der Dreiteilung, sie ist keine Utopie. Sie kann überall von jedem sozialen Zustand aus sofort in Angriff genommen werden, wenn man dazu nur den guten Willen hat, an dem es heute leider so sehr häufig fehlt. Glaubt man, dasjenige, was ich ausspreche, sei eine Utopie, dann möchte ich doch dem gegenüber daran erinnern, daß das, wie ich hier von dem gesunden sozialen Organismus spreche, doch anders gesprochen ist, als gewöhnlich gesprochen wird. Leute, die von sozialen Ideen sonst sprechen, stellen Programme auf. Ich denke nicht an ein Programm, ich denke nicht daran, gescheiter sein zu wollen als andere Leute und über alles das Beste zu wissen, wie man’s machen muß und so weiter, sondern ich denke nur daran, die Menschheit, die sich selber zum Wahren, zum Guten, zum Zweckmäßigen entschließen soll, in der richtigen Weise zu gliedern. Und mir scheint, wenn sie so gegliedert ist, daß die Menschen drinnenstehen erstens in einem freien Geistesleben, zweitens in einem freien politischen Rechtsleben, drittens in einem sachgemäß aus den wirtschaftlichen Kräften heraus verwalteten Wirtschaftsleben, daß dann die Menschen aus sich selber heraus das Beste finden werden; nicht an eine Gesetzgebung über das Beste denke ich, sondern an die Art und Weise, wie die Menschen aufgerufen werden müssen, um durch sich selber dasjenige zu finden, was ihnen frommt. Ich denke auch nicht, wie manche geglaubt haben, an eine Wiedergeburt der alten Stände und Klassen: Lehrstand, Wehrstand, Nährstand - nein, das Gegenteil ist es, von dem ich hier rede. Nicht die Menschen sollen geteilt werden in Klassen. Klassen, Stände, sie sollen verschwinden dadurch, daß das Leben außerhalb des Menschen, das objektive Leben gegliedert wird. Der Mensch aber ist die Einheit, der in alle drei Organismen hineingehört. In dem geistigen Organismus werden seine Anlagen, seine Fähigkeiten gepflegt. Im staatlichen Organismus findet er sein Recht. Im wirtschaftlichen Organismus findet er die Befriedigung seiner Bedürfnisse.

[ 41 ] Many call what I am saying a utopia. It is derived from a way of thinking that is grounded in reality and in harmony with it. This idea of the threefold social order is not a utopia. It can be tackled immediately anywhere, from any social condition, provided one has the good will to do so—which, unfortunately, is so often lacking today. If one believes that what I am saying is a utopia, then I would like to remind such people that the way I speak here of a healthy social organism is different from the way people usually speak. People who usually speak of social ideas draw up programs. I am not thinking of a program; I am not thinking of wanting to be smarter than other people or of knowing best how everything should be done and so on, but I am thinking only of structuring humanity—which must resolve for itself to pursue what is true, good, and expedient—in the right way. And it seems to me that if it is organized in such a way that people are engaged, first, in a free intellectual life; second, in a free political and legal life; and third, in an economic life properly managed on the basis of economic forces—then people will find the best course of action on their own; I am not thinking of legislation regarding what is best, but rather of the way in which people must be called upon to find for themselves what is good for them. Nor do I think, as some have believed, of a revival of the old estates and classes: the teaching estate, the military estate, the productive estate—no, it is the opposite of which I am speaking here. People are not to be divided into classes. Classes and estates are to disappear as a result of the structuring of life outside the individual—objective life. The individual, however, is the unity that belongs to all three organisms. In the spiritual organism, his aptitudes and abilities are cultivated. In the political organism, he finds his rights. In the economic organism, he finds the satisfaction of his needs.

[ 42 ] Ich glaube allerdings, daß der moderne Proletarier aus seinem Klassenbewußtsein heraus das wahre Menschheitsbewußtsein entwickeln wird, daß er Verständnis finden wird immer mehr und mehr für das, worauf hier hingewiesen worden ist: für die wahre Befreiung der Menschheit. Und ich hoffe, daß wenn einmal ganz klar vor des modernen Proletariers Seele stehen wird, wie er gerade nach dem wahren Menschheitsziel hinzustreben berufen ist, daß er dann werden wird, dieser moderne Proletarier, nicht nur der Befreier des modernen Proletariats - das muß er ganz gewiß werden -, daß er werden wird der Befreier alles Menschlichen, alles desjenigen, was im Menschenleben wahrhaft wert ist, befreit zu werden. Das wollen wir hoffen, dahin wollen wir wirken. Wenn gesagt wird: Der Worte sind nun genug gesprochen, Taten wollen wir sehen - ich wollte heute in solchen Worten sprechen, die unmittelbar in Taten wirklich übergehen können.

[ 42 ] I believe, however, that the modern proletarian, out of his class consciousness, will develop a true consciousness of humanity, and that he will come to understand more and more what has been pointed out here: the true liberation of humanity. And I hope that once it becomes perfectly clear to the modern proletarian’s soul just how he is called to strive toward the true goal of humanity, that he—this modern proletarian—will then become not only the liberator of the modern proletariat—which he must certainly become—but that he will become the liberator of all that is human, everything in human life that is truly worth liberating. Let us hope for this; let us work toward it. When it is said: “Enough words have been spoken; let us see deeds”—I wanted to speak today in words that can truly and immediately translate into deeds.

[ 43 ] Diskussion

[ 43 ] Discussion

[ 44 ] 1. Redner (Herr Handschin): Spricht sehr temperamentvoll von der Unterdrückung des Arbeiters durch das Bürgertum. Das Bürgertum zwinge dem Proletariat die Gewalt auf. Das Privateigentum der Besitzenden ist durch die Arbeiter erarbeitet worden. Erst der Kommunismus werde Ruhe bringen.

[ 44 ] 1st Speaker (Mr. Handschin): Speaks very passionately about the oppression of workers by the bourgeoisie. The bourgeoisie imposes violence on the proletariat. The private property of the wealthy was earned by the workers. Only communism will bring peace.

[ 45 ] 2. Redner (Herr Studer). Weist auf die Ideen von Freigeld und Freiland hin, welche die Befreiung des Wirtschaftslebens ermöglichen sollen.

[ 45 ] 2nd speaker (Mr. Studer). Refers to the ideas of “free money” and “free land,” which are intended to liberate economic life.

[ 46 ] 3. Redner (Herr Mühlestein): Zeigt, wie in Deutschland die alten Mächte wieder aufkommen und sich nichts geändert hat. Kritik an Sozialdemokratie und Zentrum. Kritik an der Dreiigliederung: Durch sie werde das Recht aus dem Wirtschafts- und Geistesleben herausgenommen; Gerechtigkeit müsse aber in allen drei Gebieten, nicht nur im Rechtsstaat walten.

[ 46 ] 3rd Speaker (Mr. Mühlestein): Shows how the old powers are resurging in Germany and that nothing has changed. Criticism of social democracy and the Center Party. Criticism of the threefold social order: It removes justice from economic and spiritual life; yet justice must prevail in all three spheres, not just within the rule of law.

[ 47 ] 4. Redner: Will über einen «Schweizerischen Bund für Reformen der Übergangszeit» berichten; wird aber unterbrochen und damit die Diskussion geschlossen.

[ 47 ] 4th speaker: Intends to report on a “Swiss Alliance for Reforms During the Transition Period”; is interrupted, however, and the discussion is thus closed.

[ 48 ] Rudolf Steiner: Sie werden bemerkt haben, daß die beiden ersten Diskussionsredner im Grunde genommen nicht etwas vorgebracht haben, wogegen ich nötig hätte, zu diskutieren, da ja, mindestens nach meinem Gefühl, dasjenige, was von den beiden Herren vorgebracht worden ist, im wesentlichen zeigt - mir wenigstens -, wie sehr notwendig das ernst zu nehmen ist, was von mir versucht worden ist in einer vielleicht schwachen, aber ehrlichen Weise, in der gegenwärtigen ernsten Zeit, soweit es menschenmöglich ist, zur Lösung der sozialen Frage beizutragen. Und daß dies notwendig ist, daß heute die Zeit dazu da ist, das werden Sie jedenfalls aus dem haben entnehmen können, was gerade der erste Diskussionsredner aus einer gewiß warm empfundenen Seele heraus Ihnen vorgebracht hat.

[ 48 ] Rudolf Steiner: You will have noticed that the first two speakers in this discussion have not, in essence, raised anything that I would need to debate, since, at least in my view, what these two gentlemen have presented essentially shows—to me, at least—just how necessary it is to take seriously what I have attempted, in a perhaps feeble but honest way, to contribute to the solution of the social question in these grave times, to the extent that is humanly possible. And that this is necessary, that the time is ripe for it today—you will certainly have gathered this from what the first speaker in this discussion has just presented to you, speaking from a heart that is undoubtedly filled with passion.

[ 49 ] Ich möchte deshalb, weil die Zeit schon weit vorgeschritten ist, nur noch auf einige wenige Punkte hier eingehen. Da ist von seiten des verehrten zweiten Diskussionsredners das Wort «Freiland, Freigeld» gefallen. Sehen Sie, damit ist etwas angedeutet worden, mit dem es einem so geht wie mit sehr vielem in der Gegenwart, wenn man gerade auf solchen Wegen, wie ich sagte, auf Wirklichkeitswegen, der sozialen Frage sich nähern möchte, wie es in meinen Darlegungen versucht worden ist. Ich bin bei solchen Gelegenheiten sehr häufig in der Situation gewesen, sagen zu müssen: Ich bin ja mit Ihnen vollständig einverstanden; der andere sagt es nur gewöhnlich, oder wenigstens sehr häufig nicht zu mir! Die Sache ist nämlich so: Wenn ich glauben würde, daß meine Ideen so einfach aus der Luft irgendwoher geholt seien, dann würde ich Sie nicht langweilen damit, dann würde ich glauben, daß sie längst nicht reif geworden sind. Das gerade ist es, was ich glaube, daß Wesentliches den Ihnen heute vorgetragenen Ideen anhaftet. Die Materie, die Bausteine dazu finden Sie überall. Ich habe den Vortrag ähnlich neulich in Bern drüben gehalten. Ein Herr kam dazumal, nicht nur in der Diskussion, sondern am nächsten Tag zu einer Unterredung zu mir, sprach auch über «Freiland, Freigeld». Wir konnten uns allerdings nach einer Stunde darüber verständigen, daß ja dasjenige, was eigentlich gewollt wird in der Regulierung der Währungsfrage, in der Herstellung einer absoluten Währung, einfach dann erreicht wird, wenn sachgemäß - allerdings sachgemäß - diese Dreiteilung durchgeführt wird, von der ich Ihnen heute gesprochen habe, wenn einfach die Verwaltung der Werte, die Verwaltung des Geldes weggenommen wird vom politischen Staate und in das Wirtschaftsleben hineinversetzt wird. Wie gesagt, ich werde in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» zeigen, daß dann die Grundlage der Währung eine ganz andere sein wird als dasjenige, was sie heute ist, außerdem international wird. So lange natürlich der führende Staat, England, an der Goldwährung festhält, wird außenpolitisch die Goldwährung gelten müssen; aber im Innern werden diejenigen das Gold im sozialen Organismus nicht mehr brauchen, die nun wirklich die eine wahre Währung haben; die einzig wirkliche wahre besteht nämlich in den Produktionsmitteln, die dann da sein werden, um Währung zu sein für das Geld. Das Geld verkennt man eben heute vollständig. Geld begreift man nur dann, wenn man es fassen kann als den vollen Gegensatz zu der alten Naturalwirtschaft.

[ 49 ] Since it is already quite late, I would therefore like to address only a few points here. The esteemed second speaker in this discussion mentioned the terms “free land, free money.” You see, this hints at something that is similar to so much else in the present day when one wishes to approach the social question precisely in the ways I mentioned—realistic ways—as I have attempted to do in my remarks. On such occasions, I have very often found myself in the situation of having to say: I completely agree with you; it’s just that the other person usually—or at least very often—doesn’t say it to me! The fact is this: If I believed that my ideas were simply plucked out of thin air from somewhere, then I wouldn’t bore you with them; I would believe that they are far from mature. That is precisely what I believe to be the essential aspect of the ideas presented to you today. You can find the material, the building blocks for them, everywhere. I gave a similar lecture recently over in Bern. A gentleman approached me at that time—not only during the discussion but also the next day for a private conversation—and spoke about “free land, free money.” After an hour, however, we were able to agree that what is actually intended in the regulation of the monetary question—the creation of an absolute currency—will simply be achieved when this three-part division I have spoken to you about today is properly—and I mean properly—implemented, when the administration of values and the administration of money are simply taken away from the political state and transferred into economic life. As I said, in my book The Key Points of the Social Question in the Necessities of Life in the Present and Future, I will show that the basis of currency will then be entirely different from what it is today, and will also become international. As long as the leading nation, England, adheres to the gold standard, of course, the gold standard will have to prevail in foreign policy; but domestically, those who truly possess the one true currency will no longer need gold within the social organism; for the only truly real currency consists of the means of production, which will then be available to serve as currency for money. Money is completely misunderstood today. One can only understand money when one grasps it as the complete opposite of the old natural economy.

[ 50 ] Was ist eigentlich für den heutigen sozialen Örganismus das Geld? Es ist das Mittel, um gemeinsame Wirtschaft zu führen. Stellen Sie sich nur einmal die ganze Funktion des Geldes vor. Sie besteht darinnen, daß ich einfach für dasjenige, was ich selber arbeite, Anweisung habe auf irgend etwas anderes, was ein anderer arbeitet. Und sobald Geld etwas anderes ist als diese Anweisung, ist es unberechtigt im sozialen Organismus.

[ 50 ] What, exactly, is money for today’s social organism? It is the means by which we conduct our collective economy. Just create a mental image of the entire function of money. It consists in the fact that, for what I produce myself, I simply have a claim to something else that someone else produces. And as soon as money is anything other than this claim, it has no place in the social organism.

[ 51 ] Ich könnte, um das zu bestätigen, lange Ausführungen machen; ich will das aber nur kurz anführen: das muß das Geld werden! Es wird es werden, wenn alle übrigen Machinationen aufhören werden, die in die Zirkulation des Geldes hineinspielen. Denn lediglich das Geld ist der gemeinsame Index, der zu dem gemeinsamen Vergleich für die gegenseitigen Werte der Waren da ist. Das ist dasjenige, was auch durch die Art dieser Dreiteilung erreicht werden kann, und was partiell, einzeln angestrebt wird von der Freiland-FreigeldBewegung; deshalb habe ich in einem solchen Falle gesagt: Ich bin ganz mit dieser Bewegung einverstanden - weil ich immer versuche, die einzelnen Bewegungen in ihrer Berechtigung einzusehen, und ich möchte sie in einen gemeinsamen großen Strom leiten, weil ich eben nicht glaube, daß ein Mensch, oder selbst eine Gruppe von Menschen das Richtige finden kann, sondern weil ich demokratisch glaube, daß die Menschen zusammen in der Wirklichkeit, im Zusammenwirken, allein richtig organisiert, erst das Rechte finden werden.

[ 51 ] I could go into great detail to confirm this; but I will simply state it briefly: money must become that! It will become so when all other machinations that interfere with the circulation of money cease. For money alone is the common index that serves as the common standard for comparing the relative values of commodities. This is precisely what can be achieved through this three-part division, and what is being pursued in part, individually, by the Freiland-Freigeld movement; that is why I said in such a case: I am in complete agreement with this movement—because I always try to recognize the validity of individual movements, and I would like to channel them into one great common current, not because I believe that a single person, or even a group of people, can find the right solution, but because I believe, in a democratic spirit, that people will only find the right solution when they are properly organized together in reality, through cooperation.

[ 52 ] Das ist dasjenige, was ich als Wirklichkeitsansicht bezeichnet habe, nicht als irgendeine objektive Entwickelung ansehe. Aber ich glaube, daß der wirkliche Mensch aus seinem gesunden Menschenerleben heraus im Verein mit den anderen Menschen das finden wird, was dem sozialen Organismus frommt.

[ 52 ] This is what I have called a view of reality, which I do not regard as some kind of objective development. But I believe that the true human being, drawing on his or her healthy human experience and in cooperation with other people, will discover what is beneficial to the social organism.

[ 53 ] Wir haben eines, wovon jeder Mensch weiß, daß es nur im sozialen Leben möglich ist - die heutigen Egoisten möchten wahrscheinlich auch das für sich haben -, das ist für einen geschlossenen Organismus die Sprache. Immer wiederum wird in den Schulen gepredigt: Wäre der Mensch auf einer einsamen Insel, einsam aufgewachsen, so würde er nicht sprechen können; denn Sprechen kann sich nur-im sozialen Leben ausbilden. Man muß erkennen [.. .], daß alle die Dinge, die sich verbergen hinter Privatkapital, Besitz, die sich verbergen hinter der Herrschaft über irgendeine Arbeit und dergleichen, daß alle diese Dinge, auch die menschlichen Talente, die individuellen Begabungen, genau so wie die Sprache, soziale Funktionen haben, daß sie ins soziale Leben hineingehören und nur innerhalb desselben möglich sind. Es muß eine Zeit kommen, wo das in den Schulen den Menschen schon klar wird, was sie durch den sozialen Organismus sind, und was sie daher verpflichtet sind, dem sozialen Organismus wiederum zurückzugeben. Worauf ich also zähle, das ist: soziales Verständnis, welches kommen muß, wie heute von den Schulen das Einmaleins kommt. Darinnen wird man auch noch umlernen müssen. Es gab Zeiten, in denen man in den Schulen etwas ganz anderes gelernt hat als heute; man denke nur an die römischen Schulen. Es werden Zeiten kommen, wo man gerade das in den Schulen den Kindern schon beibringen wird, was soziales Verständnis ist. Weil dieses versäumt worden ist unter dem Einfluß der neueren Technik und des Kapitalismus, deshalb sind wir in die heutigen Zustände, in die krankhaften Zustände des sozialen Organismus hineingekommen.

[ 53 ] There is one thing that every person knows is possible only in social life—today’s egoists would probably like to have that for themselves as well—and that is language for a closed organism. Time and again, it is preached in schools: If a person were on a desert island, having grown up in isolation, he would not be able to speak; for speech can develop only within social life. One must recognize [.. .] that all the things hidden behind private capital, property, hidden behind control over some form of labor and the like—that all these things, including human talents and individual gifts, just like language, have social functions; that they belong to social life and are possible only within it. There must come a time when people in schools come to realize what they are through the social organism, and what they are therefore obligated to give back to the social organism in turn. What I am counting on, then, is social understanding, which must come just as the basics of arithmetic are taught in schools today. In this regard, people will also have to relearn certain things. There were times when people learned something entirely different in schools than they do today; one need only think of Roman schools. A time will come when schools will teach children precisely what social understanding is. Because this has been neglected under the influence of modern technology and capitalism, we have ended up in today’s conditions—the pathological conditions of the social organism.

[ 54 ] Auch was Herrn Mühlestein betrifft, muß ich sagen, gleichfalls bin ich in der Lage, eigentlich gar nichts zu haben gegen das, was er vorgebracht hat; ich glaube nur, daß, wenn sich seine Ideen noch weiter ausbilden werden, sie dann einmünden werden in dasjenige, was ich gesagt habe.

[ 54 ] As for Mr. Mühlestein, I must say that I, too, am in a position where I actually have nothing against what he has put forward; I simply believe that, if his ideas continue to develop, they will ultimately lead to what I have said.

[ 55 ] Er hat zum Beispiel ganz und gar nicht ins Auge gefaßt, daß ich ja nicht - natürlich nicht! - aus dem Wirtschaftsleben und Geistesleben das Recht herausnehmen will. Nein, im Gegenteil, ich will es gerade drinnen haben. Und weil ich es drinnen haben will, deshalb will ich eine selbständige Sozialwissenschaft ausgebildet haben, wo es erst wirklich ausgebildet, erzeugt werden kann. Wenn es erzeugt worden ist, dann kann es in bezug auf die übrigen Gebiete wirken. Ein umfassendes Denken zeigt Ihnen das. Wenn Sie zum Beispiel folgendes ins Auge fassen: Heute denkt auch das naturwissenschaftliche Denken noch nicht wirklich folgerichtig und sachgemäß mit Bezug auf den natürlichen menschlichen Organismus. Da denken die Menschen heute: die Lunge - ein Stück Fleisch; Hirn - auch ein Stück Fleisch, und so weiter. Die Wissenschaft sagt es zwar anders, aber sie sagt nicht viel anderes; denn für sie sind diese einzelnen Glieder des menschlichen Organismus Teile einer großen Zentralisation. Anderes sehen sie in Wahrheit nicht. Der Mensch als natürlicher Organismus ist ein dreigliedriges System: Wir haben einen Nerven-Sinnesorganismus. Das eine steht für sich zentralisiert da, hat seine eigenen Ausgänge bei den Sinnesorganen. - Wir haben einen rhythmischen Organismus, den Lungen-Herzorganismus; er hat seine eigenen Ausgänge in den Atmungswegen. - Wir haben den Stoffwechsel-Organismus, der wiederum seinen eigenen Ausgang nach der Außenwelt hat. Und wir sind gerade dadurch dieser natürliche Mensch, daß wir diese drei Glieder, diese drei in sich zentralisierten Glieder des Organismus haben.

[ 55 ] For example, he did not even consider for a moment that I certainly do not—of course not!—intend to take away the rights of economic and intellectual life. No, on the contrary, I want to include them precisely. And because I want to include them, I want to see an independent social science developed—one in which they can truly be developed and brought to fruition. Once they have been brought to fruition, they can then exert an influence on the other fields. Comprehensive thinking shows you this. If, for example, you consider the following: Even today, scientific thinking does not yet think in a truly logical and appropriate way with regard to the natural human organism. People today think: the lung—a piece of flesh; the brain—also a piece of flesh, and so on. Science may put it differently, but it doesn’t say much else; for science, these individual parts of the human organism are components of a large centralized system. In truth, they see nothing else. The human being, as a natural organism, is a threefold system: We have a nervous-sensory organism. This stands on its own, centralized, and has its own outlets in the sense organs. - We have a rhythmic organism, the lung-heart organism; it has its own outlets in the respiratory tract. - We have the metabolic organism, which in turn has its own outlet to the outside world. And it is precisely because we have these three members—these three internally centralized members of the organism—that we are this natural human being.

[ 56 ] Kann nun jemand kommen und sagen - wenn ich, wie ich es jetzt getan habe in meinem letzten Buche «Von Seelenrätseln», sage, daß einfach die sachgemäße naturwissenschaftliche Betrachtung diese drei Glieder des menschlichen natürlichen Organismus ergibt -, kann jemand kommen und sagen, die Natur hätte nicht diese drei Glieder entwickeln sollen, denn es komme darauf an, daß alle drei Glieder Luft haben? - Selbstverständlich haben alle drei Glieder Luft! - Wenn die Luft erst eingeatmet wird durch die Lunge, und entsprechend verarbeitet wird; dadurch haben gerade die Stoffwechselglieder und das Gehirn ihre Luft, daß diese Luft eingesogen und verarbeitet wird, und daher auch mit aller natürlichen Sorgfalt behandelt werden kann in einem besonders abgetrennten Gliede des menschlichen natürlichen Organismus. Ich will nicht, wie Schäffle, oder wie jetzt wiederum Meray oder andere, dieses Analogiespiel treiben zwischen physiologischen und sozialen Begriffen, das fällt mir gar nicht ein; ich will nur darauf aufmerksam machen, daß ein durchgebildetes Denken auch den Menschen als natürlichen Organismus nicht begreift, wenn man nur denkt: alles ist auf eines hin zentralisiert -, sondern man begreift den Menschen, wenn man seine drei in sich zentralisierten Organsysteme begreift.

[ 56 ] Can anyone now come and say—if I state, as I have just done in my latest book On the Mysteries of the Soul, that a proper scientific examination simply reveals these three members of the human natural organism—can anyone come and say that nature should not have developed these three members, because it is essential that all three members have air? —Of course all three parts have air!—Once the air is inhaled through the lungs and processed accordingly, the metabolic organs and the brain receive their air precisely because this air is drawn in and processed, and can therefore be treated with all due natural care in a specially separated part of the human natural organism. I do not wish, like Schäffle, or now again Meray or others, to engage in this game of analogies between physiological and social concepts—that would never occur to me; I merely wish to point out that a fully developed way of thinking does not grasp human beings as natural organisms if one merely thinks: “Everything is centralized toward a single point”—but rather, one grasps human beings when one understands their three organ systems, each centralized within itself.

[ 57 ] Gerade dadurch ist der Mensch vollkommen, daß er diese drei in sich zentralisierten Organsysteme hat. Das wird ein großer Fortschritt in der Naturwissenschaft sein, wenn man das einsehen wird! Und das Denken, das so gesund über den Menschen denkt, das denkt auch gesund über den sozialen Organismus, und empfindet gesund über den sozialen Organismus. Das Geistesleben wird am freiesten sein, und am besten organisiert, wenn es emanzipiert ist. Denn auf dem Gebiete des emanzipierten Geisteslebens finden sich schon die Menschen, die für dieses freie Geistesleben sorgen werden. Da werden diejenigen erstehen, welche tatsächlich diesem Geistesleben die nötige Herrschaft bringen werden. Diejenigen, die sie ihm nicht bringen, sind eben die knechtisch vom Kapitalismus oder anderem Abhängigen. Diejenigen, die als Geistesverwalter frei sein werden, die werden den anderen beiden Gliedern auch die Segnungen des Geisteslebens bringen können.

[ 57 ] It is precisely because human beings possess these three organ systems centralized within themselves that they are perfect. It will be a great advance in the natural sciences when this is recognized! And the thinking that views human beings in such a healthy way also views the social organism in a healthy way and perceives the social organism in a healthy way. Spiritual life will be at its freest—and best organized—when it is emancipated. For in the realm of emancipated spiritual life, there are already people who will ensure this free spiritual life. There will arise those who will actually bring the necessary mastery to this spiritual life. Those who do not bring it are precisely those who are enslaved by capitalism or other forms of dependence. Those who will be free as stewards of the spirit will also be able to bring the blessings of spiritual life to the other two members.

[ 58 ] Und so wird man, wenn Recht wirklich in einem für sich bestehenden, wirklich in sich zentralisierten Rechtsstaate erzeugt wird, nicht zu sorgen haben, daß die beiden anderen Glieder kein Recht haben, gewiß in günstiger Verteilung; in all den Dingen, die berührt worden sind von Herrn Mühlestein, muß Gerechtigkeit sein; die wird hineinkommen, wenn sie erst erzeugt ist.

[ 58 ] And so, when justice is truly established in a state governed by the rule of law—one that exists independently and is truly centralized within itself—there will be no need to worry that the other two branches lack justice, certainly in terms of equitable distribution; in all the matters addressed by Mr. Mühlestein, there must be justice; and that will follow once it has been established.

[ 59 ] Also nicht, um in einem abgesonderten Organ Recht zu haben, und in dem anderen nicht, nehme ich diese drei Teile, sondern gerade, um in allen dreien das Recht richtig zu haben, sehe ich die Notwendigkeit, daß es erst erzeugt wird.

[ 59 ] So I do not take these three parts in order to be right in one separate organ and not in the other; rather, precisely in order to be right in all three, I see the necessity that it must first be produced.

[ 60 ] Ich möchte wissen, ob irgend jemand sagen kann: In einem Hause, da sind Vater, Mutter, da sind Kinder, die Mägde; aber du teilst nun dieses Haus in Vater, Mutter, Mägde und zwei Kühe, die Milch geben, aber alle brauchen die Milch, also müssen alle Milch erzeugen, nicht bloß die zwei Kühe? - Nein, ich sage: Die Kühe müssen die Milch erzeugen, damit alle im Hause richtig mit Milch versorgt werden können. Und so muß der Rechtsstaat das Recht planmäßig haben, das Recht erzeugen, dann werden dort die Rechte sein, wo sie gebraucht werden. Gerade dann werden sie es sein, wenn sie - verzeihen Sie den etwas trivialen Vergleich - an dem Rechtsstaat gemolken werden können!

[ 60 ] I would like to know if anyone can say: In a household, there is a father, a mother, children, and maids; but if you now divide this household into the father, the mother, the maids, and two cows that give milk—since everyone needs the milk—then mustn’t everyone produce milk, not just the two cows? - No, I say: The cows must produce the milk so that everyone in the house can be properly supplied with milk. And so the constitutional state must systematically establish the law—it must produce the law—and then the rights will be where they are needed. They will be there precisely when—forgive me for this somewhat trivial comparison—they can be “milked” from the constitutional state!

[ 61 ] Das ist dasjenige, was ich betonen möchte; daß es heute darauf ankommt, nicht irgendwie Lieblingsideen nachzugehen, sondern gerade darauf ankommt, dasjenige, was in vielen Herzen pulst als Forderung, dasjenige, was in vielen Köpfen, wenn auch mehr oder weniger unbewußt, aus den Zeitkräften heraus schon vorhanden ist, zusammenzufassen, und das wirklich zu erfassen in den Impulsen, die als die großen Kräfte der Zeit da sind, die sich verwirklichen wollen, die wir nun durch Vernunft verwirklichen sollten. Aber wollen wir sie nicht durch Vernunft verwirklichen, so wird das sie nicht hindern, in die Wirklichkeit überzutreten.

[ 61 ] This is what I would like to emphasize: that what matters today is not simply pursuing our favorite ideas, but rather synthesizing what pulses as a demand in many hearts—what is already present in many minds, albeit more or less unconsciously, arising from the forces of the times— and to truly grasp this in the impulses that exist as the great forces of our time—forces that seek to manifest themselves, and which we should now bring to fruition through reason. But if we do not wish to bring them to fruition through reason, that will not prevent them from entering into reality.

[ 62 ] Sehr verehrte Anwesende, wir haben entweder die Wahl, eben vernünftig zu sein, oder auf eine andere Weise die Verwirklichung dessen abzuwarten, was sich verwirklichen muß, weil es sich aus den Kräften der Geschichte selbst heraus verwirklichen will.

[ 62 ] Ladies and gentlemen, we have a choice: either to act reasonably, or to wait for what must come to pass—because it seeks to come to pass through the forces of history itself.

[ 63 ] In diesem Sinne glaube ich, daß allerdings das proletarische Bewußtsein dazu geeignet ist, diese Forderungen, die in der Geschichte selbst liegen, zu erfassen und damit das, was ich zum Schlusse bemerkte, wirklich anzustreben und zu erreichen, soweit es Menschen möglich ist: die Befreiung alles desjenigen, was in der Menschheit wert ist, befreit zu werden.

[ 63 ] In this sense, I believe that proletarian consciousness is indeed capable of grasping these demands, which are inherent in history itself, and thus of truly striving for and achieving—to the extent that it is possible for human beings—what I noted at the end: the liberation of everything in humanity that is worthy of liberation.