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The Liberation of Humanity as the
Basis for Social Transformation
GA 329

9 April 1919, Basel

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5. Soziales Wollen und proletarische Forderungen

5. Social Aspirations and Proletarian Demands

[ 1 ] Aus der Weltkriegskatastrophe heraus entwickelt sich eine mächtige Bewegung, welche getragen ist von den proletarischen Forderungen, und welche durch bedeutsame Tatsachen zu den Menschen heute spricht, durch Tatsachen, die bereits einen großen Teil Europas ergriffen haben, durch Tatsachen, die zweifellos durch gewisse soziale Neueinrichtungen der Menschheit bewältigt werden müssen. Die Frage kann entstehen, gerade dann, wenn man den anfänglichen Verlauf dieser laut sprechenden Tatsachen ins Auge faßt: Zeigt sich auch irgendwo schon ein einigermaßen ausreichendes soziales Wollen, ein solches soziales Wollen, welches hervorgeht aus einem tieferen Verständnisse unserer gegenwärtigen geschichtlichen Weltlage? Denn auf ein solches soziales Wollen scheint es doch anzukommen.

[ 1 ] Out of the catastrophe of the World War, a powerful movement is emerging, one driven by proletarian demands and one that speaks to people today through significant realities—realities that have already gripped a large part of Europe, realities that humanity will undoubtedly have to overcome through certain new social institutions. The question may arise, especially when one considers the initial course of these eloquent realities: Is there already, anywhere, a reasonably sufficient social will—a social will that springs from a deeper understanding of our current historical world situation? For it seems that such a social will is what really matters.

[ 2 ] Deshalb erfüllte es mich mit einer großen Befriedigung, daß ich heute über die Beziehungen der proletarischen Forderungen zu dem notwendigen sozialen Wollen auf Einladung hiesiger Studierender dasjenige von einem gewissen Gesichtspunkte aus aussprechen darf, was ich, der Gegenwart damit dienen wollend, in meiner demnächst erscheinenden Schrift: «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» ausgeführt habe.

[ 2 ] That is why it gave me great satisfaction that, at the invitation of local students, I am able today to speak—from a certain perspective—about the relationship between proletarian demands and the necessary social will, expressing what I have set forth in my forthcoming work, “The Key Points of the Social Question in the Necessities of Life for the Present and the Future.”

[ 3 ] Daß wir es bei der erwähnten Bewegung mit einer tief eingreifenden, weltgeschichtlichen Erscheinung zu tun haben, das scheint ja daraus hervorzugehen, daß sich in dem, was heute geschieht, so etwas wie eine Verwirklichung jenes Programmes, das vor siebzig Jahren durch die Welt gegangen ist, und das ja bekannt ist als das marxistische Kommunistische Manifest, zeigt. Ob man das, was durch diese beiden Grenzpunkte unserer neueren Zeitentwickelung ausgedrückt ist, durch die Ausführungen des Kommunistischen Manifestes von 1848 und durch dasjenige, was heute sich über Europa wälzt, ob man das in der einen oder in der anderen Weise, nach seiner Lebenslage, nach seinen Lebensanschauungen so oder so auffaßt, darauf kommt es heute wohl weniger an. Worauf es ankommt, das ist, daß wir vor laut sprechenden Tatsachen stehen, vor Tatsachen, denen gegenüber unbedingt Stellung genommen werden muß. Und Stellung wird nehmen müssen dasjenige, was sich ergeben kann für die nächsten Jahre, für die nächsten Jahrzehnte gerade aus jener Umformung des wissenschaftlichen und Weltanschauungsdenkens, welche notwendig werden wird wie manches andere unter dem Einfluß dieser laut sprechenden Tatsache der Gegenwart.

[ 3 ] That we are dealing with a profoundly transformative, world-historical phenomenon in the movement mentioned above seems to be evident from the fact that what is happening today reveals something like the realization of that program which swept through the world seventy years ago and which is, of course, known as the Marxist Communist Manifesto. Whether one interprets what is expressed by these two defining moments of our recent historical development—the ideas set forth in the Communist Manifesto of 1848 and what is now sweeping across Europe—whether one views it one way or the other, depending on one’s circumstances or worldview, is of little consequence today. What matters is that we are faced with facts that speak for themselves—facts that absolutely demand a stance. And a stance will have to be taken by whatever may emerge in the coming years and decades precisely from that transformation of scientific and worldview thinking, which will become necessary—like so many other things—under the influence of this self-evident fact of the present.

[ 4 ] Das ist es, warum ich ganz besonders gern über diese Frage zu Studierenden spreche, die da sein wollen Mitträger desjenigen, was sich herausentwickeln kann aus unserem gegenwärtigen wissenschaftlichen und Weltanschauungsdenken in das Denken, in das Erkennen der Zukunft hinein.

[ 4 ] That is why I particularly enjoy discussing this question with students who want to be active participants in shaping what may emerge from our current scientific and philosophical thinking—into the thinking and understanding of the future.

[ 5 ] So wie heute dasjenige, was man gewöhnlich als soziale Frage bezeichnet, sich ausnimmt, so kann man sagen, daß es zunächst in zwei bedeutsamen Forderungen auftritt. Beide Forderungen sind eigentlich, so wie sie auftreten, hinweisend auf Erscheinungen unseres Wirtschaftslebens. Man kann sagen: Die eine Forderung gipfelt darinnen, daß jene Leitung des Wirtschaftslebens der zivilisierten Welt, welche sich herausgebildet hat im Laufe der neueren Zeiten durch das Privatkapital, abgelehnt wird. Und als zweites kann man feststellen, daß eine neue Einstellung zur menschlichen Arbeitskraft im sozialen Leben von dem Proletariate gefordert wird.

[ 5 ] Just as what is commonly referred to today as the “social question” presents itself, one can say that it initially manifests itself in two significant demands. Both demands, as they appear, actually point to phenomena in our economic life. One could say: The first demand culminates in the rejection of that system of economic management in the civilized world which has developed in recent times through private capital. And secondly, one can observe that the proletariat is demanding a new attitude toward human labor in social life.

[ 6 ] Nun, wenn es auch zunächst diese zwei bedeutsamen wirtschaftlichen Erscheinungen sind, in denen sich die soziale Bewegung heute auslebt, so ist damit noch nicht gesagt, daß nur innerhalb wirtschaftlicher Impulse dasjenige liegen kann, was notwendig ist, um die soziale Frage heute und in der nächsten Zukunft zu bewältigen. Allerdings, so wie sich das Leben der zivilisierten Menschheit im Laufe der neueren Zeit entwickelt hat, zeigt es sich, wie vorzugsweise die menschlichen Kräfte, alles menschliche Streben in Anspruch genommen wurden durch dasjenige, was sich durch die wirtschaftliche Entwickelung ergab. Und deshalb ist es nicht verwunderlich, daß der bedeutsamste Denker der proletarischen Welt - denn das ist er auch heute noch -, Karl Marx, vor allen Dingen den Blick auf das wirtschaftliche Leben gerichtet hat.

[ 6 ] Now, even if these two significant economic phenomena are, for the time being, the main channels through which social movement is currently manifesting itself, this does not mean that economic forces alone can provide what is necessary to resolve the social question today and in the near future. However, the way in which the life of civilized humanity has developed in recent times shows how human energies and all human endeavors have been primarily absorbed by the processes resulting from economic development. And that is why it is not surprising that the most significant thinker of the proletarian world—for that is what he remains even today—Karl Marx, focused his attention above all on economic life.

[ 7 ] Ihm, Karl Marx, dürfen wir einige Minuten der Aufmerksamkeit zuwenden, nicht aus dem Grunde, weil ich etwa glauben würde, daß die modernen proletarischen Forderungen durch das entstanden sind, was das Proletariat etwa gelernt habe von Karl Marx, sondern aus dem Grunde, weil dasjenige, was in den innersten Empfindungen, in den Grundimpulsen des Seelenlebens des modernen Proletariats erst langsam im Laufe der neueren Jahrhunderte, dann schnell im Laufe des 19. Jahrhunderts heraufgezogen ist, weil das bis heute doch am intensivsten in den Anschauungen von Karl Marx zum Ausdrucke gekommen ist, weil er der Interpret desjenigen ist, was mehr oder weniger unbewußt oder bewußt in Millionen von Menschen heute lebt.

[ 7 ] To him, Karl Marx, let us devote a few minutes of our attention—not because I believe that modern proletarian demands have arisen from what the proletariat may have learned from Karl Marx, but because that which, in the innermost feelings and fundamental impulses of the modern proletariat’s spiritual life, has only slowly emerged over the course of the recent centuries, and then rapidly over the course of the 19th century—has found its most intense expression to this day in the views of Karl Marx, because he is the interpreter of what lives, more or less unconsciously or consciously, in millions of people today.

[ 8 ] Nun, gerade weil in den letzten siebzig Jahren in den Seelen dieser Millionen von Menschen immer mehr und mehr diejenigen Impulse herangereift sind, die Karl Marx prophetisch schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dann später ausgesprochen hat, gerade deshalb erscheint seine Anschauungsweise den führenden Persönlichkeiten der Proletariermassen so einleuchtend. Ihm, Karl Marx, erschien dasjenige, was geschehen muß in der neueren Zeit, hervorzugehen - es ist das ja in den weitesten Kreisen bekannt aus jener Entwickelung, welche das Wirtschaftsleben in den letzten Jahrhunderten, durch die Entwickelung der modernen Technik und Industrie, sowie durch die Leitung dieser industriellen und technischen Betriebe, Betriebsamkeiten durch das Privatkapital genommen hat. Ihm erschien überhaupt der ganze Hergang der Menschheitsentwickelung so, daß sich im Laufe geschichtlicher Epochen immer ablösen Wirtschaftsformen durch Wirtschaftsformen. Diejenige Wirtschaftsform, welche sich auf Grundlage kapitalistischer Anschauungen in der neueren Zeit entwickelt hat, die denkt sich Karl Marx bis zu ihrer eigenen Auflösung hin sich drängend; so daß diese Wirtschaftsordnung, die immer mehr und mehr nötig hat, große Massen der Menschheit zu proletarisieren, dieses Proletariat gegen sich selber aufrufen wird, weil die Formen des Wirtschaftslebens, die sich herausgebildet haben, ihre Auflösung finden müssen durch die produktiven Kräfte, die sich innerhalb dieser Wirtschaftsformen bilden. Die produktiven Kräfte wandeln sich fortwährend. Die Wirtschaftsformen streben danach, konservativ zu bleiben. Endlich kommt der Zeitpunkt, wo die produktiven Kräfte nicht mehr in der Lage sind, in die alten Wirtschaftsformen sich hineinzufügen.

[ 8 ] Well, precisely because, over the past seventy years, the impulses that Karl Marx had already prophetically articulated in the first half of the 19th century—and later on—have matured more and more in the souls of these millions of people, it is precisely for this reason that his worldview seems so compelling to the leading figures of the proletarian masses. To him, Karl Marx, it seemed evident what must happen in modern times—a fact well known in the broadest circles due to the development that economic life has undergone in recent centuries, through the advancement of modern technology and industry, as well as through the management of these industrial and technical enterprises and activities by private capital. To him, the entire course of human development appeared such that, in the course of historical epochs, economic systems have always succeeded one another. Karl Marx envisioned that the economic system which has developed in modern times on the basis of capitalist ideas is driving itself toward its own dissolution; so that this economic order, which increasingly requires the proletarianization of vast masses of humanity, will provoke this proletariat against itself, because the forms of economic life that have emerged must be brought about by the productive forces that develop within these economic systems. The productive forces are constantly changing. The economic forms strive to remain conservative. Eventually, the moment comes when the productive forces are no longer able to fit into the old economic forms.

[ 9 ] Einen solchen Zeitpunkt glaubt Marx herannahen zu sehen, indem er erkannt hat, wie das Proletariat mit seinen produktiven Kräften diejenige Wirtschaftsordnung zerreißen wird, in die dieses Proletariat selbst eingespannt worden ist.

[ 9 ] Marx believes he sees such a moment approaching, having recognized how the proletariat, with its productive forces, will tear apart the economic order into which this proletariat itself has been bound.

[ 10 ] Dasjenige, was als Charakteristisches dabei zugrunde liegt, das ist, daß Karl Marx in der wirtschaftlichen Entwickelung selbst gewissermaßen die treibenden Motoren sieht, welche das Proletariat vorwärtsbringen zu denjenigen Punkten, die dann eine neue Wirtschafts-, das heißt aber für ihn eine neue Weltordnung herbeiführen werden.

[ 10 ] The fundamental characteristic here is that Karl Marx sees economic development itself, in a sense, as the driving force that propels the proletariat forward to those points that will then bring about a new economic order—which, for him, means a new world order.

[ 11 ] Nun ist mit dem, was sich Karl Marx als die Umformung des modernen Wirtschaftslebens denkt, auch selbstverständlich die Umformung alles desjenigen verbunden, was den Umfang des Staatslebens ausmacht, und die Umformung alles desjenigen, was das geistige Leben ausmacht. Denn Karl Marx denkt über die Entwickelung der Menschheit durchaus im Sinne des modernen naturwissenschaftlichen Denkens. Er ist von der Anschauung älterer sozialistisch denkender Menschen durchaus abgekommen, welche damals geglaubt haben, daß das Wichtigste das menschliche Wollen sei, welches eingreift in das Gefüge des menschlichen gesellschaftlichen Lebens. Karl Marx glaubt, daß die Menschen im Grunde wollen müssen, so wie ihnen dieses Wollen durch die Notwendigkeit der Wirtschaftsordnung bestimmt ist. Und aus der Wirtschaftsordnung selbst, aus der Art und Weise, wie die Menschen produzieren, wie die Menschen wirtschaften, bilden sich die staatlichen Ordnungen, bildet sich das Recht, bildet sich Sittlichkeit und so weiter, bildet sich auch, wie ein Überbau, wie etwas, welches das wirtschaftliche Leben bloß spiegelt, dasjenige, was man geistige Kultur nennt. Und man kann nun heute, wenn man dasjenige kennt, was in den Seelen proletarischer Menschen vorgeht, sagen: In weitesten Kreisen ist diese Anschauung verbreitet; der Mensch ist in das Wirtschaftsleben eingespannt, und das Wirtschaftsleben, die Art und Weise, wie er sich ernährt, wie er sein übriges Leben führen kann, das bestimmt, wie er zufrieden ist mit der rechtlichen Ordnung, welche rechtliche Ordnung sich überhaupt bilden kann. Das Wirtschaftsleben bestimmt auch, wie er denkt, wie er fühlt, was er in der Kunst, was er in der Wissenschaft hervorbringt.

[ 11 ] Now, what Karl Marx envisions as the transformation of modern economic life is, of course, also linked to the transformation of everything that constitutes the scope of political life, and the transformation of everything that constitutes intellectual life. For Karl Marx conceives of the development of humanity entirely in the spirit of modern scientific thought. He has thoroughly departed from the view of earlier socialist thinkers, who believed at the time that the most important factor was human will, which intervenes in the fabric of human social life. Karl Marx believes that people must, in essence, will in the way that this will is determined by the necessities of the economic order. And from the economic order itself—from the way people produce and manage their affairs—state structures take shape, the law takes shape, morality takes shape, and so on; and, like a superstructure—like something that merely reflects economic life—that which is called spiritual culture also takes shape. And today, when one understands what is going on in the souls of proletarian people, one can say: This view is widespread in the broadest circles; human beings are bound up in economic life, and economic life—the way they earn their livelihood, the way they are able to lead the rest of their lives—determines how satisfied they are with the legal order, and what kind of legal order can even come into being. Economic life also determines how they think, how they feel, and what they produce in the arts and in science.

[ 12 ] So ist es für weite Kreise geworden; in weitesten führenden Kreisen des Proletariats besonders gilt dasjenige, was Geistesleben ist, als eine Ideologie. Dieses Wort Ideologie hört man immer wieder und wiederum, wenn der Proletarier gerade das bezeichnen will, was er als Geistesleben ansieht. Das auf der einen Seite.

[ 12 ] This is how it has come to be for many people; particularly in the broadest leadership circles of the proletariat, what constitutes intellectual life is regarded as an ideology. One hears the word “ideology” time and again whenever the proletarian seeks to describe precisely what he regards as intellectual life. That is one side of the matter.

[ 13 ] Auf der anderen Seite wendet der Proletarier dem Staatsleben seine Aufmerksamkeit zu. Er findet aber in diesem Staatsleben dasjenige ausgeprägt, was er bezeichnet - wiederum nach dem Vorgange von Karl Marx - als die alles beherrschenden Klassenkämpfe. Und er wendet zuletzt seine Aufmerksamkeit dem Wirtschaftsleben zu, das ihm am allernächsten liegt, weil er unmittelbar in dasselbe eingespannt ist. Und indem er gerade durch dieses Wirtschaftsleben ganz und gar sein Leben in Anspruch genommen findet, entwickelt er das, was er ausspricht mit den Worten «marxistische Geschichtsauffassung». Diese entwickelt er aus seiner Überzeugung, daß im Grunde genommen der ganze geschichtliche Verlauf der Menschheit aus wirtschaftlichen Kämpfen besteht, von Formen des Wirtschaftslebens geprägt ist, und daß alles übrige von diesem materiellen Leben abhängig ist. Und das steht wiederum im Zusammenhang mit der Empfindung, die er von der Kultur der leitenden, der führenden Kreise hat, in die er mit seiner Seele doch nicht eindringen kann, die ihm selbst in ihrer wissenschaftlichen Strenge wie eine Art Luxuskultur oftmals vorkommt und die er als Ideologie empfindet.

[ 13 ] On the other hand, the proletarian turns his attention to public life. In this public life, however, he finds most pronounced what he describes—again following the lead of Karl Marx—as the all-dominant class struggles. And finally, he turns his attention to economic life, which is closest to him because he is directly involved in it. And because this economic life completely absorbs his existence, he develops what he expresses with the words “Marxist conception of history.” He develops this from his conviction that, fundamentally, the entire historical course of humanity consists of economic struggles, is shaped by forms of economic life, and that everything else depends on this material life. And this, in turn, is connected to his perception of the culture of the ruling, leading circles—a culture into which he cannot penetrate with his soul, which, even in its scientific rigor, often strikes him as a kind of “luxury culture,” and which he perceives as an ideology.

[ 14 ] Heute stehen wir in einem Entwickelungspunkt der europäischen Kultur, wo wir tiefer fragen müssen als in sozialistischen und nichtsozialistischen Kreisen seit siebzig Jahren gefragt worden ist, wo wir tiefer fragen müssen: Was liegt eigentlich dieser Anschauung des Proletariats zugrunde, dieser Anschauung, daß alles geistige Leben eine Ideologie ist, daß alles Staatsleben in Klassenkämpfen verläuft, daß alles, was wirkliche Geschichte ist, nur ein Ergebnis des materiellen Entwickelns ist? - Dem Materialismus in seinen verschiedensten Formen zugeneigt war gerade jenes Denken der neueren Menschheit, in das auch Karl Marx mit seinen Ideen, mit all seinen Impulsen geleitet worden ist.

[ 14 ] Today we find ourselves at a turning point in European culture where we must ask deeper questions than have been asked in socialist and non-socialist circles for the past seventy years; where we must ask more profoundly: What actually underlies this view of the proletariat—this view that all intellectual life is ideology, that all political life is a class struggle, and that everything that constitutes real history is merely a result of material development? - It was precisely that mode of thinking characteristic of modern humanity—into which Karl Marx, too, was led by his ideas and all his impulses—that was inclined toward materialism in its most diverse forms.

[ 15 ] Nun kann man fragen: Warum ist denn gerade die Ideenrichtung dieser bedeutenden, dieser einschneidenden Denker in die Bahn gelenkt worden, welche einzig und allein das Wirtschaftsleben als das Mafßßgebende für alle menschliche Entwickelung anschaut? Wodurch ist denn das Denken des modernen Proletariers selbst auf die gleiche Bahn gedrängt worden?

[ 15 ] One might ask: Why, of all things, has the line of thought of these significant, these influential thinkers been steered onto a course that regards economic life alone as the determining factor for all human development? What has caused the thinking of the modern proletarian himself to be pushed in the same direction?

[ 16 ] Wer die Entwickelung der neueren Zeit nicht nach der konventionellen Geschichte, sondern nach dem, was heute schon ein tieferer geschichtlicher Blick geben könnte, studiert, der findet allerdings eine sehr, sehr merkwürdige Erscheinung, welche ihn nahebringen kann der Lösung der gerade eben aufgeworfenen Frage.

[ 16 ] Anyone who studies modern history not according to conventional historical accounts, but rather based on what a deeper historical perspective might already offer today, will indeed encounter a very, very curious phenomenon that may bring them closer to solving the question just raised.

[ 17 ] Das Wirtschaftsleben der neueren Zeit hat allerdings, könnte man sagen, einen Gang genommen, den man begreifen kann, wenn man ihn zu begreifen versucht so, wie man wissenschaftliche Tatsachen begreift. Man kann nicht sagen von diesem Wirtschaftsleben, es hätte nicht unterlegen einer bestimmten naturwissenschaftlich zu begreifenden Notwendigkeit, so wie es sich entwickelt hat, man kann nicht einmal sagen, wenn man sachgemäß die Dinge untersucht: dieses Wirtschaftsleben als solches könnte anders sein. - Dann aber käme man, wenn man dabei stehenbleiben wollte, zu einer außerordentlich pessimistischen Anschauung des Lebens.

[ 17 ] Economic life in modern times has, one might say, taken a course that can be understood if one tries to grasp it in the same way one grasps scientific facts. One cannot say of this economic life that it has not been subject to a certain necessity—one that can be understood in terms of the natural sciences—in the way it has developed; nor can one even say, upon properly examining the facts, that this economic life as such could be any different. —But if one were to stop there, one would arrive at an extraordinarily pessimistic view of life.

[ 18 ] Andere Fragen aber entstehen. Nur eingeschränkt, ich möchte sagen, wie hypnotisiert war der Blick, waren die Kräfte des Menschen auf das Wirtschaftsleben hin.

[ 18 ] Other questions, however, arise. To a limited extent, I would say, people’s gaze and energy were fixated on economic life.

[ 19 ] Andere Gebiete des Lebens haben eine Entwickelung genommen, die heute gar sehr anders angesehen werden muß als die bloße wirtschaftliche Entwickelung. Es lag in der ganzen Anschauungsweise der neueren Zeit, gewissermaßen die Wirtschaft als das anzusehen, woraus auch die beiden anderen Hauptzweige des menschlichen Lebens sich ergeben: das Staatsleben und das Geistesleben.

[ 19 ] Other areas of life have undergone a development that must today be viewed quite differently from mere economic development. It was part of the overall outlook of modern times to regard the economy, so to speak, as the foundation from which the other two main branches of human life—political life and intellectual life—arise.

[ 20 ] Man möchte sagen, nach naturwissenschaftlichen Vorurteilen wurde es für Karl Marx und seine Anhänger klar: das Wirtschaftsleben enthält die Ursachen. Aus diesen Ursachen heraus entwickelt sich die Gestaltung des Staats- oder Rechtslebens, entwickelt sich das geistige Leben. Aber ist das so? Dieses ist die große Frage. Heute stehen wir bereits an dem Wendepunkt, wo es notwendig ist einzusehen, daß diese ganze Fundamentalbetrachtung radikal falsch ist, daß es unmöglich ist, aus dem Wirtschaftsleben die beiden anderen Zweige des Gesamtmenschenlebens wie aus dessen Wirken heraus zu begreifen, wie es unmöglich ist, das Staats- oder Rechtsleben aus dem Wirtschaftsleben heraus zu begreifen, es unmöglich ist, das geistige Leben aus dem Wirtschaftsleben heraus zu begreifen.

[ 20 ] One might say that, based on scientific preconceptions, it became clear to Karl Marx and his followers that economic life contains the root causes. From these causes, the structure of political and legal life develops, as does intellectual life. But is that really the case? That is the big question. Today we are already at a turning point where it is necessary to recognize that this entire fundamental perspective is radically wrong—that it is impossible to understand the other two branches of human life as a whole from economic life, just as it is impossible to understand political and legal life from economic life, and just as it is impossible to understand spiritual life from economic life.

[ 21 ] Das ist gerade die Eigentümlichkeit der neueren Zeit, daß diese neuere Zeit in ihrer Welt- und Lebensanschauung nichts gehabt hat, was es ihr möglich gemacht hätte, über dieses Vorurteil hinauszukommen, daß das Wirtschaftsleben allem anderen menschlichen Leben zugrunde liegt.

[ 21 ] This is precisely what is peculiar about modern times: that, in its worldview and outlook on life, modernity has lacked anything that would have enabled it to move beyond the prejudice that economic life underlies all other aspects of human life.

[ 22 ] Drei Seiten eines Tieferen, in der Menschennatur tiefer Begründeten stellen sich dar als Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben. Nebeneinander stehen sie. Das ist dasjenige, was wir anfangen müssen zu begreifen. Aufgeräumt muß werden - das wird den proletarischen Forderungen einimpfen das soziale Wollen -, aufgeräumt muß werden mit dem nur aus der Naturwissenschaft, aus naturwissenschaftlichen Vorurteilen folgenden Irrtum, als ob in der Wirtschaftsordnung die ursächliche Grundlage für die beiden anderen Lebensgebiete, für das Rechtsgebiet und das Geistesgebiet liege.

[ 22 ] Three aspects of a deeper reality, rooted more profoundly in human nature, manifest themselves as spiritual life, legal life, and economic life. They exist side by side. This is what we must begin to understand. We must put an end to—this will instill social will into the proletarian demands—we must put an end to the error arising solely from natural science and from natural-scientific prejudices, as if the economic order were the causal foundation for the other two spheres of life, for the legal sphere and the spiritual sphere.

[ 23 ] Wer dieses einsehen will, der muß den Blick vor allen Dingen auf eines richten. Sehen Sie hin auf die Art und Weise, wie sich das neuzeitliche Denken, das neuzeitliche Anschauen der Welt entwickelt hat. Mehr als man glaubt, ist verbunden dieses Denken, dieses Anschauen der Welt, mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Wenn ich der Auffassung wäre, daß das praktische Leben, die äußere Lebenspraxis irgendwie abhängig wären von Theorien, von Anschauungen, von Begriffen und Ideen, so wie sich das aus einer einseitigen Philosophie heraus denken läßt, dann würde ich diese Bemerkung, die ich eben gemacht habe, gar nicht machen. Aber so sehe ich den geschichtlichen Verlauf nicht an. Mir erscheint dasjenige, was sich im ganzen Umkreis des Lebens, dieses Leben gestaltend, dieses Leben impulsierend, ausdrückt, das scheint mir mehr oder weniger sogar nur symptomatisch in der Denkweise einer Zeit zum Ausdrucke zu kommen; so daß ich niemals das praktische Leben ableiten möchte von der Denkweise, aber behaupten möchte, daß die Denkweise, die Anschauungsart ein deutlicher symptomatischer Ausdruck für dasjenige ist, was in den Tiefen der Menschenseele vorgeht und das äußere, auch das praktische, zuletzt das wirtschaftliche Leben gestaltet.

[ 23 ] Anyone who wishes to understand this must focus their attention on one thing above all else. Look at the way in which modern thinking—the modern view of the world—has developed. This way of thinking, this view of the world, is more closely connected to scientific findings than one might suppose. If I were of the opinion that practical life—the outward practice of living—were in any way dependent on theories, views, concepts, and ideas, as might be inferred from a one-sided philosophy, then I would not make the remark I have just made at all. But that is not how I view the course of history. It seems to me that what expresses itself throughout the entire sphere of life—shaping this life, impelling this life—seems to me to find expression, more or less, only symptomatically in the way of thinking of a given era; so that I would never wish to derive practical life from the way of thinking, but I would like to assert that the way of thinking, the way of viewing things, is a clear, symptomatic expression of what is taking place in the depths of the human soul and ultimately shapes external life—including practical life and, ultimately, economic life.

[ 24 ] Eingeflossen in diese Denkweise in allen Lebenskreisen ist dasjenige, was man naturwissenschaftliches Denken nennen könnte. Worauf aber allein bezieht sich das naturwissenschaftliche Denken? In bezug auf diese Frage sind heute noch viele Vorurteile vorhanden, und ich glaube, daß diejenigen, die heute in dieser Denkweise leben, sehr erstaunt sein werden, in welche Veränderungen der heutigen Anschauungsweise sie hineinwachsen werden. Was man heute geradezu für axiomatisch hält, geradezu für absolut gültig hält, es wird ganz sicher angefochten werden, es wird ganz sicher bedeutsame, mächtige Metamorphosen erfahren. Wie denken auf einem weiten Gebiete heute gerade verständig denkende Naturforscher? Wie denken sie auf einem bestimmten Gebiete? Sie denken: Wir begreifen heute eigentlich noch nicht das Leben, nicht die Seele; wir begreifen im Grunde genommen nur alles dasjenige, was innerhalb der Zeitordnung unlebendig ist, nun, sagen wir, was das Tote ist. Aber als ein Ideal sieht man an, daß aus dem immer weitergehenden Begreifen des Toten auch so etwas sich entwickeln werde, wie das Begreifen des Lebendigen.

[ 24 ] What has permeated this way of thinking in all spheres of life is what one might call scientific thinking. But to what, exactly, does scientific thinking refer? There are still many prejudices surrounding this question today, and I believe that those who currently live according to this way of thinking will be very surprised by the changes in today’s worldview into which they will grow. What is considered downright axiomatic today—downright absolutely valid—will most certainly be challenged; it will most certainly undergo significant, powerful transformations. How do rational natural scientists think today across a broad range of fields? How do they think in a specific field? They think: We do not yet truly understand life or the soul; fundamentally, we understand only that which is inanimate within the order of time—well, let’s say, that which is dead. But the ideal is seen as follows: that from our ever-deepening understanding of the dead, something like an understanding of the living will also develop.

[ 25 ] Das aber wird man einsehen müssen, daß die ganze Anschauungsweise, wie wir sie in den letzten drei bis vier Jahrhunderten entwikkelt haben, wie sie der Nerv naturwissenschaftlichen Vorstellens ist, daß diese ganze Anschauungsweise nur geeignet ist, das Tote zu begreifen. Gerade deshalb ist die Naturwissenschaft so groß geworden, weil diese Denkweise geeignet ist, das Tote zu begreifen, alles Tote, welches auch in die Pflanzen, Tiere, Menschen, in alles Lebendige eingebettet ist. Wir verstehen durch die Naturwissenschaft nur das in allem vorhandene Tote.

[ 25 ] But one must recognize that the entire way of thinking—as we have developed it over the last three to four centuries, and which lies at the heart of scientific mental images—is suited only to comprehending the inanimate. It is precisely for this reason that natural science has become so great—because this way of thinking is suited to comprehending the lifeless, everything lifeless that is also embedded in plants, animals, humans, and all living things. Through natural science, we understand only the lifeless that is present in everything.

[ 26 ] Diese Denkweise, welche gerade die Naturwissenschaft so groß gemacht hat, sie ruiniert, sie korrumpiert alles dasjenige, was soziales Denken ist und was die Grundlage des sozialen Wollens sein muß, aus dem einfachen Grunde, weil das soziale Wollen sich richten muß auf den lebensfähigen sozialen Organismus. Begreifen wir aber nicht einmal das Lebendige in der äußeren Natur, wie soll dieses Denken geeignet sein, die Lebensfähigkeit des sozialen Organismus irgendwie herbeizuführen? Mit dem innersten Gefüge des neuzeitlichen Denkens hängt es zusammen, daß der Mensch seine Ratlosigkeit, seine Unbeholfenheit gegenüber dem sozialen Leben zugestehen muß. Da muß vor allen Dingen eine Metamorphose des innersten menschlichen Anschauens, des innersten menschlichen Denkens eintreten, damit der Mensch nicht mehr so ratlos und unbeholfen den Dingen gegenübersteht.

[ 26 ] This way of thinking, which has made the natural sciences so great, ruins and corrupts everything that constitutes social thought and that must form the basis of social will—for the simple reason that social will must be directed toward a viable social organism. But if we do not even comprehend the living aspect of external nature, how can this way of thinking possibly be capable of bringing about the viability of the social organism in any way? It is inherent in the innermost structure of modern thought that human beings must acknowledge their helplessness and awkwardness in the face of social life. Above all, a metamorphosis of the innermost human perception and the innermost human thought must take place so that human beings no longer face these matters with such helplessness and awkwardness.

[ 27 ] Derjenige, der heute vorurteilslos auf all dasjenige hinsieht, was da oder dort als sozial Neues sich geltend macht, der hat eigentlich das Gefühl, daß auflebt auf einem anderen Gebiete dasjenige, was Goethe im zweiten Teil des «Faust» in seiner Homunkulus-Szene als mittelalterlichen Aberglauben so schön dramatisch verkörpert hat. In diesem Mittelalter glaubte man, daß der menschliche Organismus selber hergestellt werden könne durch Zusammenfügung toter Stoffe und toter Kräfte, nach einem menschlichen Verstande, der selber eigentlich nur Herrschaft über das Tote har.

[ 27 ] Anyone who today looks without prejudice at all that is asserting itself here and there as a social novelty actually has the feeling that what Goethe so beautifully and dramatically embodied as medieval superstition in the Homunculus scene of the second part of Faust is coming to life in a different realm. In the Middle Ages, it was believed that the human organism itself could be created by combining dead matter and dead forces, according to a human intellect that, in reality, exercises dominion only over the dead.

[ 28 ] Von diesem ist man als von einem Aberglauben abgekommen; aber es ist so, als wenn sich ein Aberglaube der Menschen von einem Gebiet hin verpflanzen wollte auf ein anderes Gebiet. Und das, was sich heute vielfach geltend macht als soziale Anschauung, es kommt einem vor wie eine Homunkulus-Theorie, wie wenn man keine Begriffe hätte von dem, was als lebender sozialer Organismus sich gestalten soll, wie wenn man diesen sozialen Organismus nur zusammenfügen möchte so, wie der mittelalterliche Alchimist den Homunkulus zusammenfügen wollte aus demjenigen, womit man sich durchdrungen hat als der nur auf das Tote gehenden naturwissenschaftlichen Denkweise. Das ist vor allem dasjenige, was überwunden werden muß.

[ 28 ] People have moved away from this as if it were a superstition; but it is as if a human superstition were trying to transplant itself from one realm to another. And what is often asserted today as a social viewpoint, seems like a homunculus theory—as if one had no concept of what is to take shape as a living social organism, as if one merely wished to assemble this social organism in the same way that the medieval alchemist sought to assemble the homunculus from the very things with which one has become imbued—namely, the scientific way of thinking that is directed solely toward the inanimate. This, above all, is what must be overcome.

[ 29 ] Neben die wirtschaftliche Entwickelung der Menschheit stellt sich die staatliche Entwickelung hin, die neben anderem vorzugsweise in der Ausgestaltung des Rechtes besteht, und es stellt sich hin das geistige Leben. Wie ich gesagt habe, die wirtschaftliche Entwikkelung, sie kann naturwissenschaftlich begriffen werden. Können es auch die beiden anderen Zweige des menschlichen Gesamtlebens? Kann es das Rechtsleben? Kann es das geistige Leben? - Diese Frage beantwortet sich, wenn man die Gestaltungen dieser beiden Lebenszweige in der neueren Zeit ein wenig ins Auge faßt. Als vor drei bis vier Jahrhunderten zu gleicher Zeit mit der technischen und kapitalistischen Entwickelung auch die neuere Weltanschauungsrichtung heraufkam, da war es so, daß das ganze Denken der Kreise, welche die Führenden waren, dahin drängte, in das staatliche Leben einzubeziehen immer mehr und mehr auf der einen Seite das geistige Leben, auf der anderen Seite das wirtschaftliche Leben.

[ 29 ] Alongside humanity’s economic development stands the development of the state, which consists, among other things, primarily in the shaping of the law, and alongside this stands intellectual life. As I have said, economic development can be understood in terms of the natural sciences. Can the other two branches of human life as a whole be understood in the same way? Can legal life be understood this way? Can spiritual life be understood this way?—This question answers itself when one considers the forms these two branches of life have taken in recent times. When, three to four centuries ago, a new worldview emerged simultaneously with technological and capitalist development, the entire thinking of the leading circles was directed toward incorporating, on the one hand, intellectual life and, on the other, economic life, more and more into the life of the state.

[ 30 ] Das geistige Leben ist im Grunde genommen bis zu einem hohen Grade schon in das staatliche Leben eingeflossen. Man sieht geradezu den eigentlichen Fortschritt der neueren Menschheitsentwickelung darinnen, daß man die geistigen Lebenszweige, die früher mehr oder weniger selbständig waren, selbständig sich entwickelt haben, eingespannt hat in die staatliche Rechtsordnung. Wie stolz ist man darauf, um nur eines zu erwähnen, daf man es dahin gebracht hat, das ganze Schulwesen in die staatliche Rechtsordnung hineinzuzwängen.

[ 30 ] Spiritual life has, in essence, already become deeply integrated into public life. One can indeed see the very progress of recent human development in the fact that the branches of spiritual life—which were formerly more or less independent and had developed autonomously—have been incorporated into the state legal system. How proud people are, to mention just one example, that they have managed to force the entire school system into the state legal system.

[ 31 ] Mit dem Wirtschaftsleben ist es nicht so schnell gegangen; aber man hat es doch als einen wesentlichen Fortschritt angesehen, daß in das staatliche Gefüge hineingespannt worden sind die großen Verkehrsanstalten, Post, Telegraph, Eisenbahn; und je nachdem die leitenden, die führenden Kreise aus ihrem Interesse heraus das angemessen fanden, haben sie immer mehr und mehr von dem Wiirtschaftsleben hineingezwängt in das staatliche Leben.

[ 31 ] Economic life did not progress quite so quickly; but it was nevertheless regarded as a significant step forward that the major transportation agencies—the postal service, the telegraph, and the railroads—had been integrated into the state structure; and to the extent that the ruling and leading circles deemed it appropriate in their own interests, they forced more and more of economic life into the realm of the state.

[ 32 ] Weil nun der Blick wie hypnotisch auf dieses Wirtschaftsleben hingerichtet ist in der neueren Zeit, und weil das Proletariat vorzugsweise in dieses Wirtschaftsleben eingespannt ist, entstand für das Proletariat das Ideal: den Staat nun für sich so in Anspruch zu nehmen, wie früher die leitenden Kreise diesen Staat in ihrem Interesse in Anspruch nahmen und diesen Staat, wie er sich herausgebildet hat aus allen möglichen alten Formen, als Rahmen zu benutzen, um nun das gesamte Wirtschaftsleben wie eine gewaltige Genossenschaft hineinzuzwängen in diesen modernen Staat.

[ 32 ] Because attention has been focused almost hypnotically on this economic life in recent times, and because the proletariat is primarily drawn into this economic life, an ideal has emerged for the proletariat: to appropriate the state for itself in the same way that the ruling classes once appropriated it for their own interests, and to use this state—as it has evolved from all manner of ancient forms—as a framework into which to force the entire economic life, like a vast cooperative, within this modern state.

[ 33 ] Man kann geradezu zeigen, wie immer mehr und mehr unter dieser wirtschaftlichen Hypnotisierung auch die moderne proletarische Frage sich entwickelt hat. Man blicke nur zurück noch in die achtziger Jahre, in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts! Was galt da in den Klassen der Sozialdemokratie in Deutschland, was galt da dieser Sozialdemokratie als Ideal?

[ 33 ] One can actually demonstrate how, under this economic hypnotism, even the modern proletarian question has developed more and more. One need only look back to the 1880s and 1870s! What was the prevailing view among the ranks of social democracy in Germany at that time, and what did social democracy itself hold as its ideal?

[ 34 ] Nun, die beiden Hauptpunkte dieses sozialdemokratischen Ideales waren etwa bis in die neunziger Jahre hinein erstens: Abschaffung aller sozialen und politischen Ungleichheit; zweitens: Abschaffung der eigentlichen Lohnverhältnisse, der Lohnarbeit. Das waren zwei, ich möchte sagen, aus einem allgemeinen Menschheitsbewußtsein hervorgehende Forderungen. Diese zwei Forderungen sind noch nicht vollständig durchdrungen von der Nuance, die nur nach dem wirtschaftlichen Leben hin orientiert ist. In den neunziger Jahren kommen an die Stelle dieser beiden Ideale, die ich soeben genannt habe, zwei wesentlich andere: erstens Verwandlung alles Privateigentums an Produktionsmitteln in Gemeineigentum; zweitens Umwandlung der Warenproduktion in eine sozialistisch durch und für die Gesellschaft geleitete und geführte Produktion. Ganz ausgelaufen in ein rein wirtschaftliches Programm sind da die sozialdemokratischen Forderungen.

[ 34 ] Well, up until the 1890s, the two main points of this social democratic ideal were, first: the abolition of all social and political inequality; and second: the abolition of wage relations themselves—wage labor. These were two demands—I would say—arising from a general human consciousness. These two demands have not yet been fully permeated by the nuance that is oriented solely toward economic life. In the 1890s, these two ideals I have just mentioned were replaced by two fundamentally different ones: first, the transformation of all private ownership of the means of production into common ownership; second, the transformation of commodity production into a socialist system of production directed and managed by and for society. The social democratic demands have thus been completely reduced to a purely economic program.

[ 35 ] So, möchte ich sagen, zeigt sich gerade in ihrem heutigen Wirtschaftsprogramm die Sozialdemokratie als die letzte Vollstreckerin desjenigen, was im Grunde genommen die bürgerliche Weltanschauung im Laufe der letzten Jahrhunderte ausgebildet har.

[ 35 ] Thus, I would say, it is precisely in its current economic program that social democracy reveals itself as the ultimate executor of what has, in essence, been the bourgeois worldview as it has developed over the course of the last few centuries.

[ 36 ] Nur derjenige sieht eigentlich das, was innerhalb des heutigen Proletariats als Forderung lebt, in der richtigen Weise an, der sich klar darüber wird, daß diese Forderungen nichts anderes sind als die letzte Konsequenz desjenigen, was die bürgerliche Weltordnung, die bürgerliche Wirtschaftsordnung bis zum heutigen Tage herausgebildet hat. Aber noch weiter ging es.

[ 36 ] Only those who realize that these demands are nothing other than the ultimate consequence of what the bourgeois world order and the bourgeois economic order have developed to this day can truly understand the demands that exist within today’s proletariat. But it went even further.

[ 37 ] Was ich Ihnen gerade vorhin charakterisiert habe als die neuere Weltanschauung, die ganz durchdrungen ist von den Impulsen der Naturwissenschaft, das ist es ja auch, was innerhalb der bürgerlichen Kreise sich im Laufe der letzten Jahrhunderte immer wieder und als die allem zugrunde liegende Welt- und Lebensanschauung gebildet hat. Woher haben die führenden Geister der Proletarier dasjenige, was sie heute denken, dasjenige, was sie in alles, was ihr soziales Wollen ist, hineingetragen? Sie haben es aus dem Erbgut der bürgerlichen wissenschaftlichen Vorstellungsart.

[ 37 ] What I have just described to you as the newer worldview—one that is thoroughly permeated by the impulses of the natural sciences—is, in fact, precisely what has repeatedly taken shape within bourgeois circles over the course of the last few centuries as the underlying worldview and philosophy of life. Where did the leading minds of the proletariat get what they think today—what they have incorporated into everything that constitutes their social will? They derived it from the legacy of the bourgeois scientific mode of thought.

[ 38 ] Man darf schon sagen: Bisher war die Entgegennahme der bürgerlichen wissenschaftlichen Orientierung das letzte große Vertrauen, welches die proletarischen Kreise diesem Bürgertum entgegengebracht haben, im Grunde genommen bis heute entgegengebracht haben. Denn übernommen haben sie die bürgerliche Weltanschauung. Und mit dieser bürgerlichen Weltanschauung wurden sie an die Maschinen gestellt, wurden eingespannt in das verödende Leben, in das für sie verödende Leben des Kapitalismus, wurden weggerissen von all denjenigen Berufsarten, die den Menschen die Frage beantworten: Was bin ich eigentlich in der Welt? Neben der Maschine in ihrer Seelenlosigkeit und innerhalb der kapitalistischen Ordnung, in der man ein Rad ist, beantwortet sich nicht die Frage: Was bin ich eigentlich als Mensch innerhalb der menschlichen Entwickelung?

[ 38 ] It is fair to say: Up to now, the adoption of the bourgeois scientific worldview has been the last great act of trust that proletarian circles have placed in this bourgeoisie—and, in essence, continue to place in it to this day. For they have adopted the bourgeois worldview. And with this bourgeois worldview, they were put to work at the machines, harnessed to the desolating life—the life of capitalism that is desolating for them—and torn away from all those professions that answer the question for human beings: What am I, actually, in this world? Standing beside the soulless machine and within the capitalist order, where one is merely a cog, the question “Who am I, actually, as a human being within the course of human development?” remains unanswered.

[ 39 ] Da entstand für den Proletarier vor allen Dingen die Forderung, von der Wissenschaft, von wissenschaftlicher Orientierung aus selbst die Antwort auf diese Frage zu erhalten. Ganz etwas anderes als für die bürgerlichen Kreise wurden die Bilder der neueren Weltanschauung für den Proletarier. Der Angehörige der bürgerlichen Kreise steht noch darinnen in einer Wirtschafts-, in einer Lebensordnung, die im Grunde genommen überall die Tradition, die Überlieferungen des Alten enthält. Er mag noch so sehr überzeugt sein von demjenigen, was unter dem alleinigen Einflusse der naturwissenschaftlichen Denkweise in der neueren Zeit sich ergeben hat, den ganzen Menschen erobert es bei ihm nicht; er hat von woanders her religiöse, geistige, künstlerische oder sonstige Impulse neben dieser modernen wissenschaftlichen Orientierung dastehen. Für den Proletarier ist diese moderne wissenschaftliche Orientierung dasjenige, das ihm die Frage beantworten soll: Was bin ich als Mensch?

[ 39 ] Above all, this gave rise to the demand among the proletariat to find the answer to this question for themselves, based on science and a scientific orientation. For the proletariat, the images of the new worldview took on a completely different meaning than they did for bourgeois circles. The member of bourgeois circles still lives within an economic and social order that, at its core, embodies the traditions and customs of the past. No matter how convinced he may be of what has emerged in recent times under the sole influence of the scientific way of thinking, it does not fully capture his entire being; he draws religious, spiritual, artistic, or other impulses from elsewhere to complement this modern scientific orientation. For the proletarian, this modern scientific orientation is what is supposed to answer the question: What am I as a human being?

[ 40 ] Oh, hat man hineingesehen in zahlreiche Proletarierseelen, in solche Seelen, die sich ihr Menschengefühl und ihre Sehnsucht nach Menschenwürde bewahrt haben, dann weiß man, wie sie lechzen danach, gerade von der modernen wissenschaftlichen Orientierungsseite her die Frage beantwortet zu bekommen: Was bedeute ich in der Welt als Mensch? - Dann stellt sich hin vor diese Seelen dasjenige, was in dem Ausdruck «Ideologie» schon gegeben ist: ein Geistesleben, das dem Menschen nicht verbürgt seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt, ein Geistesleben, das nur in unwirklichen Ideen, nur in einer Ideologie bestehen soll; es kann die Seelen nicht tragen. Das mag der Einzelne nicht wissen, die Wirkung davon ist in der Seele! Das ist dasjenige, was die Seelen verödet, daß das Proletariertum von dem Bürgertum und den leitenden Kreisen ein Denken, eine Weltanschauung übernommen hat, die den Menschen nicht ausfüllen kann, daß der Proletarier, der weggerissen worden ist von den alten Lebensordnungen, nicht glauben kann, nicht verbunden sein kann mit den alten Überlieferungen, an denen noch die anderen hängen, und daß diese naturwissenschaftliche Denkweise, die nur das ist, was das Tote begreifen kann, ihm doch keine Antwort geben kann auf die Frage nach den höchsten Dingen, nach denen er doch mehr oder weniger unbewußt sich sehnend fühlt, nach dem Leben der eigenen Seele innerhalb der Weltenordnung. Das ruht im Grunde in jeder Proletarierseele; mag sich dasjenige, was daraus kommt, in noch so schlimmen Formen ausleben, das ruht auf dem Grund der Proletarierseelen. Und selbst dasjenige, was als Ausschreitungen der heutigen sozialen Bewegung sichtbar wird, es wird nur deshalb sichtbar, weil jene Seelenöde vorhanden ist, die unter dem Einflusse des eben Geschilderten gekommen ist.

[ 40 ] Oh, if one has looked into the souls of many proletarians—those souls that have preserved their sense of humanity and their longing for human dignity—then one knows how they yearn to have this question answered, particularly from the perspective of modern scientific thought: What do I mean in the world as a human being? - Then what is already implied in the term “ideology” stands before these souls: a spiritual life that does not guarantee the human being a connection to the spiritual world, a spiritual life that is supposed to consist only of unreal ideas, only of an ideology; it cannot sustain these souls. The individual may not be aware of this, but its effect is felt in the soul! This is what desolates the souls: that the proletariat has adopted from the bourgeoisie and the ruling circles a way of thinking, a worldview, that cannot fulfill human beings; that the proletarian, who has been torn away from the old ways of life, cannot believe in, nor can he be connected to, the old traditions to which the others still cling, and that this scientific way of thinking—which is merely what the dead can comprehend—cannot provide him with an answer to the question of the highest things, for which he feels a more or less unconscious longing, namely, the life of his own soul within the order of the world. This lies deep within every proletarian soul; no matter how terrible the forms in which it manifests itself may be, it lies at the very core of the proletarian soul. And even what appears as excesses in today’s social movement becomes visible only because of that spiritual desolation that has arisen under the influence of what has just been described.

[ 41 ] Sehen wir uns an: Wie haben sich in der letzten Zeit die Lebensweisen, denen der Mensch schon auch etwas verdanken muß neben der naturwissenschaftlichen Ordnung, die dem Proletarier das eben Geschilderte brachte, wie haben sich diese entwickelt? Gewiß, der Glaube an den Staat, so wie er sich im Laufe der neueren Zeit ergeben hat, der ist fest verankert in vielen Seelen, die durchaus nicht umlernen wollen, der Glaube an den Staat, der am besten alles unter seine Fittiche nehmen würde, was auch Wirtschafts-, was auch Geistesleben ist! Weil dieser Glaube so tief verankert ist, deshalb wird von den Tatsachen so wenig gelernt. Sprechen denn nicht eigentlich die letzten viereinhalb Jahre allzu deutlich von dem, was die Staaten mit ihren Missionen erreicht haben über einen großen Teil der Erde hin? Die Zeiten werden eintreten müssen, in denen man sehen wird, daß dasjenige, was man als furchtbarste Weltkatastrophe erlebt hat, eine Folge der Struktur der ganzen Organisation der modernen Staaten ist. Und untersucht man, was dazu geführt hat, daß die Staaten durch ihr eigenes Tun in diese Weltkatastrophe hineingetrieben sind, so muß man doch fragen: Wie haben die Staaten zu bewältigen versucht und bewältigen können dieses Zusammengefüge der drei Lebensgebiete: des geistigen, des staatlichen oder Rechtslebens und des Wirtschaftslebens? Als Staaten sind sie in den Weltkrieg hineingetrieben! Und wer namentlich die Ausgangspunkte dieses Weltkrieges beobachtet, der wird starke Argumente gegen den Bestand, das Zusammenfügen, die innere Struktur der in den letzten drei bis vier Jahrhunderten der Menschheitsentwickelung zutage getretenen Staaten sehen.

[ 41 ] Let us consider: How have the ways of life—to which humanity certainly owes something, alongside the scientific order that brought the proletarian what has just been described—how have these developed in recent times? Certainly, faith in the state—as it has emerged in recent times—is firmly rooted in many souls who have absolutely no desire to change their ways: faith in the state that would best take everything under its wing, whether it be economic life or intellectual life! Because this faith is so deeply rooted, so little is learned from the facts. Do not the last four and a half years speak all too clearly of what the states have achieved with their missions across a large part of the earth? The time will come when people will see that what they have experienced as the most terrible global catastrophe is a consequence of the structure of the entire organization of modern states. And if one examines what led the states, through their own actions, to be driven into this global catastrophe, one must ask: How have the states attempted to—and been able to—manage this interplay of the three spheres of life: the spiritual, the political or legal, and the economic? As states, they were driven into the world war! And anyone who observes, in particular, the origins of this world war will see strong arguments against the existence, the composition, and the internal structure of the states that have emerged over the last three to four centuries of human development.

[ 42 ] Aus einem anderen geht aber hervor, wie das Geistesleben eigentlich gerade in derjenigen Zeit sich entwickelt hat, in der esam meisten in Anspruch genommen wurde durch alles dasjenige, was dem Staate angehört, in der Zeit, in der man so stolz darauf war, die Gewalt des Staates über alles Geistige immer mehr und mehr auszudehnen.

[ 42 ] Another source, however, reveals how intellectual life actually developed precisely during the period when it was most heavily claimed by everything pertaining to the state—the period when people took such pride in extending the state’s power over all intellectual matters more and more.

[ 43 ] Das ist im Grunde genommen ein nur mit starken pessimistischen Strichen zu zeichnendes Kapitel der neueren geschichtlichen Entwickelung! Sehen wir uns einmal dieses Geistesleben der letzten drei bis vier Jahrhunderte an: Loblieder sind ihm viele gesungen worden. Aber die charakteristischen Eigenschaften, sie sind im Grunde wenig betont worden. Die Stimmen unserer Zeit werden genötigt sein, anderes gerade von diesem Geistesleben der letzten drei bis vier Jahrhunderte auszusagen, als in den Lobliedern, die ihm gesungen worden sind, ausgesagt wurde. Ein charakteristisches Merkmal dieses Geisteslebens lassen Sie mich hervorheben.

[ 43 ] This is, in essence, a chapter in recent historical development that can only be depicted with strongly pessimistic strokes! Let us take a look at the intellectual life of the last three to four centuries: many songs of praise have been sung in its honor. But its characteristic features have, in fact, received little emphasis. The voices of our time will be compelled to say something different about this intellectual life of the last three to four centuries than what has been expressed in the songs of praise sung in its honor. Let me highlight one characteristic feature of this intellectual life.

[ 44 ] Sehen wir nicht, wenn wir wirklich unbefangen sehen wollen, wie große, bedeutende Menschen im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte aufgetreten sind? Wenn sie nicht gerade auf dem Gebiete gewirkt haben, das unmittelbar für das Leben, das man eben führte, notwendig war, haben gerade die hervorragendsten Geister eine irgendwie einschlagende Wirkung gehabt? Darüber sollte man sich keinen Illusionen hingeben.

[ 44 ] If we truly wish to view things impartially, do we not see how great and significant figures have emerged over the course of the last three to four centuries? Unless they were active in a field that was directly necessary for the life people were leading at the time, haven’t the most outstanding minds had some kind of profound impact? We should not delude ourselves about this.

[ 45 ] Lassen Sie unseren Blick einmal lenken auf eine sehr, sehr bedeutende Persönlichkeit der neueren Zeit: auf Goethe. Kennen die Menschen Goethe wirklich? Im Gegenteil! Nichts wissen wir im Grunde von diesem Goethe! Ist denn dasjenige, was als gigantisches, großes, gewaltiges Geistesleben in diesem Goethe lebt, irgendwie in die Seelen der Menschen eingezogen? Nein, nirgendwo! In Deutschland selbst hat man, nachdem Goethe mehr oder weniger ein Liebling vornehmer Kreise gewesen ist, in den achtziger Jahren eine «GoetheGesellschaft» gegründet. Ist diese «Goethe-Gesellschaft» eine Angelegenheit der Nation, wie es das geistige Erbgut Goethes notwendig machen sollte? Nein, sehr verehrte Anwesende! Jemand, der selbst lange Zeit innerhalb dieser «Goethe-Gesellschaft» gewirkt hat, aber immer in Opposition war gerade mit den leitenden Kreisen dieser Goethe-Gesellschaft, der darf es Ihnen sagen: Diese «Goethe-Gesellschaft» ist eine pedantische, gelehrte Ausgestaltung desjenigen, was äußerlich, aber nicht innerlich etwas mit diesem Goethe zu tun hat! Das Geistesleben der neueren Zeit, nicht nur bei Goethe, sondern bei allen anderen Größen, ist nicht übergegangen in das allgemeine menschliche Leben. Es ist ein Geistesleben, das gewissermaßen die neuere Menschheit nicht annehmen konnte. Wenn sie es angenommen hat, hat sie es höchstens so angenommen, daß als Sensation dies oder jenes aufgenommen worden ist, daß man sich informiert hat über dieses oder jenes, daß man gewissermaßen dieses oder jenes auch salonfähig gemacht hat. Als zum Beispiel die «Goethe-Gesellschaft» lange Zeit experimentiert hatte mit ihrem Vorstande, ist sie zuletzt darauf verfallen, einen gewesenen preußischen Finanzminister, der nie irgendeine innere Beziehung zu Goethe gehabt hat, zum Vorsitzenden der «Goethe-Gesellschaft» zu machen! Das ist nur eine der charakteristischen Erscheinungen; sie könnte nicht nur verzehnfacht, sie könnte verhundertfacht, vertausendfacht werden, ja vermillionenfacht, wenn man eingehen würde auf dieses moderne Geistesleben. Dieses Geistesleben ist gerade darinnen charakterisiert, daß die weitesten Kreise der Menschheit gerade die bedeutenden Leistungen nicht haben aufnehmen können, daß diese bedeutenden Leistungen leben mußten in der tragischsten Weise wie Parasiten der Menschheitsentwickelung. Das gehört in einem tieferen Sinne, als man gewöhnlich glaubt, zu der Entwickelung des sozialen Bewußtseins und des ganzen sozialen Lebens in der neueren Zeit. Und wenn man sich nicht wird bequemen wollen, in solchen Erscheinungen des Geisteslebens ein Bedeutsames zu sehen für die moderne soziale Entwickelung, so wird man niemals den Übergang finden zu wirklichem, inhaltsvollem sozialen Wollen.

[ 45 ] Let us turn our attention for a moment to a very, very significant figure of modern times: Goethe. Do people really know Goethe? On the contrary! We know virtually nothing about this Goethe! Has that which lives within Goethe—that gigantic, grand, and mighty spiritual life—found its way into people’s souls in any way? No, not at all! In Germany itself, after Goethe had been more or less a favorite of high society, a “Goethe Society” was founded in the 1880s. Is this “Goethe Society” a matter of national importance, as Goethe’s spiritual legacy would necessarily require? No, ladies and gentlemen! Someone who himself was active within this “Goethe Society” for a long time, but who was always in opposition precisely to the leading circles of this Goethe Society, is in a position to tell you: This “Goethe Society” is a pedantic, scholarly elaboration of something that has to do with Goethe outwardly, but not inwardly! The spiritual life of modern times—not only in Goethe but in all the other great figures—has not been integrated into general human life. It is a spiritual life that, in a sense, modern humanity has been unable to embrace. When it has embraced it, it has done so, at most, by treating this or that as a sensation, by informing itself about this or that, and by, in a sense, making this or that socially acceptable. For example, after the “Goethe Society” had experimented for a long time with its leadership, it finally resorted to appointing a former Prussian Minister of Finance—who had never had any inner connection to Goethe—as chairman of the “Goethe Society”! This is just one of the characteristic phenomena; it could be multiplied not just tenfold, but a hundredfold, a thousandfold, indeed a millionfold, if one were to delve into this modern intellectual life. This intellectual life is characterized precisely by the fact that the broadest circles of humanity have been unable to assimilate these significant achievements, so that these significant achievements have had to exist in the most tragic manner, like parasites on human development. In a deeper sense than is generally believed, this is part of the development of social consciousness and of social life as a whole in modern times. And if one is unwilling to recognize the significance of such phenomena of intellectual life for modern social development, one will never find the path to a genuine, substantive social will.

[ 46 ] In gewisser Hinsicht ist dieses neuere Geistesleben eine sterile Theorie geworden. Warum? Wer da weiß, welches die Bedingungen eines wirklichen Geisteslebens sind, der weiß, daß das Geistesleben niemals in den Machtbereich irgendeiner äußeren Gewalt eingespannt werden darf, wenn es gedeihen soll. Die Naturwissenschaft, die nur auf das Tote gerichtet ist, und alle diejenigen Geisteszweige, die sich der Naturwissenschaft angenähert haben unter dem Zwang der neueren Verhältnisse, sie konnten in die Strukturen der Staaten eingespannt werden. Aber herausgetrieben wurden aus diesen Staatsstrukturen diejenigen Zweige des Geisteslebens, die auf den individuellsten Fähigkeiten der Menschen beruhen, die gerade die Stoßkraft entwickeln sollten in dem Menschen zum seelischen Wollen. Deshalb fehlt unserem neueren Geistesleben jene Stoßkraft, die die alten Religionsvorstellungen gehabt haben, weil in den weitesten Kreisen die Menschen nicht in der Lage sind, nicht imstande sind, dasjenige aufzunehmen, was in die Entwickelung der Menschheit hineinläuft, und was leider in tragischer Weise eben wie Parasiten leben muß.

[ 46 ] In a certain sense, this newer spiritual life has become a sterile theory. Why? Anyone who knows what the conditions of a genuine spiritual life are knows that spiritual life must never be subjected to the authority of any external power if it is to flourish. Natural science, which is directed solely toward the inanimate, and all those branches of intellectual life that have drawn closer to natural science under the pressure of modern circumstances—these have been incorporated into the structures of the state. But those branches of spiritual life that are based on the most individual capacities of human beings—which were precisely meant to develop the driving force within the human being toward spiritual will—have been driven out of these state structures. That is why our modern spiritual life lacks the driving force that the old religious concepts possessed, because in the broadest circles, people are not in a position—are incapable—of absorbing what is flowing into the development of humanity and what, unfortunately, must live in a tragic manner, just like parasites.

[ 47 ] Man wird für diese Erscheinungen eine Erklärung finden. Sie liegt darinnen, daß in der neueren Zeit ein besonderer Fortschritt gesehen wurde in der Verquickung des geistigen Lebens mit dem Staatsleben. Ehe man nicht darauf aufmerksam werden wird, daß auf diesem Gebiete eine radikale Umkehr notwendig ist, wird von dieser einen Seite her die soziale Gesundung nicht kommen können. Das Geistesleben, Schulleben, alle anderen Zweige des Geisteslebens, sie müssen ein besonderes selbständiges Glied des gesunden sozialen Organismus ausmachen; sie müssen herausgelöst werden aus dem Gefüge des Staates, dem nur eigentlich die Versorgung des Rechtslebens, des eigentlich politischen Lebens, bleiben soll.

[ 47 ] An explanation will be found for these phenomena. It lies in the fact that, in recent times, a particular advancement has been seen in the intertwining of spiritual life with political life. Until people realize that a radical reversal is necessary in this area, social recovery cannot come from this one direction. Intellectual life, school life, and all other branches of intellectual life must constitute a distinct, independent component of a healthy social organism; they must be separated from the structure of the state, which should be left solely to the task of upholding the rule of law and political life proper.

[ 48 ] Man könnte auf mancherlei Erscheinungen hinweisen, wenn man besprechen wollte, wie nicht bloß die Verwaltung der Wissenschaft, die Verwaltung des geistigen Lebens abhängig geworden ist von staatlichen Machtmitteln und Zwängen, sondern wie auch der Inhalt der Wissenschaft selbst abhängig geworden ist, das innerliche Treiben im Wissenschaftlichen abhängig geworden ist. Daher zeigt es sich, wie wenig geeignet gerade derjenige ist, der eigentlich als Wissenschafter groß ist, wenn er Naturwissenschafter ist, mit Bezug auf soziales Denken und soziales Wollen. Ein charakteristisches Beispiel dafür: Man konnte in der letzten Zeit als einen vorurteilslosen Geist Oscar Hertwig, einen bedeutenden Naturforscher auf biologischem Gebiet, anführen, der in seinem ausgezeichneten Buch «Das Werden der Organismen - eine Widerlegung der Darwinischen Zufallstheorie», unsäglich Bedeutendes für die Entwickelung des neueren naturwissenschaftlichen Denkens geleistet hat. Derselbe Oscar Hertwig hat den unglückseligen Versuch gemacht, in einem kleinen Büchelchen seine naturwissenschaftliche Denkweise für das soziale und rechtliche und Staatsleben zum Ausdruck zu bringen. Man kann sich kein unsinnigeres, ungesünderes Machwerk denken, neben dem großen Werk auf dem Gebiete der Naturwissenschaft des Oscar Hertwig, als dieses kindische Büchelchen über die sozialen, über die Rechtsfragen und andere ähnliche Fragen, Wissenschaftsfragen der neueren Zeit! Das ist so recht ein Beweis, wie sich unter der Verstaatlichung des geistigen Lebens eine Denkart ausgebildet hat, die einfach nicht eindringen kann in dasjenige, was innerhalb der sozialen Forderungen liegt.

[ 48 ] One could point to various phenomena when discussing not only how the administration of science and the administration of intellectual life have become dependent on the state’s means of power and coercion, but also how the content of science itself has become dependent, and how the inner dynamics of scientific endeavor have become dependent. This shows just how ill-suited the very person who is truly a great scientist—if he is a natural scientist—is when it comes to social thought and social will. A characteristic example of this: Oscar Hertwig, a prominent natural scientist in the field of biology, could recently have been cited as an open-minded thinker who, in his excellent book The Development of Organisms—A Refutation of Darwin’s Theory of Chance, made an immeasurably significant contribution to the development of modern scientific thought. This same Oscar Hertwig made the ill-fated attempt to express his scientific way of thinking in a small booklet devoted to social, legal, and political life. One cannot imagine a more nonsensical, more unhealthy piece of work—when set alongside Oscar Hertwig’s great work in the field of natural science—than this childish little booklet on social and legal issues and other similar questions, the scientific questions of modern times! This is clear proof of how, under the nationalization of intellectual life, a way of thinking has developed that simply cannot penetrate the realm of social demands.

[ 49 ] Abhängig geworden überhaupt in einer merkwürdigen Weise ist dieses geistige Getriebe von etwas anderem; so daß schließlich schon wirklich gar keine Seltenheiten solche Gelehrte sind wie der Historiker Heinrich Friedjung. Ich spreche wahrhaftig nicht aus Animosität gegen Heinrich Friedjung; er war mir ein lieber Jugendfreund, aber heute sind die Zeiten so ernst, daß nur sachliche Interessen in Betracht kommen. Jener Heinrich Friedjung, der Historiker, der, wie man sagt, ein epochemachendes Werk über das neuere Österreich geschrieben hat, er hat die historische Urkundenmethode, die Methode zum Untersuchen historischer Urkunden, angewendet; er hat sich mit seiner Geschichte in den Dienst des österreichischen Außenministers, des Barons Ährenthal gestellt; er hat, wie er glaubt, nach treu historischer Methode bewiesen, daß gewisse österreichfeindliche Machenschaften von sieben Verschwörern herrühren müssen. Zu einer Gerichtsverhandlung ist es darüber gekommen. Heinrich Friedjung konnte darauf hinweisen, daß er doch kein Historiker ist, der leicht zu nehmen ist, daß die Universität Heidelberg ihm den Ehrendoktor gegeben hat. Trotzdem Friedjung nach streng geschichtlicher Methode bewiesen hatte, daß die Dokumente, mit denen Baron Ährenthal die Serben verurteilen wollte, echt seien, hat das Gericht anerkennen müssen, daß sie plumpe Fälschungen sind.

[ 49 ] This intellectual apparatus has, in a strange way, become dependent on something else; so that, in the end, scholars such as the historian Heinrich Friedjung are really no rarity at all. I truly speak not out of animosity toward Heinrich Friedjung; he was a dear friend of mine in my youth, but today the times are so grave that only objective interests can be taken into account. That Heinrich Friedjung, the historian, who, as they say, has written an epoch-making work on modern Austria, has applied the historical documentary method—the method of examining historical documents; he placed his historical work at the service of the Austrian Foreign Minister, Baron Ährenthal; he has, as he believes, proven—using strictly historical methods—that certain anti-Austrian machinations must have originated with seven conspirators. The matter has gone to trial. Heinrich Friedjung was able to point out that he is not a historian to be taken lightly, given that the University of Heidelberg had awarded him an honorary doctorate. Nevertheless, even though Friedjung had proven—using strict historical methods—that the documents with which Baron Ährenthal sought to condemn the Serbs were genuine, the court was forced to acknowledge that they were crude forgeries.

[ 50 ] Damals wurde die geschichtliche Methode selber verurteilt. Wir leben nur leider heute in einer Zeit, in der man solche Dinge nicht ernst genug, vor allen Dingen nicht tief genug nimmt, indem das geistige Leben überhaupt, trotz des Ernstes, mit dem es betrieben wird, wie eine Nebenströmung des übrigen Lebens einherläuft. Für mich ist immer charakteristisch gewesen für diese Äußerlichkeit, mit der tiefstes Geistesleben heute genommen werden kann, dasjenige, was ich nennen möchte den Grafen mit den zwei Hosentaschen. Ich erlebte diesen Grafen mit den zwei Hosentaschen, einen geistreichen Menschen, ich erlebte ihn bei einem meiner Besuche im NietzscheArchiv. Er war eine vertraute Persönlichkeit des Nietzsche-Archivs. Er hatte zwei Hosentaschen, aus der einen zog er mir heraus dazumal, als wir gerade aus dem Nietzsche-Archiv herausgingen, eine Bibel, eine vollständige Bibel in Perldruck; er konnte sie in die Hosentasche stecken. Er sagte: Sehen Sie, die führe ich immer bei mir. Ich habe aber noch eine andere; und er zog aus der anderen Hosentasche den «Zarathustra», ebenso in Perlschrift herausgegeben, damit ich es sehe. So hatte der Graf mit sich getragen, oder wollte wenigstens mit sich tragen die zwei für ihn bedeutendsten Bücher! Ich möchte sagen, das ist ein rein symbolischer Ausdruck für manche derartige Angelegenheiten des modernen Menschen, überhaupt zu den geistigen Dingen zu stehen. Der Graf mit den zwei Hosentaschen war ganz symbolisch, die eine Hosentasche war gefüllt mit der Bibel, die andere mit Nietzsches «Zarathustra». So sehen wir, wie das neuere Geistesleben steril, unfruchtbar geworden ist, trotz aller Loblieder.

[ 50 ] At that time, the historical method itself was condemned. Unfortunately, we live today in an age in which such things are not taken seriously enough—and above all, not deeply enough—since spiritual life, despite the seriousness with which it is pursued, runs parallel to the rest of life as a mere side current. For me, what has always been characteristic of this superficiality with which the deepest intellectual life can be treated today is what I would like to call “the count with the two pants pockets.” I met this count with the two pants pockets—a witty man—during one of my visits to the Nietzsche Archive. He was a familiar figure at the Nietzsche Archive. He had two pants pockets; from one of them, just as we were leaving the Nietzsche Archive, he pulled out a Bible—a complete Bible in pearl print—which he could slip into his pocket. He said, “You see, I always carry this with me.” “But I have another one,” he added; and from his other pants pocket he pulled out Thus Spoke Zarathustra, also published in pearl print, so that I could see it. Thus the count had carried with him—or at least intended to carry—the two books that were most significant to him! I would say that this is a purely symbolic expression of how modern people, in general, relate to spiritual matters. The count with the two pants pockets was entirely symbolic: one pocket was filled with the Bible, the other with Nietzsche’s Thus Spoke Zarathustra. Thus we see how modern intellectual life has become sterile and barren, despite all the praise it receives.

[ 51 ] So sehen wir, daß das Staatsleben, so wie es sich in der neueren Zeit bis heute entwickelt hat, sich durch die Weltkatastrophe gewissermaßen selbst ad absurdum geführt hat. Muß da nicht die Frage aufgeworfen werden: Lebt nicht gerade in der Zusammenfügung der drei wichtigsten Lebenszweige, dem Rechtsleben, Geistesleben und Wirtschaftsleben dasjenige, was uns in die Weltkatastrophe hineingetrieben hat, was uns die heutigen sozialen Tatsachen nicht bewältigen läßt?

[ 51 ] Thus we see that political life, as it has developed in modern times up to the present, has, in a sense, reduced itself to absurdity through the global catastrophe. Does this not raise the question: Is it not precisely in the combination of the three most important spheres of life—the legal sphere, the spiritual sphere, and the economic sphere—that we find the very thing that has driven us into this global catastrophe, the very thing that prevents us from coming to terms with today’s social realities?

[ 52 ] Wer eingeht auf die Art und Weise, wie allmählich diese drei Zweige des menschlichen Lebens im Staatsleben aufgegangen sind, der kann gar nicht anders, als erkennen, daß in der Wiederauflösung, in der Wiedertrennung mit Bezug auf die drei angeführten Glieder die Gesundung des sozialen Organismus liegt. Lebendig, lebensvoll, nicht bloß nach Homunkulusart, wird man über den sozialen Organismus erst denken, wenn man wirklich nach den Lebensbedingungen des Geisteslebens auf der einen Seite, des Rechts- oder politischen Lebens im Staate auf der anderen Seite, und schließlich nach den Bedingungen des Wirtschaftslebens frägt. Dann wird man aber auch darauf kommen, daß diese drei Lebenszweige durchaus verschiedenartige Grundlagen haben, daß sie sich am besten dann entwickeln, wenn ein jeder dieser Lebenszweige streng auf sich selbst gestellt ist.

[ 52 ] Anyone who considers the way in which these three branches of human life have gradually become integrated into public life cannot help but recognize that the recovery of the social organism lies in the dissolution and separation of these three elements. One will only be able to think of the social organism in a living, vibrant way—and not merely in a homunculus-like manner—when one truly examines the conditions of spiritual life on the one hand, of legal or political life within the state on the other, and finally, the conditions of economic life. Then, however, one will also come to realize that these three branches of life have entirely different foundations, and that they develop best when each of these branches is strictly left to its own devices.

[ 53 ] Man konnte in der neueren Zeit dies nur aus dem Grunde nicht einsehen, weil eben wie hypnotisiert der Blick der Menschen nur nach dem Wirtschaftsleben hin gerichtet war. Und so sah man vor allen Dingen den Menschen mit seiner Arbeitskraft eingespannt, wenn er Proletarier war, in das Wirtschaftsleben. In diesem Wirtschaftsleben, im Wirtschaftskreislauf sollte sich eigentlich nur dasjenige bewegen, was Ware oder warenähnliche Leistung ist. Das empfindet auch der moderne Proletarier. Das drückt sich in seinen Forderungen aus, wenn er auch, was er wörtlich sagt, anders formuliert, er empfindet es als seiner Menschenwürde widersprechend, daß er eingespannt ist in den Wirtschaftsprozeß, wie die Ware selbst. Wie die Waren ihren gegenseitig zu bestimmenden Preis haben, so hat innerhalb dieser Preisbildung einen Preis auch dasjenige, was menschliche Arbeitskraft ist. Das war auf der einen Seite das einschlagende in der Lehre von Karl Marx, daß er die tiefsten Empfindungen des Proletariats mit Bezug auf die Arbeitskraft zum Ausdruck brachte, dafß3 er die Leute darauf aufmerksam machte: Wie Ware nach Angebot und Nachfrage auf dem Warenmarkte gekauft und verkauft wird, so wird eure Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkte gekauft und verkauft. In dieser Beziehung muß man noch radikaler werden als Karl Marx selber, wenn es zur Gesundung des sozialen Organismus kommen soll. Man muß sich klar darüber sein, daß menschliche Arbeitskraft etwas ist, was schlechterdings in nichts sich vergleichen läßt mit Ware, was daher auch nicht in irgendeiner Beziehung einen Preis haben kann wie irgendeine Ware. Das fühlt derjenige Mensch, der seine Arbeitskraft zum Markt tragen muß, er fühlt, daß wir nun schon angekommen sind in demjenigen Zeitpunkt menschlicher Entwickelung, wo auch das dritte folgen muß, zu zwei anderen Dingen hinzu, die gefallen sind im Laufe der menschheitlichen Entwikkelung. Gefallen ist innerhalb des menschlichen Lebens das alte Sklaventum, wo der ganze Mensch gekauft und verkauft werden konnte; gefallen ist das Leibeigentum, wo schon weniger vom Menschen gekauft und verkauft werden konnte; fallen muß auch das dritte, das die kapitalistische Wirtschaftsordnung noch bewahrt hat, fallen muß die Tatsache, daß gekauft und verkauft werden kann auf dem Arbeitsmarkte die menschliche Arbeit. Denn indem der Mensch seine Arbeitskraft verkauft, muß er selber mitgehen mit seiner Arbeitskraft. Indem er selber mitgehen muß, verkauft er doch gewissermaßen noch ganz sich selbst. Das ist dasjenige, was gefühlt wird: wir sind angekommen an dem Punkte der menschlichen Entwickelung, wo nichts mehr vom Menschen gekauft und verkauft werden darf, wo dem Wirtschaftsleben nur bleiben darf dasjenige, was abgesondert vom Menschen, objektiv für sich einen Wert haben kann. Das ist: dem Wirtschaftsleben, dem Wirtschaftskreislauf dürfen in der Zukunft nur eigen sein Warenproduktion, Warenverkehr, Warenkonsum.

[ 53 ] In more recent times, people could not grasp this simply because, as if hypnotized, their gaze was fixed solely on economic life. And so, above all else, they saw people—especially if they were proletarians—as being harnessed to economic life through their labor. In this economic life, in the economic cycle, only goods or goods-like services were actually supposed to circulate. The modern proletarian feels this as well. This is expressed in his demands; even if he phrases it differently in his actual words, he feels that it is contrary to his human dignity to be harnessed to the economic process just like the commodity itself. Just as commodities have prices that are determined by each other, so too, within this price-formation process, human labor power has a price. On the one hand, this was the most striking aspect of Karl Marx’s theory: that he gave voice to the proletariat’s deepest feelings regarding labor power, that he made people aware of the fact that just as commodities are bought and sold on the commodity market according to supply and demand, so too is your labor power bought and sold on the labor market. In this regard, one must take an even more radical stance than Karl Marx himself if the social organism is to be restored to health. One must be clear that human labor power is something that simply cannot be compared to any commodity, and therefore cannot, in any respect, have a price like any commodity. This is what the person who must bring his labor power to the market feels; he feels that we have now reached that point in human development where the third must follow, in addition to the two other things that have fallen by the wayside in the course of human development. Within human life, the old institution of slavery—where the whole person could be bought and sold—has fallen; serfdom has fallen away, where less of the human being could be bought and sold; the third must also fall—that which the capitalist economic order has still preserved—the fact that human labor can be bought and sold on the labor market must fall. For when a person sells their labor power, they must go along with it. Since they must go along with it, they are, in a sense, still selling their entire self. This is what is being felt: we have reached the point in human development where nothing more of a human being may be bought or sold, where economic life must be limited to that which, separate from the human being, can have an objective value in and of itself. That is to say: in the future, economic life and the economic cycle must consist solely of the production, exchange, and consumption of commodities.

[ 54 ] Was im Wirtschaftsleben steckte vom Menschen, was heute noch zum Teil vom Menschen drinnensteckt, die menschliche Arbeitskraft, muß heraus. Sie kommt nicht anders heraus aus dem Wirtschaftsleben, als wenn sie im gesunden sozialen Organismus selbständig verwaltet wird, wenn nicht zu einer Wirtschaftssache, sondern zu einer Rechtssache die Arbeitskraft wird, das heißt, wenn neben dem Wirtschaftsorganismus der Rechtsstaat, der politische Staat sich entwickelt. Im Wirtschaftsleben wird herrschen die Brüderlichkeit, jene Brüderlichkeit, die gewissermaßen Brüderlichkeit im großen Stile ist, wo ein assoziatives Leben aus den Berufsgemeinschaften, aus der Regelung der Produktion nach der Konsumtion und so weiter ist. In den politischen Staat, der wieder ganz selbständig, wie ein souveräner Staat neben einem anderen Staat, sich neben dem Wirtschaftsleben entwickeln wird, in ihm wird herrschen demokratische Gleichheit aller Menschen. Alle Einrichtungen werden so sein müssen, daß dasjenige da zur Geltung und zum Ausdruck kommt, in dem alle Menschen untereinander gleich sind, was alle Menschen angeht. Da wird vor allen Dingen festzulegen sein dasjenige, was sich auf das Arbeitsrecht bezieht, neben vielen anderen Dingen. Aber das Arbeitsrecht kommt zunächst für die soziale Bewegung in der Gegenwart in Frage. Ganz unabhängig von dem wirtschaftlichen Gebiete wird im selbständigen Rechtsstaate unter den Menschen Gleichheit herrschen, ob sie geistig oder physisch arbeiten, das Arbeitsrecht wird dort geregelt werden.

[ 54 ] What was once part of economic life—and what is still, in part, part of it today—namely, human labor, must be separated from it. It cannot be liberated from economic life except by being independently administered within a healthy social organism—that is, when labor becomes a matter of law rather than a matter of economics; in other words, when the constitutional state, the political state, develops alongside the economic organism. Economic life will be governed by brotherhood—that brotherhood which is, in a sense, brotherhood on a grand scale, where associative life arises from professional communities, from the regulation of production according to consumption, and so on. In the political state—which, in turn, will develop entirely independently, like a sovereign state alongside another state, alongside economic life—democratic equality among all people will prevail. All institutions must be structured in such a way that the principle that all people are equal to one another is upheld and expressed in matters that concern all people. Above all, it will be necessary to establish the provisions relating to labor law, among many other things. But labor law is the primary concern for the social movement at the present time. Quite independently of the economic sphere, equality will prevail among people in the independent constitutional state, whether they perform mental or physical labor; labor law will be regulated there.

[ 55 ] Was wird dadurch eintreten? Dadurch wird eintreten, daß das Wirtschaftsleben als ein in sich abgeschlossenes Gebiet auf der einen Seite grenzt an die Naturordnung, auf der anderen Seite grenzt an das Rechtsleben. Von der Naturordnung ist das Wirtschaftsleben abhängig. Ob in irgendeinem Jahre die Äcker fruchtbar sind oder nicht, was für Kräfte da unter der Erde überhaupt sind, davon hängt vieles im Wirtschaftsleben ab. Man kann durch technische Einrichtungen der Fruchtbarkeit des Bodens eine andere Naturbedingung bringen, ihr durch andere Bedingungen des Wirtschaftslebens be:kommen, aber eine Grenze ist in bezug auf dasjenige, was durch diese Naturbedingungen vorliegt, bestimmt. Das drückt sich in Preisbildungen des Wirtschaftslebens, in allen Einrichtungen des Wirtschaftslebens aus. Niemandem wird einfallen, irgendwie die Natur abhängig machen zu wollen von den Einrichtungen des Wirtschaftslebens. Ebenso unabhängig, wie die Natur selbst, ebenso unabhängig wie von unten her die Keime der Körnerfrüchte heraufkommen, die unabhängig von dem Wirtschaftsleben sind, ebenso unabhängig müssen die innerhalb des Rechtslebens geregelten Arbeitsrechte sein. Der Arbeiter tritt ein in den Wirtschaftskreislauf mit Rechten, die außerhalb dieses Wirtschaftskreislaufes gebildet werden, so wie die Naturkräfte außerhalb des Wirtschaftskreislaufes liegen. Alle Preisbildungen, alles dasjenige, was im Wirtschaftsleben sich überhaupt entwickelt, das entwickelt sich dann auf Grundlage des außer dem Wirtschaftsleben entstandenen Arbeitsrechtes. Das Arbeitsrecht ist preisbildend, nicht aber wird der Preis der menschlichen Arbeitskraft aus dem Wirtschaftskreislauf heraus bestimmt.

[ 55 ] What will result from this? It will result in economic life—as a self-contained sphere—bordering on the natural order on one side and on the legal sphere on the other. Economic life is dependent on the natural order. Whether the fields are fertile in a given year or not, and what forces are at work beneath the earth—much in economic life depends on these factors. One can use technical means to alter the natural conditions of soil fertility or influence them through other conditions of economic life, but a limit is set by what is determined by these natural conditions. This is reflected in the pricing mechanisms of economic life and in all its institutions. It would never occur to anyone to try to make nature dependent in any way on the institutions of economic life. Just as independent as nature itself—just as the seeds of grain sprout from the ground, independent of economic life—so too must the labor rights regulated within the legal system be independent. The worker enters the economic cycle with rights that are established outside this economic cycle, just as the forces of nature lie outside the economic cycle. All price formation—everything that develops in economic life—then develops on the basis of labor law that has arisen outside of economic life. Labor law shapes prices, but the price of human labor is not determined by the economic cycle.

[ 56 ] Das wird allein das gesunde Verhältnis des menschlichen physischen Arbeiters zu dem geistigen Leiter abgeben können. Dann wird der Arbeiter nicht mehr den heutigen illusorischen Vertrag zu schließen brauchen über seine Arbeitskraft, dann wird er jenen einzig möglichen Vertrag schließen können, der sich bezieht auf die entsprechende Teilung des gemeinsam von dem physischen Arbeiter und dem geistigen Leiter Produzierten. Auf keine andere Weise als durch strenge Absonderung des staatlichen Lebens von dem Wirtschaftsleben läßt sich das erreichen, was notwendig ist auf diesem Gebiete.

[ 56 ] Only this will be able to establish a healthy relationship between the manual laborer and the intellectual leader. Then the laborer will no longer need to enter into today’s illusory contract regarding his labor power; instead, he will be able to enter into the only possible contract—one that relates to the appropriate division of what is produced jointly by the manual laborer and the intellectual leader. There is no other way to achieve what is necessary in this area than through the strict separation of political life from economic life.

[ 57 ] Ebenso notwendig ist aber auf der anderen Seite das selbständige, das freie Geistesleben. Dasjenige, was sich im Staate entwickeln kann, ist nur gesunde Entwickelung, wenn im Staate nur dasjenige geregelt wird, was gleich gilt für alle Menschen. Das geistige Leben, es wird einfach ertötet, wenn es sich bilden soll auf derselben Grundlage, auf der die Rechte, auf der das politische Leben sich bildet. Das geistige Leben muß sich herausbilden aus einer auf sich selbst gestellten Versorgung und Verwaltung der individuellen Fähigkeiten der Menschen. Das wird dann Geistesleben sein, das emanzipiert wird von dem Staatsleben, das nun wirklich die menschliche Seele wiederum zu tragen imstande sein wird. Das wird keine Ideologie sein, das wird kein Geistesleben sein, welches nur abstrakte Begriffe liefert; das wird ein Geistesleben sein, welches seine eigene Wirklichkeit voll und ganz beweisen wird, welches den Menschen mit seiner Seele tragen wird, den Menschen wieder hineinstellen wird in eine geistige Ordnung. Das ist dasjenige, was der heutige Proletarier noch ablehnt. In den Untergründen seiner Seele lechzt er nach einem solchen Geistesleben, weil er fühlt, daß die Seele sonst verödet.

[ 57 ] On the other hand, however, an independent, free intellectual life is just as necessary. What can develop within the state is only a healthy development if the state regulates only those matters that apply equally to all people. Intellectual life is simply stifled if it is to be formed on the same basis as the law and political life. Intellectual life must emerge from the self-sufficient cultivation and management of people’s individual abilities. This will then be an intellectual life emancipated from state life—one that will truly be capable of sustaining the human soul once again. This will not be an ideology; it will not be a spiritual life that merely provides abstract concepts; it will be a spiritual life that fully and completely proves its own reality, that sustains human beings with their souls, and that restores them to a spiritual order. This is precisely what today’s proletarian still rejects. In the depths of his soul, he yearns for such a spiritual life, because he feels that otherwise the soul will wither away.

[ 58 ] Eine furchtbar ernste Angelegenheit ist dieser Ruf nach einer freien Gestaltung des geistigen Lebens. Deshalb ist die Sache so ernst, weil alle Triebe der Menschen, alles dasjenige, was sich nach den landläufigen Anschauungen der neueren Zeit, nach den Denkgewohnheiten herausgebildet hat, weil das dieser Gesundung des sozialen Organismus zuwiderläuft. Deshalb ist es auch, warum man gerade über diese Forderung des freien Geisteslebens, des auf sich selbst gestellten freien Geisteslebens, zu denjenigen sprechen möchte, die heute die Jugend darstellen. Wenn Wissenschaft und Weltanschauung, Geistesleben überhaupt, in die Zukunft hinein tragbar sein sollen, dann brauchen wir ein Geistesleben, das etwas anderes ist als dasjenige, was auf die Basis des Staates gestellt werden kann. Sie sollen fühlen, daß es etwas anderes sein wird, wenn der Lehrer der untersten Stufe weiß: dasjenige, was er zu tun hat, wird verwaltet von denjenigen, die nur verwalten innerhalb eines auf sich selbst gestellten geistigen Organismus, wenn ein Lehrer weiß, er ist nicht abhängig von irgendwelchen Maßregeln des Staates. Wenn in weitem Umfange nicht mehr der Staat erzieherisch wirkt, wenn diejenigen, die Theologen, Juristen, Mediziner und so weiter werden wollen, nicht mehr vom Staate abhängig sind, und namentlich auch gefühlt wird, daß man gerade braucht, wenn aus den Bedürfnissen des Geisteslebens selbst heraus sich dieses entwickeln wird, daß man gerade brauchen wird dasjenige, was der Geist für die Menschheit nötig hat, dann wird sich ein Geistesleben entwickeln, das zurückwirken kann auf die anderen Zweige des menschlichen Gesamtlebens.

[ 58 ] This call for a free shaping of intellectual life is a terribly serious matter. The reason the matter is so serious is that all human instincts—everything that has developed according to the prevailing views of modern times and according to established patterns of thought—runs counter to this restoration of the social organism. That is also why one would like to speak specifically about this demand for a free spiritual life—a spiritual life grounded in itself—to those who represent the youth of today. If science and worldview, indeed spiritual life as a whole, are to be carried into the future, then we need a spiritual life that is something other than what can be placed on the foundation of the state. They should feel that things will be different when the teacher at the lowest level knows that what he has to do is administered by those who merely administer within a spiritual organism that stands on its own, when a teacher knows he is not dependent on any measures imposed by the state. When, to a large extent, the state no longer exerts an educational influence, when those who wish to become theologians, lawyers, doctors, and so on, are no longer dependent on the state, and it is also felt that what is needed—precisely when spiritual life develops out of the needs of spiritual life itself—is exactly what the spirit requires for humanity, then a spiritual life will develop that can have a reciprocal effect on the other branches of human life as a whole.

[ 59 ] Haben wir eben besprochen, welche Gestalt eigentlich die proletarischen Forderungen nach der Aufhebung des Lohnverhältnisses einnehmen müssen, so können wir jetzt darauf hinweisen, wo die wahre Gestalt der Kapitalfrage liegt.

[ 59 ] Having just discussed what form the proletarian demands for the abolition of the wage relationship must actually take, we can now point out what the true nature of the capital question is.

[ 60 ] Viele Menschen reden heute vom Geist, von jenem Geiste, der unter der Entwickelung der letzten Jahrhunderte zum Schatten, zur Ideologie geworden ist. Aus diesem Geiste kann man nichts die Seelen Tragendes herausholen. Dieser Geist, dieses Geistesleben ist zum großen Teil auch zu demjenigen geworden, was keine Schlagkraft hat, um einzulaufen in das unmittelbar praktische Leben. Deshalb fand Karl Marx nichts anderes als das wirtschaftliche Leben, das ihm noch irgendwelche Realitäten garantierte. Er sagte: In der Praxis muß der Mensch erfahren, daß sein Denken wirklich eine Bedeutung hat, daß die Wahrheit seines Denkens wirklich sich ausgestalten kann. Aber diese Praxis fand man nur im Wirtschaftsleben. Das geistige Leben muß sich selber die Lebenspraxis geben können aus Untergründen heraus, die Wirklichkeiten sind. Das ist es, was diese Angelegenheiten gerade zu etwas ungeheuer Ernstem macht. Dann aber wird dieses Geistesleben nicht jene Abstraktheiten haben, welche heute unser großes soziales, innerlich soziales Übel sind; dann wird dieses Geistesleben als ein sehr Konkretes Gestalt annehmen.

[ 60 ] Many people today speak of the spirit—that spirit which, in the course of the past few centuries, has become a shadow, an ideology. Nothing that sustains the soul can be drawn from this spirit. This spirit, this spiritual life, has for the most part also become something that lacks the power to penetrate into immediate practical life. That is why Karl Marx found nothing other than economic life that still guaranteed him any kind of reality. He said: In practice, a person must experience that his thinking truly has meaning, that the truth of his thinking can truly take shape. But this practice was found only in economic life. Spiritual life must be able to give itself a practical life from foundations that are realities. That is precisely what makes these matters so immensely serious. Then, however, this spiritual life will not possess those abstractions that are today our great social—and, in essence, inner—evil; then this spiritual life will take shape as something very concrete.

[ 61 ] Oh, sehen wir uns dieses Geistesleben noch einmal von einem gewissen Gesichtspunkte aus an. Wir sehen, wie innerhalb dieses Geisteslebens die ethischen Forderungen konstruiert worden sind, wir sehen, wie innerhalb dieses Geisteslebens aus gewissen philosophischen Unterlagen heraus Ethiken des Fühlens, Ethiken der Nächstenliebe, Ethiken der göttlichen oder moralischen Weltenordnung begründet worden sind. Wovon sprechen diese Ethiken? Viel sprechen sie von der notwendigen Nächstenliebe, von dem menschlichen Wohlwollen, von der Brüderlichkeit. Ihre Begriffe, ihre Ideen aber, sie bleiben eben in abstrakter Höhe, schattenhaft, dringen nicht hinunter in das unmittelbare alltägliche Leben. Philiströs - das ist das Wort, wenn es auch radikal ausdrückt etwas, was dem Menschen nicht so radikal erscheint -, philiströs geworden ist unser Geistesleben. Unwahr ist es geworden. In abstrakten Höhen bewegt es sich, nicht untertauchen kann es in die unmittelbare praktisch-alltägliche Wirklichkeit. In diese aber muß es untertauchen. Antiphiliströs muß es werden. Wenn es untertaucht in dasjenige, was Alltäglichstes ist an Bedürfnissen des täglichen Lebens, wenn der Geist sich darin bewährt, daß er eingreifen kann in die unmittelbarsten, ich möchte sagen, alltäglichsten Handlungen des Menschen, dann erst wird sich die Kraft des Geistes im sozialen Leben zeigen können. Dann aber wird sich zeigen, daß die Kapitalismusfrage zu gleicher Zeit gelöst werden wird mit der Frage des geistigen Lebens. Gewiß, abstrakt formuliert, enthält es viel für sich, wenn man davon spricht, daß das Privatkapital das moderne Menschenleben dem Zerfall und dem wirtschaftlichen Kriege überliefert hat und daß da eine Abänderung eintreten muß. Man weiß zunächst nichts anderes, als zu sagen: Also muß das Privateigentum aufhören. Man kann so ehrlich sein, wie nur irgend jemand mit dieser Forderung ehrlich sein kann, man kann aber dennoch der Anschauung sein, gerade aus einer tieferen Erkenntnis der sozialen Impulse heraus, daß mit der Umwandlung des Privateigentums in Gemeineigentum nichts Besonderes erreicht wird. Im Gegenteil, es würde an die Stelle des verödenden Kapitalismus der nicht minder verödende Bürokratismus treten. Es würde an die Stelle von Thron und Altar Fabrik und Kontor treten. Nun, ob die Verhältnisse besser wären, das muß noch bezweifelt werden.

[ 61 ] Oh, let us look at this spiritual life once more from a certain perspective. We see how ethical demands have been formulated within this spiritual life; we see how, based on certain philosophical foundations, ethics of feeling, ethics of love for one’s neighbor, and ethics of the divine or moral world order have been established within this spiritual life. What do these ethics speak of? They speak at length of the necessity of love for one’s neighbor, of human goodwill, of brotherhood. But their concepts, their ideas, remain at an abstract level, shadowy, and do not penetrate down into immediate, everyday life. Philistine—that is the word, even if it radically expresses something that does not seem so radical to people—our spiritual life has become philistine. It has become untrue. It moves in abstract heights; it cannot immerse itself in the immediate, practical, everyday reality. Yet it must immerse itself in this reality. It must become anti-philistine. Only when it immerses itself in the most mundane needs of daily life, only when the spirit proves itself capable of intervening in the most immediate—I would say, the most mundane—human actions, will the power of the spirit be able to manifest itself in social life. Then, however, it will become clear that the question of capitalism will be resolved at the same time as the question of spiritual life. Certainly, when formulated abstractly, there is much merit in saying that private capital has delivered modern human life to decay and economic warfare, and that a change must take place. At first, one can do nothing but say: Therefore, private property must come to an end. One can be as honest as anyone can be with this demand, yet one can still hold the view—precisely out of a deeper understanding of social impulses—that nothing significant will be achieved by transforming private property into communal property. On the contrary, the desolating capitalism would be replaced by bureaucracy, which is no less desolating. The throne and the altar would be replaced by the factory and the office. Well, whether conditions would be better is still open to doubt.

[ 62 ] Dasjenige, um was es sich handelt, ist, daß wirklich dasjenige einträte, was eigentlich gemeint ist, was im Unterbewußtsein der Proletarier eigentlich lebt, daß das Kapital, das durch die Verbindung mit den individuellen menschlichen Fähigkeiten in der Verwaltung des Kapitals da ist, in einer gewissen Weise eingreift in den wirtschaftlichen Prozeß. Gerade nicht dem Egoismus des einzelnen, sondern der Allgemeinheit soll gedient werden. Denn auf diesem Gebiete empfindet der Proletarier ein ungeheuer bedeutsames nationalökonomisches Prinzip, das vielleicht gerade deshalb, weil es so recht dem Leben entlehnt ist, weil es so recht bedeutend ist, von den neueren Nationalökonomen niemals betont worden ist. Man redet im Ethischen, im Sittlichen von Altruismus, von Egoismen als von Gegensätzen, man findet den Altruismus schön, den Egoismus außerordentlich häßlich. Man bedenkt folgendes nicht: Sobald man in das gewöhnliche wirtschaftliche Leben, in denjenigen sozialen Organismus hineinschaut, in welchen im modernen Sinne an die Stelle der alten primitiven Wirtschaft jene Wirtschaft getreten ist, die auf Arbeitsteilung beruht, ist das Tatsache, daß, je weiter die Arbeitsteilung fortgeschritten ist, desto weniger der einzelne Mensch jedenfalls volkswirtschaftlich für sich arbeiten kann.

[ 62 ] The point at issue is that what is actually intended—what truly lives in the subconscious of the proletariat—should indeed come to pass: that capital, which exists through its connection with individual human abilities in the management of capital, should, in a certain way, intervene in the economic process. It is not the egoism of the individual, but the common good that should be served. For in this realm, the proletarian perceives an immensely significant principle of political economy—one that, perhaps precisely because it is so deeply rooted in life and so profoundly significant, has never been emphasized by modern economists. In ethics and morality, people speak of altruism and egoism as opposites; they find altruism beautiful and egoism extraordinarily ugly. What is not considered is this: as soon as one looks into ordinary economic life—into that social organism in which, in the modern sense, the old primitive economy has been replaced by an economy based on the division of labor—it becomes evident that the more advanced the division of labor has become, the less the individual can work for himself, at least in economic terms.

[ 63 ] Ich spreche damit ein volkswirtschaftliches Prinzip aus, das ich mich seit dem Jahre 1904 bemühe, populär zu machen; allein die Menschheit will dieses volkswirtschaftliche Prinzip nicht verstehen. Ob man will oder nicht, in einem sozialen Organismus, in dem Arbeitsteilung herrscht - und das ist bei jedem sozialen Organismus der modernen zivilisierten Welt der Fall -, in einem solchen sozialen Organismus kann nicht wirtschaftlich egoistisch gearbeitet und gewirkt werden. Alles, was der einzelne arbeitet, muß der Gesamtheit zufallen. Und alles dasjenige, was dem einzelnen zukommt, kommt ihm vom sozialen Kapital her zu. Nach der Ablösung der Naturalwirtschaft durch das Geld, der weiteren Arbeitsteilung, die durch das Geld eingetreten ist, ist dies ein fundamentales volkswirtschaftliches Prinzip geworden, daß der Mensch nicht für sich arbeiten kann in einem sozialen Organismus, in dem Arbeitsteilung herrscht, daß er nur für andere arbeiten kann.

[ 63 ] I am thus articulating an economic principle that I have been striving to popularize since 1904; yet humanity refuses to understand this economic principle. Whether one likes it or not, in a social organism governed by the division of labor—and this is the case with every social organism in the modern civilized world—it is not possible to work and act in an economically selfish manner. Everything that the individual produces must accrue to the whole. And everything that accrues to the individual comes to him from social capital. Following the replacement of the natural economy by money, and the further division of labor that money has brought about, it has become a fundamental economic principle that a person cannot work for themselves in a social organism governed by the division of labor, but can only work for others.

[ 64 ] In Wahrheit kann man in einem sozialen Organismus ebenso wenig für sich arbeiten, wie man sich selber aufessen kann. Sie werden sagen: Wenn einer ein Schneider ist und er sich selber einen Anzug macht, dann arbeitet er doch für sich. Es ist nicht wahr, wenn das in einem sozialen Organismus geschieht, in dem Arbeitsteilung ist; denn das Verhältnis, das er dadurch zwischen dem Rock und sich selber herstellt, indem er diesen Rock für sich in einem sozialen Organismus mit Arbeitsteilung herstellt, ist ein ganz anderes, als in einer primitiven Wirtschaft. Es ist allerdings nicht möglich, heute in diesen kurzen Auseinandersetzungen Ihnen die vollgültigen Beweise vorzuführen, allein man kann diese Beweise erbringen, und ich werde hinweisen auf diese Dinge in meinem Buche über «Die Kernpunkte der sozialen Frage». Man kann diesen Beweis liefern, daß wenn heute sich ein Schneider einen Rock näht, er ihn aus dem Grunde näht, damit dieser Rock seinem Mitmenschen dient, damit er für andere Menschen arbeiten kann. Der Rock ist heute für den Schneider nicht mehr zum Selbstverbrauch allein zu fabrizieren, ist nicht im egoistischen Sinne zu fabrizieren, ist Produktionsmittel. Diesen anderen Charakter hat er angenommen einfach dadurch, daß der Schneider lebt in einem sozialen Organismus, der auf dem Prinzip der Arbeitsteilung beruht.

[ 64 ] In truth, one cannot work for oneself in a social organism any more than one can eat oneself. You will say: If someone is a tailor and makes a suit for himself, then he is working for himself. That is not true when it happens within a social organism characterized by the division of labor; for the relationship he thereby establishes between the suit and himself—by making this suit for himself within a social organism with a division of labor—is entirely different from that in a primitive economy. Admittedly, it is not possible to present you with fully valid proof in these brief discussions today, but such proof can be provided, and I will point these things out in my book on “The Key Points of the Social Question.” One can demonstrate that when a tailor sews a coat today, he sews it for the purpose of serving his fellow human beings, so that he can work for other people. Today, the coat is no longer produced by the tailor solely for his own consumption; it is not produced in a self-serving sense; it is a means of production. It has taken on this different character simply because the tailor lives in a social organism based on the principle of the division of labor.

[ 65 ] Unter allem, was geschieht, ist dieser volkswirtschaftliche Altruismus das Tätige. Sündigt man dagegen, das heißt, setzt man über diesen sich selber realisierenden Unterbau jenen Überbau, durch den man sich aneignet in egoistischer Weise die Früchte, die eigentlich im wahren sozialen Prozeß der Allgemeinheit zufließen, so setzt man das in die Welt, was ich nennen möchte: eine reale Lüge. Der Egoismus der heutigen Wirtschaftsordnung ist nichts anderes als eine Summe von realen Lügen, von Sünden wider dasjenige, was doch eigentlich unter der Oberfläche geschieht, und was steht unter dem Gesetze des sozialen, des wirtschaftlichen Altruismus.

[ 65 ] Underlying everything that happens is this economic altruism. If, on the other hand, one sins against it—that is, if one superimposes upon this self-realizing foundation a superstructure through which one selfishly appropriates the fruits that actually accrue to the community in the true social process—then one introduces into the world what I would like to call a “real lie.” The selfishness of today’s economic order is nothing other than a sum of real lies, of sins against that which is actually happening beneath the surface and which is governed by the law of social, economic altruism.

[ 66 ] Und es ist die Reaktion der menschlichen proletarischen Seele, die da fühlt, daß im modernen sozialen Organismus, der auf Arbeitsteilung beruht, Altruismus wirtschaftlich herrscht, es ist die Reaktion auf den ungesunden, verlogenen Egoismus, der sich auslebt in dem Kampf gegen den Kapitalismus.

[ 66 ] And it is the reaction of the human proletarian soul, which senses that altruism prevails economically in the modern social organism based on the division of labor; it is the reaction to the unhealthy, hypocritical egoism that finds its outlet in the struggle against capitalism.

[ 67 ] An die Stelle desjenigen, was heute einfach sozialer Unverstand ist in weitesten Kreisen der führenden Klassen der Menschheit, muß soziales Verständnis treten. Dann wird soziales Verständnis auch dafür eintreten, daß dasjenige, was durch das Kapital geschieht, ein Kreislauf werden müsse, daß gesorgt werden müsse, daß Verwalter des Kapitals immer derjenige ist, der diese Verwaltung rechtfertigt durch seine individuellen Fähigkeiten. In dem Augenblicke, wo er diese Verwaltung nicht mehr rechtfertigt durch seine individuellen Fähigkeiten, müssen die Mittel und Wege gefunden werden, daß das Kapital hinüberfliefße zu einem anderen, der durch seine individuellen Fähigkeiten wiederum dieses Kapital nutzbringend verwalten kann für die menschliche Allgemeinheit.

[ 67 ] Social understanding must replace what is today simply social ignorance in the broadest circles of humanity’s ruling classes. Then social understanding will also advocate that what is brought about by capital must become a cycle, and that care must be taken to ensure that the administrator of capital is always the one who justifies this administration through his individual abilities. The moment he no longer justifies this stewardship through his individual abilities, ways and means must be found to ensure that the capital flows over to another who, through his individual abilities, can in turn manage this capital profitably for the benefit of humanity as a whole.

[ 68 ] Das ist dasjenige, was gefunden werden wird durch eine freie Pflege der individuellen menschlichen Fähigkeiten im Geistesorganismus: daß der Kreislauf des Kapitals wirken wird. Heute gibt es eigentlich dasjenige, was ähnlich ist dem, was ich hier meine, nur für das schofelste Eigentum, das die moderne Wirtschaft hat, für das allerschofelste, nämlich für das geistige Eigentum. Vom geistigen Eigentum gibt man zu, man habe es eigentlich nur aus der sozialen Ordnung heraus; wenn es auch auf individuellen Fähigkeiten beruht, aus der bloßen Individualität des Menschen kann eine geistige Leistung nicht kommen. Wir verdanken sie immer den sozialen Impulsen. Wir sind verpflichtet, sie wieder den sozialen Impulsen zurückzugeben. Deshalb ist esgerecht, dafs dasjenige, was jemand geistig hervorbringt, eine Zeit nach seinem Tode geistiges Allgemeingut wird. In einer ähnlichen Weise, wenn auch die Zeitpunkte andere werden müssen, ist dasjenige, was materielles Eigentum ist, nur so lange gerechtfertigt in bezug auf den einzelnen Menschen, solange der Mensch das Verfügungsrecht darüber in Anspruch nehmen kann durch seine individuelle Fähigkeit. Dasjenige, was so lange bei einem Menschen bleiben darf, als diese individuellen Fähigkeiten tätig sind, das muß die Mittel und Wege finden, auf dem Umwege der Verwaltung der geistigen Organisation, zuanderen, wiederum in den Dienst der Allgemeinheit gestellten Persönlichkeiten zu gelangen. Ein Kreislauf im Eigentum der Produktionsmittel wird treten an die Stelle des heutigen Privateigentums. Das wird die große Lösung der Kapitalfrage sein. Es ist ein Stammeln auf diesem Gebiete, wenn man heute spricht von der Sozialisierung der Produktionsmittel. Durch diese Sozialisierung der Produktionsmittel würde nur eine Ordnung, die bürokratisch wäre, und die wiederum dieselbe Tyrannei aus den Reihen der heute Fordernden entstehen lassen würde, eintreten, niemals diejenige, die wirklich den gesunden sozialen Organismus hinstellen kann. Dieser gesunde soziale Organismus muß dadurch hingestellt werden, daß das Kapital zirkuliert zwischen geistig Fähigen. Kreislauf des Kapitals heißt, daß im Laufe der Zeit dasjenige, was kapitalistisch verwaltet werden muß, wirklich im Sinne des allgemeinen Besten verwaltet werden kann.

[ 68 ] This is what will be achieved through the free cultivation of individual human abilities within the spiritual organism: that the circulation of capital will function. Today, there is actually something similar to what I mean here, but only for the most despicable form of property that the modern economy possesses—the very most despicable, namely, intellectual property. It is acknowledged that intellectual property actually derives solely from the social order; even if it is based on individual abilities, an intellectual achievement cannot arise from a person’s mere individuality. We always owe it to social impulses. We are obligated to return it to those social impulses. That is why it is just that what a person produces intellectually should become part of the public domain some time after their death. In a similar way—though the timeframes must differ—material property is justified with regard to the individual only as long as that person can claim the right to dispose of it through his or her individual abilities. That which may remain with a person as long as these individual abilities are active must find the means and ways—through the indirect channel of the administration of the intellectual organization—to reach other individuals who, in turn, are placed in the service of the general public. A cycle of ownership of the means of production will take the place of today’s private property. That will be the great solution to the capital question. It is mere stammering in this area when people speak today of the socialization of the means of production. Such socialization of the means of production would only give rise to a bureaucratic order—one that would, in turn, engender the very same tyranny from the ranks of those who are demanding it today—and would never bring about the kind of order that can truly establish a healthy social organism. This healthy social organism must be established by ensuring that capital circulates among those who are intellectually capable. The circulation of capital means that, over time, what must be managed capitalistically can truly be managed in the interest of the common good.

[ 69 ] Auch das kann ich nur andeuten. Auch das wird weiter ausgeführt werden in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft».

[ 69 ] I can only hint at this as well. This, too, will be discussed in greater detail in my book The Key Points of the Social Question in the Necessities of Life in the Present and Future.

[ 70 ] Sie sehen aber daraus, daß nicht nur das Geistesleben selber in seinen eben mehr geistigen Zweigen gesucht wird, wenn es auf sich selber gestellt werden wird, sondern daß auch dasjenige, was im Wirtschaftsleben abhängig ist von den geistigen Kapazitäten, den geistigen Fähigkeiten der Menschen, daß das seine richtigen Wege für die Gesundung der Zukunft nehmen würde durch die Verselbständigung des geistigen Organismus. Dieser ist es vor allen Dingen, welcher nicht bloß schattenhaftes Denken, schattenhaftes Geistesleben, Luxusgeistesleben hervorbringen wird, sondern ein solches Geistesleben, das den Geist gewahr wird dadurch, daß dieser Geist überall eindringen kann in das materielle Leben.

[ 70 ] But you can see from this that when spiritual life is left to its own devices, it is not only the spiritual life itself—in its more spiritual branches—that will be sought, but also that which in economic life depends on people’s spiritual capacities and abilities; this, too, would find its proper path toward a healthy future through the spiritual organism’s attainment of autonomy. It is this, above all, that will produce not merely shadowy thinking, a shadowy spiritual life, or a luxurious spiritual life, but a spiritual life that becomes aware of the spirit through the spirit’s ability to penetrate material life everywhere.

[ 71 ] Das ist etwas, das einem vor Augen steht, wenn man hineinschaut in die eigentliche Menschheitsgrundlage, so wie sie der Mensch heute, im heutigen Zeitpunkt entwickelt; die alten Schlagworte in bezug darauf, ob der Geist, ob die Materie gerechtfertigt ist, sollte man heute herausweisen.

[ 71 ] This is something that becomes clear when one looks into the very foundation of humanity, as it is being developed by human beings today, at this very moment; the old catchphrases regarding whether spirit or matter is justified should be discarded today.

[ 72 ] Ich spreche zu Ihnen vom Standpunkte einer Geisteswissenschaft, aber einer solchen Geisteswissenschaft, für welche der alte Streit, Geist und Materie, ein Unsinn geworden ist. Denn ein Drittes ist es, um was es sich handelt, und wovon Geist und Materie die äußeren Ausdrücke sind. Gelangt man in dieses Dritte hinein, wo weder Geist noch Materie, sondern die urlebendige Geistigkeit der Welt selber geschaut wird, dann gelangt man an dasjenige, was nicht mehr ein Glied des menschlichen Gesamtlebens wie die Ursache hinstellt, sondern alle drei Glieder, Wirtschaftsleben, Rechts- oder politisches Leben und Geistesleben als die drei Offenbarungen eines urgründlich Tiefen zum Ausdruck bringt. Dann wird der große Irrtum überwunden werden, der heute ein praktischer Lebensirrtum geworden ist, daß man alles auf das Wirtschaftsleben stellen will. Dann wird dasjenige eintreten, was nicht eine abstrakt in den Staatsorganismus hineingelegte Einheit ist, sondern dann werden aus einer eigenen Lebendigkeit heraus das Wirtschaftsleben, das Rechts- oder Staatsleben, das geistige Leben sich entwickeln. Und indem sie sich entwickeln, werden sie zu einer Einheit zusammenwachsen.

[ 72 ] I am speaking to you from the standpoint of a Spiritual Science—but a Spiritual Science for which the old debate between spirit and matter has become nonsense. For there is a third element at stake here, of which spirit and matter are merely the outward expressions. When one enters into this third element—where neither spirit nor matter is perceived, but rather the primal, living spirituality of the world itself—one arrives at that which no longer presents the cause as a single aspect of human life as a whole, but rather expresses all three aspects—economic life, legal or political life, and spiritual life—as the three manifestations of something profoundly deep. Then the great error—which today has become a practical error in life—of wanting to subordinate everything to economic life will be overcome. Then what will come into being is not a unity abstractly imposed upon the state organism, but rather economic life, legal or political life, and spiritual life will develop out of their own vitality. And as they develop, they will grow together into a unity.

[ 73 ] Nicht denke ich an irgendeine Aufrichtung der alten Stände: Lehrstand, Nährstand, Wehrstand. Gerade alles Ständehafte, alles Klassenhafte wird dadurch überwunden, daß der soziale Organismus selbst in seine drei Glieder geteilt wird. Der Mensch aber steht in diesen drei Gliedern als das Vereinende darinnen. Der Mensch ist meinetwillen in irgendeinen Beruf, in irgendeine Gliederung hineingestellt. Mit den anderen Gliedern steht er in einem lebendigen Zusammenhange. Aus freiem Vertrauen schickt er seine Kinder in die Schulen der geistigen Organisation. Im Wirtschaftsleben steht ohnedies jeder darinnen; im Staats- und Rechtsleben dadurch, daß dieses Staatsleben vor allen Dingen dasjenige zu verwalten hat, vor dem alle Menschen gleich sind.

[ 73 ] I am not thinking of any kind of restoration of the old estates: the teaching estate, the productive estate, the military estate. Precisely everything that is estate-based, everything that is class-based, is overcome by the fact that the social organism itself is divided into its three parts. But the human being stands within these three parts as the unifying element. For my sake, the individual is placed within a particular profession, within a particular structure. He stands in a living connection with the other parts. Out of free trust, he sends his children to the schools of the intellectual organization. In economic life, everyone is part of it anyway; in political and legal life, this is because political life must, above all, administer that in which all people are equal.

[ 74 ] Schwache Seelen und Denker, die bilden sich über dasjenige, was ich soeben ausgesprochen habe, vorzugsweise ein, daß ja im Grunde genommen die Einheit des staatlichen Lebens dadurch gefährdet würde. Ja, was hat denn diese Einheit des staatlichen Lebens am meisten gefährdet in den letzten Jahrhunderten? Gerade daß man eine abstrakte Einheit gesucht hat, gerade daß man diese drei Glieder des sozialen Organismus, die selbständig sich entwickeln sollten, chaotisch durcheinandergeworfen und verschmolzen hat. Wie das Geistesleben gedeihen würde unter dieser Einheit, das habe ich Ihnen gezeigt. Das Wirtschaftsleben aber hat, trotzdem der Staat da war, sich in einer solchen Weise entwickelt, daß es heute flammende Opposition entwickelt in zahlreichen Gebieten der zivilisierten Welt gegen dasjenige, was Staatsleben ist.

[ 74 ] Weak-minded people and thinkers tend to imagine, based on what I have just said, that this would essentially endanger the unity of state life. Indeed, what has endangered this unity of state life the most in recent centuries? Precisely the fact that people have sought an abstract unity—precisely the fact that they have chaotically jumbled together and fused these three members of the social organism, which were meant to develop independently. I have shown you how spiritual life would flourish under this unity. Economic life, however, despite the presence of the state, has developed in such a way that today it is giving rise to fierce opposition in numerous regions of the civilized world against what constitutes state life.

[ 75 ] Eine Gesundung wird nur eintreten, wenn man von der gewohnten Denkweise auf diesem Gebiete zu der lebensvollen Anschauung des gesunden sozialen Organismus sich heraufarbeitet. Und die kann in nichts anderem bestehen, als daß nebeneinander gegliedert sind, gleichsam wie nebeneinanderstehende souveräne Staaten, die nur durch ihre Delegierten ihre gemeinsamen Angelegenheiten besorgen: der wirtschaftliche Organismus, der Rechts- oder politische Organismus und der geistige Organismus. Das bestreiten heute noch viele. Aber derjenige, der, wie der zu Ihnen sprechende, bald sein sechstes Lebensjahrzehnt vollendet hat und während seines ganzen bewußten Lebens immerdar den Blick hingerichtet hat auf die Entwickelung der proletarischen Bewegung, aber nicht so, daß er nur über das Proletariat gedacht hat, sondern daß er immer gelernt hat durch seine Lebensschicksale mit dem Proletariat zu denken, der weiß, wieviel Vorurteile sich heute noch auftürmen gegen das, was die Zeit fordert, gegen das, was im Grunde genommen im Unterbewußstsein der proletarischen Seelen ruht: die Dreigliederung des sozialen Organismus. Ich gehöre nicht zu denen, wenn ich auch gesehen habe, wie sich Jahrzehnt für Jahrzehnt Vorurteile auftürmen gegen diese, wie ich glaube, einzig zur Gesundheit des sozialen Organismus beitragende Anschauung, ich gehöre nicht zu denen, die dem Pessimismus huldigen, ich gehöre nicht zu denen, die erschrocken dastehen, wenn die Ereignisse auch heute eine für manchen schreckhafte Gestalt annehmen, ich gehöre nicht zu denen, die etwa am Lebensabend sagen würden: wieviel, wieviel ist doch vergeblich durchgemacht worden! Nein, zu denjenigen gehöre ich, und das möchte ich nur als persönliche Bemerkung am Schlusse anführen, damit Sie die ganze Gesinnung meiner Besprechung von heute Abend auch verstehen, zu denjenigen gehöre ich, die nicht sagen würden, wenn sie auf ihr Leben zurückschauen: wenn du wieder jung sein könntest, würdest du das Leben noch einmal durchleben wollen? - ich würde niemals sagen: nein - sondern ich würde immer sagen: ja!

[ 75 ] A recovery will only occur if we work our way up from the customary way of thinking in this area to a vibrant understanding of the healthy social organism. And this can consist of nothing other than the coexistence—much like sovereign states standing side by side, managing their common affairs only through their delegates—of the economic organism, the legal or political organism, and the spiritual organism. Many still dispute this today. But the one who, like the speaker addressing you, has soon to complete his sixth decade of life and who, throughout his entire conscious life, has always kept his gaze fixed on the development of the proletarian movement, not merely by thinking about the proletariat, but by learning through the vicissitudes of his own life to think alongside the proletariat—such a person knows how many prejudices still pile up today against what the times demand, against what, in essence, lies dormant in the subconscious of proletarian souls: the threefold social order. I am not one of those—even though I have seen how, decade after decade, prejudices have piled up against this view, which I believe is the only one that contributes to the health of the social organism—I am not one of those who succumb to pessimism; I am not among those who stand in fear, even when events today take on a form that is terrifying to some; I am not among those who, perhaps in their twilight years, would say: how much, how much has been endured in vain! No, I belong to those—and I would like to mention this only as a personal remark at the end, so that you may fully understand the spirit of my discussion this evening—I belong to those who, looking back on their lives, would not say: “If you could be young again, would you want to live your life all over again?” —I would never say, “No”—but I would always say, “Yes!”

[ 76 ] Aus dieser Lebensbejahung heraus fühle ich mich ja manchem fern, der mit mir dieses Leben bis zu meinem Alter durchlebt hat und der, wie das ja leider für die heutige Zeit gesagt werden muß, durchaus sich nicht durchringen konnte zu dem, was die laut sprechenden Tatsachen der Gegenwart zu bewältigen in der Lage ist; aber den Glauben habe ich, daß diejenigen, denen ich mich doch nahe fühle, nahe fühle, selbst wenn ich dreimal so alt bin, daß diejenigen, die heute jung sind und zu denen ich heute zu meiner großen Befriedigung in der Hauptsache sprechen darf, daß die es sein werden, die hineinwachsen werden in eine solche Zeit, in der zwar zunächst viel Leid, viel Schmerzvolles, viel Tragik wird durchzumachen sein, in der aber auch die Möglichkeit vorhanden sein wird, recht stark, recht intensiv umzudenken und umzulernen. Deshalb fürchte ich auch nicht, daß gerade in diesem Kreise viele sein werden, die dasjenige, was ich heute auseinandergesetzt habe, als eine Utopie bezeichnen.

[ 76 ] Because of this affirmation of life, I do indeed feel distant from some who have lived this life alongside me up to my present age and who—as, unfortunately, must be said of our times—could by no means bring themselves to face what the stark realities of the present are capable of overcoming; but I have faith that those to whom I do feel close—even if I am three times their age—that those who are young today and to whom, to my great satisfaction, I am able to speak primarily, will be the ones who will grow into a time in which, although there will initially be much suffering, much pain, and much tragedy, but in which there will also be the opportunity to rethink and relearn in a truly profound and intense way. That is why I do not fear that, particularly within this circle, there will be many who will label what I have outlined today as a utopia.

[ 77 ] Etwas ganz anderes könnte man heute als eine Utopie bezeichnen, und es ist auch neulich hier in Basel als eine Utopie bezeichnet worden von dem kürzlich erst tragisch geendeten Kurt Eisner, der in seinem Vortrag sagte: die Welt mit ihrer Bewirtschaftung und sonstigen sozialen Ordnung, in der wir leben, die hätte sich der kühnste Utopist vor zweitausend Jahren nicht ausmalen können. - Die Wirklichkeit ist heute die stärkste Utopie. Was Wunder, daß dann, wenn man von einer Wirklichkeit, die gefordert wird von der menschlichen Seele, die gefordert wird von der menschlichen Vernunft, wenn man von einer solchen Wirklichkeit spricht, daß es wie eine Utopie erscheint.

[ 77 ] Something entirely different could be described today as a utopia, and it was recently described as such here in Basel by Kurt Eisner—whose life tragically ended just a short while ago—who said in his lecture: “The world, with its economic system and other social order in which we live, is something that even the boldest utopian two thousand years ago could not have imagined.” - Reality today is the most powerful utopia. Is it any wonder, then, that when one speaks of a reality demanded by the human soul, demanded by human reason—when one speaks of such a reality—it appears to be a utopia?

[ 78 ] Diejenigen aber, die heute jung sind, die werden aus der heutigen realen Utopie in wirkliche Realitäten hineinwachsen. Starke Kraft, starker Mut und ein gewisser guter Wille zur Geistigkeit, die drei werden zusammensetzen das wahrhaftige soziale Wollen. Und aus dieser Synthese des wahrhaftigen sozialen Lebens mit den proletarischen Forderungen wird sich das entwickeln, was da kommen muß zur Gesundung unserer Verhältnisse.

[ 78 ] But those who are young today will grow from today’s utopian vision into real realities. Strong strength, strong courage, and a certain goodwill toward spirituality—these three will constitute the true social will. And from this synthesis of true social life with the demands of the proletariat will emerge what must come to restore our social conditions.

[ 79 ] Daß durch die heutige Jugend gefunden werde jener Weg des Geistes zu dem Wissen, der heute in Flammenzeichen sich abhebt von dem sozialen Horizont geradezu, das ist dasjenige, was ich voraussetze, das ist dasjenige, das mich heute mit einer großen Befriedigung, mit einer großen Liebe der Aufforderung hat nachkommen lassen, die gerade von Studierenden an mich ergangen ist. Findet man bei denjenigen, die heute auf ein kommendes Leben hinsehen, Lebenskraft, Lebensmut und starke Geistigkeit, und ein daraus sich zusammensetzendes soziales Wollen, dann wird es, trotz allem, was sich heute bedrängend und verheerend zeigt, weitergehen in der Entwickelung der Menschheit. Dann kommt das, auf das wir wieder hoffen dürfen.

[ 79 ] That today’s youth may find that spiritual path to knowledge—which today stands out like a beacon of fire against the social horizon—is precisely what I take for granted; it is precisely this that has led me today, with great satisfaction and deep love, to respond to the call that has come to me specifically from students. If we find vitality, courage, and a strong spiritual nature—along with a social will arising from these qualities—in those who look toward a future life, then, despite everything that appears oppressive and devastating today, the development of humanity will continue. Then what we may once again hope for will come to pass.

[ 80 ] Dann dürfen wir aber heute schon hoffen auf ein solches, das den Beweis bringen wird, daß das menschliche Leben immer dann lebenswert ist, wenn man es begründen will auf die Freiheit des Geistes, auf die Gleichheit aller Menschen vor demjenigen, was die Menschenwürde wahrhaftig begründen kann, und auf ein Wirtschaftsleben, das in seiner Brüderlichkeit, in seiner brüderlichen Arbeit der Freiheit des Geisteslebens, der Gleichheit der demokratischen Ord nung des Staatslebens, ebenbürtig ist.

[ 80 ] But we may already hope today for a society that will prove that human life is always worth living when it is grounded in the freedom of the spirit, in the equality of all people before that which can truly ground human dignity, and on an economic life that, in its brotherhood and in its fraternal labor, is on a par with the freedom of intellectual life and the equality of the democratic order of political life.

[ 81 ] Diskussion

[ 81 ] Discussion

[ 82 ] Rudolf Steiner: Ich werde mir gestatten auf einzelne Bemerkungen der verehrten Diskussionsredner etwas einzugehen.

[ 82 ] Rudolf Steiner: I will take the liberty of addressing a few of the remarks made by the esteemed speakers in this discussion.

[ 83 ] Zunächst möchte ich darauf aufmerksam machen, daß ich ja begreife, daß diejenigen Dinge, die ich mit Bezug auf die soziale Ordnung, den sozialen Organismus gesagt habe, nicht, ich möchte sagen, im Handumdrehen eine Überzeugung hervorrufen können. Ich wollte ja auch heute in diesem Vortrage, der ohnedies ja lang genug gewesen ist, nur gewissermaßen Anregungen geben, die dann auf irgendeine Weise weiter zu verfolgen sind.

[ 83 ] First of all, I would like to point out that I do understand that the things I have said regarding the social order and the social organism cannot, I would say, instill conviction in the blink of an eye. In today’s lecture—which has already been long enough—I simply wanted to offer some food for thought, so to speak, that can then be explored further in one way or another.

[ 84 ] Ich weiß, wie außerordentlich stark sich eingelebt hat dasjenige, was der erste verehrte Diskussionsredner in Anlehnung an das Privateigentum, in Anlehnung an die Forderung der Sozialisierung der Produktionsmittel gesagt hat. Ich möchte Sie nur auf eines aufmerksam machen: Nicht wahr, man hat sich gewöhnlich heute der Vorstellung unterworfen, oder man ist gewöhnlich der Meinung, daß äußere Tatsachen außerordentlich fest sind; aber viel fester sind in uns unsere Denkgewohnheiten. Und an dasjenige, an das wir uns im Denken lange gewöhnt haben, vor allen Dingen als menschliche Gesellschaft, nicht nur durch Jahrzehnte, sondern sogar durch Jahrhunderte gewöhnt haben, das kann einen nicht gleichgültig lassen. Deshalb wird nicht leicht bemerkt werden, daß ja in alledem, was heute die Formen annimmt des Übergangs des Privateigentums in Gemeineigentum, daß da eigentlich etwas darinnen steckt, was als Forderung recht berechtigt ist, was aber nicht so unmittelbar Gegenstand des sozialen Wollens werden kann, weil etwas Letztes dabei nicht überwunden wird, was überwunden wird, wenn Sie wirklich ganz im tiefsten Ernste auf dasjenige eingehen, was ich heute vorgebracht habe. Was von allen Sozialisten heute nicht überwunden wird in den Denkgewohnbheiten, damit auch nicht in den Impulsen des Wollens, das ist der Eigentumsbegriff. Das Privateigentum möchte man aufheben; aber weil man sich an den Eigentumsbegriff so stramm gewöhnt hat, kommt man über den Eigentumsbegriff nicht hinaus. Eigentum muß sein; also, da es nicht Privateigentum sein kann, fordert man Gemeineigentum, Gesellschaftseigentum, Verstaatlichung und so weiter.

[ 84 ] I know how deeply ingrained are the views expressed by the first distinguished speaker in this discussion regarding private property and the call for the socialization of the means of production. I would just like to draw your attention to one thing: Isn’t it true that people today have generally come to accept a mental image—or generally believe—that external facts are extraordinarily fixed; but our habits of thought are much more firmly entrenched within us. And what we have long become accustomed to in our thinking—above all as a human society, not just over decades but even over centuries—cannot leave us indifferent. That is why it is not easily recognized that, in all of this, which today takes the form of the transition from private property to common property, there is actually something at work here that is a legitimate demand, but which cannot immediately become the object of social will because a fundamental obstacle has not yet been overcome—an obstacle that will be overcome if you truly engage, with the deepest seriousness, with what I have presented today. What none of today’s socialists have overcome in their habits of thought—and thus not in the impulses of their will—is the concept of property. People would like to abolish private property; but because they have become so firmly accustomed to the concept of property, they cannot move beyond it. Property must exist; so, since it cannot be private property, they demand communal property, social property, nationalization, and so on.

[ 85 ] Denken Sie das nur durch, was ich heute vorgebracht habe, dann verschwindet der alte Eigentumsbegriff überhaupt. Die Gegenstände, die heute Eigentum sind - Kapital, Produktionsmittel -, die werden zirkulieren. Das heißt, es ist ein lebendiger Organismus da. Immer wird derjenige Verwalter gewisser Produktionsmittel sein, der dazu die meisten Fähigkeiten hat. Daß das keine Utopie ist, davon werden sich einige vielleicht doch überzeugen, wenn sie dasjenige lesen, was ja auch noch nicht erschöpfend ist, was ich in meinem in ein paar Tagen erscheinenden Buch über die soziale Frage vorgebracht habe. |

[ 85 ] Just think through what I’ve presented today, and the old concept of property will disappear entirely. The objects that are property today—capital, means of production—will circulate. In other words, there is a living organism at work here. The person with the greatest aptitude for a given means of production will always be the one to manage it. Some may yet be convinced that this is not a utopia when they read what I have presented—though it is by no means exhaustive—in my book on the social question, which will be published in a few days. |

[ 86 ] Aber es handelt sich nun gerade darum, aus gewissen Denkgewohnheiten, die gar zu sehr in allem, was Menschen heute machen, drinnen leben, herauszukommen. Das meinte ich, indem ich darauf aufmerksam machte, daß die Produktionsmittel nur so lange in Verbindung mit einem Menschen sich finden können, solange die Fähigkeit dieses Menschen das rechtfertigt. Sehen Sie, wir haben ja heute unter anderen Wissenschaften, auch denen, von denen man das nicht merkt, ganz unter dem Einfluß der naturwissenschaftlichen Denkweise auch alle Sozialwissenschaft und geschichtlichen Wissenschaften stehen; wir haben ja auch eine Nationalökonomie innerhalb solcher Wissenschaften. Man bemerkt namentlich eines immer nicht. Und in diesem Kreise darf auch vielleicht gerade auf dieses Eine eingegangen werden. Die Menschen leiden heute gar zu sehr unter einer Krankheit, die Marx sehr richtig genannt hat «mors immortalis», der nicht zu tötende Tod. Im Leben ist alles in Bewegung; nur die Abstraktheit, die sich der Mensch in seinem Kopfe macht, die ist eigentlich etwas Festes. Das ist dasjenige, was bleibt. Und daher sind die Menschen, in der Zeit, in der sich das Begriffsvermögen gegenüber dem früheren Anschauungsvermögen, namentlich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, ausgebildet hat, in diesem neueren Zeitalter, das sich fundamental von allen früheren unterscheidet, vielfach das Opfer der Begriffe geworden. Wenn wir in unsere elementarsten Wissenschaften hineingehen, so haben wir im Methodischen, im Theoretischen wirkliche Irrtümer [. . .]. Es führt zu keinen brauchbaren lebendigen sozialen Impulsen, sondern bildet sich zu einem hoffnungslosen Denken auf dem sozialen Gebiete aus. Daher wird man schwer eingehen auf jene Verlebendigung der Begriffe, die angestrebt wird in meinen heutigen Darstellungen. Man möchte sich doch an irgend etwas halten, was den alten Eigentumsbegriff aufrecht erhält. Man muß über den Eigentumsbegriff überhaupt hinaus! Und der erste Diskussionsredner, er wird, wenn er dasjenige, was ich heute angegeben habe, zu Ende denkt, sehen, daß eigentlich in der Forderung nach Verstaatlichung oder Vergesellschaftung und so weiter der Produktionsmittel, nichts anderes liegt, als eben die Forderung, dasjenige, was durch die Produktionsmittel produziert wird, der Allgemeinheit zum Nutzen zu bringen. Das wird aber vielleicht - die gegenwärtigen Experimente zeigen das gerade, wo sie angestellt werden, ich will aber über diese gegenwärtigen Experimente gar nicht diskutieren -, das wird vielleicht bis zu einem gewissen Grade durch solche Experimente erreicht. Vielmehr wird es erreicht werden dann, wenn die Produktionsmittel wirklich zirkulieren, wenn nicht die Gesamtheit, die doch nur ein Abstraktes ist, die doch nur aus irgendeinem Mehrheitsbeschluß irgend etwas ausführen kann, wenn nicht die Gesamtheit das Eigentum an Produktionsmitteln hat, sondern wenn die Produktionsmittel so frei zirkulierend sind, wie zum Beispiel das geistige Eigentum dreißig Jahre nach dem Tode eines Menschen etwas frei Zirkulierendes ist, etwas, was durch den geistigen Organismus aber natürlich dann verwaltet ist.

[ 86 ] But the point is precisely to break free from certain habits of thought that are all too deeply ingrained in everything people do today. That is what I meant when I pointed out that the means of production can only be associated with a person as long as that person’s abilities justify it. You see, today, among other sciences—including those where it is not immediately apparent—all the social sciences and historical disciplines are entirely under the influence of the natural-scientific mode of thinking; we also have political economy within these sciences. There is one thing in particular that is always overlooked. And in this context, perhaps we should address precisely this one point. People today suffer all too much from an ailment that Marx very aptly called “mors immortalis,” the death that cannot be killed. In life, everything is in motion; only the abstractions that people create in their minds are actually something fixed. That is what remains. And that is why, in the era in which conceptual thinking has developed in contrast to the earlier intuitive understanding—particularly since the mid-15th century—in this newer age, which differs fundamentally from all previous ones, people have in many ways become victims of concepts. When we delve into our most elementary sciences, we find genuine errors in methodology and theory [. . .]. This leads not to any useful, living social impulses, but develops into a hopeless way of thinking in the social sphere. Therefore, it will be difficult to engage with that revitalization of concepts that I am striving for in my presentations today. One would still like to cling to something that upholds the old concept of property. We must move beyond the concept of property altogether! And the first speaker in this discussion—if he thinks through to the end what I have outlined today—will see that the demand for nationalization or socialization of the means of production, and so on, is in fact nothing other than the demand that what is produced by the means of production be made available for the benefit of the general public. But perhaps—as current experiments are showing precisely where they are being carried out, though I do not wish to discuss these current experiments at all—perhaps this will be achieved to a certain extent through such experiments. Rather, it will be achieved when the means of production truly circulate—not when the collective, which is after all merely an abstraction and can only carry out certain actions based on some majority decision, holds ownership of the means of production, but when the means of production circulate so freely just as, for example, intellectual property is something that circulates freely thirty years after a person’s death—something that is, of course, then administered by the intellectual organism.

[ 87 ] Dasjenige, was erreicht werden soll durch die Forderung nach Vergesellschaftung der Produktionsmittel, das wird eben noch in die Freiheit des einzelnen eingreifen können, ohne irgendwie brachzulegen die menschlichen individuellen Fähigkeiten. Das wird gerade auf die Weise erreicht, von der ich heute gesprochen habe.

[ 87 ] What is to be achieved through the demand for the socialization of the means of production will still be able to interfere with the freedom of the individual without in any way undermining human individual abilities. This will be achieved precisely in the way I have spoken of today.

[ 88 ] Mein Bestreben - jetzt schon wahrhaftig, ich darf sagen durch fünfunddreißig Jahre auf dem Gebiet der sozialen Frage - geht dahin, überall die Dinge zu Ende zu denken, überall nicht Theorien zu suchen, sondern aus dem unmittelbaren Leben heraus das Lebensmögliche zu suchen.

[ 88 ] My aim—which, I may say, has been a reality for thirty-five years now in the field of social issues—is to think things through to their logical conclusion in every instance, not to seek theories, but to seek what is feasible in life based on immediate experience.

[ 89 ] Wenn Sie dasjenige zu Ende denken, was ich heute vorgebracht habe, dann werden Sie sehen, daß an jedem Punkte der heutigen sozialen Ordnung einfach fortgesetzt werden kann in der Richtung, die ich angegeben habe. Daher ist das, was ich angegeben habe, das Gegenteil jeglicher Utopie: es ist etwas unmittelbar Praktisches. Ob man in Rußland beginnt, wo die Dinge heute bis zu gewissen Zerstörungen vorgeschritten sind, ob hier in der Schweiz, wo das Alte noch aufrecht steht, bis heute irgendwie weitergeht, überall kann man von den verschiedensten konkretesten Einrichtungen aus dasjenige bewirken, was ich fordere: die Trennung des Geisteslebens, des Wirtschaftslebens und des Rechtslebens. Man muß nur gewissermaßen die Maschine zurückdrehen, die man in verkehrter Richtung in der letzten Zeit, ja in den letzten Jahrzehnten geführt hat. Zur Monopolstellung einzelner - wie soll es denn dazu kommen, wenn das Verhältnis des einzelnen zum einzelnen geregelt wird in dem einen Gliede des sozialen Organismus, in dem Rechtsstaat? Zu einer Monopolstellung kann es nicht kommen, denn wie ich auch in meinem Buche zeigen werde, dasjenige, was jemand als Leiter bezieht, kann ja von Anfang an festgestellt werden, während dasjenige, was sich durch die gesellschaftliche Konjunktur ergibt, entweder in den Betrieb hineingesteckt werden muß, oder zum Ausgleich eben an die Allgemeinheit, das heißt, an einen anderen gehen muß, der es nun verwaltet, wenn er die Fähigkeiten dazu hat. Alle diejenigen Schäden, welche durch die heutige Stellung des Privateigentums eintreten, werden auf diese Weise beseitigt. Das ist dasjenige, was man bemerken sollte an meinen Auseinandersetzungen, daß eben wirklich das erreicht wird, was andere erreichen wollen, aber mit unzulänglichen Mitteln erreichen wollen. Das ist dasjenige, was ich namentlich mit Bezug auf den ersten verehrten Herrn Diskussionsredner sagen möchte.

[ 89 ] If you think through to its logical conclusion what I have presented today, you will see that, at every point in today’s social order, things can simply continue in the direction I have indicated. Therefore, what I have outlined is the opposite of any utopia: it is something immediately practical. Whether one begins in Russia, where things have progressed to a certain degree of destruction, or here in Switzerland, where the old order still stands and somehow continues to this day, everywhere one can achieve what I am calling for—the separation of spiritual life, economic life, and legal life—through the most diverse and concrete institutions. One need only, so to speak, reverse the course of the machine that has been driven in the wrong direction in recent times—indeed, in recent decades. As for the monopoly position of individuals—how could that possibly come about if the relationship between individuals is regulated within that one limb of the social organism, the constitutional state? A monopoly cannot arise, for as I will also show in my book, what a manager receives can be determined from the outset, whereas what results from economic conditions must either be reinvested in the business or, for the sake of balance, go to the general public—that is, to someone else who will then manage it if they have the ability to do so. All the harms caused by the current status of private property are eliminated in this way. This is what one should note about my arguments: that what others seek to achieve is in fact achieved here, albeit through means they deem inadequate. This is what I would like to say specifically in reference to the first distinguished speaker in this discussion.

[ 90 ] Gewiß, er hat auf einen Punkt hingewiesen, der sehr berechtigt ist. Sehen Sie, er schilderte Leute, die heute davon reden, daß der einzelne Staat ein Organismus sei in dem Sinne, wie in der Naturwissenschaft ein Organismus eben ein Organismus ist. Damit nimmt er Bezug auf ein falsches Denken. Die Wahrheit ist die, daß, wenn man schon Vergleiche anstellen will, man sie richtig anstellen muß; dann kann der einzelne Staat höchstens eine Zelle sein, der gesamte Organismus kann die wirtschaftende Erde sein. Das ist dasjenige, was, ich möchte sagen, diese Wahrheit beeinträchtigt, wenn die Leute dasjenige, was sich räumlich begrenzt, als ein Ganzes denken. Diese Richtung des Denkens würde sogleich aufhören, wenn man sehen würde, daß diese Organisation, die man Staat nennt, wenn sie nicht ja bei wirklichen Organismen [.. .] nicht der Fall sein kann, wohl aber bei Zellen, die sich zusammensetzen. Also, ohne sehr stark auf diese Spielerei einzugehen, möchte ich nur sagen, was etwas Richtiges hat: daß die ganze Erde eine Art Einheitsarbeit heute schon geworden ist. Aber das wird begründet in einem anderen Sinne, als ich es auseinandergesetzt habe. Und wie gesagt, ich habe mich nicht theoretisch, sondern aus dem unmittelbaren Leben heraus mit den entsprechenden Dingen beschäftigt.

[ 90 ] Certainly, he has pointed out a very valid point. You see, he described people who today speak of the individual state as an organism in the same sense that, in the natural sciences, an organism is simply an organism. In doing so, he is referring to a flawed line of thinking. The truth is that, if one is to make comparisons at all, one must make them correctly; in that case, the individual state can at most be a cell, while the entire organism can be the functioning Earth. This is what, I would say, undermines this truth when people conceive of that which is spatially limited as a whole. This line of thinking would cease immediately if one were to see that this organization, which is called the state—while it cannot be the case with actual organisms [...], it certainly can be the case with cells that come together. So, without delving too deeply into this intellectual exercise, I would just like to point out what is true: that the entire Earth has already become a kind of unified whole. But this is grounded in a different sense than I have explained. And as I said, I have dealt with these matters not theoretically, but based on direct experience.

[ 91 ] Selbstverständlich muß dem zweiten Diskussionsredner recht gegeben werden, wenn er sagt: die Nächstenliebe muß der Grundgedanke der Menschheit werden. Nur möchte ich bei solchen Dingen auf eines aufmerksam machen. Ich will mich auf den Standpunkt dieses zweiten Herrn Diskussionsredners stellen. Ich betrachte das immer als etwas Fruchtbareres, wenn man mit jemandem spricht, als wenn man gewissermaßen gerade diejenigen Punkte aufsucht, die als gegnerisch vorgebracht werden können. Sehen Sie, von Nächstenliebe spricht man, wie der verehrte Diskussionsredner gesagt hat, ja schon zweitausend Jahre. Dennoch, trotz des Sprechens von dieser Nächstenliebe - ich bitte, man betrachte die letzten vier bis fünf Jahre! Es handelt sich also vielleicht doch darum, daß man nicht bloß von der Nächstenliebe spricht, sondern wie man von dieser Nächstenliebe spricht, ob man in abstrakter Weise von ihr spricht oder ob man in Konkretheit nachsieht, wie diese Nächstenliebe sich betätigen kann. Und da will ich mich auf den Standpunkt des verehrten Diskussionsredners stellen. Sehen Sie, einer der bedeutendsten, schönsten, das heißt für den Menschen bedeutendsten Aussprüche der Evangelien, des Christus Jesus, ist der: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenentwicklung.» So ungefähr würde die richtige Übersetzung lauten. Es ist heute schon an der Zeit, einzusehen, daß im christlichsten Sinne dieses ein wahres Wort ist. Wir haben Christus nicht bloß zu suchen in den Evangelien, wir haben nicht bloß den Christus zu suchen, der gewissermaßen eingesargt war in den Evangelien, wir haben den Christus zu suchen, der lebendig ist, der unter uns wandelt. Wir haben hinzuhören auf dasjenige, was der Christus jeden Tag aufs Neue verkündet. Ich glaube, der hört den Christus richtig, der imstande ist, mit jedem neuen Zeitalter das zu vernehmen von dem Orte, wo die Zeichen der Zeit erscheinen, was der Christus spricht für jedes Zeitalter in einer neuen Weise. Und ich meine, heute spricht er zu uns durch die Zeiten so, daß wir nicht stehenbleiben dürfen, auch nicht bei den Wortformen, wie früher die Nächstenliebe gepredigt worden ist, sondern daß wir zu neuen Formen fortschreiten müssen auch in der Lebensauffassung, wie wir ganz deutlich fortschreiten zu neuen Formen des Lebens selbst. Das ist das, was ich zu bedenken geben möchte.

[ 91 ] Of course, we must agree with the second speaker when he says: charity must become the fundamental principle of humanity. However, I would like to draw attention to one thing in this regard. I want to adopt the perspective of this second speaker. I always consider it more fruitful to speak with someone than to, so to speak, seek out precisely those points that could be raised as objections. You see, as the esteemed panelist said, people have been talking about love for one’s neighbor for two thousand years now. Nevertheless, despite all this talk of love for one’s neighbor—I ask you to consider the last four to five years! So perhaps the issue is not merely that we speak of love for one’s neighbor, but how we speak of it—whether we speak of it in an abstract way or whether we look concretely at how this love for one’s neighbor can be put into practice. And here I would like to adopt the viewpoint of the esteemed speaker in this discussion. You see, one of the most significant, most beautiful—that is, most significant for humanity—sayings in the Gospels, from Jesus Christ, is this: “I am with you always, even to the end of the world.” That is roughly how the correct translation would read. It is high time today to recognize that, in the truest Christian sense, this is a true word. We must not merely seek Christ in the Gospels; we must not merely seek the Christ who was, so to speak, laid to rest in the Gospels; we must seek the Christ who is alive, who walks among us. We must listen to what Christ proclaims anew every day. I believe that the one who hears Christ correctly is the one who, with each new age, is able to discern—from the place where the signs of the times appear—what Christ speaks for each age in a new way. And I believe that today he speaks to us through the ages in such a way that we must not stand still—not even with the verbal forms in which charity was preached in the past—but that we must move forward toward new forms, including in our outlook on life, just as we are clearly moving forward toward new forms of life itself. That is what I would like to offer for your consideration.

[ 92 ] Ich habe vor ganz kurzer Zeit in Bern drüben einen Redner gehört, einen katholischen Geistlichen, der sehr wirkungsvoll gesprochen hat. Der Mann sprach ganz ähnlich wie unser zweiter Herr Diskussionsredner. Er sagte auch: Nächstenliebe müsse herrschen; vor allen Dingen müsse Jesus Christus führen die moderne soziale Bewegung. - Ich möchte sagen: selbstverständlicher kann eigentlich nichts sein als dieses. Aber dann kamen weitere Ausführungen dieses Herrn - in Bern drüben, meine ich -, ja, er sprach das, was er sagte, sehr wirkungsvoll, aber ich selbst erinnerte mich, daß ich ja schon vor fünfundvierzig Jahren in meinem Schulbuch diese Ausführungen gelesen habe - es bleiben Worte. Dieselben Worte gebrauchte der Herr. Ich mußte denken: Trotzdem liegt zwischen der Abfassung in meinem Schulbuch und dem, was der Herr heute sagte, die schreckensvolle Weltkriegskatastrophe! - Also wird es doch wohl heute notwendig sein, auch umzudenken, anders die Dinge anzufassen, als sie angefaßt worden sind vorher. Sollen wir denn gar nichts lernen? Sollen wir denn in dem alten Trott fortfahren, immer wiederum, so wie unsere Vorfahren gesagt haben «Nächstenliebe», die doch nicht verhindern konnten, trotzdem sie Nächstenliebe predigten, daß schreckensvolle Tage eingetreten sind. Nicht darauf kommt es an, Nächstenliebe zu predigen! Ich habe oftmals gesagt in den verschiedensten Kreisen: Wenn im Zimmer ein Ofen steht, und ich rede so, wie es nun üblich geworden ist in der bürgerlichen Weltanschauung, von allerlei ethischen Forderungen zu sprechen, zu denen auch die Nächstenliebe gehört, dann müßte ich sagen: Der Ofen hat die Pflicht, das Zimmer warm zu machen. Aber wenn ich mich auch bemühe zu sagen: Lieber Ofen, es ist deine Ofenpflicht, das Zimmer warm zu machen, es ist deine heilige Pflicht -, und ich wiederhole das immer wieder und wieder, das Zimmer wird halt kalt bleiben! Aber ich kann mir die Rede sparen, wenn ich Holz einlege und es anzünde. Da tue ich das Konkrete, da wird es warm im Zimmer. Manchmal redet man von der Art und Weise, wie sich im Wirtschaftsleben Assoziationen bilden sollen, wie da, wie ich gesagt habe, im großen Stile die Brüderlichkeit herrschen soll, und im konkreten Leben zustande komme; redet man davon, wie man gliedern muß den sozialen Organismus, dann redet man von etwas Konkretem. Da steckt ja schon alles drinnen, auch was Nächstenliebe sein will! Aber das bloße Reden von Nächstenliebe, das ist ja auch dasjenige nicht, was heute unter unseren komplizierten Verhältnissen etwas zuwege bringt. Und wenn es heißt: Jesus Christus soll der Führer sein -, selbstverständlich soll er der Führer sein. Aber es kommt nicht auf das Reden an, sondern auf dasjenige, was einer tut. Auf das kommt es an, nicht auf das bloße Betonen: Herr! Herr! - das ist er schon selber! -, sondern auf dasjenige kommt es an, daß man ihm wirklich nachfolge.

[ 92 ] Just a short while ago, over in Bern, I heard a speaker—a Catholic priest—who spoke very effectively. The man spoke in a manner very similar to our second panelist. He also said: Love for one’s neighbor must prevail; above all, Jesus Christ must lead the modern social movement. - I would like to say: nothing could actually be more self-evident than this. But then this gentleman went on to elaborate further—over in Bern, I mean—yes, he delivered what he said very effectively, but I myself remembered that I had already read these very words in my schoolbook forty-five years ago—they remain just words. The gentleman used the exact same words. I couldn’t help but think: Nevertheless, between the time those words were written in my schoolbook and what this gentleman said today lies the horrific catastrophe of the World War! — So surely it must be necessary today to rethink things, to approach them differently than they have been approached before. Are we not to learn anything at all? Are we to carry on in the same old rut, over and over again, just as our ancestors spoke of “love of neighbor”—even though, despite preaching love of neighbor, they could not prevent those dreadful days from coming? It’s not enough to preach love for one’s neighbor! I have often said in various circles: If there is a stove in the room, and I speak—as has now become customary in the bourgeois worldview—of all sorts of ethical demands, including love for one’s neighbor, then I would have to say: The stove has a duty to heat the room. But even if I try to say: “Dear stove, it is your duty as a stove to heat the room; it is your sacred duty”—and I repeat this over and over again—the room will simply remain cold! But I can save myself the speech if I load it with wood and light it. Then I’m taking concrete action, and the room becomes warm. Sometimes people talk about the way in which associations are supposed to form in economic life—how, as I’ve said, brotherhood is supposed to prevail on a grand scale and come about in concrete life; when people talk about how the social organism must be structured, they’re talking about something concrete. That already encompasses everything, including what love for one’s neighbor is meant to be! But merely talking about love for one’s neighbor—that, after all, is not what achieves anything today under our complicated circumstances. And when it is said, “Jesus Christ is to be the leader”—of course he is to be the leader. But it is not a matter of words, but of what one does. That is what matters—not merely exclaiming, “Lord! Lord!”—for he is already the Lord!—but what matters is that one truly follows him.

[ 93 ] Wenn hier gesagt wird, die großen Lebensgebiete müssen eine Einheit bilden, und man könnte sich nicht recht vorstellen, wie diese drei Lebensgebiete getrennt werden können, dann möchte ich Sie doch darauf hinweisen, daß es schon einmal notwendig ist, auf dem Gebiete des sozialen Denkens diesen Schritt vorwärts zu machen, den nun leider die Naturwissenschaft ihrerseits auf ihrem Gebiete nicht hat machen können.

[ 93 ] When it is said here that the major spheres of life must form a unity, and one does not have a clear mental image of how these three spheres of life can be separated, then I would like to point out to you that it is indeed necessary to take this step forward in the realm of social thought—a step that, unfortunately, the natural sciences have not been able to take in their own field.

[ 94 ] Ich habe in meinem vorletzten Buche, «Von Seelenrätseln», darauf hingewiesen, wie ich durch Benützung alles desjenigen, was heute die Naturwissenschaft auch schon benützen könnte, habe herausfinden können im Laufe einer dreißigjährigen geistigen Forschung, wie der menschliche Organismus ein dreigliedriger ist, wie der menschliche Organismus wirklich zerfällt in den Nerven-Sinnesorganismus, der in sich selber zentriert ist, der durch die Sinnesorgane mit der Außenwelt auch selbstverständlich in einem Verhältnisse steht; wie als zweites neben ihm steht der sogenannte rhythmische Organismus, der Atmungs-, Herzorganismus und als drittes der Stoffwechselorganismus. Alle Tätigkeiten des menschlichen Organismus sind in diesen drei Gliedern enthalten, die aber in sich zentriert sind, und gerade dadurch zu der so gewaltigen Einheit zusammenwirken, daß jedes Glied sein Zentrum in sich hat, und durch das Zentriertsein in sich kommt eben gerade die lebendige Einheit zustande. Man denke auf diesem Gebiete nicht naturwissenschaftlich; ich will nicht wie Schäffle oder Meray mit Analogien spielen, das liegt mir ganz fern; aber ich möchte darauf hinweisen, daß gesundes Denken Mühe hat mit Bezug auf den sozialen Organismus, diese Dreiteilung vorzunehmen. Mit Bezug auf den sozialen Organismus müssen wir diese Dreiteilung nicht nur theoretisch vornehmen, sondern sie in Wirklichkeit umsetzen. Ich kann nicht verstehen, warum es schwierig sein solle, sich zu denken, daß eine geistige Organisation in sich selber sich verwaltet, gewissermaßen souverän in sich sich verwaltet, der Rechtsstaat wiederum souverän in sich selber, und der Wirtschaftsstaat sich in sich selber souverän verwaltet. Die höhere Einheit, die kommt gerade im lebendigen Zusammenwirken erst recht zustande; während wenn man von vornherein eine Einheit hineinträgt, sei es Einheit, die auf das Wirtschaftsleben gerichtet ist, sei es Einheit im Rechtsleben, wie in diesem alten Rechtsstaate, oder geistigen Leben, wie bei den alten theokratischen Einrichtungen es gewesen ist, stören sich diese drei Glieder; während sie sich nicht stören, wenn sie zur lebendigen Einheit zusammenwirken, wenn man sie wirklich in sich zentriert; nur muß das Zentrieren in der richtigen Weise geschehen.

[ 94 ] In my penultimate book, On the Mysteries of the Soul, I pointed out how, by making use of everything that natural science is already capable of utilizing today, I was able to discover, in the course of thirty years of spiritual research, that the human organism is a threefold one; that the human organism is truly divided into the nervous-sensory organism, which is centered within itself and, naturally, stands in relation to the external world through the sense organs; that, secondly, alongside it stands the so-called rhythmic organism—the respiratory and cardiac organism—and, thirdly, the metabolic organism. All the activities of the human organism are contained within these three members, which are, however, centered within themselves; and it is precisely through this that they interact to form such a powerful unity—for each member has its center within itself, and it is precisely through this self-centeredness that the living unity comes into being. One should not think in this area in terms of the natural sciences; I do not wish to play with analogies like Schäffle or Meray—that is quite foreign to me—but I would like to point out that sound thinking struggles to apply this threefold division to the social organism. With regard to the social organism, we must not only apply this threefold division theoretically but also put it into practice. I cannot understand why it should be difficult to conceive of a spiritual organization governing itself—in a sense, governing itself sovereignly—the constitutional state, in turn, governing itself sovereignly, and the economic state governing itself sovereignly. The higher unity comes about precisely through this living interaction; whereas if one imposes a unity from the outset—be it a unity oriented toward economic life, a unity in legal life, as in this old constitutional state, or a unity in spiritual life, as was the case with the ancient theocratic institutions—these three elements interfere with one another; whereas they do not interfere when they interact to form a living unity, when they are truly centered within themselves; but this centering must be done in the right way.

[ 95 ] Neulich hat mir ein Zuhörer in Basel erwidert, er könne sich auch nicht vorstellen, wie das sei, es müsse doch in allen drei Gliedern zum Beispiel Gerechtigkeit, Recht darinnen sein. - Ja, gewiß muß in allen drei Gliedern Recht und Gerechtigkeit drinnen sein, wie die Luft in ihrer Stofflichkeit umgeändert in allen drei Gliedern des menschlichen Organismus sein muß; deshalb muß sie aber doch durch das Atmungs- und Herzsystem in sich verarbeitet werden, in einem Gliede besonders zubereitet werden. Dadurch ist sie in besonderer Weise wirksam für die anderen Glieder. Dadurch wird gerade die richtige Einheit hervorgebracht, daß das eine Glied in der richtigen Weise erzeugt und entwickelt dasjenige, was für die anderen notwendig ist. Darauf beruht die lebendige Organisation. Das ist dasjenige, worauf der Mensch schon wird eingehen müssen; denn darauf kommt es gerade an.

[ 95 ] Recently, a member of the audience in Basel replied to me that he, too, could not form a mental image of what that would be like; surely, for example, justice and righteousness must be present in all three parts. - Yes, certainly justice and right must be present in all three members, just as the air, transformed in its material form, must be present in all three members of the human organism; but for that very reason, it must be processed internally through the respiratory and cardiac systems and prepared specifically in one member. In this way, it is effective in a special way for the other members. This is precisely what brings about the right unity: that one member produces and develops in the right way what is necessary for the others. This is the basis of the living organism. This is what human beings will have to address; for this is precisely what matters.

[ 96 ] Das ist dasjenige, was ich gegenüber den Einwendungen, die in bezug auf diese Gliederungen gemacht wurden, sagen muß. Das, worauf es ankommt, ist, daß dasjenige, was durch diese Gliederung eben erreicht werden kann, gerade das ist, was unbewußt in den proletarischen . Forderungen liegt, was aber nur verwirklicht werden kann durch bewußtes soziales Wollen. Und von diesen verschiedenen Möglichkeiten wollte ich heute, soweit es in dieser kurzen Zeit möglich war, zu Ihnen sprechen.

[ 96 ] That is what I must say in response to the objections raised regarding these classifications. What matters is that what can be achieved through this structure is precisely what lies unconsciously within the proletarian demands—but which can only be realized through conscious social will. And today, I wanted to speak to you about these various possibilities, as far as was possible in this short time.