Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage
für eine soziale Neugestaltung
Altes Denken und neues soziales Wollen
GA 329
9 April 1919, Basel
5. Soziales Wollen und proletarische Forderungen
[ 1 ] Aus der Weltkriegskatastrophe heraus entwickelt sich eine mächtige Bewegung, welche getragen ist von den proletarischen Forderungen, und welche durch bedeutsame Tatsachen zu den Menschen heute spricht, durch Tatsachen, die bereits einen großen Teil Europas ergriffen haben, durch Tatsachen, die zweifellos durch gewisse soziale Neueinrichtungen der Menschheit bewältigt werden müssen. Die Frage kann entstehen, gerade dann, wenn man den anfänglichen Verlauf dieser laut sprechenden Tatsachen ins Auge faßt: Zeigt sich auch irgendwo schon ein einigermaßen ausreichendes soziales Wollen, ein solches soziales Wollen, welches hervorgeht aus einem tieferen Verständnisse unserer gegenwärtigen geschichtlichen Weltlage? Denn auf ein solches soziales Wollen scheint es doch anzukommen.
[ 2 ] Deshalb erfüllte es mich mit einer großen Befriedigung, daß ich heute über die Beziehungen der proletarischen Forderungen zu dem notwendigen sozialen Wollen auf Einladung hiesiger Studierender dasjenige von einem gewissen Gesichtspunkte aus aussprechen darf, was ich, der Gegenwart damit dienen wollend, in meiner demnächst erscheinenden Schrift: «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» ausgeführt habe.
[ 3 ] Daß wir es bei der erwähnten Bewegung mit einer tief eingreifenden, weltgeschichtlichen Erscheinung zu tun haben, das scheint ja daraus hervorzugehen, daß sich in dem, was heute geschieht, so etwas wie eine Verwirklichung jenes Programmes, das vor siebzig Jahren durch die Welt gegangen ist, und das ja bekannt ist als das marxistische Kommunistische Manifest, zeigt. Ob man das, was durch diese beiden Grenzpunkte unserer neueren Zeitentwickelung ausgedrückt ist, durch die Ausführungen des Kommunistischen Manifestes von 1848 und durch dasjenige, was heute sich über Europa wälzt, ob man das in der einen oder in der anderen Weise, nach seiner Lebenslage, nach seinen Lebensanschauungen so oder so auffaßt, darauf kommt es heute wohl weniger an. Worauf es ankommt, das ist, daß wir vor laut sprechenden Tatsachen stehen, vor Tatsachen, denen gegenüber unbedingt Stellung genommen werden muß. Und Stellung wird nehmen müssen dasjenige, was sich ergeben kann für die nächsten Jahre, für die nächsten Jahrzehnte gerade aus jener Umformung des wissenschaftlichen und Weltanschauungsdenkens, welche notwendig werden wird wie manches andere unter dem Einfluß dieser laut sprechenden Tatsache der Gegenwart.
[ 4 ] Das ist es, warum ich ganz besonders gern über diese Frage zu Studierenden spreche, die da sein wollen Mitträger desjenigen, was sich herausentwickeln kann aus unserem gegenwärtigen wissenschaftlichen und Weltanschauungsdenken in das Denken, in das Erkennen der Zukunft hinein.
[ 5 ] So wie heute dasjenige, was man gewöhnlich als soziale Frage bezeichnet, sich ausnimmt, so kann man sagen, daß es zunächst in zwei bedeutsamen Forderungen auftritt. Beide Forderungen sind eigentlich, so wie sie auftreten, hinweisend auf Erscheinungen unseres Wirtschaftslebens. Man kann sagen: Die eine Forderung gipfelt darinnen, daß jene Leitung des Wirtschaftslebens der zivilisierten Welt, welche sich herausgebildet hat im Laufe der neueren Zeiten durch das Privatkapital, abgelehnt wird. Und als zweites kann man feststellen, daß eine neue Einstellung zur menschlichen Arbeitskraft im sozialen Leben von dem Proletariate gefordert wird.
[ 6 ] Nun, wenn es auch zunächst diese zwei bedeutsamen wirtschaftlichen Erscheinungen sind, in denen sich die soziale Bewegung heute auslebt, so ist damit noch nicht gesagt, daß nur innerhalb wirtschaftlicher Impulse dasjenige liegen kann, was notwendig ist, um die soziale Frage heute und in der nächsten Zukunft zu bewältigen. Allerdings, so wie sich das Leben der zivilisierten Menschheit im Laufe der neueren Zeit entwickelt hat, zeigt es sich, wie vorzugsweise die menschlichen Kräfte, alles menschliche Streben in Anspruch genommen wurden durch dasjenige, was sich durch die wirtschaftliche Entwickelung ergab. Und deshalb ist es nicht verwunderlich, daß der bedeutsamste Denker der proletarischen Welt - denn das ist er auch heute noch -, Karl Marx, vor allen Dingen den Blick auf das wirtschaftliche Leben gerichtet hat.
[ 7 ] Ihm, Karl Marx, dürfen wir einige Minuten der Aufmerksamkeit zuwenden, nicht aus dem Grunde, weil ich etwa glauben würde, daß die modernen proletarischen Forderungen durch das entstanden sind, was das Proletariat etwa gelernt habe von Karl Marx, sondern aus dem Grunde, weil dasjenige, was in den innersten Empfindungen, in den Grundimpulsen des Seelenlebens des modernen Proletariats erst langsam im Laufe der neueren Jahrhunderte, dann schnell im Laufe des 19. Jahrhunderts heraufgezogen ist, weil das bis heute doch am intensivsten in den Anschauungen von Karl Marx zum Ausdrucke gekommen ist, weil er der Interpret desjenigen ist, was mehr oder weniger unbewußt oder bewußt in Millionen von Menschen heute lebt.
[ 8 ] Nun, gerade weil in den letzten siebzig Jahren in den Seelen dieser Millionen von Menschen immer mehr und mehr diejenigen Impulse herangereift sind, die Karl Marx prophetisch schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dann später ausgesprochen hat, gerade deshalb erscheint seine Anschauungsweise den führenden Persönlichkeiten der Proletariermassen so einleuchtend. Ihm, Karl Marx, erschien dasjenige, was geschehen muß in der neueren Zeit, hervorzugehen - es ist das ja in den weitesten Kreisen bekannt aus jener Entwickelung, welche das Wirtschaftsleben in den letzten Jahrhunderten, durch die Entwickelung der modernen Technik und Industrie, sowie durch die Leitung dieser industriellen und technischen Betriebe, Betriebsamkeiten durch das Privatkapital genommen hat. Ihm erschien überhaupt der ganze Hergang der Menschheitsentwickelung so, daß sich im Laufe geschichtlicher Epochen immer ablösen Wirtschaftsformen durch Wirtschaftsformen. Diejenige Wirtschaftsform, welche sich auf Grundlage kapitalistischer Anschauungen in der neueren Zeit entwickelt hat, die denkt sich Karl Marx bis zu ihrer eigenen Auflösung hin sich drängend; so daß diese Wirtschaftsordnung, die immer mehr und mehr nötig hat, große Massen der Menschheit zu proletarisieren, dieses Proletariat gegen sich selber aufrufen wird, weil die Formen des Wirtschaftslebens, die sich herausgebildet haben, ihre Auflösung finden müssen durch die produktiven Kräfte, die sich innerhalb dieser Wirtschaftsformen bilden. Die produktiven Kräfte wandeln sich fortwährend. Die Wirtschaftsformen streben danach, konservativ zu bleiben. Endlich kommt der Zeitpunkt, wo die produktiven Kräfte nicht mehr in der Lage sind, in die alten Wirtschaftsformen sich hineinzufügen.
[ 9 ] Einen solchen Zeitpunkt glaubt Marx herannahen zu sehen, indem er erkannt hat, wie das Proletariat mit seinen produktiven Kräften diejenige Wirtschaftsordnung zerreißen wird, in die dieses Proletariat selbst eingespannt worden ist.
[ 10 ] Dasjenige, was als Charakteristisches dabei zugrunde liegt, das ist, daß Karl Marx in der wirtschaftlichen Entwickelung selbst gewissermaßen die treibenden Motoren sieht, welche das Proletariat vorwärtsbringen zu denjenigen Punkten, die dann eine neue Wirtschafts-, das heißt aber für ihn eine neue Weltordnung herbeiführen werden.
[ 11 ] Nun ist mit dem, was sich Karl Marx als die Umformung des modernen Wirtschaftslebens denkt, auch selbstverständlich die Umformung alles desjenigen verbunden, was den Umfang des Staatslebens ausmacht, und die Umformung alles desjenigen, was das geistige Leben ausmacht. Denn Karl Marx denkt über die Entwickelung der Menschheit durchaus im Sinne des modernen naturwissenschaftlichen Denkens. Er ist von der Anschauung älterer sozialistisch denkender Menschen durchaus abgekommen, welche damals geglaubt haben, daß das Wichtigste das menschliche Wollen sei, welches eingreift in das Gefüge des menschlichen gesellschaftlichen Lebens. Karl Marx glaubt, daß die Menschen im Grunde wollen müssen, so wie ihnen dieses Wollen durch die Notwendigkeit der Wirtschaftsordnung bestimmt ist. Und aus der Wirtschaftsordnung selbst, aus der Art und Weise, wie die Menschen produzieren, wie die Menschen wirtschaften, bilden sich die staatlichen Ordnungen, bildet sich das Recht, bildet sich Sittlichkeit und so weiter, bildet sich auch, wie ein Überbau, wie etwas, welches das wirtschaftliche Leben bloß spiegelt, dasjenige, was man geistige Kultur nennt. Und man kann nun heute, wenn man dasjenige kennt, was in den Seelen proletarischer Menschen vorgeht, sagen: In weitesten Kreisen ist diese Anschauung verbreitet; der Mensch ist in das Wirtschaftsleben eingespannt, und das Wirtschaftsleben, die Art und Weise, wie er sich ernährt, wie er sein übriges Leben führen kann, das bestimmt, wie er zufrieden ist mit der rechtlichen Ordnung, welche rechtliche Ordnung sich überhaupt bilden kann. Das Wirtschaftsleben bestimmt auch, wie er denkt, wie er fühlt, was er in der Kunst, was er in der Wissenschaft hervorbringt.
[ 12 ] So ist es für weite Kreise geworden; in weitesten führenden Kreisen des Proletariats besonders gilt dasjenige, was Geistesleben ist, als eine Ideologie. Dieses Wort Ideologie hört man immer wieder und wiederum, wenn der Proletarier gerade das bezeichnen will, was er als Geistesleben ansieht. Das auf der einen Seite.
[ 13 ] Auf der anderen Seite wendet der Proletarier dem Staatsleben seine Aufmerksamkeit zu. Er findet aber in diesem Staatsleben dasjenige ausgeprägt, was er bezeichnet - wiederum nach dem Vorgange von Karl Marx - als die alles beherrschenden Klassenkämpfe. Und er wendet zuletzt seine Aufmerksamkeit dem Wirtschaftsleben zu, das ihm am allernächsten liegt, weil er unmittelbar in dasselbe eingespannt ist. Und indem er gerade durch dieses Wirtschaftsleben ganz und gar sein Leben in Anspruch genommen findet, entwickelt er das, was er ausspricht mit den Worten «marxistische Geschichtsauffassung». Diese entwickelt er aus seiner Überzeugung, daß im Grunde genommen der ganze geschichtliche Verlauf der Menschheit aus wirtschaftlichen Kämpfen besteht, von Formen des Wirtschaftslebens geprägt ist, und daß alles übrige von diesem materiellen Leben abhängig ist. Und das steht wiederum im Zusammenhang mit der Empfindung, die er von der Kultur der leitenden, der führenden Kreise hat, in die er mit seiner Seele doch nicht eindringen kann, die ihm selbst in ihrer wissenschaftlichen Strenge wie eine Art Luxuskultur oftmals vorkommt und die er als Ideologie empfindet.
[ 14 ] Heute stehen wir in einem Entwickelungspunkt der europäischen Kultur, wo wir tiefer fragen müssen als in sozialistischen und nichtsozialistischen Kreisen seit siebzig Jahren gefragt worden ist, wo wir tiefer fragen müssen: Was liegt eigentlich dieser Anschauung des Proletariats zugrunde, dieser Anschauung, daß alles geistige Leben eine Ideologie ist, daß alles Staatsleben in Klassenkämpfen verläuft, daß alles, was wirkliche Geschichte ist, nur ein Ergebnis des materiellen Entwickelns ist? - Dem Materialismus in seinen verschiedensten Formen zugeneigt war gerade jenes Denken der neueren Menschheit, in das auch Karl Marx mit seinen Ideen, mit all seinen Impulsen geleitet worden ist.
[ 15 ] Nun kann man fragen: Warum ist denn gerade die Ideenrichtung dieser bedeutenden, dieser einschneidenden Denker in die Bahn gelenkt worden, welche einzig und allein das Wirtschaftsleben als das Mafßßgebende für alle menschliche Entwickelung anschaut? Wodurch ist denn das Denken des modernen Proletariers selbst auf die gleiche Bahn gedrängt worden?
[ 16 ] Wer die Entwickelung der neueren Zeit nicht nach der konventionellen Geschichte, sondern nach dem, was heute schon ein tieferer geschichtlicher Blick geben könnte, studiert, der findet allerdings eine sehr, sehr merkwürdige Erscheinung, welche ihn nahebringen kann der Lösung der gerade eben aufgeworfenen Frage.
[ 17 ] Das Wirtschaftsleben der neueren Zeit hat allerdings, könnte man sagen, einen Gang genommen, den man begreifen kann, wenn man ihn zu begreifen versucht so, wie man wissenschaftliche Tatsachen begreift. Man kann nicht sagen von diesem Wirtschaftsleben, es hätte nicht unterlegen einer bestimmten naturwissenschaftlich zu begreifenden Notwendigkeit, so wie es sich entwickelt hat, man kann nicht einmal sagen, wenn man sachgemäß die Dinge untersucht: dieses Wirtschaftsleben als solches könnte anders sein. - Dann aber käme man, wenn man dabei stehenbleiben wollte, zu einer außerordentlich pessimistischen Anschauung des Lebens.
[ 18 ] Andere Fragen aber entstehen. Nur eingeschränkt, ich möchte sagen, wie hypnotisiert war der Blick, waren die Kräfte des Menschen auf das Wirtschaftsleben hin.
[ 19 ] Andere Gebiete des Lebens haben eine Entwickelung genommen, die heute gar sehr anders angesehen werden muß als die bloße wirtschaftliche Entwickelung. Es lag in der ganzen Anschauungsweise der neueren Zeit, gewissermaßen die Wirtschaft als das anzusehen, woraus auch die beiden anderen Hauptzweige des menschlichen Lebens sich ergeben: das Staatsleben und das Geistesleben.
[ 20 ] Man möchte sagen, nach naturwissenschaftlichen Vorurteilen wurde es für Karl Marx und seine Anhänger klar: das Wirtschaftsleben enthält die Ursachen. Aus diesen Ursachen heraus entwickelt sich die Gestaltung des Staats- oder Rechtslebens, entwickelt sich das geistige Leben. Aber ist das so? Dieses ist die große Frage. Heute stehen wir bereits an dem Wendepunkt, wo es notwendig ist einzusehen, daß diese ganze Fundamentalbetrachtung radikal falsch ist, daß es unmöglich ist, aus dem Wirtschaftsleben die beiden anderen Zweige des Gesamtmenschenlebens wie aus dessen Wirken heraus zu begreifen, wie es unmöglich ist, das Staats- oder Rechtsleben aus dem Wirtschaftsleben heraus zu begreifen, es unmöglich ist, das geistige Leben aus dem Wirtschaftsleben heraus zu begreifen.
[ 21 ] Das ist gerade die Eigentümlichkeit der neueren Zeit, daß diese neuere Zeit in ihrer Welt- und Lebensanschauung nichts gehabt hat, was es ihr möglich gemacht hätte, über dieses Vorurteil hinauszukommen, daß das Wirtschaftsleben allem anderen menschlichen Leben zugrunde liegt.
[ 22 ] Drei Seiten eines Tieferen, in der Menschennatur tiefer Begründeten stellen sich dar als Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben. Nebeneinander stehen sie. Das ist dasjenige, was wir anfangen müssen zu begreifen. Aufgeräumt muß werden - das wird den proletarischen Forderungen einimpfen das soziale Wollen -, aufgeräumt muß werden mit dem nur aus der Naturwissenschaft, aus naturwissenschaftlichen Vorurteilen folgenden Irrtum, als ob in der Wirtschaftsordnung die ursächliche Grundlage für die beiden anderen Lebensgebiete, für das Rechtsgebiet und das Geistesgebiet liege.
[ 23 ] Wer dieses einsehen will, der muß den Blick vor allen Dingen auf eines richten. Sehen Sie hin auf die Art und Weise, wie sich das neuzeitliche Denken, das neuzeitliche Anschauen der Welt entwickelt hat. Mehr als man glaubt, ist verbunden dieses Denken, dieses Anschauen der Welt, mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Wenn ich der Auffassung wäre, daß das praktische Leben, die äußere Lebenspraxis irgendwie abhängig wären von Theorien, von Anschauungen, von Begriffen und Ideen, so wie sich das aus einer einseitigen Philosophie heraus denken läßt, dann würde ich diese Bemerkung, die ich eben gemacht habe, gar nicht machen. Aber so sehe ich den geschichtlichen Verlauf nicht an. Mir erscheint dasjenige, was sich im ganzen Umkreis des Lebens, dieses Leben gestaltend, dieses Leben impulsierend, ausdrückt, das scheint mir mehr oder weniger sogar nur symptomatisch in der Denkweise einer Zeit zum Ausdrucke zu kommen; so daß ich niemals das praktische Leben ableiten möchte von der Denkweise, aber behaupten möchte, daß die Denkweise, die Anschauungsart ein deutlicher symptomatischer Ausdruck für dasjenige ist, was in den Tiefen der Menschenseele vorgeht und das äußere, auch das praktische, zuletzt das wirtschaftliche Leben gestaltet.
[ 24 ] Eingeflossen in diese Denkweise in allen Lebenskreisen ist dasjenige, was man naturwissenschaftliches Denken nennen könnte. Worauf aber allein bezieht sich das naturwissenschaftliche Denken? In bezug auf diese Frage sind heute noch viele Vorurteile vorhanden, und ich glaube, daß diejenigen, die heute in dieser Denkweise leben, sehr erstaunt sein werden, in welche Veränderungen der heutigen Anschauungsweise sie hineinwachsen werden. Was man heute geradezu für axiomatisch hält, geradezu für absolut gültig hält, es wird ganz sicher angefochten werden, es wird ganz sicher bedeutsame, mächtige Metamorphosen erfahren. Wie denken auf einem weiten Gebiete heute gerade verständig denkende Naturforscher? Wie denken sie auf einem bestimmten Gebiete? Sie denken: Wir begreifen heute eigentlich noch nicht das Leben, nicht die Seele; wir begreifen im Grunde genommen nur alles dasjenige, was innerhalb der Zeitordnung unlebendig ist, nun, sagen wir, was das Tote ist. Aber als ein Ideal sieht man an, daß aus dem immer weitergehenden Begreifen des Toten auch so etwas sich entwickeln werde, wie das Begreifen des Lebendigen.
[ 25 ] Das aber wird man einsehen müssen, daß die ganze Anschauungsweise, wie wir sie in den letzten drei bis vier Jahrhunderten entwikkelt haben, wie sie der Nerv naturwissenschaftlichen Vorstellens ist, daß diese ganze Anschauungsweise nur geeignet ist, das Tote zu begreifen. Gerade deshalb ist die Naturwissenschaft so groß geworden, weil diese Denkweise geeignet ist, das Tote zu begreifen, alles Tote, welches auch in die Pflanzen, Tiere, Menschen, in alles Lebendige eingebettet ist. Wir verstehen durch die Naturwissenschaft nur das in allem vorhandene Tote.
[ 26 ] Diese Denkweise, welche gerade die Naturwissenschaft so groß gemacht hat, sie ruiniert, sie korrumpiert alles dasjenige, was soziales Denken ist und was die Grundlage des sozialen Wollens sein muß, aus dem einfachen Grunde, weil das soziale Wollen sich richten muß auf den lebensfähigen sozialen Organismus. Begreifen wir aber nicht einmal das Lebendige in der äußeren Natur, wie soll dieses Denken geeignet sein, die Lebensfähigkeit des sozialen Organismus irgendwie herbeizuführen? Mit dem innersten Gefüge des neuzeitlichen Denkens hängt es zusammen, daß der Mensch seine Ratlosigkeit, seine Unbeholfenheit gegenüber dem sozialen Leben zugestehen muß. Da muß vor allen Dingen eine Metamorphose des innersten menschlichen Anschauens, des innersten menschlichen Denkens eintreten, damit der Mensch nicht mehr so ratlos und unbeholfen den Dingen gegenübersteht.
[ 27 ] Derjenige, der heute vorurteilslos auf all dasjenige hinsieht, was da oder dort als sozial Neues sich geltend macht, der hat eigentlich das Gefühl, daß auflebt auf einem anderen Gebiete dasjenige, was Goethe im zweiten Teil des «Faust» in seiner Homunkulus-Szene als mittelalterlichen Aberglauben so schön dramatisch verkörpert hat. In diesem Mittelalter glaubte man, daß der menschliche Organismus selber hergestellt werden könne durch Zusammenfügung toter Stoffe und toter Kräfte, nach einem menschlichen Verstande, der selber eigentlich nur Herrschaft über das Tote har.
[ 28 ] Von diesem ist man als von einem Aberglauben abgekommen; aber es ist so, als wenn sich ein Aberglaube der Menschen von einem Gebiet hin verpflanzen wollte auf ein anderes Gebiet. Und das, was sich heute vielfach geltend macht als soziale Anschauung, es kommt einem vor wie eine Homunkulus-Theorie, wie wenn man keine Begriffe hätte von dem, was als lebender sozialer Organismus sich gestalten soll, wie wenn man diesen sozialen Organismus nur zusammenfügen möchte so, wie der mittelalterliche Alchimist den Homunkulus zusammenfügen wollte aus demjenigen, womit man sich durchdrungen hat als der nur auf das Tote gehenden naturwissenschaftlichen Denkweise. Das ist vor allem dasjenige, was überwunden werden muß.
[ 29 ] Neben die wirtschaftliche Entwickelung der Menschheit stellt sich die staatliche Entwickelung hin, die neben anderem vorzugsweise in der Ausgestaltung des Rechtes besteht, und es stellt sich hin das geistige Leben. Wie ich gesagt habe, die wirtschaftliche Entwikkelung, sie kann naturwissenschaftlich begriffen werden. Können es auch die beiden anderen Zweige des menschlichen Gesamtlebens? Kann es das Rechtsleben? Kann es das geistige Leben? - Diese Frage beantwortet sich, wenn man die Gestaltungen dieser beiden Lebenszweige in der neueren Zeit ein wenig ins Auge faßt. Als vor drei bis vier Jahrhunderten zu gleicher Zeit mit der technischen und kapitalistischen Entwickelung auch die neuere Weltanschauungsrichtung heraufkam, da war es so, daß das ganze Denken der Kreise, welche die Führenden waren, dahin drängte, in das staatliche Leben einzubeziehen immer mehr und mehr auf der einen Seite das geistige Leben, auf der anderen Seite das wirtschaftliche Leben.
[ 30 ] Das geistige Leben ist im Grunde genommen bis zu einem hohen Grade schon in das staatliche Leben eingeflossen. Man sieht geradezu den eigentlichen Fortschritt der neueren Menschheitsentwickelung darinnen, daß man die geistigen Lebenszweige, die früher mehr oder weniger selbständig waren, selbständig sich entwickelt haben, eingespannt hat in die staatliche Rechtsordnung. Wie stolz ist man darauf, um nur eines zu erwähnen, daf man es dahin gebracht hat, das ganze Schulwesen in die staatliche Rechtsordnung hineinzuzwängen.
[ 31 ] Mit dem Wirtschaftsleben ist es nicht so schnell gegangen; aber man hat es doch als einen wesentlichen Fortschritt angesehen, daß in das staatliche Gefüge hineingespannt worden sind die großen Verkehrsanstalten, Post, Telegraph, Eisenbahn; und je nachdem die leitenden, die führenden Kreise aus ihrem Interesse heraus das angemessen fanden, haben sie immer mehr und mehr von dem Wiirtschaftsleben hineingezwängt in das staatliche Leben.
[ 32 ] Weil nun der Blick wie hypnotisch auf dieses Wirtschaftsleben hingerichtet ist in der neueren Zeit, und weil das Proletariat vorzugsweise in dieses Wirtschaftsleben eingespannt ist, entstand für das Proletariat das Ideal: den Staat nun für sich so in Anspruch zu nehmen, wie früher die leitenden Kreise diesen Staat in ihrem Interesse in Anspruch nahmen und diesen Staat, wie er sich herausgebildet hat aus allen möglichen alten Formen, als Rahmen zu benutzen, um nun das gesamte Wirtschaftsleben wie eine gewaltige Genossenschaft hineinzuzwängen in diesen modernen Staat.
[ 33 ] Man kann geradezu zeigen, wie immer mehr und mehr unter dieser wirtschaftlichen Hypnotisierung auch die moderne proletarische Frage sich entwickelt hat. Man blicke nur zurück noch in die achtziger Jahre, in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts! Was galt da in den Klassen der Sozialdemokratie in Deutschland, was galt da dieser Sozialdemokratie als Ideal?
[ 34 ] Nun, die beiden Hauptpunkte dieses sozialdemokratischen Ideales waren etwa bis in die neunziger Jahre hinein erstens: Abschaffung aller sozialen und politischen Ungleichheit; zweitens: Abschaffung der eigentlichen Lohnverhältnisse, der Lohnarbeit. Das waren zwei, ich möchte sagen, aus einem allgemeinen Menschheitsbewußtsein hervorgehende Forderungen. Diese zwei Forderungen sind noch nicht vollständig durchdrungen von der Nuance, die nur nach dem wirtschaftlichen Leben hin orientiert ist. In den neunziger Jahren kommen an die Stelle dieser beiden Ideale, die ich soeben genannt habe, zwei wesentlich andere: erstens Verwandlung alles Privateigentums an Produktionsmitteln in Gemeineigentum; zweitens Umwandlung der Warenproduktion in eine sozialistisch durch und für die Gesellschaft geleitete und geführte Produktion. Ganz ausgelaufen in ein rein wirtschaftliches Programm sind da die sozialdemokratischen Forderungen.
[ 35 ] So, möchte ich sagen, zeigt sich gerade in ihrem heutigen Wirtschaftsprogramm die Sozialdemokratie als die letzte Vollstreckerin desjenigen, was im Grunde genommen die bürgerliche Weltanschauung im Laufe der letzten Jahrhunderte ausgebildet har.
[ 36 ] Nur derjenige sieht eigentlich das, was innerhalb des heutigen Proletariats als Forderung lebt, in der richtigen Weise an, der sich klar darüber wird, daß diese Forderungen nichts anderes sind als die letzte Konsequenz desjenigen, was die bürgerliche Weltordnung, die bürgerliche Wirtschaftsordnung bis zum heutigen Tage herausgebildet hat. Aber noch weiter ging es.
[ 37 ] Was ich Ihnen gerade vorhin charakterisiert habe als die neuere Weltanschauung, die ganz durchdrungen ist von den Impulsen der Naturwissenschaft, das ist es ja auch, was innerhalb der bürgerlichen Kreise sich im Laufe der letzten Jahrhunderte immer wieder und als die allem zugrunde liegende Welt- und Lebensanschauung gebildet hat. Woher haben die führenden Geister der Proletarier dasjenige, was sie heute denken, dasjenige, was sie in alles, was ihr soziales Wollen ist, hineingetragen? Sie haben es aus dem Erbgut der bürgerlichen wissenschaftlichen Vorstellungsart.
[ 38 ] Man darf schon sagen: Bisher war die Entgegennahme der bürgerlichen wissenschaftlichen Orientierung das letzte große Vertrauen, welches die proletarischen Kreise diesem Bürgertum entgegengebracht haben, im Grunde genommen bis heute entgegengebracht haben. Denn übernommen haben sie die bürgerliche Weltanschauung. Und mit dieser bürgerlichen Weltanschauung wurden sie an die Maschinen gestellt, wurden eingespannt in das verödende Leben, in das für sie verödende Leben des Kapitalismus, wurden weggerissen von all denjenigen Berufsarten, die den Menschen die Frage beantworten: Was bin ich eigentlich in der Welt? Neben der Maschine in ihrer Seelenlosigkeit und innerhalb der kapitalistischen Ordnung, in der man ein Rad ist, beantwortet sich nicht die Frage: Was bin ich eigentlich als Mensch innerhalb der menschlichen Entwickelung?
[ 39 ] Da entstand für den Proletarier vor allen Dingen die Forderung, von der Wissenschaft, von wissenschaftlicher Orientierung aus selbst die Antwort auf diese Frage zu erhalten. Ganz etwas anderes als für die bürgerlichen Kreise wurden die Bilder der neueren Weltanschauung für den Proletarier. Der Angehörige der bürgerlichen Kreise steht noch darinnen in einer Wirtschafts-, in einer Lebensordnung, die im Grunde genommen überall die Tradition, die Überlieferungen des Alten enthält. Er mag noch so sehr überzeugt sein von demjenigen, was unter dem alleinigen Einflusse der naturwissenschaftlichen Denkweise in der neueren Zeit sich ergeben hat, den ganzen Menschen erobert es bei ihm nicht; er hat von woanders her religiöse, geistige, künstlerische oder sonstige Impulse neben dieser modernen wissenschaftlichen Orientierung dastehen. Für den Proletarier ist diese moderne wissenschaftliche Orientierung dasjenige, das ihm die Frage beantworten soll: Was bin ich als Mensch?
[ 40 ] Oh, hat man hineingesehen in zahlreiche Proletarierseelen, in solche Seelen, die sich ihr Menschengefühl und ihre Sehnsucht nach Menschenwürde bewahrt haben, dann weiß man, wie sie lechzen danach, gerade von der modernen wissenschaftlichen Orientierungsseite her die Frage beantwortet zu bekommen: Was bedeute ich in der Welt als Mensch? - Dann stellt sich hin vor diese Seelen dasjenige, was in dem Ausdruck «Ideologie» schon gegeben ist: ein Geistesleben, das dem Menschen nicht verbürgt seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt, ein Geistesleben, das nur in unwirklichen Ideen, nur in einer Ideologie bestehen soll; es kann die Seelen nicht tragen. Das mag der Einzelne nicht wissen, die Wirkung davon ist in der Seele! Das ist dasjenige, was die Seelen verödet, daß das Proletariertum von dem Bürgertum und den leitenden Kreisen ein Denken, eine Weltanschauung übernommen hat, die den Menschen nicht ausfüllen kann, daß der Proletarier, der weggerissen worden ist von den alten Lebensordnungen, nicht glauben kann, nicht verbunden sein kann mit den alten Überlieferungen, an denen noch die anderen hängen, und daß diese naturwissenschaftliche Denkweise, die nur das ist, was das Tote begreifen kann, ihm doch keine Antwort geben kann auf die Frage nach den höchsten Dingen, nach denen er doch mehr oder weniger unbewußt sich sehnend fühlt, nach dem Leben der eigenen Seele innerhalb der Weltenordnung. Das ruht im Grunde in jeder Proletarierseele; mag sich dasjenige, was daraus kommt, in noch so schlimmen Formen ausleben, das ruht auf dem Grund der Proletarierseelen. Und selbst dasjenige, was als Ausschreitungen der heutigen sozialen Bewegung sichtbar wird, es wird nur deshalb sichtbar, weil jene Seelenöde vorhanden ist, die unter dem Einflusse des eben Geschilderten gekommen ist.
[ 41 ] Sehen wir uns an: Wie haben sich in der letzten Zeit die Lebensweisen, denen der Mensch schon auch etwas verdanken muß neben der naturwissenschaftlichen Ordnung, die dem Proletarier das eben Geschilderte brachte, wie haben sich diese entwickelt? Gewiß, der Glaube an den Staat, so wie er sich im Laufe der neueren Zeit ergeben hat, der ist fest verankert in vielen Seelen, die durchaus nicht umlernen wollen, der Glaube an den Staat, der am besten alles unter seine Fittiche nehmen würde, was auch Wirtschafts-, was auch Geistesleben ist! Weil dieser Glaube so tief verankert ist, deshalb wird von den Tatsachen so wenig gelernt. Sprechen denn nicht eigentlich die letzten viereinhalb Jahre allzu deutlich von dem, was die Staaten mit ihren Missionen erreicht haben über einen großen Teil der Erde hin? Die Zeiten werden eintreten müssen, in denen man sehen wird, daß dasjenige, was man als furchtbarste Weltkatastrophe erlebt hat, eine Folge der Struktur der ganzen Organisation der modernen Staaten ist. Und untersucht man, was dazu geführt hat, daß die Staaten durch ihr eigenes Tun in diese Weltkatastrophe hineingetrieben sind, so muß man doch fragen: Wie haben die Staaten zu bewältigen versucht und bewältigen können dieses Zusammengefüge der drei Lebensgebiete: des geistigen, des staatlichen oder Rechtslebens und des Wirtschaftslebens? Als Staaten sind sie in den Weltkrieg hineingetrieben! Und wer namentlich die Ausgangspunkte dieses Weltkrieges beobachtet, der wird starke Argumente gegen den Bestand, das Zusammenfügen, die innere Struktur der in den letzten drei bis vier Jahrhunderten der Menschheitsentwickelung zutage getretenen Staaten sehen.
[ 42 ] Aus einem anderen geht aber hervor, wie das Geistesleben eigentlich gerade in derjenigen Zeit sich entwickelt hat, in der esam meisten in Anspruch genommen wurde durch alles dasjenige, was dem Staate angehört, in der Zeit, in der man so stolz darauf war, die Gewalt des Staates über alles Geistige immer mehr und mehr auszudehnen.
[ 43 ] Das ist im Grunde genommen ein nur mit starken pessimistischen Strichen zu zeichnendes Kapitel der neueren geschichtlichen Entwickelung! Sehen wir uns einmal dieses Geistesleben der letzten drei bis vier Jahrhunderte an: Loblieder sind ihm viele gesungen worden. Aber die charakteristischen Eigenschaften, sie sind im Grunde wenig betont worden. Die Stimmen unserer Zeit werden genötigt sein, anderes gerade von diesem Geistesleben der letzten drei bis vier Jahrhunderte auszusagen, als in den Lobliedern, die ihm gesungen worden sind, ausgesagt wurde. Ein charakteristisches Merkmal dieses Geisteslebens lassen Sie mich hervorheben.
[ 44 ] Sehen wir nicht, wenn wir wirklich unbefangen sehen wollen, wie große, bedeutende Menschen im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte aufgetreten sind? Wenn sie nicht gerade auf dem Gebiete gewirkt haben, das unmittelbar für das Leben, das man eben führte, notwendig war, haben gerade die hervorragendsten Geister eine irgendwie einschlagende Wirkung gehabt? Darüber sollte man sich keinen Illusionen hingeben.
[ 45 ] Lassen Sie unseren Blick einmal lenken auf eine sehr, sehr bedeutende Persönlichkeit der neueren Zeit: auf Goethe. Kennen die Menschen Goethe wirklich? Im Gegenteil! Nichts wissen wir im Grunde von diesem Goethe! Ist denn dasjenige, was als gigantisches, großes, gewaltiges Geistesleben in diesem Goethe lebt, irgendwie in die Seelen der Menschen eingezogen? Nein, nirgendwo! In Deutschland selbst hat man, nachdem Goethe mehr oder weniger ein Liebling vornehmer Kreise gewesen ist, in den achtziger Jahren eine «GoetheGesellschaft» gegründet. Ist diese «Goethe-Gesellschaft» eine Angelegenheit der Nation, wie es das geistige Erbgut Goethes notwendig machen sollte? Nein, sehr verehrte Anwesende! Jemand, der selbst lange Zeit innerhalb dieser «Goethe-Gesellschaft» gewirkt hat, aber immer in Opposition war gerade mit den leitenden Kreisen dieser Goethe-Gesellschaft, der darf es Ihnen sagen: Diese «Goethe-Gesellschaft» ist eine pedantische, gelehrte Ausgestaltung desjenigen, was äußerlich, aber nicht innerlich etwas mit diesem Goethe zu tun hat! Das Geistesleben der neueren Zeit, nicht nur bei Goethe, sondern bei allen anderen Größen, ist nicht übergegangen in das allgemeine menschliche Leben. Es ist ein Geistesleben, das gewissermaßen die neuere Menschheit nicht annehmen konnte. Wenn sie es angenommen hat, hat sie es höchstens so angenommen, daß als Sensation dies oder jenes aufgenommen worden ist, daß man sich informiert hat über dieses oder jenes, daß man gewissermaßen dieses oder jenes auch salonfähig gemacht hat. Als zum Beispiel die «Goethe-Gesellschaft» lange Zeit experimentiert hatte mit ihrem Vorstande, ist sie zuletzt darauf verfallen, einen gewesenen preußischen Finanzminister, der nie irgendeine innere Beziehung zu Goethe gehabt hat, zum Vorsitzenden der «Goethe-Gesellschaft» zu machen! Das ist nur eine der charakteristischen Erscheinungen; sie könnte nicht nur verzehnfacht, sie könnte verhundertfacht, vertausendfacht werden, ja vermillionenfacht, wenn man eingehen würde auf dieses moderne Geistesleben. Dieses Geistesleben ist gerade darinnen charakterisiert, daß die weitesten Kreise der Menschheit gerade die bedeutenden Leistungen nicht haben aufnehmen können, daß diese bedeutenden Leistungen leben mußten in der tragischsten Weise wie Parasiten der Menschheitsentwickelung. Das gehört in einem tieferen Sinne, als man gewöhnlich glaubt, zu der Entwickelung des sozialen Bewußtseins und des ganzen sozialen Lebens in der neueren Zeit. Und wenn man sich nicht wird bequemen wollen, in solchen Erscheinungen des Geisteslebens ein Bedeutsames zu sehen für die moderne soziale Entwickelung, so wird man niemals den Übergang finden zu wirklichem, inhaltsvollem sozialen Wollen.
[ 46 ] In gewisser Hinsicht ist dieses neuere Geistesleben eine sterile Theorie geworden. Warum? Wer da weiß, welches die Bedingungen eines wirklichen Geisteslebens sind, der weiß, daß das Geistesleben niemals in den Machtbereich irgendeiner äußeren Gewalt eingespannt werden darf, wenn es gedeihen soll. Die Naturwissenschaft, die nur auf das Tote gerichtet ist, und alle diejenigen Geisteszweige, die sich der Naturwissenschaft angenähert haben unter dem Zwang der neueren Verhältnisse, sie konnten in die Strukturen der Staaten eingespannt werden. Aber herausgetrieben wurden aus diesen Staatsstrukturen diejenigen Zweige des Geisteslebens, die auf den individuellsten Fähigkeiten der Menschen beruhen, die gerade die Stoßkraft entwickeln sollten in dem Menschen zum seelischen Wollen. Deshalb fehlt unserem neueren Geistesleben jene Stoßkraft, die die alten Religionsvorstellungen gehabt haben, weil in den weitesten Kreisen die Menschen nicht in der Lage sind, nicht imstande sind, dasjenige aufzunehmen, was in die Entwickelung der Menschheit hineinläuft, und was leider in tragischer Weise eben wie Parasiten leben muß.
[ 47 ] Man wird für diese Erscheinungen eine Erklärung finden. Sie liegt darinnen, daß in der neueren Zeit ein besonderer Fortschritt gesehen wurde in der Verquickung des geistigen Lebens mit dem Staatsleben. Ehe man nicht darauf aufmerksam werden wird, daß auf diesem Gebiete eine radikale Umkehr notwendig ist, wird von dieser einen Seite her die soziale Gesundung nicht kommen können. Das Geistesleben, Schulleben, alle anderen Zweige des Geisteslebens, sie müssen ein besonderes selbständiges Glied des gesunden sozialen Organismus ausmachen; sie müssen herausgelöst werden aus dem Gefüge des Staates, dem nur eigentlich die Versorgung des Rechtslebens, des eigentlich politischen Lebens, bleiben soll.
[ 48 ] Man könnte auf mancherlei Erscheinungen hinweisen, wenn man besprechen wollte, wie nicht bloß die Verwaltung der Wissenschaft, die Verwaltung des geistigen Lebens abhängig geworden ist von staatlichen Machtmitteln und Zwängen, sondern wie auch der Inhalt der Wissenschaft selbst abhängig geworden ist, das innerliche Treiben im Wissenschaftlichen abhängig geworden ist. Daher zeigt es sich, wie wenig geeignet gerade derjenige ist, der eigentlich als Wissenschafter groß ist, wenn er Naturwissenschafter ist, mit Bezug auf soziales Denken und soziales Wollen. Ein charakteristisches Beispiel dafür: Man konnte in der letzten Zeit als einen vorurteilslosen Geist Oscar Hertwig, einen bedeutenden Naturforscher auf biologischem Gebiet, anführen, der in seinem ausgezeichneten Buch «Das Werden der Organismen - eine Widerlegung der Darwinischen Zufallstheorie», unsäglich Bedeutendes für die Entwickelung des neueren naturwissenschaftlichen Denkens geleistet hat. Derselbe Oscar Hertwig hat den unglückseligen Versuch gemacht, in einem kleinen Büchelchen seine naturwissenschaftliche Denkweise für das soziale und rechtliche und Staatsleben zum Ausdruck zu bringen. Man kann sich kein unsinnigeres, ungesünderes Machwerk denken, neben dem großen Werk auf dem Gebiete der Naturwissenschaft des Oscar Hertwig, als dieses kindische Büchelchen über die sozialen, über die Rechtsfragen und andere ähnliche Fragen, Wissenschaftsfragen der neueren Zeit! Das ist so recht ein Beweis, wie sich unter der Verstaatlichung des geistigen Lebens eine Denkart ausgebildet hat, die einfach nicht eindringen kann in dasjenige, was innerhalb der sozialen Forderungen liegt.
[ 49 ] Abhängig geworden überhaupt in einer merkwürdigen Weise ist dieses geistige Getriebe von etwas anderem; so daß schließlich schon wirklich gar keine Seltenheiten solche Gelehrte sind wie der Historiker Heinrich Friedjung. Ich spreche wahrhaftig nicht aus Animosität gegen Heinrich Friedjung; er war mir ein lieber Jugendfreund, aber heute sind die Zeiten so ernst, daß nur sachliche Interessen in Betracht kommen. Jener Heinrich Friedjung, der Historiker, der, wie man sagt, ein epochemachendes Werk über das neuere Österreich geschrieben hat, er hat die historische Urkundenmethode, die Methode zum Untersuchen historischer Urkunden, angewendet; er hat sich mit seiner Geschichte in den Dienst des österreichischen Außenministers, des Barons Ährenthal gestellt; er hat, wie er glaubt, nach treu historischer Methode bewiesen, daß gewisse österreichfeindliche Machenschaften von sieben Verschwörern herrühren müssen. Zu einer Gerichtsverhandlung ist es darüber gekommen. Heinrich Friedjung konnte darauf hinweisen, daß er doch kein Historiker ist, der leicht zu nehmen ist, daß die Universität Heidelberg ihm den Ehrendoktor gegeben hat. Trotzdem Friedjung nach streng geschichtlicher Methode bewiesen hatte, daß die Dokumente, mit denen Baron Ährenthal die Serben verurteilen wollte, echt seien, hat das Gericht anerkennen müssen, daß sie plumpe Fälschungen sind.
[ 50 ] Damals wurde die geschichtliche Methode selber verurteilt. Wir leben nur leider heute in einer Zeit, in der man solche Dinge nicht ernst genug, vor allen Dingen nicht tief genug nimmt, indem das geistige Leben überhaupt, trotz des Ernstes, mit dem es betrieben wird, wie eine Nebenströmung des übrigen Lebens einherläuft. Für mich ist immer charakteristisch gewesen für diese Äußerlichkeit, mit der tiefstes Geistesleben heute genommen werden kann, dasjenige, was ich nennen möchte den Grafen mit den zwei Hosentaschen. Ich erlebte diesen Grafen mit den zwei Hosentaschen, einen geistreichen Menschen, ich erlebte ihn bei einem meiner Besuche im NietzscheArchiv. Er war eine vertraute Persönlichkeit des Nietzsche-Archivs. Er hatte zwei Hosentaschen, aus der einen zog er mir heraus dazumal, als wir gerade aus dem Nietzsche-Archiv herausgingen, eine Bibel, eine vollständige Bibel in Perldruck; er konnte sie in die Hosentasche stecken. Er sagte: Sehen Sie, die führe ich immer bei mir. Ich habe aber noch eine andere; und er zog aus der anderen Hosentasche den «Zarathustra», ebenso in Perlschrift herausgegeben, damit ich es sehe. So hatte der Graf mit sich getragen, oder wollte wenigstens mit sich tragen die zwei für ihn bedeutendsten Bücher! Ich möchte sagen, das ist ein rein symbolischer Ausdruck für manche derartige Angelegenheiten des modernen Menschen, überhaupt zu den geistigen Dingen zu stehen. Der Graf mit den zwei Hosentaschen war ganz symbolisch, die eine Hosentasche war gefüllt mit der Bibel, die andere mit Nietzsches «Zarathustra». So sehen wir, wie das neuere Geistesleben steril, unfruchtbar geworden ist, trotz aller Loblieder.
[ 51 ] So sehen wir, daß das Staatsleben, so wie es sich in der neueren Zeit bis heute entwickelt hat, sich durch die Weltkatastrophe gewissermaßen selbst ad absurdum geführt hat. Muß da nicht die Frage aufgeworfen werden: Lebt nicht gerade in der Zusammenfügung der drei wichtigsten Lebenszweige, dem Rechtsleben, Geistesleben und Wirtschaftsleben dasjenige, was uns in die Weltkatastrophe hineingetrieben hat, was uns die heutigen sozialen Tatsachen nicht bewältigen läßt?
[ 52 ] Wer eingeht auf die Art und Weise, wie allmählich diese drei Zweige des menschlichen Lebens im Staatsleben aufgegangen sind, der kann gar nicht anders, als erkennen, daß in der Wiederauflösung, in der Wiedertrennung mit Bezug auf die drei angeführten Glieder die Gesundung des sozialen Organismus liegt. Lebendig, lebensvoll, nicht bloß nach Homunkulusart, wird man über den sozialen Organismus erst denken, wenn man wirklich nach den Lebensbedingungen des Geisteslebens auf der einen Seite, des Rechts- oder politischen Lebens im Staate auf der anderen Seite, und schließlich nach den Bedingungen des Wirtschaftslebens frägt. Dann wird man aber auch darauf kommen, daß diese drei Lebenszweige durchaus verschiedenartige Grundlagen haben, daß sie sich am besten dann entwickeln, wenn ein jeder dieser Lebenszweige streng auf sich selbst gestellt ist.
[ 53 ] Man konnte in der neueren Zeit dies nur aus dem Grunde nicht einsehen, weil eben wie hypnotisiert der Blick der Menschen nur nach dem Wirtschaftsleben hin gerichtet war. Und so sah man vor allen Dingen den Menschen mit seiner Arbeitskraft eingespannt, wenn er Proletarier war, in das Wirtschaftsleben. In diesem Wirtschaftsleben, im Wirtschaftskreislauf sollte sich eigentlich nur dasjenige bewegen, was Ware oder warenähnliche Leistung ist. Das empfindet auch der moderne Proletarier. Das drückt sich in seinen Forderungen aus, wenn er auch, was er wörtlich sagt, anders formuliert, er empfindet es als seiner Menschenwürde widersprechend, daß er eingespannt ist in den Wirtschaftsprozeß, wie die Ware selbst. Wie die Waren ihren gegenseitig zu bestimmenden Preis haben, so hat innerhalb dieser Preisbildung einen Preis auch dasjenige, was menschliche Arbeitskraft ist. Das war auf der einen Seite das einschlagende in der Lehre von Karl Marx, daß er die tiefsten Empfindungen des Proletariats mit Bezug auf die Arbeitskraft zum Ausdruck brachte, dafß3 er die Leute darauf aufmerksam machte: Wie Ware nach Angebot und Nachfrage auf dem Warenmarkte gekauft und verkauft wird, so wird eure Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkte gekauft und verkauft. In dieser Beziehung muß man noch radikaler werden als Karl Marx selber, wenn es zur Gesundung des sozialen Organismus kommen soll. Man muß sich klar darüber sein, daß menschliche Arbeitskraft etwas ist, was schlechterdings in nichts sich vergleichen läßt mit Ware, was daher auch nicht in irgendeiner Beziehung einen Preis haben kann wie irgendeine Ware. Das fühlt derjenige Mensch, der seine Arbeitskraft zum Markt tragen muß, er fühlt, daß wir nun schon angekommen sind in demjenigen Zeitpunkt menschlicher Entwickelung, wo auch das dritte folgen muß, zu zwei anderen Dingen hinzu, die gefallen sind im Laufe der menschheitlichen Entwikkelung. Gefallen ist innerhalb des menschlichen Lebens das alte Sklaventum, wo der ganze Mensch gekauft und verkauft werden konnte; gefallen ist das Leibeigentum, wo schon weniger vom Menschen gekauft und verkauft werden konnte; fallen muß auch das dritte, das die kapitalistische Wirtschaftsordnung noch bewahrt hat, fallen muß die Tatsache, daß gekauft und verkauft werden kann auf dem Arbeitsmarkte die menschliche Arbeit. Denn indem der Mensch seine Arbeitskraft verkauft, muß er selber mitgehen mit seiner Arbeitskraft. Indem er selber mitgehen muß, verkauft er doch gewissermaßen noch ganz sich selbst. Das ist dasjenige, was gefühlt wird: wir sind angekommen an dem Punkte der menschlichen Entwickelung, wo nichts mehr vom Menschen gekauft und verkauft werden darf, wo dem Wirtschaftsleben nur bleiben darf dasjenige, was abgesondert vom Menschen, objektiv für sich einen Wert haben kann. Das ist: dem Wirtschaftsleben, dem Wirtschaftskreislauf dürfen in der Zukunft nur eigen sein Warenproduktion, Warenverkehr, Warenkonsum.
[ 54 ] Was im Wirtschaftsleben steckte vom Menschen, was heute noch zum Teil vom Menschen drinnensteckt, die menschliche Arbeitskraft, muß heraus. Sie kommt nicht anders heraus aus dem Wirtschaftsleben, als wenn sie im gesunden sozialen Organismus selbständig verwaltet wird, wenn nicht zu einer Wirtschaftssache, sondern zu einer Rechtssache die Arbeitskraft wird, das heißt, wenn neben dem Wirtschaftsorganismus der Rechtsstaat, der politische Staat sich entwickelt. Im Wirtschaftsleben wird herrschen die Brüderlichkeit, jene Brüderlichkeit, die gewissermaßen Brüderlichkeit im großen Stile ist, wo ein assoziatives Leben aus den Berufsgemeinschaften, aus der Regelung der Produktion nach der Konsumtion und so weiter ist. In den politischen Staat, der wieder ganz selbständig, wie ein souveräner Staat neben einem anderen Staat, sich neben dem Wirtschaftsleben entwickeln wird, in ihm wird herrschen demokratische Gleichheit aller Menschen. Alle Einrichtungen werden so sein müssen, daß dasjenige da zur Geltung und zum Ausdruck kommt, in dem alle Menschen untereinander gleich sind, was alle Menschen angeht. Da wird vor allen Dingen festzulegen sein dasjenige, was sich auf das Arbeitsrecht bezieht, neben vielen anderen Dingen. Aber das Arbeitsrecht kommt zunächst für die soziale Bewegung in der Gegenwart in Frage. Ganz unabhängig von dem wirtschaftlichen Gebiete wird im selbständigen Rechtsstaate unter den Menschen Gleichheit herrschen, ob sie geistig oder physisch arbeiten, das Arbeitsrecht wird dort geregelt werden.
[ 55 ] Was wird dadurch eintreten? Dadurch wird eintreten, daß das Wirtschaftsleben als ein in sich abgeschlossenes Gebiet auf der einen Seite grenzt an die Naturordnung, auf der anderen Seite grenzt an das Rechtsleben. Von der Naturordnung ist das Wirtschaftsleben abhängig. Ob in irgendeinem Jahre die Äcker fruchtbar sind oder nicht, was für Kräfte da unter der Erde überhaupt sind, davon hängt vieles im Wirtschaftsleben ab. Man kann durch technische Einrichtungen der Fruchtbarkeit des Bodens eine andere Naturbedingung bringen, ihr durch andere Bedingungen des Wirtschaftslebens be:kommen, aber eine Grenze ist in bezug auf dasjenige, was durch diese Naturbedingungen vorliegt, bestimmt. Das drückt sich in Preisbildungen des Wirtschaftslebens, in allen Einrichtungen des Wirtschaftslebens aus. Niemandem wird einfallen, irgendwie die Natur abhängig machen zu wollen von den Einrichtungen des Wirtschaftslebens. Ebenso unabhängig, wie die Natur selbst, ebenso unabhängig wie von unten her die Keime der Körnerfrüchte heraufkommen, die unabhängig von dem Wirtschaftsleben sind, ebenso unabhängig müssen die innerhalb des Rechtslebens geregelten Arbeitsrechte sein. Der Arbeiter tritt ein in den Wirtschaftskreislauf mit Rechten, die außerhalb dieses Wirtschaftskreislaufes gebildet werden, so wie die Naturkräfte außerhalb des Wirtschaftskreislaufes liegen. Alle Preisbildungen, alles dasjenige, was im Wirtschaftsleben sich überhaupt entwickelt, das entwickelt sich dann auf Grundlage des außer dem Wirtschaftsleben entstandenen Arbeitsrechtes. Das Arbeitsrecht ist preisbildend, nicht aber wird der Preis der menschlichen Arbeitskraft aus dem Wirtschaftskreislauf heraus bestimmt.
[ 56 ] Das wird allein das gesunde Verhältnis des menschlichen physischen Arbeiters zu dem geistigen Leiter abgeben können. Dann wird der Arbeiter nicht mehr den heutigen illusorischen Vertrag zu schließen brauchen über seine Arbeitskraft, dann wird er jenen einzig möglichen Vertrag schließen können, der sich bezieht auf die entsprechende Teilung des gemeinsam von dem physischen Arbeiter und dem geistigen Leiter Produzierten. Auf keine andere Weise als durch strenge Absonderung des staatlichen Lebens von dem Wirtschaftsleben läßt sich das erreichen, was notwendig ist auf diesem Gebiete.
[ 57 ] Ebenso notwendig ist aber auf der anderen Seite das selbständige, das freie Geistesleben. Dasjenige, was sich im Staate entwickeln kann, ist nur gesunde Entwickelung, wenn im Staate nur dasjenige geregelt wird, was gleich gilt für alle Menschen. Das geistige Leben, es wird einfach ertötet, wenn es sich bilden soll auf derselben Grundlage, auf der die Rechte, auf der das politische Leben sich bildet. Das geistige Leben muß sich herausbilden aus einer auf sich selbst gestellten Versorgung und Verwaltung der individuellen Fähigkeiten der Menschen. Das wird dann Geistesleben sein, das emanzipiert wird von dem Staatsleben, das nun wirklich die menschliche Seele wiederum zu tragen imstande sein wird. Das wird keine Ideologie sein, das wird kein Geistesleben sein, welches nur abstrakte Begriffe liefert; das wird ein Geistesleben sein, welches seine eigene Wirklichkeit voll und ganz beweisen wird, welches den Menschen mit seiner Seele tragen wird, den Menschen wieder hineinstellen wird in eine geistige Ordnung. Das ist dasjenige, was der heutige Proletarier noch ablehnt. In den Untergründen seiner Seele lechzt er nach einem solchen Geistesleben, weil er fühlt, daß die Seele sonst verödet.
[ 58 ] Eine furchtbar ernste Angelegenheit ist dieser Ruf nach einer freien Gestaltung des geistigen Lebens. Deshalb ist die Sache so ernst, weil alle Triebe der Menschen, alles dasjenige, was sich nach den landläufigen Anschauungen der neueren Zeit, nach den Denkgewohnheiten herausgebildet hat, weil das dieser Gesundung des sozialen Organismus zuwiderläuft. Deshalb ist es auch, warum man gerade über diese Forderung des freien Geisteslebens, des auf sich selbst gestellten freien Geisteslebens, zu denjenigen sprechen möchte, die heute die Jugend darstellen. Wenn Wissenschaft und Weltanschauung, Geistesleben überhaupt, in die Zukunft hinein tragbar sein sollen, dann brauchen wir ein Geistesleben, das etwas anderes ist als dasjenige, was auf die Basis des Staates gestellt werden kann. Sie sollen fühlen, daß es etwas anderes sein wird, wenn der Lehrer der untersten Stufe weiß: dasjenige, was er zu tun hat, wird verwaltet von denjenigen, die nur verwalten innerhalb eines auf sich selbst gestellten geistigen Organismus, wenn ein Lehrer weiß, er ist nicht abhängig von irgendwelchen Maßregeln des Staates. Wenn in weitem Umfange nicht mehr der Staat erzieherisch wirkt, wenn diejenigen, die Theologen, Juristen, Mediziner und so weiter werden wollen, nicht mehr vom Staate abhängig sind, und namentlich auch gefühlt wird, daß man gerade braucht, wenn aus den Bedürfnissen des Geisteslebens selbst heraus sich dieses entwickeln wird, daß man gerade brauchen wird dasjenige, was der Geist für die Menschheit nötig hat, dann wird sich ein Geistesleben entwickeln, das zurückwirken kann auf die anderen Zweige des menschlichen Gesamtlebens.
[ 59 ] Haben wir eben besprochen, welche Gestalt eigentlich die proletarischen Forderungen nach der Aufhebung des Lohnverhältnisses einnehmen müssen, so können wir jetzt darauf hinweisen, wo die wahre Gestalt der Kapitalfrage liegt.
[ 60 ] Viele Menschen reden heute vom Geist, von jenem Geiste, der unter der Entwickelung der letzten Jahrhunderte zum Schatten, zur Ideologie geworden ist. Aus diesem Geiste kann man nichts die Seelen Tragendes herausholen. Dieser Geist, dieses Geistesleben ist zum großen Teil auch zu demjenigen geworden, was keine Schlagkraft hat, um einzulaufen in das unmittelbar praktische Leben. Deshalb fand Karl Marx nichts anderes als das wirtschaftliche Leben, das ihm noch irgendwelche Realitäten garantierte. Er sagte: In der Praxis muß der Mensch erfahren, daß sein Denken wirklich eine Bedeutung hat, daß die Wahrheit seines Denkens wirklich sich ausgestalten kann. Aber diese Praxis fand man nur im Wirtschaftsleben. Das geistige Leben muß sich selber die Lebenspraxis geben können aus Untergründen heraus, die Wirklichkeiten sind. Das ist es, was diese Angelegenheiten gerade zu etwas ungeheuer Ernstem macht. Dann aber wird dieses Geistesleben nicht jene Abstraktheiten haben, welche heute unser großes soziales, innerlich soziales Übel sind; dann wird dieses Geistesleben als ein sehr Konkretes Gestalt annehmen.
[ 61 ] Oh, sehen wir uns dieses Geistesleben noch einmal von einem gewissen Gesichtspunkte aus an. Wir sehen, wie innerhalb dieses Geisteslebens die ethischen Forderungen konstruiert worden sind, wir sehen, wie innerhalb dieses Geisteslebens aus gewissen philosophischen Unterlagen heraus Ethiken des Fühlens, Ethiken der Nächstenliebe, Ethiken der göttlichen oder moralischen Weltenordnung begründet worden sind. Wovon sprechen diese Ethiken? Viel sprechen sie von der notwendigen Nächstenliebe, von dem menschlichen Wohlwollen, von der Brüderlichkeit. Ihre Begriffe, ihre Ideen aber, sie bleiben eben in abstrakter Höhe, schattenhaft, dringen nicht hinunter in das unmittelbare alltägliche Leben. Philiströs - das ist das Wort, wenn es auch radikal ausdrückt etwas, was dem Menschen nicht so radikal erscheint -, philiströs geworden ist unser Geistesleben. Unwahr ist es geworden. In abstrakten Höhen bewegt es sich, nicht untertauchen kann es in die unmittelbare praktisch-alltägliche Wirklichkeit. In diese aber muß es untertauchen. Antiphiliströs muß es werden. Wenn es untertaucht in dasjenige, was Alltäglichstes ist an Bedürfnissen des täglichen Lebens, wenn der Geist sich darin bewährt, daß er eingreifen kann in die unmittelbarsten, ich möchte sagen, alltäglichsten Handlungen des Menschen, dann erst wird sich die Kraft des Geistes im sozialen Leben zeigen können. Dann aber wird sich zeigen, daß die Kapitalismusfrage zu gleicher Zeit gelöst werden wird mit der Frage des geistigen Lebens. Gewiß, abstrakt formuliert, enthält es viel für sich, wenn man davon spricht, daß das Privatkapital das moderne Menschenleben dem Zerfall und dem wirtschaftlichen Kriege überliefert hat und daß da eine Abänderung eintreten muß. Man weiß zunächst nichts anderes, als zu sagen: Also muß das Privateigentum aufhören. Man kann so ehrlich sein, wie nur irgend jemand mit dieser Forderung ehrlich sein kann, man kann aber dennoch der Anschauung sein, gerade aus einer tieferen Erkenntnis der sozialen Impulse heraus, daß mit der Umwandlung des Privateigentums in Gemeineigentum nichts Besonderes erreicht wird. Im Gegenteil, es würde an die Stelle des verödenden Kapitalismus der nicht minder verödende Bürokratismus treten. Es würde an die Stelle von Thron und Altar Fabrik und Kontor treten. Nun, ob die Verhältnisse besser wären, das muß noch bezweifelt werden.
[ 62 ] Dasjenige, um was es sich handelt, ist, daß wirklich dasjenige einträte, was eigentlich gemeint ist, was im Unterbewußtsein der Proletarier eigentlich lebt, daß das Kapital, das durch die Verbindung mit den individuellen menschlichen Fähigkeiten in der Verwaltung des Kapitals da ist, in einer gewissen Weise eingreift in den wirtschaftlichen Prozeß. Gerade nicht dem Egoismus des einzelnen, sondern der Allgemeinheit soll gedient werden. Denn auf diesem Gebiete empfindet der Proletarier ein ungeheuer bedeutsames nationalökonomisches Prinzip, das vielleicht gerade deshalb, weil es so recht dem Leben entlehnt ist, weil es so recht bedeutend ist, von den neueren Nationalökonomen niemals betont worden ist. Man redet im Ethischen, im Sittlichen von Altruismus, von Egoismen als von Gegensätzen, man findet den Altruismus schön, den Egoismus außerordentlich häßlich. Man bedenkt folgendes nicht: Sobald man in das gewöhnliche wirtschaftliche Leben, in denjenigen sozialen Organismus hineinschaut, in welchen im modernen Sinne an die Stelle der alten primitiven Wirtschaft jene Wirtschaft getreten ist, die auf Arbeitsteilung beruht, ist das Tatsache, daß, je weiter die Arbeitsteilung fortgeschritten ist, desto weniger der einzelne Mensch jedenfalls volkswirtschaftlich für sich arbeiten kann.
[ 63 ] Ich spreche damit ein volkswirtschaftliches Prinzip aus, das ich mich seit dem Jahre 1904 bemühe, populär zu machen; allein die Menschheit will dieses volkswirtschaftliche Prinzip nicht verstehen. Ob man will oder nicht, in einem sozialen Organismus, in dem Arbeitsteilung herrscht - und das ist bei jedem sozialen Organismus der modernen zivilisierten Welt der Fall -, in einem solchen sozialen Organismus kann nicht wirtschaftlich egoistisch gearbeitet und gewirkt werden. Alles, was der einzelne arbeitet, muß der Gesamtheit zufallen. Und alles dasjenige, was dem einzelnen zukommt, kommt ihm vom sozialen Kapital her zu. Nach der Ablösung der Naturalwirtschaft durch das Geld, der weiteren Arbeitsteilung, die durch das Geld eingetreten ist, ist dies ein fundamentales volkswirtschaftliches Prinzip geworden, daß der Mensch nicht für sich arbeiten kann in einem sozialen Organismus, in dem Arbeitsteilung herrscht, daß er nur für andere arbeiten kann.
[ 64 ] In Wahrheit kann man in einem sozialen Organismus ebenso wenig für sich arbeiten, wie man sich selber aufessen kann. Sie werden sagen: Wenn einer ein Schneider ist und er sich selber einen Anzug macht, dann arbeitet er doch für sich. Es ist nicht wahr, wenn das in einem sozialen Organismus geschieht, in dem Arbeitsteilung ist; denn das Verhältnis, das er dadurch zwischen dem Rock und sich selber herstellt, indem er diesen Rock für sich in einem sozialen Organismus mit Arbeitsteilung herstellt, ist ein ganz anderes, als in einer primitiven Wirtschaft. Es ist allerdings nicht möglich, heute in diesen kurzen Auseinandersetzungen Ihnen die vollgültigen Beweise vorzuführen, allein man kann diese Beweise erbringen, und ich werde hinweisen auf diese Dinge in meinem Buche über «Die Kernpunkte der sozialen Frage». Man kann diesen Beweis liefern, daß wenn heute sich ein Schneider einen Rock näht, er ihn aus dem Grunde näht, damit dieser Rock seinem Mitmenschen dient, damit er für andere Menschen arbeiten kann. Der Rock ist heute für den Schneider nicht mehr zum Selbstverbrauch allein zu fabrizieren, ist nicht im egoistischen Sinne zu fabrizieren, ist Produktionsmittel. Diesen anderen Charakter hat er angenommen einfach dadurch, daß der Schneider lebt in einem sozialen Organismus, der auf dem Prinzip der Arbeitsteilung beruht.
[ 65 ] Unter allem, was geschieht, ist dieser volkswirtschaftliche Altruismus das Tätige. Sündigt man dagegen, das heißt, setzt man über diesen sich selber realisierenden Unterbau jenen Überbau, durch den man sich aneignet in egoistischer Weise die Früchte, die eigentlich im wahren sozialen Prozeß der Allgemeinheit zufließen, so setzt man das in die Welt, was ich nennen möchte: eine reale Lüge. Der Egoismus der heutigen Wirtschaftsordnung ist nichts anderes als eine Summe von realen Lügen, von Sünden wider dasjenige, was doch eigentlich unter der Oberfläche geschieht, und was steht unter dem Gesetze des sozialen, des wirtschaftlichen Altruismus.
[ 66 ] Und es ist die Reaktion der menschlichen proletarischen Seele, die da fühlt, daß im modernen sozialen Organismus, der auf Arbeitsteilung beruht, Altruismus wirtschaftlich herrscht, es ist die Reaktion auf den ungesunden, verlogenen Egoismus, der sich auslebt in dem Kampf gegen den Kapitalismus.
[ 67 ] An die Stelle desjenigen, was heute einfach sozialer Unverstand ist in weitesten Kreisen der führenden Klassen der Menschheit, muß soziales Verständnis treten. Dann wird soziales Verständnis auch dafür eintreten, daß dasjenige, was durch das Kapital geschieht, ein Kreislauf werden müsse, daß gesorgt werden müsse, daß Verwalter des Kapitals immer derjenige ist, der diese Verwaltung rechtfertigt durch seine individuellen Fähigkeiten. In dem Augenblicke, wo er diese Verwaltung nicht mehr rechtfertigt durch seine individuellen Fähigkeiten, müssen die Mittel und Wege gefunden werden, daß das Kapital hinüberfliefße zu einem anderen, der durch seine individuellen Fähigkeiten wiederum dieses Kapital nutzbringend verwalten kann für die menschliche Allgemeinheit.
[ 68 ] Das ist dasjenige, was gefunden werden wird durch eine freie Pflege der individuellen menschlichen Fähigkeiten im Geistesorganismus: daß der Kreislauf des Kapitals wirken wird. Heute gibt es eigentlich dasjenige, was ähnlich ist dem, was ich hier meine, nur für das schofelste Eigentum, das die moderne Wirtschaft hat, für das allerschofelste, nämlich für das geistige Eigentum. Vom geistigen Eigentum gibt man zu, man habe es eigentlich nur aus der sozialen Ordnung heraus; wenn es auch auf individuellen Fähigkeiten beruht, aus der bloßen Individualität des Menschen kann eine geistige Leistung nicht kommen. Wir verdanken sie immer den sozialen Impulsen. Wir sind verpflichtet, sie wieder den sozialen Impulsen zurückzugeben. Deshalb ist esgerecht, dafs dasjenige, was jemand geistig hervorbringt, eine Zeit nach seinem Tode geistiges Allgemeingut wird. In einer ähnlichen Weise, wenn auch die Zeitpunkte andere werden müssen, ist dasjenige, was materielles Eigentum ist, nur so lange gerechtfertigt in bezug auf den einzelnen Menschen, solange der Mensch das Verfügungsrecht darüber in Anspruch nehmen kann durch seine individuelle Fähigkeit. Dasjenige, was so lange bei einem Menschen bleiben darf, als diese individuellen Fähigkeiten tätig sind, das muß die Mittel und Wege finden, auf dem Umwege der Verwaltung der geistigen Organisation, zuanderen, wiederum in den Dienst der Allgemeinheit gestellten Persönlichkeiten zu gelangen. Ein Kreislauf im Eigentum der Produktionsmittel wird treten an die Stelle des heutigen Privateigentums. Das wird die große Lösung der Kapitalfrage sein. Es ist ein Stammeln auf diesem Gebiete, wenn man heute spricht von der Sozialisierung der Produktionsmittel. Durch diese Sozialisierung der Produktionsmittel würde nur eine Ordnung, die bürokratisch wäre, und die wiederum dieselbe Tyrannei aus den Reihen der heute Fordernden entstehen lassen würde, eintreten, niemals diejenige, die wirklich den gesunden sozialen Organismus hinstellen kann. Dieser gesunde soziale Organismus muß dadurch hingestellt werden, daß das Kapital zirkuliert zwischen geistig Fähigen. Kreislauf des Kapitals heißt, daß im Laufe der Zeit dasjenige, was kapitalistisch verwaltet werden muß, wirklich im Sinne des allgemeinen Besten verwaltet werden kann.
[ 69 ] Auch das kann ich nur andeuten. Auch das wird weiter ausgeführt werden in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft».
[ 70 ] Sie sehen aber daraus, daß nicht nur das Geistesleben selber in seinen eben mehr geistigen Zweigen gesucht wird, wenn es auf sich selber gestellt werden wird, sondern daß auch dasjenige, was im Wirtschaftsleben abhängig ist von den geistigen Kapazitäten, den geistigen Fähigkeiten der Menschen, daß das seine richtigen Wege für die Gesundung der Zukunft nehmen würde durch die Verselbständigung des geistigen Organismus. Dieser ist es vor allen Dingen, welcher nicht bloß schattenhaftes Denken, schattenhaftes Geistesleben, Luxusgeistesleben hervorbringen wird, sondern ein solches Geistesleben, das den Geist gewahr wird dadurch, daß dieser Geist überall eindringen kann in das materielle Leben.
[ 71 ] Das ist etwas, das einem vor Augen steht, wenn man hineinschaut in die eigentliche Menschheitsgrundlage, so wie sie der Mensch heute, im heutigen Zeitpunkt entwickelt; die alten Schlagworte in bezug darauf, ob der Geist, ob die Materie gerechtfertigt ist, sollte man heute herausweisen.
[ 72 ] Ich spreche zu Ihnen vom Standpunkte einer Geisteswissenschaft, aber einer solchen Geisteswissenschaft, für welche der alte Streit, Geist und Materie, ein Unsinn geworden ist. Denn ein Drittes ist es, um was es sich handelt, und wovon Geist und Materie die äußeren Ausdrücke sind. Gelangt man in dieses Dritte hinein, wo weder Geist noch Materie, sondern die urlebendige Geistigkeit der Welt selber geschaut wird, dann gelangt man an dasjenige, was nicht mehr ein Glied des menschlichen Gesamtlebens wie die Ursache hinstellt, sondern alle drei Glieder, Wirtschaftsleben, Rechts- oder politisches Leben und Geistesleben als die drei Offenbarungen eines urgründlich Tiefen zum Ausdruck bringt. Dann wird der große Irrtum überwunden werden, der heute ein praktischer Lebensirrtum geworden ist, daß man alles auf das Wirtschaftsleben stellen will. Dann wird dasjenige eintreten, was nicht eine abstrakt in den Staatsorganismus hineingelegte Einheit ist, sondern dann werden aus einer eigenen Lebendigkeit heraus das Wirtschaftsleben, das Rechts- oder Staatsleben, das geistige Leben sich entwickeln. Und indem sie sich entwickeln, werden sie zu einer Einheit zusammenwachsen.
[ 73 ] Nicht denke ich an irgendeine Aufrichtung der alten Stände: Lehrstand, Nährstand, Wehrstand. Gerade alles Ständehafte, alles Klassenhafte wird dadurch überwunden, daß der soziale Organismus selbst in seine drei Glieder geteilt wird. Der Mensch aber steht in diesen drei Gliedern als das Vereinende darinnen. Der Mensch ist meinetwillen in irgendeinen Beruf, in irgendeine Gliederung hineingestellt. Mit den anderen Gliedern steht er in einem lebendigen Zusammenhange. Aus freiem Vertrauen schickt er seine Kinder in die Schulen der geistigen Organisation. Im Wirtschaftsleben steht ohnedies jeder darinnen; im Staats- und Rechtsleben dadurch, daß dieses Staatsleben vor allen Dingen dasjenige zu verwalten hat, vor dem alle Menschen gleich sind.
[ 74 ] Schwache Seelen und Denker, die bilden sich über dasjenige, was ich soeben ausgesprochen habe, vorzugsweise ein, daß ja im Grunde genommen die Einheit des staatlichen Lebens dadurch gefährdet würde. Ja, was hat denn diese Einheit des staatlichen Lebens am meisten gefährdet in den letzten Jahrhunderten? Gerade daß man eine abstrakte Einheit gesucht hat, gerade daß man diese drei Glieder des sozialen Organismus, die selbständig sich entwickeln sollten, chaotisch durcheinandergeworfen und verschmolzen hat. Wie das Geistesleben gedeihen würde unter dieser Einheit, das habe ich Ihnen gezeigt. Das Wirtschaftsleben aber hat, trotzdem der Staat da war, sich in einer solchen Weise entwickelt, daß es heute flammende Opposition entwickelt in zahlreichen Gebieten der zivilisierten Welt gegen dasjenige, was Staatsleben ist.
[ 75 ] Eine Gesundung wird nur eintreten, wenn man von der gewohnten Denkweise auf diesem Gebiete zu der lebensvollen Anschauung des gesunden sozialen Organismus sich heraufarbeitet. Und die kann in nichts anderem bestehen, als daß nebeneinander gegliedert sind, gleichsam wie nebeneinanderstehende souveräne Staaten, die nur durch ihre Delegierten ihre gemeinsamen Angelegenheiten besorgen: der wirtschaftliche Organismus, der Rechts- oder politische Organismus und der geistige Organismus. Das bestreiten heute noch viele. Aber derjenige, der, wie der zu Ihnen sprechende, bald sein sechstes Lebensjahrzehnt vollendet hat und während seines ganzen bewußten Lebens immerdar den Blick hingerichtet hat auf die Entwickelung der proletarischen Bewegung, aber nicht so, daß er nur über das Proletariat gedacht hat, sondern daß er immer gelernt hat durch seine Lebensschicksale mit dem Proletariat zu denken, der weiß, wieviel Vorurteile sich heute noch auftürmen gegen das, was die Zeit fordert, gegen das, was im Grunde genommen im Unterbewußstsein der proletarischen Seelen ruht: die Dreigliederung des sozialen Organismus. Ich gehöre nicht zu denen, wenn ich auch gesehen habe, wie sich Jahrzehnt für Jahrzehnt Vorurteile auftürmen gegen diese, wie ich glaube, einzig zur Gesundheit des sozialen Organismus beitragende Anschauung, ich gehöre nicht zu denen, die dem Pessimismus huldigen, ich gehöre nicht zu denen, die erschrocken dastehen, wenn die Ereignisse auch heute eine für manchen schreckhafte Gestalt annehmen, ich gehöre nicht zu denen, die etwa am Lebensabend sagen würden: wieviel, wieviel ist doch vergeblich durchgemacht worden! Nein, zu denjenigen gehöre ich, und das möchte ich nur als persönliche Bemerkung am Schlusse anführen, damit Sie die ganze Gesinnung meiner Besprechung von heute Abend auch verstehen, zu denjenigen gehöre ich, die nicht sagen würden, wenn sie auf ihr Leben zurückschauen: wenn du wieder jung sein könntest, würdest du das Leben noch einmal durchleben wollen? - ich würde niemals sagen: nein - sondern ich würde immer sagen: ja!
[ 76 ] Aus dieser Lebensbejahung heraus fühle ich mich ja manchem fern, der mit mir dieses Leben bis zu meinem Alter durchlebt hat und der, wie das ja leider für die heutige Zeit gesagt werden muß, durchaus sich nicht durchringen konnte zu dem, was die laut sprechenden Tatsachen der Gegenwart zu bewältigen in der Lage ist; aber den Glauben habe ich, daß diejenigen, denen ich mich doch nahe fühle, nahe fühle, selbst wenn ich dreimal so alt bin, daß diejenigen, die heute jung sind und zu denen ich heute zu meiner großen Befriedigung in der Hauptsache sprechen darf, daß die es sein werden, die hineinwachsen werden in eine solche Zeit, in der zwar zunächst viel Leid, viel Schmerzvolles, viel Tragik wird durchzumachen sein, in der aber auch die Möglichkeit vorhanden sein wird, recht stark, recht intensiv umzudenken und umzulernen. Deshalb fürchte ich auch nicht, daß gerade in diesem Kreise viele sein werden, die dasjenige, was ich heute auseinandergesetzt habe, als eine Utopie bezeichnen.
[ 77 ] Etwas ganz anderes könnte man heute als eine Utopie bezeichnen, und es ist auch neulich hier in Basel als eine Utopie bezeichnet worden von dem kürzlich erst tragisch geendeten Kurt Eisner, der in seinem Vortrag sagte: die Welt mit ihrer Bewirtschaftung und sonstigen sozialen Ordnung, in der wir leben, die hätte sich der kühnste Utopist vor zweitausend Jahren nicht ausmalen können. - Die Wirklichkeit ist heute die stärkste Utopie. Was Wunder, daß dann, wenn man von einer Wirklichkeit, die gefordert wird von der menschlichen Seele, die gefordert wird von der menschlichen Vernunft, wenn man von einer solchen Wirklichkeit spricht, daß es wie eine Utopie erscheint.
[ 78 ] Diejenigen aber, die heute jung sind, die werden aus der heutigen realen Utopie in wirkliche Realitäten hineinwachsen. Starke Kraft, starker Mut und ein gewisser guter Wille zur Geistigkeit, die drei werden zusammensetzen das wahrhaftige soziale Wollen. Und aus dieser Synthese des wahrhaftigen sozialen Lebens mit den proletarischen Forderungen wird sich das entwickeln, was da kommen muß zur Gesundung unserer Verhältnisse.
[ 79 ] Daß durch die heutige Jugend gefunden werde jener Weg des Geistes zu dem Wissen, der heute in Flammenzeichen sich abhebt von dem sozialen Horizont geradezu, das ist dasjenige, was ich voraussetze, das ist dasjenige, das mich heute mit einer großen Befriedigung, mit einer großen Liebe der Aufforderung hat nachkommen lassen, die gerade von Studierenden an mich ergangen ist. Findet man bei denjenigen, die heute auf ein kommendes Leben hinsehen, Lebenskraft, Lebensmut und starke Geistigkeit, und ein daraus sich zusammensetzendes soziales Wollen, dann wird es, trotz allem, was sich heute bedrängend und verheerend zeigt, weitergehen in der Entwickelung der Menschheit. Dann kommt das, auf das wir wieder hoffen dürfen.
[ 80 ] Dann dürfen wir aber heute schon hoffen auf ein solches, das den Beweis bringen wird, daß das menschliche Leben immer dann lebenswert ist, wenn man es begründen will auf die Freiheit des Geistes, auf die Gleichheit aller Menschen vor demjenigen, was die Menschenwürde wahrhaftig begründen kann, und auf ein Wirtschaftsleben, das in seiner Brüderlichkeit, in seiner brüderlichen Arbeit der Freiheit des Geisteslebens, der Gleichheit der demokratischen Ord nung des Staatslebens, ebenbürtig ist.
[ 81 ] Diskussion
[ 82 ] Rudolf Steiner: Ich werde mir gestatten auf einzelne Bemerkungen der verehrten Diskussionsredner etwas einzugehen.
[ 83 ] Zunächst möchte ich darauf aufmerksam machen, daß ich ja begreife, daß diejenigen Dinge, die ich mit Bezug auf die soziale Ordnung, den sozialen Organismus gesagt habe, nicht, ich möchte sagen, im Handumdrehen eine Überzeugung hervorrufen können. Ich wollte ja auch heute in diesem Vortrage, der ohnedies ja lang genug gewesen ist, nur gewissermaßen Anregungen geben, die dann auf irgendeine Weise weiter zu verfolgen sind.
[ 84 ] Ich weiß, wie außerordentlich stark sich eingelebt hat dasjenige, was der erste verehrte Diskussionsredner in Anlehnung an das Privateigentum, in Anlehnung an die Forderung der Sozialisierung der Produktionsmittel gesagt hat. Ich möchte Sie nur auf eines aufmerksam machen: Nicht wahr, man hat sich gewöhnlich heute der Vorstellung unterworfen, oder man ist gewöhnlich der Meinung, daß äußere Tatsachen außerordentlich fest sind; aber viel fester sind in uns unsere Denkgewohnheiten. Und an dasjenige, an das wir uns im Denken lange gewöhnt haben, vor allen Dingen als menschliche Gesellschaft, nicht nur durch Jahrzehnte, sondern sogar durch Jahrhunderte gewöhnt haben, das kann einen nicht gleichgültig lassen. Deshalb wird nicht leicht bemerkt werden, daß ja in alledem, was heute die Formen annimmt des Übergangs des Privateigentums in Gemeineigentum, daß da eigentlich etwas darinnen steckt, was als Forderung recht berechtigt ist, was aber nicht so unmittelbar Gegenstand des sozialen Wollens werden kann, weil etwas Letztes dabei nicht überwunden wird, was überwunden wird, wenn Sie wirklich ganz im tiefsten Ernste auf dasjenige eingehen, was ich heute vorgebracht habe. Was von allen Sozialisten heute nicht überwunden wird in den Denkgewohnbheiten, damit auch nicht in den Impulsen des Wollens, das ist der Eigentumsbegriff. Das Privateigentum möchte man aufheben; aber weil man sich an den Eigentumsbegriff so stramm gewöhnt hat, kommt man über den Eigentumsbegriff nicht hinaus. Eigentum muß sein; also, da es nicht Privateigentum sein kann, fordert man Gemeineigentum, Gesellschaftseigentum, Verstaatlichung und so weiter.
[ 85 ] Denken Sie das nur durch, was ich heute vorgebracht habe, dann verschwindet der alte Eigentumsbegriff überhaupt. Die Gegenstände, die heute Eigentum sind - Kapital, Produktionsmittel -, die werden zirkulieren. Das heißt, es ist ein lebendiger Organismus da. Immer wird derjenige Verwalter gewisser Produktionsmittel sein, der dazu die meisten Fähigkeiten hat. Daß das keine Utopie ist, davon werden sich einige vielleicht doch überzeugen, wenn sie dasjenige lesen, was ja auch noch nicht erschöpfend ist, was ich in meinem in ein paar Tagen erscheinenden Buch über die soziale Frage vorgebracht habe. |
[ 86 ] Aber es handelt sich nun gerade darum, aus gewissen Denkgewohnheiten, die gar zu sehr in allem, was Menschen heute machen, drinnen leben, herauszukommen. Das meinte ich, indem ich darauf aufmerksam machte, daß die Produktionsmittel nur so lange in Verbindung mit einem Menschen sich finden können, solange die Fähigkeit dieses Menschen das rechtfertigt. Sehen Sie, wir haben ja heute unter anderen Wissenschaften, auch denen, von denen man das nicht merkt, ganz unter dem Einfluß der naturwissenschaftlichen Denkweise auch alle Sozialwissenschaft und geschichtlichen Wissenschaften stehen; wir haben ja auch eine Nationalökonomie innerhalb solcher Wissenschaften. Man bemerkt namentlich eines immer nicht. Und in diesem Kreise darf auch vielleicht gerade auf dieses Eine eingegangen werden. Die Menschen leiden heute gar zu sehr unter einer Krankheit, die Marx sehr richtig genannt hat «mors immortalis», der nicht zu tötende Tod. Im Leben ist alles in Bewegung; nur die Abstraktheit, die sich der Mensch in seinem Kopfe macht, die ist eigentlich etwas Festes. Das ist dasjenige, was bleibt. Und daher sind die Menschen, in der Zeit, in der sich das Begriffsvermögen gegenüber dem früheren Anschauungsvermögen, namentlich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, ausgebildet hat, in diesem neueren Zeitalter, das sich fundamental von allen früheren unterscheidet, vielfach das Opfer der Begriffe geworden. Wenn wir in unsere elementarsten Wissenschaften hineingehen, so haben wir im Methodischen, im Theoretischen wirkliche Irrtümer [. . .]. Es führt zu keinen brauchbaren lebendigen sozialen Impulsen, sondern bildet sich zu einem hoffnungslosen Denken auf dem sozialen Gebiete aus. Daher wird man schwer eingehen auf jene Verlebendigung der Begriffe, die angestrebt wird in meinen heutigen Darstellungen. Man möchte sich doch an irgend etwas halten, was den alten Eigentumsbegriff aufrecht erhält. Man muß über den Eigentumsbegriff überhaupt hinaus! Und der erste Diskussionsredner, er wird, wenn er dasjenige, was ich heute angegeben habe, zu Ende denkt, sehen, daß eigentlich in der Forderung nach Verstaatlichung oder Vergesellschaftung und so weiter der Produktionsmittel, nichts anderes liegt, als eben die Forderung, dasjenige, was durch die Produktionsmittel produziert wird, der Allgemeinheit zum Nutzen zu bringen. Das wird aber vielleicht - die gegenwärtigen Experimente zeigen das gerade, wo sie angestellt werden, ich will aber über diese gegenwärtigen Experimente gar nicht diskutieren -, das wird vielleicht bis zu einem gewissen Grade durch solche Experimente erreicht. Vielmehr wird es erreicht werden dann, wenn die Produktionsmittel wirklich zirkulieren, wenn nicht die Gesamtheit, die doch nur ein Abstraktes ist, die doch nur aus irgendeinem Mehrheitsbeschluß irgend etwas ausführen kann, wenn nicht die Gesamtheit das Eigentum an Produktionsmitteln hat, sondern wenn die Produktionsmittel so frei zirkulierend sind, wie zum Beispiel das geistige Eigentum dreißig Jahre nach dem Tode eines Menschen etwas frei Zirkulierendes ist, etwas, was durch den geistigen Organismus aber natürlich dann verwaltet ist.
[ 87 ] Dasjenige, was erreicht werden soll durch die Forderung nach Vergesellschaftung der Produktionsmittel, das wird eben noch in die Freiheit des einzelnen eingreifen können, ohne irgendwie brachzulegen die menschlichen individuellen Fähigkeiten. Das wird gerade auf die Weise erreicht, von der ich heute gesprochen habe.
[ 88 ] Mein Bestreben - jetzt schon wahrhaftig, ich darf sagen durch fünfunddreißig Jahre auf dem Gebiet der sozialen Frage - geht dahin, überall die Dinge zu Ende zu denken, überall nicht Theorien zu suchen, sondern aus dem unmittelbaren Leben heraus das Lebensmögliche zu suchen.
[ 89 ] Wenn Sie dasjenige zu Ende denken, was ich heute vorgebracht habe, dann werden Sie sehen, daß an jedem Punkte der heutigen sozialen Ordnung einfach fortgesetzt werden kann in der Richtung, die ich angegeben habe. Daher ist das, was ich angegeben habe, das Gegenteil jeglicher Utopie: es ist etwas unmittelbar Praktisches. Ob man in Rußland beginnt, wo die Dinge heute bis zu gewissen Zerstörungen vorgeschritten sind, ob hier in der Schweiz, wo das Alte noch aufrecht steht, bis heute irgendwie weitergeht, überall kann man von den verschiedensten konkretesten Einrichtungen aus dasjenige bewirken, was ich fordere: die Trennung des Geisteslebens, des Wirtschaftslebens und des Rechtslebens. Man muß nur gewissermaßen die Maschine zurückdrehen, die man in verkehrter Richtung in der letzten Zeit, ja in den letzten Jahrzehnten geführt hat. Zur Monopolstellung einzelner - wie soll es denn dazu kommen, wenn das Verhältnis des einzelnen zum einzelnen geregelt wird in dem einen Gliede des sozialen Organismus, in dem Rechtsstaat? Zu einer Monopolstellung kann es nicht kommen, denn wie ich auch in meinem Buche zeigen werde, dasjenige, was jemand als Leiter bezieht, kann ja von Anfang an festgestellt werden, während dasjenige, was sich durch die gesellschaftliche Konjunktur ergibt, entweder in den Betrieb hineingesteckt werden muß, oder zum Ausgleich eben an die Allgemeinheit, das heißt, an einen anderen gehen muß, der es nun verwaltet, wenn er die Fähigkeiten dazu hat. Alle diejenigen Schäden, welche durch die heutige Stellung des Privateigentums eintreten, werden auf diese Weise beseitigt. Das ist dasjenige, was man bemerken sollte an meinen Auseinandersetzungen, daß eben wirklich das erreicht wird, was andere erreichen wollen, aber mit unzulänglichen Mitteln erreichen wollen. Das ist dasjenige, was ich namentlich mit Bezug auf den ersten verehrten Herrn Diskussionsredner sagen möchte.
[ 90 ] Gewiß, er hat auf einen Punkt hingewiesen, der sehr berechtigt ist. Sehen Sie, er schilderte Leute, die heute davon reden, daß der einzelne Staat ein Organismus sei in dem Sinne, wie in der Naturwissenschaft ein Organismus eben ein Organismus ist. Damit nimmt er Bezug auf ein falsches Denken. Die Wahrheit ist die, daß, wenn man schon Vergleiche anstellen will, man sie richtig anstellen muß; dann kann der einzelne Staat höchstens eine Zelle sein, der gesamte Organismus kann die wirtschaftende Erde sein. Das ist dasjenige, was, ich möchte sagen, diese Wahrheit beeinträchtigt, wenn die Leute dasjenige, was sich räumlich begrenzt, als ein Ganzes denken. Diese Richtung des Denkens würde sogleich aufhören, wenn man sehen würde, daß diese Organisation, die man Staat nennt, wenn sie nicht ja bei wirklichen Organismen [.. .] nicht der Fall sein kann, wohl aber bei Zellen, die sich zusammensetzen. Also, ohne sehr stark auf diese Spielerei einzugehen, möchte ich nur sagen, was etwas Richtiges hat: daß die ganze Erde eine Art Einheitsarbeit heute schon geworden ist. Aber das wird begründet in einem anderen Sinne, als ich es auseinandergesetzt habe. Und wie gesagt, ich habe mich nicht theoretisch, sondern aus dem unmittelbaren Leben heraus mit den entsprechenden Dingen beschäftigt.
[ 91 ] Selbstverständlich muß dem zweiten Diskussionsredner recht gegeben werden, wenn er sagt: die Nächstenliebe muß der Grundgedanke der Menschheit werden. Nur möchte ich bei solchen Dingen auf eines aufmerksam machen. Ich will mich auf den Standpunkt dieses zweiten Herrn Diskussionsredners stellen. Ich betrachte das immer als etwas Fruchtbareres, wenn man mit jemandem spricht, als wenn man gewissermaßen gerade diejenigen Punkte aufsucht, die als gegnerisch vorgebracht werden können. Sehen Sie, von Nächstenliebe spricht man, wie der verehrte Diskussionsredner gesagt hat, ja schon zweitausend Jahre. Dennoch, trotz des Sprechens von dieser Nächstenliebe - ich bitte, man betrachte die letzten vier bis fünf Jahre! Es handelt sich also vielleicht doch darum, daß man nicht bloß von der Nächstenliebe spricht, sondern wie man von dieser Nächstenliebe spricht, ob man in abstrakter Weise von ihr spricht oder ob man in Konkretheit nachsieht, wie diese Nächstenliebe sich betätigen kann. Und da will ich mich auf den Standpunkt des verehrten Diskussionsredners stellen. Sehen Sie, einer der bedeutendsten, schönsten, das heißt für den Menschen bedeutendsten Aussprüche der Evangelien, des Christus Jesus, ist der: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenentwicklung.» So ungefähr würde die richtige Übersetzung lauten. Es ist heute schon an der Zeit, einzusehen, daß im christlichsten Sinne dieses ein wahres Wort ist. Wir haben Christus nicht bloß zu suchen in den Evangelien, wir haben nicht bloß den Christus zu suchen, der gewissermaßen eingesargt war in den Evangelien, wir haben den Christus zu suchen, der lebendig ist, der unter uns wandelt. Wir haben hinzuhören auf dasjenige, was der Christus jeden Tag aufs Neue verkündet. Ich glaube, der hört den Christus richtig, der imstande ist, mit jedem neuen Zeitalter das zu vernehmen von dem Orte, wo die Zeichen der Zeit erscheinen, was der Christus spricht für jedes Zeitalter in einer neuen Weise. Und ich meine, heute spricht er zu uns durch die Zeiten so, daß wir nicht stehenbleiben dürfen, auch nicht bei den Wortformen, wie früher die Nächstenliebe gepredigt worden ist, sondern daß wir zu neuen Formen fortschreiten müssen auch in der Lebensauffassung, wie wir ganz deutlich fortschreiten zu neuen Formen des Lebens selbst. Das ist das, was ich zu bedenken geben möchte.
[ 92 ] Ich habe vor ganz kurzer Zeit in Bern drüben einen Redner gehört, einen katholischen Geistlichen, der sehr wirkungsvoll gesprochen hat. Der Mann sprach ganz ähnlich wie unser zweiter Herr Diskussionsredner. Er sagte auch: Nächstenliebe müsse herrschen; vor allen Dingen müsse Jesus Christus führen die moderne soziale Bewegung. - Ich möchte sagen: selbstverständlicher kann eigentlich nichts sein als dieses. Aber dann kamen weitere Ausführungen dieses Herrn - in Bern drüben, meine ich -, ja, er sprach das, was er sagte, sehr wirkungsvoll, aber ich selbst erinnerte mich, daß ich ja schon vor fünfundvierzig Jahren in meinem Schulbuch diese Ausführungen gelesen habe - es bleiben Worte. Dieselben Worte gebrauchte der Herr. Ich mußte denken: Trotzdem liegt zwischen der Abfassung in meinem Schulbuch und dem, was der Herr heute sagte, die schreckensvolle Weltkriegskatastrophe! - Also wird es doch wohl heute notwendig sein, auch umzudenken, anders die Dinge anzufassen, als sie angefaßt worden sind vorher. Sollen wir denn gar nichts lernen? Sollen wir denn in dem alten Trott fortfahren, immer wiederum, so wie unsere Vorfahren gesagt haben «Nächstenliebe», die doch nicht verhindern konnten, trotzdem sie Nächstenliebe predigten, daß schreckensvolle Tage eingetreten sind. Nicht darauf kommt es an, Nächstenliebe zu predigen! Ich habe oftmals gesagt in den verschiedensten Kreisen: Wenn im Zimmer ein Ofen steht, und ich rede so, wie es nun üblich geworden ist in der bürgerlichen Weltanschauung, von allerlei ethischen Forderungen zu sprechen, zu denen auch die Nächstenliebe gehört, dann müßte ich sagen: Der Ofen hat die Pflicht, das Zimmer warm zu machen. Aber wenn ich mich auch bemühe zu sagen: Lieber Ofen, es ist deine Ofenpflicht, das Zimmer warm zu machen, es ist deine heilige Pflicht -, und ich wiederhole das immer wieder und wieder, das Zimmer wird halt kalt bleiben! Aber ich kann mir die Rede sparen, wenn ich Holz einlege und es anzünde. Da tue ich das Konkrete, da wird es warm im Zimmer. Manchmal redet man von der Art und Weise, wie sich im Wirtschaftsleben Assoziationen bilden sollen, wie da, wie ich gesagt habe, im großen Stile die Brüderlichkeit herrschen soll, und im konkreten Leben zustande komme; redet man davon, wie man gliedern muß den sozialen Organismus, dann redet man von etwas Konkretem. Da steckt ja schon alles drinnen, auch was Nächstenliebe sein will! Aber das bloße Reden von Nächstenliebe, das ist ja auch dasjenige nicht, was heute unter unseren komplizierten Verhältnissen etwas zuwege bringt. Und wenn es heißt: Jesus Christus soll der Führer sein -, selbstverständlich soll er der Führer sein. Aber es kommt nicht auf das Reden an, sondern auf dasjenige, was einer tut. Auf das kommt es an, nicht auf das bloße Betonen: Herr! Herr! - das ist er schon selber! -, sondern auf dasjenige kommt es an, daß man ihm wirklich nachfolge.
[ 93 ] Wenn hier gesagt wird, die großen Lebensgebiete müssen eine Einheit bilden, und man könnte sich nicht recht vorstellen, wie diese drei Lebensgebiete getrennt werden können, dann möchte ich Sie doch darauf hinweisen, daß es schon einmal notwendig ist, auf dem Gebiete des sozialen Denkens diesen Schritt vorwärts zu machen, den nun leider die Naturwissenschaft ihrerseits auf ihrem Gebiete nicht hat machen können.
[ 94 ] Ich habe in meinem vorletzten Buche, «Von Seelenrätseln», darauf hingewiesen, wie ich durch Benützung alles desjenigen, was heute die Naturwissenschaft auch schon benützen könnte, habe herausfinden können im Laufe einer dreißigjährigen geistigen Forschung, wie der menschliche Organismus ein dreigliedriger ist, wie der menschliche Organismus wirklich zerfällt in den Nerven-Sinnesorganismus, der in sich selber zentriert ist, der durch die Sinnesorgane mit der Außenwelt auch selbstverständlich in einem Verhältnisse steht; wie als zweites neben ihm steht der sogenannte rhythmische Organismus, der Atmungs-, Herzorganismus und als drittes der Stoffwechselorganismus. Alle Tätigkeiten des menschlichen Organismus sind in diesen drei Gliedern enthalten, die aber in sich zentriert sind, und gerade dadurch zu der so gewaltigen Einheit zusammenwirken, daß jedes Glied sein Zentrum in sich hat, und durch das Zentriertsein in sich kommt eben gerade die lebendige Einheit zustande. Man denke auf diesem Gebiete nicht naturwissenschaftlich; ich will nicht wie Schäffle oder Meray mit Analogien spielen, das liegt mir ganz fern; aber ich möchte darauf hinweisen, daß gesundes Denken Mühe hat mit Bezug auf den sozialen Organismus, diese Dreiteilung vorzunehmen. Mit Bezug auf den sozialen Organismus müssen wir diese Dreiteilung nicht nur theoretisch vornehmen, sondern sie in Wirklichkeit umsetzen. Ich kann nicht verstehen, warum es schwierig sein solle, sich zu denken, daß eine geistige Organisation in sich selber sich verwaltet, gewissermaßen souverän in sich sich verwaltet, der Rechtsstaat wiederum souverän in sich selber, und der Wirtschaftsstaat sich in sich selber souverän verwaltet. Die höhere Einheit, die kommt gerade im lebendigen Zusammenwirken erst recht zustande; während wenn man von vornherein eine Einheit hineinträgt, sei es Einheit, die auf das Wirtschaftsleben gerichtet ist, sei es Einheit im Rechtsleben, wie in diesem alten Rechtsstaate, oder geistigen Leben, wie bei den alten theokratischen Einrichtungen es gewesen ist, stören sich diese drei Glieder; während sie sich nicht stören, wenn sie zur lebendigen Einheit zusammenwirken, wenn man sie wirklich in sich zentriert; nur muß das Zentrieren in der richtigen Weise geschehen.
[ 95 ] Neulich hat mir ein Zuhörer in Basel erwidert, er könne sich auch nicht vorstellen, wie das sei, es müsse doch in allen drei Gliedern zum Beispiel Gerechtigkeit, Recht darinnen sein. - Ja, gewiß muß in allen drei Gliedern Recht und Gerechtigkeit drinnen sein, wie die Luft in ihrer Stofflichkeit umgeändert in allen drei Gliedern des menschlichen Organismus sein muß; deshalb muß sie aber doch durch das Atmungs- und Herzsystem in sich verarbeitet werden, in einem Gliede besonders zubereitet werden. Dadurch ist sie in besonderer Weise wirksam für die anderen Glieder. Dadurch wird gerade die richtige Einheit hervorgebracht, daß das eine Glied in der richtigen Weise erzeugt und entwickelt dasjenige, was für die anderen notwendig ist. Darauf beruht die lebendige Organisation. Das ist dasjenige, worauf der Mensch schon wird eingehen müssen; denn darauf kommt es gerade an.
[ 96 ] Das ist dasjenige, was ich gegenüber den Einwendungen, die in bezug auf diese Gliederungen gemacht wurden, sagen muß. Das, worauf es ankommt, ist, daß dasjenige, was durch diese Gliederung eben erreicht werden kann, gerade das ist, was unbewußt in den proletarischen . Forderungen liegt, was aber nur verwirklicht werden kann durch bewußtes soziales Wollen. Und von diesen verschiedenen Möglichkeiten wollte ich heute, soweit es in dieser kurzen Zeit möglich war, zu Ihnen sprechen.
