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Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage
für eine soziale Neugestaltung
Altes Denken und neues soziales Wollen
GA 329

14 Oktober 1919, Bern

6. Die Geisteswissenschaftliche Grundlage der sozialen Frage

[ 1 ] Wenn es sich um Ideen handelt, die bestimmt sind, im praktischen Leben verwirklicht zu werden, so sind im Grunde genommen volle Irrtümer weniger schädlich, als halbe und Drittels- und Viertelswahrheiten. Denn volle Irrtümer können verhältnismäßig leicht widerlegt werden und werden sich kaum lange halten im öffentlichen Leben. Halbwahrheiten, Viertelswahrheiten sind gegenüber der Kompliziertheit des Lebens außerordentlich starke Versuchungen. Sie werden aus verschiedenen Leidenschaften, aus den Empfindungen der Gemüter heraus lange durchs Leben getragen, bis man vielleicht unter schweren Kämpfen, vielleicht auch unter schweren Leiden darauf kommt, daß solche Halb- und Viertelswahrheiten eben solche sind und so, wie sie gefaßt werden, in das Leben nicht zu übertragen sind.

[ 2 ] Derjenige, welcher mit unbefangenem Blicke das moderne Leben betrachtet, er wird sich insbesondere nach den harten Prüfungsjahren der zivilisierten Menschheit, die wir nun durchgemacht haben, ein solches Geständnis, wie ich es eben ausgesprochen habe, namentlich dem gegenüber machen müssen, was man in der Gegenwart und seit langem die soziale Frage nennt. Denn von allen Seiten her werden im Grunde genommen in dieser sozialen Frage eine ganze große Summe von Halb- und Viertelswahrheiten zusammengeknäuelt.

[ 3 ] Nun liegt der Versuch vor, der unternommen worden ist in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft», hinzuschauen auf dasjenige, was eigentlich, abgesehen von den Halb- und Viertelswahrheiten der Programme, diese moderne soziale Arbeit, diese moderne soziale Frage enthält, und worauf sie der Wirklichkeit gemäß hinsteuern kann. Weiter ausgebaut werden soll dann dasjenige, was in diesen «Kernpunkten» veranlagt ist, für die Schweiz hier zum Beispiel in der von Dr. Boos herausgegebenen «Sozialen Zukunft».

[ 4 ] Bevor ich auf meine eigentliche Aufgabe für den heutigen Abend eingehe, gestatten Sie mir vielleicht eine kurze, ganz kurze persönliche Bemerkung, die aber doch zusammenhängt mit dem Thema. Dasjenige, was von mir versucht worden ist, es ist eben durchaus ein Versuch, der sich seiner Unvollkommenheit bewußt ist. Was von mir versucht worden ist in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage», ist nicht entsprungen aus irgendeiner der gegebenen politischen Richtungen, will sich überhaupt nicht auf irgendeinen gegebenen politischen Standpunkt stellen, gewissermaßen nicht unmittelbar hineinreden in das gegebene politische Leben der Gegenwart. Es ist entsprungen aus einer sehr langen Lebensbeobachtung und will nicht irgendein Programm sein, nicht irgendeine abstrakte soziale Idee, sondern will sein ein Ergebnis des praktischen Lebens selber, wie es sich mir ergeben hat, da ich Gelegenheit hatte - durch mein Lebensschicksal ist es so gekommen -, wirklich kennenzulernen alle, darf ich wohl sagen, Menschenklassen und Menschenkategorien der gegenwärtigen Welt, sie kennenzulernen in ihren gegenseitigen Forderungen, in ihrem gegenseitigen Mißverstehen, in ihrem Zusammenarbeiten und Nichtzusammenarbeiten. Und da ich im Grunde genommen in früheren Jahren, wo ich nur immer Gelegenheit hatte, Themata wie das heutige zu berühren, mich hauptsächlich mit Geisteswissenschaft als solcher zu befassen hatte, so darf ich sagen, daß durch keinerlei Parteischattierung dasjenige beeinflußt ist, was ich vor Ihnen auszusprechen haben werde. Mein Leben hat mich durch mancherlei geführt, aber jedenfalls niemals durch irgendeine Partei. Und dasjenige, was zuletzt das Ergebnis einer jahrzehntelangen sozialen Beobachtung ist, die immer vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Erkenntnis aus unternommen worden ist, das, meine sehr verehrten Anwesenden, wird auch verhindern, daß ich jemals mich an irgendeinem gegebenen Parteiprogramm werde beteiligen können.

[ 5 ] Anregungen also zur wirklichen praktischen Durchführung sind es, um die es sich handelt. Daß solche Anregungen, wenn man über sie spricht, in mehr oder weniger scheinbar abstrakte Sätze gefaßt werden müssen, ist ja selbstverständlich; aber diese abstrakten Sätze sollen nur dasjenige ausdrücken, was eben Lebenserfahrung ist, was durchaus Unterlage sein kann für praktische Lebensgestaltung.

[ 6 ] Sehen wir uns von einem solchen nicht programmäßigen, sondern praktischen Gesichtspunkte aus das soziale Leben, wie es sich seit mehr als einem halben Jahrhundert gerade in der zivilisierten Welt, wie sie uns angeht, entwickelt hat, sehen wir uns dieses soziale Leben an, so werden wir finden, daß die Auffassung dieses sozialen Lebens eine grundverschiedene ist, und seit Jahrzehnten, seit mehr als einem halben Jahrhundert eine grundverschiedene schon gewesen ist bei den führenden Klassen der Menschheit auf der einen Seite und bei der großen breiten Masse des proletarischen Volkes auf der anderen Seite. |

[ 7 ] Aus einem Zusammenleben - ich war jahrelang Lehrer an einer Berliner Arbeiterbildungsschule - konnte ich ja gerade auch die Denkweise der breiten proletarischen Masse kennenlernen, und nicht nur die Denkweise, sondern die Empfindungs- und Gefühlsweise, wie sie sich ausprägt in dem, was sich dann kristallisiert zu den sozialen Forderungen der Gegenwart und auch der nächsten Zukunft.

[ 8 ] Dasjenige, was dann entstanden ist in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage», es ist ein Niederschlag dessen, was fußt auf den Erkenntnissen, die ich glaubte, immer haben zu müssen aus den Beobachtungen, aus den Erkenntnissen heraus, die mir als Ergebnis geliefert haben, daß mit dem, was als bewußte Idee, als bewußtes Parteiprogramm zugrunde liegt den Forderungen der breiten proletarischen Masse, nicht in der sozialen Frage irgendwie weiterzukommen ist, daß diese proletarische Masse sich gerade in einem verhängnisvollen Sinne hingab halben und Viertelswahrheiten, und daß gerade derjenige, der in der sozialen Frage ernst und ehrlich es meint, nicht stehenbleiben kann bei dem, was formuliert wird unter dem Einfluß des mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Wirkens - der Anfang liegt ja mehr als ein halbes Jahrhundert zurück -, des Wirkens von Karl Marx und seiner Anhängerschaft. Wie gesagt, unter dem Eindruck dieser Erkenntnis sind meine «Kernpunkte der sozialen Frage» gerade in einem Moment geschrieben, wo man glauben könnte, daß solche Wahrheiten, solche Erkenntnisse durch die Bestätigung, die sie aus der Tatsachenwelt heraus erfahren haben, verstanden werden können. Sie waren geschrieben, als seit Jahren schon wütete dasjenige Unheil, das durch den Krieg hervorgebracht worden ist, den sogenannten Weltkrieg. Ich meine damit nicht den Ausgang des Krieges, ich meine die Tatsache, daß dieses Unheil, dieses furchtbare Morden überhaupt über die moderne zivilisierte Menschheit hat kommen können.

[ 9 ] Ich mußte im Frühfrühling 1914 in Wien es aussprechen, daß dem, der vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus die Entwickelung der modernen Menschheit anschaut, vorschwebt, wie die moderne soziale Entwickelung einer Krankheit, einer Art Geschwürbildung gleiche, die in der nächsten Zeit in einer furchtbaren Weise würde zum Ausbruche kommen können. Es wurde dieses Buch geschrieben in der Zeit, in der bereits eine Strömung, die sich herausentwickelt hat aus dem programmatischen Marxismus, in Rußland zu einem praktischen Resultat hätte führen sollen. Dasjenige, was man nennen muß das sich für jeden Unbefangenen zeigende furchtbare Scheitern des Marxismus in Rußland, das hätte die erste Bestätigung zu diesen Ideen, die in den «Kernpunkten der sozialen Frage» ausgesprochen worden sind, sein können. Seither sind noch weitere Bestätigungen erfolgt. Ich brauche nur hinzuweisen auf das Scheitern der ungarischen Revolution, die so viele Hoffnungen zertreten mußte. Und ich brauche endlich nur hinzuweisen auf das noch nicht erfolgte, aber sicher in Aussicht stehende Versanden der deutschen Revolution vom 9. November 1918.

[ 10 ] Derjenige, der die Verhältnisse kennt, kann heute wissen, daß diese deutsche Revolution ein furchtbar laut sprechendes Experiment der Weltgeschichte ist, ein Experiment, welches ohnegleichen zeigt, wie unfähig die Ideen, die das 19. Jahrhundert in vielen Kreisen auf sozialem Gebiete hervorgebracht hat, sind, irgendeine praktische Lebensgestaltung hervorzurufen. Sehen wir uns einmal von der einen Seite aus diese Ideen an. Sehen wir sie uns an, wie sie das moderne Proletariat empfindet unter dem Einflusse derjenigen Impulse, die da herstammen aus dem sogenannten Marxismus, wie er von Karl Marx, von Engels begründet worden ist, wie er wahrhaftig nicht eine bloße Theorie ist, sondern in den Gefühlen und Empfindungen der breiten Masse lebt.

[ 11 ] Dieser Marxismus, er hat als erstes erzeugt in weiten Kreisen der proletarischen Bevölkerung dasjenige, was man nennen möchte den Unglauben an eine geistige Welt. Wichtiger als alles übrige erscheint vor dem Einsichtigen dieser Unglaube an die geistige Welt von seiten des Proletariats. Ideologie - das ist das Wort, dem man begegnen konnte, wenn man gewohnt worden ist, nicht äber das Proletariat zu denken, sondern mit dem Proletariat zu empfinden und zu leben. Ideologie, das heißt, oder soll wenigstens heißen, das ganze Geistesleben. Recht, Sitte, Moral, Kunst, Wissenschaft, Religion, das alles ist im Grunde genommen nur wie ein Rauch, der aufsteigt als etwas bloß Eingebildetes aus der Wirtschaft, Eingebildetes, das aufsteigt aus der einzig wahren Wirklichkeit, die besteht in den wirtschaftlichen Produktionsverhältnissen, in den ökonomischen Vorgängen.

[ 12 ] Die wahre Wirklichkeit sah dieses Proletariat unter dem Einflusse der genannten Persönlichkeiten in dem, was das Wirtschaftswesen ist. Wie die Menschen wirtschaften, wie sie sich beteiligen im Wirtschaftsleben zunächst, wie sie sich im Wirtschaftsleben verhalten zu den Produktionsmitteln - so wird es ihnen eingehämmert - stammt aus der bloßen materiellen Arbeit. Was in ihnen als Ideen aufsteigt, was in ihnen als sittliche Ideale aufsteigt, was schließlich Religion, was Wissenschaft, was Kunst ist: das alles hat keine innere geistige Wirklichkeit, so sagt man, sondern das alles ist wie ein Spiegelbild der rein ökonomischen Wirklichkeit.

[ 13 ] Und sieht man nach, woraus sich diese Anschauung gebildet hat, so muß man sagen: Diese Anschauung ist das Erbgut der Weltanschauung, die im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte entstanden ist gerade unter dem Einfluß der leitenden, führenden Kreise der Menschheit. Es ist nicht wahr, daß das moderne soziale Leben einzig und allein heraufgekommen ist durch den Kapitalismus und durch dasjenige, was mit diesem Kapitalismus in der neueren Zeit verbunden war durch die moderne Technik. Nein, es verhält sich so, daß gleichzeitig mit dem Heraufkommen des modernen Kapitalismus und der modernen Technik eine gewisse Weltanschauung heraufgekommen ist, die es nur zu tun haben will mit den chemischen, mit den mechanischen, mit den physikalischen Tatsachen, die sich nicht erheben will zu einem selbständigen Erfassen des geistigen Lebens. Die technische Kompliziertheit des modernen Wirtschaftslebens hat es zuwege gebracht, daß alles sozusagen überflutet worden ist von den Einflüssen, von den Antrieben dieses Wirtschaftslebens. Wie man das Wirtschaftsleben aus der Technik, und wiederum die Technik aus der modernen Wissenschaft herausgehoben hat, so brachte das eine Weltanschauung, die rein wissenschaftlich orientiert ist, hervor, eine Weltanschauung, die bloß in Ideen, in Begriffen, in Gedanken bestand, die sich auf das äußerliche mechanische, chemische, physische Leben beziehen. Nicht hatte dieses moderne Leben die Kraft, irgend andere Ideen, andere Weltanschauungsgedanken zu fassen als diejenigen, die sich auf die Inaugurierung des Wirtschaftslebens, auf die Inaugurierung der modernen technischen Betriebe im großen und ganzen beziehen. Zu anderen Ideen war diese wissenschaftliche Richtung, war dieses ganze moderne Denken unfähig. Man konnte sich durch dieses moderne Denken beantworten, wie die äußeren mechanischen Vorgänge vor sich gehen und wie man sie in Bewegung zu setzen hat im praktischen Leben; man konnte sich durch diese Wissenschaft chemisch, physikalisch verständigen, aber es blieb aus diesen Ideen, aus diesen Gedanken der Wissenschaft eines weg, das allerdings dem Menschen am nächsten steht, der Mensch selber. Vielmehr, besser gesagt, man begriff den Menschen auch nur, insoweit er sich zusammensetzte aus materiellen Stoffen, mechanischen, physischen und chemischen Kräften. Da aber der Mensch außerdem Geist und Seele ist, so begriff man auf diese Art den Menschen eigentlich nicht. Und man hatte eine Weltanschauung, aus deren Gedankenwelt die Gedanken vom Menschen in Wirklichkeit ausgeschlossen waren. Niemand beantwortete in dieser modernen Weise so, wie in einer unvergleichlich vollkommenen Art von dieser modernen Wissenschaft beantwortet wurde die Frage, wie physische Vorgänge entstehen, niemand beantwortete diesen modernen Menschen in moderner Art die Frage so vollkommen: Wie entstehen seelische Vorgänge? Was ist der Mensch seiner innersten Wesenheit nach?

[ 14 ] Und sehen Sie, die leitenden, führenden Kreise, sie behielten als Erbstück, als Überlieferung dasjenige, was überkommen war aus Religion, aus Kunst, aus alten Weltanschauungen, aus der alten Sitte. Das füllte für die modernen führenden Kreise die Seele aus. Das bildeten sie sich aus neben dieser wissenschaftlichen Weltanschauung als etwas, was ihnen neben dem, was als Wissenschaft einfloß in die Technik, in die Wirtschaft, etwas bedeutete. Und so entstand für die führenden, leitenden Kreise eine doppelte Strömung in dem inneren Seelenleben: die eine Strömung, die gewissermaßen fern dem Leben sich religiöse Fragen vorlegte, die sich fern dem Leben moralische Grundsätze ausprägte, die sich fern dem Leben Kunst und gewisse Weltanschauungen bildete. Fragen Sie einmal, meine sehr verehrten Anwesenden, wie weit entfernt zum Beispiel bei dem modernen Kaufmann, oder bei dem modernen Industriellen oder dem modernen Staatsbeamten dasjenige, was er als religiöser Mensch fühlt und empfindet, dasjenige, woraus er sein Gutsein als Mensch bestreiten will, dasjenige, was seine ästhetischen Empfindungen sind, wie weit das entfernt ist von dem, was sich als seine Lebenspraxis abspielt und in seinem Kontor und in seiner Buchhaltung zum Ausdrucke kommt. Zwei ganz verschiedene Lebensströmungen sind da. Und die eine, die geistige Lebensströmung, die im Grunde genommen ein Erbstück aus alten Zeiten ist, die hat keine Kraft, in das äußere Leben einzudringen. In dem, was äußere Lebenspraxis ist, leben die Zufälligkeiten des Tages, lebt dasjenige, was, ich möchte sagen, in der Lebenspraxis von selbst lebt. Dann zieht man sich gerne vom Leben zurück und betrachtet das religiöse, das geistig-sittliche, das künstlerische Leben als etwas, was über dem Leben schwebt. Nur dadurch aber war für die führenden, für die leitenden Kreise der modernen Zivilisation überhaupt ein Seeleninhalt möglich, daß sie sich neben dem, was ins äußere praktische Leben einfloß, dieses lebensfremde, innere Geistesleben bildeten.

[ 15 ] Der Proletarier, der abberufen wurde vom alten Handwerk, der an die Maschine gestellt wurde, an die abstrakte Maschine, die so gar nichts Verwandtes mit dem hat, was im Menschen lebt, der Proletarier konnte, weil es seinen Empfindungen, die er nur entwickeln konnte beim Stehen an der Maschine, nicht entsprach, er konnte nicht übernehmen die alten Überlieferungen, die Sitte, das Recht, die Kunst, die Religion, die Weltanschauung, die den älteren Zeiten überliefert war und in der die führenden Klassen lebten trotz der modernen seelen- und geistlosen technischen Wirtschaft. Ihm blieb dasjenige, was aus dieser Wirtschaft selber hervorging. Und so bildete er sich eine Weltanschauung aus, so bildeten ihm seine Führer eine Weltanschauung aus, die geist-, seelenlos ist, eine Ideologie.

[ 16 ] Eine Ideologie läßt sich theoretisch vertreten. Eine Ideologie läßt sich ausdenken. Mit einer Ideologie kann man sich sogar sehr gescheit vorkommen. Aber mit einer Ideologie läßt sich nicht leben, denn die Seele wird ausgehöhlt. Die Seele des Menschen kann nur wirklich leben, wenn sie nicht glaubt, dasjenige, was sie denkt, seien bloße unwirkliche Gedanken; sondern wenn sie sich bewußt sein kann: dasjenige, was in ihr lebt, das schließt sich an als etwas lebendig Wirkliches an eine lebendige, wirkliche geistige Welt.

[ 17 ] Und so wird viel, viel gesprochen im sozialistischen Programm; man braucht gar nicht zu sehen auf dasjenige, was gesprochen wird, denn das, was im Bewußtsein der Menschen vorgeht auf diese Art, das ist sehr verschieden von dem, was wirklich in ihrer Seele lebt. Dasjenige aber, was wirklich in den Seelen namentlich der breiten Masse der intellektuellen Bevölkerung heute lebt, das ist Seelenöde. Das ist ein Beweis dafür, daß man mit dem, was moderne Weltanschauung ist, zwar denken, aber nicht leben kann. Das ist der erste Teil der sozialen Frage.

[ 18 ] Ich weiß sehr gut, wie viele Menschen von ihrem Standpunkte aus, von ihrem bewußten Standpunkte aus mit Recht sagen: Du redest uns da von der sozialen Frage als einer Geistesfrage. Uns geht es doch um den Ausgleich der sozialen Unterschiede, der sozialen Differenzierungen. Uns geht es darum, daß das Brot in gleicher Weise verteilt werde unter den Menschen. - Ja, das ist eine Oberflächenansicht, die nur derjenige festhalten kann, der nicht unter die Oberfläche der Dinge dringt. Denn die soziale Frage, sie ist in den Empfindungen, in dem unterbewußten Leben des modernen Proletariats vorhanden. Versuchen Sie noch soviel die rein materiellen Bedürfnisse dieses Proletariats zu befriedigen, wenn Sie es könnten - Sie werden es schon nicht können -, Sie würden sehen: Die soziale Frage wird in einer neuen Gestalt erstehen müssen. Es wird nicht gehen, solange das Geistesleben ein solches Verhältnis zu der proletarischen Seele hat, wie ich es eben geschildert habe. Denn die Menschen glauben nur, es käme von den materiellen Interessen. In Wahrheit kommt es von der Ausgehöhltheit der Seelen, von dem inhaltslosen Leben.

[ 19 ] Das muß als die wahre Grundlage des einen Teiles der sozialen Empfindungen, der breiten Sehnsucht des Proletariats angesehen werden.

[ 20 ] Das zweite lernt derjenige kennen, der, wie ich schon sagte, nicht bloß über das Proletariat denken und empfinden gelernt hat, sondern mit dem Proletariat wirklich denken und empfinden kann. Er lernt erkennen, was es für den modernen Proletarier bedeuten kann, wenn ihm immer wieder und wieder in Anlehnung an den Marxismus klargemacht wird: er stehe an der Maschine, er arbeite, aber er bekomme für seine Arbeit nur den Lohn. Man bezahle seine Arbeitskraft mit dem Lohn, wie man auf dem Warenmarkt Ware bezahlt.

[ 21 ] Das empfindet der moderne Proletarier, daß menschliche Arbeitskraft nicht Ware sein kann, daß sie nicht so auf dem Markte verkauft und gekauft werden soll wie eine Ware! Daraus entspringt für ihn dasjenige, was der moderne Proletarier sein Klassenbewußtsein nennt. Er will sich aus dem Klassenbewußtsein heraus die Möglichkeit schaffen, daß menschliche Arbeitskraft ferner nicht Ware sei; denn er hat das Gefühl, dasjenige, was er arbeitet, das erzeugt nicht nur diejenigen Werte, die im wirtschaftlichen Leben als berechtigte Werte spielen, sondern das erzeugt Mehrwert, den ihm diejenigen entziehen, die die führenden, leitenden Kreise, wie er meint, die kapitalistischen Kreise sind.

[ 22 ] Und so ist der Zusammenhang zwischen Mehrwert und dem menschenunwürdigen Kaufen und Verkaufen der menschlichen Arbeitskraft als Ware dasjenige, was den Proletarier bewegt als zweites.

[ 23 ] Und das dritte, was ist es? Man lernt es kennen, wenn man beobachtet, wie ja im Grunde genommen die leitenden, führenden Kreise wesentlich andere Neigung entwickelt haben für die sozialen Fragen als diejenigen, die sich ihnen aufdrängten dadurch, daß das Proletariat Forderungen stellte. Aus sich heraus, man muß schon sagen, sind wenige Menschen der leitenden, führenden Kreise geneigt, wirklich einzugehen auf dasjenige, was die Kernpunkte der sozialen Frage sind, einfach aus dem Grunde, weil immer diejenigen, die in einer Position drinnen sind, viel weniger geneigt sind, an die Entwickelung dieser Position zu denken, als die anderen, die sich eine Position erst erobern wollen. Aber dadurch mußte wiederum mehr im Unterbewußten, im Instinktiven, als im deutlichen Bewußtsein, in den weiten Kreisen des Proletariats die Anschauung entstehen, als ob es gar nichts zu erwarten habe von den leitenden, führenden Kreisen, als ob es auf eine Lösung in der sozialen Frage ganz allein auf sich selbst angewiesen sei. Und so entstand etwas, was zu dem Verhängnisvollsten gehört, das in der neueren Geschichtsentwickelung da ist. Es entstand dasjenige, was, ich möchte sagen, sich anlehnt an ein Wort, das oftmals ausgesprochen, oftmals angehört wird, das aber in seiner tieferen Bedeutung wenig erkannt wird. Sie wissen wahrscheinlich, jenes Kommunistische Manifest, das im Jahre 1848 eingeleitet hat die marxistische soziale Bewegung, schließt mit den Worten: «Proletarier aller Länder vereinigt euch.» Begreiflich ist es für denjenigen, der die moderne proletarische Bewegung kennenlernt, daß dies Wort gekommen ist. Und verhängnisvoll in der furchtbarsten Art ist die Wirkung dieses Wortes, denn es deutet von vornherein auf dasjenige, was geschehen soll, auf Kampf. Und auf diesen Kampf soll heute noch gebaut werden. Es baut auf Kampf. Es baut nicht darauf, daß unter der Schwung- und Stoßkraft einer Idee, die sich im praktischen Leben verwirklichen soll, sich Menschen zusammenfinden; es baut nicht auf den Glauben an die Kraft des Geistes. Dieses Wort, es baut auf den äußeren materiellen Zusammenhang einer Menschenklasse, auf das Ungeistige. Und es drückt sich in diesem Worte klar und deutlich der Unglaube an das Geistige in verhängnisvollster Weise aus, je mehr sich dieses Wort einimpft den Seelen. Und man darf auch sagen, je mehr man es gedankenlos anhört, ohne seine weltgeschichtliche verhängnisvolle Bedeutung aufzufassen, desto mehr muß die Menschheit hineinsegeln in den Unglauben an das Geistige, und kann nicht, weil sich die materiellen Interessen vereinigen, wie sie einer Menschenklasse anhängen, zu dem kommen, was das Leben doch im Innersten bewegen muß: zu dem Glauben an die Kraft der geistigen Impulse.

[ 24 ] So sieht sich dasjenige an, was man moderne soziale Frage nennt, von der einen Seite, vom Gesichtspunkt des Proletariats. Und dieses Proletariat, es hat gesehen, daß sich gewisse soziale Schäden, die es am eigenen Leibe empfindet, heraufentwickelt haben unter dem Einfluß von Kapital, von moderner Technik. Was meint es? Es meint, diese Schäden werden aufhören, wenn das Privateigentum in Gemeineigentum übergehe, wenn dasjenige, was jetzt von einzelnen verwaltet, bewirtschaftet wird, von der Gemeinschaft verwaltet und bewirtschaftet wird.

[ 25 ] Und so sehen wir, wie austönt die proletarische Forderung immer wieder in den Ruf, der heute eben schon eine katastrophale Gestalt annimmt: Umwandlung der Produktionsmittel, Umwandlung des Privateigentums an Produktionsmitteln in Gemeineigentum und Gemeinverwaltung der Produktionsmittel. Nur dann vermeint der Proletarier, werde für ihn Heil kommen, wenn nicht mehr der Einzelne nach dem Profitinteresse, nach dem Gewinninteresse die Produktionsmittel verwalte, sondern wenn die menschliche Gemeinschaft, an der jeder teilnehmen kann in demokratischer Weise, diese Produktionsmittel verwalte. Und weil das Proletariat sich verraten glaubt von den Menschen, die den führenden, leitenden Kreisen angehören, weil es glaubt, daß diese führenden, leitenden Kreise sich gar nicht interessieren aus ihren Interessen heraus für dasjenige, was eine Gestaltung des sozialen Lebens sei, so ertönt zusammen dasjenige, was sich im Laufe vieler Jahrzehnte entwickelt hat, in den Ruf nach einer Art von Diktatur des Proletariats selber in der Ablösung alter Verwaltungs- und Gesellschaftsverhältnisse durch neue.

[ 26 ] Aber in diese Dinge muß hineingesehen werden nicht von einem Parteistandpunkte aus, in diese Dinge muß hineingesehen werden vollständig unbefangen. Man sieht vielleicht doch nur vollständig unbefangen hinein, wenn man nun auch das Gegenbild ins Auge faßt: ob die proletarischen Forderungen, so wie sie heute formuliert werden in einer großen Anzahl von Zeitungen und Büchern, wie sie bewußt in den Proletarierseelen leben, ob sie richtig sind oder nicht, darauf kommt es an. Denn bei wirklichen Bewegungen handelt es sich nicht um Gedankeninhalte, sondern um dasjenige, was im Wollen der Menschen lebt. Das muß ins Auge gefaßt werden, daß Millionen von Menschen diese Dinge glauben, und daß es nicht darauf ankommt, diese Dinge abstrakt zu widerlegen, sei es auf diese oder jene Weise, sondern darauf kommt es an, in diesen Dingen so weit zu kommen, daß ihre Handhabung praktisch eben auch wirklich lebensgemäß, wirklichkeitsgemäß verstanden wird. Gerade aus dem Grunde, weil die leitenden, führenden Kreise, ich möchte sagen, wie ein Nebenprodukt ihres Wirtschaftens das gehabt haben, daß sie mit dem Leben nicht zu kämpfen hatten, oder wenigstens nicht in einer solchen Weise zu kämpfen hatten, auf einem solchen Boden wie das Proletariat, gerade aus diesem Grunde hat sich nicht in demselben Maße wie beim Proletariat, wo alle die Fragen, die ich jetzt ausgesprochen habe, ich möchte sagen, übergehen in eine Art Magenoder Brot- oder Geldfrage, es hat nicht in einer solchen Weise sich die soziale Frage entwickelt zu einer unmittelbaren Frage des praktischen Lebens, des persönlichen Interesses eines jeden, denn die persönlichen Interessen werden unter dem Einfluß des modernen Lebens wie ein Nebenprodukt befördert. Daher haben die leitenden, führenden Kreise das nicht gekannt auf demselben Gebiete, was die proletarische Welt gehabt hat. Man kann es nehmen wie man will, den großen Versucher oder Verführer Karl Marx oder den genialen, bahnbrechenden Karl Marx, das kommt auf die Auffassung an, aber ein ähnlicher Karl Marx für die leitenden, führenden Kreise war nicht da. Daher sieht es heute so aus, daß im Grunde genommen gar nicht das richtige Licht fällt auf die proletarischen Forderungen. Man kann sie beweisen, man kann sie widerlegen; aber es sind auch andere Anschauungen möglich, die man ebensogut beweisen oder widerlegen kann, und die das Gegenbild davon darstellen.

[ 27 ] Sehen Sie, der Proletarier deutet alles, was sich als menschliche Ideenwelt in Kunst, Sitte, Wissenschaft und so weiter entwickelt, wie eine Art Spiegelbild zu den rein wirtschaftlichen Verhältnissen, die allein er überschauen kann. Menschliche Gedanken sind ihm nur dasjenige, was im Menschen wie ein Spiegelbild ausgelöst wird aus den wirtschaftlichen Interessen, aus den Produktionsverhältnissen. Alles, was die Menschen denken und fühlen, geht hervor aus den wirtschaftlichen Produktionsverhältnissen - so sagt der Proletarier.

[ 28 ] Leicht könnte von der Gegenseite aus das volle Gegenteil mit genau demselben Beweisrecht belegt werden. Und zwar, nehmen wir nur eines: Es ist zum Beispiel kinderleicht, möchte ich sagen, zu beweisen, daß dieses ganze moderne Wirtschaftsleben, wie wir es namentlich in der Zivilisation des Okzidents und seines Anhanges, Amerikas, haben, daß dieses ganze menschliche Wirtschaftsleben, wie es die moderne Welt beherrscht, ein Ergebnis von Menschengedanken ist, die wiederum aus der geistigen Welt heraus geboren sind. Das kann man ganz im Konkreten nachweisen. Man braucht gar nicht in abstrakten Vorstellungen stehen zu bleiben. Nehmen Sie das Folgende.

[ 29 ] Wenn wir die Verhältnisse vor dem Kriege ins Auge fassen, so kann man sagen, daß in der westlichen Welt etwa vier- bis fünfhundert Millionen Tonnen Kohlen jährlich erzeugt werden. Für die mechanische Arbeit unter den Menschen, durch Industrie und sonstiges, werden diese vierhundert bis fünfhundert Millionen Tonnen Kohlen verarbeitet im modernen Wirtschaftsleben. Ich rechne ab, indem ich diese Zahl, vier- bis fünfhundert Millionen Tonnen, vor Sie hinstelle, alles dasjenige, was für privaten Besitz und so weiter notwendig ist. Dasjenige, was an Kraft, an Technik, die dann Wirtschaftskraft wird, hineinfließt in das moderne Leben durch diese Millionen Tonnen von Kohlen, die in den Maschinen verarbeitet werden, das kann man berechnen, man kann berechnen, was es für die Menschheit leistet. Darauf kommt es an, daß man den Vergleich sachgemäß mit Pferdekräften und mit Menschenkräften setzen muß. Wenn man nun annimmt, daß ein Mensch etwa acht Stunden täglich arbeitet, so bekommt man mit einer einfachen Rechnung heraus, wieviele Menschen wieviel Menschenarbeitskraft anwenden müßten, wenn sie dasselbe durch Anwendung der Menschenkräfte leisten sollten, was auf technische Weise in der weiteren technischen Verarbeitung geleistet wird durch diese Millionen Tonnen Steinkohle. Da zeigt sich das Merkwürdige, das sehr Merkwürdige, daß die Rechnung ergibt, daß sieben- bis achthundert Millionen Menschen arbeiten müßten, ihre Arbeitskraft hergeben müßten, wenn sie durch menschliche Arbeitskraft dasselbe leisten wollten, was geleistet wird mit dem, was aus diesen Kohlen an Energien stammt.

[ 30 ] Sehen Sie, diese Möglichkeit, die Kohlenenergie hineinzuschaffen ins wirtschaftliche Leben, die entstammt einzig und allein den Gedanken, die sich entwickelt haben unter dem Einflusse der geistigen Entwickelung des Abendlandes. Gerade ein Vergleich mit den Wirtschaftsverhältnissen des Morgenlandes ergibt das. Es sind etwa, nun, sagen wir 250 Millionen Menschen, die in sich diejenige Kraft haben, aus deren Köpfen heraus entsprungen ist alles dasjenige, was an Gedanken notwendig war, um dieses moderne Wirtschaftsleben in Szene zu setzen; bleiben noch etwa 1250 Millionen Menschen, die nicht teilgenommen haben an diesem Leben. Rechnet man aus, was diese dann leisten bei derselben täglichen Arbeitszeit, dann bekommt man eine Zahl, die weit geringer ist als diejenige, die da angibt, wieviel durch die Kohlenförderung und Kohlenverarbeitung auf mechanischem Felde zustande kommt. Das heißt aber nichts anderes als: dasjenige, was gerade das Spezifische des modernen Wirtschaftslebens ist, das ist ein Ergebnis menschlicher Gedanken. Und diese menschlichen Gedanken sind wahrhaftig nicht aus der Materie heraus entsprungen; die sind das Ergebnis der abendländischen Kulturentwickelung. Und man kann sehr wohl beweisen, daß durch diese Gedanken, durch diese Art zu arbeiten, zu unseren 1500 Millionen Menschen auf Erden Menschenkräfte von weiteren 700 bis 800 Millionen hinzugetan werden. So daß wir in Wahrheit heute so arbeiten auf der Erde, als wenn nicht nur 1500 Millionen arbeiteten, sondern als ob weit über 2000 Millionen Menschen arbeiteten. Man kann es leicht beweisen, daß das alles, was so die eigentliche Struktur, der eigentliche Charakter dieses modernen Wirtschaftslebens ist, aus dem die sozialen Fragen entstanden sind, daß das ein Ergebnis der Geistesentwickelung ist, daß dieser Geist durchaus nicht eine Ideologie ist, sondern daß dieser Geist der Schöpfer des Wirtschaftslebens ist.

[ 31 ] Das heißt, es steht auf der einen Seite die proletarische Auffassung, auf der anderen Seite die gewöhnliche Gegenauffassung, die wahrhaftig ebenso gut bewiesen werden kann wie die andere Auffassung. Und genau ebenso, wie man in marxistischer Weise ausrechnen kann, wie die Menschen arbeiten, um zu dem Werte, der im berechtigten Wirtschaftsleben herrscht, Mehrwert zu erzeugen, ebenso kann man nachweisen, ganz genau ebenso wissenschaftlich streng, wie es im Marxismus geschieht, daß alles, was modernes Wirtschaftsleben ist, aus den Gedanken der führenden, leitenden Menschenkreise stamme, und daß dasjenige, was als Lohn abfällt, herausgearbeitet ist aus dem, was die leitenden, führenden Kreise für die Menschheit sozial leisten. Man kann ebenso, wie man auf der einen Seite den Mehrwert ausrechnet, der von der Arbeit abfällt nach oben, ebenso gut kann man die Gesamtheit allen Lohnes ausrechnen als dasjenige, was abfällt durch das, was von den leitenden, führenden Kreisen, von dem Gedankengetragenen der Menschheit geleistet wird.

[ 32 ] Nur ist das nicht geschehen, und zwar, wie ich überzeugt bin, aus dem einzigen Grunde, weil eben auf der anderen Seite aus der Sorglosigkeit heraus nicht ein «Karl Marx» arbeitete, der das ebensogut bewiesen hätte, wie der wirkliche Karl Marx seine Theorie für das Proletariat bewiesen hat. Was ich Ihnen jetzt sage, ist wahrhaftig nicht irgend etwas abstrakt Erfundenes. Geradeso wie ich es aus der Förderung der Kohlen nachgewiesen habe, so können Sie es aus den Tatsachen des Wirtschaftslebens heraus nachweisen, daß das Gegenteil von dem richtig ist, was Marx, nur beschränkt für den Mehrwert, nachgewiesen hat.

[ 33 ] Wenn man ins Auge faßt jene Struktur, die die moderne Technik dem Wirtschaftsleben aufgedrückt hat, so ist in Betracht zu ziehen, daß diese moderne Technik aus dem menschlichen Gedanken hervorgeht und diese wiederum aus dem Geistesleben hervorgehen, und daß eine gewisse Konzentration der Produktionsmittel für besondere Zeiten notwendig ist, die einfach wegen der fortgeschrittenen Technik konzentriert und von einzelnen verwaltet werden müssen. Man kann schon sagen, setzt man entgegen dem, was das moderne Wirtschaftsleben, die modernen Produktionsverhältnisse herausgebildet haben - Konzentrationen der Produktionsmittel, die jetzt in den Händen von einzelnen sind -, setzt man dagegen die abstrakte Forderung des Mehrwerts, der zu gewinnen ist aus Produktionsmitteln, die gemeinschaftlich verwaltet werden sollen, dann wird man eben sehen, was herauskommt! Gewiß, man kann in abstracto die Forderung erheben, daß dasjenige, was bisher geleistet worden ist durch die leitenden, führenden Kreise, die die Gedanken geliefert haben zur Struktur der modernen Wirtschaft, ihnen abgenommen und von der Gemeinschaft verwaltet werden kann. Demjenigen aber, der nun nicht hineinsieht aus dem menschlichen Empfinden heraus, aus den Emotionen heraus in das Getriebe des Lebens, sondern unbefangen dieses Getriebe des Lebens beobachtet, ja, dem erscheint als drohender Gedanke für die nächste Menschenzukunft dieser: Wenn es nun wirklich geschehen könnte, daß verwirklicht würde die Übernahme dessen, was bisher durch einzelne Individualitäten [. . .] geleistet worden ist - wenn das auch Schäden in seinem Gefolge gehabt hat -, wenn das nun durch die Gemeinsamkeit geleistet werden sollte, so würde es wahrscheinlich mit dieser Gemeinschaft so gehen, wie es in der Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts den Japanern gegangen ist, die aus einem gewissen Nationalstolz heraus gehandelt haben, als sie die ersten Kriegsschiffe übernommen haben von den Engländern. Die Engländer boten ihnen auch die Lehrmeister zu diesen Kriegsschiffen an; aber sie haben diese englischen Lehrmeister weggeschickt und wollten nun selber fahren. Und nun konnte man vom Lande aus sehen das schöne Schauspiel, wie die Kanonenboote fortwährend im Kreise sich drehten; sie konnten nicht vorwärtskommen, denn die Japaner hatten nicht gelernt, wie es zu machen ist. Es war vergessen worden zu zeigen, wie man das Ventil schließt und öffnet, wodurch der überflüssige Dampf abgeht. Und so konnten sie nichts machen, mußten abwarten, bis die Dampfkraft ganz verbraucht war.

[ 34 ] So fürchtet man, wenn man in die Dinge wirklich hineinschaut, wie sie sich heute im sozialen Leben vollziehen, daß es gehen könnte, wenn dasjenige, was die einzelnen der führenden, leitenden Kreise aus Sachkenntnis und Sachtüchtigkeit heraus, wenn auch mit Schäden, leisten, übernommen werden sollte von der abstrakten Gemeinschaft, die demokratisch urteilt, wie nun das, was man produzieren soll, mit den technischen Verwaltungen und so weiter eingerichtet werden soll.

[ 35 ] Das alles sind Dinge, die sich nicht an parteimäßige Programme hängen, nicht aus einer Parteischablone ergeben, die sich aber demjenigen ergeben, der das Leben praktisch und unbefangen ansieht, und wirklich den Willen hat, auf dieses Leben praktisch und unbefangen einzugehen.

[ 36 ] Und das erste, was sich daraus ergeben wird, es ist auch das erste, was ich als Ergebnis ziehen mußte in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft». Dasjenige, was vor allen Dingen für die Menschheit gebraucht wird, das ist zu der Naturerkenntnis hinzu, die nun wirklich die Schöpferin ist der modernen Technik und damit des modernen Wirtschaftslebens, zu dieser natürlichen Erkenntnis hinzu eine wahre Menschenerkenntnis.

[ 37 ] Sehen Sie, es wird Ihnen ja von mancher anderen Seite auch erzählt von jener vertrackten Weltanschauung, die sich angliedern soll an dasjenige, was jetzt in Dornach als ein Monumentalbau gebaut wird, eine Art «Hochschule für Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft» nennt sich das Dings. - Sie würden gut tun, wenn Sie von vornherein gleichsam wie ein Axiom annehmen würden, daß dasjenige, was ich im Zusammenhange mit anthroposophischer Geisteswissenschaft nenne, das gerade Gegenteil ist von dem, was meistens von den Nichtkennern in der Welt gesagt wird. Denn bei dieser Geisteswissenschaft handelt es sich darum, zur Naturwissenschaft als der geistigen Grundlage des modernen Wirtschaftslebens hinzuzufinden dasjenige, was den Menschen angeht, hinzuzufinden eine wirkliche Menschenkenntnis. Deshalb auch wird diese Geisteswissenschaft Anthroposophie, Menschenweisheit genannt, eine wirkliche Erkenntnis vom Menschen. Die moderne Naturwissenschaft tut ganz recht, wenn sie sich bei der Erkenntnis der Natur und bei allem denjenigen, was mit mechanischem, chemischem, physikalischem, technischem Leben und Wirtschaft zusammenhängt, wenn sie sich dabei nicht einläßt auf den Menschen, wenn sie den Menschen gleichsam nur wie einen Zuschauer im Hintergrunde läßt. Aber das ist das Verhängnisvolle, daß in der neueren Zeit alles dasjenige, was an Vorstellungsart in der Naturwissenschaft ist, angelegt ist auch auf das soziale Denken, daß man glaubt, das soziale Leben mit denjenigen Gedanken durchdringen zu können, die der Naturwissenschaft außerordentlich nützlich sind, welche die Naturwissenschaft zu einer reinen Höhe erhoben haben; aber bei dem sozialen Denken muß der Mensch drinnen leben. Da muß ein Bewußtsein walten, das wirklich bis zum Menschen dringt.

[ 38 ] Dieses Bewußtsein, das ist es, was Geisteswissenschaft hinzufügen will zu dem, was in der neueren Zeit bloß naturwissenschaftliches Denken ist und davon abhängig soziales Denken. Und diese Geisteswissenschaft will - deshalb ist sie so vielen Menschen höchst unbequem - tiefer in den Menschen eindringen, als man mit Anatomie, mit Physiologie, mit Biologie, durch die man doch nur das Äußere des Menschen kennenlernt, eindringt. Diese Geisteswissenschaft will eindringen in diejenigen Tiefen der Menschennatur, wo sich etwas abspielt, was nicht bloße Gedanken sind, wo sich Wirklichkeiten abspielen, die gleich sind mit den Wirklichkeiten des äußeren Lebens, die gleich sind auch mit den Wirklichkeiten der äußeren Natur.

[ 39 ] Diese Geisteswissenschaft will auf der einen Seite sich wirklich erheben zu der Erkenntnis des Geistigen. Sie will aber auf der anderen Seite nicht stehenbleiben vor den Tatsachen des allerpraktischsten Alltagslebens. Für diese Geisteswissenschaft ist es undenkbar, daß im menschlichen Bewußtsein ein solches Zweifaches lebt, wie ich es geschildert habe für den modernen Kaufmann, für den modernen Astronomen, für den modernen Staatsbeamten, die ihr abgesondertes, lebenstremdes religiöses, ästhetisches Leben haben, das über dem Leben schwebt, das auch ferneliegt dem, was das alltägliche Leben ist. Scheinbar ist dieses Leben sehr geistig, das sich da als Geistesleben entwickelt. In Wahrheit aber ist es lebensfremd. Daher hat es auch einen gewissen Unglauben an das Leben erzeugt.

[ 40 ] Daher kam es auch, daß in den breiten Massen niemals ein Glaube an dieses geistige Leben sich so hat ausbilden können, daß man hingesehen hat auf dieses Geistesleben so, als ob von diesem Geistesleben nun irgend etwas sozial Heilsames kommen könnte. Da haben gewirkt ernste und ehrliche Persönlichkeiten. Diejenigen, die es durchdringend ernst meinen mit dem sozialen Leben - das geistige Leben betrachten sie im Grunde genommen nur als utopistisch. Da haben gelebt Fourier und ähnliche Geister, die sich so schöne Programme aufgestellt haben, wie sie sich das Leben ausgestalten wollen. Aber aus welcher Gedankenkonstitution, aus welcher Seelenverfassung sind alle diese sozialen und sozialistischen Ideen entstanden? Sie sind entstanden aus einem Gedankenleben heraus, das eben neben das Leben sich selber als lebensfremd hinstellt, das so fremd dem Leben ist, wie das religiöse Leben dem Kaufmann im Kontobuch ist. Daß aus solcher Seelenverfassung schöne Ideen, echt gemeinte, gut gemeinte Ideen hervorgehen können, ist selbstverständlich, aber nicht Ideen, die in das wirkliche praktische Leben eingreifen.

[ 41 ] Geisteswissenschaft will zu den höchsten Höhen des Geistes hinauf. Aber indem sie heruntersteigt in das tiefste Innere des Menschen, wo nicht lebensfremde Gedanken, sondern Gedanken sind, die eindringen in die Wirklichkeiten der Außenwelt, sollen diese imstande sein, wenn sie auf der einen Seite hinaufgreifen in höchste geistige Höhen, zu gleicher Zeit aufzufassen auch dasjenige, was uns begegnet im Kontobuch im Verhältnis des Arbeitgebers zum Arbeitnehmer, dasjenige, was überall im unmittelbaren Leben lebt. Schwach und ohnmächtig waren die Gedanken jenes Geisteslebens, das beherrscht hat die menschlichen Seelen in den letzten drei bis vier Jahrhunderten; denn diese Gedanken waren schöne ästhetische, religiöse, wissenschaftliche und weltliche Gedanken, aber sie waren nicht Gedanken, die hinunterreichten in die Wirklichkeit und etwas Wirkliches erkannten.

[ 42 ] Nehmen Sie einmal irgend etwas, was, sagen wir wie ein moderner Moralkodex, wie eine Ethik wirkt, sehen Sie, was darinnen gesagt ist über Menschlichkeit, Gutsein, Wohlwollen, Nächstenliebe, menschliche Brüderlichkeit, das steht dem Leben fremd gegenüber, das greift nicht ein in dieses unmittelbare Leben, sowenig wie die moderne Philosophie, die in abstrakten Ideen lebt, wie das moderne Geistesleben überhaupt.

[ 43 ] Hinuntergreifen in das, was die Philosophie, was überhaupt die wirkliche, äußere reale Wissenschaft zutage fördert, das kann eigentlich heute nur die Geisteswissenschaft. Lesen Sie in meinen zahlreichen Büchern über diesen Gegenstand nach. Sie werden finden, daß Geisteswissenschaft nichts zu tun hat mit jenen Abstraktionen, mit dem, was man heute als philosophische Weltanschauung und dergleichen tradiert, sondern da sehen Sie, daß diese Geisteswissenschaft darauf angewiesen ist, nun wirklich in den Geist, in dem der Mensch mit seiner Seele drinnen lebt, einzutauchen, um aufzugreifen wirkliche Erkenntnisse vom Menschen; weil der Mensch einmal am allergeistigsten ist, darum eine Erkenntnis zu begründen, die zu der höchsten Höhe des Geistes hinaufsteigt, und gleichzeitig hinuntertaucht in das unmittelbar praktische Leben. Denn dringt man nur tief genug vor in den Erkenntnissen, so erweist sich dieses Leben in der Erkenntnis als eine Einheit, nicht als eine Zweiheit.

[ 44 ] Dieses Geistesleben wird auch imstande sein, in das Leben einzudringen, das wir das soziale nennen. Nicht ist imstande jene abstrakte Geisteswissenschaft, jene abstrakte Wissenschaftlichkeit, die der moderne Proletarier als Ideologie empfindet, nicht ist sie imstande, einzudringen in die wirkliche soziale Gestalt des Lebens. Ihre Gedanken, ihre Ideen sind zu schwache, dringen nicht ein, dringen nicht hinunter, sind Abstraktionen, bleiben im Gedanklich-Unwirklichen. Sie sind wirklich Ideologien. Aber der Geist braucht nicht bei Ideologien stehenzubleiben. Der Geist kann doch so stark zu den Ideen vordringen, daß diese Ideen zu gleicher Zeit Kräfte sind, die in der Wirklichkeit enthalten sind. Mit solchen Ideen allein ist es möglich, hineinzutauchen in das soziale Leben.

[ 45 ] Aber dazu ist eben eine bestimmte soziale Struktur notwendig. Und diese soziale Struktur versuchte ich anzudeuten, skizzenhaft zu gliedern wenigstens, in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage». Ich versuchte zu beweisen, wie es notwendig ist, daß in der Tat losgelöst werde die Verwaltung des geistigen Lebens von dem Wirtschaftsleben und von dem Staatsleben, dem die Rechtspflege überlassen werden muß; von allem Politischen und Wirtschaftlichen ist loszutrennen das Geistige. Solange das Wirtschaftsleben aus sich heraus entwickelt das geistige Leben, indem der wirtschaftlich Mächtige zu gleicher Zeit imstande ist, am besten sich auch mit Bezug auf seine geistige Bildung vorwärtszubringen, solange überhaupt ein Zusammenhang besteht, ein innerer Zusammenhang zwischen dem Geistesleben und dem Wirtschaftsleben, so lange ist es unmöglich, daß das Geistesleben völlig frei sich entwickelt.

[ 46 ] Derjenige aber, der dieses Geistesleben kennt, von dem ich eben gesprochen habe, er weiß, daß das sich nur auf einem völlig freien Boden entwickeln kann. Denn das Geistesleben, von dem ich gesprochen habe, das ist ein Erzeugnis des menschlichen Inneren. Dieses menschliche Innere muß in völliger Freiheit gepflegt werden. Schule und Erziehung müssen unabhängig verwaltet werden in eigener Verwaltung, unabhängig von dem Wirtschaftsleben und von dem übrigen Staatsleben, von dem politischen und dem Rechtsleben.

[ 47 ] Es ist etwas ganz anderes, wenn der Lehrer der untersten Schulklasse nicht sich zu richten hat nach dem, was ihm geliefert wird durch das Wirtschaftsleben, nicht sich zu richten hat nach dem, was ein Staat für Anforderungen stellt, damit er seine Stelle besetzen kann; sondern wenn da folgt dasjenige, was im Geistesleben, im wichtigsten Teile, eben im Erziehungs- und Unterrichtswesen sich vollzieht, wenn das lediglich folgt aus dem, was die Menschen wiederum im Geiste erleben sollen. Soll ich konkret charakterisieren, müßte ich sagen: Es muß in der Zukunft das gesamte Geistesleben, auch das Unterrichts- und Schulleben, so gestaltet sein, daß diejenigen, die unterrichten, die erziehen, von den untersten bis zu den höchsten Stufen nur so weit mit dem Unterricht und der Erziehung belastet sind, daß ihnen dabei übrig bleibt die Möglichkeit, dieses geistige Leben, an dem sie arbeiten, an dem sie mit tätig sind, auch zu verwalten. Das geistige Leben bildet ein selbständiges Glied des sozialen Organismus. Das verwaltet sich selbst, ist in seine eigene Verwaltung gestellt.

[ 48 ] Wenn dies der Fall sein wird, dann wird man dasjenige nicht erleben, was einem so stark vor das Seelenauge tritt, wenn man etwa in der folgenden Lage ist. Wir haben versucht, in Stuttgart nunmehr zu begründen durch das tatkräftige Anfassen des sozialen Lebens durch unseren Freund Emil Molt, wir haben versucht, eine Schule zu begründen, welche wenigstens in ihrer inneren geistigen Konstitution so gestaltet ist, daß sie aus dem eben charakterisierten Geist heraus genommen ist. Da wurde die Lehrerschaft zunächst so vorbereitet, daf$ sie wenigstens wirkt im Sinne eines völlig freien geistigen Lebens. Es mußte an diesem Zipfel gleichsam begonnen werden aus dem Grunde, weil ja viele Wege heute verlegt sind, und weil dasjenige, das hier gemeint ist, wahrhaftig eben urpraktisch gemeint ist und eigentlich erst verstanden wird, wenn es mit dem Instinkt für das praktische Leben angefaßt wird, nicht mit irgendwelchen theoretiischen Ideen und dergleichen. Es ist eine achtklassige Volksschule, die in freier Unterrichtsverfassung dasselbe leisten soll an Äußerem zu Lehrendem wie die gewöhnlichen Volksschulen und wie die gewöhnlichen Realschulen und Gymnasien bis zum vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahre für Knaben und Mädchen zugleich, die aber zu gleicher Zeit in völlig freier Weise menschliche Individualität entwickeln soll, so daß die Individualität sich in das soziale Leben hineinstellt und es gestalten wird, bei welcher nicht das soziale Leben von seinem Wirtschaftsstandpunkte aus und von seinem Staatsstandpunkte aus die Schablonen liefert, nach denen die Individualitäten sich entwickeln müssen. Dann aber sieht man, daß man die Verordnungen in die Hand bekommt, wie von Klasse zu Klasse unterrichtet werden soll, und heute schon steht in den Verordnungen drinnen als Vorschrift, was gemacht werden soll. Für den aber, der gerade denken kann, der unabhängig das Leben betrachten kann, für den erscheint es als die einzige Möglichkeit, daß für das, was zugrunde zu liegen hat im Erziehen, im Unterrichtswesen, für das, was angibt, was Tag für Tag, Stunde für Stunde in der Schule zu geschehen hat, daß dafür nicht maßgebend ist irgendein demokratischer Wille - das nähme sich aus wie aus pädagogischer Kurzsichtigkeit -, sondern das Fach- und Sachkönnen derjenigen, die aus dem geistigen Leben selber heraus arbeiten und auch das Geistige verwalten können.

[ 49 ] Diese Dinge müssen eben praktisch angefaßt werden. Dadurch werden sie es erst, daß vieles, was man heute praktisch nennt, und das man sich gar nicht anders vorstellen kann, anders wird, als es für heute geworden ist, daß man das wirklich unbefangen anschaut, wie es sein sollte, und dann den wirklichen inneren Gesetzen der menschlichen Entwickelung folgt.

[ 50 ] Das andere, was sich hinzugliedern muß zu diesem freien Geistesleben, das seine eigene Verwaltung hat - ich kann das heute nur skizzieren -, das ist der selbständige Rechtsstaat, das selbständige staatliche politische Element, das aber aus sich ausgegliedert hat auf der einen Seite das Selbständigsein alles Geisteslebens, auf der anderen Seite aber auch das Wirtschaftsleben. Ein Rechtsleben hat es eigentlich in den letzten Jahrhunderten nur gegeben, insoferne dieses Rechtsleben sich entwickelt hat aus dem Wirtschaftsleben heraus. Und gerade bei denjenigen Staaten, die durch ihre staatlichen Wirtschaftlichkeiten in diesen furchtbaren Krieg hineingezogen worden sind, zeigte sich das am allerdeutlichsten, daß ihre gesamte politische Konstitution eine Folge ihres Wirtschaftslebens war, daß sozusagen der Staat in einem solch hohen Maße schon auch die Wirtschaftsgemeinschaft war. Das würde nur zum höchsten Gipfel der Unmöglichkeit hinaufgesteigert, wenn nun durch das marxistische Programm eine grofse Genossenschaft aus dem Staat entstehen würde, wo in Gemeinsamkeit die Produktionsmittel verwaltet werden sollen, bearbeitet werden sollen. Es würde nicht irgend etwas Neues entstehen, es würde nur dasjenige, was schon die großen Schäden hervorgebracht hat, ins Ungeheuerliche gesteigert. Aber im selbständigen Rechtsleben kann Rechtsschöpfung nur aus dem selbständigen Rechtsbewußtsein entstehen. Das heißt, es muß sich entwickeln neben dem Wirtschaftsleben ein selbständiges Staatsoder Rechtsglied des sozialen Organismus. Es wird gerade dieses Glied alles dasjenige umfassen, worinnen alle mündig gewordenen Menschen urteilsfähig geworden sind.

[ 51 ] Das Geistesleben wird man niemals demokratisch verwalten können; das Geistesleben muß man verwalten aus Sach- und Fachkenntnis des Einzelnen, Maßgebenden. Dasjenige aber, was Wirtschaftsleben als solches ist, das kann auch nicht demokratisch verwaltet werden. Das muß so verwaltet werden, daß wiederum das dem wirtschaftlichen Gebiete Entsprechende das Zugrundeliegende ist. Dieses Wirtschaftsleben muß so verwaltet werden, daß derjenige, der auf einem Gebiete wirtschaftet, in diesem Wirtschaftsgebiete drinnen geistig mündig ist, fest begründet ist. Dieses Drinnenstehen, Begründetsein, stark Begründetsein, dieses Heraus-handeln-Können aus einem Wirtschaftsgebiet, das wird untergraben, wenn in demokratischer Weise entschieden werden soll, wie in den einzelnen Betrieben gearbeitet werden soll, oder was in den einzelnen Betrieben gearbeitet werden soll und so weiter.

[ 52 ] Wenn für das soziale Gemeinwesen wirklich die Kräfte, die da sind, fruchtbar gemacht werden sollen, so geschieht das nur dadurch, daß der einzelne Vertreter aus Sachkenntnis, aus Fachtüchtigkeit auf seinem rechten Posten steht und für die Gemeinschaft dasjenige produziert, was er nach seinen Fähigkeiten produzieren kann. Dabei bleibt aber noch immer dasjenige, worüber nicht er ausschlaggebend ist allein, sondern worüber urteilsfähig ist jeder mündig gewordene Mensch, der das demokratische Element vertritt, wobei jeder Mensch gleich ist, gleich darinnen steht, auch worinnen jeder ein Verhältnis entwickeln soll von Mensch zu Mensch.

[ 53 ] Immerfort wird auf sozialistischem Boden heute betont: Der Arbeiter ist getrennt von seinem Arbeitsprodukt, er erarbeitet das Produkt, das er kaum kennenlernt, oder von dem er nur einen Teil kennenlernt. - Das ist gewiß alles wahr. Das Produkt geht auf den Markt über, er ist von ihm getrennt, er ist von seinem Arbeitsgebiet getrennt, er leistet seine Arbeit, seine Menschenarbeit einfach ab an etwas, das er gar nicht kennt. Aber nur solange ist das der Fall, als wir neben dem Wirtschaftsleben, in das der einzelne eingespannt ist, nicht ein selbständiges Glied haben, nicht ein selbständiges Leben haben, wo man sich von Mensch zu Mensch ausbildet, weil man als Mensch neben dem Menschen ein gleicher ist. Dieses selbständige Leben, auf dem nur entschieden wird, was rechtens ist, dieses eigentliche politische Leben, das ist der Inhalt des Staatslebens. Das ist dasjenige, worinnen Demokratisches wahrhaftig sich entwickeln kann. Das muß aber im Konkreten gepflegt werden. Man kann nicht sagen: diejenigen, die auf einem bestimmten Gebiete des wirtschaftlichen Lebens Ausgezeichnetes geleistet haben, die werden auch auf dem Rechtsgebiet Ausgezeichnetes leisten, so daß dieses Rechtsgebiet am besten von ihnen gepflegt werden kann. Nein, das ist nicht der Fall, weil der Mensch nur dasjenige pflegen kann, nur in dem urteilsfähig werden kann, was sich im Leben konkret wirklich entwickelt. Es darf nicht verbunden sein chaotisch das Rechtsleben mit dem Wirtschaftsleben, sondern es muß das Rechtsleben neben dem Wirtschaftsleben dastehen. Und es muß sich der Mensch in ein Verhältnis setzen, in ein konkretes Verhältnis auf dem Rechtsboden zu dem anderen Menschen. Es müssen sich in ihm Interessen entwickeln für die anderen Menschen, mit denen er zusammenlebt im Wirtschaftsleben, wenn das Wirtschaftsleben Bedürfnisse entwickelt, die zu befriedigen sind. Auf dem Boden des Rechts, da wird jeder Mensch wissen: du bist ein Glied in der übrigen Menschheit, du nimmst teil an etwas, was dein Verhältnis und kein anderes, was dein Verhältnis unter den anderen bestimmt. Du stehst in der ganzen Menschheit, du lernst dich nun erkennen als das Glied des auf Gleichheit der Menschen, auf Demokratie gebauten Staates. Dieser Staat wird für dich eine Realität. Denn er wird eine Realität, indem er vor allen Dingen dein Arbeitsrecht behandelt. Das Arbeitsrecht wird nicht mehr im Wirtschaftsleben eingerichtet, nicht mehr wird der Arbeiter abhängig sein von der wirtschaftlichen Macht desjenigen, mit dem er zusammen die Arbeit leisten und die Arbeit unternehmen kann, sondern dasjenige gilt, worinnen jeder Mensch gleich ist. Auf dem abgesonderten Rechtsboden wird das zu entscheiden sein, worin jeder Mensch gleich ist. Und andere Verhältnisse werden auf dem entsprechenden Boden zu regeln sein. Ich kann das alles heute nur charakterisieren, ganz im allgemeinen, das Genauere darüber finden Sie in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage».

[ 54 ] Dann bleibt das Wirtschaftsleben, das eigentliche, das einheitliche Wirtschaftsleben. Und dann wird man in diesem Wirtschaftsleben nicht das in ihm haben, was heute auch ist, sondern man wird in diesem Wirtschaftsleben Assoziationen haben, die aus den Konsumenten, den Produzenten zusammen gebildet werden. Und diese Assoziationen, sie werden sich zu befassen haben mit demjenigen, was eng zusammenhängt mit der wirtschaftlichen Bedürfnisfeststellung, mit der Feststellung der Preise, dem Warenwert, mit all dem, was nur an der menschlichen Arbeitsleistung, die in die Ware übergeht, hängt. Es wird das Wirtschaftsleben nicht zu entscheiden haben über das Aufbringen der menschlichen Arbeitskraft, darüber entscheidet das Rechtsleben. Auf dem Boden des Wirtschaftslebens werden die Korporationen sich nur zu befassen haben mit den gerechten Preisen. So daß sich aus wirklicher Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit heraus solche Preise ergeben durch das Darinnenstehen im Wirtschaftsleben, daß der einzelne tatsächlich im Durchschnitt für dasjenige, was er leistet, soviel erhält an entsprechenden Gütern, die zu seinem Bedarfe dienen, bis er ein Gleiches hervorgebracht hat wie dasjenige, das er eintauscht.

[ 55 ] Ich komme da in kurzem auf die Urzelle des Wirtschaftslebens; wenn man sie so hinstellt, wie ich sie jetzt hinstellen muß, sieht das etwas paradox aus, dennoch beruht auf ihr im Grunde genommen alles. Es beruht auf ihr das vor allen Dingen, daß sich dadurch gerechte Preisverhältnisse ergeben; denn nicht durch irgendwelche gemeinsame Verwaltung, nicht durch irgendwelches Überführen der Bereiche in die Verwaltung der Gesamtheit, oder ins Eigentum der Gesamtheit, nicht dadurch läßt sich ein sozialer Ausgleich erreichen, sondern lediglich durch das nicht durch den Zufall des Marktes bestimmte Wertverhältnis der Ware, sondern durch das aus menschlicher Vernunft heraus bestimmte Wertverhältnis der Ware, so daß es aus der wirklichen Leitung des Wirtschaftslebens als solcher herausgeflossen ist.

[ 56 ] Trocken und paradox und eigentlich trivial ausgesprochen: wenn ich heute ein Paar Stiefel fertig gebracht habe, so muß im sozialen Organismus dieses Paar Stiefel soviel wert sein, daß ich Güter dafür eintauschen kann, bis ich wieder ein solches Paar Stiefel fertig fabriziert haben werde, eingerechnet alles dasjenige, was für Arbeitslose, Kranke, Invalidität und so weiter zu leisten ist. Das ist die Urzelle des Wirtschaftslebens.

[ 57 ] Das kann auch tatsächlich dann erreicht werden, wenn das Wirtschaftsleben ganz losgelöst wird von den anderen beiden Gliedern des sozialen Lebens: vom selbständigen Geistesleben, vom selbständigen Rechtsleben.

[ 58 ] Ich konnte Ihnen, wie ich schon sagte, diese Dinge nur skizzieren, allein sie sind entwickelt worden aus einer wirklichen Lebenspraxis, aus einer Auffassung des Lebens, so wie es eben ist, so wie es sich gestalten will. Das war auch der Grund, warum ich, während dieser furchtbare Weltkrieg wütete, mancher Persönlichkeit sagte: Es handelt sich darum, daß} diesem Wüten nur begegnet werden kann durch Ideen, die auf geistigem Grund und Boden gewachsen sind. Sie haben die Wahl, so sagte ich zu manchem, entweder jetzt von solchen Ideen zur Menschheit zu sprechen, die diese Menschheit auffassen kann als Ausgangspunkt für eine wirkliche Besserung der Erde, oder Sie erleben Kataklysmen sozialer Art und Revolutionen.

[ 59 ] Man hat sich nicht dazu bequemt, Vernunft anzunehmen. So kam die Revolution. Aber mit diesen Revolutionen hat es seine Eigentümlichkeit. Revolutionen waren in der Welt da. Eine der größten Revolutionen war diejenige, die durch das Heraufkommen des Christentums sich vollzogen hat. Was war das für eine Revolution? Eine geistige Revolution war das. Dasjenige, was umgewandelt worden ist, das waren die Verhältnisse im geistigen Leben. Was Neues in der Menschheit wirklich heraufkommen kann auf diesem Wege durch eine Metamorphose in der Entwickelung, das können nur geistige Impulse zunächst sein.

[ 60 ] Die christliche Umwälzung war eine geistige. Und was sie in ihrem Gefolge hatte an Rechtsleben und an Wirtschaftsleben, war eine Folge der geistigen Umwälzung, die durch das Christentum sich vollzogen hat. Daher war sie, diese Umwälzung, eine große, und derjenige, der die Entwickelung des Christentums kennt, der weiß, wie tief einschneidend dasjenige war, was durch das Christentum als eine geistige Umwälzung in die Welt gekommen ist.

[ 61 ] Betrachten wir aber jetzt eine Umwälzung der Rechtsverhältnisse, der politischen Verhältnisse: Wir finden solche Umwälzungen in der Französischen Revolution oder in der kontinentalen Revolution des Jahres 1848. Man studiere diese Revolutionen und man wird finden: Einiges haben sie erreicht, einiges haben sie an die Stelle des Alten gesetzt; aber vieles ist zurückgeblieben, das durchaus nicht eine Lösung vorher erhobener Forderungen war, sondern eine Lösung früher aufgestellter Forderungen war, Reste, die zurückblieben von diesen politischen Revolutionen, von den drei Elementen des menschlichen Lebens. Man kann sie verfolgen, die Umwälzungen auf geistigem Gebiete, auf politisch-rechtlichem Gebiete; eine Umwälzung auf geistigem Gebiete, diejenige durch das Christentum; eine Umwälzung auf politisch-rechtlichem Gebiete, die Umwälzung der Französischen Revolution und der Revolution des Jahres 1848. Jetzt will man eine Umwälzung auf wirtschaftlichem Gebiete. Das wirtschaftliche Leben aus sich selber heraus kann sich mechanisieren, kann sich aus sich selber nicht umgestalten. Wer weltgeschichtliche Zusammenhänge kennt, der weiß, daß es geistige Umwälzungen geben kann, weil vom Geiste aus alles übrige Leben befruchtet werden kann, daß auch noch etwas bleibt von den Rechtsverhältnissen, die im seelischen Zusammenleben der Menschen begründet sind, wenn sie sich in einer Umwälzung vollziehen. Wenn aber das Äußere selbst, rein aus sich gebildet, umgestaltet werden soll, so ist dies eine Illusion. Es ist einfach ein Gesetz der weltgeschichtlichen Entwickelung, daß da, wo eine bloß wirtschaftliche Revolution vollzogen werden soll, wie im gegenwärtigen Rußland, diese wirtschaftliche Revolution der Totengräber sein muß der modernen Zivilisation, ehe sie nicht wieder aufnimmt etwas wirklich Geistiges.

[ 62 ] Wahr ist es, Lenin und Trotzki sind die letzten konsequenten Ausbildner dessen, was im Darwinismus der Masse seit Jahrzehnten gelebt hat. Aber indem man versucht, das zu verwirklichen, was man in den Ideen als bloße Wirtschaftsideen einseitig ausbilden konnte, und woran man glauben konnte, solange es nicht praktisch wurde, wird man im selben Augenblicke, wo man es ins Leben einführen will, zum Totengräber der Zivilisation. Und Tod nur könnte sich im europäischen Osten ausdehnen unter dem Einflusse solcher Ideen, wenn nicht eingesehen würde, daß wir nötig haben in unserer Zeit etwas ganz anderes: eine Erneuerung des geistigen Lebens.

[ 63 ] Das ist, was ich heute besonders stark betonen wollte, daß wir nötig haben, in einem selbständigen geistigen Gliede des sozialen Organismus ein freies Geistesleben zu entwickeln, das nun wiederum auf wirklichen Geist baut. Aus diesem Geiste heraus wird sich eine wirkliche soziale Zukunft ergeben. Nicht hat man zu hoffen etwas von einer neuen Revolution. Diese neue Revolution müßte eine wirtschaftliche sein. Eine Wirtschaftsrevolution kann nur zerstören, kann nicht aufbauen. Heute ist die Welt reif für neue Geistigkeit, damit neu aufgebaut werden kann.

[ 64 ] Das ist, was der sagen muß, der nicht auf Parteiforderungen, nicht auf Parteiprogramme ein Vorurteil stützt, sondern der unbefangen und ehrlich auf das Leben hinsieht, und es ernst und ehrlich meint mit demjenigen, was man gewöhnlich, aber schlecht verstanden, die soziale Frage nennt. Das ist dasjenige, was zunächst nachgeholt werden muß im Gang der menschlichen Entwickelung: Aufklärung darüber zu verbreiten, in den breitesten Massen aufzuklären, von seiten derjenigen, die diese Aufklärung durch ihre bisherige Bildung, die sie als Erbe übernommen haben, haben ausarbeiten können, Aufklärung in breitesten Massen über das, was nötig ist. Sonst kennen die breiten Massen zwar dasjenige, was sie aus ihren Leidenschaften heraus fordern, aber sie können nicht das durchschauen, was wirklich im Interesse der Menschheit und im Interesse einer sozialen Zukunft gefordert werden kann.

[ 65 ] Was so versucht worden ist, in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» darzustellen, folgt nicht irgendwelchen Parteischablonen, es folgt dem, was versucht worden ist zu erkennen aus der weltgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit selber, was versucht worden ist zu erkennen aus dem weltgeschichtlichen Augenblick. Wer von einer Gemeinsamkeit der Produktionsmittel ausgeht, weiß schon nichts von Entwickelung. Denn selbst wenn es möglich wäre, daß eine Gemeinsamkeit der Produktionsmittel heute auftreten würde, heute eingeführt werden könnte, was nicht sein kann, weil es selbstverständlich unmöglich ist, weil es vernichten würde alle Initiative des einzelnen, selbst aber, wenn es möglich wäre, von der Gemeinsamkeit der Produktionsmittel auszugehen, dann hätte die gegenwärtige Generation in einem gewissen Alter diese Produktionsmittel, und die nachwachsende hätte sie erst wieder nicht. Und aus dem Protest der Nachwachsenden würde sich wiederum das ergeben, was heute gutgemacht werden soll.

[ 66 ] Nur ein solcher Gedanke, der aus der vollen Wirklichkeit, nicht aus der einseitigen Wirklichkeit hervorgeholt ist, nur ein solcher ist heute wirklich von vornherein. Und der Gedanke, den ich Ihnen vorgeführt habe von der Dreigliederung des sozialen Organismus, er berücksichtigt auch die zeitliche Entwickelung, nicht bloß das im Raume Nebeneinandersitzen der Menschen. Dieser Gedanke kann deshalb viel eher das Geistesleben in seinen wichtigsten Partien, in seinem wesentlichsten Gebiete, im Schul- und Erziehungswesen, und auch mit Bezug auf den sozialen Organismus so gestalten, daß er dem sozialen Organismus in sachgemäßer Weise Kräfte zuführen kann. Heute hören Sie von sozialistischer Seite immer wieder: Führen wir eine gemeinsame Verteilung der Produktionsmittel ein, führen wir Arbeitspflicht und so weiter ein, dann werden wir die Menschen durch diese sozialen Strukturen so erziehen, daß sie von selber arbeiten werden und so weiter. Ja, sie wird nämlich nichts, die Menschheit, sie wird nichts leisten, wird nur dann arbeitswillig und arbeitslustig sein, wenn wirklich ein Geistesleben die individuellen Fähigkeiten des Menschen anfacht, so wie sie nur angefacht werden können, wenn wir den Menschen schon während seiner Erziehung so heranbilden, daß wir seiner vollen Individualität Rechnung tragen.

[ 67 ] So wie auf diesem Gebiete, so ist die soziale Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus auf allen Gebieten dasjenige, was in umfassendster Weise dem Praktischen zugrunde liegt; sie kann nur dem Praktischen zugrunde liegen, weil sie aufgebaut ist auf dem Boden einer wirklichen Geisteswissenschaft, wo nicht bloß die Natur erkannt werden muß, sondern wo der Mensch erkannt werden muß, dadurch aber auch der Mensch dem Menschen ins Bewußtsein übergeht.

[ 68 ] Ich möchte zum Schlusse nur noch betonen, daß dasjenige, was Sie ausführlich lesen können mit Bezug auf Kapitalgestaltung, Arbeitsgestaltung, Wirtschaftsgestaltung und so weiter in der Zukunft, in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» und dort näher ausgeführt ist, wie schon gesagt, heute noch ein schwacher Versuch ist. Allein gerade deshalb, weil es nicht irgendein ausgedachtes Programm ist, sondern weil es aus dem praktischen Leben heraus gewonnen ist, deshalb muß es ein schwacher Versuch sein. Jene Menschen, die heute sagen: man kann das nicht verstehen, was in den «Kernpunkten der sozialen Frage» steht, ihnen fehlt eben der Wirklichkeitsinstinkt, der heute notwendig ist, wenn man das Praktische wirklich einsehen soll in seinen Grundlagen. Es handelt sich nicht bloß darum, daß man sich zu einem sozialwissenschaftlichen Gedanken bekennt, sondern es handelt sich darum, daß man sich zu jenen Gedanken bekennt, die getragen werden können von dem Instinkt für die zu verwirklichenden Dinge. Da wird man dann, wenn man solche Gedanken versucht darzustellen, nicht den Anspruch machen, daß sie vom Anfange an vollkommen sein sollen. Da wird man immer wieder betonen: sie sind ein Versuch. Und so soll dasjenige, was gerade auf dem Boden der Bewegung der Dreigliederung des sozialen Organismus vorgebracht wird, es soll durchaus ein Versuch sein. Denn das, was es letzten Endes sein soll, das wird sich eben zeigen, indem es in die Praxis umgestaltet und eingeführt wird.

[ 69 ] Ich habe deshalb oftmals zu den Menschen gesagt: Möglicherweise wird von den einzelnen konkreten Angaben, die ich mache, kein Stein auf dem anderen bleiben; aber dasjenige, was angeregt werden soll, das ist so gestaltet, daß es die Wirklichkeit an einem Zipfel anfaßt. Faßt man sie da an, dann wird sich vielleicht etwas ganz anderes ergeben, aber man wird eben wirklich arbeiten. Darauf kommt es an, nicht auf Programme, nicht auf vorgefaßte Ideen, und wenn sie noch so gescheit sind, nicht aus ihnen heraus zu arbeiten, wenn sie noch so alt sind, sondern aus der Wirklichkeit des praktischen Lebens heraus zu arbeiten! Aber nicht arbeiten aus der Zufälligkeit des Alltags, sondern aus den großen, überschauenden Ideen, aus denen wirklich alle großen, auch sozialen Gestaltungen entstanden sind. Ich glaube, so denkt jeder, der in dieser Art über solche Fragen spricht, wie ich es heute versucht habe. Ich möchte durch einen Vergleich ausdrücken, wie ich das meine. In diesen Tagen wurde von jemandem in einem Atelier, wo man es sonst nur mit plastischen Arbeiten zu tun hat, wo für den Bau plastisch gearbeitet wird, ein Stuhlmodell ausgearbeitet. Diesem Stuhl sollte die Idee zugrunde gelegt werden, daß er auf der einen Seite unserem Schönheitsgefühl genügt, das wir in Anspruch nehmen bei dem Dornacher Bau; auf der anderen Seite soll er aber möglichst billig sein. Möglichste Billigkeit ist notwendig neben der entsprechenden Formgestaltung, in der ganzen Behandlung. Nun hatten wir ein Modell gemacht. Als wir dieses Modell dem Arbeiter übergaben, da haben wir uns gesagt: Da ist das Modell, aber jetzt fängt die praktische Gestaltung an, und möglicherweise wird das, was zuletzt als Stuhl herauskommt, ganz anders aussehen als das Modell. Aber das, was herauskommt, wird deshalb praktisch sein, weil das Modell praktisch gedacht war.

[ 70 ] So möchte ich auch nun die Sache über die «Kernpunkte der sozialen Frage» aufgefaßt wissen. Alles dasjenige, was Sie finden werden als Anregungen zur sozialen Frage, zum Beispiel in der «Sozialen Zukunft» hier für die Schweiz, es sollen gewissermaßen dieses Buch und unsere sonstigen Ideen nur etwas sein wie eine Art Modell; aber es soll ein praktisch gedachtes Modell sein. Nimmt man die Arbeit in diesem Sinne auf, so wird Praxis herauskommen. Vielleicht sieht sie dann sogar ganz anders aus, aber sie wird sich doch nur wirklich praktisch gestalten, wenn man sie auf Grundlage eines praktischen Impulses in Angriff nimmt.

[ 71 ] Ein solcher dreigliedriger sozialer Organismus könnte, wie ich meine, am leichtesten - verzeihen Sie, daß ich alle diese Sachen spreche, besonders für diejenigen, die nicht vollständig drinnenstehen in diesen Dingen, aber ich möchte es dennoch aussprechen -, er könnte ganz besonders stark hier in diesem Lande, das mit Recht stolz ist auf seine alte Demokratie, verwirklicht werden. Denn weil hier gerade das demokratische Element ausgebildet ist, hat man es hier am leichtesten einzusehen, in welcher Weise der Weg gefunden werden soll, das Geistesleben und das Wirtschaftsleben auf beiden Seiten in entsprechender Weise abzulösen. - In einer weitergehenden Entwikkelung kam die Dreigliederungsidee herauf. Meint man es mit diesen Ideen ernst, so glaube ich, wird man gerade dann, wenn man in einem demokratischen Gemeinwesen lebt, verstehen, es leichter haben mit dem Verständnis, was für die Dreigliederung des sozialen Organismus notwendigerweise geschehen kann. Sonst wird diese Dreigliederung des sozialen Organismus von links und von rechts, von allen Seiten angegriffen. Und während es gerade darauf hinauslaufen soll, ernst und ehrlich es mit der sozialen Frage zu meinen, ist es so gekommen, daß ich zum Beispiel persönlich am allerunflätigsten angegriffen werde gerade von den Führern der sozialistischen Parteien aller Schattierungen. Aber dasjenige, um was es sich handelt, ist eben, daß drei große Ideen, die nur ernst und ehrlich gemeint sein sollen, heraufgekommen sind in der Menschheitsentwickelung. Die eine Idee ist die vom Liberalismus, die andere die von der Demokratie, die dritte ist die vom Sozialismus. Man wird, wenn man es ehrlich mit diesen drei Ideen meint, nicht alle drei durcheinandermischen können, oder die eine durch die andere beseitigen lassen können, sondern man wird sich sagen müssen: vom selbständigen Geistesleben muß etwas ausstrahlen, was bis in den Kapitalismus, was in den ganzen Organismus hineinflutet. Das ist das freie menschliche Entwickeln, das ist das liberale Element. In dem politischen Staate, im Rechtsleben, muß etwas leben, worinnen alle Menschen gleich sind. Das ist das demokratische Element. Und im Wirtschaftsleben muß das brüderliche Element walten. Das muß die wahre Grundlage einer sozialen Struktur abgeben. Darum handelt es sich. Man sollte nicht dasjenige, was segensvoll zunächst im Laufe der neueren Menschheitsentwickelung heraufgekommen ist als die Folge des Liberalismus, der Demokratie, des Sozialismus, man sollte es nicht einseitig bekämpfen und auch nicht einseitig vertreten; man sollte durchschauen, wie im selbständigen Geistesleben wächst der alles übrige soziale Leben überleuchtende Liberalismus; wie im wirklichen Rechtsstaat wächst die wiederum alles übrige Leben überleuchtende Demokratie, wie in jenem Wirtschafsleben, das sich nur mit Warenerzeugung, Warenzirkulation, Warenkonsum und der dadurch bedingten Feststellung der gerechten Preise befaßt, der wiederum alles durchdringende Sozialismus waltet. Dann, wenn man dieses durchschaut, wird man seine Lebensauffassung heute richtig durchdringen mit der Erkenntnis, daß volle Irrtümer im äußeren Leben weniger schädlich sind, weil sie leichter durchschaut werden können, als halbe oder Viertelswahrheiten.

[ 72 ] Das aber, was heute vielfach als soziale Bewegung unter den Menschen existiert, in das fluten herein Viertels-, Drittelswahrheiten. Und indem man sich an das hält, was eine Teilwahrheit ist, glaubt man das ganze Leben zu erfassen. Man sollte aber das ganze Leben nur umfassen wollen auch mit einem lebendigen Zusammenwirken der Wahrheiten. Die ganze volle Wahrheit, sie läßt sich nicht in einer abstrakten Idee und auch nicht in einer abstrakten Wirklichkeit offenbaren. Sie läßt sich nur ergreifen in dem lebendigen Zusammenwirken der Ideen. Dann wird sich aus den halben und Viertelswahrheiten diejenige ganze Wahrheit des Lebens auch auf sozialem Gebiete ergeben können, die notwendig ist. Und man wird einsehen, daß man weniger nötig hat die Bekämpfung der vollen Irrtümer als die Richtigstellungen der halben und Viertelswahrheiten.

[ 73 ] Das ist, was ich gerade heute besonders betonen wollte mit Bezug auf die Ideen der Lebensnotwendigkeiten der sozialen Frage in der Gegenwart der Menschheit und ihrer nächsten Zukunft.

[ 74 ] Dr. Roman Boos macht darauf aufmerksam, daß auch hier in der Schweiz auf wirtschaftlichem Gebiet die Gefahr ungeheuer groß sei, und daß man deshalb imstande sein sollte, Schöpferisches herauszuholen, was eben unbedingt notwendig sein werde, und daß mit vollem Gewicht das aufgefaßt werden müsse, was Dr. Steiner in seinen Ausführungen heute nur andeuten konnte. (Eine Diskussion scheint nicht stattgefunden zu haben.)

[ 75 ] Rudolf Steiner: In bezug auf das Schlußwort wird meine Ausführung sehr kurz sein können. Ich möchte betonen, daß vielleicht jemand sagen könnte, in diesem Vortrage ist sehr viel vorgebracht worden über jedes Glied des sozialen Organismus, das geistige, das Rechtsleben, das Wirtschaftsleben; aber das alles sei ja für einen großen Teil derjenigen, die heute von der sozialen Frage sprechen, gar nicht das, worauf es ihnen ankomme, sondern es sei eben die soziale Frage vor allem eine Wirtschaftsfrage.

[ 76 ] Nun beachten Sie die ganze Haltung sowohl des Vortrages wie dessen, was mit dem Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus gemeint ist. Sie können es ja aus dem Vortrage wenigstens teilweise ersehen: Da ist nicht hingestellt ein fertiges Programm, sondern da wird davon ausgegangen, daß der soziale Organismus selber, also das menschliche Gesellschaftsleben in einer gewissen Weise gegliedert werden soll, so gegliedert werden soll, daß gesonderte Verwaltungen dastehen für das Wirtschaftsleben, für das demokratische, politische oder Rechtsleben und eine selbständige Verwaltung für das Geistesleben.

[ 77 ] Nun kann man natürlich leicht sagen: Da trennst du ja eigentlich, was eine Einheit sein muß, die ganze menschliche Gesellschaft, die menschliche Gesellschaftsorganisation in drei Gebiete. Aber gerade durch die selbständige Verwaltung der drei Gebiete wird es möglich, die richtige Einheit dieser Gebiete zu bewirken. Es handelt sich ja nicht darum, daß etwa erneuert werde, wie manche geglaubt haben, dasjenige, was in der vorchristlichen, in der platonischen Weltanschauung gefordert wurde als Lehrstand, Wehrstand, Nährstand. Nein, damals hat man die Menschheit als solche gegliedert in drei Stände; so daß der eine zu dem einen, der andere zum zweiten, der dritte zum dritten Stande gehört hat. Gerade das soll vermieden werden, daß die Menschen nicht Menschen sein können im Ganzen, sondern in Stände zerfallen. Es wird nicht die Menschheit als solche gegliedert, sondern es wird das menschliche Leben gegliedert. Und derjenige, der im Leben drinnensteht, er steht in einer gewissen Weise auf allen drei Böden: In dem Geistesleben insofern er einen lebendigen Anteil hat an dem Geistesleben in der einen oder anderen Weise; er steht darinnen in dem Rechtsleben, in den gesamten Rechtsfragen, weil er ein mündig gewordener Mensch ist in diesem Teil, entweder direkt durch irgendein Referendum oder indirekt durch Vertretung und dergleichen, und er steht in dem, worinnen er durch seine Person Kredit hat, oder Sach- und Fachkenntnis hat, in einem bestimmten Wirtschaftsgebiete, in welchem er eingegliedert ist durch eine Assoziation; das ganze Wirtschaftsleben ist in sich gegliedert.

[ 78 ] Und nun zeigt sich gerade an den verschiedenen Einwürfen, die gemacht worden sind, wie wenig man den Grundgedanken heute noch verstanden hat. So zum Beispiel erschien in einer Zeitschrift eine lange Besprechung dieser Dreigliederung des sozialen Organismus, und es wurde gesagt: Ja, der will drei Parlamente an die Stelle des einen Parlamentes setzen - ein geistiges Parlament, ein Rechtsparlament und ein Wirtschaftsparlament. Worauf es ankommt, ist aber dieses, daß in einem demokratischen Parlament nur entschieden werden kann dasjenige, wozu urteilsfähig geworden ist jeder Mensch, wozu keine Sach- und Fachkenntnis gehört, und daß gerade ausgeschieden werden soll dasjenige, wozu Sach- und Fachkenntnis gehört. Also, wenn auf dem Gebiete des geistigen Lebens und auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens kein Parlament dasein darf, so [deshalb, weil dort] die Sache eben umgekehrt ist. Es handelt sich also darum, ehrlich den Parlamentarismus zu verwenden, indem man ihn auf dasjenige Gebiet beschränkt, auf dem er sich wirklich sachgemäß ausleben kann.

[ 79 ] Daraus aber sieht man, daß der Nerv eigentlich wenig bis heute verstanden worden ist. Aber versteht man den Nerv der Sache, dann wird man sehen, wie aus dem Fundamente heraus gerade diese Idee real gedacht ist. Wer da glaubt, durch irgendein Programm, sei es noch so schön ausgedacht, zum Beispiel das Wirtschaftsleben gliedern zu können nach einer bestimmten Struktur, der mag sich ja selbst sehr gescheit vorkommen, aber aus der Wirklichkeit heraus denkt er nicht. Aus der Wirklichkeit heraus denkt aber derjenige, der sagt: Die Menschheit muß in einem sozialen Organismus leben, der von drei Seiten her verwaltet wird; dann wird dasjenige kommen, was soziale Struktur ist. Das werden die Menschen durch das, was sie erleben werden durch diese Dreigliederung des sozialen Lebens, gestalten. Das ist es, worauf es ankommt, nicht daß man sagt: Jetzt gibt es eine soziale Frage, die muß gelöst werden. Heute kann sie noch nicht gelöst werden, morgen wird es möglich sein - der eine sagt es auf die eine, der andere auf die andere Weise, aber so denken sehr viele.

[ 80 ] Nein, der denkt ganz unreal, der das glaubt. Es handelt sich darum: In der Menschheit ist die soziale Frage an die Oberfläche gekommen, und jetzt muß eine solche soziale Struktur hervorgerufen werden, daß diese soziale Frage fortwährend gelöst werden muß. Heute sind die Verhältnisse da, heute wird sie so oder so gelöst werden, nicht morgen werden sie gelöst werden. Und werden morgen andere Fragen auftauchen, so werden die Verhältnisse für morgen wieder gelöst werden müssen; dann werden wieder andere Dinge kommen, und die Menschen müssen in der sozialen Struktur drinnenstehen. Es wird ein fortdauernder Prozeß sein. Die Lösung ist von Tag zu Tag neu in Angriff zu nehmen. Es ist nicht so etwa, daß man sagen kann, heute ist sie da und wird auch weiterhin so da sein, sondern man muß fragen: Wie muß die Gesellschaft gestaltet werden, daß das, was durch die Gesellschaft wird, in sozialem Sinne gestaltet werden kann. Wer nicht in diesem Sinne real die menschlichen Dinge nimmt, in realer Wesenheit denkt, der sieht nicht hinein in dasjenige, was in der Wirklichkeit vor sich geht.

[ 81 ] Man glaubt heute zu denken, aber man denkt höchst unwirklich. Man glaubt zum Beispiel: das soziale Leben wird durch eine gewisse Umgestaltung des Wirtschaftslebens eine soziale Struktur bekommen. Nun, schön, das wäre geradeso, wie wenn man glauben wollte, daß der einzelne menschliche Organismus durch dasjenige, was er ißt und trinkt, seine Struktur bekommt. Nein, der menschliche Organismus hat eine innere Gesetzmäßigkeit. Er hat eine solche Gesetzmäßigkeit, daß er schon in dem Alter des Zahnwechsels eine ganz bestimmte Umwandlung durchmacht, im Alter der Geschlechtsreife wieder eine andere Umwandlung durchmacht. Aus Umwandlungen, aus dem Inneren der menschlichen Organisation heraus kommen im menschlichen Organismus die Vorgänge; es kommen aber auch Vorstellungen im Lauf der geschichtlichen Entwickelung. Diese ist heute an einem Punkt angekommen, auf dem es notwendig ist, daß die Dreigliederung des sozialen Organismus in Angriff genommen werde!

[ 82 ] Nun will ich zum Schluß nur noch das Folgende sagen, um Ihnen zu zeigen, wie die Dinge gemeint sind. Sehen Sie, wer wirklich meine Schriften verfolgt, wird wissen, daß es mir durchaus nicht darum zu tun ist, wenn ich so etwas erlebe, über irgend jemanden zu spotten. Ich weiß am besten, wie berücksichtigenswürdig dasjenige ist, was auch das einfachste Gemüt vorbringen kann. Aber nehmen wir einmal das Folgende. In einer Diskussion wurde mir erwidert - eigentlich sind die Erwiderungen oftmals da, wo man heute glaubt besonders revolutionär zu sein, nach einer gewissen Schablone, auf die Erwiderung selbst braucht man nicht einzugehen - aber ein solcher Erwiderer sagte etwas, was nicht direkt zu tun hatte mit der Sache, er sagte: Sehen Sie einmal, sehr verehrte Anwesende, wir wollen durchaus nicht - er sprach vom Standpunkte des allerradikalsten Phraseurs der sozialistischen Partei -, wir wollen durchaus nicht, sagte er, die geistige Arbeit etwa abschaffen, wir wollen sie bestehen lassen; denn sehen Sie, so sagte er, ich bin zum Beispiel ein Schuhflicker, ich weiß ganz gut, daß ich nicht die Arbeit eines Standesbeamten verrichten kann; wir müssen also Leute anstellen, wenn wir einmal die Führung errungen haben, die dieses Amt übernehmen können. - Ein glorioser Gedanke! Der gute Mann glaubte, die Arbeit eines Standesbeamten nicht machen zu können, aber was er glaubte, war, ein Minister sein zu können, der dann die ganze Struktur bestimmte. Das war für ihn ganz selbstverständlich.

[ 83 ] Solche Art einfacher Irrtümer, in denen man lebt, sind heutzutage im realen Leben das Wesentliche, das liegt durchaus zugrunde. Das sind Dinge, die da zeigen, wo Ansätze sind, die nicht zu irgend etwas Fruchtbarem führen können.

[ 84 ] Dagegen hatte ich in der letzten Zeit auch von einer anderen Seite her das Folgende erfahren. Zu mir kam, nachdem ein Artikel geschrieben war, der eigentlich die ganze Dreigliederung des sozialen Organismus in Grund und Boden verdammte, zu mir kam dann in einen meiner Vorträge vor einigen Wochen ein Amerikaner, der sagte: Ich habe diesen Artikel gelesen; der Artikel ist so geschrieben, daß er alles beschimpft. Ja, da muß was daran sein! Und da habe ich mir die Sache beschafft, so sagte er. - Sie sehen, manchmal haben die beschimpfenden Artikel auch ihre guten Wirkungen. Der Mann war nun schon, als er zu mir kam, ganz drinnen in der Dreigliederungsidee. Er sagte zu mir: Glauben Sie, daß mit dieser Dreigliederungsidee nun etwas gegeben sein wird, was im absolutesten Sinne nun für die ganze menschliche Zukunft gelten kann? Ich sagte: Nein. Wir haben eine Phase der geschichtlichen Entwickelung durchgemacht, welche dazu geführt hat, daß wir in diesem Einheitsstaate alles abgeschlossen haben. In diesem Einheitsstaate wurde abgeschlossen, sagen wir in Österreich, das Wirtschaftsleben, das Rechtsleben, das Geistesleben, namentlich in Form des Völkerkulturlebens. Ich habe oft darüber gesprochen. Es gab ja in diesem Österreich im 19. Jahrhundert solch eine Verwaltung, daß im 20. Jahrhundert gar nichts anderes möglich war, als was dazu geführt hat, daß zunächst die Bosnienund Herzegowina-Sache geschah, diese Annexion, die ja verhandelt worden ist. Das, was da entstanden ist, das wurde verquickt mit dem Bau der Salonikibahn, das heißt einer rein wirtschaftlichen Sache. Und aus dem entstand eine chaotische Durcheinandermischung, zu der noch ein rein geistiges Element, nämlich der Gegensatz des Slawen- und Magyarentums, kam. Und da braute sich zusammen aus dem furchtbaren Völkergewirre des Ostens dasjenige, was sich ergab aus dem Zusammengeknäultwerden der drei Gebiete. Aber sie waren eben so beschaffen, daß es zum Einheitsstaate hindrängte. Jetzt ist er reif, in die drei Glieder zu zerfallen. Und es wird wiederum eine ganz andere Notwendigkeit in einer verhältnismäßig gar nicht zu fernen Zeit entstehen. Das Leben ist eben lebendig, ist nichts Abgeschlossenes. Man will etwas, was für immer und überall gilt!

[ 85 ] Das ist das Unbequeme an solchen Ideen, daß sie nicht aus abstrakten Ideen heraus erdacht sein können, wie Programme; die Programme führt man ein, und dann ist das erledigt. Nein, so ist es nicht; sondern solche Ideen, geistige Ideen, die rechnen mit dem Geistesleben, dem Rechtsleben und dem Wirtschaftsleben im dreigliedrigen sozialen Organismus. Und daher können sie auch immer nur dasjenige, was für eine bestimmte Epoche gilt, finden. Und sie sind sich bewußt, daß wiederum dies in einer bestimmten Zeit abgelöst werden muß von etwas anderem. Sie machen auch Ernst mit der Entwickelung, indem sie auch das in der Entwickelung suchen, was sie selber für ihr Zeitalter finden können.

[ 86 ] Also, ich wollte nur in diesem Sinne ein praktisches Resultat zeigen und sagen, daß es sich nicht um irgend etwas Absolutes, wie bei anderen Programmen der Gegenwart, handeln kann, sondern um etwas, was im eminentesten Sinne aus der Gegenwart heraus gedacht ist.

[ 87 ] So findet dasjenige, was heute in die Welt treten will, die verschiedenste Beurteilung. Es mag die verschiedenste Beurteilung finden, wenn nur diese Beurteilung, dieses Urteilen, sich endlich damit zurechtfindet, die Dinge lebensvoll zu studieren. Es kommt bei solchen Dingen nicht darauf an, daß pedantisch das ausgeführt wird, was gerade auf irgendeiner Seite angedeutet ist, sondern so wie es gemeint ist: daß die Wirklichkeit praktisch angefaßt wird. Dann mag von dem einzelnen, von den Einzelheiten, kein Stein auf dem anderen bleiben, aber es wird aus solchem lebensvollen Anfassen dasjenige wirken und auch entstehen, was dem Heile dienen kann.

[ 88 ] In diesem Sinne möchten aus der Wirklichkeit für die Wirklichkeit diese Dinge gesagt sein. Nicht eine einseitig politische, überhaupt nicht eine einseitig nur aufgefaßte Entwickelung ist von der Dreigliederung des sozialen Organismus aus gemeint und kann nicht gemeint sein. Und so möchte sie auch aufgenommen sein, diese Dreigliederung des sozialen Organismus, ohne emotionelle Gesinnung.

[ 89 ] Auf der anderen Seite möchte sie so angesehen werden, daß sie unbefangen aufgefaßt werde, wie sie unbefangen gemeint ist. Von mancher Seite wird heute gesagt: Ja, diese Dreigliederung des sozialen Organismus wäre ja ganz gut, aber sie müßte ganz zuletzt entstehen; vorher müsse alles drunter und drüber gehen, vorher müsse Diktatur kommen und so weiter. - Wenn man so denkt, dann will man in Wirklichkeit eben nicht das Praktische, sondern dasjenige, was nur aus abstrakten Forderungen hervorgeht, die unmittelbar nur aus dieser oder jener Seelenstimmung hervorkommen. Man will eben dann nicht die soziale Dreigliederung, wie sie hier gemeint ist, sondern man will eigentlich dasjenige, in das man sich verliebt hat.

[ 90 ] Wenn man aber ernsthaft im Leben etwas erringen will, muß man sich zu dem Standpunkt emporringen, der unbefangen dieses Leben durchschaut und überschaut.