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The Liberation of Humanity as the
Basis for Social Transformation
GA 329

14 October 1919, Bern

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6. Die Geisteswissenschaftliche Grundlage der sozialen Frage

6. The Spiritual Science Basis of the Social Question

[ 1 ] Wenn es sich um Ideen handelt, die bestimmt sind, im praktischen Leben verwirklicht zu werden, so sind im Grunde genommen volle Irrtümer weniger schädlich, als halbe und Drittels- und Viertelswahrheiten. Denn volle Irrtümer können verhältnismäßig leicht widerlegt werden und werden sich kaum lange halten im öffentlichen Leben. Halbwahrheiten, Viertelswahrheiten sind gegenüber der Kompliziertheit des Lebens außerordentlich starke Versuchungen. Sie werden aus verschiedenen Leidenschaften, aus den Empfindungen der Gemüter heraus lange durchs Leben getragen, bis man vielleicht unter schweren Kämpfen, vielleicht auch unter schweren Leiden darauf kommt, daß solche Halb- und Viertelswahrheiten eben solche sind und so, wie sie gefaßt werden, in das Leben nicht zu übertragen sind.

[ 1 ] When it comes to ideas that are intended to be put into practice, complete errors are, in essence, less harmful than half-truths, third-truths, and quarter-truths. For complete errors can be refuted relatively easily and are unlikely to endure for long in public life. Half-truths and quarter-truths are extraordinarily powerful temptations in the face of life’s complexity. They are carried through life for a long time by various passions and the emotions of the mind, until—perhaps after severe struggles, perhaps even after severe suffering—one comes to realize that such half- and quarter-truths are precisely that and, as they are conceived, cannot be applied to life.

[ 2 ] Derjenige, welcher mit unbefangenem Blicke das moderne Leben betrachtet, er wird sich insbesondere nach den harten Prüfungsjahren der zivilisierten Menschheit, die wir nun durchgemacht haben, ein solches Geständnis, wie ich es eben ausgesprochen habe, namentlich dem gegenüber machen müssen, was man in der Gegenwart und seit langem die soziale Frage nennt. Denn von allen Seiten her werden im Grunde genommen in dieser sozialen Frage eine ganze große Summe von Halb- und Viertelswahrheiten zusammengeknäuelt.

[ 2 ] Anyone who observes modern life with an unbiased eye—especially after the difficult years of trial that civilized humanity has now endured—will have to make a confession such as the one I have just expressed, particularly with regard to what is currently, and has long been, referred to as the “social question.” For, from all sides, a vast number of half-truths and quarter-truths are, in essence, tangled up in this social question.

[ 3 ] Nun liegt der Versuch vor, der unternommen worden ist in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft», hinzuschauen auf dasjenige, was eigentlich, abgesehen von den Halb- und Viertelswahrheiten der Programme, diese moderne soziale Arbeit, diese moderne soziale Frage enthält, und worauf sie der Wirklichkeit gemäß hinsteuern kann. Weiter ausgebaut werden soll dann dasjenige, was in diesen «Kernpunkten» veranlagt ist, für die Schweiz hier zum Beispiel in der von Dr. Boos herausgegebenen «Sozialen Zukunft».

[ 3 ] Now, in my book The Key Points of the Social Question in the Necessities of Life in the Present and Future, an attempt has been made to examine what this modern social work—this modern social question—actually entails, setting aside the half-truths and quarter-truths of the programs, and toward what it can realistically be directed. What is laid out in these “Key Points” should then be further developed—for Switzerland, for example, in Soziale Zukunft (Social Future), edited by Dr. Boos.

[ 4 ] Bevor ich auf meine eigentliche Aufgabe für den heutigen Abend eingehe, gestatten Sie mir vielleicht eine kurze, ganz kurze persönliche Bemerkung, die aber doch zusammenhängt mit dem Thema. Dasjenige, was von mir versucht worden ist, es ist eben durchaus ein Versuch, der sich seiner Unvollkommenheit bewußt ist. Was von mir versucht worden ist in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage», ist nicht entsprungen aus irgendeiner der gegebenen politischen Richtungen, will sich überhaupt nicht auf irgendeinen gegebenen politischen Standpunkt stellen, gewissermaßen nicht unmittelbar hineinreden in das gegebene politische Leben der Gegenwart. Es ist entsprungen aus einer sehr langen Lebensbeobachtung und will nicht irgendein Programm sein, nicht irgendeine abstrakte soziale Idee, sondern will sein ein Ergebnis des praktischen Lebens selber, wie es sich mir ergeben hat, da ich Gelegenheit hatte - durch mein Lebensschicksal ist es so gekommen -, wirklich kennenzulernen alle, darf ich wohl sagen, Menschenklassen und Menschenkategorien der gegenwärtigen Welt, sie kennenzulernen in ihren gegenseitigen Forderungen, in ihrem gegenseitigen Mißverstehen, in ihrem Zusammenarbeiten und Nichtzusammenarbeiten. Und da ich im Grunde genommen in früheren Jahren, wo ich nur immer Gelegenheit hatte, Themata wie das heutige zu berühren, mich hauptsächlich mit Geisteswissenschaft als solcher zu befassen hatte, so darf ich sagen, daß durch keinerlei Parteischattierung dasjenige beeinflußt ist, was ich vor Ihnen auszusprechen haben werde. Mein Leben hat mich durch mancherlei geführt, aber jedenfalls niemals durch irgendeine Partei. Und dasjenige, was zuletzt das Ergebnis einer jahrzehntelangen sozialen Beobachtung ist, die immer vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Erkenntnis aus unternommen worden ist, das, meine sehr verehrten Anwesenden, wird auch verhindern, daß ich jemals mich an irgendeinem gegebenen Parteiprogramm werde beteiligen können.

[ 4 ] Before I turn to my actual task for this evening, perhaps you will allow me to make a brief—very brief—personal remark, one that is nonetheless related to the topic. What I have attempted is, after all, merely an attempt that is fully aware of its own imperfections. What I have attempted in my book The Key Points of the Social Question did not arise from any of the existing political movements; it does not seek to take any particular political stance, nor, so to speak, to intervene directly in the current political life of our time. It has arisen from a very long observation of life and is not intended to be some kind of program, nor some abstract social idea, but rather aims to be a result of practical life itself, as it has presented itself to me, since I had the opportunity—as my life’s circumstances have dictated—to truly get to know, if I may say so, all classes and categories of people in the contemporary world, to get to know them in their mutual demands, in their mutual misunderstandings, in their cooperation and lack thereof. And since, in earlier years—when I always had the opportunity to touch on topics such as today’s—I was primarily engaged in the study of Spiritual Science as such, I may say that what I am about to express before you is not influenced by any partisan bias whatsoever. My life has led me down many paths, but certainly never through any political party. And what is ultimately the result of decades of social observation—always undertaken from the perspective of Spiritual Science insight—that, my esteemed audience, will also prevent me from ever being able to participate in any given party platform.

[ 5 ] Anregungen also zur wirklichen praktischen Durchführung sind es, um die es sich handelt. Daß solche Anregungen, wenn man über sie spricht, in mehr oder weniger scheinbar abstrakte Sätze gefaßt werden müssen, ist ja selbstverständlich; aber diese abstrakten Sätze sollen nur dasjenige ausdrücken, was eben Lebenserfahrung ist, was durchaus Unterlage sein kann für praktische Lebensgestaltung.

[ 5 ] What is at stake, then, are suggestions for actual practical implementation. It goes without saying that when discussing such suggestions, they must be expressed in more or less seemingly abstract statements; but these abstract statements are intended only to express what is, in fact, life experience—which can certainly serve as a foundation for practical living.

[ 6 ] Sehen wir uns von einem solchen nicht programmäßigen, sondern praktischen Gesichtspunkte aus das soziale Leben, wie es sich seit mehr als einem halben Jahrhundert gerade in der zivilisierten Welt, wie sie uns angeht, entwickelt hat, sehen wir uns dieses soziale Leben an, so werden wir finden, daß die Auffassung dieses sozialen Lebens eine grundverschiedene ist, und seit Jahrzehnten, seit mehr als einem halben Jahrhundert eine grundverschiedene schon gewesen ist bei den führenden Klassen der Menschheit auf der einen Seite und bei der großen breiten Masse des proletarischen Volkes auf der anderen Seite. |

[ 6 ] If we examine social life—not from a theoretical but from a practical perspective—as it has developed over more than half a century, particularly in the civilized world as it pertains to us, if we examine this social life, we will find that the conception of this social life is fundamentally different, and has in fact been fundamentally different for decades—for more than half a century—between the ruling classes of humanity on the one hand and the vast, broad masses of the proletarian people on the other. |

[ 7 ] Aus einem Zusammenleben - ich war jahrelang Lehrer an einer Berliner Arbeiterbildungsschule - konnte ich ja gerade auch die Denkweise der breiten proletarischen Masse kennenlernen, und nicht nur die Denkweise, sondern die Empfindungs- und Gefühlsweise, wie sie sich ausprägt in dem, was sich dann kristallisiert zu den sozialen Forderungen der Gegenwart und auch der nächsten Zukunft.

[ 7 ] Through my experience living among them—I was a teacher for many years at a workers’ educational school in Berlin—I was able to gain insight into the mindset of the broad proletarian masses, and not just their mindset, but also their sensibilities and emotions, as expressed in what eventually crystallizes into the social demands of the present and the near future.

[ 8 ] Dasjenige, was dann entstanden ist in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage», es ist ein Niederschlag dessen, was fußt auf den Erkenntnissen, die ich glaubte, immer haben zu müssen aus den Beobachtungen, aus den Erkenntnissen heraus, die mir als Ergebnis geliefert haben, daß mit dem, was als bewußte Idee, als bewußtes Parteiprogramm zugrunde liegt den Forderungen der breiten proletarischen Masse, nicht in der sozialen Frage irgendwie weiterzukommen ist, daß diese proletarische Masse sich gerade in einem verhängnisvollen Sinne hingab halben und Viertelswahrheiten, und daß gerade derjenige, der in der sozialen Frage ernst und ehrlich es meint, nicht stehenbleiben kann bei dem, was formuliert wird unter dem Einfluß des mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Wirkens - der Anfang liegt ja mehr als ein halbes Jahrhundert zurück -, des Wirkens von Karl Marx und seiner Anhängerschaft. Wie gesagt, unter dem Eindruck dieser Erkenntnis sind meine «Kernpunkte der sozialen Frage» gerade in einem Moment geschrieben, wo man glauben könnte, daß solche Wahrheiten, solche Erkenntnisse durch die Bestätigung, die sie aus der Tatsachenwelt heraus erfahren haben, verstanden werden können. Sie waren geschrieben, als seit Jahren schon wütete dasjenige Unheil, das durch den Krieg hervorgebracht worden ist, den sogenannten Weltkrieg. Ich meine damit nicht den Ausgang des Krieges, ich meine die Tatsache, daß dieses Unheil, dieses furchtbare Morden überhaupt über die moderne zivilisierte Menschheit hat kommen können.

[ 8 ] What subsequently emerged in my Key Points of the Social Question, is a reflection of what is based on the insights I believed I had always to draw from observations—from the insights that led me to the conclusion that, with what lies at the foundation of the demands of the broad proletarian masses—namely, a conscious idea, a conscious party program—it is impossible to make any progress whatsoever on the social question, that these proletarian masses were, in a fateful sense, succumbing to half-truths and quarter-truths, and that precisely those who are serious and sincere about the social question cannot remain stuck with what was formulated under the influence of the work—the beginnings of which, after all, date back more than half a century—of Karl Marx and his followers. As I said, under the influence of this realization, my “Key Points of the Social Question” were written at a very specific moment when one might believe that such truths, such insights, can be understood through the confirmation they have received from the world of facts. They were written at a time when the calamity brought about by the war—the so-called World War—had already been raging for years. By this I do not mean the outcome of the war; I mean the fact that this calamity, this terrible slaughter, could have befallen modern civilized humanity at all.

[ 9 ] Ich mußte im Frühfrühling 1914 in Wien es aussprechen, daß dem, der vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus die Entwickelung der modernen Menschheit anschaut, vorschwebt, wie die moderne soziale Entwickelung einer Krankheit, einer Art Geschwürbildung gleiche, die in der nächsten Zeit in einer furchtbaren Weise würde zum Ausbruche kommen können. Es wurde dieses Buch geschrieben in der Zeit, in der bereits eine Strömung, die sich herausentwickelt hat aus dem programmatischen Marxismus, in Rußland zu einem praktischen Resultat hätte führen sollen. Dasjenige, was man nennen muß das sich für jeden Unbefangenen zeigende furchtbare Scheitern des Marxismus in Rußland, das hätte die erste Bestätigung zu diesen Ideen, die in den «Kernpunkten der sozialen Frage» ausgesprochen worden sind, sein können. Seither sind noch weitere Bestätigungen erfolgt. Ich brauche nur hinzuweisen auf das Scheitern der ungarischen Revolution, die so viele Hoffnungen zertreten mußte. Und ich brauche endlich nur hinzuweisen auf das noch nicht erfolgte, aber sicher in Aussicht stehende Versanden der deutschen Revolution vom 9. November 1918.

[ 9 ] In early spring 1914, in Vienna, I had to state that, from the perspective of Spiritual Science, anyone observing the development of modern humanity would see modern social development as resembling a disease, a kind of ulceration that could erupt in a terrible way in the near future. This book was written at a time when a current that had developed out of programmatic Marxism should already have led to a practical outcome in Russia. What must be called the terrible failure of Marxism in Russia—a failure evident to any impartial observer—could have served as the first confirmation of the ideas expressed in The Key Points of the Social Question. Since then, further confirmations have emerged. I need only point to the failure of the Hungarian Revolution, which dashed so many hopes. And finally, I need only point to the as-yet-unrealized but certainly imminent collapse of the German Revolution of November 9, 1918.

[ 10 ] Derjenige, der die Verhältnisse kennt, kann heute wissen, daß diese deutsche Revolution ein furchtbar laut sprechendes Experiment der Weltgeschichte ist, ein Experiment, welches ohnegleichen zeigt, wie unfähig die Ideen, die das 19. Jahrhundert in vielen Kreisen auf sozialem Gebiete hervorgebracht hat, sind, irgendeine praktische Lebensgestaltung hervorzurufen. Sehen wir uns einmal von der einen Seite aus diese Ideen an. Sehen wir sie uns an, wie sie das moderne Proletariat empfindet unter dem Einflusse derjenigen Impulse, die da herstammen aus dem sogenannten Marxismus, wie er von Karl Marx, von Engels begründet worden ist, wie er wahrhaftig nicht eine bloße Theorie ist, sondern in den Gefühlen und Empfindungen der breiten Masse lebt.

[ 10 ] Anyone familiar with the circumstances can see today that this German revolution is a strikingly telling experiment in world history—an experiment that demonstrates, like no other, just how incapable the ideas that the 19th century produced in many social circles are of giving rise to any practical way of life. Let us examine these ideas from one perspective. Let us look at them as the modern proletariat perceives them under the influence of those impulses stemming from so-called Marxism—as founded by Karl Marx and Engels—which is truly not a mere theory but lives on in the feelings and sensibilities of the broad masses.

[ 11 ] Dieser Marxismus, er hat als erstes erzeugt in weiten Kreisen der proletarischen Bevölkerung dasjenige, was man nennen möchte den Unglauben an eine geistige Welt. Wichtiger als alles übrige erscheint vor dem Einsichtigen dieser Unglaube an die geistige Welt von seiten des Proletariats. Ideologie - das ist das Wort, dem man begegnen konnte, wenn man gewohnt worden ist, nicht äber das Proletariat zu denken, sondern mit dem Proletariat zu empfinden und zu leben. Ideologie, das heißt, oder soll wenigstens heißen, das ganze Geistesleben. Recht, Sitte, Moral, Kunst, Wissenschaft, Religion, das alles ist im Grunde genommen nur wie ein Rauch, der aufsteigt als etwas bloß Eingebildetes aus der Wirtschaft, Eingebildetes, das aufsteigt aus der einzig wahren Wirklichkeit, die besteht in den wirtschaftlichen Produktionsverhältnissen, in den ökonomischen Vorgängen.

[ 11 ] This Marxism has, first and foremost, engendered in broad circles of the proletarian population what one might call a disbelief in the spiritual world. To the discerning observer, this disbelief in the spiritual world on the part of the proletariat seems more important than anything else. Ideology—that is the word one might encounter when one has become accustomed not to think about the proletariat, but to feel and live with the proletariat. Ideology—that is, or at least should mean, the entire spiritual life. Law, custom, morality, art, science, religion—all of this is, when it comes down to it, merely like smoke rising as something purely imaginary from the economy, an illusion that rises from the only true reality, which consists of the economic relations of production and economic processes.

[ 12 ] Die wahre Wirklichkeit sah dieses Proletariat unter dem Einflusse der genannten Persönlichkeiten in dem, was das Wirtschaftswesen ist. Wie die Menschen wirtschaften, wie sie sich beteiligen im Wirtschaftsleben zunächst, wie sie sich im Wirtschaftsleben verhalten zu den Produktionsmitteln - so wird es ihnen eingehämmert - stammt aus der bloßen materiellen Arbeit. Was in ihnen als Ideen aufsteigt, was in ihnen als sittliche Ideale aufsteigt, was schließlich Religion, was Wissenschaft, was Kunst ist: das alles hat keine innere geistige Wirklichkeit, so sagt man, sondern das alles ist wie ein Spiegelbild der rein ökonomischen Wirklichkeit.

[ 12 ] Under the influence of the aforementioned figures, this proletariat saw the true reality in the nature of the economic system. The way people conduct economic affairs, the way they initially participate in economic life, and the way they relate to the means of production in economic life—so it is drummed into them—stems from mere material labor. Whatever arises in them as ideas, whatever arises in them as moral ideals, and whatever ultimately constitutes religion, science, and art: all of this, it is said, has no inner spiritual reality, but is merely a reflection of purely economic reality.

[ 13 ] Und sieht man nach, woraus sich diese Anschauung gebildet hat, so muß man sagen: Diese Anschauung ist das Erbgut der Weltanschauung, die im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte entstanden ist gerade unter dem Einfluß der leitenden, führenden Kreise der Menschheit. Es ist nicht wahr, daß das moderne soziale Leben einzig und allein heraufgekommen ist durch den Kapitalismus und durch dasjenige, was mit diesem Kapitalismus in der neueren Zeit verbunden war durch die moderne Technik. Nein, es verhält sich so, daß gleichzeitig mit dem Heraufkommen des modernen Kapitalismus und der modernen Technik eine gewisse Weltanschauung heraufgekommen ist, die es nur zu tun haben will mit den chemischen, mit den mechanischen, mit den physikalischen Tatsachen, die sich nicht erheben will zu einem selbständigen Erfassen des geistigen Lebens. Die technische Kompliziertheit des modernen Wirtschaftslebens hat es zuwege gebracht, daß alles sozusagen überflutet worden ist von den Einflüssen, von den Antrieben dieses Wirtschaftslebens. Wie man das Wirtschaftsleben aus der Technik, und wiederum die Technik aus der modernen Wissenschaft herausgehoben hat, so brachte das eine Weltanschauung, die rein wissenschaftlich orientiert ist, hervor, eine Weltanschauung, die bloß in Ideen, in Begriffen, in Gedanken bestand, die sich auf das äußerliche mechanische, chemische, physische Leben beziehen. Nicht hatte dieses moderne Leben die Kraft, irgend andere Ideen, andere Weltanschauungsgedanken zu fassen als diejenigen, die sich auf die Inaugurierung des Wirtschaftslebens, auf die Inaugurierung der modernen technischen Betriebe im großen und ganzen beziehen. Zu anderen Ideen war diese wissenschaftliche Richtung, war dieses ganze moderne Denken unfähig. Man konnte sich durch dieses moderne Denken beantworten, wie die äußeren mechanischen Vorgänge vor sich gehen und wie man sie in Bewegung zu setzen hat im praktischen Leben; man konnte sich durch diese Wissenschaft chemisch, physikalisch verständigen, aber es blieb aus diesen Ideen, aus diesen Gedanken der Wissenschaft eines weg, das allerdings dem Menschen am nächsten steht, der Mensch selber. Vielmehr, besser gesagt, man begriff den Menschen auch nur, insoweit er sich zusammensetzte aus materiellen Stoffen, mechanischen, physischen und chemischen Kräften. Da aber der Mensch außerdem Geist und Seele ist, so begriff man auf diese Art den Menschen eigentlich nicht. Und man hatte eine Weltanschauung, aus deren Gedankenwelt die Gedanken vom Menschen in Wirklichkeit ausgeschlossen waren. Niemand beantwortete in dieser modernen Weise so, wie in einer unvergleichlich vollkommenen Art von dieser modernen Wissenschaft beantwortet wurde die Frage, wie physische Vorgänge entstehen, niemand beantwortete diesen modernen Menschen in moderner Art die Frage so vollkommen: Wie entstehen seelische Vorgänge? Was ist der Mensch seiner innersten Wesenheit nach?

[ 13 ] And if one examines the origins of this view, one must conclude that it is the legacy of the worldview that has emerged over the course of the last three to four centuries precisely under the influence of the leading circles of humanity. It is not true that modern social life has arisen solely through capitalism and through what has been associated with this capitalism in recent times—namely, modern technology. No, the fact is that, simultaneously with the rise of modern capitalism and modern technology, a certain worldview has emerged that is concerned only with chemical, mechanical, and physical facts, and that does not seek to rise to an independent understanding of spiritual life. The technical complexity of modern economic life has brought about a situation in which everything has, so to speak, been inundated by the influences and driving forces of this economic life. Just as economic life was derived from technology, and technology in turn from modern science, so this gave rise to a worldview that is purely scientifically oriented—a worldview consisting solely of ideas, concepts, and thoughts relating to external mechanical, chemical, and physical life. This modern way of life lacked the capacity to grasp any ideas or worldview concepts other than those relating, broadly speaking, to the advent of economic life and the advent of modern technical enterprises. This scientific orientation—this entire modern way of thinking—was incapable of other ideas. Through this modern way of thinking, one could understand how external mechanical processes unfold and how to set them in motion in practical life; through this science, one could gain chemical and physical understanding, but one thing was missing from these ideas, from these scientific concepts—namely, the very thing that is closest to human beings: human beings themselves. Rather—or to put it more accurately—human beings were understood only insofar as they consisted of material substances and mechanical, physical, and chemical forces. But since human beings are also spirit and soul, they were not truly understood in this way. And people held a worldview from which thoughts about human beings were, in reality, excluded. No one answered—in this modern way, as this modern science answered in an incomparably perfect manner—the question of how physical processes arise; no one answered this modern human being in a modern way so perfectly: How do psychological processes arise? What is human beings in their innermost essence?

[ 14 ] Und sehen Sie, die leitenden, führenden Kreise, sie behielten als Erbstück, als Überlieferung dasjenige, was überkommen war aus Religion, aus Kunst, aus alten Weltanschauungen, aus der alten Sitte. Das füllte für die modernen führenden Kreise die Seele aus. Das bildeten sie sich aus neben dieser wissenschaftlichen Weltanschauung als etwas, was ihnen neben dem, was als Wissenschaft einfloß in die Technik, in die Wirtschaft, etwas bedeutete. Und so entstand für die führenden, leitenden Kreise eine doppelte Strömung in dem inneren Seelenleben: die eine Strömung, die gewissermaßen fern dem Leben sich religiöse Fragen vorlegte, die sich fern dem Leben moralische Grundsätze ausprägte, die sich fern dem Leben Kunst und gewisse Weltanschauungen bildete. Fragen Sie einmal, meine sehr verehrten Anwesenden, wie weit entfernt zum Beispiel bei dem modernen Kaufmann, oder bei dem modernen Industriellen oder dem modernen Staatsbeamten dasjenige, was er als religiöser Mensch fühlt und empfindet, dasjenige, woraus er sein Gutsein als Mensch bestreiten will, dasjenige, was seine ästhetischen Empfindungen sind, wie weit das entfernt ist von dem, was sich als seine Lebenspraxis abspielt und in seinem Kontor und in seiner Buchhaltung zum Ausdrucke kommt. Zwei ganz verschiedene Lebensströmungen sind da. Und die eine, die geistige Lebensströmung, die im Grunde genommen ein Erbstück aus alten Zeiten ist, die hat keine Kraft, in das äußere Leben einzudringen. In dem, was äußere Lebenspraxis ist, leben die Zufälligkeiten des Tages, lebt dasjenige, was, ich möchte sagen, in der Lebenspraxis von selbst lebt. Dann zieht man sich gerne vom Leben zurück und betrachtet das religiöse, das geistig-sittliche, das künstlerische Leben als etwas, was über dem Leben schwebt. Nur dadurch aber war für die führenden, für die leitenden Kreise der modernen Zivilisation überhaupt ein Seeleninhalt möglich, daß sie sich neben dem, was ins äußere praktische Leben einfloß, dieses lebensfremde, innere Geistesleben bildeten.

[ 14 ] And you see, the ruling, leading circles preserved as a legacy, as a tradition, what had been handed down from religion, from art, from ancient worldviews, and from old customs. This filled the souls of the modern ruling circles. They developed this alongside their scientific worldview as something that meant something to them, in addition to what science contributed to technology and the economy. And so a dual current arose in the inner life of the leading circles: one current that, in a sense, set itself religious questions apart from life, formulated moral principles apart from life, and cultivated art and certain worldviews apart from life. Ask yourselves, my esteemed audience, how far removed—for example, in the case of the modern businessman, or the modern industrialist, or the modern government official—what he feels and experiences as a religious person, that from which he seeks to derive his goodness as a human being, and his aesthetic sensibilities—how far removed that is from what unfolds in his daily practice and finds expression in his office and in his bookkeeping. There are two entirely different currents of life here. And one of them—the spiritual current of life, which is essentially a legacy from ancient times—lacks the power to penetrate outward life. In what constitutes outward daily practice, the contingencies of the day prevail; what, I might say, lives of its own accord in the practice of life. Consequently, people tend to withdraw from life and regard religious, spiritual-moral, and artistic life as something that hovers above everyday existence. Yet it was only through this—by cultivating this inner spiritual life, alien to everyday existence, alongside what flowed into external, practical life—that the leading circles of modern civilization were able to develop any inner substance at all.

[ 15 ] Der Proletarier, der abberufen wurde vom alten Handwerk, der an die Maschine gestellt wurde, an die abstrakte Maschine, die so gar nichts Verwandtes mit dem hat, was im Menschen lebt, der Proletarier konnte, weil es seinen Empfindungen, die er nur entwickeln konnte beim Stehen an der Maschine, nicht entsprach, er konnte nicht übernehmen die alten Überlieferungen, die Sitte, das Recht, die Kunst, die Religion, die Weltanschauung, die den älteren Zeiten überliefert war und in der die führenden Klassen lebten trotz der modernen seelen- und geistlosen technischen Wirtschaft. Ihm blieb dasjenige, was aus dieser Wirtschaft selber hervorging. Und so bildete er sich eine Weltanschauung aus, so bildeten ihm seine Führer eine Weltanschauung aus, die geist-, seelenlos ist, eine Ideologie.

[ 15 ] The proletarian, who was torn away from his old craft and placed before the machine—the abstract machine that bears no resemblance whatsoever to what lives within human beings—could not, because it did not correspond to the feelings he could only develop while standing at the machine, he could not adopt the old traditions, customs, laws, art, religion, and worldview that had been handed down from earlier times and in which the ruling classes continued to live, despite the modern, soulless, and spiritless technical economy. All that remained for him was what emerged from this economy itself. And so he formed a worldview—or rather, his leaders formed a worldview for him—that is devoid of spirit and soul: an ideology.

[ 16 ] Eine Ideologie läßt sich theoretisch vertreten. Eine Ideologie läßt sich ausdenken. Mit einer Ideologie kann man sich sogar sehr gescheit vorkommen. Aber mit einer Ideologie läßt sich nicht leben, denn die Seele wird ausgehöhlt. Die Seele des Menschen kann nur wirklich leben, wenn sie nicht glaubt, dasjenige, was sie denkt, seien bloße unwirkliche Gedanken; sondern wenn sie sich bewußt sein kann: dasjenige, was in ihr lebt, das schließt sich an als etwas lebendig Wirkliches an eine lebendige, wirkliche geistige Welt.

[ 16 ] An ideology can be defended in theory. An ideology can be conceived. An ideology can even make one feel very clever. But one cannot live by an ideology, for it hollows out the soul. The human soul can truly live only if it does not believe that what it thinks are merely unreal thoughts; but rather if it can be conscious that what lives within it connects, as something living and real, to a living, real spiritual world.

[ 17 ] Und so wird viel, viel gesprochen im sozialistischen Programm; man braucht gar nicht zu sehen auf dasjenige, was gesprochen wird, denn das, was im Bewußtsein der Menschen vorgeht auf diese Art, das ist sehr verschieden von dem, was wirklich in ihrer Seele lebt. Dasjenige aber, was wirklich in den Seelen namentlich der breiten Masse der intellektuellen Bevölkerung heute lebt, das ist Seelenöde. Das ist ein Beweis dafür, daß man mit dem, was moderne Weltanschauung ist, zwar denken, aber nicht leben kann. Das ist der erste Teil der sozialen Frage.

[ 17 ] And so much, much is said in the socialist program; one need not even pay attention to what is being said, for what goes on in people’s consciousness in this way is very different from what truly lives in their souls. But what truly lives in the souls of the broad masses of the intellectual population today is a spiritual wasteland. This is proof that while one can think with the modern worldview, one cannot live by it. This is the first part of the social question.

[ 18 ] Ich weiß sehr gut, wie viele Menschen von ihrem Standpunkte aus, von ihrem bewußten Standpunkte aus mit Recht sagen: Du redest uns da von der sozialen Frage als einer Geistesfrage. Uns geht es doch um den Ausgleich der sozialen Unterschiede, der sozialen Differenzierungen. Uns geht es darum, daß das Brot in gleicher Weise verteilt werde unter den Menschen. - Ja, das ist eine Oberflächenansicht, die nur derjenige festhalten kann, der nicht unter die Oberfläche der Dinge dringt. Denn die soziale Frage, sie ist in den Empfindungen, in dem unterbewußten Leben des modernen Proletariats vorhanden. Versuchen Sie noch soviel die rein materiellen Bedürfnisse dieses Proletariats zu befriedigen, wenn Sie es könnten - Sie werden es schon nicht können -, Sie würden sehen: Die soziale Frage wird in einer neuen Gestalt erstehen müssen. Es wird nicht gehen, solange das Geistesleben ein solches Verhältnis zu der proletarischen Seele hat, wie ich es eben geschildert habe. Denn die Menschen glauben nur, es käme von den materiellen Interessen. In Wahrheit kommt es von der Ausgehöhltheit der Seelen, von dem inhaltslosen Leben.

[ 18 ] I know very well how many people, from their perspective—from their conscious perspective—rightly say: “You’re talking to us about the social question as a spiritual issue. But we’re concerned with balancing out social inequalities, social distinctions. We’re concerned with ensuring that bread is distributed equally among people.” - Yes, that is a superficial view that only someone who does not penetrate beneath the surface of things can hold. For the social question is present in the feelings, in the subconscious life of the modern proletariat. Try as much as you might to satisfy the purely material needs of this proletariat—if you could, which you certainly cannot—you would see: The social question will have to arise in a new form. It will not work as long as spiritual life has the kind of relationship to the proletarian soul that I have just described. For people merely believe that it stems from material interests. In truth, it stems from the hollowness of souls, from a life devoid of substance.

[ 19 ] Das muß als die wahre Grundlage des einen Teiles der sozialen Empfindungen, der breiten Sehnsucht des Proletariats angesehen werden.

[ 19 ] This must be regarded as the true foundation of one aspect of social sentiment—the widespread yearning of the proletariat.

[ 20 ] Das zweite lernt derjenige kennen, der, wie ich schon sagte, nicht bloß über das Proletariat denken und empfinden gelernt hat, sondern mit dem Proletariat wirklich denken und empfinden kann. Er lernt erkennen, was es für den modernen Proletarier bedeuten kann, wenn ihm immer wieder und wieder in Anlehnung an den Marxismus klargemacht wird: er stehe an der Maschine, er arbeite, aber er bekomme für seine Arbeit nur den Lohn. Man bezahle seine Arbeitskraft mit dem Lohn, wie man auf dem Warenmarkt Ware bezahlt.

[ 20 ] The second is understood by those who, as I have already said, have not merely learned to think and feel about the proletariat, but are truly able to think and feel with the proletariat. They come to recognize what it can mean for the modern proletarian when, time and again, drawing on Marxism, it is made clear to them: they stand at the machine, they work, but they receive only a wage for their work. Their labor power is paid for with a wage, just as one pays for a commodity on the commodity market.

[ 21 ] Das empfindet der moderne Proletarier, daß menschliche Arbeitskraft nicht Ware sein kann, daß sie nicht so auf dem Markte verkauft und gekauft werden soll wie eine Ware! Daraus entspringt für ihn dasjenige, was der moderne Proletarier sein Klassenbewußtsein nennt. Er will sich aus dem Klassenbewußtsein heraus die Möglichkeit schaffen, daß menschliche Arbeitskraft ferner nicht Ware sei; denn er hat das Gefühl, dasjenige, was er arbeitet, das erzeugt nicht nur diejenigen Werte, die im wirtschaftlichen Leben als berechtigte Werte spielen, sondern das erzeugt Mehrwert, den ihm diejenigen entziehen, die die führenden, leitenden Kreise, wie er meint, die kapitalistischen Kreise sind.

[ 21 ] The modern proletarian feels that human labor cannot be a commodity, that it should not be bought and sold on the market like a commodity! From this arises what the modern proletarian calls his class consciousness. Based on this class consciousness, he wants to create the possibility that human labor power will no longer be a commodity; for he feels that what he produces not only generates the values that play a legitimate role in economic life, but also generates surplus value, which is extracted from him by those in the ruling, governing circles—which, as he believes, are the capitalist circles.

[ 22 ] Und so ist der Zusammenhang zwischen Mehrwert und dem menschenunwürdigen Kaufen und Verkaufen der menschlichen Arbeitskraft als Ware dasjenige, was den Proletarier bewegt als zweites.

[ 22 ] And so the connection between surplus value and the degrading buying and selling of human labor power as a commodity is the second factor that motivates the proletarian.

[ 23 ] Und das dritte, was ist es? Man lernt es kennen, wenn man beobachtet, wie ja im Grunde genommen die leitenden, führenden Kreise wesentlich andere Neigung entwickelt haben für die sozialen Fragen als diejenigen, die sich ihnen aufdrängten dadurch, daß das Proletariat Forderungen stellte. Aus sich heraus, man muß schon sagen, sind wenige Menschen der leitenden, führenden Kreise geneigt, wirklich einzugehen auf dasjenige, was die Kernpunkte der sozialen Frage sind, einfach aus dem Grunde, weil immer diejenigen, die in einer Position drinnen sind, viel weniger geneigt sind, an die Entwickelung dieser Position zu denken, als die anderen, die sich eine Position erst erobern wollen. Aber dadurch mußte wiederum mehr im Unterbewußten, im Instinktiven, als im deutlichen Bewußtsein, in den weiten Kreisen des Proletariats die Anschauung entstehen, als ob es gar nichts zu erwarten habe von den leitenden, führenden Kreisen, als ob es auf eine Lösung in der sozialen Frage ganz allein auf sich selbst angewiesen sei. Und so entstand etwas, was zu dem Verhängnisvollsten gehört, das in der neueren Geschichtsentwickelung da ist. Es entstand dasjenige, was, ich möchte sagen, sich anlehnt an ein Wort, das oftmals ausgesprochen, oftmals angehört wird, das aber in seiner tieferen Bedeutung wenig erkannt wird. Sie wissen wahrscheinlich, jenes Kommunistische Manifest, das im Jahre 1848 eingeleitet hat die marxistische soziale Bewegung, schließt mit den Worten: «Proletarier aller Länder vereinigt euch.» Begreiflich ist es für denjenigen, der die moderne proletarische Bewegung kennenlernt, daß dies Wort gekommen ist. Und verhängnisvoll in der furchtbarsten Art ist die Wirkung dieses Wortes, denn es deutet von vornherein auf dasjenige, was geschehen soll, auf Kampf. Und auf diesen Kampf soll heute noch gebaut werden. Es baut auf Kampf. Es baut nicht darauf, daß unter der Schwung- und Stoßkraft einer Idee, die sich im praktischen Leben verwirklichen soll, sich Menschen zusammenfinden; es baut nicht auf den Glauben an die Kraft des Geistes. Dieses Wort, es baut auf den äußeren materiellen Zusammenhang einer Menschenklasse, auf das Ungeistige. Und es drückt sich in diesem Worte klar und deutlich der Unglaube an das Geistige in verhängnisvollster Weise aus, je mehr sich dieses Wort einimpft den Seelen. Und man darf auch sagen, je mehr man es gedankenlos anhört, ohne seine weltgeschichtliche verhängnisvolle Bedeutung aufzufassen, desto mehr muß die Menschheit hineinsegeln in den Unglauben an das Geistige, und kann nicht, weil sich die materiellen Interessen vereinigen, wie sie einer Menschenklasse anhängen, zu dem kommen, was das Leben doch im Innersten bewegen muß: zu dem Glauben an die Kraft der geistigen Impulse.

[ 23 ] And the third point—what is it? One comes to understand it by observing how, fundamentally speaking, the ruling and leading circles have developed a significantly different attitude toward social issues than the one imposed on them by the demands of the proletariat. It must be said that, on their own initiative, few people in the ruling and leading circles are inclined to truly engage with the core issues of the social question, simply because those who are already in a position of power are far less inclined to think about the development of that position than those who are still striving to secure one. But this, in turn, led to the emergence—more in the subconscious, in the instinctive, than in clear consciousness—of the view among broad circles of the proletariat that it had nothing at all to expect from the ruling and leading circles, as if it were entirely on its own in finding a solution to the social question. And so something arose that ranks among the most fateful developments in recent history. What emerged is something that, I would say, draws on a phrase that is often spoken and often heard, but whose deeper meaning is little understood. You are probably aware that the Communist Manifesto, which launched the Marxist social movement in 1848, concludes with the words: “Workers of the world, unite!” It is understandable to anyone familiar with the modern proletarian movement that this phrase came about. And the effect of this phrase is disastrous in the most terrible way, for it points from the very outset to what is to happen—to struggle. And this struggle is still being relied upon today. It is based on struggle. It is not based on people coming together under the impetus and driving force of an idea that is to be realized in practical life; it does not build on faith in the power of the spirit. This word builds on the external, material connections of a class of people—on the non-spiritual. And this word clearly and unambiguously expresses a lack of faith in the spiritual in the most disastrous way, the more this word takes root in people’s souls. And one might also say that the more one listens to it thoughtlessly, without grasping its fateful significance in world history, the more humanity must sail headlong into unbelief in the spiritual, and—because material interests unite as they are attached to a class of people—cannot arrive at what must ultimately move life at its very core: faith in the power of spiritual impulses.

[ 24 ] So sieht sich dasjenige an, was man moderne soziale Frage nennt, von der einen Seite, vom Gesichtspunkt des Proletariats. Und dieses Proletariat, es hat gesehen, daß sich gewisse soziale Schäden, die es am eigenen Leibe empfindet, heraufentwickelt haben unter dem Einfluß von Kapital, von moderner Technik. Was meint es? Es meint, diese Schäden werden aufhören, wenn das Privateigentum in Gemeineigentum übergehe, wenn dasjenige, was jetzt von einzelnen verwaltet, bewirtschaftet wird, von der Gemeinschaft verwaltet und bewirtschaftet wird.

[ 24 ] This is how what is called the modern social question appears from one perspective—that of the proletariat. And this proletariat has seen that certain social ills, which it experiences firsthand, have arisen under the influence of capital and modern technology. What does it mean? It means that these ills will cease when private property is transformed into communal property, when what is now managed and administered by individuals is managed and administered by the community.

[ 25 ] Und so sehen wir, wie austönt die proletarische Forderung immer wieder in den Ruf, der heute eben schon eine katastrophale Gestalt annimmt: Umwandlung der Produktionsmittel, Umwandlung des Privateigentums an Produktionsmitteln in Gemeineigentum und Gemeinverwaltung der Produktionsmittel. Nur dann vermeint der Proletarier, werde für ihn Heil kommen, wenn nicht mehr der Einzelne nach dem Profitinteresse, nach dem Gewinninteresse die Produktionsmittel verwalte, sondern wenn die menschliche Gemeinschaft, an der jeder teilnehmen kann in demokratischer Weise, diese Produktionsmittel verwalte. Und weil das Proletariat sich verraten glaubt von den Menschen, die den führenden, leitenden Kreisen angehören, weil es glaubt, daß diese führenden, leitenden Kreise sich gar nicht interessieren aus ihren Interessen heraus für dasjenige, was eine Gestaltung des sozialen Lebens sei, so ertönt zusammen dasjenige, was sich im Laufe vieler Jahrzehnte entwickelt hat, in den Ruf nach einer Art von Diktatur des Proletariats selber in der Ablösung alter Verwaltungs- und Gesellschaftsverhältnisse durch neue.

[ 25 ] And so we see how the proletarian demand repeatedly resonates in the call that is already taking on catastrophic proportions today: the transformation of the means of production, the transformation of private ownership of the means of production into common ownership and common administration of the means of production. Only then, the proletarian believes, will salvation come for him—not when the individual manages the means of production in pursuit of profit, but when human society, in which everyone can participate democratically, manages these means of production. And because the proletariat feels betrayed by those who belong to the leading and governing circles—because it believes that these leading and governing circles, driven by their own interests, have no interest whatsoever in the shaping of social life— what has developed over the course of many decades resounds as a call for a kind of dictatorship of the proletariat itself in the replacement of old administrative and social relations with new ones.

[ 26 ] Aber in diese Dinge muß hineingesehen werden nicht von einem Parteistandpunkte aus, in diese Dinge muß hineingesehen werden vollständig unbefangen. Man sieht vielleicht doch nur vollständig unbefangen hinein, wenn man nun auch das Gegenbild ins Auge faßt: ob die proletarischen Forderungen, so wie sie heute formuliert werden in einer großen Anzahl von Zeitungen und Büchern, wie sie bewußt in den Proletarierseelen leben, ob sie richtig sind oder nicht, darauf kommt es an. Denn bei wirklichen Bewegungen handelt es sich nicht um Gedankeninhalte, sondern um dasjenige, was im Wollen der Menschen lebt. Das muß ins Auge gefaßt werden, daß Millionen von Menschen diese Dinge glauben, und daß es nicht darauf ankommt, diese Dinge abstrakt zu widerlegen, sei es auf diese oder jene Weise, sondern darauf kommt es an, in diesen Dingen so weit zu kommen, daß ihre Handhabung praktisch eben auch wirklich lebensgemäß, wirklichkeitsgemäß verstanden wird. Gerade aus dem Grunde, weil die leitenden, führenden Kreise, ich möchte sagen, wie ein Nebenprodukt ihres Wirtschaftens das gehabt haben, daß sie mit dem Leben nicht zu kämpfen hatten, oder wenigstens nicht in einer solchen Weise zu kämpfen hatten, auf einem solchen Boden wie das Proletariat, gerade aus diesem Grunde hat sich nicht in demselben Maße wie beim Proletariat, wo alle die Fragen, die ich jetzt ausgesprochen habe, ich möchte sagen, übergehen in eine Art Magenoder Brot- oder Geldfrage, es hat nicht in einer solchen Weise sich die soziale Frage entwickelt zu einer unmittelbaren Frage des praktischen Lebens, des persönlichen Interesses eines jeden, denn die persönlichen Interessen werden unter dem Einfluß des modernen Lebens wie ein Nebenprodukt befördert. Daher haben die leitenden, führenden Kreise das nicht gekannt auf demselben Gebiete, was die proletarische Welt gehabt hat. Man kann es nehmen wie man will, den großen Versucher oder Verführer Karl Marx oder den genialen, bahnbrechenden Karl Marx, das kommt auf die Auffassung an, aber ein ähnlicher Karl Marx für die leitenden, führenden Kreise war nicht da. Daher sieht es heute so aus, daß im Grunde genommen gar nicht das richtige Licht fällt auf die proletarischen Forderungen. Man kann sie beweisen, man kann sie widerlegen; aber es sind auch andere Anschauungen möglich, die man ebensogut beweisen oder widerlegen kann, und die das Gegenbild davon darstellen.

[ 26 ] But these matters must be examined not from a partisan standpoint; they must be examined with complete impartiality. Perhaps one can only view them with complete impartiality if one also considers the opposite perspective: whether the proletarian demands—as they are formulated today in a large number of newspapers and books, and as they consciously live in the souls of the proletariat—are correct or not; that is what matters. For in genuine movements, it is not the content of ideas that matters, but rather what lives in people’s will. We must bear in mind that millions of people believe these things, and that what matters is not to refute them abstractly—whether in this or that way—but rather to reach a point where their practical application is understood as truly in keeping with life and reality. Precisely because the ruling, leading circles—I would say, as a byproduct of their economic activities—have not had to struggle with life, or at least not in the same way or on the same ground as the proletariat, precisely for this reason, the social question has not, to the same extent as with the proletariat—where all the issues I have just raised I might say, boil down to a matter of sustenance, bread, or money—the social question has not developed in such a way into an immediate issue of practical life, of everyone’s personal interest, because personal interests are fostered as a byproduct under the influence of modern life. Therefore, the ruling and leading circles have not experienced in the same sphere what the proletarian world has experienced. You can look at it however you like—as the great tempter or seducer Karl Marx, or as the brilliant, groundbreaking Karl Marx; it depends on one’s perspective—but there was no figure like Karl Marx for the ruling and leading circles. That is why it appears today that, fundamentally speaking, the proletarian demands are not being viewed in the right light at all. One can prove them, one can refute them; but there are also other views that can just as easily be proven or refuted, and which represent the opposite of them.

[ 27 ] Sehen Sie, der Proletarier deutet alles, was sich als menschliche Ideenwelt in Kunst, Sitte, Wissenschaft und so weiter entwickelt, wie eine Art Spiegelbild zu den rein wirtschaftlichen Verhältnissen, die allein er überschauen kann. Menschliche Gedanken sind ihm nur dasjenige, was im Menschen wie ein Spiegelbild ausgelöst wird aus den wirtschaftlichen Interessen, aus den Produktionsverhältnissen. Alles, was die Menschen denken und fühlen, geht hervor aus den wirtschaftlichen Produktionsverhältnissen - so sagt der Proletarier.

[ 27 ] You see, the proletarian interprets everything that develops as the human world of ideas in art, customs, science, and so on, as a kind of reflection of the purely economic conditions, which are the only ones he can grasp. To him, human thoughts are nothing more than what is triggered in people—like a reflection—by economic interests and the relations of production. Everything that people think and feel stems from the economic relations of production—so says the proletarian.

[ 28 ] Leicht könnte von der Gegenseite aus das volle Gegenteil mit genau demselben Beweisrecht belegt werden. Und zwar, nehmen wir nur eines: Es ist zum Beispiel kinderleicht, möchte ich sagen, zu beweisen, daß dieses ganze moderne Wirtschaftsleben, wie wir es namentlich in der Zivilisation des Okzidents und seines Anhanges, Amerikas, haben, daß dieses ganze menschliche Wirtschaftsleben, wie es die moderne Welt beherrscht, ein Ergebnis von Menschengedanken ist, die wiederum aus der geistigen Welt heraus geboren sind. Das kann man ganz im Konkreten nachweisen. Man braucht gar nicht in abstrakten Vorstellungen stehen zu bleiben. Nehmen Sie das Folgende.

[ 28 ] It would be easy for the opposing side to demonstrate the exact opposite using precisely the same line of reasoning. To take just one example: It is, I would say, child’s play to prove that this entire modern economic life—as we find it, in particular, in Western civilization and its extension, America—that this entire human economic life, as it dominates the modern world, is the result of human thoughts, which in turn are born out of the spiritual world. This can be demonstrated in very concrete terms. There is no need to remain stuck in abstract mental images. Consider the following:

[ 29 ] Wenn wir die Verhältnisse vor dem Kriege ins Auge fassen, so kann man sagen, daß in der westlichen Welt etwa vier- bis fünfhundert Millionen Tonnen Kohlen jährlich erzeugt werden. Für die mechanische Arbeit unter den Menschen, durch Industrie und sonstiges, werden diese vierhundert bis fünfhundert Millionen Tonnen Kohlen verarbeitet im modernen Wirtschaftsleben. Ich rechne ab, indem ich diese Zahl, vier- bis fünfhundert Millionen Tonnen, vor Sie hinstelle, alles dasjenige, was für privaten Besitz und so weiter notwendig ist. Dasjenige, was an Kraft, an Technik, die dann Wirtschaftskraft wird, hineinfließt in das moderne Leben durch diese Millionen Tonnen von Kohlen, die in den Maschinen verarbeitet werden, das kann man berechnen, man kann berechnen, was es für die Menschheit leistet. Darauf kommt es an, daß man den Vergleich sachgemäß mit Pferdekräften und mit Menschenkräften setzen muß. Wenn man nun annimmt, daß ein Mensch etwa acht Stunden täglich arbeitet, so bekommt man mit einer einfachen Rechnung heraus, wieviele Menschen wieviel Menschenarbeitskraft anwenden müßten, wenn sie dasselbe durch Anwendung der Menschenkräfte leisten sollten, was auf technische Weise in der weiteren technischen Verarbeitung geleistet wird durch diese Millionen Tonnen Steinkohle. Da zeigt sich das Merkwürdige, das sehr Merkwürdige, daß die Rechnung ergibt, daß sieben- bis achthundert Millionen Menschen arbeiten müßten, ihre Arbeitskraft hergeben müßten, wenn sie durch menschliche Arbeitskraft dasselbe leisten wollten, was geleistet wird mit dem, was aus diesen Kohlen an Energien stammt.

[ 29 ] If we consider the situation before the war, we can say that in the Western world, approximately four to five hundred million metric tons of coal are produced annually. In modern economic life, these four hundred to five hundred million metric tons of coal are used for mechanical work performed by people, in industry, and elsewhere. I’ll break it down by presenting this figure—four to five hundred million metric tons—to you, which encompasses everything necessary for private ownership and so on. The power and technology—which then become economic power—that flow into modern life through these millions of metric tons of coal processed in machines can be calculated; one can calculate what it accomplishes for humanity. What matters is that one must make a proper comparison with horsepower and human labor. If one assumes that a person works about eight hours a day, a simple calculation reveals how many people would have to apply how much human labor if they were to achieve through human effort alone what is achieved technically through the further processing of these millions of metric tons of coal. Here the remarkable—indeed, the very remarkable—fact emerges: the calculation shows that seven to eight hundred million people would have to work, would have to contribute their labor, if they wanted to achieve through human labor the same results that are achieved with the energy derived from this coal.

[ 30 ] Sehen Sie, diese Möglichkeit, die Kohlenenergie hineinzuschaffen ins wirtschaftliche Leben, die entstammt einzig und allein den Gedanken, die sich entwickelt haben unter dem Einflusse der geistigen Entwickelung des Abendlandes. Gerade ein Vergleich mit den Wirtschaftsverhältnissen des Morgenlandes ergibt das. Es sind etwa, nun, sagen wir 250 Millionen Menschen, die in sich diejenige Kraft haben, aus deren Köpfen heraus entsprungen ist alles dasjenige, was an Gedanken notwendig war, um dieses moderne Wirtschaftsleben in Szene zu setzen; bleiben noch etwa 1250 Millionen Menschen, die nicht teilgenommen haben an diesem Leben. Rechnet man aus, was diese dann leisten bei derselben täglichen Arbeitszeit, dann bekommt man eine Zahl, die weit geringer ist als diejenige, die da angibt, wieviel durch die Kohlenförderung und Kohlenverarbeitung auf mechanischem Felde zustande kommt. Das heißt aber nichts anderes als: dasjenige, was gerade das Spezifische des modernen Wirtschaftslebens ist, das ist ein Ergebnis menschlicher Gedanken. Und diese menschlichen Gedanken sind wahrhaftig nicht aus der Materie heraus entsprungen; die sind das Ergebnis der abendländischen Kulturentwickelung. Und man kann sehr wohl beweisen, daß durch diese Gedanken, durch diese Art zu arbeiten, zu unseren 1500 Millionen Menschen auf Erden Menschenkräfte von weiteren 700 bis 800 Millionen hinzugetan werden. So daß wir in Wahrheit heute so arbeiten auf der Erde, als wenn nicht nur 1500 Millionen arbeiteten, sondern als ob weit über 2000 Millionen Menschen arbeiteten. Man kann es leicht beweisen, daß das alles, was so die eigentliche Struktur, der eigentliche Charakter dieses modernen Wirtschaftslebens ist, aus dem die sozialen Fragen entstanden sind, daß das ein Ergebnis der Geistesentwickelung ist, daß dieser Geist durchaus nicht eine Ideologie ist, sondern daß dieser Geist der Schöpfer des Wirtschaftslebens ist.

[ 30 ] You see, this possibility of introducing coal energy into economic life stems solely from ideas that have developed under the influence of the intellectual evolution of the West. A comparison with the economic conditions of the East makes this particularly clear. There are, say, 250 million people who possess the inner strength from which sprang all the ideas necessary to bring this modern economic life into being; that leaves about 1,250 million people who have not participated in this life. If one calculates what these people then produce during the same daily working hours, one arrives at a figure that is far lower than the one indicating how much is produced through coal mining and coal processing in the mechanical sector. But this means nothing other than that what is specifically characteristic of modern economic life is the result of human thought. And these human thoughts have certainly not sprung from matter; they are the result of Western cultural development. And it can very well be demonstrated that through these ideas, through this way of working, the labor power of an additional 700 to 800 million people is added to our 1,500 million people on Earth. So that, in truth, we work on Earth today as if not only 1,500 million were working, but as if well over 2,000 million people were working. It can easily be demonstrated that everything that constitutes the actual structure and character of this modern economic life—from which social issues have arisen—is a result of spiritual development; that this spirit is by no means an ideology, but rather that this spirit is the creator of economic life.

[ 31 ] Das heißt, es steht auf der einen Seite die proletarische Auffassung, auf der anderen Seite die gewöhnliche Gegenauffassung, die wahrhaftig ebenso gut bewiesen werden kann wie die andere Auffassung. Und genau ebenso, wie man in marxistischer Weise ausrechnen kann, wie die Menschen arbeiten, um zu dem Werte, der im berechtigten Wirtschaftsleben herrscht, Mehrwert zu erzeugen, ebenso kann man nachweisen, ganz genau ebenso wissenschaftlich streng, wie es im Marxismus geschieht, daß alles, was modernes Wirtschaftsleben ist, aus den Gedanken der führenden, leitenden Menschenkreise stamme, und daß dasjenige, was als Lohn abfällt, herausgearbeitet ist aus dem, was die leitenden, führenden Kreise für die Menschheit sozial leisten. Man kann ebenso, wie man auf der einen Seite den Mehrwert ausrechnet, der von der Arbeit abfällt nach oben, ebenso gut kann man die Gesamtheit allen Lohnes ausrechnen als dasjenige, was abfällt durch das, was von den leitenden, führenden Kreisen, von dem Gedankengetragenen der Menschheit geleistet wird.

[ 31 ] In other words, on the one hand there is the proletarian view, and on the other hand the common opposing view, which can indeed be substantiated just as well as the other view. And just as one can calculate, in a Marxist manner, how people work to produce the value that prevails in legitimate economic life, it is equally possible to demonstrate—with exactly the same scientific rigor as in Marxism—that everything that constitutes modern economic life stems from the ideas of the leading, governing circles, and that what is distributed as wages is derived from what these leading, governing circles contribute to humanity in social terms. Just as one can calculate, on the one hand, the surplus value that flows upward from labor, one can just as easily calculate the totality of all wages as that which flows from what is contributed by the leading circles—the intellectual pillars of humanity.

[ 32 ] Nur ist das nicht geschehen, und zwar, wie ich überzeugt bin, aus dem einzigen Grunde, weil eben auf der anderen Seite aus der Sorglosigkeit heraus nicht ein «Karl Marx» arbeitete, der das ebensogut bewiesen hätte, wie der wirkliche Karl Marx seine Theorie für das Proletariat bewiesen hat. Was ich Ihnen jetzt sage, ist wahrhaftig nicht irgend etwas abstrakt Erfundenes. Geradeso wie ich es aus der Förderung der Kohlen nachgewiesen habe, so können Sie es aus den Tatsachen des Wirtschaftslebens heraus nachweisen, daß das Gegenteil von dem richtig ist, was Marx, nur beschränkt für den Mehrwert, nachgewiesen hat.

[ 32 ] But that did not happen, and I am convinced it was for the sole reason that, on the other side, out of sheer carelessness, there was no “Karl Marx” at work who could have proven it just as well as the real Karl Marx proved his theory for the proletariat. What I am telling you now is truly not some abstract invention. Just as I have demonstrated this using coal mining as an example, you can demonstrate from the facts of economic life that the opposite of what Marx proved—albeit only in a limited sense regarding surplus value—is true.

[ 33 ] Wenn man ins Auge faßt jene Struktur, die die moderne Technik dem Wirtschaftsleben aufgedrückt hat, so ist in Betracht zu ziehen, daß diese moderne Technik aus dem menschlichen Gedanken hervorgeht und diese wiederum aus dem Geistesleben hervorgehen, und daß eine gewisse Konzentration der Produktionsmittel für besondere Zeiten notwendig ist, die einfach wegen der fortgeschrittenen Technik konzentriert und von einzelnen verwaltet werden müssen. Man kann schon sagen, setzt man entgegen dem, was das moderne Wirtschaftsleben, die modernen Produktionsverhältnisse herausgebildet haben - Konzentrationen der Produktionsmittel, die jetzt in den Händen von einzelnen sind -, setzt man dagegen die abstrakte Forderung des Mehrwerts, der zu gewinnen ist aus Produktionsmitteln, die gemeinschaftlich verwaltet werden sollen, dann wird man eben sehen, was herauskommt! Gewiß, man kann in abstracto die Forderung erheben, daß dasjenige, was bisher geleistet worden ist durch die leitenden, führenden Kreise, die die Gedanken geliefert haben zur Struktur der modernen Wirtschaft, ihnen abgenommen und von der Gemeinschaft verwaltet werden kann. Demjenigen aber, der nun nicht hineinsieht aus dem menschlichen Empfinden heraus, aus den Emotionen heraus in das Getriebe des Lebens, sondern unbefangen dieses Getriebe des Lebens beobachtet, ja, dem erscheint als drohender Gedanke für die nächste Menschenzukunft dieser: Wenn es nun wirklich geschehen könnte, daß verwirklicht würde die Übernahme dessen, was bisher durch einzelne Individualitäten [. . .] geleistet worden ist - wenn das auch Schäden in seinem Gefolge gehabt hat -, wenn das nun durch die Gemeinsamkeit geleistet werden sollte, so würde es wahrscheinlich mit dieser Gemeinschaft so gehen, wie es in der Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts den Japanern gegangen ist, die aus einem gewissen Nationalstolz heraus gehandelt haben, als sie die ersten Kriegsschiffe übernommen haben von den Engländern. Die Engländer boten ihnen auch die Lehrmeister zu diesen Kriegsschiffen an; aber sie haben diese englischen Lehrmeister weggeschickt und wollten nun selber fahren. Und nun konnte man vom Lande aus sehen das schöne Schauspiel, wie die Kanonenboote fortwährend im Kreise sich drehten; sie konnten nicht vorwärtskommen, denn die Japaner hatten nicht gelernt, wie es zu machen ist. Es war vergessen worden zu zeigen, wie man das Ventil schließt und öffnet, wodurch der überflüssige Dampf abgeht. Und so konnten sie nichts machen, mußten abwarten, bis die Dampfkraft ganz verbraucht war.

[ 33 ] When one considers the structure that modern technology has imposed on economic life, one must take into account that this modern technology arises from human thought, which in turn arises from spiritual life, and that a certain concentration of the means of production is necessary at certain times—a concentration that is required simply because of advanced technology and must be managed by individuals. One might well say that if, in contrast to what modern economic life and modern relations of production have brought about—concentrations of the means of production that are now in the hands of individuals—one sets against this the abstract demand for surplus value to be derived from means of production that are to be managed collectively, then one will see exactly what the result will be! Certainly, one can, in the abstract, make the claim that what has hitherto been accomplished by the ruling, leading circles—who provided the ideas for the structure of the modern economy—can be taken from them and managed by the community. But to those who do not view the workings of life through the lens of human sentiment or emotion, but rather observe these workings impartially—indeed, to them, the following thought appears as a looming threat to humanity’s immediate future: If it were truly possible to bring about the takeover of what has hitherto been accomplished by individual personalities [. . .] —even if this has entailed certain damages—were to be carried out by the community, then this community would likely fare as the Japanese did in the mid-1870s, who acted out of a certain national pride when they acquired their first warships from the English. The English also offered them instructors for these warships; but they sent these English instructors away and wanted to sail them themselves. And now, from the shore, one could witness the beautiful spectacle of the gunboats constantly circling; they could not move forward, for the Japanese had not learned how to do it. They had been forgotten to be shown how to close and open the valve, which releases the excess steam. And so they could do nothing but wait until the steam power was completely exhausted.

[ 34 ] So fürchtet man, wenn man in die Dinge wirklich hineinschaut, wie sie sich heute im sozialen Leben vollziehen, daß es gehen könnte, wenn dasjenige, was die einzelnen der führenden, leitenden Kreise aus Sachkenntnis und Sachtüchtigkeit heraus, wenn auch mit Schäden, leisten, übernommen werden sollte von der abstrakten Gemeinschaft, die demokratisch urteilt, wie nun das, was man produzieren soll, mit den technischen Verwaltungen und so weiter eingerichtet werden soll.

[ 34 ] Thus, when one truly examines how things unfold in social life today, one fears that what individuals in the leading and governing circles accomplish—based on their expertise and competence, even if at a cost— were to be taken over by an abstract community that democratically decides how production should be organized, along with the technical administrations and so on.

[ 35 ] Das alles sind Dinge, die sich nicht an parteimäßige Programme hängen, nicht aus einer Parteischablone ergeben, die sich aber demjenigen ergeben, der das Leben praktisch und unbefangen ansieht, und wirklich den Willen hat, auf dieses Leben praktisch und unbefangen einzugehen.

[ 35 ] These are all things that are not tied to party platforms, nor do they stem from a party template; rather, they become apparent to anyone who views life in a practical and unbiased way and who truly has the will to engage with that life in a practical and unbiased manner.

[ 36 ] Und das erste, was sich daraus ergeben wird, es ist auch das erste, was ich als Ergebnis ziehen mußte in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft». Dasjenige, was vor allen Dingen für die Menschheit gebraucht wird, das ist zu der Naturerkenntnis hinzu, die nun wirklich die Schöpferin ist der modernen Technik und damit des modernen Wirtschaftslebens, zu dieser natürlichen Erkenntnis hinzu eine wahre Menschenerkenntnis.

[ 36 ] And the first thing that will result from this is also the first conclusion I had to draw in my “Key Points of the Social Question in the Necessities of Life in the Present and Future.” What humanity needs above all else is—in addition to an understanding of nature, which is truly the creator of modern technology and thus of modern economic life—a true understanding of humanity.

[ 37 ] Sehen Sie, es wird Ihnen ja von mancher anderen Seite auch erzählt von jener vertrackten Weltanschauung, die sich angliedern soll an dasjenige, was jetzt in Dornach als ein Monumentalbau gebaut wird, eine Art «Hochschule für Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft» nennt sich das Dings. - Sie würden gut tun, wenn Sie von vornherein gleichsam wie ein Axiom annehmen würden, daß dasjenige, was ich im Zusammenhange mit anthroposophischer Geisteswissenschaft nenne, das gerade Gegenteil ist von dem, was meistens von den Nichtkennern in der Welt gesagt wird. Denn bei dieser Geisteswissenschaft handelt es sich darum, zur Naturwissenschaft als der geistigen Grundlage des modernen Wirtschaftslebens hinzuzufinden dasjenige, was den Menschen angeht, hinzuzufinden eine wirkliche Menschenkenntnis. Deshalb auch wird diese Geisteswissenschaft Anthroposophie, Menschenweisheit genannt, eine wirkliche Erkenntnis vom Menschen. Die moderne Naturwissenschaft tut ganz recht, wenn sie sich bei der Erkenntnis der Natur und bei allem denjenigen, was mit mechanischem, chemischem, physikalischem, technischem Leben und Wirtschaft zusammenhängt, wenn sie sich dabei nicht einläßt auf den Menschen, wenn sie den Menschen gleichsam nur wie einen Zuschauer im Hintergrunde läßt. Aber das ist das Verhängnisvolle, daß in der neueren Zeit alles dasjenige, was an Vorstellungsart in der Naturwissenschaft ist, angelegt ist auch auf das soziale Denken, daß man glaubt, das soziale Leben mit denjenigen Gedanken durchdringen zu können, die der Naturwissenschaft außerordentlich nützlich sind, welche die Naturwissenschaft zu einer reinen Höhe erhoben haben; aber bei dem sozialen Denken muß der Mensch drinnen leben. Da muß ein Bewußtsein walten, das wirklich bis zum Menschen dringt.

[ 37 ] You see, you’ve probably heard from various other sources about that convoluted worldview that’s supposedly linked to what’s now being built in Dornach as a monumental structure—a sort of “School of Spiritual Science,” or “anthroposophically oriented spiritual science,” as it’s called. - You would do well to assume from the outset, as it were, as an axiom, that what I refer to in connection with anthroposophical Spiritual Science is the exact opposite of what is usually said by those in the world who are unfamiliar with it. For this Spiritual Science is concerned with finding, alongside natural science—which serves as the spiritual foundation of modern economic life—that which pertains to the human being; it seeks to discover a true understanding of humanity. That is why this Spiritual Science is called anthroposophy, or “wisdom of the human being”—a true understanding of the human being. Modern natural science is quite right, in its understanding of nature and in everything related to mechanical, chemical, physical, and technical life and the economy, not to involve the human being in this process—to leave the human being, as it were, merely as a spectator in the background. But the fatal flaw is that in recent times, the very mode of thinking characteristic of natural science has been applied to social thought as well—that is, the belief that social life can be penetrated by the very ideas that are extraordinarily useful to natural science, ideas that have elevated natural science to a pure level; yet in social thought, the human being must be at the center. There must be a consciousness at work that truly penetrates to the human being.

[ 38 ] Dieses Bewußtsein, das ist es, was Geisteswissenschaft hinzufügen will zu dem, was in der neueren Zeit bloß naturwissenschaftliches Denken ist und davon abhängig soziales Denken. Und diese Geisteswissenschaft will - deshalb ist sie so vielen Menschen höchst unbequem - tiefer in den Menschen eindringen, als man mit Anatomie, mit Physiologie, mit Biologie, durch die man doch nur das Äußere des Menschen kennenlernt, eindringt. Diese Geisteswissenschaft will eindringen in diejenigen Tiefen der Menschennatur, wo sich etwas abspielt, was nicht bloße Gedanken sind, wo sich Wirklichkeiten abspielen, die gleich sind mit den Wirklichkeiten des äußeren Lebens, die gleich sind auch mit den Wirklichkeiten der äußeren Natur.

[ 38 ] This consciousness—that is what Spiritual Science seeks to add to what, in modern times, has been merely scientific thinking and, dependent on it, social thinking. And this Spiritual Science seeks—which is why it is so deeply uncomfortable for so many people—to penetrate deeper into the human being than is possible through anatomy, physiology, or biology, which after all only reveal the outer aspects of the human being. Spiritual Science seeks to penetrate into those depths of human nature where something takes place that is not merely thought, where realities unfold that are equal to the realities of external life and also equal to the realities of external nature.

[ 39 ] Diese Geisteswissenschaft will auf der einen Seite sich wirklich erheben zu der Erkenntnis des Geistigen. Sie will aber auf der anderen Seite nicht stehenbleiben vor den Tatsachen des allerpraktischsten Alltagslebens. Für diese Geisteswissenschaft ist es undenkbar, daß im menschlichen Bewußtsein ein solches Zweifaches lebt, wie ich es geschildert habe für den modernen Kaufmann, für den modernen Astronomen, für den modernen Staatsbeamten, die ihr abgesondertes, lebenstremdes religiöses, ästhetisches Leben haben, das über dem Leben schwebt, das auch ferneliegt dem, was das alltägliche Leben ist. Scheinbar ist dieses Leben sehr geistig, das sich da als Geistesleben entwickelt. In Wahrheit aber ist es lebensfremd. Daher hat es auch einen gewissen Unglauben an das Leben erzeugt.

[ 39 ] On the one hand, this Spiritual Science truly seeks to rise to the knowledge of the spiritual. On the other hand, however, it does not wish to stop short of the facts of the most practical everyday life. For this Spiritual Science, it is unthinkable that such a duality should exist within human consciousness, as I have described it for the modern businessman, the modern astronomer, and the modern civil servant—who lead their own separate, life-estranged religious and aesthetic lives that hover above life and are also far removed from what everyday life actually is. On the surface, this life—which develops as a spiritual life—appears to be very spiritual. In truth, however, it is alien to life. Consequently, it has also engendered a certain disbelief in life.

[ 40 ] Daher kam es auch, daß in den breiten Massen niemals ein Glaube an dieses geistige Leben sich so hat ausbilden können, daß man hingesehen hat auf dieses Geistesleben so, als ob von diesem Geistesleben nun irgend etwas sozial Heilsames kommen könnte. Da haben gewirkt ernste und ehrliche Persönlichkeiten. Diejenigen, die es durchdringend ernst meinen mit dem sozialen Leben - das geistige Leben betrachten sie im Grunde genommen nur als utopistisch. Da haben gelebt Fourier und ähnliche Geister, die sich so schöne Programme aufgestellt haben, wie sie sich das Leben ausgestalten wollen. Aber aus welcher Gedankenkonstitution, aus welcher Seelenverfassung sind alle diese sozialen und sozialistischen Ideen entstanden? Sie sind entstanden aus einem Gedankenleben heraus, das eben neben das Leben sich selber als lebensfremd hinstellt, das so fremd dem Leben ist, wie das religiöse Leben dem Kaufmann im Kontobuch ist. Daß aus solcher Seelenverfassung schöne Ideen, echt gemeinte, gut gemeinte Ideen hervorgehen können, ist selbstverständlich, aber nicht Ideen, die in das wirkliche praktische Leben eingreifen.

[ 40 ] This is also why the broad masses were never able to develop a belief in this spiritual life to the extent that they would view it as a source of social benefit. Serious and honest individuals were at work here. Those who take social life with penetrating seriousness—they regard spiritual life, at heart, as nothing more than utopian. There lived Fourier and similar minds, who devised such beautiful programs for how they wished to shape life. But from what mental constitution, from what state of mind, did all these social and socialist ideas arise? They arose from a mental life that places itself alongside life as something alien to it—a life as foreign to reality as religious life is to a merchant’s ledger. It goes without saying that beautiful ideas—genuine, well-intentioned ideas—can emerge from such a state of mind, but not ideas that have a practical impact on real life.

[ 41 ] Geisteswissenschaft will zu den höchsten Höhen des Geistes hinauf. Aber indem sie heruntersteigt in das tiefste Innere des Menschen, wo nicht lebensfremde Gedanken, sondern Gedanken sind, die eindringen in die Wirklichkeiten der Außenwelt, sollen diese imstande sein, wenn sie auf der einen Seite hinaufgreifen in höchste geistige Höhen, zu gleicher Zeit aufzufassen auch dasjenige, was uns begegnet im Kontobuch im Verhältnis des Arbeitgebers zum Arbeitnehmer, dasjenige, was überall im unmittelbaren Leben lebt. Schwach und ohnmächtig waren die Gedanken jenes Geisteslebens, das beherrscht hat die menschlichen Seelen in den letzten drei bis vier Jahrhunderten; denn diese Gedanken waren schöne ästhetische, religiöse, wissenschaftliche und weltliche Gedanken, aber sie waren nicht Gedanken, die hinunterreichten in die Wirklichkeit und etwas Wirkliches erkannten.

[ 41 ] Spiritual Science seeks to ascend to the highest heights of the spirit. But as it descends into the deepest innermost being of the human being—where there are not thoughts detached from life, but rather thoughts that penetrate the realities of the external world— these thoughts should be capable, while reaching up to the highest spiritual heights on the one hand, of grasping at the same time what we encounter in the ledger regarding the relationship between employer and employee—that which is alive everywhere in immediate life. Weak and powerless were the thoughts of that spiritual life which has dominated human souls over the last three to four centuries; for these thoughts were beautiful aesthetic, religious, scientific, and secular thoughts, but they were not thoughts that reached down into reality and recognized anything real.

[ 42 ] Nehmen Sie einmal irgend etwas, was, sagen wir wie ein moderner Moralkodex, wie eine Ethik wirkt, sehen Sie, was darinnen gesagt ist über Menschlichkeit, Gutsein, Wohlwollen, Nächstenliebe, menschliche Brüderlichkeit, das steht dem Leben fremd gegenüber, das greift nicht ein in dieses unmittelbare Leben, sowenig wie die moderne Philosophie, die in abstrakten Ideen lebt, wie das moderne Geistesleben überhaupt.

[ 42 ] Take, for example, anything that functions—let’s say—like a modern moral code or a set of ethical principles, and look at what it says about humanity, goodness, goodwill, love of one’s neighbor, and human brotherhood—it stands alien to life; it does not intervene in this immediate life, any more than modern philosophy, which lives in abstract ideas, or modern intellectual life in general.

[ 43 ] Hinuntergreifen in das, was die Philosophie, was überhaupt die wirkliche, äußere reale Wissenschaft zutage fördert, das kann eigentlich heute nur die Geisteswissenschaft. Lesen Sie in meinen zahlreichen Büchern über diesen Gegenstand nach. Sie werden finden, daß Geisteswissenschaft nichts zu tun hat mit jenen Abstraktionen, mit dem, was man heute als philosophische Weltanschauung und dergleichen tradiert, sondern da sehen Sie, daß diese Geisteswissenschaft darauf angewiesen ist, nun wirklich in den Geist, in dem der Mensch mit seiner Seele drinnen lebt, einzutauchen, um aufzugreifen wirkliche Erkenntnisse vom Menschen; weil der Mensch einmal am allergeistigsten ist, darum eine Erkenntnis zu begründen, die zu der höchsten Höhe des Geistes hinaufsteigt, und gleichzeitig hinuntertaucht in das unmittelbar praktische Leben. Denn dringt man nur tief genug vor in den Erkenntnissen, so erweist sich dieses Leben in der Erkenntnis als eine Einheit, nicht als eine Zweiheit.

[ 43 ] Only Spiritual Science today is truly capable of delving into what philosophy—and indeed, true, external, empirical science in general—brings to light. Please refer to my numerous books on this subject. You will find that Spiritual Science has nothing to do with those abstractions, with what is traditionally regarded today as a philosophical worldview and the like; rather, you will see that Spiritual Science is dependent on truly immerse itself in the spirit within which the human being lives with his or her soul, in order to gain genuine insights into the human being; because the human being is, after all, the most spiritual of all, and thus to establish a knowledge that ascends to the highest heights of the spirit and at the same time plunges down into immediate, practical life. For if one penetrates deeply enough into these insights, this life of knowledge proves to be a unity, not a duality.

[ 44 ] Dieses Geistesleben wird auch imstande sein, in das Leben einzudringen, das wir das soziale nennen. Nicht ist imstande jene abstrakte Geisteswissenschaft, jene abstrakte Wissenschaftlichkeit, die der moderne Proletarier als Ideologie empfindet, nicht ist sie imstande, einzudringen in die wirkliche soziale Gestalt des Lebens. Ihre Gedanken, ihre Ideen sind zu schwache, dringen nicht ein, dringen nicht hinunter, sind Abstraktionen, bleiben im Gedanklich-Unwirklichen. Sie sind wirklich Ideologien. Aber der Geist braucht nicht bei Ideologien stehenzubleiben. Der Geist kann doch so stark zu den Ideen vordringen, daß diese Ideen zu gleicher Zeit Kräfte sind, die in der Wirklichkeit enthalten sind. Mit solchen Ideen allein ist es möglich, hineinzutauchen in das soziale Leben.

[ 44 ] This spiritual life will also be able to penetrate what we call social life. That abstract Spiritual Science, that abstract scientific approach—which the modern proletarian perceives as ideology—is not capable of penetrating the true social form of life. Its thoughts and ideas are too weak; they do not penetrate, do not reach down to the depths; they are abstractions that remain in the realm of the intellectual and unreal. They are truly ideologies. But the mind need not remain stuck at the level of ideologies. The mind can, after all, penetrate so deeply into ideas that these ideas are at the same time forces contained within reality. Only with such ideas is it possible to immerse oneself in social life.

[ 45 ] Aber dazu ist eben eine bestimmte soziale Struktur notwendig. Und diese soziale Struktur versuchte ich anzudeuten, skizzenhaft zu gliedern wenigstens, in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage». Ich versuchte zu beweisen, wie es notwendig ist, daß in der Tat losgelöst werde die Verwaltung des geistigen Lebens von dem Wirtschaftsleben und von dem Staatsleben, dem die Rechtspflege überlassen werden muß; von allem Politischen und Wirtschaftlichen ist loszutrennen das Geistige. Solange das Wirtschaftsleben aus sich heraus entwickelt das geistige Leben, indem der wirtschaftlich Mächtige zu gleicher Zeit imstande ist, am besten sich auch mit Bezug auf seine geistige Bildung vorwärtszubringen, solange überhaupt ein Zusammenhang besteht, ein innerer Zusammenhang zwischen dem Geistesleben und dem Wirtschaftsleben, so lange ist es unmöglich, daß das Geistesleben völlig frei sich entwickelt.

[ 45 ] But this requires a specific social structure. And I attempted to hint at this social structure—or at least to outline it in broad strokes—in my “Key Points of the Social Question.” I attempted to demonstrate how necessary it is that the administration of intellectual life be effectively separated from economic life and from public life—which must be left to the administration of justice; the intellectual sphere must be separated from all political and economic matters. As long as economic life develops spiritual life out of itself—in that those who are economically powerful are at the same time best able to advance themselves in terms of their spiritual education—and as long as there is any connection at all, any inner connection between spiritual life and economic life, it remains impossible for spiritual life to develop in complete freedom.

[ 46 ] Derjenige aber, der dieses Geistesleben kennt, von dem ich eben gesprochen habe, er weiß, daß das sich nur auf einem völlig freien Boden entwickeln kann. Denn das Geistesleben, von dem ich gesprochen habe, das ist ein Erzeugnis des menschlichen Inneren. Dieses menschliche Innere muß in völliger Freiheit gepflegt werden. Schule und Erziehung müssen unabhängig verwaltet werden in eigener Verwaltung, unabhängig von dem Wirtschaftsleben und von dem übrigen Staatsleben, von dem politischen und dem Rechtsleben.

[ 46 ] But anyone who is familiar with this spiritual life I have just spoken of knows that it can develop only on a completely free foundation. For the spiritual life I have spoken of is a product of the human inner being. This human inner being must be nurtured in complete freedom. Schools and education must be administered independently, with their own administration, independent of economic life and the rest of public life—including political and legal life.

[ 47 ] Es ist etwas ganz anderes, wenn der Lehrer der untersten Schulklasse nicht sich zu richten hat nach dem, was ihm geliefert wird durch das Wirtschaftsleben, nicht sich zu richten hat nach dem, was ein Staat für Anforderungen stellt, damit er seine Stelle besetzen kann; sondern wenn da folgt dasjenige, was im Geistesleben, im wichtigsten Teile, eben im Erziehungs- und Unterrichtswesen sich vollzieht, wenn das lediglich folgt aus dem, was die Menschen wiederum im Geiste erleben sollen. Soll ich konkret charakterisieren, müßte ich sagen: Es muß in der Zukunft das gesamte Geistesleben, auch das Unterrichts- und Schulleben, so gestaltet sein, daß diejenigen, die unterrichten, die erziehen, von den untersten bis zu den höchsten Stufen nur so weit mit dem Unterricht und der Erziehung belastet sind, daß ihnen dabei übrig bleibt die Möglichkeit, dieses geistige Leben, an dem sie arbeiten, an dem sie mit tätig sind, auch zu verwalten. Das geistige Leben bildet ein selbständiges Glied des sozialen Organismus. Das verwaltet sich selbst, ist in seine eigene Verwaltung gestellt.

[ 47 ] It is quite another matter when the teacher of the lowest grade does not have to conform to what is dictated by economic life, does not have to conform to the requirements a state imposes in order for him to hold his position; but rather when what takes place in spiritual life—in its most important aspect, namely in the realm of education and instruction—is the guiding principle, when this arises solely from what people are meant to experience in their inner lives. If I were to describe this concretely, I would have to say: In the future, the entire spiritual life—including educational and school life—must be structured in such a way that those who teach and educate, from the lowest to the highest levels, are burdened with teaching and education only to the extent that they are left with the opportunity to also manage this spiritual life at which they are working and in which they are actively engaged. Spiritual life constitutes an independent member of the social organism. It governs itself and is entrusted to its own administration.

[ 48 ] Wenn dies der Fall sein wird, dann wird man dasjenige nicht erleben, was einem so stark vor das Seelenauge tritt, wenn man etwa in der folgenden Lage ist. Wir haben versucht, in Stuttgart nunmehr zu begründen durch das tatkräftige Anfassen des sozialen Lebens durch unseren Freund Emil Molt, wir haben versucht, eine Schule zu begründen, welche wenigstens in ihrer inneren geistigen Konstitution so gestaltet ist, daß sie aus dem eben charakterisierten Geist heraus genommen ist. Da wurde die Lehrerschaft zunächst so vorbereitet, daf$ sie wenigstens wirkt im Sinne eines völlig freien geistigen Lebens. Es mußte an diesem Zipfel gleichsam begonnen werden aus dem Grunde, weil ja viele Wege heute verlegt sind, und weil dasjenige, das hier gemeint ist, wahrhaftig eben urpraktisch gemeint ist und eigentlich erst verstanden wird, wenn es mit dem Instinkt für das praktische Leben angefaßt wird, nicht mit irgendwelchen theoretiischen Ideen und dergleichen. Es ist eine achtklassige Volksschule, die in freier Unterrichtsverfassung dasselbe leisten soll an Äußerem zu Lehrendem wie die gewöhnlichen Volksschulen und wie die gewöhnlichen Realschulen und Gymnasien bis zum vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahre für Knaben und Mädchen zugleich, die aber zu gleicher Zeit in völlig freier Weise menschliche Individualität entwickeln soll, so daß die Individualität sich in das soziale Leben hineinstellt und es gestalten wird, bei welcher nicht das soziale Leben von seinem Wirtschaftsstandpunkte aus und von seinem Staatsstandpunkte aus die Schablonen liefert, nach denen die Individualitäten sich entwickeln müssen. Dann aber sieht man, daß man die Verordnungen in die Hand bekommt, wie von Klasse zu Klasse unterrichtet werden soll, und heute schon steht in den Verordnungen drinnen als Vorschrift, was gemacht werden soll. Für den aber, der gerade denken kann, der unabhängig das Leben betrachten kann, für den erscheint es als die einzige Möglichkeit, daß für das, was zugrunde zu liegen hat im Erziehen, im Unterrichtswesen, für das, was angibt, was Tag für Tag, Stunde für Stunde in der Schule zu geschehen hat, daß dafür nicht maßgebend ist irgendein demokratischer Wille - das nähme sich aus wie aus pädagogischer Kurzsichtigkeit -, sondern das Fach- und Sachkönnen derjenigen, die aus dem geistigen Leben selber heraus arbeiten und auch das Geistige verwalten können.

[ 48 ] If this is the case, then one will not experience what so vividly appears before the eye of the soul when, for example, one finds oneself in the following situation. We have now attempted to establish a foundation in Stuttgart through our friend Emil Molt’s active engagement with social life; we have attempted to establish a school that is, at least in its inner spiritual constitution, shaped in such a way that it is drawn from the spirit just described. The teaching staff was initially prepared so that they would, at the very least, work in the spirit of a completely free spiritual life. We had to begin, as it were, at this very corner for the reason that so many paths have been laid out today, and because what is meant here is truly meant in the most practical sense and is actually understood only when approached with an instinct for practical life, not with theoretical ideas or the like. It is an eight-grade elementary school that, operating under a free educational system, is intended to cover the same external curriculum as ordinary elementary schools, as well as ordinary secondary schools and high schools, up to the age of fourteen, fifteen years of age for both boys and girls, but which at the same time is intended to foster human individuality in a completely free manner, so that individuality becomes integrated into social life and shapes it—a process in which social life, from an economic or state perspective, does not provide the templates according to which individualities must develop. But then one sees that regulations are being imposed on how instruction is to be carried out from class to class, and already today the regulations contain stipulations on what must be done. But for those who are capable of thinking for themselves, who can view life independently, it seems to them that the only possibility is that what must underlie education and the school system—what determines what must happen day by day, hour by hour in school—that this should not be determined by some democratic will—which would seem to stem from pedagogical shortsightedness—but rather by the professional and practical expertise of those who work out of intellectual life itself and are also capable of managing the spiritual realm.

[ 49 ] Diese Dinge müssen eben praktisch angefaßt werden. Dadurch werden sie es erst, daß vieles, was man heute praktisch nennt, und das man sich gar nicht anders vorstellen kann, anders wird, als es für heute geworden ist, daß man das wirklich unbefangen anschaut, wie es sein sollte, und dann den wirklichen inneren Gesetzen der menschlichen Entwickelung folgt.

[ 49 ] These things simply have to be approached in a practical way. Only then will much of what we today call “practical”—and which we cannot even create a mental image of any other way—become different from what it has become today; only then will we be able to view it truly impartially, as it should be, and then follow the true inner laws of human development.

[ 50 ] Das andere, was sich hinzugliedern muß zu diesem freien Geistesleben, das seine eigene Verwaltung hat - ich kann das heute nur skizzieren -, das ist der selbständige Rechtsstaat, das selbständige staatliche politische Element, das aber aus sich ausgegliedert hat auf der einen Seite das Selbständigsein alles Geisteslebens, auf der anderen Seite aber auch das Wirtschaftsleben. Ein Rechtsleben hat es eigentlich in den letzten Jahrhunderten nur gegeben, insoferne dieses Rechtsleben sich entwickelt hat aus dem Wirtschaftsleben heraus. Und gerade bei denjenigen Staaten, die durch ihre staatlichen Wirtschaftlichkeiten in diesen furchtbaren Krieg hineingezogen worden sind, zeigte sich das am allerdeutlichsten, daß ihre gesamte politische Konstitution eine Folge ihres Wirtschaftslebens war, daß sozusagen der Staat in einem solch hohen Maße schon auch die Wirtschaftsgemeinschaft war. Das würde nur zum höchsten Gipfel der Unmöglichkeit hinaufgesteigert, wenn nun durch das marxistische Programm eine grofse Genossenschaft aus dem Staat entstehen würde, wo in Gemeinsamkeit die Produktionsmittel verwaltet werden sollen, bearbeitet werden sollen. Es würde nicht irgend etwas Neues entstehen, es würde nur dasjenige, was schon die großen Schäden hervorgebracht hat, ins Ungeheuerliche gesteigert. Aber im selbständigen Rechtsleben kann Rechtsschöpfung nur aus dem selbständigen Rechtsbewußtsein entstehen. Das heißt, es muß sich entwickeln neben dem Wirtschaftsleben ein selbständiges Staatsoder Rechtsglied des sozialen Organismus. Es wird gerade dieses Glied alles dasjenige umfassen, worinnen alle mündig gewordenen Menschen urteilsfähig geworden sind.

[ 50 ] The other element that must be integrated into this free spiritual life, which has its own administration—I can only sketch this out today—is the independent constitutional state, the independent political element of the state, which, however, has separated from itself, on the one hand, the independence of all spiritual life and, on the other hand, economic life as well. In fact, a legal life has existed in the last few centuries only to the extent that this legal life has developed out of economic life. And it was precisely in those states that were drawn into this terrible war by their state-run economic systems that it became most evident that their entire political constitution was a consequence of their economic life—that, so to speak, the state was already, to such a high degree, the economic community itself. This would only be escalated to the very height of impossibility if, through the Marxist program, a massive cooperative were to emerge from the state, where the means of production are to be managed and operated collectively. Nothing new would come into being; it would merely escalate to monstrous proportions that which has already caused great harm. But in an independent legal sphere, the creation of law can arise only from an independent legal consciousness. This means that, alongside economic life, an independent state or legal component of the social organism must develop. It is precisely this component that will encompass everything in which all people who have come of age have become capable of judgment.

[ 51 ] Das Geistesleben wird man niemals demokratisch verwalten können; das Geistesleben muß man verwalten aus Sach- und Fachkenntnis des Einzelnen, Maßgebenden. Dasjenige aber, was Wirtschaftsleben als solches ist, das kann auch nicht demokratisch verwaltet werden. Das muß so verwaltet werden, daß wiederum das dem wirtschaftlichen Gebiete Entsprechende das Zugrundeliegende ist. Dieses Wirtschaftsleben muß so verwaltet werden, daß derjenige, der auf einem Gebiete wirtschaftet, in diesem Wirtschaftsgebiete drinnen geistig mündig ist, fest begründet ist. Dieses Drinnenstehen, Begründetsein, stark Begründetsein, dieses Heraus-handeln-Können aus einem Wirtschaftsgebiet, das wird untergraben, wenn in demokratischer Weise entschieden werden soll, wie in den einzelnen Betrieben gearbeitet werden soll, oder was in den einzelnen Betrieben gearbeitet werden soll und so weiter.

[ 51 ] Intellectual life can never be managed democratically; it must be managed based on the expertise and specialized knowledge of individuals in positions of authority. However, economic life as such cannot be managed democratically either. It must be managed in such a way that what corresponds to the economic sphere is, once again, the underlying foundation. Economic life must be managed in such a way that the person who operates within a given economic sphere is intellectually mature and firmly grounded within that sphere. This sense of being immersed in, being grounded in, and being firmly rooted in a field of economic activity—this ability to act from within that field—is undermined when decisions are made democratically about how work should be carried out in individual businesses, or what should be produced in individual businesses, and so on.

[ 52 ] Wenn für das soziale Gemeinwesen wirklich die Kräfte, die da sind, fruchtbar gemacht werden sollen, so geschieht das nur dadurch, daß der einzelne Vertreter aus Sachkenntnis, aus Fachtüchtigkeit auf seinem rechten Posten steht und für die Gemeinschaft dasjenige produziert, was er nach seinen Fähigkeiten produzieren kann. Dabei bleibt aber noch immer dasjenige, worüber nicht er ausschlaggebend ist allein, sondern worüber urteilsfähig ist jeder mündig gewordene Mensch, der das demokratische Element vertritt, wobei jeder Mensch gleich ist, gleich darinnen steht, auch worinnen jeder ein Verhältnis entwickeln soll von Mensch zu Mensch.

[ 52 ] If the forces that exist are truly to be put to fruitful use for the social community, this can only happen if each individual representative occupies the right position based on their expertise and professional competence and produces for the community whatever they are capable of producing according to their abilities. However, there remains that aspect over which he alone does not have the final say, but which every person of legal age who represents the democratic element is capable of judging—whereby every person is equal, stands on equal footing, and in which each person is to develop a relationship from person to person.

[ 53 ] Immerfort wird auf sozialistischem Boden heute betont: Der Arbeiter ist getrennt von seinem Arbeitsprodukt, er erarbeitet das Produkt, das er kaum kennenlernt, oder von dem er nur einen Teil kennenlernt. - Das ist gewiß alles wahr. Das Produkt geht auf den Markt über, er ist von ihm getrennt, er ist von seinem Arbeitsgebiet getrennt, er leistet seine Arbeit, seine Menschenarbeit einfach ab an etwas, das er gar nicht kennt. Aber nur solange ist das der Fall, als wir neben dem Wirtschaftsleben, in das der einzelne eingespannt ist, nicht ein selbständiges Glied haben, nicht ein selbständiges Leben haben, wo man sich von Mensch zu Mensch ausbildet, weil man als Mensch neben dem Menschen ein gleicher ist. Dieses selbständige Leben, auf dem nur entschieden wird, was rechtens ist, dieses eigentliche politische Leben, das ist der Inhalt des Staatslebens. Das ist dasjenige, worinnen Demokratisches wahrhaftig sich entwickeln kann. Das muß aber im Konkreten gepflegt werden. Man kann nicht sagen: diejenigen, die auf einem bestimmten Gebiete des wirtschaftlichen Lebens Ausgezeichnetes geleistet haben, die werden auch auf dem Rechtsgebiet Ausgezeichnetes leisten, so daß dieses Rechtsgebiet am besten von ihnen gepflegt werden kann. Nein, das ist nicht der Fall, weil der Mensch nur dasjenige pflegen kann, nur in dem urteilsfähig werden kann, was sich im Leben konkret wirklich entwickelt. Es darf nicht verbunden sein chaotisch das Rechtsleben mit dem Wirtschaftsleben, sondern es muß das Rechtsleben neben dem Wirtschaftsleben dastehen. Und es muß sich der Mensch in ein Verhältnis setzen, in ein konkretes Verhältnis auf dem Rechtsboden zu dem anderen Menschen. Es müssen sich in ihm Interessen entwickeln für die anderen Menschen, mit denen er zusammenlebt im Wirtschaftsleben, wenn das Wirtschaftsleben Bedürfnisse entwickelt, die zu befriedigen sind. Auf dem Boden des Rechts, da wird jeder Mensch wissen: du bist ein Glied in der übrigen Menschheit, du nimmst teil an etwas, was dein Verhältnis und kein anderes, was dein Verhältnis unter den anderen bestimmt. Du stehst in der ganzen Menschheit, du lernst dich nun erkennen als das Glied des auf Gleichheit der Menschen, auf Demokratie gebauten Staates. Dieser Staat wird für dich eine Realität. Denn er wird eine Realität, indem er vor allen Dingen dein Arbeitsrecht behandelt. Das Arbeitsrecht wird nicht mehr im Wirtschaftsleben eingerichtet, nicht mehr wird der Arbeiter abhängig sein von der wirtschaftlichen Macht desjenigen, mit dem er zusammen die Arbeit leisten und die Arbeit unternehmen kann, sondern dasjenige gilt, worinnen jeder Mensch gleich ist. Auf dem abgesonderten Rechtsboden wird das zu entscheiden sein, worin jeder Mensch gleich ist. Und andere Verhältnisse werden auf dem entsprechenden Boden zu regeln sein. Ich kann das alles heute nur charakterisieren, ganz im allgemeinen, das Genauere darüber finden Sie in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage».

[ 53 ] Today, socialist thinkers constantly emphasize: The worker is separated from the product of his labor; he produces a product that he barely gets to know, or of which he gets to know only a part. - All of this is certainly true. The product enters the market; the worker is separated from it; he is separated from his workplace; he simply performs his labor—his human labor—for something he does not know at all. But this is only the case as long as we do not have, alongside the economic life in which the individual is enmeshed, an independent sphere—an independent life—where people develop from person to person because, as human beings, they are equals alongside one another. This independent life, in which only what is just is decided—this true political life—is the essence of state life. This is the very realm in which democracy can truly develop. But this must be cultivated in concrete terms. One cannot say: those who have achieved excellence in a particular area of economic life will also achieve excellence in the legal sphere, so that this legal sphere can best be managed by them. No, that is not the case, because a person can only cultivate—and can only develop the capacity to judge—what actually develops concretely in life. Legal life must not be chaotically intertwined with economic life; rather, legal life must stand alongside economic life. And a person must establish a relationship—a concrete relationship on the basis of law—with other people. Interests must develop within them for the other people with whom they coexist in economic life, when economic life gives rise to needs that must be satisfied. On the foundation of law, every person will know: you are a member of the rest of humanity; you participate in something that determines your relationship—and no other—among others. You stand within all of humanity; you now come to recognize yourself as a member of a state built on the equality of people and on democracy. This state becomes a reality for you. For it becomes a reality by, above all, addressing your labor rights. Labor law will no longer be established within the realm of economic life; the worker will no longer be dependent on the economic power of those with whom he can perform and undertake work, but rather what applies is that in which every human being is equal. On the separate legal ground, it will be determined in what respects every human being is equal. And other relationships will be regulated on the corresponding ground. Today I can only outline all of this in very general terms; you will find more detailed information on this in my “Key Points of the Social Question.”

[ 54 ] Dann bleibt das Wirtschaftsleben, das eigentliche, das einheitliche Wirtschaftsleben. Und dann wird man in diesem Wirtschaftsleben nicht das in ihm haben, was heute auch ist, sondern man wird in diesem Wirtschaftsleben Assoziationen haben, die aus den Konsumenten, den Produzenten zusammen gebildet werden. Und diese Assoziationen, sie werden sich zu befassen haben mit demjenigen, was eng zusammenhängt mit der wirtschaftlichen Bedürfnisfeststellung, mit der Feststellung der Preise, dem Warenwert, mit all dem, was nur an der menschlichen Arbeitsleistung, die in die Ware übergeht, hängt. Es wird das Wirtschaftsleben nicht zu entscheiden haben über das Aufbringen der menschlichen Arbeitskraft, darüber entscheidet das Rechtsleben. Auf dem Boden des Wirtschaftslebens werden die Korporationen sich nur zu befassen haben mit den gerechten Preisen. So daß sich aus wirklicher Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit heraus solche Preise ergeben durch das Darinnenstehen im Wirtschaftsleben, daß der einzelne tatsächlich im Durchschnitt für dasjenige, was er leistet, soviel erhält an entsprechenden Gütern, die zu seinem Bedarfe dienen, bis er ein Gleiches hervorgebracht hat wie dasjenige, das er eintauscht.

[ 54 ] Then there remains economic life—the true, unified economic life. And in this economic life, one will not find what exists in it today, but rather one will find associations formed jointly by consumers and producers. And these associations will have to deal with matters closely related to the determination of economic needs, the setting of prices, the value of goods—in short, everything that depends solely on the human labor that goes into the goods. Economic life will not have to decide on the allocation of human labor; that is decided by the legal system. Within the realm of economic life, the corporations will have to concern themselves only with fair prices. Thus, such prices will emerge from genuine expertise and professional competence gained through active participation in economic life, such that the individual actually receives, on average, an amount of corresponding goods that serve his needs in exchange for what he produces, until he has produced an equivalent of what he exchanges.

[ 55 ] Ich komme da in kurzem auf die Urzelle des Wirtschaftslebens; wenn man sie so hinstellt, wie ich sie jetzt hinstellen muß, sieht das etwas paradox aus, dennoch beruht auf ihr im Grunde genommen alles. Es beruht auf ihr das vor allen Dingen, daß sich dadurch gerechte Preisverhältnisse ergeben; denn nicht durch irgendwelche gemeinsame Verwaltung, nicht durch irgendwelches Überführen der Bereiche in die Verwaltung der Gesamtheit, oder ins Eigentum der Gesamtheit, nicht dadurch läßt sich ein sozialer Ausgleich erreichen, sondern lediglich durch das nicht durch den Zufall des Marktes bestimmte Wertverhältnis der Ware, sondern durch das aus menschlicher Vernunft heraus bestimmte Wertverhältnis der Ware, so daß es aus der wirklichen Leitung des Wirtschaftslebens als solcher herausgeflossen ist.

[ 55 ] I will return shortly to the fundamental unit of economic life; when presented as I must present it now, it seems somewhat paradoxical, yet, fundamentally, everything rests upon it. Above all, it is on this that fair price relations are based; for it is not through some form of collective administration, nor through the transfer of these spheres to the administration of the collective, or into the ownership of the collective—it is not through these means that social equilibrium can be achieved, but solely through the value ratio of commodities determined not by the vagaries of the market, but by human reason, so that it flows from the actual management of economic life as such.

[ 56 ] Trocken und paradox und eigentlich trivial ausgesprochen: wenn ich heute ein Paar Stiefel fertig gebracht habe, so muß im sozialen Organismus dieses Paar Stiefel soviel wert sein, daß ich Güter dafür eintauschen kann, bis ich wieder ein solches Paar Stiefel fertig fabriziert haben werde, eingerechnet alles dasjenige, was für Arbeitslose, Kranke, Invalidität und so weiter zu leisten ist. Das ist die Urzelle des Wirtschaftslebens.

[ 56 ] Put bluntly, paradoxically, and actually quite trivially: if I have finished making a pair of boots today, then within the social organism this pair of boots must be worth enough that I can exchange it for goods until I have finished manufacturing another such pair of boots, including everything that must be provided for the unemployed, the sick, the disabled, and so on. That is the fundamental unit of economic life.

[ 57 ] Das kann auch tatsächlich dann erreicht werden, wenn das Wirtschaftsleben ganz losgelöst wird von den anderen beiden Gliedern des sozialen Lebens: vom selbständigen Geistesleben, vom selbständigen Rechtsleben.

[ 57 ] This can indeed be achieved when economic life is completely separated from the other two aspects of social life: independent spiritual life and independent legal life.

[ 58 ] Ich konnte Ihnen, wie ich schon sagte, diese Dinge nur skizzieren, allein sie sind entwickelt worden aus einer wirklichen Lebenspraxis, aus einer Auffassung des Lebens, so wie es eben ist, so wie es sich gestalten will. Das war auch der Grund, warum ich, während dieser furchtbare Weltkrieg wütete, mancher Persönlichkeit sagte: Es handelt sich darum, daß} diesem Wüten nur begegnet werden kann durch Ideen, die auf geistigem Grund und Boden gewachsen sind. Sie haben die Wahl, so sagte ich zu manchem, entweder jetzt von solchen Ideen zur Menschheit zu sprechen, die diese Menschheit auffassen kann als Ausgangspunkt für eine wirkliche Besserung der Erde, oder Sie erleben Kataklysmen sozialer Art und Revolutionen.

[ 58 ] As I have already said, I could only sketch these things for you, yet they have been developed from a genuine way of living, from a view of life as it truly is, as it seeks to unfold. That was also the reason why, while that terrible world war was raging, I said to many people: The point is that} this fury can only be countered by ideas that have grown out of spiritual soil. You have a choice, I told many, either to speak to humanity now of such ideas—ideas that humanity can grasp as a starting point for a genuine betterment of the Earth—or you will experience social cataclysms and revolutions.

[ 59 ] Man hat sich nicht dazu bequemt, Vernunft anzunehmen. So kam die Revolution. Aber mit diesen Revolutionen hat es seine Eigentümlichkeit. Revolutionen waren in der Welt da. Eine der größten Revolutionen war diejenige, die durch das Heraufkommen des Christentums sich vollzogen hat. Was war das für eine Revolution? Eine geistige Revolution war das. Dasjenige, was umgewandelt worden ist, das waren die Verhältnisse im geistigen Leben. Was Neues in der Menschheit wirklich heraufkommen kann auf diesem Wege durch eine Metamorphose in der Entwickelung, das können nur geistige Impulse zunächst sein.

[ 59 ] People did not bother to embrace reason. Thus, the revolution came. But these revolutions have their own peculiarities. Revolutions have always existed in the world. One of the greatest revolutions was the one brought about by the rise of Christianity. What kind of revolution was that? It was a spiritual revolution. What was transformed were the conditions of spiritual life. Anything truly new that can emerge in humanity in this way—through a metamorphosis in development—can initially be nothing but spiritual impulses.

[ 60 ] Die christliche Umwälzung war eine geistige. Und was sie in ihrem Gefolge hatte an Rechtsleben und an Wirtschaftsleben, war eine Folge der geistigen Umwälzung, die durch das Christentum sich vollzogen hat. Daher war sie, diese Umwälzung, eine große, und derjenige, der die Entwickelung des Christentums kennt, der weiß, wie tief einschneidend dasjenige war, was durch das Christentum als eine geistige Umwälzung in die Welt gekommen ist.

[ 60 ] The Christian revolution was a spiritual one. And the changes it brought about in legal and economic life were a consequence of the spiritual revolution brought about by Christianity. Therefore, this revolution was a great one, and anyone familiar with the development of Christianity knows just how profoundly transformative what Christianity brought into the world as a spiritual revolution truly was.

[ 61 ] Betrachten wir aber jetzt eine Umwälzung der Rechtsverhältnisse, der politischen Verhältnisse: Wir finden solche Umwälzungen in der Französischen Revolution oder in der kontinentalen Revolution des Jahres 1848. Man studiere diese Revolutionen und man wird finden: Einiges haben sie erreicht, einiges haben sie an die Stelle des Alten gesetzt; aber vieles ist zurückgeblieben, das durchaus nicht eine Lösung vorher erhobener Forderungen war, sondern eine Lösung früher aufgestellter Forderungen war, Reste, die zurückblieben von diesen politischen Revolutionen, von den drei Elementen des menschlichen Lebens. Man kann sie verfolgen, die Umwälzungen auf geistigem Gebiete, auf politisch-rechtlichem Gebiete; eine Umwälzung auf geistigem Gebiete, diejenige durch das Christentum; eine Umwälzung auf politisch-rechtlichem Gebiete, die Umwälzung der Französischen Revolution und der Revolution des Jahres 1848. Jetzt will man eine Umwälzung auf wirtschaftlichem Gebiete. Das wirtschaftliche Leben aus sich selber heraus kann sich mechanisieren, kann sich aus sich selber nicht umgestalten. Wer weltgeschichtliche Zusammenhänge kennt, der weiß, daß es geistige Umwälzungen geben kann, weil vom Geiste aus alles übrige Leben befruchtet werden kann, daß auch noch etwas bleibt von den Rechtsverhältnissen, die im seelischen Zusammenleben der Menschen begründet sind, wenn sie sich in einer Umwälzung vollziehen. Wenn aber das Äußere selbst, rein aus sich gebildet, umgestaltet werden soll, so ist dies eine Illusion. Es ist einfach ein Gesetz der weltgeschichtlichen Entwickelung, daß da, wo eine bloß wirtschaftliche Revolution vollzogen werden soll, wie im gegenwärtigen Rußland, diese wirtschaftliche Revolution der Totengräber sein muß der modernen Zivilisation, ehe sie nicht wieder aufnimmt etwas wirklich Geistiges.

[ 61 ] But let us now consider an upheaval in legal and political conditions: we find such upheavals in the French Revolution or in the continental revolution of 1848. Study these revolutions, and you will find: they achieved some things, they replaced the old with the new in some respects; but much remained behind—not a resolution of previously raised demands, but rather a resolution of earlier demands—remnants left behind by these political revolutions, by the three elements of human life. One can trace these upheavals in the spiritual realm and in the political-legal realm; an upheaval in the spiritual realm, namely that brought about by Christianity; an upheaval in the political-legal realm, namely the upheaval of the French Revolution and the Revolution of 1848. Now people want an upheaval in the economic realm. Economic life, of its own accord, can become mechanized, but it cannot transform itself. Anyone familiar with the context of world history knows that intellectual upheavals are possible because the spirit can fertilize all other aspects of life, and that something remains of the legal relationships rooted in the spiritual coexistence of human beings even when they undergo a transformation. But if the external realm itself—formed purely out of itself—is to be transformed, this is an illusion. It is simply a law of world-historical development that where a purely economic revolution is to take place, as in present-day Russia, this economic revolution must be the gravedigger of modern civilization unless it once again takes up something truly spiritual.

[ 62 ] Wahr ist es, Lenin und Trotzki sind die letzten konsequenten Ausbildner dessen, was im Darwinismus der Masse seit Jahrzehnten gelebt hat. Aber indem man versucht, das zu verwirklichen, was man in den Ideen als bloße Wirtschaftsideen einseitig ausbilden konnte, und woran man glauben konnte, solange es nicht praktisch wurde, wird man im selben Augenblicke, wo man es ins Leben einführen will, zum Totengräber der Zivilisation. Und Tod nur könnte sich im europäischen Osten ausdehnen unter dem Einflusse solcher Ideen, wenn nicht eingesehen würde, daß wir nötig haben in unserer Zeit etwas ganz anderes: eine Erneuerung des geistigen Lebens.

[ 62 ] It is true that Lenin and Trotsky are the last consistent proponents of what has been part of the mass Darwinism for decades. But by attempting to put into practice what one could develop one-sidedly as mere economic ideas in theory—and in which one could believe as long as it remained theoretical—one becomes, at the very moment one seeks to implement it, the gravedigger of civilization. And death alone could spread throughout Eastern Europe under the influence of such ideas, were it not recognized that we need something entirely different in our time: a renewal of intellectual life.

[ 63 ] Das ist, was ich heute besonders stark betonen wollte, daß wir nötig haben, in einem selbständigen geistigen Gliede des sozialen Organismus ein freies Geistesleben zu entwickeln, das nun wiederum auf wirklichen Geist baut. Aus diesem Geiste heraus wird sich eine wirkliche soziale Zukunft ergeben. Nicht hat man zu hoffen etwas von einer neuen Revolution. Diese neue Revolution müßte eine wirtschaftliche sein. Eine Wirtschaftsrevolution kann nur zerstören, kann nicht aufbauen. Heute ist die Welt reif für neue Geistigkeit, damit neu aufgebaut werden kann.

[ 63 ] This is what I wanted to emphasize particularly strongly today: that we need to develop a free spiritual life within an independent spiritual member of the social organism—a life that, in turn, is built upon true spirit. Out of this spirit, a true social future will emerge. We should not hope for anything from a new revolution. This new revolution would have to be an economic one. An economic revolution can only destroy; it cannot build. Today, the world is ripe for a new spirituality, so that something new can be built.

[ 64 ] Das ist, was der sagen muß, der nicht auf Parteiforderungen, nicht auf Parteiprogramme ein Vorurteil stützt, sondern der unbefangen und ehrlich auf das Leben hinsieht, und es ernst und ehrlich meint mit demjenigen, was man gewöhnlich, aber schlecht verstanden, die soziale Frage nennt. Das ist dasjenige, was zunächst nachgeholt werden muß im Gang der menschlichen Entwickelung: Aufklärung darüber zu verbreiten, in den breitesten Massen aufzuklären, von seiten derjenigen, die diese Aufklärung durch ihre bisherige Bildung, die sie als Erbe übernommen haben, haben ausarbeiten können, Aufklärung in breitesten Massen über das, was nötig ist. Sonst kennen die breiten Massen zwar dasjenige, was sie aus ihren Leidenschaften heraus fordern, aber sie können nicht das durchschauen, was wirklich im Interesse der Menschheit und im Interesse einer sozialen Zukunft gefordert werden kann.

[ 64 ] This is what must be said by those who do not base their judgments on party demands or party platforms, but who look at life with an open mind and honesty, and who take seriously and honestly what is commonly—though poorly—referred to as the “social question.” This is what must first be made up for in the course of human development: to spread enlightenment on this matter, to enlighten the broadest masses—by those who, through the education they have received and inherited, have been able to develop this understanding—enlightenment among the broadest masses regarding what is necessary. Otherwise, while the broad masses may know what they demand out of their passions, they cannot see through to what can truly be demanded in the interest of humanity and in the interest of a social future.

[ 65 ] Was so versucht worden ist, in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» darzustellen, folgt nicht irgendwelchen Parteischablonen, es folgt dem, was versucht worden ist zu erkennen aus der weltgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit selber, was versucht worden ist zu erkennen aus dem weltgeschichtlichen Augenblick. Wer von einer Gemeinsamkeit der Produktionsmittel ausgeht, weiß schon nichts von Entwickelung. Denn selbst wenn es möglich wäre, daß eine Gemeinsamkeit der Produktionsmittel heute auftreten würde, heute eingeführt werden könnte, was nicht sein kann, weil es selbstverständlich unmöglich ist, weil es vernichten würde alle Initiative des einzelnen, selbst aber, wenn es möglich wäre, von der Gemeinsamkeit der Produktionsmittel auszugehen, dann hätte die gegenwärtige Generation in einem gewissen Alter diese Produktionsmittel, und die nachwachsende hätte sie erst wieder nicht. Und aus dem Protest der Nachwachsenden würde sich wiederum das ergeben, was heute gutgemacht werden soll.

[ 65 ] What I have attempted to present in my “Key Points of the Social Question” does not follow any party templates; it follows what has been attempted to be recognized from the world-historical development of humanity itself, what has been attempted to be recognized from the current moment in world history. Anyone who assumes a common ownership of the means of production knows nothing about development. For even if it were possible for the common ownership of the means of production to arise today, to be introduced today—which cannot be, because it is, of course, impossible, since it would destroy all individual initiative—even if it were possible to assume the common ownership of the means of production, then the present generation, having reached a certain age, would possess these means of production, while the next generation would not have them again. And the protest of the next generation would, in turn, give rise to what is supposed to be remedied today.

[ 66 ] Nur ein solcher Gedanke, der aus der vollen Wirklichkeit, nicht aus der einseitigen Wirklichkeit hervorgeholt ist, nur ein solcher ist heute wirklich von vornherein. Und der Gedanke, den ich Ihnen vorgeführt habe von der Dreigliederung des sozialen Organismus, er berücksichtigt auch die zeitliche Entwickelung, nicht bloß das im Raume Nebeneinandersitzen der Menschen. Dieser Gedanke kann deshalb viel eher das Geistesleben in seinen wichtigsten Partien, in seinem wesentlichsten Gebiete, im Schul- und Erziehungswesen, und auch mit Bezug auf den sozialen Organismus so gestalten, daß er dem sozialen Organismus in sachgemäßer Weise Kräfte zuführen kann. Heute hören Sie von sozialistischer Seite immer wieder: Führen wir eine gemeinsame Verteilung der Produktionsmittel ein, führen wir Arbeitspflicht und so weiter ein, dann werden wir die Menschen durch diese sozialen Strukturen so erziehen, daß sie von selber arbeiten werden und so weiter. Ja, sie wird nämlich nichts, die Menschheit, sie wird nichts leisten, wird nur dann arbeitswillig und arbeitslustig sein, wenn wirklich ein Geistesleben die individuellen Fähigkeiten des Menschen anfacht, so wie sie nur angefacht werden können, wenn wir den Menschen schon während seiner Erziehung so heranbilden, daß wir seiner vollen Individualität Rechnung tragen.

[ 66 ] Only such a thought—one drawn from reality in its fullness, not from a one-sided view of reality—is truly given from the outset today. And the idea I have presented to you—the threefold structure of the social organism—also takes into account development over time, not merely the spatial coexistence of people. This idea is therefore much better suited to shaping spiritual life in its most important aspects—in its most essential areas, such as schooling and education—and also in relation to the social organism, so that it can supply the social organism with the necessary forces in an appropriate manner. Today you hear time and again from socialist quarters: If we introduce a collective distribution of the means of production, if we introduce compulsory labor and so on, then we will educate people through these social structures in such a way that they will work of their own accord, and so on. Yes, for humanity will accomplish nothing; it will only be willing and eager to work if a spiritual life truly stirs the individual capacities of human beings—capacities that can only be stirred if, already during their upbringing, we educate people in such a way that we take their full individuality into account.

[ 67 ] So wie auf diesem Gebiete, so ist die soziale Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus auf allen Gebieten dasjenige, was in umfassendster Weise dem Praktischen zugrunde liegt; sie kann nur dem Praktischen zugrunde liegen, weil sie aufgebaut ist auf dem Boden einer wirklichen Geisteswissenschaft, wo nicht bloß die Natur erkannt werden muß, sondern wo der Mensch erkannt werden muß, dadurch aber auch der Mensch dem Menschen ins Bewußtsein übergeht.

[ 67 ] Just as in this field, so too in all fields the social idea of the threefold social order is what underlies practical life in the most comprehensive way; it can only underlie practical action because it is built upon the foundation of a true Spiritual Science, in which not only nature must be understood, but also human beings—and through this, human beings come into the consciousness of other human beings.

[ 68 ] Ich möchte zum Schlusse nur noch betonen, daß dasjenige, was Sie ausführlich lesen können mit Bezug auf Kapitalgestaltung, Arbeitsgestaltung, Wirtschaftsgestaltung und so weiter in der Zukunft, in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» und dort näher ausgeführt ist, wie schon gesagt, heute noch ein schwacher Versuch ist. Allein gerade deshalb, weil es nicht irgendein ausgedachtes Programm ist, sondern weil es aus dem praktischen Leben heraus gewonnen ist, deshalb muß es ein schwacher Versuch sein. Jene Menschen, die heute sagen: man kann das nicht verstehen, was in den «Kernpunkten der sozialen Frage» steht, ihnen fehlt eben der Wirklichkeitsinstinkt, der heute notwendig ist, wenn man das Praktische wirklich einsehen soll in seinen Grundlagen. Es handelt sich nicht bloß darum, daß man sich zu einem sozialwissenschaftlichen Gedanken bekennt, sondern es handelt sich darum, daß man sich zu jenen Gedanken bekennt, die getragen werden können von dem Instinkt für die zu verwirklichenden Dinge. Da wird man dann, wenn man solche Gedanken versucht darzustellen, nicht den Anspruch machen, daß sie vom Anfange an vollkommen sein sollen. Da wird man immer wieder betonen: sie sind ein Versuch. Und so soll dasjenige, was gerade auf dem Boden der Bewegung der Dreigliederung des sozialen Organismus vorgebracht wird, es soll durchaus ein Versuch sein. Denn das, was es letzten Endes sein soll, das wird sich eben zeigen, indem es in die Praxis umgestaltet und eingeführt wird.

[ 68 ] In closing, I would just like to emphasize that what you will be able to read in detail in the future regarding the organization of capital, the organization of labor, the organization of the economy, and so on—as elaborated in my Key Points of the Social Question—is, as I have already said, still only a tentative attempt today. Precisely because it is not some contrived program, but rather because it is derived from practical life, it must necessarily be a tentative attempt. Those people who say today, “One cannot understand what is written in The Key Points of the Social Question”—they simply lack the instinct for reality that is necessary today if one is to truly grasp the fundamentals of practical matters. It is not merely a matter of committing oneself to a social-scientific idea, but rather of committing oneself to those ideas that can be sustained by an instinct for the things to be realized. When attempting to present such ideas, one will not claim that they must be perfect from the outset. One will emphasize time and again: they are an attempt. And so what is currently being put forward on the basis of the movement toward the threefold social order should indeed be an attempt. For what it is ultimately meant to be will become apparent precisely as it is transformed and introduced into practice.

[ 69 ] Ich habe deshalb oftmals zu den Menschen gesagt: Möglicherweise wird von den einzelnen konkreten Angaben, die ich mache, kein Stein auf dem anderen bleiben; aber dasjenige, was angeregt werden soll, das ist so gestaltet, daß es die Wirklichkeit an einem Zipfel anfaßt. Faßt man sie da an, dann wird sich vielleicht etwas ganz anderes ergeben, aber man wird eben wirklich arbeiten. Darauf kommt es an, nicht auf Programme, nicht auf vorgefaßte Ideen, und wenn sie noch so gescheit sind, nicht aus ihnen heraus zu arbeiten, wenn sie noch so alt sind, sondern aus der Wirklichkeit des praktischen Lebens heraus zu arbeiten! Aber nicht arbeiten aus der Zufälligkeit des Alltags, sondern aus den großen, überschauenden Ideen, aus denen wirklich alle großen, auch sozialen Gestaltungen entstanden sind. Ich glaube, so denkt jeder, der in dieser Art über solche Fragen spricht, wie ich es heute versucht habe. Ich möchte durch einen Vergleich ausdrücken, wie ich das meine. In diesen Tagen wurde von jemandem in einem Atelier, wo man es sonst nur mit plastischen Arbeiten zu tun hat, wo für den Bau plastisch gearbeitet wird, ein Stuhlmodell ausgearbeitet. Diesem Stuhl sollte die Idee zugrunde gelegt werden, daß er auf der einen Seite unserem Schönheitsgefühl genügt, das wir in Anspruch nehmen bei dem Dornacher Bau; auf der anderen Seite soll er aber möglichst billig sein. Möglichste Billigkeit ist notwendig neben der entsprechenden Formgestaltung, in der ganzen Behandlung. Nun hatten wir ein Modell gemacht. Als wir dieses Modell dem Arbeiter übergaben, da haben wir uns gesagt: Da ist das Modell, aber jetzt fängt die praktische Gestaltung an, und möglicherweise wird das, was zuletzt als Stuhl herauskommt, ganz anders aussehen als das Modell. Aber das, was herauskommt, wird deshalb praktisch sein, weil das Modell praktisch gedacht war.

[ 69 ] That is why I have often said to people: It is possible that none of the specific details I provide will hold up; but what is meant to inspire is designed in such a way that it touches reality at its very edge. If you grasp it there, then perhaps something entirely different will emerge, but you will truly be working. That is what matters—not programs, not preconceived ideas, and no matter how clever they may be, not working from them, no matter how old they may be, but working from the reality of practical life! But not working from the randomness of everyday life, but from the grand, overarching ideas from which all great creations—including social ones—have truly emerged. I believe this is how everyone thinks who speaks about such questions in this way, as I have attempted to do today. I’d like to use a comparison to explain what I mean. Recently, someone in a studio—where they usually deal only with sculptural work, where sculptural methods are used for construction—developed a chair model. This chair was to be based on the idea that, on the one hand, it should satisfy our sense of beauty, which we apply to the Dornach building; on the other hand, however, it should be as inexpensive as possible. The greatest possible affordability is necessary, alongside the appropriate design, in the entire production process. Now we had made a model. When we handed this model over to the worker, we said to ourselves: Here is the model, but now the practical design process begins, and it is possible that what ultimately emerges as a chair will look quite different from the model. But what emerges will be practical precisely because the model was conceived with practicality in mind.

[ 70 ] So möchte ich auch nun die Sache über die «Kernpunkte der sozialen Frage» aufgefaßt wissen. Alles dasjenige, was Sie finden werden als Anregungen zur sozialen Frage, zum Beispiel in der «Sozialen Zukunft» hier für die Schweiz, es sollen gewissermaßen dieses Buch und unsere sonstigen Ideen nur etwas sein wie eine Art Modell; aber es soll ein praktisch gedachtes Modell sein. Nimmt man die Arbeit in diesem Sinne auf, so wird Praxis herauskommen. Vielleicht sieht sie dann sogar ganz anders aus, aber sie wird sich doch nur wirklich praktisch gestalten, wenn man sie auf Grundlage eines praktischen Impulses in Angriff nimmt.

[ 70 ] I would also like the issue of the “Key Points of the Social Question” to be understood in this way. Everything you will find in the form of suggestions regarding the social question—for example, in The Social Future here for Switzerland—this book and our other ideas are, in a sense, meant to be nothing more than a kind of model; but it should be a practically conceived model. If one undertakes the work in this spirit, it will result in practical action. Perhaps it will even look quite different, but it will only truly take practical shape if one approaches it on the basis of a practical impulse.

[ 71 ] Ein solcher dreigliedriger sozialer Organismus könnte, wie ich meine, am leichtesten - verzeihen Sie, daß ich alle diese Sachen spreche, besonders für diejenigen, die nicht vollständig drinnenstehen in diesen Dingen, aber ich möchte es dennoch aussprechen -, er könnte ganz besonders stark hier in diesem Lande, das mit Recht stolz ist auf seine alte Demokratie, verwirklicht werden. Denn weil hier gerade das demokratische Element ausgebildet ist, hat man es hier am leichtesten einzusehen, in welcher Weise der Weg gefunden werden soll, das Geistesleben und das Wirtschaftsleben auf beiden Seiten in entsprechender Weise abzulösen. - In einer weitergehenden Entwikkelung kam die Dreigliederungsidee herauf. Meint man es mit diesen Ideen ernst, so glaube ich, wird man gerade dann, wenn man in einem demokratischen Gemeinwesen lebt, verstehen, es leichter haben mit dem Verständnis, was für die Dreigliederung des sozialen Organismus notwendigerweise geschehen kann. Sonst wird diese Dreigliederung des sozialen Organismus von links und von rechts, von allen Seiten angegriffen. Und während es gerade darauf hinauslaufen soll, ernst und ehrlich es mit der sozialen Frage zu meinen, ist es so gekommen, daß ich zum Beispiel persönlich am allerunflätigsten angegriffen werde gerade von den Führern der sozialistischen Parteien aller Schattierungen. Aber dasjenige, um was es sich handelt, ist eben, daß drei große Ideen, die nur ernst und ehrlich gemeint sein sollen, heraufgekommen sind in der Menschheitsentwickelung. Die eine Idee ist die vom Liberalismus, die andere die von der Demokratie, die dritte ist die vom Sozialismus. Man wird, wenn man es ehrlich mit diesen drei Ideen meint, nicht alle drei durcheinandermischen können, oder die eine durch die andere beseitigen lassen können, sondern man wird sich sagen müssen: vom selbständigen Geistesleben muß etwas ausstrahlen, was bis in den Kapitalismus, was in den ganzen Organismus hineinflutet. Das ist das freie menschliche Entwickeln, das ist das liberale Element. In dem politischen Staate, im Rechtsleben, muß etwas leben, worinnen alle Menschen gleich sind. Das ist das demokratische Element. Und im Wirtschaftsleben muß das brüderliche Element walten. Das muß die wahre Grundlage einer sozialen Struktur abgeben. Darum handelt es sich. Man sollte nicht dasjenige, was segensvoll zunächst im Laufe der neueren Menschheitsentwickelung heraufgekommen ist als die Folge des Liberalismus, der Demokratie, des Sozialismus, man sollte es nicht einseitig bekämpfen und auch nicht einseitig vertreten; man sollte durchschauen, wie im selbständigen Geistesleben wächst der alles übrige soziale Leben überleuchtende Liberalismus; wie im wirklichen Rechtsstaat wächst die wiederum alles übrige Leben überleuchtende Demokratie, wie in jenem Wirtschafsleben, das sich nur mit Warenerzeugung, Warenzirkulation, Warenkonsum und der dadurch bedingten Feststellung der gerechten Preise befaßt, der wiederum alles durchdringende Sozialismus waltet. Dann, wenn man dieses durchschaut, wird man seine Lebensauffassung heute richtig durchdringen mit der Erkenntnis, daß volle Irrtümer im äußeren Leben weniger schädlich sind, weil sie leichter durchschaut werden können, als halbe oder Viertelswahrheiten.

[ 71 ] Such a threefold social organism could, in my opinion, most easily—please forgive me for speaking about all these matters, especially to those who are not fully versed in them, but I would like to say it nonetheless—be realized particularly strongly here in this country, which is justifiably proud of its long-standing democracy. For precisely because the democratic element is so well-developed here, it is easiest here to see how to find a way to separate spiritual life and economic life on both sides in an appropriate manner. — In a further development, the idea of threefolding emerged. If one is serious about these ideas, I believe that, precisely when living in a democratic community, one will find it easier to understand what must necessarily happen for the threefold social order to take shape. Otherwise, this threefold social order is attacked from the left and the right, from all sides. And while the very point is to take the social question seriously and honestly, it has come to pass that I, for example, am personally attacked in the most vile manner precisely by the leaders of socialist parties of all shades. But what is at stake here is simply that three great ideas—which are meant to be taken only seriously and honestly—have emerged in the course of human development. One idea is that of liberalism, another is that of democracy, and the third is that of socialism. If one is sincere about these three ideas, one cannot mix all three together, nor can one allow one to be supplanted by another; rather, one must say to oneself: something must radiate from an independent spiritual life that flows into capitalism and into the entire social organism. That is free human development; that is the liberal element. In the political state, in legal life, there must be something in which all people are equal. That is the democratic element. And in economic life, the fraternal element must prevail. That must form the true foundation of a social structure. That is what is at stake. One should not one-sidedly oppose or one-sidedly advocate what has emerged as a blessing in the course of recent human development—as a consequence of liberalism, democracy, and socialism; one should see through how, within an independent spiritual life, liberalism grows to illuminate all other aspects of social life; how, in a true constitutional state, democracy—which in turn outshines all other aspects of life—grows; and how, in that economic life concerned solely with the production, circulation, and consumption of goods and the resulting determination of fair prices, socialism—which in turn permeates everything—prevails. Then, once one sees through this, one will truly grasp one’s view of life today with the realization that complete errors in external life are less harmful because they can be more easily seen through than half-truths or quarter-truths.

[ 72 ] Das aber, was heute vielfach als soziale Bewegung unter den Menschen existiert, in das fluten herein Viertels-, Drittelswahrheiten. Und indem man sich an das hält, was eine Teilwahrheit ist, glaubt man das ganze Leben zu erfassen. Man sollte aber das ganze Leben nur umfassen wollen auch mit einem lebendigen Zusammenwirken der Wahrheiten. Die ganze volle Wahrheit, sie läßt sich nicht in einer abstrakten Idee und auch nicht in einer abstrakten Wirklichkeit offenbaren. Sie läßt sich nur ergreifen in dem lebendigen Zusammenwirken der Ideen. Dann wird sich aus den halben und Viertelswahrheiten diejenige ganze Wahrheit des Lebens auch auf sozialem Gebiete ergeben können, die notwendig ist. Und man wird einsehen, daß man weniger nötig hat die Bekämpfung der vollen Irrtümer als die Richtigstellungen der halben und Viertelswahrheiten.

[ 72 ] But what today often exists among people as a social movement is flooded with half-truths and partial truths. And by clinging to what is a partial truth, one believes one is grasping the whole of life. Yet one should seek to embrace life in its entirety only through the living interplay of truths. The whole, full truth cannot be revealed in an abstract idea, nor in an abstract reality. It can be grasped only through the living interplay of ideas. Then, from these half-truths and quarter-truths, the whole truth of life—including in the social sphere—that is necessary will emerge. And one will come to realize that it is less necessary to combat complete errors than to correct these half-truths and quarter-truths.

[ 73 ] Das ist, was ich gerade heute besonders betonen wollte mit Bezug auf die Ideen der Lebensnotwendigkeiten der sozialen Frage in der Gegenwart der Menschheit und ihrer nächsten Zukunft.

[ 73 ] That is precisely what I wanted to emphasize today, with regard to the ideas concerning the necessities of life and the social question in humanity’s present and immediate future.

[ 74 ] Dr. Roman Boos macht darauf aufmerksam, daß auch hier in der Schweiz auf wirtschaftlichem Gebiet die Gefahr ungeheuer groß sei, und daß man deshalb imstande sein sollte, Schöpferisches herauszuholen, was eben unbedingt notwendig sein werde, und daß mit vollem Gewicht das aufgefaßt werden müsse, was Dr. Steiner in seinen Ausführungen heute nur andeuten konnte. (Eine Diskussion scheint nicht stattgefunden zu haben.)

[ 74 ] Dr. Roman Boos points out that here in Switzerland, too, the danger in the economic sphere is immense, and that we must therefore be able to draw upon our creative potential—which will be absolutely essential—and that we must take fully to heart what Dr. Steiner could only hint at in his remarks today. (It appears that no discussion took place.)

[ 75 ] Rudolf Steiner: In bezug auf das Schlußwort wird meine Ausführung sehr kurz sein können. Ich möchte betonen, daß vielleicht jemand sagen könnte, in diesem Vortrage ist sehr viel vorgebracht worden über jedes Glied des sozialen Organismus, das geistige, das Rechtsleben, das Wirtschaftsleben; aber das alles sei ja für einen großen Teil derjenigen, die heute von der sozialen Frage sprechen, gar nicht das, worauf es ihnen ankomme, sondern es sei eben die soziale Frage vor allem eine Wirtschaftsfrage.

[ 75 ] Rudolf Steiner: As for my closing remarks, I will be able to keep my comments very brief. I would like to emphasize that someone might say that this lecture has covered a great deal about each member of the social organism—the spiritual, the legal, and the economic spheres—but that for a large portion of those who speak of the social question today, none of this is what really matters to them; rather, the social question is, above all, an economic question.

[ 76 ] Nun beachten Sie die ganze Haltung sowohl des Vortrages wie dessen, was mit dem Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus gemeint ist. Sie können es ja aus dem Vortrage wenigstens teilweise ersehen: Da ist nicht hingestellt ein fertiges Programm, sondern da wird davon ausgegangen, daß der soziale Organismus selber, also das menschliche Gesellschaftsleben in einer gewissen Weise gegliedert werden soll, so gegliedert werden soll, daß gesonderte Verwaltungen dastehen für das Wirtschaftsleben, für das demokratische, politische oder Rechtsleben und eine selbständige Verwaltung für das Geistesleben.

[ 76 ] Now consider the overall approach of both the lecture and what is meant by the impulse for the threefold structure of the social organism. You can see this, at least in part, from the lecture: It does not present a ready-made program, but rather proceeds from the assumption that the social organism itself—that is, human social life—should be structured in a certain way, structured so that there are separate administrations for economic life, for democratic, political, or legal life, and an independent administration for spiritual life.

[ 77 ] Nun kann man natürlich leicht sagen: Da trennst du ja eigentlich, was eine Einheit sein muß, die ganze menschliche Gesellschaft, die menschliche Gesellschaftsorganisation in drei Gebiete. Aber gerade durch die selbständige Verwaltung der drei Gebiete wird es möglich, die richtige Einheit dieser Gebiete zu bewirken. Es handelt sich ja nicht darum, daß etwa erneuert werde, wie manche geglaubt haben, dasjenige, was in der vorchristlichen, in der platonischen Weltanschauung gefordert wurde als Lehrstand, Wehrstand, Nährstand. Nein, damals hat man die Menschheit als solche gegliedert in drei Stände; so daß der eine zu dem einen, der andere zum zweiten, der dritte zum dritten Stande gehört hat. Gerade das soll vermieden werden, daß die Menschen nicht Menschen sein können im Ganzen, sondern in Stände zerfallen. Es wird nicht die Menschheit als solche gegliedert, sondern es wird das menschliche Leben gegliedert. Und derjenige, der im Leben drinnensteht, er steht in einer gewissen Weise auf allen drei Böden: In dem Geistesleben insofern er einen lebendigen Anteil hat an dem Geistesleben in der einen oder anderen Weise; er steht darinnen in dem Rechtsleben, in den gesamten Rechtsfragen, weil er ein mündig gewordener Mensch ist in diesem Teil, entweder direkt durch irgendein Referendum oder indirekt durch Vertretung und dergleichen, und er steht in dem, worinnen er durch seine Person Kredit hat, oder Sach- und Fachkenntnis hat, in einem bestimmten Wirtschaftsgebiete, in welchem er eingegliedert ist durch eine Assoziation; das ganze Wirtschaftsleben ist in sich gegliedert.

[ 77 ] Now, of course, it is easy to say: You are actually dividing what must be a single unit—the whole of human society, the organization of human society—into three spheres. But it is precisely through the independent administration of these three spheres that it becomes possible to bring about their true unity. It is not a matter, as some have believed, of reviving what was demanded in the pre-Christian, Platonic worldview—namely, the teaching class, the military class, and the producing class. No, back then, humanity as such was divided into three classes; so that one person belonged to the first, another to the second, and a third to the third class. Precisely this is what must be avoided: that people cannot be human beings in their entirety, but are divided into estates. It is not humanity as such that is divided, but human life itself. And the person who is fully engaged in life stands, in a certain sense, on all three grounds: in spiritual life, insofar as he or she has a living share in spiritual life in one way or another; he stands within it in the legal life, in all legal matters, because he is a person who has attained legal capacity in this sphere—either directly through some form of referendum or indirectly through representation and the like—and he stands in that sphere where, through his person, he has credibility or possesses practical and specialized knowledge in a specific economic sector into which he is integrated through an association; The entire economic life is structured internally.

[ 78 ] Und nun zeigt sich gerade an den verschiedenen Einwürfen, die gemacht worden sind, wie wenig man den Grundgedanken heute noch verstanden hat. So zum Beispiel erschien in einer Zeitschrift eine lange Besprechung dieser Dreigliederung des sozialen Organismus, und es wurde gesagt: Ja, der will drei Parlamente an die Stelle des einen Parlamentes setzen - ein geistiges Parlament, ein Rechtsparlament und ein Wirtschaftsparlament. Worauf es ankommt, ist aber dieses, daß in einem demokratischen Parlament nur entschieden werden kann dasjenige, wozu urteilsfähig geworden ist jeder Mensch, wozu keine Sach- und Fachkenntnis gehört, und daß gerade ausgeschieden werden soll dasjenige, wozu Sach- und Fachkenntnis gehört. Also, wenn auf dem Gebiete des geistigen Lebens und auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens kein Parlament dasein darf, so [deshalb, weil dort] die Sache eben umgekehrt ist. Es handelt sich also darum, ehrlich den Parlamentarismus zu verwenden, indem man ihn auf dasjenige Gebiet beschränkt, auf dem er sich wirklich sachgemäß ausleben kann.

[ 78 ] And now it is precisely the various objections that have been raised that show how little the fundamental idea is still understood today. For example, a lengthy review of this threefold structure of the social organism appeared in a magazine, and it was stated: “Yes, he wants to replace the single parliament with three parliaments—a spiritual parliament, a legal parliament, and an economic parliament.” What matters, however, is this: in a democratic parliament, decisions can only be made on matters about which every person has become capable of judgment—matters that do not require specialized knowledge—and precisely those matters that do require specialized knowledge are to be excluded. So, if there can be no parliament in the realm of intellectual life or in the realm of economic life, it is [because] the situation there is precisely the opposite. The point, then, is to apply parliamentary democracy honestly by limiting it to the realm in which it can truly function appropriately.

[ 79 ] Daraus aber sieht man, daß der Nerv eigentlich wenig bis heute verstanden worden ist. Aber versteht man den Nerv der Sache, dann wird man sehen, wie aus dem Fundamente heraus gerade diese Idee real gedacht ist. Wer da glaubt, durch irgendein Programm, sei es noch so schön ausgedacht, zum Beispiel das Wirtschaftsleben gliedern zu können nach einer bestimmten Struktur, der mag sich ja selbst sehr gescheit vorkommen, aber aus der Wirklichkeit heraus denkt er nicht. Aus der Wirklichkeit heraus denkt aber derjenige, der sagt: Die Menschheit muß in einem sozialen Organismus leben, der von drei Seiten her verwaltet wird; dann wird dasjenige kommen, was soziale Struktur ist. Das werden die Menschen durch das, was sie erleben werden durch diese Dreigliederung des sozialen Lebens, gestalten. Das ist es, worauf es ankommt, nicht daß man sagt: Jetzt gibt es eine soziale Frage, die muß gelöst werden. Heute kann sie noch nicht gelöst werden, morgen wird es möglich sein - der eine sagt es auf die eine, der andere auf die andere Weise, aber so denken sehr viele.

[ 79 ] From this, however, it is clear that the essence of the matter has actually been little understood to this day. But if one grasps the essence of the matter, one will see how this very idea is truly conceived from the very foundation. Anyone who believes that through some program—no matter how well-conceived—they can, for example, organize economic life according to a specific structure may think they are very clever, but they are not thinking from reality. But the person who thinks from reality is the one who says: Humanity must live in a social organism that is administered from three sides; then what constitutes social structure will emerge. People will shape this through what they experience as a result of this threefold division of social life. That is what matters, not saying: Now there is a social problem that must be solved. It cannot be solved today, but tomorrow it will be possible—one person says it one way, another says it another way, but very many people think this way.

[ 80 ] Nein, der denkt ganz unreal, der das glaubt. Es handelt sich darum: In der Menschheit ist die soziale Frage an die Oberfläche gekommen, und jetzt muß eine solche soziale Struktur hervorgerufen werden, daß diese soziale Frage fortwährend gelöst werden muß. Heute sind die Verhältnisse da, heute wird sie so oder so gelöst werden, nicht morgen werden sie gelöst werden. Und werden morgen andere Fragen auftauchen, so werden die Verhältnisse für morgen wieder gelöst werden müssen; dann werden wieder andere Dinge kommen, und die Menschen müssen in der sozialen Struktur drinnenstehen. Es wird ein fortdauernder Prozeß sein. Die Lösung ist von Tag zu Tag neu in Angriff zu nehmen. Es ist nicht so etwa, daß man sagen kann, heute ist sie da und wird auch weiterhin so da sein, sondern man muß fragen: Wie muß die Gesellschaft gestaltet werden, daß das, was durch die Gesellschaft wird, in sozialem Sinne gestaltet werden kann. Wer nicht in diesem Sinne real die menschlichen Dinge nimmt, in realer Wesenheit denkt, der sieht nicht hinein in dasjenige, was in der Wirklichkeit vor sich geht.

[ 80 ] No, anyone who believes that is thinking in a completely unrealistic way. The point is this: The social question has come to the surface within humanity, and now a social structure must be created such that this social question must be continuously resolved. The conditions exist today; it will be resolved one way or another today—not tomorrow. And if other issues arise tomorrow, the circumstances for tomorrow will have to be resolved again; then other things will come up, and people must be embedded within the social structure. It will be an ongoing process. The solution must be tackled anew day by day. It is not as though one can say, “Today it is here and will continue to be here,” but rather one must ask: How must society be structured so that what comes about through society can be shaped in a social sense? Anyone who does not take human matters seriously in this sense, who does not think in terms of their real essence, fails to see what is actually happening in reality.

[ 81 ] Man glaubt heute zu denken, aber man denkt höchst unwirklich. Man glaubt zum Beispiel: das soziale Leben wird durch eine gewisse Umgestaltung des Wirtschaftslebens eine soziale Struktur bekommen. Nun, schön, das wäre geradeso, wie wenn man glauben wollte, daß der einzelne menschliche Organismus durch dasjenige, was er ißt und trinkt, seine Struktur bekommt. Nein, der menschliche Organismus hat eine innere Gesetzmäßigkeit. Er hat eine solche Gesetzmäßigkeit, daß er schon in dem Alter des Zahnwechsels eine ganz bestimmte Umwandlung durchmacht, im Alter der Geschlechtsreife wieder eine andere Umwandlung durchmacht. Aus Umwandlungen, aus dem Inneren der menschlichen Organisation heraus kommen im menschlichen Organismus die Vorgänge; es kommen aber auch Vorstellungen im Lauf der geschichtlichen Entwickelung. Diese ist heute an einem Punkt angekommen, auf dem es notwendig ist, daß die Dreigliederung des sozialen Organismus in Angriff genommen werde!

[ 81 ] People today believe they are thinking, but their thinking is highly unrealistic. For example, they believe that social life will acquire a social structure through a certain reorganization of economic life. Well, that would be just like believing that the individual human organism derives its structure from what it eats and drinks. No, the human organism has an inner lawfulness. It has such a lawfulness that it undergoes a very specific transformation as early as the age of tooth replacement, and undergoes yet another transformation at the age of sexual maturity. Processes arise in the human organism from these transformations, from within the human constitution; but mental images also emerge in the course of historical development. This development has now reached a point where it is necessary to undertake the threefold organization of the social organism!

[ 82 ] Nun will ich zum Schluß nur noch das Folgende sagen, um Ihnen zu zeigen, wie die Dinge gemeint sind. Sehen Sie, wer wirklich meine Schriften verfolgt, wird wissen, daß es mir durchaus nicht darum zu tun ist, wenn ich so etwas erlebe, über irgend jemanden zu spotten. Ich weiß am besten, wie berücksichtigenswürdig dasjenige ist, was auch das einfachste Gemüt vorbringen kann. Aber nehmen wir einmal das Folgende. In einer Diskussion wurde mir erwidert - eigentlich sind die Erwiderungen oftmals da, wo man heute glaubt besonders revolutionär zu sein, nach einer gewissen Schablone, auf die Erwiderung selbst braucht man nicht einzugehen - aber ein solcher Erwiderer sagte etwas, was nicht direkt zu tun hatte mit der Sache, er sagte: Sehen Sie einmal, sehr verehrte Anwesende, wir wollen durchaus nicht - er sprach vom Standpunkte des allerradikalsten Phraseurs der sozialistischen Partei -, wir wollen durchaus nicht, sagte er, die geistige Arbeit etwa abschaffen, wir wollen sie bestehen lassen; denn sehen Sie, so sagte er, ich bin zum Beispiel ein Schuhflicker, ich weiß ganz gut, daß ich nicht die Arbeit eines Standesbeamten verrichten kann; wir müssen also Leute anstellen, wenn wir einmal die Führung errungen haben, die dieses Amt übernehmen können. - Ein glorioser Gedanke! Der gute Mann glaubte, die Arbeit eines Standesbeamten nicht machen zu können, aber was er glaubte, war, ein Minister sein zu können, der dann die ganze Struktur bestimmte. Das war für ihn ganz selbstverständlich.

[ 82 ] Finally, I would just like to say the following to show you what I mean. You see, anyone who truly follows my writings will know that when I experience something like this, my intention is by no means to mock anyone. I know better than anyone how worthy of consideration even the simplest mind’s insights can be. But let’s take the following example. In a discussion, someone replied to me—actually, such replies often follow a certain pattern, especially among those who consider themselves particularly revolutionary today; there’s no need to go into the reply itself—but this person said something that wasn’t directly related to the matter at hand; he said: “Look here, ladies and gentlemen,” he said—speaking from the standpoint of the most radical demagogue in the Socialist Party—“we certainly do not—he said—we certainly do not want to abolish intellectual labor; we want to let it continue; for, you see,” he said, “I am, for example, a cobbler; I know full well that I cannot perform the work of a registrar; so once we have seized power, we must hire people who can take on this role. — A glorious idea! The good man believed he could not do the work of a registrar, but what he believed was that he could be a minister who would then determine the entire structure. That was perfectly natural to him.

[ 83 ] Solche Art einfacher Irrtümer, in denen man lebt, sind heutzutage im realen Leben das Wesentliche, das liegt durchaus zugrunde. Das sind Dinge, die da zeigen, wo Ansätze sind, die nicht zu irgend etwas Fruchtbarem führen können.

[ 83 ] These kinds of simple errors that we live with are, in real life today, the essence of things; they are, in fact, the very foundation. These are the things that reveal where certain approaches exist that cannot lead to anything fruitful.

[ 84 ] Dagegen hatte ich in der letzten Zeit auch von einer anderen Seite her das Folgende erfahren. Zu mir kam, nachdem ein Artikel geschrieben war, der eigentlich die ganze Dreigliederung des sozialen Organismus in Grund und Boden verdammte, zu mir kam dann in einen meiner Vorträge vor einigen Wochen ein Amerikaner, der sagte: Ich habe diesen Artikel gelesen; der Artikel ist so geschrieben, daß er alles beschimpft. Ja, da muß was daran sein! Und da habe ich mir die Sache beschafft, so sagte er. - Sie sehen, manchmal haben die beschimpfenden Artikel auch ihre guten Wirkungen. Der Mann war nun schon, als er zu mir kam, ganz drinnen in der Dreigliederungsidee. Er sagte zu mir: Glauben Sie, daß mit dieser Dreigliederungsidee nun etwas gegeben sein wird, was im absolutesten Sinne nun für die ganze menschliche Zukunft gelten kann? Ich sagte: Nein. Wir haben eine Phase der geschichtlichen Entwickelung durchgemacht, welche dazu geführt hat, daß wir in diesem Einheitsstaate alles abgeschlossen haben. In diesem Einheitsstaate wurde abgeschlossen, sagen wir in Österreich, das Wirtschaftsleben, das Rechtsleben, das Geistesleben, namentlich in Form des Völkerkulturlebens. Ich habe oft darüber gesprochen. Es gab ja in diesem Österreich im 19. Jahrhundert solch eine Verwaltung, daß im 20. Jahrhundert gar nichts anderes möglich war, als was dazu geführt hat, daß zunächst die Bosnienund Herzegowina-Sache geschah, diese Annexion, die ja verhandelt worden ist. Das, was da entstanden ist, das wurde verquickt mit dem Bau der Salonikibahn, das heißt einer rein wirtschaftlichen Sache. Und aus dem entstand eine chaotische Durcheinandermischung, zu der noch ein rein geistiges Element, nämlich der Gegensatz des Slawen- und Magyarentums, kam. Und da braute sich zusammen aus dem furchtbaren Völkergewirre des Ostens dasjenige, was sich ergab aus dem Zusammengeknäultwerden der drei Gebiete. Aber sie waren eben so beschaffen, daß es zum Einheitsstaate hindrängte. Jetzt ist er reif, in die drei Glieder zu zerfallen. Und es wird wiederum eine ganz andere Notwendigkeit in einer verhältnismäßig gar nicht zu fernen Zeit entstehen. Das Leben ist eben lebendig, ist nichts Abgeschlossenes. Man will etwas, was für immer und überall gilt!

[ 84 ] On the other hand, I had recently learned the following from another source. After an article had been written that essentially condemned the entire threefold social order to the ground, an American came up to me during one of my lectures a few weeks ago and said: “I read that article; it’s written in such a way that it lambasts everything. Yes, there must be something to it!” And so I got my hands on the article, he said. - You see, sometimes even critical articles have their positive effects. By the time he came to me, the man was already fully immersed in the idea of the threefold social order. He said to me: “Do you believe that this idea of the threefold social order will now provide something that can apply, in the most absolute sense, to the entire future of humanity?” I said: “No.” We have gone through a phase of historical development that has led to everything being brought to a close within this unitary state. Within this unitary state—let’s say in Austria—economic life, legal life, and spiritual life were brought to a close, particularly in the form of national cultural life. I have often spoken about this. In 19th-century Austria, the system of administration was such that in the 20th century nothing else was possible but what ultimately led to the Bosnia and Herzegovina affair—that is, the annexation, which had, of course, been negotiated. What arose from that became intertwined with the construction of the Thessaloniki Railway, that is, a purely economic undertaking. And from this arose a chaotic jumble, to which was added a purely intellectual element—namely, the opposition between Slavic and Magyar identities. And out of the terrible ethnic turmoil of the East, what emerged was the result of the three regions being tangled together. But they were simply of such a nature that they were driven toward a unified state. Now it is ripe to break apart into its three parts. And a completely different necessity will arise again in a relatively not-too-distant time. Life is, after all, alive; it is not something closed off. People want something that applies forever and everywhere!

[ 85 ] Das ist das Unbequeme an solchen Ideen, daß sie nicht aus abstrakten Ideen heraus erdacht sein können, wie Programme; die Programme führt man ein, und dann ist das erledigt. Nein, so ist es nicht; sondern solche Ideen, geistige Ideen, die rechnen mit dem Geistesleben, dem Rechtsleben und dem Wirtschaftsleben im dreigliedrigen sozialen Organismus. Und daher können sie auch immer nur dasjenige, was für eine bestimmte Epoche gilt, finden. Und sie sind sich bewußt, daß wiederum dies in einer bestimmten Zeit abgelöst werden muß von etwas anderem. Sie machen auch Ernst mit der Entwickelung, indem sie auch das in der Entwickelung suchen, was sie selber für ihr Zeitalter finden können.

[ 85 ] The problem with such ideas is that they cannot be conceived as abstract ideas, like programs; programs are simply implemented, and that’s the end of it. No, that is not how it works; rather, such ideas—spiritual ideas—take into account spiritual life, legal life, and economic life within the threefold social organism. And that is why they can only ever identify what applies to a specific epoch. And they are aware that, in turn, this must be superseded by something else at a certain time. They also take development seriously by seeking within that development what they themselves can find for their own age.

[ 86 ] Also, ich wollte nur in diesem Sinne ein praktisches Resultat zeigen und sagen, daß es sich nicht um irgend etwas Absolutes, wie bei anderen Programmen der Gegenwart, handeln kann, sondern um etwas, was im eminentesten Sinne aus der Gegenwart heraus gedacht ist.

[ 86 ] So, I just wanted to present a practical result in this vein and point out that this cannot be something absolute, as is the case with other contemporary programs, but rather something conceived in the most eminent sense from within the present.

[ 87 ] So findet dasjenige, was heute in die Welt treten will, die verschiedenste Beurteilung. Es mag die verschiedenste Beurteilung finden, wenn nur diese Beurteilung, dieses Urteilen, sich endlich damit zurechtfindet, die Dinge lebensvoll zu studieren. Es kommt bei solchen Dingen nicht darauf an, daß pedantisch das ausgeführt wird, was gerade auf irgendeiner Seite angedeutet ist, sondern so wie es gemeint ist: daß die Wirklichkeit praktisch angefaßt wird. Dann mag von dem einzelnen, von den Einzelheiten, kein Stein auf dem anderen bleiben, aber es wird aus solchem lebensvollen Anfassen dasjenige wirken und auch entstehen, was dem Heile dienen kann.

[ 87 ] Thus, that which seeks to emerge into the world today is subject to the most varied assessments. It may be subject to the most varied assessments, provided only that these assessments, this judging, ultimately come to terms with studying things in a way that is full of life. With such matters, what matters is not that what is hinted at on any given page be carried out pedantically, but rather that it be done as intended: that reality be approached in a practical, living way. Then, while not a single stone may be left standing when it comes to the individual elements and details, what can serve the whole will take effect and emerge from such a living engagement.

[ 88 ] In diesem Sinne möchten aus der Wirklichkeit für die Wirklichkeit diese Dinge gesagt sein. Nicht eine einseitig politische, überhaupt nicht eine einseitig nur aufgefaßte Entwickelung ist von der Dreigliederung des sozialen Organismus aus gemeint und kann nicht gemeint sein. Und so möchte sie auch aufgenommen sein, diese Dreigliederung des sozialen Organismus, ohne emotionelle Gesinnung.

[ 88 ] In this sense, these things should be said from reality for reality’s sake. The threefold structure of the social organism does not imply—and cannot imply—a one-sided political development, nor indeed any development understood in a one-sided manner. And so this threefold structure of the social organism should also be received without emotional bias.

[ 89 ] Auf der anderen Seite möchte sie so angesehen werden, daß sie unbefangen aufgefaßt werde, wie sie unbefangen gemeint ist. Von mancher Seite wird heute gesagt: Ja, diese Dreigliederung des sozialen Organismus wäre ja ganz gut, aber sie müßte ganz zuletzt entstehen; vorher müsse alles drunter und drüber gehen, vorher müsse Diktatur kommen und so weiter. - Wenn man so denkt, dann will man in Wirklichkeit eben nicht das Praktische, sondern dasjenige, was nur aus abstrakten Forderungen hervorgeht, die unmittelbar nur aus dieser oder jener Seelenstimmung hervorkommen. Man will eben dann nicht die soziale Dreigliederung, wie sie hier gemeint ist, sondern man will eigentlich dasjenige, in das man sich verliebt hat.

[ 89 ] On the other hand, she would like to be viewed in such a way that she is understood impartially, just as she is meant to be understood impartially. Some people today say: Yes, this threefold structure of the social organism would be quite good, but it would have to come about only at the very end; before that, everything would have to go haywire, dictatorship would have to come first, and so on. - If one thinks this way, then in reality one does not want what is practical, but rather what arises solely from abstract demands that stem directly from this or that state of mind. One does not want the threefold social order as it is meant here, but rather what one has fallen in love with.

[ 90 ] Wenn man aber ernsthaft im Leben etwas erringen will, muß man sich zu dem Standpunkt emporringen, der unbefangen dieses Leben durchschaut und überschaut.

[ 90 ] But if one seriously wants to achieve something in life, one must rise to a vantage point from which one can view and survey this life with an unbiased perspective.