Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage
für eine soziale Neugestaltung
Altes Denken und neues soziales Wollen
GA 329
19 März 1919, Winterthur
3. Proletarische Forderungen und deren Künftige praktische Verwirklichung
[ 1 ] Glauben Sie nicht, daß ich heute das Wort ergreifen möchte, um zu Ihnen in dem Sinne von Verständigung zwischen den verschiedenen Menschenklassen der Gegenwart zu sprechen, wie es so sehr häufig jetzt von gewissen Seiten her gepflogen wird, wo gesagt wird, es sei notwendig, daß man über Verständigung spreche. Ich möchte von einer ganz anderen Verständigung sprechen, wie wir gleich nachher sehen werden. Von jener Verständigung zu sprechen, verbietet sich, wenn man darauf hinblickt, wie sich dieses Leben im Laufe der letzten Jahrzehnte, vielleicht schon länger und bis in unsere Tage herein entwickelt hat, wie es nunmehr ausgelaufen ist in laut sprechende Tatsachen, die allerdings für manche Menschen, die sich von diesen Tatsachen vor kürzerer Zeit noch nichts haben träumen lassen, recht schreckhaft sind. Was würde es auch viel nützen, von Verständigung in dieser Art zu sprechen gegenüber dem, was man auf der Seite hören kann, wo heute so häufig diese Verständigung ersehnt wird?
[ 2 ] Vor wenigen Tagen konnte man wiederum von einer solchen Seite allerlei hören, in Bern, bei der sogenannten Völkerbundskonferenz. Was da vorgebracht worden ist über das wünschenswerte und, wie die Leute glauben, mögliche internationale Leben der nächsten Zukunft, das erinnerte einen wahrhaftig an die Reden gewisser Staatsmänner, an Reden, die stets von demselben Grundton aus im Frühling und Frühsommer des Jahres 1914 gehalten worden sind. Ein paar Worte aus einer solchen Rede eines früheren Staatsmannes der später kriegführenden Mächte lassen Sie uns anführen. Sie lauteten etwa so - er sagte das zu seinem Reichstag -: Dank der Bemühungen der Kabinette der Regierungen der europäischen Großmächte dürfen wir annehmen, daß der europäische Friede auf lange Zeiten hinaus gesichert sein werde. - Im Mai 1914! Das war der Friede, von dem gesprochen worden ist, der dann gekommen ist, und der mindestens zehn Millionen Tote gebracht hat und achtzehn Millionen Menschen zu Krüppeln gemacht hat! So kannten die Menschen dasjenige, was in der Zeit schlummerte.
[ 3 ] Ich selbst, wenn ich diese persönliche Bemerkung machen darf, mußte im Frühling 1914 angesichts dessen, was man herankommen sehen konnte, wenn man nicht blind und taub war für die Wirklichkeiten, in einer Versammlung, die ich in Wien halten konnte, die Worte sprechen: Wir leiden im sozialen Organismus der Gegenwart an einer schleichenden Krebskrankheit, die in kürzester Zeit als ein mächtiges Geschwür aufbrechen müsse. - So konnte man auch reden dazumal.
[ 4 ] Nun, ich denke, die Tatsachen haben gezeigt, daß man mehr recht hatte, wenn man sprach von der schleichenden Krebskrankheit in der gesellschaftlichen Ordnung der damaligen Gegenwart, als wenn man so sprach, wie die damaligen Staatsmänner zur Betäubung, zur Ilusionserweckung für die Menschen gesprochen haben. Und so reden jetzt wiederum sehr, sehr viele Leute von dem, was zwischen den Völkern kommen soll an internationalem Leben. Und sie reden vorbei und denken vorbei an dem, was das Allerwichtigste und Wesentlichste ist und sein wird und was heute schon durch laut sprechende Tatsachen sich ankündigt; sie reden vorbei an den eigentlichen wahren sozialen Forderungen der Gegenwart.
[ 5 ] Wie hat man von gewisser Seite bis zu den Schreckensjahren, die 1914 begonnen haben, das Leben der sogenannten modernen Zivilisation geschildert? Man konnte es immer wieder hören, wie gewaltig die Menschheit fortgeschritten sei, wie gegenüber früheren Zeiten es möglich sei, rasch über weite Strecken der Erde hin zu reisen, um Geschäfte zu machen, wie der Gedanke blitzschnell über die Erde hinfliege, wie Wissenschaft und Kunst - was man eben in gewissen Kreisen Wissenschaft und Kunst nennt - sich ausbreiten und so weiter. Loblied über Loblied wurde angestimmt auf diese moderne Zivilisation. Und die letzten viereinhalb Jahre? Was ist in ihrem Laufe aus dieser modernen Zivilisation in Europa geworden? Wie konnte das werden? Allein dadurch konnte es werden, daß diese moderne Zivilisation, der man solche Loblieder gesungen hat, auf einem Untergrunde ruhte, der unterhöhlt war, unterhöhlt allerdings nicht von irgend etwas der Menschheit als solcher Feindlichem, sondern unterhöhlt war von den nach den verschiedensten Richtungen hin berechtigtsten Forderungen eines großen Teiles der gegenwärtigen Erdbevölkerung. Die empfand dasjenige, was uns diese Zivilisation gebracht hat, nicht als ein menschenwürdiges Dasein.
[ 6 ] Allein dadurch aber war diese Zivilisation möglich, daß sie sich erhob wie ein Überbau auf dem Unterbau, der darin besteht, daß unzählige Menschen kein menschenwürdiges Dasein hatten. Und dasjenige, was man als das Schlimmste ansehen muß, das ist, daß sich eine tiefe Kluft mit Bezug auf das Verständnis aufgetan hatte, eine Kluft zwischen denen, die auf der einen Seite die Loblieder angestimmt haben und denen, die auf der anderen Seite immer wieder und wieder aus den Versammlungen heraus, die sie sich abrangen von der schweren Arbeit, den Ruf ertönen lassen mußten: So kann es nicht weitergehen!
[ 7 ] Wenig Neigung war in den führenden, leitenden Kreisen zu einer wirklichen Verständigung, wie sie hätte gesucht werden müssen seit Jahrzehnten, ja seit vielleicht mehr als einem halben Jahrhundert. Seit diesem halben Jahrhundert ist die proletarische Bewegung immer mehr und mehr im Wachsen. Und sie ist so im Wachsen, daß man sagen kann: Bisher stand das Leben der proletarischen Bevölkerung da wie eine mächtige weltgeschichtliche Kritik dessen, was die bisher herrschenden und führenden Klassen in der Weltgeschichte, in der Entwickelung der Menschheit angerichtet hatten. Heute sprechen die Tatsachen diese Sprache der Kritik, die so und so oft diesen herrschenden Klassen entgegengehalten worden ist. Wie haben die bisher herrschenden Klassen sehr häufig dasjenige, was ihnen da entgegentönte als der Ruf: So kann es nicht weitergehen - wie haben sie das aufgenommen? Man brauchte ja nur - ich möchte Beispiele anführen - nicht gleich so weit zu gehen, wie zum Beispiel eine charakteristische Persönlichkeit, die sich aus den herrschenden Klassen der unmittelbaren Vergangenheit herausgehoben hat, wie etwa der deutsche Kaiser, der mit Bezug auf die proletarische Masse, insofern sie sich als Sozialisten auslebten, sagte: Diese Tiere, die den Boden des Deutschen Reiches unterhöhlen, müssen ausgerottet werden. Oder ein andermal sagte er - das sind seine eigenen Worte: Diese Menschen sind die Feinde der göttlichen Weltordnung. - Nicht bloß seien sie die Feinde anderer Menschen, sondern die Feinde der göttlichen Weltordnung. - Man brauchte, wie gesagt, nicht gleich so weit zu gehen; aber sonderbare Vorstellungen hatte man doch. Da hatten zum Beispiel im Deutschen Reiche aus gewissen Gründen heraus, die ich hier keiner Kritik unterwerfen will, die Sozialdemokraten gestimmt für die Kriegskredite, wenigstens ein überwiegender Teil der Sozialdemokraten hatte für Kriegskredite gestimmt, und hatte auch - wiederum aus Gründen, die ich nicht erörtern will ihre Soldatenpflicht getan, hatten sich überhaupt in einer gewissen Weise gegenüber dem sogenannten Weltkrieg verhalten. Glauben Sie nicht, daß die Meinung von Leuten aus den bürgerlichen intellektuellen Kreisen eine so seltene war, die, als sie gesehen haben, wie patriotisch sich die Sozialdemokratie verhielt, ernsthaftig geglaubt haben - das ist eine Tatsache -, daß eigentlich die Soldaten in der Zukunft lauter Männer würden, die brav sich brauchen lassen würden zu dem, wozu man sie ja, namentlich im vorigen Reiche, recht gern gebraucht haben würde, wenn die Dinge anders, aber recht sehr anders ausgegangen wären, als sie ausgegangen sind. Man hätte sie nämlich sehr gern gebraucht zur Steuerbewilligung im Reichstage seligen Andenkens.
[ 8 ] Nun, selbst auf mancher sozialistischen Seite hat man sich nichts träumen lassen von den laut sprechenden Tatsachen, die nunmehr aber eingetreten sind. Selbst auf sozialistischer Seite ist oft und oft wieder betont worden: Die Regierung wird nach diesem Weltkriege nicht so verfahren können mit der proletarischen Bevölkerung wie vorher; sie wird auf deren Willen Rücksicht nehmen müssen. Nun, die Tatsachen sind ziemlich anders geworden, nicht wahr? Diese Regierung, wenigstens ein großer Teil von ihr, kann heute nicht viel Rücksicht nehmen auf den Willen der proletarischen Bevölkerung.
[ 9 ] Wenn man nach beiden Seiten hin sieht, so zeigt sich auf der einen Seite, was der österreichische Sozialist Pernerstorfer aus der Gesinnung gewisser bürgerlicher Kreise während des Weltkrieges so charakterisierte, indem er sagte: Diese Millionen schlössen, insofern sie den kriegführenden Staaten angehörten, ihren Frieden gern mit der Sozialdemokratie; aber sie möchten einen Frieden etwa unter der Bedingung, der dem entsprechen würde, daß der andere, dem man lebenslängliche Freundschaft anbietet, sie annehme, aber daß sich der Betreffende hinterher aufhänge. - Sehen wir aber nach der anderen Seite, da war auch keine Möglichkeit, viel Verständnis hervorzurufen. Ich darf hier sehr wohl aus persönlicher Erfahrung reden, denn ich arbeitete als Lehrer jahrelang an der von Wilhelm Liebknecht begründeten Arbeiter-Bildungsschule an dem Werden desjenigen, was sich in Proletarierseelen als Weltanschauung ausgebildet hatte, mit. Wer weiß, was sich in der proletarischen Seele ausbildete, der weiß auch, welche proletarischen Forderungen in dem steckten, was immer wieder und wiederum eben in jenen Versammlungen, die sich der Proletarier abrang von seiner Arbeitszeit, abrang auch von seiner körperlichen Gesundheit oftmals, was in jenen Versammlungen die Seelen durchtönte. Das kleidete sich immer wieder und wieder in dreierlei. Mancher sprach allerdings nicht mit einem vollen breiten Verständnis über dasjenige, was sich in diesen drei Dingen offenbarte, aber eine tiefe Empfindung war in den Proletarierseelen, was in diese drei Forderungen, wenn sie sich auch scheinbar nicht als Forderungen aussprechen, was in diese drei Forderungen verwoben ist. Das erste kleidete sich in die Worte: Materialistische Geschichtsauffassung; das zweite kleidete sich in das Wort, in das für den Proletarier vielbedeutende Wort von dem Mehrwert; und das dritte war dasjenige, was der Proletarier seit Jahrzehnten, wenn er auch von seinem Verständnis, von seiner Auffassung aus sprach, mit dem Klassenkampf meinte, der andeutete, wie innerhalb der neueren Zeit der Proletarier innerhalb des Klassenkampfes das geworden ist, was man nennen kann eben den klassenbewußten Proletarier.
[ 10 ] Was kleidete sich eigentlich in diese drei Worte? Es sieht zunächst recht theoretisch, recht schulmäßig aus, wenn man sagt: man bekenne sich zur materialistischen Geschichtswissenschaft; allein wir wollen heute lebenspraktisch und nicht theoretisch sprechen. Was war eigentlich gemeint mit dem, was der Proletarier gegenüber seiner Weltanschauung zum Ausdruck bringen wollte und will, wenn er von materialistischer Geschichtsauffassung spricht? Er hatte seit jener Zeit, seitdem sich im Laufe der neueren Geschichte gleichzeitig mit der modernen Technik der moderne Kapitalismus entwickelt hat, er hatte seit dieser Zeit von den führenden, leitenden Kreisen ein altes Lied hören können. Aber von dem, wovon man heute behauptet, daß es angeregt würde in der Menschenseele bei diesem alten Liede, bemerkte der Proletarier, wenn er hinsah auf die leitenden Kreise, blutwenig. Da sprachen die Menschen der leitenden und führenden Kreise: Der Mensch lebt in einer gewissen sozialen Ordnung von Generation zu Generation. Wie sich eben das geschichtliche Leben entwickelt, so lebt die Menschheit; und sie lebt nach Gesetzen, welche entsprechen einer göttlichen Weltordnung. Man nannte es eine sittliche Weltordnung, man nannte es die Ideen vielleicht auch, wenn man aufgeklärt sein wollte, welche das geschichtliche Leben der Menschheit beherrschen.
[ 11 ] Der Proletarier schaute sich diejenigen Kreise an, die da so sprachen, als wenn ihr Leben bedingt wäre von geistig-sittlichen Mächten, die durch die Welt gehen und weben. Aber er hatte seinerseits nichts von diesen sittlichen Mächten; er sah wohl noch weniger etwas von einer in den Tatsachen sich auswirkenden göttlichen Weltordnung. Man sprach von einer göttlichen Weltordnung, aber man sah sie nicht, diese göttliche Weltenordnung. Er sah sie vor allen Dingen nicht in den Handlungen der Menschen, in dem Verhalten der Menschen zueinander. Er war ja - seit Jahrhunderten hatte sich das entwickelt - eingespannt worden in die kapitalistische Wirtschaftsordnung, in die seelenlose, verödende kapitalistische Wirtschaftsordnung. Sie war heraufgekommen gleichzeitig mit der modernen Technik, die zahlreiche Menschen weggerufen hat von jenem alten Handwerk, von dem man sagte, daß es einen goldenen Boden hatte - es hatte in einer gewissen Weise einen goldenen Boden -, aber das hatte keinen goldenen Boden, was der moderne Proletarier erlebte an der Maschine in der Fabrik. Für ihn war diese gesellschaftliche Ordnung ausgedrückt in seinem Stehen an der Maschine, in seinem Eingespanntsein in die kapitalistische Wirtschaftsordnung. Und er sah, indem dieses neuere technische und kapitalistische Leben heraufkam, wie die leitenden, führenden Kreise sich dasjenige, was sie von einem gewissen sozialen Organismus von alten Zeiten her übernommen haben, als modernen Staat nach ihrem Interesse eingerichtet hatten. Er sah vor allen Dingen, wie die leitenden, führenden Kreise aus dem, was sie als Erträgnis hatten durch die moderne Wirtschaftsordnung, durch den modernen Staat, wie sie sich anstellten ihre sogenannten geistigen Leiter, wie sie sich anstellten ihre Lehrerschaft, ihre Juristen, ihre Mediziner und so weiter. Und er bemerkte, wie gesagt, wenig davon, daß in dieser geistigen Leitung eine göttliche, sittliche Weltordnung waltete. Er bemerkte vielmehr, weil er es ja gewohnt war, hinzuschauen auf die Abhängigkeit des Menschen von der wirtschaftlichen Ordnung, er bemerkte, wie auch diese leitenden Kreise durchaus von der wirtschaftlichen Ordnung abhängig waren. Der Kapitalismus, die moderne Technik, das Ausbeutersystem, von denen sah er, daß sie die geistigen Leiter hinstellten an die Plätze, wo sie standen. Man hatte, als so dieses moderne geistige Leben im modernen Staate heraufkam, aus gewissen Kreisen dieses geistigen Lebens heraus oftmals gesagt: Ach, dieses ferne Mittelalter, da war die Philosophie, die Weltweisheit - und man meinte damit die Wissenschaft überhaupt - in gewisser Weise die Magd der Theologie. Weniger wurde aber von dieser Seite her betont, daß in der neueren Zeit die Wissenschaft wahrhaftig nicht irgend etwas geworden war, das eine auf sich selbst gestellte freie Wissenschaft war, sondern daß sie war eine treue Dienerin des modernen Staatssystems. Man brauchte auch wiederum nicht gleich so weit zu gehen, wie ein moderner, berühmter Physiologe, der einmal von einer gelehrten Körperschaft, von der Berliner Akademie der Wissenschaften gesagt hat: diejenigen Gelehrten, die dieser Berliner Akademie der Wissenschaften angehören, seien die geistigen Schutztruppen der Hohenzollern. Man brauchte, wie gesagt, nicht gleich so weit zu gehen; aber man hatte doch zum Beispiel sehen können - und es kam ja alles während des Weltkrieges zu einer bestimmten Höhe -, man hatte doch Merkwürdiges sehen können während dieses Weltkrieges. Gewiß, die Mathematiker, die Chemiker, denen kann man nicht sogleich nachweisen, wie sie den Befehlen von oben gehorchen; dafür glänzt ja auch ihre Wissenschaft weniger stark, hängt weniger stark auffällig zusammen mit dem, was das Leben durchpulst. Geschichte hängt schon mehr zusammen mit demjenigen, was das Leben durchpulst. Wer das verfolgt, was als Geschichte produziert worden ist gerade von denen, die als Staatsdiener dieses Gebietes gewirkt und gewaltet haben, der konnte sich wohl ein unbefangeneres Urteil als mancher andere bilden, wenn er zum Beispiel alles dasjenige ansah, was während dieses Weltkrieges und schon vorher, wahrhaftig lange vorher, über die geschichtliche Bedeutung der Hohenzollern gesprochen wurde. Wahrhaftig, die Geschichte der Hohenzollern wird anders ausschauen, wenn sie nunmehr in der Zukunft geschrieben werden wird! Man kann schon sagen, dasjenige, was diese Herren produzierten auf diesem Gebiete, das war ein getreuliches Spiegelbild dessen, was eigentlich die Machthaber haben wollten; das war wirklich nicht freies Geistesleben, das war nichts anderes als ein geistiger Überbau über die Wirtschaftsordnung der letzten Jahrhunderte und namentlich der neueren Zeit. Was Wunder aber, wenn der Proletarier, anschauend alle diese Verhältnisse, sich sagte: Ach was, alle sittliche Weltordnung, alle Ideen in der Geschichte! Was hat göttliche Weltordnung zu sagen! Abhängig ist jeder Mensch von den wirtschaftlichen Grundlagen. Wie diese wirtschaftlichen Grundlagen sind, so breitet er seine Gedanken aus, so lebt er seine Empfindungen dar, so denkt er zuletzt auch selbst in bezug auf seine religiösen Vorstellungen: alles ein ideologischer Überbau! Das wahrhaft Wirkliche ist die Wirtschaftsordnung!
[ 12 ] Begreifen kann man, wie gesagt, dasjenige, was als Eindruck entstand aus dem unmittelbaren Leben in der Seele des Proletariers. War doch dieser Proletarier genötigt - die herrschende Klasse mußte selbst ihn zu einer gewissen Bildung aufrufen, sie konnte die alten Ungebildeten, den alten Analphabetismus nicht mehr gebrauchen in ihrer Wirtschaftsordnung -, war doch dieser Proletarier genötigt innerhalb der Bildung, die er aufnehmen wollte, nach der er sich sehnte, das entgegenzunehmen, was heraufgekommen war als Wissenschaft, als das ganze wissenschaftliche Denken über die Welt in der neueren Zeit.
[ 13 ] Aber dieser Proletarier war auch zu etwas anderem noch genötigt als zum Aufnehmen der Wissenschaft in einer solchen Art, wie etwa die herrschenden Kreise diese neuere Wissenschaft, die gleichzeitig heraufkam mit der modernen Technik und dem Kapitalismus, aufnahmen. Ich möchte immer wieder und wiederum ein Beispiel anführen, das ich schon neulich hier in dieser Frage zur Illustration brachte. Ich habe gerade über dieses Gebiet gesprochen. Man konnte selbst ein so draufgängerischer Naturforscher sein wie Karl Vogt, der dicke Vogt, man konnte ein naturwissenschaftlicher Popularisator sein, wie Büchner, man konnte sich in der Art von beiden recht freidenkerisch, recht aufgeklärt vorkommen; man konnte sich sagen: hinweg von mir alle die alten Vorurteile. Aber dabei wirkte doch dasjenige, was diese moderne wissenschaftliche Gesinnung bei diesen Klassen hervorgebracht hatte, ganz anders, als es wirkte in der Seele des modernen Proletariers. Die leitenden, führenden Kreise, sie sprachen davon, daß die Menschen abstammen von tierischen Lebewesen. Ich will jetzt nicht davon sprechen, ob diese Lehre unsinnig oder irgendwie berechtigt ist, aber man sprach so, ich will nur die Tatsachen anführen. Aber diese Lehre ist von den herrschenden Klassen so gedacht, daß sie nur in die Köpfe hineinging. Man konnte eine Kopfübernatur gewinnen. Aber in dem gesellschaftlichen Leben, in der gesellschaftlichen Lebensordnung, in der man drinnen stand, da walteten Gesetze, die wahrhaftig nicht hergenommen waren von der Grundanschauung, daß alle Menschen in gleicher Weise von irgendwelchem Tiere abstammten. Und man fand es bequem, die gesellschaftliche Ordnung nicht sich einzurichten, nicht einmal recht sie zu denken im Sinne dieser modernen naturwissenschaftlichen Anschauung.
[ 14 ] Ich stand einmal, wie gesagt, ich erwähne diese Tatsache noch einmal hier in dieser Stadt, auf einem gemeinsamen Podium mit der kürzlich tragisch geendeten Rosa Luxemburg. Sie und ich sprachen dazumal vor einer größeren Arbeiterschaft in der Nähe von Berlin über die Wissenschaft und die Arbeiter. In ihrer ganz besonders eiindringlichen Weise, in ihrer ruhigen und gelassenen Art sprach sie dazumal vor allem aus dem Geiste der modernen Wissenschaft heraus; aber sie sprach eben zu modernen Proletariern. Sie sprach zu diesen modernen Proletariern etwa so: Man sehe nur einmal die Wissenschaft heute an. Es heißt, daß der Mensch seinen Ursprung nicht aus irgendeinem geistigen Urzustande hat, denn, so sagte sie - ich zitiere ihre Worte fast wörtlich -, der Mensch wäre ursprünglich ein recht unanständiges Wesen gewesen, das auf Bäumen kletterte, und von solchen Wesen stammen wir alle ab. Da ist natürlich - sagte sie dann - kein Grund dazu, Rangunterschiede unter den Menschen zu machen, wie sie die heutige gesellschaftliche Ordnung macht. - Ja, sehen Sie, man konnte ein aufgeklärter Mensch sein und in dem Kreise der führenden, leitenden Klasse drinnen stehen, man konnte eine Kopfüberzeugung haben, aber dasjenige, was so gesprochen wurde, das wirkte doch anders auf den modernen Proletarier. Der moderne Proletarier kam mit einem großen, mit einem riesengroßen Vertrauen dieser - man muß es sagen - bürgerlichen Wissenschaft entgegen, denn er glaubte, daß sie die absolute Wahrheit enthalte. Und weil er hinweggerufen worden war an die Maschine, in die Fabrik, in die kapitalistische Wirtschaftsordnung hinein, weil er aus allem Früheren herausgerissen war, weil er auch nicht mehr Überlieferungen erhalten hatte, keine Traditionen, weil er nicht in einem ganz neuen Lebensverhältnis bleiben konnte, war er genötigt, das, was ihm diese bürgerliche Wissenschaft gab, als an den ganzen Menschen gerichtet zu nehmen und sich zu fragen: Ist sie so, die Welt, wie sie sich darstellt in den Augen dieser modernen Wissenschaft?
[ 15 ] Das ist die Hauptrichtung des geistigen Lebens des modernen Proletariers. Das ist dasjenige, was ihn immer wieder und wieder in der Seele zu der Empfindung nötigt, daß es so nicht weitergehen kann. Und dahinter verbirgt sich die eine der Forderungen.
[ 16 ] Die zweite der Forderungen, man konnte sie immer wieder und wieder hören, wenn man nicht bloß den leitenden Kreisen angehörte und dadurch in bestimmter Weise über das Proletariat dachte, sondern wenn man, unter dem Proletariat lebend, mit dem Proletariat denken und sprechen konnte - man konnte es immer wieder und wiederum fühlen und empfinden. Jeder, der innerhalb dieser Kreise lebte, weiß, daß mit dem Begriff «Mehrwert» und allem, was damit zusammenhängt, durch Karl Marx und seine Nachfolger in theoretischer Art etwas in die Arbeiterschaft hineingeworfen wurde, das zündend wirkte. Denn in dieser modernen Arbeiterschaft war etwas, das aus den Lebensverhältnissen der neueren Zeit heraus verstand, tief schmerzlich verstand, was Mehrwert ist.
[ 17 ] Hier ist der Punkt, wo man sagen muß: Wir stehen heute an einem Wendepunkte der geschichtlichen Entwickelung. Eine Kritik war dasjenige, was im modernen Proletariat lebte, an dem, was die leitenden Kreise bisher in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit besorgt haben. Zum Handeln ist heute das moderne Proletariat aufgerufen. Dieses Handeln wird nur möglich sein, wenn gerade in diesem Punkte, der sich an das Wort Mehrwert anschließt, man den Mut haben wird, allüberall, wo man weiterkommen will im menschlichen Leben selbst, über das hinauszugehen, was Karl Marx gemeint hat, als er von Mehrwert und dem damit Zusammenhängenden sprach.
[ 18 ] Was war es denn, was in Anknüpfung an diesen Mehrwert ein so tiefes, empfindungsgemäßes Verständnis hervorrief in der Seele des modernen Proletariers? Es war dasjenige, was den Grundnerv des ganzen modernen Wirtschaftssystems berührte. Was ist Wirtschaft? Wirtschaft, auf deren Grundlage wir alle materiell leben? Was ist Ware, Produktion, Zirkulation, Konsumtion? In diesen Kreislauf des Wirtschaftslebens, in welchem nur Ware zirkulieren sollte, ist in einer gewissen Form seit alten Zeiten, sich abschälend von anderen Formen, dasjenige eingetreten, was man nur dadurch charakterisieren kann, daß man sagt: Innerhalb der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung lebt weiter die Arbeitskraft des modernen Proletariers in derselben Weise wie eine Ware. Sie wird gekauft, sie wird wie eine Ware getauscht gegen andere Waren. - Das empfindet der moderne Proletarier. Was auch immer in kleinen Brocken geschehen ist, um gewissermaßen seine Aufmerksamkeit abzulenken von dieser Fundamentaltatsache, wir stecken tief drinnen in einem Zusammenhang, in dem die proletarische Arbeit nichts weiter ist als eine Ware. Hier empfindet der moderne Proletarier noch viel mehr, als man eigentlich bisher genötigt war, in theoretischen Worten, selbst in der sozialistischen Wissenschaft, zum Ausdruck zu bringen, hier empfindet der moderne Proletarier das ganze Menschenunwürdige seines Daseins. Er sieht in seinem Dasein nur die Fortsetzung des alten Sklavendaseins, des mittelalterlichen Systems der Leibeigenschaft. Der Sklave wird als ganzer Mensch verkauft; der moderne Proletarier muß, weil er selbst nichts besitzt, auf den Arbeitsmarkt seine Arbeitskraft tragen, die ihm abgekauft wird. Aber kann man denn die Arbeitskraft auf den Arbeitsmarkt tragen, ohne sich selbst hinzutragen? Ist man nicht mit ihr als Mensch so verknüpft, daf? man als Mensch das Schicksal erleidet, das die eigene Arbeitskraft erleidet? Das ist es, worauf es ankommt: Nicht nur eine andere Form der Entlohnung, die nichts weiter ist als ein Kauf von Arbeitskraft als Ware, sondern die Entkleidung der Arbeitskraft von dem Warencharakter im modernen Wirtschaftsleben muß angestrebt werden. Das ist gerade die mehr oder weniger deutlich ausgesprochene Frage des modernen Proletariats: Wie kann es geschehen, daß der Mensch, auch wenn er nichts anderes in den gesellschaftlichen Organismus hineinzutragen hat als seine Arbeitskraft, ein menschenwürdiges Dasein erhält? Was bedeutet es eigentlich, daß seine Arbeitskraft, die in keiner Weise sich vergleichen läßt mit irgendeiner Ware, nicht mehr als Ware ist? Was ist das eigentlich? Das ist die große Lebenslüge: Dasjenige, was nie in Wirklichkeit Ware werden kann, Arbeitskraft, wird im modernen Leben zur Ware gemacht. Dadurch ist das eine experimentierende, eine in die Wirklichkeit hineingeworfene Tatsachenlüge; die muß in Wahrheit umgewandelt werden -, so könnte man radikal die Forderung in diesem Punkte stellen, formulieren.
[ 19 ] Und das dritte ist dasjenige, was der moderne Proletarier sieht: Es ist Kampf. Er blickt hin auf das moderne Wirtschaftsleben; er hat in den Tiefen seiner Seele ein Gefühl davon, daß im Wirtschaftsleben Heilsames nur erblühen kann aus Gemeinsinn heraus. Wie würde er sich im speziellen Falle zum Beispiel ausdrücken, der Gemeinsinn? Nun, man kann ja in einem Spezialfall sagen: Der Unternehmer, der Arbeitgeber und der Arbeiter, sie produzieren miteinander. Es müßte also die Gemeinsamkeit, der Gemeinsinn darin bestehen, daß sie gegenüber dem sozialen Organismus dasselbe Interesse haben. Stattdessen kauft der Unternehmer wie eine Ware dem Arbeiter die Arbeitskraft ab, während sie das Erzeugnis, das Produkt gemeinsam produzieren. Er gibt ihm von dem Produkte eben nichts weiter als den Kaufpreis für diese Ware ab. Darüber hilft nicht hinweg, wie es auch immer mehr oder weniger verbrämt auftritt, der Arbeitsvertrag. Solange dieser Arbeitsvertrag geschlossen wird über die Verwendung der Arbeit des Proletariers, so lange muß dieser Vertrag immer die Arbeitskraft zur Ware machen. Einzig und allein möglich muß es werden, daß der Vertrag zwischen dem, was man heute den Arbeiter, und dem, was man heute den Unternehmer nennt, nicht geschlossen zu werden braucht, nicht geschlossen werden darf über die Arbeit, sondern daß er geschlossen werden muß über die Teilung des Produkts zwischen dem Arbeiter und dem Leiter der Arbeit. Es gibt keine andere Gerechtigkeit auf diesem Gebiete. Es gibt keinen anderen wirklichen Ausdruck dessen, was man als Gemeinsinn bezeichnete auf diesem Gebiete. Was aber sieht der moderne Proletarier statt eines solchen Gemeinsinnes? Nun, er sieht den Klassenkampf. Er sieht seine aus der physischen Arbeitskraft heraus produzierende Klasse im Kampfe mit der Unternehmerklasse, und er sieht in die Unternehmerklasse hineinfließen den Mehrwert, ohne daß er einen Anteil hat an denjenigen «Schicksalen», welche dieser Mehrwert hat innerhalb des sozialen Organismus.
[ 20 ] Der Proletarier ist wahrhaftig nicht so dumm, daß er glaubt, Mehrwert brauche man nicht zu erzeugen. Wenn man alles aufessen würde, was man durch Handarbeit erzeugt, dann gäbe es keine Schulen, überhaupt keine geistige Kultur, dann könnte auch kein Staatswesen existieren; Steuern würde es nicht geben und so weiter; denn alles dasjenige, was in diesen Dingen ist, von denen doch wohl auch der Proletarier weiß, daß sie der Entwickelung der Menschheit notwendig sind, das fließt aus dem Mehrwert. Aber der Proletarier will etwas anderes. Und diejenigen verhüllen die Tatsachen, die die moderne proletarische Frage nur wie eine Brotfrage auffassen. Gewiß, sie ist eine Brotfrage; aber darauf kommt es an, wie diese Brotfrage gefühlt wird. Aus ganz anderen Untergründen heraus, aus dem Gefühle eines menschenunwürdigen Daseins empfindet heute der moderne Proletarier. Das ist es, worauf es ankommt. Und statt des Gemeinsinnes fühlt er den Klassenkampf zwischen sich und demjenigen, mit dem er gemeinsam für den sozialen Organismus produziert.
[ 21 ] Was also ist dann denn die Erfahrung dieses modernen Proletariers im modernen Leben eigentlich? Indem man diese Frage aufwirft, sachgemäß, kommt man schon darauf, durch welche praktischen Maßnahmen die proletarischen Forderungen der neueren Zeit in der Zukunft befriedigt werden können. Man kann sagen: Jawohl, bisher hat es sich in einer gewissen Weise als eine Wahrheit erwiesen, als eine Wahrheit der letzten Jahrhunderte, daß das geistige Leben nur etwas wie ein Überbau, wie eine Ideologie ist, wie ein Rauch, der herauskommt aus dem, was das bloße Wirtschaftssystem ist. Allein, tief im Innern empfindet der Proletarier die Sehnsucht nach einem wirklichen Geistesleben, nach einem Geistesleben, das da ist zur Befriedigung jedes menschlichen Daseins. Wenn er auch sagt, alles Geistesleben komme aus der Wirtschaftsordnung heraus, im Unbewußten will er gerade ein Geistesleben, das nicht aus der Wirtschaftsordnung herauskommt, will er ein freies, auf sich selbst gestelltes geistiges Leben, will er ein wahres geistiges Leben. Das ist das eine.
[ 22 ] Das zweite ist: Er sieht hin auf den modernen Staat. Was sieht er in diesem modernen Staat? Er sieht in diesem modernen Staate den Klassenkampf, und er hat das Gefühl, da, wo der Klassenkampf herrscht, da herrscht etwas nicht, was aus jedem menschlichen Bewußtsein heraus als eine notwendige Forderung des Lebens sich ergibt. In einer gesellschaftlichen Ordnung, in welcher der Klassenkampf herrschen kann, herrscht das Vorrecht; denn woher würde der Kampf der leitenden Kreise gegen die besitzlosen Kreise kommen, wenn nicht von einem Vorrechte? Aber es darf nicht das Vorrecht herrschen - so sagt die Seele -, es muß das Recht herrschen. Das ist die zweite Forderung. Das ist diejenige, die sich etwa so aussprechen läßt: Der moderne Proletarier sieht in dem modernen Staat die Verkörperung des Klassenkampfes. Er aber fordert auf dem Boden, auf dem der Klassenkampf herrscht, das Recht. Und er sieht auf dem Boden der modernen Wirtschaftsordnung sich dasjenige entwickeln, was seine Arbeitskraft zu einer Ware macht. Er sieht sich hineingespannt in diesen Wirtschaftsprozeß. Gewiß, theoretisch hat das Proletariat bisher als Wissenschaft aufgestellt, daß alles vom volkswirtschaftlichen Leben abhängig ist. Allein in den Tiefen der Seele, da wühlt es: ich will unabhängig werden von jenem Wirtschaftsleben, das jetzt herrscht; ich will ein ganz anderes Leben, als dasjenige, was von diesem Wirtschaftsleben abhängig ist.
[ 23 ] Sehen wir von diesem Gesichtspunkte aus die großen, weithin sprechenden Tatsachen der Gegenwart, die Europa beunruhigen, und immer mehr beunruhigen werden, sehen wir sie uns an, dann sprechen sie so: Aus rein materiellen Interessen der leitenden, führenden Kreise hat sich ein Geistesleben ergeben. Das ist nicht dasjenige, was allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein gibt. Aus dem, was die leitenden Kreise unter der Entwickelung von Technik und Kapitalismus aus dem modernen Staate gemacht haben, hat sich ein Gemeinwesen des Vorrechtes, nicht des Rechtes ergeben. Und Klassenkampf muß aufhören, Rechtsleben muß an dessen Stelle treten. Im Wirtschaftsleben hat sich ergeben, daß die Arbeitskraft eingespannt wurde in die Warenzirkulation; auf den Warenmarkt bringt man die menschliche Arbeitskraft. Herausgenommen werden muß aus dem reinen Wirtschaftskreislauf die menschliche Arbeitskraft. Das ist es, was sich in den jetzigen welthistorischen Tatsachen ausspricht. Wodurch ist das alles gekommen?
[ 24 ] Nun, man braucht nur einige Tatsachen, die sich aber verhundertfachen ließen, einmal unter den Gesichtspunkt einer bestimmten Frage zu stellen. Es wird Sie vielleicht überraschen, daß hier gerade von dem Gesichtspunkte gesprochen wird, den ich jetzt andeute. Allein, wir stehen heute in einem entscheidenden Wendepunkte der sozialen Bewegung. Man hat in der letzten Zeit oftmals, mehr oder weniger geistreich ausgedrückt, die Phrase hören können, die aber gewiß nicht, durchaus nicht bloß Phrase ist: Dasjenige, was diese Weltkriegskatastrophe heraufgebracht hat, das war noch nicht da, seit die Menschheit eine geschichtliche Erinnerung hat. Das ist oft und oft wiederholt worden. Weniger hört man aber die Empfindung betonen: Nun, wenn das so ist, wenn die Menschen in verhältnismäRig kurzer Zeit dazu gekommen sind, zehn Millionen Menschen zu erschlagen, und achtzehn Millionen zu Krüppeln zu machen, wenn dieses unvergleichlicherweise eingetreten ist, warum bequemen sich denn die Menschen nicht vielleicht zu fragen: Müssen wir nicht, um solche Dinge unmöglich zu machen, zu neuen Gedanken greifen, zu Gedanken, die ebenso unmöglich sind gegenüber den bisherigen Denkgewohnheiten, wie dieser Weltkrieg gegenüber den bisherigen Erlebnissen der menschheitlichen Geschichte? Sie müssen entschuldigen, wenn nach der einen oder anderen Seite hin ich die Gedanken, die hier gemeint sind, etwas radikal. ausdrücke. Sehen wir uns einzelne Tatsachen, die, wie gesagt, sich verhundertfachen ließen, an. Ein recht charakteristisches Beispiel, wie ein Staat aus den Bedingungen der abgelaufenen Epoche heraus lebte, das ist Österreich. Ich kann gerade darüber reden, denn ich habe drei Jahrzehnte, die Hälfte meines bisherigen Lebens, in Österreich verbracht. Man kann gerade an diesem österreichischen Staate studieren, worinnen eigentlich dasjenige liegt, was einen sozialen Organismus in unserer Zeit zugrunde richten kann, ja zugrunde richten muß. Als man in den sechziger Jahren anfing, aus dem alten österreichischen Patriarchalismus, Despotismus heraus ein sogenanntes bürgerliches Verfassungsleben zu entwickeln, da wurden in den Österreichischen Reichsrat hinein die Abgeordneten gewählt nach vier Kurien: erstens die Kurie der Großgrundbesitzer; zweitens die Kurie der Handelskammer; drittens die Kurie der Städte, Märkte und Industrialorte; viertens die Kurie der Landgemeinden. Die letzteren sogar wurden nicht unmittelbar gewählt, sondern mittelbar, weil man die Landgemeinden nicht für so ganz sicher hielt. Die Vertreter dieser vier Kurien waren nun im Österreichischen Reichsrat und machten Gesetze, machten Rechte. Was heißt das aber? Das heißt, es waren reine Wirtschaftsvertreter, Vertreter des reinen Wirtschaftslebens in dem Parlamente, und die machten Gesetze. Was muß da herauskommen? Die Interessen des Wirtschaftslebens müssen sich einfach umwandeln in Gesetze, in Rechte, in Rechte über die Arbeitskraft, in Rechte über den Besitz. So sonderbar es scheint, es wurde über den Besitz auch manche bürgerliche nationalökonomische Rede gehalten: Besitz nämlich ist ein Recht, Besitz an Produktionsmitteln, Besitz an Grund und Boden ist ein Rechtsverhältnis. Denn alles andere, was Sie über den Besitz definieren werden, hat im volkswirtschaftlichen Prozeß keine Bedeutung. Bedeutung hat allein das, was Besitz begründet, das Recht, sich einer Sache ausschließlich, mit Ausschluß der anderen, zu bedienen. Das Verfügungsrecht darüber zu haben, das ist dasjenige, was die volkswirtschaftliche Grundlage ausmacht. Wir haben es im bisherigen Staat statt mit einem Recht mit einem Vorrecht zu tun.
[ 25 ] Da haben wir das eine Beispiel, das man unendlich vermehren könnte. Wo das nicht durch ein Wahlgesetz bestimmt war in der alten Ordnung, konnte es sich von selbst machen. Jener Bund, der sich der Bund der Landwirte nannte, war ja zum Beispiel im Deutschen Reichstage eine rein wirtschaftliche Interessenvertretung. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Im Deutschen Reichstag gab es ja auch das sogenannte Zentrum, eine rein religiöse Gemeinschaft. Da wurde das Geistesleben hineingetragen in das Rechtsleben. Also geistige Interessen sprachen sich im Rechtsleben aus. Das alles hängt zusammen mit dem, was aus den Interessen der bisher führenden Kreise allmählich aus dem modernen Staat geworden ist. Als die neuere Zeit heraufkam mit ihrer Technik, mit dem Kapitalismus, da fand man diesen Staat, wie er sich aus dem Mittelalter herausgebildet hatte, als einen Rahmen vor. Man bezog in diesen Staat zunächst das Geistesleben ein, bildete das Theologische aus, Theologen, wie man sie im Staate haben wollte, Juristen, Mediziner, insbesondere die Schulmänner; alles das bildete man aus. Das ganze geistige Leben spannte man in den Staat ein. Wie hypnotisiert war man von dem Gedanken: der Staat kommt ja unseren Interessen entgegen, also lassen wir in ihm auch so lehren, lassen wir das geistige Leben so verwalten, wie es unseren Interessen angemessen ist, wie es aus diesem Staate selbst hervorgehen kann.
[ 26 ] Und auf der anderen Seite glaubte man dem Fortschritte zu dienen, im Sinne der neueren Zeit zu wirken, wenn man zunächst gewisse Wirtschaftszweige, das Postwesen, Telegraphenwesen, Eisenbahnwesen in diesen modernen Staat einspannte. Das ist die Tendenz: alles zusammenzuschmelzen in dem modernen Staat. Das ist eine bürgerliche Tendenz. Auch der Sozialismus ist im Grunde genommen nichts anderes als die Erbschaft des Bürgertums, die er angetreten hat, indem er seinerseits die Ideen des alten Genossenschaftswesens wieder aufnahm, dadurch aufnahm die kapitalistische Wirtschaftsordnung, die aus seinen Forderungen heraus mit Recht überwunden werden muß. Daß er aber nun wiederum, den Rahmen des Staates benutzend, den sozialen Organismus zu einer großen Genossenschaft machen will, das ist das bürgerliche Erbe. Eine Heilung, eine wirkliche Gesundung des sozialen Organismus kann sich nur ergeben, wenn man einen Blick dafür hat, wie die Schäden, unter denen wir leben, gerade dadurch entstanden sind, daß man drei Gebiete, die nichts miteinander zu tun haben, miteinander verschmolzen hat, und daß der moderne Staat alles aufnehmen mußte, weil immer mehr und mehr gefragt wurde: Was soll der Staat tun? - Was ertun kann, man hat es gesehen in den Verheerungen, Verwüstungen Europas, die in den letzten viereinhalb Jahren eingetreten sind! Heute gebührt es vielmehr zu fragen: Was soll der Staat eigentlich unterlassen? Was ist besser, wenn er es nicht tut? - Zu dieser Frage müßte man sich heute aufschwingen. Wenn Sie den ganzen Kreis der Auseinandersetzungen betrachten, wie wir sie bisher gepflogen haben, dann werden Sie nicht erstaunt sein, wenn ich Ihnen sage, daß man auf der Grundlage gewissenhaftester Betrachtung des sozialen Lebens, wirklich mit ebenso guter Wissenschaft, die nur nicht in allen Einzelheiten im Laufe eines einzigen Vortrages vorgeführt werden kann, dazu kommt, die Forderung aufzustellen, die heute notwendigste praktische Forderung geradezu zur Befriedigung der proletarischen Bedürfnisse, nämlich: den Rückweg anzutreten in bezug auf das Verstaatlichen, in bezug auf das Zusammenschweißen von drei Dingen, die im Leben ganz verschieden voneinander sind.
[ 27 ] Damit wir uns besser verstehen, lassen Sie mich Sie erinnern an jene drei Grundideen der neueren Zeit, die am Ende des 18. Jahrhunderts aus innerstem Bedürfnisse der Menschheit heraus, aus der Französischen Revolution heraus wie eine Devise der neueren Zeit erklungen sind: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. - Nun, es waren keineswegs dumme Leute des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Zeit, die immer wieder und wiederum gezeigt haben, daß diese drei Ideen miteinander nicht vereinbar sind, daß Freiheit nicht vereinbar ist mit Gleichheit und so weiter. Dennoch, wer das empfinden kann, empfindet diese Ideen selber als gesunde Stufen des menschlichen Lebens, selbst wenn sie sich widersprechen. Und warum widersprechen sie sich? Sie widersprechen sich nur, weil man sie als Forderung erhoben hat immer mehr innerhalb dessen, was nimmermehr eine einzige Zentralisation in sich selber sein kann, sondern was sich in drei voneinander unabhängige, nebeneinander sich entwickelnde Glieder spalten muß. Teilen muß sich in der Zukunft der soziale Organismus, wenn er gesund wirken will, zunächst in einen geistigen Organismus, wo alles geistige Leben seine eigene Gesetzgebung und seine eigene Verwaltung hat, wo vom untersten Lehrer an der Mensch nicht hört auf die Verfügung eines Staates, nicht eingezwängt wird in die Gewalt des Wirtschaftslebens, sondern einzig und allein lebt in einer Organisation, die auf geistige Gesetze selbst begründet ist, wo er sich ganz drinnen weiß in einer geistigen Welt, in einer rein geistigen Welt. Nicht darum handelte es sich, daß wir immer mehr und mehr in einen Beamtenorganismus, in einen Bürokratismus hineingeschnürt werden; denn Geistesleben kann sich nur entwickeln, wenn Herz und Sinn sich entwickeln für individuelle Initiative, für dasjenige, was in den persönlichen, in den individuellen Fähigkeiten des Menschen liegt. Werden sie im freien Geistesleben gepflegt, dann wird sich ein solches Geistesleben entwickeln, welches jedem Menschen ein menschenwürdiges Dasein bieten kann. Denn dann wird dasjenige, was als geistiges Leben sich entwickelt, nicht auf einem wirtschaftlichen Zwang, nicht auf einem staatlichen Zwang beruhen, sondern es wird allein aus den Impulsen entspringen, die der freien Menschlichkeit zugrunde liegen. Wer geistig produziert, wird zu allen Menschen sprechen und die geistige Organisation wird einzig und allein das Interesse haben, geistige Individualitäten zu pflegen. Die individuellen menschlichen Fähigkeiten sind eine Einheit, eine Einheit in Schulen, Mittelschulen, Universität, eine Einheit in Kunst und Wissenschaft. Einheitlich wirken aber diese mehr rein geistigen Zweige wiederum zusammen mit jenen individuellen Fähigkeiten, die in das Kapital hinein sich ergießen im sozialen Organismus.
[ 28 ] Der Kapitalismus kann allein dadurch auf eine gesunde Grundlage gestellt werden, daß er der Träger wird eines freien Geisteslebens. Das allein würde die Möglichkeit gewähren, die Forderung zu erfüllen, die heute gewöhnlich ausgesprochen wird mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Denn nur ein freies Geistesleben kann soziales Verständnis hervorrufen, und nur im freien Geistesleben ist es möglich, immerzu in die Allgemeinheit dasjenige überzuleiten, was mit Hilfe von Produktionsmitteln und von Grund und Boden zustande kommt. Das zunächst in bezug auf das freie Geistesleben.
[ 29 ] Als eine selbständige Organisation muß sich im gesunden sozialen Organismus auch dasjenige entwickeln, was Rechtsstaat ist, der eigentliche politische Staat. Er hat es zu tun zum Beispiel mit der Regelung der Verwaltung der Leitungsverhältnisse. Er hat es aber vor allem zu tun mit der Regelung der menschlichen Arbeitskraft, die herausgehoben werden muß nicht durch abstrakte Gesetze, sondern durch Menschen selber herausgehoben werden muß aus dem bloßen Wirtschaftsprozeß.
[ 30 ] Wie muß der Wirtschaftsprozeß verlaufen? Der Wirtschaftsprozefß ist auf der einen Seite abhängig von dem, was an seiner Grenze steht, von der Naturgrundlage, von den vorhandenen Rohstoffen eines Gebietes, von den Erträgnissen des Bodens und so weiter. Man kann bis zu einem gewissen Grade das Erträgnis des Bodens verbessern durch die Technik; aber eine Grenze ist da geboten, eine Grenze, welche errichtet wird für den Wohlstand, eine Grenze, von welcher die Preise abhängig sind. Das ist die eine Grenze. Im gesunden sozialen Organismus muß es eine zweite Grenze geben. Diese zweite Grenze ist der selbständig neben dem Wirtschaftsorganismus sich entwickelnde Rechts-, der politische Organismus. Im politischen Organismus wirkt das, wovor alle Menschen gleich sind, was demokratisch jeden Menschen angeht, wo jeder Mensch mit jedem Menschen sich verständigen muß. Das ist der Boden, auf dem entschieden werden muß aus den Interessen dieser Menschlichkeit heraus Maß und Art der menschlichen Arbeit. Dann erst, wenn auf dem vom Wirtschaftsboden unabhängigen Rechtsboden entschieden ist über Maß und Art der menschlichen Arbeit, dann fließt diese Arbeit in den Wirtschaftsprozeß hinein, dann ist die Arbeitskraft des Menschen preisbildend. Dann diktiert niemand der Arbeitskraft den Preis, dann ist sie so preisbildend, wie der Boden mit seinen Erträgnissen und so weiter selbst preisbildend ist. Das wird das große wirtschaftliche Gesetz der Zukunft sein, daß das Wirtschaftsleben eingespannt ist zwischen zwei Grenzen, so daß nicht aus den wirtschaftlichen Kräften selbst heraus Maß und Preis der menschlichen Arbeit bestimmt werden.
[ 31 ] Und das dritte unabhängige Gebiet wird das Wirtschaftsleben selbst sein. Ich kann der Kürze der Zeit willen nur andeuten, wie bedeutsam diese Umgestaltung des Wirtschaftslebens ist. Ich will ein konkretes Beispiel anführen, damit Sie sehen, daß ich Ihnen hier nicht vertrackte Theorien vortrage, sondern dasjenige, was aus dem praktischen Leben heraus ablesbar ist und in das praktische Leben hinein kann. Man braucht nur ein Wort zu nennen, dann steht in diesem Worte mit seinen Gedanken jeder Mensch sogleich im Wirtschaftsleben drinnen - nun, der eine in anderer Art als der andere -, man braucht nur das Wort «Geld» zu nennen. Aber sehen Sie, das Geld kennen ja die meisten Menschen; manche kennen es von den reichlichen Mengen, in denen sie es haben, manchen von den geringen Mengen, in denen sie es haben; aber sie glauben es zu kennen. Was aber Geld im sozialen Organismus eigentlich ist, davon haben, ich will nicht nur sagen, die Alltagsmenschen keine rechte Ahnung, sondern es haben unsere heutigen gelehrten Volkswirtschaftslehrer recht wenig Ahnung von dem, was eigentlich Geld ist. Die einen sind der Ansicht, das Geld beruhe auf dem Metallwert des Goldes oder des Silbers, der zugrunde liegt; die anderen sind der Ansicht, es sei eine bloße Marke, je nachdem der Staat mehr oder weniger dünne Anweisungen auf Waren und so weiter abstempelt. Man spricht von einem metaphysischen Prozeß des Geldes und so weiter, wie alle die Dinge sind; man hat ja in der Wissenschaft immer das Bedürfnis, recht gelehrte Worte zu wählen. Aber auf das alles kommt es nicht an; sondern die gelehrtesten Herren sind heute darinnen einverstanden, daß für das Austauschmittel Geld etwas da sein müsse. Dasjenige, was da sein müsse, sei der Goldschatz, auf den man immer wieder zurückkommen müsse, damit das Geld einen Wert habe.
[ 32 ] Nun läßt sich ja heute, nicht wahr, da England die Weltmacht besitzt und auf Gold besteht, im internationalen Verkehr selbstverständlich die Goldwährung nicht von heute auf morgen überwinden. Aber die Frage muß man doch gerade gegenüber der Gesundung des Wirtschaftslebens aufwerfen: Wie verhält es sich eigentlich damit, daß die Leute sagen, das zirkulierende Geld, gleichgültig in welcher Form, muß immer wieder zurückbezogen werden auf die Menge von Gold, die vorhanden ist in irgendeinem Staat, denn, so sagt man, Gold ist eine beliebte Ware, eine Ware, die längere Zeit ihren Wert nicht verändert. - Alle diese Theorien können Sie ja nachlesen. Man bezieht sich eben darauf, welche vorzüglichen Eigenschaften das Gold hat, um sich repräsentieren zu lassen durch das Geld.
[ 33 ] Nun, was ist es denn aber eigentlich, worauf in Wirklichkeit Geld sich bezieht, so bezieht, wie die Nationalökonomen glauben, daß sich das Geld auf das Gold bezieht? Hier ist ein größerer Fortschritt der Wissenschaft notwendig. Eine Antwort ist notwendig, an die die Leute heute noch nicht glauben werden. Ich werde ausführlicher in meinem demnächst erscheinenden Büchelchen über die soziale Frage auch von diesem sprechen. Die Leute behaupten heute noch, nicht an diese Antwort zu glauben. Allein, wer unbefangen hinblickt auf das Wirtschaftsleben, der bekommt zur Antwort, wenn er fragt: Was ist eigentlich der wirkliche, der reale Gegenwert für das zirkulierende Geld? - er bekommt die Antwort, so sonderbar es dem heutigen Menschen noch klingt: Gold ist nur ein Scheinwert, wo er auch sein mag. - Dasjenige, was in Wahrheit dem Gelde entspricht, das ist die Summe aller in einem sozialen Territorium vorhandenen Produktionsmittel, einschließlich Grund und Boden. Darauf bezieht sich alles das, was durch Geld nur ausgedrückt wird. Alle die schönen Eigenschaften, die die Nationalökonomen dem Golde zuschreiben, damit es die Währung abgeben kann, alle diese Eigenschaften, sie sind in Wahrheit zuzuschreiben den Produktionsmitteln. Daher muß gerade aus der Warenzirkulation mit Hilfe des Geldes die Frage resultieren: Wie kann werden dasjenige, was allerdings in immer fortgehender Verwandlung, in immer fortgehender Neugestaltung, aber als ein bester Wert, aller Volkswirtschaft zugrundeliegt, wie kann werden solch eine einheitliche Grundlage des Wirtschaftslebens, wie das Geld selbst, das nur der Repräsentant ist? Alles, was in den Produktionsmitteln lebt, so gemeinsam, wie seiner Art nach das Geld ist, so gemeinsam müssen die Produktionsmittel sein. Das heißt, ihre Zirkulation muß eine solche sein, welche dem entspricht, daß niemand an Produktionsmitteln arbeiten kann als dadurch, daß der gesamte soziale Organismus mitarbeitet.
[ 34 ] Zweierlei ist zu berücksichtigen dabei. Erstens, daß dem gesellschaftlichen Organismus Unendliches verloren gehen würde, wenn man die individuellen Fähigkeiten ausschließen würde. Der Mensch soll durch seine individuellen Fähigkeiten, solange er sie hat und solange er sie gebrauchen will, für den sozialen Organismus arbeiten. Aber in dem Augenblicke, wo er nicht mehr für den sozialen Organismus arbeitet, müssen die Produktionsmittel, die er verwaltet, übergeführt werden durch den Rechtsstaat in die Allgemeinheit des sozialen Organismus.
[ 35 ] Ich brauche nur auf einen Zweig unseres modernen Lebens hinzuweisen, da ist die Sache durchgeführt. Es ist derjenige Zweig, der dem modernen Menschen so ziemlich als der schofelste, als der allerunbedeutendste, unbeträchtlichste gelten muß, weil man ihn so behandelt im modernen Kapitalismus: das ist das geistige Leben. Was man geistig produziert, das hängt ganz gewiß mit der individuellen Fähigkeit zusammen; aber dreißig Jahre nach dem Tode geht es in die Allgemeinheit über, gehört einem nicht mehr. - Dieses schofelste, dieses unbedeutendste Gut, das wird heute so behandelt. Man sucht einen Weg, wodurch das, was der einzelne hervorbringt, übergeleitet wird in die Gesellschaft. Um diese Überleitung geht es. Es ist auch auf geistigem Gebiete durchaus gerecht. Denn das, was man auf Grundlage seiner individuellen Fähigkeiten hat, verdankt man trotzdem dem sozialen Organismus, und man muß dem sozialen Organismus das wieder zurückgeben, was man auf Grund seiner individuellen Fähigkeiten erlangt hat.
[ 36 ] So muß in der Zukunft durch den Rechtsstaat auch das, was mit Hilfe von materiellen Produktionsmitteln hervorgebracht wird, in die Allgemeinheit übergeleitet werden. Nicht darüber hat man nachzudenken, wie man bürokratisch vergesellschaften kann die Produktionsmittel, wie in der bisherigen Gesellschaftsordnung. Herausgewachsen sind diejenigen, die unterdrücken, aus dem Kapitalismus heraus. So wird sich in der zukünftigen Gesellschaftsordnung aus dem Bürokratismus heraus, aus den eigenen Reihen derer, die sich heute Sozialisten nennen, der Unterdrücker rekrutieren, wenn man nur hinarbeiten würde auf eine genossenschaftliche Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Aber eine gerechte Entfaltung dessen, was der einzelne aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus produziert, eine gerechte Überleitung ist diejenige in die Vergesellschaftlichung. Dahin hat man zu streben. Dann wird man, wenn man dies durchdenkt, einsehen: Viele haben aus einer alten Wirtschaftsgestaltung und Staatsordnung, Geistesordnung heraus gesagt: wollen wir die Menschheit zusammenhalten, dann brauchen wir, was sich gegenseitig stützt, Thron und Altar. Nun ja, in der neueren Zeit ist der Thron oftmals ein Präsidentensessel, und der Altar eine Wertheimsche Kasse. Die Gesinnung ist aber bei beiden oftmals ganz ähnlich.
[ 37 ] Es fragt sich nur, ob es besonders viel besser werden würde, wenn sich Thron und Altar bloß verwandeln würden in Kontor und Maschine und Fabrik, und wenn alles statt der bisherigen Verwaltung eine bloße Buchführung würde. Dasjenige, was man als soziale Forderung stellt, das ist tief berechtigt; allein, wir leben in einem geschichtlichen Wendepunkte. Wir brauchen Gedanken, welche das Alte gründlich umformen. Und wie zueinander gestrebt haben Geistesleben, wirtschaftliches Leben, politisches Staatsleben unter dem Einfluß der bürgerlichen Kreise der neueren Zeit, so sollte verstehen der moderne Proletarier, daß der Rückweg angetreten werden muß. Hat doch dieser moderne Proletarier sich ein Verständnis für die Gliederung angeeignet dadurch, daß er studiert hat, wie die einzelnen Wirtschafts- und Lebenskreise zueinander wirken müssen, hat er doch den Klassenkampf studiert, hat er doch die Wirtschaftskreise in ihrem Verhältnis zueinander wirklich kennengelernt! Ein Verständnis müßte er haben, daß die Einheit des sozialen Organismus nicht gestört, sondern im Gegenteil gefördert wird, wenn nicht eine bloße einheitliche Zentralisierung, in der alles vermuddelt wird, gesucht wird, sondern wenn voneinander getrennt werden mit eigenen Verwaltungen, mit eigenen Gesetzmäßigkeiten die drei Zweige, geistige Organisation, Rechts- oder Staatsorganisation, Wirtschaftsorganisation.
[ 38 ] Sagen Sie nicht, das sei kompliziert, wie souveräne Staaten aufeinander wirken sollten! Das wird sich alles in viel intensiverer Weise, in einer viel harmonischeren Weise ergeben als jetzt, wo alles durcheinanderflutet und chaotisch ist. Wird der moderne Proletarier, hinschauend und hinfühlend auf seine Forderungen, nach wirklich praktischen Lösungen seiner Lebensfragen, nach Erfüllung seiner Hoffnungen streben, dann wird er dieser Gliederung, die vielleicht heute noch fremd klingt, sich zuwenden. Und ich glaube nicht, daß in anderen Kreisen soviel Verständnis jemals sein könnte für die neueren geschichtlichen Dinge, wie gerade in proletarischen Kreisen. Oh, ich habe es gesehen, indem ich in den letzten viereinhalb Jahren oft und immer wiederum den Leuten Vorschläge nach dieser Richtung gemacht habe, ich habe ihnen gesagt: Dasjenige, was mit dieser Dreigliederung gefordert wird, das ist nicht ein abstraktes Programm, nicht ein Hirngespinst, das in einer Nacht entstanden ist, das ist aus dem Leben heraus, das ist dasjenige, was in den nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahren sich namentlich in Europa verwirklichen will. Und es wird sich verwirklichen, ob ihr nun wollt oder nicht; ihr habt nur die Wahl, entweder jetzt Vernunft anzunehmen, und aus der freien Wahl heraus manches zu verwirklichen, oder ihr steht vor Revolutionen ungeheuerster Art. - Nun, die Revolutionen sind bald gekommen!
[ 39 ] Deshalb glaube ich, daß derjenige, der durch die äußeren Lebensverhältnisse hingestellt worden ist an dasjenige, was menschlich zunächst nichts sagt, an die leblose Maschine, eingespannt worden ist in den verödenden Kapitalismus, ich glaube, der müsse ein Verständnis haben für solche Ideen, die vom Alten sich unterscheiden, die aber mit dem Neuen, Entstehenden, Werdenden innig verwandt sind. Und ich habe die Überzeugung und glaube, daß sie sich allmählich in die Herzen und Seelen des neueren Menschen, des modernen Proletariers insbesondere, einsenken werden, ich habe die Überzeugung: Versteht der Proletarier im richtigen Sinne diese Forderungen und die Möglichkeit ihrer Lösung, dann wird er, indem er ein klassenbewußter Proletarier geworden ist, der nach seiner Befreiung hinarbeitet, seine Klasse, damit zugleich aber den Menschen befreien, dann wird er etwas anderes an die Stelle der Klasse setzen: den dreigliedrigen gesunden sozialen Organismus. Er wird dann damit nicht bloß der Befreier seiner Klasse werden, sondern der Befreier der ganzen Menschheit, das heißt alles desjenigen, was als wahrhaft Menschliches in der Menschheit befreit zu werden verdient und befreit werden soll.
[ 40 ] Diskussion
[ 41 ] Der Veranstalter spricht in tief empfundenen Worten sein Erstaunen darüber aus, daß der Arbeiterbewegung von ihr bisher ganz unbekannter Seite Verständnis entgegengebracht wird. Er spricht seinen Dank nicht nur für den Vortrag, sondern auch für die diesem vorausgegangene Geistesarbeit aus.
[ 42 ] 1. Redner (Dr. Schmidt): Ist mit der Zielsetzung Steiners einverstanden, fragt nach dem Weg zur Verwirklichung. Dieser sei vorgezeichnet durch die bisherige sozialistische Bewegung: Partei, Gewerkschaft, genossenschaftliche Bewegung. Die drei Lebensgebiete werden wie heute so auch in Zukunft unter sich verbunden bleiben, aber von den Trägern der sozialistischen Bewegung gestaltet werden. Erstes Ziel muß Änderung der wirtschaftlichen Ordnung im Sinne der Gleichheit sein.
[ 43 ] 2. Redner: Über den Inhalt der Zielsetzung wird man leicht einig werden. Dreigliederung sei eine Utopie (Hinweis auf Fourier). Der Weg dahin ist durch die Entwicklungstendenz der Zeit vorbestimmt: den Klassenkampf.
[ 44 ] 3. Redner: Auch die geistige Bewegung ist zu berücksichtigen. Jede Revolution ist durch Ideen vorbereitet worden.
[ 45 ] 4, Redner: Die Kriegserfahrungen haben die materialistische Geschichtsauffassung bestätigt. Widerspricht der Feststellung, daß der Sozialismus die bürgerliche Staatsgläubigkeit übernehme. Die Diktatur des Proletariats har keinen anderen Zweck, als die Abschaffung des Staates vorzubereiten. Geistige Freiheit wird erst in einer Gemeinschaft frei produzierender Menschen möglich sein. Nur die proletarische Massenbewegung hat Aussicht auf Erfolg.
[ 46 ] Rudolf Steiner: Was die verehrten Herren Redner gesagt haben, wird eigentlich gar nicht viel Möglichkeit bieten, auf das eine oder andere einzugehen, aus dem Grunde, weil es ja ganz natürlich ist, daß aus den geläufigen Anschauungen heraus die gemachten Einwendungen eben getan werden. Ich möchte sagen, ich habe bis ins einzelste herein die Dinge, die gesagt worden sind, erwarten können. Ich möchte nur mit Bezug auf einige mir wichtig erscheinende Punkte Ihre Zeit noch ein wenig in Anspruch nehmen.
[ 47 ] Vorerst möchte ich auf folgendes aufmerksam machen. Man kann, wenn so etwas gesagt wird, wie ich heute abend es gesagt habe, immer wiederum eine Art Einwand hören, der darinnen besteht, daß gesagt wird: Ich kann mir nicht gut vorstellen, wie die Dinge sich in Wirklichkeit umsetzen. Und auf der anderen Seite wird verlangt geradezu, daß man nur ja keine Utopie geben soll. Ich glaube schon, daß es eine Zeitlang dauern wird, bis man erkennen wird, dafß dasjenige, was ich heute abend vorgebracht habe, sich zu einer Utopie wirklich verhält, wie sich das Schwarze zum Weißen verhält: es ist nämlich das Gegenteil einer Utopie. Die Dinge hängen ein bißchen zusammen. Dasjenige, was ich sagen wollte, ist eben wirklich nicht anders zu charakterisieren als so, wie ich schon manchem Menschen gesagt habe: Das liegt in der Entwickelungstendenz der nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre. Und ob wir wollen oder nicht, wir werden es durchführen müssen, entweder durch Vernunft oder durch Revolutionen. Es gibt eben keine Wahl, es nicht durchzuführen, weil die Zeit selbst es will. Und die Entwickelung der Menschheit hat schon zuweilen wirklich Richtlinien, die sie eingeschlagen hat, auch wiederum zurückgemacht scheinbar, und es handelt sich ja natürlich nicht um einen wirklichen Rückweg in frühere Zustände, sondern natürlich ist dann der Rückweg ein Weg zu völlig neuer Gestaltung. Nicht wahr, das weiß man natürlich, dafß das Gewerkschaftsleben, das Genossenschaftsleben, das politische Parteileben in der neueren Zeit Ungeheures geleistet haben und daß dem sehr viel zu verdanken ist. Aber auf der anderen Seite muß man sagen, daß in all den Dingen, die da geleistet worden sind, eben doch irgend etwas Unbefriedigendes, etwas noch nicht Fertiges drinnen stecken muß. Wir stehen heute nicht vor der Überzeugung, daß neue Tatsachen da sind. Aber es ist etwas da in der Tat, was nun endlich in anderer Weise eine Orientierung fordert, als man es bisher gehabt hat! Wenn gesagt wird, ich hätte die Macht der Idee überschätzt - ich habe ja gar nicht von Ideen gesprochen! Ich habe gerade das Gegenteil von dem gesprochen, was man als Macht der Idee bezeichnen könnte. Was habe ich denn eigentlich hingestellt als Forderung? Ich habe hingestellt eine mögliche gesellschaftliche Organisation. Ich habe hingewiesen darauf, wie die Menschen stehen sollen zueinander, damit sie das Richtige finden. Ein Utopist geht eigentlich immer von der Idee aus, so und so solle die gesellschaftliche Ordnung gestaltet sein. Er hält sich im Grunde genommen für gescheiter als alle anderen Leute; auf ihn hat man zu warten, und nachdem er geredet hat, hat man nichts mehr weiter zu reden. Er setzt sich dann, wenn er den Kontakt nicht findet, in seine Dachkammer und wartet. Es fällt mir gar nicht ein, nicht im allergeringsten, weder auf einen Millionär zu warten, noch irgendwie zu glauben, daß ich über diese oder jene Dinge Besseres weiß als ein anderer Mensch.
[ 48 ] Sehen Sie, es gibt eine sehr allgemeine soziale Erscheinung, die der Mensch als einzelner Mensch nicht erreichen kann, das ist die menschliche Sprache selber. Unzählige Male wird gesagt: Wenn der Mensch auf einer einsamen Insel lebt, allein aufwächst, ohne andere Menschen reden zu hören, so kommt er selbst auch nicht zur Sprache. Die Sprache entwickelt sich aus einer sozialen Erscheinung am Menschen, durch die anderen Menschen. So ist es mit allen sozialen Impulsen. Wir können zu gar nichts Sozialem kommen, als indem die Menschen in der richtigen Weise aufeinander wirken; deshalb mußte ich entwickeln eine Idee. Es fällt mir gar nicht ein, zu glauben, daß man mit einer Idee irgend etwas reformieren kann. Ich suchte die Frage zu beantworten: Wie werden die Menschen, wenn sie in der richtigen Weise zueinander stehen, wenn sie verwalten auf der einen Seite das Wirtschaftsleben, auf der anderen Seite das Rechtsleben, auf der dritten Seite das Geistesleben, wie werden dann die Menschen sich entwickeln? Man wird vorzugsweise Assoziationen einrichten im Wirtschaftsstaat, aus Produzenten und Konsumenten, aus Berufsständen zusammengesetzt und so weiter; wenn sie im demokratischen Rechtsstaate leben, werden aus ganz anderen Voraussetzungen heraus erwachsen die Ideen, der Impuls der Gleichheit aller Menschen vor der Wirklichkeit. Wenn sie in der geistigen Organisation drinnen stehen: Wie werden sie da aufeinander wirken? Sehen Sie, man braucht ja nur auf die Wirklichkeit hinzuschauen. Ein Richter kann Tanten, Onkels, Großväter, Enkel haben und so weiter, die kann er recht lieb haben, zärtlich lieben, und das ist gut. Wenn aber einer stiehlt, und er gerade als Richter urteilen soll, so wird er es genau ebenso verurteilen müssen, aus der anderen Quelle heraus, wie er einen ganz Fremden verurteilen müßte.
[ 49 ] Es ist mir öfter gerade von Professoren erwidert worden, ich wolle die Menschheit in drei Klassen teilen. Das Gegenteil will ich! Früher wurde geteilt in Nährstand, Lehrstand und Wehrstand. Aber der heutige Lehrstand lehrt nichts. Der Nährstand ist nichts weiteres als ein Gewaltstand, und der Wehrstand, dem wird ja die Aufgabe gestellt, dasjenige den Besitzlosen zu sagen, was die Besitzenden wollen! Ja, sehen Sie, das ist dasjenige, was gerade überwunden werden soll: die Stände, die Klassen sollen überwunden werden gerade dadurch, daß man den Organismus als solchen, abgesondert vom Menschen gliedert. Der Mensch ist ja das Vereinigende. Er wird auf der einen Seite im Wirtschaftsorganismus drinnen stehen, und kann ebenso, indem er im Wirtschaftsorganismus drinnen steht, Mitglied der Vertretung des politischen Staates sein; er kann auch dem Geistesleben angehören. Dadurch ist die Einheit geschaffen. Ich will gerade den Menschen dadurch befreien, daß ich den sozialen Örganismus in drei Teile gliedere. Man verstehe das nur, um was es sich handelt: Um das Gegenteil einer Utopie, um eine wirkliche Realität handelt es sich. Es handelt sich darum, die Menschen aufzurufen, nicht zu glauben, daß man irgendeine vertrackte Utopie ausdenkt, sondern zu fragen: Wie soll man die Menschen sich gliedern lassen, damit sie im Zusammenwirken von sich aus das Richtige finden? Das ist der radikale Gegensatz zu allem anderen. Alle anderen gehen von der Idee aus; hier wird ausgegangen von der wirklichen sozialen Gliederung der Menschen, hier wird wirklich darauf aufmerksam gemacht, daß alle Unterschiede weggewischt werden dadurch, daß der Mensch selber, als bloßer Mensch das Einheitliche bildet. Und daher würde es mir leid tun, wenn gerade diejenige Ansicht Eindruck machte, die das Gegenteil von allem Utopismus für eine Utopie erklärt! Das ist dasjenige, was eigentlich die einzige mir leid tuende Finwendung ist, weil sie gerade den Nerv meiner Auseinandersetzungen nicht getroffen hat. Das ist das Wichtige, und darauf möchte ich ganz besonders aufmerksam machen.
[ 50 ] Also es handelt sich auch nicht um die Überschätzung irgendeiner Macht der Idee. Hier wird gar nichts auf die Macht der Utopie gegeben, sondern auf dasjenige, was Menschen sagen und denken und empfinden und wollen werden, wenn sie in einer menschenwürdigen Weise in den sozialen Organismus hineingestellt sind. Gerade deshalb, weil hier real gedacht wird, deshalb ist es natürlich schwierig, auf Einzelheiten hinzuweisen. Man kann das schon; aber jeder, der selber sich angewöhnt, real zu denken, der weiß, daß, wenn man die Menschen wirklich urteilen läßt, aus sich heraus urteilen läßt, sie über einen konkreten Fall vielleicht sogar verschieden urteilen können, und beide Arten können richtig sein. Ich will folgendes Beispiel anführen:
[ 51 ] Sehen Sie, man wird sich natürlich auch künftig durch seine individuellen Fähigkeiten der Produktionsmittel bedienen müssen; denn wer irgendeinen Betrieb leiten kann, der wird nicht um seinetwillen die Produktion zu leiten haben, sondern weil diejenigen, die bei ihm arbeiten, einen freien Vertrag mit ihm schließen, weil sie einsehen, daß ihre Arbeit besser gedeiht, wenn sie gut geleitet wird. Das ist eine Sache, die unbedingt zugrunde gelegt werden muß in der Zukunft, die ganz von selbst entstehen wird. Dann muß man sagen: Es entsteht eigentlich unter den Voraussetzungen, die hier gemacht werden, etwas Neues; es entsteht gar kein Besitz mehr, sondern nur eine Verwaltung. Man kennt dann nur eine Verwaltung. Denn ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß das materielle Gut ähnlich behandelt werden kann, wie das, was heute als das Schofelste angesehen wird, das Geistesgut. Das heißt, nach einer bestimmten Zeit, wobei wir nicht «nach dem Tode» denken, sondern dann, wenn der Betrieb nicht mehr mit den Produktionsmitteln produktiv arbeitet, gehen die Produktionsmittel an eine andere Leitung über. Das ist im einzelnen sehr kompliziert, aber eben, gerade weil wirklichkeitsgemäß gedacht wird, und nicht utopistisch gedacht wird, deshalb kann nur darauf hingewiesen werden: Die Menschen werden, wenn sie in der richtigen Weise zueinander stehen werden, das richtige Verhältnis finden. Das ist es, worauf es ankommt.
[ 52 ] Sehen Sie, man kann, nachdem so entscheidende Tatsachen eingetreten sind, nachdem gerade der Weltkrieg eingetreten ist, die Meinung haben, es müssen wirklich neue Ideen kommen, aber man kann nicht immer wiederum betonen: Wir müssen stehenbleiben bei unseren Forderungen! Das ist dasjenige, was seit Jahrzehnten proklamiert worden ist. Damit kommen wir nicht weiter, daß wir sagen: Wir wünschen eine Gesellschaft, die frei sich entfaltet, wir wünschen eine freie soziale Gesellschaft für den Menschen - aber wie? - Ich habe gesagt, bisher war es eine Art Politik, jetzt geht die Sache zu den Tatsachen über. Der verehrte Vorredner hat ganz richtig auf Rußland hingewiesen. Das ist ganz richtig. In dem Augenblicke, wo wirklich solche entscheidenden Tatsachen auftreten, da kann man nicht mehr bloß im Ungewissen tappen. Ja, darum handelt es sich, daß man irgend etwas ganz Bestimmtes sich vorstellen kann. Und das, glaube ich, könnte man an demjenigen, was ich vorgetragen habe, bemerken: Es ist nicht ein Programm, sondern es ist eine Wegrichtung. Sie können überall, wo Sie wollen, die gegenwärtigen Zustände von ihrem jetzigen Ausgangspunkte fortsetzen, wenn Sie nur wollen. Nehmen Sie nur einen solchen Umbau der früheren Verhältnisse, wie er in Rußland ist. Sie können jederzeit auf irgendeinem Gebiete, wenn damit begonnen wird, staatlich zu verwalten, dieses Geistesleben abstoßen, indem Sie zunächst freie Schulen begründen lassen, indem Sie im Wirtschaftsleben gerade freie Genossenschaften und so weiter begründen lassen. Sie können an jedem Punkte weiterarbeiten, wie auch der Ausgangspunkt sein mag. Man darf sich das nicht alles nach schweizerischen Verhältnissen vorstellen. Das Leben wird immer mehr international. In Deutschland ist heute schon etwas ganz anderes notwendig, als zum Beispiel vor einigen Jahren. Man kann von jedem Ausgangspunkt aus weiterarbeiten; es wird sich nur darum handeln, daß man weiter aufbaut. Und ich rechne eben darauf, sei es nun in einer Genossenschaft, in einer Gewerkschaft, in irgendeiner Partei, es ist ja schon da oder dort die Möglichkeit, daß etwas entsteht; wo man auch sitzt, man kann die Dinge so gliedern, daß diese drei Teile auf allen Gebieten herauskommen. Dann kommen wir zu einer wirklich sachgemäßen, vom gesunden sozialen Organismus geforderten Organisation, gerade nicht zu einer utopistischen oder utopischen Sozialisierung.
[ 53 ] Jede Utopie zu vermeiden, das ist dasjenige, was vor allen Dingen anzustreben ist, jeden Glauben auszurotten, daß man mit abstrakten Ideen irgend etwas machen kann. Man kann im sozialen Leben nur etwas mit Menschen machen, die wissen, was sie in der ganz bestimmten Lage, in die sie hineingestellt sind, wollen. Da handelt es sich gar nicht darum, daß heute ein Kampf vorliegt zwischen denjenigen, die noch Besitzlose und Besitzende zu nennen sind. Wenn sie arbeiten, wie das in der Bewegungsrichtung liegt, die ich heute vorgetragen habe, wenn die Besitzenden und die Besitzlosen in der richtigen Weise arbeiten, so wird es zu ihren Gunsten ausschlagen. Wehren sich die Besitzenden, so werden sie ihren Besitz bald verloren haben. Aber darum handelt es sich, daß in den Massen ein Wissen von dem lebt, was geschehen soll. Und sehen Sie, in dieser Beziehung ist es, möchte man sagen, mit sozialen Impulsen noch schlimmer, als mit medizinischen, mit technischen Stoffen. Wenn einer nichts versteht vom Brückenbau, und doch eine Brücke bauen wollte, so würde sie einbrechen. Wenn einer jemanden kuriert, na ja, da kann man meistens nicht nachweisen, ob der Patient gestorben ist trotz der Kur oder vielleicht sogar durch die Kur; da wird die Sache schon sengerig. Und beim sozialen Organismus, da wird die Sache am allermeisten sengerig, da kann man meistens nicht nachweisen, was Heilmittel und was Kurpfuscherei ist, weshalb man meistens im Unbestimmten herumredet. Sehen Sie, ich habe einen Redner gehört, der sprach auch über soziale Dinge; er wollte hauptsächlich beweisen, daß man eigentlich alles andere nicht brauchte, nur den Christus, dann wird alles im sozialen Leben gut. Nun, man soll durchaus nicht meinen, daß eine Debatte darüber nun angefangen werde. Aber ich habe dabei folgendes erlebt. Ich habe mich erinnern müssen an etwas, was ich in meiner Schulbubenzeit, ich glaube fast vor fünfundvierzig Jahren gelesen habe. Da stand: Christus war entweder ein Heuchler oder ein Narr, oder er war dasjenige, als was er sich selber bezeichnet hat: der Sohn des lebendigen Gottes. - Wie gesagt, ich kritisiere nicht, weder nach der einen noch nach der anderen Richtung; ich bemerke nur: Neulich war ich in Bern, und ein Herr hielt dort im Anschluß an die Völkerbundskonferenz eine Rede, in der er sagte, der ganze Völkerbund wird falsch organisiert - daß er falsch organisiert wird, glaube ich ja selber -, aber der sagte, er wird falsch organisiert, wenn man nicht eingeht darauf: Christus war entweder ein Narr, oder ein Heuchler, oder er war der Sohn des lebendigen Gottes, als den er sich selbst bezeichnete. - Kurz, alles das, was vor fünfundvierzig Jahren in meinem Schulbuch stand, das hat der Herr seiner gläubigen Versammlung vorgebracht. Und das ist vor allen Dingen ja zu bemerken: Dazwischen liegt doch eben gerade der Weltkrieg! Die Leute haben, nachdem sie zwei Jahrtausende Zeit gehabt haben, um ihre Dinge der Welt zu bringen, es so weit gebracht, daß trotzdem der Weltkrieg gekommen ist. Weist das nicht alles darauf hin, daß gerade durch den Weltkrieg etwas gelernt werden müsse? Ist es nicht sozial besser und den sozialen Organismus heilend, wenn auch auf sozialistischem Gebiete, auf dem Gebiete des sozialistischen Wissens, durch den Weltkrieg wirklich etwas Neues gelernt wird? Muß man sagen, wir bleiben konservativ bei den alten Ideen stehen, die ja auch in vieler Beziehung durch den Weltkrieg Schiffbruch gelitten haben? Das ist dasjenige, was ich besonders betonen will: Es ist wirklich vorauszusehen gewesen und es ist mir durchaus — ich sage das ohne alle Ablehnung - sehr wichtig, ich bin sehr froh, dafS Dinge gesagt worden sind, wie sie gesagt worden sind. Aber ich möchte doch betonen, daß ja durch das konservative Stehenbleiben, durch das starre Betonen dessen, was man ja gesagt hat durch die Jahrhunderte und was nun gesagt wird seit Jahrzehnten, durch dieses starre Betonen, durch dieses Stehenbleiben in diesem Konservatiiven, viel Schaden in der Welt angerichtet worden ist! Möge der Sozialismus nur ja nicht durch dieses konservative Stehenbleiben auch bei sich Schaden anrichten! Denn dieser Schaden wäre ein sehr, sehr großer, vielleicht ein viel größerer als der, der sonst schon angerichtet worden ist.
[ 54 ] Sie haben vielleicht gehört aus dem, was ich am Schlusse meines Vortrages gesagt habe, daf3 darauf gerechnet werden kann, daß gerade aus dem Sozialismus heraus, mehr noch aus dem Proletariat heraus, gerade die Befreiung dessen erfolgen kann, was im Menschen befreit werden soll. Es handelt sich also nicht um eine Idee, es handelt sich nicht um eine Überschätzung einer Idee, und ich habe auch nichts davon gesagt, daß der Sozialismus sich einigen müsse mit dem Staatsbetrieb und dergleichen; sondern es handelt sich darum, ein Menschheitsproblem zu lösen!
[ 55 ] Und weil ich glaube, daß beim einzelnen es ziemlich gleichgültig ist, was er von sich aus fordert, so solle er Gemeinsames mit anderen Menschen fordern. Man kann gar nicht anders, als mit sozialistischen Forderungen scheitern, wenn man sie als einzelner Mensch aufstellen will. Man muß sie aufstellen in der menschlichen Gemeinschaft.
[ 56 ] Also was ich fordere, ist nicht irgendeine Idee, nicht irgendeine Utopie, sondern dasjenige, was die Menschen von sich aus werden sagen können, wenn sie im sozialen Organismus drinnen stehen.
