Freedom of Thought and Social Forces
GA 333
26 May 1919, Ulm
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Freedom of Thought and Social Forces, tr. SOL
1. Die Dreifache Gestalt der Sozialen Frage
1. The Three Facets of the Social Question
[ 1 ] Wie an anderen Orten Württembergs und der Schweiz werde ich mir gestatten, auch hier über die einschneidendste, wichtigste Frage der Gegenwart zu sprechen, über die soziale Frage, und zwar in Anknüpfung an dasjenige, was erschienen ist in dem Aufruf, der vor einiger Zeit durch die deutschen Lande ging, «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt». Der Aufruf, der für die Dreigliederung des sozialen Organismus eintritt, dürfte den meisten von Ihnen vor Augen gekommen sein. Die weiteren Ausführungen desjenigen, was in einem solchen Aufruf selbstverständlich nur kurz angedeutet werden konnte, sind in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» gegeben. Einzelnes von dem, was von diesem Aufruf gesagt werden muß, gestatten Sie mir, Ihnen am heutigen Abend zu skizzieren.
[ 1 ] As I have done in other places in Württemberg and Switzerland, I will take the liberty of speaking here as well about the most pressing and important issue of our time—the social question—specifically in connection with what was published in the appeal that circulated throughout Germany some time ago, “To the German People and to the Cultural World.” Most of you are likely familiar with the appeal, which advocates for the threefold social order. Further elaborations on what could, of course, only be briefly touched upon in such an appeal are provided in my book *The Key Points of the Social Question in the Necessities of Life for the Present and the Future*. Allow me to outline a few points this evening regarding what needs to be said about this appeal.
[ 2 ] Die soziale Frage — das ergibt sich wohl jeder Menschenseele, die wachend den Zeitereignissen gegenübersteht - ist dasjenige, was sich in einer ganz neuen Gestalt aus den gewaltigen, erschütternden Ereignissen der Weltkriegskatastrophe heraus ergeben hat. Zwar ist die sogenannte soziale Frage oder soziale Bewegung, so wie wir heute von ihr sprechen, mindestens mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Aber wer dasjenige, was heute sich als gewaltige geschichtliche Welle ankündigt, ins Auge faßt und diese Dinge miteinander vergleicht, darf dennoch sagen: Diese soziale Frage hat in unserer Gegenwart eine völlig neue Gestalt angenommen, eine Gestalt, an der niemand vorübergehen dürfte.
[ 2 ] The social question—as is surely evident to every human soul that watches the events of our time with alertness—is what has emerged in an entirely new form from the immense, shattering events of the catastrophe of the World War. Admittedly, the so-called social question or social movement, as we speak of it today, is at least more than half a century old. But anyone who considers what is now emerging as a mighty historical wave and compares these things with one another may nevertheless say: This social question has taken on a completely new form in our present time, a form that no one should ignore.
[ 3 ] Wie oft hat man im Laufe der letzten vier bis fünf Jahre das Wort gehört: In dieser schrecklichen Weltkriegskatastrophe liegt etwas, wie es die Menschen nicht erlebt haben, seit es überhaupt das gibt, was man Geschichte nennt. Aber noch wenig, wahrhaftig recht wenig hört man heute, wo diese Weltkriegskatastrophe in eine Krisis eingetreten ist, von der Notwendigkeit sprechen, daß zur Wiederordnung des Lebens nun auch ganz neue Impulse notwendig seien; daß ein völliges Umdenken und Umlernen notwendig ist - obwohl eigentlich schon äußerlich die Notwendigkeit dieses Umdenkens und Umlernens einzusehen ist. Denn die alten Gedanken haben uns gerade in jene furchtbare Menschheitskatastrophe hineingeführt. Neue Gedanken, neue Impulse müssen uns wieder hinausführen. Und wo jene Impulse zu suchen sind, das zeigt eine wirklich eindringliche Beobachtung desjenigen, was als soziale Forderungen aus immer mehr Menschengemütern heraus ertönt, und an dem vorüberzugehen eigentlich nur dem möglich ist, der seine Zeit verschläft; der die Ereignisse abwartet, bis gewissermaßen der alte Bau wesenlos zusammenbricht.
[ 3 ] How often have we heard the following statement over the past four to five years: “There is something about this terrible catastrophe of the World War that people have not experienced since the very beginning of what we call history.” But even now, when this world war catastrophe has entered a crisis, one still hears very little—truly very little—about the necessity of entirely new impulses to reorganize life; that a complete rethinking and relearning is necessary—even though, outwardly speaking, the necessity of this rethinking and relearning is already apparent. For it was precisely the old ways of thinking that led us into that terrible catastrophe of humanity. New ideas, new impulses must lead us out of it again. And where those impulses are to be found is revealed by a truly keen observation of what is emerging as social demands from the minds of more and more people—demands that only those who are asleep to the times can fail to notice; those who wait for events to unfold until, so to speak, the old structure collapses into nothingness.
[ 4 ] Soziale Fragen stellt man sich heute vielfach als etwas höchst Naheliegendes, zuweilen höchst Einfaches vor. Wer nicht aus grauen Theorien, auch nicht aus einzelnen persönlichen Forderungen heraus, sondern aus einer wirklich verbreiterten Erfahrung über die Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft urteilt, muß in dieser sozialen Frage etwas sehen, in das viele Kräfte zusammenfließen, die sich in der Menschheitsentwicklung heraufentwickelt und, man kann schon sagen, in einer gewissen Weise sich selbst ihrer Vernichtung entgegengeführt haben. Wer diese Lebensbedingungen überschaut, dem erscheint die soziale Frage in einer dreifachen Gestalt. Sie erscheint ihm als eine Frage des Geisteslebens, zweitens als eine Frage des Rechtslebens, und drittens als eine Frage des Wirtschaftslebens. Nun haben es die letzten Jahrhunderte, und insbesondere das 19. Jahrhundert, auch die verflossenen zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, mit sich gebracht, daß man glaubt, fast alles, was zur sozialen Frage gehört, auf dem wirtschaftlichen Gebiet suchen zu müssen. Die Gründe, warum man so wenig klar sieht, liegen eben darin, daß man meint, man müsse sich nur auf wirtschaftlichem Gebiete zurechtfinden, dann würden alle übrigen von selber folgen. Es wird schon notwendig sein, daß die ersten Teile meiner heutigen Betrachtung einem Gebiete des Lebens gewidmet sind, von dem die Leute weder von links noch von rechts auch jetzt noch als einem sozial wichtigen Gebiete mit sich reden lassen wollen, nämlich dem Gebiete des geistigen Lebens.
[ 4 ] Today, social issues are often viewed as something extremely obvious, and at times extremely simple. Anyone who judges not on the basis of abstract theories, nor on the basis of individual personal demands, but rather from a truly broad experience of the necessities of life in the present and future, must see in this social question something into which many forces converge—forces that have developed in the course of human evolution and, one might even say, have in a certain way led themselves toward their own destruction. To anyone who surveys these conditions of life, the social question appears in three distinct forms. It appears, first, as a question of intellectual life; second, as a question of legal life; and third, as a question of economic life. Now, the past few centuries—and especially the nineteenth century, as well as the past two decades of the twentieth century—have led to the belief that almost everything pertaining to the social question must be sought in the economic sphere. The reasons why people see so little clearly lie precisely in the belief that one need only find one’s way in the economic sphere, and then all the rest would follow of its own accord. It will be necessary, therefore, for the first parts of my reflection today to be devoted to an area of life that people—neither on the left nor on the right—are even now willing to acknowledge as socially significant, namely, the realm of intellectual life.
[ 5 ] Die Forderungen, die man die sozialen nennt, gehen ja von der breiten Masse des Proletariats aus, das den dreifachen Leidensweg bis zu den Zuständen der Gegenwart durchgemacht hat, von dem wir nachher sprechen wollen. Und dieses Proletariat ist durch das Heraufkommen der neuen Technik und des seelenverödenden Kapitalismus sowie durch die übrigen Kulturverhältnisse fast ganz in das bloße Wirtschaftsleben hineingedrängt worden. Aus dem Wirtschaftsleben heraus entstanden auch die Forderungen des Proletariats. Daher nimmt die soziale Frage der Gegenwart, weil sie zunächst aus dem Proletariat auftaucht, ihre wirtschaftliche Form an. Aber sie ist nicht eine bloß wirtschaftliche Frage. Schon die einfache Feststellung, wie unzulänglich die althergebrachten Gedanken sind gegenüber den heute laut sprechenden Tatsachen, kann darüber belehren, daß wir es innerhalb der sozialen Bewegung nicht allein mit einer Wirtschafts- und Rechtsfrage, sondern vor allen Dingen mit einer Geistesfrage zu tun haben.
[ 5 ] The demands known as “social” do, in fact, originate from the broad masses of the proletariat, who have endured a threefold ordeal leading up to the present conditions, which we will discuss later. And this proletariat has been almost entirely forced into the realm of mere economic life by the rise of new technology and soul-destroying capitalism, as well as by other cultural conditions. The demands of the proletariat also arose from economic life. Therefore, because it first emerges from the proletariat, the social question of the present takes on an economic form. But it is not merely an economic question. The simple observation of how inadequate traditional ideas are in the face of today’s glaring realities alone can teach us that, within the social movement, we are dealing not merely with an economic and legal issue, but above all with an intellectual one.
[ 6 ] Wir stehen über einen großen Teil der zivilisierten Welt hinweg vor einer lauter sprechenden sozialen Tatsache. Soziale Parteimeinungen, Parteiprogramme, wir haben sie gehabt, sie sind hervorgebracht. Alle Gedanken, alle Parteimeinungen erweisen sich jetzt, da man den Tatsachen gegenübersteht, als unzulänglich. Heute handelt es sich nicht darum, alte Parteimeinungen fortzusetzen, sondern heute handelt es sich darum, sich den Tatsachen unmittelbar und ganz ernsthaftig, mit Wirklichkeitssinn gegenüberzustellen.
[ 6 ] Across much of the civilized world, we are faced with a social reality that speaks for itself. Social party views, party platforms—we have had them, and they have been put forward. Now that we are confronted with the facts, all ideas and all party views prove to be inadequate. Today, it is not a matter of continuing old party views; rather, today it is a matter of confronting the facts directly and with the utmost seriousness, with a sense of reality.
[ 7 ] Sehen wir doch zuerst einmal, wie sich in der neueren Zeit das Leben ‚der Menschen, das dann in die Katastrophe eingelaufen ist, entwickelt hat. Da haben wir vor allen Dingen den Blick auf die tiefe, schier unüberbrückbar erscheinende Kluft zu werfen, die zwischen dem Proletariat und dem Nichtproletariat besteht. Wenn wir auf das Kulturleben dieses Nichtproletariats sehen, was tritt uns da entgegen? Ganz gewiß ist dieses Kulturleben als ein ungeheurer Fortschritt im Laufe der neueren Zeit reichlich gepriesen worden. Immer wieder konnte man es hören, wie in dieser neueren Zeit die Verkehrsmittel die Menschen über weite Gebiete der Erde hingebracht haben, die in älteren Zeiten, wenn man sie prophetisch geschildert hätte, als eine Utopie verschrien worden wären. Der Gedanke - so hat man immer wiederum gepredigt und gelobhudelt - eilt mit Blitzesschnelle über ferne Länder und Meere und so weiter. Man ist nicht müde geworden, immer wieder den Fortschritt zu preisen. Aber heute gilt es, zu all dem eine andere Betrachtung hinzuzufügen. Heute gilt es zu fragen: Unter welchen Bedingungen ist dieser Fortschritt entstanden? Er konnte nur dadurch entstehen, daß er sich auf einem Unterbau breitester Menschheitsmassen aufbaute, die nicht teilnehmen konnten an alle dem, was man an dieser Kultur so gelobt hat, aufbaute auf dem Unterbau breiter Menschenmassen, die ihre Arbeit tun mußten für diese Kultur von wenigen, die in der Form, wie sie "geschaffen worden ist, nur dadurch da sein konnte, daß diese Massen keinen Anteil an ihr hatten. Nun sind diese breiten Massen herangewachsen, sind zu sich selbst gekommen und fordern mit Recht ihren Anteil. Ihre Forderungen sind zugleich die großen, geschichtlichen Forderungen der Gegenwart für jeden, der seine Zeit wirklich versteht. Und wenn heute der Ruf nach Sozialisierung des Wirtschaftslebens ertönt, so erkennt derjenige, der seine Zeit versteht, in diesem Ruf nicht etwa bloß die Forderungen einer Menschenklasse, sondern zugleich eine geschichtliche Forderung des Menschenlebens der Gegenwart.
[ 7 ] Let us first take a look at how the lives of “the people”—which ultimately led to catastrophe—have developed in recent times. Above all, we must turn our attention to the deep, seemingly unbridgeable chasm that exists between the proletariat and the non-proletariat. When we look at the cultural life of this non-proletariat, what do we see? Certainly, this cultural life has been lavishly praised as an immense advance in recent times. Time and again, we have heard how, in recent times, means of transportation have carried people across vast swaths of the earth—a feat that, had it been described prophetically in earlier times, would have been dismissed as a utopian fantasy. The idea—so it has been preached and extolled time and again—travels at lightning speed across distant lands and seas, and so on. People have never grown tired of praising progress time and again. But today it is necessary to add a different perspective to all of this. Today we must ask: Under what conditions did this progress come about? It could only have come about by being built upon a foundation of the broadest masses of humanity, who were unable to participate in all that has been so highly praised about this culture—built upon the foundation of broad masses of people who had to do the work for this culture of the few, a culture which, in the form in which it was “created,” could only exist because these masses had no share in it. Now these broad masses have matured, have come into their own, and are rightly demanding their share. Their demands are at the same time the great, historical demands of the present for anyone who truly understands their time. And when the call for the socialization of economic life rings out today, those who understand their times recognize in this call not merely the demands of a particular class of people, but at the same time a historical demand of human life in the present.
[ 8 ] Eine Eigentümlichkeit der führenden Menschenklassen, welche die Teilnehmer der so vielfach gelobten Kultur waren, ist die, daß sie im Laufe der neueren Zeit fast jede Gelegenheit versäumt haben, daß sie jenen Gelegenheiten sich nicht gewachsen gezeigt haben, die Kluft zwischen ihnen und den immer mehr mit ihren berechtigten Forderungen hervortretenden Massen des Proletariats irgendwie zu überbrücken. Gerade an den Gedanken hat es gefehlt, die in das menschliche, soziale Leben hätten hineinfließen müssen, um diese Kluft zu überbrücken. Es ist schon eine Eigentümlichkeit dieses neueren Geisteslebens, das man so vielfach gepriesen hat, daß es dem wahren, wirklichen Leben immer fremder geworden ist. Der Einzelne verfolgt nur dasjenige Leben, das ihn unmittelbar umspannt. Für die breiten Kreise fanden sich keine umfassenden Gedanken aus unserem Geistesleben, aus unserer Schulbildung heraus. Dafür ein Beispiel, das von den verschiedensten Gesichtspunkten her nicht verzehnfacht, sondern verhundertfacht und mehr werden könnte.
[ 8 ] A peculiarity of the ruling classes—who were the participants in the much-praised culture—is that, in recent times, they have missed almost every opportunity and have proven themselves incapable of bridging, in any way, the gulf between themselves and the masses of the proletariat, who are increasingly making their justified demands heard. What has been lacking, in particular, are the ideas that should have flowed into human and social life in order to bridge this gap. It is indeed a peculiarity of this modern intellectual life—which has been so often praised—that it has become increasingly alien to true, real life. The individual pursues only the life that immediately surrounds him. For the broader public, no comprehensive ideas emerged from our intellectual life or from our school education. Here is an example that, viewed from a wide variety of perspectives, could be multiplied not tenfold, but a hundredfold and more.
[ 9 ] Im Beginn des Jahrhunderts hat ein Regierungsrat Kolb sein Schicksal in einer merkwürdigen Weise in die Hand genommen. Ich erwähne gerne diesen Regierungsrat Kolb aus dem Grunde, weil es aller Ehren wert ist, wie er sein Schicksal in die Hand genommen hat, und weil ich dabei auch nicht nötig habe, in irgendeiner Weise etwas Abträgliches zu sagen, was ich nicht gerne tue. Kolb hat in einem Augenblick seines Lebens etwas getan, was nicht viele andere Regierungsräte tun. Die anderen lassen sich meist pensionieren, wenn sie nicht mehr ihren Dienst tun wollen; er aber verabschiedete sich von seinem Amte, ging nach Amerika, und ließ sich als gewöhnlicher Arbeiter einstellen, zuerst in einer Brauerei, dann in einer Fahrradfabrik. Aus den Erfahrungen heraus, die dieser Regierungsrat hatte, schrieb er dann ein Buch: « Als Arbeiter in Amerika».
[ 9 ] At the beginning of the century, a member of the cantonal government named Kolb took his fate into his own hands in a remarkable way. I am happy to mention this State Councilor Kolb because the way he took his fate into his own hands is truly commendable, and because I do not need to say anything derogatory in the process—which I do not like to do. At a certain point in his life, Kolb did something that not many other State Councilors do. The others usually retire when they no longer wish to serve; he, however, resigned from his office, went to America, and got a job as an ordinary worker—first in a brewery, then in a bicycle factory. Based on the experiences he had there, he then wrote a book: *As a Worker in America*.
[ 10 ] In diesem Buche findet sich ein merkwürdiger Satz. Da heißt es etwa: «Wenn ich früher auf der Straße einem Menschen begegnete, der nicht arbeitete, dann sagte ich: Warum arbeitet der Lump nicht? Jetzt wußte ich es anders: Und jetzt weiß ich auch über manches andere noch etwas anderes; jetzt weiß ich, daß selbst die schrecklichsten Hantierungen des Lebens sich in den Studierstuben noch recht gut ausnehmen.» Das ist ein die sozialen Verhältnisse der Zeit tief kennzeichnendes Bekenntnis. Ein Mann, der aus unserem Geistesleben hervorgegangen ist, dem durch viele Jahre Menschenschicksal übertragen war — durch so viele Jahre, als notwendig sind, um es zum Regierungstat zu bringen -, der kennt nichts von menschlicher Arbeit, das heißt, er kennt nichts vom menschlichen Leben. Er muß erst sich selber ein Schicksal bereiten, um etwas zu wissen vom Leben, das er regieren sollte, in dem er aus den führenden Klassen heraus tätig sein sollte. Er muß erst, um von diesem Leben etwas zu wissen, sich als Arbeiter einstellen lassen und kommt dann zu ganz anderen Lebensanschauungen.
[ 10 ] There is a curious sentence in this book. It goes something like this: “When I used to meet someone on the street who wasn’t working, I would say, ‘Why isn’t that good-for-nothing working?’ Now I knew better: And now I know something else about many other things as well; now I know that even the most dreadful aspects of life look quite good in the study.” This is a confession that profoundly characterizes the social conditions of the time. A man who emerged from our intellectual life, to whom the fate of humanity was entrusted for many years—for as many years as are necessary to bring it to the level of government action—knows nothing of human labor; that is to say, he knows nothing of human life. He must first forge a destiny for himself in order to know anything about the life he is supposed to govern, in which he is supposed to be active from within the ruling classes. In order to know anything about this life, he must first take a job as a worker, and only then does he arrive at entirely different views of life.
[ 11 ] Weist dieses Beispiel, das wahrhaftig vervielfältigt werden könnte, nicht darauf hin, wie unser Geistesleben, aus dem die führenden Menschen hervorgehen, dem Leben der breiten Massen fremd geworden ist? Die breiten Massen haben an der Notwendigkeit ihres Leibes und ihrer Seele gesehen, wie die führenden Klassen das Wirtschaftsleben leiten. Sie haben gesehen, daß da etwas nicht stimmt, daß diese führenden Klassen nicht den nötigen Geist haben, um das Wirtschaftsleben zu leiten. Heute entsteht die Frage: Was muß da anders werden?
[ 11 ] Doesn’t this example—which could truly be multiplied—point to how our intellectual life, from which our leaders emerge, has become alien to the lives of the broad masses? The broad masses have seen, out of the necessity of their bodies and souls, how the ruling classes manage economic life. They have seen that something is wrong, that these ruling classes lack the necessary spirit to manage economic life. Today the question arises: What needs to change?
[ 12 ] Und in mancher anderen Beziehung kann man noch sehen, wie fremd die führende Klasse im Laufe der letzten Jahrhunderte dem geworden ist, was hätte geschehen müssen, um nicht in eine Katastrophe hineinzutreiben. Man sprach gewiß in ernstester, würdigster Meinung innerhalb der leitenden Kreise von allem möglichen Schönen, von Nächstenliebe, von Brüderlichkeit unter den Menschen, von der Art und Weise, wie der Mensch überhaupt gut sein müsse, und dergleichen. Aber man hatte keine Beziehung zum wirklichen Leben. Man brachte es höchstens einmal zu Enquêten. Eine solche Enquête von der Mitte des 19. Jahrhunderts ist heute gar nicht so unwesentlich. Sie wurde von der englischen Regierung dazumal bei den Betriebsleitungen in den Bergwerken angeregt. Da sollten die Menschen, die in ihren gut geheizten Zimmern über das menschliche Dasein redeten, einmal erfahren, bei was für Kohlen sie von diesem Gutsein redeten. Sie sollten erfahren, daß diese Kohlen, bei denen sie über ihre fortgeschrittene Moral, über ihr fortgeschrittenes Geistesleben redeten, aus Bergschächten heraufgeholt sind, in die man neun-, elf-, dreizehnjährige Kinder vor Tag hineinschickte, vor Aufgang der Sonne, die erst bei Nacht wieder heraufkamen, so daß die armen Kinder das Licht der Sonne fast nie sahen. Es ließ sich gut reden über das menschliche Gutsein und über die NächstenHebe bei den Kohlen, die auf diese Weise zutage gefördert wurden. Und Ähnliches könnte viel erzählt werden. Und gefragt muß werden: Sind aus solchen Anlässen heraus bei den führenden Kreisen der Menschheit die Impulse entstanden, wirklich einzugreifen in das soziale Leben? Mancher wird mir heute erwidern: Ja, es ist doch vieles besser geworden. Dem aber werde ich sagen: Was besser geworden ist, ist nicht besser geworden durch die Initiative der führenden Klasse, sondern durch den schweren Kampf derjenigen, die unter diesen Verhältnissen gelitten haben.
[ 12 ] And in many other respects, one can still see how far the ruling class has strayed, over the course of the last few centuries, from what should have been done to avoid being driven into a catastrophe. Certainly, within the ruling circles, people spoke with the utmost seriousness and dignity about all manner of noble ideals—about charity, about brotherhood among people, about the way in which human beings ought to be good in general, and the like. But they had no connection to real life. At most, they ever got as far as conducting surveys. One such survey from the mid-19th century is actually quite significant today. It was initiated by the British government at the time among the mine management. The idea was that the people who sat in their well-heated rooms talking about human existence should learn, for once, what kind of coal they were talking about when they spoke of this “goodness.” They were to learn that this coal—about which they spoke in terms of their advanced morality and their advanced intellectual life—was hauled up from mine shafts into which nine-, eleven-, and thirteen-year-old children were sent before daybreak, before the sun rose, and from which they did not emerge until nightfall, so that the poor children almost never saw the light of day. It was easy to talk about human goodness and love of one’s neighbor in connection with the coal that was brought to the surface in this way. And much more of the same could be told. And the question must be asked: Did the impulses to truly intervene in social life arise among the leading circles of humanity from such circumstances? Some will reply to me today: Yes, many things have indeed improved. But to that I will say: What has improved did not do so through the initiative of the ruling class, but through the arduous struggle of those who suffered under these conditions.
[ 13 ] Das sind Dinge, auf die heute das Auge gelenkt werden muß. Man muß die Augen darauf richten, was der Arbeiter, der vom Morgen bis zum Abend arbeitet, höchstens von außen sieht, wenn er an unseren Hochschulen, an unseren Mittelschulen vorbeigeht. Er kennt ja nur, was in den Volksschulen vorgeht, und auch da nur dasjenige, was er eben erleben kann. Er weiß nicht, wie die Ziele der Volksschule von oben herunter bestimmt werden, er sieht nur, daß aus diesen Anstalten nicht diejenigen hervorgehen, welche heute das Wirtschaftsleben leiten können.
[ 13 ] These are the things we must focus on today. We must turn our attention to what the worker—who labor from morning till night—can see, at most, from the outside as he passes by our universities and our secondary schools. After all, he knows only what goes on in elementary schools, and even there, only what he happens to witness. He does not know how the goals of elementary school are dictated from above; he sees only that these institutions do not produce the kind of people who can lead economic life today.
[ 14 ] Hier liegt die erste Gestalt der sozialen Frage. Wir haben trotz allen Lobhudeleien unseres Geisteslebens kein Geistesleben, das den großen Aufgaben der Zeit gewachsen ist.
[ 14 ] This is the first aspect of the social question. Despite all the adulation of our intellectual life, we do not have an intellectual life that is up to the great challenges of our time.
[ 15 ] Schauen wir in das Wirtschaftsleben hinein. Als die soziale Bewegung heraufkam, hörte man sehr häufig von seiten der leitenden Kreise diese soziale Bewegung mit den Worten abtun : Die wollen teilen. Was kommt denn aber bei der Teilung heraus? Da kriegt jeder nur sehr wenig. — Dann verstummte dieser Einwand; denn das ist auf der einen Seite sehr wahr, auf der anderen Seite sehr dumm. In der letzten Zeit taucht er wieder immer mehr auf. Aber es kommt nicht auf diese Dinge an. Wer heute in die besondere Struktur unseres Wirtschaftslebens hineinsieht, weiß, daß das leibliche und seelische Elend der breiten Massen des Proletariats aus ganz anderen Untergründen heraus gekommen ist. Er weiß, daß eine ungenügende Ausbildung des Geisteslebens nicht verstanden hat, ein immer mehr um sich greifendes technisches Getriebe im Wirtschaftsleben wirklich in eine solche Gestalt zu bringen, daß jeder Mensch darin ein menschenwürdiges Dasein haben konnte.
[ 15 ] Let’s take a look at economic life. When the social movement emerged, it was very common to hear the ruling circles dismiss it with the words: “They want to share.” But what comes of sharing? Everyone ends up with very little. — Then this objection fell silent; for on the one hand it is very true, and on the other, very foolish. Lately, it has been cropping up more and more again. But these things are not what matters. Anyone who looks closely at the specific structure of our economic life today knows that the physical and spiritual misery of the broad masses of the proletariat has arisen from entirely different underlying causes. They know that an inadequate development of intellectual life has failed to truly shape the ever-expanding technical machinery of economic life in such a way that every human being could lead a dignified existence within it.
[ 16 ] Gewiß, man hat mit Recht vielfach darauf hingewiesen, daß die moderne soziale Bewegung durch die moderne Technik, durch die Maschinen, durch den seelenverödenden Kapitalismus heraufgekommen ist. Aber man hat vergessen, daß alles dasjenige, was so heraufgekommen ist, nicht beherrscht werden konnte von dem Geistesleben, wie es sich entwickelt hat.
[ 16 ] Certainly, it has been rightly pointed out on many occasions that the modern social movement arose as a result of modern technology, machines, and soul-destroying capitalism. But people have forgotten that everything that has arisen in this way could not be controlled by spiritual life as it has developed.
[ 17 ] Warum ist das so gekommen? Zugleich mit der Maschine, mit dem Industrialismus, mit dem Kapitalismus ist ein bestimmtes Bestreben über die Menschheit gekommen, das sich darin ausdrückt, daß man einen Fortschritt darin sah, das Geistesleben womöglich vom Staat aufsaugen zu lassen. Verstaatlichung des Geisteslebens, das wurde als groBer Fortschritt angesehen. Und heute begegnet man noch immer den schärfsten Vorurteilen, wenn man irgend etwas einwendet gegen diese Verstaatlichung des Geisteslebens. Diejenigen, welche mit ihren Sympathien in diesem heutigen Geistesleben darinnenstehen, weisen mit einem gewissen Hochmut darauf hin, wie man mit dem Geiste viel weiter gekommen sei, als im alten, dunklen Mittelalter. Nun gewiß, das Mittelalter wollen wir nicht wieder herauf haben. Nicht zurück, sondern vorwärts wollen wir schreiten. Aber eine andere Frage muß doch aufgeworfen werden. Man sagt, im Mittelalter habe das Geistesleben, insbesondere die Wissenschaft, der Theologie oder der Kirche die Schleppe nachgetragen. Heute muß man fragen: Wem trägt denn das gegenwärtige Geistesleben die Schleppe nach — oder vielleicht noch etwas anderes? Dafür wiederum ein Beispiel, das aber nicht nur verhundertfacht, sondern vertausendfacht werden könnte. Wiederum darf ich von einem Menschen sprechen, den ich hoch schätze, weil er nach meiner Überzeugung ein bedeutender Naturforscher war. Er war zu gleicher Zeit Generalsekretär einer gelehrten Gesellschaft, die an der Spitze des deutschen Geisteslebens marschiert. In einer seiner wohlgelungenen Reden wollte er zum Ausdruck bringen, was diese deutschen Gelehrten, die die große Ehre haben, Mitglieder der Berliner Akademie der Wissenschaften zu sein, sich als ihre höchste Ehre anrechnen. Wenn so etwas geschildert wird, möchte man freilich auf eine historische Tatsache hinweisen, die nicht unbeträchtlich ist. Diese Berliner Akademie war ja immer etwas, was gewissermaßen die Impulse des Hohenzollerntums geistig zum Ausdruck bringen konnte. Ein Hohenzoller des 18. Jahrhunderts stand einmal vor der Notwendigkeit, seiner Akademie der Wissenschaften einen Präsidenten vorzusetzen — ich erzähle Ihnen kein Märchen, sondern eine historische Tatsache -, und er glaubte, diese Akademie der Wissenschaften am meisten zu ehren, indem er ihr zum Präsidenten seinen Hofnarren gab. Aber der große Gelehrte vom Ende des 19. Jahrhunderts sagt, daß die gelehrten Herren der Berliner Akademie es sich zur höchsten Ehre anrechnen, die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern zu sein.
[ 17 ] Why did this come to pass? Along with the machine, industrialism, and capitalism, a certain impulse took hold of humanity, expressed in the belief that it was progress to allow the state to absorb spiritual life as much as possible. The nationalization of spiritual life was regarded as a great step forward. And even today, one still encounters the sharpest prejudices if one raises any objection to this nationalization of spiritual life. Those whose sympathies lie deeply within today’s intellectual life point out, with a certain arrogance, how much further we have come in intellectual matters than in the old, dark Middle Ages. Now, certainly, we do not want the Middle Ages to return. We want to move forward, not backward. But another question must be raised. It is said that in the Middle Ages, intellectual life—especially science—trailed in the wake of theology or the Church. Today we must ask: Whose wake is contemporary intellectual life following—or perhaps something else entirely? Here again is an example, one that could be multiplied not just a hundredfold, but a thousandfold. Once again, I would like to speak of a man whom I hold in high esteem because, in my opinion, he was a distinguished natural scientist. At the same time, he served as secretary-general of a learned society that marches at the forefront of German intellectual life. In one of his well-crafted speeches, he sought to express what these German scholars—who have the great honor of being members of the Berlin Academy of Sciences—consider their highest honor. When such a thing is described, one naturally wishes to point out a historical fact that is by no means insignificant. This Berlin Academy has, after all, always been an institution capable, in a sense, of intellectually expressing the spirit of the House of Hohenzollern. An 18th-century Hohenzollern once faced the necessity of appointing a president for his Academy of Sciences—I am not telling you a fairy tale, but a historical fact—and he believed he was honoring this Academy of Sciences most by appointing his court jester as its president. But the great scholar of the late 19th century says that the learned gentlemen of the Berlin Academy consider it their highest honor to be the Hohenzollerns’ scientific guard.
[ 18 ] Man muß auf solche Dinge als auf Symptome der Zeit hinschauen. Man muß darauf hinschauen, was das Geistesleben in der Abhängigkeit von der Staatsgewalt und der mit ihr verbundenen kapitalistischen Gewalt geworden ist. Denn wenn man nicht aus irgendwelchen Vorurteilen, sondern aus den Lebensnotwendigkeiten heraus, aus der Wirklichkeit heraus innere Impulse fassen kann, dann wird man, allen Vorurteilen der Zeit zuwider, sich sagen: Dem Geistesleben kann nur seine Kraft werden, wenn es vom Staatsleben wieder losgelöst wird, wenn es ganz auf sich selbst gestellt wird. Was im Geistesleben lebt, insbesondere das Schulwesen, muß seiner Selbstverwaltung übergeben werden, von der obersten Spitze der Verwaltung des Geisteslebens bis zum Lehrer der untersten Schulstufe. In der Verwaltung des Geisteslebens kann nichts anderes maßgebend sein als die Kräfte dieses Geisteslebens selbst. Diejenigen, die in diesem Geistesleben tätig sind und es innerlich miterleben, müssen aus sich selbst heraus die Körperschaft bilden, welche dieses Geistesleben verwaltet und ganz auf eigene Füße stellt.
[ 18 ] One must view such things as symptoms of the times. One must examine what has become of spiritual life in its dependence on state power and the capitalist power associated with it. For if one can draw inner impulses not from some preconceptions but from the necessities of life, from reality itself, then—contrary to all the preconceptions of the times—one will say to oneself: Intellectual life can only find its strength if it is detached once again from state life, if it is left entirely to its own devices. What lives within spiritual life—especially the school system—must be entrusted to self-administration, from the very top of the administration of spiritual life down to the teacher at the lowest grade level. In the administration of spiritual life, nothing other than the forces of this spiritual life itself can be decisive. Those who are active in this spiritual life and experience it from within must form, out of their own initiative, the body that administers this spiritual life and sets it entirely on its own feet.
[ 19 ] Das ist der erste Punkt desjenigen, was hier die Dreigliederung des gesunden sozialen Organismus genannt wird. Ein solches Geistesleben wird in ganz anderer Weise zum Leben in Beziehung stehen können als das unsoziale Geistesleben, in das wir uns allmählich hineingefunden haben, und aus dem herauszukommen, wie es scheint, wir gar kein Bedürfnis haben.
[ 19 ] This is the first point of what is referred to here as the threefold structure of a healthy social organism. Such a spiritual life will be able to relate to life in a completely different way than the antisocial spiritual life into which we have gradually found ourselves, and from which, it seems, we have no need whatsoever to emerge.
[ 20 ] Jemand, der wirklich Erfahrung auf diesem Gebiet hat, darf wohl über dieses Gebiet eben aus seiner Erfahrung heraus sprechen. Ich war jahrelang Lehrer an der in Berlin von Liebknecht gegründeten Arbeiterbildungsschule. Ich weiß also, wie man die Quellen eines Geisteslebens findet, das nicht Reservat einer bevorzugten Klasse ist und ein Luxus-Geistesleben darstellt, sondern aus dem heraus man zu allen Menschen sprechen kann, die den Drang haben, sich für Seele und Leib ein menschenwürdiges Dasein zu erringen. Und ich weiß aus dieser meiner Lebenspraxis heraus noch ein anderes. Ich weiß, wie die Arbeiter mich verstanden haben, immer besser verstanden haben, wenn ich zu ihnen aus einem freien Geistesleben heraus gesprochen habe, das für alle Menschen da ist, nicht für eine bevorzugte Klasse. Weil die Arbeiter glaubten, man müsse das oder jenes mitmachen, kamen dann auch Zeiten, in denen ich veranlaßt wurde, die Arbeiter durch Museen oder ähnliche Einrichtungen zu führen, durch Stätten, wo die Zeugnisse einer Kultur zu sehen waren, die nur für wenige da war, die nicht eine Volkskultur, ein Volks-Geistesleben darstellt. Da sah ich, wie auch im Geistig-Seelischen die Kluft vorhanden war und wie die Leute im Grunde genommen nicht wirklich innerlich in sich aufnehmen konnten, was auf dem Boden einer Kultur für wenige entstanden war. Da liegt ein Irrtum, dem sich heute noch viele hingeben. Man glaubt, man treibe Volksbildung, wenn man der großen Masse Brocken von dem hinwirft, was auf Universitäten, auf Mittelschulen und anderen Lehranstalten aus unserer Kultur heraus entstanden ist, was nur aus den sozialen Empfindungen weniger heraus geboren ist. Was hat man alles getan, um solche Volksbildung zu treiben! Volksbibliotheken, Volkshochschulen, Volkstheater und so weiter. Niemals kommt man über den Irrtum hinaus, der darin besteht, daß man glaubt, man könne das, was aus dem Empfindungskreise einer sich absondernden Minderheit geistig geboten ist, in die breiten Massen hineintragen. Nein, die Zeit fordert ein Geistesleben, das in sozialer Weise alle umfaßt. Das kann aber nur dann entstehen, wenn diejenigen, die daran teilnehmen sollen, auch mit ihrem ganzen Empfindungsleben, mit allen ihren sozialen Untergründen, mit denen, die dieses Geistesleben hervorbringen, eine Einheit bilden; wenn man ihnen nicht Brocken hinwirft, sondern wenn durch die ganze Volksmasse einheitlich geistig gearbeitet wird. Dazu aber bedarf es der Befreiung des Geisteslebens von staatlichem und kapitalistischem Zwang. Selbstverständlich kann ich in einem kurzen Vortrag nicht alles dasjenige anführen — nicht einmal das alles, was in meinem Buche über diese Kernpunkte der sozialen Frage steht -, was nur zu sagen wäre über die Notwendigkeit, dieses Geistesleben, insbesondere das Schulwesen, herauszuholen aus dem Staats- und aus dem Wirtschaftsleben und es auf sich selbst zu stellen. Aber das ist die erste Forderung für die Dreigliederung des sozialen Organismus: Ein Geistesleben, das aus sich selbst heraus sich entwickelt.
[ 20 ] Someone who truly has experience in this field is certainly entitled to speak about it based on that experience. For many years, I was a teacher at the Workers’ Educational School founded by Liebknecht in Berlin. So I know how to find the sources of an intellectual life that is not the preserve of a privileged class—nor a luxury—but one from which one can speak to all people who have the urge to achieve a dignified existence for both soul and body. And from this practical experience of my own life, I know something else as well. I know how the workers understood me—and came to understand me better and better—when I spoke to them from a free intellectual life that is there for all people, not just for a privileged class. Because the workers believed they had to go along with this or that, there came times when I was prompted to guide the workers through museums or similar institutions—through places where the artifacts of a culture were on display that existed only for the few, a culture that did not represent a folk culture or a folk spiritual life. There I saw how the divide existed in the spiritual-soul realm as well, and how, deep down, people were not really able to take in inwardly what had arisen on the foundation of a culture intended for the few. Therein lies a misconception to which many still succumb today. People believe they are promoting public education when they throw scraps at the masses of what has emerged from our culture in universities, secondary schools, and other educational institutions—things born solely from the social sensibilities of a few. What efforts have been made to promote such public education! Public libraries, adult education centers, public theaters, and so on. We never manage to overcome the misconception that consists in believing we can carry into the broad masses what is spiritually required by the sphere of feeling of an isolated minority. No, the times call for a spiritual life that encompasses everyone in a social way. But this can only come about if those who are to participate in it form a unity—with their entire emotional life, with all their social foundations—with those who bring this spiritual life into being; if one does not merely toss them scraps, but rather if a unified spiritual effort is made throughout the entire population. This, however, requires the liberation of spiritual life from state and capitalist coercion. Of course, in a short lecture I cannot cite everything—not even all that is written in my book about these key points of the social question—that could be said about the necessity of separating this spiritual life, especially the school system, from state and economic life and establishing it on its own. But this is the first requirement for the threefold social order: a spiritual life that develops out of itself.
[ 21 ] Man braucht sich nicht vor einem solchen Geistesleben zu fürchten. Man braucht nicht einmal sich zu fürchten, wenn man eine schlechte Meinung von den Menschen hat, vielleicht dahingehend, daß sie in den alten Analphabeten-Zustand zurückfallen werden, oder dergleichen, wenn die Eltern wiederum frei sind, ihre Kinder zur Schule zu schicken oder sie draußen zu lassen, ohne staatlichen Zwang. Nein, gerade das Proletariat wird immer mehr wissen, was es der Schulbildung verdankt. Und es wird seine Kinder nicht aus der Schule draußen lassen, auch wenn es nicht gezwungen sein wird, die Kinder in die Schule zu schicken, sondern sie aus freiem Willen hineinzuschicken hat. Und insbesondere braucht der Bekenner der Einheitsschule sich nicht zu fürchten, daß die Schule durch ein freies Geistesleben gestört wird. Es wird nichts anderes entstehen können als die Einheitsschule, wenn das freie Geistesleben gefördert wird.
[ 21 ] There is no need to fear such a spiritual life. One need not even be afraid if one has a poor opinion of people—perhaps thinking that they will revert to their former state of illiteracy, or something similar—if parents are once again free to send their children to school or keep them out of school, without state coercion. No, the proletariat, in particular, will increasingly recognize what it owes to a school education. And it will not keep its children out of school, even if it is not compelled to send them to school but must do so of its own free will. And in particular, advocates of the unified school system need not fear that the school will be disrupted by a free intellectual life. Nothing other than the unified school system can emerge if a free intellectual life is fostered.
[ 22 ] Das zunächst über dasjenige, was zu der Abgliederung des Geisteslebens vom Staats- und Wirtschaftsleben zu sagen ist.
[ 22 ] First, a few words on the separation of spiritual life from political and economic life.
[ 23 ] Das zweite Gebiet des Lebens, das man betrachten muß, wenn man die heutige soziale Frage studieren will, ist das Rechtsleben. Die Menschen haben die verschiedensten Ansichten entwickelt über dieses Rechtsleben. Wer aber dieses Rechtsleben gerade aus der Wirklichkeit heraus zu betrachten und zu empfinden vermag, sagt sich: Über das Recht irgendwelche Definitionen, irgendwelche gelehrten Dinge aufzustellen, ist geradeso, wie wenn man über das, was blaue und was rote Farbe ist, allerlei gelehrte Anweisungen geben wollte. Über blaue und rote Farbe kann man mit jedem reden, der ein gesundes Auge hat. Über das Rechtsbewußtsein, über dasjenige Recht, das jedem Menschen zukommt, weil er Mensch ist, läßt sich mit jeder wachen Menschenseele reden. Und mit wachen Menschenseelen, mit immer wacheren Menschenseelen hat man es bei dem modernen Proletariat zu tun.
[ 23 ] The second sphere of life that must be considered when studying today’s social issues is the legal sphere. People have developed a wide variety of views on this legal sphere. But anyone who is able to view and experience this legal life directly from reality will say to themselves: To come up with definitions or scholarly theories about the law is just like trying to give all sorts of scholarly instructions about what the color blue is and what the color red is. Anyone with a healthy eye can talk about the colors blue and red. One can speak with any alert human soul about legal consciousness—about the rights that belong to every human being simply because they are human. And it is with alert human souls—with ever more alert human souls—that one is dealing in the modern proletariat.
[ 24 ] Mit Bezug auf diese Rechtsgrundlage des Lebens hat allerdings die neuere Menschheit, insoferne sie den leitenden Kreisen angehört, eine merkwürdige Erfahrung gemacht. Diese leitenden Kreise konnten ja nicht anders, als eine gewisse Demokratie über das Leben zu verbreiten. Sie brauchten, um ihre kapitalistischen Interessen in Szene zu setzen, ein geschicktes Proletariat, ein Proletariat, das gewisse Kräfte der Seele ausgebildet erhielt. Das alte patriarchalische Leben konnte man im modernen, kapitalistischen Wirtschaftsleben nicht brauchen. Nun stellte sich aber etwas höchst Unangenehmes für solche einseitige, kapitalistische Demokratie heraus. Die Menschenseele hat nämlich die Eigentümlichkeit, wenn man einzelne Fähigkeiten und Kräfte in ihr entwickelt, daß dann andere von selbst zum Vorschein kommen. So wollte die führende Menschheit vorzugsweise nur jene Seelenkräfte sich entwickeln lassen, welche die Arbeiter geschickt machen, in den Fabriken zu arbeiten. Doch stellte es sich von selbst ein, daß die Seelen aus den alten patriarchalischen Verhältnissen erwachten, und daß in ihnen besonders das Bewußtsein der Menschenrechte erwachte. Und dann sahen sie hinein in den modernen Staat, welcher das Recht verkörpern sollte. Sie fragten sich: Ist das der Boden, auf dem das Recht wirklich blüht? Und was fanden sie? Statt Menschenrechten Klassenvorrechte und Klassenbenachteiligungen. Und daraus entstand dasjenige, was man den modernen Klassenkampf des Proletariats nennt, hinter dem sich nicht mehr und nicht weniger verbirgt, als die große, berechtigte Forderung eines menschenwürdigen Daseins für alle Menschen.
[ 24 ] With regard to this legal foundation of life, however, modern humanity—insofar as it belongs to the ruling circles—has had a curious experience. These ruling circles had no choice but to extend a certain degree of democracy over life. To advance their capitalist interests, they needed a skilled proletariat—a proletariat whose certain spiritual faculties had been cultivated. The old patriarchal way of life had no place in modern, capitalist economic life. But something highly unpleasant for such a one-sided, capitalist democracy soon became apparent. For the human soul has this peculiarity: when one develops certain abilities and powers within it, others emerge of their own accord. Thus, the ruling class preferred to allow only those spiritual powers to develop that would make the workers skilled at working in the factories. Yet it inevitably followed that souls would awaken from the old patriarchal conditions, and that within them, in particular, an awareness of human rights would awaken. And then they looked into the modern state, which was supposed to embody the rule of law. They asked themselves: Is this the ground on which the rule of law truly flourishes? And what did they find? Instead of human rights, they found class privileges and class discrimination. And from this arose what is called the modern class struggle of the proletariat, behind which lies nothing more and nothing less than the great, just demand for a dignified existence for all people.
[ 25 ] Das ist die zweite Gestalt der sozialen Frage, die Rechtsfrage. Was sie bedeutet, erkennt man nicht, wenn man nicht auf die dritte Gestalt hinsieht, auf die Wirtschaftsfrage. In das Wirtschaftsleben hinein haben sich zwei Dinge ergossen, die schlechterdings nicht in das Wirtschaftsleben hineingehören. Das ist das Kapital, und das ist die menschliche Arbeitskraft, während in das Wirtschaftsleben bloß dasjenige hineingehört, was sich auf dem Warenmarkt abspielt. Ich denke, daß die letzten Jahre und insbesondere die Gegenwart die Menschen sehr deutlich darüber belehren könnten, daß das Allerwichtigste in der proletarischen sozialen Bewegung der proletarische Mensch selbst ist. Über den proletarischen Menschen aber kann heute, so wie die Dinge einmal sind, wahrhaftig nicht derjenige urteilen, der sich, weil die Zeiten das heute schon einmal nahelegen, dazu bequemt, aus mancherlei Vorstellungen heraus über das Proletariat zu reden. Nein, über diese Dinge kann nur derjenige urteilen, den sein Schicksal dahin gebracht hat, mit dem Proletariat zu denken, und mit dem Proletariat zu fühlen. Man muß selber gesehen haben, wie durch Jahrzehnte hindurch die proletarische Welt in den Stunden, die des Abends der harten Arbeit abgerungen werden konnten, zusammenkam, um sich zu unterrichten über die Wirtschaftsbewegung der neuen Zeit, über die Bedeutung von Arbeit, von Kapital, über die Bedeutung von Warenkonsum und Produktion; man muß gesehen haben, welch ungeheures Bildungsbedürfnis in den proletarischen Menschen der Hauptsache nach sich entwickelt, während, jenseits der Kluft, innerhalb der höheren Klassen die Menschen ihre Theater besuchten und manch anderen Betätigungen sich hingaben, und es höchstens dazu brachten, sich einmal von der Bühne herunter das Proletarierelend anzuschauen. Da entwickelte sich der proletarische Mensch; erentwickelte sich gerade aus seinem Geistesleben heraus. Und wer heute sagt, die proletarische Frage sei eine bloße Brot- und Magenfrage, dem muß schon die Antwort gegeben werden: Schade genug, daß es so gekommen ist, daß die proletarische Frage zur Brotfrage geworden ist, daß man nicht früher auf etwas anderes hingesehen hat, nämlich darauf, daß in dem Proletarier aus seinem ganzen Streben heraus die Forderung nach einem menschenwürdigen Dasein entsprungen ist, nach einem Dasein, in dem er Leib und Seele nicht verkümmern zu lassen braucht. Denn alle proletarischen Forderungen sind schließlich aus dieser hervorgegangen, nicht aus einer bloßen Brot- und Magenfrage. Aber während so der Proletarier zur Selbstbesinnung zu kommen versuchte, während er auf die Wirtschaftsformen der neueren Zeit einging, entwickelte sich in ihm das Bewußtsein, wie er eigentlich als Mensch in diesem Menschenleben darin steht. Er konnte von seinem Gesichtspunkte aus auf die Führung des Lebens von seiten der führenden Kreise hinschauen. Da sagte man ihm, die Geschichte wäre göttliche Weltordnung oder moralische Weltordnung, oder die Weltordnung der Idee. Er sah nur, daß die leitenden Kreise innerhalb ihrer Weltordnung so lebten, wie ihnen der Mehrwert zu leben gestattete, den er hervorzubringen hatte. Deshalb schlugen die Worte des Kommunistischen Manifestes so tief in die Proletariergemüter ein und brachten diese zum Bewußtsein ihrer Lage. Trotz aller Fortschritte der neueren Zeit, trotz aller sogenannten neueren Freiheit ist der Proletarier dazu verurteilt, seine Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt wie eine Ware zu verkaufen und kaufen zu lassen. Daraus entstand die Forderung: Die Zeiten sind vorüber, in denen der Mensch einen Teil von sich noch verkaufen lassen darf oder kaufen lassen darf. Sein Gefühl, das er vielleicht nicht immer in deutliche Worte bringen konnte, leitete den Proletarier auf alte Zeiten zurück, auf die Zeiten der Leibeigenschaft. Und er sah, wie aus diesen alten Zeiten der Ankauf seiner Arbeitskraft geblieben ist. Denn nichts anderes als dieses liegt im Lohnverhältnis. Da sagte er sich: Auf den Warenmarkt gehören Waren. Die Waren trägt man zum Markte, verkauft sie und geht mit dem Erlös wieder zurück. Dem Arbeitgeber muß ich meine Arbeitskraft verkaufen, aber ich kann nicht zu ihm gehen und sagen: Da hast du meine Arbeitskraft für so und so viel Geld, dann gehe ich weg; ich muß mich selbst ausliefern! — Sehen Sie, als Mensch muß man mitgehen mit seiner Arbeitskraft. Das ist dasjenige, was der Proletarier als ein menschenunwürdiges Dasein empfindet. |
[ 25 ] This is the second aspect of the social question: the legal question. One cannot understand what it means unless one looks at the third aspect: the economic question. Two things have found their way into economic life that simply do not belong there. These are capital and human labor, whereas economic life should consist solely of what takes place on the commodity market. I believe that recent years—and the present in particular—could teach people very clearly that the most important element in the proletarian social movement is the proletarian individual himself. But as things stand today, the proletarian individual can truly not be judged by someone who, because the times already suggest this, takes the liberty of speaking about the proletariat based on various mental images. No, these matters can be judged only by those whose fate has led them to think with the proletariat and to feel with the proletariat. One must have seen for oneself how, over the course of decades, the proletarian world gathered in the hours wrested from the evening after hard labor to educate themselves about the economic developments of the new era, about the significance of labor and capital, and about the significance of commodity consumption and production; one must have seen what an immense need for education develops primarily among the proletarian people, while, on the other side of the chasm, within the upper classes, people attended the theater and devoted themselves to various other pursuits, and at most managed to look down from the stage once upon the misery of the proletariat. That is where the proletarian developed; he developed precisely out of his intellectual life. And to anyone who says today that the proletarian question is merely a matter of bread and the stomach, the answer must be: It is a pity enough that it has come to this—that the proletarian question has become a question of bread—that people did not look at something else earlier, namely, that from all his striving, the proletarian’s demand for a dignified existence arose—an existence in which he need not let his body and soul wither away. For all proletarian demands ultimately stem from this, not from a mere question of bread and sustenance. But as the proletarian sought to come to self-awareness in this way, as he engaged with the economic forms of modern times, an awareness developed within him of how he actually stands as a human being in this human life. From his own perspective, he was able to observe how the ruling circles conducted their lives. They told him that history was a divine world order, or a moral world order, or the world order of the Idea. He saw only that the ruling classes lived within their world order in the manner that the surplus value—which he was forced to produce—allowed them to live. That is why the words of the Communist Manifesto struck such a deep chord in the hearts of the proletariat and brought them to an awareness of their situation. Despite all the progress of modern times, despite all the so-called new freedoms, the proletarian is condemned to sell his labor power on the labor market as a commodity and to have it bought and sold. From this arose the demand: The times are over in which a person is still allowed to have a part of himself sold or bought. His feeling—which he perhaps could not always put into clear words—led the proletarian back to ancient times, to the days of serfdom. And he saw how the purchase of his labor power had survived from those ancient times. For nothing other than this lies at the heart of the wage relationship. So he said to himself: Commodities belong on the commodity market. One takes commodities to the market, sells them, and returns with the proceeds. I have to sell my labor power to the employer, but I cannot go to him and say: “Here is my labor power for such-and-such an amount of money; now I’m leaving”—I have to surrender myself! — You see, as a human being, one must go along with one’s labor power. That is what the proletarian perceives as an inhuman existence. |
[ 26 ] Da tritt die große Frage auf: Was hat zu geschehen, damit Arbeitskraft fernerhin keine Ware sein könne? Die Menschen heute, insofern sie den leitenden, führenden Kreisen angehören, machen sich im Grunde genommen über Arbeitskraft recht wenig Gedanken. Diese Leute machen ihr Portemonnaie auf, bezahlen mit so und so hohen Geldscheinen. Ob sie überhaupt darüber nachdenken, daß in dem, was sie da als Geldscheine hingeben, was sie vielleicht auch in der Art von Coupons abschneiden, beschlossen liegt, so und soviel Arbeitskraft des Proletariats in Anspruch zu nehmen, das ist die große Frage. Jedenfalls geben sie sich nicht Gedanken hin, die stark genug sind, um einzugreifen in das soziale Leben.
[ 26 ] This raises the big question: What must happen so that labor power can no longer be a commodity? People today—insofar as they belong to the ruling, leading circles—basically give very little thought to labor power. These people open their wallets and pay with bills of such-and-such denominations. Whether they even consider that what they hand over as banknotes—or perhaps cut off in the form of coupons—embodies a specific amount of the proletariat’s labor power is the big question. In any case, they do not give it enough thought to have a significant impact on social life.
[ 27 ] Worum es sich handelt, ist eben, daß die menschliche Arbeitskraft nicht im Preise mit irgendeiner Ware verglichen werden kann; daß die menschliche Arbeitskraft etwas ganz anderes ist als die Ware. Diese menschliche Arbeitskraft muß heraus aus dem Wirtschaftsprozeß. Und sie kommt nicht anders heraus, als wenn man das Wirtschaftsleben als ein Glied des sozialen Organismus betrachtet, abgegliedert von dem eigentlichen Rechts- oder Staatsorganismus, von dem politischen Organismus. Dann kann das eintreten, was ich Ihnen durch einen Vergleich klarmachen möchte. Das Wirtschaftsleben grenzt auf der einen Seite an die Naturgrundlage. Man kann in einem geschlossenen Wirtschaftsgebiet nicht in beliebiger Weise darauf loswirtschaften. Durch technische Mittel kann man den Boden verwerten oder dergleichen. Aber in gewissen Grenzen muß man sich der Naturgrundlage fügen. Denken Sie sich eine Anzahl Großgrundbesitzer, also in ihrer Art ebenfalls Kapitalisten, die sagen würden: Wenn wir bei dieser Bilanz bleiben oder gar eine bessere haben wollen, dann müssen wir hundert Regentage im Sommer haben, dazwischen Tage mit Sonnenschein und so weiter. Natürlich ein vollständiges Blech, aber es macht uns darauf aufmerksam, wie man auf der einen Seite die Naturgrundlage nicht ändern kann; wie wir nicht aus dem Wirtschaftsleben heraus verlangen können, daß die Naturkräfte so oder so im Boden drunten das Weizenkorn zubereiten. Wir müssen uns den Naturkräften fügen, sie stehen neben dem Wirtschaftsleben da. Auf der anderen Seite muß das Wirtschaftsleben begrenzt sein von dem Rechtsleben, das heißt: Ebensowenig wie die Naturkräfte von der Konjunktur auf dem Warenmarktabhängen, ebensowenig darf die menschliche Arbeitskraft von der Konjunktur auf dem Warenmarkt abhängen. Wie eine Naturkraft muß aus dem Wirtschaftsleben die menschliche Arbeitskraft herausgenommen und auf den Rechtsboden gestellt werden. Wenn sie auf den Rechtsboden gestellt ist, dann wird auf diesem Rechtsboden sich alles dasjenige entwickeln können, in dem ein Mensch dem anderen gleich ist, in dem sich nur wirkliche Menschenrechte entwickeln, in dem sich auch das Arbeitsrecht entwickeln kann. Maß und Art und Zeit der Arbeit wird festgestellt sein, bevor der Arbeiter in den Wirtschaftsprozeß eintritt. Dann wird er als ein freier Mensch demjenigen gegenüberstehen, der dann, wie man gleich sehen wird, nicht der Kapitalist, sondern der Arbeitsleiter, der geistige Mitarbeiter sein wird.
[ 27 ] The point is precisely that human labor power cannot be compared in price to any commodity; that human labor power is something entirely different from a commodity. This human labor power must be removed from the economic process. And the only way to achieve this is to view economic life as a component of the social organism, distinct from the legal or state organism—that is, the political organism. Then what I would like to illustrate to you through a comparison can come to pass. On the one hand, economic life is bound by natural constraints. In a closed economic region, one cannot exploit these resources in any arbitrary manner. Through technical means, one can utilize the soil or the like. But within certain limits, one must conform to the natural foundation. Imagine a number of large landowners—who are, in their own way, also capitalists—who would say: If we are to maintain this balance sheet or even achieve a better one, then we must have a hundred rainy days in the summer, interspersed with sunny days, and so on. Of course, this is complete nonsense, but it draws our attention to how, on the one hand, we cannot alter the natural foundations; how we cannot demand, from within economic life, that the forces of nature prepare the grain of wheat in the soil in one way or another. We must submit to the forces of nature; they exist alongside economic life. On the other hand, economic life must be bounded by the legal system—that is to say: just as the forces of nature do not depend on market conditions, so too must human labor not depend on market conditions. Just as a force of nature, human labor must be removed from economic life and placed on a legal foundation. Once it is placed on this legal foundation, everything in which one human being is equal to another—in which only genuine human rights develop, and in which labor law can also develop—will be able to unfold on this legal foundation. The scope, nature, and duration of work will be determined before the worker enters the economic process. Then, as a free person, he will face the one who—as we shall soon see—will not be the capitalist, but rather the supervisor, the intellectual collaborator.
[ 28 ] Mag man auch noch so gute Worte sprechen über den sogenannten Arbeitsvertrag - solange er ein Lohnvertrag ist, wird daraus immer nur die Unbefriedigtheit des Arbeiters hervorgehen können. Erst dann, wenn nicht mehr über Arbeitskraft Verträge abgeschlossen werden können, sondern lediglich über die gemeinsame Produktion des Arbeitsleiters und des Handarbeiters, wenn lediglich über das gemeinsame Erzeugnis ein Vertrag abgeschlossen werden kann, wird daraus ein menschenwürdiges Dasein für alle Teile hervorgehen. Dann wird der Arbeiter dem Arbeitsleiter gegenüberstehen als der freie Gesellschafter. Das ist es, was der Arbeiter im Grunde genommen erstrebt, wenn er sich auch heute noch nicht ganz klare Vorstellungen davon machen kann. Das ist es, was in der eigentlichen wirtschaftlichen Frage des Proletariats, in der eigentlichen wirtschaftlichen Forderung liegt: Befreiung der Arbeitskraft aus dem Wirtschaftskreislauf, Feststellung des Rechtes der Arbeitskraft innerhalb des zweiten Gliedes des dreigliedrigen sozialen Organismus, des Rechtsbodens.
[ 28 ] No matter how highly one may speak of the so-called employment contract—as long as it is a wage contract, it can only ever result in the worker’s dissatisfaction. Only when contracts can no longer be concluded regarding labor power, but only regarding the joint production of the foreman and the manual laborer—when a contract can be concluded solely regarding the joint product—will a dignified existence for all parties result. Then the worker will stand before the supervisor as a free partner. This is what the worker fundamentally strives for, even if he cannot yet form entirely clear mental images about it today. This is what lies at the heart of the proletariat’s fundamental economic issue, at the heart of its fundamental economic demand: the liberation of labor from the economic cycle, and the establishment of labor’s right within the second member of the threefold social organism—the legal sphere.
[ 29 ] Und auf diesem Rechtsboden muß noch ein anderes eine neue Gestalt bekommen. Das ist gerade dasjenige, gegenüber dessen Neugestaltung die heutigen Menschen noch ganz, ganz verdutzte Gesichter machen, nämlich die Neugestaltung des Kapitals. Mit Bezug auf das Privateigentum denken heute die Menschen wenigstens bis zu einem gewissen Grade sozial, und zwar auf dem Gebiet, das ihnen das minder schwierigste zu sein scheint, auf dem geistigen Gebiete. Denn auf geistigern Gebiete gilt, wenigstens dem Prinzip nach, etwas Soziales in bezug auf das Eigentum. Was jemand hervorbringt, und wenn er ein noch so gescheiter Mensch, ein noch so begabter Mensch ist — gewiß, seine Fähigkeiten bringt er durch die Geburt mit, das steht auf einem anderen Blatt -, aber dasjenige, was wir sozial Wertvolles leisten, auch geistig, wir leisten es dadurch, daß wir innerhalb der Gesellschaft stehen, durch die Gesellschaft. Das wird auf geistigem Gebiete dadurch anerkannt, daß wenigstens dem Prinzip nach — die Zeit könnte noch verkürzt werden — von dem, was man geistig hervorbringt, wovon einem auch die Nutznießung zukommt, von dem dreißigsten Jahre nach dem Tode an nichts mehr den Erben gehört. Die Zeit könnte kürzer werden, aber es ist wenigstens im Prinzip anerkannt, daß das, was geistiges Eigentum ist, das Eigentum der Allgemeinheit in dem Augenblick werden muß, da der Einzelne mit seinen individuellen Fähigkeiten nicht mehr dabei ist, um es zu verwalten. Nicht darf das geistige Eigentum in einer beliebigen Weise an diejenigen übergehen, die dann mit dieser Hervorbringung nichts mehr zu tun haben.
[ 29 ] And on this legal foundation, something else must also take on a new form. This is precisely the very thing whose transformation still leaves people today looking quite, quite bewildered—namely, the transformation of capital. When it comes to private property, people today think socially, at least to a certain extent—specifically in the realm that seems least difficult to them: the intellectual realm. For in intellectual matters, at least in principle, there is a social aspect to property. Whatever a person produces—no matter how intelligent or talented they may be—certainly, they are born with their abilities; that is a separate matter—but what we produce that is socially valuable, including in the intellectual realm, we produce by virtue of our place within society, through society. This is recognized in the intellectual sphere by the fact that, at least in principle—the time period could be shortened—of what one produces intellectually, from which one also derives benefit, nothing belongs to the heirs thirty years after one’s death. The period could be shortened, but it is at least recognized in principle that intellectual property must become the property of the general public the moment the individual, with his or her individual abilities, is no longer present to manage it. Intellectual property must not pass in any arbitrary manner to those who then have nothing more to do with its creation.
[ 30 ] Nun sagen Sie heute, es sei eine geschichtliche Forderung, daß es mit dem materiellen Kapital in der Zukunft ähnlich werden muß! Sagen Sie das heute den Menschen, die innerhalb der kapitalistischen Erziehung stehen, dann werden Sie sehen, was sie für verdutzte Gesichter machen! Dennoch ist eine der wichtigsten Forderungen der Gegenwart, daß das Kapital fortan nicht mehr in derselben Weise in den Gesellschaftsprozeß hineingestellt wird, wie es heute darin steht. Es handelt sich darum, daß in der Zukunft zwar jeder aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus in die Lage kommen muß, dasjenige zu verwalten, was Produktionsmittel auf einem bestimmten Gebiete sind. Und Produktionsmittel ist eigentlich das Kapital. Daran hat der Arbeiter selbst das größte Interesse, daß ein guter geistiger Leiter da ist als Verwalter; denn dadurch kann man auch am besten seine Arbeit anwenden. Der Kapitalist ist dann eben das fünfte Rad am Wagen, er ist gar nicht nötig. Das ist es, was man einsehen muß. Es ist also notwendig, daß in der Zukunft die Produktionsmittel in einem bestimmten Wirtschaftszweig oder auch für einen Kulturzweck aufgebracht werden; nachdem aber die individuellen Fähigkeiten des Menschen oder der Menschengruppen, welche die Produktionsmittel aufgebracht haben, nicht mehr das persönliche Eigentum rechtfertigen, müssen diese Produktionsmittel so, wie ich es in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage » dargestellt habe, nun wiederum auf ganz andere übergehen, nicht auf die Erben, sondern auf ganz andere, die nun die größten Fähigkeiten wiederum haben, diese Produktionsmittelnur im Dienst der Allgemeinheit zu verwalten.
[ 30 ] Now you say today that it is a historical necessity that the same must happen with material capital in the future! Tell that today to people who have been raised within the capitalist system, and you’ll see the look of bewilderment on their faces! Nevertheless, one of the most important demands of the present is that capital should no longer be integrated into the social process in the same way it is today. The point is that in the future, everyone must be able—based on their individual abilities—to manage what constitutes the means of production in a given field. And the means of production are, in fact, capital. It is in the worker’s own best interest to have a capable intellectual leader serve as administrator; for this is the best way to make the most of one’s labor. The capitalist is then simply the fifth wheel on the wagon—he is not needed at all. This is what one must realize. It is therefore necessary that, in the future, the means of production be mobilized within a specific economic sector or for a cultural purpose; but since the individual abilities of the person or group of people who have provided the means of production no longer justify private ownership, these means of production must now, as I have outlined in my book *The Key Points of the Social Question*, pass on to entirely different people—not to the heirs, but to others who, in turn, possess the greatest abilities to manage these means of production solely in the service of the common good.
[ 31 ] Wie das Blut im menschlichen Leibe zirkuliert, so werden in der Zukunft die Produktionsmittel, also das Kapital, zirkulieren in der Allgemeinheit des sozialen Organismus. Wie sich das Blut nicht anstauen darf im gesunden Organismus, sondern durch den ganzen Leib gehen muß, alles befruchten muß, so darf in der Zukunft das Kapital sich nicht an irgendeiner Stelle als Privateigentum anhäufen. Wenn es seinen Dienst an der einen Stelle getan hat, muß es vielmehr an denjenigen übergehen, der es am besten verwaltet. So wird das Kapital derjenigen Funktion entkleidet, welche heute gerade zu den größten sozialen Schäden geführt hat.
[ 31 ] Just as blood circulates in the human body, so too will the means of production—that is, capital—circulate throughout the social organism as a whole in the future. Just as blood must not stagnate in a healthy organism but must flow through the entire body, nourishing everything, so too, in the future, capital must not accumulate in any one place as private property. Rather, once it has served its purpose in one place, it must pass on to whoever manages it best. In this way, capital will be stripped of the very function that has led to the greatest social harm today.
[ 32 ] Die ganz gescheiten Leute, die vom kapitalistischen Standpunkt aus sprechen, sagen aber mit Recht: Alles Wirtschaften besteht darin, daß vorhandene Güter hingegeben werden, damit man künftig Güter erhalten kann. — Das ist ganz richtig; aber wenn auf diese Weise gewirtschaftet werden soll — daß nämlich durch das Vergangene die Keime gelegt werden für die Wirtschaft der Zukunft, so daß die Wirtschaft nicht abstirbt -, dann muß das Kapital an demjenigen teilnehmen, was die Eigenschaften der Güter sind. Wiederum gibt es heute höchst verdutzte Gesichter, wenn man von diesen Forderungen der Zukunft spricht. Wirkliche Güter haben indessen die Eigentümlichkeit, daß sie verbraucht werden. Beim Verbrauch gehen sie allmählich den Weg alles Lebendigen. Unsere bisherige Wirtschaftsordnung hat das Kapital dahin gebracht, diesen Weg des Lebendigen nicht zu gehen. Man braucht bloß Kapital zu haben, dann ist dieses Kapital herausgerissen aus dem Schicksal von allem anderen, was im Wirtschaftsprozeß darinsteht. Schon Aristoteles hat gesagt, das Kapital sollte keine Jungen bekommen, aber es bekommt nicht nur Junge, sondern die Jungen wachsen heran, bis sie groß sind; man kann die Anzahl der Jahre angeben, bis das Kapital sich verdoppelt, wenn es nur sich selbst überlassen ist. Andere Güter, für die aber das Kapital nur als Repräsentant dastehen sollte, haben die Eigentümlichkeit, daß sie sich entweder abnutzen oder nicht mehr gebraucht werden können, wenn sie nicht zur rechten Zeit in Gebrauch genommen werden. Dem Kapital muß die Eigenschaft aufgedrückt werden, insofern es Geldkapital ist, daß es an dem Schicksal aller anderen Güter teilnimmt. Während unser gegenwärtiges Wirtschaftsleben darauf sieht, daß das Kapital sich in einer gewissen Zeit verdoppelt, würde ein gesundes Wirtschaftsleben es dahin bringen, daß das bloße Geldkapital in derselben Zeit verschwinden würde, nicht mehr da sein würde. Es ist heute noch etwas Horribles, wenn man den Leuten sagt, nach fünfzehn Jahren sollen sie nicht das Doppelte haben, sondern nach einer angemessenen Zeit soll das, was Geldkapital ist, nicht mehr da sein, weil dasjenige, was in diesem Kapital steckt, an der Abnützung teilnehmen muß. Gewiß kann dabei auf manches, was im Sparen liegt oder dergleichen, Rücksicht genommen werden.
[ 32 ] However, the very intelligent people who speak from a capitalist standpoint rightly say: All economic activity consists of giving up existing goods so that one can obtain goods in the future. — That is quite correct; but if economic activity is to be conducted in this way—namely, so that the past lays the groundwork for the economy of the future, ensuring that the economy does not wither away—then capital must share in the very nature of goods. Yet even today, people look utterly bewildered when these demands for the future are discussed. Real goods, however, have the characteristic that they are consumed. Through consumption, they gradually follow the path of all living things. Our economic system to date has led capital to avoid following this path of the living. One need only possess capital, and then this capital is torn away from the fate of everything else involved in the economic process. Aristotle himself said that capital should not produce offspring, but not only does it produce offspring, the offspring grow until they are fully developed; one can specify the number of years it takes for capital to double if left to its own devices. Other goods—for which capital is merely supposed to serve as a representative—have the peculiarity that they either wear out or can no longer be used if they are not put to use at the right time. Capital, insofar as it is monetary capital, must be imbued with the characteristic of sharing in the fate of all other goods. While our current economic life is geared toward capital doubling in a certain period of time, a healthy economic life would lead to the point where mere monetary capital would disappear within the same period—it would no longer be there. It is still considered something horrifying today to tell people that after fifteen years they should not have double what they have now, but rather that, after a reasonable period of time, what constitutes monetary capital should no longer exist, because what is embodied in that capital must share in the process of wear and tear. Certainly, certain considerations—such as savings or similar factors—can be taken into account in this regard.
[ 33 ] So stehen wir heute nicht vor kleinen Abrechnungen, sondern vor großen Abrechnungen. Und wir müssen den Mut haben, zu diesen großen Abrechnungen uns zu bekennen. Sonst wird die soziale Ordnung, oder besser gesagt, die soziale Unordnung, das soziale Chaos, über uns hereinbrechen. Darüber machen sich die Menschen heute wenig Begrifte, daß sie im Grunde genommen auf einem Vulkan tanzen. Es liegt mehr in ihrem Interesse, das Alte so leicht fortzusetzen, während die Zeit von uns fordert, nicht nur manche Einrichtungen umzuändern, sondern bis in unsere Denkgewohnheiten hinein umzudenken und umzulernen.
[ 33 ] So today we are not facing minor reckonings, but major ones. And we must have the courage to acknowledge these major reckonings. Otherwise, social order—or rather, social disorder, social chaos—will descend upon us. People today have little grasp of the fact that they are, in essence, dancing on a volcano. It is more in their interest to simply carry on with the old ways, while the times demand that we not only reform certain institutions, but also rethink and relearn our very habits of thought.
[ 34 ] Wenn die Arbeitskraft und das Kapital herausgeholt werden aus dem Wirtschaftsprozeß, wo dann das Kapital der Allgemeinheit zufließt und die Arbeitskraft zurückgegeben wird dem Recht des freien Menschen, dann steht im Wirtschaftsprozeß nur Warenkonsum, Warenzirkulation, Warenproduktion darin. Dann hat man im Wirtschaftsprozeß bloß mit Werten von Waren zu tun. Und dann wird innerhalb dieses Wirtschaftsprozesses, der nun als Glied des gesunden sozialen Organismus auf sich selbst gestellt ist, dasjenige entstehen können, wovon man dann sagen kann: Es wird nicht bloß produziert, um zu produzieren, sondern es wird produziert, um zu konsumieren. Da werden dann jene Genossenschaften, jene Assoziationen entstehen, die gebildet sind aus den Berufsständen, aber die namentlich gebildet sind aus den Konsumenten, mit den Produzenten zusammen. Da wird aus diesen Korporationen heraus das entstehen, was heute dem Zufall des Warenmarktes anvertraut ist. Heute entscheidet etwas, was dem Menschendenken, dem Menschenurteil auf dem Warenmarkt ganz entzogen ist: Angebot und Nachfrage. In der Zukunft muß die Korporation dasjenige entscheiden, was aus dem Warenmarkt heraus die Preisbildung, die Wertbildung der Güter bedingt. Auf diesem Wege allein wird ein Mensch so viel hervorbringen, daß das Hervorgebrachte den Wert all der Waren hat, die er für seine Bedürfnisse braucht, bis er eine gleiche Ware neuerdings hervorgebracht hat. Das wird ein gerechtes Wirtschaftsleben sein. Das wird ein Wirtschaftsleben sein; in dem nicht der Preis der einen Warengattung in unverhältnismäßiger Art überwiegt die Preise der anderen Warenarten. Heute, da der Lohn noch im Wirtschaftsprozeß enthalten ist und der Arbeiter nicht der freie Gesellschafter des geistigen Leiters ist, heute steht die Sache noch so, daß innerhalb des Wirtschaftsprozesses der Arbeiter auf der einen Seite immer wieder um die Erhöhung seines Lohnes kämpfen muß; auf der anderen Seite wird dadurch, daß da ein Loch zugemacht wird, ein anderes aufgemacht: Der Lohn wird höher, die Lebensmittel werden teurer und so weiter. Das geschieht nur in einem Wirtschaftsprozeß, der verunreinigt wird von Kapital- und Lohnverhältnissen. In einem Wirtschaftsprozeß, in dem die Korporationen, die Genossenschaften, die Warenwerte bestimmen, und zwar nicht nach Angebot und Nachfrage, die dem Zufall unterworfen sind, sondern aus Vernunft heraus, in einem solchen Wirtschaftsprozeß allein kann jeder Mensch ein menschenwürdiges Dasein finden. Nach einem solchen Wirtschaftsprozeß schnen sich im Grunde die Proletariermassen; das ist ihre wahre Forderung im Wirtschaftsleben.
[ 34 ] When labor power and capital are removed from the economic process—whereupon capital flows to the public and labor power is restored to the rights of free human beings—then the economic process consists solely of the consumption, circulation, and production of commodities. Then the economic process deals solely with the value of commodities. And within this economic process—which is now self-sufficient as a part of a healthy social organism—what will emerge is a situation where one can say: Production is not merely for the sake of production, but for the sake of consumption. Then those cooperatives, those associations, will emerge that are formed from the various professions, but which are specifically composed of consumers, together with the producers. From these corporations will emerge what is today entrusted to the whims of the commodity market. Today, something that is entirely beyond human thought and human judgment on the commodity market determines the outcome: supply and demand. In the future, the corporation must determine what, within the commodity market, determines the pricing and the value of goods. Only in this way will a person produce enough so that what is produced has the value of all the goods he needs to meet his needs until he has produced an equivalent good again. That will be a just economic life. That will be an economic life in which the price of one type of good does not disproportionately outweigh the prices of other types of goods. Today, since wages are still incorporated into the economic process and the worker is not a free partner of the intellectual leader, the situation remains such that, within the economic process, the worker, on the one hand, must constantly struggle to increase his wages; on the other hand, closing one gap opens another: wages rise, food prices go up, and so on. This happens only in an economic process that is tainted by capital and wage relations. Only in an economic process in which corporations and cooperatives determine the value of goods—not according to supply and demand, which are subject to chance, but based on reason—only in such an economic process can every human being find a dignified existence. Deep down, the masses of the proletariat long for such an economic process; that is their true demand in economic life.
[ 35 ] Auf einzelnen Gebieten sieht man diese Forderung heute schon klarer ein. Nehmen Sie zum Beispiel die Frage nach den Betriebsräten, die jetzt durch Gesetze so verschandelt worden ist. Wenn die Betriebsräte das werden sollen, was der Proletarier wirklich verlangt, so dürfen sie nicht nach jeder Richtung hin, geradeso wie früher das Geistesleben, bloß die Schleppe des Staates nachtragen, sondern dann müssen sie innerhalb des Wirtschaftslebens eine soziale, wirklich gedeihliche Tätigkeit entwickeln können. Dazu muß das Wirtschaftsleben aber auf seinen eigenen Boden gestellt werden, dazu muß ein anderes kommen als diese Betriebsräte, dazu müssen noch Verkehrsräte und andere Räte kommen; diese müssen aus dem Wirtschaftsleben heraus erstehen, und sie werden Verfassungen schaffen aus wirtschaftlichen Erfahrungen heraus.
[ 35 ] In certain areas, this demand is already being recognized more clearly today. Take, for example, the issue of works councils, which has now been so distorted by legislation. If works councils are to become what the proletariat truly demands, they must not—just as intellectual life did in the past—merely trail behind the state in every direction; rather, they must be able to develop a social, truly productive role within economic life. For this to happen, however, economic life must be placed on its own footing; for this, something other than these works councils must emerge; for this, transport councils and other councils must also be established; these must arise from economic life itself, and they will create constitutions based on economic experience.
[ 36 ] Ich weiß, daß heute sehr viele Leute sagen: Es herrscht doch gar nicht die Bildung innerhalb des wirtschaftlichen Lebens, um zu dem zu kommen, wozu man kommen will. So reden die Leute, die immer von Idealen deshalb reden, damit sie in der Wirklichkeit das Mögliche nicht durchzuführen brauchen. So reden die Leute, für die Ideale etwas sind, dem man nicht zustreben soll, damit sie nicht nötig haben, das Allernächste anzustreben. Derjenige, der weiß, daß das Erfahrungswissen, das aus der Praxis heraus kommt, unendlich mehr wert ist als alles dasjenige, was von oben heruntergetragen werden kann, der weiß auch, daß solche Betriebsräteschaft nicht nur für einzelne Betriebe aufgestellt sein darf, sondern zwischenbetrieblich sein muß. Die Betriebsräte müssen die einzelnen Betriebe mit den ganz andersartigen Betrieben verbinden, die Verbindung vermitteln, sie müssen sich zur Betriebsräteschaft, zur Verkehrsräteschaft, zur Wirtschaftsräteschaft ausbilden. Wenn das aus dem Boden des Wirtschaftslebens herauswächst, dann wird man zu dem kommen, daß diese Räte nicht zur bloßen Dekoration da sind, sondern daß sie zum menschlichen Faktor werden, zu den Gestalten des Wirtschaftslebens selbst. Das ist aber dasjenige, was notwendig ist.
[ 36 ] I know that a great many people today say: “Education doesn’t really play a role in economic life when it comes to achieving what one wants to achieve.” That’s how people talk who always speak of ideals so that, in reality, they don’t have to carry out what is possible. That’s how people talk—people for whom ideals are something one shouldn’t strive for, so that they don’t have to strive for what’s right in front of them. Anyone who knows that experiential knowledge, which comes from practice, is infinitely more valuable than anything that can be imposed from above also knows that such works councils must not be established solely for individual companies, but must operate on an inter-company basis. The works councils must connect individual companies with those that are entirely different, facilitate that connection, and develop into a network of works councils, a network of transportation councils, and a network of economic councils. If this grows out of the very fabric of economic life, then we will come to realize that these councils are not merely for show, but that they become a human factor—the very figures of economic life itself. And that is precisely what is necessary.
[ 37 ] Wahrhaftig nicht aus irgendeiner Klügelei, nicht aus einer grauen Theorie ist dasjenige entstanden, was ich die Dreigliederung des sozialen Organismus nenne, sondern aus einer wirklichen Beobachtung der Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der Zukunft. Und es ist wirklich schade, daß sich heute so wenig Menschen finden, welche imstande sind, aus dem bisherigen Geistesleben heraus auf diese Lebensnot, auf die Wirklichkeit selbst ihre Augen zu richten. Die Leute verleumden heute das, was gerade das Praktische ist, indem sie sagen: Das istIdeologie, das ist Utopie. Was liegt da eigentlich zugrunde? Da sagen die einen: Die Sozialisierung der Produktionsmittel ist notwendig. Das sage ich auch. Aber ich sage auch: Notwendig ist, den Weg zu wissen, auf dem man dazu kommt. Ich habe heute nur skizzenhaft angedeutet, was ich meine. Wir brauchen heute nicht bloß Ziele, sondern auch die Wege und den Mut zu den Wegen. Viele Leute sagen mir, daß das schwer verständlich ist, was. ich sage. — Nun, notwendig ist allerdings zum Verstehen dessen, was ich sage, mehr als was man heute gewöhnlich zum Verstehen aufwenden will. Notwendig ist, hineinzuschauen in das wirkliche Leben, nicht aus irgendwelchen subjektiven Forderungen heraus das Leben zu beurteilen. Notwendig ist, daß man sich auch aufschwinge, den inneren Mut aufzubringen, radikal in gewissen Dingen zu denken, wie unsere Zeit es von jedem wachen Menschen fordert.
[ 37 ] What I call the threefold structure of the social organism did not arise from some clever speculation or from a dry theory, but from a genuine observation of the vital necessities of the present and the future. And it is truly a pity that so few people today are capable of turning their eyes away from the intellectual life of the past and toward these vital needs, toward reality itself. People today denigrate precisely what is practical by saying: “That is ideology; that is utopia.” What actually underlies this? Some say: “The socialization of the means of production is necessary.” I say that, too. But I also say: It is necessary to know the path by which one arrives at this. Today I have only sketched out what I mean. Today we need not only goals, but also the paths and the courage to follow them. Many people tell me that what I say is hard to understand. — Well, it is certainly true that understanding what I say requires more than what people are generally willing to invest in understanding today. It is necessary to look into real life, not to judge life based on some subjective demands. It is necessary to summon the inner courage to think radically about certain things, as our times demand of every alert person.
[ 38 ] Ich habe allerdings in den letzten vier bis fünf Jahren erlebt, daß die Menschen Dinge verstanden haben, die ich nicht verstanden habe. Sie haben sich sogar solche Dinge, die sie vorgaben zu verstehen, wenn sie von gewissen Orten herkamen, in schöne Rahmen hineingetan, damit sie sie immer anschauen könnten. Dinge, die vom großen Hauptquartier und dergleichen herkamen, aber es mußte allerdings das Verstehen erst befohlen werden. Befehlen kann man niemand das Verstehen dessen, was aus innerem Lebensmut heraus verstanden werden soll. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo die Menschen sich das Verstehen nicht mehr sollten befehlen lassen, sondern wo sie imstande sein müssen, aus den Lebenserfahrungen heraus, aus der vorurteilslosen Lebensbeobachtung heraus ein wirkliches Urteil zu gewinnen über dasjenige, was notwendig ist, ehe es zu spät ist.
[ 38 ] However, over the past four or five years, I have observed that people have understood things I did not understand. They even framed—in beautiful frames—the very things they claimed to understand when they came from certain places, so that they could always look at them. Things that came from the big headquarters and the like—but, of course, understanding had to be commanded first. You cannot command anyone to understand what is meant to be understood out of an inner courage to face life. Now the time has come when people should no longer allow themselves to be commanded to understand, but when they must be capable of forming a genuine judgment—based on life experiences and on the unbiased observation of life—about what is necessary, before it is too late.
[ 39 ] Aber man macht heute sonderbare Erfahrungen. Ich erzähle nicht gerne persönliche Dinge, aber heute sind es diese persönlichen Dinge, die das Leben beherrschen. Ich war im April 1914 genötigt, in einer kleineren Versammlung in Wien - und absichtlich in Wien, Sie wissen, die Weltkriegskatastrophe ist von Österreich ausgegangen — mein Utteil über die soziale Lage auszusprechen, damals nicht nur die soziale Lage des Proletariats, sondern die soziale Frage von ganz Europa. Ich deutete darauf hin, daß die soziale Lage in Europa zu einer Geschwürbildung hin tendiert, und in der Tat ist ja daraus dann der Weltkrieg entstanden. — Ich war genötigt, mein Urteil darüber etwa in die Worte zusammenzufassen — im April 1914, halten Sie den Zeitpunkt fest -: Wer in unsere sozialen Verhältnisse hineinschaut, wie sie sich allmählich herausgebildet haben, der kann nur zu einer großen Kultursorge kommen, denn er sieht, wie sich im sozialen Leben ein Karzinom entwickelt, eine Art Krebskrankheit, die in der furchtbarsten Weise in der nächsten Zeit zum Ausbruch kommen muß.
[ 39 ] But these days we’re having some strange experiences. I don’t like to talk about personal matters, but these days it’s precisely these personal matters that dominate our lives. In April 1914, I was compelled to speak at a small gathering in Vienna—and deliberately in Vienna, as you know, since the catastrophe of World War I originated in Austria—about the social situation; at that time, not only the social situation of the proletariat, but the social question of all of Europe. I pointed out that the social situation in Europe was tending toward the formation of an ulcer, and indeed, that is what eventually led to the World War. — I was compelled to summarize my assessment of this, roughly, in the following words—in April 1914, note the date—: Anyone who looks at our social conditions, as they have gradually taken shape, cannot help but feel deep concern for our culture, for they see how a carcinoma is developing in social life—a kind of cancer that is bound to erupt in the most terrible way in the near future.
[ 40 ] So mußte ich damals auf dasjenige hinweisen, in das der Weltkapitalismus die Menschen in der nächsten Zeit hineintrieb. Wer das damals sagte, wurde selbstverständlich für einen unpraktischen Idealisten, für einen Utopisten, einen Ideologen verschrien, denn die Praktiker sprachen damals ganz anders. Wie sprachen die Praktiker über die allgemeine Weltlage? Die sprachen nicht von Krebskrankheit. Die sprachen etwa so wie der deutsche Außenminister im Frühjahr 1914 zu den erleuchteten Herren des Deutschen Reichstages — erleuchtet werden sie ja gewesen sein, denn sie waren doch berufen worden -: Wir gehen friedlichen Zeiten entgegen, denn die allgemeine Entspannung macht erfreuliche Fortschritte. Wir stehen im besten Verhältnis zu Rußland; das Petersburger Kabinett hört nicht auf die Pressemeute. Mit England sind aussichtsvolle Verhandlungen angeknüpft, welche wohl in nächster Zeit zugunsten des Weltfriedens zum Abschluß kommen werden. Wie die beiden Regierungen überhaupt so stehen, daß sich die Beziehungen immer inniger und inniger gestalten werden. - So sprach der Praktiker, der nicht Idealist gescholten wurde. Und die allgemeine Entspannung machte solche Fortschritte, daß das folgte, was wir alle so leidvoll erlebt haben. Es können einen schon besondere Empfindungen ankommen, wenn man dann so etwas hört, wie es kürzlich auf der Völkerbund-Konferenz zu hören war, wo die Leute über alles mögliche sprachen aus den alten Denkgewohnheiten heraus. Nur darüber sprachen sie nicht in einer irgendwie sachgemäßen Weise, was die größte Bewegung der Gegenwart ist, über die soziale Bewegung, die doch allein fähig ist, einen wirklichen Völkerbund zu begründen.
[ 40 ] So at that time, I had to point out the situation into which global capitalism was driving people in the near future. Anyone who said that back then was, of course, denounced as an impractical idealist, a utopian, or an ideologue, because the pragmatists spoke quite differently at the time. How did the “practical” people speak about the general world situation? They did not speak of a cancerous disease. They spoke much like the German Foreign Minister did in the spring of 1914 to the enlightened gentlemen of the German Reichstag—enlightened as they must have been, since they had, after all, been elected—: “We are heading toward peaceful times, for the general easing of tensions is making encouraging progress.” We are on the best of terms with Russia; the St. Petersburg cabinet pays no heed to the press pack. Promising negotiations have been initiated with England, which will likely be concluded in the near future for the sake of world peace. The two governments are on such good terms that relations will become ever closer and closer. —So spoke the pragmatist, who was not accused of being an idealist. And the general easing of tensions made such progress that what followed was what we have all experienced so painfully. One can’t help but feel a certain way when one hears things like what was said recently at the League of Nations conference, where people spoke about all sorts of things based on old ways of thinking. Yet they failed to discuss in any meaningful way what is the greatest movement of our time—the social movement, which alone is capable of establishing a true League of Nations.
[ 41 ] Dann bekommt man manchmal aus den alten Denkgewohnheiten heraus von sehr gescheiten Leuten ganz besondere Antworten. Neulich in Bern antwortete mir ein sehr gescheiter Herr - ich will niemals die Gescheitheit der Leute verkennen -: Ich kann mir nicht denken, daß bei einer Dreigliederung etwas besonderes herauskommt, das muß doch alles eine Einheit sein. Recht kann doch nicht bloß auf politischem Boden entstehen, und so weiter. - Notwendig ist eben, daß auf dem Boden des Rechtes das Recht sich entwickelt, dann hat auch das Wirtschaftsleben das Recht, dann hat das Geistesleben das Recht. Und wenn man sagt, daß die Einheit des sozialen Organismus zerschnitten wird, so sage ich: Nicht darum handelt es sich für mich! Es geht nicht darum, den Gaul zu zerschneiden, sondern darum, den Gaul auf seine vier Beine zu stellen. Nicht darum handelt es sich, den sozialen Organismus zu zerschneiden, sondern darum, ihn auf seine drei gesunden Beine zu stellen, auf ein gesundes Rechtsleben, ein gesundes Wirtschaftsleben und ein gesundes Geistesleben. Dann entwickelt sich schon diese Einheit, die man heute als einen Götzen anbetet als Einheitsstaat, den man aber gleich verlassen muß, wenn man den Sozialismus will.
[ 41 ] Then, sometimes, out of old habits of thought, one gets very peculiar answers from very intelligent people. Recently in Bern, a very intelligent gentleman replied to me—and I never wish to underestimate people’s intelligence—saying: “I cannot imagine that a threefold social order would yield anything special; surely everything must be a unity. Justice cannot arise solely on political grounds, and so on.” —What is necessary is precisely that justice develop on the foundation of law; then economic life will also have its rightful place, and spiritual life will have its rightful place. And when people say that the unity of the social organism is being fragmented, I say: That is not the point for me! It is not a matter of cutting the horse into pieces, but of setting the horse on its four legs. It is not a matter of cutting up the social organism, but of placing it on its three healthy legs: a healthy legal life, a healthy economic life, and a healthy spiritual life. Then this unity—which people today worship as an idol in the form of a unitary state, but which must be abandoned immediately if one wants socialism—will develop on its own.
[ 42 ] Durch mehr als ein Jahrhundert haben die Menschen immer wiederum gesprochen von dem großen sozialen Ideal der Menschheit, von den größten sozialen Impulsen: Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit. Gewiß, es haben sehr gescheite Leute des 19. Jahrhunderts immer wieder bewiesen, daß diese Ideale nicht zu verwirklichen seien, weil man sie nur unter der Hypnose des Einheitsstaates gesehen hat; daher rührt der Widerspruch. Heute aber ist die Zeit, da diese Ideale verwirklicht werden müssen, da diese drei Impulse des sozialen Lebens ergriffen werden müssen. Und sie können nur verwirklicht werden im dreigliedrigen sozialen Organismus. Im Geistesleben, das auf seinem eigenen Boden stehen soll, müssen die individuellen Fähigkeiten als auf dem Boden der Freiheit entwickelt werden. Auf dem Gebiete des Rechtes muß dasjenige herrschen, worin jeder Mensch jedem anderen Menschen gleich ist, worüber als ein Gleiches jeder mündig gewordene Mensch durch sich selbst oder dutch seinen Vertreter sein Verhältnis zu anderen Menschen regeln kann, auch das Arbeitsverhältnis. Und auf dem Boden des Wirtschaftslebens muß jene wahre Brüderlichkeit herrschen, die nur in Genossenschaften, sei es in Konsumentenschaften oder in Produzentenschaften, erblühen kann.
[ 42 ] For more than a century, people have repeatedly spoken of humanity’s great social ideal, of the greatest social ideals: equality, liberty, fraternity. Certainly, very intelligent people of the 19th century proved time and again that these ideals could not be realized, because they were viewed solely through the lens of the unitary state; this is the source of the contradiction. Today, however, is the time when these ideals must be realized, when these three driving forces of social life must be embraced. And they can only be realized within the threefold social organism. In spiritual life, which must stand on its own ground, individual abilities must be developed on the basis of freedom. In the realm of law, what must prevail is the principle that every human being is equal to every other human being—a principle whereby every person of legal age can, on an equal footing, regulate their relationship with other human beings—including the employment relationship—either through themselves or through their representative. And in the realm of economic life, that true brotherhood must prevail which can flourish only in cooperatives, whether consumer or producer cooperatives.
[ 43 ] In dem dreigliedrigen sozialen Organismus werden herrschen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, weil er drei Glieder hat: Freiheit auf dem Boden des Geisteslebens, Gleichheit auf dem demokratischen Boden des Rechtslebens, Brüderlichkeit auf dem Boden des Wirtschaftslebens.
[ 43 ] Freedom, equality, and brotherhood will prevail in the threefold social organism because it has three parts: freedom on the basis of spiritual life, equality on the democratic basis of legal life, and brotherhood on the basis of economic life.
[ 44 ] Ich konnte Ihnen heute nur von einzelnen Gesichtspunkten her dasjenige andeuten, was das Notwendige ist zu bedenken in der heutigen so tiefernsten Zeit; was das Notwendigste ist zu bedenken, wenn man ernsthaftig Hand anlegen will, um herauszukommen aus Wirrnis und Chaos, um nicht tiefer hineinzukommen in Wirrnis und Chaos. Notwendig ist heute, nicht bloß an kleine Änderungen zu denken, sondern den Mut aufzubringen, sich zu gestehen, daß heute große Abrechnungen fällig sind. Wer wirklich mit wacher Seele das anschauen kann, was heute erst im Anfang steht, muß sich sagen: Wir werden nicht lange Zeit zum Überlegen haben. Deshalb ergreifen wir lieber einen Weg, der jeden Tag begonnen werden kann. Und jeden Tag begonnen werden kann dasjenige, was durch den dreigliedrigen sozialen Organismus gegeben ist. Nur derjenige, der weiter hineinsegeln will in jene Praxis, die uns die Weltkatastrophe gebracht hat, wird das, was wirklich praktisch ist, einen unpraktischen Idealismus nennen wollen.
[ 44 ] Today I was able to hint at only a few aspects of what must be considered in these most profound of times; what is most essential to consider if one seriously wishes to take action to emerge from confusion and chaos, so as not to sink deeper into them. What is necessary today is not merely to think of small changes, but to muster the courage to admit to ourselves that major reckonings are now due. Anyone who can truly look with an alert soul at what is only just beginning today must say to themselves: We will not have much time to deliberate. Therefore, let us rather take a path that can be begun every day. And what is provided by the threefold social organism can be begun every day. Only those who wish to sail further into the very practices that have brought us the global catastrophe will want to call what is truly practical an “impractical idealism.”
[ 45 ] Soll Heilsames geschehen im sozialen Leben, so wird es notwendig sein, daß man gründlich abkommt von jener abergläubischen Vergötterung der Praxis, die nichts anderes ist als brutaler menschlicher Egoismus. Man wird sich bekennen müssen zu jenem Idealismus, der kein einseitiger Idealismus ist, sondern wahre Lebenspraxis. Wer es ehrlich meint mit unserer Zeit, wird sich heute die Frage stellen: Wie komme ich auf den Weg zum Heilmittel für dasjenige, was uns als soziale Schäden entgegentritt? Und zu wünschen wäre es, daß immer mehr Menschen auf diesen Weg kämen, ehe es zu spät ist. Und es könnte sehr bald zu spät sein.
[ 45 ] If positive change is to take place in social life, it will be necessary to thoroughly break away from that superstitious idolization of practice, which is nothing other than brutal human selfishness. We will have to commit ourselves to that idealism which is not a one-sided idealism, but true living practice. Anyone who is sincere about our times will ask themselves today: How do I find the path to a remedy for the social ills we face? And it is to be hoped that more and more people will take this path before it is too late. And it could very soon be too late.
[ 46 ] Schlußwort
[ 46 ] Concluding Remarks
[ 47 ] Nach einer Diskussion, in der überwiegend Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre gesprochen hatten, ergriff Rudolf Steiner nochmals das Wort:
[ 47 ] After a discussion in which party and union officials had done most of the talking, Rudolf Steiner spoke again:
[ 48 ] Es wäre mit ja allerdings lieber gewesen, wenn von seiten der Redner auf die Dinge, die ich vorgebracht habe, eingegangen worden wäre. Man könnte dann die Diskussion zu etwas Fruchtbarem gestalten. Das ist nun nicht geschehen. Ich werde daher nur noch auf einzelnes hinweisen und aufmerksam machen können.
[ 48 ] I would have preferred, however, if the speakers had addressed the points I raised. That would have made the discussion more productive. That did not happen. I will therefore only be able to point out a few specific issues and draw attention to them.
[ 49 ] Von einigen Rednern wurde gesagt, daß in meinen Betrachtungen nichts Neues vorgebracht worden sei. Nun, ich kenne sehr genau die Entwicklung der sozialen Bewegung. Und wer behauptet, das Wesentliche von dem, was heute aus den Erfahrungen gerade der ganzen Neugestaltung der sozialen Lage durch die Weltkatastrophe vorgebracht worden ist, sei nicht etwas Neues, der sollte sich bewußt werden, daß er etwas absolut Unrichtiges sagt. In Wirklichkeit liegt ein ganz anderer Tatbestand vor: Die Redner haben das Neue nicht gehört. Sie haben sich darauf beschränkt, die paar Sachen zu hören, die selbstverständlich, weil sie richtig sind, als Kritik der üblichen Gesellschaftsordnung vorgebracht wurden. Sie sind gewöhnt seit vielen Jahren, dies und das als Schlagwort zu hören: das haben sie gehört. Aber alles, was dazwischen gesagt worden ist von der Dreigliederung des sozialen Organismus, von dem, was durch diese Dreigliederung an wirklicher Sozialisierung nach jeder Seite hin erreicht werden kann, von dem haben eben die Redner absolut nichts gehört. Und daher haben sie vermutlich auch in ihren Diskussionen so schr über dasjenige, was sie nicht gehört haben, geschwiegen. Ich begreife das. Ich begreife es aber auch, daß dann natürlich eine fruchtbare Diskussion eigentlich aus einer solchen Sache nicht herauskommen kann.
[ 49 ] Some speakers have said that nothing new was presented in my remarks. Well, I am very familiar with the development of the social movement. And anyone who claims that the essence of what has been put forward today—based on the experiences of the complete restructuring of the social situation brought about by the global catastrophe—is not something new should realize that they are saying something absolutely incorrect. In reality, the situation is quite different: the speakers have not heard what is new. They have limited themselves to hearing the few points that, of course, because they are correct, were presented as a critique of the established social order. For many years, they have been accustomed to hearing this or that as a catchphrase: that is what they heard. But everything that was said in between—about the threefold structure of the social organism, about what can be achieved through this threefold structure in terms of genuine socialization in every direction—the speakers heard absolutely nothing of that. And that is probably why, in their discussions, they remained so conspicuously silent about precisely what they had not heard. I understand that. But I also understand that, naturally, a fruitful discussion cannot really emerge from such a situation.
[ 50 ] Wir haben zum Beispiel einen Redner gehört, der gerade so, wie wenn er die letzten fünf bis sechs Jahre nicht erlebt hätte, sich über die alten Theorien ausgelassen hat, die soundso viel Mal vor dieser Katastrophe abgehandelt worden sind. Er hat brav alle die Theorien vom Mehrwert und so weiter, die ja ganz gewiß richtig sind, die aber unzählige Male vorgebracht wurden, wieder vorgebracht. Er hat nur vergessen, daß wir heute in einer ganz, ganz anderen Zeit leben. Er hat vergessen, daß zum Beispiel sehr angesehene Sozialistenführer noch wenige Monate vor der deutschen Kapitulation gesagt haben: Wenn diese Weltkriegskatastrophe vorüber ist, dann wird die deutsche Regierung sich zu dem Proletariat ganz anders stellen müssen als vorher. Die deutschen Machthaber werden in ganz anderer Weise das Proletariat bei allen Regierungshandlungen, in allen Gesetzgebungen berücksichtigen müssen als vorher. — Man hat von sozialistischer Seite aber auch gesagt: Es werden die sozialistischen Parteien berücksichtigt werden müssen.
[ 50 ] For example, we heard a speaker who, as if he hadn’t lived through the last five or six years, went on and on about the old theories that had been discussed so many times before this catastrophe. He dutifully brought up all the theories about surplus value and so on—theories that are certainly correct, but which have been put forward countless times before. He simply forgot that we are living in a completely, completely different era today. He forgot that, for example, highly respected socialist leaders said just a few months before Germany’s surrender: “Once this catastrophe of the World War is over, the German government will have to adopt a completely different stance toward the proletariat than before. The German rulers will have to take the proletariat into account in a completely different way in all government actions and in all legislation than before.” — But it was also said from the socialist side: “The socialist parties will have to be taken into account.”
[ 51 ] Nun, es ist anders gekommen. Die Machthaber sind in den Abgrund versenkt worden, die Parteien waren da. Sie stehen heute vor einer ganz anderen Weltlage. Vor dieser neuen Weltlage müßte man aber neue Gedanken nicht einfach überhören, und bloß die Parteien hören, die natürlich, weil sie immer schon gegolten haben, solange es eine soziale Bewegung gibt, sondern man müßte die Fähigkeit sich erwerben, einzugehen auf dasjenige, was gerade für die heutige Zeit unmittelbar das Notwendigste ist. Sonst stehen wir vor der großen Gefahr, die im Grunde genommen in der alten üblichen Weltordnung immer da war: Wenn etwas kam, was auf Tatsachen hinschaute, was der Wirklichkeit entnommen war, erklärte man es als Ideologie; erklärte man: das ist Philosophie, das hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun, und man bahne dadurch die Wege der Reaktion. Es würde das Schlimmste sein, wenn die sozialistische Partei in eine Art von reaktionärer Erstarrung verfallen würde, wenn sie nicht fähig wäre, fortzuschreiten mit den so laut sprechenden Tatsachen.
[ 51 ] Well, things turned out differently. Those in power have been cast into the abyss; the political parties were there. Today they face a completely different world situation. Faced with this new global situation, however, one should not simply ignore new ideas and listen only to the parties—which, of course, have always been relevant as long as social movements have existed—but rather one must acquire the ability to respond to whatever is most immediately necessary for the present time. Otherwise, we face the great danger that, in essence, has always been present in the old, familiar world order: whenever something emerged that looked at facts, that was drawn from reality, it was dismissed as ideology; people would declare, “That is philosophy; it has nothing to do with reality,” and in doing so, they paved the way for reaction. It would be the worst possible outcome if the Socialist Party were to fall into a kind of reactionary rigidity, if it were unable to move forward in step with the facts that speak so loudly.
[ 52 ] Das ist es, worauf es heute ankommt. Marx hat ein schönes Wort geprägt, nachdem er die Marxisten kennengelernt hatte — es geht das ja vielen Leuten so, die sich bemühen, etwas wirklich Neues in die Welt zu bringen -: Was mich anbetrifft, ich bin kein Marxist.- Und Marx hat jederzeit gezeigt - ich erinnere nur an die Vorgänge von 70/71 -,wie er von diesen Vorgängen gelernt hat. Er hat jederzeit gezeigt, daß er imstande ist, mit der fortschreitenden Zeit zu gehen. Er würde heute ganz gewiß, da die Zeit dazu reif ist, die Möglichkeit finden, gerade in der Dreigliederung des sozialen Organismus die wirkliche Lösung der sozialen Frage zu erkennen. Immerfort wird von neuen Wegen geredet, und wenn ein neuer Weg gezeigt wird, zu dem allerdings ein wirklicher Mut gehört, dann wird gesagt: Es ist kein Weg gezeigt, es ist nur ein Ziel gezeigt. Da möchte man doch fragen: Hat jemand schon an diesen Weg gedacht, der notwendig macht, daß eine Art Liquidationstegierung eintritt? Das ist dasjenige, was in der Tat den Leuten sehr ungewohnt ist für ihre Denkgewohnheiten. Die alten Regierungen, auch die sozialistische Regierung denkt an nichts anderes, als daß sie die schöne, brave Fortsetzung dessen sein wird, was die Regierung früher war. Was wir nötig haben, ist, daß diese Regierung nur die Initiative in der Mitte behält, die Aufsicht über den Sicherheitsdienst, Hygiene und dergleichen, und daß sie links und rechts Liquidationsregierung wird: nämlich das Geistesleben frei lassend, so daß es in selbständige Verwaltung übergeht, das Wirtschaftsleben auf eigene Füße stellend.
[ 52 ] That is what matters today. Marx coined a beautiful phrase after he got to know the Marxists—as is often the case with people who strive to bring something truly new into the world—: “As for me, I am no Marxist.” - And Marx consistently demonstrated—I need only recall the events of 1870–71—how he learned from those events. He consistently showed that he was capable of keeping pace with the times. Today, now that the time is ripe, he would most certainly find a way to recognize the true solution to the social question precisely in the threefold social order. People are constantly talking about new paths, and when a new path is pointed out—one that admittedly requires real courage—then they say: “No path has been shown; only a goal has been shown.” One is tempted to ask: Has anyone even considered this path, which necessitates a kind of liquidation process? That is precisely what is so unfamiliar to people’s habitual ways of thinking. The old governments—even the socialist government—think of nothing else but that they will be the fine, respectable continuation of what the government used to be. What we need is for this government to retain the initiative only in the center—oversight of security services, public health, and the like—and for it to become a “liquidation government” on the left and right: namely, by setting intellectual life free so that it transitions to independent administration, and by putting economic life on its own feet.
[ 53 ] Das ist keine Theorie, keine Philosophie, das ist der Hinweis auf etwas, was getan werden muß. Und damit das getan werde, dazu gehört zuetst Verständnis von seiner Notwendigkeit. Dazu gehört, daß man abläßt allmählich von der alten Gewohnheit, nur hinhören zu wollen auf das, was einem gerade selber beliebt, und nicht hinhören zu wollen auf dasjenige, was einem unbekannt ist.
[ 53 ] This is not a theory, not a philosophy; it is a pointer to something that must be done. And for that to be done, it first requires an understanding of its necessity. This involves gradually letting go of the old habit of wanting to listen only to what one personally likes at the moment, and not wanting to listen to what is unknown to one.
[ 54 ] Wenn Redner auftreten, welche sich in merkwürdiger Weise in praktische Widersprüche verwickeln und das nicht merken, so zeigen sie schon, wie eigentlich unmöglich ein praktischer Weg gefunden werden kann. Ein Redner hat es heute fertiggebracht, zu sagen: Wirklich politische Macht ruht auch heute auf den wirtschaftlichen Unterlagen. Und dann hat er, nachdem er etwas hinzugefügt hat - man merkt es dann nicht mehr so -, gesagt: Das erste ist, daß wir die politische Macht erringen, um die wirtschaftliche Macht zu erobern. - Man deklamiert also auf der einen Seite: Wer die wirtschaftliche Macht hat, hat auch die politische Macht. Und gleich hinterher nach ein paar Sätzen sagt man: Wir müssen erst die politische Macht haben, dann bekommen wir auch die wirtschaftliche Macht. Mit solchen Rednern wird man allerdings keine praktischen Wege gehen können. Einen praktischen Weg kann man nur gehen, wenn man imstande ist, gerade zu denken, und sich nicht die Wege des Denkens zu verwirren.
[ 54 ] When speakers take the stage and, in a strange way, get themselves entangled in practical contradictions without realizing it, they are already demonstrating just how impossible it actually is to find a practical solution. One speaker today managed to say: “Political power, even today, rests on economic foundations.” And then, after adding something—so that it’s no longer so obvious—he said: “The first thing is that we must seize political power in order to gain economic power.”—So, on the one hand, one proclaims: “Whoever has economic power also has political power.” And right after that, a few sentences later, one says: “We must first have political power; then we will also gain economic power.” With such speakers, however, it will not be possible to pursue practical paths. A practical path can only be pursued if one is capable of thinking clearly and does not confuse one’s lines of thought.
[ 55 ] Man wird nicht weiterkommen mit einem starren Festhalten an irgendwelchen Einwänden, wie: Der Hang zur Bequemlichkeit macht es notwendig, daß die Menschen zur Einheitsschule gezwungen werden. Alle diejenigen, die in früheren Zeiten Machthaber waren, haben ähnliche Dinge vorgebracht. Man hat Leute in der Regierung gesehen, die wahrhaftig nicht gescheiter waren als die Regierten. Aber die Redeweise haben sie noch immer zustande gebracht: Wenn wir die Leute nicht zwingen, das oder das zu tun, dann tun sie es freiwillig nicht.
[ 55 ] One will get nowhere by rigidly clinging to objections such as: The tendency toward convenience makes it necessary to force people into a one-size-fits-all school system. All those who held power in earlier times have put forward similar arguments. There have been people in government who were truly no smarter than those they governed. Yet they still managed to argue: “If we don’t force people to do this or that, they won’t do it voluntarily.”
[ 56 ] Es ist eine eigenartige Erscheinung, daß nunmehr auch auf sozialistischem Boden derlei Dinge zum Vorschein kommen. Da wäre gerade dasjenige erforderlich, worum es sich in Wirklichkeit handelt: die Möglichkeit, den Sinn aufzuschließen für das Notwendige, nicht haften zu bleiben an lange eingetrichterten Theorien und dergleichen. Das ist es doch, was immer wiederum gefordert wird. Wenn man sagt: die Macht muß errungen werden!, so meint man doch eine graue 'Theorie. Denn wenn man die Macht errungen hat, dann muß man auch wissen, was man mit dieser Macht tut. Auf eine andere Weise kommt man nicht vorwärts. Erringen Sie die Macht — wenn Sie in der Macht stehen, und Sie wissen nicht, was Sie tun sollen, dann ist die ganze Macht für die Katz. Es handelt sich darum, daß man gerade bevor man zur Macht kommt, klar und deutlich weiß, was man mit der Macht anzufangen hat.
[ 56 ] It is a peculiar phenomenon that such things are now coming to light even within socialist circles. What is needed here is precisely what is at stake in reality: the ability to open one’s mind to what is necessary, rather than clinging to long-ingrained theories and the like. That is, after all, what is always being called for. When people say, “Power must be seized!” they are really referring to a dry “theory.” For once power has been seized, one must also know what to do with that power. There is no other way to move forward. Seize power—if you are in power and do not know what to do, then all that power is for nothing. The point is that, just before coming to power, one must know clearly and precisely what to do with that power.
[ 57 ] Wenn auf der einen Seite gesagt worden ist: nachdem die Revolution vom 9. November gelungen ist —, so könnte man ebensogut sagen, sie ist mißlungen. Und wenn auf der anderen Seite gesagt wird: das Ausland sieht die Revolution als Schwindel an -, so ist das eben aus dem Grunde der Fall, weil die Macht errungen worden ist und die Besitzer der Macht nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Es muß nun aber endlich gewußt werden, was mit der Macht angefangen werden soll. Wenn aber jeder bei den alten Parteimeinungen bleibt, dann mag er nach Einigkeit rufen. Es gibt eine Methode, zur Einigkeit aufzufordern, das ist die, wirklich zu sehen, wo die Schäden sind. Auf diese Weise sucht der Dreigliederungsimpuls Einigkeit zu bringen. Es ist einfach objektiv eine Verleumdung, zu sagen, es solle eine neue Partei oder eine neue Sekte gegründet werden. Unsinn ist das. Und wenn die Resolution von zahlreichen Versammlungen angenommen worden ist, so bin ich vollständig beruhigt, daß dieser Resolution niemals entsprochen wird. Würde ihr entsprochen, dann würde das zur Folge haben, daß den gegenwärtigen Machthabern sehr bald der Stuhl vor die Türe gesetzt würde. Da braucht keine Furcht zu bestehen, daß da irgendwie eine Einigkeit gestört werden könnte. Aber es gibt eine andere Methode, die Einigkeit zu zerstören: Auf seinen Prinzipien zu beharren und dann zu sagen: Wenn Ihr nicht mir folgt, dann sind wir eben nicht einig. Das ist auch eine Methode, Einigkeit zu predigen, wobei man eigentlich meint: Einig können wir nur werden, wenn ihr mir folgt. Das meinen heute eigentlich doch recht viele.
[ 57 ] If, on the one hand, it has been said: “Now that the November 9 revolution has succeeded”—one might just as well say that it has failed. And if, on the other hand, it is said that “foreign countries view the revolution as a sham,” this is precisely because power has been seized and those in power do not know what to do with it. But it must finally be determined what is to be done with this power. If, however, everyone clings to their old party views, then they may well call for unity. There is one way to call for unity, and that is to truly see where the problems lie. In this way, the threefold impulse seeks to bring about unity. It is simply an objective slander to say that a new party or a new sect should be founded. That is nonsense. And even if the resolution has been adopted by numerous assemblies, I am completely confident that this resolution will never be carried out. If it were carried out, it would mean that those currently in power would very soon be shown the door. There is no need to fear that unity could be disrupted in any way. But there is another way to destroy unity: to insist on one’s principles and then say, “If you do not follow me, then we are simply not in agreement.” That, too, is a way of preaching unity, while actually meaning: “We can only be united if you follow me.” Quite a few people actually think that way today.
[ 58 ] Wie gesagt, es tut mir leid, auf Einzelheiten deshalb nicht eingehen zu können, weil eigentlich kein einziger der Diskussionsredner wirklich solche Dinge berührt hat, die in meinem Vortrage vorgebracht worden sind. Es ist sogar zum Schluß noch gesagt worden, ich hätte philosophiert. Mit einem solchen Philosophieren, wie es dieser Diskussionsredner getan hat, kann man ja allerdings alles eine brotlose Philosophie nennen. Aber ob man just mit einem solchen Philosophieren, wie es der letzte Redner entwickelt hat, auf dasjenige kommt, was wirklich helfen kann, das ist doch sehr stark die Frage.
[ 58 ] As I said, I’m sorry I can’t go into details because, in fact, not a single one of the speakers in the discussion really addressed the points I raised in my presentation. In fact, it was even said at the end that I had been philosophizing. With the kind of philosophizing that this panelist engaged in, one could certainly call it all “fruitless philosophy.” But whether one can actually arrive at something that can truly help through precisely the kind of philosophizing that the last speaker engaged in—that is very much open to question.
[ 59 ] Was in diesem dreigliedrigen sozialen Organismus gegeben ist, es ist zuerst als Impuls gegeben worden während dieser furchtbaren Kriegskatastrophe, als ich glaubte, daß die rechte Zeit gekommen sei. Damals, als wir noch lange nicht das Ungetüm des Brest-Litowsker Friedens hatten, erschien es mir gerade als das Richtige, wenn, im Gegensatz zu alledem, was dann wirklich geschehen ist, von diesem DreigliederungsImpuls ausgehend, nach dem Osten hinüber ein Ausgleich gesucht worden wäre. Es hat dies niemand verstanden. Daher ist dasjenige gekommen, was nachher durch den Brest-Litowsker Frieden ausgelöst wurde. Es kommt heute wirklich darauf an, daß sich Menschen finden, die es nicht so machen wie alle diejenigen, zu denen während des Krieges von dieser Dreigliederung des sozialen Organismus gesprochen wurde, damals natürlich mit Bezug auf die Außenpolitik.
[ 59 ] What exists in this threefold social organism was first conceived as an impulse during that terrible catastrophe of war, when I believed that the right time had come. Back then, long before we had the monstrosity of the Treaty of Brest-Litovsk, it seemed to me to be exactly the right thing to do—in contrast to everything that actually happened afterward—to seek a balance with the East, starting from this impulse toward threefolding. No one understood this. That is why what was subsequently triggered by the Treaty of Brest-Litovsk came to pass. What really matters today is that people be found who do not act like all those to whom this threefold social organism was spoken of during the war—at that time, of course, with reference to foreign policy.
[ 60 ] In den nächsten Tagen wird eine Broschüre über die Schuld am Kriege erscheinen. Da wird die Welt erfahren, was eigentlich in den letzten Tagen des Juli und den ersten Tagen des August 1914 innerhalb Deutschlands vorgegangen ist. Man wird dann sehen, wie das große Unglück dadurch hereingebrochen ist, daß man nicht selbst gedacht hat, daß man hat die Obrigkeit denken lassen, daß man zufrieden war, wenn die Obrigkeit dachte. Das ist dasjenige, was dazumal, statt zu einer vernünftigen Politik zu führen, dazu geführt hat, daß die Politik am 26. Juli an dem Nullpunkt ihrer Entwicklung angekommen war. Diese Dinge muß die Welt einmal kennenlernen. Sie wird sie in den nächsten Tagen kennenlernen durch die Memoiren des wichtigsten Menschen, der in diesen Tagen damals, im Juli/August 1914, mit tätig wat. Da wird man sehen, was alles dadurch versäumt worden ist, daß nur die einen gedacht haben in ihrer Art, die die Obrigkeit waren, und daß die anderen im Grunde genommen sich ihre Überzeugungen befehlen ließen.
[ 60 ] A pamphlet on the responsibility for the war will be published in the coming days. Then the world will learn what actually took place within Germany during the last days of July and the first days of August 1914. People will then see how this great calamity came about because they did not think for themselves, because they let the authorities do the thinking, and because they were content to let the authorities do the thinking. That is what, at that time, instead of leading to a sensible policy, resulted in politics having reached the lowest point of its development on July 26. The world must one day learn about these things. It will learn about them in the coming days through the memoirs of the most important person who was actively involved during those days, in July and August 1914. There, one will see all that was missed because only some—namely, the authorities—thought in their own way, while others, in essence, allowed their convictions to be dictated to them.
[ 61 ] Nun, wir haben die Sache ja oftmals gehört. Auf die Kriegsgewinnler sind die Revolutionsgewinnler gefolgt. Aber es ist auch noch eine andere Folge gekommen. Auf die Kriegsschwätzer folgten die Revolutionsschwätzer. Und es verhalten sich ungefähr die Revolutionsschwätzer zu den Kriegsschwätzern wie die Revolutionsgewinnler zu den Kriegsgewinnlern.
[ 61 ] Well, we’ve heard this story many times. The war profiteers were followed by the revolution profiteers. But there was another consequence as well. The war-mongers were followed by the revolution-mongers. And the relationship between the revolution-mongers and the war-mongers is roughly the same as that between the revolution profiteers and the war profiteers.
[ 62 ] Wir müssen eben über die Schwätzereien hinauskommen. Und wir müssen darüber hinauskommen, daß wir uns durchaus politisch nicht führen lassen von irgendwelcher Obrigkeit, ob es nun sozialistische oder andere Persönlichkeiten sind. Wir müssen dazu kommen, urteilsfähige Menschen zu werden. Diese urteilsfähigen Menschen können wir nicht werden, wenn wir alles hinwegwischen, was sich wirklich auf die Forderung des Tages stützen kann.
[ 62 ] We simply have to move beyond idle chatter. And we have to move beyond allowing ourselves to be politically led by any authority, whether they are socialist figures or others. We must strive to become people capable of sound judgment. We cannot become such people if we dismiss everything that is truly grounded in the demands of the day.
[ 63 ] Ich gehe nicht auf derlei Dinge ein, die hervorgebracht wurden und die nichts anderes sind als absolute Entstellung desjenigen, was meine Betrachtungen durchdrungen hat. Daß ich die Gegensätze mit Wohlwollen überbrücken will, das sind objektive Verleumdungen. Ich habe durchaus nicht von einer Überbrückung der Gegensätze durch Wohlwollen gesprochen. Ich habe von Einrichtungen gesprochen, die herbeigeführt werden sollen. Was hat denn die Verselbständigung des Geisteslebens, des Wirtschaftslebens, des Rechtslebens mit Wohlwollen zu tun? Das hat etwas zu tun mit der objektiven Schilderung desjenigen, was da kommen soll.
[ 63 ] I do not address such things, which have been concocted and are nothing more than a complete distortion of what has permeated my reflections. The claim that I wish to bridge the contradictions with goodwill is an objective slander. I have by no means spoken of bridging the opposites through goodwill. I have spoken of institutions that are to be brought about. What, then, does the autonomy of spiritual life, economic life, and legal life have to do with goodwill? It has to do with the objective description of what is to come.
[ 64 ] Ich bin mit jedem einverstanden, der davon spricht, daß man zunächst die Macht haben will, aber ich bin mir auch durchaus darüber klar, daß derjenige, der die Macht hat, mit dieser Macht etwas anzufangen wissen muß. Und wollen wir nur vorwärtsstürmen und die unaufgeklärte Masse zurücklassen, dann werden wir nicht nur in dieselben Zustände, sondern in viel schlimmere Zustände hineinsegeln, als schon da waren.
[ 64 ] I agree with anyone who says that one must first seek power, but I am also fully aware that whoever holds power must know how to use it. And if we simply rush forward and leave the unenlightened masses behind, we will not only end up in the same conditions, but in conditions far worse than those that already existed.
[ 65 ] Man kann irgend etwas anderes philosophisch finden und sich selber ungeheuer praktisch vorkommen, wenn man sagt: Die Franzosen sind ausgepowett, sie können uns kein Brot geben, England ist auch durch den Krieg ausgemergelt und kann uns kein Brot geben, Amerika ist für uns zu teuer. Aber aus Rußland können wir Brot bekommen! —- Nun, vorläufig haben die Engländer - das können Sie trotz aller falschen Berichte vermuten — viel mehr Brot als die Russen selber. Daß wir von Rußland Brot zu erwarten hätten, das ist eine Behauptung, die sich auf keine sachlichen Untergründe stützt.
[ 65 ] One can take a philosophical view of the matter and still feel incredibly practical when one says: The French are exhausted; they can’t give us any bread; England, too, has been worn down by the war and can’t give us any bread; America is too expensive for us. But we can get bread from Russia! —- Well, for the time being, the English—as you can surmise despite all the false reports—have much more bread than the Russians themselves. The claim that we should expect bread from Russia is one that has no factual basis.
[ 66 ] Worauf es ankommt, das ist, daß wir nun wirklich die Lage so auffassen, wie sie ist. Daß wir uns sagen: Wir waren nicht imstande, mit dem alten Geistesleben zu sozialisieren, wir brauchen ein neues Geistesleben. Das kann aber nur das vom Rechtsstaat losgelöste Geistesleben sein. Wir brauchen einen Boden, auf dem die Arbeitskraft den Kämpfen entzogen wird. Das kann nur der selbständige Rechtsstaat sein. Und wir brauchen einen Ausgleich des Warenwertes, das kann nur auf dem Boden des selbständigen Wirtschaftslebens geschehen. Das sind Dinge, die man wirklich wollen kann. Das sind Dinge, die nicht bloß revolutionäre Phrasen sind. Das sind Dinge, die doch, wenn man den Mut hat sie herbeizuführen, wahrhaftig einen ganz anderen Zustand der Welt herbeibringen wollen, als er jetzt ist.
[ 66 ] What matters is that we now truly understand the situation for what it is. That we tell ourselves: We were unable to integrate the old spiritual life into society; we need a new spiritual life. But this can only be a spiritual life detached from the rule of law. We need a foundation on which the labor force is shielded from conflict. That can only be an independent constitutional state. And we need a balance in the value of commodities; this can only happen on the basis of an independent economic life. These are things one can truly desire. These are things that are not merely revolutionary slogans. These are things that, if one has the courage to bring them about, will truly bring about a state of the world quite different from what it is now.
[ 67 ] Ich glaube, wenn Sie genügend darüber nachdenken, was in der Dreigliederung des sozialen Organismus legt, werden Sie darauf kommen. Und die Einführung ist in verhältnismäßig kurzer Zeit möglich. Nun, und wenn dieser gesunde dreigliedrige Organismus da sein wird, dann werden unsere Verhältnisse recht sehr revolutioniert sein. Wenn die Welt übergehen wird zu dieser Einführung des dreigliedrigen sozialen Organismus, dann brauchen wir nicht zu «donnern» von Weltrevolution, denn sie vollzieht sich dann in sachlicher Weise. Das Donnern davon, das Auffordern zum Sturm macht es nicht aus. Sondern das macht es aus, daß wir Keimgedanken finden, welche sich zu wirklichen sozialen Früchten entwickeln können.
[ 67 ] I believe that if you think deeply enough about what the threefold social organism entails, you will come to that conclusion. And its introduction is possible in a relatively short time. Well, once this healthy threefold social organism is in place, our circumstances will be quite radically transformed. When the world transitions to this implementation of the threefold social organism, then we won’t need to “thunder” about a world revolution, for it will then unfold in a practical way. The thunderous rhetoric and the calls to storm the system won’t make a difference. Rather, what matters is that we find seed ideas that can develop into real social fruits.
[ 68 ] Wir haben heute allerdings nicht notwendig, daß viel geschwätzt wird, aber daß wir uns über dasjenige verständigen, was zu geschehen hat. Nicht mit Ideologien, mit Utopien oder Philosophien haben wir es im dreigliedrigen sozialen Organismus zu tun, sondern mit etwas, was getan werden kann, das ein Plan zu einem wirklichen Tun ist, nicht eine Beschreibung eines zukünftigen Zustandes, sondern ein Plan zur Arbeit. Man braucht zu jedem Haus einen Plan, man braucht ihn zur sozialen Neugestaltung. Dazu werden diejenigen nicht führen, welche immerzu zurückschrauben, seien es Sozialisten oder sonstige Leute, sondern nur die, die geneigt sind, wirklich vorwättszudringen. Ich fürchte, daß diejenigen, die heute «nichts Neues, sondern nur Altes» gehört haben, uns nicht heraus-, sondern hineinführen in das Chaos.
[ 68 ] Today, however, we do not necessarily need to engage in a lot of idle chatter, but rather to reach an understanding about what needs to be done. In the threefold social organism, we are not dealing with ideologies, utopias, or philosophies, but with something that can be done—a plan for real action, not a description of a future state, but a plan for work. You need a plan for every house; you need one for social restructuring. This will not be achieved by those who are always scaling back—whether they be socialists or others—but only by those who are inclined to truly press forward. I fear that those who have heard “nothing new, only the old” today will not lead us out of chaos, but into it.
[ 69 ] Wir wollen heute einmal Ernst machen in der Aufnahme desjenigen, das so ungewohnt ist, so neu ist, daß man es nicht einmal hört, wenn es gesagt wird, sondern seine eigenen Phrasen wiederum findet. Es sind heute neue Denkgewohnheiten notwendig, ein Umdenken ist notwendig. An neue Denkgewohnheiten, an neue Denktichtungen muß die Menschheit appellieren, ehe es zu spät ist. Und noch einmal sage ich es: Wenn die Menschheit nicht diesen inneren Mut hat, so könnte es sehr leicht bald zu spät sein.
[ 69 ] Today, let us take seriously the task of embracing that which is so unfamiliar, so new, that we do not even hear it when it is spoken, but instead fall back on our own clichés. New ways of thinking are necessary today; a shift in thinking is necessary. Humanity must call for new ways of thinking, for new intellectual frameworks, before it is too late. And I say it once again: If humanity does not have this inner courage, it could very easily be too late before long.
