Gedankenfreiheit und Soziale Kräfte
GA 333
26 Mai 1919, Ulm
1. Die Dreifache Gestalt der Sozialen Frage
[ 1 ] Wie an anderen Orten Württembergs und der Schweiz werde ich mir gestatten, auch hier über die einschneidendste, wichtigste Frage der Gegenwart zu sprechen, über die soziale Frage, und zwar in Anknüpfung an dasjenige, was erschienen ist in dem Aufruf, der vor einiger Zeit durch die deutschen Lande ging, «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt». Der Aufruf, der für die Dreigliederung des sozialen Organismus eintritt, dürfte den meisten von Ihnen vor Augen gekommen sein. Die weiteren Ausführungen desjenigen, was in einem solchen Aufruf selbstverständlich nur kurz angedeutet werden konnte, sind in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» gegeben. Einzelnes von dem, was von diesem Aufruf gesagt werden muß, gestatten Sie mir, Ihnen am heutigen Abend zu skizzieren.
[ 2 ] Die soziale Frage — das ergibt sich wohl jeder Menschenseele, die wachend den Zeitereignissen gegenübersteht - ist dasjenige, was sich in einer ganz neuen Gestalt aus den gewaltigen, erschütternden Ereignissen der Weltkriegskatastrophe heraus ergeben hat. Zwar ist die sogenannte soziale Frage oder soziale Bewegung, so wie wir heute von ihr sprechen, mindestens mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Aber wer dasjenige, was heute sich als gewaltige geschichtliche Welle ankündigt, ins Auge faßt und diese Dinge miteinander vergleicht, darf dennoch sagen: Diese soziale Frage hat in unserer Gegenwart eine völlig neue Gestalt angenommen, eine Gestalt, an der niemand vorübergehen dürfte.
[ 3 ] Wie oft hat man im Laufe der letzten vier bis fünf Jahre das Wort gehört: In dieser schrecklichen Weltkriegskatastrophe liegt etwas, wie es die Menschen nicht erlebt haben, seit es überhaupt das gibt, was man Geschichte nennt. Aber noch wenig, wahrhaftig recht wenig hört man heute, wo diese Weltkriegskatastrophe in eine Krisis eingetreten ist, von der Notwendigkeit sprechen, daß zur Wiederordnung des Lebens nun auch ganz neue Impulse notwendig seien; daß ein völliges Umdenken und Umlernen notwendig ist - obwohl eigentlich schon äußerlich die Notwendigkeit dieses Umdenkens und Umlernens einzusehen ist. Denn die alten Gedanken haben uns gerade in jene furchtbare Menschheitskatastrophe hineingeführt. Neue Gedanken, neue Impulse müssen uns wieder hinausführen. Und wo jene Impulse zu suchen sind, das zeigt eine wirklich eindringliche Beobachtung desjenigen, was als soziale Forderungen aus immer mehr Menschengemütern heraus ertönt, und an dem vorüberzugehen eigentlich nur dem möglich ist, der seine Zeit verschläft; der die Ereignisse abwartet, bis gewissermaßen der alte Bau wesenlos zusammenbricht.
[ 4 ] Soziale Fragen stellt man sich heute vielfach als etwas höchst Naheliegendes, zuweilen höchst Einfaches vor. Wer nicht aus grauen Theorien, auch nicht aus einzelnen persönlichen Forderungen heraus, sondern aus einer wirklich verbreiterten Erfahrung über die Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft urteilt, muß in dieser sozialen Frage etwas sehen, in das viele Kräfte zusammenfließen, die sich in der Menschheitsentwicklung heraufentwickelt und, man kann schon sagen, in einer gewissen Weise sich selbst ihrer Vernichtung entgegengeführt haben. Wer diese Lebensbedingungen überschaut, dem erscheint die soziale Frage in einer dreifachen Gestalt. Sie erscheint ihm als eine Frage des Geisteslebens, zweitens als eine Frage des Rechtslebens, und drittens als eine Frage des Wirtschaftslebens. Nun haben es die letzten Jahrhunderte, und insbesondere das 19. Jahrhundert, auch die verflossenen zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, mit sich gebracht, daß man glaubt, fast alles, was zur sozialen Frage gehört, auf dem wirtschaftlichen Gebiet suchen zu müssen. Die Gründe, warum man so wenig klar sieht, liegen eben darin, daß man meint, man müsse sich nur auf wirtschaftlichem Gebiete zurechtfinden, dann würden alle übrigen von selber folgen. Es wird schon notwendig sein, daß die ersten Teile meiner heutigen Betrachtung einem Gebiete des Lebens gewidmet sind, von dem die Leute weder von links noch von rechts auch jetzt noch als einem sozial wichtigen Gebiete mit sich reden lassen wollen, nämlich dem Gebiete des geistigen Lebens.
[ 5 ] Die Forderungen, die man die sozialen nennt, gehen ja von der breiten Masse des Proletariats aus, das den dreifachen Leidensweg bis zu den Zuständen der Gegenwart durchgemacht hat, von dem wir nachher sprechen wollen. Und dieses Proletariat ist durch das Heraufkommen der neuen Technik und des seelenverödenden Kapitalismus sowie durch die übrigen Kulturverhältnisse fast ganz in das bloße Wirtschaftsleben hineingedrängt worden. Aus dem Wirtschaftsleben heraus entstanden auch die Forderungen des Proletariats. Daher nimmt die soziale Frage der Gegenwart, weil sie zunächst aus dem Proletariat auftaucht, ihre wirtschaftliche Form an. Aber sie ist nicht eine bloß wirtschaftliche Frage. Schon die einfache Feststellung, wie unzulänglich die althergebrachten Gedanken sind gegenüber den heute laut sprechenden Tatsachen, kann darüber belehren, daß wir es innerhalb der sozialen Bewegung nicht allein mit einer Wirtschafts- und Rechtsfrage, sondern vor allen Dingen mit einer Geistesfrage zu tun haben.
[ 6 ] Wir stehen über einen großen Teil der zivilisierten Welt hinweg vor einer lauter sprechenden sozialen Tatsache. Soziale Parteimeinungen, Parteiprogramme, wir haben sie gehabt, sie sind hervorgebracht. Alle Gedanken, alle Parteimeinungen erweisen sich jetzt, da man den Tatsachen gegenübersteht, als unzulänglich. Heute handelt es sich nicht darum, alte Parteimeinungen fortzusetzen, sondern heute handelt es sich darum, sich den Tatsachen unmittelbar und ganz ernsthaftig, mit Wirklichkeitssinn gegenüberzustellen.
[ 7 ] Sehen wir doch zuerst einmal, wie sich in der neueren Zeit das Leben ‚der Menschen, das dann in die Katastrophe eingelaufen ist, entwickelt hat. Da haben wir vor allen Dingen den Blick auf die tiefe, schier unüberbrückbar erscheinende Kluft zu werfen, die zwischen dem Proletariat und dem Nichtproletariat besteht. Wenn wir auf das Kulturleben dieses Nichtproletariats sehen, was tritt uns da entgegen? Ganz gewiß ist dieses Kulturleben als ein ungeheurer Fortschritt im Laufe der neueren Zeit reichlich gepriesen worden. Immer wieder konnte man es hören, wie in dieser neueren Zeit die Verkehrsmittel die Menschen über weite Gebiete der Erde hingebracht haben, die in älteren Zeiten, wenn man sie prophetisch geschildert hätte, als eine Utopie verschrien worden wären. Der Gedanke - so hat man immer wiederum gepredigt und gelobhudelt - eilt mit Blitzesschnelle über ferne Länder und Meere und so weiter. Man ist nicht müde geworden, immer wieder den Fortschritt zu preisen. Aber heute gilt es, zu all dem eine andere Betrachtung hinzuzufügen. Heute gilt es zu fragen: Unter welchen Bedingungen ist dieser Fortschritt entstanden? Er konnte nur dadurch entstehen, daß er sich auf einem Unterbau breitester Menschheitsmassen aufbaute, die nicht teilnehmen konnten an alle dem, was man an dieser Kultur so gelobt hat, aufbaute auf dem Unterbau breiter Menschenmassen, die ihre Arbeit tun mußten für diese Kultur von wenigen, die in der Form, wie sie "geschaffen worden ist, nur dadurch da sein konnte, daß diese Massen keinen Anteil an ihr hatten. Nun sind diese breiten Massen herangewachsen, sind zu sich selbst gekommen und fordern mit Recht ihren Anteil. Ihre Forderungen sind zugleich die großen, geschichtlichen Forderungen der Gegenwart für jeden, der seine Zeit wirklich versteht. Und wenn heute der Ruf nach Sozialisierung des Wirtschaftslebens ertönt, so erkennt derjenige, der seine Zeit versteht, in diesem Ruf nicht etwa bloß die Forderungen einer Menschenklasse, sondern zugleich eine geschichtliche Forderung des Menschenlebens der Gegenwart.
[ 8 ] Eine Eigentümlichkeit der führenden Menschenklassen, welche die Teilnehmer der so vielfach gelobten Kultur waren, ist die, daß sie im Laufe der neueren Zeit fast jede Gelegenheit versäumt haben, daß sie jenen Gelegenheiten sich nicht gewachsen gezeigt haben, die Kluft zwischen ihnen und den immer mehr mit ihren berechtigten Forderungen hervortretenden Massen des Proletariats irgendwie zu überbrücken. Gerade an den Gedanken hat es gefehlt, die in das menschliche, soziale Leben hätten hineinfließen müssen, um diese Kluft zu überbrücken. Es ist schon eine Eigentümlichkeit dieses neueren Geisteslebens, das man so vielfach gepriesen hat, daß es dem wahren, wirklichen Leben immer fremder geworden ist. Der Einzelne verfolgt nur dasjenige Leben, das ihn unmittelbar umspannt. Für die breiten Kreise fanden sich keine umfassenden Gedanken aus unserem Geistesleben, aus unserer Schulbildung heraus. Dafür ein Beispiel, das von den verschiedensten Gesichtspunkten her nicht verzehnfacht, sondern verhundertfacht und mehr werden könnte.
[ 9 ] Im Beginn des Jahrhunderts hat ein Regierungsrat Kolb sein Schicksal in einer merkwürdigen Weise in die Hand genommen. Ich erwähne gerne diesen Regierungsrat Kolb aus dem Grunde, weil es aller Ehren wert ist, wie er sein Schicksal in die Hand genommen hat, und weil ich dabei auch nicht nötig habe, in irgendeiner Weise etwas Abträgliches zu sagen, was ich nicht gerne tue. Kolb hat in einem Augenblick seines Lebens etwas getan, was nicht viele andere Regierungsräte tun. Die anderen lassen sich meist pensionieren, wenn sie nicht mehr ihren Dienst tun wollen; er aber verabschiedete sich von seinem Amte, ging nach Amerika, und ließ sich als gewöhnlicher Arbeiter einstellen, zuerst in einer Brauerei, dann in einer Fahrradfabrik. Aus den Erfahrungen heraus, die dieser Regierungsrat hatte, schrieb er dann ein Buch: « Als Arbeiter in Amerika».
[ 10 ] In diesem Buche findet sich ein merkwürdiger Satz. Da heißt es etwa: «Wenn ich früher auf der Straße einem Menschen begegnete, der nicht arbeitete, dann sagte ich: Warum arbeitet der Lump nicht? Jetzt wußte ich es anders: Und jetzt weiß ich auch über manches andere noch etwas anderes; jetzt weiß ich, daß selbst die schrecklichsten Hantierungen des Lebens sich in den Studierstuben noch recht gut ausnehmen.» Das ist ein die sozialen Verhältnisse der Zeit tief kennzeichnendes Bekenntnis. Ein Mann, der aus unserem Geistesleben hervorgegangen ist, dem durch viele Jahre Menschenschicksal übertragen war — durch so viele Jahre, als notwendig sind, um es zum Regierungstat zu bringen -, der kennt nichts von menschlicher Arbeit, das heißt, er kennt nichts vom menschlichen Leben. Er muß erst sich selber ein Schicksal bereiten, um etwas zu wissen vom Leben, das er regieren sollte, in dem er aus den führenden Klassen heraus tätig sein sollte. Er muß erst, um von diesem Leben etwas zu wissen, sich als Arbeiter einstellen lassen und kommt dann zu ganz anderen Lebensanschauungen.
[ 11 ] Weist dieses Beispiel, das wahrhaftig vervielfältigt werden könnte, nicht darauf hin, wie unser Geistesleben, aus dem die führenden Menschen hervorgehen, dem Leben der breiten Massen fremd geworden ist? Die breiten Massen haben an der Notwendigkeit ihres Leibes und ihrer Seele gesehen, wie die führenden Klassen das Wirtschaftsleben leiten. Sie haben gesehen, daß da etwas nicht stimmt, daß diese führenden Klassen nicht den nötigen Geist haben, um das Wirtschaftsleben zu leiten. Heute entsteht die Frage: Was muß da anders werden?
[ 12 ] Und in mancher anderen Beziehung kann man noch sehen, wie fremd die führende Klasse im Laufe der letzten Jahrhunderte dem geworden ist, was hätte geschehen müssen, um nicht in eine Katastrophe hineinzutreiben. Man sprach gewiß in ernstester, würdigster Meinung innerhalb der leitenden Kreise von allem möglichen Schönen, von Nächstenliebe, von Brüderlichkeit unter den Menschen, von der Art und Weise, wie der Mensch überhaupt gut sein müsse, und dergleichen. Aber man hatte keine Beziehung zum wirklichen Leben. Man brachte es höchstens einmal zu Enquêten. Eine solche Enquête von der Mitte des 19. Jahrhunderts ist heute gar nicht so unwesentlich. Sie wurde von der englischen Regierung dazumal bei den Betriebsleitungen in den Bergwerken angeregt. Da sollten die Menschen, die in ihren gut geheizten Zimmern über das menschliche Dasein redeten, einmal erfahren, bei was für Kohlen sie von diesem Gutsein redeten. Sie sollten erfahren, daß diese Kohlen, bei denen sie über ihre fortgeschrittene Moral, über ihr fortgeschrittenes Geistesleben redeten, aus Bergschächten heraufgeholt sind, in die man neun-, elf-, dreizehnjährige Kinder vor Tag hineinschickte, vor Aufgang der Sonne, die erst bei Nacht wieder heraufkamen, so daß die armen Kinder das Licht der Sonne fast nie sahen. Es ließ sich gut reden über das menschliche Gutsein und über die NächstenHebe bei den Kohlen, die auf diese Weise zutage gefördert wurden. Und Ähnliches könnte viel erzählt werden. Und gefragt muß werden: Sind aus solchen Anlässen heraus bei den führenden Kreisen der Menschheit die Impulse entstanden, wirklich einzugreifen in das soziale Leben? Mancher wird mir heute erwidern: Ja, es ist doch vieles besser geworden. Dem aber werde ich sagen: Was besser geworden ist, ist nicht besser geworden durch die Initiative der führenden Klasse, sondern durch den schweren Kampf derjenigen, die unter diesen Verhältnissen gelitten haben.
[ 13 ] Das sind Dinge, auf die heute das Auge gelenkt werden muß. Man muß die Augen darauf richten, was der Arbeiter, der vom Morgen bis zum Abend arbeitet, höchstens von außen sieht, wenn er an unseren Hochschulen, an unseren Mittelschulen vorbeigeht. Er kennt ja nur, was in den Volksschulen vorgeht, und auch da nur dasjenige, was er eben erleben kann. Er weiß nicht, wie die Ziele der Volksschule von oben herunter bestimmt werden, er sieht nur, daß aus diesen Anstalten nicht diejenigen hervorgehen, welche heute das Wirtschaftsleben leiten können.
[ 14 ] Hier liegt die erste Gestalt der sozialen Frage. Wir haben trotz allen Lobhudeleien unseres Geisteslebens kein Geistesleben, das den großen Aufgaben der Zeit gewachsen ist.
[ 15 ] Schauen wir in das Wirtschaftsleben hinein. Als die soziale Bewegung heraufkam, hörte man sehr häufig von seiten der leitenden Kreise diese soziale Bewegung mit den Worten abtun : Die wollen teilen. Was kommt denn aber bei der Teilung heraus? Da kriegt jeder nur sehr wenig. — Dann verstummte dieser Einwand; denn das ist auf der einen Seite sehr wahr, auf der anderen Seite sehr dumm. In der letzten Zeit taucht er wieder immer mehr auf. Aber es kommt nicht auf diese Dinge an. Wer heute in die besondere Struktur unseres Wirtschaftslebens hineinsieht, weiß, daß das leibliche und seelische Elend der breiten Massen des Proletariats aus ganz anderen Untergründen heraus gekommen ist. Er weiß, daß eine ungenügende Ausbildung des Geisteslebens nicht verstanden hat, ein immer mehr um sich greifendes technisches Getriebe im Wirtschaftsleben wirklich in eine solche Gestalt zu bringen, daß jeder Mensch darin ein menschenwürdiges Dasein haben konnte.
[ 16 ] Gewiß, man hat mit Recht vielfach darauf hingewiesen, daß die moderne soziale Bewegung durch die moderne Technik, durch die Maschinen, durch den seelenverödenden Kapitalismus heraufgekommen ist. Aber man hat vergessen, daß alles dasjenige, was so heraufgekommen ist, nicht beherrscht werden konnte von dem Geistesleben, wie es sich entwickelt hat.
[ 17 ] Warum ist das so gekommen? Zugleich mit der Maschine, mit dem Industrialismus, mit dem Kapitalismus ist ein bestimmtes Bestreben über die Menschheit gekommen, das sich darin ausdrückt, daß man einen Fortschritt darin sah, das Geistesleben womöglich vom Staat aufsaugen zu lassen. Verstaatlichung des Geisteslebens, das wurde als groBer Fortschritt angesehen. Und heute begegnet man noch immer den schärfsten Vorurteilen, wenn man irgend etwas einwendet gegen diese Verstaatlichung des Geisteslebens. Diejenigen, welche mit ihren Sympathien in diesem heutigen Geistesleben darinnenstehen, weisen mit einem gewissen Hochmut darauf hin, wie man mit dem Geiste viel weiter gekommen sei, als im alten, dunklen Mittelalter. Nun gewiß, das Mittelalter wollen wir nicht wieder herauf haben. Nicht zurück, sondern vorwärts wollen wir schreiten. Aber eine andere Frage muß doch aufgeworfen werden. Man sagt, im Mittelalter habe das Geistesleben, insbesondere die Wissenschaft, der Theologie oder der Kirche die Schleppe nachgetragen. Heute muß man fragen: Wem trägt denn das gegenwärtige Geistesleben die Schleppe nach — oder vielleicht noch etwas anderes? Dafür wiederum ein Beispiel, das aber nicht nur verhundertfacht, sondern vertausendfacht werden könnte. Wiederum darf ich von einem Menschen sprechen, den ich hoch schätze, weil er nach meiner Überzeugung ein bedeutender Naturforscher war. Er war zu gleicher Zeit Generalsekretär einer gelehrten Gesellschaft, die an der Spitze des deutschen Geisteslebens marschiert. In einer seiner wohlgelungenen Reden wollte er zum Ausdruck bringen, was diese deutschen Gelehrten, die die große Ehre haben, Mitglieder der Berliner Akademie der Wissenschaften zu sein, sich als ihre höchste Ehre anrechnen. Wenn so etwas geschildert wird, möchte man freilich auf eine historische Tatsache hinweisen, die nicht unbeträchtlich ist. Diese Berliner Akademie war ja immer etwas, was gewissermaßen die Impulse des Hohenzollerntums geistig zum Ausdruck bringen konnte. Ein Hohenzoller des 18. Jahrhunderts stand einmal vor der Notwendigkeit, seiner Akademie der Wissenschaften einen Präsidenten vorzusetzen — ich erzähle Ihnen kein Märchen, sondern eine historische Tatsache -, und er glaubte, diese Akademie der Wissenschaften am meisten zu ehren, indem er ihr zum Präsidenten seinen Hofnarren gab. Aber der große Gelehrte vom Ende des 19. Jahrhunderts sagt, daß die gelehrten Herren der Berliner Akademie es sich zur höchsten Ehre anrechnen, die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern zu sein.
[ 18 ] Man muß auf solche Dinge als auf Symptome der Zeit hinschauen. Man muß darauf hinschauen, was das Geistesleben in der Abhängigkeit von der Staatsgewalt und der mit ihr verbundenen kapitalistischen Gewalt geworden ist. Denn wenn man nicht aus irgendwelchen Vorurteilen, sondern aus den Lebensnotwendigkeiten heraus, aus der Wirklichkeit heraus innere Impulse fassen kann, dann wird man, allen Vorurteilen der Zeit zuwider, sich sagen: Dem Geistesleben kann nur seine Kraft werden, wenn es vom Staatsleben wieder losgelöst wird, wenn es ganz auf sich selbst gestellt wird. Was im Geistesleben lebt, insbesondere das Schulwesen, muß seiner Selbstverwaltung übergeben werden, von der obersten Spitze der Verwaltung des Geisteslebens bis zum Lehrer der untersten Schulstufe. In der Verwaltung des Geisteslebens kann nichts anderes maßgebend sein als die Kräfte dieses Geisteslebens selbst. Diejenigen, die in diesem Geistesleben tätig sind und es innerlich miterleben, müssen aus sich selbst heraus die Körperschaft bilden, welche dieses Geistesleben verwaltet und ganz auf eigene Füße stellt.
[ 19 ] Das ist der erste Punkt desjenigen, was hier die Dreigliederung des gesunden sozialen Organismus genannt wird. Ein solches Geistesleben wird in ganz anderer Weise zum Leben in Beziehung stehen können als das unsoziale Geistesleben, in das wir uns allmählich hineingefunden haben, und aus dem herauszukommen, wie es scheint, wir gar kein Bedürfnis haben.
[ 20 ] Jemand, der wirklich Erfahrung auf diesem Gebiet hat, darf wohl über dieses Gebiet eben aus seiner Erfahrung heraus sprechen. Ich war jahrelang Lehrer an der in Berlin von Liebknecht gegründeten Arbeiterbildungsschule. Ich weiß also, wie man die Quellen eines Geisteslebens findet, das nicht Reservat einer bevorzugten Klasse ist und ein Luxus-Geistesleben darstellt, sondern aus dem heraus man zu allen Menschen sprechen kann, die den Drang haben, sich für Seele und Leib ein menschenwürdiges Dasein zu erringen. Und ich weiß aus dieser meiner Lebenspraxis heraus noch ein anderes. Ich weiß, wie die Arbeiter mich verstanden haben, immer besser verstanden haben, wenn ich zu ihnen aus einem freien Geistesleben heraus gesprochen habe, das für alle Menschen da ist, nicht für eine bevorzugte Klasse. Weil die Arbeiter glaubten, man müsse das oder jenes mitmachen, kamen dann auch Zeiten, in denen ich veranlaßt wurde, die Arbeiter durch Museen oder ähnliche Einrichtungen zu führen, durch Stätten, wo die Zeugnisse einer Kultur zu sehen waren, die nur für wenige da war, die nicht eine Volkskultur, ein Volks-Geistesleben darstellt. Da sah ich, wie auch im Geistig-Seelischen die Kluft vorhanden war und wie die Leute im Grunde genommen nicht wirklich innerlich in sich aufnehmen konnten, was auf dem Boden einer Kultur für wenige entstanden war. Da liegt ein Irrtum, dem sich heute noch viele hingeben. Man glaubt, man treibe Volksbildung, wenn man der großen Masse Brocken von dem hinwirft, was auf Universitäten, auf Mittelschulen und anderen Lehranstalten aus unserer Kultur heraus entstanden ist, was nur aus den sozialen Empfindungen weniger heraus geboren ist. Was hat man alles getan, um solche Volksbildung zu treiben! Volksbibliotheken, Volkshochschulen, Volkstheater und so weiter. Niemals kommt man über den Irrtum hinaus, der darin besteht, daß man glaubt, man könne das, was aus dem Empfindungskreise einer sich absondernden Minderheit geistig geboten ist, in die breiten Massen hineintragen. Nein, die Zeit fordert ein Geistesleben, das in sozialer Weise alle umfaßt. Das kann aber nur dann entstehen, wenn diejenigen, die daran teilnehmen sollen, auch mit ihrem ganzen Empfindungsleben, mit allen ihren sozialen Untergründen, mit denen, die dieses Geistesleben hervorbringen, eine Einheit bilden; wenn man ihnen nicht Brocken hinwirft, sondern wenn durch die ganze Volksmasse einheitlich geistig gearbeitet wird. Dazu aber bedarf es der Befreiung des Geisteslebens von staatlichem und kapitalistischem Zwang. Selbstverständlich kann ich in einem kurzen Vortrag nicht alles dasjenige anführen — nicht einmal das alles, was in meinem Buche über diese Kernpunkte der sozialen Frage steht -, was nur zu sagen wäre über die Notwendigkeit, dieses Geistesleben, insbesondere das Schulwesen, herauszuholen aus dem Staats- und aus dem Wirtschaftsleben und es auf sich selbst zu stellen. Aber das ist die erste Forderung für die Dreigliederung des sozialen Organismus: Ein Geistesleben, das aus sich selbst heraus sich entwickelt.
[ 21 ] Man braucht sich nicht vor einem solchen Geistesleben zu fürchten. Man braucht nicht einmal sich zu fürchten, wenn man eine schlechte Meinung von den Menschen hat, vielleicht dahingehend, daß sie in den alten Analphabeten-Zustand zurückfallen werden, oder dergleichen, wenn die Eltern wiederum frei sind, ihre Kinder zur Schule zu schicken oder sie draußen zu lassen, ohne staatlichen Zwang. Nein, gerade das Proletariat wird immer mehr wissen, was es der Schulbildung verdankt. Und es wird seine Kinder nicht aus der Schule draußen lassen, auch wenn es nicht gezwungen sein wird, die Kinder in die Schule zu schicken, sondern sie aus freiem Willen hineinzuschicken hat. Und insbesondere braucht der Bekenner der Einheitsschule sich nicht zu fürchten, daß die Schule durch ein freies Geistesleben gestört wird. Es wird nichts anderes entstehen können als die Einheitsschule, wenn das freie Geistesleben gefördert wird.
[ 22 ] Das zunächst über dasjenige, was zu der Abgliederung des Geisteslebens vom Staats- und Wirtschaftsleben zu sagen ist.
[ 23 ] Das zweite Gebiet des Lebens, das man betrachten muß, wenn man die heutige soziale Frage studieren will, ist das Rechtsleben. Die Menschen haben die verschiedensten Ansichten entwickelt über dieses Rechtsleben. Wer aber dieses Rechtsleben gerade aus der Wirklichkeit heraus zu betrachten und zu empfinden vermag, sagt sich: Über das Recht irgendwelche Definitionen, irgendwelche gelehrten Dinge aufzustellen, ist geradeso, wie wenn man über das, was blaue und was rote Farbe ist, allerlei gelehrte Anweisungen geben wollte. Über blaue und rote Farbe kann man mit jedem reden, der ein gesundes Auge hat. Über das Rechtsbewußtsein, über dasjenige Recht, das jedem Menschen zukommt, weil er Mensch ist, läßt sich mit jeder wachen Menschenseele reden. Und mit wachen Menschenseelen, mit immer wacheren Menschenseelen hat man es bei dem modernen Proletariat zu tun.
[ 24 ] Mit Bezug auf diese Rechtsgrundlage des Lebens hat allerdings die neuere Menschheit, insoferne sie den leitenden Kreisen angehört, eine merkwürdige Erfahrung gemacht. Diese leitenden Kreise konnten ja nicht anders, als eine gewisse Demokratie über das Leben zu verbreiten. Sie brauchten, um ihre kapitalistischen Interessen in Szene zu setzen, ein geschicktes Proletariat, ein Proletariat, das gewisse Kräfte der Seele ausgebildet erhielt. Das alte patriarchalische Leben konnte man im modernen, kapitalistischen Wirtschaftsleben nicht brauchen. Nun stellte sich aber etwas höchst Unangenehmes für solche einseitige, kapitalistische Demokratie heraus. Die Menschenseele hat nämlich die Eigentümlichkeit, wenn man einzelne Fähigkeiten und Kräfte in ihr entwickelt, daß dann andere von selbst zum Vorschein kommen. So wollte die führende Menschheit vorzugsweise nur jene Seelenkräfte sich entwickeln lassen, welche die Arbeiter geschickt machen, in den Fabriken zu arbeiten. Doch stellte es sich von selbst ein, daß die Seelen aus den alten patriarchalischen Verhältnissen erwachten, und daß in ihnen besonders das Bewußtsein der Menschenrechte erwachte. Und dann sahen sie hinein in den modernen Staat, welcher das Recht verkörpern sollte. Sie fragten sich: Ist das der Boden, auf dem das Recht wirklich blüht? Und was fanden sie? Statt Menschenrechten Klassenvorrechte und Klassenbenachteiligungen. Und daraus entstand dasjenige, was man den modernen Klassenkampf des Proletariats nennt, hinter dem sich nicht mehr und nicht weniger verbirgt, als die große, berechtigte Forderung eines menschenwürdigen Daseins für alle Menschen.
[ 25 ] Das ist die zweite Gestalt der sozialen Frage, die Rechtsfrage. Was sie bedeutet, erkennt man nicht, wenn man nicht auf die dritte Gestalt hinsieht, auf die Wirtschaftsfrage. In das Wirtschaftsleben hinein haben sich zwei Dinge ergossen, die schlechterdings nicht in das Wirtschaftsleben hineingehören. Das ist das Kapital, und das ist die menschliche Arbeitskraft, während in das Wirtschaftsleben bloß dasjenige hineingehört, was sich auf dem Warenmarkt abspielt. Ich denke, daß die letzten Jahre und insbesondere die Gegenwart die Menschen sehr deutlich darüber belehren könnten, daß das Allerwichtigste in der proletarischen sozialen Bewegung der proletarische Mensch selbst ist. Über den proletarischen Menschen aber kann heute, so wie die Dinge einmal sind, wahrhaftig nicht derjenige urteilen, der sich, weil die Zeiten das heute schon einmal nahelegen, dazu bequemt, aus mancherlei Vorstellungen heraus über das Proletariat zu reden. Nein, über diese Dinge kann nur derjenige urteilen, den sein Schicksal dahin gebracht hat, mit dem Proletariat zu denken, und mit dem Proletariat zu fühlen. Man muß selber gesehen haben, wie durch Jahrzehnte hindurch die proletarische Welt in den Stunden, die des Abends der harten Arbeit abgerungen werden konnten, zusammenkam, um sich zu unterrichten über die Wirtschaftsbewegung der neuen Zeit, über die Bedeutung von Arbeit, von Kapital, über die Bedeutung von Warenkonsum und Produktion; man muß gesehen haben, welch ungeheures Bildungsbedürfnis in den proletarischen Menschen der Hauptsache nach sich entwickelt, während, jenseits der Kluft, innerhalb der höheren Klassen die Menschen ihre Theater besuchten und manch anderen Betätigungen sich hingaben, und es höchstens dazu brachten, sich einmal von der Bühne herunter das Proletarierelend anzuschauen. Da entwickelte sich der proletarische Mensch; erentwickelte sich gerade aus seinem Geistesleben heraus. Und wer heute sagt, die proletarische Frage sei eine bloße Brot- und Magenfrage, dem muß schon die Antwort gegeben werden: Schade genug, daß es so gekommen ist, daß die proletarische Frage zur Brotfrage geworden ist, daß man nicht früher auf etwas anderes hingesehen hat, nämlich darauf, daß in dem Proletarier aus seinem ganzen Streben heraus die Forderung nach einem menschenwürdigen Dasein entsprungen ist, nach einem Dasein, in dem er Leib und Seele nicht verkümmern zu lassen braucht. Denn alle proletarischen Forderungen sind schließlich aus dieser hervorgegangen, nicht aus einer bloßen Brot- und Magenfrage. Aber während so der Proletarier zur Selbstbesinnung zu kommen versuchte, während er auf die Wirtschaftsformen der neueren Zeit einging, entwickelte sich in ihm das Bewußtsein, wie er eigentlich als Mensch in diesem Menschenleben darin steht. Er konnte von seinem Gesichtspunkte aus auf die Führung des Lebens von seiten der führenden Kreise hinschauen. Da sagte man ihm, die Geschichte wäre göttliche Weltordnung oder moralische Weltordnung, oder die Weltordnung der Idee. Er sah nur, daß die leitenden Kreise innerhalb ihrer Weltordnung so lebten, wie ihnen der Mehrwert zu leben gestattete, den er hervorzubringen hatte. Deshalb schlugen die Worte des Kommunistischen Manifestes so tief in die Proletariergemüter ein und brachten diese zum Bewußtsein ihrer Lage. Trotz aller Fortschritte der neueren Zeit, trotz aller sogenannten neueren Freiheit ist der Proletarier dazu verurteilt, seine Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt wie eine Ware zu verkaufen und kaufen zu lassen. Daraus entstand die Forderung: Die Zeiten sind vorüber, in denen der Mensch einen Teil von sich noch verkaufen lassen darf oder kaufen lassen darf. Sein Gefühl, das er vielleicht nicht immer in deutliche Worte bringen konnte, leitete den Proletarier auf alte Zeiten zurück, auf die Zeiten der Leibeigenschaft. Und er sah, wie aus diesen alten Zeiten der Ankauf seiner Arbeitskraft geblieben ist. Denn nichts anderes als dieses liegt im Lohnverhältnis. Da sagte er sich: Auf den Warenmarkt gehören Waren. Die Waren trägt man zum Markte, verkauft sie und geht mit dem Erlös wieder zurück. Dem Arbeitgeber muß ich meine Arbeitskraft verkaufen, aber ich kann nicht zu ihm gehen und sagen: Da hast du meine Arbeitskraft für so und so viel Geld, dann gehe ich weg; ich muß mich selbst ausliefern! — Sehen Sie, als Mensch muß man mitgehen mit seiner Arbeitskraft. Das ist dasjenige, was der Proletarier als ein menschenunwürdiges Dasein empfindet. |
[ 26 ] Da tritt die große Frage auf: Was hat zu geschehen, damit Arbeitskraft fernerhin keine Ware sein könne? Die Menschen heute, insofern sie den leitenden, führenden Kreisen angehören, machen sich im Grunde genommen über Arbeitskraft recht wenig Gedanken. Diese Leute machen ihr Portemonnaie auf, bezahlen mit so und so hohen Geldscheinen. Ob sie überhaupt darüber nachdenken, daß in dem, was sie da als Geldscheine hingeben, was sie vielleicht auch in der Art von Coupons abschneiden, beschlossen liegt, so und soviel Arbeitskraft des Proletariats in Anspruch zu nehmen, das ist die große Frage. Jedenfalls geben sie sich nicht Gedanken hin, die stark genug sind, um einzugreifen in das soziale Leben.
[ 27 ] Worum es sich handelt, ist eben, daß die menschliche Arbeitskraft nicht im Preise mit irgendeiner Ware verglichen werden kann; daß die menschliche Arbeitskraft etwas ganz anderes ist als die Ware. Diese menschliche Arbeitskraft muß heraus aus dem Wirtschaftsprozeß. Und sie kommt nicht anders heraus, als wenn man das Wirtschaftsleben als ein Glied des sozialen Organismus betrachtet, abgegliedert von dem eigentlichen Rechts- oder Staatsorganismus, von dem politischen Organismus. Dann kann das eintreten, was ich Ihnen durch einen Vergleich klarmachen möchte. Das Wirtschaftsleben grenzt auf der einen Seite an die Naturgrundlage. Man kann in einem geschlossenen Wirtschaftsgebiet nicht in beliebiger Weise darauf loswirtschaften. Durch technische Mittel kann man den Boden verwerten oder dergleichen. Aber in gewissen Grenzen muß man sich der Naturgrundlage fügen. Denken Sie sich eine Anzahl Großgrundbesitzer, also in ihrer Art ebenfalls Kapitalisten, die sagen würden: Wenn wir bei dieser Bilanz bleiben oder gar eine bessere haben wollen, dann müssen wir hundert Regentage im Sommer haben, dazwischen Tage mit Sonnenschein und so weiter. Natürlich ein vollständiges Blech, aber es macht uns darauf aufmerksam, wie man auf der einen Seite die Naturgrundlage nicht ändern kann; wie wir nicht aus dem Wirtschaftsleben heraus verlangen können, daß die Naturkräfte so oder so im Boden drunten das Weizenkorn zubereiten. Wir müssen uns den Naturkräften fügen, sie stehen neben dem Wirtschaftsleben da. Auf der anderen Seite muß das Wirtschaftsleben begrenzt sein von dem Rechtsleben, das heißt: Ebensowenig wie die Naturkräfte von der Konjunktur auf dem Warenmarktabhängen, ebensowenig darf die menschliche Arbeitskraft von der Konjunktur auf dem Warenmarkt abhängen. Wie eine Naturkraft muß aus dem Wirtschaftsleben die menschliche Arbeitskraft herausgenommen und auf den Rechtsboden gestellt werden. Wenn sie auf den Rechtsboden gestellt ist, dann wird auf diesem Rechtsboden sich alles dasjenige entwickeln können, in dem ein Mensch dem anderen gleich ist, in dem sich nur wirkliche Menschenrechte entwickeln, in dem sich auch das Arbeitsrecht entwickeln kann. Maß und Art und Zeit der Arbeit wird festgestellt sein, bevor der Arbeiter in den Wirtschaftsprozeß eintritt. Dann wird er als ein freier Mensch demjenigen gegenüberstehen, der dann, wie man gleich sehen wird, nicht der Kapitalist, sondern der Arbeitsleiter, der geistige Mitarbeiter sein wird.
[ 28 ] Mag man auch noch so gute Worte sprechen über den sogenannten Arbeitsvertrag - solange er ein Lohnvertrag ist, wird daraus immer nur die Unbefriedigtheit des Arbeiters hervorgehen können. Erst dann, wenn nicht mehr über Arbeitskraft Verträge abgeschlossen werden können, sondern lediglich über die gemeinsame Produktion des Arbeitsleiters und des Handarbeiters, wenn lediglich über das gemeinsame Erzeugnis ein Vertrag abgeschlossen werden kann, wird daraus ein menschenwürdiges Dasein für alle Teile hervorgehen. Dann wird der Arbeiter dem Arbeitsleiter gegenüberstehen als der freie Gesellschafter. Das ist es, was der Arbeiter im Grunde genommen erstrebt, wenn er sich auch heute noch nicht ganz klare Vorstellungen davon machen kann. Das ist es, was in der eigentlichen wirtschaftlichen Frage des Proletariats, in der eigentlichen wirtschaftlichen Forderung liegt: Befreiung der Arbeitskraft aus dem Wirtschaftskreislauf, Feststellung des Rechtes der Arbeitskraft innerhalb des zweiten Gliedes des dreigliedrigen sozialen Organismus, des Rechtsbodens.
[ 29 ] Und auf diesem Rechtsboden muß noch ein anderes eine neue Gestalt bekommen. Das ist gerade dasjenige, gegenüber dessen Neugestaltung die heutigen Menschen noch ganz, ganz verdutzte Gesichter machen, nämlich die Neugestaltung des Kapitals. Mit Bezug auf das Privateigentum denken heute die Menschen wenigstens bis zu einem gewissen Grade sozial, und zwar auf dem Gebiet, das ihnen das minder schwierigste zu sein scheint, auf dem geistigen Gebiete. Denn auf geistigern Gebiete gilt, wenigstens dem Prinzip nach, etwas Soziales in bezug auf das Eigentum. Was jemand hervorbringt, und wenn er ein noch so gescheiter Mensch, ein noch so begabter Mensch ist — gewiß, seine Fähigkeiten bringt er durch die Geburt mit, das steht auf einem anderen Blatt -, aber dasjenige, was wir sozial Wertvolles leisten, auch geistig, wir leisten es dadurch, daß wir innerhalb der Gesellschaft stehen, durch die Gesellschaft. Das wird auf geistigem Gebiete dadurch anerkannt, daß wenigstens dem Prinzip nach — die Zeit könnte noch verkürzt werden — von dem, was man geistig hervorbringt, wovon einem auch die Nutznießung zukommt, von dem dreißigsten Jahre nach dem Tode an nichts mehr den Erben gehört. Die Zeit könnte kürzer werden, aber es ist wenigstens im Prinzip anerkannt, daß das, was geistiges Eigentum ist, das Eigentum der Allgemeinheit in dem Augenblick werden muß, da der Einzelne mit seinen individuellen Fähigkeiten nicht mehr dabei ist, um es zu verwalten. Nicht darf das geistige Eigentum in einer beliebigen Weise an diejenigen übergehen, die dann mit dieser Hervorbringung nichts mehr zu tun haben.
[ 30 ] Nun sagen Sie heute, es sei eine geschichtliche Forderung, daß es mit dem materiellen Kapital in der Zukunft ähnlich werden muß! Sagen Sie das heute den Menschen, die innerhalb der kapitalistischen Erziehung stehen, dann werden Sie sehen, was sie für verdutzte Gesichter machen! Dennoch ist eine der wichtigsten Forderungen der Gegenwart, daß das Kapital fortan nicht mehr in derselben Weise in den Gesellschaftsprozeß hineingestellt wird, wie es heute darin steht. Es handelt sich darum, daß in der Zukunft zwar jeder aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus in die Lage kommen muß, dasjenige zu verwalten, was Produktionsmittel auf einem bestimmten Gebiete sind. Und Produktionsmittel ist eigentlich das Kapital. Daran hat der Arbeiter selbst das größte Interesse, daß ein guter geistiger Leiter da ist als Verwalter; denn dadurch kann man auch am besten seine Arbeit anwenden. Der Kapitalist ist dann eben das fünfte Rad am Wagen, er ist gar nicht nötig. Das ist es, was man einsehen muß. Es ist also notwendig, daß in der Zukunft die Produktionsmittel in einem bestimmten Wirtschaftszweig oder auch für einen Kulturzweck aufgebracht werden; nachdem aber die individuellen Fähigkeiten des Menschen oder der Menschengruppen, welche die Produktionsmittel aufgebracht haben, nicht mehr das persönliche Eigentum rechtfertigen, müssen diese Produktionsmittel so, wie ich es in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage » dargestellt habe, nun wiederum auf ganz andere übergehen, nicht auf die Erben, sondern auf ganz andere, die nun die größten Fähigkeiten wiederum haben, diese Produktionsmittelnur im Dienst der Allgemeinheit zu verwalten.
[ 31 ] Wie das Blut im menschlichen Leibe zirkuliert, so werden in der Zukunft die Produktionsmittel, also das Kapital, zirkulieren in der Allgemeinheit des sozialen Organismus. Wie sich das Blut nicht anstauen darf im gesunden Organismus, sondern durch den ganzen Leib gehen muß, alles befruchten muß, so darf in der Zukunft das Kapital sich nicht an irgendeiner Stelle als Privateigentum anhäufen. Wenn es seinen Dienst an der einen Stelle getan hat, muß es vielmehr an denjenigen übergehen, der es am besten verwaltet. So wird das Kapital derjenigen Funktion entkleidet, welche heute gerade zu den größten sozialen Schäden geführt hat.
[ 32 ] Die ganz gescheiten Leute, die vom kapitalistischen Standpunkt aus sprechen, sagen aber mit Recht: Alles Wirtschaften besteht darin, daß vorhandene Güter hingegeben werden, damit man künftig Güter erhalten kann. — Das ist ganz richtig; aber wenn auf diese Weise gewirtschaftet werden soll — daß nämlich durch das Vergangene die Keime gelegt werden für die Wirtschaft der Zukunft, so daß die Wirtschaft nicht abstirbt -, dann muß das Kapital an demjenigen teilnehmen, was die Eigenschaften der Güter sind. Wiederum gibt es heute höchst verdutzte Gesichter, wenn man von diesen Forderungen der Zukunft spricht. Wirkliche Güter haben indessen die Eigentümlichkeit, daß sie verbraucht werden. Beim Verbrauch gehen sie allmählich den Weg alles Lebendigen. Unsere bisherige Wirtschaftsordnung hat das Kapital dahin gebracht, diesen Weg des Lebendigen nicht zu gehen. Man braucht bloß Kapital zu haben, dann ist dieses Kapital herausgerissen aus dem Schicksal von allem anderen, was im Wirtschaftsprozeß darinsteht. Schon Aristoteles hat gesagt, das Kapital sollte keine Jungen bekommen, aber es bekommt nicht nur Junge, sondern die Jungen wachsen heran, bis sie groß sind; man kann die Anzahl der Jahre angeben, bis das Kapital sich verdoppelt, wenn es nur sich selbst überlassen ist. Andere Güter, für die aber das Kapital nur als Repräsentant dastehen sollte, haben die Eigentümlichkeit, daß sie sich entweder abnutzen oder nicht mehr gebraucht werden können, wenn sie nicht zur rechten Zeit in Gebrauch genommen werden. Dem Kapital muß die Eigenschaft aufgedrückt werden, insofern es Geldkapital ist, daß es an dem Schicksal aller anderen Güter teilnimmt. Während unser gegenwärtiges Wirtschaftsleben darauf sieht, daß das Kapital sich in einer gewissen Zeit verdoppelt, würde ein gesundes Wirtschaftsleben es dahin bringen, daß das bloße Geldkapital in derselben Zeit verschwinden würde, nicht mehr da sein würde. Es ist heute noch etwas Horribles, wenn man den Leuten sagt, nach fünfzehn Jahren sollen sie nicht das Doppelte haben, sondern nach einer angemessenen Zeit soll das, was Geldkapital ist, nicht mehr da sein, weil dasjenige, was in diesem Kapital steckt, an der Abnützung teilnehmen muß. Gewiß kann dabei auf manches, was im Sparen liegt oder dergleichen, Rücksicht genommen werden.
[ 33 ] So stehen wir heute nicht vor kleinen Abrechnungen, sondern vor großen Abrechnungen. Und wir müssen den Mut haben, zu diesen großen Abrechnungen uns zu bekennen. Sonst wird die soziale Ordnung, oder besser gesagt, die soziale Unordnung, das soziale Chaos, über uns hereinbrechen. Darüber machen sich die Menschen heute wenig Begrifte, daß sie im Grunde genommen auf einem Vulkan tanzen. Es liegt mehr in ihrem Interesse, das Alte so leicht fortzusetzen, während die Zeit von uns fordert, nicht nur manche Einrichtungen umzuändern, sondern bis in unsere Denkgewohnheiten hinein umzudenken und umzulernen.
[ 34 ] Wenn die Arbeitskraft und das Kapital herausgeholt werden aus dem Wirtschaftsprozeß, wo dann das Kapital der Allgemeinheit zufließt und die Arbeitskraft zurückgegeben wird dem Recht des freien Menschen, dann steht im Wirtschaftsprozeß nur Warenkonsum, Warenzirkulation, Warenproduktion darin. Dann hat man im Wirtschaftsprozeß bloß mit Werten von Waren zu tun. Und dann wird innerhalb dieses Wirtschaftsprozesses, der nun als Glied des gesunden sozialen Organismus auf sich selbst gestellt ist, dasjenige entstehen können, wovon man dann sagen kann: Es wird nicht bloß produziert, um zu produzieren, sondern es wird produziert, um zu konsumieren. Da werden dann jene Genossenschaften, jene Assoziationen entstehen, die gebildet sind aus den Berufsständen, aber die namentlich gebildet sind aus den Konsumenten, mit den Produzenten zusammen. Da wird aus diesen Korporationen heraus das entstehen, was heute dem Zufall des Warenmarktes anvertraut ist. Heute entscheidet etwas, was dem Menschendenken, dem Menschenurteil auf dem Warenmarkt ganz entzogen ist: Angebot und Nachfrage. In der Zukunft muß die Korporation dasjenige entscheiden, was aus dem Warenmarkt heraus die Preisbildung, die Wertbildung der Güter bedingt. Auf diesem Wege allein wird ein Mensch so viel hervorbringen, daß das Hervorgebrachte den Wert all der Waren hat, die er für seine Bedürfnisse braucht, bis er eine gleiche Ware neuerdings hervorgebracht hat. Das wird ein gerechtes Wirtschaftsleben sein. Das wird ein Wirtschaftsleben sein; in dem nicht der Preis der einen Warengattung in unverhältnismäßiger Art überwiegt die Preise der anderen Warenarten. Heute, da der Lohn noch im Wirtschaftsprozeß enthalten ist und der Arbeiter nicht der freie Gesellschafter des geistigen Leiters ist, heute steht die Sache noch so, daß innerhalb des Wirtschaftsprozesses der Arbeiter auf der einen Seite immer wieder um die Erhöhung seines Lohnes kämpfen muß; auf der anderen Seite wird dadurch, daß da ein Loch zugemacht wird, ein anderes aufgemacht: Der Lohn wird höher, die Lebensmittel werden teurer und so weiter. Das geschieht nur in einem Wirtschaftsprozeß, der verunreinigt wird von Kapital- und Lohnverhältnissen. In einem Wirtschaftsprozeß, in dem die Korporationen, die Genossenschaften, die Warenwerte bestimmen, und zwar nicht nach Angebot und Nachfrage, die dem Zufall unterworfen sind, sondern aus Vernunft heraus, in einem solchen Wirtschaftsprozeß allein kann jeder Mensch ein menschenwürdiges Dasein finden. Nach einem solchen Wirtschaftsprozeß schnen sich im Grunde die Proletariermassen; das ist ihre wahre Forderung im Wirtschaftsleben.
[ 35 ] Auf einzelnen Gebieten sieht man diese Forderung heute schon klarer ein. Nehmen Sie zum Beispiel die Frage nach den Betriebsräten, die jetzt durch Gesetze so verschandelt worden ist. Wenn die Betriebsräte das werden sollen, was der Proletarier wirklich verlangt, so dürfen sie nicht nach jeder Richtung hin, geradeso wie früher das Geistesleben, bloß die Schleppe des Staates nachtragen, sondern dann müssen sie innerhalb des Wirtschaftslebens eine soziale, wirklich gedeihliche Tätigkeit entwickeln können. Dazu muß das Wirtschaftsleben aber auf seinen eigenen Boden gestellt werden, dazu muß ein anderes kommen als diese Betriebsräte, dazu müssen noch Verkehrsräte und andere Räte kommen; diese müssen aus dem Wirtschaftsleben heraus erstehen, und sie werden Verfassungen schaffen aus wirtschaftlichen Erfahrungen heraus.
[ 36 ] Ich weiß, daß heute sehr viele Leute sagen: Es herrscht doch gar nicht die Bildung innerhalb des wirtschaftlichen Lebens, um zu dem zu kommen, wozu man kommen will. So reden die Leute, die immer von Idealen deshalb reden, damit sie in der Wirklichkeit das Mögliche nicht durchzuführen brauchen. So reden die Leute, für die Ideale etwas sind, dem man nicht zustreben soll, damit sie nicht nötig haben, das Allernächste anzustreben. Derjenige, der weiß, daß das Erfahrungswissen, das aus der Praxis heraus kommt, unendlich mehr wert ist als alles dasjenige, was von oben heruntergetragen werden kann, der weiß auch, daß solche Betriebsräteschaft nicht nur für einzelne Betriebe aufgestellt sein darf, sondern zwischenbetrieblich sein muß. Die Betriebsräte müssen die einzelnen Betriebe mit den ganz andersartigen Betrieben verbinden, die Verbindung vermitteln, sie müssen sich zur Betriebsräteschaft, zur Verkehrsräteschaft, zur Wirtschaftsräteschaft ausbilden. Wenn das aus dem Boden des Wirtschaftslebens herauswächst, dann wird man zu dem kommen, daß diese Räte nicht zur bloßen Dekoration da sind, sondern daß sie zum menschlichen Faktor werden, zu den Gestalten des Wirtschaftslebens selbst. Das ist aber dasjenige, was notwendig ist.
[ 37 ] Wahrhaftig nicht aus irgendeiner Klügelei, nicht aus einer grauen Theorie ist dasjenige entstanden, was ich die Dreigliederung des sozialen Organismus nenne, sondern aus einer wirklichen Beobachtung der Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der Zukunft. Und es ist wirklich schade, daß sich heute so wenig Menschen finden, welche imstande sind, aus dem bisherigen Geistesleben heraus auf diese Lebensnot, auf die Wirklichkeit selbst ihre Augen zu richten. Die Leute verleumden heute das, was gerade das Praktische ist, indem sie sagen: Das istIdeologie, das ist Utopie. Was liegt da eigentlich zugrunde? Da sagen die einen: Die Sozialisierung der Produktionsmittel ist notwendig. Das sage ich auch. Aber ich sage auch: Notwendig ist, den Weg zu wissen, auf dem man dazu kommt. Ich habe heute nur skizzenhaft angedeutet, was ich meine. Wir brauchen heute nicht bloß Ziele, sondern auch die Wege und den Mut zu den Wegen. Viele Leute sagen mir, daß das schwer verständlich ist, was. ich sage. — Nun, notwendig ist allerdings zum Verstehen dessen, was ich sage, mehr als was man heute gewöhnlich zum Verstehen aufwenden will. Notwendig ist, hineinzuschauen in das wirkliche Leben, nicht aus irgendwelchen subjektiven Forderungen heraus das Leben zu beurteilen. Notwendig ist, daß man sich auch aufschwinge, den inneren Mut aufzubringen, radikal in gewissen Dingen zu denken, wie unsere Zeit es von jedem wachen Menschen fordert.
[ 38 ] Ich habe allerdings in den letzten vier bis fünf Jahren erlebt, daß die Menschen Dinge verstanden haben, die ich nicht verstanden habe. Sie haben sich sogar solche Dinge, die sie vorgaben zu verstehen, wenn sie von gewissen Orten herkamen, in schöne Rahmen hineingetan, damit sie sie immer anschauen könnten. Dinge, die vom großen Hauptquartier und dergleichen herkamen, aber es mußte allerdings das Verstehen erst befohlen werden. Befehlen kann man niemand das Verstehen dessen, was aus innerem Lebensmut heraus verstanden werden soll. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo die Menschen sich das Verstehen nicht mehr sollten befehlen lassen, sondern wo sie imstande sein müssen, aus den Lebenserfahrungen heraus, aus der vorurteilslosen Lebensbeobachtung heraus ein wirkliches Urteil zu gewinnen über dasjenige, was notwendig ist, ehe es zu spät ist.
[ 39 ] Aber man macht heute sonderbare Erfahrungen. Ich erzähle nicht gerne persönliche Dinge, aber heute sind es diese persönlichen Dinge, die das Leben beherrschen. Ich war im April 1914 genötigt, in einer kleineren Versammlung in Wien - und absichtlich in Wien, Sie wissen, die Weltkriegskatastrophe ist von Österreich ausgegangen — mein Utteil über die soziale Lage auszusprechen, damals nicht nur die soziale Lage des Proletariats, sondern die soziale Frage von ganz Europa. Ich deutete darauf hin, daß die soziale Lage in Europa zu einer Geschwürbildung hin tendiert, und in der Tat ist ja daraus dann der Weltkrieg entstanden. — Ich war genötigt, mein Urteil darüber etwa in die Worte zusammenzufassen — im April 1914, halten Sie den Zeitpunkt fest -: Wer in unsere sozialen Verhältnisse hineinschaut, wie sie sich allmählich herausgebildet haben, der kann nur zu einer großen Kultursorge kommen, denn er sieht, wie sich im sozialen Leben ein Karzinom entwickelt, eine Art Krebskrankheit, die in der furchtbarsten Weise in der nächsten Zeit zum Ausbruch kommen muß.
[ 40 ] So mußte ich damals auf dasjenige hinweisen, in das der Weltkapitalismus die Menschen in der nächsten Zeit hineintrieb. Wer das damals sagte, wurde selbstverständlich für einen unpraktischen Idealisten, für einen Utopisten, einen Ideologen verschrien, denn die Praktiker sprachen damals ganz anders. Wie sprachen die Praktiker über die allgemeine Weltlage? Die sprachen nicht von Krebskrankheit. Die sprachen etwa so wie der deutsche Außenminister im Frühjahr 1914 zu den erleuchteten Herren des Deutschen Reichstages — erleuchtet werden sie ja gewesen sein, denn sie waren doch berufen worden -: Wir gehen friedlichen Zeiten entgegen, denn die allgemeine Entspannung macht erfreuliche Fortschritte. Wir stehen im besten Verhältnis zu Rußland; das Petersburger Kabinett hört nicht auf die Pressemeute. Mit England sind aussichtsvolle Verhandlungen angeknüpft, welche wohl in nächster Zeit zugunsten des Weltfriedens zum Abschluß kommen werden. Wie die beiden Regierungen überhaupt so stehen, daß sich die Beziehungen immer inniger und inniger gestalten werden. - So sprach der Praktiker, der nicht Idealist gescholten wurde. Und die allgemeine Entspannung machte solche Fortschritte, daß das folgte, was wir alle so leidvoll erlebt haben. Es können einen schon besondere Empfindungen ankommen, wenn man dann so etwas hört, wie es kürzlich auf der Völkerbund-Konferenz zu hören war, wo die Leute über alles mögliche sprachen aus den alten Denkgewohnheiten heraus. Nur darüber sprachen sie nicht in einer irgendwie sachgemäßen Weise, was die größte Bewegung der Gegenwart ist, über die soziale Bewegung, die doch allein fähig ist, einen wirklichen Völkerbund zu begründen.
[ 41 ] Dann bekommt man manchmal aus den alten Denkgewohnheiten heraus von sehr gescheiten Leuten ganz besondere Antworten. Neulich in Bern antwortete mir ein sehr gescheiter Herr - ich will niemals die Gescheitheit der Leute verkennen -: Ich kann mir nicht denken, daß bei einer Dreigliederung etwas besonderes herauskommt, das muß doch alles eine Einheit sein. Recht kann doch nicht bloß auf politischem Boden entstehen, und so weiter. - Notwendig ist eben, daß auf dem Boden des Rechtes das Recht sich entwickelt, dann hat auch das Wirtschaftsleben das Recht, dann hat das Geistesleben das Recht. Und wenn man sagt, daß die Einheit des sozialen Organismus zerschnitten wird, so sage ich: Nicht darum handelt es sich für mich! Es geht nicht darum, den Gaul zu zerschneiden, sondern darum, den Gaul auf seine vier Beine zu stellen. Nicht darum handelt es sich, den sozialen Organismus zu zerschneiden, sondern darum, ihn auf seine drei gesunden Beine zu stellen, auf ein gesundes Rechtsleben, ein gesundes Wirtschaftsleben und ein gesundes Geistesleben. Dann entwickelt sich schon diese Einheit, die man heute als einen Götzen anbetet als Einheitsstaat, den man aber gleich verlassen muß, wenn man den Sozialismus will.
[ 42 ] Durch mehr als ein Jahrhundert haben die Menschen immer wiederum gesprochen von dem großen sozialen Ideal der Menschheit, von den größten sozialen Impulsen: Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit. Gewiß, es haben sehr gescheite Leute des 19. Jahrhunderts immer wieder bewiesen, daß diese Ideale nicht zu verwirklichen seien, weil man sie nur unter der Hypnose des Einheitsstaates gesehen hat; daher rührt der Widerspruch. Heute aber ist die Zeit, da diese Ideale verwirklicht werden müssen, da diese drei Impulse des sozialen Lebens ergriffen werden müssen. Und sie können nur verwirklicht werden im dreigliedrigen sozialen Organismus. Im Geistesleben, das auf seinem eigenen Boden stehen soll, müssen die individuellen Fähigkeiten als auf dem Boden der Freiheit entwickelt werden. Auf dem Gebiete des Rechtes muß dasjenige herrschen, worin jeder Mensch jedem anderen Menschen gleich ist, worüber als ein Gleiches jeder mündig gewordene Mensch durch sich selbst oder dutch seinen Vertreter sein Verhältnis zu anderen Menschen regeln kann, auch das Arbeitsverhältnis. Und auf dem Boden des Wirtschaftslebens muß jene wahre Brüderlichkeit herrschen, die nur in Genossenschaften, sei es in Konsumentenschaften oder in Produzentenschaften, erblühen kann.
[ 43 ] In dem dreigliedrigen sozialen Organismus werden herrschen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, weil er drei Glieder hat: Freiheit auf dem Boden des Geisteslebens, Gleichheit auf dem demokratischen Boden des Rechtslebens, Brüderlichkeit auf dem Boden des Wirtschaftslebens.
[ 44 ] Ich konnte Ihnen heute nur von einzelnen Gesichtspunkten her dasjenige andeuten, was das Notwendige ist zu bedenken in der heutigen so tiefernsten Zeit; was das Notwendigste ist zu bedenken, wenn man ernsthaftig Hand anlegen will, um herauszukommen aus Wirrnis und Chaos, um nicht tiefer hineinzukommen in Wirrnis und Chaos. Notwendig ist heute, nicht bloß an kleine Änderungen zu denken, sondern den Mut aufzubringen, sich zu gestehen, daß heute große Abrechnungen fällig sind. Wer wirklich mit wacher Seele das anschauen kann, was heute erst im Anfang steht, muß sich sagen: Wir werden nicht lange Zeit zum Überlegen haben. Deshalb ergreifen wir lieber einen Weg, der jeden Tag begonnen werden kann. Und jeden Tag begonnen werden kann dasjenige, was durch den dreigliedrigen sozialen Organismus gegeben ist. Nur derjenige, der weiter hineinsegeln will in jene Praxis, die uns die Weltkatastrophe gebracht hat, wird das, was wirklich praktisch ist, einen unpraktischen Idealismus nennen wollen.
[ 45 ] Soll Heilsames geschehen im sozialen Leben, so wird es notwendig sein, daß man gründlich abkommt von jener abergläubischen Vergötterung der Praxis, die nichts anderes ist als brutaler menschlicher Egoismus. Man wird sich bekennen müssen zu jenem Idealismus, der kein einseitiger Idealismus ist, sondern wahre Lebenspraxis. Wer es ehrlich meint mit unserer Zeit, wird sich heute die Frage stellen: Wie komme ich auf den Weg zum Heilmittel für dasjenige, was uns als soziale Schäden entgegentritt? Und zu wünschen wäre es, daß immer mehr Menschen auf diesen Weg kämen, ehe es zu spät ist. Und es könnte sehr bald zu spät sein.
[ 46 ] Schlußwort
[ 47 ] Nach einer Diskussion, in der überwiegend Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre gesprochen hatten, ergriff Rudolf Steiner nochmals das Wort:
[ 48 ] Es wäre mit ja allerdings lieber gewesen, wenn von seiten der Redner auf die Dinge, die ich vorgebracht habe, eingegangen worden wäre. Man könnte dann die Diskussion zu etwas Fruchtbarem gestalten. Das ist nun nicht geschehen. Ich werde daher nur noch auf einzelnes hinweisen und aufmerksam machen können.
[ 49 ] Von einigen Rednern wurde gesagt, daß in meinen Betrachtungen nichts Neues vorgebracht worden sei. Nun, ich kenne sehr genau die Entwicklung der sozialen Bewegung. Und wer behauptet, das Wesentliche von dem, was heute aus den Erfahrungen gerade der ganzen Neugestaltung der sozialen Lage durch die Weltkatastrophe vorgebracht worden ist, sei nicht etwas Neues, der sollte sich bewußt werden, daß er etwas absolut Unrichtiges sagt. In Wirklichkeit liegt ein ganz anderer Tatbestand vor: Die Redner haben das Neue nicht gehört. Sie haben sich darauf beschränkt, die paar Sachen zu hören, die selbstverständlich, weil sie richtig sind, als Kritik der üblichen Gesellschaftsordnung vorgebracht wurden. Sie sind gewöhnt seit vielen Jahren, dies und das als Schlagwort zu hören: das haben sie gehört. Aber alles, was dazwischen gesagt worden ist von der Dreigliederung des sozialen Organismus, von dem, was durch diese Dreigliederung an wirklicher Sozialisierung nach jeder Seite hin erreicht werden kann, von dem haben eben die Redner absolut nichts gehört. Und daher haben sie vermutlich auch in ihren Diskussionen so schr über dasjenige, was sie nicht gehört haben, geschwiegen. Ich begreife das. Ich begreife es aber auch, daß dann natürlich eine fruchtbare Diskussion eigentlich aus einer solchen Sache nicht herauskommen kann.
[ 50 ] Wir haben zum Beispiel einen Redner gehört, der gerade so, wie wenn er die letzten fünf bis sechs Jahre nicht erlebt hätte, sich über die alten Theorien ausgelassen hat, die soundso viel Mal vor dieser Katastrophe abgehandelt worden sind. Er hat brav alle die Theorien vom Mehrwert und so weiter, die ja ganz gewiß richtig sind, die aber unzählige Male vorgebracht wurden, wieder vorgebracht. Er hat nur vergessen, daß wir heute in einer ganz, ganz anderen Zeit leben. Er hat vergessen, daß zum Beispiel sehr angesehene Sozialistenführer noch wenige Monate vor der deutschen Kapitulation gesagt haben: Wenn diese Weltkriegskatastrophe vorüber ist, dann wird die deutsche Regierung sich zu dem Proletariat ganz anders stellen müssen als vorher. Die deutschen Machthaber werden in ganz anderer Weise das Proletariat bei allen Regierungshandlungen, in allen Gesetzgebungen berücksichtigen müssen als vorher. — Man hat von sozialistischer Seite aber auch gesagt: Es werden die sozialistischen Parteien berücksichtigt werden müssen.
[ 51 ] Nun, es ist anders gekommen. Die Machthaber sind in den Abgrund versenkt worden, die Parteien waren da. Sie stehen heute vor einer ganz anderen Weltlage. Vor dieser neuen Weltlage müßte man aber neue Gedanken nicht einfach überhören, und bloß die Parteien hören, die natürlich, weil sie immer schon gegolten haben, solange es eine soziale Bewegung gibt, sondern man müßte die Fähigkeit sich erwerben, einzugehen auf dasjenige, was gerade für die heutige Zeit unmittelbar das Notwendigste ist. Sonst stehen wir vor der großen Gefahr, die im Grunde genommen in der alten üblichen Weltordnung immer da war: Wenn etwas kam, was auf Tatsachen hinschaute, was der Wirklichkeit entnommen war, erklärte man es als Ideologie; erklärte man: das ist Philosophie, das hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun, und man bahne dadurch die Wege der Reaktion. Es würde das Schlimmste sein, wenn die sozialistische Partei in eine Art von reaktionärer Erstarrung verfallen würde, wenn sie nicht fähig wäre, fortzuschreiten mit den so laut sprechenden Tatsachen.
[ 52 ] Das ist es, worauf es heute ankommt. Marx hat ein schönes Wort geprägt, nachdem er die Marxisten kennengelernt hatte — es geht das ja vielen Leuten so, die sich bemühen, etwas wirklich Neues in die Welt zu bringen -: Was mich anbetrifft, ich bin kein Marxist.- Und Marx hat jederzeit gezeigt - ich erinnere nur an die Vorgänge von 70/71 -,wie er von diesen Vorgängen gelernt hat. Er hat jederzeit gezeigt, daß er imstande ist, mit der fortschreitenden Zeit zu gehen. Er würde heute ganz gewiß, da die Zeit dazu reif ist, die Möglichkeit finden, gerade in der Dreigliederung des sozialen Organismus die wirkliche Lösung der sozialen Frage zu erkennen. Immerfort wird von neuen Wegen geredet, und wenn ein neuer Weg gezeigt wird, zu dem allerdings ein wirklicher Mut gehört, dann wird gesagt: Es ist kein Weg gezeigt, es ist nur ein Ziel gezeigt. Da möchte man doch fragen: Hat jemand schon an diesen Weg gedacht, der notwendig macht, daß eine Art Liquidationstegierung eintritt? Das ist dasjenige, was in der Tat den Leuten sehr ungewohnt ist für ihre Denkgewohnheiten. Die alten Regierungen, auch die sozialistische Regierung denkt an nichts anderes, als daß sie die schöne, brave Fortsetzung dessen sein wird, was die Regierung früher war. Was wir nötig haben, ist, daß diese Regierung nur die Initiative in der Mitte behält, die Aufsicht über den Sicherheitsdienst, Hygiene und dergleichen, und daß sie links und rechts Liquidationsregierung wird: nämlich das Geistesleben frei lassend, so daß es in selbständige Verwaltung übergeht, das Wirtschaftsleben auf eigene Füße stellend.
[ 53 ] Das ist keine Theorie, keine Philosophie, das ist der Hinweis auf etwas, was getan werden muß. Und damit das getan werde, dazu gehört zuetst Verständnis von seiner Notwendigkeit. Dazu gehört, daß man abläßt allmählich von der alten Gewohnheit, nur hinhören zu wollen auf das, was einem gerade selber beliebt, und nicht hinhören zu wollen auf dasjenige, was einem unbekannt ist.
[ 54 ] Wenn Redner auftreten, welche sich in merkwürdiger Weise in praktische Widersprüche verwickeln und das nicht merken, so zeigen sie schon, wie eigentlich unmöglich ein praktischer Weg gefunden werden kann. Ein Redner hat es heute fertiggebracht, zu sagen: Wirklich politische Macht ruht auch heute auf den wirtschaftlichen Unterlagen. Und dann hat er, nachdem er etwas hinzugefügt hat - man merkt es dann nicht mehr so -, gesagt: Das erste ist, daß wir die politische Macht erringen, um die wirtschaftliche Macht zu erobern. - Man deklamiert also auf der einen Seite: Wer die wirtschaftliche Macht hat, hat auch die politische Macht. Und gleich hinterher nach ein paar Sätzen sagt man: Wir müssen erst die politische Macht haben, dann bekommen wir auch die wirtschaftliche Macht. Mit solchen Rednern wird man allerdings keine praktischen Wege gehen können. Einen praktischen Weg kann man nur gehen, wenn man imstande ist, gerade zu denken, und sich nicht die Wege des Denkens zu verwirren.
[ 55 ] Man wird nicht weiterkommen mit einem starren Festhalten an irgendwelchen Einwänden, wie: Der Hang zur Bequemlichkeit macht es notwendig, daß die Menschen zur Einheitsschule gezwungen werden. Alle diejenigen, die in früheren Zeiten Machthaber waren, haben ähnliche Dinge vorgebracht. Man hat Leute in der Regierung gesehen, die wahrhaftig nicht gescheiter waren als die Regierten. Aber die Redeweise haben sie noch immer zustande gebracht: Wenn wir die Leute nicht zwingen, das oder das zu tun, dann tun sie es freiwillig nicht.
[ 56 ] Es ist eine eigenartige Erscheinung, daß nunmehr auch auf sozialistischem Boden derlei Dinge zum Vorschein kommen. Da wäre gerade dasjenige erforderlich, worum es sich in Wirklichkeit handelt: die Möglichkeit, den Sinn aufzuschließen für das Notwendige, nicht haften zu bleiben an lange eingetrichterten Theorien und dergleichen. Das ist es doch, was immer wiederum gefordert wird. Wenn man sagt: die Macht muß errungen werden!, so meint man doch eine graue 'Theorie. Denn wenn man die Macht errungen hat, dann muß man auch wissen, was man mit dieser Macht tut. Auf eine andere Weise kommt man nicht vorwärts. Erringen Sie die Macht — wenn Sie in der Macht stehen, und Sie wissen nicht, was Sie tun sollen, dann ist die ganze Macht für die Katz. Es handelt sich darum, daß man gerade bevor man zur Macht kommt, klar und deutlich weiß, was man mit der Macht anzufangen hat.
[ 57 ] Wenn auf der einen Seite gesagt worden ist: nachdem die Revolution vom 9. November gelungen ist —, so könnte man ebensogut sagen, sie ist mißlungen. Und wenn auf der anderen Seite gesagt wird: das Ausland sieht die Revolution als Schwindel an -, so ist das eben aus dem Grunde der Fall, weil die Macht errungen worden ist und die Besitzer der Macht nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Es muß nun aber endlich gewußt werden, was mit der Macht angefangen werden soll. Wenn aber jeder bei den alten Parteimeinungen bleibt, dann mag er nach Einigkeit rufen. Es gibt eine Methode, zur Einigkeit aufzufordern, das ist die, wirklich zu sehen, wo die Schäden sind. Auf diese Weise sucht der Dreigliederungsimpuls Einigkeit zu bringen. Es ist einfach objektiv eine Verleumdung, zu sagen, es solle eine neue Partei oder eine neue Sekte gegründet werden. Unsinn ist das. Und wenn die Resolution von zahlreichen Versammlungen angenommen worden ist, so bin ich vollständig beruhigt, daß dieser Resolution niemals entsprochen wird. Würde ihr entsprochen, dann würde das zur Folge haben, daß den gegenwärtigen Machthabern sehr bald der Stuhl vor die Türe gesetzt würde. Da braucht keine Furcht zu bestehen, daß da irgendwie eine Einigkeit gestört werden könnte. Aber es gibt eine andere Methode, die Einigkeit zu zerstören: Auf seinen Prinzipien zu beharren und dann zu sagen: Wenn Ihr nicht mir folgt, dann sind wir eben nicht einig. Das ist auch eine Methode, Einigkeit zu predigen, wobei man eigentlich meint: Einig können wir nur werden, wenn ihr mir folgt. Das meinen heute eigentlich doch recht viele.
[ 58 ] Wie gesagt, es tut mir leid, auf Einzelheiten deshalb nicht eingehen zu können, weil eigentlich kein einziger der Diskussionsredner wirklich solche Dinge berührt hat, die in meinem Vortrage vorgebracht worden sind. Es ist sogar zum Schluß noch gesagt worden, ich hätte philosophiert. Mit einem solchen Philosophieren, wie es dieser Diskussionsredner getan hat, kann man ja allerdings alles eine brotlose Philosophie nennen. Aber ob man just mit einem solchen Philosophieren, wie es der letzte Redner entwickelt hat, auf dasjenige kommt, was wirklich helfen kann, das ist doch sehr stark die Frage.
[ 59 ] Was in diesem dreigliedrigen sozialen Organismus gegeben ist, es ist zuerst als Impuls gegeben worden während dieser furchtbaren Kriegskatastrophe, als ich glaubte, daß die rechte Zeit gekommen sei. Damals, als wir noch lange nicht das Ungetüm des Brest-Litowsker Friedens hatten, erschien es mir gerade als das Richtige, wenn, im Gegensatz zu alledem, was dann wirklich geschehen ist, von diesem DreigliederungsImpuls ausgehend, nach dem Osten hinüber ein Ausgleich gesucht worden wäre. Es hat dies niemand verstanden. Daher ist dasjenige gekommen, was nachher durch den Brest-Litowsker Frieden ausgelöst wurde. Es kommt heute wirklich darauf an, daß sich Menschen finden, die es nicht so machen wie alle diejenigen, zu denen während des Krieges von dieser Dreigliederung des sozialen Organismus gesprochen wurde, damals natürlich mit Bezug auf die Außenpolitik.
[ 60 ] In den nächsten Tagen wird eine Broschüre über die Schuld am Kriege erscheinen. Da wird die Welt erfahren, was eigentlich in den letzten Tagen des Juli und den ersten Tagen des August 1914 innerhalb Deutschlands vorgegangen ist. Man wird dann sehen, wie das große Unglück dadurch hereingebrochen ist, daß man nicht selbst gedacht hat, daß man hat die Obrigkeit denken lassen, daß man zufrieden war, wenn die Obrigkeit dachte. Das ist dasjenige, was dazumal, statt zu einer vernünftigen Politik zu führen, dazu geführt hat, daß die Politik am 26. Juli an dem Nullpunkt ihrer Entwicklung angekommen war. Diese Dinge muß die Welt einmal kennenlernen. Sie wird sie in den nächsten Tagen kennenlernen durch die Memoiren des wichtigsten Menschen, der in diesen Tagen damals, im Juli/August 1914, mit tätig wat. Da wird man sehen, was alles dadurch versäumt worden ist, daß nur die einen gedacht haben in ihrer Art, die die Obrigkeit waren, und daß die anderen im Grunde genommen sich ihre Überzeugungen befehlen ließen.
[ 61 ] Nun, wir haben die Sache ja oftmals gehört. Auf die Kriegsgewinnler sind die Revolutionsgewinnler gefolgt. Aber es ist auch noch eine andere Folge gekommen. Auf die Kriegsschwätzer folgten die Revolutionsschwätzer. Und es verhalten sich ungefähr die Revolutionsschwätzer zu den Kriegsschwätzern wie die Revolutionsgewinnler zu den Kriegsgewinnlern.
[ 62 ] Wir müssen eben über die Schwätzereien hinauskommen. Und wir müssen darüber hinauskommen, daß wir uns durchaus politisch nicht führen lassen von irgendwelcher Obrigkeit, ob es nun sozialistische oder andere Persönlichkeiten sind. Wir müssen dazu kommen, urteilsfähige Menschen zu werden. Diese urteilsfähigen Menschen können wir nicht werden, wenn wir alles hinwegwischen, was sich wirklich auf die Forderung des Tages stützen kann.
[ 63 ] Ich gehe nicht auf derlei Dinge ein, die hervorgebracht wurden und die nichts anderes sind als absolute Entstellung desjenigen, was meine Betrachtungen durchdrungen hat. Daß ich die Gegensätze mit Wohlwollen überbrücken will, das sind objektive Verleumdungen. Ich habe durchaus nicht von einer Überbrückung der Gegensätze durch Wohlwollen gesprochen. Ich habe von Einrichtungen gesprochen, die herbeigeführt werden sollen. Was hat denn die Verselbständigung des Geisteslebens, des Wirtschaftslebens, des Rechtslebens mit Wohlwollen zu tun? Das hat etwas zu tun mit der objektiven Schilderung desjenigen, was da kommen soll.
[ 64 ] Ich bin mit jedem einverstanden, der davon spricht, daß man zunächst die Macht haben will, aber ich bin mir auch durchaus darüber klar, daß derjenige, der die Macht hat, mit dieser Macht etwas anzufangen wissen muß. Und wollen wir nur vorwärtsstürmen und die unaufgeklärte Masse zurücklassen, dann werden wir nicht nur in dieselben Zustände, sondern in viel schlimmere Zustände hineinsegeln, als schon da waren.
[ 65 ] Man kann irgend etwas anderes philosophisch finden und sich selber ungeheuer praktisch vorkommen, wenn man sagt: Die Franzosen sind ausgepowett, sie können uns kein Brot geben, England ist auch durch den Krieg ausgemergelt und kann uns kein Brot geben, Amerika ist für uns zu teuer. Aber aus Rußland können wir Brot bekommen! —- Nun, vorläufig haben die Engländer - das können Sie trotz aller falschen Berichte vermuten — viel mehr Brot als die Russen selber. Daß wir von Rußland Brot zu erwarten hätten, das ist eine Behauptung, die sich auf keine sachlichen Untergründe stützt.
[ 66 ] Worauf es ankommt, das ist, daß wir nun wirklich die Lage so auffassen, wie sie ist. Daß wir uns sagen: Wir waren nicht imstande, mit dem alten Geistesleben zu sozialisieren, wir brauchen ein neues Geistesleben. Das kann aber nur das vom Rechtsstaat losgelöste Geistesleben sein. Wir brauchen einen Boden, auf dem die Arbeitskraft den Kämpfen entzogen wird. Das kann nur der selbständige Rechtsstaat sein. Und wir brauchen einen Ausgleich des Warenwertes, das kann nur auf dem Boden des selbständigen Wirtschaftslebens geschehen. Das sind Dinge, die man wirklich wollen kann. Das sind Dinge, die nicht bloß revolutionäre Phrasen sind. Das sind Dinge, die doch, wenn man den Mut hat sie herbeizuführen, wahrhaftig einen ganz anderen Zustand der Welt herbeibringen wollen, als er jetzt ist.
[ 67 ] Ich glaube, wenn Sie genügend darüber nachdenken, was in der Dreigliederung des sozialen Organismus legt, werden Sie darauf kommen. Und die Einführung ist in verhältnismäßig kurzer Zeit möglich. Nun, und wenn dieser gesunde dreigliedrige Organismus da sein wird, dann werden unsere Verhältnisse recht sehr revolutioniert sein. Wenn die Welt übergehen wird zu dieser Einführung des dreigliedrigen sozialen Organismus, dann brauchen wir nicht zu «donnern» von Weltrevolution, denn sie vollzieht sich dann in sachlicher Weise. Das Donnern davon, das Auffordern zum Sturm macht es nicht aus. Sondern das macht es aus, daß wir Keimgedanken finden, welche sich zu wirklichen sozialen Früchten entwickeln können.
[ 68 ] Wir haben heute allerdings nicht notwendig, daß viel geschwätzt wird, aber daß wir uns über dasjenige verständigen, was zu geschehen hat. Nicht mit Ideologien, mit Utopien oder Philosophien haben wir es im dreigliedrigen sozialen Organismus zu tun, sondern mit etwas, was getan werden kann, das ein Plan zu einem wirklichen Tun ist, nicht eine Beschreibung eines zukünftigen Zustandes, sondern ein Plan zur Arbeit. Man braucht zu jedem Haus einen Plan, man braucht ihn zur sozialen Neugestaltung. Dazu werden diejenigen nicht führen, welche immerzu zurückschrauben, seien es Sozialisten oder sonstige Leute, sondern nur die, die geneigt sind, wirklich vorwättszudringen. Ich fürchte, daß diejenigen, die heute «nichts Neues, sondern nur Altes» gehört haben, uns nicht heraus-, sondern hineinführen in das Chaos.
[ 69 ] Wir wollen heute einmal Ernst machen in der Aufnahme desjenigen, das so ungewohnt ist, so neu ist, daß man es nicht einmal hört, wenn es gesagt wird, sondern seine eigenen Phrasen wiederum findet. Es sind heute neue Denkgewohnheiten notwendig, ein Umdenken ist notwendig. An neue Denkgewohnheiten, an neue Denktichtungen muß die Menschheit appellieren, ehe es zu spät ist. Und noch einmal sage ich es: Wenn die Menschheit nicht diesen inneren Mut hat, so könnte es sehr leicht bald zu spät sein.
