Freedom of Thought and Social Forces
GA 333
22 July 1919, Ulm
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Freedom of Thought and Social Forces, tr. SOL
2. Die Erkenntnis des Übersinnlichen Menschenwesens und die Aufgabe Unseres Zeitalters
2. The Understanding of the Super-Sensory Human Being and the Task of Our Age
[ 1 ] Wenn der Mensch die gegenwärtige Not, das gegenwärtige Elend anblickt, fragt er nach den Ursachen, und zumeist wird er diese Ursachen in äußeren Verhältnissen suchen. Er wird zunächst den Blick auf die schmerzensreichen Jahre, vier bis fünf Jahre, die vergangen sind, zurückwenden. Er wird vielleicht auch nach und nach aufmerksam, daß dasjenige, was in den letzten vier bis fünf Jahren so leidvoll durchlebt worden ist, in einer langen Zeit, durch Jahrzehnte, ja wohl durch Jahrhunderte der neueren Menschheitsentwicklung sich vorbereitet hat, wie etwa ein Gewitter sich vorbereitet durch die Schwüle des ganzen Tages, ohne daß sein Entstehen bemerkt wird, und das sich dann entlädt. Aber selbst diejenigen Menschen, welche in dieser Art weiter zurückschauen zu Ursachen und Veranlassungen unserer gegenwärtigen Not und unseres Elends in diesem Zeitalter, sie werden mehr oder weniger aufäußere Verhältnisse hinschauen. Sie werden auch an Äußeres denken, wenn es sich darum handelt, aus der Wirrnis und dem Chaos dieses unseres Zeitalters herauszukommen, an äußere Maßnahmen und Einrichtungen.
[ 1 ] When people look at the present hardship and misery, they ask about the causes, and for the most part they will seek these causes in external circumstances. They will first look back on the painful years—four to five years—that have passed. They may also gradually come to realize that what has been so painfully experienced over the past four to five years has been brewing over a long period—through decades, indeed through centuries—of humanity’s recent development, much like a thunderstorm builds up through the sweltering heat of the entire day, unnoticed as it forms, and then finally breaks. But even those people who look back in this way to the causes and origins of our present distress and misery in this age will, to a greater or lesser extent, focus on external circumstances. When it comes to finding a way out of the confusion and chaos of our age, they will also think of external measures and institutions.
[ 2 ] Gewiß, bis zu einem hohen Grade hat man mit dieser Anschauung recht. Inwiefern man damit Recht hat, habe ich ja selbst nach meiner Überzeugung in dem Vortrage auszusprechen versucht, den ich vor einigen Wochen hier in Ulm über soziale Fragen halten durfte. Aber es gibt noch eine andere Seite der Betrachtungsart über diese Dinge. Man braucht nur auf etwas aufmerksam zu werden, das in unserer Gegenwart in bezug auf das innere menschliche Leben, das menschliche Seelenleben eine bedeutungsvolle Zeiterscheinung ist. Wir streben im Sinne desjenigen, was ich gerade andeutete, mit Recht nach einer sozialeren Gestaltung der äußeren Lebensverhältnisse, als sie der Menschheit in den letzten drei bis vier Jahrhunderten beschieden war. Aber ist es denn nicht bemerklich, daß wir aus einer ganz merkwürdigen menschlichen Seelenverfassung heraus zu dieser sozialeren Gestaltung streben? Bemerken wir es denn nicht, daß im Grunde genommen die menschlichen Seelen in der Gegenwart überall durchsetzt sind mit antisozialen Trieben, mit antisozialen Instinkten, mit einer geringen Möglichkeit, sich gegenseitig zu verstehen? Und aus diesen antisozialen Seelenverfassungen heraus, und um so mehr, als sie vorhanden sind, müssen wir nach einer sozialeren Gestaltung des äußeren Lebens streben, als dasjenige war, welches in den drei bis vier letzten Jahrhunderten die antisozialen Triebe unseres heutigen Menschenlebens herangezogen hatte. Wenn man die Frage nach dieser Seite hin betrachtet, dann findet man, wie diese antisozialen Triebe der Gegenwart eigentlich damit zusammenhängen, daß wir den Weg zum innersten Wesenskern des Menschen selber verloren haben, den Weg zu jenem innersten Wesenskern, den eigentlich, wenn auch mehr oder weniger hell, oder bloß instinktiv, dunkel, jeder Mensch in sich ahnt: das übersinnliche Menschenwesen. So sonderbar es klingt, die Menschen wissen heute nicht genau, sie bringen es sich nicht zum Bewußtsein, wonach ihr tieferes, dunkles Seelenwesen dürstet. Es dürstet nach einer Erkenntnis des übersinnlichen Wesenskernes des Menschen. Und in den Schwierigkeiten, welche gerade unser Zeitalter findet, vorzudringen zu einer befriedigenden Erkenntnis über dieses innerste Menschenwesen - in diesen Schwierigkeiten liegt viel begründet von dem, was sich dann äußerlich ausdrückt in Wirrnis und Chaos, so wenig das die Menschen auch heute noch zugeben wollen. Viele Menschen finden allerdings, daß die Frage, von der ich hier spreche, ihre Beantwortung in einer ganz anderen Weise finden soll, als sie sie durch dasjenige finden wird, was ich heute abend zu Ihnen zu sprechen haben werde.
[ 2 ] Certainly, this view is correct to a large extent. To what extent it is correct, I myself tried to explain—based on my own convictions—in the lecture I was able to give here in Ulm a few weeks ago on social issues. But there is another side to this way of looking at things. One need only turn one’s attention to something that is a significant contemporary phenomenon with regard to inner human life—the life of the human soul. In the spirit of what I have just hinted at, we are rightly striving for a more social structure of external living conditions than has been the lot of humanity over the past three to four centuries. But is it not remarkable that we are striving for this more social structure out of a very peculiar state of the human soul? Do we not notice that, fundamentally speaking, human souls today are everywhere permeated with antisocial impulses, with antisocial instincts, and with little capacity to understand one another? And precisely because of these antisocial states of mind—and all the more so because they exist—we must strive for a more social organization of external life than the one that, over the past three to four centuries, has fostered the antisocial impulses of our present-day human existence. If one considers the question from this perspective, one discovers how these antisocial impulses of the present are actually connected to the fact that we ourselves have lost the path to the innermost core of the human being—the path to that innermost core which, in fact, every human being senses within themselves, albeit more or less clearly, or merely instinctively and obscurely: the supersensible human being. As strange as it may sound, people today do not know exactly—they do not bring it to their consciousness—what their deeper, dark soul-being thirsts for. It thirsts for an understanding of the supersensible core of the human being. And in the difficulties our age in particular faces in advancing toward a satisfying understanding of this innermost human being—in these difficulties lies much of the basis for what then manifests outwardly as confusion and chaos, however little people are still willing to admit it today. Many people, however, feel that the question I am addressing here should be answered in a completely different way than it will be through what I have to say to you this evening.
[ 3 ] Da ich diese Frage vom Standpunkt der anthroposophischen Geisteswissenschaft aus zu erörtern habe, werde ich nicht in der Lage sein, sie in jener bequemen Art zu erledigen, die heute von vielen Menschen angestrebt wird, die heute in den weitesten Kreisen der Menschheit beliebt ist. Wenn heute den Menschen von den Mondbergen und von der Art und Weise gesprochen wird, wie man durch physikalische Instrumente, durch physikalische Maßnahmen sich über die Mondberge unterrichtet, da glaubt der Mensch daran, daß die Aneignung des Wissens von den Mondbergen kompliziert sein darf. Da überwindet sich der Mensch, und er gibt zu, daß man nicht auf ganz bequeme Weise zu der Erkenntnis, sagen wir, der Mondberge oder der Jupitermonde oder dergleichen vordringen könne. Wenn es sich aber um die übersinnliche Welt handelt, wenn es sich um das geistige Dasein des Menschen selber handelt, da verhalten sich die weitesten Kreise heute noch durchaus anders. Da findet man es zu schwierig, wenn in der Weise gesprochen wird, wie ich heute zu Ihnen werde sprechen müssen. Da sagen heute noch die weitesten Kreise: Besser als dieses scheinbar Wissenschaftliche ist das kindliche Bekenntnis oder der kindliche Bibelglaube, um zu den übersinnlichen Welten zu kommen. — Man pocht auf dasjenige, was man ja doch nur bequem findet, auf die kindliche Einfalt des Bekenntnisglaubens oder des Bibelglaubens, wenn es sich um das Höchste handelt, wonach der Mensch auf seinem Seelenwege streben kann, und man weist dasjenige ab, was den Menschen diesen Weg nicht in so bequemer Weise führt. Aber die Menschen sehen eben heute noch nicht gewisse innere Zusammenhänge, die bestehen zwischen diesem Streben nach bequemen Geisteswegen und zwischen unseren antisozialen Trieben und den Schwierigkeiten, aus diesen antisozialen Trieben herauszukommen. Würde man einsehen, welche Zusammenhänge bestehen zwischen dem, was von gewisser Seite immer wiederum den Menschen gesagt worden ist und woran sie geglaubt haben : Ihr könnt auf dem Wege kindlicher, einfältiger Glaubensbekenntnisse die Wege zum Übersinnlichen suchen -, würde man einsehen, welcher Zusammenhang zwischen diesem Behaupten und diesem Glauben besteht und zwischen dem, was sich heute an antisozialen Trieben äußert, dann würde man allerdings anders denken lernen über dasjenige, was die weitesten Kreise heute als einen «bequemen Weg in die übersinnlichen Welten » finden. ‚Aber nicht aus irgendeiner geistigen Schrulle heraus zeigt heute Geisteswissenschaft dem modernen Menschen andere Wege, sondern sie zeigt diese Wege, weil sie dies als eine Verpflichtung gegenüber dem empfindet, was Zeitbedürfnisse und was Zeitaufgaben der gegenwärtigen Menschheit sind. Würde sich diese gegenwärtige Menschheit ganz genau im Innersten selbst erkennen, dann würde sie sich sagen : Im Hinblick auf das übersinnliche Streben kann man nicht mehr befriedigt sein mit den alten Wegen. Dies lebt heute als Sehnsucht in vielen Seelen, und dieser Sehnsucht will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft entgegenkommen.
[ 3 ] Since I must discuss this question from the standpoint of anthroposophical Spiritual Science, I will not be able to address it in the convenient manner sought by many people today—a manner that is popular in the broadest circles of humanity. When people today are told about the lunar mountains and the way in which we learn about them through physical instruments and physical methods, they come to believe that acquiring knowledge of the lunar mountains must be complicated. People then resign themselves to this and admit that one cannot arrive at knowledge of, say, the lunar mountains, the moons of Jupiter, or the like in a completely effortless way. But when it comes to the supersensible world—when it comes to the spiritual existence of human beings themselves—the broadest circles still behave quite differently today. They find it too difficult when one speaks in the manner in which I will have to speak to you today. Even today, the broadest circles still say: Better than this seemingly scientific approach is childlike faith or childlike belief in the Bible for gaining access to the supersensible worlds. — People insist on what they find most comfortable—the childlike simplicity of creedal faith or biblical faith—when it comes to the highest goal toward which a human being can strive on their spiritual path, and they reject whatever does not lead them along this path in such a comfortable manner. But people today still fail to see certain inner connections that exist between this striving for comfortable spiritual paths, our antisocial impulses, and the difficulties of breaking free from these antisocial impulses. If one were to realize the connections between what has repeatedly been told to people from a certain quarter—and what they have believed: “You can seek the paths to the supersensible through childlike, simple acts of faith”—if one were to recognize the connection between this assertion and this belief, and between what manifests today as antisocial impulses, then one would indeed learn to think differently about what the broadest circles today regard as a “comfortable path into the supersensible worlds.” “But it is not out of some spiritual quirk that Spiritual Science today shows modern people other paths; rather, it shows these paths because it feels this to be an obligation toward the needs and tasks of the present age facing humanity. If humanity today were to look deep within itself and truly recognize who it is, it would say to itself: With regard to the pursuit of the supersensible, one can no longer be satisfied with the old paths. This lives today as a longing in many souls, and anthroposophically oriented Spiritual Science seeks to respond to this longing.
[ 4 ] Der Mensch fragt wohl heute, wie gesagt, mehr oder weniger deutlich oder auch mehr oder weniger unbewußt nach den Beziehungen zwischen Seele und Leib; wenn er nicht gar schon so weit gekommen ist, daß er alles Seelische ableugnet, weil ihm auf diese Frage immer wiederum Zweifel aufgestiegen sind, an denen er müde geworden ist. Aber was weiß im Grunde genommen der heutige Mensch von Seele und Leib? Den Leib beobachtet er so, daß er dabei seine Sinne, den äußeren physischen Verstand anwendet oder daß er für dasjenige, was er so durch die Sinne und den Verstand nicht unmittelbar kennen lernen kann, seine Zuflucht zu der Naturwissenschaft nimmt, die ihm durch ihre Untersuchungen sagen soll, welches die Gesetze sind, welches das innere Wesen dieses menschlichen physischen Leibes ist. Auf der anderen Seite nimmt der Mensch innerlich dasjenige wahr, was er sein Denken, sein Fühlen, sein Wollen nennt. Das wird für ihn eine innere Erfahrung. An dieses Denken, Fühlen und Wollen knüpft er auch wohl bestimmte innere Sehnsuchten, Wünsche und Hoffnungen, knüpft er den Glauben, daß dieses in Denken, Fühlen und Wollen lebende Innere nicht nur jene vorübergehende Bedeutung für die Welt habe, welche das Leben des physischen Leibes hat. Aber dann kommt für den Menschen die Frage, welche die großen Zweifel gebiert, die Frage: Welches ist das Verhältnis desjenigen, was ich innerlich seelisch als Denken, Fühlen und Wollen in mir selbst wahrnehme, zu demjenigen, was ich äußerlich an mir und an anderen sehe als den äußeren physischen Leib, dessen Gesetze und Wesenheit mir die Naturwissenschaft erklären will? Und wenn der Mensch selber sich nicht aufklären kann über dieses Verhältnis des Seelischen zum Leiblichen, dann fragt er wohl an bei denen, die aus gewissen wissenschaftlichen Untergründen heraus die Möglichkeit haben, über dieses Verhältnis tiefer nachzuforschen. Und siehe da, der heutige Mensch, der so sehr darauf aus ist, sich alles von der wissenschaftlichen Autorität erklären zu lassen, muß dann feststellen, daß er in dieser Frage wenig durch die von ihm so gesuchten Wissenschafter gefördert werden kann. Nimmt er irgend etwas zur Hand, worin sich die Forscher auf diesem Gebiet ausgesprochen haben, so wird er in der Regel finden, daß sie über diese Frage ebenso Ungewisses sagen, wie er in sich selber trägt. Alle möglichen Hypothesen, alle möglichen Vermutungen findet man. Aber etwas, was den Menschen so ergreift, daß er, wenn er nur ohne Vorurteil wirklich Stellung dazu nimmt, einen Eindruck der Wahrheit bekommen könnte, das wird heute wenig gefunden. Das zu finden, setzt sich die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zur Aufgabe.
[ 4 ] As has been said, people today ask—more or less explicitly, or even more or less unconsciously—about the relationship between soul and body; unless, that is, they have already gone so far as to deny everything spiritual, because doubts about this question have repeatedly arisen in them, and they have grown weary of them. But what, after all, does modern man really know about the soul and the body? He observes the body by employing his senses and his external, physical intellect; or, for those aspects he cannot immediately grasp through the senses and intellect, he turns to the natural sciences, which, through their investigations, are supposed to tell him what the laws are and what the inner nature of this human physical body is. On the other hand, human beings perceive inwardly what they call their thinking, feeling, and willing. This becomes an inner experience for them. To this thinking, feeling, and willing, he also attaches certain inner longings, desires, and hopes; he attaches the belief that this inner life, which exists in thinking, feeling, and willing, has not merely that transient significance for the world that the life of the physical body has. But then the question arises for the human being—a question that gives rise to great doubts: What is the relationship between what I perceive inwardly and spiritually within myself as thinking, feeling, and willing, and what I see externally in myself and in others as the outer physical body, whose laws and nature natural science seeks to explain to me? And if a person cannot clarify this relationship between the soul and the body on their own, they will likely turn to those who, based on certain scientific foundations, have the ability to investigate this relationship more deeply. And lo and behold, modern people—who are so eager to have everything explained to them by scientific authority—must then realize that they can gain little insight into this question from the very scientists they so eagerly seek out. If they pick up any work in which researchers in this field have expressed their views, they will generally find that these researchers speak of this question with just as much uncertainty as they themselves feel within. One finds all manner of hypotheses and conjectures. But something that grips people so deeply that, if they were to take a truly unbiased stance on the matter, they might gain a sense of the truth—such a thing is rarely found today. The anthroposophically oriented Spiritual Science has set itself the task of finding this.
[ 5 ] Aber man kann nicht auf denselben Wegen, auf denen man zur äußeren Wissenschaft kommt, auch zu dem vorrücken, von dem ich Ihnen als einer Geisteswissenschaft, als einer wirklichen Geisteswissenschaft nunmehr zu sprechen habe. Stellen Sie sich einmal vor, jemand würde Ihnen von den Forschungswegen erzählen, die er im chemischen oder im physikalischen Laboratorium, in der Klinik zur Erforschung der äußeren Natur beschritten hat. Sie würden von einem solchen Forscher, der mit einem gewissen Recht glauben kann, auf seinem Gebiet zum Fachmann geworden zu sein, in der Regel hören, daß er mit einer gewissen Ruhe, mit einem gewissen inneren gleichmütigen Seelengestimmtsein seine Forschungswege gegangen ist. Es ist nicht viel Aufregendes auf den heutigen Forschungswegen zu finden.
[ 5 ] But one cannot advance toward what I am now going to speak to you about—as a Spiritual Science, as a true Spiritual Science—by following the same paths that lead to external science. Just imagine if someone were to tell you about the research methods he has employed in a chemistry or physics laboratory, or in a clinical setting, to investigate external nature. You would generally hear from such a researcher—who can, with some justification, consider himself an expert in his field—that he has pursued his research with a certain calm, with a certain inner equanimity of spirit. There isn’t much excitement to be found in today’s research paths.
[ 6 ] Von solcher Ruhe, von solcher inneren gleichmütigen Seelenstimmung kann Ihnen nun derjenige nicht erzählen, der Ihnen etwas von seinem Wege mitteilen will, auf dem er zu den Erkenntnissen über die übersinnliche Menschenwesenheit gelangt ist. Soll er Ihnen von dem sprechen, was er durchgemacht hat, um zu diesen Erkenntnissen zu kommen, so wird er Ihnen sprechen müssen von inneren Überwindungen, von inneren Seelenkämpfen, von schweren Abmühungen, von einem wiederholten Stehen an Abgründen des Zweifels. Er wird Ihnen zu erzählen haben von dem, was er im reichlichen Maße hat überwinden müssen, was er hat durchmachen müssen, um zu dem zu kommen, was Aufschluß gibt über den eigentlichen übersinnlichen menschlichen Wesenskern. Denn man gelangt eigentlich erst dann auf den Weg zur Erkenntnis der übersinnlichen Menschenwesenheit, wenn man sich so einlebt in alles, was ich schon angedeutet habe: wenn Zweifel aufsteigen bei der Frage nach der Beziehung zwischen Leib und Seele, so daß man etwas empfindet, was eigentlich nur hervorgehen kann aus einer gewissen intellektuellen Bescheidenheit — während die meisten Menschen heute in solchen Dingen ganz und gar nicht eine intellektuelle Bescheidenheit, sondern im Gegenteil furchtbarsten intellektuellen Hochmut haben.
[ 6 ] One who wishes to share with you something of the path he has taken to arrive at insights into the supersensible nature of the human being cannot tell you about such peace, such an inner, serene state of mind. If he is to speak to you of what he has gone through to arrive at these insights, he will have to speak to you of inner struggles, of inner battles of the soul, of arduous efforts, and of repeatedly standing on the brink of the abyss of doubt. He will have to tell you about what he has had to overcome in abundance, what he has had to go through in order to arrive at what sheds light on the very essence of the supersensible human being. For one actually only sets out on the path to knowledge of the supersensible human being when one immerses oneself in everything I have already hinted at: when doubts arise regarding the relationship between body and soul, so that one feels something that can actually only arise from a certain intellectual humility—whereas most people today possess not intellectual humility at all in such matters, but, on the contrary, the most terrible intellectual arrogance.
[ 7 ] Strengt man sich aber wirklich an mit dem gewöhnlichen Denken, mit all den gewöhnlichen Seelenkräften, die man sonst im Leben hat, um an diese Fragen nach dem Wesen von Seele und Leib heranzukommen, dann merkt man nach und nach, daß man eben bescheiden sein muß, daß man mit dem gewöhnlichen Menschendenken nicht an diese Fragen heran kann. Und man gelangt allmählich durch inneres Erleben, durch inneres Erfahren dahin, daß man sich sagt: Es geht dir mit diesem gewöhnlichen Menschendenken und Menschenempfinden gegenüber dem Übersinnlichen so, wie es dem fünfjährigen Kinde mit seinen Fähigkeiten geht, wenn es zum Beispiel, sagen wir, einen Band lyrischer Gedichte in der Hand hält. Dieses Kind kann mit dem Gedichtband nicht etwas anfangen, was der Wesenheit dieses lyrischen Gedichtbandes entspricht. Wir müssen erst seine Fähigkeiten weiterentwickeln, dann kann es dasjenige mit dem Gedichtband anfangen, was dem Wesen dieses Gedichtbandes entspricht. So muß man sich sagen gegenüber den Denkfähigkeiten, die man für das gewöhnliche Leben hat, gegenüber den Erkenntniskräften, die man für dieses gewöhnliche Leben hat: Du kannst mit ihnen nicht das eigentliche Wesen der Welt und deines eigenen Daseins erkennen; du stehst diesem Wesen der Welt und diesem Wesen deines eigenen Daseins zunächst so gegenüber, daß du damit sowenig anfangen kannst wie ein fünfjähriges Kind mit einem lyrischen Gedichtband.
[ 7 ] But if one really makes an effort using ordinary thinking—with all the ordinary powers of the soul that one otherwise possesses in life—to approach these questions about the nature of the soul and the body, then one gradually realizes that one must be humble, that one cannot approach these questions with ordinary human thinking. And through inner experience, through inner perception, one gradually comes to the realization that one’s ordinary human thinking and feeling in relation to the supersensible are like those of a five-year-old child with its limited abilities when, for example, it holds a volume of lyric poetry in its hands. This child cannot make sense of the poetry collection in a way that corresponds to the essence of that collection. We must first develop the child’s abilities further; only then can the child make sense of the poetry collection in a way that corresponds to its essence. So one must say to oneself, with regard to the thinking abilities one possesses for ordinary life, and with regard to the powers of cognition one possesses for this ordinary life: You cannot use them to perceive the true nature of the world and of your own existence; at first, you stand before this nature of the world and this nature of your own existence in such a way that you can make as little sense of it as a five-year-old child can of a volume of lyric poetry.
[ 8 ] Erst wenn man diese Stimmung in seiner Seele entwickelt hat, wenn man sich die intellektuelle Bescheidenheit erobert hat, so daß man sich sagt: Du darfst nicht stehenbleiben bei der Art, wie du jetzt denken kannst, wie du jetzt empfinden und wollen kannst -, erst dann steht man am Ausgangspunkt des Weges in die übersinnlichen Welten hinein. Denn wer über die übersinnlichen Welten etwas zu sagen hat, muß nicht nur über etwas anderes sprechen als die gewöhnliche äußere Sinneswelt, sondern er muß in anderer Art sprechen. Das heißt aber: Geistesforscher kann man nur werden, wenn man zunächst dasjenige, was man für das gewöhnliche, alltägliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft an Denk- und Erkenntnisfähigkeiten hat, selbst in die Hand nimmt. Wie das Kind durch andere erzogen wird, wie dem Kinde durch andere seine Fähigkeiten entwickelt werden, so muß man seine inneren Seelenfähigkeiten, zunächst seine Denkfähigkeit, selber in die Hand nehmen und weiterentwickeln von dem Standpunkte aus, zu dem das Denken von selbst im Leben kommt.
[ 8 ] Only when one has developed this state of mind within one’s soul, when one has attained intellectual humility to the point of saying to oneself: “You must not remain stuck in the way you are currently able to think, feel, and will”—only then does one stand at the starting point of the path into the supersensible worlds. For anyone who has something to say about the supersensible worlds must not only speak of something other than the ordinary external sensory world, but must also speak in a different way. This means, however, that one can only become a researcher of the spirit if one first takes into one’s own hands the powers of thought and cognition that one possesses for ordinary, everyday life and for ordinary science. Just as a child is raised by others, and just as a child’s abilities are developed by others, so one must take one’s inner soul abilities—first and foremost, one’s capacity for thought—into one’s own hands and develop them further from the standpoint to which thinking naturally arises in life.
[ 9 ] In meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» habe ich alle Einzelheiten beschrieben — jene systematisch zu gliedernden Einzelheiten, durch die der Mensch seine Denkfähigkeit selbst in die Hand nehmen kann, dutch die er dieses Denken weiterentwickeln kann gegenüber dem Standpunkt, auf dem es im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft steht.
[ 9 ] In my book *How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?*, I have described all the details—those details that can be systematically organized, through which a person can take control of their own thinking and further develop it beyond the level found in everyday life and in conventional science.
[ 10 ] Heute abend werde ich Ihnen wegen der Kürze der Zeit nur das Prinzipielle der Sache vortragen können. Ich werde Ihnen nur zeigen können, wie man dieses Denken weiterentwickelt, wie man es selbst in die Hand nimmt und immer weiter bringt. Dazu ist eine Vorbedingung folgendes: Wenn man sich über das äußere leibliche Wesen des Menschen aufklären will, so sagte ich vorhin, fragt man bei der Naturwissenschaft an. Nun soll diese Naturwissenschaft nicht herabgesetzt werden. Der Geistesforscher erkennt die großen Triumphe der Naturwissenschaft in der neueren Zeit voll an, so wie sie der Naturforscher nur irgend selber anerkennen kann. Er erkennt diese Naturwissenschaft als berechtigt an, er ist ein um so besserer Geistesforscher, je besser er den Wert und die Bedeutung der Naturwissenschaft zu würdigen versteht. Allein, gerade darum muß auch das andere gesagt werden: Fragt man bei dieser Naturwissenschaft an, so stellt sie einen zunächst an Erkenntnisgrenzen. Sie wissen wohl alle, daß gerade die besonnenen Naturforscher von solchen Erkenntnisgrenzen sprechen. Gewisse Begriffe, gewisse Vorstellungen werden vor den Menschen hingestellt, der nach dem Wesen der Dinge, nach Kraft, Stoff usw. fragt. Diese Begriffe ändern sich von Zeit zu Zeit, aber immer stehen gewisse Grenzen da, von denen der Naturforscher sagt: Über diese Grenzen kannst du nicht hinauskommen. Der Naturforscher tut recht in seinem Gebiet, wenn er bei diesen Grenzen stehenbleibt. Der Geistesforscher kann dies nicht tun. Aber, er darf auch nicht durch irgendwelche bloßen Spekulationen, durch bloßes Phantasieren über diese Grenzen hinauskommen wollen.
[ 10 ] Tonight, due to time constraints, I will only be able to present the basic principles of the matter. I will only be able to show you how to develop this line of thought further, how to take it into your own hands and carry it ever onward. A prerequisite for this is the following: As I said earlier, if one wishes to gain insight into the outer, physical nature of the human being, one turns to the natural sciences. Now, these natural sciences should not be disparaged. The spiritual researcher fully acknowledges the great triumphs of natural science in recent times, just as the natural scientist himself can acknowledge them. He recognizes natural science as legitimate; the better he understands how to appreciate the value and significance of natural science, the better a spiritual researcher he is. However, precisely for this reason, the other side of the story must also be told: If one turns to natural science, it initially places one at the limits of knowledge. You are all well aware that it is precisely the level-headed natural scientists who speak of such limits of knowledge. Certain concepts, certain mental images are presented to the person who inquires into the nature of things, into force, matter, and so on. These concepts change from time to time, but certain limits always remain, about which the natural scientist says: You cannot go beyond these limits. The natural scientist acts correctly within his field when he stops at these limits. The spiritual researcher cannot do this. But neither should he seek to go beyond these limits through mere speculation or mere fantasy.
[ 11 ] Indem der Geistesforscher an dasjenige herantritt, was die Naturwissenschaft nicht erkennen kann und wo sie die Grenzpfähle für das Erkennen einrammt, da beginnen für ihn, für den Geistesforscher, die großen inneren Seelenkämpfe. Der Geistesforscher muß innerlich mit dem kämpfen, was der Naturforscher als feste Grenzbegriffe hinstellt. Und da wird dieses Kämpfen zu einem ersten großen Erlebnis. Er überwindet kämpfend im inneren Erleben diese Grenzen, und indem er sie überwindet, geht ihm mit den Erfahrungen eine Erkenntnis auf, die wichtig, grundlegend wichtig ist für alles, was hinführen soll zur Erkenntnis der übersinnlichen Menschennatur. Indem er sich diesem Kampfe mit den Grenzen der Naturerkenntnis hingibt, geht ihm auf, wie eigentümlich die menschliche Wesenheit dem Leben angepaßt ist. Denn der Geistesforscher muß sich aus seiner Erfahrung heraus fragen: Was hindert dich denn, in das Innere der Natur rein auf naturforscherische Art hineinzuschauen? - Da entdeckt er das höchst Merkwürdige, ich möchte sagen, das erschütternd Merkwürdige: Wenn die Natur durchsichtig wäre, so daß sie uns nicht Grenzen hinstellte, dann würden wir Menschen in unserem Leben zwischen Geburt und Tod eine Eigenschaft nicht besitzen, die wir für das soziale Dasein in diesem Leben unbedingt notwendig haben. Wenn der Mensch in das innere Wesen der Natur hineinschauen könnte, so müßte er die Seelenkraft der Liebe entbehren! Alles, was wir Liebe von Mensch zu Mensch nennen, was wir Liebe und brüderliche Gesinnung von Mensch zu Mensch nennen, was in der Seele aufglüht, wenn wir dem anderen Menschen sozial entgegentreten, das könnten wir nicht haben, wenn die Natur uns nicht Grenzen für unser Naturerkennen setzte.
[ 11 ] When the spiritual researcher approaches that which natural science cannot perceive—and where natural science drives in the boundary stakes of knowledge—that is where the great inner struggles of the soul begin for him, the spiritual researcher. The spiritual researcher must struggle inwardly with what the natural scientist presents as fixed boundaries. And there this struggle becomes a first great experience. Through this inner struggle, he overcomes these boundaries, and as he overcomes them, an insight dawns upon him through these experiences—an insight that is important, fundamentally important, for everything that is to lead to the knowledge of the supersensible nature of the human being. As he devotes himself to this struggle with the limits of scientific knowledge, he comes to realize how uniquely the human being is adapted to life. For the spiritual researcher must ask himself, based on his experience: What is preventing you from looking into the inner workings of nature in a purely scientific manner? —There he discovers something most remarkable—I would even say, something profoundly startling: If nature were transparent, so that it did not impose limits upon us, then we human beings, in our lives between birth and death, would lack a quality that is absolutely essential for our social existence in this life. If human beings could look into the inner essence of nature, they would have to do without the spiritual power of love! Everything we call love from one person to another, everything we call love and brotherly feeling from one person to another—everything that glows in the soul when we interact socially with another person—we could not have if nature did not set limits on our understanding of nature.
[ 12 ] Das ist eine Wahrheit, die man nicht logisch beweisen kann. Gerade so wenig wie man logisch beweisen kann, daß es einen Walfisch gibt, oder daß es einen Walfisch nicht gibt — man kann sich nur durch den Augenschein überzeugen -, so kann man nicht beweisen, daß man die Liebe entbehren müßte, wenn die Naturerkenntnis keine Grenzen hätte. Aber als eine Erfahrung ergibt es sich dem, der wirklich sich hinein ringt in die geistige Erkenntnis. Da sieht man, welche Geheimnisse unser menschliches Dasein birgt. Ein solches Geheimnis ist es, daß der Mensch die begrenzte Naturerkenntnis dadurch bezahlen muß, daß er Liebe entwickelt. Und umgekehrt: er muß seine Liebefähigkeit damit bezahlen, daß er zunächst keine unbegrenzte Naturerkenntnis hat.
[ 12 ] This is a truth that cannot be proven logically. Just as one cannot logically prove that a whale exists, or that a whale does not exist—one can only be convinced by seeing it with one’s own eyes—so one cannot prove that one would have to do without love if knowledge of nature were boundless. But as an experience, it reveals itself to those who truly strive to delve into spiritual knowledge. There one sees what mysteries our human existence holds. One such mystery is that human beings must pay for their limited knowledge of nature by developing love. And conversely: they must pay for their capacity for love by initially lacking unlimited knowledge of nature.
[ 13 ] Aber das zeigt uns auch, was derjenige zu überwinden hat, der nun wirklich hinein dringen will in die geistige Welt, welcher der Mensch selbst mit seinem innersten Wesenskern angehört. Das ist eines der Grundprinzipien für die Wege hinauf zum übersinnlichen Menschen und zur übersinnlichen Welt überhaupt, daß man die Liebefähigkeit, die Hingabe an alle Wesen der Welt noch größer macht, als sie im gewöhnlichen Leben zwischen Geburt und Tod ist, damit man nicht die Liebe verliert, wenn man nun versucht, sein Denken immer mehr so auszugestalten, daß es anders wird, als es im gewöhnlichen Leben ist. Eine Vorbereitung muß es sein für den geistigen Erkenntnisweg, sich noch viel, viel liebefähiger zu machen, als man es für das gewöhnliche soziale Leben zu sein hat. Man merkt nämlich allmählich, daß man in seiner ganzen, vollen Menschennatur die Welt eigentlich nur kennenlernt, solange man im physischen Leibe ist, durch die Liebe, durch keine andere Forschungsmethode.
[ 13 ] But this also shows us what a person must overcome if they truly wish to penetrate the spiritual world, to which human beings themselves belong with the innermost core of their being. This is one of the fundamental principles for the paths leading upward to the supersensible human being and to the supersensible world in general: that one must make one’s capacity for love and devotion to all beings in the world even greater than it is in ordinary life between birth and death, so that one does not lose love when one attempts to shape one’s thinking more and more in a way that differs from ordinary life. It must be a preparation for the spiritual path of knowledge to make oneself far, far more capable of love than one needs to be for ordinary social life. For one gradually realizes that, in one’s entire, full human nature, one actually comes to know the world—as long as one is in the physical body—only through love, and through no other method of inquiry.
[ 14 ] Aber wenn man in die geistige Welt hinein dringen will, so muß man zu gleicher Zeit das Denken selber höher ausbilden, als es sich in der menschlichen Natur von selbst ausbildet. Das erreicht man dadurch, daß man gewisse innere Seelenverrichtungen, gewisse innere Seelentätigkeiten, die man im Leben sonst nur nebenbei anwendet, nun ganz systematisch anwendet, indem man sich dazu zwingt. Ich kann Ihnen heute nur in einem kleinen Ausschnitt sagen, was Sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? » ausführlich geschildert finden, aber ich kann wenigstens andeuten, worauf diese Höherentwicklung des menschlichen Denkens beruht.
[ 14 ] But if one wishes to penetrate the spiritual world, one must at the same time develop one’s thinking to a higher level than it naturally develops on its own in human nature. This is achieved by systematically applying—through self-discipline—certain inner soul processes and activities that one otherwise engages in only incidentally in daily life. Today I can only give you a brief glimpse of what you will find described in detail in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, but I can at least hint at what this higher development of human thinking is based upon.
[ 15 ] Sie wissen, wenn uns etwas von außen irgendwie anregt, so werden wir darauf aufmerksam. Wir hören einen Ton, wir haben ein Interesse für dasjenige, was in der Richtung dieses Tones vorgeht. Interesse für etwas haben, Aufmerksamkeit auf etwas wenden, das sind also innere Seelenbetätigungen, welche beim Menschen in der Regel von der Außenwelt her angeregt werden. Worauf es beim Betreten des geistigen Erkenntnisweges ankommt, das ist, daß wir solche Kräfte, wie die Kräfte, die zur Aufmerksamkeit, zum Interesse-Haben führen, willkürlich in uns anwenden, indem wir uns zum Beispiel recht, recht lange, wie man sagt, in der Meditation einer Vorstellung hingeben, indem wir die Seele ganz hineinlegen in diese Vorstellung. Da verliert sich im gewöhnlichen, natürlichen Gang des Lebens die Aufmerksamkeit, das Interesse an dieser Vorstellung. Wenn man sich aber willkürlich mit der ganzen Seele in eine solche Vorstellung hineinlebt, darin stehenbleibt, so, daß man von innen die Aufmerksamkeit erhält, die zu erlöschen droht, daß man das Interesse von innen erhält, wenn es zu erlöschen droht, durch die Länge, mit der man sich der Vorstellung hingibt - und wenn man das immer weiter tut, dann erkraftet man das Denken; das Denken wird etwas ganz anderes, als es früher war. Dann kommt man in der Tat zu einem Denken, das voll innerer Tätigkeit ist, bei dem man sich aber auch anstrengen muß, wie man sich bei einer äußeren Handarbeit anstrengen muß. Man kommt zu einem Denken, das sich zum gewöhnlichen Denken verhält, wie sich das gewöhnliche Denken zum Denken des fünfjährigen Kindes verhält, etwa gegenüber den lyrischen Gedichten. Aber man kommt zu einem solchen Denken, von dem man sich sagt: hat man es erreicht, dann hatte man an dieses Erreichen-Müssen eine innere Kraftanstrengung zu wenden, die wirklich das Körperliche, das dabei auch mittätig ist, so mitgenommen hat, daß man es wie eine Ermüdung durch harte äußere Arbeit verspürt, der man sich jahrelang hingegeben hat. Lernt man erkennen, daß man sich im Seelischen etwas erarbeiten kann, das solche Anstrengung kostet wie meinetwillen das Holzhacken, dann kommt man dazu, in seiner Seele zu erfassen das lebendige Denken, während das gewöhnliche Denken mehr die äußeren Erscheinungen, die äußeren Erlebnisse nur begleitet. Denken Sie einmal, wie Sie eigentlich im gewöhnlichen Leben denken: Sie verrichten Ihre Arbeit im gewöhnlichen Leben, und das Denken läuft so träumerisch neben diesem äußeren Leben einher. Strengen Sie dieses Denken einmal an, indem Sie ein schwieriges Buch lesen, so merken Sie: Gerade wenn das Denken innerlich aktiv sein will, muß es ermüden wie eine andere Tätigkeit. Aber das, was da von innen her in Tätigkeit entwickelt wird, das muß mit dem Denken immer weiter und weiter getrieben werden. Wenn das immer weiter getrieben wird, dann merkt man, daß mit dem Denken eine große Veränderung vor sich geht. Dann lernt man etwas erkennen, von dem man früher keine Ahnung hatte: Man lernt erkennen, daß man in einem Denken lebt, von dem das gewöhnliche Denken nur wie ein Spiegelbild, wie ein Abbild ist: Man lernt ein Denken kennen, das innerlich lebt, ein Denken, welches ganz unabhängig ist von dem Werkzeug des Gehirns, von dem Werkzeug des Leibes. So grotesk, so paradox, vielleicht toll das der gegenwärtigen Menschheit noch erscheint: der Mensch kann auf diesem Wege, den Sie in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? » beschrieben finden, dazu kommen, ganz genau zu wissen: Indem du denkst, die Seelentätigkeit des Denkens entwickelst, lebst du außerhalb des Leibes mit deinem Denken, während das gewöhnliche Denken an das Instrument des Leibes, an das Nervensystem gebunden ist. Man lernt aber auch genau erkennen, wie wenig das innere Seelenwesen, das man so erfaßt in seinem Denken, an das Instrument des Gehirnes gebunden ist. Denn man entwickelt ja nicht erst dieses innere Seelenwesen, sondern man lernt es nur kennen. Ich spreche Ihnen nicht von etwas, was heute neu entwickelt wird, sondern von der Erkenntnis des übersinnlichen Menschen. Man lernt erkennen, welch großem Irrtum sich die gewöhnliche Naturwissenschaft und die äußere populäre Anschauung über das Denken hingeben, gerade in unserem materialistischen Zeitalter.
[ 15 ] You know, when something from the outside stimulates us in some way, we become aware of it. We hear a sound, and we take an interest in what is happening in the direction of that sound. Taking an interest in something, directing our attention to something—these are inner mental activities that, in human beings, are generally stimulated by the outside world. What matters when embarking on the path of spiritual knowledge is that we apply such forces—such as those that lead to attention and interest—voluntarily within ourselves, for example, by devoting ourselves for a very, very long time, as they say, to meditating on a mental image, by immersing our soul completely in that image. In the ordinary, natural course of life, attention and interest in this mental image are lost. But if one deliberately immerses oneself with one’s whole soul in such a mental image, remaining within it—so that one sustains from within the attention that threatens to fade, and sustains the interest from within when it threatens to fade—through the length of time one devotes to the mental image—and if one continues to do this, then one strengthens one’s thinking; thinking becomes something entirely different from what it was before. Then one does indeed arrive at a form of thinking that is full of inner activity, but one must also exert oneself in it, just as one must exert oneself in manual labor. One arrives at a form of thinking that relates to ordinary thinking in the same way that ordinary thinking relates to the thinking of a five-year-old child—for example, in relation to lyric poetry. But one arrives at a form of thinking about which one says to oneself: once one has attained it, one had to devote an inner effort to this process of attainment—an effort that has so thoroughly exhausted the physical body, which is also actively involved in the process, that one feels it as a kind of fatigue resulting from hard physical labor to which one has devoted oneself for years. If one learns to recognize that one can cultivate something within the soul that requires as much effort as, say, chopping wood, then one comes to grasp living thought within one’s soul, whereas ordinary thinking merely accompanies external phenomena and external experiences. Just think for a moment about how you actually think in everyday life: You go about your work in everyday life, and your thinking runs alongside this external life in a dreamlike manner. If you strain this thinking by reading a difficult book, you will notice: Precisely when thinking seeks to be inwardly active, it must become fatigued just like any other activity. But what is developing as an activity from within must be driven further and further by thinking. When this is driven further and further, one realizes that a great transformation is taking place within one’s thinking. Then one begins to recognize something of which one previously had no inkling: one comes to realize that one lives within a form of thinking of which ordinary thinking is merely a mirror image, a reflection: One comes to know a form of thinking that lives inwardly, a form of thinking that is entirely independent of the instrument of the brain, of the instrument of the body. As grotesque, as paradoxical, perhaps as crazy as this may still seem to present-day humanity: human beings can, by following the path you describe in the book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* ,” come to know with absolute certainty: By thinking—by developing the soul’s activity of thinking—you live outside the body with your thinking, whereas ordinary thinking is bound to the instrument of the body, to the nervous system. But one also learns to recognize precisely how little the inner soul-being, which one thus perceives in one’s thinking, is bound to the instrument of the brain. For one does not actually develop this inner soul being; rather, one merely comes to know it. I am not speaking to you of something that is being developed anew today, but of the knowledge of the supersensible human being. One comes to recognize the great error into which ordinary natural science and the popular, external view of thinking have fallen, especially in our materialistic age.
[ 16 ] Da sagt dieses naturwissenschaftliche Denken: Das Gehirn ist das Instrument des Denkens. Aber das ist ein solcher Irrtum, wie es ein Irrtum wäre, wenn Sie sehen würden: in einem aufgeweichten Feldweg sind Wagenspuren, sind Spuren von menschlichen Tritten; und wenn Sie darüber nachdenken würden - so nehmen wir jetzt an -, wie von unten her, von der Erde her Kräfte spielen, die die Wagenspuren oder die Spuren der menschlichen Tritte bewirkt haben. Das wäre selbstverständlich eine Torheit. Sie können aus dem Gefüge der Erde selbst heraus nicht sehen, wie die Furchen entstanden sind. Sie müssen sich klar sein, daß da ein Wagen gefahren ist, daß Menschen mit den Füßen darüber gegangen sind, daß sich das eingedrückt hat. So kommen Sie auf den Irrtum der Naturwissenschaft gegenüber dem menschlichen Seelenleben, wenn Sie das von dem Leibe unabhängige Denken wirklich kennenlernen. Da lernen Sie kennen, daß dasjenige, was als Nervenfurchen im Gehirn ist, nicht Kräfte im Gehirn drinnen selber hat, welche das Seelische hervorbringen; sondern Sie lernen erkennen, daß alle diese Furchen eingetrieben sind — wie die Furchen in der weichen Erde durch Wagen und Fußtritte eingetrieben sind -, daß eingegraben sind diese Furchen durch die vom Leibe unabhängige Seelentätigkeit. Und Sie begreifen jetzt auch den Irrtum, der in der Naturwissenschaft entstehen kann. Für all das, was da eingegraben wird, entstehen solche Spuren im Gehirn; Sie können alle verfolgen; aber das ist nicht aus dem Leibe heraus entstanden, es ist in den Leib hineingegraben.
[ 16 ] This scientific way of thinking asserts: The brain is the instrument of thought. But this is just as much of a mistake as it would be if you were to see wheel tracks and footprints in a muddy dirt road, and if you were to ponder—let’s assume for a moment—how forces from below, from the earth itself, might have caused the wheel tracks or the footprints. That would, of course, be utter nonsense. You cannot see from the structure of the earth itself how the ruts came into being. You must realize that a wagon drove over there, that people walked over it with their feet, and that this left an impression. This is how you arrive at the error of natural science regarding human soul life when you truly come to know thinking as something independent of the body. There you come to realize that what exists as nerve grooves in the brain does not possess forces within the brain itself that produce the soul’s activity; rather, you come to recognize that all these grooves have been imprinted—just as the furrows in soft earth are imprinted by a wagon and footsteps—that these grooves are imprinted by the soul’s activity, which is independent of the body. And you will now also understand the error that can arise in the natural sciences. For everything that is imprinted there, such traces are formed in the brain; you can trace them all; but they did not arise from within the body—they were imprinted into the body.
[ 17 ] Es ist aber nicht immer leicht zu erfassen, dieses tätige Wesen. Um auch nur einen kurzen Blick in dieses vom Leibe unabhängige menschliche Denken zu erhalten, braucht man nämlich das, was man Geistesgegenwart nennen könnte, denn es hält nicht lange an, ein solches Hineinblitzen des Geistigen in unsere gewöhnliche Anschauung. Man kann sich gut vorbereiten - Sie werden auch darüber in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gesprochen finden -, indem man im gewöhnlichen Leben schon dasjenige entwickelt, was man Geistesgegenwart nennen kann, rasche Orientierung über Situationen und die Möglichkeit, rasch in einer Situation zu handeln. Wenn man nun diese Eigenschaft immer mehr und mehr ausbildet, so bereitet man sich vor, das zu sehen, was aus der geistigen, der übersinnlichen Welt heraus erscheinen kann, und was der Mensch sonst deshalb nicht sieht, weil er, während es auftritt, nicht dazukommt, so schnell die notwendige Geistesgegenwart aufzubringen; weil er nicht dazukommt, es anzuschauen, bevor es vorüber ist. Aber lernt man auf diese Weise wirklich in die geistige Welt hineinschauen, lernt man erkennen, was da an dem Menschen lebt und auf diese Weise durch das entwickelte Denken erfaßt werden kann, dann sieht man eben nicht bloß in das gewöhnliche menschliche Leben des Alltags hinein, sondern dann ergibt sich einem eine ganz andere Perspektive.
[ 17 ] However, it is not always easy to grasp this active essence. In order to catch even a brief glimpse of this human thinking—which is independent of the body—one needs what might be called “presence of mind,” for such a flash of the spiritual into our ordinary perception does not last long. One can prepare well—you will also find this discussed in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*—by developing in everyday life what might be called presence of mind: a quick grasp of situations and the ability to act swiftly in a given situation. If one now cultivates this quality more and more, one prepares oneself to see what may appear from the spiritual, the supersensible world—and what a person otherwise fails to see because, while it is occurring, they do not have time to muster the necessary presence of mind; because they do not have time to observe it before it has passed. But if one truly learns to look into the spiritual world in this way—if one learns to recognize what lives within the human being and can be grasped through developed thinking—then one sees not merely into ordinary, everyday human life, but a completely different perspective opens up.
[ 18 ] Eines hat diese geistige Erkenntnis nicht: Sie ist nicht im gewöhnlichen Sinne erinnerbar. Derjenige, der Ihnen etwas aus der geistigen Welt erzählen will, muß immer wiederum die Bedingungen herstellen, sie anzuschauen. Er kann das nicht einfach so machen, daß er ein Gedächtnis für seine frühere Geistesschau entwickelt. Aber wenn jene geistige Erkenntnis auch, ich möchte sagen, wie ein flüchtiger Traum, der bald vergessen wird, rasch vorübergeht, so enthält sie in sich selber eine bedeutungsvolle Erinnerung. Und an diesem Punkte muß man etwas sagen, was die Menschen der Gegenwart ganz selbstverständlich höchst eigentümlich berühren muß. Aber es hat die Menschen doch ganz gewiß auch eigentümlich berührt, als ihnen davon gesprochen wurde, daß da oben nicht bloß leuchtende Punkte sind, sondern unzählige Welten im Raume verteilt sind! Sowenig das die Menschen vor Jahrhunderten sogleich glauben wollten, aber sich daran doch so gewöhnt haben, daß es heute für sie eine Selbstverständlichkeit ist, so wird zwar heute noch ungewohnt erscheinen, was der Geistesforscher als seine Erfahrung hinstellt durch sein entwickeltes Denken, es wird aber eine selbstverständliche Erkenntnis der nächsten Jahrhunderte sein müssen. Und eine Aufgabe unserer Zeit wird sein, daß die Menschen Verständnis entwickeln für solche Erweiterung des menschlichen Erkennens und der menschlichen Anschauung. In dem Augenblick, da der Mensch ein innerlich lebendiges Denken hat und weiß, daß er mit diesem Denken unabhängig vom Leibe ist, schaut er zurück — während er die gewöhnliche Erinnerung in diesem Augenblick nicht haben kann - auf das geistig-seelische Leben, das er in einer rein geistigen Welt durchlebt hat, bevor er durch die Geburt oder die Empfängnis sich mit dem physischen Menschenleibe vereinigt hat und dadurch aus einer geistigen Welt in die sinnliche Welt herabgestiegen ist. Es erweitert sich der Blick über das Leben hinaus, das man seit der Geburt durchlebt; es erweitert sich das Leben hinein in die Anschauung der geistigen Welt, aus der wir zu unserem physischen Dasein heruntergestiegen sind.
[ 18 ] There is one thing this spiritual insight lacks: it cannot be recalled in the ordinary sense. Anyone who wishes to tell you something about the spiritual world must always recreate the conditions necessary to perceive it. They cannot simply do this by developing a memory of their previous spiritual vision. But even if that spiritual insight passes quickly—I would say, like a fleeting dream that is soon forgotten—it contains within itself a meaningful memory. And at this point, one must say something that, quite naturally, must strike people today as highly peculiar. But it certainly struck people as peculiar, too, when they were told that up there there are not merely points of light, but countless worlds scattered throughout space! Just as people centuries ago were initially reluctant to believe this, yet grew so accustomed to it that today it is a matter of course for them, so too will what the spiritual researcher presents as his experience through his developed thinking still seem unfamiliar today; yet it will inevitably become a self-evident insight in the coming centuries. And one task of our time will be to help people develop an understanding of such an expansion of human cognition and perception. The moment a person possesses an inner, living thought and knows that through this thought they are independent of the body, they look back — even though they cannot have ordinary memory at that moment — upon the spiritual-soul life they lived through in a purely spiritual world before they united with the physical human body through birth or conception and thereby descended from a spiritual world into the sensory world. One’s perspective expands beyond the life one has lived since birth; life expands into a vision of the spiritual world from which we have descended into our physical existence.
[ 19 ] Eine neue Bedeutung erhält dadurch auch unser ganzes soziales Menschenleben. Wir treten im sozialen Leben in Beziehung zu diesem oder jenem Menschen. Zu einem Menschen tritt eine schnelle Sympathie auf, mit dem anderen finden wir uns nicht so schnell sympathisch vereint. Die mannigfaltigsten Beziehungen entstehen zu den anderen Menschen hier in diesem Leben zwischen Geburt und Tod. Lernt man als Geistesforscher das Leben so erkennen, wie ich es eben angedeutet habe, dann findet man: dasjenige, was einen anzieht bei dem einen Menschen, was einen mehr oder weniger befremdet bei einer anderen Menschen, kurz: was an Beziehungen zu den anderen Menschen auftritt, es ist das Ergebnis dessen, was wir mit den anderen Seelen in einer anderen Welt durchlebt haben, bevor wir und bevor sie zu diesem physischen Dasein herabgestiegen sind. Alles, was wir in der physischen Welt erleben, es wird uns zum Abbild von Erlebnissen in der geistigen Welt. So wird aus menschlich-seelischer Anstrengung in unserem Zeitalter auferstehen können das Hineinschauen in die geistige Welt von dieser physischen Welt aus.
[ 19 ] This also gives our entire social life as human beings a new meaning. In social life, we form relationships with this or that person. We may feel an immediate affinity with one person, while with another we do not find ourselves so quickly united in mutual sympathy. The most diverse kinds of relationships arise with other people here in this life, between birth and death. If, as a researcher of the spiritual realm, one learns to perceive life as I have just indicated, then one discovers that what attracts us to one person, what more or less alienates us from another—in short, what arises in our relationships with other people— is the result of what we have experienced with other souls in another world before we—and before they—descended into this physical existence. Everything we experience in the physical world becomes a reflection of experiences in the spiritual world. Thus, through human-spiritual effort in our age, it will be possible to gain insight into the spiritual world from within this physical world.
[ 20 ] Es mag heute noch viele Menschen geben, welche sich in eine solche Anschauung nicht hineinfinden können. Allein, über solche Menschen kann man so seine Gedanken haben. Als die erste Eisenbahn in Deutschland gebaut wurde, rief man ein Ärztekollegium und andere Gelehrte zusammen: sie sollten entscheiden, ob man Eisenbahnen bauen solle oder nicht. Da haben diese gelehrten Herren das Urteil abgegeben, man solle doch Eisenbahnen nicht bauen, denn das Fahren würde gesundheitsschädlich sein, und es würden nur Narren sein, die darin fahren wollten. Man müsse jedenfalls eine hohe Bretterwand aufrichten, damit diejenigen, an denen die Eisenbahn vorbeifahre, nicht Gehirnerschütterung kriegten. -— Heute gibt es Menschen, die, bildlich gesprochen, glauben, man bekomme Gehirnerschütterung, wenn der Geistesforscher von den Erkenntnissen der übersinnlichen Welt redet. Aber die Zeitentwicklung wird über diese Vorurteile hinwegschreiten, wie sie über andere Vorurteile hinweggeschritten ist.
[ 20 ] There may still be many people today who cannot bring themselves to accept such a view. However, one can have one’s own thoughts about such people. When the first railroad was built in Germany, a panel of doctors and other scholars was convened: they were to decide whether railroads should be built or not. These learned gentlemen rendered their verdict: railroads should not be built, for riding them would be harmful to one’s health, and only fools would want to ride them. In any case, they argued, a high wooden wall would have to be erected so that those whom the railroad passed by would not suffer concussions. — Today there are people who, figuratively speaking, believe one gets a concussion when a researcher of the spiritual realm speaks of insights into the supersensible world. But the course of history will move beyond these prejudices, just as it has moved beyond other prejudices.
[ 21 ] Was ich Ihnen geschildert habe, das ist die eine Art, wie man aus der physischen Welt in die überphysische Welt hinüberkommt. Man muß kämpfen mit den Grenzen der Naturerkenntnis. Man muß aber noch an eine andere Grenze kommen, wenn man in die geistige Welt hineinkommen und Aufschluß über die übersinnliche Menschenwesenheit bekommen will. Man muß, wie man an die Grenzen der äußeren Naturerkenntnis kommt, an die Grenzen der Erkenntnis des eigenen Wesens kommen.
[ 21 ] What I have described to you is one way of crossing over from the physical world into the supersensible world. One must grapple with the limits of knowledge of nature. But one must also reach another limit if one wishes to enter the spiritual world and gain insight into the supersensible human being. Just as one reaches the limits of knowledge of external nature, one must reach the limits of knowledge of one’s own being.
[ 22 ] Sehr viele Menschen, die daran verzweifeln, daß ihnen für ihr inneres Seelenleben Befriedigung durch ihre alten religiösen Überlieferungen werden kann, greifen zur sogenannten Mystik, indem sie glauben, wenn sie sich in ihre Seele innerlich immer tiefer und tiefer versenken, werde ihnen das innere Seelenleben, die menschliche Natur aufgehen. Viele Menschen glauben, daß mystisch herauf quellen kann, was ihre wahre Menschenwesenheit ist. Der Geistesforscher muß auch diese Grenze kennenlernen. Er muß Mystiker sein können, wie er Naturerkenntnis entwickeln soll. Aber er darf ebensowenig, wie er bei der Naturerkenntnis stehenbleiben kann, bei der Mystik stehenbleiben. Er muß lernen, wie man durch die bloße Mystik zu nichts anderem kommt als zu Illusionen über die übersinnliche Menschenwesenheit, nicht aber zu einer wirklichen Erkenntnis dieser übersinnlichen Menschenwesenheit. Wer ein wahrer Geistesforscher ist, ist wahrhaftig kein Illusionär. Er gibt sich keinen Täuschungen darüber hin, was er als Wirklichkeit anzuerkennen hat. Deshalb geht er auch nicht, wie der gewöhnliche Mystiker, darauf aus, allerlei Phantastisches aus dem eigenen Innern herauf zu zaubern. Nein, da weiß er eines wiederum: Indem er mit dem eigenen Innern kämpft, indem er da seine Überwindung durchlebt, weiß er, daß das, was die Mystiker finden, im Grunde genommen nichts anderes ist als dasjenige, was seit der Geburt einmal Eindruck auf ihre Seelen gemacht hat. Sie haben es vielleicht nur dunkel aufgenommen, es ist nicht ganz klar zu ihrer Wahrnehmung gekommen, es ist aber doch im Gedächtnis sitzengeblieben.
[ 22 ] A great many people, despairing that their old religious traditions can provide satisfaction for their inner spiritual life, turn to so-called mysticism, believing that if they immerse themselves deeper and deeper into their souls, their inner spiritual life—their human nature—will be revealed to them. Many people believe that their true human essence can well up mystically. The spiritual researcher must also come to know this boundary. He must be able to be a mystic, just as he must develop an understanding of nature. But just as he cannot remain stuck at the level of knowledge of nature, he must not remain stuck at the level of mysticism either. He must learn that mere mysticism leads to nothing but illusions about the supersensible human essence, and not to a true understanding of this supersensible human essence. Anyone who is a true spiritual researcher is certainly not a dreamer. He does not succumb to delusions about what he must recognize as reality. That is why he does not, like the ordinary mystic, set out to conjure up all manner of fantastical things from within himself. No, he knows one thing for certain: by wrestling with his own inner self, by living through this process of overcoming, he knows that what the mystics find is, in essence, nothing other than that which has made an impression on their souls since birth. They may have absorbed it only dimly; it may not have come into their perception quite clearly, but it has nevertheless remained in their memory.
[ 23 ] Schon die naturwissenschaftliche Forschung hat hier ganz schöne Beobachtungen gemacht. Ich will Ihnen eine kurz mitteilen, die in der naturwissenschaftlichen Literatur verzeichnet ist, die man aber verhundertfachen, vertausendfachen könnte. Ein Naturforscher geht einmal am Schaufenster einer Buchhandlung vorbei. Dabei fällt sein Blick auf ein Buch. Und während er den Buchtitel anschaut, muß er lachen. Denken Sie sich nur, ein Naturforscher muß lachen, wenn er einen ernsten Buchtitel sieht! Er kann sich nicht erklären, warum er lachen muß. Nun macht er die Augen zu, weil er glaubt, er komme eher darauf, wenn er nicht durch den äußeren Eindruck abgelenkt wird. Indem er die Augen zumacht, hört er in der Ferne, was er vorher, solange er abgelenkt worden war, nicht gehört hatte, eine Drehorgel. Und indem er weiterforscht, ergibt sich ihm, daß die Drehorgel eine Melodie spielt, nach der er früher einmal getanzt hat. Damals hat das keinen starken Eindruck auf ihn gemacht, die Tänzerin hat ihn mehr interessiert, oder auch die Tanzschritte. Der Eindruck der Melodie selbst war damals schwach, aber doch stark genug, um im späteren Leben wieder aufzutreten, als der Forscher die gleiche Melodie von der Drehorgel her hört!
[ 23 ] Scientific research has already made some quite interesting observations in this regard. I’d like to share a brief one with you that is documented in the scientific literature—though there are hundreds, even thousands, more like it. A naturalist was walking past the window of a bookstore one day. His gaze fell on a book. And as he looked at the book’s title, he had to laugh. Just imagine—a naturalist has to laugh when he sees a serious book title! He couldn’t explain why he had to laugh. So he closed his eyes, thinking he might figure it out more easily if he wasn’t distracted by external impressions. As he closes his eyes, he hears in the distance something he hadn’t heard before, while he was distracted: a barrel organ. And as he thinks about it further, it occurs to him that the barrel organ is playing a melody to which he once danced. Back then, it hadn’t made much of an impression on him; he was more interested in the dancer, or perhaps the dance steps. The impression of the melody itself was faint at the time, but still strong enough to resurface later in life when the researcher hears the same melody coming from the barrel organ!
[ 24 ] Solche Dinge und ihre Wesenheit kennt der Geistesforscher sehr genau, denn er gibt sich keinen Illusionen hin. Er weiß: Wenn mancher Mystiker davon spricht, daß er in seinem Innern den göttlichen Menschen erlebe, daß er etwas erlebe, was ihn mit seinem Ewigen zusammenbringt, dann sind es «die Töne der Drehorgel»: Er hat einmal etwas aufgenommen, das hat sich umgestaltet — denn solche Dinge gestalten sich um -, das steigt als Reminiszenz herauf. Sie finden auf dem Wege der gewöhnlichen Mystik nichts anderes, als was Sie einmal aufgenommen haben, und Sie können sich da den furchtbarsten Illusionen hingeben, indem Sie bloßer Mystiker sein wollen.
[ 24 ] The spiritual researcher knows such things and their true nature very well, for he harbors no illusions. He knows: When some mystics speak of experiencing the divine human being within themselves, of experiencing something that unites them with their Eternal Self, these are merely “the sounds of the barrel organ”: They once absorbed something that has been transformed—for such things do transform—and this rises up as a reminiscence. On the path of ordinary mysticism, you find nothing other than what you once absorbed, and you can succumb to the most terrible illusions by merely wanting to be a mystic.
[ 25 ] Gerade über diese Grenze muß der Geistesforscher hinwegkommen. Man lernt wiederum durch Erfahrung kennen, was sich nicht «logisch» beweisen läßt, was sich aber für den Geistesforscher als eine erlebte Erkenntnis, eine erlebte Erfahrung ergibt: man lernt erkennen, daß man durch innerliches Hineinschauen in sich sich nicht erkennen lernen darf. Denn es würde einem wiederum eine menschliche Seelenkraft fehlen, die man für das gewöhnliche Leben haben muß, wenn man innerlich sich durchschauen könnte. Könnte man sich innerlich durchschauen, so würde man im gewöhnlichen Leben nicht haben können die Kraft der Erinnerung, die Kraft des Gedächtnisses. Und daß diese Kraft der Erinnerung, die Kraft des Gedächtnisses gesund ist, davon hängt ab, daß wir überhaupt in unserem Seelenleben gesund sind. Ist unser Gedächtnis, unsere Erinnerung gestört, ist das Ich gestört, so tritt eine furchtbare Seelenkrankheit auf. So daß wir sagen müssen: Wie der Mensch, damit er die Liebe hat, Grenzen im Naturerkennen haben muß, so muß er, damit er Gedächtnis hat, in die Unmöglichkeit versetzt sein, durch bloße innere Anschauung zur höheren menschlichen Wesenheit zu kommen.
[ 25 ] It is precisely this boundary that the spiritual researcher must transcend. Once again, one comes to know through experience what cannot be proven “logically,” but which emerges for the spiritual researcher as a lived insight, a lived experience: one comes to recognize that one must not attempt to know oneself through inner self-examination. For if one could see right through oneself inwardly, one would lack a human soul force that is necessary for ordinary life. If one could see right through oneself inwardly, one would not be able to possess, in ordinary life, the power of recollection, the power of memory. And the health of this power of recollection, this power of memory, depends on our overall health in our soul life. If our memory is disturbed, if the “I” is disturbed, a terrible illness of the soul arises. So we must say: Just as a person, in order to have love, must have limits in their understanding of nature, so too, in order to have memory, they must be placed in a position where it is impossible to reach the higher human being through mere inner contemplation.
[ 26 ] Aber man kann nun wiederum dafür sorgen, daß diese Erinnerungsfähigkeit fester in der menschlichen Natur sitzt als im gewöhnlichen Leben, was ebenfalls durch solche Übungen geschehen kann, wie ich sie in dem genannten Buch beschrieben habe. Wenn man an jedem Abend die Übung macht, daß man seine Tageserlebnisse durchgeht, diese sich ganz klar bildlich vorstellt, so daß man sein Tagesleben immer übungsgemäß überschaut, dann setzt sich alles Gedächtnismäßige fester in der Seele, als es sonst der Fall ist. Und dann kann man es versuchen, trivial ausgedrückt, jene Übung zu machen, die darin besteht, daß man die Zucht seiner Gewohnheiten, die Zucht seines eigenen Ich bewußt in die Hand nimmt. Bedenken Sie nur, wie wir uns von acht zu acht Tagen, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ändern! Schauen Sie sich selber an, wie Sie in Ihrer Seelenverfassung heute sind, und vergleichen Sie es damit, wie Sie vor zehn, vor zwanzig Jahren waren. Sie werden sehen, daß der Mensch eine Entwicklung durchmacht. Aber der Mensch entwickelt sich unbewußt, das Leben entwickelt ihn.
[ 26 ] But one can, in turn, ensure that this ability to remember is more firmly rooted in human nature than it is in ordinary life, which can also be achieved through exercises such as those I have described in the aforementioned book. If one performs the exercise every evening of reviewing one’s daily experiences and creating very clear mental images of them, so that one always surveys one’s daily life in accordance with this practice, then everything related to memory becomes more firmly rooted in the soul than is otherwise the case. And then one can try—to put it simply—that exercise which consists of consciously taking control of the discipline of one’s habits and the discipline of one’s own self. Just consider how we change from week to week, from month to month, from year to year, from decade to decade! Take a look at yourself—at your state of mind today—and compare it to how you were ten or twenty years ago. You will see that a person undergoes a process of development. But a person develops unconsciously; life develops them.
[ 27 ] Wie man zu einem bewußten Hinaufheben des Denkens übergehen kann, wie ich es geschildert habe, so kann man zu einer bewußten Selbstzucht übergehen, indem man immer merkt: Du machst das oder jenes schlecht, du mußt vom Leben lernen. So kann man seine Willensentwicklung in die Hand nehmen, wie man die Gedankenentwicklung in die Hand genommen hat. Nimmt man so die Willensentwicklung in die Hand, dann entwickelt sich wiederum etwas, was einem sozusagen durchleuchtet den sonst dunklen Willen, in dem man sich im gewöhnlichen Leben befindet: Man empfindet alles dasjenige, was man als Willen empfindet, von Gedanken durchsetzt. Man ist gewissermaßen der Zuschauer seines eigenen Wollens und Tuns. Kommt man dazu, so greifbar, geistig-seelisch greifbar der Zuschauer seines eigenen Wollens und Tuns zu sein, dann trifft das, was man da als eine höhere Willensfähigkeit erhält, mit dem zusammen, was sich früher als Gedankentätigkeit entwickelt hat. Und jetzt tritt eine andere Fähigkeit ein: jetzt erblickt man im eigenen menschlichen Wesen etwas, was einem so unabhängig von aller leiblichen Tätigkeit erscheint, daß man weiß: Was du so in dir trägst, das trägst du hinaus durch den Tod in die geistige Welt. Durch die Willenskultur lernt man das geistige Leben, das der Mensch durchlebtnachdemTode, kennen, wie man durch die Gedankenkultur das geistige Leben kennenlernt, das der Mensch vor der Geburt oder Empfängnis erlebt hat. Sie sehen, Geistesforschung kann nicht in gewöhnlicher Weise von der übersinnlichen Menschenwesenheit reden, sondern sie muß erzählen, wie man die Erfahrung macht, daß man das vor und nach dem Tode liegende Leben des Menschen anschauen kann.
[ 27 ] Just as one can move toward a conscious elevation of thought, as I have described, so one can move toward conscious self-discipline by always noting: You are doing this or that poorly; you must learn from life. In this way, one can take control of the development of one’s will, just as one has taken control of the development of one’s thoughts. If one takes control of the development of one’s will in this way, then something develops in turn that, so to speak, illuminates the otherwise dark will in which one finds oneself in ordinary life: one perceives everything that one experiences as will to be permeated by thoughts. One becomes, so to speak, a spectator of one’s own willing and doing. When one reaches the point of being such a tangible—spiritually and psychologically tangible—spectator of one’s own willing and doing, then what one gains there as a higher capacity of will converges with what previously developed as thought activity. And now another capacity emerges: one now perceives within one’s own human being something that appears so independent of all physical activity that one knows: what you carry within yourself in this way, you carry with you beyond death into the spiritual world. Through the cultivation of the will, one comes to know the spiritual life that a person experiences after death, just as through the cultivation of thought one comes to know the spiritual life that a person experienced before birth or conception. You see, spiritual research cannot speak of the supersensible human being in the ordinary way; rather, it must describe how one gains the experience of being able to perceive the life of the human being that lies before and after death.
[ 28 ] Indem man so in die Welt, in die eigene menschliche Wesenheit eindringt, tritt einem wiederum das soziale Leben in einer neuen Gestalt entgegen. Man beobachtet, wie man mit anderen Menschen zusammen das oder jenes erlebt, wie man mit anderen Menschen in Beziehungen tritt, wie man mit anderen Menschen befreundet oder durch andere Verhältnisse in der Welt verbunden oder wieder getrennt wird. Man lernt erkennen, daß alles, was sich so in der physisch-sinnlichen Welt abspielt, nur der Anfang von etwas ist, was sich weiterentwickelt, indem wir durch die Pforte des Todes schreiten. Die Beziehungen der Seele, die sich hier zwischen Mensch und Mensch anknüpfen, finden ihre Fortsetzung, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet. Das Leben, das sich an den Tod angliedert, wird eine ganz konkrete Wirklichkeit, indem wir uns denjenigen Menschen, denen wir uns verbunden wissen hier durch unsere Beziehungen im sinnlichen Leben, auch verbunden wissen über den Tod hinaus.
[ 28 ] By delving in this way into the world and into one’s own human nature, social life presents itself anew. One observes how one experiences this or that together with other people, how one enters into relationships with others, how one becomes friends with others or is connected or separated again by other circumstances in the world. One comes to recognize that everything that takes place in this way in the physical-sensory world is only the beginning of something that continues to develop as we pass through the gate of death. The relationships of the soul that are formed here between one person and another continue when a person passes through the gate of death. The life that follows death becomes a very concrete reality as we know ourselves to be connected—even beyond death—to those people with whom we feel connected here through our relationships in sensory life.
[ 29 ] Das sind Dinge, die heute den Menschen noch sonderbar erscheinen, die aber von den Aufgaben unserer Zeitkultur bewältigt werden müssen. Werden sie das, dann wird noch etwas ganz anderes vor den Menschen hintreten. Dann wird der Mensch dasjenige in einem ganz anderen Licht erkennen, was er heute seine eigene Menschheitsentwicklung nennt, was er heute die Geschichte nennt. Entwickelt man solche Fähigkeiten wie diejenigen, von denen ich gesprochen habe, dann schaut man auch in das Geschichtliche bei der Menschheit anders hinein, als es die Fable convenue angibt, die man heute Geschichte nennt und die in der Zukunft etwas ganz anderes werden muß. Ich will Ihnen am Ende meiner Auseinandersetzungen ein Beispiel geben, um Ihnen zu zeigen, wie der Mensch der Zukunft in die geschichtliche Entwicklung der Menschheit selber hinein dringen muß.
[ 29 ] These are things that still seem strange to people today, but which must be addressed by the challenges of our contemporary culture. If they are, then something entirely different will come to the fore for humanity. Then humanity will come to see in a completely different light what it today calls its own human development, what it today calls history. If one develops abilities such as those I have spoken of, then one will also view the historical development of humanity differently than what is dictated by the “fable convenue”—what is called history today and which must become something entirely different in the future. At the conclusion of my remarks, I would like to give you an example to show you how the human being of the future must penetrate into the historical development of humanity itself.
[ 30 ] Man merkt es gewöhnlich nicht, aber es ist an einem gewissen historischen Punkte der neueren Zeit eine große Wende für die Menschheitsentwicklung eingetreten. Das war in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Man sagt so gewöhnlich, die Natur mache keine Sprünge. Es ist das ein Ausspruch, an den allgemein geglaubt wird, obwohl er falsch ist. Die Natur macht fortwährend Sprünge. Betrachten Sie die Entwicklung einer Pflanze, wie sich aus einem Blatt die Blume mit Staubgefäßen und Stempel, und zuletzt die Frucht entwickelt! So macht auch das geschichtliche Leben Sprünge. Und ein solcher Sprung, den man nur nicht bemerkt, weil man die Geschichte so äußerlich betrachtet, ist in der Mitte des 15. Jahrhunderts eingetreten. Das erweiterte menschliche Schauen, das überwindet, so wie es die Erlebnisse zwischen Geburt und Tod überwindet, auch dasjenige, was sich nur in der äußeren Geschichte, in den äußeren Tatsachen darstellt, und es sieht hinein in den Geist des geschichtlichen Wirkens. Und so zeigt sich dieser Anschauung, daß wir seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in dem Zeitalter leben, das noch lange andauern wird, das ein anderes Zeitalter ablöste, das im 8. Jahrhundert vor Christus begonnen und das bis in die Mitte des i5. Jahrhunderts gedauert hat. In dieses Zeitalter, vom 8. Jahrhundert vor Christus bis zum 15. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, fällt alles dasjenige hinein, was die ausgezeichnete griechische Kultur mit ihrer Schönheit war, was als die römische Kultur da war, und die Nachwirkung des Griechentums und des Römertums. Und seit der Mitte des 15. Jahrhunderts haben wir, wie ich es gleich nachher charakterisieren werde, unsere neuzeitliche Kultur mit der neuzeitlichen Menschheit.
[ 30 ] People usually don’t realize it, but at a certain historical juncture in modern times, a major turning point in human development occurred. That was in the middle of the 15th century. It is commonly said that nature does not make leaps. This is a saying that is generally believed, even though it is false. Nature is constantly making leaps. Consider the development of a plant: how a flower with stamens and a pistil, and finally the fruit, develops from a single leaf! Historical life, too, makes leaps. And such a leap—one that goes unnoticed simply because history is viewed so superficially—occurred in the mid-15th century. The expanded human vision, which transcends—just as it transcends the experiences between birth and death—even that which manifests only in external history and external facts, and looks into the spirit of historical activity. And so this perspective reveals that, since the mid-15th century, we have been living in an age that will endure for a long time to come—an age that succeeded another, which began in the 8th century B.C. and lasted until the mid-15th century. This era, from the 8th century B.C. to the 15th century A.D., encompasses everything that constituted the distinguished Greek culture with its beauty, what existed as Roman culture, and the legacy of Hellenism and Roman civilization. And since the middle of the 15th century, we have had—as I will characterize it shortly—our modern culture alongside modern humanity.
[ 31 ] Wodurch unterscheiden sich diese beiden Kulturen? Sie unterscheiden sich durch etwas, was der Mensch in der gegenwärtigen Zeit noch nicht sehen und anerkennen will. Vor dem 15. Jahrhundert, bis zurück zu dem 8. Jahrhundert vor Christi Geburt, war der Mensch in einer ganz anderen Art entwicklungsfähig als heute. Ich kann Ihnen das auf folgende Weise klarmachen. Denken Sie einmal, wie der Mensch in den Jahren ist, bevor er seinen Zahnwechsel gegen das siebente Jahr durchmacht, und wie das Epoche macht in seinem Leben! Sie können darüber das Nähere nachlesen in der kleinen Schrift über «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Sie werden sehen, was das für den genaueren Beobachter der menschlichen Natur eigentlich in Wirklichkeit bedeutet, was das Kind mit dem Zahnwechsel durchmacht. Da ist ein Parallelismus vorhanden zwischen der äußeren Leibesentwicklung und der inneren Seelenentwicklung. Dann ist wiederum ein nächster Entwicklungspunkt in der Zeit der Geschlechtsreife, im vierzehnten, fünfzehnten Jahr. Dann wird der Parallelismus zwischen Leib und Geist weniger deutlich, aber er dauert für die gegenwärtige Menschheit doch ungefähr bis zum siebenundzwanzigsten Jahr. Im siebenundzwanzigsten Jahr hört man auf, diesen Zusammenhang zwischen der geistig-seelischen Entwicklung und der leiblichen Entwicklung stark zu empfinden. Dieses Merkwürdige, daß der Mensch im siebenundzwanzigsten Lebensjahr seine leiblich-körperhafte Entwicklung abschließt, ist erst seit der Mitte des 15. Jahrhunderts hervorgetreten. Das war anders in dem vorhergehenden Zeitraum. Was hier durch Geistesforschung erkannt werden kann, ist eine unendlich bedeutungsvolle menschliche Entwicklungswahrheit. In der Griechenzeit, in der Römerzeit stand der Mensch so in seiner Entwicklung darin, daß er bis zum dreiunddreißigsten, zum fünfunddreißigsten Jahr hin einen Parallelismus seiner körperlichen und seiner geistig-seelischen Entwicklung hatte. Der Grieche entwickelte derartige Eigenschaften, wenn auch nicht in solcher Stärke, wie es der Zahnwechsel und die Geschlechtsreife sind, bis in seine Dreißigerjahre hinein. Das machte jene merkwürdige Harmonie des Seelischen und des Leiblichen in den Griechen aus. Das ist der Fortgang, den die Menschheitsgeschichte zeigt, daß wir immer weniger der Jugendjahre haben, immer weniger das haben, was uns in den früheren Jahren emanzipierte von dem Körperlich-Leiblichen. Das bedingt aber auch eine ganz andere Stellung des Seelisch-Geistigen zum Weltenwesen beim Menschen. In dem langen Zeitraum vom 8. vorchristlichen bis zum 15. nachchristlichen Jahrhundert entwickelte der Mensch mehr einen instinktiven Verstand, ein instinktives Gemütsleben. Alles, was in diesem Zeitraum lebt, ist durchsetzt von diesem instinktiven Verstandes- und Gemütsleben. Aber seit der Mitte des 15. Jahrhunderts entwickelte der Mensch ein bewußteres Verstandesleben und ein bewußteres Gemütsleben und damit die Forderung, sich auf die freie Persönlichkeit zu stellen. Diese Forderung der menschlichen Natur, sich auf die freie Persönlichkeit zu stellen, entwickelt sich erst in der Geschichte seit der Mitte des 15. Jahrhunderts.
[ 31 ] How do these two cultures differ? They differ in a way that people today are not yet willing to see or acknowledge. Before the 15th century—and all the way back to the 8th century B.C.—human beings were capable of developing in a completely different way than they are today. I can explain this to you as follows. Just think about what a child is like in the years before losing their baby teeth around the age of seven, and what a turning point that is in their life! You can read more about this in the short treatise *The Education of the Child from the Perspective of Spiritual Science*. You will see what it actually means—for the close observer of human nature—what a child goes through when losing their baby teeth. There is a parallelism between external physical development and internal soul development. Then there is another key developmental stage during puberty, around the ages of fourteen or fifteen. At this point, the parallelism between body and spirit becomes less distinct, but for present-day humanity it nevertheless continues roughly until the age of twenty-seven. At the age of twenty-seven, one ceases to feel this connection between spiritual-soul development and physical development so strongly. This remarkable fact—that human beings complete their physical development at the age of twenty-seven—has only become apparent since the middle of the 15th century. Things were different in the preceding period. What can be recognized here through spiritual research is an infinitely significant truth about human development. In Greek and Roman times, human development was such that, up until the age of thirty-three or thirty-five, there was a parallelism between physical and spiritual-psychic development. The Greeks developed such qualities—albeit not with the same intensity as the change of teeth and sexual maturity—well into their thirties. This accounted for that remarkable harmony between the soul and the body in the Greeks. This is the progression that human history reveals: that we have fewer and fewer years of youth, and less and less of what emancipated us from the physical and bodily in our earlier years. But this also necessitates a completely different relationship between the soul and spirit and the world in human beings. During the long period from the 8th century B.C. to the 15th century A.D., human beings developed more of an instinctive intellect and an instinctive emotional life. Everything that existed during this period is permeated by this instinctive intellectual and emotional life. But since the middle of the 15th century, human beings have developed a more conscious intellectual life and a more conscious emotional life, and with this, the demand to stand on the ground of free personality. This demand of human nature to stand on the ground of free personality has only developed in history since the middle of the 15th century.
[ 32 ] Damit aber ist auch erklärlich, wie die großen Ereignisse in die Menschheitsentwicklung anders hineinfallen, je nachdem sie in der einen oder anderen Epoche auftreten. In diejenige Epoche, die der unseren vorangegangen ist, in welcher der Mensch bis in die Dreißigerjahre hinein körperlich entwicklungsfähig geblieben ist, in das erste Drittel dieser Epoche hinein fiel das größte Ereignis der Erdenentwicklung, dasjenige Ereignis, das der Erdenentwicklung eigentlich erst den richtigen Sinn gibt, das Ereignis des Mysteriums von Golgatha, die Begründung des Christentums. Im ersten Drittel des griechisch-lateinischen Zeitalters spielt sich dasjenige ab, was wie das Mittelpunktsereignis der ganzen menschheitlichen Erdenentwicklung ist. So wie es sich dazumal in die Menschheit hineingestellt hat, konnte es nur naiv von der Menschheit begriffen werden in dem Zeitalter, in dem instinktive Verstandeskräfte und instinktive Gemütskräfte da waren. Aus diesen instinktiven Kräften heraus haben sich in jenem Zeitraum die Menschen in der rechten Weise zu dem großen Ereignis stellen können, weil sie sich noch nicht bewußt, sondern naiv verhalten haben. Sie haben sich gesagt: Da geschieht nicht bloß etwas, was durch Menschen getan wird, da ist ein Übermenschliches in die irdische Entwicklung hereingebrochen. Der Christus, das übermenschliche Wesen, hat sich verbunden mit dem Leibe des Jesus von Nazareth. Was auf Golgatha geschehen ist, ist seinen physischen Tatsachen nach nur der äußere Ausdruck für etwas Übersinnliches, das sich in der Erdenentwicklung abgespielt hat.
[ 32 ] This also explains how major events in human development take on different significance depending on whether they occur in one epoch or another. In the epoch that preceded our own—during which human beings remained capable of physical development well into their thirties—the greatest event in Earth’s history occurred in the first third of that epoch: the event that actually gives Earth’s history its true meaning—the Mystery of Golgotha, the foundation of Christianity. It is in the first third of the Greco-Latin era that what is the central event of the entire human development on Earth takes place. Just as it presented itself to humanity at that time, it could only be understood naively by humanity in an age when instinctive powers of the intellect and instinctive powers of the soul were present. Drawing upon these instinctive powers, people in that period were able to relate to the great event in the right way, because they behaved not consciously but naively. They said to themselves: What is happening here is not merely something done by human beings; something superhuman has burst into earthly evolution. Christ, the superhuman being, united with the body of Jesus of Nazareth. What happened on Golgotha is, in its physical reality, merely the outward expression of something supersensory that took place in the course of Earth’s evolution.
[ 33 ] In jenem Zeitalter also konnte man das instinktiv begreifen. Das ist anders geworden seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts hat sich der instinktive Verstand, die instinktive Gemütskraft verwandelt in bewußten Verstand, in bewußte Gemütskräfte. Das gab die Möglichkeit, die Naturwissenschaft bis zu der hohen Stufe, zu der sie gekommen ist, auszubilden, aber auch die äußere industrielle Entwicklung, auch den Materialismus des Zeitalters, der als eine Beigabe da sein mußte, um die freie Persönlichkeit auf die Spitze zu stellen. Aber aus diesem Materialismus muß wieder herausgekommen werden, indem in einer neuen Art, wie ich es heute geschildert habe, der Weg in die geistige Welt hinein gesucht wird. Materialistisch ist das Zeitalter geworden in der Epoche, in der sich die Bewußtseinsseele des Menschen aus der früheren instinktiven Seele entwickelt hat. Da ist zu dem äußeren Materialismus auch der Materialismus der Theologie aufgetreten. Bedenken Sie, wie in weiten Kreisen selbst die Theologie, die Religionsanschauung vom Materialismus erfaßt worden ist, wie der Mensch des Bewußtseinszeitalters unfähig wurde, in dem Ereignis von Golgatha ein Übersinnliches zu erkennen, wie er immer mehr und mehr dazu kam, es in die Sinnlichkeit herabzuziehen; wie er endlich stolz darauf wurde, wie selbst zahlreiche Theologen stolz darauf wurden, nicht mehr in dem Christus die übersinnliche Wesenheit zu sehen, die in den Leib eines Menschen auf die Erde herabgestiegen ist, sondern nur zu sehen den «schlichten Mann aus Nazareth», der zwar etwas größer ist als andere Menschen, aber doch bloß ein Mensch ist. Daß in dem Mysterium von Golgatha, in dem Tod und der Auferstehung Christi, die größte Tatsache der Welt- und Menschheitsentwicklung vor uns steht, das ging dem materialistischen Zeitalter bis jetzt nicht auf. Die Religion selber wurde vermaterialisiert. Der schlichte Bekenntnisglaube wird nicht imstande sein, diese Vermaterialisierung der Religion aufzuhalten. Aufgehalten werden kann sie nur durch die bewußte Geist-Erkenntnis, von der ich heute gesprochen habe. Sie wird sich wiederum erheben zu der Erkenntnis, daß in dem Jesus von Nazareth ein überirdisches, ein übersinnliches Wesen lebte, das sich seit jener Zeit mit der Menschheitsentwicklung vereinigt hat. Das Mysterium von Golgatha wird durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wiederum in den Gesichtskreis der menschlichen Anschauungen hineingestellt werden; jetzt aber so hineingestellt werden, daß es der Engherzigkeit der einzelnen Konfessionen enthoben wird.
[ 33 ] In that era, then, people could grasp this instinctively. Things have changed since the mid-15th century. Since the mid-15th century, instinctive understanding and instinctive emotional powers have transformed into conscious understanding and conscious emotional powers. This made it possible to develop the natural sciences to the high level they have reached, but it also led to external industrial development and the materialism of the age—which had to be present as a byproduct in order to elevate the free personality to the highest degree. But we must emerge from this materialism by seeking the path into the spiritual world in a new way, as I have described today. The age has become materialistic in the epoch in which the human consciousness-soul has developed out of the earlier instinctive soul. Alongside external materialism, the materialism of theology has also emerged. Consider how, in wide circles, even theology—the religious worldview—has been gripped by materialism; how the human being of the age of consciousness became incapable of recognizing the supernatural in the event of Golgotha; how he came more and more to reduce it to the sensual realm; how they finally took pride in this—how even numerous theologians took pride in no longer seeing in Christ the supersensible being who descended to Earth into the body of a human being, but in seeing only the “simple man from Nazareth,” who, though somewhat greater than other human beings, is nonetheless merely a human being. The fact that the Mystery of Golgotha—the death and resurrection of Christ—represents the greatest event in the development of the world and humanity has not yet dawned on the materialistic age. Religion itself has been materialized. Simple, dogmatic faith will not be able to halt this materialization of religion. It can be halted only by the conscious spiritual knowledge of which I have spoken today. This knowledge will in turn lead to the realization that in Jesus of Nazareth lived a superhuman, a supersensible being who has been united with the development of humanity ever since that time. The Mystery of Golgotha will once again be brought into the field of human perception through anthroposophically oriented Spiritual Science; but now it will be presented in such a way that it is freed from the narrow-mindedness of individual denominations.
[ 34 ] Was sich als geistige Anschauung des übersinnlichen Menschen entwickeln wird, so wie ich es heute dargestellt habe, das wird möglich machen, daß es in jedem Menschen über die ganze Erde hin ohne Rassen- und Volksunterschiede lebt. Von da aus wird aber auch der Weg zum Mysterium von Golgatha gefunden werden, und alle Menschen über die ganze Erde hin werden dieses Christus-Ereignis verstehen, begreifen lernen. Man schwärmt in unserer Zeit - man tut das so leicht — vom sogenannten Völkerbund; man schwärmt von diesem Völkerbund in der utopistischen Weise, wie er in dem so abstrakt denkenden Kopfe des Woodrow Wilson entstanden ist. In dieser Weise wird er nicht entstehen können. Er braucht Wirklichkeitsgrundlagen, und diese müssen vom Innersten der Seele des Menschen ausgehen. Das ist die Aufgabe der heutigen Zeit. Nur in dieser Fähigkeit der Seele, die auf den Weg zur Erkenntnis des übersinnlichen Menschen führt und die die Menschen der ganzen Erde eint, nur durch eine solche Erkenntnis, die das Christus-Ereignis anschauen kann als ein übersinnliches Ereignis, nur in einem solchen Impuls, der über die Völker hin wirkt, der durch die Völker über alle Grenzen hinüberwirkt, liegt die reale Kraft für einen künftigen wahren Völkerbund über die Erde hin. So muß das Christentum seine neuen Wurzeln in die menschliche Kultur einschlagen.
[ 34 ] What will develop as a spiritual perception of the supersensible human being, as I have described it today, will make it possible for this perception to live within every human being across the entire earth, regardless of racial or national differences. From there, however, the path to the Mystery of Golgotha will also be found, and all people throughout the world will come to understand and grasp this Christ event. In our time, people rave—and do so all too easily—about the so-called League of Nations; they rave about this League of Nations in the utopian manner in which it arose in the abstract mind of Woodrow Wilson. It cannot come into being in this way. It needs a foundation in reality, and this must spring from the innermost depths of the human soul. That is the task of our time. Only in this capacity of the soul—which leads to the recognition of the supersensible human being and unites people throughout the world— only through such knowledge, which can perceive the Christ event as a supersensible event, only in such an impulse that works across nations, that works through the nations across all borders—in this lies the real power for a future, true League of Nations spanning the Earth. Thus must Christianity put down its new roots in human culture.
[ 35 ] Das zeigt Ihnen die andere Seite zu dem, was ich im vorigen Vortrag hier sagen durfte. Das zeigt Ihnen diejenige Seite, die dem menschlichen inneren Seelenleben entspricht, die in dem Menschen wiederum soziale Triebe entfachen wird, wenn sie ihn erfüllen wird. Zu der Entgegennahme dieser Geisteswissenschaft braucht man keinen Autoritätsglauben, wie zu der Entgegennahme des anderen Wissenschaftlichen, was herausgetragen wird, sagen wir, von der Sternwarte über Astronomie, von der Medizin über die Beschaffenheit der physischen Menschennatur. Das muß auf Autorität hin angenommen werden, wenn man nicht selber Astronom oder Physiologe und so weiter werden will. Was Ihnen aber der Geistesforscher sagt, das brauchen Sie nicht auf Autorität hin zu glauben. Sie brauchen auch nicht selbst ein Geistesforscher zu sein, wie Sie nicht Maler zu sein brauchen, um die Schönheit eines Bildes zu finden. Sie können die Geisteswissenschaft durch Ihren gesunden Menschenverstand aufnehmen, ohne selbst Geistesforscher zu sein, wenn in an nur die Vorurteile, die aus dem heutigen Materialismus heraus sich entwickelt haben, hinwegräumt. Weil alles Geisteswissenschaftliche in den Untergründen der menschlichen Seele veranlagt ist, kann man es ohne Autoritätsglauben einsehen. Und dieses Einsehen, dieses Vertrauen-Haben zu den Offenbarungen der Geisteswissenschaft, das ist etwas, was sich in die Aufgaben unseres Zeitalters hineinleben muß. Dann wird dieses Zeitalter eine Erneuerung erfahren. Dann wird diesem Zeitalter das Ferment gegeben werden zu dem, was als äußere Einrichtung eines Neuaufbaus eine entsprechende Rolle wird spielen müssen.
[ 35 ] This shows you the other side of what I was able to say here in my previous lecture. It shows you the aspect that corresponds to the inner life of the human soul—the aspect that, in turn, will kindle social impulses within a person when it fills them. To accept this Spiritual Science, one does not need to place faith in authority, as one does when accepting other scientific knowledge—such as that presented, say, by an observatory regarding astronomy, or by medicine regarding the nature of the human physical constitution. That must be accepted on authority unless one wishes to become an astronomer, physiologist, and so on oneself. But what the spiritual scientist tells you, you do not need to believe on authority. Nor do you need to be a spiritual scientist yourself, just as you do not need to be a painter to appreciate the beauty of a painting. You can take in Spiritual Science through your common sense without being a spiritual scientist yourself, if you simply set aside the prejudices that have developed out of today’s materialism. Because everything in Spiritual Science is inherent in the depths of the human soul, one can understand it without relying on authority. And this understanding, this trust in the revelations of Spiritual Science, is something that must become an integral part of the tasks of our age. Then this age will experience a renewal. Then this age will be given the impetus toward what, as the external framework of a new structure, will have to play a corresponding role.
[ 36 ] Denn was sehen wir, indem wir so recht das Wesen der gegenwärtigen Zeit zu verstehen suchen? Ich möchte sagen: Zwei Wege sehen wir, der eine links, der andere rechts. Der eine gibt uns die Möglichkeit, stehenzubleiben bei denjenigen Anschauungen, die die bloße Naturwissenschaft gebracht hat, und von dieser Anschauung, die die Naturwissenschaft gebracht hat, nun auch überzugehen zu den sozialen Anschauungen; also von dem Glauben auszugehen, man könne mit demselben Ideenvermögen, mit dem man die Natur begreift, auch das soziale Leben begreifen. Das haben Karl Marx und Friedrich Engels getan, das tun Lenin und Trotzkij. Deshalb kommen sie zu ihren Wegen. Das sehen die Menschen heute noch nicht ein, daß die Naturwissenschaft auf der einen Seite steht, und daß ihre letzten Konsequenzen in dem sozialen Chaos, im sozialen Niedergang zum Ausdruck kommen. Der furchtbare Glaube, der im Osten Europas jetzt alle wirkliche menschliche Kultur vernichten will, dieser furchtbare Glaube des Lenin und Trotzkij, er geht hervor aus dem anderen Glauben, daß man die Wege der naturwissenschaftlichen Erkenntnis auch im sozialen Leben gehen müsse. Was ist denn geschehen unter dem Einfluß dieses neueren materialistisch-naturwissenschaftlichen Glaubens? Es ist das geschehen, daß unser ganzes Geistesleben mechanisiert worden ist. Dadurch aber, daß unser Geistesleben sich nicht mehr erhebt zu Gedanken über den übersinnlichen Menschen, daß es sich mechanisiert an der äußeren mechanistischen Naturanschauung, dadurch werden zu gleicher Zeit die Seelen vegetarisiert, pflanzenähnlich, schläfrig gemacht. So sehen wir, daß wir neben dem mechanisierten Geist eine vegetarisierte Seele im modernen Kulturleben haben. Aber wenn die Seele nicht durchwärmt ist vom Geiste, wenn der Geist nicht durchleuchtet ist von dem übersinnlichen Erkennen, dann entwickeln sich im Leibe die tierischen Eigenschaften, die heute in den antisozialen Trieben leben und die im Osten von Europa zum Henker der Kultur werden wollen. Dann entwickelt sich unter dem Vorgehen, sozialisieren zu wollen, das Allerantisozialste; dann wird das leibliche Leben neben dem mechanisierten Geiste, der vegetatisierten Seele, animalisiert. Die wildesten Instinkte und Triebe treten als historische Forderungen auf. Das ist der Weg, der links geht.
[ 36 ] For what do we see when we seek to truly understand the nature of the present age? I would say: We see two paths, one to the left and the other to the right. One path offers us the possibility of remaining with the views that the natural sciences alone have provided, and from these views—which the natural sciences have provided—to move on to social views; that is, to proceed from the belief that one can understand social life with the same intellectual faculties used to understand nature. That is what Karl Marx and Friedrich Engels did; that is what Lenin and Trotsky do. That is why they arrive at their respective paths. People today still do not realize that natural science stands on one side, and that its ultimate consequences are expressed in social chaos and social decline. The terrible belief that now seeks to destroy all true human culture in Eastern Europe—this terrible belief of Lenin and Trotsky—stems from the other belief that one must follow the paths of scientific knowledge in social life as well. What, then, has happened under the influence of this newer materialistic-scientific belief? What has happened is that our entire spiritual life has become mechanized. But because our spiritual life no longer rises to thoughts about the supersensible human being—because it has become mechanized in accordance with the external, mechanistic view of nature—at the same time, souls are being turned into vegetative, plant-like, sleepy states. Thus we see that, alongside the mechanized spirit, we have a vegetated soul in modern cultural life. But if the soul is not warmed by the spirit, if the spirit is not illuminated by supersensible knowledge, then animalistic qualities develop in the body—qualities that today dwell in antisocial impulses and that, in Eastern Europe, seek to become the executioners of culture. Then, under the guise of seeking to socialize, the most antisocial forces develop; then, alongside the mechanized mind and the vegetative soul, physical life becomes animalized. The wildest instincts and drives emerge as historical demands. This is the path that veers to the left.
[ 37 ] Der andere Weg, der rechts geht, ist der, der sich in der heute mitgeteilten Weise hineinfindet in die Anschauung des übersinnlichen Menschen, der übersinnlichen Welt, der auch die Entwicklung des Menschen im übersinnlichen Lichte schaut, der hinaufdringt zum wirklich freien Geiste.
[ 37 ] The other path, which leads to the right, is the one that, in the manner described today, finds its way into the vision of the supersensible human being and the supersensible world—a vision that also views human development in the light of the supersensible and ascends to the truly free spirit.
[ 38 ] Aus den Ideen, aus denen ich die Freiheit des menschlichen Fortschritts schildern wollte in meinem Buche «Die Philosophie der Freiheit», wollte ich den Grund legen zu demjenigen, das der Mensch erleben kann als Bewußtsein seiner wirklichen inneren Freiheit durch das Ergreifen des geistigen Lebens. Nur der Geist, der den Menschen durchdringt, kann wahrhaftig frei werden. Derjenige Geist, der nur die Natur durchdringt und alles soziale Leben nach dem Muster der neueren Naturwissenschaft formen wollte, wird mechanistisch unfrei. Und die Seele, die nur von diesem Geiste durchdrungen ist, schläft wie die Pflanze. Diejenige Seele, die durchwärmt wird von dem wahren pulsierenden Wollen der Geist-Erkenntnis der übersinnlichen Menschennatur, diese Seele tritt vor den anderen Menschen im sozialen Leben hin, sie lernt im anderen Menschen den übersinnlichen Menschen schätzen. Sie lernt das Göttliche im Urbild in jedem Menschen schauen. Sie lernt soziales Fühlen jedem Menschen gegenüber. Sie lernt, wie mit Bezug auf diese innerste Seele alle Menschen hier auf der Erde gleich sind. Und in dieser vom Geiste durchwärmten Seele kann sich, auf dem anderen Wege rechts, Gleichheit entwickeln. Und werden die Leiber durchtränkt und durchgeistigt von dem übersinnlichen Bewußtsein, werden sie durchwärmt, werden sie veredelt von dem, was die Seele aufnimmt, indem sie erweckt wird durch den Geist, nicht vegetarisiert bleibt, dann werden die Leiber auch nicht animalisiert; dann werden die Leiber so, daß sie das entwickeln, was man im weitesten Umfang echte Liebe nennen kann. Dann, dann weiß der Mensch, daß er in seinen Erdenleib als übersinnliches Wesen einzieht, daß er in diesen Leib einzieht, um die Liebe in diesem Leibe zu entwickeln, um zu dem Geiste hin die Liebe zu entwickeln. Dann weiß er, daß im Erdenleibe Brüderlichkeit sein muß, sonst kann in der unbrüderlichen Menschheit der Einzelne nicht ein ganzer, ein voller Mensch sein.
[ 38 ] From the ideas with which I sought to describe the freedom of human progress in my book *The Philosophy of Freedom*, I wished to lay the foundation for that which human beings can experience as an awareness of their true inner freedom through embracing spiritual life. Only the spirit that permeates human beings can become truly free. The spirit that permeates only nature and seeks to shape all social life according to the model of modern natural science becomes mechanistically unfree. And the soul that is permeated only by this spirit sleeps like a plant. The soul that is warmed by the true, pulsating will for spiritual knowledge of the supersensible human nature—this soul steps forward among other people in social life; it learns to appreciate the supersensible human being in others. It learns to see the divine in the archetype within every human being. It learns social feeling toward every human being. It learns how, in relation to this innermost soul, all human beings here on Earth are equal. And in this soul warmed by the spirit, equality can develop along the other, right path. And when the bodies are permeated and spiritualized by the supersensible consciousness, when they are warmed, when they are ennobled by what the soul absorbs as it is awakened by the Spirit—and does not remain in a vegetative state—then the bodies, too, will not become animalized; then the bodies will become such that they develop what can be called, in the broadest sense, true love. Then, then the human being knows that he enters his earthly body as a supersensible being, that he enters this body in order to develop love within it, to develop love directed toward the Spirit. Then he knows that there must be brotherhood within the earthly body; otherwise, in a humanity devoid of brotherhood, the individual cannot be a whole, a complete human being.
[ 39 ] So führt uns die Fortsetzung des alten Weges zur Mechanisierung des Geistes, zur Vegetarisierung der Seele, zur Animalisierung des Leibes. So führt uns der Weg, der durch Geisteswissenschaft gezeigt werden soll, zu den wahren sozialen Tugenden, aber zu den sozialen Tugenden, die vom Geiste durchleuchtet, von der Seele durchwärmt sind; die von dem veredelten Menschenleibe ausgeführt werden.
[ 39 ] Thus, continuing down the old path leads us to the mechanization of the mind, the vegetation of the soul, and the animalization of the body. Thus, the path that Spiritual Science is meant to reveal leads us to true social virtues—but to social virtues that are illuminated by the spirit and warmed by the soul, and that are carried out by the ennobled human body.
[ 40 ] So führt uns die geistige Erkenntnis des übersinnlichen Menschen dazu, auf der Erde in einem schönen Neubau der Zukunft zu begründen: Freiheit im Geistesleben. Der durchgeistigte Mensch wird ein freier Mensch sein. Gleichheit im geistdurchwärmten Seelenleben: Die Seele, die den Geist in sich aufnimmt, wird die andere Seele, die ihr im sozialen Leben entgegentritt, als ihr gleich, wahrhaftig wie in einem großen Geheimnis erfassen und behandeln. Und der veredelte Leib, der durch den Geist und die Seele veredelte Leib, er wird zum Aus über wahrster, echtester Menschenliebe, der wahren Brüderlichkeit. So wird die soziale Menschenordnung in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit durch die richtige Erfassung von Leib, Seele und Geist erfolgen können.
[ 40 ] Thus, the spiritual understanding of the supersensible human being leads us to establish on Earth, in a beautiful new edifice of the future: freedom in spiritual life. The spiritualized human being will be a free human being. Equality in a soul life warmed by the spirit: The soul that takes the spirit into itself will perceive and treat the other soul it encounters in social life as its equal—truly, as if within a great mystery. And the ennobled body—the body ennobled by the spirit and the soul—will become the expression of the truest, most genuine human love: true brotherhood. Thus, the social order of humanity—based on liberty, equality, and brotherhood—will be able to come into being through the correct understanding of body, soul, and spirit.
