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Freedom of Thought and Social Forces
GA 333

15 September 1919, Berlin

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Freedom of Thought and Social Forces, tr. SOL
  1. Gedankenfreiheit und Soziale Kräfte

3. Die Verwirklichung der ideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit durch soziale Dreigliederung

3. The Realization of the Ideals of Liberty, Equality, and Fraternity Through Social Threefolding

[ 1 ] Das ist ja zweifellos, daß durch die Weltkriegskatastrophe und alles, was mit derselben in schreckvoller Weise zusammenhängt, die soziale Frage für die Menschheit der Gegenwart ein neues Gesicht angenommen hat. Freilich sehen noch keineswegs Kreise, die weit genug sind, in wünschenswerter Art diese Veränderung des Antlitzes der sozialen Frage. Aber sie ist da, und sie wird sich immer mehr und mehr geltend machen.

[ 1 ] There is no doubt that, as a result of the catastrophe of the World War and all that is horrifically connected with it, the social question has taken on a new character for humanity today. Admittedly, there are still not enough circles that view this change in the nature of the social question in a desirable light. But it is here, and it will make itself felt more and more.

[ 2 ] Diejenigen Menschen, welche den herrschenden, den führenden Kreisen bis in unsere Gegenwart herein angehörten, werden durch die Macht der Tatsachen sich gezwungen sehen, nicht mehr gegenüber der sozialen Frage stehenzubleiben bei der Ausgestaltung einzelner Gedanken und Maßnahmen, die durch dasjenige herausgefordert sind, was gerade auf dem einen oder anderen Betriebsgebiete, innerhalb des einen oder anderen Kreises des Proletariats sich abspielt. Diese Kreise werden gezwungen werden, in umfassender Art ihre Gedanken und die Richtungen ihres Wollens auf die soziale, als die bedeutungsvollste Frage im Leben der gegenwärtigen Menschen und im Leben der nächsten Zukunft zu wenden. Wird so der Mensch der bisher führenden Klassen nur dann seine Zeit verstehen, wenn er in dem eben angedeuteten Sinne in sein ganzes Denken, Fühlen und Wollen eine neue Gestalt der sozialen Frage aufzunehmen in der Lage sein wird, so wird es auf der anderen Seite aber auch für die breiten Massen des Proletariats notwendig sein, eine wesentliche Änderung ihrer Einstellung zur sozialen Frage zu bewirken.

[ 2 ] Those people who, up to the present day, have belonged to the ruling and leading circles will, by the force of facts, be compelled to no longer limit their approach to the social question to the formulation of individual ideas and measures prompted by what is currently taking place in one or another sector of industry or within one or another circle of the proletariat. These circles will be compelled to turn their thoughts and the direction of their will comprehensively toward the social question as the most significant issue in the lives of people today and in the near future. If, then, people from the previously ruling classes will only be able to understand their times when they are capable of incorporating a new conception of the social question into their entire way of thinking, feeling, and willing in the sense just indicated, it will also be necessary, on the other hand, for the broad masses of the proletariat to bring about a fundamental change in their attitude toward the social question.

[ 3 ] Durch mehr als ein halbes Jahrhundert haben die breitesten Massen des Proletariats soziale und sozialistische Ideen ergriffen. Wir haben gesehen — wenigstens diejenigen Menschen, die nicht schlafend die letzten Jahrzehnte miterlebt haben -, welche Wandlungen die soziale Frage innerhalb der Reihen des Proletariats durchgemacht hat. Man hat sehen können, welche Gestalt sie indem Augenblick angenommen hatte, als die Schreckenskatastrophe, die man einen «Weltkrieg» nennt, ausgebrochen ist. Dann kam das vorläufige Ende dieser furchtbaren Katastrophe. Das Proletariat sah sich in einer neuen Lage. Es sah sich jetzt nicht mehr wie früher bloß in eine gesellschaftliche Ordnung eingespannt, welche, wenigstens für Mittel- und Osteuropa, von den alten regierenden Mächten beherrscht wurde. Dieses Proletariat selber war in einem weitgehenden Maße aufgerufen, nunmehr an der Neugestaltung der sozialen Einrichtung der Menschheit zu arbeiten. Und gerade dieser Tatsache, dieser völlig neuen geschichtlichen Tatsache gegenüber erlebten wir etwas ungemein Tragisches.

[ 3 ] For more than half a century, the broadest masses of the proletariat have embraced social and socialist ideas. We have seen—at least those of us who have not spent the last few decades asleep—what changes the social question has undergone within the ranks of the proletariat. One could see the form it had taken at the very moment when the horrific catastrophe known as a “world war” broke out. Then came the provisional end of this terrible catastrophe. The proletariat found itself in a new situation. It no longer found itself, as before, merely bound into a social order that—at least in Central and Eastern Europe—was dominated by the old ruling powers. The proletariat itself was now, to a large extent, called upon to work toward the reshaping of humanity’s social structure. And it was precisely in the face of this fact—this entirely new historical fact—that we experienced something immensely tragic.

[ 4 ] Die Ideen, denen sich das Proletariat durch Jahrzehnte, man darf sagen, mit seinem Herzblut hingegeben hatte, erwiesen sich als nicht tragfähig jetzt, da sie in ihre Verwirklichung eintreten sollten! Und jetzt erlebten wir einen großen geschichtlichen Widerspruch, eigentlich Widerstreit. Wir erlebten, wie die Tatsachen selber, die weltgeschichtlichen Tatsachen, die sich um uns herum abspielten, zum großen Lehrmeister der Menschheit werden konnten. Wir erlebten, wie diese Tatsachen auf der einen Seite zeigten, daß die bisher führenden leitenden Kreise im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte keine Ideen entwickelt hatten, welche richtunggebend sein können und konnten für das, was sich namentlich in wirtschaftlichen, aber auch in anderen sozialen Tatsachen des menschlichen Erlebens abspielte. Das Merkwürdige erlebte man, daß diejenigen, welche innerhalb der Tatsachenwelt die Macht hatten zu handeln, zu wirken, sich dazu gebracht hatten, die Tatsachen wie von selbst sich ablaufen zu lassen. Die Gedanken, die Ideen waren zu kurzmaschig geworden, um noch die Tatsachen in sich einbeziehen zu können. Die Tatsachen des Lebens waren den Menschen über den Kopf gewachsen. Dies zeigte sich ganz besonders schon durch lange Zeiten hindurch im Wirtschaftsleben, wo der Wettstreit auf dem sogenannten «freien Wirtschaftsmarkt» als einzigen Antrieb in der Regelung der Wirtschaft «Profit» und ähnliches zurückgelassen hatte, wo nicht die Ideen wirkten, die das Wirtschaftsleben einzig und allein nach den Fragen der Gütererzeugung, des Güterumlaufs und des Güterverbrauchs gestalteten, sondern dasjenige, was aus dem Zufall des freien Marktes fortwährend in Krisen hineinführen konnte. Und sehen kann, wer nur sehen will, wie zuletzt dadurch, daß der soziale Betrieb dieser gedankenlos abrollenden Tatsachen sich über die großen Staatsimperien ausgedehnt hatte, auch die Angelegenheiten dieser großen Staatsimperien ins Rollen kamen, ohne daß die Menschen durch ihre Gedanken imstande waren, die rollenden Tatsachen irgendwie zu meistern oder zu ihrer Orientierung irgend etwas zu tun.

[ 4 ] The ideas to which the proletariat had devoted itself—one might say, with all its heart and soul—for decades proved to be unsustainable now that they were to be put into practice! And now we were witnessing a great historical contradiction—in fact, a conflict. We witnessed how the facts themselves—the facts of world history unfolding around us—could become humanity’s greatest teacher. We witnessed how these facts showed, on the one hand, that the circles that had been in charge over the past three to four centuries had not developed any ideas capable of providing direction for what was unfolding—particularly in economic matters, but also in other social aspects of human experience. What was remarkable was that those who, within the realm of reality, had the power to act and to influence events had allowed the facts to unfold as if of their own accord. Their thoughts and ideas had become too narrow-minded to be able to incorporate the facts into their thinking. The realities of life had become too much for people to handle. This had been particularly evident for a long time in economic life, where competition in the so-called “free market” had left behind “profit” and the like, where it was not the ideas that shaped economic life solely according to the questions of the production, circulation, and consumption of goods that were at work, but rather that which, arising from the randomness of the free market, could continually lead into crises. And anyone who is willing to see can recognize how, ultimately, because the social dynamics of these thoughtlessly unfolding events had spread across the great state empires, the affairs of these great state empires also began to spiral out of control, without people being able, through their thoughts, to master the unfolding events in any way or to do anything to find their bearings.

[ 5 ] Gerade solchen Dingen gegenüber sollte der Mensch der Gegenwart nachdenklich werden. Er sollte sich vor die geistigen Augen führen können, daß es heute in der Tat notwendig ist, tiefer in das Menschengetriebe hineinzuschauen, um so etwas wie die soziale Frage anders zu begreifen, als es gewöhnlich geschieht. Es ist ja handgreiflich, wie die Gedanken gegenüber den rollenden Tatsachen zu kurz geworden sind. Aber die Menschen wollen solche Dinge nicht sehen. Sie haben sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte angewöhnt, Geschäftsroutine, öffentliche Routine für «Lebenspraxis» zu nehmen. Sie haben sich angewöhnt, jeden, der etwas hinausschaut und aus einem Überblick über die Dinge urteilen kann, für einen Utopisten oder unpraktischen Idealisten zu halten. Ich darf, um das, was ich eben gesagt habe, nur etwas zu illustrieren, von einer scheinbar persönlichen Bemerkung ausgehen. Aber diese persönliche Bemerkung ist nicht persönlich gemeint. Denn heute, wo das Schicksal des Einzelnen so eng mit dem allgemeinen Schicksal der Menschheit verstrickt ist, können nur ehrlich gemeinte Tatsachen, die selbst beobachtet sind, hinreichend illustrativ wirken für das, was im Öffentlichen Leben die Impulse, die Antriebe sind.

[ 5 ] It is precisely such matters that should give people today pause for thought. They should be able to visualize in their minds’ eye that it is indeed necessary today to look more deeply into the workings of human society in order to understand something like the social question differently than is usually the case. It is, after all, glaringly obvious how far thoughts have fallen short of the unfolding realities. But people do not want to see such things. Over the course of the last three to four centuries, they have grown accustomed to regarding business routines and public routines as “practical life.” They have grown accustomed to regarding anyone who looks beyond the immediate and can judge matters from a broader perspective as a utopian or an impractical idealist. To illustrate what I have just said, I would like to begin with a seemingly personal remark. But this personal remark is not meant to be personal. For today, when the fate of the individual is so closely intertwined with the general fate of humanity, only honestly stated facts—those observed firsthand—can sufficiently illustrate what serves as the impulses and driving forces in public life.

[ 6 ] Im Frühfrühling des Jahres 1914 war ich in einer Vortragsserie, die ich in Wien über geisteswissenschaftliche Gegenstände gehalten habe, damals, Monate vor dem Ausbruch des sogenannten Weltkrieges, genötigt, vor einer kleinen Versammlung — hätte ich dasselbe vor einer größeren gesagt, sie hätte mich selbstverständlich ausgelacht — dasjenige zusammenzufassen, was sich mir als Ansicht über das soziale Werden der gegenwärtigen Verhältnisse bilden mußte. Ich sagte damals: Für den, der mit wachem Seelenauge überblickt, was in unserem öffentlichen Leben innerhalb der zivilisierten Welt geschieht, zeige sich dies durchsetzt wie von einer sozialen Geschwürbildung, einer schweren sozialen Krankheit, einer Art sozialer Krebsbildung. Und was so schleichende Krankheit innerhalb unseres Wirtschaftslebens, aber auch innerhalb unseres ganzen sozialen Lebens ist, das müsse in der nächsten Zeit in einer furchtbaren Katastrophe zum Ausdruck kommen.

[ 6 ] In early spring of 1914, during a series of lectures I was giving in Vienna on topics in Spiritual Science—at that time, months before the outbreak of the so-called World War—I was compelled to summarize before a small audience—had I said the same thing before a larger one, they would, of course, have laughed at me—to summarize what had taken shape in my mind as a view of the social development of the current circumstances. I said at the time: For those who observe with an alert spiritual eye what is happening in our public life within the civilized world, it appears to be permeated as if by a social ulcer, a serious social illness, a kind of social cancer. And whatever this creeping disease is within our economic life—but also within our entire social life—it must manifest itself in the near future as a terrible catastrophe.

[ 7 ] Nun, was war man im Frühfrühling 1914, wenn man von einer bevorstehenden Katastrophe sprach aus den Ereignissen heraus, die sich gewissermaßen unter der Oberfläche der Dinge abspielten? Man war ein «unpraktischer Idealist » — wenn einem die Leute nicht sagen wollten, daß man ein Narr ist. Was ich damals sagen mußte, kontrastiert allerdings mit dem, was in jener Zeit und sogar noch etwas später die sogenannten «Praktiker » sagten, jene verantwortlichen Praktiker, die Routiniers waren, statt Praktiker zu sein, die aber hochmütig auf jeden herunterschauten, der aus irgendeiner Ideenerkenntnis die Zeitgeschichte zu erfassen versuchte. Was sagten jene Praktiker über die damalige Zeit? Einer jener Praktiker, der sogar Außenminister eines mitteleuropäischen Staates war, verkündete den erleuchteten Vertretern seines Volkes kurz darauf, die allgemeine Entspannung der politischen Lage mache erfreuliche Fortschritte, so daß man sich in der nächsten Zeit auf einen friedlichen Zustand innerhalb der europäischen Völker gefaßt machen dürfe. Er fügte hinzu: Unsere freundnachbarlichen Verhältnisse zu Petersburg stehen aufs allerbeste, denn dank der Bemühungen der Regierungen kümmert sich das Petersburger Kabinett nicht um die Auslassungen der Pressemeute, und unsere freundschaftlichen Beziehungen zu Petersburg werden sich auch für die Zukunft so gestalten, wie sie bisher waren. Und unsere Unterhandlungen mit England hoffen wir zu einem solchen Abschluß zu bringen, daß auch zu England in der nächsten Zeit schon die aller besten Beziehungen vorhanden sein werden. - Der das sagte, war ein «Praktiker». Was der andere sagte, war «graue 'Theorie »!

[ 7 ] Well, what were you considered to be in early spring 1914 if you spoke of an impending catastrophe based on events that were, so to speak, unfolding beneath the surface? You were an “impractical idealist”—if people didn’t go so far as to call you a fool. What I had to say back then, however, contrasts with what the so-called “practical people” said at that time and even somewhat later—those responsible “practical people” who were mere routine-followers rather than true practitioners, yet who haughtily looked down on anyone who tried to grasp contemporary history through some insight into ideas. What did those “practical people” say about that period? One of those “practitioners,” who was even the foreign minister of a Central European state, announced to the enlightened representatives of his people shortly thereafter that the general easing of the political situation was making encouraging progress, so that one could expect a peaceful state of affairs among the European nations in the near future. He added: “Our friendly relations with St. Petersburg are in the very best of shape, for thanks to the efforts of the governments, the St. Petersburg cabinet pays no heed to the outbursts of the press pack, and our friendly relations with St. Petersburg will continue in the future just as they have been until now.” And we hope to bring our negotiations with England to such a conclusion that the very best relations with England, too, will be in place in the near future.”—The one who said this was a “practical man.” What the other said was “dull ‘theory’”!

[ 8 ] An unzähligen Beispielen könnte man die Anschauungen, besser gesagt, die Einsichten in die Tatsachen von seiten der Praktiker im Beginne jener Zeit, die so schreckensvoll für die Menschheit geworden ist, charakterisieren. Es ist ja in der Tat sehr lehrreich, die Tatsachen sprechen deutlich, wenn man sieht, daß solche Praktiker von dem Frieden redeten - und die nächsten Monate diesen Frieden so brachten, daß durch einige Jahre hindurch die zivilisierten Völker sich damit beschäftigten, zehn bis zwölf Millionen Menschen, gering gerechnet, totzuschlagen und dreimal soviel zu Krüppeln zu machen. Ich will diese Dinge nicht der Aufwärmung von Sensationen willen erwähnen. Ich muß sie erwähnen, weil sich daran zeigt, wiedieGedanken der Menschen kurzmaschig geworden sind und nicht mehr ausreichen, um die Tatsachen zu meistern. Man wird diese Vorgänge erst dann im richtigen Lichte sehen, wenn man in den Tatsachen den großen Lehrmeister dafür anerkennen wird, daß wir nötig haben, um zur Wiedergesundung unserer sozialen Verhältnisse zu kommen, nicht an kleine Umwandlungen von diesen oder jenen Einrichtungen zu denken, sondern an ein großes Umlernen und Umdenken, nicht an eine kleine Abrechnung, sondern an eine große Abrechnung mit dem Alten, das morsch und faul ist und nicht mehr hineinmünden darf in das, was für die Zukunft geschehen soll.

[ 8 ] Countless examples could be cited to characterize the views—or rather, the insights into the facts—held by those in the field at the beginning of that era, which turned out to be so horrific for humanity. It is, in fact, very instructive; the facts speak for themselves when one sees that such practitioners spoke of peace—and in the months that followed, they brought about this peace in such a way that, for several years, civilized nations were occupied with killing ten to twelve million people—a conservative estimate—and maiming three times as many. I do not wish to mention these things merely to stir up sensationalism. I must mention them because they demonstrate how narrow-minded people’s thinking has become and how it is no longer sufficient to come to terms with the facts. These events will only be seen in their proper light when we recognize in the facts the great teacher showing us that, in order to restore the health of our social conditions, not to think of minor changes to this or that institution, but of a major re-education and rethinking; not of a minor reckoning, but of a major reckoning with the old, which is rotten and decayed and must no longer be allowed to influence what is to happen in the future.

[ 9 ] Was man so für die großen Angelegenheiten der Menschheit sagen kann, könnte man auch für das Rechts- oder Wirtschaftsleben im einzelnen sagen. Überall wird so geredet, daß die Gedanken nicht ausreichen, um die Tatsachen zu meistern. Daher kann man sagen, die bisher leitenden führenden Kreise haben die Praxis, ihnen fehlen aber für diese Praxis die nötigen wirksamen lebenspraktischen Ideen und Gedanken. Und diesen führenden Kreisen steht gegenüber die große Masse des Proletariats. Dieses Proletariat hat sich in einer, man darf sagen, strammen Schulung der marxistischen Gedanken herangebildet durch mehr als ein halbes Jahrhundert. Aber heute ist es nicht etwa richtig, herumzuschauen bei den proletarischen Massen, um sich zu informieren, wie sie denken. Es ist verhältnismäßig leicht, sogar manchmal recht, recht leicht, sachgemäß dasjenige zu widerlegen, was die proletarischen Massen und ihre Führer über wirtschaftliche Angelegenheiten denken. Aber darauf kommt es nicht an. Sondern darauf kommt es an, daß es eine geschichtliche Tatsache ist, daß durch die Seelen, durch die Herzen der proletarischen Massen die Niederschläge von dem gegangen sind, was aus intensiv wirkenden Gedanken sich herausgebildet hat, man möchte schon sagen, als eine proletarische Theorie. Aber diese Theorie, die jetzt, nachdem das Alte zusammengebrochen wat, sich wahrhaftig schon mehr hätte bewähren können, als sie sich gegenüber der Lebenspraxis bewährt hat, diese Theorie zeigt eine ganz besondere Eigentümlichkeit, die begreiflich ist. Denn so wie die Dinge in der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit durch den Einfluß der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und der neueren Technik im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte, insbesondere aber des neunzehnten, sich herausgebildet haben, wurde das Proletariat immer mehr und mehr eingespannt bloß in das wirtschaftliche Leben; aber so eingespannt, daß jeder einzelne Angehörige dieses Proletariats eine sehr eng umgrenzte Arbeit zu leisten hatte. Diese eng umgrenzte Arbeit war im Grunde genommen alles, was er von dem immer umfassender werdenden Wirtschaftsleben real sah. Was Wunder, daß der Proletarier erlebte - erlebte an dem Schicksal seines Leibes und seiner Seele —, wie sich das neuere Wirtschaftsleben unter dem Einfluß von Technik und Privatkapital entwickelte, daß er aber die Triebräder und Triebfedern, die in diesem Wirtschaftsleben wirkten, nicht überschauen konnte! Er war sozusagen der Arbeitende an diesem Wirtschaftsleben, aber er war durch seine soziale Position verhindert, sachgemäß hineinzuschauen in die Ordnung dieses Wirtschaftslebens, in die Art, wie dieses Wirtschaftsleben verwaltet wird. Und nur allzu begreiflich ist es, daß sich durch solche Tatsachen etwas herausbildete, dessen Früchte nun eben da sind. Es bildete sich wie aus unterbewußten, instinktiven Trieben und Forderungen des Proletariats eine weitgehende proletarische sozialistische Theorie heraus, die aber im Grunde genommen sowohl von den wirtschaftlichen wie von den anderen sozialen Tatsachen sehr, sehr weit entfernt ist, weil ja der Proletarier keinen Einblick in die eigentlichen Triebräder und Triebfedern der wirtschaftlichen und anderen sozialen Tatsachen gewinnen konnte und daher hinnehmen mußte, was ihm auch in einseitiger Weise durch den Marxismus gebracht wurde. Und so finden wir, daß im Laufe von Jahrzehnten Dinge sich tief einfraßen in das Gemüt der proletarischen Menschen, Dinge, die im Grunde genommen, im wesentlichen, so tief wie nur möglich berechtigt sind, die aber an den Tatsachen völlig vorbeigehen.

[ 9 ] What can be said about the great issues facing humanity can also be said about legal and economic life in particular. Everywhere, people talk in such a way that their ideas are insufficient to grapple with the facts. Therefore, one can say that the circles that have been in charge up to now have the practical experience, but they lack the necessary, effective, and practical ideas and thoughts for that experience. And standing opposite these leading circles is the vast mass of the proletariat. This proletariat has been shaped over more than half a century through what one might call rigorous training in Marxist thought. But today it is not at all correct to look around among the proletarian masses to find out how they think. It is relatively easy—sometimes even quite, quite easy—to properly refute what the proletarian masses and their leaders think about economic matters. But that is not the point. The point is that it is a historical fact that the souls and hearts of the proletarian masses have been shaped by the repercussions of what has emerged from intensely influential ideas—one might even say, as a proletarian theory. But this theory—which now, after the old order has collapsed, could truly have proven itself more than it has in the face of practical reality—exhibits a very particular characteristic that is understandable. For just as things have developed in the social evolution of humanity under the influence of the capitalist economic order and modern technology over the course of the last three to four centuries—and especially during the nineteenth century—the proletariat has become increasingly confined to economic life alone; but so confined that every single member of this proletariat had to perform a very narrowly defined task. This narrowly defined work was, in essence, all that he actually saw of the ever-expanding economic life. Is it any wonder that the proletarian experienced—experienced in the fate of his body and soul—how modern economic life developed under the influence of technology and private capital, yet was unable to grasp the driving forces and mechanisms at work within this economic life! He was, so to speak, the worker in this economic life, but his social position prevented him from properly examining the structure of this economic life, the way in which it is managed. And it is only too understandable that, as a result of such circumstances, something took shape whose fruits are now evident. A far-reaching proletarian socialist theory emerged, as it were, from the subconscious, instinctive drives and demands of the proletariat; yet this theory is, in essence, very very far removed—because the proletarian could not gain insight into the actual driving forces and mechanisms behind economic and other social realities and therefore had to accept what was presented to him in a one-sided manner by Marxism. And so we find that, over the course of decades, certain ideas have become deeply ingrained in the minds of the proletariat—ideas that, in essence, are as justified as they could possibly be, but which completely miss the mark when it comes to the facts.

[ 10 ] Ich möchte ein Beispiel nennen. Wie stark hat in der Agitation, die sich über das Proletariat aus den theoretischen Anschauungen seiner Führer heraus ergossen hat, zum Beispiel das Wort gewirkt: Es darf in der Zukunft nicht mehr produziert werden, um zu produzieren. Es darf nur produziert werden, um zu konsumieren! - Gewiß, ein treffendes Wort, ein Wort, das — was nicht von vielen Schlagworten der Gegenwart gesagt werden kann — sogar «wahr» ist, aber ein Wort, das ein wesenloses Abstraktum wird und einem entschlüpft, wenn man es mit praktischem Sinn, mit wirklicher Einsicht in die Wirtschaftsverhältnisse durchdenkt. Denn der Praxis kommt es darauf an: Wie macht man die Dinge? Der Praxis gegenüber ist nichts getan, wenn man bloß die Forderung erhebt: man solle nur produzieren, um zu konsumieren. Das ist etwas, was die Vorstellung vor die Seele ruft, wie schön das Wirtschaftsleben sein könnte, wenn nicht mehr der Profit herrschte, sondern stets nur der Ausblick auf den Konsum. Aber es liegt gar nichts in diesem Satz, was irgendwie darauf hinwiese, »ze nun die Struktur des Wirtschaftslebens gestaltet werden solle, damit die Empfindung, die in diesen Worten sich ausdrückt, wirklich Platz greifen könne. Und so verhält es sich mit vielen der Worte —- wir werden noch mancherlei berühren ‚die manchmal tiefen Wahrheiten entstammen, die aber Agitation- sund Parteischlagworte des Proletariats geworden sind. Sie sind Abstraktionen geworden und nehmen sich wie utopistische Hinweisungen auf eine unbestimmte Zukunft aus. Und wer es mit dem Proletariat ganz ehrlich meint, muß sich sagen: So lebt dieses arme Proletariat, das heute seine berechtigten Forderungen erhebt, in solchen Anschauungen, von denen zu sagen ist, daß sie zwar eine Theorie sind, aber fernstehen den Tatsachen des Lebens — weil der Proletarier aus diesen Tatsachen herausgerissen und an einen abgesonderten Ort hingestellt worden ist, wo er immer nur eine ganz einzelne Ecke des Lebens übersah.

[ 10 ] I would like to give an example. How powerful was the impact, for instance, of the following statement in the agitation that swept through the proletariat, stemming from the theoretical views of its leaders: “In the future, production must no longer be carried out for the sake of production.” “Production must be carried out only for the sake of consumption!”—Certainly, a fitting phrase, one that—unlike many of today’s catchphrases—is even “true,” but a phrase that becomes a meaningless abstraction and slips away when one thinks it through with practical sense and a genuine understanding of economic conditions. For what matters in practice is this: How do you actually do things? In practical terms, nothing is accomplished by merely making the demand that one should produce only for the sake of consumption. This is something that conjures up a mental image of how beautiful economic life could be if profit no longer reigned supreme, but rather the prospect of consumption alone. But there is absolutely nothing in this statement that in any way indicates “how the structure of economic life should now be shaped so that the sentiment expressed in these words can truly take hold.” And so it is with many of these words—we will touch on many more—which sometimes stem from profound truths but have become slogans of agitation and party politics for the proletariat. They have become abstractions and come across as utopian references to an indeterminate future. And anyone who is truly sincere toward the proletariat must admit to themselves: Thus, this poor proletariat, which today raises its justified demands, lives in such views that, while they may be a theory, are far removed from the facts of life—because the proletarian has been torn from these facts and placed in a separate place, where he has always been able to see only a very small corner of life.

[ 11 ] Das ist der Widerstreit, auf den ich habe hinweisen wollen, der sich ausdrückt auf der einen Seite in der Verfassung der leitenden führenden Kreise, welche die Macht über die Tatsachen haben, aber keine Ideen, um diese Tatsachen zu beherrschen, — und auf der anderen Seite in dem Proletariat, welches Ideen bekommen hat, aber mit diesen Ideen als ganz abstrakten Ideen ferne den Tatsachen steht, fremd den Tatsachen gegenübersteht.

[ 11 ] This is the conflict I have sought to highlight, which manifests itself, on the one hand, in the mindset of the ruling circles, who have power over reality but lack the ideas to master it, — and, on the other hand, in the proletariat, which has acquired ideas but, because these ideas are entirely abstract, stands distant from reality and alien to it.

[ 12 ] Wenn man so etwas, wie ich es jetzt gesagt habe, durch einige Worte charakterisiert, weist man auf in der Geschichte wirkende Kräfte und Impulse hin, die im Grunde genommen bedeutungsvoller sind als irgend etwas, was sich bisher im geschichtlichen Ablauf der Menschheit vollzogen hat. Worte wie die von der «ideenlosen Praxis der führenden Kreise» und der «unpraktischen Theorie des Proletariats » wägt man nur richtig, wenn man ein Gefühl hat für das, was so furchtbar lebendig, so einander zerstörend durch die gegenwärtigen Entwicklungsströmungen der Menschheit flutet. Die Tatsache, daß ein solcher Gegensatz zwischen der Seelenverfassung der leitenden führenden Kreise und derjenigen des Proletariats vorhanden ist, führt dazu und führte dazu, daß heute eine tiefe Kluft besteht zwischen allem, was Denken, Empfinden, Wollen und Handeln der leitenden führenden Kreise ist, und zwischen dem, was Sehnsuchten, Wünsche, Willensimpulse des Proletariats sind. Man versteht nicht einmal richtig, was eigentlich heute aus den Tiefen werden sollte, was aus dem Proletariat als die Forderung der Zeit einem entgegentönt! Wenn einem aus proletarischen Kreisen die Lehre vom Mehrwert, die eben angedeutete Lehre, man solle nur produzieren, um zu konsumieren, die Lehre von der Umwandlung des Privateigentums in Gemeineigentum entgegenklingt, so versteht man diese Dinge gewiß dem Wortlaute nach. Aber dieser Wortlaut der proletarischen Wünsche und Anschauungen — was ist er denn eigentlich? Ist er das, was den bürgerlich führenden leitenden Kreisen Veranlassung geben sollte, diese proletarischen Theorien, wenn sie ausgesprochen werden, logisch zu kritisieren? Es gibt nichts Naiveres in der Gegenwart, als wenn von proletarischer Seite her die Lehre vom Mehrwert ertönt und dann irgendein Syndikus oder Direktor einer Aktiengesellschaft das Selbstverständliche sagt, daß der Mehrwert, aus den Banknoten und so weiter zusammengerechnet, so niedrig ist, daß, wenn man ihn aufteilen wollte, für den Einzelnen nichts herauskommen würde. Es ist das Allernaivste, so sich zu verhalten zum Beispiel der Theorie des Mehrwertes gegenüber. Denn was da die Herren an «Rechnung» leisten, ist ja ganz selbstverständlich, dagegen ist durchaus nichts einzuwenden. Aber um diese Dinge handelt es sich gar nicht. Denn wenn man das, was unmittelbar in den Worten der proletarischen Theorien gesagt wird, in dieser Weise «widerlegen» will, dann ist das gerade so, als wenn man in einem Zimmer am Thermometer sieht, es zeigt so und so viele Grade, und dann, wenn einem die Anzahl der Grade nicht paßt, wenn sie zu niedrig oder zu hoch sind, etwa mit einer kleinen Flamme das Thermometer höhersteigen lassen wollte. Dadurch, daß man sich damit beschäftigt, das Thermometer zu korrigieren, beschäftigt man sich wahrhaftig nicht mit dem, was da wohl als Ursachen zugrunde liegt. Was heute proletarische Theorien sind, wörtlich zu nehmen und zu widerlegen, das ist naiv. Denn die proletarischen Theorien sind nichts weiter als - wollte ich gelehrt sprechen, so würde ich sagen - ein Exponent von etwas, das viel tiefer liegt, als dort, wo man es jetzt sucht. Ebenso wie das Thermometer die Temperatur eines Zimmers anzeigt, aber sie nicht selbst macht, so sind die proletarischen Theorien etwas, um wie an einem Instrument, an einem Zeichen zu erkennen, was in dieser Weise in der sozialen Frage in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft lebt. Und da macht man es sich in der Regel allzu bequem. Da betrachtet man diese Frage bloß als eine Wirtschaftsfrage, weil sie einem zuerst entgegengetreten ist als eine wirtschaftliche aus den Forderungen des Proletariats heraus, das eben eingeschnürt war in das Wirtschaftsleben in der Zeit des Privatkapitalismus und der Technik. Und man sah nicht, was eigentlich hinter all den Auffassungen steckt, die sich bei den proletarischen Theorien auf Kapital, auf Arbeit und auf Ware beziehen. Der Proletarier erlebt das gesamte Gebiet des menschlichen Lebens auf dem Felde des Wirtschaftlichen. Daher rückt sich ihm die soziale Frage ganz in eine wirtschaftliche Perspektive.

[ 12 ] When one characterizes something like what I have just said in a few words, one is pointing to forces and impulses at work in history that are, in essence, more significant than anything that has taken place so far in the course of human history. Phrases such as “the ideologically vacuous practice of the ruling circles” and “the impractical theory of the proletariat” can only be properly assessed if one has a sense of what is so terribly alive, so mutually destructive, as it surges through the current currents of human development. The fact that such a contrast exists between the state of mind of the ruling circles and that of the proletariat leads—and has led—to a deep chasm today between everything that constitutes the thinking, feeling, willing, and acting of the ruling circles, and the longings, desires, and impulses of the will of the proletariat. People do not even properly understand what is actually emerging today from the depths—what resounds from the proletariat as the demand of the times! When one hears from proletarian circles the doctrine of surplus value, the doctrine just alluded to—that one should produce only to consume—and the doctrine of the transformation of private property into common property, one certainly understands these things literally. But this wording of proletarian desires and views—what is it, really? Is it what should prompt the leading bourgeois circles to logically criticize these proletarian theories when they are articulated? There is nothing more naive today than when the doctrine of surplus value is put forward by the proletariat, and then some corporate counsel or director of a joint-stock company states the obvious: that surplus value, when added up from banknotes and so on, is so low that, if one were to divide it up, there would be nothing left for the individual. It is the most naive thing of all to take this attitude toward, for example, the theory of surplus value. For what these gentlemen present as a “calculation” is, of course, entirely self-evident; there is absolutely nothing to object to there. But that is not what this is about at all. For if one wants to “refute” what is directly stated in the words of proletarian theories in this way, it is just as if one were to look at a thermometer in a room—which reads so many degrees—and then, if one does not like the number of degrees, if they are too low or too high, were to try to make the thermometer rise higher with a small flame. By preoccupying oneself with correcting the thermometer, one is truly not addressing the underlying causes. It is naive to take today’s proletarian theories literally and attempt to refute them. For proletarian theories are nothing more than—if I were to speak in scholarly terms—an exponent of something that lies much deeper than where one is currently looking for it. Just as a thermometer indicates the temperature of a room but does not create it itself, so too are proletarian theories a means—like an instrument or a sign—of recognizing what is currently at work in the social question and what will be at work in the near future. And here, people generally take the easy way out. One regards this question merely as an economic one, because it first presented itself as such—an economic issue arising from the demands of the proletariat, which was, after all, constrained within economic life during the era of private capitalism and technology. And one failed to see what actually lies behind all the concepts in proletarian theories that relate to capital, labor, and commodities. The proletarian experiences the entire realm of human life through the lens of the economy. Consequently, the social question appears to him entirely from an economic perspective.

[ 13 ] Wer Gelegenheit hat, sich einen weiteren Blick anzueignen, sollte sehen, wie deutlich voneinander zu unterscheiden sind drei Lebensgebiete, auf denen sich uns drei der Kernpunkte der sozialen Frage zeigen. Wer gelernt hat, nicht nur über das Proletariat zu denken - vielleicht erst jetzt zu denken, nachdem die Revolution gekommen ist -, wer gelernt hat durch sein Lebensschicksal, nicht bloß über das Proletariat zu denken und über dasselbe zu empfinden, sondern mit demselben zu denken und zu empfinden, der kann von dem, was in den Worten liegt, die, ich möchte sagen, als Kernworte durch alle sozialistischen Theorien ziehen, auf das hinschauen, was in den Tiefen der Besten der Proletarier vorgeht. Was sind denn solche Kernworte?

[ 13 ] Anyone who has the opportunity to take a broader view should see how clearly three spheres of life can be distinguished from one another—spheres in which three of the core issues of the social question reveal themselves to us. Anyone who has learned not merely to think about the proletariat—perhaps only now, after the revolution has come—anyone who has learned, through the course of their own life, not merely to think about the proletariat and feel for it, but to think and feel with it, can discern what lies in the words that, I would say run through all socialist theories as key terms—and see what is happening in the depths of the best of the proletariat. What, then, are these key terms?

[ 14 ] Da haben wir erstens das Kernwort vom Mehrwert, auf das ich schon hingewiesen habe. Man muß nur mit vielen Proletariern als Mensch zu Mensch verkehrt haben, und man muß gesehen haben, wie in die Gemüter der Proletarier dieses Wort vom Mehrwert eingeschlagen hat. Und auf dieses Einschlagen kommt es an, nicht auf die theoretische Bewahrheitung. Wer, gleich mir, in den Jahren, in welchen sich gerade einschneidend Dinge abspielten innerhalb der sozialen Bewegung der neueren Zeit, hier in Berlin gewirkt hat an der von Wähelm Liebknecht, dem alten Liebknecht begründeten Arbeiterbildungsschule, der weiß einiges mehr über diese Frage, die eben angedeutet worden ist, mehr aus der Lebenspraxis heraus als vielleicht Gewerkschaftsführer und namentlich als - wie soll ich mich nun aussprechen, damit ich nicht verletze? Man hat mit Recht gesagt: es gab «Kriegsgewinnler» und nach dem Kriege «Revolutionsgewinnler »; mir ist es immer so vorgekommen: es gab «Kriegsschwätzer» und nach dem Kriege — «Revolutionsschwätzer»! Aber was man unter Mehrwert verstand, das war, daß man sagte: Der Proletarier arbeitet werktätig, er bringt diese oder jene Produkte hervor. Der Unternehmer dagegen bringt diese Produkte auf den Markt, und er gibt dem Arbeiter so viel als nötig ist, damit der Arbeiter sein Leben erhalten kann, denn sonst könnte er auch nicht für den Unternehmer arbeiten, — das übrige ist Mehrwert. Gewiß, mit diesem Mehrwert verhält es sich durchaus so, wie heute etwa Walther Rathenau darüber spricht — ich will gar nichts über diesen viel verleumdeten Mann sagen -, aber in bezug auf die soziale Frage befindet er sich in den größten Irrtümern. Es ist durchaus so, daß dieser Mehrwert, wenn man ihn verteilen würde, den Angehörigen der breiten proletarischen Massen keine Aufbesserung bringen würde. Aber durch Rechnungsoperationen, die etwa in der Luft herumschwirren, kommt man den Dingen auch nicht bei. Man muß vielmehr diesen Mehrwert in der richtigen Weise in bezug auf seine soziale Bedeutung abfangen. Sollte dieser Mehrwert denn wirklich so wenig vorhanden sein, wie zum Beispiel Rathenau «richtig » errechnet? Nein! Denn dann gäbe es in Berlin keine "Theater, keine Hochschulen, keine Gymnasien, alles das nicht, was man Kulturleben, was man Geistesleben der Menschheit nennt. Das alles ist ja in Wahrheit zum größten Teile von dem sogenannten Mehrwert erhalten. Darum handelt es sich aber gar nicht, wie dieser Mehrwert in der Ware und in der Geldzirkulation an die Oberfläche getrieben wird, sondern darum, daß in dem, was nur mitdemSchlagworte Mehrwertbesprochen wird, sich ausdrückt die ganze Beziehung des neuzeitlichen Geisteslebens zu der breiten Masse des nicht an diesem Geistesleben unmittelbar teilnehmen könnenden Volkes.

[ 14 ] First, there is the key concept of surplus value, which I have already mentioned. One need only have interacted with many proletarians on a human-to-human basis to have seen how deeply this concept of “surplus value” has taken root in their minds. And it is this impact that matters, not its theoretical validity. Anyone who, like me, was active here in Berlin during the years when decisive events were unfolding within the social movement of recent times, worked here in Berlin at the Workers’ Educational School founded by Wähelm Liebknecht—the elder Liebknecht—knows a great deal more about this issue that has just been touched upon, drawing more from practical experience than perhaps union leaders and, in particular, than—how should I put this so as not to offend? It has rightly been said: there were “war profiteers” and, after the war, “revolutionary profiteers”; it has always seemed to me that there were “war windbags” and, after the war, “revolutionary windbags”! But what was meant by “surplus value” was this: the proletarian works, producing this or that product. The entrepreneur, on the other hand, brings these products to market and gives the worker just enough to sustain his life, for otherwise he could not work for the entrepreneur—the rest is surplus value. Certainly, the situation with this surplus value is exactly as Walther Rathenau, for example, speaks of it today—I don’t want to say anything at all about this much-slandered man—but with regard to the social question, he is in the gravest of errors. It is certainly true that if this surplus value were distributed, it would bring no improvement to the lives of the broad proletarian masses. But one does not get to the heart of the matter through mere arithmetic exercises that float around in the air. Rather, one must grasp this surplus value in the correct way with regard to its social significance. Is this surplus value really as scarce as, for example, Rathenau “correctly” calculates? No! For then there would be no theaters in Berlin, no universities, no high schools—none of what is called cultural life, none of what is called the intellectual life of humanity. In truth, all of this is, for the most part, sustained by this so-called surplus value. However, the issue is not at all how this surplus value is brought to the surface in commodities and in the circulation of money, but rather that what is discussed solely under the buzzword “surplus value” expresses the entire relationship of modern intellectual life to the broad masses of the people who cannot directly participate in this intellectual life.

[ 15 ] Wer jahrelang unter Arbeitern gelehrt hat und sich bemüht hat, vor ihnen das zu lehren, was unmittelbar aus der allgemeinen menschlichen Empfindung herausdrängt, was gesprochen ist von Mensch zu Mensch, der weiß, was für einen Charakter eine Geistesbildung haben muß, die allgemein menschlich sein soll, und wie sich diese Geistesbildung von derjenigen unterscheidet, die sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte gerade unter dem Einfluß der privatkapitalistischen und der technischen Wirtschaftsordnung herausgebildet hat. Wenn ich wieder persönlich reden darf — das Persönliche illustriert das Allgemeine -, so darf ich vielleicht sagen: Ich wußte, wenn ich in Wochen, Stunden, vor den Proletariern sprach, da spreche ich so, daß in den Seelen verwandte Saiten erklingen; da empfangen diese Menschen ein Wissen, eine Erkenntnis, mit der sie gehen können, die sie aufnehmen können. Aber dann kamen auch diejenigen Zeiten, in denen auch der Proletarier die Mode erfüllen mußte, an der «Bildung » teilzunehmen - an derjenigen Bildung, welche in geistiger Beziehung das Ergebnis der herrschenden, führenden Kultur war. Da mußte man diese Proletarier in die Museen führen, mußte ihnen zeigen, was aus der Empfindungsweise der herrschenden, bürgerlich fühlenden Menschenklasse hervorgegangen ist. Ja, da wußte man — wenn man ehrlich war, wußte man das, wenn man nicht ehrlich war, sagte man sich allerlei Phrasen von Volksbildung und dergleichen vor -: Das alles ergibt keine Brücke zwischen der Geisteskultur und der Geistesbildung der leitenden führenden Kreise und dem, was Geistessehnsucht und Geistesbedürfnis des Proletariats ist. Denn Kunst, Wissenschaft, Religion kann man nur verstehen, wenn sie aus Menschenkreisen hervorgehen, mit denen man auf gleichem sozialen Boden steht, so daß man mit ihnen die gleichen sozialen Empfindungen und Gefühle teilen kann -, nicht wenn ein Riß geht zwischen denjenigen, welche die Bildung genießen sollen, und denjenigen, welche diese Bildung wirklich genießen können. Da empfand man eine tiefe Kulturlüge. Und heute darf wahrhaftig nicht wohlwollend Dunkel über diese Dinge verbreitet werden, sondern heute müssen sie klar gesehen werden. Da empfand man diese tiefe Kulturlüge, die darin bestand, daß man allerlei Volkshochschulen oder Bildungsschulen errichtete und den Leuten eine Bildung mitteilen wollte, die über keine Brücke zu ihnen gehen konnte. Da stand dann der Proletarier auf der einen Seite des Abgrundes, sah hinüber auf das, was an Kunst, an Sitte, Religion, Wissenschaft erzeugt wurde von den leitenden führenden Kreisen, verstand es nicht, hielt es für etwas, was nur — wie ein Luxus — diese leitenden führenden Kreise angeht. Da sah dann das Proletariat die Verwendung, die Verwirklichung des Mehrwertes, indem es das Wort vom Mehrwert aussprach. Dieses Proletariat fühlte etwas ganz anderes, als was in dieser Thermometersprache vom Mehrwert gesagt wurde. Es fühlte: Da ist ein Geistesleben, das erzeugt wird durch unsere Hervorbringungen, durch unsere Arbeit; das produzieren wir, von dem sind wir aber ausgeschlossen!

[ 15 ] Anyone who has taught among workers for years and has strived to teach them what springs directly from universal human feeling—what is spoken from person to person—knows what kind of character a spiritual education must have if it is to be universally human, and how this intellectual education differs from the one that has developed over the course of the last three to four centuries, precisely under the influence of the private-capitalist and technical economic order. If I may speak personally again—the personal illustrates the general—then perhaps I may say: I knew that when I spoke to the proletariat, week after week, hour after hour, I spoke in such a way that a chord resonated within their souls; that these people received a kind of knowledge, an insight, that they could take with them, that they could absorb. But then came those times when even the proletariat had to conform to the fashion of participating in “education”—in the kind of education that, intellectually speaking, was the product of the dominant, leading culture. Then one had to lead these proletarians into the museums, had to show them what had emerged from the sensibility of the ruling, bourgeois-minded class. Yes, people knew—if they were honest, they knew this; if they were not honest, they told themselves all sorts of platitudes about public education and the like—that none of this builds a bridge between the intellectual culture and education of the ruling, leading circles and what constitutes the intellectual longings and needs of the proletariat. For art, science, and religion can only be understood if they emerge from social circles with which one stands on equal social ground, so that one can share the same social sensibilities and feelings with them—not when there is a rift between those who are supposed to enjoy education and those who can actually enjoy it. There, one sensed a profound cultural lie. And today, these matters must certainly not be benevolently shrouded in obscurity; rather, they must be clearly seen. There, people sensed this profound cultural lie, which consisted in establishing all manner of adult education centers or educational institutions and attempting to impart to the people an education that could not reach them across any bridge. There, the proletariat stood on one side of the chasm, looking across at what was produced in the realms of art, customs, religion, and science by the ruling, leading circles; they did not understand it and regarded it as something that concerned only—like a luxury—these ruling, leading circles. Then the proletariat saw the use, the realization of surplus value, by uttering the word “surplus value.” This proletariat felt something entirely different from what was said about surplus value in this “thermometer language.” It felt: There is a spiritual life that is created through our productions, through our work; we produce it, yet we are excluded from it!

[ 16 ] So muß die Sache vom Mehrwert angesehen werden, wenn sie nicht theoretisch — wenn sie lebensvoll, wenn sie so angesehen wird, wie sie wirklich im Leben darin steht. Da sehen wir dann auch das, was die erste Kernfrage der umfassenden sozialen Frage ist: da sehen wir den geistigen Teil der sozialen Frage. Da sehen wir, wie in derselben Zeit, in welcher in den letzten drei bis vier Jahrhunderten neuere Technik, neuere Wissenschaft und zugleich privatkapitalistische Wirtschaftsform heraufkamen, auch ein Geistesleben heraufgekommen ist, das immer mehr und mehr nur dasjenige wird, was in den Seelen jener Menschen leben soll, die durch eine tiefe Kluft getrennt sind von den großen breiten Massen, für deren Bildung sie in unzulänglicher Weise sorgen, von deren Bildung sie sich abtrennen. Daher sieht man mit so blutendem Herzen darauf hin, wenn man erfährt, wie man gut meinend und gutwillig in diesen leitenden führenden Kreisen sich in gut geheizten Spiegelzimmern unterhielt über die Art, wie man brüderlich ist mit allen Menschen, über die Art, wie man alle Menschen lieben solle, wie man sich unterhielt von allen christlichen Tugenden - bei einer Ofenwärme, die erzeugt war durch diejenigen Kohlen, welche heraufbefördert wurden aus den Kohlenschächten, in die hinuntergelassen wurden neunjährige, elfjährige, dreizehnjährige Kinder, welche buchstäblich - für die Mitte des 19. Jahrhunderts war es buchstäblich so; später ist es nicht durch das Verdienst der herrschenden leitenden Kreise besser geworden, sondern durch die Forderungen des Proletariats - vor dem Aufgange der Sonne in die Schächte hinunterwandern mußten und erst nach dem Untergange der Sonne wieder heraufkommen konnten, so daß diese armen Kinder die ganze Woche hindurch das Sonnenlicht nicht sahen.

[ 16 ] This is how the issue of surplus value must be viewed—not theoretically, but in a way that is full of life, as it truly exists in real life. There we also see what is the first core question of the broader social issue: there we see the spiritual aspect of the social issue. There we see how, in the very same period—over the last three to four centuries—in which modern technology, modern science, and the private capitalist economic system have emerged, an intellectual life has also emerged that is increasingly becoming nothing more than what is meant to live in the souls of those people who are separated by a deep chasm from the vast masses—whose education they provide for in an inadequate manner, from whose education they have cut themselves off. That is why one’s heart bleeds so deeply when one learns how, with good intentions and goodwill, these leading circles conversed in well-heated mirrored rooms about the nature of brotherhood toward all people, about how one should love all people, and how they discussed all Christian virtues —in the warmth of a stove fueled by coal hauled up from the coal mines, into which nine-year-old, eleven-year-old, and thirteen-year-old children were sent down—children who literally—in the mid-19th century, this was literally the case; later, conditions did not improve thanks to the ruling elite, but rather due to the demands of the proletariat—these children had to descend into the shafts before sunrise and could not come back up until after sunset, so that these poor children did not see sunlight all week long.

[ 17 ] Man glaubt heute, diese Dinge werden gesagt, um aufzuhetzen. Nein! Sie müssen gesagt werden, um darauf hinzuweisen, wie sehr sich das, was Geistesleben der letzten drei bis vier Jahrhunderte ist, abgetrennt hat von dem wirklichen Leben der Menschen. Man hat reden können - abstrakt — von Moral, von Tugend, von Religion, ohne daß das wirkliche tätige praktische Leben irgendwie berührt wurde von diesem Gerede von Brüderlichkeit und Nächstenliebe, von Christentum und so weiter. Das ist es denn, was vor uns hinstellt als einen abgesonderten Kernpunkt der sozialen Frage die Geistesfrage. Wir blicken da auf den ganzen Umfang des Geisteslebens, insbesondere des Geisteslebens mit Bezug auf den Menschen der Gegenwart und der nächsten Zukunft, das sich abspielt auf dem Gebiete der Erziehung und des Unterrichtswesens. Es ist einmal so gekommen, daß im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte durch die Art, wie die einzelnen fürstlichen Territorien sich zu den einzelnen Wirtschafts-Nationalstaaten gestaltet haben, das Geistesleben in seinen wichtigeren öffentlicheren Teilen von der Staatsordnung aufgenommen worden ist. Und heute ist man stolz darauf, daß man von seiten der Wissenschaft, von seiten des Geisteslebens überhaupt, das Unterrichts- und Erziehungswesen — gewiß mit Recht — der mittelalterlichen Zugehörigkeit zur Religion, zur Theologie entrissen hat. Man ist recht stolz darauf und hat es immer wieder wiederholt: Im Mittelalter war es so, daß das Geistesleben, das Wissenschaftsleben der Theologie, der Kirche die Schleppe nachgetragen hat. Gewiß, diese Zeiten sollen nicht wieder zurückgewünscht werden; wir wollen nicht rückwärts, wir wollen vorwärts. Aber heute ist schon wieder eine andere Zeit. Heute darf nicht bloß in Hochmut darauf hingewiesen werden, wie im Mittelalter das Geistesleben der Kirche die Schleppe nachgetragen hat. Heute muß auf etwas anderes hingewiesen werden. Nehmen wir ein Beispiel zur Illustration, das uns hier nicht so ferne liegt.

[ 17 ] People today believe these things are said to incite unrest. No! They must be said to point out just how much the spiritual life of the last three to four centuries has become detached from people’s real lives. It has been possible to speak—in abstract terms—of morality, virtue, and religion, without this talk of brotherhood and charity, of Christianity and so on, having any impact whatsoever on real, active, practical life. This, then, is what places the question of the spirit before us as a distinct core issue of the social question. We are looking here at the entire scope of intellectual life, particularly intellectual life as it relates to people of the present and the near future, which unfolds in the realm of education and the school system. It so happened that, over the course of the last three to four centuries, as the individual princely territories developed into separate economic nation-states, the more significant and public aspects of spiritual life were incorporated into the state order. And today people take pride in the fact that, on the part of science and intellectual life in general, the systems of education and instruction have been—certainly with good reason—ripped away from their medieval ties to religion and theology. People are quite proud of this and have repeated it time and again: In the Middle Ages, intellectual life and scholarly life trailed in the wake of theology and the Church. Certainly, we should not wish for a return to those times; we do not want to go backward, we want to move forward. But today is already a different time. Today, we must not merely point out with arrogance how, in the Middle Ages, the intellectual life of the Church trailed in its wake. Today, we must point to something else. Let us take an example to illustrate this, one that is not so far removed from us here.

[ 18 ] Ein sehr bedeutender naturforschender Gelehrter, den ich sehr achte - durchaus werden diese Dinge nicht zur Verkleinerung der Menschen gesagt —, der zugleich Sekretär der Berliner Akademie der Wissenschaften war, er sprach darüber, wie diese Berliner Akademie zu dem öffentlichen Staatswesen stand. Der Herr sagte damals in einer wohlgefügten Rede: die Mitglieder dieser gelehrten Akademie rechneten es sich zu ihrer ganz besonderen Ehre, die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern zu sein. Das ist nur ein Beispiel von solchen, die man nicht hundertfältig, sondern tausend- und aber tausendfältig anführen könnte, welches die Frage auf die Lippen bringt: Was ist heute an der Stelle dessen, wo in alten Zeiten das Geistesleben der Kirche die Schleppe nachgetragen hat? Wem trägt heute das Geistesleben die Schleppe nach? Das war nicht einmal so schlimm in der jüngsten Vergangenheit, wie es werden müßte, wenn wahrhaftig staatliche Ordnungen eintreten würden, unter denen das furchtbare Unterrichtsregiment sich auftun könnte, welches im Osten Europas sich aufgetan hat, und was hinlänglich beweist, daß es den Tod aller Kultur bringen würde. Sie müssen nicht nur in die Vergangenheit, sondern vor allem in die Zukunft schauen und müssen sagen: Es ist die Zeit herangerückt, wo das Geistesleben als ein selbständiges Glied des sozialen Organismus wird auftreten müssen, wo es auf Selbstverwaltung wird gestellt werden müssen.

[ 18 ] A very distinguished natural scientist whom I hold in high regard—and these remarks are by no means intended to belittle anyone—who was also secretary of the Berlin Academy of Sciences, spoke about the Academy’s stance toward the public political system. In a well-crafted speech at the time, he said: the members of this learned academy considered it a special honor to serve as the scientific vanguard of the House of Hohenzollern. This is just one example among countless others—not hundreds, but thousands upon thousands—that brings the question to mind: What has taken the place today of what, in times past, intellectual life followed in the wake of the Church? Whose train does intellectual life trail behind today? This was not even as bad in the recent past as it would have to be if truly state-imposed orders were to take hold—under which the dreadful educational regime that has emerged in Eastern Europe could take hold, and which sufficiently proves that it would bring about the death of all culture. You must look not only to the past but, above all, to the future, and you must say: The time has come when spiritual life will have to emerge as an independent member of the social organism, when it will have to be placed on a path of self-governance.

[ 19 ] Man begegnet, indem man so etwas ausspricht, heute unzähligen Vorurteilen. Man wird geradezu als ein verrückter Mensch angesehen, wenn man heute nicht hinweisen kann auf den großen Segen, der in der Verstaatlichung des Unterrichts- und Erziehungswesens liegt. Aber das Heil, das gesucht werden muß, es wird erst gefunden werden, wenn vom Lehrer der untersten Schulstufen an bis hinauf zu dem Unterrichtenden an den Hochschulen das gesamte Unterrichts- und Erziehungswesen und das mit ihm zusammenhängende Geistesleben in Selbstverwaltung gestellt ist — nicht in die Verwaltung des Staates! Das gehört zu den großen Abrechnungen, die heute gepflogen werden müssen.

[ 19 ] By speaking out in this way, one encounters countless prejudices today. One is practically regarded as a madman if one cannot point out the great blessing that lies in the nationalization of the school and educational system. But the salvation we must seek will only be found when the entire system of teaching and education—from teachers at the lowest school levels all the way up to instructors at the universities—and the intellectual life associated with it are placed under self-administration—not under state administration! This is one of the major reckonings that must be carried out today.

[ 20 ] Der Kreis von Menschen, der mir zuerst Freundlichkeit erwiesen hat, als es sich darum handelte, den Impuls der Dreigliederung der Gegenwart einzuverleiben, dieser Kreis ist derjenige, dem jetzt auch in Stuttgart die erste wirkliche freie Einheitsschule entsptingt. An die WaldorfAstoria-Fabrik soll sich angliedern zunächst eine Muster-Einheitsschule, die gestellt sein soll auf jene Pädagogik und Didaktik, auf jene Erziehlehre, welche aus nichts anderem entspringt als aus der wirklichen und wahren Erkenntnis des werdenden Menschen. Der ist zwischen dem siebenten und fünfzehnten Lebensjahre kein anderer, welcher Klasse und welchem Stande er auch angehört. Aber ihn muß man erst kennenlernen, wenn man ihn unterrichten und erziehen will.

[ 20 ] The circle of people who first showed me kindness when it came to incorporating the impulse for the threefolding of the present—this circle is the very one from which the first truly free unified school is now emerging in Stuttgart as well. Attached to the Waldorf-Astoria “factory” will initially be a model unified school, based on that pedagogy and didactics—that theory of education—which springs from nothing other than the real and true understanding of the developing human being. Between the ages of seven and fifteen, every human being is the same, regardless of class or social status. But one must first get to know the child if one wishes to teach and educate him.

[ 21 ] Da ich derjenige war, der in Stuttgart den vorbereitenden Kursus für die an dieser Waldorf-Schule wirkende Lehrerschaft zu halten hatte, so kamen mir auch diejenigen Dinge in die Hand, die heute wie eine Selbstverständlichkeit hingenommen werden. Man ahnt gar nicht, was darin liegt, daß diese Dinge wie eine Selbstverständlichkeit hingenommen werden! Aber sie haben sich eigentlich erst in den letzten Jahrzehnten herausgebildet. Man darf bei einer solchen Gelegenheit — da die Dinge, die Gegenstand der Lebenspraxis sind, zugleich Gegenstand der Lebenserfahrung sein müssen — darauf hinweisen, daß man das, was man sagt, nicht aus dem Leichtsinn eines Jugendlebens sagt, sondern es sich erst auszusprechen getraut, wenn man, wie ich, ein sechstes Lebensjahrzehnt fast vollendet hat. Da erinnert man sich daran, wie die Lehrpläne früher noch kurz waren und wie das, was Gegenstand des Unterrichtes sein sollte, vertreten wurde durch die Vorträge, durch die Bücher und Erfahrungen derjenigen, die im lebendigen Erziehungswesen darin standen, die aus dem Geiste herausschöpften. Heute aber hat man nicht einen kurzen Lehrplan — heute hat man dicke Bücher, in denen nicht nur steht, man solle in dem einen Schuljahr dieses, in dem andern Schuljahr jenes durchnehmen, sondern in denen auch vorgeschrieben ist, wie man die Dinge behandeln soll. Was Gegenstand der freien Lehre sein sollte, das soll Gegenstand werden und ist schon Gegenstand geworden des «Verordnungsblattes». Ehe man nicht ein deutliches, hinlängliches Gefühl von dem haben wird, was an Unsozialem in diesen Dingen steckt, eher wird man nicht reif sein, mitzuarbeiten an der wirklichen Gesundung der Menschheit. In der Aufrichtung des freien, vom Staate unabhängigen Geisteslebens liegt daher der erste Kernpunkt der sozialen Frage. Da ist das erste der drei selbständigen Glieder des dreigliederigen sozialen Organismus zu errichten. Wenn man heute diese Dinge vertritt, wenn man darauf hinweist, wie es wohl sein kann, daß zukünftig niemand innerhalb des geistigen Gliedes des sozialen Organismus verwalten wird als der, welcher auch tätigen Anteil am geistigen Leben nimmt, dann wird das mit Bezug auf den Unterricht wenig verwandt sein mit dem Unterricht im heutigen Einheitsstaat. Das ganze Leben wird wie in einer Musterrepublik dastehen. Jeder wird nicht bloß nach den Forderungen einer Verordnung unterrichten, sondern aus dem Geiste schöpfen, was dem Unterricht und der Erziehung frommt. Man wird nicht bloß zu fragen haben, was die Berechtigungen des Menschen für den Sozialismus im dreizehnten oder siebzehnten Jahre sind, wohl aber: Was liegt im Wesen des Menschen selbst begründet, damit es herausgeholt werden kann aus dem werdenden Menschen, so daß er, wenn er diese Kräfte losgelöst erhalten hat aus der Tiefe seines Wesens, nicht als willensschwacher, gebrochener Mensch dasteht, wie heute so viele, sondern so dasteht, daß er seinem Schicksal gewachsen ist und auch mitarbeiten kann an dem, was seine Aufgaben im Leben sind. Das weist auf das erste Glied in der Dreigliederung des sozialen Organismus hin.

[ 21 ] Since I was the one who had to teach the preparatory course in Stuttgart for the teaching staff working at this Waldorf school, I also came to deal with those things that are taken for granted today. One has no idea what it means for these things to be taken for granted! But they have actually only emerged in the last few decades. On such an occasion—since the things that are the subject of practical life must also be the subject of life experience—one may point out that what one says is not spoken out of the recklessness of youth, but that one dares to speak it only when, like me, one has nearly completed one’s sixth decade of life. One recalls how curricula used to be brief, and how the subject matter of instruction was conveyed through lectures, books, and the experiences of those who were actively engaged in the living educational process—those who drew from the spirit itself. Today, however, there is no concise curriculum—today there are thick books that not only stipulate what should be covered in one school year and what in another, but also prescribe exactly how these subjects are to be taught. What ought to be the subject of free teaching is to become—and has already become—the subject of the “Official Gazette.” Until one has a clear and sufficient sense of what is antisocial in these matters, one will not be ready to contribute to the true healing of humanity. The establishment of a free spiritual life, independent of the state, is therefore the first key point of the social question. It is here that the first of the three independent members of the threefold social organism must be established. If one advocates these things today, if one points out how it can be that in the future no one within the spiritual component of the social organism will administer it except those who also take an active part in spiritual life, then—with regard to education—this will bear little resemblance to the education provided in today’s unitary state. Life as a whole will appear as if in a model republic. Everyone will not merely teach according to the requirements of a regulation, but will draw from the spirit what serves teaching and education. One will not merely have to ask what a person’s qualifications for socialism are at the age of thirteen or seventeen, but rather: What is rooted in the very nature of the human being, so that it can be drawn out of the developing human being, so that when he has received these powers, detached from the depths of his being, he does not stand as a weak-willed, broken human being, as so many do today, but stands in such a way that he is equal to his destiny and can also contribute to fulfilling his tasks in life. This points to the first member of the threefold social order.

[ 22 ] Man wird allerdings, wenn man diese Gedanken ausspricht, zuerst mit einer Frage, mit einem Einwand abgefunden, wie ich es in einer süddeutschen Stadt erlebte. Da antwortete mir nach einem Vortrage, in der Diskussion, ein Hochschulprofessor ungefähr in folgender Weise: Wir Deutschen werden in der Zukunft ein armes Volk sein. Der Mann dort will das Geistesleben selbständig machen. Das arme Volk wird das selbständige Geistesleben nicht bezahlen können, denn es wird kein Geld haben. Man wird also nach dem Staatssäckel greifen müssen, wird doch aus den Steuern das Unterrichtswesen bezahlen müssen, und wie soll es dann selbständig werden, wie soll es da nicht das Aufsichtsrecht des Staates über sich gestellt haben müssen, da es vom Staate erhalten werden muß ?-Ich konnte darauf nur erwidern, daß es mir sehr sonderbar vorkomme, wenn der Professor glaube, daß das, was man als Steuern aus der Staatskasse nimmt, irgendwie da herauswächst, und daß es in Zukunft nicht von dem «armen Volke» genommen wird. Aber was einem am meisten begegnet, das ist die Gedankenlosigkeit auf allen Gebieten. Dem muß entgegengestellt werden ein wirkliches, in die Tatsachen des Lebens hineinschauendes, praktisches Denken. Das wird auch praktische Lebensprogramme bringen können, die zu verwirklichen sind.

[ 22 ] However, when one voices these thoughts, one is initially met with a question or an objection, as I experienced in a city in southern Germany. After a lecture, during the discussion, a university professor replied to me roughly as follows: “We Germans will be a poor people in the future.” That man wants to make intellectual life independent. The poor people will not be able to afford an independent intellectual life, because they will have no money. So they will have to reach into the state coffers; after all, the education system will have to be paid for out of taxes, and how, then, is it to become independent? How can it avoid being subject to the state’s oversight, since it must be supported by the state?”—I could only reply that it struck me as very strange that the professor believed that what is taken from the state treasury in the form of taxes somehow grows out of it, and that in the future it will not be taken from the “poor people.” But what one encounters most of all is thoughtlessness in every area. This must be countered by genuine, practical thinking that looks deeply into the realities of life. This will also be able to produce practical life plans that can be put into practice.

[ 23 ] Und wie das Geistesleben, das Unterrichts- und Erziehungswesen verselbständigt werden muß, so auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben. Es ist sehr merkwürdig, wie in der neueren Zeit aus der Tiefe der Menschennatur heraus zwei Forderungen aufgestiegen sind: die nach Demokratie und die nach Sozialismus. Beide, Demokratie und Sozialismus, widersprechen einander. Vor der Weltkriegskatastrophe hat man diese zwei widersprechenden Impulse zusammengeschweißt und sogar eine Partei, die Sozialdemokratie, danach benannt. Hölzernes Eisen ist ungefähr dasselbe. Beide, Sozialismus und Demokratie, widersprechen sich, beide sind aber ganz aufrichtige und ehrliche Forderungen der neueren Zeit. Nun ist die Weltkriegskatastrophe an uns vorübergezogen, hat ihre Ergebnisse gebracht, und nun hören wir, wie die soziale Forderung auftritt und nichts wissen will von einem demokratischen Parlament. Wie die soziale Forderung wiederum theoretisch, ohne eine Ahnung zu haben, wie die Tatsachen eigentlich sind, mit Schlagworten ganz abstrakter Art auftritt wie «Erringung der politischen Macht», «Diktatur des Proletariats» und dergleichen, das kommt allerdings aus den Untergründen des sozialistischen Empfindens hervor, beweist aber, daß man jetzt darauf gekommen ist, daß auch das sozialistische Empfinden dem demokratischen Empfinden widerspricht. Die Zukunft, die den Wirklichkeiten des Lebens, nicht den Schlagworten Rechnung zu tragen hat, sie wird erkennen müssen, wie der sozialistisch Fühlende Recht hat, wenn er sozusagen etwas Unheimliches bei «Demokratie» empfindet, und wie anderseits der demokratisch Fühlende Recht hat, wenn er das Furchtbarste empfindet bei den Worten «Diktatur des Proletariats ».

[ 23 ] And just as intellectual life, the educational system, and child-rearing must become independent, so too must economic life. It is very remarkable how, in recent times, two demands have emerged from the depths of human nature: the demand for democracy and the demand for socialism. Both democracy and socialism contradict one another. Before the catastrophe of the World War, these two contradictory impulses were fused together, and a party—the Social Democratic Party—was even named after them. Wooden iron is roughly the same thing. Both socialism and democracy contradict each other, yet both are entirely sincere and honest demands of modern times. Now the catastrophe of the World War has passed us by, has brought its results, and now we hear how the social demand is emerging and wants nothing to do with a democratic parliament. How the social demand, in turn, appears theoretically—without having the slightest idea of what the facts actually are—with slogans of a wholly abstract nature such as “seizing political power,” “dictatorship of the proletariat,” and the like—this certainly springs from the depths of socialist sentiment, but it proves that people have now come to realize that socialist sentiment, too, contradicts democratic sentiment. The future, which must take into account the realities of life rather than slogans, will have to recognize how the socialist-minded person is right when he senses, so to speak, something eerie about “democracy,” and how, on the other hand, the democratically minded person is right when he senses the most dreadful thing in the words “dictatorship of the proletariat.”

[ 24 ] Wie liegen auf diesem Gebiete eigentlich die Tatsachen? Da brauchen wir nur das Wirtschaftsleben im Zusammenhange mit dem Staatsleben gerade so zu betrachten, wie wir eben vorher das Geistesleben im Zusammenhange mit dem Staatsleben betrachtet haben. Es war wiederum das Vorurteil der Menschen der neueren Zeit, insbesondere derjenigen, die glaubten, recht fortschrittlich zu denken, daß der Staat immer mehr und mehr zum Wirtschafter werden sollte. Post, Telegraph, Eisenbahn und so weiter wurden in Staatsverwaltung gestellt, und bald wollte man über immer weitere Wirtschaftsgebiete die Staatsverwaltung ausdehnen. Das ist eine weite und umfassende Sache, die ich jetzt mit einigen Worten berühre, und ich muß mich leider — weilich angewiesen bin, diese Dinge in einem kurzen Vortrage zu entwickeln - der Gefahr aussetzen, daß das, was in sehr sachlichen Worten dargelegt wird und mit unzähligen Beispielen aus der neueren Geschichte belegt werden könnte, als Dilettantismus hingestellt würde. Das ist es aber durchaus nicht. Aber was hier wie ein Vorurteil der Fortgeschrittensten ist, das wird sich gerade dann, wenn man den Sozialismus ernst nimmt, in seiner wahren Gestalt zeigen. Und es wird sich in seiner wahren Gestalt zeigen, wenn man ferner ernst nehmen wird ein Wort, welches aus seinen lichtesten Augenblicken heraus ‚Friedrich Engels in seiner Schrift «Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft », ausgesprochen hat. Er sagt ungefähr: Überschaut man das Staatsleben, wie es sich in die Gegenwart herein entwickelt hat, so findet man, daß es die Bewirtschaftung der Produktionszweige, die Leitung der Warenzirkulation, umfaßt. Aber indem der Staat gewirtschaftet hat, hat er zugleich über Menschen regiert. Er gab die Gesetze, nach denen sich zu verhalten haben — ob in ihren wirtschaftlichen Handlungen oder außerhalb derselben — diejenigen Menschen, die im Wirtschaftsleben drinnen stehen. Dieselbe Instanz wirtschaftete — und gab die Gesetze für das Verhalten der Menschen, die im Wirtschaftsleben drinnen stehen. Das muß in Zukunft anders werden.

[ 24 ] What are the facts in this area? We need only examine economic life in relation to political life in exactly the same way that we just examined intellectual life in relation to political life. It was, once again, the prejudice of people in modern times—especially those who believed themselves to be quite progressive in their thinking—that the state should increasingly take on the role of an economic manager. The postal service, the telegraph, the railroads, and so on were placed under state administration, and soon there were calls to extend state administration to ever broader economic sectors. This is a vast and comprehensive subject, which I will now touch upon briefly, and I must unfortunately—since I am constrained to develop these ideas in a short lecture—run the risk that what is presented in very objective terms and could be substantiated with countless examples from recent history might be dismissed as amateurish. But that is by no means the case. But what appears here as a prejudice among the most progressive will reveal itself in its true form precisely when socialism is taken seriously. And it will reveal itself in its true form when one also takes seriously a statement that Friedrich Engels made in one of his most lucid moments in his work *The Development of Socialism from Utopia to Science*. He says, roughly: If one surveys public life as it has developed into the present, one finds that it encompasses the management of the branches of production and the regulation of the circulation of commodities. But in managing the economy, the state has at the same time ruled over people. It laid down the laws by which those involved in economic life must abide—whether in their economic activities or outside of them. The same authority managed the economy—and laid down the laws governing the conduct of those involved in economic life. This must change in the future.

[ 25 ] Dies hat Engels ganz richtig erkannt. In Zukunft darf auf dem Boden, auf dem gewirtschaftet wird, nicht mehr regiert werden über Menschen, meinte Engels; sondern es darf auf diesem Boden nur verwaltet werden, was Produktion ist, und es darf auf ihm nur geleitet werden, was Warenzirkulation ist. Das war eine richtige Anschauung - aber eine halbe Wahrheit oder eigentlich nur eine Viertelswahrheit. Denn wenn das, was an Gesetzen verwirklicht ist auf diesem Wirtschaftsgebiete, das bisher mit dem Staatsleben zusammenfiel, herausgenommen wird aus der Wirtschaftsverwaltung und Wirtschaftsleitung, muß es seinen eigenen Platz erhalten - allerdings nicht einen Platz, von dem aus die Menschen zentralistisch regiert werden, sondern den Platz, wo sie sich selber demokratisch regieren.

[ 25 ] Engels recognized this quite correctly. In the future, Engels argued, the land on which economic activity takes place must no longer be used to govern people; rather, it must be used solely to manage production and to direct the circulation of commodities. That was a correct view—but a half-truth, or actually only a quarter-truth. For if the laws that have been implemented in this economic sphere—which until now has coincided with state life—are removed from economic administration and economic management, they must be given their own place—though not a place from which people are governed centrally, but the place where they govern themselves democratically.

[ 26 ] Das heißt: Die beiden Impulse, Demokratie und Sozialismus, weisen darauf hin, daß zwei voneinander getrennte Gebiete neben dem selbständigen Geistesglied des sozialen Organismus noch dastehen müssen in dem gesamten sozialen Organismus, nämlich das, was bleibt von dem ehemaligen Staate. Es ist das die Verwaltung des Wirtschaftlichen und die des öffentlichen Rechtes oder mit anderen Worten alles dessen, worüber jeder Mensch urteilsfähig ist, wenn er mündig geworden ist. Denn was liegt in der Forderung nach Demokratie? Es liegt darin, daß die neuere Menschheit geschichtlich reif werden will dafür, auf dem freien Staatsboden, auf dem freien Rechtsboden gesetzmäßig dasjenige zu verwalten, worin alle Menschen einander gleich sind, worüber also jeder mündig gewordene Mensch neben jedem anderen mündig gewordenen Menschen mittelbar oder unmittelbar — mittelbar durch Vertretung, unmittelbar durch irgendein Referendum - entscheiden kann. So müssen wir in Zukunft einen selbständigen Rechtsboden haben, der die Fortsetzung des alten Macht- und Gewaltstaates sein wird, und der erst der wahre Rechtsstaat sein wird. Niemals wird ein wahrer Rechtsstaat anders entstehen, als daß in ihm nur diejenigen Angelegenheiten durch Gesetze geregelt werden, über die jeder mündig gewordene Mensch urteilsfähig ist, und zu diesen Angelegenheiten gehört wieder etwas, worüber das Proletariat viel gesprochen hat, wo aber seine Worte wieder genommen werden müssen als das soziale Thermometer. Denn wieder hat in das Gemüt des Proletariats tief eingeschlagen ein Wort von Karl Marx: Es gibt ein menschenunwürdiges Dasein, wenn der Arbeiter auf dem Arbeitsmarkt seine Arbeitskraft wie eine Ware verkaufen muß. Denn wie man eine Ware bezahlt mit dem Warenpreis, so bezahlt man die Arbeitskraft wie gleichwertig mit der Ware durch den Lohn, durch den Preis für die Ware Arbeitskraft!

[ 26 ] This means: The two driving forces—democracy and socialism—indicate that, alongside the autonomous intellectual component of the social organism, there must still be two separate spheres within the social organism as a whole, namely what remains of the former state. This is the administration of economic affairs and that of public law—or, in other words, everything about which every person is capable of making a judgment once they have come of age. For what is the essence of the demand for democracy? It lies in the fact that modern humanity wishes to mature historically to the point where, on the free ground of the state and on the free ground of law, it can lawfully administer that in which all people are equal—that is, matters on which every person who has attained legal capacity can decide, alongside every other person who has attained legal capacity, either directly or indirectly—indirectly through representation, directly through some form of referendum. Thus, in the future, we must have an independent legal framework that will be the continuation of the old state based on power and coercion, and which will be the true constitutional state. A true state governed by the rule of law will never come into being except in a way where only those matters are regulated by law over which every person of legal age is capable of exercising judgment; and among these matters is something about which the proletariat has spoken at length, but where its words must once again be taken as the social barometer. For once again, a statement by Karl Marx has struck deep into the consciousness of the proletariat: There is an inhuman existence when the worker must sell his labor power as a commodity on the labor market. For just as one pays for a commodity with its price, so one pays for labor power—as equivalent to the commodity—through wages, through the price of the commodity known as labor power!

[ 27 ] Das war ein Wort, nicht so sehr bedeutungsvoll in der Entwicklung der neueren Menschheit durch seinen sachlichen Inhalt, als durch das blitzartige Einschlagen in das Proletariat, jenes blitzartige Einschlagen, von dem sich die führenden Kreise eigentlich keine Vorstellung machen. Und woher rührt dies Ganze? Es rührt davon her, daß in den Wirtschaftskreislauf, das heißt in die Warenerzeugung, in die Warenzirkulation und Warenkonsumation, die einzig in den Wirtschaftskreislauf hineingehören, in chaotischer, in unorganischer Weise auch hineingestellt ist die Regelung der Arbeit nach Maß, nach Zeit, nach Charakter usw. Und nicht eher wird Heil auf diesem Gebiete, bis aus dem Wirtschaftskreislauf Charakter, Maß und Zeit der menschlichen Arbeit herausgehoben ist, ob sie geistige, ob sie physische Arbeit ist. Denn die Regelung der Arbeitskraft gehört nicht in das Wirtschaftsleben hinein, wo derjenige, welcher der wirtschaftlich Mächtigere ist, eben auch die Macht hat, die Art der Arbeit dem wirtschaftlich Schwachen aufzudrängen. Die Regelung der Arbeit von Mensch zu Mensch, was ein Mensch für den anderen arbeitet, das gehört geregelt auf dem Rechtsboden, da, wo jeder mündig gewordene Mensch jedem andern mündig gewordenen Menschen als gleicher gegenübersteht. Wieviel ich für den andern zu arbeiten habe, darüber dürfen nicht wirtschaftliche Voraussetzungen entscheiden, sondern einzig und allein das, was in dem zukünftigen Staate, der der Rechtsstaat ist, gegenüber dem heutigen Machtstaat, sich entwickeln wird.

[ 27 ] That was a phrase whose significance in the development of modern humanity lay not so much in its factual content as in the lightning-like impact it had on the proletariat—an impact of which the ruling circles actually have no mental image. And where does all this stem from? It stems from the fact that the regulation of labor—according to measure, time, nature, and so on—which belongs solely within the economic cycle—that is, within the production, circulation, and consumption of commodities—has also been introduced into that cycle in a chaotic, unorganized manner. And there will be no remedy in this area until the nature, measure, and duration of human labor—whether mental or physical—are removed from the economic cycle. For the regulation of labor power does not belong in economic life, where the economically powerful also have the power to impose the nature of work on the economically weak. The regulation of work between individuals—what one person does for another—must be governed by law, where every person who has attained legal capacity stands as an equal before every other person who has attained legal capacity. Economic considerations must not determine how much I am required to work for another; rather, this must be determined solely by what will develop in the future state—which is the rule of law—as opposed to today’s power-based state.

[ 28 ] Auch da begegnet man wieder einem Bündel von Vorurteilen, indem man dergleichen ausspricht. Heute ist es billig, wenn die Leute sagen: Solange die Wirtschaftsordnung durch die Verhältnisse des freien Marktes gegeben ist, solange wird es selbstverständlich sein, daß die Arbeit von der Produktion abhängt, davon, wie die Waren bezahlt werden. Wer aber glaubt, daß es so bleiben müsse, sieht nicht ein, wie geschichtlich ganz andere Forderungen heraufziehen. In Zukunft wird man sagen müssen: Wie töricht wäre es, wenn die Menschen, die irgend einen Betriebszweig zu verwalten haben, sich zusammensetzten und die Kontobücher des Jahres 1918 nähmen und sagten: Da haben wit so und soviel erzeugt, wir müssen in diesem Jahre auch soviel erzielen. Jetzt ist es September, wir brauchen also, um das zu erreichen, noch so und so viele Tage, wo es regnet, und so und so viele, wo Sonnenschein sein muß, und so weiter. - Man kann nicht der Naturgrundlage vorschreiben, daß sie sich nach den Preisen richten soll, sondern man muß die Preise nach der Naturgrundlage einrichten. Auf der einen Seite wird das Wirtschaftsleben an die Naturgrundlage grenzen, auf der anderen Seite an den Rechtsstaat, wo auch die Arbeit geregelt werden wird. Da wird aus rein demokratischen Grundlagen heraus festzustellen sein, wie lange der Mensch zu arbeiten habe, und danach werden sich die Preise bestimmen — das heißt nach den Naturgrundlagen, so wie heute nach den Naturgrundlagen die Preise in der Landwirtschaft bestimmt werden. Es handelt sich nicht darum, daß man über die Verbesserung kleiner Einrichtungen nachdenkt; es handelt sich darum, daß man umdenken und umlernen muß. Erst wenn auf dem selbständig demokratischen Gemeinboden, wo der eine Mensch dem andern als Mündiggewordener, als Gleicher dem Gleichen gegenübersteht, über die Arbeitskraft geurteilt wird, und wenn der Mensch als freier Mensch diese Arbeit in das selbständige Wirtschaftsleben hineinträgt, wo nicht Arbeitsverträge, sondern Verträge über die Erzeugung geschlossen werden, erst dann wird aus dem Wirtschaftsleben weichen, was heute Unruhe erzeugend darin ist. Das muß durchschaut werden.

[ 28 ] Here, too, one encounters a host of prejudices when expressing such views. Today, it is commonplace for people to say: As long as the economic order is determined by free-market conditions, it will go without saying that labor depends on production—on how goods are paid for. But anyone who believes that things must remain this way fails to see how entirely different demands are emerging historically. In the future, people will have to say: How foolish it would be if those in charge of managing any branch of industry were to sit down, take out the ledgers from 1918, and say: “We produced this much back then; we must achieve the same amount this year.” It is now September, so to achieve that, we still need so many days of rain, so many days of sunshine, and so on. - One cannot dictate to the natural order that it should conform to prices; rather, prices must be adjusted to the natural order. On the one hand, economic life will be bounded by the natural order; on the other, by the rule of law, where labor will also be regulated. It will then be necessary to determine, on purely democratic grounds, how long a person must work, and prices will be set accordingly—that is, according to natural principles, just as prices in agriculture are determined today according to natural principles. It is not a matter of thinking about improving small-scale institutions; it is a matter of having to rethink and relearn. Only when labor is assessed on the independent, democratic common ground—where one person stands before another as a fully empowered individual, as an equal among equals—and when people, as free individuals, bring this labor into independent economic life, where contracts are concluded not for labor but for production—only then will the elements that currently cause unrest in economic life be eliminated. This must be understood.

[ 29 ] In der Kürze dieser Zeit kann ich diese Dinge nur andeuten. Ich würde sehr gern einen Zyklus von Vorträgen halten, aber das geht diesmal nicht. Ich muß aber noch darauf hinweisen, wie sich das dritte Glied, das Wirtschaftsleben, in dem dreigliederigen sozialen Organismus gestaltet, wie es in die Zukunft hineinragen soll.

[ 29 ] Given the limited time available, I can only touch on these matters briefly. I would very much like to give a series of lectures, but that is not possible this time. However, I must still point out how the third element—economic life—takes shape within the threefold social organism and how it is to extend into the future.

[ 30 ] In diesem Wirtschaftsleben darf nicht, wie bisher, darin sein: Kapitalverwaltung, Bodenverwaltung, Produktionsmittelverwaltung — das ist übrigens Kapitalverwaltung —, Arbeitsverwaltung, sondern lediglich darf in ihm sein Verwaltung der Warenerzeugung, des Warenumlaufs und des Warenverbrauchs. Und gleichsam die Urzelle dieses Wirtschaftslebens, das nur auf Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit gegründet sein soll, die Preisbildung, wie wird sie sich vollziehen müssen ? Nicht durch den Zufall des sogenannten freien Marktes, wie es bisher in der Volkswirtschaft und in der Weltwirtschaft der Fall war! So wird sie sich vollziehen müssen, daß auf dem Boden von Assoziationen, die sachgemäß zwischen den einzelnen Produktionszweigen und den Konsumgenossenschaften entstehen, durch Menschen, die sachkundig und fachtüchtig aus diesen Genossenschaften hervorgehen, organisch das erreicht werde, vernünftig erreicht werde, was heute krisenhaft der Zufall des Marktes hervorbringt. Es wird in der Zukunft, wenn die Feststellung von Art und Charakter der menschlichen Arbeitskraft in den Rechtsstaat fällt, ungefähr innerhalb des Wirtschaftslebens sich zutragen müssen, daß der Mensch für irgend etwas, was er arbeitend vollbringt, so vielan Austauschwerten erhält, daß er seine Bedürfnisse dadurch befriedigen kann, bis er ein gleiches Produkt wieder hervorgebracht hat.

[ 30 ] In this economic life, it must not, as has been the case up to now, consist of: capital management, land management, management of the means of production—which, incidentally, is capital management—and labor management; rather, it must consist solely of the management of commodity production, commodity circulation, and commodity consumption. And, as it were, the fundamental unit of this economic life—which is to be based solely on expertise and professional competence—is price formation; how must this take place? Not through the randomness of the so-called free market, as has been the case thus far in the national and global economies! It will have to take place in such a way that, on the basis of associations that arise appropriately between the individual branches of production and the consumer cooperatives, through people who emerge from these cooperatives as knowledgeable and skilled, what the randomness of the market currently produces in a crisis-ridden manner is achieved organically and rationally. In the future, when the determination of the nature and character of human labor falls within the purview of the constitutional state, it will have to be the case, roughly speaking, within economic life, that a person receives, in exchange for whatever he accomplishes through his labor, enough exchange value to satisfy his needs until he has produced an equivalent product again.

[ 31 ] Grob, dilettantisch, oberflächlich gesprochen, wäre das eben Gesagte durch folgendes Beispiel erläutert, aber diese Erläuterung wird heute genügen: Wenn ich ein Paar Stiefel hervorbringe, so muß ich durch den gegenseitig fixierten Wert in der Lage sein, durch die Herstellung dieses Paares Stiefel so viele Güter einzutauschen, als ich brauche, um damit meine Bedürfnisse zu befriedigen, bis ich wieder ein Paar Stiefel hervorgebracht haben werde. Und Einrichtungen müssen vorhanden sein, welche innerhalb der Gesellschaft zu regeln haben die Bedürfnisse für Witwen, Waisen, für Invalide und Kranke, für die Erziehung und dergleichen. Daß aber solche Regulierung der Preisbildung, was einzig und allein Sache einer wirtschaftlichen Sozialisierung sein wird, stattfinden kann, das wird davon abhängen, daß sich Körperschaften bilden - seien sie gewählt, seien sie designiert aus den Assoziationen der Produktionszweige in Verbindung mit den Konsumentengenossenschaften -, welche berufen sind, im lebendigen Leben die gerechten Preise zu vermitteln.

[ 31 ] To put it crudely, amateurishly, and superficially, what I just said could be illustrated by the following example, but this explanation will suffice for now: If I produce a pair of boots, the mutually established value must enable me, through the production of this pair of boots, to exchange them for as many goods as I need to satisfy my needs until I have produced another pair of boots. And there must be institutions in place within society to provide for the needs of widows, orphans, the disabled, and the sick, as well as for education and the like. However, whether such regulation of price formation—which will be the sole responsibility of economic socialization—can take place will depend on the formation of bodies—whether elected or appointed from the associations of the various branches of production in conjunction with consumer cooperatives—that are tasked with mediating fair prices in everyday life.

[ 32 ] Das kann nur dadurch geschehen, daß das ganze Wirtschaftsleben — allerdings nicht in Form einer Moellendorffischen Planwirtschaft, sondern in einer lebendigen Form — so geordnet wird, daß zum Beispiel folgendes berücksichtigt wird: Nehmen wir an, irgendein Artikel habe die Tendenz, zu teuer zu werden. Was bedeutet das? Es wird zu wenig von diesem Artikel erzeugt; es müssen nach den Produktionszweigen Arbeiter durch Verträge hingeleitet werden, welche diesen Artikel erzeugen können. Wird andererseits ein Artikel zu billig, so müssen Betriebe stillgelegt werden und die Arbeiter davon abgezogen werden und durch Regelung in andere Betriebe hineinkommen. Wenn so etwas ausgesprochen wird, dann bezeichnen das die Leute heute als schwierig. Wer das aber als schwierig ablehnt, um bei kleinen Verbesserungen der sozialen Verhältnisse stehen zu bleiben, der sollte auch wissen, daß er damit auch bei den heutigen Verhältnissen bleiben wird.

[ 32 ] This can only be achieved by organizing the entire economy—not, however, in the form of a Moellendorffian planned economy, but in a dynamic form—in such a way that, for example, the following is taken into account: Let us assume that a certain product tends to become too expensive. What does that mean? Too little of this item is being produced; workers must be redirected through contracts to the branches of production capable of producing this item. If, on the other hand, an item becomes too cheap, then businesses must be shut down, the workers withdrawn from them, and, through regulation, placed in other businesses. When something like this is proposed, people today describe it as difficult. But anyone who rejects this as “difficult” in order to remain content with minor improvements in social conditions should also realize that, by doing so, they will remain stuck in today’s conditions.

[ 33 ] Das zeigt Ihnen, wie durch Assoziationen, die rein aus den Wirtschaftskräften selbst gebildet sind, das Wirtschaftsleben auf sich selbst gestellt werden soll, wie das Wirtschaftsleben, über welches heute der Staat seine Fittiche ausgedehnt hat, in der Tat nur von den wirtschaftenden Kräften selbst verwaltet werden soll, und zwar so, daß innerhalb dieser Verwaltung des Wirtschaftslebens die Initiative des Einzelnen möglichst gewahrt werde. Das kann nicht durch eine Planwirtschaft, nicht durch Aufrichtung einer Gemeinbewirtschaftung der Produktionsmittel, sondern einzig und allein durch Assoziationen der freien Produktionszweige und durch Übereinkommen dieser Assoziationen mit den Konsumgenossenschaften geschehen.

[ 33 ] This shows you how economic life is to be made self-reliant through associations formed purely by economic forces themselves; how economic life—over which the state has today spread its wings—is in fact to be administered solely by the economic forces themselves, and in such a way that, within this administration of economic life, the initiative of the individual is preserved as much as possible. This cannot be achieved through a planned economy, nor through the establishment of collective ownership of the means of production, but solely through associations of free industries and through agreements between these associations and consumer cooperatives.

[ 34 ] Das ist der furchtbare Irrtum, daß die Verstaatlichung, die bisher von den führenden, leitenden Kreisen in die Wege geleitet worden ist, bis zum Extrem getrieben werden soll, daß über das ganze Staatsleben, den Rahmen dieses Staatslebens benutzend, Genossenschaften sich ausdehnen sollen, wodurch man allen Zusammenhang einer solchen Planwirtschaft mit den äußeren Wirtschaftskräften untergraben würde; während jene Assoziationen, die von der Dreigliederung gemeint sind, gerade darauf ausgehen, die volle freie Initiative des Wirtschaftenden festzuhalten, offenzuhalten alles, was einen geschlossenen Wirtschaftskörper mit dem äußeren Wirtschaftskörper verbindet.

[ 34 ] This is the terrible mistake: that the nationalization initiated thus far by the leading, governing circles should be taken to the extreme, that cooperatives should expand across the entire fabric of state life, using the framework of that state life, thereby undermining any connection between such a planned economy and external economic forces; whereas the associations envisaged by the threefold social order are intended precisely to preserve the full free initiative of economic actors and to keep open all connections between a closed economic entity and the external economic sphere.

[ 35 ] Allerdings wird manches auch recht sehr anders ausschauen, zum Beispiel etwas, worauf ich durch ein Gleichnis nur hindeuten kann. Es verlangt die sozialistische Theorie die Aufhebung des Privateigentums, wie man sagt - lauter Worte, unter denen sich ein sachkundiger Mensch nichts vorstellen kann - und Überführung des Privateigentums in Gemeineigentum. Aber das heißt ja gar nichts. Was etwas heißen kann, das kann ich Ihnen in folgender Weise im Bilde sagen. Heute sind die Menschen beispielsweise sehr stolz auf ihre Philosophen. Aber über eines denken die Menschen ziemlich richtig, wenigstens sobald es sich um geistige Hervorbringungen handelt; während sie es auf dem Gebiete des Materiellen nicht dazu bringen, in gleicher Weise gesund zu denken. Denn wie denkt man über das geistige Eigentum? So denkt man, daß man bei dem, was man geistig erwirbt, dabei sein muß. Man kann nicht gut sagen: Was ich als geistiges Eigentum hervorbringe, das solle dutch Gemeinwirtschaft oder dutch genossenschaftliches Bewirtschaften hervorgebracht werden. Das wird man schon dem Einzelnen überlassen müssen. Denn es wird am besten dadurch hervorgebracht, daß der Einzelne mit seinen Fähigkeiten und Talenten dabei ist, und nicht, wenn er davon getrennt wird. Aber man denkt doch sozial, indem das, was man geistig hervorbringt, dreißig Jahre nach dem Tode des Schaffenden - es könnte vielleicht die Zeit viel verkürzt werden — nicht mehr den Erben gehört, sondern demjenigen, der es wieder am besten der Allgemeinheit zugänglich machen kann. Das findet man selbstverständlich, weil die Menschen heute das, was sie als Geistiges empfinden, nicht als etwas Besonderes schätzen. Aber die Menschen machen keinen Versuch, darauf einzugehen, wenn man davon spricht, daß das physische Privateigentum in derselben Weise behandelt werden sollte, daß es nur solange im Privatbesitz sein sollte, als man mit seinen Fähigkeiten dabei sein kann, dann aber übergehen sollte - jetzt nicht an diese wesenlose Allgemeinheit, die Korruptionen und so weiter furchtbarster Art hervorbringen würde, sondern an denjenigen, der wieder seinerseits die besten Fähigkeiten hat und die Sache in den Dienst der Allgemeinheit stellen würde.

[ 35 ] However, some things will look quite different—for example, something I can only hint at through a parable. Socialist theory calls for the abolition of private property, as they say—mere words that a knowledgeable person cannot create a mental image of—and the transfer of private property into common ownership. But that doesn’t really mean anything. I can illustrate what it might mean to you in the following way. Today, for example, people are very proud of their philosophers. But there is one thing people understand quite correctly—at least when it comes to intellectual creations—while in the material realm they fail to think just as soundly. For how do people think about intellectual property? People believe that one must be personally involved in what one acquires intellectually. One cannot really say: “What I produce as intellectual property should be produced through a communal economy or cooperative management.” That will have to be left to the individual. For it is best produced when the individual, with his abilities and talents, is actively involved, and not when he is separated from it. But one does think socially in that what one produces intellectually no longer belongs to the heirs thirty years after the creator’s death—though this period could perhaps be greatly shortened—but rather to whoever can best make it accessible to the general public again. This is taken for granted, of course, because people today do not value what they perceive as intellectual property as something special. But people make no attempt to engage with the idea that physical private property should be treated in the same way—that it should remain in private ownership only as long as one can contribute one’s abilities to it, but should then be transferred—not to this formless “public,” which would give rise to corruption and other terrible things, but to the person who, in turn, possesses the greatest abilities and would place the matter in the service of the public.

[ 36 ] Wo man unbefangen denkt, zeigen sich solche Dinge schon. Wir haben es unternommen, eine Hochschule für Geisteswissenschaft, das Goetheanum, in Dornach bei Basel in der Schweiz zu begründen. Wir nennen es Goetheanum seit dem Zeitpunkt, wo die Welt «verwoodrowwilsont» wird, wo es nötig wird, daß der Deutsche zeige, daß er ein Geistesleben vor den ganzen Erdkreis kühn hinstellen wird. Goetheanum im Auslande als Vertreter des deutschen Geisteslebens — anders als es der Chauvinismus macht! Aber ich will jetzt etwas anderes hervorheben. Sie wird gebaut, diese Hochschule der Geisteswissenschaft, und sie wird jetzt verwaltet von denjenigen Menschen, welche die Fähigkeiten dazu haben, diese Sache ins Leben zu rufen. Wem wird sie gehören, wenn diese jetzigen Menschen nicht mehr unter den Lebenden sind? Durch Erbschaft wird sie an niemanden übergehen, sondern sie wird an den übergehen, der sie wieder am besten im Dienste der Menschheit verwalten kann. Sie gehört eigentlich niemandem.

[ 36 ] When one thinks with an open mind, such things become apparent. We have undertaken to establish a School of Spiritual Science, the Goetheanum, in Dornach near Basel, Switzerland. We have called it the Goetheanum ever since the world became “verwoodrowwilsont,” ever since it became necessary for the German people to demonstrate that they would boldly present their spiritual life to the entire world. The Goetheanum abroad as a representative of German spiritual life—unlike what chauvinism does! But I want to emphasize something else now. This School of Spiritual Science is being built, and it is now administered by those people who have the abilities to bring this endeavor to life. To whom will it belong when these present individuals are no longer among the living? It will not pass to anyone by inheritance, but will pass to whoever can best administer it in the service of humanity. It actually belongs to no one.

[ 37 ] Denkt man wirtschaftlich sozial, so entstehen schon diejenigen Dinge, die entstehen müssen, wenn Heilsames in der Zukunft geschehen soll. Das Weitere über die Zirkulation des Privateigentums habe ich ausgeführt in der Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage», wo ich gezeigt habe, wie der soziale Organismus gegliedert werden muß in seine selbständigen und als solche zusammenwirkenden drei Glieder: in die geistige Organisation mit Selbstverwaltung aus den Untergründen eines freien Geisteslebens heraus, in die staatlich-politisch-rechtliche Organisation mit demokratischer Verwaltung, gestellt auf das Urteilen eines jeden mündig gewordenen Menschen, und in ein Wirtschaftsleben, das lediglich gestellt sein soll in das Urteil der sachkundigen und fachtüchtigen einzelnen Personen und Korporationen und ihren Assoziationen.

[ 37 ] If one thinks in economic and social terms, the very things that must come about if beneficial developments are to occur in the future will already begin to emerge. I have elaborated further on the circulation of private property in the treatise *The Key Points of the Social Question*, where I have shown how the social organism must be structured into its three independent and, as such, cooperating members: the spiritual organization, with self-governance rooted in the foundations of a free spiritual life; the state, political, and legal organization, with democratic administration based on the judgment of every person who has attained maturity; and an economic life that should be based solely on the judgment of knowledgeable and competent individuals, corporations, and their associations.

[ 38 ] Das scheint so neu zu sein, daß mir, seit ich diese Sachen in Deutschland vertrete, auch einmal von jemandem folgendes unterbreitet worden ist: Du zerteilst da den Staat, der ein Einheitliches sein muß, in drei Teile. - Ich konnte darauf nur erwidern, ob ich denn den Gaul in drei oder vier Teile zerteile, wenn ich sage: er muß auf seinen vier Beinen stehen. Oder wird jemand behaupten, daß ein Gaul nur eine Einheit ist, wenn er auf einem Bein steht? Ebenso wenig wird jemand behaupten dürfen, daß das soziale Leben, wenn es eine Einheit sein soll, zusammenfließen muß in einer abstrakten Einheit. Man wird sich in Zukunft nicht mehr hypnotisieren lassen müssen von dem abstrakten Einheitsstaat, man wird wissen müssen, daß er dreigegliedert werden muß, in drei Glieder, auf denen er stehen kann: in ein sich selbstverwaltendes freies Geistesgebiet, in eine Rechtsorganisation mit demokratischer Gesetzgebung, in eine Wirtschaftsorganisation mit rein sachkundiger und fachtüchtiger Wirtschaftsverwaltung.

[ 38 ] This seems so new that, ever since I’ve been advocating these ideas in Germany, someone once made the following point to me: “You’re dividing the state—which must be a unified whole—into three parts.” - I could only reply: Do I divide a horse into three or four parts when I say it must stand on its four legs? Or will someone claim that a horse is only a unity when it stands on one leg? Nor can anyone claim that social life, if it is to be a unity, must converge into an abstract unity. In the future, we will no longer have to allow ourselves to be hypnotized by the abstract unitary state; we will have to recognize that it must be divided into three parts—three pillars upon which it can stand: a self-governing, free realm of the mind; a legal organization with democratic legislation; and an economic organization with an administration composed solely of experts and professionals with specialized expertise.

[ 39 ] Die Hälfte von großen Wahrheiten wurde vor mehr als hundert Jahren im Westen Europas gesprochen in den Worten, die damals fielen als eine halbe Wahrheit: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, drei Ideale, die den Menschen wahrhaftig tief genug in die Herzen und Seelen geschrieben sein könnten. Aber es waren gewiß nicht dumme und törichte Menschen, die im Laufe des i9. Jahrhunderts erklärt haben, daß diese drei Ideale sich eigentlich widersprächen: daß Freiheit nicht sein kann, wo absolute Gleichheit herrscht; daß wieder Brüderlichkeit nicht sein kann, wo absolute Gleichheit sein soll. Diese Einwendungen waren richtig, aber nur deshalb, weil sie in einer Zeit aufgetreten sind, wo man hypnotisiert war von dem sogenannten Einheitsstaat. In dem Augenblick, wo man von diesem nicht mehr hypnotisiert sein wird, wo man die notwendige Dreigliederung des sozialen Organismus begreifen wird, da wird man anders sprechen.

[ 39 ] Half of the great truths were spoken more than a hundred years ago in Western Europe in words that were regarded at the time as only half-truths: liberty, equality, fraternity—three ideals that could truly be inscribed deep enough in the hearts and souls of human beings. But it was certainly not stupid or foolish people who, in the course of the 19th century, declared that these three ideals were in fact contradictory: that freedom cannot exist where absolute equality reigns; that, in turn, brotherhood cannot exist where absolute equality is to prevail. These objections were correct, but only because they arose at a time when people were hypnotized by the so-called unitary state. The moment people are no longer hypnotized by this concept, the moment they come to understand the necessary threefold structure of the social organism, they will speak differently.

[ 40 ] Gestatten Sie, daß ich am Schlusse in einen Vergleich zusammenfasse, was ich gerne noch länger ausführen würde. Ich konnte nur gleichsam Fäden zeichnen, in einer Skizze das darstellen, was ich sagen wollte; ich weiß, wie ich lediglich andeuten konnte, was nur bei ausführlicher Darstellung durchschaut und eingesehen werden kann. Aber ich möchte am Schlusse darauf hinweisen, wie der Einheitsstaat wie etwas Hypnotisierendes vor den Menschen stand und sie diesen Einheitsstaat beherrscht sein lassen wollten von den drei großen Idealen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Man wird lernen müssen, daß es anders werden muß. In der Gegenwart sind die Menschen gewohnt, wie einen Gott diesen Einheitsstaat anzuschauen. In der Beziehung ist ihr Verhalten schon so, wie das des Faust dem sechzehnjährigen Gretchen gegenüber. Da erlebt man auch Dinge, die sich ausnehmen wie die Lehren, welche der Faust dem Kinde Gretchen gibt, die angemessen sind dem sechzehnjährigen Gretchen, und die von den Philosophen gewöhnlich als etwas Hochphilosophisches angesehen werden. Da sagt der Faust: «Der Allumfasser, der Allerhalter, faßt und erhält er nicht dich, mich, sich selbst?» Fast ist es so gegenüber dem Einheitsstaate, daß die Menschen auch hypnotisiert sind von diesem Einheitsgötzenbilde und nicht einsehen können, wie dieses Einheitsgebilde dreigliedtig werden muß zum Heile der Menschen in der Zukunft. Und mancher Fabrikant wird ganz gerne mit Bezug auf den Staat zu seinen Arbeitern so reden wie Faust dem Gretchen gegenüber, indem er sagt: Der Staat, der Allerhalter, der Allumfasser, faßt und erhält er nicht sich, dich, mich selbst? - Er müßte sich dann aber rasch die Hand vor den Mund halten und das «mich selbst» nicht zu laut sagen!

[ 40 ] Allow me, in closing, to summarize in a single comparison what I would have liked to elaborate on at greater length. I could only, as it were, sketch out the main points, presenting in a rough outline what I wanted to say; I know that I could only hint at what can be fully understood and grasped only through a detailed exposition. But I would like to point out, in closing, how the unified state stood before people like something hypnotic, and how they wanted this unified state to be governed by the three great ideals of liberty, equality, and fraternity. People will have to learn that things must be different. At present, people are accustomed to viewing this unified state as if it were a god. In this regard, their behavior is already like that of Faust toward the sixteen-year-old Gretchen. There, too, one encounters things that resemble the teachings Faust imparts to the child Gretchen—teachings that are appropriate for the sixteen-year-old Gretchen and which philosophers usually regard as something highly philosophical. Faust says: “Does not the All-Encompassing One, the All-Sustaining One, encompass and sustain you, me, and Himself?” It is almost the same with the unitary state: people are also hypnotized by this idol of unity and cannot see how this unitary structure must become threefold for the salvation of humanity in the future. And many a factory owner is quite happy to speak to his workers in reference to the state just as Faust did to Gretchen, saying: “Does not the state, the Sustainer of All, the All-Encompassing One, encompass and sustain itself, you, and myself?”—But he would then have to quickly cover his mouth and not say “myself” too loudly!

[ 41 ] Die Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus muß eingesehen werden, besonders auch in den proletarischen Kreisen. Man wird sie erst einsehen, wenn man wissen wird: die Dreigliederung ist notwendig. Denn nicht geradezu darf in der Zukunft herrschen der Ruf «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» mit den Widersprüchen, die diese drei Ideale gegenseitig enthalten, sondern herrschen wird müssen in der Zukunft im selbständigen Geistesleben Freiheit des Geistes, denn da wird sie berechtigt sein; herrschen wird müssen Gleichheit gegenüber einem jeden mündig gewordenen Menschen im demokratischen Staatswesen, und herrschen wird müssen Brüderlichkeit in dem selbständig verwalteten, die Menschen nährenden und erhaltenden Wirtschaftsleben. In dem Augenblicke wo man diese drei Ideale so auf den dreigliederigen Organismus anwenden wird, werden sie einander nicht mehr widersprechen.

[ 41 ] The necessity of the threefold social order must be recognized, especially in proletarian circles. People will only come to understand this when they realize that the threefold social order is necessary. For the slogan “Liberty, Equality, Fraternity”—with the contradictions inherent in these three ideals—must not simply prevail in the future; rather, in the future, within an independent spiritual life, freedom of the spirit must prevail, for there it will be justified; equality must prevail toward every person who has come of age within the democratic state, and brotherhood must prevail in the independently administered economic life that nourishes and sustains people. The moment these three ideals are applied in this way to the threefold social order, they will no longer contradict one another.

[ 42 ] Möge die Zeit kommen, da man wird folgendermaßen charakterisieren können: Wir in Mitteleuropa blicken wahrhaftig mit Schmerzen hin auf das, was durch Versailles geschehen ist. Wir blicken darauf erst als auf einen Ausgangspunkt hin und auf viel Not und viel Elend und Schmerzen, die uns bevorstehen. Möge aber das sich erfüllen, daß man sagen kann: Äußeres können sie uns nehmen, denn Äußeres kann man den Menschen abnehmen. Sind wir aber imstande, zurückzugreifen auf die Jahre, in denen wir unsere Vergangenheit verleugnet haben, zu dem Goetheanismus jener Zeit von der Wende des i8., 19. Jahrhunderts, als die Lessing, Herder, Schiller, Goethe und so weiter für ein anderes Gebiet wirkten - sind wir imstande, zurückzugreifen in unserer Not aus unserer Innerlichkeit heraus zu den großen mitteleuropäischen Gütern, dann wird in der Not der Zeit aus diesem Mitteleuropa heraus der vor einem Jahrhundert in «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» nur halb ertönenden Wahrheit die andere Hälfte entgegentönen; vielleicht in äußerer Abhängigkeit — aber in innerer Freiheit und Unabhängigkeit könnten von Mitteleuropa dann in die Welt hinaustönen die Worte:

[ 42 ] May the time come when we can describe the situation as follows: We in Central Europe truly look back with sorrow on what happened at Versailles. We view it only as a starting point and as a prelude to the great hardship, misery, and suffering that lie ahead of us. But may it come to pass that we can say: They can take away our external possessions, for external possessions can be taken from people. But if we are able to draw upon the years in which we denied our past—upon the Goetheanism of that time at the turn of the 18th and 19th centuries, when Lessing, Herder, Schiller, Goethe, and so on were active in a different sphere—if, in our time of need, we are able to draw from within ourselves upon the great Central European treasures, then, in the midst of our present distress, the other half of the truth—which a century ago resounded only halfway in “Liberty, Equality, Fraternity”—will ring out from this Central Europe; perhaps in outward dependence—but in inner freedom and independence, the words might then resound from Central Europe out into the world:

[ 43 ] Freiheit für das Geistesleben,
Gleichheit für das demokratische Rechtsleben der Menschen,
Brüderlichkeit für das Wirtschaftsleben!

[ 43 ] Freedom for intellectual life,
Equality for the democratic legal life of the people,
Fraternity for economic life!

[ 44 ] In diese Worte kann man zusammenfassen, wie in einem Signum, was man heute sagen, empfinden und denken muß im Sinne eines umfassenden Ergreifens der sozialen Frage in ihrer Ganzheit. Mögen recht viele Menschen dies erfassen und begreifen; dann wird praktisch sein können, was heute eben eine Frage ist!

[ 44 ] These words serve as a kind of symbol, summarizing what we must say, feel, and think today in order to fully grasp the social question in its entirety. May a great many people come to understand and grasp this; then what is currently merely a question will become a practical reality!