Gedankenfreiheit und Soziale Kräfte
GA 333
15 September 1919, Berlin
3. Die Verwirklichung der ideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit durch soziale Dreigliederung
[ 1 ] Das ist ja zweifellos, daß durch die Weltkriegskatastrophe und alles, was mit derselben in schreckvoller Weise zusammenhängt, die soziale Frage für die Menschheit der Gegenwart ein neues Gesicht angenommen hat. Freilich sehen noch keineswegs Kreise, die weit genug sind, in wünschenswerter Art diese Veränderung des Antlitzes der sozialen Frage. Aber sie ist da, und sie wird sich immer mehr und mehr geltend machen.
[ 2 ] Diejenigen Menschen, welche den herrschenden, den führenden Kreisen bis in unsere Gegenwart herein angehörten, werden durch die Macht der Tatsachen sich gezwungen sehen, nicht mehr gegenüber der sozialen Frage stehenzubleiben bei der Ausgestaltung einzelner Gedanken und Maßnahmen, die durch dasjenige herausgefordert sind, was gerade auf dem einen oder anderen Betriebsgebiete, innerhalb des einen oder anderen Kreises des Proletariats sich abspielt. Diese Kreise werden gezwungen werden, in umfassender Art ihre Gedanken und die Richtungen ihres Wollens auf die soziale, als die bedeutungsvollste Frage im Leben der gegenwärtigen Menschen und im Leben der nächsten Zukunft zu wenden. Wird so der Mensch der bisher führenden Klassen nur dann seine Zeit verstehen, wenn er in dem eben angedeuteten Sinne in sein ganzes Denken, Fühlen und Wollen eine neue Gestalt der sozialen Frage aufzunehmen in der Lage sein wird, so wird es auf der anderen Seite aber auch für die breiten Massen des Proletariats notwendig sein, eine wesentliche Änderung ihrer Einstellung zur sozialen Frage zu bewirken.
[ 3 ] Durch mehr als ein halbes Jahrhundert haben die breitesten Massen des Proletariats soziale und sozialistische Ideen ergriffen. Wir haben gesehen — wenigstens diejenigen Menschen, die nicht schlafend die letzten Jahrzehnte miterlebt haben -, welche Wandlungen die soziale Frage innerhalb der Reihen des Proletariats durchgemacht hat. Man hat sehen können, welche Gestalt sie indem Augenblick angenommen hatte, als die Schreckenskatastrophe, die man einen «Weltkrieg» nennt, ausgebrochen ist. Dann kam das vorläufige Ende dieser furchtbaren Katastrophe. Das Proletariat sah sich in einer neuen Lage. Es sah sich jetzt nicht mehr wie früher bloß in eine gesellschaftliche Ordnung eingespannt, welche, wenigstens für Mittel- und Osteuropa, von den alten regierenden Mächten beherrscht wurde. Dieses Proletariat selber war in einem weitgehenden Maße aufgerufen, nunmehr an der Neugestaltung der sozialen Einrichtung der Menschheit zu arbeiten. Und gerade dieser Tatsache, dieser völlig neuen geschichtlichen Tatsache gegenüber erlebten wir etwas ungemein Tragisches.
[ 4 ] Die Ideen, denen sich das Proletariat durch Jahrzehnte, man darf sagen, mit seinem Herzblut hingegeben hatte, erwiesen sich als nicht tragfähig jetzt, da sie in ihre Verwirklichung eintreten sollten! Und jetzt erlebten wir einen großen geschichtlichen Widerspruch, eigentlich Widerstreit. Wir erlebten, wie die Tatsachen selber, die weltgeschichtlichen Tatsachen, die sich um uns herum abspielten, zum großen Lehrmeister der Menschheit werden konnten. Wir erlebten, wie diese Tatsachen auf der einen Seite zeigten, daß die bisher führenden leitenden Kreise im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte keine Ideen entwickelt hatten, welche richtunggebend sein können und konnten für das, was sich namentlich in wirtschaftlichen, aber auch in anderen sozialen Tatsachen des menschlichen Erlebens abspielte. Das Merkwürdige erlebte man, daß diejenigen, welche innerhalb der Tatsachenwelt die Macht hatten zu handeln, zu wirken, sich dazu gebracht hatten, die Tatsachen wie von selbst sich ablaufen zu lassen. Die Gedanken, die Ideen waren zu kurzmaschig geworden, um noch die Tatsachen in sich einbeziehen zu können. Die Tatsachen des Lebens waren den Menschen über den Kopf gewachsen. Dies zeigte sich ganz besonders schon durch lange Zeiten hindurch im Wirtschaftsleben, wo der Wettstreit auf dem sogenannten «freien Wirtschaftsmarkt» als einzigen Antrieb in der Regelung der Wirtschaft «Profit» und ähnliches zurückgelassen hatte, wo nicht die Ideen wirkten, die das Wirtschaftsleben einzig und allein nach den Fragen der Gütererzeugung, des Güterumlaufs und des Güterverbrauchs gestalteten, sondern dasjenige, was aus dem Zufall des freien Marktes fortwährend in Krisen hineinführen konnte. Und sehen kann, wer nur sehen will, wie zuletzt dadurch, daß der soziale Betrieb dieser gedankenlos abrollenden Tatsachen sich über die großen Staatsimperien ausgedehnt hatte, auch die Angelegenheiten dieser großen Staatsimperien ins Rollen kamen, ohne daß die Menschen durch ihre Gedanken imstande waren, die rollenden Tatsachen irgendwie zu meistern oder zu ihrer Orientierung irgend etwas zu tun.
[ 5 ] Gerade solchen Dingen gegenüber sollte der Mensch der Gegenwart nachdenklich werden. Er sollte sich vor die geistigen Augen führen können, daß es heute in der Tat notwendig ist, tiefer in das Menschengetriebe hineinzuschauen, um so etwas wie die soziale Frage anders zu begreifen, als es gewöhnlich geschieht. Es ist ja handgreiflich, wie die Gedanken gegenüber den rollenden Tatsachen zu kurz geworden sind. Aber die Menschen wollen solche Dinge nicht sehen. Sie haben sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte angewöhnt, Geschäftsroutine, öffentliche Routine für «Lebenspraxis» zu nehmen. Sie haben sich angewöhnt, jeden, der etwas hinausschaut und aus einem Überblick über die Dinge urteilen kann, für einen Utopisten oder unpraktischen Idealisten zu halten. Ich darf, um das, was ich eben gesagt habe, nur etwas zu illustrieren, von einer scheinbar persönlichen Bemerkung ausgehen. Aber diese persönliche Bemerkung ist nicht persönlich gemeint. Denn heute, wo das Schicksal des Einzelnen so eng mit dem allgemeinen Schicksal der Menschheit verstrickt ist, können nur ehrlich gemeinte Tatsachen, die selbst beobachtet sind, hinreichend illustrativ wirken für das, was im Öffentlichen Leben die Impulse, die Antriebe sind.
[ 6 ] Im Frühfrühling des Jahres 1914 war ich in einer Vortragsserie, die ich in Wien über geisteswissenschaftliche Gegenstände gehalten habe, damals, Monate vor dem Ausbruch des sogenannten Weltkrieges, genötigt, vor einer kleinen Versammlung — hätte ich dasselbe vor einer größeren gesagt, sie hätte mich selbstverständlich ausgelacht — dasjenige zusammenzufassen, was sich mir als Ansicht über das soziale Werden der gegenwärtigen Verhältnisse bilden mußte. Ich sagte damals: Für den, der mit wachem Seelenauge überblickt, was in unserem öffentlichen Leben innerhalb der zivilisierten Welt geschieht, zeige sich dies durchsetzt wie von einer sozialen Geschwürbildung, einer schweren sozialen Krankheit, einer Art sozialer Krebsbildung. Und was so schleichende Krankheit innerhalb unseres Wirtschaftslebens, aber auch innerhalb unseres ganzen sozialen Lebens ist, das müsse in der nächsten Zeit in einer furchtbaren Katastrophe zum Ausdruck kommen.
[ 7 ] Nun, was war man im Frühfrühling 1914, wenn man von einer bevorstehenden Katastrophe sprach aus den Ereignissen heraus, die sich gewissermaßen unter der Oberfläche der Dinge abspielten? Man war ein «unpraktischer Idealist » — wenn einem die Leute nicht sagen wollten, daß man ein Narr ist. Was ich damals sagen mußte, kontrastiert allerdings mit dem, was in jener Zeit und sogar noch etwas später die sogenannten «Praktiker » sagten, jene verantwortlichen Praktiker, die Routiniers waren, statt Praktiker zu sein, die aber hochmütig auf jeden herunterschauten, der aus irgendeiner Ideenerkenntnis die Zeitgeschichte zu erfassen versuchte. Was sagten jene Praktiker über die damalige Zeit? Einer jener Praktiker, der sogar Außenminister eines mitteleuropäischen Staates war, verkündete den erleuchteten Vertretern seines Volkes kurz darauf, die allgemeine Entspannung der politischen Lage mache erfreuliche Fortschritte, so daß man sich in der nächsten Zeit auf einen friedlichen Zustand innerhalb der europäischen Völker gefaßt machen dürfe. Er fügte hinzu: Unsere freundnachbarlichen Verhältnisse zu Petersburg stehen aufs allerbeste, denn dank der Bemühungen der Regierungen kümmert sich das Petersburger Kabinett nicht um die Auslassungen der Pressemeute, und unsere freundschaftlichen Beziehungen zu Petersburg werden sich auch für die Zukunft so gestalten, wie sie bisher waren. Und unsere Unterhandlungen mit England hoffen wir zu einem solchen Abschluß zu bringen, daß auch zu England in der nächsten Zeit schon die aller besten Beziehungen vorhanden sein werden. - Der das sagte, war ein «Praktiker». Was der andere sagte, war «graue 'Theorie »!
[ 8 ] An unzähligen Beispielen könnte man die Anschauungen, besser gesagt, die Einsichten in die Tatsachen von seiten der Praktiker im Beginne jener Zeit, die so schreckensvoll für die Menschheit geworden ist, charakterisieren. Es ist ja in der Tat sehr lehrreich, die Tatsachen sprechen deutlich, wenn man sieht, daß solche Praktiker von dem Frieden redeten - und die nächsten Monate diesen Frieden so brachten, daß durch einige Jahre hindurch die zivilisierten Völker sich damit beschäftigten, zehn bis zwölf Millionen Menschen, gering gerechnet, totzuschlagen und dreimal soviel zu Krüppeln zu machen. Ich will diese Dinge nicht der Aufwärmung von Sensationen willen erwähnen. Ich muß sie erwähnen, weil sich daran zeigt, wiedieGedanken der Menschen kurzmaschig geworden sind und nicht mehr ausreichen, um die Tatsachen zu meistern. Man wird diese Vorgänge erst dann im richtigen Lichte sehen, wenn man in den Tatsachen den großen Lehrmeister dafür anerkennen wird, daß wir nötig haben, um zur Wiedergesundung unserer sozialen Verhältnisse zu kommen, nicht an kleine Umwandlungen von diesen oder jenen Einrichtungen zu denken, sondern an ein großes Umlernen und Umdenken, nicht an eine kleine Abrechnung, sondern an eine große Abrechnung mit dem Alten, das morsch und faul ist und nicht mehr hineinmünden darf in das, was für die Zukunft geschehen soll.
[ 9 ] Was man so für die großen Angelegenheiten der Menschheit sagen kann, könnte man auch für das Rechts- oder Wirtschaftsleben im einzelnen sagen. Überall wird so geredet, daß die Gedanken nicht ausreichen, um die Tatsachen zu meistern. Daher kann man sagen, die bisher leitenden führenden Kreise haben die Praxis, ihnen fehlen aber für diese Praxis die nötigen wirksamen lebenspraktischen Ideen und Gedanken. Und diesen führenden Kreisen steht gegenüber die große Masse des Proletariats. Dieses Proletariat hat sich in einer, man darf sagen, strammen Schulung der marxistischen Gedanken herangebildet durch mehr als ein halbes Jahrhundert. Aber heute ist es nicht etwa richtig, herumzuschauen bei den proletarischen Massen, um sich zu informieren, wie sie denken. Es ist verhältnismäßig leicht, sogar manchmal recht, recht leicht, sachgemäß dasjenige zu widerlegen, was die proletarischen Massen und ihre Führer über wirtschaftliche Angelegenheiten denken. Aber darauf kommt es nicht an. Sondern darauf kommt es an, daß es eine geschichtliche Tatsache ist, daß durch die Seelen, durch die Herzen der proletarischen Massen die Niederschläge von dem gegangen sind, was aus intensiv wirkenden Gedanken sich herausgebildet hat, man möchte schon sagen, als eine proletarische Theorie. Aber diese Theorie, die jetzt, nachdem das Alte zusammengebrochen wat, sich wahrhaftig schon mehr hätte bewähren können, als sie sich gegenüber der Lebenspraxis bewährt hat, diese Theorie zeigt eine ganz besondere Eigentümlichkeit, die begreiflich ist. Denn so wie die Dinge in der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit durch den Einfluß der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und der neueren Technik im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte, insbesondere aber des neunzehnten, sich herausgebildet haben, wurde das Proletariat immer mehr und mehr eingespannt bloß in das wirtschaftliche Leben; aber so eingespannt, daß jeder einzelne Angehörige dieses Proletariats eine sehr eng umgrenzte Arbeit zu leisten hatte. Diese eng umgrenzte Arbeit war im Grunde genommen alles, was er von dem immer umfassender werdenden Wirtschaftsleben real sah. Was Wunder, daß der Proletarier erlebte - erlebte an dem Schicksal seines Leibes und seiner Seele —, wie sich das neuere Wirtschaftsleben unter dem Einfluß von Technik und Privatkapital entwickelte, daß er aber die Triebräder und Triebfedern, die in diesem Wirtschaftsleben wirkten, nicht überschauen konnte! Er war sozusagen der Arbeitende an diesem Wirtschaftsleben, aber er war durch seine soziale Position verhindert, sachgemäß hineinzuschauen in die Ordnung dieses Wirtschaftslebens, in die Art, wie dieses Wirtschaftsleben verwaltet wird. Und nur allzu begreiflich ist es, daß sich durch solche Tatsachen etwas herausbildete, dessen Früchte nun eben da sind. Es bildete sich wie aus unterbewußten, instinktiven Trieben und Forderungen des Proletariats eine weitgehende proletarische sozialistische Theorie heraus, die aber im Grunde genommen sowohl von den wirtschaftlichen wie von den anderen sozialen Tatsachen sehr, sehr weit entfernt ist, weil ja der Proletarier keinen Einblick in die eigentlichen Triebräder und Triebfedern der wirtschaftlichen und anderen sozialen Tatsachen gewinnen konnte und daher hinnehmen mußte, was ihm auch in einseitiger Weise durch den Marxismus gebracht wurde. Und so finden wir, daß im Laufe von Jahrzehnten Dinge sich tief einfraßen in das Gemüt der proletarischen Menschen, Dinge, die im Grunde genommen, im wesentlichen, so tief wie nur möglich berechtigt sind, die aber an den Tatsachen völlig vorbeigehen.
[ 10 ] Ich möchte ein Beispiel nennen. Wie stark hat in der Agitation, die sich über das Proletariat aus den theoretischen Anschauungen seiner Führer heraus ergossen hat, zum Beispiel das Wort gewirkt: Es darf in der Zukunft nicht mehr produziert werden, um zu produzieren. Es darf nur produziert werden, um zu konsumieren! - Gewiß, ein treffendes Wort, ein Wort, das — was nicht von vielen Schlagworten der Gegenwart gesagt werden kann — sogar «wahr» ist, aber ein Wort, das ein wesenloses Abstraktum wird und einem entschlüpft, wenn man es mit praktischem Sinn, mit wirklicher Einsicht in die Wirtschaftsverhältnisse durchdenkt. Denn der Praxis kommt es darauf an: Wie macht man die Dinge? Der Praxis gegenüber ist nichts getan, wenn man bloß die Forderung erhebt: man solle nur produzieren, um zu konsumieren. Das ist etwas, was die Vorstellung vor die Seele ruft, wie schön das Wirtschaftsleben sein könnte, wenn nicht mehr der Profit herrschte, sondern stets nur der Ausblick auf den Konsum. Aber es liegt gar nichts in diesem Satz, was irgendwie darauf hinwiese, »ze nun die Struktur des Wirtschaftslebens gestaltet werden solle, damit die Empfindung, die in diesen Worten sich ausdrückt, wirklich Platz greifen könne. Und so verhält es sich mit vielen der Worte —- wir werden noch mancherlei berühren ‚die manchmal tiefen Wahrheiten entstammen, die aber Agitation- sund Parteischlagworte des Proletariats geworden sind. Sie sind Abstraktionen geworden und nehmen sich wie utopistische Hinweisungen auf eine unbestimmte Zukunft aus. Und wer es mit dem Proletariat ganz ehrlich meint, muß sich sagen: So lebt dieses arme Proletariat, das heute seine berechtigten Forderungen erhebt, in solchen Anschauungen, von denen zu sagen ist, daß sie zwar eine Theorie sind, aber fernstehen den Tatsachen des Lebens — weil der Proletarier aus diesen Tatsachen herausgerissen und an einen abgesonderten Ort hingestellt worden ist, wo er immer nur eine ganz einzelne Ecke des Lebens übersah.
[ 11 ] Das ist der Widerstreit, auf den ich habe hinweisen wollen, der sich ausdrückt auf der einen Seite in der Verfassung der leitenden führenden Kreise, welche die Macht über die Tatsachen haben, aber keine Ideen, um diese Tatsachen zu beherrschen, — und auf der anderen Seite in dem Proletariat, welches Ideen bekommen hat, aber mit diesen Ideen als ganz abstrakten Ideen ferne den Tatsachen steht, fremd den Tatsachen gegenübersteht.
[ 12 ] Wenn man so etwas, wie ich es jetzt gesagt habe, durch einige Worte charakterisiert, weist man auf in der Geschichte wirkende Kräfte und Impulse hin, die im Grunde genommen bedeutungsvoller sind als irgend etwas, was sich bisher im geschichtlichen Ablauf der Menschheit vollzogen hat. Worte wie die von der «ideenlosen Praxis der führenden Kreise» und der «unpraktischen Theorie des Proletariats » wägt man nur richtig, wenn man ein Gefühl hat für das, was so furchtbar lebendig, so einander zerstörend durch die gegenwärtigen Entwicklungsströmungen der Menschheit flutet. Die Tatsache, daß ein solcher Gegensatz zwischen der Seelenverfassung der leitenden führenden Kreise und derjenigen des Proletariats vorhanden ist, führt dazu und führte dazu, daß heute eine tiefe Kluft besteht zwischen allem, was Denken, Empfinden, Wollen und Handeln der leitenden führenden Kreise ist, und zwischen dem, was Sehnsuchten, Wünsche, Willensimpulse des Proletariats sind. Man versteht nicht einmal richtig, was eigentlich heute aus den Tiefen werden sollte, was aus dem Proletariat als die Forderung der Zeit einem entgegentönt! Wenn einem aus proletarischen Kreisen die Lehre vom Mehrwert, die eben angedeutete Lehre, man solle nur produzieren, um zu konsumieren, die Lehre von der Umwandlung des Privateigentums in Gemeineigentum entgegenklingt, so versteht man diese Dinge gewiß dem Wortlaute nach. Aber dieser Wortlaut der proletarischen Wünsche und Anschauungen — was ist er denn eigentlich? Ist er das, was den bürgerlich führenden leitenden Kreisen Veranlassung geben sollte, diese proletarischen Theorien, wenn sie ausgesprochen werden, logisch zu kritisieren? Es gibt nichts Naiveres in der Gegenwart, als wenn von proletarischer Seite her die Lehre vom Mehrwert ertönt und dann irgendein Syndikus oder Direktor einer Aktiengesellschaft das Selbstverständliche sagt, daß der Mehrwert, aus den Banknoten und so weiter zusammengerechnet, so niedrig ist, daß, wenn man ihn aufteilen wollte, für den Einzelnen nichts herauskommen würde. Es ist das Allernaivste, so sich zu verhalten zum Beispiel der Theorie des Mehrwertes gegenüber. Denn was da die Herren an «Rechnung» leisten, ist ja ganz selbstverständlich, dagegen ist durchaus nichts einzuwenden. Aber um diese Dinge handelt es sich gar nicht. Denn wenn man das, was unmittelbar in den Worten der proletarischen Theorien gesagt wird, in dieser Weise «widerlegen» will, dann ist das gerade so, als wenn man in einem Zimmer am Thermometer sieht, es zeigt so und so viele Grade, und dann, wenn einem die Anzahl der Grade nicht paßt, wenn sie zu niedrig oder zu hoch sind, etwa mit einer kleinen Flamme das Thermometer höhersteigen lassen wollte. Dadurch, daß man sich damit beschäftigt, das Thermometer zu korrigieren, beschäftigt man sich wahrhaftig nicht mit dem, was da wohl als Ursachen zugrunde liegt. Was heute proletarische Theorien sind, wörtlich zu nehmen und zu widerlegen, das ist naiv. Denn die proletarischen Theorien sind nichts weiter als - wollte ich gelehrt sprechen, so würde ich sagen - ein Exponent von etwas, das viel tiefer liegt, als dort, wo man es jetzt sucht. Ebenso wie das Thermometer die Temperatur eines Zimmers anzeigt, aber sie nicht selbst macht, so sind die proletarischen Theorien etwas, um wie an einem Instrument, an einem Zeichen zu erkennen, was in dieser Weise in der sozialen Frage in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft lebt. Und da macht man es sich in der Regel allzu bequem. Da betrachtet man diese Frage bloß als eine Wirtschaftsfrage, weil sie einem zuerst entgegengetreten ist als eine wirtschaftliche aus den Forderungen des Proletariats heraus, das eben eingeschnürt war in das Wirtschaftsleben in der Zeit des Privatkapitalismus und der Technik. Und man sah nicht, was eigentlich hinter all den Auffassungen steckt, die sich bei den proletarischen Theorien auf Kapital, auf Arbeit und auf Ware beziehen. Der Proletarier erlebt das gesamte Gebiet des menschlichen Lebens auf dem Felde des Wirtschaftlichen. Daher rückt sich ihm die soziale Frage ganz in eine wirtschaftliche Perspektive.
[ 13 ] Wer Gelegenheit hat, sich einen weiteren Blick anzueignen, sollte sehen, wie deutlich voneinander zu unterscheiden sind drei Lebensgebiete, auf denen sich uns drei der Kernpunkte der sozialen Frage zeigen. Wer gelernt hat, nicht nur über das Proletariat zu denken - vielleicht erst jetzt zu denken, nachdem die Revolution gekommen ist -, wer gelernt hat durch sein Lebensschicksal, nicht bloß über das Proletariat zu denken und über dasselbe zu empfinden, sondern mit demselben zu denken und zu empfinden, der kann von dem, was in den Worten liegt, die, ich möchte sagen, als Kernworte durch alle sozialistischen Theorien ziehen, auf das hinschauen, was in den Tiefen der Besten der Proletarier vorgeht. Was sind denn solche Kernworte?
[ 14 ] Da haben wir erstens das Kernwort vom Mehrwert, auf das ich schon hingewiesen habe. Man muß nur mit vielen Proletariern als Mensch zu Mensch verkehrt haben, und man muß gesehen haben, wie in die Gemüter der Proletarier dieses Wort vom Mehrwert eingeschlagen hat. Und auf dieses Einschlagen kommt es an, nicht auf die theoretische Bewahrheitung. Wer, gleich mir, in den Jahren, in welchen sich gerade einschneidend Dinge abspielten innerhalb der sozialen Bewegung der neueren Zeit, hier in Berlin gewirkt hat an der von Wähelm Liebknecht, dem alten Liebknecht begründeten Arbeiterbildungsschule, der weiß einiges mehr über diese Frage, die eben angedeutet worden ist, mehr aus der Lebenspraxis heraus als vielleicht Gewerkschaftsführer und namentlich als - wie soll ich mich nun aussprechen, damit ich nicht verletze? Man hat mit Recht gesagt: es gab «Kriegsgewinnler» und nach dem Kriege «Revolutionsgewinnler »; mir ist es immer so vorgekommen: es gab «Kriegsschwätzer» und nach dem Kriege — «Revolutionsschwätzer»! Aber was man unter Mehrwert verstand, das war, daß man sagte: Der Proletarier arbeitet werktätig, er bringt diese oder jene Produkte hervor. Der Unternehmer dagegen bringt diese Produkte auf den Markt, und er gibt dem Arbeiter so viel als nötig ist, damit der Arbeiter sein Leben erhalten kann, denn sonst könnte er auch nicht für den Unternehmer arbeiten, — das übrige ist Mehrwert. Gewiß, mit diesem Mehrwert verhält es sich durchaus so, wie heute etwa Walther Rathenau darüber spricht — ich will gar nichts über diesen viel verleumdeten Mann sagen -, aber in bezug auf die soziale Frage befindet er sich in den größten Irrtümern. Es ist durchaus so, daß dieser Mehrwert, wenn man ihn verteilen würde, den Angehörigen der breiten proletarischen Massen keine Aufbesserung bringen würde. Aber durch Rechnungsoperationen, die etwa in der Luft herumschwirren, kommt man den Dingen auch nicht bei. Man muß vielmehr diesen Mehrwert in der richtigen Weise in bezug auf seine soziale Bedeutung abfangen. Sollte dieser Mehrwert denn wirklich so wenig vorhanden sein, wie zum Beispiel Rathenau «richtig » errechnet? Nein! Denn dann gäbe es in Berlin keine "Theater, keine Hochschulen, keine Gymnasien, alles das nicht, was man Kulturleben, was man Geistesleben der Menschheit nennt. Das alles ist ja in Wahrheit zum größten Teile von dem sogenannten Mehrwert erhalten. Darum handelt es sich aber gar nicht, wie dieser Mehrwert in der Ware und in der Geldzirkulation an die Oberfläche getrieben wird, sondern darum, daß in dem, was nur mitdemSchlagworte Mehrwertbesprochen wird, sich ausdrückt die ganze Beziehung des neuzeitlichen Geisteslebens zu der breiten Masse des nicht an diesem Geistesleben unmittelbar teilnehmen könnenden Volkes.
[ 15 ] Wer jahrelang unter Arbeitern gelehrt hat und sich bemüht hat, vor ihnen das zu lehren, was unmittelbar aus der allgemeinen menschlichen Empfindung herausdrängt, was gesprochen ist von Mensch zu Mensch, der weiß, was für einen Charakter eine Geistesbildung haben muß, die allgemein menschlich sein soll, und wie sich diese Geistesbildung von derjenigen unterscheidet, die sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte gerade unter dem Einfluß der privatkapitalistischen und der technischen Wirtschaftsordnung herausgebildet hat. Wenn ich wieder persönlich reden darf — das Persönliche illustriert das Allgemeine -, so darf ich vielleicht sagen: Ich wußte, wenn ich in Wochen, Stunden, vor den Proletariern sprach, da spreche ich so, daß in den Seelen verwandte Saiten erklingen; da empfangen diese Menschen ein Wissen, eine Erkenntnis, mit der sie gehen können, die sie aufnehmen können. Aber dann kamen auch diejenigen Zeiten, in denen auch der Proletarier die Mode erfüllen mußte, an der «Bildung » teilzunehmen - an derjenigen Bildung, welche in geistiger Beziehung das Ergebnis der herrschenden, führenden Kultur war. Da mußte man diese Proletarier in die Museen führen, mußte ihnen zeigen, was aus der Empfindungsweise der herrschenden, bürgerlich fühlenden Menschenklasse hervorgegangen ist. Ja, da wußte man — wenn man ehrlich war, wußte man das, wenn man nicht ehrlich war, sagte man sich allerlei Phrasen von Volksbildung und dergleichen vor -: Das alles ergibt keine Brücke zwischen der Geisteskultur und der Geistesbildung der leitenden führenden Kreise und dem, was Geistessehnsucht und Geistesbedürfnis des Proletariats ist. Denn Kunst, Wissenschaft, Religion kann man nur verstehen, wenn sie aus Menschenkreisen hervorgehen, mit denen man auf gleichem sozialen Boden steht, so daß man mit ihnen die gleichen sozialen Empfindungen und Gefühle teilen kann -, nicht wenn ein Riß geht zwischen denjenigen, welche die Bildung genießen sollen, und denjenigen, welche diese Bildung wirklich genießen können. Da empfand man eine tiefe Kulturlüge. Und heute darf wahrhaftig nicht wohlwollend Dunkel über diese Dinge verbreitet werden, sondern heute müssen sie klar gesehen werden. Da empfand man diese tiefe Kulturlüge, die darin bestand, daß man allerlei Volkshochschulen oder Bildungsschulen errichtete und den Leuten eine Bildung mitteilen wollte, die über keine Brücke zu ihnen gehen konnte. Da stand dann der Proletarier auf der einen Seite des Abgrundes, sah hinüber auf das, was an Kunst, an Sitte, Religion, Wissenschaft erzeugt wurde von den leitenden führenden Kreisen, verstand es nicht, hielt es für etwas, was nur — wie ein Luxus — diese leitenden führenden Kreise angeht. Da sah dann das Proletariat die Verwendung, die Verwirklichung des Mehrwertes, indem es das Wort vom Mehrwert aussprach. Dieses Proletariat fühlte etwas ganz anderes, als was in dieser Thermometersprache vom Mehrwert gesagt wurde. Es fühlte: Da ist ein Geistesleben, das erzeugt wird durch unsere Hervorbringungen, durch unsere Arbeit; das produzieren wir, von dem sind wir aber ausgeschlossen!
[ 16 ] So muß die Sache vom Mehrwert angesehen werden, wenn sie nicht theoretisch — wenn sie lebensvoll, wenn sie so angesehen wird, wie sie wirklich im Leben darin steht. Da sehen wir dann auch das, was die erste Kernfrage der umfassenden sozialen Frage ist: da sehen wir den geistigen Teil der sozialen Frage. Da sehen wir, wie in derselben Zeit, in welcher in den letzten drei bis vier Jahrhunderten neuere Technik, neuere Wissenschaft und zugleich privatkapitalistische Wirtschaftsform heraufkamen, auch ein Geistesleben heraufgekommen ist, das immer mehr und mehr nur dasjenige wird, was in den Seelen jener Menschen leben soll, die durch eine tiefe Kluft getrennt sind von den großen breiten Massen, für deren Bildung sie in unzulänglicher Weise sorgen, von deren Bildung sie sich abtrennen. Daher sieht man mit so blutendem Herzen darauf hin, wenn man erfährt, wie man gut meinend und gutwillig in diesen leitenden führenden Kreisen sich in gut geheizten Spiegelzimmern unterhielt über die Art, wie man brüderlich ist mit allen Menschen, über die Art, wie man alle Menschen lieben solle, wie man sich unterhielt von allen christlichen Tugenden - bei einer Ofenwärme, die erzeugt war durch diejenigen Kohlen, welche heraufbefördert wurden aus den Kohlenschächten, in die hinuntergelassen wurden neunjährige, elfjährige, dreizehnjährige Kinder, welche buchstäblich - für die Mitte des 19. Jahrhunderts war es buchstäblich so; später ist es nicht durch das Verdienst der herrschenden leitenden Kreise besser geworden, sondern durch die Forderungen des Proletariats - vor dem Aufgange der Sonne in die Schächte hinunterwandern mußten und erst nach dem Untergange der Sonne wieder heraufkommen konnten, so daß diese armen Kinder die ganze Woche hindurch das Sonnenlicht nicht sahen.
[ 17 ] Man glaubt heute, diese Dinge werden gesagt, um aufzuhetzen. Nein! Sie müssen gesagt werden, um darauf hinzuweisen, wie sehr sich das, was Geistesleben der letzten drei bis vier Jahrhunderte ist, abgetrennt hat von dem wirklichen Leben der Menschen. Man hat reden können - abstrakt — von Moral, von Tugend, von Religion, ohne daß das wirkliche tätige praktische Leben irgendwie berührt wurde von diesem Gerede von Brüderlichkeit und Nächstenliebe, von Christentum und so weiter. Das ist es denn, was vor uns hinstellt als einen abgesonderten Kernpunkt der sozialen Frage die Geistesfrage. Wir blicken da auf den ganzen Umfang des Geisteslebens, insbesondere des Geisteslebens mit Bezug auf den Menschen der Gegenwart und der nächsten Zukunft, das sich abspielt auf dem Gebiete der Erziehung und des Unterrichtswesens. Es ist einmal so gekommen, daß im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte durch die Art, wie die einzelnen fürstlichen Territorien sich zu den einzelnen Wirtschafts-Nationalstaaten gestaltet haben, das Geistesleben in seinen wichtigeren öffentlicheren Teilen von der Staatsordnung aufgenommen worden ist. Und heute ist man stolz darauf, daß man von seiten der Wissenschaft, von seiten des Geisteslebens überhaupt, das Unterrichts- und Erziehungswesen — gewiß mit Recht — der mittelalterlichen Zugehörigkeit zur Religion, zur Theologie entrissen hat. Man ist recht stolz darauf und hat es immer wieder wiederholt: Im Mittelalter war es so, daß das Geistesleben, das Wissenschaftsleben der Theologie, der Kirche die Schleppe nachgetragen hat. Gewiß, diese Zeiten sollen nicht wieder zurückgewünscht werden; wir wollen nicht rückwärts, wir wollen vorwärts. Aber heute ist schon wieder eine andere Zeit. Heute darf nicht bloß in Hochmut darauf hingewiesen werden, wie im Mittelalter das Geistesleben der Kirche die Schleppe nachgetragen hat. Heute muß auf etwas anderes hingewiesen werden. Nehmen wir ein Beispiel zur Illustration, das uns hier nicht so ferne liegt.
[ 18 ] Ein sehr bedeutender naturforschender Gelehrter, den ich sehr achte - durchaus werden diese Dinge nicht zur Verkleinerung der Menschen gesagt —, der zugleich Sekretär der Berliner Akademie der Wissenschaften war, er sprach darüber, wie diese Berliner Akademie zu dem öffentlichen Staatswesen stand. Der Herr sagte damals in einer wohlgefügten Rede: die Mitglieder dieser gelehrten Akademie rechneten es sich zu ihrer ganz besonderen Ehre, die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern zu sein. Das ist nur ein Beispiel von solchen, die man nicht hundertfältig, sondern tausend- und aber tausendfältig anführen könnte, welches die Frage auf die Lippen bringt: Was ist heute an der Stelle dessen, wo in alten Zeiten das Geistesleben der Kirche die Schleppe nachgetragen hat? Wem trägt heute das Geistesleben die Schleppe nach? Das war nicht einmal so schlimm in der jüngsten Vergangenheit, wie es werden müßte, wenn wahrhaftig staatliche Ordnungen eintreten würden, unter denen das furchtbare Unterrichtsregiment sich auftun könnte, welches im Osten Europas sich aufgetan hat, und was hinlänglich beweist, daß es den Tod aller Kultur bringen würde. Sie müssen nicht nur in die Vergangenheit, sondern vor allem in die Zukunft schauen und müssen sagen: Es ist die Zeit herangerückt, wo das Geistesleben als ein selbständiges Glied des sozialen Organismus wird auftreten müssen, wo es auf Selbstverwaltung wird gestellt werden müssen.
[ 19 ] Man begegnet, indem man so etwas ausspricht, heute unzähligen Vorurteilen. Man wird geradezu als ein verrückter Mensch angesehen, wenn man heute nicht hinweisen kann auf den großen Segen, der in der Verstaatlichung des Unterrichts- und Erziehungswesens liegt. Aber das Heil, das gesucht werden muß, es wird erst gefunden werden, wenn vom Lehrer der untersten Schulstufen an bis hinauf zu dem Unterrichtenden an den Hochschulen das gesamte Unterrichts- und Erziehungswesen und das mit ihm zusammenhängende Geistesleben in Selbstverwaltung gestellt ist — nicht in die Verwaltung des Staates! Das gehört zu den großen Abrechnungen, die heute gepflogen werden müssen.
[ 20 ] Der Kreis von Menschen, der mir zuerst Freundlichkeit erwiesen hat, als es sich darum handelte, den Impuls der Dreigliederung der Gegenwart einzuverleiben, dieser Kreis ist derjenige, dem jetzt auch in Stuttgart die erste wirkliche freie Einheitsschule entsptingt. An die WaldorfAstoria-Fabrik soll sich angliedern zunächst eine Muster-Einheitsschule, die gestellt sein soll auf jene Pädagogik und Didaktik, auf jene Erziehlehre, welche aus nichts anderem entspringt als aus der wirklichen und wahren Erkenntnis des werdenden Menschen. Der ist zwischen dem siebenten und fünfzehnten Lebensjahre kein anderer, welcher Klasse und welchem Stande er auch angehört. Aber ihn muß man erst kennenlernen, wenn man ihn unterrichten und erziehen will.
[ 21 ] Da ich derjenige war, der in Stuttgart den vorbereitenden Kursus für die an dieser Waldorf-Schule wirkende Lehrerschaft zu halten hatte, so kamen mir auch diejenigen Dinge in die Hand, die heute wie eine Selbstverständlichkeit hingenommen werden. Man ahnt gar nicht, was darin liegt, daß diese Dinge wie eine Selbstverständlichkeit hingenommen werden! Aber sie haben sich eigentlich erst in den letzten Jahrzehnten herausgebildet. Man darf bei einer solchen Gelegenheit — da die Dinge, die Gegenstand der Lebenspraxis sind, zugleich Gegenstand der Lebenserfahrung sein müssen — darauf hinweisen, daß man das, was man sagt, nicht aus dem Leichtsinn eines Jugendlebens sagt, sondern es sich erst auszusprechen getraut, wenn man, wie ich, ein sechstes Lebensjahrzehnt fast vollendet hat. Da erinnert man sich daran, wie die Lehrpläne früher noch kurz waren und wie das, was Gegenstand des Unterrichtes sein sollte, vertreten wurde durch die Vorträge, durch die Bücher und Erfahrungen derjenigen, die im lebendigen Erziehungswesen darin standen, die aus dem Geiste herausschöpften. Heute aber hat man nicht einen kurzen Lehrplan — heute hat man dicke Bücher, in denen nicht nur steht, man solle in dem einen Schuljahr dieses, in dem andern Schuljahr jenes durchnehmen, sondern in denen auch vorgeschrieben ist, wie man die Dinge behandeln soll. Was Gegenstand der freien Lehre sein sollte, das soll Gegenstand werden und ist schon Gegenstand geworden des «Verordnungsblattes». Ehe man nicht ein deutliches, hinlängliches Gefühl von dem haben wird, was an Unsozialem in diesen Dingen steckt, eher wird man nicht reif sein, mitzuarbeiten an der wirklichen Gesundung der Menschheit. In der Aufrichtung des freien, vom Staate unabhängigen Geisteslebens liegt daher der erste Kernpunkt der sozialen Frage. Da ist das erste der drei selbständigen Glieder des dreigliederigen sozialen Organismus zu errichten. Wenn man heute diese Dinge vertritt, wenn man darauf hinweist, wie es wohl sein kann, daß zukünftig niemand innerhalb des geistigen Gliedes des sozialen Organismus verwalten wird als der, welcher auch tätigen Anteil am geistigen Leben nimmt, dann wird das mit Bezug auf den Unterricht wenig verwandt sein mit dem Unterricht im heutigen Einheitsstaat. Das ganze Leben wird wie in einer Musterrepublik dastehen. Jeder wird nicht bloß nach den Forderungen einer Verordnung unterrichten, sondern aus dem Geiste schöpfen, was dem Unterricht und der Erziehung frommt. Man wird nicht bloß zu fragen haben, was die Berechtigungen des Menschen für den Sozialismus im dreizehnten oder siebzehnten Jahre sind, wohl aber: Was liegt im Wesen des Menschen selbst begründet, damit es herausgeholt werden kann aus dem werdenden Menschen, so daß er, wenn er diese Kräfte losgelöst erhalten hat aus der Tiefe seines Wesens, nicht als willensschwacher, gebrochener Mensch dasteht, wie heute so viele, sondern so dasteht, daß er seinem Schicksal gewachsen ist und auch mitarbeiten kann an dem, was seine Aufgaben im Leben sind. Das weist auf das erste Glied in der Dreigliederung des sozialen Organismus hin.
[ 22 ] Man wird allerdings, wenn man diese Gedanken ausspricht, zuerst mit einer Frage, mit einem Einwand abgefunden, wie ich es in einer süddeutschen Stadt erlebte. Da antwortete mir nach einem Vortrage, in der Diskussion, ein Hochschulprofessor ungefähr in folgender Weise: Wir Deutschen werden in der Zukunft ein armes Volk sein. Der Mann dort will das Geistesleben selbständig machen. Das arme Volk wird das selbständige Geistesleben nicht bezahlen können, denn es wird kein Geld haben. Man wird also nach dem Staatssäckel greifen müssen, wird doch aus den Steuern das Unterrichtswesen bezahlen müssen, und wie soll es dann selbständig werden, wie soll es da nicht das Aufsichtsrecht des Staates über sich gestellt haben müssen, da es vom Staate erhalten werden muß ?-Ich konnte darauf nur erwidern, daß es mir sehr sonderbar vorkomme, wenn der Professor glaube, daß das, was man als Steuern aus der Staatskasse nimmt, irgendwie da herauswächst, und daß es in Zukunft nicht von dem «armen Volke» genommen wird. Aber was einem am meisten begegnet, das ist die Gedankenlosigkeit auf allen Gebieten. Dem muß entgegengestellt werden ein wirkliches, in die Tatsachen des Lebens hineinschauendes, praktisches Denken. Das wird auch praktische Lebensprogramme bringen können, die zu verwirklichen sind.
[ 23 ] Und wie das Geistesleben, das Unterrichts- und Erziehungswesen verselbständigt werden muß, so auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben. Es ist sehr merkwürdig, wie in der neueren Zeit aus der Tiefe der Menschennatur heraus zwei Forderungen aufgestiegen sind: die nach Demokratie und die nach Sozialismus. Beide, Demokratie und Sozialismus, widersprechen einander. Vor der Weltkriegskatastrophe hat man diese zwei widersprechenden Impulse zusammengeschweißt und sogar eine Partei, die Sozialdemokratie, danach benannt. Hölzernes Eisen ist ungefähr dasselbe. Beide, Sozialismus und Demokratie, widersprechen sich, beide sind aber ganz aufrichtige und ehrliche Forderungen der neueren Zeit. Nun ist die Weltkriegskatastrophe an uns vorübergezogen, hat ihre Ergebnisse gebracht, und nun hören wir, wie die soziale Forderung auftritt und nichts wissen will von einem demokratischen Parlament. Wie die soziale Forderung wiederum theoretisch, ohne eine Ahnung zu haben, wie die Tatsachen eigentlich sind, mit Schlagworten ganz abstrakter Art auftritt wie «Erringung der politischen Macht», «Diktatur des Proletariats» und dergleichen, das kommt allerdings aus den Untergründen des sozialistischen Empfindens hervor, beweist aber, daß man jetzt darauf gekommen ist, daß auch das sozialistische Empfinden dem demokratischen Empfinden widerspricht. Die Zukunft, die den Wirklichkeiten des Lebens, nicht den Schlagworten Rechnung zu tragen hat, sie wird erkennen müssen, wie der sozialistisch Fühlende Recht hat, wenn er sozusagen etwas Unheimliches bei «Demokratie» empfindet, und wie anderseits der demokratisch Fühlende Recht hat, wenn er das Furchtbarste empfindet bei den Worten «Diktatur des Proletariats ».
[ 24 ] Wie liegen auf diesem Gebiete eigentlich die Tatsachen? Da brauchen wir nur das Wirtschaftsleben im Zusammenhange mit dem Staatsleben gerade so zu betrachten, wie wir eben vorher das Geistesleben im Zusammenhange mit dem Staatsleben betrachtet haben. Es war wiederum das Vorurteil der Menschen der neueren Zeit, insbesondere derjenigen, die glaubten, recht fortschrittlich zu denken, daß der Staat immer mehr und mehr zum Wirtschafter werden sollte. Post, Telegraph, Eisenbahn und so weiter wurden in Staatsverwaltung gestellt, und bald wollte man über immer weitere Wirtschaftsgebiete die Staatsverwaltung ausdehnen. Das ist eine weite und umfassende Sache, die ich jetzt mit einigen Worten berühre, und ich muß mich leider — weilich angewiesen bin, diese Dinge in einem kurzen Vortrage zu entwickeln - der Gefahr aussetzen, daß das, was in sehr sachlichen Worten dargelegt wird und mit unzähligen Beispielen aus der neueren Geschichte belegt werden könnte, als Dilettantismus hingestellt würde. Das ist es aber durchaus nicht. Aber was hier wie ein Vorurteil der Fortgeschrittensten ist, das wird sich gerade dann, wenn man den Sozialismus ernst nimmt, in seiner wahren Gestalt zeigen. Und es wird sich in seiner wahren Gestalt zeigen, wenn man ferner ernst nehmen wird ein Wort, welches aus seinen lichtesten Augenblicken heraus ‚Friedrich Engels in seiner Schrift «Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft », ausgesprochen hat. Er sagt ungefähr: Überschaut man das Staatsleben, wie es sich in die Gegenwart herein entwickelt hat, so findet man, daß es die Bewirtschaftung der Produktionszweige, die Leitung der Warenzirkulation, umfaßt. Aber indem der Staat gewirtschaftet hat, hat er zugleich über Menschen regiert. Er gab die Gesetze, nach denen sich zu verhalten haben — ob in ihren wirtschaftlichen Handlungen oder außerhalb derselben — diejenigen Menschen, die im Wirtschaftsleben drinnen stehen. Dieselbe Instanz wirtschaftete — und gab die Gesetze für das Verhalten der Menschen, die im Wirtschaftsleben drinnen stehen. Das muß in Zukunft anders werden.
[ 25 ] Dies hat Engels ganz richtig erkannt. In Zukunft darf auf dem Boden, auf dem gewirtschaftet wird, nicht mehr regiert werden über Menschen, meinte Engels; sondern es darf auf diesem Boden nur verwaltet werden, was Produktion ist, und es darf auf ihm nur geleitet werden, was Warenzirkulation ist. Das war eine richtige Anschauung - aber eine halbe Wahrheit oder eigentlich nur eine Viertelswahrheit. Denn wenn das, was an Gesetzen verwirklicht ist auf diesem Wirtschaftsgebiete, das bisher mit dem Staatsleben zusammenfiel, herausgenommen wird aus der Wirtschaftsverwaltung und Wirtschaftsleitung, muß es seinen eigenen Platz erhalten - allerdings nicht einen Platz, von dem aus die Menschen zentralistisch regiert werden, sondern den Platz, wo sie sich selber demokratisch regieren.
[ 26 ] Das heißt: Die beiden Impulse, Demokratie und Sozialismus, weisen darauf hin, daß zwei voneinander getrennte Gebiete neben dem selbständigen Geistesglied des sozialen Organismus noch dastehen müssen in dem gesamten sozialen Organismus, nämlich das, was bleibt von dem ehemaligen Staate. Es ist das die Verwaltung des Wirtschaftlichen und die des öffentlichen Rechtes oder mit anderen Worten alles dessen, worüber jeder Mensch urteilsfähig ist, wenn er mündig geworden ist. Denn was liegt in der Forderung nach Demokratie? Es liegt darin, daß die neuere Menschheit geschichtlich reif werden will dafür, auf dem freien Staatsboden, auf dem freien Rechtsboden gesetzmäßig dasjenige zu verwalten, worin alle Menschen einander gleich sind, worüber also jeder mündig gewordene Mensch neben jedem anderen mündig gewordenen Menschen mittelbar oder unmittelbar — mittelbar durch Vertretung, unmittelbar durch irgendein Referendum - entscheiden kann. So müssen wir in Zukunft einen selbständigen Rechtsboden haben, der die Fortsetzung des alten Macht- und Gewaltstaates sein wird, und der erst der wahre Rechtsstaat sein wird. Niemals wird ein wahrer Rechtsstaat anders entstehen, als daß in ihm nur diejenigen Angelegenheiten durch Gesetze geregelt werden, über die jeder mündig gewordene Mensch urteilsfähig ist, und zu diesen Angelegenheiten gehört wieder etwas, worüber das Proletariat viel gesprochen hat, wo aber seine Worte wieder genommen werden müssen als das soziale Thermometer. Denn wieder hat in das Gemüt des Proletariats tief eingeschlagen ein Wort von Karl Marx: Es gibt ein menschenunwürdiges Dasein, wenn der Arbeiter auf dem Arbeitsmarkt seine Arbeitskraft wie eine Ware verkaufen muß. Denn wie man eine Ware bezahlt mit dem Warenpreis, so bezahlt man die Arbeitskraft wie gleichwertig mit der Ware durch den Lohn, durch den Preis für die Ware Arbeitskraft!
[ 27 ] Das war ein Wort, nicht so sehr bedeutungsvoll in der Entwicklung der neueren Menschheit durch seinen sachlichen Inhalt, als durch das blitzartige Einschlagen in das Proletariat, jenes blitzartige Einschlagen, von dem sich die führenden Kreise eigentlich keine Vorstellung machen. Und woher rührt dies Ganze? Es rührt davon her, daß in den Wirtschaftskreislauf, das heißt in die Warenerzeugung, in die Warenzirkulation und Warenkonsumation, die einzig in den Wirtschaftskreislauf hineingehören, in chaotischer, in unorganischer Weise auch hineingestellt ist die Regelung der Arbeit nach Maß, nach Zeit, nach Charakter usw. Und nicht eher wird Heil auf diesem Gebiete, bis aus dem Wirtschaftskreislauf Charakter, Maß und Zeit der menschlichen Arbeit herausgehoben ist, ob sie geistige, ob sie physische Arbeit ist. Denn die Regelung der Arbeitskraft gehört nicht in das Wirtschaftsleben hinein, wo derjenige, welcher der wirtschaftlich Mächtigere ist, eben auch die Macht hat, die Art der Arbeit dem wirtschaftlich Schwachen aufzudrängen. Die Regelung der Arbeit von Mensch zu Mensch, was ein Mensch für den anderen arbeitet, das gehört geregelt auf dem Rechtsboden, da, wo jeder mündig gewordene Mensch jedem andern mündig gewordenen Menschen als gleicher gegenübersteht. Wieviel ich für den andern zu arbeiten habe, darüber dürfen nicht wirtschaftliche Voraussetzungen entscheiden, sondern einzig und allein das, was in dem zukünftigen Staate, der der Rechtsstaat ist, gegenüber dem heutigen Machtstaat, sich entwickeln wird.
[ 28 ] Auch da begegnet man wieder einem Bündel von Vorurteilen, indem man dergleichen ausspricht. Heute ist es billig, wenn die Leute sagen: Solange die Wirtschaftsordnung durch die Verhältnisse des freien Marktes gegeben ist, solange wird es selbstverständlich sein, daß die Arbeit von der Produktion abhängt, davon, wie die Waren bezahlt werden. Wer aber glaubt, daß es so bleiben müsse, sieht nicht ein, wie geschichtlich ganz andere Forderungen heraufziehen. In Zukunft wird man sagen müssen: Wie töricht wäre es, wenn die Menschen, die irgend einen Betriebszweig zu verwalten haben, sich zusammensetzten und die Kontobücher des Jahres 1918 nähmen und sagten: Da haben wit so und soviel erzeugt, wir müssen in diesem Jahre auch soviel erzielen. Jetzt ist es September, wir brauchen also, um das zu erreichen, noch so und so viele Tage, wo es regnet, und so und so viele, wo Sonnenschein sein muß, und so weiter. - Man kann nicht der Naturgrundlage vorschreiben, daß sie sich nach den Preisen richten soll, sondern man muß die Preise nach der Naturgrundlage einrichten. Auf der einen Seite wird das Wirtschaftsleben an die Naturgrundlage grenzen, auf der anderen Seite an den Rechtsstaat, wo auch die Arbeit geregelt werden wird. Da wird aus rein demokratischen Grundlagen heraus festzustellen sein, wie lange der Mensch zu arbeiten habe, und danach werden sich die Preise bestimmen — das heißt nach den Naturgrundlagen, so wie heute nach den Naturgrundlagen die Preise in der Landwirtschaft bestimmt werden. Es handelt sich nicht darum, daß man über die Verbesserung kleiner Einrichtungen nachdenkt; es handelt sich darum, daß man umdenken und umlernen muß. Erst wenn auf dem selbständig demokratischen Gemeinboden, wo der eine Mensch dem andern als Mündiggewordener, als Gleicher dem Gleichen gegenübersteht, über die Arbeitskraft geurteilt wird, und wenn der Mensch als freier Mensch diese Arbeit in das selbständige Wirtschaftsleben hineinträgt, wo nicht Arbeitsverträge, sondern Verträge über die Erzeugung geschlossen werden, erst dann wird aus dem Wirtschaftsleben weichen, was heute Unruhe erzeugend darin ist. Das muß durchschaut werden.
[ 29 ] In der Kürze dieser Zeit kann ich diese Dinge nur andeuten. Ich würde sehr gern einen Zyklus von Vorträgen halten, aber das geht diesmal nicht. Ich muß aber noch darauf hinweisen, wie sich das dritte Glied, das Wirtschaftsleben, in dem dreigliederigen sozialen Organismus gestaltet, wie es in die Zukunft hineinragen soll.
[ 30 ] In diesem Wirtschaftsleben darf nicht, wie bisher, darin sein: Kapitalverwaltung, Bodenverwaltung, Produktionsmittelverwaltung — das ist übrigens Kapitalverwaltung —, Arbeitsverwaltung, sondern lediglich darf in ihm sein Verwaltung der Warenerzeugung, des Warenumlaufs und des Warenverbrauchs. Und gleichsam die Urzelle dieses Wirtschaftslebens, das nur auf Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit gegründet sein soll, die Preisbildung, wie wird sie sich vollziehen müssen ? Nicht durch den Zufall des sogenannten freien Marktes, wie es bisher in der Volkswirtschaft und in der Weltwirtschaft der Fall war! So wird sie sich vollziehen müssen, daß auf dem Boden von Assoziationen, die sachgemäß zwischen den einzelnen Produktionszweigen und den Konsumgenossenschaften entstehen, durch Menschen, die sachkundig und fachtüchtig aus diesen Genossenschaften hervorgehen, organisch das erreicht werde, vernünftig erreicht werde, was heute krisenhaft der Zufall des Marktes hervorbringt. Es wird in der Zukunft, wenn die Feststellung von Art und Charakter der menschlichen Arbeitskraft in den Rechtsstaat fällt, ungefähr innerhalb des Wirtschaftslebens sich zutragen müssen, daß der Mensch für irgend etwas, was er arbeitend vollbringt, so vielan Austauschwerten erhält, daß er seine Bedürfnisse dadurch befriedigen kann, bis er ein gleiches Produkt wieder hervorgebracht hat.
[ 31 ] Grob, dilettantisch, oberflächlich gesprochen, wäre das eben Gesagte durch folgendes Beispiel erläutert, aber diese Erläuterung wird heute genügen: Wenn ich ein Paar Stiefel hervorbringe, so muß ich durch den gegenseitig fixierten Wert in der Lage sein, durch die Herstellung dieses Paares Stiefel so viele Güter einzutauschen, als ich brauche, um damit meine Bedürfnisse zu befriedigen, bis ich wieder ein Paar Stiefel hervorgebracht haben werde. Und Einrichtungen müssen vorhanden sein, welche innerhalb der Gesellschaft zu regeln haben die Bedürfnisse für Witwen, Waisen, für Invalide und Kranke, für die Erziehung und dergleichen. Daß aber solche Regulierung der Preisbildung, was einzig und allein Sache einer wirtschaftlichen Sozialisierung sein wird, stattfinden kann, das wird davon abhängen, daß sich Körperschaften bilden - seien sie gewählt, seien sie designiert aus den Assoziationen der Produktionszweige in Verbindung mit den Konsumentengenossenschaften -, welche berufen sind, im lebendigen Leben die gerechten Preise zu vermitteln.
[ 32 ] Das kann nur dadurch geschehen, daß das ganze Wirtschaftsleben — allerdings nicht in Form einer Moellendorffischen Planwirtschaft, sondern in einer lebendigen Form — so geordnet wird, daß zum Beispiel folgendes berücksichtigt wird: Nehmen wir an, irgendein Artikel habe die Tendenz, zu teuer zu werden. Was bedeutet das? Es wird zu wenig von diesem Artikel erzeugt; es müssen nach den Produktionszweigen Arbeiter durch Verträge hingeleitet werden, welche diesen Artikel erzeugen können. Wird andererseits ein Artikel zu billig, so müssen Betriebe stillgelegt werden und die Arbeiter davon abgezogen werden und durch Regelung in andere Betriebe hineinkommen. Wenn so etwas ausgesprochen wird, dann bezeichnen das die Leute heute als schwierig. Wer das aber als schwierig ablehnt, um bei kleinen Verbesserungen der sozialen Verhältnisse stehen zu bleiben, der sollte auch wissen, daß er damit auch bei den heutigen Verhältnissen bleiben wird.
[ 33 ] Das zeigt Ihnen, wie durch Assoziationen, die rein aus den Wirtschaftskräften selbst gebildet sind, das Wirtschaftsleben auf sich selbst gestellt werden soll, wie das Wirtschaftsleben, über welches heute der Staat seine Fittiche ausgedehnt hat, in der Tat nur von den wirtschaftenden Kräften selbst verwaltet werden soll, und zwar so, daß innerhalb dieser Verwaltung des Wirtschaftslebens die Initiative des Einzelnen möglichst gewahrt werde. Das kann nicht durch eine Planwirtschaft, nicht durch Aufrichtung einer Gemeinbewirtschaftung der Produktionsmittel, sondern einzig und allein durch Assoziationen der freien Produktionszweige und durch Übereinkommen dieser Assoziationen mit den Konsumgenossenschaften geschehen.
[ 34 ] Das ist der furchtbare Irrtum, daß die Verstaatlichung, die bisher von den führenden, leitenden Kreisen in die Wege geleitet worden ist, bis zum Extrem getrieben werden soll, daß über das ganze Staatsleben, den Rahmen dieses Staatslebens benutzend, Genossenschaften sich ausdehnen sollen, wodurch man allen Zusammenhang einer solchen Planwirtschaft mit den äußeren Wirtschaftskräften untergraben würde; während jene Assoziationen, die von der Dreigliederung gemeint sind, gerade darauf ausgehen, die volle freie Initiative des Wirtschaftenden festzuhalten, offenzuhalten alles, was einen geschlossenen Wirtschaftskörper mit dem äußeren Wirtschaftskörper verbindet.
[ 35 ] Allerdings wird manches auch recht sehr anders ausschauen, zum Beispiel etwas, worauf ich durch ein Gleichnis nur hindeuten kann. Es verlangt die sozialistische Theorie die Aufhebung des Privateigentums, wie man sagt - lauter Worte, unter denen sich ein sachkundiger Mensch nichts vorstellen kann - und Überführung des Privateigentums in Gemeineigentum. Aber das heißt ja gar nichts. Was etwas heißen kann, das kann ich Ihnen in folgender Weise im Bilde sagen. Heute sind die Menschen beispielsweise sehr stolz auf ihre Philosophen. Aber über eines denken die Menschen ziemlich richtig, wenigstens sobald es sich um geistige Hervorbringungen handelt; während sie es auf dem Gebiete des Materiellen nicht dazu bringen, in gleicher Weise gesund zu denken. Denn wie denkt man über das geistige Eigentum? So denkt man, daß man bei dem, was man geistig erwirbt, dabei sein muß. Man kann nicht gut sagen: Was ich als geistiges Eigentum hervorbringe, das solle dutch Gemeinwirtschaft oder dutch genossenschaftliches Bewirtschaften hervorgebracht werden. Das wird man schon dem Einzelnen überlassen müssen. Denn es wird am besten dadurch hervorgebracht, daß der Einzelne mit seinen Fähigkeiten und Talenten dabei ist, und nicht, wenn er davon getrennt wird. Aber man denkt doch sozial, indem das, was man geistig hervorbringt, dreißig Jahre nach dem Tode des Schaffenden - es könnte vielleicht die Zeit viel verkürzt werden — nicht mehr den Erben gehört, sondern demjenigen, der es wieder am besten der Allgemeinheit zugänglich machen kann. Das findet man selbstverständlich, weil die Menschen heute das, was sie als Geistiges empfinden, nicht als etwas Besonderes schätzen. Aber die Menschen machen keinen Versuch, darauf einzugehen, wenn man davon spricht, daß das physische Privateigentum in derselben Weise behandelt werden sollte, daß es nur solange im Privatbesitz sein sollte, als man mit seinen Fähigkeiten dabei sein kann, dann aber übergehen sollte - jetzt nicht an diese wesenlose Allgemeinheit, die Korruptionen und so weiter furchtbarster Art hervorbringen würde, sondern an denjenigen, der wieder seinerseits die besten Fähigkeiten hat und die Sache in den Dienst der Allgemeinheit stellen würde.
[ 36 ] Wo man unbefangen denkt, zeigen sich solche Dinge schon. Wir haben es unternommen, eine Hochschule für Geisteswissenschaft, das Goetheanum, in Dornach bei Basel in der Schweiz zu begründen. Wir nennen es Goetheanum seit dem Zeitpunkt, wo die Welt «verwoodrowwilsont» wird, wo es nötig wird, daß der Deutsche zeige, daß er ein Geistesleben vor den ganzen Erdkreis kühn hinstellen wird. Goetheanum im Auslande als Vertreter des deutschen Geisteslebens — anders als es der Chauvinismus macht! Aber ich will jetzt etwas anderes hervorheben. Sie wird gebaut, diese Hochschule der Geisteswissenschaft, und sie wird jetzt verwaltet von denjenigen Menschen, welche die Fähigkeiten dazu haben, diese Sache ins Leben zu rufen. Wem wird sie gehören, wenn diese jetzigen Menschen nicht mehr unter den Lebenden sind? Durch Erbschaft wird sie an niemanden übergehen, sondern sie wird an den übergehen, der sie wieder am besten im Dienste der Menschheit verwalten kann. Sie gehört eigentlich niemandem.
[ 37 ] Denkt man wirtschaftlich sozial, so entstehen schon diejenigen Dinge, die entstehen müssen, wenn Heilsames in der Zukunft geschehen soll. Das Weitere über die Zirkulation des Privateigentums habe ich ausgeführt in der Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage», wo ich gezeigt habe, wie der soziale Organismus gegliedert werden muß in seine selbständigen und als solche zusammenwirkenden drei Glieder: in die geistige Organisation mit Selbstverwaltung aus den Untergründen eines freien Geisteslebens heraus, in die staatlich-politisch-rechtliche Organisation mit demokratischer Verwaltung, gestellt auf das Urteilen eines jeden mündig gewordenen Menschen, und in ein Wirtschaftsleben, das lediglich gestellt sein soll in das Urteil der sachkundigen und fachtüchtigen einzelnen Personen und Korporationen und ihren Assoziationen.
[ 38 ] Das scheint so neu zu sein, daß mir, seit ich diese Sachen in Deutschland vertrete, auch einmal von jemandem folgendes unterbreitet worden ist: Du zerteilst da den Staat, der ein Einheitliches sein muß, in drei Teile. - Ich konnte darauf nur erwidern, ob ich denn den Gaul in drei oder vier Teile zerteile, wenn ich sage: er muß auf seinen vier Beinen stehen. Oder wird jemand behaupten, daß ein Gaul nur eine Einheit ist, wenn er auf einem Bein steht? Ebenso wenig wird jemand behaupten dürfen, daß das soziale Leben, wenn es eine Einheit sein soll, zusammenfließen muß in einer abstrakten Einheit. Man wird sich in Zukunft nicht mehr hypnotisieren lassen müssen von dem abstrakten Einheitsstaat, man wird wissen müssen, daß er dreigegliedert werden muß, in drei Glieder, auf denen er stehen kann: in ein sich selbstverwaltendes freies Geistesgebiet, in eine Rechtsorganisation mit demokratischer Gesetzgebung, in eine Wirtschaftsorganisation mit rein sachkundiger und fachtüchtiger Wirtschaftsverwaltung.
[ 39 ] Die Hälfte von großen Wahrheiten wurde vor mehr als hundert Jahren im Westen Europas gesprochen in den Worten, die damals fielen als eine halbe Wahrheit: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, drei Ideale, die den Menschen wahrhaftig tief genug in die Herzen und Seelen geschrieben sein könnten. Aber es waren gewiß nicht dumme und törichte Menschen, die im Laufe des i9. Jahrhunderts erklärt haben, daß diese drei Ideale sich eigentlich widersprächen: daß Freiheit nicht sein kann, wo absolute Gleichheit herrscht; daß wieder Brüderlichkeit nicht sein kann, wo absolute Gleichheit sein soll. Diese Einwendungen waren richtig, aber nur deshalb, weil sie in einer Zeit aufgetreten sind, wo man hypnotisiert war von dem sogenannten Einheitsstaat. In dem Augenblick, wo man von diesem nicht mehr hypnotisiert sein wird, wo man die notwendige Dreigliederung des sozialen Organismus begreifen wird, da wird man anders sprechen.
[ 40 ] Gestatten Sie, daß ich am Schlusse in einen Vergleich zusammenfasse, was ich gerne noch länger ausführen würde. Ich konnte nur gleichsam Fäden zeichnen, in einer Skizze das darstellen, was ich sagen wollte; ich weiß, wie ich lediglich andeuten konnte, was nur bei ausführlicher Darstellung durchschaut und eingesehen werden kann. Aber ich möchte am Schlusse darauf hinweisen, wie der Einheitsstaat wie etwas Hypnotisierendes vor den Menschen stand und sie diesen Einheitsstaat beherrscht sein lassen wollten von den drei großen Idealen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Man wird lernen müssen, daß es anders werden muß. In der Gegenwart sind die Menschen gewohnt, wie einen Gott diesen Einheitsstaat anzuschauen. In der Beziehung ist ihr Verhalten schon so, wie das des Faust dem sechzehnjährigen Gretchen gegenüber. Da erlebt man auch Dinge, die sich ausnehmen wie die Lehren, welche der Faust dem Kinde Gretchen gibt, die angemessen sind dem sechzehnjährigen Gretchen, und die von den Philosophen gewöhnlich als etwas Hochphilosophisches angesehen werden. Da sagt der Faust: «Der Allumfasser, der Allerhalter, faßt und erhält er nicht dich, mich, sich selbst?» Fast ist es so gegenüber dem Einheitsstaate, daß die Menschen auch hypnotisiert sind von diesem Einheitsgötzenbilde und nicht einsehen können, wie dieses Einheitsgebilde dreigliedtig werden muß zum Heile der Menschen in der Zukunft. Und mancher Fabrikant wird ganz gerne mit Bezug auf den Staat zu seinen Arbeitern so reden wie Faust dem Gretchen gegenüber, indem er sagt: Der Staat, der Allerhalter, der Allumfasser, faßt und erhält er nicht sich, dich, mich selbst? - Er müßte sich dann aber rasch die Hand vor den Mund halten und das «mich selbst» nicht zu laut sagen!
[ 41 ] Die Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus muß eingesehen werden, besonders auch in den proletarischen Kreisen. Man wird sie erst einsehen, wenn man wissen wird: die Dreigliederung ist notwendig. Denn nicht geradezu darf in der Zukunft herrschen der Ruf «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» mit den Widersprüchen, die diese drei Ideale gegenseitig enthalten, sondern herrschen wird müssen in der Zukunft im selbständigen Geistesleben Freiheit des Geistes, denn da wird sie berechtigt sein; herrschen wird müssen Gleichheit gegenüber einem jeden mündig gewordenen Menschen im demokratischen Staatswesen, und herrschen wird müssen Brüderlichkeit in dem selbständig verwalteten, die Menschen nährenden und erhaltenden Wirtschaftsleben. In dem Augenblicke wo man diese drei Ideale so auf den dreigliederigen Organismus anwenden wird, werden sie einander nicht mehr widersprechen.
[ 42 ] Möge die Zeit kommen, da man wird folgendermaßen charakterisieren können: Wir in Mitteleuropa blicken wahrhaftig mit Schmerzen hin auf das, was durch Versailles geschehen ist. Wir blicken darauf erst als auf einen Ausgangspunkt hin und auf viel Not und viel Elend und Schmerzen, die uns bevorstehen. Möge aber das sich erfüllen, daß man sagen kann: Äußeres können sie uns nehmen, denn Äußeres kann man den Menschen abnehmen. Sind wir aber imstande, zurückzugreifen auf die Jahre, in denen wir unsere Vergangenheit verleugnet haben, zu dem Goetheanismus jener Zeit von der Wende des i8., 19. Jahrhunderts, als die Lessing, Herder, Schiller, Goethe und so weiter für ein anderes Gebiet wirkten - sind wir imstande, zurückzugreifen in unserer Not aus unserer Innerlichkeit heraus zu den großen mitteleuropäischen Gütern, dann wird in der Not der Zeit aus diesem Mitteleuropa heraus der vor einem Jahrhundert in «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» nur halb ertönenden Wahrheit die andere Hälfte entgegentönen; vielleicht in äußerer Abhängigkeit — aber in innerer Freiheit und Unabhängigkeit könnten von Mitteleuropa dann in die Welt hinaustönen die Worte:
[ 43 ] Freiheit für das Geistesleben,
Gleichheit für das demokratische Rechtsleben der Menschen,
Brüderlichkeit für das Wirtschaftsleben!
[ 44 ] In diese Worte kann man zusammenfassen, wie in einem Signum, was man heute sagen, empfinden und denken muß im Sinne eines umfassenden Ergreifens der sozialen Frage in ihrer Ganzheit. Mögen recht viele Menschen dies erfassen und begreifen; dann wird praktisch sein können, was heute eben eine Frage ist!
