Freedom of Thought and Social Forces
GA 333
19 December 1919, Stuttgart
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Freedom of Thought and Social Forces, tr. SOL
4. Geisteswissenschaft, Gedankenfreiheit Und Soziale Kräfte
4. Spiritual Science, Freedom of Thought, and Social Forces
[ 1 ] Es kann sich etwas wie ein Alpdruck auf die Seele des Betrachters des gegenwärtigen Kulturlebens der Menschheit legen, etwas wie eine Art Zusammenptessen des gequälten Herzens, wenn man bemerkt, wie es doch noch verhältnismäßig wenige Menschen gibt, die mit unbefangenem Blicke sehen wollen, wie wir uns mit Bezug auf die wichtigsten Zweige unseres Kulturlebens auf einer abschüssigen Bahn befinden. Diese abschüssige Bahn ist ja genügend wahrnehmbar geworden durch die Ereignisse der letzten Jahre, durch alles das, was über die Menschen hereingebrochen ist. Aber wir finden doch vielfach heute noch, daß die Menschen sich der Meinung hingeben: Ohne daß etwas Durchgreifendes getan werde, müsse es wenigstens bei jenem Grade des Chaos bleiben, bis zu dem wir schon vorgedrungen sind, und man könne nun aus dem, was eben da ist, weiterarbeiten; es werde sich das andere schon ergeben. Immer wiederum habe ich im Laufe der Jahre gegen diese Zeitempfindungen sprechen müssen, hinweisen müssen darauf, wie es notwendig ist, durch Umlernen und Umdenken die Geneigtheit zu finden, aus den tiefsten Fundamenten des Geistes- und Kulturlebens heraus an einen wirklichen Neubau unserer öffentlichen Verhältnisse, unseres öffentlichen Lebens zu denken. Und wenn es auch eine kleine Anzahl von Menschen heute schon gibt, welche darauf aufmerksam geworden sind, wie alle Anzeichen dafür sprechen, daß ohne solche durchgreifende 'Tat die abschüssige Bahn weiter und weiter gewandelt werden muß, so kann man auch bei diesen wenigen Menschen nur geringes Verständnis für dasjenige finden, was aus dem Eistreben einer neuen Metamorphose des menschlichen Geistes notwendig ist, um zu einer Gesundung, zu einer Heilung von manchem Kranken zu führen, das sich eben in der abschüssigen Bahn unseres Kulturlebens auslebt.
[ 1 ] A kind of nightmare can settle upon the soul of anyone observing humanity’s current cultural life—a sort of constriction of the tormented heart—when one realizes how few people there still are who are willing to look with an unbiased eye at how we are on a downward slope with regard to the most important branches of our cultural life. This downward spiral has, after all, become sufficiently apparent through the events of recent years, through everything that has befallen humanity. Yet we still find, in many cases today, that people succumb to the notion that—unless something drastic is done—things must at least remain at the level of chaos we have already reached, and that we can now continue working from what is already there; the rest will work itself out. Time and again over the years, I have had to speak out against this sense of the times, pointing out how necessary it is, through re-learning and rethinking, to find the inclination—rooted in the deepest foundations of spiritual and cultural life—to conceive of a genuine rebuilding of our social conditions and our public life. And even if there is already a small number of people today who have come to realize—as all signs indicate—that without such far-reaching ‘ action, we will have to continue down this slippery slope further and further, even among these few people one can find only limited understanding of what is required—out of the earnest striving for a new metamorphosis of the human spirit—to bring about a recovery, a healing of many a ailment that is currently playing out on the slippery slope of our cultural life.
[ 2 ] Drei Erscheinungen sind es, aus denen ein Wichtigstes für das Verständnis unserer Zeit und dessen, was in ihr notwendig ist, hervorleuchten kann. Das Erste möchte ich nennen den Hauptmangel unserer Zeit. Seit Jahrzehnten sind die Vorträge über Geisteswissenschaft bemüht gewesen, auf diesen Hauptmangel hinzuweisen und auch auf mancherlei, was aus diesem Hauptmangel einer nicht hinlänglichen Erkenntnis und Durchschauung des Geisteslebens selbst für die Entwicklung der Menschheit der Gegenwart und der nächsten Zukunft folgen muß. Das Zweite, was laut und deutlich aus den Tatsachen der Gegenwart heraus spricht, möchte ich die Hauptforderung nennen. Und diese Hauptforderung tönt seit mehr als einem Jahrhundert in viele Herzen hinein, seit jener Zeit, als Schiller in seinem «Don Carlos» die Worte sprechen ließ: «Geben Sie Gedankenfreiheit!» Wer tiefer hineinblickt in das soziale und in das Geistesleben unserer Zeit, wird finden können, wie sich hinter manchem, was heute von den Leuten bewußt formuliert wird als diese oder jene soziale Forderung, eigentlich die Forderung nach einer freien Betätigung des innersten Menschenwesens, des menschlichen Gedankens verbirgt. Seufzend stehen viele Menschen unter dem Zwang ihres Gedankenlebens, der ihnen entweder aus alten bestehenden Einrichtungen oder auch aus den neuen wirtschaftlichen Verhältnissen heraus kommt. Sie finden sich entweder dutch offiziell bestehende Bekenntnisse oder auch durch den Zwang des wirtschaftlichen Lebens in ihrer freien Entfaltung des Gedankens gehemmt. Was eigentlich in den Seelen lebt, bleibt zum guten Teil unbewußt; was aber ins Bewußtsein heraufsteigt, kommt darin zum Ausdruck, daß man mit irgend etwas nicht zufrieden sein könne; daß etwas da ist, was den Menschen nicht offen und frei vor sich bekennen läßt: Ich darf ein menschenwürdiges Dasein führen. Und so entstehen die mannigfachsten Programme, die sehr schöne Dinge enthalten, aber nicht hinunterreichen auf den Grund der Seele, um zu schauen, was da eigentlich lebt. Sucht man nach dem, was da lebt: es ist die Sehnsucht nach freiester Betätigung des innersten Menschenwesens, nach dem, was man zusammenfassen könnte mit dem Ausdruck der Zeitforderung nach Gedankenfreiheit. Und man braucht nur das Wort «soziale Kräfte» auszusprechen — und es kann gefühlt werden, wie damit darauf hingewiesen ist, daß uns die modernen Geistes-, die modernen Rechts- und politischen, die modernen wirtschaftlichen Verhältnisse ein Zeitalter heraufgeführt haben, in dem die produktiven Kräfte des Lebens kompliziert wirken, und wie wir nicht imstande sind, aus dem heraus, was wir geistig bezwingen, aus dem heraus, was wir programmatisch verarbeiten wollen, diese sozialen Kräfte, in die die Menschen hineinverwoben sind, so zu organisieren, daß innerhalb dieser Organisation der einzelne Mensch, der zum Bewußtsein seines Menschentums gekommen ist, sich die Frage befriedigend beantworten kann: Führe ich ein menschenwürdiges Dasein?
[ 2 ] There are three phenomena from which the most important insight for understanding our time and what is necessary within it can emerge. The first I would like to call the principal deficiency of our time. For decades, lectures on Spiritual Science have sought to point out this principal deficiency, as well as various consequences that must follow from this deficiency—namely, an insufficient understanding and insight into spiritual life itself—for the development of humanity in the present and the near future. The second thing, which speaks loudly and clearly from the facts of the present, I would like to call the central demand. And this central demand has been resonating in many hearts for more than a century, ever since the time when Schiller had his character in *Don Carlos* utter the words: “Grant freedom of thought!” Anyone who looks more deeply into the social and spiritual life of our time will be able to see how, behind much of what people today consciously formulate as this or that social demand, there actually lies the demand for the free expression of the innermost human being—human thought. Many people stand, sighing, under the constraints of their intellectual lives, which stem either from old, established institutions or from the new economic conditions. They find their free intellectual development hindered either by officially held beliefs or by the pressures of economic life. What actually lives within the soul remains largely unconscious; but what rises into consciousness is expressed in the feeling that one cannot be satisfied with anything; that there is something preventing people from openly and freely acknowledging to themselves: “I am entitled to lead a life worthy of a human being.” And so the most diverse programs arise, which contain very beautiful ideas but do not reach down to the depths of the soul to see what actually lives there. If one searches for what lives there, it is the longing for the freest expression of one’s innermost being—for what could be summed up by the contemporary demand for freedom of thought. And one need only utter the words “social forces”—and one can sense how this points to the fact that modern intellectual, legal, political, and economic conditions have ushered us into an age in which the productive forces of life operate in complex ways, and how we are unable, based on what we intellectually master and what we seek to systematically address, to organize these social forces—into which human beings are woven—in such a way that, within this organization, the individual who has become conscious of their humanity can satisfactorily answer the question: Am I leading a life worthy of a human being?
[ 3 ] Ich darf voraussetzen, daß der größte Teil der heute hier versammelten Zuhörer aus den Vorträgen und den Schriften, welche den Inhalt dieser Vorträge weiter ausführen, und die von mir veröffentlicht sind, im Laufe vieler Jahre haben entnehmen können, welches der innere Sinn und welches der Geist der hier gemeinten Geisteswissenschaft ist. Diese Geisteswissenschaft glaubt, aus einer Zeitnotwendigkeit heraus sich hineinstellen zu müssen in das gegenwärtige Kulturleben. Ich werde heute, da ich auf die zahlreichen hier schon gehaltenen Vorträge verweisen darf, nur einiges Prinzipielle darüber anzudeuten brauchen. Vor allen Dingen möchte ich aber noch einmal auf eines einleitungsweise hindeuten, das schon in den verschiedensten Formen besprochen worden ist.
[ 3 ] I may assume that the majority of the audience gathered here today have, over the course of many years, been able to glean from the lectures and the writings—which elaborate on the content of these lectures and which I have published—what the inner meaning and spirit of the Spiritual Science referred to here are. This Spiritual Science believes that, out of a necessity of the times, it must engage with contemporary cultural life. Today, since I may refer to the numerous lectures already given here, I need only touch upon a few fundamental points. Above all, however, I would like to begin by pointing out once again something that has already been discussed in various forms.
[ 4 ] Wenn von Geisteswissenschaft die Rede ist, so bringt die Außenwelt sie vielfach mit allen möglichen Formen einer vertrackten Mystik, einer vertrackten Theosophie und so weiter zusammen. Trotzdem diese Geisteswissenschaft tut, was sie kann, um über ihren eigentlichen Sinn aufzuklären, so wird doch in weitesten Kreisen heute noch so über sie gesprochen, daß es das gerade Gegenteil von dem darstellt, was diese Geisteswissenschaft eigentlich sein will. In erster Linie empfinden es die Träger dieser Geisteswissenschaft, daß seit drei bis vier Jahrhunderten eine Denkweise innerhalb der Menschheit heraufgezogen ist, die unser ganzes Leben beherrscht, und die ihren bedeutsamsten Ausdruck in der Vorstellungsart der neueren Naturwissenschaft gefunden hat. Ich bitte, mich in diesem Punkte nicht mißzuverstehen. Nicht will ich den Glauben erwecken, als ob ich annähme, daß von jener Geistesrichtung nur diejenigen Menschen erfüllt sind, die irgendeine naturwissenschaftliche Bildung durchgemacht haben. So ist die Sache nicht, sondern Menschen weitester Kreise, bis hinunter zu denen mit einer ganz primitiven Kultur und Bildung, die heute eine Aufklärung haben wollen über das Wesen des Menschen, über das Wesen des sozialen Lebens, über das Wesen auch des Weltalls, sie denken so, sie stellen in einer solchen Richtung vor, wie es in der Hauptsache dutch die Naturwissenschaft zum Ausdruck gekommen ist. Und es ist kein Wunder, daß das so ist, denn unser ganzes Leben, das uns umgibt, in das wir den ganzen Tag über hineinverwoben sind, ist im Grunde genommen ein Ergebnis dieser naturwissenschaftlichen Denkweise.
[ 4 ] When people speak of Spiritual Science, the outside world often associates it with all manner of convoluted mysticism, convoluted theosophy, and so on. Although the Spiritual Science does its best to clarify its true meaning, it is still spoken of in the widest circles today in a way that represents the exact opposite of what the Spiritual Science actually aims to be. First and foremost, the proponents of this Spiritual Science feel that, over the past three to four centuries, a way of thinking has taken hold within humanity that dominates our entire lives and has found its most significant expression in the conceptual framework of modern natural science. Please do not misunderstand me on this point. I do not wish to give the impression that I assume this way of thinking pervades only those who have received some kind of scientific education. That is not the case; rather, people from the broadest circles—down to those with a very primitive culture and education—who today seek enlightenment about the nature of the human being, about the nature of social life, and about the nature of the universe as well, think in this way and conceive of things in a manner that has, for the most part, found expression through natural science. And it is no wonder that this is the case, for our entire life—the life that surrounds us and into which we are woven all day long—is, in essence, a result of this scientific way of thinking.
[ 5 ] Diejenigen, die mich öfters gehört haben, wissen, daß ich diese naturwissenschaftliche Denkweise nicht unterschätze, daß ich ihre großen Triumphe wohl anerkenne. Aber sie hat diese Triumphe gerade dadurch erzielt, sie hat einen Teil unseres praktischen Lebens in so großartiger Weise ergreifen können, weil sie im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte grandios einseitig geworden ist. Alles, was nach dieser Richtung hin die Menschen denken, fußt auf der Erkenntnis der leblosen Natur, des Physikalischen, des Chemischen, was dann übergeht in die Technik, in alles das, was unseren Lebenseinrichtungen zugrunde liegt, was auch zum Beispiel in unsere Heilmethoden übergeht, also in diejenigen Erkenntnisse, die für das Menschenleben von einer gewissen Seite her hilfreich sein sollen. Wer aber in vorurteilsloser Weise anerkennt, wie gewaltig die Fortschritte naturwissenschaftlicher Vorstellungsart in biologischer, physikalischer, chemischer Hinsicht sind, und wer zu würdigen versteht die Tragweite dessen, was gewissenhafte Methodik in diesem Punkte geleistet hat, gerade der wird zu gleicher Zeit die Grenzen dieser naturwissenschaftlichen Vorstellungsweise auch voll ins Auge fassen können. Ich habe das unzählige Male hier ausgeführt, und ich möchte es jetzt zusammenfassen in die Worte: Wer tiefer eindringt in das, was wir heute echte Naturwissenschaft nennen, wird finden, daß diese Naturwissenschaft vorzügliche Aufschlüsse gibt über die leblose Natur und über dasjenige am Lebendigen, was, ich möchte sagen, aus Einschlüssen in dieser leblosen Natur besteht. Aber eines gibt es, vor dem wir gerade dann stehen bleiben müssen, wenn wir die Erkenntnistragweiten der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart überschauen: Wir müssen stehen bleiben vor dem eigentlichen Wesen des Menschen. Es gibt keine Möglichkeit, wenn man sich nicht einer Selbsttäuschung hingeben will, zu glauben, daß diese Anschauungen, die uns so tief hineingeführt haben in das Leblose, die uns «so herrlich weit gebracht» haben in unseren technischen Leistungen, daß diese Anschauungen einen Aufschluß geben können über das Wesen des Menschen. Dieser Aufschluß über das Wesen des Menschen — das kann derjenige wissen, der nicht an jener Fable convenue festhält, die zwar nicht Geschichte ist, die man aber Geschichte nennt -, diese Erkenntnis des Menschen war bis zu dem Zeitpunkt, der drei bis vier Jahrhunderte zurückliegt, dem Menschen etwas Instinktives. Es lebte eine gewisse Erkenntnis des menschlichen Wesens aus einem ursprünglichen elementaren Instinkt der Menschheit. Allein gerade so, wie das einzelne Menschenwesen eine Entwicklung durchmacht, so auch die ganze Menschheit. Und die Menschheit ist einmal - man mag aus Täuschungen heraus noch so sehr etwas anderes behaupten - in ihrer Entwicklung an jenem Punkte angelangt, wo sie über das Menschenwesen nicht mehr aus dem bloßen Instinkt heraus urteilen kann, wo es notwendig ist, daß der Mensch bewußt eindringe in das Wesen des Menschen selbst, wie er bewußt eindringen muß seit Kopernikus, seit Galilei in die Erscheinungen des äußeren Naturlebens. Wenn man an den entscheidenden Punkt kommt, wo man stille stehen muß mit der Naturwissenschaft vor dem Einblick in die menschliche Wesenheit, da gibt es nichts anderes, als sich hinzuwenden zu dem, was ich schon öfters genannt habe die dem Menschen notwendige intellektuelle Bescheidenheit, die erst die Grundlage abgeben kann für das Erstreben einer wirklichen menschlichen Entwicklung.
[ 5 ] Those who have heard me speak often know that I do not underestimate this scientific way of thinking, and that I certainly acknowledge its great triumphs. But it has achieved these triumphs precisely because it has been able to take such a magnificent hold on a part of our practical life—because, over the course of the last three to four centuries, it has become spectacularly one-sided. Everything people think in this direction is based on an understanding of inanimate nature—the physical and the chemical—which then spills over into technology, into everything that underlies the structures of our lives, and which also finds its way, for example, into our methods of healing—that is, into those insights that are intended to be helpful to human life from a certain perspective. But anyone who recognizes, without prejudice, just how immense the advances of the scientific way of thinking have been in the biological, physical, and chemical realms, and who is able to appreciate the significance of what conscientious methodology has achieved in this regard, will at the same time be able to fully grasp the limitations of this scientific way of thinking. I have explained this countless times here, and I would now like to summarize it in the following words: Anyone who delves more deeply into what we today call genuine natural science will find that this natural science provides excellent insights into inanimate nature and into that aspect of the living world which, I might say, consists of inclusions within this inanimate nature. But there is one thing before which we must pause precisely when we survey the scope of knowledge offered by the scientific way of thinking: we must pause before the very essence of the human being. There is no way—unless one wishes to indulge in self-deception—to believe that these views, which have led us so deeply into the inanimate world and have “taken us so wonderfully far” in our technical achievements, can provide any insight into the essence of the human being. This insight into the nature of the human being—which can be known by anyone who does not cling to that conventional fable, which, though not history, is called history—this understanding of the human being was, up until a time three to four centuries ago, something instinctive to humankind. A certain understanding of human nature arose from a primal, elemental instinct of humankind. But just as the individual human being undergoes a process of development, so too does all of humanity. And humanity has now—no matter how much one might claim otherwise out of delusion—reached a point in its development where it can no longer judge the human being based solely on instinct, where it is necessary for humanity to consciously penetrate the very essence of the human being, just as it has had to consciously penetrate the phenomena of external natural life since Copernicus and Galileo. When one reaches the decisive point where one must pause, with the natural sciences, before gaining insight into the human essence, there is nothing left but to turn to what I have often referred to as the intellectual humility necessary for human beings—the very foundation upon which the pursuit of true human development can be built.
[ 6 ] Wer nicht aus echtem Erkenntnissinn heraus diese intellektuelle Bescheidenheit entwickeln kann, vermag nicht zu einer wirklichen Erkenntnis des Menschenwesens zu kommen. Man muß sich sagen können: Ich sehe ein fünfjähriges Kind, und ich gebe ihm einen Band Goethescher lyrischer Gedichte. Es sieht ihn an, es zerreißt vielleicht das Buch. Es hat alles das vor sich, was der Erwachsene, der eine Entwicklung durchgemacht hat, auch vor sich hat, so daß er wirklich das finden kann, was aus diesem Band Gedichte zu ihm sprechen soll. Aber wie man zugeben muß, daß das Kind sich erst entwickeln muß, um in der richtigen Weise zu dem zu stehen, was es vor sich hat, so muß man heute auch sagen: So wie der Mensch durch die Natur in das Dasein hereingestellt ist, steht er vor dem Menschenleben selbst wie ein fünfjähriges Kind vor einem Band Goethescher Gedichte, wenn er nicht den Willen hat, seine Entwicklung über das hinauszuführen, was man heute gewöhnlich für die einzig möglichen Methoden hält. Man muß seine Entwicklung selbst in die Hand nehmen. Dann aber zeigt sich, daß in dieser Menschenwesenheit unbekannte, verborgene Kräfte sind, die auferweckt werden können und die eine ebenso streng wissenschaftliche Erkenntnis geben, wie sie nur je eine Naturwissenschaft zu geben vermag, die aber über das Erkennen der Außenwelt, der Sinnenwelt hinausgehen und in das Übersinnliche führen und dann erst dahin leiten, das Wesen des Menschen wirklich zu durchschauen. Gestehen muß man sich können: Mit den gewöhnlichen Kräften, die für das Naturerkennen ausreichen, können wir nicht an das Menschenwesen herantreten. Wir können es nur, wenn wir Erkenntniskräfte, die sonst in uns schlummern wie die Verständniskräfte im fünfjährigen Kinde, — wenn wir diese herausholen aus den Tiefen der menschlichen Seele.
[ 6 ] Anyone who cannot develop this intellectual humility out of a genuine sense of knowledge will not be able to arrive at a true understanding of the human being. One must be able to say to oneself: I see a five-year-old child, and I give him a volume of Goethe’s lyric poems. The child looks at it; perhaps it tears the book apart. It faces the same challenges as the adult who has undergone a process of development, so that the adult can truly find what speaks to him or her in this volume of poetry. But just as one must acknowledge that the child must first develop in order to relate properly to what is before it, so too must one say today: Just as human beings are placed into existence by nature, they stand before human life itself like a five-year-old child stands before a volume of Goethe’s poems, unless they have the will to carry their development beyond what is commonly regarded today as the only possible methods. One must take one’s own development into one’s own hands. But then it becomes apparent that there are unknown, hidden powers within this human being that can be awakened and that provide a scientific understanding just as rigorous as any natural science can offer—yet these powers go beyond the knowledge of the external world, the sensory world, and lead into the supersensible, guiding us only then to truly penetrate the essence of the human being. We must be able to admit: With the ordinary faculties that suffice for understanding nature, we cannot approach the human being. We can do so only if we draw out from the depths of the human soul those powers of cognition that otherwise lie dormant within us, just as the powers of understanding do in a five-year-old child.—
[ 7 ] Und so vertritt die hier gemeinte Geisteswissenschaft die Anschauung, daß es möglich ist, von dem Standpunkt aus, der hinreichend ist, um die äußere leblose Natur zu erkennen, den Menschen weiterzuführen zu Gesichtspunkten der Erkenntnis, von denen aus man erst in das menschliche Wesen eindringen kann. Diese Geisteswissenschaft will nicht sein ein müßiges Grübeln in innerer Mystik, diese Geisteswissenschaft will auch nicht irgendwelche äußeren Machinationen handhaben, um zum Geiste vorzurücken, sondern will etwas sein, was so streng auf dasjenige baut, wofür der Mensch wirklich entwicklungsfähig ist, wie etwa der Mathematiker auf die Entwicklung jener Fähigkeiten baut, die auch ganz aus dem Innern des Menschen hervorgeholt werden. So streng logisch will diese Geisteswissenschaft sein wie nur irgendein anderer Zweig der Wissenschaft, sie will aber diese Logik nur auf das anwenden, was sich als geistige Schauung ergibt, wenn naturgemäß das im menschlichen Innern Schlummernde wirklich erweckt wird. Ich habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» darauf hingewiesen, daß es durchaus innerliche, seelisch-geistige Methoden sind, durch die diese Entwicklung innerer, geistig-seelischer Kräfte im Menschen bewirkt wird, und wie dadurch in ihm aufgeht, um mit den Goetheschen Worten zu sprechen, ein Geistesauge, ein Seelenohr, ein Geistesohr, damit er das Geistige, das Seelische schauen, hören kann, für das wir heute im Grunde genommen nur Worte haben. Da wird darauf hingewiesen, daß es darauf ankommt, eine gewisse Verstärkung des Gedankenlebens immer wiederum zu pflegen. Ich habe darauf hingewiesen, wie eine gewisse Selbstzucht, ein In-die-HandNehmen derjenigen Entwicklung notwendig ist, in der wir uns sonst einfach dem Leben überlassen, damit das geistige Auge, das geistige Ohr aufgeht.
[ 7 ] And so the Spiritual Science referred to here holds the view that it is possible, starting from a standpoint sufficient for understanding external, inanimate nature, to lead human beings on to perspectives of knowledge from which one can truly penetrate the human being. This Spiritual Science does not wish to be idle musing in inner mysticism, nor does it wish to employ any external machinations to advance toward the spirit; rather, it wishes to be something that builds so strictly upon that for which human beings are truly capable of development, just as a mathematician builds upon the development of those abilities that are also drawn entirely from within the human being. The Spiritual Science aims to be as strictly logical as any other branch of science, but it seeks to apply this logic only to what emerges as spiritual insight when what lies dormant within the human being is truly awakened in a natural way. In my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, I have pointed out that it is entirely inner, soul-spiritual methods through which this development of inner, spiritual-soul forces in the human being is brought about, and how, through this, an “eye of the spirit,” to use Goethe’s words, a soul-ear, a spiritual ear, so that he may see and hear the spiritual and the soul-world—for which, in essence, we have only words today. There, it is pointed out that it is essential to continually cultivate a certain strengthening of the life of thought. I have pointed out how a certain self-discipline—taking control of that development in which we would otherwise simply leave ourselves to the course of life—is necessary so that the spiritual eye and the spiritual ear may open.
[ 8 ] Die meisten Zeitgenossen verhalten sich noch durchaus ablehnend gegen alles, was von dieser Seite kommt. Und dennoch, man braucht nur darauf hinzuweisen, wie in unserer Zeit, in welcher die sozialen Forderungen an allen Orten nur so aufschießen, die antisozialsten Triebe walten. Woher kommen diese? Sie kommen davon her, daß die Menschen eigentlich ohne Verständnis aneinander vorübergehen und daß sie einander nicht begreifen. Und warum begreifen sie einander nicht? Weil das, was sie Erkenntnis, was sie ihr Wissen nennen, nicht in den ganzen Menschen eingreift, weil das im Kopfe bleibt, weil sich das beschränkt auf den bloßen Intellekt: Das ist das Eigentümliche der hier gemeinten Geisteswissenschaft, daß die Erkenntnisse, die sie liefert durch die entwickelten Kräfte, den ganzen Menschen ergreifen, daß sie nicht nur zum Intellekt, nicht nur zum Kopfe sprechen, sondern daß sie Gefühl und Willen durchtränken, daß sie eingießen in das Fühlen Menschenverständnis, Verständnis alles dessen, was da lebt und webt neben und außer uns, daß sie den Willen durchpulsen mit Ethik, mit Sittenlehre, mit einer sozialen Gesinnung, die zu gleicher Zeit auf das unmittelbar praktische Leben einwirkt.
[ 8 ] Most people today are still quite hostile toward anything that comes from this side. And yet, one need only point out how, in our time—when social demands are springing up everywhere—the most antisocial impulses are running rampant. Where do these come from? They stem from the fact that people essentially pass each other by without understanding one another and that they do not comprehend one another. And why do they not comprehend one another? Because what they call insight, what they call their knowledge, does not penetrate the whole human being; because it remains in the head; because it is limited to the mere intellect: This is the distinctive feature of the Spiritual Science referred to here: that the insights it provides through its developed powers engage the whole human being; that they speak not only to the intellect, not only to the mind, but that they permeate feeling and will; that they infuse feeling with an understanding of humanity, an understanding of all that lives and weaves alongside and beyond us, that it pulses through the will with ethics, with moral teaching, with a social attitude that simultaneously influences immediate practical life.
[ 9 ] Diese Geisteswissenschaft kennt nicht jene unglückselige Teilung, die man heute an allen Straßenecken besprochen findet, die Teilung in Kopf- und Handarbeit. Was ist schließlich unsere Handarbeit? Sie ist nichts anderes als der Gebrauch unserer Leibeswerkzeuge im Dienste unseres Willens. Wenn wir uns aber klar sind darüber - und ich habe oft auch davon gesprochen -, daß dieser Wille als ein Geistiges alles durchpulst, was wir als ganzer Mensch verrichten, und wiederum zurückstrahlt auf den Verstand unseres Kopfes, — wenn wir wirklich den ganzen Menschen im Auge haben, dann erst werden wir den innersten Impuls dieser Geisteswissenschaft verstehen.
[ 9 ] This Spiritual Science does not recognize that unfortunate division—which is discussed on every street corner today—between mental and manual labor. What, after all, is our manual labor? It is nothing other than the use of our physical tools in the service of our will. But if we are clear about the fact—and I have often spoken of this as well—that this will, as a spiritual force, permeates everything we do as whole human beings and, in turn, radiates back to the intellect in our heads—if we truly keep the whole human being in mind, only then will we understand the innermost impulse of the Spiritual Science.
[ 10 ] Verzeihen Sie, wenn ich bei dieser Gelegenheit etwas Persönliches erwähne. Aber Persönliches wird in diesem Falle gerade dienlich sein, um Sachliches klarmachen zu können. Der Geisteswissenschaft, von der hier gesprochen ist, ihr soll dienen auf dem im Nordwesten der Schweiz gelegenen Dornacher Hügel, einem Stück Jura, das dort errichtete Goetheanum, das gedacht ist als eine Hochschule für Geisteswissenschaft. Als darangegangen wurde, diese Hochschule für Geisteswissenschaft zu begründen und ihr den äußeren Bau zu widmen, konnte es sich nicht darum handeln, nun zu irgend jemand zu gehen, der aus den alten architektonischen oder künstlerischen Anschauungen heraus einen Bau gebaut hätte, in den man dann eingezogen wäre, um diese Geisteswissenschaft zu betreiben. Nein, da mußte es sich um etwas anderes handeln. Diese Geisteswissenschaft ist von Anfang an so fruchtbar gedacht gewesen, daß sie eingreifen kann in das ganze äußere Kulturleben, daß sie wirklich dasjenige, was alt geworden ist in unserer Kunst, in unserer Architektonik, in unserem Leben, in unserer Arbeit, neu befruchten kann. So konnte man nicht einfach jemandem den Auftrag geben: Baue mir im griechischen, im romanischen, im gotischen oder sonst einem Baustil einen Bau. Sondern aus dieser Geisteswissenschaft selber gingen so wie die anderen Gedanken des Lebens, wie die anderen Impulse des Lebens, auch die architektonischen Gedanken hervor, die eingaben: so muß dieser Bau sein in jeder Linie, in jeder einzelnen Form. Und so wurde der Bau unternommen, daß er in der Tat in jeder einzelnen, auch in der kleinsten seiner Formen die äußere Kristallisation dessen sein wird, was als Vorstellungsweise, als Gesinnung dieser Geisteswissenschaft zugrunde liegt.
[ 10 ] Please forgive me if I mention something personal on this occasion. But in this case, a personal note will actually be helpful in clarifying the factual points. The Goetheanum, which is intended to serve Spiritual Science discussed here, is being built on the Dornach Hill in northwestern Switzerland—a part of the Jura Mountains—and is conceived as a School of Spiritual Science. When work began on founding this School of Spiritual Science and dedicating a physical building to it, the idea was not to go to just anyone who, based on old architectural or artistic concepts, would have built a structure into which we would then move in order to practice Spiritual Science. No, it had to be something else. From the very beginning, this Spiritual Science was conceived as so fruitful that it can intervene in the entire external cultural life, that it can truly breathe new life into what has become outdated in our art, in our architecture, in our lives, and in our work. So one could not simply commission someone to say: “Build me a structure in the Greek, Romanesque, Gothic, or any other architectural style.” Rather, just as other thoughts of life and other impulses of life arise from this Spiritual Science itself, so too did the architectural ideas emerge, dictating: “This is how this building must be in every line, in every single form.” And so the building was undertaken in such a way that it would indeed be, in every single one of its forms—even the smallest—the outward crystallization of what underlies the Spiritual Science as a mode of thought and as a disposition.
[ 11 ] Und so darf ich vielleicht folgendes Persönliche sagen: Es war im Herbst 1913 und im Winter auf 1914, als ich selber das Modell dieses Baues ausarbeitete, den ganzen Bau im kleinen. Ich frage nun, da ich das Modell ausgearbeitet habe, nach dem sogar die architektonischen Zeichnungen gemacht sind: War das, was ich ausarbeitete in Handarbeit, war das Handarbeit oder Kopfarbeit? Das war etwas, wo beides zusammenfloß und als eine Einheit wirkte. Das weiß ich, weil ich die Sache eben gemacht habe. Dann wiederum: Es gibt kaum etwas an diesem Bau, wo ich nicht, wie jeder einzelne Arbeiter, da und dort Hand angelegt habe. Und wen es gerade interessieren könnte, dem möchte ich sagen: Wir arbeiten als Mittelpunktsfigur dieses Baues eine neuneinhalb Meter hohe Holzgruppe, welche darstellen soll das Menschenrätsel unserer Zeit, aber in künstlerischer Erscheinung. Da handelte es sich darum, eine bildhauerische Holzarbeit herzustellen. Trotzdem die Arbeit künstlerisch ist, ist sie, wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf, ein Holzhacken, und ich könnte schon die Schwielen an meinen Fingern zeigen, die den Beweis liefern, daß hier Geistesarbeit in unmittelbarer Handarbeit vom Morgen bis zum Abend selber ausgeführt wird.
[ 11 ] And so perhaps I may share the following personal anecdote: It was in the fall of 1913 and winter of 1914 that I myself crafted the model of this building—the entire structure in miniature. Now that I have created the model—which even served as the basis for the architectural drawings—I ask: Was what I crafted by hand—was that manual labor or mental work? It was something where both merged and functioned as a single unit. I know this because I was the one who actually did it. Then again: There is hardly anything about this building where I, like every single worker, haven’t lent a hand here and there. And for anyone who might be interested, I’d like to say: We are working on a nine-and-a-half-meter-tall wooden sculpture group as the centerpiece of this building, which is intended to represent the human enigma of our time, but in an artistic form. The task there was to create a sculptural work in wood. Although the work is artistic, it is—if I may use the expression—wood carving, and I could even show you the calluses on my fingers, which prove that intellectual labor is carried out here through direct manual work from morning to night.
[ 12 ] Vor kurzem hatten wir eine gewisse finanzielle Frage zu entscheiden; wir mußten die Stühle herstellen. Wir ließen uns den Kostenvoranschlag geben. Der Preis war ein ungeheuerlicher. Nun machten wir in unserem künstlerischen Atelier selbst das Modell eines Stuhles, wir arbeiteten dabei zusammen mit einem Arbeiter, der in der Tat außerordentlich geschickt ist. Als das Modell fertig war — der Stuhl wird nur zwei Fünftel kosten von dem, was er nach dem andern Vorschlag gekostet hätte -, da konnte man wiederum nicht sagen, wo da die Geistesarbeit aufhört und wo die Handarbeit anfängt.
[ 12 ] Recently, we had a certain financial matter to decide; we had to have the chairs made. We asked for a cost estimate. The price was outrageous. So we made a model of a chair ourselves in our art studio, working together with a craftsman who is, in fact, exceptionally skilled. When the model was finished—the chair will cost only two-fifths of what it would have cost according to the other proposal—it was once again impossible to say where the intellectual work ends and the manual labor begins.
[ 13 ] Man darf sogar sagen: Nach der Art, wie da zusammengearbeitet wird im sozialen Zusammenleben mit den Mitarbeitern, die sich aus Freunden unserer Bewegung einerseits und aus Arbeitern andererseits zusammensetzen, gibt es eigentlich nur ein Hindernis, ohne welches es sich zeigen würde, daß überall die Geistesarbeit zusammenfließt mit der Handarbeit. Wir haben zum Beispiel eine Dame, die für ärztliche Hilfsarbeit diplomiert ist und die vom Morgen bis zum Abend für unsere Bildhauerarbeit die Messer schleift. Und wir können fragen: Was hindert es nun, daß dasjenige, was wit, die man geistige Arbeiter schimpft, leisten, einfach ungetrennt überfließe in das, was die Arbeiter machen, zur vollsten Zufriedenheit von beiden Teilen, zum vollständigst befriedigenden sozialen Zusammenarbeiten? Ja, ich habe wohl Verständnis für alles, was als soziale Erscheinungen heraufgezogen ist. Dennoch muß ich sagen: Wenn ich von dem einzigen Hindernis sprechen soll, was unmöglich macht, daß zugleich Handgriff und Geistesarbeit übergeben werden dem Handgriff des Handarbeiters, so ist es das Organisiert sein der Arbeiter, die mit Mißtrauen auf alles sehen, was von den geistigen Arbeitern kommt, die doch eigentlich dasselbe tun.
[ 13 ] One might even say: Given the way we collaborate in our social life with our coworkers—who consist of friends of our movement on the one hand and workers on the other—there is really only one obstacle; without it, it would become clear that intellectual work and manual labor converge everywhere. For example, we have a woman who is certified as a medical assistant and who sharpens the knives for our sculptural work from morning until evening. And we might ask: What is preventing what those we call “intellectual workers” accomplish from simply flowing seamlessly into what the manual laborers do, to the fullest satisfaction of both parties, resulting in the most fully satisfying form of social cooperation? Yes, I certainly understand everything that has emerged as social phenomena. Nevertheless, I must say: If I am to speak of the single obstacle that makes it impossible for both manual labor and intellectual work to be entrusted to the hands of the manual laborer, it is the fact that the workers are organized and view with suspicion everything that comes from the intellectual workers, who are, after all, actually doing the same thing.
[ 14 ] Woher kommt es denn, daß im Grunde genommen heute ein so tiefer Abgrund besteht zwischen dem, was in unserer Kunst, in unserer Wissenschaft, kurzum in unserem geistigen Leben und auch in der geistigen Leitung unseres sozialen Lebens liegt, und in der äußeren Arbeit, mit der sich heute hauptsächlich die proletarische Bewegung zu schaffen macht? Dieser Abgrund ist dadurch gekommen, daß aus unserer Denkweise heraus geflohen ist dasjenige, was den ganzen Menschen betrifft. Eine Gesundung dafür liegt nur in der Geisteswissenschaft, nicht in einer einseitig vertrackten Mystik oder Theosophie, welche müßige Leute in ihrem Kämmerchen betreiben mögen, ohne daß eine Stoßkraft vorhanden ist. Das Gesundende dieser Geisteswissenschaft hegt darin, daß durch sie der ganze Mensch in Anspruch genommen wird. Und ich habe das jetzt deshalb gesagt, um daran die Bemerkung zu knüpfen: Ich weiß, daß die Erkenntnisse, die ich heute vor der Welt mit voller Verantwortung vertrete, mir nicht gekommen wären, wenn ich nur mit dem Kopf gearbeitet hätte, wenn ich nicht mein ganzes Leben hin so etwas hätte treiben müssen, was man gewöhnlich Handarbeit nennt; denn dieses ist ja auch von einer gewissen Wirkung auf den Menschen. Was nur die sogenannte Kopfarbeit ist, was nur den Intellekt in Anspruch nimmt, das reicht nicht bis zum Geist. Und etwas, was heute vielen Menschen als höchst paradox erscheinen wird, das möchte ich hier erwähnen. Man sagt heute draußen im praktischen Leben: Handarbeit, Praxis; drinnen, aus dem Intellekt heraus: geistige Arbeit! O nein, so ist es gar nicht, wie diese Worte glauben machen möchten. Wir haben die Trennung zwischen äußerer Lebenspraxis und dem sogenannten Geistesleben, weil aus beiden der Geist gewichen ist, weil wir heute in der mechanischen Tretmühle der Technik drinnenstehen, weil der Arbeiter an der Maschine steht und bloß mechanische Verrichtungen verübt nach Anleitungen des Intellekts, und weil auf der andern Seite diejenigen, die für ein intellektuelles Leben erzogen werden, zu wenig hineingestellt werden in die realen praktischen Arbeiten. So geistlos unsere Praxis ist, so geistlos ist unser intellektualistisches geistiges Leben. Erst dann, wenn aus der vollen Betätigung des Menschen in der Welt dasjenige wiederum zurückfließt auch nach unserem Kopf, auch zu unserem Denken, was nur aus diesem ganzen Menschenwesen hervorgehen kann in harmonischer Betätigung von allem, was am Menschen ist, nur dann, wenn wir nicht bloß denken mit dem Kopf, sondern so denken, wie man denkt, wenn man einmal mit der Hand etwas geformt hat und gespürt hat, wie das zurückstrahlt in den Kopf, nur dann wird der Gedanke so voll gesättigt von Wirklichkeit, daß Geist darinnen ist. Das bloß Ausgedachte ist geradeso geistlos wie das geistlos an der Maschine Gearbeitete.
[ 14 ] How is it, then, that today there is, in essence, such a deep chasm between what lies in our art, in our science—in short, in our intellectual life and also in the intellectual guidance of our social life—and the practical work with which the proletarian movement is primarily concerned today? This gulf has arisen because that which concerns the whole human being has fled from our way of thinking. A remedy for this lies only in Spiritual Science, not in a one-sided, convoluted mysticism or theosophy that idle people may pursue in their little rooms without any driving force. The healing power of Spiritual Science lies in the fact that it engages the whole human being. And I have said this now in order to make the following point: I know that the insights I represent today before the world with full responsibility would not have come to me if I had worked only with my head, if I had not had to devote my entire life to what is commonly called manual labor; for this, too, has a certain effect on the human being. What is merely so-called “mental work”—what engages only the intellect—does not reach as far as the spirit. And I would like to mention something here that will seem highly paradoxical to many people today. Out there in practical life, people say: manual labor, practice; while indoors, from the perspective of the intellect: intellectual work! Oh no, it is not at all as these words would have us believe. We have this separation between outward practical life and so-called spiritual life because the spirit has withdrawn from both; because we are caught up today in the mechanical grind of technology; because the worker stands at the machine and performs merely mechanical tasks according to the instructions of the intellect, and because, on the other hand, those who are educated for an intellectual life are not sufficiently immersed in real, practical work. Just as spiritless as our practical life is, so too is our intellectualistic “spiritual” life. Only when what can arise solely from the whole human being—through the harmonious activity of everything that constitutes a human being—flows back from the full activity of the human being in the world into our minds and into our thinking, only then, when we do not merely think with our heads, but think as one thinks after having shaped something with one’s hands and felt how that radiates back into the head—only then will the thought be so fully saturated with reality that there is spirit within it. That which is merely conceived is just as spiritless as the work done spiritlessly at a machine.
[ 15 ] Nicht lebensfremde Mystik soll die Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, treiben. Sie soll entsprießen aus dem vollen Sich-Hineinstellen in das Leben und soll gerade viel mehr mit Wirklichkeit gesättigt sein als das, was heute gewöhnlich als Geistesleben gemeint ist. Oder ist etwa, was heute als Geistesleben gemeint ist, mit Wirklichkeit gesättigt? Sehen wir nicht, wie ohnmächtig die Wissenschaft ist, um wirklich zu einem Ergreifen des Geistes zu kommen? Da glauben die Menschen, die heute landläufig in unserer Zeitkultur drinnenstehen, sie treiben vorurteilslose Naturwissenschaft. Aber diese vorurteilslose Naturwissenschaft — wodurch ist sie denn eigentlich entstanden? Dadurch, daß durch lange Jahrhunderte hindurch alles, was die Menschen zu wissen ersehnten über Seele und Geist, über das, was herausreicht über Geburt und Tod, daß sie in bezug auf alles das angewiesen waren — angewiesen durch die sozialen Verhältnisse — auf dasjenige, was die Bekenntnisse monopolisierten. Als der Geist der neueren Naturwissenschaft heraufzog — wie sah es denn da eigentlich im sozialen Leben aus? Monopolisiert war alles das, was der Mensch wissen durfte über Seele und Geist, monopolisiert in den Dogmen der Bekenntnisgesellschaften. Man durfte nicht denken über Seele und Geist, man durfte es nur über die äußere Sinneswelt. Und darin haben sich die Menschen, die Naturwissenschaft getrieben haben, hineingefunden. Sie haben sich gewöhnt, nur über die äußere Sinneswelt zu denken und zu forschen, weil durch Jahrhunderte verboten war, nach Geist und Seele zu forschen. Das haben sie sich übersetzt in gewisse Vorstellungen, sie haben bloß äußere Sinneswissenschaft getrieben. Das ist dann durch eine Selbsttäuschung grandioser Natur zu dem Glauben geworden, exakte Wissenschaft könne nur über äußere Sinneswelt etwas entscheiden, und das Forschen nach Seele und Geist liege jenseits der Grenzen der Erkenntnis. Das aber wurzelt auch im Seelenleben des modernen Menschen und durchdringt alles Leben. Man kann mit einer solchen Anschauung fruchtbare Gedanken über die Natur gewinnen. Sobald man aber heraufdringen will ins soziale Leben, reicht diese Denkweise nicht aus. Da ist es notwendig, zur Begründung einer wirklichen Volkswissenschaft, einer wirklichen sozialen Wissenschaft, die auch eingreifen kann in das Leben, daß wir uns durchdringen mit einer Anschauung über den ganzen Menschen. Und die fehlt uns, weil die Einflüsse, die ich charakterisiert habe, es verhinderten.
[ 15 ] The Spiritual Science referred to here should pursue a form of mysticism that is not detached from life. It should spring from a full immersion in life and should, in fact, be far more saturated with reality than what is commonly understood today as “spiritual life.” Or is what is meant by “spiritual life” today really saturated with reality? Do we not see how powerless science is to truly grasp the spirit? People who are generally immersed in our contemporary culture believe they are practicing unbiased natural science. But this unbiased natural science—how did it actually come about? It arose because, over many centuries, everything people longed to know about the soul and the spirit—about that which extends beyond birth and death—left them, due to social conditions, dependent on what the religious denominations had monopolized. When the spirit of modern science began to emerge—what was the situation actually like in social life at that time? Everything that people were permitted to know about the soul and the spirit was monopolized—monopolized within the dogmas of the denominational societies. People were not allowed to think about the soul and the spirit; they were only allowed to think about the external sensory world. And those who pursued the natural sciences came to accept this state of affairs. They grew accustomed to thinking and researching only the external sensory world, because for centuries it had been forbidden to investigate the spirit and the soul. They translated this into certain mental images and pursued only the science of the external senses. Through a self-deception of monumental proportions, this then gave rise to the belief that exact science could only make determinations about the external sensory world, and that research into the soul and spirit lay beyond the boundaries of knowledge. Yet this belief is also rooted in the inner life of modern human beings and permeates all of life. With such a perspective, one can gain fruitful insights into nature. But as soon as one seeks to penetrate social life, this way of thinking is insufficient. There, in order to establish a true science of the people—a true social science that can also intervene in life—it is necessary for us to imbue ourselves with a view of the whole human being. And this is what we lack, because the influences I have described have prevented it.
[ 16 ] So ist es gekommen, daß man sich sagte: Geist und Seele ist etwas, was Jahrhunderte lang durch Dogmen festgelegt worden ist. Darüber kann nicht geforscht werden. Das ist etwas, was nur durch den Menschenwillen sich wie Rauch und Nebel über dem wirklichen Leben bewegt, und da formt man als das Wirkliche nichts anderes als die ökonomischen Kräfte selber. Der Unglaube entstand: Das Geistige waltet in dem, was die äußeren wirtschaftlichen Kräfte sind. Und aus dem Unglauben entstand, was verhängnisvoll Platz gegriffen hat in den Köpfen und Herzen der Menschen. Der Glaube entstand, daß das Geistesleben von selbst sich heraus entwickeln könne aus den wirtschaftlichen Kräften, wenn diese nur in gewisser Weise organisiert werden. Keine Einsicht ist vorhanden, daß alles, was wirtschaftlich entstanden ist, ursprünglich die Ergebnisse des Geisteslebens sind, daß aber unser Geistesleben weltfremd geworden ist, daß ein Abgrund zwischen ihm und dem äußeren Leben besteht und daß wir für eine Gesundung unseres Lebens eine wirkliche Geisteswissenschaft brauchen, die eindringt in das Wesen des Menschen, die den Menschen ebenso durchdringt wie die äußere Naturwissenschaft die Maschine, die aber auf die entwickelten Kräfte der menschlichen Natur aufgebaut sein muß. Kurz, die Erkenntnis ist außerordentlich erschwert, daß Geisteswissenschaft der Grund werden muß für die Erkenntnis und Bemeisterung des sozialen Lebens. Das ist es, was der Träger der Geisteswissenschaft zu erkennen glaubt, daß der menschliche Intellekt nicht Stoßkraft genug hat, auch nicht da, wo er im heutigen sozialen Leben pulsiert, um ins wirkliche Leben unterzutauchen, und daß Letzteres mehr und mehr ins Chaos kommen muß, wenn nicht die Impulse belebt werden, die hineinreichen ins Fühlen und Wollen, die Mensch zu Mensch so stellen können, daß die sozialen Kräfte organisiert werden können. Nehmen Sie, was Sie wollen an naturwissenschaftlichen Methoden von jener exakten Naturwissenschaft, die in unserer Zeit ihren Höhepunkt erreicht hat, Sie können keine Sozialwissenschaft damit begründen. Gegenüber der Sozialwissenschaft verhalten sich die Vorstellungen, die man ohne die Geisteswissenschaft gewinnt, so, wie sich etwa eine Farbe verhält, die man an einer öligen Fläche anstreichen will. Wie die ölige Fläche die Farbe zurückweist, so weist das Leben zurück, was als bloße Intellektualwissenschaft unter uns waltet.
[ 16 ] And so it came to pass that people said to themselves: The mind and the soul are concepts that have been defined by dogma for centuries. They cannot be studied. They are something that, through human will alone, hovers like smoke and mist over real life, and so what is perceived as reality is nothing other than the economic forces themselves. Disbelief arose: the spiritual reigns in what the external economic forces are. And out of this disbelief arose what has fatally taken root in people’s minds and hearts. The belief arose that spiritual life could develop on its own from economic forces, if only these were organized in a certain way. There is no understanding that everything that has arisen economically is originally the result of spiritual life; but that our spiritual life has become alienated from the world; that there is a gulf between it and external life; and that, for the healing of our lives, we need a true Spiritual Science that penetrates the essence of the human being, that permeates the human being just as external natural science permeates the machine—but which must be built upon the developed powers of human nature. In short, it is exceedingly difficult to recognize that Spiritual Science must become the foundation for understanding and mastering social life. This is what the bearer of Spiritual Science believes he has recognized: that the human intellect lacks sufficient driving force—even where it pulsates in today’s social life—to immerse itself in real life, and that the latter must descend further and further into chaos unless the impulses are revitalized—those that reach into feeling and willing, which can position people toward one another in such a way that social forces can be organized. Take whatever you will from the methods of natural science—from that exact natural science that has reached its peak in our time—you cannot use them to establish a social science. The mental images one gains without the help of the Spiritual Science stand in relation to the social sciences much as, for example, a paint does when one tries to apply it to an oily surface. Just as the oily surface repels the paint, so does life repel what prevails among us as mere intellectual science.
[ 17 ] So schreit das äußere Leben nach einer solchen Vertiefung, wie sie gerade von der Geisteswissenschaft gegeben ist. Geisteswissenschaft wird es sein müssen, welche die Grundlagen abgibt für das, was unbewußt die Menschen heute in ihre sozialen Forderungen kleiden, was sie nicht klar formulieren können, weil die Denkkraft nicht vorhanden ist. Daher ist es notwendig, diese Geisteswissenschaft nicht als etwas aufzufassen, dem man sich nebenbei mit ein paar Gedanken widmen könnte, sondern als etwas, was zu den notwendigsten Bedingungen der Gesundung unseres Lebens gehört. Ich weiß wohl — denn ich glaube wahrhaftig kein unpraktischer Mensch zu sein -, die Leute sagen: Wir haben unsere Berufe, wir können uns nicht widmen dieser immerhin recht ausführlichen Geisteswissenschaft. Sollte nicht auch der andere Gedanke ein wenig einziehen in die Herzen und Seelen der Menschen: Zeigt nicht die heutige abschüssige Bahn, auf der wir wandeln — wenn wir auch noch so sehr drinnen stehen im Beruf -, daß wir nur mitarbeiten an der Gestaltung des Weges in das Chaos hinein? Und sollten wir es nicht für notwendig halten, jede Stunde, die wir erübrigen können, solchen Anschauungen zu widmen, die nun wirklich radikal die Frage nach der Gesundung aufwerfen?
[ 17 ] Thus, external life cries out for the kind of deepening that Spiritual Science alone can provide. It must be Spiritual Science that lays the foundations for what people today unconsciously express in their social demands—things they cannot clearly articulate because they lack the power of thought. Therefore, it is necessary not to regard the Spiritual Science as something one could devote a few passing thoughts to on the side, but as something that belongs to the most essential conditions for the healing of our lives. I am well aware—for I truly do not consider myself an impractical person—that people say: We have our professions; we cannot devote ourselves to this, after all, quite extensive Spiritual Science. Shouldn’t the following thought also find its way into people’s hearts and souls: Doesn’t the downward slope we are walking on today—no matter how deeply immersed we are in our professions—show that we are merely helping to shape the path leading into chaos? And shouldn’t we consider it necessary to devote every spare hour we can to perspectives that truly and radically raise the question of recovery?
[ 18 ] Und innig zusammen hängt das, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist, mit jenem Ruf in unserer Zeit, der aber, wie ich ausgeführt habe, weit älter als ein Jahrhundert ist, mit jenem Ruf, den ich bezeichnen möchte als den Ruf nach Gedankenfreiheit. Dieser Ruf ist aber überhaupt der Ruf nach sozialer Freiheit. Merkwürdig, wenn man in unserer Gegenwart versucht, hineinzuschauen in dasjenige, was in den Wellen der sogenannten sozialen Forderungen an die Oberfläche geht, dann stößt man immer wieder auf die Notwendigkeit, einzusehen, wie es sich eigentlich mit der menschlichen Freiheit verhält, mit jenem Impuls, der sich in der einen oder andern Form als der Impuls der menschlichen Freiheit äußert. Daß man da einen wichtigen Punkt berührt, darauf kam selbst der Mann, den ich für den unglückseligsten Menschen betrachte unter den sogenannten hervorragenden Menschen unserer Zeit, die einen Einfluß auf die Gestaltung der Verhältnisse gewonnen haben — darauf kam sogar Woodrow Wilson. Da ich über Woodrow Wilson auch im neutralen Auslande während der Kriegszeit, während er von allen Seiten so angebetet worden ist, nie anders gesprochen habe, darf ich auch heute so wie immer über Woodrow Wilson sprechen. Es finden sich in seinen Schriften zahlreiche Stellen, in denen er darauf hinweist, wie eine Gesundung der Verhältnisse — er kennt vorzugsweise die amerikanischen — nur daraus hervorgehen könne, daß dem Streben der Menschen nach Freiheit wirklich Rechnung getragen werde.
[ 18 ] And what is meant here by “Spiritual Science” is intimately connected with that call of our time—which, as I have explained, is far older than a century—with that call which I would like to describe as the call for freedom of thought. This call, however, is in essence the call for social freedom. It is remarkable that when one tries, in our present time, to look into what is rising to the surface amid the waves of so-called social demands, one repeatedly encounters the necessity of understanding what human freedom actually entails—that impulse which, in one form or another, manifests itself as the impulse of human freedom. Even the man whom I consider the most unfortunate among the so-called outstanding figures of our time—those who have gained influence over the shaping of circumstances—even Woodrow Wilson himself came to realize that this touches on an important point. Since I never spoke differently about Woodrow Wilson, even in neutral foreign countries during the war, while he was so idolized from all sides, I may speak about Woodrow Wilson today just as I always have. There are numerous passages in his writings in which he points out how a restoration of order—he is particularly familiar with American conditions—can only result from truly taking into account people’s striving for freedom.
[ 19 ] Allein, was ist für Woodrow Wilson Freiheit des Menschen?
[ 19 ] But what does Woodrow Wilson mean by human freedom?
[ 20 ] Da kommt man auf ein sehr, sehr interessantes Kapitel im gegenwärtigen menschlichen Denken - denn eine Art repräsentativer Denker ist dieser Woodrow Wilson ja doch -, da finden Sie in seiner Schrift über die Freiheit folgende Anschauung: Den Begriff Freiheit kann man sich bilden, wenn man auf eine Maschine schaut, wie da ein Zahnrad angebracht ist. Wenn es so angebracht ist, daß die mechanische Einrichtung sich so bewegen kann, daß es ohne Hinderung geschieht, so sagt man, das Zahnrad laufe frei. Wenn man ein Schiff betrachtet, sagt er, so muß das Schiff derart konstruiert sein, daß die Maschinerie in den Wellengang eingreift, so daß es nicht gehindert wird, daß es also gewissermaßen mit den Wellenkräften sich fortbewegt, ihnen angepaßt ist, frei läuft in den Wellenkräften. Mit dem, was ein solches Zahnrad in einer Maschine, was ein Schiff in den Wellen des Meeres ist, vergleicht Woodrow Wilson das, was der Impuls der menschlichen Freiheit wirklich sein soll. Er sagt: Ein Mensch ist dann frei, wenn er ungefähr so wie das Rad in der Maschinerie frei läuft, wenn er frei läuft in den äußeren Verhältnissen, so daß er sich in ihnen fortbewegt, daß er hineingreift mit seinen Kräften in das, was außen läuft, so daß er nicht gehindert wird.
[ 20 ] This brings us to a very, very interesting aspect of contemporary human thought—for Woodrow Wilson is, after all, a representative thinker of his kind—and in his essay on freedom, you will find the following view: One can form a concept of freedom by looking at a machine and observing how a gear is fitted into it. If it is fitted in such a way that the mechanical device can move without hindrance, we say that the gear runs freely. When one considers a ship, he says, the ship must be constructed in such a way that the machinery engages with the swell, so that it is not hindered—that is, so that it moves, as it were, with the forces of the waves, is adapted to them, and runs freely within the forces of the waves. Woodrow Wilson compares what such a gear in a machine—or a ship in the waves of the sea—represents to what the impulse of human freedom should truly be. He says: A person is free when he moves freely, much like the gear in a machine, when he moves freely within external circumstances, so that he propels himself through them, engaging with his own forces in what is happening externally, so that he is not hindered.
[ 21 ] Nun, ich denke, es ist sehr interessant, daß aus der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Vorstellungsart und Gesinnung diese sonderbare Anschauung über die menschliche Freiheit hervorsprießen kann. Denn ist es nicht das Gegenteil von Freiheit, wenn man an die Verhältnisse so angepaßt ist, daß man nur in ihrem Sinne laufen kann? Fordert es nicht die Freiheit, daß man sich nötigenfalls den äußeren Verhältnissen entgegenstemmen kann? Würde man nicht, was als Freiheit lebt, vergleichen müssen mit dem, was sich nötigenfalls so benehmen könnte, daß sich das Schiff gegen die Wellen wendet und stoppt?
[ 21 ] Well, I think it is very interesting that this peculiar view of human freedom can spring from the current scientific way of thinking and mindset. For isn’t it the opposite of freedom to be so adapted to circumstances that one can only act in accordance with them? Doesn’t freedom require that one be able, if necessary, to resist external circumstances? Shouldn’t we compare what we understand as freedom to the ability, when necessary, to act in such a way that a ship turns into the waves and comes to a stop?
[ 22 ] Woher kommt diese so merkwürdige Anschauung, aus der nimmermehr eine gesunde staatsmännische Einsicht entspringen kann, sondern höchstens die 14 abstrakten Punkte der Wilsonschen Kundgebungen, die man leider auch hierzulande in einer gewissen Zeit wenigstens teilweise bewunderte? Daher kommt es, daß in unserer Zeit nicht eingesehen wird, wie man zurückgehen muß auf den menschlichen Gedanken selber, auf jenen Gedanken, der als Gedanke gefaßt wird und der, wenn von Freiheit wirklich geredet wird, den einzigen wirklichen freien Impuls für das Menschenleben abgeben kann. Das war es, was ich vor jetzt mehr als dreißig Jahren versuchte, in meiner «Philosophie der Freiheit» darzustellen, von der vor kurzem eine Neuauflage mit entsprechenden Ergänzungen erschienen ist. Da versuchte ich allerdings in anderer Art diesen Impuls nach Freiheit aufzufassen, als es gegenwärtig geschieht. Ich versuchte zu zeigen, wie falsch gefragt worden ist nach der menschlichen Freiheit. Man fragt: Ist der Mensch frei oder ist er nicht frei? Ist der Mensch ein freies Wesen, das mit wirklicher Verantwortung aus seiner Seele heraus die Entschlüsse fassen kann, oder ist er eingespannt in eine natürliche oder geistige Notwendigkeit wie ein Naturwesen? So hat man gefragt, ich möchte sagen, durch Jahrtausende, und so fragt man noch. Diese Frage schon ist der große Irrtum.
[ 22 ] Where does this most peculiar view come from—one from which sound statesmanlike insight can never spring, but at most the 14 abstract points of Wilson’s proclamations, which, unfortunately, were at least partially admired in this country as well for a certain time? This is why, in our time, people fail to realize that we must return to the human idea itself—that idea which is grasped as an idea and which, when we truly speak of freedom, can provide the only truly free impulse for human life. That was what I attempted to present more than thirty years ago in my *Philosophy of Freedom*, a new edition of which, with appropriate additions, has recently been published. There, however, I attempted to grasp this impulse toward freedom in a different way than is currently done. I sought to show how the question of human freedom has been posed incorrectly. People ask: Is the human being free or is he not free? Is the human being a free being who, with genuine responsibility, can make decisions arising from his soul, or is he bound by a natural or spiritual necessity like a creature of nature? This is how the question has been posed—I would say, for millennia—and this is how it is still asked. This question itself is the great error.
[ 23 ] Man kann so nicht fragen, sondern die Frage nach der Freiheit ist eine Frage der menschlichen Entwicklung, einer solchen menschlichen Entwicklung, daß der Mensch im Laufe seines Jugendlebens oder vielleicht seines späteren Lebens Kräfte in sich entwickelt, die er nicht einfach von Natur aus hat. Man kann gar nicht fragen: Ist der Mensch frei? Von Natur aus ist er es nicht, aber er kann sich immer mehr und mehr frei machen, indem er Kräfte erweckt, die in ihm schlummern und die die Natur nicht erweckt. Der Mensch kann immer freier und freier werden. Man kann nicht fragen: Ist der Mensch frei oder unfrei, sondern nur: Gibt es für den Menschen einen Weg zur Erringung der Freiheit? Und diesen Weg gibt es. Wie gesagt, vor dreißig Jahren versuchte ich zu zeigen: Wenn der Mensch dazu aufrückt, ein inneres Leben in sich zu entwickeln, so daß er die sittlichen Impulse für seine Handlungen in reinen Gedanken erfaßt, kann er wirklich Gedankenimpulse, nicht bloß instinktive Emotionen seinen Handlungen zugrunde legen, — Gedanken, die in die äußere Wirklichkeit so untertauchen wie der Liebende in das geliebte Wesen. Dann nähert sich der Mensch seiner Freiheit. Die Freiheit ist ebenso ein Kind des Gedankens, der in geistiger Hellsichtig "keit erfaßt wird — nicht unter einem äußeren Zwang -, wie sie ein Kind
[ 23 ] One cannot ask the question that way; rather, the question of freedom is a question of human development—a kind of human development in which a person, in the course of his youth or perhaps later in life, develops within himself powers that he does not simply possess by nature. One cannot even ask: Is a person free? By nature, they are not, but they can make themselves more and more free by awakening powers that lie dormant within them and that nature does not awaken. A person can become freer and freer. One cannot ask: Is a person free or unfree? Rather, one can only ask: Is there a path for a person to attain freedom? And this path does exist. As I said, thirty years ago I attempted to show: When a person advances to the point of developing an inner life within themselves, so that they grasp the moral impulses for their actions in pure thought, they can truly base their actions on thought impulses—not merely on instinctive emotions—thoughts that immerse themselves in external reality just as a lover immerses themselves in the beloved. Then a person draws closer to freedom. Freedom is just as much a child of thought—grasped in spiritual clairvoyance, not under external compulsion—as it is a child
[ 24 ] der wahren hingebungsvollen Liebe ist, der Liebe zum Objekt des Handelns. Wonach das deutsche Geistesleben in Schiller strebte, als er sich Kant gegenüberstellte und etwas ahnte von einem solchen Freiheitsbegriff, das ziemt uns, in der Gegenwart weiter auszubilden. Da aber stellte sich mir heraus, daß man nur sprechen kann von demjenigen, was den sittlichen Handlungen zugrunde liegt — wenn es auch bei den Menschen unbewußt bleibt, vorhanden ist es doch -; und daß man das nennen muß Intuition. Und so sprach ich in meiner «Philosophie der Freiheit» von einer moralischen Intuition.
[ 24 ] of true, selfless love—love for the object of action. What German intellectual life aspired to in Schiller, when he confronted Kant and sensed something of such a concept of freedom, is something we ought to continue to develop in the present. But then it became clear to me that one can speak only of that which underlies moral actions—even if it remains unconscious in human beings, it is nonetheless present—and that this must be called intuition. And so, in my *Philosophy of Freedom*, I spoke of a moral intuition.
[ 25 ] Damit aber war auch der Ausgangspunkt gegeben für alles, was ich später auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft zu leisten versuchte. Glauben Sie nicht, daß ich heute über diese Dinge in einer unbescheidenen Weise denke. Ich weiß sehr gut, daß diese «Philosophie der Freiheit», die ich vor mehr als dreißig Jahren als junger Mensch konzipiert habe, gewissermaßen alle Kinderkrankheiten desjenigen Gedankenlebens hat, das im Laufe des 19. Jahrhunderts heraufgezogen ist. Aber ich weiß auch, daß aus diesem Geistesleben heraus das entsprossen ist, was eine Hinaufleitung des Gedankenlebens in das wirklich Geistige ist. So daß ich mir sagen kann: Wenn sich der Mensch zu den sittlichen Impulsen in moralischer Intuition erhebt und ein wirklich freies Wesen darstellt, dann ist er bereits, wenn ich das verpönte Wort gebrauchen darf, mit Bezug auf seine sittlichen Intuitionen «hellsehend ». In dem, was über alles Sinnliche hinausliegt, liegen die Antriebe alles Sittlichen. Im Grunde genommen sind die wirklich sittlichen Gebote Ergebnisse menschlichen Hellsehens. Daher war ein gerader Weg von jener «Philosophie der Freiheit» zu dem, was ich heute als Geisteswissenschaft meine. Freiheit entsprießt im Menschen nur, wenn der Mensch sich entwickelt. Er kann sich aber weiter entwickeln, so daß er dasjenige, was schon der Freiheit zugrunde liegt, auch dazu treibt, daß erunabhängig wird von allem Sinnlichen und sich frei in die Gebiete des Geistes erhebt.
[ 25 ] But this also provided the starting point for everything I later attempted to accomplish in the field of Spiritual Science. Please do not think that I view these matters in an immodest way today. I know very well that this *Philosophy of Freedom*, which I conceived more than thirty years ago as a young man, suffers, so to speak, from all the teething problems of the intellectual life that emerged in the course of the 19th century. But I also know that what has sprung from this intellectual life is an ascent of thought into the truly spiritual. So that I can say to myself: When a human being rises to moral impulses through moral intuition and becomes a truly free being, then—if I may use this frowned-upon word—he is already “clairvoyant” with regard to his moral intuitions. In that which lies beyond all the sensory realm lie the impulses of all that is moral. Fundamentally, the truly moral commandments are the results of human clairvoyance. Hence, there was a direct path from that “Philosophy of Freedom” to what I today mean by Spiritual Science. Freedom springs forth in human beings only when they develop. But they can develop further, so that what already underlies freedom also impels them to become independent of all the sensory realm and to rise freely into the realms of the spirit.
[ 26 ] So hängt Freiheit mit der Entwicklung des menschlichen Denkens zusammen. Freiheit ist im Grunde genommen immer Gedankenfreiheit, und gerade, wenn wir auf solche repräsentativen Leute hinschauen wie Woodrow Wilson, müssen wir sagen: Weil solche Menschen niemals erfaßt haben, was eigentlich der Gedanke an wirklich Geistigem ist, wie er im Geistigen wurzeln muß, wenn er nicht abstrakt sein soll, deshalb können sie so paradoxe Definitionen erfinden, wie Woodrow Wilson für die Freiheit erfunden hat. An solchen Dingen ersehen wir das Ungenügende des gegenwärtigen Geisteslebens, dessen Hauptmangel darin besteht, daß es nicht das geistige Wesen des Menschen erkennt. Wir sehen, was die Hauptforderung ist: Gedankenfreiheit, und was Hauptnot ist: die Bemeisterung der sozialen Kräfte, wenn dieses Leben sich zur Grundlage für diese drei großen Forderungen in der Gegenwart für die nächste Zukunft entwickeln soll. So hängt dasjenige, was ein wirklich ursprünglicher Impuls im Menschen ist, nicht an dem im Menschen, was man durch naturwissenschaftliches Denken erreichen kann, sondern an demjenigen, was nur durch geistige Anschauung zu erreichen ist.
[ 26 ] Thus, freedom is linked to the development of human thought. Freedom is, at its core, always freedom of thought, and precisely when we look at such representative figures as Woodrow Wilson, we must say: Because such people have never grasped what the concept of the truly spiritual actually is—how it must be rooted in the spiritual if it is not to be abstract—they are able to invent such paradoxical definitions as the one Woodrow Wilson devised for freedom. In such things we see the inadequacy of contemporary spiritual life, whose main shortcoming lies in its failure to recognize the spiritual essence of the human being. We see what the primary demand is: freedom of thought, and what the primary need is: the mastery of social forces—if this life is to develop into the foundation for these three great demands of the present for the near future. Thus, what constitutes a truly original impulse in human beings does not lie in that part of the human being which can be reached through scientific thinking, but in that which can only be attained through spiritual insight.
[ 27 ] Über Freiheit ist so viel gestritten worden, weil die Menschen darüber entscheiden möchten, ohne den Boden zu betreten, auf dem sich die Erkenntnis über die Unsterblichkeit der Menschenseele ergibt. Und niemand, der nicht in unbefangener Weise darauf eingeht, über die Erkenntnis der menschlichen Unsterblichkeit, über das Ewige im Menschen zu denken, ist imstande, auf das Wesen der menschlichen Freiheit einzugehen. Sucht man das Wesen dieser Freiheit nicht im Aufleuchten des nicht bloß von der Natur gegebenen Gedankens, dann findet man dieses Wesen der Freiheit nicht. Aber nur, wenn man es gefunden hat, dann durchdringt und durchpulst es den Menschen so, daß er ein wirklich soziales Wesen werden kann, denn es trägt ihn so neben die anderen Menschen in die soziale Ordnung hinein, daß von innen heraus die sozialen Kräfte entbunden werden können, und diese Empfindung der sozialen Kräfte brauchen wir.
[ 27 ] There has been so much debate about freedom because people want to make decisions about it without entering the realm where the realization of the immortality of the human soul arises. And no one who does not approach the subject with an open mind—who does not reflect on the knowledge of human immortality and on the eternal within the human being—is capable of grasping the essence of human freedom. If one does not seek the essence of this freedom in the flash of insight that goes beyond what is merely given by nature, then one will not find this essence of freedom. But only when one has found it does it permeate and pulse through a person in such a way that he or she can become a truly social being; for it carries him or her alongside other human beings into the social order in such a way that social forces can be unleashed from within, and we need this sense of social forces.
[ 28 ] Ich habe vorhin erwähnt, daß wir in Dornach bei unserem Bau in der Lage sind, Menschen hinzustellen, die sogar gewisse Höhepunkte der geistigen Schulung erreicht haben und die die gewöhnlichsten, schmutzigsten Arbeiten verrichten, die darin wahrhaftig nichts denjenigen nachgeben, die man gewöhnlich auch Handarbeiter nennt. In sozialer Beziehung beruht der Bau von Dornach allerdings auf Grundlagen, die nicht ohne weiteres dieselben sind wie bei einer auf materiellen Erwerb gerichteten Unternehmung. Aber gehen Sie ein auf das, was ich auseinandergesetzt habe in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» und in den Vorträgen über die Dreigliederung, dann werden Sie finden, daß die Möglichkeit besteht, ähnliche Grundlagen für das ganze Leben zu schaffen, wie sie in Dornach bei dem Bau geschaffen worden sind, der als Repräsentant für unsere geisteswissenschaftliche Bewegung dastehen soll. Es ist nur schade, daß dieser Bau heute von vielen Leuten in andern Ländern nicht besucht werden kann, weil wir es leider dahin gebracht haben, daß die Überschreitung der Landesgrenzen geradezu eine Unmöglichkeit geworden ist.
[ 28 ] I mentioned earlier that, in Dornach, in connection with our construction project, we are able to employ people who have even reached certain heights of spiritual training and who perform the most ordinary, dirtiest tasks—tasks that are truly on par with those performed by what are commonly called manual laborers. From a social standpoint, however, the construction project in Dornach is based on principles that are not necessarily the same as those of an enterprise aimed at material gain. But if you consider what I have elaborated in my *Key Points of the Social Question* and in the lectures on the threefold social order, you will find that it is possible to create similar foundations for life as a whole as those established in Dornach for the building, which is intended to serve as a representative of our Spiritual Science movement. It is just a pity that this building cannot be visited today by many people in other countries, because we have unfortunately reached a point where crossing national borders has become virtually impossible.
[ 29 ] Warum aber ist es möglich, doch in einem solchen Kreise die sozialen Kräfte so zu entbinden, daß das Ideal der proletarischen Bewegung allerdings anders, als man es sich träumt - erfüllt wird? Weil allem, was da getan wird, zugrunde liegt die Auffassung des Lebens, dieses Ganzin-Angriff-Nehmen des Lebens, das aus den Impulsen der Geisteswissenschaft heraus erfolgt, weil auch alles Einzelne aus der Geisteswissenschaft heraus getan wird. Was da im kleinen aus der Geisteswissenschaft heraus getan wird, es kann auch im ganzen sozialen Leben aus der geisteswissenschaftlichen Erfassung des Lebens getan werden. Jede Fabrik, jede Bank, jedes äußere Unternehmen kann so organisiert werden, wie es nur der organisieren kann, der über das praktische Leben mit einer Wissenschaft zu denken vermag, die so tief in das menschliche Wesen hinabsteigt, daß sie nicht abstrakte Gedanken und Naturgesetze ergreift, sondern lebendige Tatsachen. Auf diese lebendigen Tatsachen kommt man, wenn man nur tief genug durch die angezeigten Methoden in das menschliche Wesen hinuntersteigt. Nicht eine abstrakte Mystik wird gesucht, sondern die Tatsachen des Lebens, durch die der Mensch in der Wirklichkeit drinnensteht. Und indem man den Menschen erkennt, findet man durch diese Geisteswissenschaft zugleich dasjenige, was die sozialen Kräfte in die entsprechende Organisation bringen kann, so daß die in dieser Organisation lebenden Menschen die Frage sich befriedigend beantworten können: Ist das menschliche Leben menschenwürdig?
[ 29 ] But why is it possible, even within such a circle, to unleash social forces in such a way that the ideal of the proletarian movement is fulfilled—albeit differently than one might dream? Because everything that is done there is based on a conception of life—this comprehensive approach to life that arises from the impulses of Spiritual Science—and because every individual action is also carried out in accordance with Spiritual Science. What is done on a small scale in accordance with Spiritual Science can also be done throughout all of social life based on a spiritual-scientific understanding of life. Every factory, every bank, every external enterprise can be organized in a way that only those who are capable of thinking about practical life through a science that delves so deeply into the human being—one that grasps not abstract thoughts and laws of nature, but living facts—can organize. One arrives at these living facts if one only delves deeply enough into the human being through the methods indicated. It is not abstract mysticism that is sought, but the facts of life through which the human being is actually immersed. And by coming to know human beings, one finds through this Spiritual Science, at the same time, that which can bring social forces into the appropriate organization, so that the people living within this organization can satisfactorily answer the question: Is human life worthy of human dignity?
[ 30 ] So hängen die drei Dinge zusammen: soziale Kräfte, Gedankenfteiheit und Geisteswissenschaft. Geisteswissenschaft ist wahrhaftig das Gegenteil dessen, als was man sie oftmals darstellt. Ein Eckensteher des Lebens, so glaubt man, ein Traum müßiger Leute. Nein, Lebenspraxis, gerade diejenige Lebenspraxis, die unserer Zeit am meisten fehlt, will diese Geisteswissenschaft sein. Untertauchen will sie in das Leben, meistern will sie das Leben in Wissenschaft und Praxis, weil sie in die Wirklichkeit des Menschen, nicht bloß in das menschlich gedachte Leben untertauchen will. Es gibt heute gutmeinende Menschen, die sagen: Der bloße Verstand, der bloße Intellekt, der sich in den letzten Jahrhunderten und bis in unsere Zeit herein entfaltet hat, sie taugen nicht mehr zur Gesundung unseres Lebens. Wenn man sie aber fragt, was denn taugt, dann geben sie allgemeine Antworten — eine Wiederbefruchtung der Seele durch den « Geist ». Redet man von wahrer Geisteswissenschaft, so lehnen sie sie ab, weil sie noch Furcht vor ihr haben, oder gebrauchen die sonderbarsten Ausreden. So findet man immer wieder, daß die Leute sagen: Es kann doch nicht ein jeder ein Geistesforscher werden. Gewiß, das kann nicht jeder, das habe ich auch hier immer wieder und wiederum betont. Denn man kann zwar jene ersten Schritte in die geistigen Welten, ins übersinnliche Dasein hinein tun, wie ich sie beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft»; es kann sie jeder jederzeit tun, aber das Vorrücken zu jenen Fragen, die von den Wesenheiten der übersinnlichen Welten in tieferem Sinne handeln, das ist allerdings gebunden an mancherlei Erlebnisse, zu denen heute noch nicht jeder geeignet ist. Derjenige, der hineinschauen will in die geistige Welt, der in dem eigentlichsten Sinn geistiger Forscher werden will, muß manche Überwindungen durchmachen. Sie brauchen nur zu bedenken, daß in dem Augenblick, wo man wirklich mit einer Erkenntnis, die sich nicht der Sinne bedient, in dem Augenblick, da man in ein leibfreies Erkennen eintritt und die gewohnte äußere Welt nicht mehr da ist, - daß man da in einer Welt ist, die allerlei Ungewohntes darbietet: Alle Dinge, die einen gewöhnlich stützen, die sichere äußere Erfahrung, der gewöhnliche Intellekt, sie müssen anderen, inneren Richtekräften weichen. Man ist wie über einem Abgrund und muß sich durch den Schwerpunkt seines eigenen Wesens halten. Davor haben viele Leute eine unbewußte oder unterbewußte Furcht, die sie dann in Logik kleiden gegenüber der Geisteswissenschaft. Die schönsten Gründe können Sie hören; in Wahrheit ist es nur die Furcht vor dem Unbekannten.
[ 30 ] This is how the three things are connected: social forces, freedom of thought, and Spiritual Science. Spiritual Science is truly the opposite of what it is often portrayed as. A marginal phenomenon of life, so people believe; a dream of idle people. No, Spiritual Science aims to be a way of life—precisely the kind of way of life that our time lacks most of all. It seeks to immerse itself in life; it seeks to master life in both science and practice, because it wants to immerse itself in human reality, not merely in a life conceived by the human mind. There are well-meaning people today who say: The mere mind, the mere intellect that has developed over the last few centuries and right up to our own time—these are no longer fit to restore our lives to health. But when asked what is fit for this purpose, they give general answers—a rejuvenation of the soul through the “Spirit.” When one speaks of true Spiritual Science, they reject it because they still fear it, or they come up with the strangest excuses. Time and again, one finds people saying: “Surely not everyone can become a spiritual researcher.” Certainly, not everyone can—I have emphasized this time and again here as well. For while one can indeed take those first steps into the spiritual worlds, into supersensible existence, as I have described them in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* and in the second part of my *Secret Science*; anyone can do them at any time—but advancing to those questions that deal with the beings of the supersensible worlds in a deeper sense is, however, bound up with various experiences for which not everyone is yet suited today. Anyone who wants to look into the spiritual world, who wants to become a spiritual researcher in the truest sense, must overcome many obstacles. You need only consider that at the very moment one truly enters into a form of knowledge that does not make use of the senses—at the moment one enters into a form of perception free from the body and the familiar external world is no longer present—one finds oneself in a world that presents all manner of unfamiliar things: All the things that usually support us—reliable external experience, the ordinary intellect—must give way to other, inner guiding forces. One is as if standing over an abyss and must hold oneself up through the center of one’s own being. Many people harbor an unconscious or subconscious fear of this, which they then cloak in logic when confronting Spiritual Science. You may hear the most eloquent reasons; in truth, it is merely the fear of the unknown.
[ 31 ] Dann aber müssen Sie auch bedenken, daß man ja, so wie man ist als Mensch, nicht angepaßt ist an die geistige Welt, daß man nur angepaßt ist an die äußere Sinneswelt. Man kommt in eine vollständig andere Welt hinein, für die man keine Lebensgewohnheiten entwickelt hat. Das verursacht, wenn man tiefer dringt, jene furchtbar schmerzvollen Erfahrungen, die überwunden werden müssen in wirklicher GeistErkenntnis. Dann, wenn sie überwunden sind, folgen die Erkenntnisse aus dem Innersten unseres Wesens, die Aufschluß geben über das, was das Ewige in der Menschennatur ist, was das Geistige ist, das der Welt zugrunde liegt. Nicht alle Menschen können diesen Weg so weit durchmachen. Aber ich mußte auch immer wieder behaupten, daß es nicht nötig ist, diesen Weg durchzumachen, sondern daß nur nötig ist der gesunde Menschenverstand. Denn dieser gesunde Menschenverstand, wenn er nur nicht beirrt ist durch die Vorurteile der äußeren Anschauungen, kann unterscheiden, ob der, der als Geistesforscher auftritt und von zunächst unbekannten Welten spricht, logisch spricht oder wie ein Spiritist oder sonstwie. Logik hat man, und man kann beurteilen, ob der Betreffende logisch spricht und so spricht, daß die Art seines Sprechens darauf hinweist, daß die Erfahrungen, von welchen er erzählt, in geistiger Gesundheit durchgemacht werden.
[ 31 ] But then you must also bear in mind that, just as we are as human beings, we are not adapted to the spiritual world; we are adapted only to the outer sensory world. We enter a completely different world for which we have not developed any habits of life. As one delves deeper, this gives rise to those terribly painful experiences that must be overcome through true spiritual insight. Then, once they are overcome, insights arise from the very core of our being, shedding light on what is eternal in human nature—on the spiritual reality that underlies the world. Not everyone can go this far along this path. But I have also had to assert time and again that it is not necessary to go through this path, but that all that is needed is common sense. For this common sense—provided it is not misled by the prejudices of external views—can discern whether someone who presents themselves as a spiritual researcher and speaks of worlds initially unknown to us is speaking logically or like a spiritualist or in some other way. One possesses logic, and one can judge whether the person in question speaks logically and in a way that indicates the experiences he describes have been undergone in a state of sound mind.
[ 32 ] Wenn man immer wieder einwendet: Ja, von dem, was die äußere Wissenschaft sagt, kann sich jeder überzeugen, so ist das richtig. Es braucht einer nur die Laboratoriumsmethoden zu behandeln, so kann er es. Ebenso kann man aber auch sagen: Jeder kann sich überzeugen, daß das richtig ist, was beschrieben ist in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und «Theosophie»; man kann aus der Art, wie der Geistesforscher ist, auf den inneren Wert seiner Erkenntnisse schließen. Dann sind diese Erkenntnisse für das Leben so viel wert wie in der Seele des Geistesforschers selber. Aus den äußeren Tatsachen kontrolliert man den Forscher in der äußeren Wissenschaft; aus der Art und Weise, wie gesprochen wird, wie eingekleidet werden die Erkenntnisse, kontrolliert man das, was der Geistesforscher zu sagen hat. Kontrolliert werden kann er durch den gesunden Menschenverstand.
[ 32 ] If one keeps objecting, “Yes, anyone can see for themselves what external science says,” then that is correct. One need only examine the laboratory methods to see that this is so. But one can just as easily say: Anyone can see for themselves that what is described in my books *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* and *Theosophy* is true; one can infer the inner value of a spiritual researcher’s insights from the nature of the researcher himself. Then these insights are as valuable for life as they are in the soul of the spiritual researcher himself. In external science, the researcher is evaluated based on external facts; in spiritual research, what the researcher has to say is evaluated based on the manner in which he speaks and how his insights are presented. He can be evaluated through common sense.
[ 33 ] Bedenken Sie, welche sozialen Kräfte es einmal entbinden wird, wenn immer mehr und mehr Menschen da sein werden, die als Zeugen auftreten für die geistigen Kräfte, die nur im Übersinnlichen gefunden werden können, und die andere Menschen, die nicht selber Geistesforscher sein können - es kann ja auch nicht jeder Chemiker, nicht jeder Physiker sein —, annehmen aus ihrem gesunden Menschenverstand heraus, aus dem Vertrauen, das sich auf den gesunden Menschenverstand gründet. Welche Art des sozialen Zusammenlebens aus dieser Bewertung des Menschen entsteht, ist gerade einer der wichtigsten Punkte, um soziale Vertrauenskräfte zu erwecken. Untergraben werden sie in unserer Zeit, wo jeder, ohne daß er erst seine Entwicklung in die Hand nimmt, kaum daß er erwachsen ist, über alles mögliche urteilen will. Und daß diese Geisteswissenschaft wirklich im sozialen Leben praktische Impulse abgeben kann, wir haben es ja hier versucht durch die Begründung der Waldorfschule, die wir unserem lieben Herrn Molt verdanken, in der das Schulwesen auf wahrer Erkenntnis aufgebaut werden soll. Wir wollen eine soziale Frage in der richtigen Art lösen; denn wir möchten, daß in jedem Kinde heranwachse ein Mensch, der für das spätere Leben jene Richtkraft erhält, daß vom Menschen aus die sozialen Kräfte in fruchtbarer Weise entfaltet werden, nicht aus einem stumpfen, unzulänglichen Wissen heraus, wie es vielfach gerade das soziale Denken unserer Zeit beherrscht. Wir möchten wirklich soziales Denken entfalten, das auf menschlichem Vertrauen, das auf sicheren Grundlagen der menschlichen Seele gebaut ist. Und indem wir in jedem Kinde, das in dieser Schule ist, den werdenden Menschen sehen, indem wir versuchen, ihn zu entwickeln durch Erkenntnisse, welche die pädagogischen Grundlagen beleben können, sehen wir etwas, was notwendig ist, wie in allem, was wir aus dieser Geisteswissenschaft hervorzuholen versuchen.
[ 33 ] Consider what social forces this will unleash when there are more and more people who serve as witnesses to the spiritual forces that can only be found in the supersensible realm, and whom other people—who cannot themselves be spiritual researchers —after all, not everyone can be a chemist or a physicist—accept based on their common sense, on the trust grounded in that common sense. The kind of social coexistence that arises from this assessment of human beings is precisely one of the most important factors in awakening forces of social trust. These forces are being undermined in our time, when everyone—without first taking their own development into their own hands, and barely once they have reached adulthood—wants to pass judgment on all manner of things. And that the Spiritual Science can truly provide practical impulses in social life—we have indeed attempted this here through the founding of the Waldorf School, which we owe to our dear Mr. Molt, where the school system is to be built upon true knowledge. We want to solve a social problem in the right way; for we would like every child to grow into a human being who acquires the guiding force for later life, so that social forces are developed in a fruitful way from within the human being, not from a dull, inadequate knowledge, as is so often the case with the social thinking of our time. We wish to truly develop social thinking based on human trust, built upon the secure foundations of the human soul. And by seeing in every child in this school a person in the making, by striving to develop them through insights that can enliven the pedagogical foundations, we see something that is essential—as in everything we seek to draw from the Spiritual Science.
[ 34 ] Natürlich kann ich immer nur aus ein paar Gesichtspunkten heraus diese Geisteswissenschaft als eine notwendige Forderung der gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklung bezeichnen. So kommt es, daß aus solchen einseitigen Andeutungen Gegnerschaften erwachsen, weil man nicht das Ganze ins Auge faßt. Allein, ich möchte jetzt am Schluß auf den Anfang zurückkommen und darauf hinweisen, wie schwer es einem ums Herz werden kann, wenn man sieht, wie wenig Menschen es gibt, welche die abschüssige Bahn einschätzen; wie man nicht nach den Grundlagen sucht zu einem Neuaufbau unseres geistigen, sittlichen und übrigen Kulturlebens.
[ 34 ] Of course, I can only describe the Spiritual Science as a necessary requirement for present and future development from a few specific perspectives. This is why such one-sided remarks give rise to opposition, because one fails to take the whole picture into account. However, I would now like to return to the beginning as I conclude and point out how heavy one’s heart can become when one sees how few people recognize the slippery slope; how few seek the foundations for a rebuilding of our intellectual, moral, and other aspects of cultural life.
[ 35 ] Aus gar manchem kann man das entnehmen. Lassen Sie mich zum Schluß ein paar Beispiele dafür anführen. Selbst Menschen, von denen man glaubt, daß sie im äußeren Leben feststehen, zu welcher Anschauung sind sie gekommen aus den Tatsachen heraus ? Die Worte, die der österreichische Staatsmann Czernin in seinem neuesten Buche geschrieben hat, diese Worte - man kann sich sonst dazu stellen, wie man will-, sie verdienen beherzigt zu werden:
[ 35 ] This can be inferred from quite a few things. Let me conclude by citing a few examples. Even people whom we believe to have a firm footing in the external world—what conclusions have they reached based on the facts? The words written by the Austrian statesman Czernin in his latest book—whatever one’s stance on them may be—deserve to be taken to heart:
[ 36 ] «Der Krieg geht weiter, wenn auch in veränderter Form. Ich glaube, daß kommende Generationen das große Drama, welches seit fünf Jahren die Welt beherrscht, gar nicht den Weltkrieg nennen werden, sondern die Weltrevolution, und wissen werden, daß diese Weltrevolution nur mit dem Weltkriege begonnen hat. Weder der Versailler Friede noch St-Germain werden ein dauerndes Werk schaffen. In diesem Frieden liegt der zersetzende Keim des Todes. Die Kämpfe, die Europa schütteln, sind noch nicht im Abnehmen. Wie bei einem gewaltigen Erdbeben dauert das unterirdische Grollen an. Immer wird sich bald hier, bald dort die Erde öffnen und Feuer gegen den Himmel schleudern. Immer wieder werden Ereignisse elementarer Gewalt verheerend über die Länder stürmen, bis alles hinweggefegt ist, was an den Wahnsinn dieses Krieges erinnert. Langsam unter unsäglichen Opfern wird eine neue Welt geboren werden. Die kommenden Generationen werden zurückblicken auf unsere Zeit wie auf einen langen bösen 'Traum. Aber der schwärzesten Nacht folgt einmal der Tag. Generationen sind in das Grab gesunken, ermordet, verhungert, der Krankheit erlegen. Millionen sind gestorben in dem Bestreben, zu vernichten, zu zerstören, Haß und Mord im Herzen. Aber andere Generationen erstehen, und mit ihnen ein neuer Geist. Sie werden aufbauen, was Krieg und Revolution zerstört haben. Jedem Winter folgt der Frühling. Auch das ist ein ewiges Gesetz in dem Kreislauf des Lebens, daß aus dem Tod die Auferstehung folgt. Wohl denen, die berufen sein werden, als Soldaten der Arbeit die neue Welt mit aufzubauen.»
[ 36 ] “The war continues, albeit in a different form. I believe that future generations will not even call the great drama that has dominated the world for five years the World War, but rather the World Revolution, and will know that this World Revolution began only with the World War. Neither the Treaty of Versailles nor the Treaty of Saint-Germain will create a lasting peace. Within this peace lies the corrosive seed of death. The struggles shaking Europe have not yet subsided. As with a mighty earthquake, the subterranean rumbling continues. The earth will keep splitting open—now here, now there—and hurl fire toward the sky. Time and again, events of elemental force will sweep devastatingly across the lands until everything that reminds us of the madness of this war has been swept away. Slowly, amid unspeakable sacrifices, a new world will be born. Future generations will look back on our time as if it were a long, terrible “dream.” But even the darkest night is eventually followed by day. Generations have sunk into the grave—murdered, starved, or succumbing to disease. Millions have died in their quest to annihilate and destroy, with hatred and murder in their hearts. But other generations are rising, and with them a new spirit. They will rebuild what war and revolution have destroyed. Every winter is followed by spring. It is also an eternal law in the cycle of life that resurrection follows death. Blessed are those who will be called upon, as soldiers of labor, to help build the new world.”
[ 37 ] Nun, vom neuen Geist wird auch hier gesprochen; ich weiß, würde man diesem Czernin von dem neuen Geist sprechen, so würde er zurückschaudern, würde es für Phantastik halten. In abstracto sprechen die Leute vom neuen Geist, sie wissen, daß er kommen muß. Vor dem konkreten Geist nehmen sie Reißaus. Aber es ist eine ernste Angelegenheit, hinzuschauen auf den konkreten Weg dieses neuen Geistes. Es gibt viele, die heute zum Beispiel vom Standpunkt ihres vermeintlichen Christentums aus die Geisteswissenschaft angreifen, die gar nicht erkennen wollen, wie diese Geisteswissenschaft gerade für ein Wiederbeleben des Christentums die lebendigsten Grundlagen liefert; wie das Christentum in die Zukunft hinein leben wird gerade dadurch, daß Geisteswissenschaft wieder lehren wird den lebendigen Christus und das Ereignis von Golgatha als geschichtliche Tatsache aus geisteswissenschaftlicher Forschung heraus. Ein großer Teil der Theologen hat es so weit gebracht, diesen Christus nicht mehr zu lehren als den eigentlichen Sinn der Erde, sondern ihn zu dem «schlichten Mann von Nazareth» zu machen. Das Geistige des Christentums wird durch die Geisteswissenschaft wiederum begründet werden. Diejenigen aber, die sich heute fürchten gerade aus christlichen Unterlagen heraus, denen sollte man sagen: Das Christentum ist auf so festen Grundlagen aufgebaut, daß man für es nicht zu fürchten hat vor der Geisteswissenschaft, so wenig wie vor der Entdeckung der Luftpumpe und anderer Dinge — und also auch nicht vor der Lehre der wiederholten Erdenleben oder vor der Schicksalslehre, wie die Geisteswissenschaft sie gibt. Das Christentum ist so stark, daß es alles aufnehmen kann, was von der Geisteswissenschaft kommt. Ob aber auch alle die heutigen 'Träger der christlichen Bekenntnisse so stark sind, das ist eine andere Frage, aber auch eine ernste Frage.
[ 37 ] Well, the “new spirit” is mentioned here as well; I know that if one were to speak to this Czernin about the “new spirit,” he would shudder and dismiss it as fantasy. People speak of the “new spirit” in the abstract; they know it must come. But when faced with the concrete spirit, they run for the hills. But it is a serious matter to look closely at the concrete path of this new spirit. There are many today, for example, who—from the standpoint of their supposed Christianity—attack Spiritual Science, who refuse to recognize how this Spiritual Science provides the most vital foundations precisely for a revival of Christianity; how Christianity will live into the future precisely because Spiritual Science will once again teach the living Christ and the event of Golgotha as historical facts derived from spiritual scientific research. A large portion of theologians has gone so far as to no longer teach this Christ as the very purpose of the Earth, but rather to reduce him to the “simple man from Nazareth.” The spiritual essence of Christianity will be reestablished through Spiritual Science. But to those who today fear this precisely on the basis of Christian teachings, one should say: Christianity is built on such firm foundations that it has nothing to fear from Spiritual Science, any more than it does from the discovery of the air pump and other things—and thus also nothing to fear from the doctrine of repeated earthly lives or from the doctrine of destiny, as presented by Spiritual Science. Christianity is so strong that it can absorb everything that comes from Spiritual Science. Whether, however, all of today’s ‘bearers of the Christian creeds’ are equally strong is another question—but it is also a serious one.
[ 38 ] Wir müssen in Weltperspektiven denken, das hat doch dieser sogenannte Weltkrieg uns eingebläut. Über unser Europa und seine Kultur denken viele Menschen ähnlich wie ein japanischer Diplomat, dessen Worte ich Ihnen anführen möchte. Dieser japanische Diplomat, der ein gebildeter Mann ist, sagte:
[ 38 ] We must think in global terms; after all, that is what this so-called world war has drummed into us. When it comes to our Europe and its culture, many people think much like a Japanese diplomat whose words I would like to quote to you. This Japanese diplomat, who is a well-educated man, said:
[ 39 ] «Während einer Reihe von Jahren haben wir in Japan geglaubt, daß Recht und Gerechtigkeit wirklich in der christlichen Welt des Westens existierten. Aber seit den letzten Jahren wissen wir: dies ist nicht so! Die hochtönenden Lehren und Erklärungen der christlichen Nationen sind nichts weiter als eine anmaßende Maske zur Verhüllung von Ungerechtigkeit und Habgier. Wir wissen jetzt, daß solch ein Ding wie internationale Gerechtigkeit nicht existiert; wir wissen ferner, daß die kapitalistische Macht des Westens nicht begrenzt werden kann, es sei denn — durch größere Macht. Japan hat dies gelernt, und ganz Asien steht im Begriff, es zu lernen. Dadurch ist unsere Stellung zu China erklärt: wir wissen, daß wir uns auf kein Recht verlassen können, daß wir auf keine ehrliche Behandlung irgendwelcher Angelegenheiten von seiten der Westmächte rechnen dürfen. Sie werden China teilen und zerstören, dann werden sie Japan zum Vasallentum herabdrücken, sic werden dies ohne Gewissen, ohne Überlegung tun, sie werden es tun ohne Zögern, wenn wir in Japan nicht unsere Hertschaft aufrechterhalten, wenn wir selbst China nicht halten und entwickeln. Denn zuletzt würde diese westliche Ausbeutung Chinas der Ruin Chinas sein, während unsere Politik Chinas schließliche Erlösung sein wird. In China und in unseren pazifischen Gebieten müssen wir voll gerüstet sein, um uns selbst genügend verteidigen zu können. Wollten wir uns auf einen angelsächsisch gemachten Staatenbund verlassen, wollten wir an eine latent vorhandene oder gar schon herrschende Gerechtigkeit in der christlichen Zivilisation glauben, so wäre dies ein Beweis unsererseits von Geistesschwäche, ein Beweis auch dafür, daß wir unser Schicksal nationalen Ruins, welches uns unentrinnbar von seiten der Westmächte bevorstünde, verdient hätten.»
[ 39 ] “For many years, we in Japan believed that law and justice truly existed in the Christian world of the West. But in recent years, we have come to realize that this is not the case! The high-sounding doctrines and declarations of the Christian nations are nothing more than a pretentious mask to conceal injustice and greed. We now know that such a thing as international justice does not exist; we also know that the capitalist power of the West cannot be restrained except—by greater power. Japan has learned this, and all of Asia is about to learn it. This explains our position toward China: we know that we cannot rely on any rights, that we cannot count on the Western powers to handle any matters fairly. They will divide and destroy China, then they will reduce Japan to vassalage; they will do this without conscience, without reflection; they will do it without hesitation if we in Japan do not maintain our dominance, if we ourselves do not hold on to and develop China. For ultimately, this Western exploitation of China would be China’s ruin, while our policy toward China will be its ultimate salvation. In China and in our Pacific territories, we must be fully prepared to defend ourselves adequately. If we were to rely on a confederation of states modeled on the Anglo-Saxon system, if we were to believe in a latent or even already prevailing sense of justice within Christian civilization, this would be proof of our own intellectual weakness—and proof, too, that we would have deserved the fate of national ruin that would inescapably befall us at the hands of the Western powers.”
[ 40 ] Man mag sich zu diesem Inhalt stellen, wie man will: So denkt man in der Welt, und wir haben alle Ursache, auf diese Gedanken als auf Tatsachen hinzuschauen. Da ist es wahrhaftig recht deplaziert, wenn gegen das, was ich in ehrlicher Weise für eine neue Geistesrichtung einsetzen will, gerade von seiten derjenigen, die eigentlich die Bedingungen des geistigen Lebens kennen müßten - gestatten Sie, daß ich das charakterisiere --, wenn von dieser Seite aus die Einwände, die so oft und oft beschrieben worden sind, immer wieder kommen, zum Beispiel der Einwand: Man kann ja nicht prüfen, was der Geistesforscher sagt. So ist neulich eine Broschüre von einem gar nicht weit von hier entfernten Herrn erschienen: «Rudolf Steiner als Philosoph und Theosoph.» Ich möchte nur von einem Punkt aus auf den Geist und die Logik, die da herrscht, hinweisen. Da findet sich ein schöner Satz: «Ich muß eben unter Umständen Historiker, Physiker, Chemiker werden, um selbständig prüfen zu können. Die theosophischen Wahrheiten dagegen kann ich nicht nachprüfen, wenn ich nicht Hellseher bin.» Das heißt, er sagt, die Historiker, Physiker, Chemiker behaupten allerlei Dinge; will man diese prüfen, so muß man eben Historiker, Physiker, Chemiker werden. Ich sage: Will man die geisteswissenschaftlichen Dinge prüfen, so muß man Geisteswissenschafter werden. Was sagt der Herr? «Ich muß eben unter Umständen Historiker, Physiker, Chemiker werden, um selbständig prüfen zu können. Die theosophischen Wahrheiten dagegen kann ich nicht nachprüfen, wenn ich nicht Hellseher bin.» Natürlich! Ich kann auch nicht die Ergebnisse der chemischen Forschung nachprüfen, wenn ich nicht Chemiker werde. Man kann aber Chemiker werden. Aber Geistesforscher will man eben nicht werden. Da sagt man also etwas ganz Merkwürdiges: Ich muß prüfen können, aber prüfen können, ohne irgendwie mich einzulassen auf die Methoden der Prüfung. Die Frage ist für diesen Herrn, wie er selbst, wie Sie gleich hören werden, sagt, nicht, ob man entscheiden kann, wenn man sich die Gründe für die Entscheidung angeeignet hat, sondern: «Die Frage ist, ob sie von mir nachgeprüft worden sind oder nachgeprüft werden können, und das muß ich, abgesehen von der formalen logischen Kritik, verneinen.» Nun, daß er es verneinen muß, das gebe ich ihm gerne zu. Aber wie ich zugebe, daß jeder Chemiker werden muß, um die Ergebnisse der chemischen Forschung nachprüfen zu können, so muß sich eben jeder auf den geistesforscherischen Weg begeben, um die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten nachzuprüfen. Das lehnt aber jener Mann ab. Von dieser Logik ist eigentlich seine ganze Schrift. Und von dieser Logik ist vieles getragen, was sich entstellend über die Geisteswissenschaft hermacht. Da hat man wirklich etwas Besseres zu tun, als sich um derlei Einwände zu kümmern.
[ 40 ] Whatever one’s stance on this matter may be: this is how people think in the world, and we have every reason to regard these thoughts as facts. It is truly out of place, then, when—precisely from those who ought to know the conditions of spiritual life—allow me to put it this way—objections that have been described time and again are raised against what I sincerely wish to champion as a new spiritual movement; for example, the objection: “One cannot verify what the spiritual researcher says.” Recently, a pamphlet was published by a gentleman not far from here: “Rudolf Steiner as a Philosopher and Theosophist.” I would like to highlight just one aspect of the spirit and logic that prevails there. There is a lovely sentence there: “I may have to become a historian, physicist, or chemist in order to verify things for myself. The theosophical truths, on the other hand, I cannot verify unless I am a clairvoyant.” In other words, he says that historians, physicists, and chemists claim all sorts of things; if one wants to verify these claims, one must simply become a historian, physicist, or chemist. I say: If one wants to verify matters pertaining to the Spiritual Science, one must become a spiritual scientist. What does this gentleman say? “I may have to become a historian, physicist, or chemist in order to verify things independently. Theosophical truths, on the other hand, I cannot verify unless I am a clairvoyant.” Of course! I, too, cannot verify the results of chemical research unless I become a chemist. But one can become a chemist. Yet people simply do not want to become researchers in the humanities. So they say something quite peculiar: I must be able to verify, but verify without in any way engaging with the methods of verification. The question for this gentleman, as he himself says—as you will hear in a moment—is not whether one can make a decision once one has grasped the grounds for that decision, but rather: “The question is whether they have been verified by me or can be verified, and—apart from formal logical criticism—I must answer in the negative.” Well, I readily concede that he must answer in the negative. But just as I acknowledge that one must become a chemist to verify the results of chemical research, so too must everyone embark on the path of Spiritual Science to verify the truths of Spiritual Science. Yet that man rejects this. In fact, his entire work is based on this logic. And much of what distorts and attacks the Spiritual Science is driven by this logic. One really has better things to do than concern oneself with such objections.
[ 41 ] Insbesondere aber wäre es diesem deutschen Volk, diesem viel geprüften deutschen Volk angemessen, zu denken, wie es sich zu den eigentlichen Grundlagen des Geisteslebens stellen soll. Ich kann hinweisen auf einige Sätze, die 1858 PTerman Grimm, der geistvolle Kunstgeschichtsschreiber, hingeschrieben hat in seinem Aufsatz über Schiller und Goethe. Er schreibt vor mehr als 60 Jahren: «Die wahre Geschichte Deutschlands ist die Geschichte der geistigen Bewegungen im Volk. Nur da, wo die Begeisterung für einen großen Gedanken die Nation erregte und die erstarrten Kräfte ins Fließen brachte, geschehen Taten, die groß und leuchtend sind.» Sollten wir nicht solche Worte heute beherzigen können? Oder die Worte, die Herman Grimm - also gewiß kein Revolutionär — 1858 geschrieben hat: «Die Namen der deutschen Kaiser und Könige sind ... keine Meilensteine für den Fortschritt des Volkes.» Er meinte, die Meilensteine für den Fortschritt des Volkes sind die Taten auf dem Gebiete des Gedankens, des ins Geistige hineingehenden Gedankens.
[ 41 ] Above all, however, it would be fitting for this German people—this much-tried German people—to consider how it should relate to the very foundations of spiritual life. I can point to a few sentences that Peter Grimm, the insightful art historian, wrote in 1858 in his essay on Schiller and Goethe. More than 60 years ago, he wrote: “The true history of Germany is the history of the spiritual movements among the people. Only where enthusiasm for a great idea stirred the nation and set its stagnant forces in motion did deeds occur that were great and radiant.” Should we not take such words to heart today? Or the words that Herman Grimm—certainly no revolutionary—wrote in 1858: “The names of the German emperors and kings are … no milestones for the progress of the people.” He meant that the milestones for the progress of the people are the deeds in the realm of thought—thought that penetrates into the spiritual realm.
[ 42 ] Zu keiner Zeit hatte der Deutsche mehr die Notwendigkeit, sich an dieses zu halten, als gerade in dieser Zeit der Not, der harten Prüfung. Und deshalb darf man heute die Zeitgenossen auffordern, auf die groBen Vorfahren hinzuschauen, damit wir ihre würdigen Nachkommen werden können. Sollen heute die Glaubensbekenntnisse zum Geistesleben, die die Vorfahren des deutschen Volkes geäußert haben, nicht für die Gegenwart gelten, und müssen wir nicht fortbilden dieses Geistesstreben anstatt stehen zu bleiben in bloßen Worten, es zu zitieren? Wer heute Goethe bloß zitiert, versteht ihn nicht; nur wer ihn fortbildet, versteht ihn. Wer Johann Gottlieb Fichte nut zitiert, tut etwas Unsinniges, wenn er ihn nicht fortbildet im Geistesleben. Sie haben gehört, wie die Welt über das europäische Geistesleben spricht. In der Welt muß man lernen zu erkennen, daß der Deutsche wiederum den Willen hat, hinzublicken auf dasjenige, was die eigentlichen Meilensteine für den Fortschritt seines Volkes sind. Man hat in dieser Welt oftmals unsere Vorfahren, die großen Träger des deutschen Geisteslebens, Träumer genannt. Man hat sie verkannt, wie man heute das, was vom Geiste spricht, als Phantasterei oder sonst irgend etwas schildert. Aber es gab immerhin Leute, die wußten, wie das, was für den Geist angestrebt wurde, in der Wirklichkeit fußte. Und in einem wichtigen Moment hat Johann Gottlieb Fichte den Leuten gesagt: Was die andern sagen, daß Ideen nicht unmittelbar ins praktische Leben eingreifen können, das wissen wir Idealisten ebenso, vielleicht besser als die anderen; aber daß das Leben nach ihnen orientiert werden muß, das wissen wir voraus. - Da wies er auf die Lebenspraxis hin, und er sagte: Diejenigen, die das nicht einsehen, gehören zu denen, auf die nicht mitgerechnet ist im Plan der Welt. So möge diesen Leuten zur rechten Zeit Sonnenschein und Regen gewährt werden und eine gute Verdauung und, wenn es möglich ist, auch einige gute Gedanken.
[ 42 ] At no time has the German people felt a greater need to adhere to this than precisely in this time of hardship and severe trial. And that is why we may call upon our contemporaries today to look to our great ancestors, so that we may become their worthy descendants. Should the creeds of spiritual life expressed by the ancestors of the German people not apply to the present day, and must we not further develop this spiritual striving rather than remain stuck at the level of merely quoting it? Anyone who merely quotes Goethe today does not understand him; only those who carry his ideas forward understand him. Anyone who merely quotes Johann Gottlieb Fichte is doing something senseless if they do not carry his ideas forward in spiritual life. You have heard how the world speaks of European spiritual life. In the world, one must learn to recognize that the German once again has the will to look toward what are the true milestones for the progress of his people. In this world, our forebears—the great bearers of German intellectual life—have often been called dreamers. They were misunderstood, just as today whatever speaks of the spirit is portrayed as fantasy or something else entirely. But there were, after all, people who knew how what was sought for the spirit was grounded in reality. And at a crucial moment, Johann Gottlieb Fichte told people: “What others say—that ideas cannot directly intervene in practical life—we idealists know just as well, perhaps even better than the others; but that life must be oriented toward them—that we know in advance.” - There he pointed to the practice of life, and he said: Those who do not recognize this belong to those who are not counted on in the plan of the world. So may these people be granted sunshine and rain at the right time, and good digestion, and, if possible, a few good thoughts as well.
[ 43 ] Es kommt darauf an, in welchem Geiste man zu dem Geistgebaren der großen Träger des deutschen Geisteslebens aufsieht. Darüber wird die Wirklichkeit entscheiden, nicht das abstrakte Urteil. Werden die Nachkommen dieser deutschen Vorfahren einen Sinn für die wirkliche Geistespraxis haben, dann werden die Menschen, die uns vorangegangen sind in dieser Geistespraxis, keine Träumer gewesen sein. Wenn wir aber versäumen, in die Wirklichkeiten der Geistespraxis einzudringen, dann werden sie nicht durch sich, sondern durch uns oder durch unsere Nachkommen, die nichts wissen wollen von wirklichem deutschem Geist, erst zu Träumern werden. Hüte sich das deutsche Volk davor, seine großen Vorfahren, von denen die Welt so oft gesagt hat, daß sie Träumer seien, erst zu Träumern zu machen durch die Schuld, die herauskommt, wenn wir keinen Sinn haben für den Geist, der angerufen und beschworen worden ist im deutschen Geistesleben! Möge er Nachfolger gewinnen! Das ist das letzte Wort, das ich gerade aus meinen heutigen Auseinandersetzungen heraus zu Ihnen sprechen möchte.
[ 43 ] It depends on the spirit with which one looks up to the spiritual gestures of the great bearers of German spiritual life. Reality will decide this, not abstract judgment. If the descendants of these German forebears develop a sense for genuine spiritual practice, then those who went before us in this spiritual practice will not have been dreamers. But if we fail to penetrate the realities of spiritual practice, then they will become dreamers not of their own accord, but through us or through our descendants, who want to know nothing of the true German spirit. May the German people beware of turning their great ancestors—of whom the world has so often said they were dreamers—into dreamers through the guilt that arises when we have no sense of the spirit that has been invoked and summoned in German spiritual life! May it win followers! That is the final word I would like to address to you, drawn directly from my reflections today.
