Freedom of Thought and Social Forces
GA 333
27 December 1919, Stuttgart
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Freedom of Thought and Social Forces, tr. SOL
5. Die Weltbilanz des Geistes- und Seelenlebens der Gegenwart
5. A Global Assessment of Contemporary Spiritual and Emotional Life
[ 1 ] Wenn man heute hinblickt auf die Tatsache, wie die einzelnen Länder und Volksgebiete voneinander abgeschlossen sind, so daß es teilweise ganz unmöglich und selbst in engen Grenzen äußerst schwierig ist, von einem Volksgebiet, Landesgebiet in das andere zu gelangen, so muß man sagen: Man kann, wenn man einigermaßen teilgenommen hat an dem Geistesleben, wie es sich entwickelt hat in der neueren Welt, nur sagen: Diese Tatsache ist so wenig wie nur irgend möglich vereinbar mit dem, was an tiefsten Sehnsuchten, an seelischen und geistigen Trieben im Innern der Menschen eigentlich lebt. Denn blickt man unbefangen in dieses menschliche Innere, so muß man verspüren, wie der Gehalt des Inneren, wie alle Kräfte dieses Inneren eines Menschen, der an der Kultur teilnimmt, zusammengesetzt sind aus den Gliedern des Geistes- und Kulturstrebens aller zivilisierten Völker auf unserer Erde, und kein Mensch ist heute in der Lage - wenn ich diesen kaufmännischen Ausdruck gebrauchen darf -, die Bilanz seines Geisteslebens irgendwie zu ziehen, ohne in die einzelnen Posten einzusetzen dasjenige, was zusammengeflossen ist in der Gesamtheit unserer Seelen- und Geistesverfassung aus allen Kulturgebieten der Welt. Aber wie steht es eigentlich mit diesem Bilanzziehen unseres Seelen- und Geisteslebens in unserer unmittelbaren Gegenwart? Es scheint mir, daß es sich insbesondere innerhalb des deutschen Volkes ziemt, diese Betrachtungen anzustellen. Es muß ja heute im Grunde genommen ernst von den Angelegenheiten unseres Kulturlebens gesprochen werden. Man darf vielleicht daran erinnern, ohne mißverstanden zu werden nach alledem, was wir erlebt haben, wie der Grübler und tief schürfende Denker Friedrich Nietzsche im Jahre des Aufganges des neueren deutschen Reiches sein Kulturbuch «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» geschrieben hat. Über die Stimmungen, die dazumal durch die Seele des jugendlich strebenden Nietzsche zogen, schreibt er selbst, daß es ihm vorkomme, wenn er auf die Art und Weise hinblickt, wie dazumal das Reich inauguriert worden ist, daß bevorstehe die Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches. Es hat ja wirklich Jahre gegeben - und sie liegen nicht weit hinter uns —, da mußte ein solcher Ausspruch mehr oder weniger vielen Menschen als frivol erscheinen. Aber die Tatsachen sind anders geworden, und ob man demjenigen, der einen solchen Ausspruch getan hat, heute recht oder unrecht gibt, darauf kommt es weniger an. Bedeutsam erscheint es immer gegenüber dem, was gesprochen worden ist, daß ein solcher Ausspruch während der Morgenröte der neueren Reichszeit getan werden konnte von einem, der wahrhaftig tief genug gelitten hat an all dem, was man doch zusammenfassen kann in die Worte: der Materialismus des 19. Jahrhunderts. Vielleicht darf man aber die Idee, die Empfindung, die zu diesem Ausspruch geführt hat, gedanklich fortsetzen. Man könnte sagen: Könnte es nicht vielleicht gerade die Not des deutschen Volkes sein, die seinem Organismus wiederum eingeistet und einseelt dasjenige, von dem Nietzsche meinte, daß es damals exstirpiert, ausgeschnitten worden ist?
[ 1 ] When one looks today at the fact that individual countries and ethnic regions are so isolated from one another—to the point where it is sometimes completely impossible, and even within narrow boundaries extremely difficult, to travel from one ethnic region or country to another—one must say: If one has participated to any degree in the spiritual life as it has developed in the modern world, one can only say: This reality is as incompatible as it is possible to be with the deepest longings and the soulful and spiritual impulses that actually live within human beings. For if one looks impartially into this human inner world, one must sense how the substance of that inner world—how all the forces within a person who participates in culture—are composed of the elements of the spiritual and cultural striving of all civilized peoples on our earth; and no one today is in a position—if I may use this business term— to take stock of his spiritual life in any way without including in the individual items that which has flowed together into the totality of our soul and spiritual constitution from all cultural regions of the world. But what is the actual state of this taking stock of our soul and spiritual life in our immediate present? It seems to me that it is particularly fitting for the German people to engage in these reflections. After all, today we must, in essence, speak seriously about the affairs of our cultural life. Perhaps it is permissible to recall—without being misunderstood, given all that we have experienced—how the brooding and deeply probing thinker Friedrich Nietzsche wrote his cultural treatise *The Birth of Tragedy from the Spirit of Music* in the year of the rise of the modern German Empire. Regarding the moods that swept through the soul of the youthful, aspiring Nietzsche at that time, he himself writes that, when he looks back on the manner in which the Empire was inaugurated then, it seems to him that the extirpation of the German spirit in favor of the German Empire was imminent. There have indeed been years—and they are not far behind us—when such a statement must have seemed more or less frivolous to many people. But the facts have changed, and whether one agrees or disagrees today with the person who made such a statement is of little consequence. It always seems significant, in light of what has been said, that such a statement could have been made during the dawn of the modern imperial era by someone who truly suffered deeply from all that can be summed up in the words: the materialism of the 19th century. Perhaps, however, one may mentally extend the idea, the sentiment, that led to this statement. One might say: Could it not perhaps be precisely the plight of the German people that is once again instilling and breathing life into its very being that which Nietzsche believed had been extirpated, cut out, at that time?
[ 2 ] Ich möchte mit diesen einleitenden Worten eigentlich nicht mehr sagen als hinweisen auf den Ernst, der über Betrachtungen schweben muß, die sich mit einer größeren Überschau über das gegenwärtige Geistes- und Seelenleben und seine Aufgaben beschäftigen. Wenn nur eine Art Streiflicht dazumal, im Jahre 187:, durch Nietzsche auf die Bilanz des Geistes- und Seelenlebens seiner Gegenwart gefallen ist, so können wir sagen, daß sich schon mancherlei nach Gründlichkeit und Ernst strebende Geister der deutschen Entwicklung im 19. Jahrhundert mit der Weltbilanz des Geisteslebens ihrer Zeit befaßt haben. Ich könnte an viele Persönlichkeiten erinnern, die im Sinne einer solchen Weltbilanz des Geistes- und Seelenlebens gedacht haben. Ich möchte nur hinweisen auf den ja gewiß durch seinen Materialismus heute vielen Menschen mit Recht nicht sympathischen David Friedrich Strauß. Diejenigen der verehrten Zuhörer, die mich im Verlaufe der letzten Jahrzehnte haben reden hören, werden ahnen, wieviel ich gegen so etwas auf der Seele habe, wie es das Buch « Der alte und der neue Glaube » von David Friedrich Strauß ist; aber es werden darinnen die großen Fragen von der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgeworfen. Fragen wie: Haben wit noch Religion? Sind wir noch Christen? - sie wirft David Friedrich Strauß in eindringlicher Weise auf. Und wiederum möchte ich hier nicht darüber entscheiden, wie das Ja oder Nein in diesen Dingen steht, auch nicht wie das Ja oder Nein im Verhältnis zu David Friedrich Strauß selber steht. Aber darauf möchte ich aufmerksam machen, daß trotz allem Materialismus des David Friedrich Strauß, trotzdem bei ihm alles dasjenige vorhanden ist, was gerade Nietzsche als solche Trivialitäten in seiner Weltanschauung empfunden hat, Ehrlichkeit schwebt über demjenigen, was dazumal David Friedrich Strauß niedergeschrieben hat.
[ 2 ] With these introductory words, I really do not wish to say more than to point out the seriousness that must underlie reflections that take a broader view of the current life of the mind and soul and its tasks. While Nietzsche may have cast only a fleeting glance back in 187: at the state of intellectual and spiritual life in his own time, we can say that many minds in 19th-century Germany—striving for thoroughness and seriousness—have already engaged with a comprehensive assessment of the intellectual life of their era. I could mention many figures who thought in terms of such a global assessment of intellectual and spiritual life. I would like to point out only David Friedrich Strauss, who—admittedly—is rightly unpopular with many people today because of his materialism. Those among you, my esteemed audience, who have heard me speak over the course of the last few decades will sense how much I take issue with a work such as David Friedrich Strauss’s book *The Old and the New Faith*; yet it is in this work that the great questions of the mid-19th century are raised. Questions such as: Do we still have religion? Are we still Christians?—David Friedrich Strauss poses them in a forceful manner. And once again, I do not wish to decide here whether the answer to these questions is “yes” or “no,” nor whether the answer is “yes” or “no” with regard to David Friedrich Strauss himself. But I would like to point out that despite all of David Friedrich Strauss’s materialism—and even though his work contains everything that Nietzsche perceived as mere trivialities in his worldview—honesty hovers over what David Friedrich Strauss wrote at that time.
[ 3 ] Welche Fragen, und von welchen Gesichtspunkten aus wollte sie David Friedrich Strauß denn beantworten? Er hat alles aufgenommen, was das 19. Jahrhundert an naturwissenschaftlicher Weltanschauung und Gesinnung gebracht hat. David Friedrich Strauß versuchte, sich aus den allerneuzeitlichsten Elementen heraus ein Weltbild zu konstruieren, und man muß sagen: mit all dem, was in der neueren Zeit geleistet worden ist bis Darwin und Haeckel heran, hat David Friedrich Strauß sein Weltbild geformt, ehrlich es als seine Überzeugung und als den ganzen Umfang seines Seelenlebens sich geformt und dann rückhaltlos ehrlich die Frage aufgeworfen: Kann ich noch Religion im alten Sinne haben, wenn ich, wie es der Gesinnung der neueren Zeit entspricht, mich zu diesem Weltbild bekenne? Kann ich ehrlicherweise noch Christ sein, wenn ich mich zu diesem Weltbild bekenne? Und beide Fragen beantwortet sich Strauß ehrlich mit einem Nein. Er zieht die Weltbilanz der modernen Bildung, des modernen Geistes- und Seelenlebens in diesem Sinne.
[ 3 ] What questions did she want to answer, and from what perspectives, regarding David Friedrich Strauss? He incorporated everything that the 19th century had to offer in terms of scientific worldview and outlook. David Friedrich Strauss attempted to construct a worldview from the most modern elements, and it must be said: drawing on everything that had been achieved in modern times up to Darwin and Haeckel, David Friedrich Strauss shaped his worldview, honestly forming it as his conviction and as the entire scope of his inner life, and then unreservedly and honestly posed the question: Can I still have religion in the old sense if, in keeping with the spirit of modern times, I profess this worldview? Can I honestly still be a Christian if I profess this worldview? And Strauss answers both questions honestly with a “no.” In this sense, he takes stock of modern education and modern intellectual and spiritual life.
[ 4 ] So scharf sich der Bekenner der Geisteswissenschaft gegen dieses Glaubensbekenntnis des David Friedrich Strauß aussprechen muß — das muß gesagt werden, daß dazumal durch ihn, wie durch viele andere, eine ehrliche Bilanz des Geistes- und Seelenlebens gezogen worden ist. Sieht man unbefangen darauf hin, was seit jener Zeit, die ungefähr seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verflossen ist, an ähnlichen Bestrebungen aufgetreten ist, dann kann man zunächst nicht von einem ehrlichen Bilanzziehen sprechen, dann kann man eigentlich nur davon sprechen, daß man auf vielen, vielen Seiten bemüht ist, die Weltbilanz des Geistes- und Seelenlebens zu verschleiern. Verschleierung der Weltbilanz des Seelen- und Geisteslebens, das ist etwas, was uns heute auf Schritt und Tritt entgegenkommt. Wir sehen es auf Schritt und Tritt, wenn wir hinschauen auf das, was von zahlreichen Vertretern dieses oder jenes Bekenntnisses geltend gemacht wird. Auf der einen Seite finden solche Menschen oftmals Worte, die wie selbstverständlich erscheinen als Zugeständnisse an die naturwissenschaftliche Gesinnung, und nebenbei, nichts ahnend von der Ehrlichkeit eines David Friedrich Strauß, reden sie weiter in den alten Denkgewohnheiten von Christentum und Religion, und es fällt ihnen nicht ein, eine wirkliche Bilanz zu ziehen zwischen denjenigen Posten, die von den verschiedensten Seiten her einziehen in unser Geistesleben. Verschleierung der Bilanz des Geistesund Seelenlebens, das ist die geheimnisvolle Signatur vieler Kulturbestrebungen der Gegenwart.
[ 4 ] As strongly as the advocate of Spiritual Science must speak out against this creed of David Friedrich Strauss—it must be said that at that time, he, like many others, took an honest stock of spiritual and emotional life. If one looks impartially at what has emerged in the way of similar endeavors since that time—roughly the mid-19th century—one cannot, at first glance, speak of an honest assessment; rather, one can only say that, in many, many respects, efforts are being made to obscure the overall picture of spiritual and soul life. The concealment of the global state of intellectual and spiritual life is something we encounter at every turn today. We see it at every turn when we look at what is asserted by numerous representatives of this or that creed. On the one hand, such people often find words that seem, as a matter of course, to be concessions to the scientific mindset; and at the same time, unaware of the honesty of a David Friedrich Strauss, they continue to speak in the old patterns of thought associated with Christianity and religion, and it does not occur to them to take a genuine stock of the various elements that flow into our spiritual life from all manner of directions. The obscuring of the balance sheet of intellectual and spiritual life—that is the mysterious hallmark of many contemporary cultural endeavors.
[ 5 ] Aber wir kommen gar nicht damit zurecht, wenn wir aus einem kleinen Kreis heraus versuchen, wieder einmal zu einer ehrlichen Bilanz vorzudringen. Das Bestreben, aus kleinen Kreisen heraus zu umfassenden Anschauungen zu kommen, das ist es gerade, was uns ad absurdum geführt hat. Das Hängen an bequemen kleinen Gedanken, das ist es, was uns nicht ein taugliches Verhältnis zu den Tatsachen der Welt hat gewinnen lassen, das ist es, was doch schließlich die furchtbare Katastrophe der letzten Jahre im Grunde herbeigeführt hat. Lernen sollte die Menschheit aus den furchtbaren Erfahrungen, aus der furchtbaren Not dieser Katastrophe, daß es wahrhaftig an der Zeit ist, den Blick aufwärts zu wenden, dahin, wo sich wirklich diejenigen Gesichtspunkte ergeben, die das Leben beherrschen, so, daß wir es bewußt beherrschen lernen, während wir uns unbewußt von diesem oder jenem haben gängeln lassen.
[ 5 ] But we simply cannot manage it if we try, from within a small circle, to once again arrive at an honest assessment. The very effort to arrive at comprehensive perspectives from within small circles is precisely what has led us to absurdity. Clinging to comfortable, narrow-minded ideas—that is what has prevented us from developing a sound relationship with the realities of the world; that is what ultimately brought about the terrible catastrophe of recent years. Humanity should learn from these terrible experiences, from the terrible suffering of this catastrophe, that it is truly time to turn our gaze upward, toward where the perspectives that govern life truly lie, so that we may learn to consciously master it, whereas we have unconsciously allowed ourselves to be led by this or that force.
[ 6 ] Wir sind heute wahrlich nicht arm an allerlei Programmen, an allerlei programmatischen Ideen. Man möchte sagen: Billig wie Brombeeren wachsen die Vereine und die Programme und die programmatischen Ideen. Sie können schließlich billigerweise wachsen, denn unser intellektuelles Leben hat es sehr weit gebracht, und aus einem weitgediehenen intellektuellen Leben läßt sich immer das eine oder andere Vernünftige sagen, auf das man dann wie auf ein heiliges Wort schwören kann. Und so entstehen dann jene zahlreichen Programme - ob es nun politische Programme sind oder Programme des geistigen Lebens, Programme auf irgendeinem Gebiete der Moral, des sozialen Tuns und so weiter — Programme, deren Träger immer denken: Was ich da als das Richtige für die Menschheit ansehe, das muß so bald als möglich sich einbürgern in die ganze gegenwärtige Welt, denn das habe ich ersonnen als das Richtige, Heilsame für die Menschheit, das muß sich ausbreiten über die Menschheitssphäre, wie sie heute in Betracht kommt, über Amerika, Europa, Asien. Und da denkt sich ein Programm-Mensch sehr häufig noch dazu: Dasjenige, was ich da ersonnen habe, das muß nun wiederum gelten, ja, so ungefähr bis ans Ende aller Erdenzeiten; denn es ist absolut für die ganze Erde und für alle späteren Zeiten das Heilsame.
[ 6 ] We are certainly not lacking today in all sorts of programs or programmatic ideas. One might say: Associations, programs, and programmatic ideas grow as easily as blackberries. After all, they can grow so easily because our intellectual life has come a long way, and from a well-developed intellectual life, one can always come up with one reasonable idea or another—something one can then swear by as if it were a sacred word. And so these numerous programs come into being—whether they are political programs or programs of intellectual life, programs in any area of morality, social action, and so on—programs whose proponents always think: What I regard as the right thing for humanity must take root as soon as possible throughout the entire contemporary world, for I have conceived of it as the right and salutary thing for humanity; it must spread across the sphere of humanity as it exists today—across America, Europe, and Asia. And very often, a “program person” also thinks to themselves: What I have devised must now apply, indeed, more or less until the end of time; for it is absolutely beneficial for the entire earth and for all future ages.
[ 7 ] In dieser Denkweise, in dieser alles verabsolutierenden Denkweise liegt das Verhängnis und die eigentliche Sünde des intellektuellen Lebens unserer Zeit. Unsere Zeit will nicht hinschauen auf die konkreten Verhältnisse, die unter den Menschen bestehen, will nicht hinschauen darauf, wie verschieden die Lebensbedingungen, sagen wir zunächst, des Orients und des Okzidents sind. Skizzenhaft nur möchte ich heute von diesem Gesichtspunkte aus über die Weltbilanz des Geistes- und Seelenlebens sprechen, indem ich darauf aufmerksam machen möchte, wie verschieden alles ist, was aus der Seele hervorquillt, als Lebens- und Weltanschauungsbild, auf der einen Seite in der Welt des Orients, auf der andern Seite in der Welt des Westens. Und wir hier in Mitteleuropa, sind wir denn nicht eigentlich mit unserem Seelen- und Geistesleben innig verwoben mit demjenigen, was auf der einen Seite aus dem Orient her fließt, herausgeflossen ist seit Jahrhunderten und Jahrtausenden? Und sind wir nicht wiederum nach der anderen Seite verwoben mit alledem, was als besonderes neues Element aufquillt und aufgequollen ist seit langer Zeit im Westen? Wenn wir auf das schauen, was aller Kulturentwicklung unseres Gebietes und unseres Lebens zugrunde liegt, wenn wir auf das Christentum schauen, auf diesen mächtigsten Impuls aller Erdenentwicklung, der aber vor allen Dingen der abendländischen Kultur nach allen Seiten ihre Gestaltung gegeben hat, dann finden wir, daß, ganz abgesehen davon, daß sich das Ereignis von Golgatha im Orient vollzogen hat, die erste Strömung des Christentums aus dem orientalischen Geiste hereingeströmt ist nach Europa; daß wir, indem wir im europäischen Seelenleben den Christus-Impuls haben, im Grunde genommen damit einen orientalischen Einschlag haben. In alte Zeiten weist die ganze Konfiguration, die ganze Art des orientalischen Geisteslebens zurück. Und heute - Sie brauchen, um das zu bekräftigen, nur solche eindringliche Worte einer Gestalt zu lesen, wie sie Rabindranath Tagore darstellt.
[ 7 ] In this way of thinking—this way of thinking that absolutizes everything—lies the downfall and the true sin of intellectual life in our time. Our age refuses to look at the concrete circumstances that exist among human beings; it refuses to look at how different the living conditions are—let us say, for the moment—in the East and the West. Today I would like to speak only briefly from this perspective about the global balance of spiritual and soul life, drawing attention to how different everything that springs from the soul is—as a vision of life and worldview—in the world of the East on the one hand, and in the world of the West on the other. And we here in Central Europe—are we not, in fact, intimately interwoven in our spiritual and soul life with that which, on the one hand, has flowed from the East—and has been flowing for centuries and millennia? And are we not, in turn, interwoven on the other side with all that has welled up as a distinctive new element and has been swelling for a long time in the West? When we look at what underlies all cultural development in our region and in our lives, when we look at Christianity—this most powerful impulse in all earthly development, which above all has shaped Western culture in every respect— then we find that, quite apart from the fact that the event of Golgotha took place in the East, the first current of Christianity flowed into Europe from the Eastern spirit; that, in having the Christ impulse in European spiritual life, we essentially have an Eastern influence. In ancient times, the entire configuration, the entire nature of Eastern spiritual life, was rejected. And today—to confirm this, you need only read the powerful words of a figure such as Rabindranath Tagore.
[ 8 ] Wenn wir nach Asien hinübersehen, wo sich wiederum unter den Gebildeten alles regt, wo alles teilnimmt an der Bilanzbildung des Geistes- und Seelenlebens, so sehen wir etwas, was sich in gewisser Art als eine gradlinige Fortentwicklung des uralten, dem Orient eigentümlichen Geisteslebens ergeben hat. Soviel wir auch Anteil haben an diesem orientalischen Geistesleben, soviel es auch eingeträufelt hat in unsere Kultur, wir müssen uns immer auf unsere tiefsten Verständnis- und Erkenntniskräfte besinnen, wenn wir verstehen wollen, was heute im Orient an Strebenskräften lebt, und erst gar, wenn wir begreifen wollen, aus welchen, vor Jahrhunderten und Jahrtausenden im Orient mächtigen Geistesquellen sich das heutige orientalische Geistesleben entwickelt hat. Schauen wir hin auf dieses Geistesleben, so finden wir heute noch in ihm dasjenige, was man nennen möchte Spiritualität, Geistigkeit. Diese Geistigkeit ist dort gewiß im Niedergange, in der Dekadenz, und kaum läßt sich vergleichen dasjenige, was selbst aus den besten Geistern des Orients kommt, mit demjenigen, was an tiefem, bedeutungsvollem Geistesleben einstmals in Asien für die Menschheit aufgegangen ist. Einen Grundcharakter trägt das - und uns wird dieser Grundcharakter anschaulich, je weiter und weiter wir zurückgehen -, einen Grundcharakter trägt es. Wenn wir alles das, was wir von dem Kulturleben, von dem Seelenleben des Orients wissen können, durchprüfen, so müssen wir sagen: Es ist entsprungen jedenfalls nicht aus einer solchen Seelenverfassung und Seelenstimmung, wie die unsrige, die des Okzidents, im normalen Menschenleben ist; es ist entsprungen so, daß beim Schaffen dieses Geisteslebens andere Seelenkräfte Anteil haben als diejenigen, die wir selbst bei unserer fortgeschrittenen Wissenschaft und dem fortgeschrittensten geistigen Streben anwenden. Um zu empfinden, um so recht zu fühlen die Konfiguration, die ganze Art des orientalischen Geisteslebens - wie gesagt, heute ist es in der Dekadenz -, muß man sich fragen, wie oftmals hier in diesen Vorträgen von mir gefragt und aus geisteswissenschaftlichen Untergründen die Antwort zu geben versucht worden ist, man muß sich fragen: Kann aus dem Menschen nicht auch etwas sprechen, was höherer Art ist als dasjenige, was sich nur der äußeren Sinnes- und Nervenwerkzeuge oder überhaupt der leiblichen Werkzeuge bedient, um Ausdruck zu werden für das Seelen- und Geistesleben ?
[ 8 ] When we look toward Asia, where once again everything is in motion among the educated, where everyone is taking part in taking stock of spiritual and soul life, we see something that has emerged, in a certain sense, as a direct continuation of the ancient spiritual life characteristic of the East. No matter how much we share in this Eastern spiritual life, no matter how much it has permeated our culture, we must always draw upon our deepest powers of understanding and insight if we wish to comprehend the forces of aspiration alive in the East today—and all the more so if we wish to grasp from which spiritual sources, once powerful in the East centuries and millennia ago, today’s Eastern spiritual life has developed. If we look at this spiritual life, we still find in it today what one might call spirituality, a spiritual quality. This spiritual quality is certainly in decline there, in a state of decadence, and what comes even from the finest minds of the East can hardly be compared to the profound, meaningful spiritual life that once blossomed in Asia for all of humanity. It bears a fundamental character—and this fundamental character becomes clearer to us the further and further back we go—it bears a fundamental character. If we examine everything we can know about the cultural life and the spiritual life of the Orient, we must say: It certainly did not arise from a state of mind or a spiritual disposition such as ours—that of the West—in normal human life; it arose in such a way that, in the creation of this spiritual life, different spiritual powers are at work than those we ourselves employ in our advanced science and our most advanced spiritual striving. In order to perceive, to truly feel the configuration, the entire nature of Eastern spiritual life—as I said, today it is in a state of decadence—one must ask oneself, as I have often asked here in these lectures and attempted to answer from a perspective of Spiritual Science: Can there not also speak from within the human being something of a higher order than that which makes use only of the external sensory and nervous organs—or indeed, of the physical organs in general—to express the life of the soul and spirit?
[ 9 ] Oftmals ist hier aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus gezeigt worden, wie der Geistesforscher vordringen kann, indem er ebenso streng wissenschaftlich bleibt, wie die heutige Naturwissenschaft streng wissenschaftlich ist, zu dem, was man nennen kann das Ewige, das Unsterbliche im Menschen, zu dem, was in den menschlichen Leib einzieht, was in den vererbten Leib als dasjenige einzieht, was als nicht vererbt aus der geistigen Welt hereingebracht werden muß, was einzieht durch die Geburt oder Empfängnis, und was wiederum, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, hinausgeht in die geistige Welt. Vernehmen wir, was besonders aus den älteren Elementen des orientalischen Geisteslebens zu uns spricht, so müssen wir sagen: Da spricht nicht dasjenige aus dem Menschen, was sich nur der äußeren leiblichen Werkzeuge bedient, wie in unserer Wissenschaft, Dichtung, Kunst; da spricht über dasjenige hinaus, was leibliche Werkzeuge vermögen, der geistige Mensch, der als ewiges Wesen aus geistigen Welten heruntersteigt durch Geburt oder Empfängnis und der wiederum durch die Pforte des Todes zurückkehrt in die geistige Welt. Das geistige Leben des Orientalen ist etwas wie eine Offenbarung dessen, was sich der Mensch mitgebracht hat durch die Geburt oder Empfängnis ins physische Dasein, dessen, was er in gewissem Sinne hier nicht anwenden kann, sondern wiederum durch tragen muß durch die Pforte des Todes. Man kann sagen: Alles, was der orientalische Gebildete als wirklich geistige Kultur betrachtet, ist ein Ausfluß des höheren Menschen im Menschen, wenn ich schon diesen trivial gewordenen Ausdruck gebrauchen darf; das ist etwas, was über das alltägliche Menschliche weit hinausgeht.
[ 9 ] It has often been demonstrated here, from a Spiritual Science perspective, how the spiritual researcher can advance—by remaining just as rigorously scientific as today’s natural science is—toward what might be called the Eternal, the immortal in the human being—that which enters the human body, that which enters the inherited body as that which must be brought in from the spiritual world as something not inherited, that which enters through birth or conception, and that which, in turn, when the human being passes through the gate of death, departs into the spiritual world. When we listen to what speaks to us especially from the older elements of Eastern spiritual life, we must say: It is not that part of the human being that makes use only of the outer physical instruments—as in our science, poetry, and art—that speaks; rather, beyond what physical instruments are capable of, it is the spiritual human being who, as an eternal being, descends from the spiritual worlds through birth or conception and who, in turn, returns through the gate of death to the spiritual world. The spiritual life of the Oriental is something like a revelation of what the human being has brought with them through birth or conception into physical existence—that which, in a certain sense, they cannot apply here, but must carry back through the gate of death. One might say: Everything that the educated person in the East regards as truly spiritual culture is an outflow of the higher human being within the human being—if I may use this expression, which has become somewhat trite; it is something that goes far beyond the everyday human condition.
[ 10 ] Wir haben im Grunde genommen in unserem Seelenleben nur etwas wie einen Teil unseres Wesens, aus dem wir uns wirklich eine gründliche, rechte Vorstellung machen können von der ganzen Art und Weise, wie der Orientale in seinen besten Urzeiten zu seinem Geistesleben stand. Um uns eine solche Vorstellung zu machen, müssen wir auf die Art und Weise hinblicken, wie in uns auftaucht, wenn wir die besten Kräfte unseres Menschenwesens zusammennehmen, dasjenige, was wir unsere sittlichen Impulse nennen, dasjenige, woran wit messen das Sittlich-Gute und Sittlich-Schlechte in uns. Wenn diese unsere sittlichen Impulse sich im Innersten unseres Wesens als Intuitionen ankündigen, wenn sie Richtschnur unseres Lebens auf moralischem Gebiete werden sollen, dann erleben wir in diesen Impulsen etwas von Seelenkraft, das wir uns nun ausgedehnt denken müssen über alles, was der Orientale empfindet, wenn er sein Geistesleben hereinzaubert in die physische Welt. Nichts von jener Stimmung, die wir etwa haben, wenn wir über die Natur etwas ausmachen, nichts von jener Stimmung, die unsere Philosophien und Weltanschauungen und unsere trivialen Monismen durchzieht, sondern jenes Bewußtsein in der Seele, ein Überweltliches, ein Übersinnliches zu empfangen, das bestimmte den Orientalen in allem, was dem einen Inhalt gab, was er seine Weltanschauung hätte nennen können.
[ 10 ] In our inner life, we essentially have only something like a part of our being from which we can truly form a thorough and accurate mental image of the entire way in which the Oriental, in his earliest, most pristine times, related to his spiritual life. To form such a mental image, we must look to the way in which—when we bring together the finest forces of our human nature—that which we call our moral impulses arises within us, that by which we measure the morally good and the morally bad within ourselves. When these moral impulses of ours make themselves known in the innermost depths of our being as intuitions, when they are to become the guiding principle of our lives in the moral realm, then we experience in these impulses something of the power of the soul—which we must now conceive of as extending to everything the Eastern person feels when he conjures his spiritual life into the physical world. Nothing of the mood we might have, for example, when we discern something in nature; nothing of the mood that pervades our philosophies, worldviews, and our trivial monisms—but rather that consciousness in the soul of receiving something supermundane, something supersensible—this is what defined the Easterners in everything that gave substance to what they might have called their worldview.
[ 11 ] Mit dieser Art, ich will nicht sagen, über die übersinnliche Welt zu denken, sondern mit dieser Art, sich zu der übersinnlichen Welt zu stellen, mit dieser Art, zu empfinden über dasjenige, was sich aus der übersinnlichen Welt in die sinnliche herein offenbaren kann, wußte im Grunde genommen der Angehörige der westlichen Zivilisation seit langer Zeit nichts anzufangen. Abstrakt ist wohl aufgetreten im äußeren moralischen Leben dasjenige, was man den höheren Menschen im Menschen nennt. Aber jenes gewaltige, unmittelbare Erlebnis, durch das dieser höhere Mensch hereinschafft in diese sinnlich-physische Welt eine geistige Kultur, die unmittelbar Ausdruck eines Übersinnlichen ist, das ist der westlichen Kultur im hohen Grade verlorengegangen. Das sollte man sich heute als ehrliches Resultat einer Weltbilanz des Geistes- und Seelenlebens eigentlich gestehen.
[ 11 ] With this way—I do not mean to say, of thinking about the supersensible world—but with this way of relating to the supersensible world, with this way of perceiving what can reveal itself from the supersensible world into the sensible world, members of Western civilization have, in essence, long been at a loss. In external moral life, what is called the “higher human being” within the human being has certainly manifested itself in an abstract way. But that powerful, immediate experience through which this higher human being brings into this physical-sensory world a spiritual culture that is the direct expression of the supersensible—that has been lost to Western culture to a great extent. Today, we should actually admit this as the honest result of a global assessment of our spiritual and soul life.
[ 12 ] Blicken wir nun auf einzelne Erscheinungen hin. Auf der einen Seite sehen wir, wie - ich habe schon darauf aufmerksam gemacht - der Christus-Impuls in alle unsere Kulturströmungen eingezogen ist. Er trat einmal mit einer ungeheuren Stoßkraft in das abendländische Leben ein. Er verlor diese Stoßkraft. Wenn wir zurückgehen in alte christliche Zeiten, so finden wir, daß die Menschen, die sich im Ernst der christlichen Weltanschauung nähern wollen, die Christus-Gestalt durch übersinnliches Wissen ergreifen wollen. Im 19. Jahrhundert sind gerade die fortgeschrittensten Theologen, die fortgeschrittensten Bekenner des Christentums stolz darauf gewesen, das Übersinnliche auch aus der Gestalt des Christus Jesus zu entfernen, und es hat gegeben und es gibt noch Universitätslehrer der christlichen Theologie, die stolz darauf sind, den Christus Jesus nur als den «schlichten Mann aus Nazareth » anzusehen, die stolz darauf sind, so wenig wie möglich Übermenschliches in diese Gestalt des Erdenlebens hineinzubringen. Wir sehen, wie allmählich sozusagen verduftet ist der Sinn für das Übersinnliche auch gegenüber den heiligsten Überzeugungen der abendländischen Menschheit, oftmals gerade bei führenden Geistern. Die Menschen im Abendlande konnten nichts anfangen selbst mit dem, was sich ihnen durch die Jahrhunderte hindurch herausentwickelt hat aus dem Geiste des Orients heraus. Sie vermaterialisierten es. Die signifikanteste Erscheinung ist die Vermaterialisierung des Christentums der Theologie, denn eine Vermaterialisierung ist es, wenn das Christus-Wesen, das als ein außerweltliches gedacht werden muß, vereint mit der Persönlichkeit des Jesus von Nazareth, ausgelöscht wird, und wenn bloß auf die persönlichen Eigenschaften des Jesus von Nazareth wie auf eine andere historische Erscheinung hingeschaut wird.
[ 12 ] Let us now turn our attention to individual phenomena. On the one hand, we see—as I have already pointed out—how the Christ impulse has permeated all the currents of our culture. It once entered Western life with tremendous momentum. It has since lost that momentum. If we go back to early Christian times, we find that people who sought to approach the Christian worldview in earnest sought to grasp the figure of Christ through supersensible knowledge. In the 19th century, it was precisely the most advanced theologians—the most advanced adherents of Christianity—who took pride in removing the supersensible from the figure of Christ Jesus, and there have been—and still are—university professors of Christian theology who take pride in viewing Jesus Christ merely as the “simple man from Nazareth,” who take pride in introducing as little of the superhuman as possible into this figure of earthly life. We see how, little by little, the sense of the supernatural has, so to speak, evaporated even in relation to the holiest convictions of Western humanity—often precisely among its leading minds. People in the West could make no sense even of what had developed for them over the centuries out of the spirit of the East. They reduced it to the material. The most significant phenomenon is the materialization of Christian theology, for it is indeed a materialization when the Christ-being—which must be conceived as otherworldly—united with the personality of Jesus of Nazareth, is obliterated, and when attention is focused solely on the personal characteristics of Jesus of Nazareth as if he were merely another historical figure.
[ 13 ] Wir können auch an anderen Beispielen sehen, wie merkwürdig sich dieser abendländische Geist zu dem orientalischen verhält. Unsere anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft verwechseln manche Leute, manche bewußt, manche unbewußt, manche gutwillig, manche böswillig, mit demjenigen, was sich in englischsprechenden Gegenden Theosophie nennt. Ich will heute wahrhaftig nicht sprechen über die Beziehungen unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu demjenigen, was in England unter Blavatsky und Besant Theosophie genannt wird, aber ich will darauf aufmerksam machen, daß das Welteroberervolk England im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts eine, wenn auch im Verhältnis zur ganzen englischen Kultur kleine, aber doch bemerkenswerte Erscheinung hatte, die sich ausdrückte in der dortigen theosophischen Bewegung. Was wollte diese theosophische Bewegung innerhalb der im eminentesten Sinne abendländischen Kultur? Sie wollte Vertiefung des Geisteslebens, wollte ein Wiedersuchen der Quellen geistigen Erlebens. Was tat sie? Die Mitglieder des Eroberervolkes strebten nach den Quellen des Geistes, sie gingen hin zu dem eroberten Volke der Inder und entnahmen dort altorientalische Weisheit. Daß wir das nicht nachmachten, das war es gerade, warum man uns von dieser theosophischen Seite her so verketzerte. Und vergleicht man dasjenige, was innerhalb dieser englisch-theosophischen Gesellschaft lebt, was ganz entlehnt ist aus dem orientalischen Indertum, mit dem, was einstmals als Weisheit dort lebte, so muß man in all dem, was da tradiert wird als, sagen wir, «Ätherleib», «Astralleib», eine Vermaterialisierung des im Orient drüben spirituellen, rein geistig Gedachten sehen. Aber für eine andere Tatsache ist das charakteristisch, was ich eben angeführt habe. Es ist den Angehörigen der abendländischen englischen Kultur so wenig möglich, aus sich selbst heraus ein Streben nach den Quellen eines neuen geistigen Lebens zu treiben, daß man sich zu der Zeit dekadenten orientalischen Geisteslebens wendet, um bei ihr eine Anleihe zu machen, um fremdes Gut herüberzutragen nach dem Abendland. Gerade an diesem Beispiel kann man sehen, wie wenig eigene Begabung in diesem Abendlande vorhanden ist, selber so etwas hervorzubringen, wie die Hervorbringungen desjenigen Menschen sind, der als höherer Mensch, als spiritueller Mensch, als ewiger Mensch, als unsterblicher Mensch im sterblichen lebt, und dessen Ausdruck doch schließlich die orientalische Geisteskultur ist. Der Orientale versteht daher sehr gut, was der höhere Mensch im Menschen ist, was der Mensch ist, der nicht rein auf der Erde lebt, sondern in geistigen Welten über die Erde hinaus lebt.
[ 13 ] We can also see from other examples how strangely this Western spirit contrasts with the Eastern one. Some people—some consciously, some unconsciously, some with good intentions, some with malicious intent—confuse our anthroposophically oriented Spiritual Science with what is called “Theosophy” in English-speaking regions. I truly do not wish to speak today about the relationship between our anthroposophically oriented Spiritual Science and what is called “Theosophy” in England under Blavatsky and Besant, but I do wish to point out that England, the nation that conquered the world, witnessed in the last third of the previous century a phenomenon—albeit small in relation to the entirety of English culture, yet nonetheless remarkable—that found expression in the Theosophical movement there. What did this Theosophical movement seek within Western culture in the most eminent sense? It sought a deepening of spiritual life; it sought to rediscover the sources of spiritual experience. What did it do? The members of the conquering nation sought out the sources of the spirit; they went to the conquered people of India and drew upon ancient Eastern wisdom there. The very fact that we did not imitate this was precisely why we were so denounced by this Theosophical camp. And if one compares what lives within this English Theosophical Society—which is entirely borrowed from Indian Orientalism—with what once existed there as wisdom, one must see in all that is handed down there as, let us say, the “etheric body” or “astral body,” a materialization of what in the Orient was spiritual and purely intellectual. But what I have just mentioned is characteristic of another fact. It is so impossible for members of Western English culture to generate, from within themselves, a striving toward the sources of a new spiritual life that they turn to the then-decadent spiritual life of the East in order to borrow from it, to bring foreign treasures over to the West. This example in particular shows just how little innate talent exists in the West to produce something like the creations of that human being who lives as a higher human being, as a spiritual human being, as an eternal human being, as an immortal human being within the mortal realm—and whose expression is, after all, Eastern spiritual culture. The Eastern person therefore understands very well what the higher human being within a person is—what a human being is who does not live purely on Earth, but lives in spiritual worlds beyond the Earth.
[ 14 ] Was haben wir für ein Analogon im abendländischen Geistesleben, und was haben wir immer mehr für ein Analogon, je weiter wir nach dem Westen gehen, gegenüber diesem höheren Menschen, wie ich es jetzt in stammelnden Worten zu charakterisieren versuchte für das orientalische Geistesleben — was haben wir dafür Entsprechendes eigentlich im alltäglichen, gewöhnlichen, landläufigen Geistesleben des Abendlandes? Man muß sich lange besinnen, um daraufzukommen, was die bis heute tonangebende abendländische Kultur als das Entsprechende für den höheren spirituellen Menschen des Orients hat. Wenn man heute nachsieht in gebräuchlichen Handbüchern über die Bevölkerung unserer Erde, so findet man bekanntlich angegeben: Auf der Erde leben ungefähr 1500 Millionen Menschen. Das ist im Grunde genommen dann richtig, wenn man auf diejenigen Menschenwesen hinschaut, die für die Menschheitskultur schaffen, indem sie auf zwei Beinen über die Erdoberfläche gehen, aber es ist nicht mehr richtig für unsere heutige Zeit, wenn wir nach der Menge der Arbeit fragen, die vor verhältnismäßig noch gar nicht langer Zeit die Menschen fast einzig und allein selbst für die Menschheitskultur geleistet haben. Wir haben es durch die Errungenschaften der abendländischen Kultur dazu gebracht, Maschinenarbeit in reichlichstem Maße an die Stelle von Menschenarbeit zu setzen, und wir dürfen sagen: Im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte ist dasjenige, was für unsere Kultur fabriziert, hergestellt wird, nicht nur das Ergebnis dessen geworden, was die menschliche Arbeit leistet, sondern dessen, was Maschinenarbeitleistet. Würde die Maschine nicht da sein, so würde man sehen, wie viel Menschen leisten müßten, damit das zustande kommt, was heute mit Hilfe der Maschine zustande kommt. Man kann nun ausrechnen, wieviel Menschen mehr auf der Erde leben müßten, wenn das durch Menschenarbeit geleistet werden müßte, was durch Maschinenarbeit geleistet wird. Ich habe mich bemüht, das auszurechnen, und bekomme für eine achtstündige Arbeitszeit heraus - man kann es etwa nach dem Kohlenverbrauch und anderem berechnen -, daß ungefähr 700 bis 750 Millionen Menschen mehr auf der Erde arbeiten müßten, als jetzt vorhanden sind an fleischlichen Menschen. Das heißt, es ist nur bedingt richtig wenn wir auf die Menge der geleisteten Arbeit sehen -, daß wir unsere Erde von 1500 Millionen Menschen bewohnt haben. Wir haben sie von mehr bewohnt, aber von solchen, die nicht wirklich Menschen, sondern eigentlich Homunkeln, Maschinen, sind, aber die Arbeit leisten, die sonst Menschen leisten müßten. Dem Orientalen ist es in einer gewissen Weise in bezug auf seine eigene Seelenverfassung ziemlich unbehaglich bei diesem Gedanken der menschlichen Homunkeln, der da in die Menschenkultur hereinbrechenden 700 bis 750 Millionen Menschen, die keine Menschen, sondern Maschinen sind.
[ 14 ] What kind of counterpart do we have in Western spiritual life—and what kind of counterpart do we find in ever greater measure the further west we go—to this “higher human being,” as I have just attempted to characterize in faltering words for Eastern spiritual life? What, in fact, is the equivalent of this in the everyday, ordinary, conventional spiritual life of the West? One must reflect at length to determine what the Western culture—which still sets the tone today—has as a counterpart to the higher spiritual human being of the East. If one looks today in standard handbooks on the world’s population, one finds, as is well known, the following statement: Approximately 1,500 million people live on Earth. This is essentially correct when one considers those human beings who contribute to human culture by walking on two legs across the Earth’s surface; but it is no longer accurate for our present time when we consider the amount of work that, until relatively recently, human beings performed almost exclusively on their own for the sake of human culture. Through the achievements of Western culture, we have managed to replace human labor with machine labor on a massive scale, and we can say: Over the course of the last three to four centuries, what is produced for our culture has become not only the result of human labor but also of machine labor. If machines did not exist, we would see how many people would have to work to produce what is produced today with the help of machines. One can now calculate how many more people would have to live on Earth if what is produced by machine labor had to be produced by human labor. I have tried to calculate this, and based on an eight-hour workday—one can estimate this roughly based on coal consumption and other factors—I find that approximately 700 to 750 million more people would have to be working on Earth than there are actual human beings today. This means that it is only partially correct—if we look at the amount of work performed—to say that our Earth has been inhabited by 1,500 million people. We have inhabited it with more than that, but with beings who are not really human beings, but rather homunculi, machines, who nevertheless perform the work that humans would otherwise have to do. In a certain sense, with regard to his own spiritual disposition, the Eastern person feels quite uneasy at this thought of human homunculi—those 700 to 750 million people bursting into human culture who are not human beings but machines.
[ 15 ] Diese Art von Menschen, die da mitarbeitet, die der Träger, der maschinelle Träger der Menschenkraft ist, das ist das wirkliche Analogon, das wirklich Entsprechende in der normalen westlichen Kultur, dieser Untermensch für den höheren Menschen, für den spirituellen Menschen des Orients. Und ich glaube nicht, daß heute einer ehrlich die Weltbilanz des Seelen- und Geisteslebens zieht, der nicht zu dieser Rechnungslegung dasjenige heranzieht, worin in den besten Zeiten, die der Menschheit etwas gegeben haben, die orientalische Geisteskultur in dem höheren Menschen gipfelte, gegenüber dem, was das schließlich von der westlichen Kultur Hervorgebrachte ist: der Untermensch, die Maschine, die Menschenarbeit verrichtet.
[ 15 ] This kind of person who works alongside them—who is the vehicle, the mechanical vehicle of human power—is the true analogue, the true counterpart in normal Western culture to the “subhuman” in relation to the higher human being, to the spiritual human being of the East. And I do not believe that anyone today can honestly take stock of the state of spiritual and intellectual life in the world without including in that assessment the fact that, in the best of times—when humanity was given something of value—Eastern spiritual culture culminated in the higher human being, as opposed to what Western culture has ultimately produced: the “subhuman,” the machine that performs human labor.
[ 16 ] Gewiß, in der neueren Zeit sind dieOrientalen ganz gewiß nicht Idealisten geblieben, sondern haben sich dasjenige angeeignet, was die Maschine des Abendlandes leisten soll, aber für die Gesamtkonfiguration ihres Geisteslebens finde ich doch noch immer die Tatsache charakteristisch, die sich vor etwa 45 Jahren zugetragen hat. Da bekamen die Japaner die ersten Kriegsdampfer von den Engländern und waren stolz, daß sie nun auch das können, was die Engländer können: Kriegsdampfer befehligen. Und sie dankten ihren englischen Lehrmeister ab und fuhren selbst hinaus. Die Leute schauten vom Lande aus zu, wie ein Kapitän einen Kriegsdampfer im Meere herumtrieb. Da aber wurde ihnen etwas unbehaglich: der Dampfer drehte sich und drehte sich und wollte nicht aufhören, sich zu drehen. Denn er mußte sich drehen, der Engländer war ja entlassen, der es verstanden hätte, den Dampf durch die entsprechende Vorrichtung zum Entweichen zu bringen. Und so mußte der japanische Kapitän im Meere draußen drehen und drehen, bis der Dampf ganz aufgezehrt war. Nun gewiß, so ist es ja nicht mehrimäußeren Leben, aber in der inneren Seelen- und Geistesverfassung ist es so. Der orientalisch Gebildete steht im Grunde genommen vor der abendländischen Geisteskultur so wie jener japanische Kapitän auf seinem Kriegsdampfer, dessen Vorrichtung für das Auslassen des Dampfes er nicht zu dirigieren verstand. Es ist ein gewaltiger Abgrund zwischen der inneren Konfiguration dieses orientalischen und okzidentalischen Geisteslebens. Und so schwierig es dem Okzidentalen wird, sich wirklich innerlich ehrlich hineinzufinden in das orientalische Geistesleben, so schwierig wird es andererseits auch dem Orientalen heute noch, sich in das abendländische Geistesleben hineinzufinden.
[ 16 ] Certainly, in more recent times, the people of the East have by no means remained idealists, but have adopted what the Western machine is supposed to achieve; yet, for the overall configuration of their intellectual life, I still find the event that took place about 45 years ago to be characteristic. At that time, the Japanese received their first warships from the English and were proud that they could now do what the English could do: command warships. And they dismissed their English instructors and set sail on their own. People watched from shore as a captain maneuvered a warship about in the sea. But then they began to feel somewhat uneasy: the steamer turned and turned and would not stop turning. For it had to turn—the Englishman who would have known how to release the steam through the appropriate mechanism had, after all, been dismissed. And so the Japanese captain had to turn and turn out there at sea until the steam was completely exhausted. Now, of course, this is no longer the case in external life, but in the inner state of the soul and spirit, it is. The person educated in the Eastern tradition essentially stands before Western spiritual culture just as that Japanese captain stood on his warship, unable to operate the mechanism for releasing the steam. There is a vast chasm between the inner configuration of this Eastern and Western spiritual life. And just as it is difficult for Westerners to truly and honestly find their way into Eastern spiritual life, so too is it still difficult for Easterners today to find their way into Western spiritual life.
[ 17 ] Daher ist es gekommen, daß das nun insbesondere für uns in Mitteleuropa - die wir, ich möchte sagen, hineingekeilt sind zwischen orientalisches und okzidentalisches Geistesleben — zu einer Schwierigkeit geworden ist. Dasjenige, was ich Ihnen eben für das orientalische Geistesleben auseinandergesetzt habe, ist im Grunde genommen ein Charakteristikon des orientalischen Geisteslebens alter Zeit. Was man darüber heute noch findet und was schon stark im Übergang zu einer neuen Metamorphose ist, das ist im Grunde genommen nur ein letzter Ausläufer. Nur für denjenigen, der etwas von diesen Dingen versteht, weist dieser Ausläufer auf dasjenige hin, was das orientalische Geistesleben eigentlich war. Aber wir, insofern wir selbst dem Abendlande angehören, wir haben lange gezehrt von dem, was uns aus diesem orientalischen Geistesleben gekommen ist. Man darf nicht sagen, daß das Ereignis von Golgatha etwa selber aus dem orientalischen Geistesleben gekommen wäre. Es hat sich im Orient vollzogen, aber es ist eine Tatsache, die sich für die ganze Menschheit vollzogen hat. Aber dasjenige, wodurch aus der menschlichen Seelen- und Geistesverfassung heraus das Abendland das Mysterium von Golgatha bisher verstanden hat, das kam aus orientalischer Überlieferung. Und unsere Art, christlich zu denken über das Mysterium von Golgatha, ist für denjenigen, der solche Dinge unbefangen beobachten kann, eben das letzte Ergebnis dessen, was wir aus orientalischer Überlieferung haben.
[ 17 ] This is why it has become a difficulty, particularly for us in Central Europe—who, I might say, are wedged between Eastern and Western spiritual life. What I have just explained to you regarding Eastern spiritual life is, in essence, a characteristic feature of Eastern spiritual life in ancient times. What remains of it today—and which is already undergoing a profound transformation—is, in essence, merely a final offshoot. Only to those who understand these things does this remnant point to what Eastern spiritual life actually was. But we, insofar as we ourselves belong to the West, have long drawn sustenance from what has come to us from this Eastern spiritual life. One must not say that the event of Golgotha itself came from Eastern spiritual life. It took place in the East, but it is a fact that unfolded for all of humanity. However, the way in which the West has hitherto understood the Mystery of Golgotha, based on the human soul and spiritual constitution, came from Eastern tradition. And our way of thinking Christianly about the Mystery of Golgotha is, for anyone who can observe such things impartially, precisely the ultimate result of what we have received from Eastern tradition.
[ 18 ] Unsere Normalkultur, unsere heutige alltägliche Kultur lebt noch fort von den Strömungen des Orients, hat noch nicht neue Ansätze gezeitigt, um das Ereignis von Golgatha und anderes Übersinnliche in einer neuen Art zu begreifen. Doch dasjenige, was im Orient drüben schon im Niedergang ist, aber dort doch ein dem heutigen Orientalen entsprechendes Element ist, was ist es geworden bei uns durch ganz Europa und bis zum europäischen Anhang, bis nach Amerika hinüber? Phrase ist es geworden. An wichtigen Punkten können wir zeigen, wie dasjenige Phrase geworden ist, was wir in unseren Seelenadern noch zum Verstehen des Übersinnlichen haben und was in diese Seelenadern eingezogen ist durch uralte orientalische Geistesströmungen, zu denen wir noch nichts Neues aus unserer gewöhnlichen Alltagskultur hinzugefunden haben. Wer heute unser Geistes- und Seelenleben wirklich verfolgt, der wird sich sagen müssen: Vieles, unendlich vieles in diesem Geistes- und Seelenleben ist nichts mehr als Phrase, hat seinen Inhalt verloren. Wir denken noch in den Worten, die uns entweder direkt aus dem orientalischen Sprachelement überliefert oder die ihm nachgebildet sind. Aber Phrase ist es geworden, und Phrase ist zum großen Teil unser Geistesleben geworden. Wir sprechen die Worte aus für dasjenige, was einmal in der alten orientalischen Geisteskultur einen grandiosen Sinn hatte, aber es ist in unserem Munde, in unserem Verstande, in unserem Herzen Phrase.
[ 18 ] Our mainstream culture—our everyday culture today—still draws on the influences of the Orient and has not yet produced new approaches for understanding the events at Golgotha and other supernatural phenomena in a new way. But what is already in decline over in the East—yet is still an element corresponding to the modern Eastern mind—what has it become here, throughout Europe and even in the European outposts, all the way to America? It has become mere rhetoric. At key points, we can demonstrate how that which we still possess in the veins of our souls for understanding the supernatural—and which has flowed into these veins through ancient Eastern spiritual currents, to which we have yet to add anything new from our ordinary everyday culture—has become mere rhetoric. Anyone who truly observes our spiritual and soul life today will have to admit: Much—indeed, an infinite amount—of this spiritual and soul life is nothing more than a cliché; it has lost its substance. We still think in words that have been handed down to us either directly from the Eastern linguistic tradition or that are modeled after it. But they have become mere phrases, and our spiritual life has, for the most part, become a series of phrases. We utter these words to describe what once had a magnificent meaning in the ancient Eastern spiritual culture, but in our mouths, in our minds, and in our hearts, they are mere phrases.
[ 19 ] Der Mensch empfindet das heute noch nicht in genügendem Maße, und das ist das Unglück unserer Zeit. Denn aus der Phrase heraus werden zwar Parteiprogramme, aus der Phrase heraus werden auch Weltanschauungen phrasenhafter Art geboren, aus der Phrase heraus werden aber niemals fruchtbare Taten und Ideen für die wirkliche Weiterentwicklung der Menschheit entstehen. Man kann mit Phrasen agitieren, man kann aber mit Phrasen nichts schaffen. Wir blicken hin nach dem orientalischen Geistesleben mit seiner Erbschaft für uns und sagen uns: Es ist zur Phrase geworden, was da als spirituelle Welt gelebt hat. Und wir blicken jetzt hin auf dasjenige, was - wir haben es einigermaßen charakterisieren können — das Wesentlichste des abendländischen Geisteslebens ist: das mechanistische Element. Wie kann das empfunden werden, wenn es gar nicht mit derjenigen Spannkraft spirituellen Geisteslebens empfunden wird wie einstmals, und wenn es nur ungefähr empfunden wird, wie kann dieses mechanistische Leben empfunden werden? Kann man denn leugnen, daß das, was wir gewohnt worden sind: daß an Maschinenkraft 700 bis 750 Millionen Menschen auf der Erde ersetzt sind, kann man das denn leugnen, daß das unsere sozialen Gedanken, unsere Staatsgedanken beherrscht, daß es eingezogen ist in unsere Köpfe - kann man denn das leugnen?
[ 19 ] People still do not feel this to a sufficient degree today, and that is the misfortune of our time. For while party platforms may well arise from empty phrases, and worldviews of a similarly superficial nature may also be born from them, fruitful deeds and ideas for the genuine advancement of humanity will never emerge from empty phrases. One can agitate with empty phrases, but one cannot create anything with them. We look to Eastern spiritual life with its legacy for us and say to ourselves: What was once lived as a spiritual world has become mere rhetoric. And we now turn our attention to what—as we have been able to characterize to some extent—is the most essential aspect of Western spiritual life: the mechanistic element. How can this be experienced when it is not experienced at all with the same vitality of spiritual life as in the past, and when it is experienced only in a vague way—how can this mechanistic life be experienced? Can one really deny that what we have become accustomed to—that 700 to 750 million people on Earth have been replaced by machine power—can one really deny that this dominates our social and political thinking, that it has taken root in our minds—can one really deny that?
[ 20 ] Es hat allerdings — aber das sind Ausnahmen — Menschen gegeben innerhalb der abendländischen Menschheit, die in tiefer Weise solches empfunden haben, und wiederum darf hingewiesen werden auf eine bedeutungsvolle Schöpfung des österreichischen Dichters Robert Hamerling, auf seinen «Homunkulus». Er versuchte in diesem «Homunkulus » in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das Bild desjenigen Menschen zu zeichnen, der in seinem ganzen Geistes- und Seelenleben und Geistes- und Seelenwesen aus der modernen mechanistischen Kultur herauswächst. Er versuchte die Denkweise zu charakterisieren, die daraus entspringt, die eigentümliche Form des egoistischen Strebens. Das alles versucht Robert Hamerling in seinem «Homunkulus» zu zeichnen. Er zeichnet den Menschen, der keine Seele hat, weil ihm die mechanistische Denkweise seine ganze Seele ausgetrieben hat; er zeichnet einen Menschen, der aus den Usancen dieser mechanistischen Kultur herausgewachsen ist. Dieser Mensch wird Billionär. Und Hamerling zeichnet manches voraus, was dazumal noch nicht eine äußerliche Wirklichkeit war; er zeichnet die Luftschiffahrt und all die Dinge voraus, die dazumal noch nicht in dieser Art Wirklichkeit waren. Wie ein Homunkulus, wie ein künstlich mechanistischer Mensch in seinem Seelen- und Geistesleben, so erschien der westliche Mensch Robert Hamerling. Nicht wie derjenige, der aus den spirituellen Impulsen heraus, aus dem im Innersten des Menschen sich offenbarenden Übersinnlichen heraus sich sein Leben zimmert, sondern der gezimmert wird von den mechanistischen Mächten der Außenwelt, so charakterisiert Robert Hamerling den Typus des normalen abendländischen Menschen als Homunkulus.
[ 20 ] There have, however—though these are exceptions—been people within Western civilization who have felt this in a profound way, and here again we may point to a significant work by the Austrian poet Robert Hamerling, his “Homunkulus.” In this *Homunkulus*, written in the 1880s, he sought to portray a human being whose entire spiritual and soul life—and indeed, whose very spiritual and soul nature—has grown out of modern mechanistic culture. He sought to characterize the way of thinking that arises from this, the peculiar form of egoistic striving. Robert Hamerling attempts to depict all of this in his *Homunkulus*. He portrays a person who has no soul, because the mechanistic way of thinking has driven his entire soul out of him; he portrays a person who has grown out of the customs of this mechanistic culture. This person becomes a trillionaire. And Hamerling foreshadows many things that were not yet an external reality at that time; he foreshadows air travel and all the things that were not yet a reality of this kind back then. To Robert Hamerling, Western man appeared like a homunculus, like an artificially mechanistic human being in his soul and spiritual life. Not like the person who shapes his life out of spiritual impulses, out of the supersensible that reveals itself in the innermost being of the human being, but rather the one who is shaped by the mechanistic forces of the external world—this is how Robert Hamerling characterizes the type of the normal Western human being as a homunculus.
[ 21 ] Und man muß sagen: Gerade, wenn man auf so etwas hinblickt, was eindringlich die Empfindungen schildert, die der heutige gebildete Orientale hat über das Leben des Abendlandes, so empfindet man selber, so fühlt man diesen Orientalen, zum Beispiel Tagore, der mit der ganzen Inbrunst einer spirituellen Weltanschauung wieder seine orientalische Geisteswelt erfaßt, nach: er schaut alles das, was er beobachten kann in der westlichen Welt an Naturanschauung, an Staatsanschauung, an sozialen Gedanken; er schildert es so, daß man sich sagt - nur eben mit den Nuancen, wie ein Orientale spricht -: so schildert dieser heutige gebildete Orientale alles das als den Homunkulus. Der Okzidentale trägt in seinem Geistes- und Seelenleben die Nachklänge desjenigen, was einstmals groß war im Orient drüben, als Phrase. Der Orientale empfindet das, was die okzidentalische Kultur bisher als Größtes hervorgebracht hat, als Homunkulus-Kultur.
[ 21 ] And one must say: Precisely when one looks at something like this, which vividly depicts the feelings that today’s educated Oriental has about life in the West, one empathizes with this Oriental—for example, Tagore, who, with all the fervor of a spiritual worldview, once again captures his own Oriental spiritual world—and feels just as he does: he observes everything he can in the Western world—its view of nature, its political philosophy, its social ideas—and describes it in such a way that one says to oneself—albeit with the nuances characteristic of an Eastern speaker—that this educated Eastern thinker of today portrays all of this as the homunculus. The Westerner carries within his intellectual and spiritual life the echoes of what was once great in the Orient across the way, now reduced to a cliché. The Easterners perceive what Western culture has produced as its greatest achievement to date as “homunculus culture.”
[ 22 ] Ich weiß sehr gut, daß Bequemlinge heute sagen, diese Dinge seien übertrieben. Das rührt aber nur davon her, daß man nicht den Mut hat, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen. Es ist jedoch notwendig, ehrlich die Bilanz des Seelen- und Geisteslebens zu ziehen. Und damit haben wir auf das hingewiesen, was diese westliche Kultur eigentlich charakterisiert, worauf man ganz besonders in unseren Tagen hinweisen muß. Ist es denn nicht mit Händen zu greifen, daß sich aus der letzten Weltkatastrophe Zustände herausentwickelt haben, die auch für diejenigen, die schwer von Begriff sind, endlich begreifen lassen, was der Unbefangene längst sehen konnte, auch vor dem Jahre 1914? Istes denn nicht mit Händen zu greifen, daß sich in Form des englischen, des angloamerikanischen Weltreiches dieses anglo-amerikanische Wesen eben mit der Homunkulus-Natur über die Erde zum großen Teil ausbreitet?
[ 22 ] I know very well that complacent people today say these things are exaggerated. But that stems solely from a lack of courage to call things by their proper names. It is, however, necessary to take an honest stock of our spiritual and mental life. And with that, we have pointed out what actually characterizes this Western culture—something that must be emphasized especially in our own time. Is it not glaringly obvious that conditions have developed out of the last world catastrophe which finally allow even those who are slow on the uptake to grasp what the impartial observer could have seen long ago, even before 1914? Is it not plain to see that, in the form of the English, the Anglo-American world empire, this Anglo-American essence—with its homunculus nature—is spreading across the earth to a large extent?
[ 23 ] Das sage ich nicht etwa aus dem Grunde, weil ich jetzt hier an einem Orte Deutschlands zu Ihnen spreche. Ähnliche Dinge habe ich in den letzten Wochen und seit langem auch den Angehörigen der englisch-amerikanischen Bevölkerung selber gesagt. Ich habe Angehörigen der englisch-amerikanischen Bevölkerung ruhig gesagt: Im Grunde genommen haben es die in Mitteleuropa lebenden Deutschen jetzt doch besser als ihr, denn dadurch, daß sich die Dinge so entwickelt haben, wie sie sich entwickelt haben, ist ein großer Teil jener Verantwortlichkeit von den Deutschen genommen - eine andere kommt! jener Verantwortlichkeit, die jetzt auf das anglo-amerikanische Element übergegangen ist. Weniger hat man heute zu denken auf dieser Seite, ob jenes — ja, wie soll man es nennen? - ein einsichtiger Engländer hat es neulich mir gegenüber « Zusammenräubern der verschiedenen Gebiete der Welt» genannt; vielleicht ist es angemessener, mit diesem Ausdruck zu sprechen, als eine nationale deutsche Bezeichnung zu nehmen — weniger hat man zu denken an dieses Zusammenräubern; zu denken hat man vielmehr daran, daß es eine Tatsache ist, die ihren Lauf nimmt, daß aber diejenigen, die in jenen Ländern überhaupt noch menschlichen Sinn in ihrer Brust tragen, die Riesenverantwortung für die Fortentwicklung der Menschheit fühlen müssen, die auf ihnen lastet, weil sie innerhalb dieser Ausbreitung der anglo-amerikanischen Welt stehen.
[ 23 ] I am not saying this simply because I am speaking to you here in Germany. I have said similar things in recent weeks—and for a long time now—to members of the Anglo-American community themselves. I have calmly told members of the Anglo-American population: “Basically, the Germans living in Central Europe are now better off than you are, because the way things have developed has relieved the Germans of a large part of that responsibility—and another has taken its place!—that responsibility which has now passed to the Anglo-American element.” Today, on this side, one has less to worry about regarding that—well, how should one call it?—a discerning Englishman recently referred to it to me as “the plundering of the various regions of the world”; perhaps it is more appropriate to use this expression than to employ a German national term—one has less to worry about this plundering; rather, one must consider that it is a fact that is taking its course, but that those in those countries who still possess any sense of humanity must feel the immense responsibility for the further development of humanity that weighs upon them because they find themselves within this expansion of the Anglo-American world.
[ 24 ] Wir aber, wie haben wir darauf zu sehen, was denn eigentlich das Wesentliche ist dieser durch die anglo-amerikanische Welt repräsentierten Weltkultur mit ihrem mechanistischen Charakter? Glauben Sie nicht, daß gerade ein Angehöriger der Geisteswissenschaft in reaktionärer Weise über diese mechanistische Kultur etwa loswettern möchte, glauben Sie nicht, daß mir auch nur einen Augenblick beifallen möchte, irgendwelche reaktionären Gedanken zu äußern über das Heraufbeschwören alter Einrichtungen, oder etwas, was aus der Welt schaffen möchte eine einzige Errungenschaft dieser neueren Kultur! Diese ist mit derselben Notwendigkeit da wie einstmals die spirituelle Kultur. Notwendigkeiten der Weltentwicklung müssen in gebührender Weise beachtet werden. Aber was ist das Wesentliche? So wie im Orient einstmals groß war das Streben nach dem höheren Menschen, nach dem, was im Menschen sich offenbaren kann als das Spirituelle, als der göttliche Mensch, so wie aber da drüben im Orient dieses Sichhinauferheben zum spirituellen Menschen schließlich in die Dekadenz gekommen ist, so daß es heute etwas ist, was wie aus märtyrerisch gearteten Trieben hervorwächst, was sogar heute schon über zahlreiche Gebiete dieses Orients verwechselt jenes soziale Zusammenleben, das sich auf spiritueller Grundlage begründet, mit dem von Westeuropa eingeschleppten sogenannten sozialen Leben — wir sehen: Was im Orient einstmals als das Große war, es ist nicht mehr, hat seinen eigentlichen inneren Impuls verloren; es ist Vergangenheit, und der Hauch der Vergangenheit lastet über dem ganzen Geistesleben und der Geisteskultur des Orients. Und es ist Dekadenz des Abendlandes, Ausgepreßtheit von allen guten Geistern des abendländischen Menschentums, wenn sich heute viele Menschen finden, welche Beihilfe zu ihrem abendländischen Geistesleben suchen durch Aufnahme von orientalischem Wesen. S wie dort Vergangenheit schwebt über dem, was äußerlich da ist in der Gegenwart - so grotesk sich das auch ausnimmt -, so schwebt über dem, was westliche mechanistische Kultur ist, Zukunft.
[ 24 ] But how are we to determine what is actually essential to this world culture—represented by the Anglo-American world—with its mechanistic character? Do not think that I, as a member of the Spiritual Science, would want to rail against this mechanistic culture in a reactionary manner; do not think for a single moment that I would ever express any reactionary thoughts about reviving old institutions, or about wanting to do away with even a single achievement of this newer culture! This culture exists with the same necessity as spiritual culture once did. The necessities of world development must be given due consideration. But what is essential? Just as in the East the striving for the higher human being was once great—for that which can reveal itself in the human being as the spiritual, as the divine human being— yet just as over there in the East this striving toward the spiritual human being ultimately fell into decadence, so that today it is something that springs from almost martyr-like impulses—and which even now, across numerous regions of the East, confuses that social coexistence founded on a spiritual basis with the so-called social life imported from Western Europe—we see: What was once great in the East is no more; it has lost its true inner impulse; it is a thing of the past, and the shadow of the past hangs over the entire spiritual life and culture of the East. And it is the decadence of the West, a draining away of all the good spirits of Western humanity, when today many people seek to bolster their Western spiritual life by incorporating Eastern elements. Just as the past hovers there over what is outwardly present—however grotesque that may seem—so does the future hover over what Western mechanistic culture is.
[ 25 ] Ich rede nicht als Reaktionär über diese westliche Kultur, ich rede nicht so, als ob nur ein i-Tüpfelchen von dieser westlichen Kultur vermißt werden sollte; aber so, wie es sich ausbreitet durch den mechanistischen Untermenschen in 700 bis 750 Millionen Exemplaren, ist es eine Tatsache, daß wir heute noch kein Geistes- und Seelenleben haben, das sich mit voller Wucht und Stoßkraft hineinstellen kann in eine Welt, die also mechanistisch ist. Und es ist mein Glaube, den ich oftmals hier nicht als einen bloßen Glauben, sondern als aus der Geisteswissenschaft hervorgehende Erkenntnis charakterisiert habe, es ist mein Glaube, daß dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft genannt wird, was seit zwei Jahrzehnten als diese Geisteswissenschaft vorgetragen wird, entsteht aus derselben Geisteskraft, die, wenn sie sich nach außen auf das bloße Zeitliche und Räumliche und Sinnliche wendet, zur äußeren Mechanik wird, die in die grandiose Technik ausläuft. Solch ein Geistesleben, das unsere Maschinen und die mechanistische Kultur schafft, es hätte diejenigen Menschen, die einstmals aus dem spirituellen orientalischen Menschen heraus die geistige Kultur des Orients geschaffen haben, es hätte sie zersprengt, es wäre unmöglich gewesen, das mit ihrer Art des spirituellen Lebens zu verbinden. An ihnen war es nicht, ein solches äußeres mechanistisches Leben in ihrer Umgebung zu haben; an uns im Abendlande ist es, ein solches Leben in der Umgebung zu haben, unsere Intelligenz, unsere ganzen menschlichen Geistes- und Seelenkräfte so anzuwenden, daß wir die inneren, starken Gewalten haben, um all das zu beherrschen, was in unseren mechanistischen, elektrotechnischen Kulturen auftritt.
[ 25 ] I am not speaking as a reactionary about this Western culture; I am not speaking as if only a mere iota were missing from this Western culture; but given the way it is spreading through the mechanistic subhuman—in numbers ranging from 700 to 750 million—it is a fact that we still do not have a spiritual and soul life today that can engage with full force and momentum in a world that is, in essence, mechanistic. And it is my belief—which I have often characterized here not as mere faith, but as insight arising from Spiritual Science— it is my belief that what is called anthroposophically oriented Spiritual Science—which has been presented as such for two decades—arises from the very same spiritual force that, when it turns outward toward the mere temporal, spatial, and sensory, becomes external mechanics, culminating in magnificent technology. Such a spiritual life—which creates our machines and our mechanistic culture—would have shattered those people who once, drawing from the spiritual essence of the Eastern human being, created the spiritual culture of the East; it would have been impossible to reconcile this with their way of spiritual life. It was not their lot to have such an external, mechanistic life in their environment; it is ours in the West to have such a life in our environment, to apply our intelligence and all our human spiritual and soul powers in such a way that we possess the inner, powerful Powers to master everything that arises in our mechanistic, electrotechnical cultures.
[ 26 ] Aus derselben geistigen Konfiguration muß durch Erhebung über das Sinnliche in das Übersinnliche hinein diejenige Kraft der menschlichen Seele erwachsen, die ich geschildert habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? » und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft » — die Kraft erwachsen, die uns auf eine Weise, wie sie niemals im Orient war, in die übersinnlichen Welten hineinführt. Damit aber steht die Menschheit des Abendlandes erst in ihrem Anfange, dafür ist erst der Ausgangspunkt vorhanden, und noch wenige Menschen sehen heute ein, daß es möglich, ja, daß es notwendig ist, aus demselben Geiste heraus, der die Gesetze unserer Maschinen durchdringt, der in unserer Elektrotechnik arbeitet, aus demselben Geiste heraus durch innere geistige Entwicklung aufzusteigen auf so strengen inneren Seelenwegen, wie nur die strengste Wissenschaft zu ihren Ergebnissen aufsteigt, zu jener Erkenntnis, wo man ebenso schaut, nur in anderer Art, wie einstmals der orientalische Mensch in übersinnlichen Welten geschaut hat. Wir müssen zu einer Geisteswissenschaft kommen, die durch die ganze Art des inneren menschlichen Geistes- und Seelenlebens gewachsen ist jeder Art von wissenschaftlichem und Erkenntnisstreben der neueren Zeit des Abendlandes. Wir dürfen nicht zurück zu dem, was vielfach in den Bekenntnis-Religionen Phrase geworden ist, nicht zurück zu jenem billigen Gebrauch der alten Phrasen, um etwa auch die neue Geisteswissenschaft zu charakterisieren. Diese neue Geisteswissenschaft muß mit demselben Ernst, mit derselben Stoßkraft — nur auf spirituelle Art — geschaffen werden wie die äußere Wissenschaft.
[ 26 ] From this same spiritual configuration, through a rise above the sensory into the supersensory, must arise that power of the human soul which I have described in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* ” and in the second part of my “Esoteric Science”—the power that leads us into the supersensible worlds in a way that has never existed in the East. But Western humanity is only just beginning this journey; the starting point has only now been established, and few people today realize that it is possible—indeed, necessary—to rise, out of the very same spirit that permeates the laws of our machines and operates in our electrical engineering, to ascend through inner spiritual development along such rigorous inner paths of the soul, just as only the most rigorous science ascends to its results—to that knowledge where one sees, in a different way, just as the people of the East once saw into the supersensible worlds. We must arrive at a Spiritual Science that has grown out of the entire nature of inner human spiritual and soul life, distinct from every form of scientific and intellectual endeavor of the modern Western era. We must not revert to what has in many cases become mere rhetoric in the confessional religions, nor to that facile use of old phrases to characterize, for example, the new Spiritual Science. This new Spiritual Science must be created with the same seriousness, with the same driving force—only in a spiritual way—as external science.
[ 27 ] Das ist das, was herauskommt, wenn man versucht, in vernünftiger Weise zusammenzustellen die Aktiv- und Passivposten unserer Zeit. Fahren wir fort, selbst unsere sozialen Anschauungen nur auszubauen auf jenen Grundlagen, die uns die äußere sinnliche Naturwissenschaft gegeben hat, dann bekommen wir nur auf der rechten Seite unseres Seelen- und Geisteskontobuches unsere Posten, dann begreifen wir mit einer solchen soziologischen oder historischen Anschauung nur dasjenige, was in unserem sozialen und geschichtlichen Leben zugrunde geht. Denn mit der äußeren Naturwissenschaft begreifen wir nur das Tote, und wenden wir diese Naturwissenschaft des Toten auf das an, was im sozialen Leben oder im geschichtlichen Leben enthalten ist, so begreifen wir auch dort nur das Sterbende. Deshalb sind die neuen sozialen Theorien, die sich nun auch über die Wirklichkeit hermachen, nachdem sie bisher bloß Kritiken des Bestehenden gewesen sind, so ertötend für das wirkliche Leben, weil sie dem Toten nachgebildet sind. Eine wirkliche soziale Anschauung werden wir erst haben, wenn wir sie aus denselben Quellen herausschöpfen, aus denen wir heute, wie ich geschildert habe, unser übersinnliches Leben schöpfen müssen. Wir sehen lediglich als Passivposten dasjenige, was von der bloß mechanistischen Naturanschauung herkommt. Wir sehen aber auch als bloße Passivposten alles dasjenige, was nachgebildet wird in den Jahrhunderte alten und ihre Kraft verloren habenden Bekenntnissen, denn die gegenwärtige Menschheit braucht mehr als eine andere die Kraft des Christus. Sie braucht aber einen neuen Weg zu diesem Christus. Alles das, was offen oder verschleiert, auf alten Wegen führt, das steht auf Seite der Passivposten. Die Aktivposten brauchen wir. Das sind diejenigen, die aus einer Erneuerung der geistigen Weltbetrachtung heraus kommen werden. Heute ist sie noch manchem zu schwer, insbesondere in westlichen Ländern, wo jene kuriose geistige oder spirituelle Richtung herkommt, wo nicht gesucht wird in den starken Kräften der Seele selber der Weg in die geistige Welt hinein, sondern wo nach Art einer Nachäffung naturwissenschaftlicher Experimente die Götter oder Geister oder auch die Seelen Verstorbener veranlaßt werden, ab und zu einmal einen Besuch in die physisch-sinnliche Welt herein zu unternehmen und sich im Kostüm der physisch-sinnlichen Welt zu zeigen. Solch ab und zu unternommenen theatralisch aufgeputzten Logierbesuch läßt sich der Spiritismus machen. Das ist gerade der Widerpart wirklichen Geistessuchens. Wollen wir heute wirklich nach Geist suchen, dann darf das nicht darin bestehen, daß das Leben äußerlich materialistisch verläuft und wir im äußeren Leben nirgends geistige Wesen suchen, sondern nur ab und zu wie auf einem Theater plötzlich geistige Wesen zu Logierbesuchen empfangen, damit sie uns beweisen, daß es eine geistige Welt gibt, um die wir uns gar nicht kümmern. Was haben selbst Naturforscher von der Sorte eines Lombroso getan? Die Naturwissenschaft ist ihnen geistlos geblieben; es kam ihnen darauf an, auf spiritistische Weise außerhalb der Natur etwas zu finden, damit sie dann um so mehr materialistisch das treiben konnten, was menschliches Leben und menschliche Umgebung ist. Wir brauchen aber eine geistige Vertiefung, die in alles Materielle wirklich eindringen kann, die unser Leben auf Schritt und Tritt begleiten kann.
[ 27 ] This is what happens when one tries to reasonably compile the active and passive items of our time. If we continue to base even our social views solely on the foundations provided by external, sensory natural science, then our entries will appear only on the right-hand side of our soul and spirit ledger; with such a sociological or historical perspective, we will understand only that which is perishing in our social and historical life. For with external natural science we comprehend only what is dead, and if we apply this natural science of the dead to what is contained in social or historical life, we comprehend there, too, only what is dying. That is why the new social theories—which are now also setting out to reshape reality, having hitherto been merely critiques of the existing order—are so destructive to real life, because they are modeled on what is dead. We will not have a true social perspective until we draw it from the same sources from which, as I have described, we must today draw our spiritual life. We regard as merely passive elements only that which stems from a purely mechanistic view of nature. But we also regard as merely passive elements everything that is reflected in the centuries-old creeds that have lost their power, for present-day humanity needs the power of Christ more than any other. Yet it needs a new path to this Christ. Everything that leads along old paths—whether openly or veiled—belongs to the passive side. We need the active side. These are the elements that will emerge from a renewal of our spiritual worldview. Today this is still too difficult for many, especially in Western countries, where that peculiar spiritual movement originates—one in which the path into the spiritual world is not sought within the soul’s own powerful forces, but rather, in a manner that mimics scientific experiments, the gods, spirits, or even the souls of the deceased are induced to pay the physical-sensory world a visit now and then and to appear in the garb of that world. Spiritualism makes do with such occasional, theatrically embellished visits. This is precisely the antithesis of genuine spiritual seeking. If we truly wish to seek the spirit today, then this must not consist in living an outwardly materialistic life and seeking spiritual beings nowhere in our external existence, but rather in suddenly receiving spiritual beings on occasional “visits”—as if in a theater—so that they may prove to us that there is a spiritual world about which we do not care at all. What have even natural scientists of the Lombroso variety accomplished? Natural science has remained spiritless to them; their aim was to find something outside of nature in a spiritualist manner, so that they could then pursue human life and the human environment all the more materialistically. But we need a spiritual depth that can truly penetrate everything material, that can accompany our lives at every step.
[ 28 ] Ihnen eine solche geistige Lebensanschauung zu schildern, die in ihren Ideen imstande ist, Taten zu bilden, die aus ihrer Seelenkraft zu gleicher Zeit Moral werden, die aus ihrer Seelenkraft heraus zu gleicher Zeit religiöse Verehrung erzeugen kann, Ihnen zu zeigen, daß es eine solche Geisteswissenschaft gibt in dem, was ich jetzt schon seit zwei Jahrzehnten Ihnen vorzutragen mir erlaube, das wird auch weiterhin meine Aufgabe sein. Heute wollte ich darauf hinweisen, in welcher Art dieses Geistesstreben als Aktivposten den vielen Passivposten unseres Geistes- und Seelenlebens in der Gegenwart entgegengestellt werden muß. Und sollte nicht, da wir hineingekeilt sind zwischen dem Osten und dem Westen als die Mitglieder des deutschen Volkes, des vielgeprüften, in große Not hineingehenden deutschen Volkes, sollten wir nicht imstande sein, aus demjenigen, was als Anlauf zur Spiritualität bei unseren großen geistigen Vorfahren vorhanden war, zu finden den Weg zu neuem Geistessuchen? Mag dann im äußerlich Politischen kommen, was da will: wenn wir die Kraft haben, uns hinzuwenden zu diesem Geistesweg, um dem Orientalen in der Zukunft etwas zu sagen von einem Geistesleben, das er in anderer Gestalt einstmals gehabt, aber verloren hat, um es dann von uns zu empfangen, wenn es uns möglich ist, dem Westen etwas zu sagen von einem Geistesleben, das einstmals sich hineinstellen können wird in all diejenigen Forderungen, die so hinunterziehend sind aus der bloß mechanistischen Kultur, dann werden wir in Europas Mitte, wenn wir einen solchen Weg suchen, eine Aufgabe erfüllen.
[ 28 ] To describe to you such a spiritual worldview whose ideas are capable of give rise to deeds that, through the power of the soul, simultaneously become morality, and that, through the power of the soul, can simultaneously generate religious reverence—to show you that such a Spiritual Science exists in what I have been presenting to you for two decades now—that will continue to be my task. Today I wanted to point out the way in which this spiritual striving must be set against the many passive elements of our present spiritual and soul life as an active force. And since we, as members of the German people—the much-tried German people now facing great hardship—are wedged between the East and the West, should we not be able to find, in what existed as a first step toward spirituality among our great spiritual forebears, the path to a new spiritual quest? Whatever may come to pass in the external political sphere: if we have the strength to turn toward this spiritual path, so that in the future we may tell the Easterners something about a spiritual life that they once had in a different form, but which they have since lost—so that they may receive it anew from us; and if we are able to tell the West something about a spiritual life that will one day be able to meet all those demands that are so dragging us down from a purely mechanistic culture—then, if we seek such a path, we will fulfill a mission at the heart of Europe.
[ 29 ] Es scheint, als ob die katastrophalen Ereignisse für die Deutschen etwas Sonderbares erwiesen hätten. Wahrhaftig, auch die Deutschen haben auf der einen Seite teilgenommen an dem Sichüberflutenlassen mit dem noch verfrühten Wirtschaftsleben des Westens, haben teilgenommen an dem lendenlahmen Sichhinwenden zum Orient, wenn es darauf ankommt, wiederum geistige Erneuerung zu suchen. Aber es scheint — ich sage: es scheint, um nicht zu sagen, was für mich besser gesagt wäre: es ist so-, es scheint, daß die Deutschen auch in der Zeit, als sie materialistisch gestrebt haben, eben bewiesen haben, daß sie kein Talent zum Materialismus haben. Dieses Talent muß anderswo in der Welt gesucht werden. Wenn wir aus unserer Not heraus erkennen, daß die Deutschen kein Talent zum Materialismus haben, dann wird uns vielleicht von dieser Erkenntnis aus der Trieb kommen, in die Spiritualität hineinzugehen. Dann aber wird uns auch aus dieser Notwendigkeit heraus der Impuls kommen zu eigenem geistigen Streben, nicht zu einer Anleihe beim Orientalen, und wird vielleicht aus jener reinsten, filtriertesten Gestalt des Gedankenstrebens, das wir bei den Deutschen um die Wende des i8. und 19. Jahrhunderts gefunden haben, durch richtige Erkenntnis der Wurzeln deutscher Kraft spirituelle Arbeit entstehen für die ganze Menschheitsentwicklung der Zukunft. Was auch sonst des Deutschen Schicksal sein mag — dann dürfen wir sagen: Für dasjenige, was wir uns erringen können, indem wir auf die Wurzeln unserer Geistes- und Seelenkräfte zurückgehen, dürfen wir sagen: Der deutsche Geist hat nicht vollendet, er will hineinleben in Zukunftstaten, in Zukunftssorgen, und er hat hoffentlich von diesem spirituellen Gesichtspunkte aus neben manchem anderen der Zukunft der Menschheit noch viel, sehr viel zu sagen.
[ 29 ] It seems as though these catastrophic events proved to be something peculiar for the Germans. Indeed, the Germans, too, on the one hand, allowed themselves to be swept up in the still premature economic life of the West; on the other hand, they participated in that sluggish turning toward the East when it came time to seek spiritual renewal once again. But it seems—I say “it seems” so as not to say what would be more accurate for me: “it is so”—it seems that even during the time when the Germans were striving for materialism, they proved precisely that they have no talent for materialism. This talent must be sought elsewhere in the world. If, out of our distress, we recognize that the Germans have no talent for materialism, then perhaps this realization will give us the impulse to turn toward spirituality. But then, out of this necessity, we will also find the impulse for our own spiritual striving—not a borrowing from the East—and perhaps, from that purest, most refined form of intellectual striving that we found among the Germans at the turn of the 18th and 19th centuries, spiritual work will emerge for the future development of all humanity through a true understanding of the roots of German strength. Whatever else the fate of the German people may be—we may then say: Regarding what we can achieve by returning to the roots of our spiritual and soul forces, we may say: The German spirit has not yet reached completion; it seeks to live itself out in future deeds and future concerns, and, from this spiritual perspective, it will hopefully still have much—very much—to contribute to the future of humanity, alongside many others.
