From a Unitary State
to a Tripartite Social Organism
GA 334
19 March 1920, Zurich
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Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus
6. Dreigliederung und gegenwärtige Weltlage
6. The Threefold Social Order and the Current World Situation
[ 1 ] Was man soziale Programme oder dergleichen nennen könnte, schwirrt heute in endloser Zahl durch die Luft, herausgefordert wahrhaftig mehr als zu irgendeiner anderen Zeit, durch alles das, was in der Gegenwart an Kräften wirkt, die in die Zerstörung hineinführen. An Vorschlägen, wie sich aus dieser Zerstörung heraus etwa ein Neuaufbau entwickeln soll, fehlt es eigentlich nicht. Wenn dennoch das, was man nennen kann die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus, sich, durch die Not der Zeit gedrängt, Geltung verschaffen will unter diesen mancherlei Vorschlägen, so geschieht es zunächst hauptsächlich aus der Anschauung heraus, daß mit dieser Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus etwas gegeben ist, was, wenn man es seiner inneren Wesenheit nach erfaßt, nicht irgendwie gleichgestellt werden kann mit programmartigen Vorschlägen oder sozialen Idealen in abstraktem Sinne. Was ich Ihnen hier darbieten möchte, soll durchaus durchdrungen sein von der Erkenntnis, daß ja heute die große Gefahr für all dergleichen Dinge vorliegt, in das Utopistische zu verfallen. Man braucht nur daran zu denken, wie im Grunde genommen, wenn es auch da oder dort in der europäischen Welt noch nicht hinlänglich bemerkt wird, alles, wovon man geglaubt hat, daß es feststehe in der hergebrachten wirtschaftlichen, juristischen, geistigen Ordnung, einem gewissen Zerstörungsprozeß unterliegt und wie sich dieser Zerstörungsprozeß im Laufe der letzten vier bis fünf Schreckensjahre der europäischen Zivilisation nur allzu deutlich gezeigt hat.
[ 1 ] What one might call social programs or the like are swirling through the air today in endless numbers, challenged—truly more than at any other time—by all the forces at work in the present that are leading toward destruction. There is actually no shortage of proposals on how a new structure might emerge from this destruction. If, nevertheless, what might be called the idea of the threefold social order seeks to gain acceptance—driven by the urgency of the times— seek to gain acceptance among these various proposals, it does so primarily out of the conviction that this idea of the threefold social order offers something which, when grasped in its inner essence, cannot in any way be equated with programmatic proposals or social ideals in an abstract sense. What I would like to present to you here should be thoroughly imbued with the realization that today there is a great danger for all such things to lapse into utopianism. One need only consider how, in essence—even if it has not yet been sufficiently recognized here and there in the European world— everything that was believed to be firmly established in the traditional economic, legal, and intellectual order is subject to a certain process of destruction, and how this process of destruction has become all too evident in the course of the last four to five terrifying years of European civilization.
[ 2 ] In einer solchen Zeit kann man nicht auf das oder jenes, was schon da ist, was seine Wirklichkeit bewahrt hat, aufbauen. Es haben sich ja sozusagen die’ festgeschraubtesten Institutionen durch die letzten Jahre ad absurdum geführt. Und da liegt es selbstverständlich nahe, gewissermaßen aus einem ganz neuen Fundament heraus zu bauen. Das kann dann der Mensch nur, indem er aus dem Gedankenfundament heraus baut, und da zeigt es sich denn alsbald, daß die Grundlagen nicht leicht zu finden sind, die einen gediegenen Aufbau möglich machen. Denn man hat zunächst scheinbar gar keinen Anhaltspunkt, ob das, was man aus den Gedanken heraus in die Wirklichkeit umsetzen will, auch irgendwie in dieser Wirklichkeit sich begründen läßt. Und alles das, was nicht von vornherein durch seinen Inhalt selbst zeigt und erweisen kann, daß es sich voll in die Wirklichkeit hineinstellen kann, ist ja utopistisch.
[ 2 ] In times like these, one cannot build upon this or that—things that already exist, things that have retained their reality. After all, even the most firmly established institutions, so to speak, have been reduced to absurdity over the past few years. And so it naturally stands to reason to build, as it were, from a completely new foundation. People can do this only by building from a foundation of thought, and it soon becomes apparent that the foundations necessary for a sound structure are not easy to find. For at first, one seemingly has no basis for knowing whether what one wishes to translate from thought into reality can in any way be grounded in that reality. And anything that cannot, from the outset, demonstrate through its very content that it can fully establish itself within reality is, after all, utopian.
[ 3 ] Gerade der Gefahr des Utopistischen möchte nun die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus entgehen, und sie möchte ihr dadurch entgehen, daß sie im Grunde genommen gar nicht etwas aufstellt, was man eine soziale Lebensauffassung, was man ein soziales Programm nennt, sondern daß sie hinweisen will auf eine besondere Art, wie Menschen im öffentlichen Leben zusammenwirken können, damit den Kräften der Zerstörung Kräfte des Neubaus, der Neuentwickelung entgegengestellt werden können.
[ 3 ] The idea of the threefold social order seeks precisely to avoid the danger of utopianism, and it seeks to do so by, in essence, not establishing anything that could be called a social philosophy or a social program, but rather by pointing to a specific way in which people can interact in public life so that the forces of destruction can be countered by forces of renewal and new development.
[ 4 ] Ich möchte sagen, dasjenige, wovon die anderen angeben, daß es geschehen soll, das soll der Idee der Dreigliederung nach erst entstehen, wenn ein solches Zusammenarbeiten von Menschen und Menschengruppen einmal stattfinden kann, von dem die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus sprechen will. Man steht nicht, wenn man auf diesem Boden steht, auf dem Standpunkt, daß man irgendwie allwissend ist, daß man Prophet ist, der angeben kann, wie sich diese oder jene Institution in der Zukunft zum Heil der Menschheit ausnehmen soll, sondern man will nur das Urteil der Menschen, die etwas zu sagen haben, in einer Weise aufrufen, daß durch das Zusammenarbeiten der Menschen dieses Urteil auch sachliche Wirklichkeit werden kann.
[ 4 ] I would like to say that what others claim is supposed to happen—according to the idea of the threefold social order—will only come into being once the kind of cooperation between individuals and groups of people that the idea of the threefold social order seeks to describe can actually take place. When one stands on this ground, one does not take the position that one is somehow omniscient, that one is a prophet who can declare how this or that institution should take shape in the future for the benefit of humanity; rather, one simply seeks to call upon the judgment of people who have something to say, in such a way that, through the cooperation of people, this judgment can also become an objective reality.
[ 5 ] Der Anlaß zu dieser Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus liegt eigentlich bei demjenigen, der sich erlaubt, zu Ihnen zu sprechen, weit zurück. Er ist zu suchen in jahrzehntelangen Lebenserfahrungen, die sich auf die sozialen Verhältnisse der verschiedensten Gegenden Europas beziehen, namentlich aber Mitteleuropas und der Teile Mitteleuropas, die gerade an ihrem Schicksal in der letzten großen Kriegskatastrophe zeigen, wie das, was bisher soziale Struktur der Menschheit, der zivilisierten Menschheit Europas war, aus sich selbst nach etwas Neuem hintendiert, wie es den Kräften nicht gewachsen ist, die, ich möchte sagen, aus den Tiefen der Menschheit sich heute an die Oberfläche bewegen wollen. Man kann, wenn man unbefangen das geschichtliche Leben betrachtet, namentlich in dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, in den Jahren des 20. Jahrhunderts, die 1914 vorangegangen sind, durchaus sehen, wie dasjenige, an dem man so dogmatisch festhält, das man heute noch, wenn es auch in vielen Gebieten Europas erschüttert ist, doch noch immer als etwas betrachtet, an dem man nicht rütteln soll, wie der Einheitsstaat, der alle Gebiete des öffentlichen Lebens seit drei bis vier Jahrhunderten allmählich erfaßt hat, eigentlich seiner Aufgabe gegenüber gewissen großen Menschheitsforderungen nicht mehr gewachsen ist, wie er nicht fähig ist, zu gleicher Zeit zu umfassen das geistige Leben, das staatlich-politische oder Rechtsleben im engeren oder auch im weiteren Sinne, und das Wirtschaftsleben. Daher entstand für diejenigen, die sich mit der Idee von der Dreigliederung zuletzt befaßten, der Gedanke, gerade da einzusetzen und die Frage aufzuwerfen: Welche Gestalt muß der bisher als eine notwendige Einheit angesehene Staat annehmen gegenüber den drei hauptsächlichsten Lebensgebieten der Menschheit, gegenüber dem geistigen Gebiet, gegenüber dem rechtlich-politischen Gebiet und gegenüber dem wirtschaftlichen Gebiet? Und nun will ich, bevor ich zu einer Art Begründung übergehe, mir zuerst erlauben, Ihnen in einer kurzen Skizze darzulegen, wie das Zusammenarbeiten der Menschen gedacht werden soll, damit nun wirklich aus der sozialen Struktur heraus die Aufgaben bewältigt werden können, die den Menschen aus diesen drei hauptsächlichsten Lebensgebieten erwachsen.
[ 5 ] The origin of this idea of the threefold social order actually lies far in the past for the one who takes the liberty of speaking to you. It can be traced back to decades of life experience relating to social conditions in a wide variety of regions of Europe, but particularly in Central Europe and those parts of Central Europe that, precisely through their fate in the last great war catastrophe, demonstrate how what has hitherto been the social structure of humanity—of civilized humanity in Europe—is, of its own accord, tending toward something new, and how it is no match for the forces that, I might say, are now striving to rise to the surface from the depths of humanity. If one looks at historical life with an open mind—particularly in the last third of the 19th century and in the years of the 20th century preceding 1914—one can clearly see how that which is clung to so dogmatically—and which, even today, though shaken in many parts of Europe, is still regarded as something that must not be challenged—such as the unitary state, which has gradually come to encompass all areas of public life over the past three to four centuries—is in fact no longer up to the task of meeting certain great demands of humanity, just as it is incapable of simultaneously encompassing spiritual life, political and legal life (in both the narrower and broader senses), and economic life. Consequently, those who have most recently engaged with the idea of the threefold social order have been led to begin precisely there and to raise the question: What form must the state—hitherto regarded as a necessary unity—take in relation to the three principal spheres of human life: the spiritual sphere, the legal-political sphere, and the economic sphere? And now, before I proceed to a kind of justification, I would first like to take the liberty of outlining for you, in a brief sketch, how human cooperation should be conceived so that the tasks arising for human beings from these three principal spheres of life can truly be accomplished through the social structure.
[ 6 ] Zusammengefaßt ist im Grunde genommen erst in den letzten drei bis vier Jahrhunderten das Leben dieser drei Gebiete. Sie brauchen sich nur zu erinnern — um eines anzuführen —, wie mit der “ Entwickelung der mittelalterlichen Verhältnisse in die neuzeitlichen herauf Schulen, bis in die Universitäten herauf, nicht Gründungen des Staates waren, sondern Gründungen waren von Kirchengemeinschaften oder anderen Gemeinschaften, die ihre Entwickelung neben den Ansätzen zum staatlichen Leben gehabt haben. Erst im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte entstand die Anschauung, daß der Einheitsstaat seine Macht auch ausdehnen müsse zum Beispiel über Schulen, über Universitäten und dergleichen. Ebenso kann man sagen: auch das Wirtschaftsleben war getragen von unter wirtschaftlichen Impulsen gefaßten Korporationen, es war geführt von denjenigen Persönlichkeiten, die Vereinigungen gebildet haben nur aus wirtschaftlichen Antrieben heraus. Und erst wiederum im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte hat der Staat auch über das Wirtschaftsleben seine Macht ausgedehnt, so daß diese Zusammenfassung von Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben eigentlich etwas ist, was erst in der neueren Zeit in seiner vollen Bedeutung heraufgezogen ist, wenn es auch seine Ansätze selbstverständlich, weil ja alles im geschichtlichen Leben der Menschen sich voraus ankündigt, schon früher da und dort gezeigt hat.
[ 6 ] In essence, it is only in the last three to four centuries that the history of these three regions has been summarized. You need only recall—to cite just one example—how, as “medieval conditions evolved into modern ones,” schools—all the way up to universities—were not founded by the state, but rather by church communities or other communities that developed alongside the nascent forms of state life. It was only over the course of the last three to four centuries that the view arose that the unitary state must also extend its power, for example, over schools, universities, and the like. Similarly, one can say that economic life, too, was sustained by corporations formed under economic impulses; it was led by individuals who formed associations solely out of economic motives. And it is only again in the course of the last three to four centuries that the state has extended its power over economic life as well, so that this synthesis of intellectual life, legal life, and economic life is actually something that has only come to the fore in its full significance in recent times, even though its early signs—naturally, since everything in human history foreshadows itself—had already appeared here and there earlier.
[ 7 ] Demgegenüber möchte die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus jedes dieser drei Gebiete auf seinen selbständigen Boden stellen. Sie geht davon aus, daß ein gewisser Impuls mit einer inneren Notwendigkeit im Laufe der neuesten Geschichte, ich möchte wieder sagen, aus den Tiefen des menschlichen Fühlens und Empfindens heraufgezogen ist an die Oberfläche des geschichtlichen Werdens. Und das ist - man kann es, ich glaube, selbst wenn man noch so befangen ist, nicht leugnen -, daß im öffentlichen Leben trotz allem, was heute hervortritt, der mächtigste Impuls der ist nach der Demokratie. Dieser Impuls tritt wie etwas Elementares auf in der Menschheitsentwickelung. Man kann sagen: Wie in dem einzelnen Menschen einer bestimmten Epoche seines Lebens, sagen wir, die Geschlechtsreife auftritt, so tritt in der Entwickelung der europäischen Menschheit, sich vorbereitend seit dem 15. Jahrhundert, die Tendenz nach der Demokratie hervor.
[ 7 ] In contrast, the idea of the threefold social order seeks to place each of these three spheres on its own independent foundation. It proceeds from the assumption that a certain impulse, driven by an inner necessity, has risen to the surface of historical development in the course of recent history—I would say once again—from the depths of human feeling and sensibility. And that is—I believe one cannot deny this, no matter how biased one may be—that in public life, despite everything that is coming to the fore today, the most powerful impulse is the one toward democracy. This impulse appears as something fundamental in human development. One might say: Just as sexual maturity emerges in an individual at a certain stage of life, so too does the tendency toward democracy emerge in the development of European humanity, a process that has been building since the 15th century.
[ 8 ] Versucht man in den verschiedenen Formen, die für das demokratische Zusammenleben der Menschen gefordert werden, das Wesentlichste herauszufinden, so ist es zum Schlusse doch dieses — wenigstens ergibt sich dies als das einzig Vernunftmögliche —, daß die Angelegenheiten des Staates besorgt werden sollen aus dem Zusammenarbeiten und Zusammenurteilen aller mündig gewordenen Menschen, die in diesem Zusammenarbeiten, in diesem Zusammenurteilen als Gleiche angesehen werden, so daß jeder als ein Gleicher dem anderen gegenübersteht, gleichberechtigt in seinem Urteil, gleichberechtigt in dem Beitrag, den er zum sozialen Leben zu leisten hat, auch gleich in allem, was er von diesem sozialen Leben zu fordern hat. Dies ist zunächst die abstrakte demokratische Forderung. Sie wird konkret dadurch, daß wichtigste Empfindungen und Gefühlsimpulse mit ihr im neueren geschichtlichen Leben der Menschheit sich verbinden. Man kann auch sagen, daß diese demokratische Tendenz in die Staatsgebilde Europas eingezogen ist in der verschiedensten Weise kämpfend gegen dasjenige, was aus feudalen, aus anderen Gesellschaftsordnungen heraufgezogen ist. Es hat sich der demokratische Zug mehr oder weniger hineingeschoben in die altgebliebenen Formen. Aber der Drang dazu prägte sich ganz deutlich in der neueren Geschichte aus. Indem so die Staaten nicht umhin konnten, zu ihren früheren Kräften die demokratische Kraft irgendwie hinzuzufügen, wenn es auch manche, ich möchte sagen, nur schandenhalber getan haben, so dehnten sie dieses demokratische Prinzip auch über die Gebiete des Geisteslebens und des Wirtschaftslebens aus.
[ 8 ] If one attempts to identify the most essential element among the various forms required for the democratic coexistence of people, it ultimately comes down to this—at least, this appears to be the only rational possibility— that the affairs of the state should be managed through the cooperation and collective judgment of all people who have attained maturity, who are regarded as equals in this cooperation and collective judgment, so that each person stands before the other as an equal—equal in judgment, equal in the contribution they must make to social life, and equal in everything they are entitled to demand from that social life. This is, first and foremost, the abstract democratic demand. It becomes concrete through the fact that the most important sentiments and emotional impulses have become associated with it in the recent historical life of humanity. One could also say that this democratic tendency has found its way into the political structures of Europe, struggling in various ways against what has been inherited from feudal and other social orders. The democratic impulse has, to a greater or lesser extent, worked its way into the traditional forms. But the drive toward it has been quite clearly evident in recent history. Since the states could not help but somehow incorporate democratic forces into their existing structures—even if some, I might say, did so merely for the sake of appearances—they also extended this democratic principle to the realms of intellectual and economic life.
[ 9 ] Nun aber kam dadurch herauf in der Entwickelung der neueren Menschheit ein bedeutsamer Widerspruch im ganzen öffentlichen Leben. Gerade derjenige, der es ernst und ehrlich meint mit der Verwirklichung des demokratischen Triebes, der muß eigentlich diesen inneren Widerspruch im modernen öffentlichen Leben bemerken. Es ist der Widerspruch, den ich in der folgenden Weise charakterisieren möchte: Das Geistesleben kann sich bis in seinen wichtigsten Teil, in das Schulleben hinein, nicht aus etwas anderem herausentwickeln als aus den Fähigkeiten der Menschen, die durchaus individuell voneinander verschieden sind. In dem Augenblick, wo man das nivellierende Demokratische ausdehnen will über dasjenige, was einzeln in individueller Gestalt erwachsen will zum Blühen und Gedeihen des Geisteslebens, in dem Augenblick muß immer das Geistesleben in irgendeiner Weise leiden, muß immer in irgendeiner Weise sich gedrückt fühlen. Deshalb glaube ich: derjenige gerade, der es ehrlich meint mit der demokratischen Tendenz, so daß er sagt, überall da, wo nur im öffentlichen Leben Demokratie sein kann, muß sie sein, der muß sagen: Dann muß man von all dem, worüber alle mündig gewordenen Menschen entscheiden als Gleiche, dasjenige ausscheiden, worüber wahrhaftig nicht alle mündig gewordenen Menschen als Gleiche ein sachgemäßes Urteil haben können. Indem dieser Gedanke bis in seine äußersten Konsequenzen verfolgt wird, indem man sich auch prüft, ob man wirklich alles berücksichtigt, was dabei in Betracht kommt, kommt man doch dazu, sich zu sagen: gerade wenn man Demokratisierung des modernen Staatslebens anstrebt, muß man herausschälen das ganze Geistesleben aus diesem Staatsleben, aus dem politisch-juristischen Leben.
[ 9 ] But this has now given rise to a significant contradiction in the development of modern humanity, one that permeates all of public life. It is precisely those who are serious and sincere about realizing the democratic impulse who must actually recognize this inner contradiction in modern public life. It is a contradiction that I would like to characterize as follows: Spiritual life, even in its most essential aspect—school life—cannot develop from anything other than the abilities of human beings, which are entirely distinct from one another. The moment one seeks to extend the leveling force of democracy over that which, in its individual form, seeks to grow and flourish as spiritual life—at that very moment, spiritual life must always suffer in some way; it must always feel stifled in some way. That is why I believe: precisely the person who is sincere about the democratic impulse—so much so that he says, “Wherever democracy can exist in public life, it must exist”—must also say: Then, from all that all mature human beings decide upon as equals, one must exclude that which truly not all mature human beings, as equals, can judge appropriately. By pursuing this idea to its ultimate consequences—and by examining whether one has truly taken into account everything that comes into play—one ultimately comes to the conclusion that, precisely when striving for the democratization of modern state life, one must separate the entire realm of intellectual life from this state life, from political and legal life.
[ 10 ] Das Geistesleben muß auf seinen eigenen Boden gestellt werden. Es muß so stark auf seinen eigenen Boden gestellt werden, daß diejenigen, die zum Beispiel unterrichten, von der untersten Schule bis zu den höchsten Stufen des Unterrichts hinauf zu gleicher Zeit die Verwalter des Erziehungs- und Unterrichtswesens sind, daß zusammenhängt Verwaltung des Erziehungs- und Unterrichtswesens mit dem gesamten irgendwie gearteten Geistesleben eines zusammengehörigen sozialen Organismus. Nur wenn man - ich möchte konkret sprechen —- demjenigen, der in der Schule steht und unterrichtet, zu gleicher Zeit nur soviel zu seiner Aufgabe macht, daß im übrigen zugleich Zeit bleibt, daneben Verwalter des Unterrichtswesens zu sein von der .untersten Stufe bis zu der obersten Stufe, nur dann, wenn man solche Institutionen schafft, daß derjenige, der im Geistesleben zu wirken hat, insbesondere unterrichtet und erzieht, mit nichts anderem zu tun hat als wiederum mit Unterrichtenden und Erziehenden, wenn der ganze geistige Organismus cine selbständige Einheit, auf sich selbst aufgebaut, ist, können alle Kräfte, die in der Menschheit veranlagt sind, auf dem Gebiet des geistigen Lebens wirklich entfesselt werden, dann kann das Geistesleben sich in seiner vollen Fruchtbarkeit entwickeln. Das scheint doch wohl zunächst wenigstens in einer Art abstrakten Form auf die Notwendigkeit hinzuweisen, das Geistesleben, das auf seine eigenen Prinzipien, auf seine eigenen Impulse aufgebaut werden muß, abzugliedern von all dem, was im Demokratischen aufgeht.
[ 10 ] Intellectual life must be grounded in its own foundation. It must be grounded so firmly in its own foundation that those who, for example, teach—from the lowest grades all the way up to the highest levels of education—are at the same time the administrators of the educational system, so that the administration of the educational system is closely linked to the entire spiritual life, whatever form it may take, of a cohesive social organism. Only if—to speak concretely—one ensures that those who stand in the classroom and teach are given just enough to do in their role so that, at the same time, they have time to also serve as administrators of the educational system from the lowest level to the highest level—only then, by creating such institutions, can those who are to work in spiritual life, in particular teaches and educates, has nothing else to do but interact with other teachers and educators; when the entire spiritual organism is an independent unit, built upon itself—only then can all the forces inherent in humanity be truly unleashed in the realm of spiritual life, and only then can spiritual life develop in its full fruitfulness. This seems, at least at first glance and in a somewhat abstract form, to point to the necessity of separating spiritual life—which must be built upon its own principles and its own impulses—from everything that is subsumed under democracy.
[ 11 ] Ebenso aber muß, wie das Geistesleben abgegliedert werden muß von dem bloßen Staatsleben, auf der anderen Seite von diesem abgegliedert werden auch das Wirtschaftsleben. Da betritt man allerdings ein Gebiet, auf dem man heute weniger Gegner findet als beim Geistesleben. Beim Geistesleben, insbesondere beim Schulwesen, ist es in den letzten drei bis vier Jahrhunderten üblich geworden, denjenigen allein als einen aufgeklärten Kopf zu betrachten, der die Macht des Staates über das Schulwesen als das Richtige betrachtet, der sich gar nicht denken kann, daß man ohne in Klerikalismus oder dergleichen zu verfallen, wiederum zurückgehen könnte zur Selbständigkeit des Geisteslebens.
[ 11 ] Just as intellectual life must be separated from mere political life, so too must economic life be separated from it. Here, however, one enters a realm where there are fewer opponents today than in the realm of intellectual life. In the realm of intellectual life—particularly in the school system—it has become customary over the past three to four centuries to regard as an enlightened mind only those who view the state’s control over the school system as the right course of action, and who cannot even conceive of a return to the independence of intellectual life without falling into clericalism or the like.
[ 12 ] Beim Wirtschaftsleben liegen im Grunde die Dinge ähnlich. Während das Geistesleben es zu tun hat mit demjenigen, was als Fähigkeit im Menschen veranlagt ist, was in freier Weise entfaltet werden muß, was gewissermaßen der Mensch durch seine Geburt hier ins physische Dasein hereinträgt, hat es das Wirtschaftsleben zu tun mit dem, was auf der Erfahrung aufgebaut sein muß, was aufgebaut sein muß aus dem, wohinein man wächst, indem man in einem bestimmten Wirtschaftsgebiet mit seiner Berufstätigkeit aufgeht. Daher kann im Wirtschaftsleben wiederum das nicht maßgebend sein, was aus dem demokratischen Leben stammt, sondern nur dasjenige, was aus fachlichen und sachlichen Untergründen heraus ist.
[ 12 ] In economic life, things are essentially similar. While spiritual life deals with what is inherent in human beings as an ability—something that must be freely developed, something that, in a sense, a person brings with them into physical existence at birth—economic life deals with what must be built upon experience, what must be built from the context into which one grows as one becomes absorbed in one’s professional activity within a specific economic sphere. Therefore, in economic life, what stems from democratic life cannot be decisive; rather, only that which arises from professional and objective foundations can be decisive.
[ 13 ] Wie lassen sich diese fachlichen und sachlichen Untergründe dem Wirtschaftsleben geben? Eigentlich alle nicht durch eine Art von Korporation, durch eine Art von Organisation, die man heute so sehr liebt, sondern einzig und allein durch dasjenige, was ich nennen möchte Assoziationen. So daß sich aus den Menschen, die sich in die Berufe hineinleben, die wirklich sach- und fachkundig auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens werden, Assoziationen bilden. Nicht daß man die Menschen organisiert, sondern daß sie sich zusammenschließen nach sachlichen Gesichtspunkten, wie sie sich ergeben aus den einzelnen Wirtschaftszweigen heraus, aus dem Verhältnis von Produzenten und Konsumenten, aus dem Verhältnis der Berufszweige und Wirtschaftszweige. Da ergibt sich — das können Sie in meinen Schriften deutlicher nachlesen in seinen Einzelheiten - sogar ein gewisses Gesetz, wie groß solche Assoziationen sein dürfen, wie sie sich zu gestalten haben, wodurch sie schädlich werden, wenn sie zu groß werden, wodurch sie schädlich werden, wenn sie zu klein werden. Man kann durchaus dadurch ein Wirtschaftsleben begründen, daß man es auf solche Assoziationen aufbaut, indem man alles das, was innerhalb solcher Assoziationen aus rein wirtschaftlichem Impuls heraus in der sozialen Struktur bewirkt wird, eben nur auf das Sachliche und Fachliche stellt. Es weiß gewissermaßen jeder, an wen er sich zu wenden hat mit dem oder jenem, wenn er weiß, er ist so oder so durch die soziale Struktur der Assoziationen mit dem anderen zusammengekettet, er hat sein Produkt in einer solchen Weise durch eine Kette von Assoziationen zu leiten und dergleichen.
[ 13 ] How can these professional and factual foundations be provided for economic life? Actually, not through some kind of corporation, through some kind of organization that is so highly prized today, but solely through what I would like to call “associations.” So that associations form among people who immerse themselves in their professions and become truly knowledgeable and expert in the field of economic life. Not that people are organized, but that they come together based on objective criteria arising from the individual economic sectors, from the relationship between producers and consumers, and from the relationship between professional fields and economic sectors. This even gives rise—as you can read in greater detail in my writings—to a certain law governing how large such associations may be, how they should be structured, how they become harmful if they grow too large, and how they become harmful if they remain too small. It is entirely possible to establish an economic life by building it upon such associations, by basing everything that is brought about within such associations—out of a purely economic impulse—in the social structure solely on objective and technical considerations. In a sense, everyone knows whom to turn to regarding this or that matter when they know they are linked to the other person in one way or another through the social structure of associations; they must channel their product through a chain of associations in this manner, and so on.
[ 14 ] Ich kann natürlich hier, da ich kurz sprechen muß, nur die Prinzipien der Sache skizzieren. Und so, möchte ich sagen,-muß sich das geistige Leben selbständig ausbauen aus seinen eigenen Kräften heraus, indem diejenigen, die es leisten, zu gleicher Zeit die Verwalter sind; ebenso das Wirtschaftsleben aus seinen eigenen Gesichtspunkten heraus, indem diejenigen, die im Wirtschaftsleben tätig sind, sich zusammenschließen nach Grundsätzen des Wirtschaftslebens. Ist das Wirtschaftsleben selbständig, dann wird sich dasjenige, was nur beruhen kann auf dem gleichen Urteil aller mündig gewordenen Menschen, als der Inhalt des dritten Gliedes des sozialen Organismus, der eigentlichen staatlichen Gemeinschaft, ergeben.
[ 14 ] Of course, since I must keep my remarks brief, I can only outline the principles of the matter here. And so, I would like to say, intellectual life must develop independently through its own forces, with those who contribute to it also serving as its stewards; likewise, economic life must develop according to its own principles, with those active in economic life uniting according to the principles of economic life. If economic life is autonomous, then that which can rest only on the shared judgment of all people who have attained maturity will emerge as the content of the third member of the social organism—the actual state community.
[ 15 ] Ich weiß sehr gut, daß viele Menschen einen wahren Schrecken bekommen, wenn man ihnen von dieser Dreigliederung des sozialen Organismus, die sich als notwendig erweisen soll für die Zukunft, spricht. Aber das geschieht nur aus dem Grunde, weil man gewöhnlich glaubt, nun soll der Staat auseinandergesplittert werden in drei Teile: Wie sollen diese drei Teile dann zusammenwirken? — In Wahrheit wird gerade dadurch, daß diese drei Teile zu ihrer vollen Entfaltung gebracht werden auf die Art, wie ich es allerdings nur skizzieren konnte, die Einheit aufrecht erhalten, denn der Mensch als Einheit steht ja in allen drei Gliedern darinnen. Er wirkt mit in irgendeiner Weise an dem geistigen Organismus. Wenn er Kinder hat, so ist er interessiert an dem geistigen Organismus durch die Schule. Mit seinen geistigen Interessen ist er irgendwie verstrickt in den geistigen Organismus. Er trägt das, was er aus dem geistigen Organismus hat, da er mitwirkend ist als mündig gewordener Mensch im demokratischen Staatswesen, in seinen Taten, in seinem Leben auch in dieses demokratische Staatswesen hinein. Das aber, was öffentliches Recht, was öffentliche Sicherheit, öffentliche Wohlfahrt und so weiter ist, was angeht jeden mündig gewordenen Menschen, das wird auf dem Boden des einheitlichen Staatswesens entwickelt. Und mit den Verfassungen der Seele, die man da entwikkelt im unmittelbaren Wechselverhältnis von Mensch zu Mensch, tritt man wieder ein im Wirtschaftsleben in sein spezielles Gebiet, in dem man verkettet ist durch verschiedene Assoziationen, in denen man tätig ist. Man trägt das, was man aus dem Geistesleben, aus dem Staatsleben hat, in dieses Wirtschaftsleben hinein, befruchtet es durch das, hält es aufrecht, bringt Recht und bringt geistige Befruchtung hinein in dieses Wirtschaftsleben. Der Mensch selbst bildet die Einheit zwischen dem, was nicht Gliederung in Stände ist.
[ 15 ] I know very well that many people are truly horrified when they hear about this threefold social order, which is said to be necessary for the future. But this is only because people usually believe that the state is now to be split into three parts: How are these three parts then to work together? — In truth, it is precisely by bringing these three parts to their full development—in the way that I have, admittedly, only been able to sketch—that unity is maintained, for the human being as a unity is present in all three parts. He participates in some way in the spiritual organism. If he has children, he is involved in the spiritual organism through the school. Through his spiritual interests, he is somehow entwined with the spiritual organism. As a person who has attained legal majority and participates in the democratic state, he carries what he has gained from the spiritual organism—through his actions and his life—into this democratic state as well. But what constitutes public law, public safety, public welfare, and so on—matters that concern every person who has attained legal majority—is developed on the foundation of the unified state. And with the dispositions of the soul that one develops there in the direct interaction from person to person, one re-enters economic life in its specific sphere, where one is linked through various associations in which one is active. One carries what one has gained from spiritual life and from political life into this economic life, enriches it through these elements, sustains it, and brings justice and spiritual enrichment into this economic life. The individual himself forms the unity between what is not a division into estates.
[ 16 ] Man hat mir vielfach eingewendet, da würde man wiederum zurückgehen auf dasjenige, was im alten Griechenland Nährstand, Wehrstand, Lehrstand umfaßt hat. Ein solcher Einwand bezeugt nur, wie sehr oberflächlich man heute oftmals solche Dinge betrachtet. Denn nicht um eine Gliederung der Menschen selber, nicht um eine Einteilung in Stände, sondern darum handelt es sich, daß das äußere Leben in seinen Einrichtungen dreigegliedert wird. Gerade dadurch, daß der Mensch sich drinnen befindet in einem solchen dreigegliederten sozialen Organismus, ist es möglich, daß alle Stände aufhören, daß wirkliche Demokratie eintritt. Darauf weist, ich möchte sagen, für jeden Unbefangenen mit einer inneren Notwendigkeit gerade die Entwickelung der modernen Staaten.
[ 16 ] I have often been told that this would mean reverting to what in ancient Greece comprised the classes of producers, warriors, and teachers. Such an objection only shows how superficially such matters are often viewed today. For the issue is not a division of human beings themselves, nor a classification into estates, but rather that external life, in its institutions, is divided into three parts. It is precisely because human beings are situated within such a threefold social organism that it becomes possible for all estates to cease to exist and for true democracy to emerge. I would say that the development of modern states points to this as an inner necessity for anyone who approaches the matter with an open mind.
[ 17 ] Sehen wir denn nicht, daß sie auf der einen Seite dem notwendigen Impuls nach Demokratie Rechnung tragen müssen, aber dann die Demokratie wiederum verderben lassen dadurch, daß selbstverständlich aus dem Geistesleben heraus der Fähige im demokratischen Staatsleben immer mehr Gewicht haben wird als der weniger Fähige? In den Dingen, wo es auf die Fähigkeit ankommt, ist das ganz gerechtfertigt, zum Beispiel im geistigen Gebiet. Dagegen muß das eigentlich demokratische Staatswesen frei und rein gehalten werden von solchen übermächtigen Einflüssen besonders befähigter Persönlichkeiten, denn es muß eben ein Gebiet geben nach der Grundforderung der modernen Menschheit, in dem sich nur geltend macht dasjenige, was allen Menschen, die mündig geworden sind, in gleicher Weise zukommt.
[ 17 ] Do we not see that, on the one hand, they must take into account the necessary drive toward democracy, but then, in turn, allow democracy to be undermined by the fact that—as is only natural, given the nature of intellectual life—the capable will always carry more weight in democratic political life than the less capable? In matters where ability is what counts—for example, in the intellectual sphere—this is entirely justified. On the other hand, a truly democratic form of government must be kept free and untainted by such overpowering influences from particularly capable individuals, for—in accordance with the fundamental demand of modern humanity—there must be a sphere in which only that which is equally due to all people who have come of age is given due consideration.
[ 18 ] Das wirtschaftliche Gebiet zeigt im besonderen Maße, wie unmöglich es ist, das einwirken zu lassen, was der Mensch durch seine besondere Artung sich als Fähigkeit im Wirtschaftsleben erwirbt. Er erwirbt sich dadurch vielleicht eine wirtschaftliche Übermacht. Sie darf aber nicht zu einer sozialen Übermacht werden. Sie wird es nur dadurch nicht, daß dasjenige, was wirtschaftliche Macht ist, was innerhalb des Wirtschaftslebens verbleibt, unmöglich zu einer politischen, zu einer rechtlichen Übermacht werden kann. Alles dasjenige, was heute gerade zur Karikatur der sogenannten sozialen Frage geführt hat, das würde überwunden werden, wenn man sich einlassen wollte darauf, daß das Wirtschaftsleben auf seinen eigenen Boden gestellt würde und das demokratische Staatsleben gerade dadurch ehrlich und aufrichtig wiederum auf seinen eigenen Boden sich stellen könnte. Die neueren Staaten lehren durch ihre Entwickelung, wie notwendig die Hinwendung der Menschheit zu solchen Prinzipien ist. Und daher gestatten Sie mir, daß ich Ihnen neben den geschichtlichen Impulsen, die man aufnehmen muß, um hingewiesen zu werden auf diese Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus, zunächst einmal, ich möchte sagen, die zwei subjektiven Quellen noch etwas charakterisiere, aus denen seit langen Jahren sich mir dieser Impuls von der Dreigliederung des sozialen Organismus ergeben hat.
[ 18 ] The economic sphere demonstrates particularly clearly how impossible it is to allow the abilities that human beings acquire through their unique nature to influence economic life. Through this, a person may acquire economic dominance. However, this must not become social dominance. It does not become so only because economic power—that which remains within economic life—cannot possibly become political or legal dominance. Everything that has led today to a caricature of the so-called social question would be overcome if we were willing to accept that economic life be placed on its own foundation, and that democratic political life, precisely through this, could once again stand honestly and sincerely on its own foundation. The development of modern states demonstrates how necessary it is for humanity to turn toward such principles. And so, allow me—in addition to the historical impulses one must take to heart in order to be guided toward this idea of the threefold social order—to first characterize, if I may say so, the two subjective sources from which this impulse toward the threefold social order has arisen within me for many years.
[ 19 ] Die eine Quelle ist die, daß man mit geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, die ich mir ja als meine Lebensauffassung zu vertreten erwählt habe, über gewisse Entwickelungsbedingungen der Menschheit sich anders unterrichten kann, als aus der heute gang und gäben materialistisch-naturwissenschaftlichen Weltanschauung heraus. Diese heute gang und gäbe materialistisch-naturwissenschaftliche Weltanschauung kann eigentlich zu einer wirklichen Erkenntnis des geschichtlichen Werdens der Menschheit nicht kommen, denn das, was wir heute «Geschichte» nennen, ist im Grunde genommen mehr oder weniger eine Fable convenue. Wir treiben heute so Geschichte - und wollen dann für die sozialen, für die politischen Aufgaben der Gegenwart aus dieser Geschichte etwas lernen —, daß wir uns vorstellen, das Folgende im Menschenwerden ist immer die. Wirkung des Vorhergehenden, dieses Vorhergehende wiederum die Wirkung eines Weitervorhergehenden und so weiter. Eine wirklich sachgemäße, nicht bloß auf Analogien beruhende Vergleichung des ganzen Werdens der Menschheit mit dem Werden des einzelnen Menschen könnte einen heilen von diesem Irrtum.
[ 19 ] One reason is that, through insights from Spiritual Science—which I have chosen to adopt as my worldview—one can gain a different understanding of certain conditions of human development than one can through the materialistic, natural-scientific worldview that is commonplace today. This materialistic, natural-scientific worldview, which is so prevalent today, cannot actually lead to a true understanding of humanity’s historical development, for what we call “history” today is, in essence, more or less a fable convenue. We approach history today—and then seek to learn something from this history for the social and political tasks of the present—in such a way that we have a mental image of what comes next in human development as the effect of what came before, and that which came before is in turn the effect of what came before that, and so on. A truly appropriate comparison—one not based merely on analogies—of the entire development of humanity with the development of the individual human being could cure us of this error.
[ 20 ] Wenn ich den einzelnen Menschen sich entwickeln sehe, dann muß ich sagen: Was bei ihm auftritt in den ersten Lebensjahren, in den mittleren Lebensjahren, am Ende des Lebens, das stellt sich nicht bloß so dar, daß ich von Ursache und Wirkung sprechen kann. Ich kann wahrhaftig nicht sagen, daß der Mensch, der fünfunddreißig Jahre alt wird, organisch nur dasjenige erlebt, was die Wirkung ist dessen, was er mit zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren erlebt hat, sondern wir sehen, indem der Mensch sich entwickelt, wie aus seinem Organismus heraus, aus seinem ganzen organischen Sein und Wesen heraus gewisse Entwickelungsimpulse, Entwickelungskräfte aufsteigen, die sich zu bestimmten Zeitepochen ganz besonders wirksam zeigen.
[ 20 ] When I observe the development of the individual human being, I must say: What occurs in a person’s early years, middle years, and at the end of life cannot be explained simply in terms of cause and effect. I truly cannot say that a person who reaches the age of thirty-five experiences, organically speaking, only the effects of what he or she experienced at the ages of twenty or twenty-five; rather, as the person develops, we see how certain developmental impulses arise from within his or her organism—from his or her entire organic being and essence— forces of development arise from his organism—from his entire organic being and essence—which prove to be particularly effective at certain periods of time.
[ 21 ] So muß man für den einzelnen Menschen sagen, es gibt für ihn Lebensepochen: Wenn der Zahnwechsel eintritt ungefähr um das siebente Jahr herum, da finden wir, wenn wir nur ein Organ haben, die Sache zu beobachten, daß das ganze Seelenleben des Kindes anders wird, daß das Kind von einem nachahmenden Wesen zu einem solchen wird, das Bedürfnis hat, unter eine gewisse Autorität zu kommen, nach Urteilen von Menschen sich zu richten, während es früher nachahmte. Wiederum bei der Geschlechtsreife setzt auch deutlich eine Umwandlung des Seelenlebens ein. Man kann auch für spätere Epochen diese Umwandlung des Seelenlebens bemerken, wenn man nur ein Organ dafür hat.
[ 21 ] Thus, we must say that for each individual human being, there are distinct stages of life: When the teeth begin to change around the age of seven, if we have the ability to observe this process, we find that the child’s entire inner life changes; the child transforms from an imitative being into one who feels the need to submit to a certain authority and to conform to the judgments of others, whereas before the child simply imitated. Similarly, at the onset of puberty, a clear transformation of the soul life begins. One can also observe this transformation of the soul life in later stages of life, provided one is attuned to it.
[ 22 ] Wie für den einzelnen Menschen nicht bloß Ursache und Wirkung dastehen, sondern wie aus den Tiefen seines Wesens die Entwickelungskräfte aufschießen, so ist es der Fall mit der ganzen Menschheit. Und studiert man Geschichte wirklich sachgemäß, dann findet man — um nur eines anzuführen — so um die Mitte des 14., 15. Jahrhunderts solch einen Einschnitt in der Entwickelung der ganzen zivilisierten neueren Menschheit. Da findet man gerade jenen Übergang, der aus elementarer Notwendigkeit der Entwikkelung heraus die neuere Menschheit mit ihren Forderungen eigentlich erst hat entstehen lassen. Oh, es ist ein großer Unterschied zwischen dem, was der Mensch als das Richtige für sich ansieht zu einem menschenwürdigen Dasein seit diesem 15. Jahrhundert, und dem, was der Mensch des Mittelalters dafür angesehen hat.
[ 22 ] Just as for the individual human being it is not merely a matter of cause and effect, but rather the forces of development spring forth from the depths of his being, so it is with all of humanity. And if one studies history properly, one finds—to cite just one example—such a turning point in the development of all of modern civilized humanity around the middle of the 14th and 15th centuries. There one finds precisely that transition which, out of the fundamental necessity of development, actually gave rise to modern humanity with all its demands. Oh, there is a great difference between what people have regarded as the right way to live a dignified life since the 15th century and what people in the Middle Ages regarded as such.
[ 23 ] Seelengeschichte — wir haben sie eigentlich gar nicht getrieben -, wie sie aus der Geisteswissenschaft hervorgehen kann, deren Repräsentant unser Bau in Dornach ist, die führt einen dazu, dasjenige, was ich das demokratische Prinzip genannt habe, als etwas in der neueren Menschheit so Auftretendes anzusehen, wie man die Eigenschaften ansieht, die auftreten im einzelnen Menschen, sagen wir im Alter der Geschlechtsreife. Durch dieses Hinblicken auf die Tatsache, daß die neuere Menschheit eben eine ganz andere ist, und daß auch bei der ganzen Menschheit wie beim einzelnen Menschen Rechnung getragen werden muß seinen Entwickelungsprinzipien, dadurch ergibt sich die Stärke der Überzeugung, daß Demokratie etwas ist, wogegen man sich nicht stemmen kann, daß man aber, weil Demokratie etwas ist, was aus dem elementarsten Menschenwesen heraufsprießt, gerade deshalb den sozialen Organismus dreigliedern muß, damit dasjenige, was demokratisch geordnet werden kann, eben in der Entwickelung der Menschheit zu seinem Recht kommt. Das ist das eine, dieses geisteswissenschaftliche Hinblicken auf die Entwickelungsimpulse der Menschheit. Das andere ist die Beobachtung der Tatsachen des Völkerlebens.
[ 23 ] The history of the soul—which we have not really explored—as it can emerge from Spiritual Science, represented by our building in Dornach, leads one to view what I have called the democratic principle as something that manifests itself in modern humanity, just as one views the characteristics that emerge in the individual human being, say, at the age of sexual maturity. By considering the fact that modern humanity is, in fact, quite different, and that—just as with the individual human being—account must be taken of its principles of development throughout all of humanity, this gives rise to the firm conviction that democracy is something that cannot be resisted; but precisely because democracy is something that springs forth from the most elementary human being, the social organism must be threefoldly organized so that what can be ordered democratically may come into its own in the development of humanity. That is one aspect: this spiritual-scientific perspective on the developmental impulses of humanity. The other is the observation of the facts of life among nations.
[ 24 ] Da kann ich Ihnen allerdings nur einzelne Beispiele angeben. Aber es ist immerhin interessant, an einzelnen Beispielen die Unmöglichkeit zu sehen, daß die neueren Einheitsstaatsgebilde aus ihrer Einheit heraus zu einer wirklich lebensfähigen sozialen Struktur kommen. Es ist nur notwendig, um das zu zeigen, eben auf einzelne Beispiele hinzuweisen. Sie werden es begreiflich finden, daß ich als Nicht-Schweizer nicht gerade die Schweiz als naheliegendes Beispiel anführe. Ich brauche nur zu erwähnen, daß, was bei einzelnen Staatsgebilden Europas in so hohem Maße schon eingetreten ist, auch bei den anderen nach und nach eintreten wird, und daß es recht große Kurzsichtigkeit ist, wenn man immer wiederum darauf baut: Ach, bei uns ist es noch anders, wir brauchen uns nicht um das zu kümmern, was sonstwo geschieht.
[ 24 ] I can, however, only give you a few specific examples. But it is nonetheless interesting to see, through these examples, the impossibility of the newer unitary states developing a truly viable social structure out of their unity. To demonstrate this, it is sufficient to point to individual examples. You will understand that, as a non-Swiss, I do not exactly cite Switzerland as the most obvious example. I need only mention that what has already occurred to such a great extent in certain European states will gradually occur in the others as well, and that it is quite short-sighted to keep relying on the notion: “Oh, things are still different here; we don’t need to worry about what’s happening elsewhere.”
[ 25 ] Nun wähle ich vielleicht als ein Beispiel den Osten Europas, Rußland, nicht bloß deshalb, weil Rußland durch sein heutiges tragisches Schicksal besonders bedeutsam ist für die Menschenbetrachtung, sondern weil Rußland nach den praktischen politischen Urteilen der führenden englischen Politiker auch das Land ist, an dem sich am alleranschaulichsten, ich möchte sagen, wie an einem im Völkerleben sich abspielenden Experiment zeigen muß, was für Bedürfnisse und was für Unmöglichkeiten im modernen Völkerleben walten. Nur einiges aus diesem russischen Volkswesen lassen Sie mich Ihnen hervorheben.
[ 25 ] Now, perhaps I will choose Eastern Europe—Russia—as an example, not merely because Russia, due to its current tragic fate, is particularly significant for the study of human nature, but because, according to the practical political assessments of leading English politicians, Russia is also the country where it is most clearly evident, I would say, as if in an experiment unfolding in the life of nations, what needs and what impossibilities prevail in modern international life. Let me highlight just a few aspects of this Russian national character for you.
[ 26 ] Da tritt uns, mitten hineingestellt in den Ihnen ja sattsam bekannten russischen Absolutismus in den sechziger Jahren, die merkwürdige Einrichtung der Semstwos entgegen. Landschaftsversammlungen, wo sich die Vertreter des landschaftlichen Lebens, diejenigen Menschen, die im Wirtschaftsleben oder in sonstigen Lebensgebieten in einzelnen Landschaften drinnenstehen, in gewissen Versammlungen zusammenfinden, um, ich möchte sagen, nach Art eines Rates oder dergleichen, eines Kantonsrates, über diese Angelegenheiten zu beraten. Rußland ist von den sechziger Jahren an mit solchen Semstwos erfüllt. Sie leisten eigentlich eine fruchtbare Arbeit; sie arbeiten zusammen mit etwas anderem, was Althergebrachtes in Rußland ist: den Mir-Organisationen der einzelnen Dorfgemeinden, eine Art Zwangsorganisation zum wirtschaftlichen Leben des Dorfes. Da haben wir drinnenstehend erstens altdemokratische Gebräuche in der russischen Bauernorganisation, wir haben aber in dem Auftreten der Semstwos etwas Neueres, was durchaus nach dem Demokratischen hintendiert. Aber etwas höchst Merkwürdiges zeigt sich. Und dieses Merkwürdige wird noch auffälliger, wenn wir eine andere Erscheinung betrachten, wie sie sich ergeben hat in Rußland, bevor die Weltkatastrophe das alles vernichtet oder in ein anderes Licht gestellt hat.
[ 26 ] Here, set against the backdrop of Russian absolutism in the 1860s—with which you are, of course, thoroughly familiar—we encounter the peculiar institution of the zemstvos. These were regional assemblies where representatives of rural life—people deeply involved in economic life or other spheres of life within individual regions—would gather in certain meetings to deliberate on these matters, I might say, in the manner of a council or something similar, such as a cantonal council. From the 1860s onward, Russia has been filled with such zemstvos. They actually carry out fruitful work; they operate in conjunction with something else that is traditional in Russia: the mir organizations of the individual village communities, a kind of compulsory organization for the economic life of the village. Here we find, on the one hand, old democratic customs within the Russian peasant organization; on the other hand, however, we see in the functioning of the semstvos something newer that leans decidedly toward democracy. But something highly peculiar is becoming apparent. And this peculiarity becomes even more striking when we consider another phenomenon that arose in Russia before the global catastrophe destroyed it all or cast it in a different light.
[ 27 ] In Rußland hat sich ergeben, daß sich die Menschen der verschiedensten einzelnen Berufe untereinander assoziiert haben, und wiederum, daß Assoziationen entstanden sind von Beruf zu Beruf Bankkassenbeamte, Bankkassenausträger haben Assoziationen gebildet. Diese Assoziationen haben sich wiederum zu umfassenderen Assoziationen zusammengetan. Wer nach Rußland gekommen ist, hat eigentlich seine Begegnungen gehalten nicht mit einzelnen Menschen, sondern er stieß überall, wo er mit irgend etwas zu tun hatte, auf solche Assoziationen.
[ 27 ] In Russia, it has become apparent that people from a wide variety of individual professions have formed associations among themselves, and, in turn, that associations have emerged between different professions—bank tellers and bank cash carriers, for example, have formed associations. These associations, in turn, have merged into broader associations. Anyone who has visited Russia has not actually interacted with individual people, but has encountered such associations everywhere they had any dealings.
[ 28 ] Das alles schob sich hinein in das sonstige Staatsleben des Absolutismus. Nun, wenn man diese Semstwos, wenn man die Assoziationen, wenn man selbst die Mir-Organisation studiert, so bemerkt man eines. Gewiß, diese Organisationen erstrecken sich auch auf manche andere Gebiete des Lebens, Schuleinrichtungen und dergleichen, aber da leisten sie nichts Besonderes. Wer sich auf ein unbefangenes Studium dieser Assoziationen einläßt — denn schließlich gestalteten sich die Semstwos auch nicht zu Korporationen, sondern eigentlich zu Assoziationen, die Landwirte verbanden sich mit denen, die im Auigange des industriellen Lebens standen und so weiter —, wenn das auch alles einen solchen Charakter bekam, der wie eine öffentliche Einrichtung aussah, in Wirklichkeit hatte man es mit Assoziationen zu tun, und sie alle leisteten Gutes. Aber was sie leisteten, leisteten sie eigentlich nur auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Und wir können sagen: In diesem Rußland zeigt sich das Merkwürdige, daß ein auf Assoziationswesen begründetes organisches System entsteht. Es erweist sich weiter, daß der russische Staat unfähig ist, irgend etwas mit dem anzufangen, was da im Werden ist. So daß wir sagen können: Indem die Notwendigkeit der frühkapitalistischen Entwickelung, wie sie in Rußland auftritt, zu wirtschaftlichen Organisationen führt, müssen sich diese aus einer inneren Notwendigkeit heraus neben die politischen Institutionen hinstellen.
[ 28 ] All of this became intertwined with the broader political life of absolutism. Now, if one studies these semstvos, these associations, or even the Mir organization itself, one notices something. Certainly, these organizations also extend to some other areas of life, such as educational institutions and the like, but there they do nothing particularly noteworthy. Anyone who undertakes an unbiased study of these associations—for after all, the semstvos did not develop into corporations, but rather into associations, in which farmers joined forces with those at the outset of industrial life, and so on—even if all of this took on a character that resembled a public institution, in reality, these were associations, and they all did good work. But what they accomplished, they actually achieved solely within the realm of economic life. And we can say: What is remarkable about this Russia is that an organic system based on the principle of association is emerging. It further becomes apparent that the Russian state is incapable of doing anything with what is emerging there. So we can say: Since the necessity of early-capitalist development, as it occurs in Russia, leads to economic organizations, these must, out of an inner necessity, stand alongside the political institutions.
[ 29 ] Nun, etwas anderes Eigentümliches tritt in Rußland auf im 19. und im Beginn des 20. Jahrhunderts. Ja, gewiß, der Absolutismus gründet seine Schulen; aber diese Schulen sind nichts anderes als, ich möchte sagen, ein Spiegelbild für die Bedürfnisse des absolutistischen staatlichen Lebens. Nun, ein Geiistesleben entwickelt sich in Rußland, ein intensiveres Geistesleben, als der Westen Europas annimmt. Aber wie muß dieses Geistesleben sich entwickeln? Durchaus in Opposition, ja in revolutionärem Aufruhr gegen alles, was russisches Staatswesen ist. Man sieht, dieser stramm einheitlich organisierte Staat splittert sich auseinander in drei Glieder, aber will sich eigentlich bloß auseinandersplittern. Er kann es aber nicht. Er zeigt uns gerade an dem, was er erlebt, wie unmöglich es ist, mit dem Einheitsstaat diese drei vorzüglichsten Lebensgebiete der Menschen Zusammenzupressen.
[ 29 ] Well, something else peculiar emerged in Russia in the 19th and early 20th centuries. Yes, certainly, absolutism established its schools; but these schools are nothing more than—I would say—a reflection of the needs of absolutist state life. Well, an intellectual life is developing in Russia—a more intense intellectual life than Western Europe realizes. But how must this intellectual life develop? Entirely in opposition, indeed in revolutionary upheaval, against everything that constitutes the Russian state. One sees that this rigidly and uniformly organized state is splintering into three parts, but in reality it merely wants to splinter apart. Yet it cannot. Precisely through what it is experiencing, it shows us how impossible it is to force these three most essential spheres of human life together within the unitary state.
[ 30 ] Ich kann Ihnen das auch nur skizzieren. Wenn man im einzelnen studiert, wie sich diese drei Glieder im russischen Staatsleben dann hineinentwickeln in den Weltkrieg, wie sich aus dem Weltkrieg herausentwickelt zuerst die wirklich wesenlose Herrschaft Miljukows, wie sich dann aber unter Kerenski etwas herausentwickelt, was man nennen kann die Umwandlung des Absolutismus in ein demokratisches Staatswesen, aber noch durchaus mit dem Glauben an die Allmacht des Einheitsstaates, dann kann man gerade an dem sehen, woran nach kurzer Regierungszeit Kerenski scheitern muß, wie dieser demokratisch werden wollende russische Staat in die Unmöglichkeit versetzt ist, die wichtigsten Fragen, eine wirtschaftliche Frage, die Agrarfrage eigentlich nur anzufassen, weil in der Agrarfrage die Assoziationen des russischen Lebens so sind, daß an ihnen das, was an Demokratie versucht wird aus dem alten Absolutismus heraus, zerbricht.
[ 30 ] I can only give you a rough outline of this. If one studies in detail how these three elements of Russian political life then became entangled in the World War, how the World War gave rise first to Milyukov’s truly insubstantial rule, and how, under Kerensky, something emerged that one might call the transformation of absolutism into a democratic system of government—though still thoroughly rooted in the belief in the omnipotence of the unitary state— then one can see precisely why Kerensky was bound to fail after a short time in office—how this Russian state, striving to become democratic, was rendered incapable of even addressing the most important issues—the economic question and the agrarian question—because in the agrarian question, the structures of Russian life are such that any attempt at democracy emerging from the old absolutism shatters against them.
[ 31 ] Gewiß, es zeigt sich alles eben auch in einer bestimmten konkreten Weise. Man kann nicht alles gleich darin sehen. Aber wer es unbefangen überblickt, dieses Werden Rußlands, sein Hineinsteuern in eine unmögliche sozialdemokratische Struktur, weil eben zersplittert ist der Einheitsstaat an der Unmöglichkeit, die drei Lebensgebiete zusammenzufassen, der wird sehen, daß gerade dieses Beispiel von Osteuropa ein sehr bedeutungsvolles ist und daß die weitblickenden englischen Politiker wohl recht haben, die gerade Rußland betrachten als dasjenige Feld, auf dem sich wie in einem Weltexperiment zeigt der Hergang der Entwickelung der Menschheit.
[ 31 ] Certainly, everything manifests itself in a specific, concrete way. One cannot see everything in it at once. But anyone who takes an unbiased look at this evolution of Russia—its drift toward an impossible social-democratic structure, precisely because the unified state is fragmented by the impossibility of bringing the three spheres of life together—will see that this very example from Eastern Europe is a highly significant one, and that the far-sighted English politicians are indeed correct in viewing Russia as the very arena in which the course of human development is unfolding, as in a global experiment.
[ 32 ] Man könnte ganz Europa überschauen von solchen Gesichtspunkten, man würde überall sehen, wie der Einheitsstaat allmählich sich auflöst. Wenn er auch in manchen Gegenden noch festgefügt erscheint, er wird sich auflösen, weil er nicht bewältigen kann das richtige Zusammenwirken der drei menschlichen Lebensgebiete. Sehen Sie nur, wie in der neueren Zeit da, wo zum Beispiel der politische Sinn, die politische Gesinnung ganz das innerste Wesen des Menschen erfüllt, wie da die politische Gesinnung nicht Herr werden kann über das wirtschaftliche Leben.
[ 32 ] One could survey all of Europe from such a perspective and see everywhere how the unitary state is gradually disintegrating. Even if it still appears firmly established in some regions, it will disintegrate because it cannot manage the proper interplay of the three spheres of human life. Just look at how, in recent times, in places where, for example, political consciousness and political sentiment completely permeate the innermost being of the human being, political sentiment cannot gain the upper hand over economic life.
[ 33 ] In dieser Beziehung bildet ein gutes Beispiel Frankreich. Frankreich hat sich aus seiner Revolution im 18. Jahrhundert heraus das gerettet, was nun wirklicher innerer demokratischer Sinn ist, wenn auch dieser demokratische Sinn mit einem großen Konservatismus in bezug auf das Familienleben gepaart ist. Wenn auch vieles zwischen dem Demokratischen an philiströses Patriarchales erinnert, so ist doch im tiefsten Wesen der Gesinnung des Franzosen die Tendenz nach der Demokratie vielleicht, wenn auch nicht am reinsten, so doch am stärksten unter der europäischen Menschheit ausgesprochen. Dieser demokratische Sinn suchte sich zunächst im Staatsleben auszugestalten. Gerade durch diese Ausgestaltung des demokratischen Sinns im französischen Staatsleben ist dieses auf der einen Seite abstrakt zergliedert worden in seine Departements; aber diese Departements sind wiederum in eine Einheit zusammengefaßt worden. Das alles als Frucht der Französischen Revolution.
[ 33 ] France serves as a good example in this regard. From its 18th-century Revolution, France has preserved what is now the true inner spirit of democracy, even if this democratic spirit is coupled with a strong conservatism regarding family life. Even though much of what is democratic bears a resemblance to philistine patriarchy, the tendency toward democracy in the very essence of the French mindset is perhaps—if not the purest—the most strongly expressed among the peoples of Europe. This democratic spirit initially sought to take shape in public life. It is precisely through this embodiment of the democratic spirit in French public life that the nation has, on the one hand, been abstractly divided into its departments; yet these departments have, in turn, been united into a single entity. All of this is the fruit of the French Revolution.
[ 34 ] Man braucht nur eines zu betrachten in dieser Struktur des französischen Staates: die Stellung des Departementspräfekten, und man wird sehen, in welch unorganischer Weise verknüpft ist das politisch-rechtliche, das staatliche Element mit dem wirtschaftlichen Element. Der Präfekt ist eigentlich nichts anderes von einer gewissen Seite her als das ausführende Organ der Pariser Regierung. Die Pariser Regierung hat, ich möchte sagen, wie zu ihren vielen Händen die verschiedenen Departementspräfekten. Aber der Departementspräfekt wiederum muß in Verbindung stehen mit den wirtschaftlichen Interessengruppen seines Departements. So daß, wenn eine Wahl in Frankreich ist, gewiß der Präfekt diese Wahl leiten wird, aber sie wird doch nicht anders ausfallen, als sie ausfallen kann aus dem, was der Präfekt den wirtschaftlichen Interessengruppen zugesteht.
[ 34 ] One need only consider one aspect of this structure of the French state—the position of the departmental prefect—to see how inorganically the political-legal, state element is linked to the economic element. From a certain perspective, the prefect is, in fact, nothing other than the executive organ of the Paris government. The Paris government has, I might say, the various departmental prefects as its many hands. But the departmental prefect, in turn, must maintain ties with the economic interest groups in his department. Thus, when an election is held in France, the prefect will certainly oversee it, but the outcome will not differ from what it would be based on what the prefect grants to the economic interest groups.
[ 35 ] So sehen wir, wie in Frankreich Parteien vorhanden sind, Parteien unter Parteidevisen, unter Parteischlagworten wohl auch, wie aber diese Parteischlagworte viel weniger Reales bedeuten als dasjenige, was herauswächst aus den wirtschaftlichen Interessen des Departements. In dieser Beziehung ist das Studium der einzelnen Tatsachen des französischen Lebens außerordentlich interessant. Gerade an Frankreich sieht man, wie ein richtiges Zusammenwirken des rechtlich-staatlichen Wesens und des wirtschaftlichen Wesens zu einer gewissen öffentlichen Wahrheit sich nicht umgestalten kann, weil das staatliche Element das wirtschaftliche nicht bewältigen kann.
[ 35 ] Thus we see that in France there are political parties—parties with party mottos and, indeed, party slogans—but that these slogans have far less real significance than what arises from the economic interests of the department. In this regard, the study of the individual facts of French life is extraordinarily interesting. It is precisely in France that one can see how a proper interaction between the legal-state sphere and the economic sphere cannot develop into a certain public truth, because the state element cannot overcome the economic one.
[ 36 ] Ich selbst habe, ich möchte sagen, jahrzehntelang aus unmittelbarer Anschauung das studiert, was da notwendig führen mußte zum Untergang, sagen wir Österreichs. Dieses Österreich konnte gar nicht anders als auf irgendeine Weise zugrundegehen. Denn als das neuere demokratische Leben heraufzog, da mußte es auch so etwas wie Demokratie in sein Staatsleben hereinbringen, in dieses Staatsleben, das vor allen Dingen seine geistige Struktur hatte von einer solchen Vielgestaltetheit in den Völkerschaften, daß eigentlich dreizehn offizielle Sprachen in Österreich vorhanden waren, das auf der anderen Seite ein kompliziertes Wirtschaftsleben hatte, an den Orient auf der einen Seite hin angelehnt, an Deutschland und an den Westen Europas auf der anderen Seite, an Italien und so weiter. Als nun auch etwas Demokratisches hineingebracht werden sollte in dieses österreichische Staatsleben, da wurde es so gebildet, daß man einen Reichsrat gestaltete. In diesen Reichsrat wurden gewählt vier verschiedene Sektionen: Die Kurie der Handelskammern, die Kurie der Großgrundbesitzer, die Kurie der Städte, Märkte und Industrialorte und die Kurie der Landgemeinden. Geht man genauer auf den Grund: lauter Vertreter wirtschaftlicher Interessen, die wurden in das österreichische Parlament gewählt, da sollten sie den Staat gestalten. Sie brachten selbstverständlich nichts zustande, als daß sie die wirtschaftlichen Interessen metamorphosierten in staatliche Interessen, und es entstand überhaupt nichts von wirklichem Staate, sondern es entstand ein Konglomerat von wirtschaftlichen Interessen, gegen das sich dann aufbäumte das geistige Leben der verschiedenen Nationen, etwas, was notwendig aus inneren Gründen seiner Zersplitterung entgegengehen mußte.
[ 36 ] I myself have, I would say, studied for decades from firsthand observation what was bound to lead to the downfall—let’s say—of Austria. That Austria could not have ended any other way than by perishing in some form or another. For when the newer democratic way of life emerged, it was bound to introduce something like democracy into its political life, into a political life whose intellectual structure, above all, was characterized by such diversity among its peoples that there were actually thirteen official languages in Austria; a political life that, on the other hand, had a complex economic structure, leaning toward the Orient on one side and toward Germany and Western Europe on the other—toward Italy and so on. When it came time to introduce some element of democracy into this Austrian political life, it was structured by establishing an Imperial Council. Four different sections were elected to this Imperial Council: the Curia of Chambers of Commerce, the Curia of Large Landowners, the Curia of Cities, Markets, and Industrial Centers, and the Curia of Rural Municipalities. If one looks more closely at the matter: all of them were representatives of economic interests who were elected to the Austrian Parliament to shape the state. Naturally, they achieved nothing other than transforming economic interests into state interests, and nothing at all resembling a true state emerged; instead, a conglomerate of economic interests arose, against which the intellectual life of the various nations then rebelled—a development that, for internal reasons, was bound to lead to its own fragmentation.
[ 37 ] Etwas anderes noch können wir beobachten, was aber viel internationaler und universell ist, und wir werden daran sehen, wie alles, was unbefangen betrachtet wird im neueren Leben der Menschheit, nach dieser Dreigliederung hintendiert. Denn nehmen Sie das Auffälligste, was heraufgezogen ist, nehmen Sie, ich sage ausdrücklich nicht die soziale, ich sage die sozialdemokratische Frage. In Rußland hat sich ja, weil das alte Staatsleben, als es sich demokratisieren wollte, zersplittert an der Unmöglichkeit, die drei Lebensgebiete so einheitlich zusammenzufassen, wie man es aus demokratischer Staatsauffassung heraus will, in Rußland hat sich 1a ergeben, daß etwas völlig Fremdes wie darübergestülpt wurde über das russische Volkstum, und daß das, was nun heute in Rußland entfaltet wird, selbstverständlich nichts anderes ist als etwas, was notwendigerweise das soziale Leben, das es trifft, in den Untergang hineinführen muß. Was praktisch die Sozialdemokratie, die auf den Marxismus schwörende sozialistische Richtung leisten kann, vor allen Dingen für die wahrhaftig doch von dem innersten Menschen geforderte Demokratie, das zeigt sich gerade an dem traurigen Zustand des heutigen Rußland, von dem schon berichtet werden kann, daß die Ideale der gutgläubigen Arbeiter so erfüllt werden, daß man jetzt unter der Notwendigkeit der Verhältnisse genötigt ist, den Achtstundentag in den Zwölfstundentag zu verwandeln, daß man anstelle der gewöhnlichen Organisation, in der der Arbeiter vermeint seine Freiheit zu finden, ein Militär- Arbeitsregiment einrichtet, das viel tyrannischer zu werden verspricht, als jemals das preußische Militärregiment tyrannisch war. Das sind die Früchte des Leninismus, des Trotzkismus!
[ 37 ] We can observe something else as well—something that is, however, much more international and universal—and we will see how everything, when viewed impartially in the recent history of humanity, tends toward this threefold division. For take the most striking issue that has come to the fore—take, I say explicitly, not the social question, but the social-democratic question. In Russia, indeed—because the old political system, when it sought to democratize, fragmented due to the impossibility of unifying the three spheres of life as consistently as a democratic conception of the state would require—it became evident that something entirely foreign had been imposed upon the Russian national character, and that what is now unfolding in Russia is, of course, nothing other than something that must inevitably lead the social life it affects to ruin. What social democracy—the socialist movement sworn to Marxism—can actually achieve, above all for the democracy that is truly demanded by the innermost being of man, is precisely demonstrated by the sad state of today’s Russia, about which it can already be reported that the ideals of the well-meaning workers are being fulfilled in such a way that, under the necessity of the circumstances, one is now compelled to turn the eight-hour day into a twelve-hour day; that, in place of the usual organization in which the worker supposes he finds his freedom, a military labor regiment is being established that promises to become far more tyrannical than the Prussian military regiment ever was. These are the fruits of Leninism, of Trotskyism!
[ 38 ] Sie können auch nicht anders sein. Sie zeigen nur an dem radikalsten Auswuchs, wie sich aus dem Proletariat heraus — denn die heutige russische Herrschaft gegenüber den vielen Millionen des russischen Volks umfaßt ja nur ein paar Millionen von Industriearbeitern, und im Grunde genommen ist dort heute eine Tyrannei der wenigen Millionen Industriearbeiter vorhanden -, wie sich eben die sozialdemokratische Strömung entwickelt hat. Wodurch hat sie sich entwickelt? Ja, wir können sagen: diese Sozialdemokratie, die sich besonders dadurch charakterisiert, daß sie alles Leben der Menschheit nur von der wirtschaftlichen Produktion herleitet, daß sie alles geistige Leben nur wie eine Ideologie anschaut, wie etwas, was als ein Rauch aufsteigt aus der wirtschaftlichen Produktion, diese Sozialdemokratie, wie konnte sie entstehen?
[ 38 ] They cannot be any different. They merely illustrate, in their most radical form, how the Social Democratic movement has developed from within the proletariat—for today’s Russian rule over the many millions of the Russian people encompasses only a few million industrial workers, and, in essence, what exists there today is a tyranny of those few million industrial workers. How did it develop? Yes, we can say: this Social Democracy, which is characterized above all by the fact that it derives all of human life solely from economic production, that it regards all intellectual life merely as an ideology—as something that rises like smoke from economic production—this Social Democracy, how could it have come into being?
[ 39 ] Diese Sozialdemokratie, die unter marxistischem Einfluß steht ich meine nicht den gesunden Sozialismus, selbstverständlich -, ist eigentlich die Sünde der bürgerlichen Strömungen, die in der neueren Zeit heraufgezogen sind, das Ergebnis der Sünde der bürgerlichen Strömungen, könnte ich auch sagen. Denn sieht man überall hin, würde man so, wie ich es an zwei Beispielen, an Frankreich und Rußland gezeigt habe, die ganze zivilisierte Welt durchgehen in ihrer Entwickelung in der neueren Zeit, würde man überall sehen: das Wirtschaftsleben ist ein solches geworden, das durch die Technik seinen Stempel aufgedrückt erhalten hat, das den Menschen hinweggeholt hat von seiner früheren Verbindung mit seinem Beruf, ihn an die abstrakte, gleichgültige Maschine, in die gleichgültige Fabrik hineingestellt hat — und das Proletariat, es hat im Grunde genommen nichts anderes kennengelernt als das Wirtschaftsleben.
[ 39 ] This social democracy, which is under Marxist influence—I do not, of course, mean healthy socialism—is actually the sin of the bourgeois movements that have emerged in recent times; I might even say it is the result of the sin of the bourgeois movements. For if one looks everywhere—as I have shown with two examples, France and Russia—and surveys the entire civilized world in its modern development, one would see everywhere: economic life has become one that has been stamped by technology, one that has torn people away from their former connection to their trade, placing them before the abstract, indifferent machine, within the indifferent factory—and the proletariat, in essence, has known nothing other than economic life.
[ 40 ] In der neueren Zeit hätte man notwendig gehabt, dieses immer größer und größer werdende Proletariat hineinzustellen in eine soziale Struktur. Man konnte nicht aus dem, was die geschichtliche Entwickelung in der Menschheit heraufgebracht hat, etwas gewinnen, wodurch man gewissermaßen eine einheitliche Struktur ausgedacht hätte über diejenigen, die die Führenden sind im Wirtschaftsleben, im geistigen Leben und so weiter, und diejenigen, die mit der Hand arbeiten müssen. Man hatte gewissermaßen unterlassen, aus den alten Kräften neue Kräfte herauszuentwickeln. Aus den alten Fürstenstaaten entstanden nicht wirkliche Einrichtungen, die von der Demokratie getragen gewesen wären. So muß man sagen, daß eigentlich das, was moderne Sozialdemokratie ist, dadurch entstanden ist, daß von den führenden Ständen, von den führenden Leuten in der neueren Geschichte das nicht bewältigt werden konnte, was das Wirtschaftsleben heraufgebracht hat. Man hat die Staaten eben so organisiert gelassen, daß sie das immer wuchtender und wuchten.der werdende Wirtschaftsleben nicht umfassen konnten. Und so zeigt sich gerade an der Nichtbewältigung dessen, was mit der Entstehung des Proletarischen in den Menschenseelen heraufgezogen ist, die Tatsache, daß aus dem, was man sich vom Staate vorstellen konnte, nichts Fruchtbares für eine mögliche Struktur des sozialen Organismus hervorgehen konnte.
[ 40 ] In more recent times, it would have been necessary to integrate this ever-growing proletariat into a social structure. It was not possible to draw upon what historical development in humanity had brought about to devise, so to speak, a unified structure encompassing those who are the leaders in economic life, in intellectual life, and so on, and those who must work with their hands. One had, so to speak, failed to develop new forces out of the old ones. The old princely states did not give rise to genuine institutions that would have been supported by democracy. Thus, one must say that what modern social democracy actually is arose because the leading classes, the leading figures in modern history, were unable to cope with what economic life had brought about. The states were simply left organized in such a way that they could not encompass economic life, which was becoming ever more powerful and overwhelming. And so it is precisely in the failure to cope with what arose in the human soul with the emergence of the proletariat that the fact becomes apparent: nothing fruitful for a possible structure of the social organism could emerge from the mental image one had of the state.
[ 41 ] Und so könnte ich noch vieles anführen, es würde Ihnen zeigen, daß tatsächlich aus dem, was man beobachten kann, die Notwendigkeit folgt, die drei hauptsächlichsten Lebensgebiete des Menschen und der Menschheit auf ihren eigenen Boden zu stellen.
[ 41 ] And I could cite many more examples; they would show you that, based on what can be observed, it is indeed necessary to place the three main spheres of human life and of humanity on their own foundation.
[ 42 ] Über diese Notwendigkeit konnte man wahrhaftig auch sprechen, bevor diese furchtbare Katastrophe in der Welt heraufgezogen ist und die zerstörenden Kräfte so klar geoffenbart hat in den letzten vier bis fünf Jahren. Aber ich glaube nicht, daß die Menschheit in der Zeit vor 1914, wo man nur in Illusionen lebte über das, was man als einen großen, gewaltigen Aufschwung in der neueren Menschheit empfand, für ein Verständnis dieser Notwendigkeit irgendwie zu gewinnen gewesen wäre. Jetzt sind Zeiten heraufgezogen, in denen man nicht bloß theoretisch zu beweisen braucht, daß eine solche Notwendigkeit besteht, sondern in denen Staaten, die ganz besonders den Gefahren des Einheitsstaates ausgesetzt waren, hinweggefegt worden sind in ihrer alten Form und vor der Notwendigkeit stehen, sich ganz neu aufzubauen.
[ 42 ] One could indeed have spoken of this necessity even before this terrible catastrophe loomed over the world and so clearly revealed the destructive forces over the past four to five years. But I do not believe that humanity, in the period before 1914—when people lived only in illusions about what they perceived as a great, powerful upswing in modern humanity—could have been persuaded in any way to understand this necessity. Now times have come in which it is no longer enough to prove theoretically that such a necessity exists, but in which states—particularly those that were exposed to the dangers of a unitary state—have been swept away in their old form and now face the necessity of rebuilding themselves from scratch.
[ 43 ] Wir sehen das östliche ehemalige russische Staatswesen zersplittert, vor der Notwendigkeit, sich neu aufzubauen, aber auch vor der Ohnmacht, sich in gedeihlicher Weise neu aufzubauen, indem es sich gefallen lassen muß, daß ihm übergestülpt wird etwas, was niemals aus dem eigenen Volkstum heraus erwächst, sondern was wie eine allgemeine sozialistische Schablone, die auf alles anwendbar ist, über das Volkstum drübergestülpt wird. Und wir sehen zum Beispiel an Deutschland, wo eine verunglückte Revolution, die Revolution vom November 1918, wirklich viel erkennen läßt, wie aus den Verhältnissen heraus sich nur ein Chaos, ein wirkliches Chaos, ergibt. Und das Auffallendste, ich möchte sagen, eigentlich Herzzerreißende, im Leben des heutigen Deutschland ist, daß die Menschen überall, wo man auf sie trifft und über öffentliche Angelegenheiten mit ihnen zu sprechen hat, sich ratlos zeigen. Warum zeigen sie sich ratlos? Aus dem einfachen Grunde, weil das Dogma von dem Einheitsstaate in den Seelen festgewurzelt ist und weil die furchtbaren Lehren der letzten vier bis fünf Jahre wahrhaftig noch nicht hinreichend waren für die Menschen, um dieses Dogma aus ihnen auszutilgen. Ich habe manchen einzelnen gefragt, woher es denn kommt, daß man so schläft, daß man niemanden gewinnen kann zum Aufraffen für irgend etwas Positives nach der Richtung des Aufbaus. Die Leute gestanden ruhig: Ja, wir waren so und so lange im Schützengraben, wir haben nicht gewußt, ob wir in acht Tagen noch leben, es mußte uns allmählich gleichgültig werden, ob wir in acht Tagen noch leben; sollte es uns jetzt nicht gleichgültig sein, was für soziale Einrichtungen in acht Tagen gemacht werden? Man fügt sich in so manche Seelenstimmungen hinein. So hat manch einer, wahrhaftig nicht bloß einer gesagt.
[ 43 ] We see the former Russian state in the East fragmented, facing the necessity of rebuilding itself, but also facing the inability to rebuild itself in a prosperous manner, as it must accept having something imposed upon it that never springs from its own national character, but rather is superimposed upon that character like a universal socialist template applicable to everything. And we see, for example, in Germany, where a failed revolution—the November 1918 Revolution—truly reveals how the circumstances can lead only to chaos, to genuine chaos. And the most striking—I would say, in fact, heart-wrenching—aspect of life in Germany today is that wherever one encounters people and has to discuss public affairs with them, they appear at a loss. Why do they seem at a loss? For the simple reason that the dogma of the unitary state is deeply rooted in their souls, and because the terrible lessons of the last four to five years have truly not yet been enough for people to eradicate this dogma from within themselves. I have asked many individuals why it is that people are so apathetic—why it is impossible to inspire anyone to take action for anything positive in the direction of rebuilding. People calmly admitted: Yes, we were in the trenches for such-and-such a long time; we didn’t know if we’d still be alive in eight days; we gradually had to become indifferent to whether we’d still be alive in eight days; shouldn’t we now be indifferent to what kind of social institutions will be established in eight days? One can empathize with such states of mind. That is what many—truly, not just one—have said.
[ 44 ] Gewiß, die Zeitverhältnisse machen manches erklärlich, aber etwas Größeres, etwas Bedeutsameres ist die historische, die rein menschliche Notwendigkeit. Da gibt es nur ein Entweder-Oder. Und ich glaube, auch hier könnte schon eingesehen werden - da die Zustände wahrlich nicht weit weg sind, die geeignet sind, ihre Wellen nach ganz Europa hineinzuwerfen -, was eingesehen werden soll: das ist das Unmögliche, die drei Lebensgebiete, Geistesleben, Staatsleben, wirtschaftliches Leben in eine Einheit zusammenzubringen. Die Notwendigkeit sollte eingesehen werden, jedes dieser drei Gebiete auf seinen eigenen Boden zu stellen.
[ 44 ] Certainly, the circumstances of the time explain many things, but something greater, something more significant, is the historical, the purely human necessity. There is only an either/or here. And I believe that even here one could already recognize—since the conditions are truly not far off that are capable of sending their ripples throughout all of Europe—what needs to be recognized: namely, that it is impossible to bring the three spheres of life—spiritual life, political life, and economic life—into a single unity. One should recognize the necessity of placing each of these three spheres on its own foundation.
[ 45 ] Ich weiß sehr wohl, wieviel sich aus den alten Anschauungen heraus gegen diese Dreigliederung des sozialen Organismus einwenden läßt. Wer aber die gegenwärtige Weltlage, wie ich sie an einzelnen Beispielen zu schildern versuchte, ins Auge faßt, der wird sich sagen: von allen anderen, mehr utopistisch gearteten Vorschlägen, unterscheidet sich dieser nach der Dreigliederung des sozialen Organismus dadurch, daß er nicht ein Programm gibt, daß er durchaus nicht auftritt mit der Prätention des Alleswissens, sondern daß er sagt: Wenn die Menschen sich sozial so gliedern, daß ihr Bestes selbständig in einem freien emanzipierten Geistesleben, dasjenige, worinnen alle mündig gewordenen Menschen gleich sind, in einem selbständigen demokratischen Staatsleben, dasjenige, worinnen alles aus wirtschaftlichen Unterlagen heraus sich entwickeln muß, in einem selbständigen Wirtschaftsleben herauskommt, dann wird dadurch gerade, daß die Menschen aufgerufen werden zu einem sozialen Wirken, so etwas wie die Lösung der sozialen Frage zustande kommen.
[ 45 ] I am well aware of how much can be objected to this threefold division of the social organism based on traditional views. But anyone who considers the current state of the world—as I have attempted to describe it using specific examples—will say to themselves: unlike all other, more utopian proposals, this one—based on the threefold social order—differs in that it does not present a program, that it by no means claims to know everything, but rather that it says: If people organize themselves socially in such a way that their best qualities come to the fore—in an independent, free, and emancipated spiritual life, in which all mature human beings are equal; in an independent, democratic political life, in which everything must develop on the basis of economic foundations; and in an independent economic life—then it is precisely because people are called upon to engage in social action that something like a solution to the social question will come about.
[ 46 ] Denn ich glaube nicht, daß derjenige, der das Leben kennt, mitgehen kann mit der oberflächlichen Anschauung, als ob die soziale Frage etwas wäre, gestern entstanden, für die man nur irgendwelche Ideen zu haben oder irgendwelche Schlüsse aus dem Leben zu ziehen braucht, um ein Programm zu zimmern, und dann wird die soziale Frage gelöst sein. Solche Mixturen gibt es viele. Aber auf diesem Boden des Alleswissens steht der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus nicht. Er ist durchdrungen von der Überzeugung, daß die soziale Frage allerdings heraufgekommen ist, daß man sie überhaupt nicht von heute auf morgen oder mit irgendeinem Einzelnen lösen kann: sie wird immer in der Zukunft da sein, sie wird unser Leben durchdringen, und die Lösung kann nur darin bestehen, daß man fortlaufend unter solchen Einrichtungen steht, daß die täglich neu kommenden Schwierigkeiten nach und nach überwunden werden. Das ganze Leben in der Zukunft wird darin bestehen, daß es eine Art Lösung der sozialen Frage ist.
[ 46 ] For I do not believe that anyone who truly understands life can go along with the superficial view that the social question is something that arose only yesterday—something for which one need only come up with a few ideas or draw a few conclusions from life in order to cobble together a program, and then the social question will be solved. There are many such concoctions. But the impulse for the threefold social order does not rest on this foundation of omniscience. It is imbued with the conviction that the social question has indeed arisen, that it cannot be solved overnight or by any single individual: it will always be present in the future, it will permeate our lives, and the solution can only consist in continually operating within such institutions that the difficulties arising anew each day are gradually overcome. Life in the future will consist entirely of this: it will be a kind of solution to the social question.
[ 47 ] Von dem, was die einzelnen Menschen wirken werden, indem sie in naturgemäßer Weise in dem dreigegliederten sozialen Organismus arbeiten und urteilen können, davon erhofft der Impuls für die Dreigliederung dasjenige, was man eine Lösung der sozialen Frage nennen könnte. Er will nicht die soziale Frage theoretisch lösen, er will den Menschen die Möglichkeit geben, daß alle im Zusammenwirken, Zusammenurteilen die soziale Frage lösen. Aber selbst das, was als Vorschlag gemacht werden kann - ich habe Ihnen heute nur eine Skizze geben können -, diese Charakteristik der drei Gebiete des sozialen Organismus, selbst das wird keineswegs von den Trägern dieses Gedankens als etwas betrachtet, was irgendein Dogma sein könnte. Das ist es allein, was ich möchte: daß es diskutiert würde, daß möglichst viele Menschen durchdrungen wären von dem, was die Not der heutigen Zeit lehrt, daß aus den besten Kräften des Menschenwesens heraus das getan werde, was zu einem Aufbau führen kann.
[ 47 ] The impulse for the threefold social order hopes that what individual human beings will bring about—by working and making judgments in a natural way within the threefold social organism—will lead to what could be called a solution to the social question. It does not seek to solve the social question theoretically; rather, it aims to give people the opportunity to solve the social question through cooperation and shared judgment. But even what can be put forward as a proposal—I have been able to give you only a rough outline today—this characterization of the three spheres of the social organism, even that is by no means regarded by the proponents of this idea as something that could be a dogma. That is all I wish for: that it be discussed, that as many people as possible be imbued with what the hardships of our time teach us, and that, drawing on the best qualities of the human being, we do what can lead to a new order.
[ 48 ] Wenn so die guten Willen von den verschiedensten Seiten zusammenwirken, dann kann eine fruchtbare Diskussion entstehen. Und auf eine solche fruchtbare Diskussion kommt es eigentlich denen an, die die Träger des Gedankens von der Dreigliederung des sozialen Organismus sind. Wenn diese glauben müssen, daß sie nicht hätten hervortreten können, bevor die Not der Weltkatastrophe eingetreren ist — einigen Optimismus haben sie jetzt; allerdings, ich möchte sagen, einen traurigen Optimismus: daß die sich immer weiter verbreitende Not die große Lehrmeisterin werden muß, daß gerade aus der Not die Menschen werden erkennen müssen, daß so etwas, wie es sich heute aussprechen will - ich will nicht sagen schon in dem Inhalt, den wir zu geben vermögen über die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus, sondern in dem Impuls, den wir der öffentlichen Diskussion geben möchten durch diese Idee —, daß das irgendwie ernst genommen werden muß. Viel wird davon abhängen, daß solche Dinge ernst genommen werden können. Noch immer breitet sich aus über der europäischen Menschheit, überhaupt über der modernen zivilisierten Menschheit etwas wie eine Schläfrigkeit der Seelen, und wenn auch diejenigen, die heute schon wirken in der Bewegung für die Dreigliederung des sozialen Organismus, das eine oder andere aus ihren Überzeugungen getan haben, sie wissen: das Richtige wird erst kommen, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen sich auf die Einzelheiten der Sache einläßt.
[ 48 ] When people of good will from a wide variety of backgrounds work together in this way, a fruitful discussion can emerge. And such a fruitful discussion is actually what matters most to those who champion the idea of the threefold social order. If they must believe that they could not have come forward until the distress of the world catastrophe had set in—they now have some optimism; though, I would say, a sad optimism: that the ever-spreading distress must become the great teacher, that it is precisely through this distress that people must come to recognize that something like what is now seeking to be articulated—I do not mean merely in terms of the content we are able to provide regarding the idea of the threefold social order, but in terms of the impetus we wish to give to public discussion through this idea—must somehow be taken seriously. Much will depend on whether such things can be taken seriously. A kind of drowsiness of the soul still pervades European humanity—indeed, modern civilized humanity as a whole—and even though those who are already active today in the movement for the threefold social order have put one or another of their convictions into practice, they know that the right outcome will only come when a sufficiently large number of people engage with the details of the matter.
[ 49 ] Wir haben ja schon die Möglichkeit gehabt, in der Waldorfschule in Stuttgart eine Freie Schule zu begründen, in der Kinder zwischen dem sechsten, siebenten und dem vierzehnten und fünfzehnten Lebensjahre in einer achtklassigen Volksschule nach den Grundsätzen eines freien Geisteslebens unterrichtet werden, so daß sie aus einem freien Geistesleben heraus in eine soziale Ordnung hineinwachsen. Wir haben das Verschiedenste auf diesem Gebiet versucht, und auch wirtschaftliche Dinge sind in Aussicht genommen, wo wir versuchen wollen, die verschiedensten Zweige des wirtschaftlichen Lebens unter die Gesichtspunkte der Dreigliederung zu stellen, sie zu organisieren, sie zu finanzieren nach diesen Gesichtspunkten; denn es wird vielleicht ganz besonders notwendig sein, um überzeugend zu wirken, daß das Vorbild, daß das Beispiel dastehe. Aber um dieses Beispiel in genügendem Maße zur Wirkung zu bringen, um es überhaupt in die Wirklichkeit hineinzustellen, ist eben vor allen Dingen notwendig, daß eine genügend große Anzahl von Menschen sich an der Diskussion darüber beteiligt, was der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus eigentlich will.
[ 49 ] We have already had the opportunity to establish a Free School at the Waldorf School in Stuttgart, where children between the ages of six, seven, fourteen, and fifteen are taught in an eight-grade elementary school according to the principles of a free spiritual life, so that they grow into a social order from within a free spiritual life. We have tried a wide variety of approaches in this area, and we are also considering economic initiatives in which we intend to view the various branches of economic life through the lens of the threefold social order, to organize them, and to finance them according to these principles; for it may be particularly necessary, in order to have a convincing impact, that the model—that the example—be set. But in order for this example to have a sufficient impact—to bring it into reality at all—it is necessary, above all else, that a sufficiently large number of people participate in the discussion of what the impulse for the threefold social order actually aims to achieve.
[ 50 ] Zu diesem und nichts anderem möchte ich gern ein wenig angeregt haben mit den allerdings ganz skizzenhaften Ausführungen, die ich in dieser kurzen Zeit am heutigen Abend habe geben können.
[ 50 ] I would like to have sparked a little discussion on this topic—and nothing else—with the remarks I was able to offer this evening, albeit in a very sketchy manner, given the limited time available.
[ 51 ] Es folgt eine Diskussion, in welcher verschiedene Fragen und Einwände gegenüber den Ausführungen des Vortrages laut geworden waren.
[ 51 ] This was followed by a discussion in which various questions and objections to the points made in the lecture were raised.
[ 52 ] Schlußwort
[ 52 ] Concluding Remarks
[ 53 ] Eigentlich muß ich gestehen, daß wirkliche Einwendungen nicht vorgebracht worden sind. Ich begreife sehr gut, daß angelehnt an das, was ich heute abend gesagt habe, die verschiedenartigsten Fragen gestellt werden können, und ich glaube, daß es unmöglich ist, in einem einstündigen Vortrag eine solche Frage so erschöpfend zu behandeln, daß nicht Hunderte und Tausende und vielleicht noch mehr Fragen im Anschluß daran gestellt werden können. Ich möchte deshalb auch nur einiges bemerken, das vielleicht statt einer Antwort auf die verschiedenen Fragen, die ja wirklich mehrere Tage dauern müßte, wenigstens einige Andeutungen geben kann. Zunächst mit Bezug auf dasjenige, was der Herr Vorsitzende zuletzt gesagt hat, daß keine klaren Formulierungen vorliegen über das, was die Dreigliederung eigentlich will. Sehen Sie, ich habe versucht, in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage», so gut es geht bei einer solchen Bewegung, die im Grunde genommen erst am Anfang ihres Wirkens ist, einzelne dieser Probleme zu besprechen, wie zum Beispiel das schon dargestellte der Zirkulation der Produktionsmittel, die ich an die Stelle der undurchführbaren Vergesellschaftung der Produktionsmittel zu setzen habe und so weiter. Sie werden in den «Kernpunkten der sozialen Frage» mehr solcher Einzelheiten finden, als vielleicht vermutet wird. Ich muß immer wieder betonen: wie ich versuche, diesen Dreigliederungsimpuls zu fassen, so ist er eigentlich aus dem ganzen, vollen Leben herausgeschöpft, und das ganze, volle Leben hat eigentlich Dimensionen nicht nur nach zwei Richtungen, sondern immer auch Dimensionen nach den Tiefen, und da sind zuweilen die abstrakten Formulierungen nicht so einfach mit Konturen zu umschließen, wie man das vielleicht wünschenswert findet, weil natürlich die einzelnen Probleme erst ausgebaut werden müssen. Das bitte ich doch zu berücksichtigen, daß die Bewegung am Anfang steht und daß ich am Schluß meines heutigen Referates, wenn ich es so nennen darf, eigentlich aufgefordert habe gerade zu einer Diskussion. Ich glaube, daß erst aus einer Diskussion das recht Fruchtbare herauskommen wird.
[ 53 ] Actually, I must admit that no real objections have been raised. I understand very well that, based on what I have said this evening, a wide variety of questions could be asked, and I believe it is impossible to address such a question so exhaustively in a one-hour lecture that hundreds and thousands—and perhaps even more—questions could not be raised in its wake. I would therefore like to make just a few remarks that, rather than providing an answer to the various questions—which would indeed take several days—might at least offer some insights. First, with regard to what the Chair said just now, that there are no clear formulations regarding what the threefold social order actually aims to achieve. You see, in my book *The Key Points of the Social Question*, I have tried, as best I can with a movement that is essentially only at the beginning of its work, to discuss some of these problems—such as the one already outlined regarding the circulation of the means of production, which I must propose as an alternative to the impracticable socialization of the means of production, and so on. You will find more such details in *The Key Points of the Social Question* than might be expected. I must emphasize again and again: just as I try to grasp this impulse toward threefolding, it is actually drawn from the whole, full life, and life in its entirety actually has dimensions not only in two directions but always also dimensions of depth; and there, at times, the abstract formulations cannot be so easily defined as one might find desirable, because, of course, the individual problems must first be elaborated. I would ask you to bear in mind that the movement is just beginning and that, at the end of my presentation today—if I may call it that—I actually called for a discussion. I believe that it is only through discussion that something truly fruitful will emerge.
[ 54 ] Nun möchte ich doch auf einzelne Fragen wenigstens andeutend eingehen. Ein wesentliches Mißverständnis zwischen Herrn Dr. S. und mir wird gerade dadurch heraufgekommen sein, daß ich ja gar nicht spreche, wie der Herr Doktor das aufgefaßt hat, von drei Parlamenten. Ich sehe gerade das Wesentliche dieser Dreigliederung nicht darin, daß man etwa heute das Einheitsparlament in drei Parlamente teile, sondern daß man ein Parlament im heutigen Sinn nur hat für dasjenige, was demokratisch verwaltet respektive orientiert werden kann, daß aber die beiden anderen Gebiete eben nicht parlamentarisch verwaltet werden, sondern verwaltet werden aus dem, was sich aus ihnen selbst heraus ergibt. Es ist mir sehr schwer, in abstrakten Begriffen diese konkreten Dinge zu besprechen. Ich möchte daher die Antwort gewissermaßen aufbauen.
[ 54 ] Now I would like to address certain questions, at least briefly. A fundamental misunderstanding between Dr. S. and me must have arisen precisely because I am not, as the doctor has interpreted it, speaking of three parliaments. I do not see the essence of this threefold division as lying in, for example, dividing today’s unified parliament into three parliaments, but rather in the fact that a parliament in the modern sense exists only for that which can be democratically administered or guided, whereas the other two spheres are not administered through a parliamentary system but are governed by what arises from within them. I find it very difficult to discuss these concrete matters in abstract terms. I would therefore like to structure my answer, so to speak.
[ 55 ] Ich habe gerade bei dem Einrichten der Waldorfschule mich wiederum eingehend befassen müssen mit all dem, was sich, ich möchte sagen, einem wie ein Querschnitt ergibt: das Ergebnis staatlicher Verwaltung für das Schulwesen. Nicht wahr, ich hatte von zwei Seiten her die Waldorfschule zu konstituieren. Das eine war, dasjenige zugrunde zu legen, was ich glaubte, aus den bloßen Anforderungen des geistigen Lebens selbst als Impuls der Waldorfschule zu geben Auf der anderen Seite durfte ich selbstverständlich nicht in die Luft bauen. Das heißt, ich mußte eine Schule schaffen, bei der es möglich ist, daß die Schüler, die abgehen, zum Beispiel mit dem vierzehnten Jahr oder auch meinetwillen dazwischen abgehen, sich wiederum anschließen können an das andere Schulleben. Da mußte ich selbstverständlich mich mit den Lehrplänen auseinandersetzen. Nun, nicht wahr, da stieß ich zunächst — ich bitte, zu verzeihen, daß ich auf ganz Konkretes eingehen muß, aber ich glaube mich so am besten zu verständigen -, da stieß ich auf die Lehrpläne. Die Lehrpläne sind staatlich festgesetzte Umschreibungen des Lehrstoffes, des Lehrzieles und so weiter. Etwas anderes ist es, wenn man als pädagogischer und didaktischer Künstler rein aus der Wesenheit des Menschen studieren kann, wie vom siebenten zum vierzehnten Jahre das abläuft, was an den Menschen da herangebracht werden soll. Ich stehe auf dem Standpunkt der Überzeugung, daß durchaus von dem sich entwickelnden Menschen für jedes Jahr die Lehrziele abgelesen werden können.
[ 55 ] It was precisely while establishing the Waldorf School that I once again had to deal in depth with everything that, I would say, presents itself as a cross-section: the result of state administration of the school system. After all, I had to establish the Waldorf School from two perspectives. On the one hand, I had to base it on what I believed could be derived from the very demands of spiritual life itself as the impetus for the Waldorf School. On the other hand, I certainly could not build on thin air. That is to say, I had to create a school where it would be possible for students who leave—for example, at the age of fourteen or, for that matter, at any point in between—to rejoin the mainstream school system. Naturally, this meant I had to grapple with the curricula. Well, you see, at first I came across—please forgive me for having to go into very specific details, but I believe this is the best way to make myself understood—I came across the curricula. The curricula are state-mandated descriptions of the subject matter, the educational objectives, and so on. It is quite another matter when, as an educational and didactic artist, one can study—purely from the nature of the human being—how, from the age of seven to fourteen, the process unfolds of what is to be imparted to the child. I am convinced that the educational goals for each year can indeed be derived from the developing human being.
[ 56 ] Nun möchte ich, daß derjenige die Lehrziele festsetzt, der im lebendigen Unterricht drinnensteht, und nicht derjenige, der herausgerissen wird und Staatsbeamter wird, der also übergeht von dem lebendigen Lehren zur Demokratie. Ich möchte also, daß das, was das geistige Leben umfaßt, von denen verwaltet wird, die noch drinnenstehen, die dieses geistige Leben aufbauen. Also es kommt darauf an, daß die ganze Struktur der Verwaltung aufgebaut ist auf dem Gefüge eines Geisteslebens selbst. Nicht wahr, ich mußte zum Beispiel heute noch die Einteilung treffen, daß die Kinder, wenn sie drei Klassen absolviert haben, sich wiederum anschließen können — um dazwischen Freiheit zu haben —, nach weiteren drei Jahren, mit dem zwölften Jahre, wiederum sich anschließen können. Also ich mußte einem Äußeren gerecht werden.
[ 56 ] Now I would like the person who is actively involved in teaching to set the educational goals, and not the person who is pulled out of that context to become a government official—someone who thus transitions from active teaching to democracy. So I would like what constitutes spiritual life to be managed by those who are still immersed in it, who are building this spiritual life. It is therefore essential that the entire structure of administration be built upon the fabric of spiritual life itself. Isn’t that right? For example, today I still had to make the decision that children, once they have completed three grades, can rejoin the program—in order to have freedom in between—and after another three years, in their twelfth year, can rejoin again. So I had to do justice to an external reality.
[ 57 ] Das ist das Wesen der Dreigliederung. Sie steht überall auf einem realen Boden, muß auch aus einem realen Boden heraus arbeiten. Aber wenn man einen realen Boden hat, hat man nicht irgend etwas Unbestimmtes. Das Geistesleben ist doch da, es hat doch eine Verwaltung, einfach dadurch, daß der eine in der Position, der andere in einer anderen Position steht. Ich möchte nun in dieser Loslösung des Geisteskörpers vom Staatskörper einfach, daß die Verwaltung sich hierarchisch gestalte, und ich glaube — selbstverständlich ist das natürlich etwas, was jetzt nicht so schnell ausgeführt werden kann -, daß die hierarchische Verwaltung alle Unvollkommenheiten haben wird. Ich weiß, was ganz besonders von Dozenten eingewendet wird, aber vielleicht sind sogar zu solchen Übergängen manchmal größere Unvollkommenheiten notwendig, damit man auf etwas Vollkommenes kommt, aber worum es sich handelt, das ist, daß sich nach und nach nur aus den rein pädagogischen und didaktischen Bedingungen und weiteren Bedingungen des Geisteslebens eine rein didaktische Körperschaft des Geisteslebens bildet, die so verwaltet, wie es im Sachlichen begründet ist, nur etwas abstrakt anklingend an die Klopstocksche «Gelehrtenrepublik», und daß so etwas auf dem Gebiet des Geisteslebens tatsächlich möglich ist, wenn man nur den guten Willen hat, es zu begründen.
[ 57 ] That is the essence of the threefold social order. It is grounded in reality everywhere and must also operate from that reality. But when one has a foundation in reality, one does not have something vague and undefined. Spiritual life does exist, after all; it does have an administration, simply because one person is in one position and another is in a different position. In this separation of the spiritual body from the state body, I would simply like the administration to take on a hierarchical form, and I believe—though of course this is something that cannot be implemented so quickly—that the hierarchical administration will have all its imperfections. I know what lecturers in particular object to, but perhaps even such transitions sometimes require greater imperfections in order to arrive at something perfect; but what is at stake is that, little by little, based solely on purely pedagogical and didactic conditions and other conditions of intellectual life, a purely didactic body of intellectual life will form, one that is administered in a manner grounded in objective reality—sounding, if only somewhat abstractly, like Klopstock’s “Republic of Scholars,” and that something like this is indeed possible in the realm of intellectual life, provided one has the good will to establish it.
[ 58 ] Ich denke mir, daß dann sehr deutlich hervortreten wird — lassen Sie mich etwas Konkretes erwähnen, ein Beispiel herausgreifen -, daß die Pädagogik, hochschulmäßig betrieben, zu den schlechtesten Disziplinen bis jetzt gehört hat, wenigstens in ganz Mitteleuropa. In der Regel ist sie irgendeinem Pädagogen aufgehalst worden, der sie im Nebenfach betrieben hat. In einer solchen Gelehrtenrepublik kann derjenige, der sich tüchtig erweist, drei Jahre abgerufen werden, kann Pädagogik lehren, dann wiederum zurückkehren in das Lehrfach.
[ 58 ] I imagine that it will then become very clear—let me mention something specific, pick out an example—that pedagogy, as practiced in higher education, has been one of the worst disciplines to date, at least throughout Central Europe. As a rule, it has been foisted upon some educator who has pursued it as a minor. In such an academic republic, someone who proves themselves capable can be called upon for three years to teach pedagogy and then return to their primary field of instruction.
[ 59 ] Was aber die äußere Konstitution betrifft, muß ich sagen, es ging im kleinen bis jetzt vorzüglich bei unserer Lehrerschaft der Waldorfschule in Stuttgart. Da ist gleich eingangs die Frage aufgetaucht: Wer wird der Direktor sein? — Selbstverständlich niemand; wir haben einfach gleichberechtigte Lehrer durch alle Klassen, und einer aus dieser Lehrerschaft, der etwas weniger Stunden hat als die anderen, der besorgt die Verwaltungsdinge. Dabei sieht man schon jetzt, daß die tüchtigen Lehrer auch eine gewisse Autorität über die anderen haben, eine naturgemäße Autorität, und ein gewisses hierarchisches System bildet sich heraus. Das braucht aber gar keine Beantwortung der Frage zu sein, wie der Herr Oberrichter L. gemeint hat: Wer befiehlt? — sondern das macht sich von selber. Ich werde mich natürlich hüten, Namen zu nennen; aber es bildet sich dies heraus. Also auf dem Gebiet des Geisteslebens....
[ 59 ] As for the external structure, however, I must say that, on a small scale, things have gone exceptionally well so far among our teaching staff at the Waldorf School in Stuttgart. Right from the start, the question arose: Who will be the principal? — Of course, no one; we simply have teachers with equal status across all grades, and one member of this teaching staff—who has slightly fewer teaching hours than the others—takes care of administrative matters. Even now, it is already apparent that the capable teachers also have a certain authority over the others—a natural authority—and a certain hierarchical system is emerging. But this need not be an answer to the question, as Chief Judge L. meant it: “Who gives the orders?”—rather, it happens of its own accord. I will, of course, refrain from naming names; but this is how it develops. So, in the realm of intellectual life....
[ 60 ] Wie fragen Sie die Eltern über den Lehrstand? Das ist doch Diktatur!
[ 60 ] How can you ask parents about the state of education? That's a dictatorship!
[ 61 ] Fachlich-sachlich! Gewiß, nennen Sie es meinetwillen Diktatur, auf den Namen kommt es mir da nicht an. Insofern ist es eine Diktatur, als nicht der einzelne entscheidet. Da Sie Wissenschafter sind, werden Sie es leicht verstehen, wenn ich sage: über die Richtigkeit des pythagoräischen Lehrsatzes schadet es nicht, wenn eine «Diktatur» entscheidet, weil eine gewisse Notwendigkeit in der Sache liegt.
[ 61 ] Objective and factual! Certainly, call it a dictatorship if you like—the name doesn’t matter to me. Insofar as the individual does not make the decision, it is a dictatorship. Since you are a scientist, you will easily understand when I say: it does no harm for a “dictatorship” to decide on the correctness of the Pythagorean theorem, because there is a certain necessity inherent in the matter.
[ 62 ] Und der Religionsunterricht?
[ 62 ] And what about religious education?
[ 63 ] Da handelt es sich darum, daß manche theoretischen Fragen nunmehr übergehen in didaktische Fragen. Beim Religionsunterricht, wie er geordnet ist in der Waldorfschule, wobei ich nicht sagen will, daß er immer so geordnet wird, weil vielleicht auch da eine Entwickelung stattfindet, handelt es sich darum, daß es zunächst meinetwillen opportun oder so etwas ist, daß zum Beispiel dasjenige, was ich geben konnte als einen pädagogischen und didaktischen Unterrichtskurs, sich nur in der Methodik äußert, nicht in der Weltanschauung, sondern in der Handhabung des Unterrichts. Die Waldorfschule soll nach keiner Richtung hin eine Weltanschauungsschule sein. Das ist nur dadurch zu erreichen gewesen, daß meine Einrichtungen sich alle auf das Pädagogisch-Didaktische bezogen und aus dem heraus arbeiten. Die Kinder, die von katholischen Eltern kommen, haben ihren katholischen Religionsunterricht, die Kinder, die von evangelischen Eltern kommen, haben ihren evangelischen Religionsunterricht von dem jeweiligen katholischen und evangelischen Pfarrer. Nun, da gab es sich, daß eine große Anzahl Proletarierkinder und auch Anthroposophenkinder da waren und daß auch verlangt wurde ein freier Religionsunterricht. Und die Kinder, deren Eltern einen freien Religionsunterricht verlangen, die bekommen von uns ihren freien, aus unseren Überzeugungen hervorgehenden Religionsunterricht. Also in dieser Frage entscheidet eine Gefühlswahrheit, verbunden mit gewissen sozialen Triebkräften.
[ 63 ] The point here is that certain theoretical questions now give way to didactic ones. In religious education, as it is organized in the Waldorf school—though I do not mean to say that it is always organized this way, since developments may be taking place there as well— the point is that, for my part at least, it is appropriate—or something along those lines—that, for example, what I was able to offer as a pedagogical and didactic teaching course is expressed solely in the methodology—not in the worldview, but in the conduct of the lessons. The Waldorf School is not intended to be a school based on any particular worldview. This has only been achievable because all of my institutions are grounded in pedagogy and didactics and operate from that foundation. Children from Catholic families receive Catholic religious instruction, and children from Protestant families receive Protestant religious instruction from their respective Catholic and Protestant pastors. Now, it so happened that there were a large number of children from working-class families as well as children of anthroposophists, and that there was also a demand for non-denominational religious instruction. And the children whose parents request non-denominational religious instruction receive from us their non-denominational religious instruction, which is based on our convictions. So in this matter, an emotional truth, combined with certain social driving forces, is the deciding factor.
[ 64 ] Die Dinge nehmen sich natürlich im Werden anders aus als nach einiger Zeit. Aber gerade an der Praxis zeigt es sich, daß man vorwärtskommen kann, wenn man für die geistigen Angelegenheiten kein Parlament will. Deshalb kann ich auch nicht mit den «drei Parlamenten» mitgehen, kann auch nicht die Frage beantworten, «wenn der Kerenski drei Parlamente gehabt hätte. . .»; das ist es eben, daß er in seinem einen die Agrarfrage hätte lösen sollen und gescheitert ist daran. Ich sehe zum Beispiel keinen Kausalnexus zwischen Dreigliederung und dem, was vorher war, ich wollte nur darauf aufmerksam machen, daß dasjenige, was vorher war, scheiterte an den drei Lebensgebieten, die ich nicht als zwei oder vier oder noch mehr nehmen kann, weil es nur drei sind.
[ 64 ] Of course, things look different while they are still developing than they do after some time has passed. But it is precisely in practice that it becomes evident that one can make progress if one does not want a parliament for spiritual matters. That is why I cannot go along with the “three parliaments,” nor can I answer the question, “If Kerensky had had three parliaments. . .”; the point is precisely that he should have resolved the agrarian question in his one parliament and failed to do so. For example, I see no causal connection between the threefold social order and what came before; I merely wanted to point out that what came before failed because of the three spheres of life, which I cannot regard as two or four or even more, because there are only three.
[ 65 ] Dr. S.: Den Einwand habe ich auch nicht im Ernst erwogen.
[ 65 ] Dr. S.: I didn't take that objection seriously either.
[ 66 ] Dr. Steiner: Das habe ich auch nicht anders aufgefaßt! Ich frage mich nun, nachdem der Staat gescheitert ist an der Einrichtung der drei Parlamente, die er bildete, wie man durch einen neuen Anfang weiterkommen kann, nicht durch einen Kausalnexus, wobei aber allerdings dasjenige bestehen bleiben muß, was Gutes ist. Sie sehen, die Elemente der Beantwortung Ihrer Fragen liegen in dem, was Sie sagten. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet wünsche ich kein Parlament; um Gottes willen keine Demokratie auf wirtschaftlichem Gebiet! Aber eine nun nicht hierarchisch, sondern aus der Sache selbst hervorgehende Ordnung.
[ 66 ] Dr. Steiner: That’s exactly how I understood it, too! Now that the state has failed to establish the three parliaments it set out to create, I wonder how we can move forward by making a fresh start—not through a causal link—though, of course, whatever is good must remain. You see, the elements of the answer to your questions lie in what you said. Even in the economic sphere, I do not want a parliament; for heaven’s sake, no democracy in the economic sphere! But an order that arises not from a hierarchy, but from the matter itself.
[ 67 ] Nun stehen durchaus nicht einfach nebeneinandergeordnet diese Gebiete, sondern wenn Sie meine «Kernpunkte» nachlesen, so werden Sie finden, daß die Zirkulation der Produktionsmittel im wesentlichen mitbestimmt wird gerade durch das, was im Geistigen bestimmt wird, so daß also das Geistige direkt herüberwirkt in das Wirtschaftliche. Und so wird vieles im wirtschaftlichen Leben i in bezug auf die Stellung, die einer hat, bestimmt aus der Organisation herüber. Ich will also sagen, in der geistigen Organisation wird es sich ja auch handeln um die Feststellung, ob ein Mensch zu dem oder jenem fähig ist und dafür ausgebildet wird; davon hängt es ab, in welche wirtschaftliche Position er hineingestellt werden kann. Das muß natürlich nun gemeinschaftlich geschehen zwischen dem Wirtschaftlichen und dem Geistigen. Dadurch, daß er zu diesem oder jenem befähigt ist, wird er schon einem anderen übergeordnet sein, der in einer anderen Position drinnensteht. Daraus entwickelt sich nichts Hierarchisches, aber in einem gewissen Sinne auch nichts Bürokratisches. Jedes bürokratische Parlament für das Wirtschaftswesen führt nur zur Auflösung des Wirtschaftswesens. So daß also das Wesentliche bei mir liegt in der Art und Weise, wie die drei Glieder organisiert sind, und man kann nicht sagen: jeder wird in drei Parlamenten drinnenstehen; es ist nur ein Parlament, in dem jeder drinnenstehen kann, aber nur auf der Urteilsfähigkeit eines jeden mündig gewordenen Menschen beruhend. Also sagen wir, um das wichtigste Gebiet herauszuheben: alle Rechtsfragen. Die Rechtsfragen sind tatsächlich so, daß sie zum mindesten im Interesse jedes mündig gewordenen Menschen liegen, und ich möchte sagen, selbstverständlich, jeder mündig gewordene Mensch ist ja auch nicht idealiter gleich fähig mit jedem anderen mündig gewordenen Menschen. Dafür aber ergibt ein gewisses arithmetisches Mittel doch das Entsprechende in bezug auf die Rechtsfragen. Da müßte man jetzt auf die Theorie der Rechtsbegründung überhaupt zu sprechen kommen. Das Recht beruht eigentlich nicht auf dem Urteil, sondern auf der Empfindung, auf den Gewohnheiten, die aus dem Wechselspiel der zusammenwohnenden Menschen entstehen. Darüber läßt sich urteilen, wenn zusammengehörige Menschen darüber urteilen. Ich glaube nicht, Herr Doktor $., daß der einzelne Mensch deshalb das richtige Recht zu finden braucht, aber zusammen werden sie es finden. Das macht die Demokratie. Ich sehe viel Wichtigeres im Wechselspiel als im einzelnen. Also ich möchte die mündig gewordenen Menschen im demokratischen Parlament haben und sie da beschließen lassen hauptsächlich über Rechtssachen, aber mit Recht auch über Wohlfahrtseinrichtungen, weil da auch jeder mündig gewordene Mensch entscheiden kann; selbstverständlich in vielen Dingen nicht über das
[ 67 ] Now, these spheres are by no means simply juxtaposed; rather, if you read my “Key Points,” you will find that the circulation of the means of production is essentially shaped precisely by what is determined in the spiritual realm, so that the spiritual realm thus has a direct influence on the economic sphere. And so much in economic life—in terms of the position one holds—is determined by the organization. What I mean to say, then, is that in the spiritual organization, the question will also be whether a person is capable of this or that and is being trained for it; this determines the economic position to which he or she can be assigned. Of course, this must now take place collaboratively between the economic and the spiritual spheres. By virtue of being capable of this or that, a person will already be superior to another who holds a different position. This does not give rise to anything hierarchical, nor, in a certain sense, to anything bureaucratic. Any bureaucratic parliament for economic affairs leads only to the dissolution of the economic system. So for me, the essential point lies in the way the three members are organized, and one cannot say: everyone will be part of three parliaments; there is only one parliament in which everyone can participate, but only based on the judgment of every person who has attained legal age. So let us say, to highlight the most important area: all legal matters. Legal matters are, in fact, such that they are at the very least in the interest of every person who has attained legal capacity, and I would like to say—of course—that not every person who has attained legal capacity is, ideally, equally capable as every other person who has attained legal capacity. However, a certain arithmetic mean does yield the appropriate result with regard to legal matters. This brings us to the theory of the justification of law in general. Law is not actually based on judgment, but on sentiment, on the customs that arise from the interaction of people living together. This can be judged when people who belong together pass judgment on it. I do not believe, Dr. $., that the individual therefore needs to find the correct law, but together they will find it. That is what democracy does. I see much greater significance in this interplay than in the individual. So I would like to see mature citizens in a democratic parliament, allowing them to make decisions there—primarily on legal matters, but rightly also on welfare institutions, because every mature citizen can decide on those as well; of course, in many matters not regarding the
[ 68 ] Sachliche und Fachliche.
[ 68 ] Factual and Technical.
[ 69 ] Nun, der Achtstundentag, der ist etwas, was überhaupt für die Dreigliederung des sozialen Organismus ernsthaftig doch nicht in Frage kommen kann, denn was heißt eigentlich Achtstundentag? Ich muß gestehen, ich renommiere nicht, aber den größten Teil des Jahres arbeite ich viel mehr als acht Stunden und finde es durchaus nicht irgendwie übertrieben, und ich glaube nicht, daß es möglich ist, ohne eine Untergrabung unseres wirklichen sozialen Lebens einen solchen Achtstundentag festzulegen. In meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» finden Sie deshalb ausgeführt, daß alles das, was sich auf die Zeit der Arbeit bezieht, innerhalb des demokratischen Staatswesens festgesetzt wird, und .auf Grundlage dessen kommen dann die Verträge zustande über die Verteilung der Erträgnisse, nicht Arbeitsverträge, sondern Verträge über die Verteilung des Ergebnisses zwischen dem, was ich Arbeitsleiter nenne, und zwischen dem, was ich eben Arbeiter nennen muß.
[ 69 ] Well, the eight-hour workday is something that simply cannot be seriously considered at all in the context of the threefold social order, for what does an eight-hour workday actually mean? I must admit, I’m not one to boast, but for most of the year I work far more than eight hours and don’t find it at all excessive, and I don’t believe it’s possible to establish such an eight-hour workday without undermining our actual social life. In my *Key Points of the Social Question*, you will therefore find it explained that everything relating to working hours is determined within the framework of a democratic state, and on that basis, agreements are then reached regarding the distribution of earnings—not employment contracts, but agreements on the distribution of the proceeds between what I call “work supervisors” and what I must simply call “workers.”
[ 70 ] Also das im Rechtsparlament?
[ 70 ] So, the one in the Legislative Assembly?
[ 71 ] Im Rechtsparlament wird die Zeit und die Art der Arbeit bestimmt. Da ist der Handarbeiter ganz gleich mit dem geistigen Arbeiter, denn der geistige Arbeiter kann nicht seine Interessen geltend machen. Man kann sich gegenseitig verständigen mit gutem Willen, aber man kann nicht irgendwelche Anforderungen stellen, die sich auf das Wirtschaftsleben selbst beziehen, nicht Export und Import nach parlamentarischen Gesetzen regeln, sondern das muß studiert werden aus den wirtschaftlichen Bedingungen heraus, aus sachlich-fachlichen Vorkenntnissen heraus. Dadurch, daß ich zwanzig Jahre in einem Betrieb stehe, habe ich auch einen anderen moralischen Kredit bei meinen Mitmenschen, als wenn ich nur ein Jahr drinnenstehe. Im demokratischen Leben kommt es nicht in Betracht, ob ich ein frecher junger Dachs mit einundzwanzig Jahren bin, um über irgend etwas zu urteilen. Im Wirtschaftsleben kommt es einfach darauf an, daß die Lebenserfahrung in Rechnung gezogen wird. Das ist einfach notwendig zum Heil der Menschheit.
[ 71 ] The legislative body determines the hours and nature of work. In this regard, manual laborers are on equal footing with intellectual workers, because intellectual workers cannot assert their interests. People can communicate with one another in good faith, but they cannot make arbitrary demands that pertain to economic life itself; they cannot regulate exports and imports according to parliamentary laws—rather, this must be studied based on economic conditions and on factual, technical expertise. The fact that I have been with a company for twenty years gives me a different moral standing among my fellow human beings than if I had only been there for a year. In democratic life, it is irrelevant whether I am a brash young upstart at twenty-one when it comes to judging anything. In economic life, it simply comes down to taking life experience into account. This is simply necessary for the good of humanity.
[ 72 ] Ich habe absichtlich die Frage des Achtstundentages gestellt. Wenn man nun einen Vierstundentag hätte, was kann der Leiter machen? Mir liegt an dem Achtstundentag gar nichts. Ich arbeite auch mehr. Ich meine die Regelung der Arbeitszeit.
[ 72 ] I deliberately raised the issue of the eight-hour workday. If we had a four-hour workday, what could the manager do? I don’t care at all about the eight-hour workday. I work more than that, too. I’m referring to the regulation of working hours.
[ 73 ] Gut. Die Sache ist diese: Wenn das demokratische Parlament einen Vierstundentag beschließt, so wird dieser Vierstundentag innerhalb des Wirtschaftslebens entweder ausreichen, um das Wirtschaftsleben zu führen, oder er wird nicht ausreichen. Nicht wahr, dann wird es sich darum handeln, daß jeder wiederum aus seiner mündig gewordenen Vernunft einsieht - die Änderung ist nämlich auch notwendig auf demokratischem Weg durchzuführen -, daß auf demokratischem Weg wiederum die Änderung zustande komme, nicht auf einem anderen Weg, nicht dadurch, daß der wirtschaftlich Mächtigere etwa einen Druck ausüben kann. Also das, was besteht als Rechtsverhältnisse des Wirtschaftslebens, gehört hinein in das demokratische Parlament. Was aber die wirtschaftliche Frage ist — nicht wahr, was ist nicht eine wirtschaftliche Frage? Man kann sagen: Kann man denn das geistige Leben überhaupt trennen von dem wirtschaftlichen Leben? — Hier hat man mit Recht die Geldfrage eingewendet: es kostet etwas. Nun, darum sehe ich im Wirtschaftsleben Assoziationen entstehen aus den einzelnen Zweigen des Wirtschaftslebens, die sich verweben, von verwandten und nichtverwandten Zweigen, Produktion, Konsumtion und so weiter. Dies im einzelnen zu schildern, würde zu weit führen.
[ 73 ] All right. The point is this: If the democratic parliament passes a law establishing a four-hour workday, then within the economic system, this four-hour workday will either be sufficient to sustain economic activity, or it will not be sufficient. Isn’t that right? Then it will be a matter of everyone, drawing on their matured reason—for the change must also be carried out through democratic means—recognizing that the change must come about through democratic means, not by any other means, not by the economically powerful exerting pressure, for example. So what exists as legal relationships within economic life belongs in the democratic parliament. But what is the economic question—after all, what is not an economic question? One might ask: Can intellectual life even be separated from economic life at all?—Here, the monetary issue has rightly been raised: it costs something. Well, that is why I see associations emerging in economic life from the individual branches of economic activity—branches that intertwine, whether related or unrelated—such as production, consumption, and so on. To describe this in detail would take us too far afield.
[ 74 ] Worauf es ankommt, ist das: die verschiedenen Angehörigen des Geisteslebens, die sind in ihrer Verwaltung des Geisteslebens das, was ich geschildert habe für das Geistesleben; als Teilnehmer am Wirtschaftsleben bilden sie wirtschaftliche Konsumenten und sind Glieder, Assoziationen, die zum Wirtschaftskörper gehören. Was ich trenne, ist das Leben; es ist nicht eine abstrakte Trennung in drei Körperschaften, sondern es ist das Leben, das gegliedert wird. Nicht wahr, das geistige Leben wird tatsächlich hierarchisch verwaltet, aber das wirtschaftliche Leben all der geistig Wirkenden, das steht im Wirtschaftsleben der Assoziationen drinnen. Also in ihrem Wirtschaften sind Lehrer und so weiter auch durchaus Wirtschaftskörper, Wirtschaftsorganisationen. Und so-wirken die Verschiedenen tatsächlich durcheinander. Und das läßt sich ja wirklich nur im einzelnen verfolgen; wie schließlich, wenn man Chemie darstellen will, in einer Stunde auch nicht alles vorgebracht werden kann, sondern man muß eben auf das verweisen, was dann im einzelnen durchzuführen ist.
[ 74 ] What matters is this: the various members of spiritual life—in their administration of spiritual life—are exactly what I have described as spiritual life; as participants in economic life, they are economic consumers and are members and associations that belong to the economic body. What I am distinguishing is life itself; it is not an abstract division into three bodies, but rather life itself that is structured. Isn’t it true that spiritual life is indeed administered hierarchically, but the economic life of all those engaged in spiritual work is embedded within the economic life of the associations? So in their economic activities, teachers and so on are also very much economic entities, economic organizations. And so the various groups do indeed interact with one another. And this can really only be traced in detail; just as, after all, when one wants to explain chemistry, not everything can be covered in a single hour, but one must simply refer to what then needs to be carried out in detail.
[ 75 ] Daß aber, um eine Frage des Herrn Oberrichters L. zu beantworten, leichter gewisse Fragen dem einfach mündig gewordenen Menschen zu behandeln und zu beantworten sind als sachliche Fragen, ich meine, das ist doch schließlich auf der Hand liegend. Gewisse Sozialisten — sie sind wirklich nicht mehr dutzend-, sondern schockweise aufgetreten in der Zeit, nicht wahr, als man plötzlich in Deutschland drüben sich wieder regen durfte -—, gewisse Sozialisten haben sich vorgestellt, wie man die einzelnen Zweige organisieren kann und so weiter, indem sie das, was sie als politische Agitatoren gelernt haben, daraufgestülpt haben auf das Wirtschaftsleben. Das ist ja das große Unglück in der heutigen politischen Diskussion, daß eigentlich die Leute eine gewisse Schulung nur erlangt haben bei dem rein politischen Kampf, bei den Wahlen und so weiter, aber nun nicht eingehen können auf das Wirtschaftsleben.
[ 75 ] But to answer a question posed by Chief Judge L.: it is easier for someone who has just come of age to address and answer certain questions than to deal with factual ones—I mean, that is, after all, obvious. Certain socialists—they really didn’t appear by the dozen anymore, but in waves during that time, didn’t they, when people were suddenly allowed to be active again over in Germany—certain socialists had a mental image of how to organize the various sectors and so on by imposing what they had learned as political agitators onto economic life. That is, after all, the great misfortune in today’s political discussion: that people have actually acquired a certain training only in the realm of purely political struggle—in elections and so on—but are now unable to engage with economic life.
[ 76 ] Im Grunde genommen haben sozialistische Agitatoren zumeist keinen Dunst vom Wirtschaftsleben und für die Bedingungen des Wirtschaftslebens erst recht nicht. Und so sind die verschiedensten Utopien aufgestellt worden, wie man nun das oder jenes gliedern kann. Ich will zum Beispiel erwähnen, wie Industriezweige, die auf einem feinen, minuziösen Ineinandergreifen von ganz Verschiedenem beruhen, mit ihrem Export zurechtkommen sollen, wenn sie nach einer Möllendorffschen Planwirtschaft oder dergleichen organisiert werden sollen. Es kommt darauf an, gewisse Dinge, die nur aus einem Wirtschaftsorganismus heraus verwaltet werden können, nicht regierungsmäßig, sondern aus sich selbst heraus zu verwalten.
[ 76 ] Basically, socialist agitators usually don’t have the slightest clue about economic life, let alone the conditions of economic life. And so a wide variety of utopian ideas have been put forward about how this or that could be organized. I would like to mention, for example, how industrial sectors—which are based on a delicate, meticulous interplay of very different elements—are supposed to manage their exports if they are to be organized according to a Möllendorff-style planned economy or something similar. It is essential that certain matters—which can only be managed from within an economic organism—be managed not by the government, but from within the system itself.
[ 77 ] Charakteristisch ist es zum Beispiel, wenn gesagt wird: Man kann heute die Schule nicht herausnehmen aus dem Staate, man läßt sich das nicht gefallen, und in einem sozialistischen Staat ist es nicht notwendig. — Wer die Verhältnisse, die in der Menschheit wirklich sind, nicht die, die in den Köpfen der politischen Agitatoren spuken, kennt, der muß sich sagen: im sozialistischen Staate wäre es erst recht notwendig! Da wäre vor allen Dingen zum Heile der Menschen erst recht notwendig, mindestens die Schule aus dem herauszunehmen, was da im sozialistischen Staat, wie er marxistisch vorgestellt wird, mit der Menschheit beabsichtigt wird.
[ 77 ] It is characteristic, for example, when people say: “Today, you cannot separate schools from the state; people won’t put up with it, and in a socialist state it is not necessary.” — Anyone who is familiar with the conditions that actually exist among humanity—not those that haunt the minds of political agitators—must conclude: in a socialist state, it would be all the more necessary! There, above all else and for the sake of humanity, it would be all the more necessary to at least remove the school from what is intended for humanity in the socialist state, as depicted in a Marxist mental image.
[ 78 ] Also ich glaube, wenn der gute Wille vorhanden ist, gerade auf das einzelne einzugehen — mir ist der Einwand von den drei Parlamenten schon wiederholt gemacht worden -, ich will gerade sachlich die Dreigliederung haben, nicht etwa, um bloß drei Gruppen von Menschen zu haben, drei Häuser nebeneinander; es werden wirklich nicht drei Häuser sein. Wenn ich richtig verstanden werde, so wird man wahrscheinlich finden, daß man sich schon begegnen kann in den konkreten Lösungen, die ich für einzelne Fragen schon gegeben habe, für andere, wenn ich noch einige Zeit zu leben habe, noch geben werde - lieber wäre es mir, wenn sie andere geben werden -, ich glaube, man wird schon durchaus zurechtkommen.
[ 78 ] Well, I believe that if there is a willingness to address each specific point—the objection regarding the three parliaments has already been raised with me repeatedly—I want the threefold structure to be based purely on practical considerations, not simply to have three groups of people or three houses side by side; there really will not be three houses. If I am understood correctly, people will probably find that we can already meet in the concrete solutions I have already provided for individual questions—and for others, if I have some time left to live, I will provide—though I would prefer it if others were to provide them—I believe we will certainly be able to get along just fine.
[ 79 ] Ich möchte hier wiederum betonen: nicht um ein Alleswissen kann es sich handeln, sondern es handelt sich darum, daß versucht worden ist, einmal ohne Utopie das festzustellen, was bis ins einzelne geschehen soll, auszugehen davon, daß die drei Lebensgebiete ganz verschiedene Lebensbedingungen haben, und daß dann, wenn die Menschen so zusammenwirken von den drei Lebensgebieten, qualitativ verschieden zusammenwirken, also nicht bloß parlamentarisch quantitativ, sondern qualitativ, daß dann erst die konkreten Feststellungen sich in der richtigen Weise ergeben werden.
[ 79 ] I would like to emphasize once again: this is not a matter of claiming to know everything, but rather of attempting—without resorting to utopian ideals—to determine what should happen down to the smallest detail, starting from the premise that the three spheres of life have very different living conditions, and that only when people from these three spheres of life interact—in a qualitatively different way, that is, not merely in a quantitative, parliamentary sense, but qualitatively—will concrete conclusions emerge in the proper manner.
[ 80 ] Geradeso muß ich sagen: für mich steht diese Dreigliederung des sozialen Organismus so fest, daß ich dieses Feststehen vergleichen möchte ungefähr, also natürlich cum grano salis, mit dem Feststehen des pythagoräischen Lehrsatzes. Man kann ihn auch nicht überall, in allen Fällen beweisen, aber man kann beweisen, daß man ihn brauchen kann. Die Dreigliederung braucht durchaus nicht abstrahiert zu sein von allem einzelnen, aber sie ist in allen Einzelheiten anwendbar, in diesem Falle praktisch anwendbar, indem in dem dreigliedrigen Organismus eben das Staatsleben, Wirtschaftsleben und Geistesleben so organisiert wird — es wird eine Praxis erreicht werden.
[ 80 ] I must say this as well: for me, this threefold structure of the social organism is so certain that I would like to compare this certainty—roughly speaking, and of course cum grano salis—to the certainty of the Pythagorean theorem. It cannot be proven everywhere or in every case, but it can be proven that it is useful. The threefold social order need not be abstracted from all particular cases, but it is applicable in every detail—in this case, practically applicable—in that within the threefold social order, political life, economic life, and spiritual life are organized in this way; a practical implementation will be achieved.
[ 81 ] Die ja natürlich sehr weitgehenden Fragen des Herrn Oberrichters L. zu beantworten, würde, glaube ich, heute abend zu lange dauern; aber es ist vielleicht doch ersichtlich, daß es sich hier überall darum handelt, von der konkreten Gestaltung der Wirklichkeit auszugehen, und daß es daher mit abstrakten Antworten außerordentlich schwierig ist, weil man eben in der vollen Wirklichkeit drinnenbleiben will.
[ 81 ] Answering the questions posed by Chief Judge L.—which are, of course, very far-reaching—would, I believe, take too long this evening; but it is perhaps nevertheless evident that the point here is to proceed from the concrete structure of reality, and that it is therefore extremely difficult to provide abstract answers, precisely because one wishes to remain within the full reality.
[ 82 ] Ich möchte nur noch darauf zurückkommen: ich finde es auch außerordentlich interessant, daß innerhalb des französischen Volkstums gerade der Syndikalismus heraufgekommen ist, und glaube, daß man diese Frage am besten löst, wenn man das Vergesellschaften studiert. Es ist sehr interessant, die verschiedenen Nuancen des englischen und des französischen Sozialismus zu studieren. Der englische Sozialismus ist im Grunde genommen eine abgeschwächte kapitalistische Methode. Es ist eigentlich durchaus dasjenige, was im Kapitalismus wirkt. Also das rein wirtschaftliche Element ist eigentlich in der englischen Arbeiterfrage im großen nur eben auf die Interessen des Arbeiters zugespitzt; aber es ist nicht ganz herausgegangen, so daß der englische Sozialismus eine wirtschaftlich opportunistische Färbung hat.
[ 82 ] I’d just like to come back to this: I also find it extremely interesting that syndicalism, of all things, has emerged within French popular culture, and I believe that the best way to resolve this issue is to study the process of socialization. It is very interesting to study the various nuances of English and French socialism. English socialism is, at its core, a watered-down form of capitalism. It is, in fact, essentially the same as what operates under capitalism. Thus, the purely economic element in the English labor question is, by and large, simply focused on the interests of the worker; but it has not been entirely eliminated, so that English socialism has an economically opportunistic character.
[ 83 ] Der deutsche Sozialismus hat mit einer militärischen Tüchtigkeit und mit militärischem Organisationsgeist den Marxismus aufgenommen, und er hat eine stramme militärische Organisation bekommen. Und wer, wie ich, gewirkt hat in einer Arbeiter-Bildungsschule, die ganz aus der Sozialdemokratie herausgewachsen war, allerdings auch durch seine nichtmarxistische Orthodoxie, also durch seinen Nicht-Marxismus herausgeworfen worden ist, indem man gesagt hat: Nicht Freiheit, sondern ein vernünftiger Zwang der kann schon darüber urteilen. Der deutsche Sozialismus ist im Grunde genommen etwas, was ganz drinnensteht in demselben Geist, der den preußischen Militarismus hervorgebracht hat.
[ 83 ] German socialism embraced Marxism with military efficiency and a military spirit of organization, and it developed a strict military-style organization. And anyone who, like me, has worked in a workers’ educational school that grew entirely out of social democracy—but was expelled precisely because of his non-Marxist orthodoxy, that is, because of his non-Marxism—was told: “It is not freedom, but reasonable coercion that can judge this.” German socialism is, at its core, something that is deeply rooted in the very same spirit that gave rise to Prussian militarism.
[ 84 ] Der französische Syndikalismus ist doch das — wirklich ohne irgendeiner Volksart etwas zugute sagen zu wollen oder ohne dem Deutschen etwas anzuhängen -, der französische Syndikalismus ist doch dasjenige, was ich durch seinen assoziativen Charakter als den besten Anfang gerade zu dem sehen muß, was ich mir als die Assoziation im Wirtschaftsleben denken muß. Und gerade wenn ich es vergleiche mit dem englischen und mit dem deutschen Sozialismus, dann sehe ich doch, daß es hervorgeht aus demselben, was ich versuchte zu charakterisieren, aus der demokratischen Gesinnung. Es sind zwei Seiten; die eine Seite hat sich gezeigt bei dem Bürgertum, die andere Seite bei den Arbeitern. Und was sich bei dem Bürgertum eben mehr kapitalistisch und rentiermäßig ausgestaltete, das ist beim Arbeiter die syndikalistische Ausgestaltung. Es ist nur Avers- und Revers-Seite.
[ 84 ] French syndicalism is, after all—truly without wishing to speak favorably of any particular people or to attribute anything to the Germans—French syndicalism is, after all, what I must regard, precisely because of its associative character, as the best starting point for what I conceive of as association in economic life. And precisely when I compare it with English and German socialism, I see that it stems from the very same thing I tried to characterize: the democratic spirit. There are two sides to this; one side has manifested itself among the bourgeoisie, the other among the workers. And what took on a more capitalist and rentier form among the bourgeoisie has taken on a syndicalist form among the workers. They are simply two sides of the same coin.
[ 85 ] Also ich glaube, daß diese drei verschiedenen Nuancen, die englische, französische und die deutsche Nuance des Sozialismus, zusammenhängen mit den Qualitäten des Volkstums.
[ 85 ] Well, I believe that these three different nuances—the English, French, and German nuances of socialism—are connected to the characteristics of the national character.
[ 86 ] Und da kommt man dann auf eine Frage, die ich für außerordentlich wichtig halte. Man soll eben auch nicht von einem allgemeinen Sozialismus ausgehen und soll nicht glauben, daß es einen abstrakten Sozialismus gebe, sondern soll fragen: Wie muß ein jedes Volkstum aus seinen eigenen Entitäten heraus behandelt werden? Und derjenige, der von westeuropäischen Beobachtungen kommt, sie hier in der Schweiz noch bebrütet hat, nach Rußland geht und dem russischen Volk etwas ganz Fremdes aufdrängt, der zerstört eigentlich das, was sich aus dem russischen Volk heraus hat bilden können. — Aber, wie gesagt, es können heute nicht alle sozialen Fragen mehr gelöst werden.
[ 86 ] And this brings us to a question that I consider to be of extraordinary importance. One should not start from the premise of a general socialism, nor should one believe that there is such a thing as abstract socialism; rather, one should ask: How must each national culture be treated based on its own specific characteristics? And anyone who comes from Western European observations, has mulled them over here in Switzerland, goes to Russia, and imposes something completely foreign on the Russian people is actually destroying what has been able to develop from within the Russian people itself. — But, as I said, not all social issues can be resolved today.
