Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Crisis of the Present
and the Path to Healthy Thinking
GA 335

4 March 1920, Stuttgart

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking, tr. SOL
  1. Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken

2. Die geistigen Forderungen des kommenden Tages

2. The Spiritual Demands of the Coming Day

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Aus einem empfindungsgemäßen, vorurteilslosen Beurteilen der Ereignisse der Gegenwart wird es sich, wie ich glaube, heute ganz selbstverständlich ergeben können, über den kommenden Tag zu sprechen.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! I believe that, based on a sensitive and unbiased assessment of current events, it will be quite natural today to speak about the day ahead.

[ 2 ] Wenn ich hinweisen darf auf dasjenige, was ich mir erlaubt habe, vorgestern hier auszuführen, so kann darüber vielleicht gesagt werden, daß solche Schilderungen, wie sie da gegeben worden sind über die Geistesverfassung der gegenwärtigen zivilisierten Menschheit, gar sehr eine Art von Abendstimmung zum Ausdruck bringen. Ergebnisse der Menschheitsentwicklung der letzten drei bis vier Jahrhunderte bis in unsere Gegenwart herein mußten geschildert werden, und geschildert werden mußte, wie auf den verschiedensten Gebieten des Lebens trotz der gewaltigen Fortschritte und Triumphe - die allerdings, wie hervorgehoben worden ist, auch vorhanden sind - die Schreckensereignisse der letzten vier bis fünf Jahre über diese Menschheit hereingebrochen sind. Es ist doch nicht nur möglich geworden, daß diese Schreckensereignisse über die Menschheit hereingebrochen sind, sondern es ist auch möglich geworden, daß wir heute in einer gewissen Weise stehen vor der Ratlosigkeit, vor dem: Was soll geschehen? - Ja, in vieler Beziehung müssen wir bekennen: Wenn wir weiter nur fortbauen wollten auf dem, was sich als Ergebnis für unsere Erkenntnis, für unser Wollen aus den heraufgekommenen Entwicklungskräften ergibt, dann müßten wir mit der Hoffnungslosigkeit rechnen. Da ist so etwas wie Abendstimmung. Und diese Abendstimmung legt nahe, gewissermaßen auch von der anderen Seite der Sache zu sprechen: von der Morgenstimmung, zu sprechen von dem kommenden Tag.

[ 2 ] If I may refer to what I took the liberty of discussing here the day before yesterday, it might be said that such descriptions—as they were presented there—of the state of mind of contemporary civilized humanity very much express a kind of evening mood. It was necessary to describe the results of human development over the last three to four centuries up to the present, and it was necessary to describe how, in the most diverse areas of life—despite the tremendous progress and triumphs (which, as has been emphasized, certainly exist)—the horrific events of the last four to five years have befallen humanity. Not only has it become possible for these horrific events to have befallen humanity, but it has also become possible that we today, in a certain sense, find ourselves at a loss, facing the question: What is to be done?—Yes, in many respects we must admit: If we were to continue building solely upon what has emerged as the result of the forces of development for our knowledge and our will, then we would have to reckon with hopelessness. There is something like an evening mood. And this evening mood suggests, so to speak, that we also speak of the other side of the matter: of the morning mood, of the coming day.

[ 3 ] Aber wenn man heute von dem kommenden Tage spricht, so scheint es, daß eines nicht gestattet ist: einfach nur hinzuschauen auf die Ereignisse, wie sie sich zugetragen haben, wie sie sich entwickelt haben bis zu dem gegenwärtigen Zeitpunkt, um daraus Gründe abzuleiten für irgendwelche Dinge, auf die man nur zu hoffen braucht. Aus der Ratlosigkeit der Gegenwart sind wenige Gründe für solche Hoffnungen zu finden. Daher muß derjenige, der da sprechen will von dem kommenden Tag, von etwas anderem ausgehen als von einer Schilderung der Wirkungsmöglichkeiten der bisherigen Ereignisse, von der Schilderung desjenigen, was aus den allgemeinen Kultur- und Zivilisationsverhältnissen heraus sich ergeben könnte und bei dem der Mensch nur zuschauen kann.

[ 3 ] But when we speak today of the day to come, it seems that one thing is not permitted: simply looking at events as they have occurred, as they have unfolded up to the present moment, in order to derive from them reasons for whatever things one can only hope for. Given the uncertainty of the present, there are few grounds for such hopes. Therefore, anyone who wishes to speak of the day to come must start from something other than a description of the potential consequences of past events—a description of what might arise from the general conditions of culture and civilization, and which humans can only observe passively.

[ 4 ] Nein, meine sehr verehrten Anwesenden, wer heute von dem kommenden Tag sprechen will, der muß sprechen von dem, was der Mensch tun soll, damit dieser kommende Tag heranrücke. Auf irgendein außerhalb der Menschheit gelegenes Schicksal allein hinzuweisen, wird heute keine Hoffnungen erwecken. Es muß hingewiesen werden auf den Menschen selbst, auf seine Wirkensmöglichkeiten, auf dasjenige, was in ihm die Tat entzünden kann, daß er es sei, der, wie auch die Welt in Flammen stehen möge, den kommenden Tag herbeiführen kann. Veranlassung gibt dazu aber nicht nur eine Beobachtung der Ratlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit der Schicksalslage der äußeren Welt, dazu gibt auch Veranlassung eine etwas tiefergehende Betrachtung des geschichtlichen Werdens der Menschheit selbst - des geschichtlichen Werdens der Menschheit, das man dann allerdings ins Auge fassen muß gerade von dem Gesichtspunkte der hier gemeinten Geisteswissenschaft aus. Die meisten Menschen sind ja heute gewohnt, wenn von der geschichtlichen Entwicklung des Menschen die Rede ist, diese nur zu verfolgen, ich möchte sagen am Faden von Ursache und Wirkung, so, als ob da alles, was in der Folgezeit eintritt, zu erklären wäre aus den vorangehenden Freignissen, die man dann wohl Ursachen nennt.

[ 4 ] No, my esteemed audience, anyone who wishes to speak today about the day to come must speak of what humanity must do to bring that day closer. Merely pointing to some fate lying outside of humanity will not inspire hope today. We must point to humanity itself, to its capacity for action, to that which can kindle the will to act within it—so that, even if the world were ablaze, it might be humanity that brings about the coming day. The impetus for this, however, comes not only from observing the helplessness and hopelessness of the external world’s predicament; it also comes from a somewhat deeper contemplation of the historical development of humanity itself—the historical development of humanity, which, of course, must then be viewed precisely from the perspective of Spiritual Science as understood here. Most people today are accustomed, when the historical development of humanity is discussed, to tracing it—I would say—along the thread of cause and effect, as if everything that occurs in the subsequent period could be explained by the preceding events, which are then commonly referred to as causes.

[ 5 ] Das ist im geschichtlichen Werden der Menschheit ebensowenig der Fall, wie es der Fall ist beim einzelnen menschlichen Individuum. Wir können unmöglich uns zufriedengeben mit einem Verfolgen der menschlichen individuellen Entwicklung etwa so, daß wir sagen: Nun, wir betrachten den Menschen, wenn er dreißigjährig ist, und wir erklären dasjenige, was er als Dreißigjähriger uns darbietet, als eine Folge desjenigen, was er als Neunundzwanzigjähriger, als Achtundzwanzigjähriger, als Siebenundzwanzigjähriger gewesen ist. — Eine solche Erklärung wäre eine äußerliche, abstrakte, wäre eine solche, die nicht eingehen könnte auf das wirkliche Wesen des Menschen. Denn wenn wir das wirkliche Wesen des Einzelmenschen erfassen wollen, dann müssen wir eingehen auf die einzelnen Epochen seiner Entwicklung. Wir müssen uns klar sein, wie der Mensch, wenn er Kind ist, gewissen Entwicklungsgesetzen unterliegt, welche zunächst hinzielen bis zu dem Zeitraum, in dem etwa der Zahnwechsel eintritt. Dann muß man sich klar werden, wie nach diesem Zahnwechsel im ganzen menschlichen Organismus etwas Gesetzmäßiges vor sich geht, was aus dem inneren Wesen aufsteigt, was nicht erklärt werden kann, indem man einfach die äußeren Tatsachen der menschlichen Entwicklung etwa im neunten Jahre zurückführt auf die äußeren Tatsachen dieser menschlichen Entwicklung im fünften oder sechsten Jahr. Wiederum muß man hinschauen auf den Zeitpunkt, in dem die menschliche Geschlechtsreife eintritt, auf das vierzehnte, fünfzehnte Jahr. Da steigt wiederum aus dem Inneren der menschlichen Wesenheit etwas auf, was man zu Hilfe rufen muß, wenn man zu einem Verständnis des gesamten menschlichen Wesens kommen will. Und so auch in den folgenden Epochen der menschlichen Einzelentwicklung, wenn auch für diese folgenden Epochen die Umschwünge in der menschlichen Natur weniger deutlich, aber für den Einsichtigen doch ganz klar zu Tage treten.

[ 5 ] This is no more the case in the historical development of humanity than it is for the individual human being. We cannot possibly be satisfied with tracing individual human development in such a way that we say: Well, we look at a person when he is thirty years old, and we explain what he presents to us as a thirty-year-old as a consequence of what he was as a twenty-nine-year-old, a twenty-eight-year-old, and a twenty-seven-year-old. — Such an explanation would be superficial and abstract; it would fail to address the true nature of the human being. For if we wish to grasp the true nature of the individual human being, we must examine the individual stages of his or her development. We must be clear that when a person is a child, he or she is subject to certain laws of development that initially extend up to the period when, for example, the teeth begin to change. Then one must realize how, after this change of teeth, a regular process takes place throughout the entire human organism—a process that arises from the inner being and cannot be explained simply by tracing the external facts of human development at, say, the age of nine back to the external facts of that same development at the age of five or six. Again, one must look to the time when human sexual maturity sets in, around the fourteenth or fifteenth year. Here, too, something arises from within the human being that must be taken into account if one is to arrive at an understanding of the entire human being. And so it is in the subsequent stages of individual human development as well, even though the transformations in human nature are less evident in these later stages, yet they are quite clear to the discerning observer.

[ 6 ] So, wie es ist mit dieser einzelnen menschlichen Entwicklung, so ist es auch mit der geschichtlichen Entwicklung, dem geschichtlichen Werden der ganzen Menschheit. Zu ihrem Verständnis reicht nicht aus, daß man bloß, wie es üblich geworden ist, immer das Folgende aus dem Vorhergehenden erklärt. Man muß sich klar sein, daß da auch im geschichtlichen Werden der Menschheit große Umschwünge eintreten, daß Zeitepochen eintreten, in denen aus den Tiefen der Menschheit Entwicklungsgesetze aufsteigen, so daß das Wesentliche, wie sich diese Menschheit äußert, anders wird als im vorhergehenden Zeitalter.

[ 6 ] Just as it is with the development of the individual human being, so it is with historical development—the historical evolution of all humanity. To understand it, it is not enough to simply explain what follows from what preceded it, as has become customary. One must be aware that major upheavals also occur in the historical development of humanity, that epochs arise in which laws of development emerge from the depths of humanity, so that the essential nature of how humanity expresses itself becomes different from what it was in the preceding age.

[ 7 ] Wenn man nun hinschaut auf dasjenige, was, ich möchte sagen unter der Oberfläche des vorgestern Geschilderten seit drei bis vier Jahrhunderten sich emporarbeiten will - denn es will sich zunächst nur emporarbeiten aus den Tiefen der menschlichen Wesenheit -, so muß man sagen: Alles, alles tendiert dahin, zielt dahin, daß die einzelnen Angehörigen der Menschheit sich zur Vollbewußtheit entwickeln, zur Vollbewußtheit auf allen Gebieten des Lebens. Für den Kenner des geschichtlichen Werdens, der nicht bloß die äußere Geschichte betrachtet, wie sie heute gelehrt wird, die im Grunde doch nur eine fable convenue ist, sondern der eingeht auf das Innere der Menschheitsentwicklung — wie man beim einzelnen, individuellen Menschen auf sein Inneres eingehen muß, wenn man ihn verstehen will -, für den zeigt sich etwa im 15. Jahrhundert die erste Anlage zu dieser neuen Art des Menschheitswesens, in voller Bewußtheit das zu erfassen, was uns umgibt in der Welt. Nur ist eine Tatsache in der Menschheitsentwicklung vorhanden, welche das maskiert, zudeckt, was ich eben charakterisiert habe. Aus den alten Epochen blieben immer Entwicklungskräfte zurück, die sich als konservatives Element hineinstellen in die ganze Menschheitsentwicklung — Kräfte, die weiterwirken und die eigentlich das, was sich aus einem Teil des Menschheitswesens als die eigentliche Aufgabe der Zeitepoche entwickeln will, zunächst nicht nur in den Hintergrund treten lassen, sondern es gewissermaßen bekämpfen. Und so ist aus der vorhergehenden Epoche über das 15. Jahrhundert hinaus und in unser Zeitalter sich erstreckend dasjenige geblieben, was ich nennen möchte die Unbewußtheit auf allen Gebieten, zunächst vor allen Dingen die Unbewußtheit auf dem Gebiet des Geisteslebens selbst.

[ 7 ] If we now turn our attention to that which—I would say—has been striving to rise up from beneath the surface of what was described the day before yesterday for the past three to four centuries—for at first it seeks only to rise up from the depths of human nature—then we must say: Everything, everything tends toward and aims at the individual members of humanity developing toward full consciousness—full consciousness in all areas of life. For the connoisseur of historical development, who does not merely observe external history as it is taught today—which is, after all, nothing more than a fable convenue—but who delves into the inner workings of human development —just as one must delve into the inner life of the individual human being if one wishes to understand him—for such a person, the first seeds of this new kind of human being become apparent around the 15th century: the ability to grasp, in full consciousness, what surrounds us in the world. Yet there is a fact in human development that masks and obscures what I have just described. From the ancient epochs, developmental forces have always lingered, inserting themselves as a conservative element into the entire course of human development—forces that continue to exert their influence and that, in fact, not only initially push into the background what seeks to develop from a part of the human being as the true task of the epoch, but also, in a sense, combat it. And so, from the preceding epoch, extending beyond the fifteenth century and into our own age, what has remained is what I would like to call unawareness in all areas—first and foremost, unawareness in the realm of spiritual life itself.

[ 8 ] So stark ist diese Unbewußstheit auf dem Gebiete des Geisteslebens geblieben, daß wir heute breite geistige Strömungen haben, die geradezu in dem Unbewußten dasjenige sehen, was das Tiefere, das Wesentlichere des Menschenwesens ist. Wir sehen zum Beispiel in Amerika aufgehen die an den Namen William James sich anknüpfende geistige Bewegung, die aber gerade unter den Intellektuellen Europas in verschiedenen Variationen viele Anhänger hat, eine geistige Bewegung, welche sagt: Nur ein Teil desjenigen, was der Mensch in seiner Seele birgt, kommt ihm voll zum Bewußtsein. Aus dem Unterbewußtsein herauf steigt alles dasjenige, was zum Beispiel Inhalt des künstlerischen Schaffens ist; aus dem Unbewußten herauf steigen sogar die Ideen, die dann nur dem Urteil der Wissenschaft unterworfen werden. Aus dem Unterbewußtsein steigt auch alles dasjenige herauf, was den Menschen religiös beseelt.

[ 8 ] This lack of awareness in the realm of spiritual life has remained so pervasive that today we have broad spiritual movements that see precisely in the unconscious what is the deeper, more essential aspect of the human being. For example, we see emerging in America the spiritual movement associated with the name William James—a movement that, in various forms, has many followers even among European intellectuals—a spiritual movement that asserts: Only a part of what a person holds within their soul comes fully into their consciousness. Everything that constitutes, for example, the content of artistic creation rises from the subconscious; even the ideas that are then subjected only to scientific judgment rise from the unconscious. Everything that inspires people religiously also rises from the subconscious.

[ 9 ] Dasjenige, was da als eine gebildete Geistesströmung sich ausbreitet, was zuweilen groteske Formen annimmt, wie zum Beispiel in der Psychoanalyse, das hat zu seinem Gegenbild etwas anderes. Wie sehr häufig kann man es heute noch hören, daß irgend jemand gutmeinend ist in bezug auf eine übersinnliche, eine geistige Welt, die er voraussetzt, aber seine gute Meinung hört auf in dem Moment, wo die Geisteswissenschaft auftritt, die aus den Zeichen der Zeit heraus mit voller Bewußtheit die geistige Welt schauend durchdringen will. Ein solcher Gutmeinender sagt oftmals: Über das, was man bewußt aufnehmen kann von der Natur und vom Menschen in die Seele, über das hinausgehend muß es ja etwas geben. — Aber er ist dann froh, wenn er sagen kann: Das, was es so gibt, ist ein Unbekanntes, ist etwas, was man nicht erforschen kann; das ist etwas, was nicht in das volle menschliche Bewußtsein hineinfällt. - Künstlerisch Schaffende haben geradezu einen Schreck, eine Furcht davor, die Antriebe ihres Künstlertums in das Bewußtsein hinaufzuheben. Sie glauben, dadurch die elementarsten Kräfte zu verlieren, die Naivität, die sie für nötig halten zum künstlerischen Schaffen. Und mancher will durchaus nicht dasjenige, was zur vollen Bewußtheit gebracht werden kann, zum Antriebe des sozialen Lebens machen, denn er möchte auch da auf etwas Unbewußtes, Unbekanntes hinweisen, das sich im Verkehr von Mensch zu Mensch geltend machen soll. Aus dem Unbewußten heraus soll der Mensch die Antriebe zu seinem sozialen Verhalten schöpfen, und das würde in einer gewissen Weise zerstört, wenn es ins volle Bewußtsein hinaufgehoben würde, gleichsam wie wenn ihm der Tau, der es erfrischt, genommen würde.

[ 9 ] What is spreading there as a cultured spiritual current—which at times takes on grotesque forms, as for example in psychoanalysis—has its opposite in something else. How often does one still hear today that someone is well-meaning with regard to a supersensible, spiritual world that he assumes exists, but his good intentions come to an end the moment Spiritual Science appears—a science that, drawing on the signs of the times, seeks to penetrate the spiritual world with full consciousness. Such a well-meaning person often says: Beyond what one can consciously take into the soul from nature and from human beings, there must surely be something more. — But they are then glad when they can say: What exists in this way is unknown; it is something that cannot be investigated; it is something that does not fall within the full scope of human consciousness. - Artists are downright terrified, even fearful, of bringing the impulses of their artistry into consciousness. They believe that in doing so they would lose the most elemental forces—the naivety they consider necessary for artistic creation. And many do not want to make that which can be brought into full consciousness the driving force of social life, for they wish to point to something unconscious and unknown that is to assert itself in human interaction. It is from the unconscious that human beings are supposed to draw the impulses for their social behavior, and this would, in a certain sense, be destroyed if it were raised to full consciousness—just as if the dew that refreshes them were taken away.

[ 10 ] So bietet man in einer gewissen Weise das Unbewußte, das Unbekannte in den verschiedensten Formen an, wie man es heute eben in aufgeklärten Kreisen tut. Und es ist ja nur eine Folge ‚davon, wenn gerade gegen die hier gemeinte Geisteswissenschaft immer wieder und wieder ein Vorwurf auftaucht, nämlich derjenige, daß man aus dieser Geisteswissenschaft heraus sich vermißt, über die geistige Welt und ihren Inhalt wirklich etwas auszusagen und nicht bloß hinzuweisen auf ein jenseits der Grenzen der Menschheit liegendes, unbekanntes Übersinnliches. Man stellt dem entgegen den sogenannten «einfachen, schlichten Glauben», der sich damit begnügt, nicht einzudringen in das, was Inhalt des Geisteslebens ist, sondern auf das Geistesleben nur hinzuweisen aus einem gewissen allgemeinen Gefühl, aus dem Primitivsten der Menschennatur heraus. Dieser Glaube, der heute die Zeichen der Zeit überhören will, der abweist den bestimmten Inhalt des geistigen Lebens, nach dem die Geisteswissenschaft strebt, dieser Glaube ist nur der stehengebliebene Rest desjenigen, was früher in der Menschheitsentwicklung gewaltet hat als das Unbewußte. Aber was ist dieses Unbewußte? Es war in früheren Entwicklungsepochen der Menschheit anders, als es heute sein kann. Dieses Unbewußte war in früheren Entwicklungsepochen der Menschheit ein Elementar-Lebendiges. Je weiter wir zurückgehen in dieser Menschheitsentwicklung, desto mehr finden wir, wie im Menschen aufsteigen — allerdings nicht auf dem Wege der Bewußstheit, der heute der unsrige sein muß, sondern auf dem Wege des unbewußten Schauens —, wie in ihm aufsteigen nicht nur die Inhalte seines Geisteslebens, sondern auch das, wodurch er sich die ihn umgebende Natur verständlich macht.

[ 10 ] In a certain sense, this is how the unconscious and the unknown are presented in a wide variety of forms, just as is done today in enlightened circles. And it is, after all, only a consequence of this that a particular accusation is repeatedly leveled against the Spiritual Science referred to here—namely, that this Spiritual Science fails to make any real statements about the spiritual world and its content, but merely points to an unknown supersensible realm lying beyond the boundaries of humanity. This is contrasted with so-called “simple, unadorned faith,” which is content not to delve into the content of spiritual life, but merely to point to it out of a certain general feeling, arising from the most primitive aspects of human nature. This faith, which today seeks to turn a deaf ear to the signs of the times and rejects the specific content of spiritual life toward which Spiritual Science strives, is merely the stagnant remnant of what once prevailed in human development as the unconscious. But what is this unconscious? In earlier epochs of human development, it was different from what it can be today. In earlier epochs of human development, this unconscious was an elemental, living force. The further back we go in the development of humanity, the more we find—not through the path of consciousness, which must be ours today, but through the path of unconscious perception—that rising within the human being are not only the contents of his spiritual life, but also that through which he makes sense of the nature surrounding him.

[ 11 ] Man schaue nur hin, meine sehr verehrten Anwesenden, auf die letzten Ausläufer dieses uralten Schauens der Menschheit aus dem Unbewußten heraus, und man findet die herrlichen Mythen, die herrlichen Mythologien, durch die sich der frühere Mensch aus seinem Unbewußten heraus aufgeklärt hat über sich und die ihn umgebende Natur. Wir finden den Quell des künstlerischen Schaffens aufsteigen aus dieser Unbewußtheit. Und wenn wir uns wirklich und nicht bloß nach konventionellen Vorurteilen unterrichten wollen, so finden wir auch die Anhaltspunkte dafür, daß der frühere Mensch die Antriebe für sein soziales Wollen und sein soziales Verhalten im Kreise seiner Mitmenschen aus dem Unbewußten heraufkommend gesucht hat. Liegt doch, wenn auch weitaus nicht alles, so doch ein gut Teil desjenigen, was die Menschen aus der Unbewußtheit heraus sozial verbindet, schon in der menschlichen Sprache - in dieser menschlichen Sprache, durch die wir Schwester und Bruder dem anderen Menschen werden, in dessen Umkreis wir leben. Diese menschliche Sprache, wir eignen sie uns an in der frühesten Kindheit, in der Zeit, in der wir uns erst in das Leben hineinträumen, in der Zeit, in welcher noch gar nicht von Vollbewußtheit gesprochen werden kann. Was trägt nun das, was wie aus dem kindlichen Lebenstraum herausgeboren ist, in das spätere Leben hinein?

[ 11 ] Just look, my esteemed audience, at the last vestiges of this ancient way of seeing that humanity has drawn from the unconscious, and you will find the magnificent myths, the magnificent mythologies, through which early humanity gained insight—from within its unconscious—into itself and the nature surrounding it. We find the source of artistic creation welling up from this unconsciousness. And if we wish to educate ourselves genuinely—and not merely according to conventional prejudices—we will also find evidence that early humanity sought the impulses for its social will and social behavior within the circle of its fellow human beings, arising from the unconscious. For, even if by no means everything, a good part of what socially binds people together from the unconscious is already present in human language—in this human language through which we become sisters and brothers to the other people within whose circle we live. We acquire this human language in early childhood, during the time when we are just beginning to dream our way into life, at a time when one cannot yet speak of full consciousness. What, then, carries forward into later life that which seems to have been born out of the child’s dream of life?

[ 12 ] Wir stehen unter dem Einfluß des Genius der Sprache. Diese Sprache, sie gibt uns viel. Sie verbindet uns sozial mit unseren Mitmenschen, aber dasjenige, was diese Sprache durchdringt, zu sozialen Triebkräften wirkend, das ist verborgen eben in der frühesten Kindheit; das ist nicht aus der Bewußtheit, das ist aus dem Unbewußten herausgeboren. Und so kann man sagen: Das alte soziale Leben, es ist vielfach aus dem Unbewußten heraus entstanden. Das Unbewußte hat eben bis zu jener Zeit, die für die ganze Entwicklung der Menschheit um das 15. Jahrhundert herum eingetreten ist, dem Menschen etwas ganz anderes gegeben, als es ihm heute gibt. Aber ebensowenig, wie jene Entwicklungskräfte des einzelnen Menschen, die vor seiner Geschlechtsreife liegen, in derselben Art im Menschen wiederum vorhanden sein können nach der Geschlechtsreife und wie da ganz andere Anlagen und Kräfte zum Vorschein kommen müssen, so muß in der menschheitlichen Entwicklung an die Stelle der früheren Unbewußtheit in diesem heutigen Zeitalter die Bewußtheit treten. Das Element aber, worauf ich vorgestern aufmerksam machen mußte, das unser gegenwärtiges Zivilisationswesen durchdringt, die Phrase, das ist dasjenige, was intensiv verhindert, daß sich die Vollbewußtheit aus den Tiefen des Menschenwesens herausentwickelt. Was früher den Menschen in aller Lebendigkeit durchdrungen hat aus dem Unbewußten heraus, ist heute nicht mehr lebendig; es ist zur Phrase ertötet.

[ 12 ] We are under the influence of the genius of language. This language gives us so much. It connects us socially with our fellow human beings, but that which permeates this language—acting as a social driving force—is hidden precisely in early childhood; it is not born of consciousness; it is born of the unconscious. And so one can say: Ancient social life arose in many ways from the unconscious. Up until that time—which, for the entire development of humanity, occurred around the 15th century—the unconscious gave human beings something entirely different from what it gives them today. But just as the developmental forces of the individual that precede sexual maturity cannot remain present in the same form after sexual maturity—and just as entirely different dispositions and forces must come to the fore—so, in the development of humanity, consciousness must take the place of the earlier unconsciousness in this present age. But the element I had to draw attention to the day before yesterday—the one that permeates our present-day civilization, namely, the cliché—is precisely what intensely prevents full consciousness from developing out of the depths of the human being. What once permeated human beings with such vitality from the unconscious is no longer alive today; it has been reduced to a mere cliché.

[ 13 ] Und auch darauf mußte ich vorgestern aufmerksam machen, daß gerade die so glorreiche naturwissenschaftliche Weltanschauung nicht die Möglichkeit gefunden hat, den Menschen über etwas anderes aufzuklären als über das Außermenschliche, über das, was in der leblosen Natur vorhanden ist. Darauf mußte ich aufmerksam machen, wie derjenige, der alles an Erkenntnissen umfassen würde, die ihm die Naturwissenschaft gibt, vor der Frage: Was ist eigentlich der Mensch? - ratlos dastehen müßte. Über diese Frage: Was ist eigentlich der Mensch? - gibt diejenige Wissenschaft, die heute noch die gebräuchliche ist, keine Auskunft. Woher kommt das? Das kommt davon her, daß diese Wissenschaft noch nicht aus der vollen Bewußtheit herausgeboren ist, sondern daß diese Wissenschaft, trotz ihrer glorreichen Erfolge, die Fortsetzung desjenigen ist, was in dem Zeitalter der Unbewußtheit den Menschen aus ganz anderen Quellen zugekommen ist, als die heutigen sind. Daher sehen wir diese Wissenschaft in einer merkwürdigen Lage.

[ 13 ] And I also had to point out the day before yesterday that precisely this so-called glorious scientific worldview has failed to find a way to enlighten human beings about anything other than what lies outside of humanity—that is, what exists in inanimate nature. I had to point this out, just as I had to point out that anyone who were to embrace all the insights provided by natural science would be left at a loss when faced with the question: What, in fact, is a human being? The science that is still prevalent today provides no answer to this question: What, in fact, is a human being? Why is that? It is because this science has not yet been born out of full consciousness; rather, despite its glorious successes, it is the continuation of what came to humanity in the age of unconsciousness from sources entirely different from those of today. That is why we see this science in a peculiar situation.

[ 14 ] Vor kurzem kam mir in die Hand eine durchaus nicht wertlose Broschüre über allgemeine soziale Begriffe und Ideen. Ausdrücklich bemerke ich, daß viel Wertvolles drinnensteht. Aber am Schlusse steht etwas, was für eine solche Betrachtung wie die heutige außerordentlich charakteristisch ist. Da steht am Schlusse, der Verfasser habe rein wissenschaftlich, also wie es die wissenschaftlichen Gepflogenheiten der Gegenwart fordern, die sozialen Verhältnisse betrachtet. Aber weil er wissenschaftlich sein wolle, so könne er aus seinen wissenschaftlichen Ideen keine irgendwie gearteten Folgerungen ziehen für das sittliche, für das künstlerische, für das politische, für das kulturelle Leben, denn die Wissenschaft habe nicht die Aufgabe, irgendwie Folgerungen zu ziehen für diese verschiedenen Zweige des Lebens. Ob das, was er rein wissenschaftlich schildert - so meint der Verfasser —, ob das Geschwüre heile oder Sonnen zerstöre, das sei der Wissenschaft ganz gleichgültig — darauf komme es der Wissenschaft nicht an.

[ 14 ] I recently came across a brochure—by no means worthless—on general social concepts and ideas. I would like to expressly note that it contains much of value. But at the end there is something that is exceptionally characteristic of a line of thought such as today’s. It states at the end that the author has examined social conditions from a purely scientific perspective—that is, as required by contemporary scientific conventions. But because he wanted to be scientific, he could not draw any conclusions whatsoever from his scientific ideas regarding moral, artistic, political, or cultural life, for science does not have the task of drawing any conclusions for these various branches of life. Whether what he describes purely scientifically—so the author argues—heals sores or destroys suns is entirely irrelevant to science; that is of no consequence to science.

[ 15 ] Sehen wir nicht, indem wir den Ausdruck einer solchen Gesinnung betrachten — der aber nicht einzig dasteht, sondern eigentlich typisch ist für dasjenige, was heute oftmals «Wissenschaft» oder «wissenschaftliche Erkenntnis» genannt wird -, sehen wir nicht, wie da die Fortsetzung einer gewissen Lebensaskese vor uns steht, die sich nur selber nicht erkennt als Fortsetzung. Sehen wir da nicht wiederum jene Lebensaskese, welche in früheren Jahrhunderten mit einer gewissen Verachtung des äußeren Lebens verknüpft war, welche sich zurückgezogen hat in das menschliche Innere, welche sich nicht kümmert um dasjenige, was in der äußeren ethischen, sittlichen oder sozialen Tatsachenwelt vorging, sondern nur allein die Angelegenheiten des Innern der Seele betrachtet? Andere Formen hat dieses asketische Streben angenommen, aber es tritt wiederum auf in dieser Wissenschaftsgesinnung — in dieser Wissenschaftsgesinnung, die zwar in ihrer Art streng gewissenhafter Methodik bewundernswürdig ist, die aber ihre Größe gerade darin sieht, daß sie gesteht: Ich habe nichts für das sittliche, für das künstlerische, für das politische, für das kulturelle Leben aus mir selbst heraus als Impuls, als Antrieb zu holen. - Gegen diese Stimmung, die aber nicht nur im wissenschaftlichen Leben auftritt, sondern die — weil das wissenschaftliche Leben heute die Bildung beherrscht - sich verbreitet über unser ganzes öffentliches Leben, gegen diese Stimmung ist das, was hier als Geisteswissenschaft auftreten will, der vollste Protest. In dem Augenblick, in dem aus den traurigen Verhältnissen unserer gegenwärtigen Zivilisation die großen Zukunftsfragen für den kommenden Tag aufgetreten sind, da mußte - wie durch eine Selbstverständlichkeit - aus dem, was Geisteswissenschaft, was wirkliche Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, im Innern des Menschen entzündet, eine Anschauung über das soziale Leben, über den Fortgang des sozialen Lebens entstehen. Es ist nicht durch die Laune oder durch die Willkür einzelner Persönlichkeiten der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus hinzugefügt worden zu dem, was hier seit Jahrzehnten schon vertreten wird als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft — das hat sich als eine Selbstverständlichkeit ergeben. Es hat sich so ergeben, daß man denjenigen innerlich unwahr und verlogen empfinden mußte, der mit seiner Seele nach dieser Geisteswissenschaft zu streben vorgibt und kein Herz hat für dasjenige, was als soziale Frage die ganze Menschheit durchbebt und erschüttert oder wenigstens durchbeben und erschüttern sollte. Da wird jetzt nicht auf dem Wege der äußeren Naturerkenntnis, sondern auf dem Wege der Geist-Erkenntnis etwas gesucht, was, indem es von der menschlichen Seele erlebt wird, unmittelbare Antriebe auch zum sozialen Wollen liefert.

[ 15 ] Do we not see, when we consider the expression of such a mindset—which, however, does not stand alone but is in fact typical of what is often called “science” or “scientific knowledge” today—do we not see how we are faced with the continuation of a certain form of asceticism, which merely fails to recognize itself as such? Do we not see here, once again, that asceticism of life which in earlier centuries was linked to a certain contempt for external life, which has withdrawn into the human inner world, which pays no heed to what transpired in the external world of ethical, moral, or social reality, but considers only the affairs of the soul’s innermost being? This ascetic striving has taken on other forms, but it reappears in this scientific mindset—in this scientific mindset, which, while admirable in its strictly conscientious methodology, sees its greatness precisely in the fact that it admits: I have nothing within myself to draw upon as an impulse or driving force for moral, artistic, political, or cultural life. - Against this mindset—which, however, does not occur only in scientific life but, because scientific life dominates education today, spreads throughout our entire public life—against this mindset, what seeks to emerge here as Spiritual Science represents the most complete protest. At the very moment when the great questions of the future for the days to come have arisen from the sad conditions of our present civilization, a perspective on social life—on the progress of social life—had to emerge, as a matter of course, from what Spiritual Science—true Spiritual Science, as it is meant here—kindles within the human being. The impulse toward the threefold social order was not added—out of the whim or caprice of individual personalities—to what has been advocated here for decades as an anthroposophically oriented Spiritual Science; rather, it arose as a matter of course. It has turned out that one must regard as inwardly untruthful and hypocritical anyone who claims to strive with their soul toward this Spiritual Science yet has no heart for what, as a social issue, shakes and unsettles all of humanity—or at least ought to shake and unsettle it. Here, something is being sought—not through the path of external knowledge of nature, but through the path of spiritual knowledge—which, by being experienced by the human soul, also provides direct impulses for social will.

[ 16 ] Um das eine noch zu erwähnen - ich könnte auch auf die anderen Gebiete des Lebens einige Blicke werfen, will aber nur das eine erwähnen -: Wir haben in unserem Bau in Dornach etwas aufgeführt, das nicht rechnet mit irgendeinem alten Baustile, sondern das die Bauformen, das Künstlerische durchaus bis in das einzelnste hinein behandelt aus den Kräften, die sich aus unserer geistigen Erkenntnis, aus unserer geistigen Schau heraus selbst ergeben. Dagegen, daß es richtig sei, dasjenige, was als Künstlerisches wirkt, im Unbewußten zu lassen, es nicht hinaufzuheben in das Bewußte, dagegen legt diese Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, Protest ein. Wie Geisteswissenschaft selbst in die geistigen Welten mit voller Bewußtheit eintreten will, so will sie auch das, was hier zu neuen Baustilen, zu neuer künstlerischer Gestaltung führen kann, herausheben aus dem, was wirkt aus den geistigen Welten. Indem Geisteswissenschaft schauen will den Geist selbst, mit dem der Mensch in seinem innersten Wesen verwandt ist, trifft sie auf dieses innerste Menschenwesen so auf, daß sie in den Kern der Menschheit kommt - da, wo das sittliche Wollen aufkeimt, wo das sittliche Wollen aufgeht. Geisteswissenschaft kann also nicht sagen, sie kümmere sich nicht um dasjenige, was im sittlichen Wollen vorgeht, sondern sie kann allein das für sich in Anspruch nehmen, daß sie - indem sie sich durchdringt mit einem Wissen von Weltenweiten und von dem Innersten, Intimsten der Menschenseele — zu gleicher Zeit die moralischen Antriebe gebiert, aus denen heraus der Mensch sein Wollen, sein Handeln gestaltet. Diese Geisteswissenschaft kann nicht sagen, es käme ihr nicht darauf an, etwas zu tun, damit Geschwüre geheilt werden oder Sonnen nicht verlöschen. Sie muß sagen, ihr kommt es darauf an, daß aus ihrer Erkenntnis heraus der Mensch die Kraft schöpft, überall da heilend aufzutreten, wo durch den äußeren Gang der Weltereignisse Schädlichkeiten auftreten, ihr kommt es darauf an, etwas hinzustellen, was dem Menschen eine Sonne sein kann und was etwas beitragen kann zu den wohltuenden Kräften in der Menschheitsentwicklung. Mit-Tun und Mit-Handeln, Mit-Wollen und Mit-Absichten-Haben beim ganzen Gang des menschlichen geschichtlichen, sozialen Werdens, das ist dasjenige, was diese Geisteswissenschaft anstrebt nicht als abstraktes Ziel, sondern was sich ihr ergibt durch ihre eigene Natur und Wesenheit. Sie kann nicht anders auftreten, als indem sie in voller Bewußtheit dasjenige fortsetzt, was sich einer früheren Menschheit in einer gewissen Weise aus der Unbewußtheit heraus ergeben hat.

[ 16 ] Just to mention this one thing—I could also touch on other areas of life, but I want to mention only this one—: In our building in Dornach, we have created something that does not rely on any old architectural style, but rather derives its forms—the artistic elements, down to the very smallest detail—from the forces that arise of their own accord out of our spiritual insight and our spiritual vision. This Spiritual Science, as understood here, objects to the notion that it is right to leave what has an artistic effect in the unconscious, without raising it into consciousness. Just as Spiritual Science itself seeks to enter the spiritual worlds with full consciousness, so too does it seek to draw out from what acts from the spiritual worlds that which can lead here to new architectural styles and new artistic forms. In seeking to perceive the Spirit itself—with which the human being is kindred in their innermost being—Spiritual Science encounters this innermost human being in such a way that it penetrates to the very core of humanity—where moral will springs forth, where moral will blossoms. Spiritual Science cannot, therefore, claim that it is unconcerned with what takes place in moral volition; rather, it can claim only that—by imbuing itself with a knowledge of the vastness of the worlds and of the innermost, most intimate depths of the human soul—it simultaneously gives rise to the moral impulses from which human beings shape their will and their actions. This Spiritual Science cannot claim that it is not concerned with doing something to heal sores or prevent suns from going out. It must say that what matters to it is that, from its insight, human beings draw the strength to act as healers wherever harm arises from the external course of world events; what matters to it is to provide something that can be a sun for humanity and that can contribute to the beneficial forces in human development. Participating and acting in concert, sharing in the will and having shared intentions throughout the entire course of human historical and social development—this is what the Spiritual Science strives for, not as an abstract goal, but as something that arises from its own nature and essence. It cannot act in any other way than by consciously continuing what, in a certain sense, emerged from the unconscious for an earlier humanity.

[ 17 ] Aus dieser Unbewufßtheit heraus hatte man in früheren Zeiten eine ganz bestimmte Empfindung über den Fortgang der Menschheitsentwicklung. Das war die, daß das Werden der Menschheit, der ganzen Menschheit, wenn es sich selber überlassen wäre, fortwährend degenerieren würde, fortwährend von Schädlichkeiten ergriffen würde, fortwährend zu einer Art von Sterben sich hinneigen würde, fortwährend erkranken würde. Aber man hatte auch das Bewußtsein: Wenn der Mensch eingreift in diese Menschheitsentwicklung, so wird er, indem er gerade auf dasjenige sich verläßt, was aus dem Wesen des Unbewußten heraus ihn erleuchtet, zum Heiler der Krankheiten, der Schädigungen. Als eine Heilkraft der Menschheitskultur hat man in den Zeiten der unbewußten Entwicklung der Menschheit empfunden alles Wissen, alle Erkenntnis, weil man nicht dabei stehenblieb, nur in einer Ecke etwas zu wollen und nicht teilzunehmen am äußeren Kulturprozeß - im Gegenteil, man wollte mitmachen gerade als Heiler diesen Kulturprozeß.

[ 17 ] Out of this lack of awareness, people in earlier times had a very specific sense of the course of human development. This was the belief that the evolution of humanity—of all humanity—if left to its own devices, would continually degenerate, would continually be overtaken by harmful forces, would continually tend toward a kind of death, and would continually fall ill. But people were also aware that when human beings intervene in this development of humanity, they become—by relying precisely on that which enlightens them from the very nature of the unconscious—healers of illnesses and harm. During the times of humanity’s unconscious development, all knowledge and insight were perceived as a healing force within human culture, because people did not content themselves with merely wishing for something from the sidelines without participating in the external cultural process—on the contrary, they sought to participate in this cultural process precisely as healers.

[ 18 ] Und das Wort, welches uns herübertönt aus der griechischen Erkenntnis, charakterisierend eine der tiefsten Kunstschöpfungen, die Tragödie, das Wort «Katharsis», das tönt herüber aus der griechischen Kultur und will besagen, worauf eigentlich die Wirkung des Trauerspiels beruht. Darauf beruht diese Wirkung: im Menschen Bilder von Leidenschaften zu erzeugen, damit diese Leidenschaften im Anblick der tragischen Handlung des Trauerspiels geheilt werden können - seelisch. Indem dieser Ausdruck «Katharsis» als das die Tragödie Beherrschende heraustönt aus der griechischen Kultur, wird uns angedeutet, wie auch das Künstlerische in dem dem Leben so nahestehenden Griechentum als Heilungsprozeß des Lebens betrachtet worden ist. Denn «Katharsis» ist ein Wort - wir können es nur mit dem abstrakten Wort «Reinigung» übersetzen -, welches man auch braucht für jene Erscheinung, die während einer Erkrankung des Menschen bis zur Krisis führt; und wenn diese Krisis zur Ausscheidung des Schädigenden führt, dann kommt es zur Heilung. Der Grieche entnahm dem menschlich-individuellen Heilungsprozefßß die Aufgabe für die Tragödie. Er dachte sich nicht das Künstlerische aus der übrigen Kultur fort; er dachte es sich durchaus darinnenstehend.

[ 18 ] And the word that echoes to us from Greek thought—characterizing one of the deepest artistic creations, the tragedy—the word “catharsis”—echoes from Greek culture and seeks to explain what the effect of the tragedy is actually based on. This effect is based on creating images of passions within the human being, so that these passions may be healed—spiritually—through the experience of the tragic action of the tragedy. As this term “catharsis”—as the defining element of tragedy—resounds from Greek culture, it suggests to us how even the artistic realm in Greek civilization, so closely tied to life, was regarded as a healing process of life itself. For “catharsis” is a word—we can only translate it with the abstract term “purification”—that is also used to describe the phenomenon that, during a person’s illness, leads to a crisis; and when this crisis results in the expulsion of what is harmful, healing ensues. The Greeks derived the task of tragedy from the individual human healing process. They did not conceive of art as separate from the rest of culture; rather, they conceived of it as thoroughly embedded within it.

[ 19 ] So im Leben stehend, im lebendigen Wollen und Handeln stehend, will jene Geisteswissenschaft sein, von der hier seit langem gesprochen wird und die heute im Angesicht der Ratlosigkeit - die sich ergeben hat aus der auf anderen Gebieten gloriosen Wissenschaft der neueren Zeit - als die ernsteste geistige Forderung des kommenden Tages dastehen muß. Allerdings muß, damit sie als solche erkannt werde, noch manches herbe Vorurteil hinweggeräumt werden. Solange man glauben wird, daß ernste Wissenschaft nur dasjenige sei, was beschreibt, was durch das Mikroskop und Teleskop gesehen werden kann, was im physikalischen Kabinett konstatiert wird, was in Kliniken geschieht, solange wird man dieser Geisteswissenschaft Vorurteile entgegenbringen. Wenn man aber einsehen wird, daß durch alles dasjenige, was auf diese äußere Weise erforscht werden kann - wenn es auch in anderer Beziehung noch so wertvoll ist für die Menschheit -, nichts über das innerste Wesen des Menschen selbst gesagt werden kann, dann wird der Mensch aus einem inneren Antrieb heraus, weil er nicht anders kann, wenn er sich Aufklärung über sich selbst geben will, zu dieser Geisteserkenntnis hingetrieben werden. Ebenso, wie man heute hinhorcht auf dasjenige, was im physikalischen Kabinett, in den Kliniken konstatiert wird, wird man - gerade um das Wesen des Menschen zu erkennen - hinhorchen auf dasjenige, was der Geistesforscher unternimmt in seiner Seele, indem er sein Denken so erstarkt, daß dieses in sich selber erstarkte Denken nicht mehr, wie das gewöhnliche Denken, abhängig ist von der Leiblichkeit, sondern sich unabhängig macht von der Leiblichkeit.

[ 19 ] Standing thus in life, rooted in living will and action, is the Spiritual Science of which we have long spoken here and which, in the face of the perplexity—arising from the modern science that has achieved such glory in other fields—must now stand as the most serious spiritual demand of the coming age. However, for it to be recognized as such, many a bitter prejudice must still be dispelled. As long as people believe that serious science consists only of what can be seen through the microscope and telescope, what is observed in the physics laboratory, and what takes place in clinics, they will continue to harbor prejudices against Spiritual Science. But when people come to realize that through all that which can be investigated in this external way—no matter how valuable it may be to humanity in other respects—nothing can be said about the innermost nature of the human being itself, then, driven by an inner impulse—because they cannot do otherwise if they wish to gain insight into themselves—people will be drawn to this spiritual knowledge. Just as people today listen to what is observed in physics laboratories and in clinics, they will—precisely in order to recognize the essence of the human being —one will listen to what the spiritual researcher undertakes within his own soul by strengthening his thinking to such an extent that this thinking, having been strengthened within itself, is no longer, like ordinary thinking, dependent on physicality, but becomes independent of it.

[ 20 ] Worüber heute noch die meisten Menschen höhnen, was sie als Phantasterei ansehen, das wird in der Zukunft angesehen werden als streng exakte Methode, die allerdings ganz im Innern der Seele selber abläuft. Man wird erkennen, daß durch das sogenannte meditative Leben - aber jetzt nicht durch das alte, mystische meditative Leben, das nur den Menschen der Welt entfremdet, sondern durch das innerlich tätige meditative Leben - das Denken so erstarkt werden kann, besonders wenn die in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschilderte strenge Willenszucht dazukommt. Man hat es dann allerdings mit einem Denken zu tun, von dem man weiß: Du denkst, aber du nimmst in deinem Denken, das jetzt ein rein geistig-seelischer Prozeß geworden ist, nicht mehr dein Gehirn zu Hilfe. - Dann steigt man auf zur übersinnlichen Erkenntnis durch diese innerliche Erstarkung des Denkens. Und wie man von einem gewissen Zeitpunkte an dasjenige anerkannt hat, was man durch die Vergrößerung des Mikroskops gesehen hat, so wird man auch darauf kommen durch die Erstarkung des Denkens und die Anerkennung desjenigen, was sich als Forschungsresultate aus dem Übersinnlichen heraus ergibt, daß auch die Natur, in der wir leben, durch unseren intellektuellen Seeleninhalt, durch Intellektualismus nicht voll begriffen werden kann.

[ 20 ] What most people still scoff at today—what they regard as fantasy—will be viewed in the future as a strictly exact method, one that, however, takes place entirely within the soul itself. It will be recognized that through the so-called meditative life—but not the old, mystical meditative life that merely alienates people from the world, but rather the inwardly active meditative life—thinking can be strengthened, especially when combined with the rigorous discipline of the will described in my book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. One is then, however, dealing with a form of thinking about which one knows: You are thinking, but in your thinking—which has now become a purely spiritual-soul process—you no longer rely on your brain. —Then one ascends to supersensible knowledge through this inner strengthening of thinking. And just as, from a certain point onward, we have come to acknowledge what we have seen through the magnification of the microscope, so too will we come to realize—through the strengthening of thought and the acceptance of the findings that emerge from supersensible research—that even the nature in which we live cannot be fully understood through our intellectual soul content, through intellectualism.

[ 21 ] Das ist etwas, was heute dem Menschen noch paradox klingt, was aber, wenn die ernsten Forderungen des kommenden Tages eingesehen werden, nicht mehr paradox klingen wird. Denn einsehen wird man, daß die Natur innerlich unendlich viel reicher ist in ihrer Wirksamkeit als dasjenige, was man durch Naturgesetze fassen kann, die nur der menschliche Verstand aus dem Experiment abzieht. Man kann ja aus innerer menschlicher Neigung heraus vielleicht sagen: Nur dasjenige, was der menschliche Verstand mit einem intellektualistisch anschaubaren Urteil erfassen kann, kann man als innerlich Erfahrenes ansehen. - Aber will man dabei stehenbleiben, will man nur das als Naturgesetz gelten lassen - und alles, was uns heute als Naturgesetze gelehrt wird, wird nur auf diese intellektualistische Art durch das Experiment gewonnen -, dann muß man verzichten auf die wirkliche Erkenntnis der Natur. Denn was nützt es denn, immerfort zu deklamieren: Klar ist nur dasjenige, was aus dem Verstandesurteil, aus dem intellektualistischen Urteil heraus kommt -, wenn alles das, was das Wesen der Natur ist, sich nicht erfassen läßt durch diese Naturgesetze. Die Natur ist so, daß sie sich nicht den Naturgesetzen ergibt, sondern nur den Bildern, die wir im Imaginativen erkennen dann, wenn wir unser Denken erstarken, so daß es unabhängig wird vom Leib und wir es zu unserem Seeleninhalt machen.

[ 21 ] This is something that still sounds paradoxical to people today, but which will no longer sound paradoxical once the serious demands of the coming day are understood. For one will come to realize that nature is, in its inner workings, infinitely richer in its effects than what can be grasped through the laws of nature—which the human intellect derives solely from experimentation. Out of an inner human inclination, one might say: Only that which the human intellect can grasp through an intellectually perceptible judgment can be regarded as something experienced from within. - But if one wishes to stop there, if one wishes to accept only that as a law of nature—and everything we are taught today as laws of nature is derived solely in this intellectualistic manner through experimentation—then one must forgo true knowledge of nature. For what good is it to keep declaring: “Only that which arises from the judgment of the intellect, from the intellectual judgment, is clear”—if everything that constitutes the essence of nature cannot be grasped through these laws of nature? Nature is such that it does not submit to the laws of nature, but only to the images we recognize in the imaginative realm when we strengthen our thinking so that it becomes independent of the body and we make it part of the content of our soul.

[ 22 ] Allerdings, dasjenige, was auf diese Art hingestellt wird als der eigentliche Antrieb und Kern geisteswissenschaftlicher Forschung, es genügt nicht, daß man es theoretisch anerkennt. Es genügt nicht, daß man sich interessiert um seines eigenen inneren seelischen Egoismus willen für die Ergebnisse, für die Vorstellungen und Gedanken dieser Art von Weltenschau, sondern es ist notwendig, daß die innere Gesinnung und menschliche Seelenverfassung, die aus solchem Schauen folgen kann, in unser ganzes öffentliches, soziales Leben ebenso eindringt, wie eingedrungen ist nach und nach - aber vorbereitend die Schrecknisse der letzten vier bis fünf Jahre — die bloß naturwissenschaftliche, intellektualistische Denkweise.

[ 22 ] However, what is presented in this way as the actual driving force and core of Spiritual Science research—it is not enough simply to acknowledge it theoretically. It is not enough to take an interest—for the sake of one’s own inner, psychological egoism—in the results, the mental images, and the thoughts of this kind of worldview; rather, it is necessary that the inner attitude and human state of mind that can arise from such a view penetrate our entire public and social life just as the purely natural-scientific, intellectualistic way of thinking has gradually penetrated it—preceded, however, by the horrors of the last four to five years.

[ 23 ] Da wird einfach begonnen werden müssen mit der Schulung des Menschen. Da wird diese Schulung des Menschen endlich brechen müssen mit demjenigen, was heute noch geradezu als eine Hauptsache allen Schulwesens angesehen wird: daß dieses Schulwesen abhängig sei, beaufsichtigt werde von der Staatsgewalt. Die Staatsgewalten werden aus sich heraus, da sie die Aufgabe haben, den Staat zu organisieren, die Ziele des Schulwesens immer so gestalten wollen, daß der Mensch ein Instrument innerhalb der staatlichen Organisation werde. In der Zukunft wird es nicht darauf ankommen, daß man den Menschen zu dem oder jenem vorbereitet, sondern es wird darauf ankommen, daß man in sich den Sinn dafür erzieht, durch Anschauen des Geistig-Seelischen am Menschen zu beobachten, was sich da von frühester Kindheit an durch des Menschen Leiblichkeit hindurch als Geistiges entwickeln will. Es wird darauf ankommen, daß man die Schule von den untersten Stufen bis zur höchsten Stufe einzig und allein auf diese Anforderungen des Geisteslebens selbst begründet.

[ 23 ] We will simply have to begin by educating people. This education of people will finally have to break away from what is still regarded today as the very essence of the entire school system: that this school system is dependent on and supervised by the state. The state authorities, by their very nature—since their task is to organize the state—will always seek to shape the goals of the school system in such a way that the individual becomes an instrument within the state organization. In the future, what will matter is not preparing people for this or that, but rather cultivating within oneself the ability to observe, through an appreciation of the spiritual and soul aspects of the human being, what seeks to develop as the spiritual from earliest childhood onward through the human physical body. It will be essential to base the school, from the lowest to the highest levels, solely and exclusively on these requirements of spiritual life itself.

[ 24 ] Heute stehen noch unsere öffentlichen Verhältnisse so, daß man nur vereinzelt den Versuch machen kann, ein solches Erziehungswesen durchzuführen, wie das zum Beispiel gemacht worden ist hier unter der Ägide des Herrn Molt mit der Waldorfschule. In der Waldorfschule wird von vorneherein von dem Grundsatz ausgegangen, daß im Menschen sich herausarbeitet von Kindheit an ein Tiefverborgenes, das man aber durch Geistesschau in seinem Werden von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr beobachten kann. Die Methode des Unterrichtens wird so eingerichtet, daß der Mensch ein Vollmensch werde, daß im Menschen von der frühesten Kindheit an diejenigen Kräfte sich entwickeln können, die dann das ganze Leben hindurch standhalten, die es möglich machen, daß der Mensch im spätesten Alter dasjenige aus sich herausholen kann, was in ihm entwickelt worden ist. Da muß in vielem anders vorgegangen werden, als in dem, was man als Erziehungsziel betrachtet hat aus naturwissenschaftlichem und materialistischem Vorurteil gerade in der neuesten Zeit. Da muß vor allen Dingen von dem Bewußtsein ausgegangen werden: Wenn ich alles das, was im Menschen veranlagt liegt, aus diesem Menschen hervorhole, wird er sich später in das soziale Leben so hineinstellen, daß er die Einrichtungen machen wird, nicht daß, wie es heute der Fall ist, die Einrichtungen ihn vergewaltigen, so daß er nur eine Maschine wird in seinem Beruf, ein Abdruck desjenigen Wesens, das ihm sein Beruf aufprägt. Der Mensch der Zukunft, der durch

[ 24 ] Today, our social conditions are still such that one can only make isolated attempts to implement an educational system such as the one established here, for example, under the leadership of Mr. Molt with the Waldorf School. The Waldorf School is based from the outset on the principle that something deeply hidden within the human being begins to emerge from childhood onward, yet can be observed through spiritual insight as it develops from week to week and year to year. The teaching method is designed so that the individual may become a fully developed human being, so that from the earliest childhood those powers may develop within the individual that will then endure throughout their entire life—powers that make it possible for the individual, even in old age, to draw from within themselves what has been developed within them. In many respects, this requires a different approach than what has been regarded as the goal of education—particularly in recent times—due to scientific and materialistic prejudices. Above all, one must proceed from the following awareness: If I draw out everything that lies latent within a person, that person will later engage with social life in such a way that he will shape the institutions—rather than, as is the case today, having the institutions force themselves upon him, so that he becomes merely a machine in his profession, a mere reflection of the nature that his profession imposes upon him. The person of the future, who through

[ 25 ] diese Schule angestrebt werden soll, muß allem äußeren Leben das Siegel aufprägen, nicht aber darf dieses äußere Leben ihm das Siegel aufprägen. Spricht man das aus, so sieht es zunächst aus wie jene Phrasen, die man heute auch oftmals braucht für Erziehungsziele. Aber die bleiben Phrasen, wie so vieles im heutigen Leben, wenn man es nicht anknüpft an die wirkliche Geistesschau. Diese muß aber erst aus den Tiefen der menschlichen Seele heraus durch eine Erkraftung des Denkens, durch eine Selbstzucht des Willens bis zur Methode des übersinnlichen Schauens getrieben werden.

[ 25 ] If this school is to be pursued, it must leave its mark on all external life; however, this external life must not leave its mark on the school. When expressed in this way, it initially sounds like the kind of platitudes that are often used today to describe educational goals. But they remain mere phrases—like so much in life today—unless they are linked to true spiritual insight. This insight, however, must first be driven from the depths of the human soul through the strengthening of thought and the self-discipline of the will, all the way to the method of supersensible perception.

[ 26 ] Es ist eine ernste Forderung des kommenden Tages, daß neben dem, was äußerlich in Laboratorien, in Kliniken erforscht wird, auch anerkannt werde dasjenige, was durch strenge innere Seelenmethode gefunden werden kann als Offenbarung des eigenen, wahren, wirklichen Menschenwesens, das zu gleicher Zeit das übersinnliche, das ewige Wesen des Menschen ist. Und es ist ein Verkennen alles dessen, was die Zeichen der Zeit sprechen, wenn religiöse Vorurteile ein solches Streben so abtun, daß heruntergesetzt wird dasjenige, was so der Mensch aus des Menschen ureigenster Kraft hervorholen will. Es ist schlimm, daß gerade von mancher religiösen Bekenntnisseite her immer wiederum gesagt wird, es sei ein Irrtum oder es sei gefährlich, wenn der Mensch sich innerlich so entwickeln will, daß er zur Anschauung des Übersinnlichen kommt; dieses Übersinnliche solle man aus instinktivem, dem einfachsten Gemüt gegebenem Glauben hinnehmen. - Es klingt das, weil es der menschlichen inneren egoistischen Bequemlichkeit entgegenkommt, für viele sehr schön. Und beschwerlich klingt es für viele, wenn Geisteswissenschaft auftritt, um über die einzelnen Tatsachen der übersinnlichen Welt so zu sprechen, wie sonst die äußere Naturwissenschaft über die äußerlich-sinnlichen Tatsachen des Lebens spricht. Beschwerlich ist es, wenn der Anspruch darauf gemacht wird, für eine Erkenntnis der geistigen Welt einzelnes, mit dem der Mensch als geistig-seelisches Wesen verknüpft ist, so zu beschreiben, wie man diese äußere, sinnliche Welt beschreibt. Der Mensch möchte aus einem ganz unbestimmten Gefühl heraus wie im Handumdrehen alles mögliche als «das Göttliche» erfassen; er möchte sich nicht darauf einlassen, dieses Göttliche in sich auf mühsamen inneren Wegen sich zu erobern. Aber der Mensch wird, indem er sich nicht darauf einlassen will, dieses Göttliche auf dem mühsamen Weg der Seele zu erobern, sondern indem er es in Abstraktheit eines Gefühls festhalten will, sich immer mehr und mehr vom wirklichen Leben entfernen. Was er über die Natur aussprechen wird, wird ohnmächtig sein, in das soziale Leben, in das politische Leben, in den Kultus, selbst in das sittliche Leben einzugreifen. Es wird zuletzt sogar ohnmächtig sein, die Religion selber aufrechtzuerhalten, weil der Mensch gewohnt wird im gegenwärtigen Zeitalter, nach dem Konkreten hinzustreben, weil der Mensch gewohnt wird, der Naturwissenschaft erkennend zuzuschauen und nicht bloß zu glauben. Die Erziehung, die er da sich erringt, wird ihre Kräfte geltend machen auch für dieses Gebiet. Gibt man dann dem Menschen diese Geisteswissenschaft nicht, spricht man ihm nicht von dieser Geistesschau, bekämpft man sie, dann wird er die alten, traditionellen, aus dem Zeitalter der Unbewußtheit herrührenden religiösen Bekenntnisse verlieren. Seine Seele wird veröden. Diejenigen religiösen Bekenntnisse, die sich heute entgegenstemmen einem lebendigen Ergreifen der Geisteswelt, sie sind es, die der wahren Religiosität der Menschheit entgegenarbeiten.

[ 26 ] A serious demand of the coming age is that, alongside what is externally researched in laboratories and clinics, there also be recognition of that which can be discovered through a rigorous inner spiritual method as a revelation of one’s own true, real human nature—which is at the same time the supersensible, eternal essence of the human being. And it is a failure to recognize all that the signs of the times are telling us when religious prejudices dismiss such a striving in a way that belittles what human beings seek to draw forth from their very own innermost power. It is regrettable that, particularly from certain religious denominations, it is repeatedly claimed that it is a mistake or even dangerous for a person to seek inner development leading to the perception of the supersensible; rather, this supersensible realm is said to be something one should accept out of an instinctive faith inherent in the simplest of minds. - This sounds very appealing to many because it caters to the inner, egoistic comfort of human beings. And it sounds burdensome to many when Spiritual Science seeks to speak about the individual facts of the supersensible world in the same way that external natural science speaks about the outward, sensory facts of life. It is burdensome when the claim is made that, in order to gain knowledge of the spiritual world—to which human beings, as spiritual-soul beings, are connected—one must describe individual aspects of it in the same way that one describes this external, sensory world. Out of a completely vague feeling, people would like to grasp all manner of things as “the divine” in the blink of an eye; they do not wish to embark on the arduous inner journey of conquering this divine within themselves. But by refusing to embark on the arduous path of the soul to attain this divine, and instead seeking to grasp it in the abstractness of a feeling, human beings will distance themselves more and more from real life. Whatever they may say about nature will be powerless to influence social life, political life, religious practice, or even moral life. Ultimately, it will even be powerless to sustain religion itself, because in the present age people are becoming accustomed to striving for the concrete, because people are becoming accustomed to observing natural science with understanding rather than merely believing. The education that people thus acquire will exert its influence in this realm as well. If, then, people are not given the Spiritual Science, if they are not told about this spiritual vision, if it is opposed, then they will lose the old, traditional religious creeds that stem from the age of unconsciousness. Their souls will become desolate. Those religious creeds that today stand in the way of a living grasp of the spiritual world are the very ones that work against humanity’s true religiosity.

[ 27 ] Und diese Erkenntnis selber ist eine ernste geistige Forderung des kommenden Tages. Es ist durchaus mit den alten Tatsachen gerechnet, wenn man heute sagt, Religion müsse beim Menschen aus dem dunkelsten Drang heraus kommen, sie müsse durchaus in der Region des Unbewußten sich halten, sie dürfe sich nicht aufschwingen zur vollen Bewußtheit. Was ich Ihnen heute auf diesem Gebiet als eine Charakteristik des eigentlichen geistigen Strebens geschildert habe, das soll eben offenbaren, wie hinzustreben hat die Menschheit nach einem bewußten Erleben der geistigen Welt. Dieses bewußte Erleben der geistigen Welt, es ist für das öffentliche Leben nicht anders zu erreichen als durch das Selbständig-Stellen alles geistigen Strebens und damit hauptsächlich aller Schulung der menschlichen geistigen Kräfte, die unabhängig sind von den staatlich-rechtlichen Kräften, die unabhängig sind von allen wirtschaftlichen Mächten — man kann darüber nachlesen in meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage». Ein Geistesleben, das auf sich selbst gestellt ist, das rein aus dem heraus arbeitet, was über den Geist des Menschen die innerste Seele sagt, das unabhängig ist von allen Autoritäten, ein solches Geistesleben allein wird in der Menschheit erwecken auch ein Bewußtsein über den Geist. Dieses Bewußtsein braucht der Mensch, damit er gewahr werde den Zusammenhang des eigenen Geistes in seinem Innern mit dem die ganze Welt umfassenden Geiste. So hat eigentlich auf dem Gebiet der Erkenntnis die Menschheit die Notwendigkeit gewonnen, den Übergang zu finden von den alten unbewußten Forderungen zu den neueren, immer bewußter und bewußter werdenden Forderungen, die immer stärker und stärker werden auftreten müssen.

[ 27 ] And this insight itself is a serious spiritual demand of the coming age. It is entirely consistent with the old facts when one says today that religion must arise in human beings from the darkest impulse, that it must remain entirely within the realm of the unconscious, and that it must not rise to full consciousness. What I have described to you today in this context as a characteristic of true spiritual striving is intended precisely to reveal how humanity must strive toward a conscious experience of the spiritual world. This conscious experience of the spiritual world can be achieved in public life only by making all spiritual striving—and thus, primarily, all training of the human spiritual powers—independent of state and legal powers and of all economic forces; you can read more about this in my book *The Key Points of the Social Question*. A spiritual life that is self-reliant, that works purely from what the innermost soul says through the human spirit, that is independent of all authorities—such a spiritual life alone will awaken in humanity an awareness of the spirit. Human beings need this awareness so that they may become aware of the connection between their own inner spirit and the spirit that encompasses the entire world. Thus, in the realm of knowledge, humanity has actually come to recognize the necessity of finding the transition from the old, unconscious demands to the newer ones—which are becoming ever more conscious—and which must arise with ever-increasing intensity.

[ 28 ] Aber auch auf anderen Gebieten des Lebens treten ernste Forderungen des kommenden Tages auf. Wenn wir ein zweites Gebiet des menschlichen Lebens, des öffentlichen menschlichen Lebens betrachten — dasjenige Gebiet, das sich ergibt aus dem Zusammenleben von Mensch zu Mensch, wie es der mündig gewordene, erwachsene Mensch entwickelt, wie er es zu gleicher Zeit entwikkelt als Stütze für die aufstrebende Kindheit und Jugend, die hereinwachsen soll in das folgende Zeitalter -, wenn wir dieses Leben betrachten und auf frühere Epochen der Menschheitsentwicklung blicken, geht auch dieses auf Unbewußtes zurück; aber auch dieses Leben fordert den Übergang in die Bewußtheit.

[ 28 ] But serious demands of the coming day also arise in other areas of life. If we consider a second area of human life—public human life — that sphere arising from human interaction, as developed by the mature, adult human being, who at the same time cultivates it as a foundation for the rising generation of children and youth who are to grow into the coming age — when we consider this life and look back at earlier epochs of human development, we see that it, too, has its roots in the unconscious; but this life, too, demands the transition to consciousness.

[ 29 ] Woraus hat sich alles Recht entwickelt? Woraus hat sich alles das entwickelt, was sich gewissermaßen kristallisiert hat in den staatlichen Gesetzgebungen, den gesetzlichen Ordnungen? Ich kann es hier nur kurz andeuten. Aus demjenigen hat es sich entwickelt, was in älteren Zeiten, in den Zeiten der unbewußten Menschheitsentwicklung, entstanden ist aus der Gewohnheit, die Mensch an Mensch entwickelt hat. Unbewußt hat der Mensch entwickelt ein Hinaufschauen zu einem anderen Menschen; daraus ist ein Verhalten entstanden. Unbewußt hat der Mensch entwickelt ein Gefühl dadurch, daß der andere Mensch sich zu ihm in einer gewissen Weise verhalten hat. Daraus sind Rechtsgewohnheiten entstanden. Aus der Unbewußtheit heraus ist die Sitte, ist das Recht entstanden. Auch auf diesem Gebiete hat sich in das Zeitalter der Bewußtheit herein erhalten dasjenige, was nur seine Berechtigung gehabt hat im Zeitalter der Unbewußtheit. In das Zeitalter der Bewußtheit herein hat sich erhalten ein Festhalten an Resten des Altgewohnten. Bis heute hat sich noch wenig gezeigt von einem Übergang zu einer anderen Anschauung gerade des Rechts- und Staatswesens, von einem Übergang zu der Anschauung, die in voller Bewußtheit erfaßt dasjenige, was das Verhältnis von Mensch zu Mensch im äußeren, sozialen Leben ist. So wie aber in der reinen Erkenntnis der Übergang gewonnen werden muß von der Unbewußtheit zur Bewußtheit, so muß auch auf dem Gebiete des Rechts- oder Staatslebens dieser Übergang gefunden werden von der Unbewußtheit zur Bewußtheit. Das muß herausgeboren werden aus dem, was der Mensch erlebt, indem er durch Geistesschau innerlich den Geist kennenlernt. Es muß herausgeboren werden aus diesem Wissen des Übersinnlichen die Art und Weise, wie Mensch zu Mensch rechtlich-staatlich in der sozialen Ordnung steht. Es muß herausgeboren werden aus des Menschen Bewußtsein vom Übersinnlichen das irdische Bewußtsein — das Bewußtsein: Indem du dastehst als Mensch und gegenüberstehst dem anderen Menschen, sind wir beide nicht nur das, was da als Menschenleib dem Menschenleib gegenübersteht; wir beide sind die Träger eines Geistig-Seelischen. Es verkehrt ein Geistig-Seelisches mit einem Geistig-Seelischen. — Das läßt sich als Seeleninhalt nicht durch theoretische Anschauung erwerben. Das kann als Seeleninhalt nur entstehen, wenn er belebt wird von frühester Kindheit an durch eine Schulung, die alles Natürliche an das Geistige anknüpft, die alles Natürliche auch vom Geistigen aus durchdringt. Wenn der Mensch mit seiner innersten Empfindung in der Wahrheit vom Geistigen drinnensteht, dann wird er auch im Verkehr von Mensch zu Mensch jene Gefühle entwickeln, die ihn als Geistwesen dem anderen Geistwesen gegenüberstellen. Dann wird er in der staatlich-rechtlichen Ordnung zwar zunächst ein Ergebnis des Verhaltens der Menschen sehen, aber er wird darin als tieferen Sinn dasjenige anerkennen, was die ganze Menschheit als Übersinnliches durchdringt. Weil noch für dieses Gebiet die Reste des Unbewußten aus alten Zeiten in unsere Zeit hereinragen, deshalb hat sich dasjenige, was früher aus Unbewußtem heraus den Menschen in seinen Rechtsempfindungen, seinen Staatsgefühlen voll belebte, umgebildet zu einer bloßen Konvention. Die Konvention, sie muß wiederum in sich aufnehmen das Lebendige, dasjenige, was elementarisch von Mensch zu Mensch wirken kann. Das kann aber wiederum nur dadurch geschehen, daß wirklich der Mensch einen Boden findet, auf dem - unabhängig von allem übrigen Menschenleben - sich abspielt nur dasjenige, was sich entwickelt von Menschenseele zu Menschenseele als Recht. Weil aber das alte Unbewußte, das in einer gewissen Beziehung für unsere vergangene Epoche seine Berechtigung hatte, sich hereinerhalten hat bis in unsere Epoche, hat es seinen Sinn verloren. Das Recht hat sich erhalten dem äußeren Wortlaut, der äußeren Sitte nach; der innere Sinn ist verlorengegangen. Es konnte daher nicht ausgeübt werden aus der inneren Lebendigkeit der Seele heraus; es konnte nur ausgeübt werden aus der physischen Macht heraus.

[ 29 ] From what did all law develop? From what did everything develop that has, so to speak, crystallized in state legislation and legal systems? I can only briefly touch on this here. It developed from what arose in earlier times—in the era of humanity’s unconscious development—out of the customs that people developed in their interactions with one another. Unconsciously, people developed a sense of looking up to another person; from this, a certain way of behaving emerged. Unconsciously, human beings developed a feeling as a result of the way another person behaved toward them. From this, legal customs arose. Out of this unconsciousness, custom and law emerged. In this realm, too, what had its justification only in the age of unconsciousness has been preserved into the age of consciousness. A clinging to remnants of old habits has persisted into the age of consciousness. To this day, little has been seen of a transition to a different conception—particularly of the legal and political system—a transition to a conception that, in full consciousness, grasps the nature of the relationship between human beings in external, social life. But just as in pure knowledge the transition must be achieved from unconsciousness to consciousness, so too in the realm of legal and political life must this transition be found—from unconsciousness to consciousness. This must be brought forth from what the human being experiences as he or she comes to know the spirit inwardly through spiritual insight. The manner in which human beings relate to one another legally and politically within the social order must be born out of this knowledge of the supersensible. Earthly consciousness must be born out of the human being’s awareness of the supersensible—the awareness that: When you stand there as a human being and face another human being, we are both not merely what stands there as one human body facing another human body; we are both bearers of a spiritual-soul nature. One spiritual-soul aspect interacts with another spiritual-soul aspect. — This cannot be acquired as a content of the soul through theoretical contemplation. It can arise as a content of the soul only if it is enlivened from earliest childhood onward through an education that links everything natural to the spiritual and that also permeates everything natural from the spiritual. When a person stands within the truth of the spiritual with their innermost feeling, then they will also develop, in human interaction, those feelings that place them, as a spiritual being, face to face with another spiritual being. Then, while they will initially see the state-legal order as a result of human behavior, they will recognize within it, as a deeper meaning, that which permeates all of humanity as the supersensible. Because remnants of the unconscious from ancient times still extend into our own era in this realm, what once fully animated human beings—out of the unconscious—in their sense of justice and their civic sentiments has been transformed into a mere convention. This convention, in turn, must incorporate within itself that which is alive—that which can act elementally from one human being to another. But this, in turn, can only happen if human beings truly find a foundation on which—independent of all other aspects of human life—only that which develops from one human soul to another as law takes place. Yet because the old unconscious, which in a certain sense had its justification for our past epoch, has persisted into our own epoch, it has lost its meaning. The law has been preserved in its external wording and customs; its inner meaning has been lost. It could therefore not be exercised out of the inner vitality of the soul; it could only be exercised out of physical power.

[ 30 ] Und so sehen wir, wie sich heute, zunächst noch halb unbewußt, aus der Menschheit heraus erhebt der Appell - aber ein Appell, der heute zu stark aus der Phrase heraus erhoben wird, der der Phrase entkleidet und mit Wirklichkeit bekleidet werden muß -, es erhebt sich der Appell, das, was bloß unter dem Einfluß der äußeren Machtgebote besteht, durch ein wirkliches Recht zu ersetzen, in ein wirkliches Recht zu verwandeln. Was in unseren äußeren Institutionen auf dem Rechts- oder Staatsboden als Macht lebt, ist einfach dadurch entstanden, daß das, was früher aus dem Unbewußten entsprungen ist, sich festgehalten hat ohne Sinn, so daß es jetzt nicht aus der menschlichen Seele festgehalten werden kann, sondern durch äußere Macht festgehalten wird. Es muß sich verwandeln - auf dem Weg, der aber nur gesucht werden kann in dem Übergang vom unbewußten Fühlen von Mensch zu Mensch zu dem bewußten Fühlen des einzelnen Menschen für das wirkliche geistig-seelische Wesen des anderen Menschen.

[ 30 ] And so we see how today, at first still half-unconsciously, an appeal is rising from within humanity—but an appeal that is currently raised too strongly as mere rhetoric, one that must be stripped of rhetoric and clothed in reality— the call is rising to replace that which exists merely under the influence of external imperatives of power with a true right, to transform it into a true right. What lives as power in our external institutions on the legal or political plane has arisen simply because what once sprang from the unconscious has persisted without meaning, so that it can no longer be sustained by the human soul but is sustained by external power. It must be transformed—along a path that can, however, only be sought in the transition from unconscious feeling between human beings to the conscious feeling of the individual human being for the true spiritual and soul nature of another human being.

[ 31 ] Und so wie in der Epoche der Unbewußtheit sich das Erkennen entwickelt hat, so wie dasjenige, was Sitte war und Recht geworden ist, sich herausentwickelt hat aus Elementarischem, aus demjenigen, was nicht unter das Bekannte, Überschaubare gerechnet werden konnte, so haben sich auch entwickelt die Gebräuche, die Verhaltungsmaßregeln des äußeren Lebens. Sie haben sich entwickelt durch die Anpassung des Menschen an seinen Umgang, durch das Verkehren mit den äußeren Dingen, durch das Probieren, durch das Schaben, Kratzen, Schleifen im äußeren Leben; mit anderen Worten: so haben sich die Geschicklichkeiten des Wirtschaftslebens entwickelt. Aus dem Unbewußten heraus haben sich diese Geschicklichkeiten des Wirtschaftslebens entwickelt. Und in dem Zeitalter, in dem stehengeblieben ist der alte, unbewußte Rest, der nicht mit neuem, innerem seelischen Erleben angefüllt hat das, was früher mit dem Seelisch-Unbewußten erfüllt war in der Behandlung der Außenwelt durch den Menschen, ist das leergeworden, ist das zur bloßen Routine geworden. Der Geist aber muß den Menschen ergreifen. Das Übersinnliche muß in die Bewußtheit einziehen, dann wird der Mensch wiederum die wirtschaftliche Außenwelt durchdringen mit dem, was ihn von innen befeuert. Dann wird er der Außenwelt wieder einen Sinn geben. Dann wird der Beruf nicht ihn machen, dann wird er den Beruf machen. Dann wird auch notwendig sein, daß der Mensch nicht einfach hineingestellt wird in irgendeinen Beruf und sich ihm anzupassen hat, sondern es wird notwendig sein, daß er erzogen wird aus den Anforderungen und Kräften der Menschennatur heraus. Er wird sich hineinstellen in das Gefüge des wirtschaftlichen Lebens, in dem überschaubare Assoziationen bestehen werden, Assoziationen zwischen den Leuten gleicher und ähnlicher Berufe oder angrenzender Berufe, in dem Assoziationen bestehen werden zwischen denen, die produzieren, und denen, die konsumieren. Solche Assoziationen werden nur eine solche Größe erreichen, daß die ganzen Verhältnisse darin durch Menschenkraft überschaubar sind, daß diese überschaubaren Assoziationen mit anderen in freiem Verkehr des wirtschaftlichen Austausches stehen können. Da wird sich dasjenige entwickeln, was im Wirtschaftsleben aus Anschauung, aus Erfahrung gewonnen wird. Da wird es unmöglich sein - weil die

[ 31 ] And just as cognition developed during the epoch of unconsciousness, just as what was custom and became law evolved from the elemental—from that which could not be counted among the known and comprehensible—so, too, did customs and the rules of conduct in external life develop. They developed through human adaptation to one’s surroundings, through interaction with external things, through trial and error, through scraping, scratching, and grinding in external life; in other words: this is how the skills of economic life developed. These skills of economic life developed out of the unconscious. And in the age in which the old, unconscious remnant has remained stagnant—in which what was once filled with the spiritual-unconscious in humanity’s interaction with the external world has not been replenished with new, inner spiritual experience—that which was once filled with the spiritual-unconscious has become empty; it has become mere routine. But the spirit must take hold of humanity. The supersensible must enter into consciousness; then human beings will once again permeate the external economic world with what fires them from within. Then they will once again give meaning to the external world. Then the profession will not shape them; rather, they will shape the profession. Then it will also be necessary that a person not simply be placed into some profession and forced to adapt to it, but rather that he be educated in accordance with the demands and strengths of human nature. They will insert themselves into the fabric of economic life, in which manageable associations will exist—associations among people in the same or similar professions or related professions, and associations between those who produce and those who consume. Such associations will only reach a size such that all the relationships within them can be managed by human effort, and such that these manageable associations can engage in free economic exchange with others. There, what is gained in economic life through observation and experience will develop. There, it will be impossible—because the

[ 32 ] — Menschen zu überschaubaren Assoziationen zusammengeschlossen sind -, da wird es unmöglich sein, daß der eine dem anderen irgend etwas darbietet, was der andere nicht seinem ganzen Ursprung, seinem Herkommen nach kennt. Da wird man bauen können auf das, was sich durch die Kraft der Organisationen, der Assoziationen gebildet hat. Da wird man wissen, mit wem man es zu tun hat, weil man einsehen wird, wie der einzelne durch den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhang in Assoziationen hineinkommt. Da wird wahrhaftig im wirtschaftlichen Leben anstelle des Ungeistes der Geist herrschen. So kann man sagen, daß durch die Assoziationen — indem die Menschen durch diese Assoziationen einander kaufmännisch und wirtschaftlich kennenlernen -, die Bewußtheit auch in das Wirtschaftsleben einzieht. So wird einfach durch das Drinnenstehen in diesen Assoziationen das bewußte wirtschaftliche Leben sich entwickeln.

[ 32 ] — When people are united in manageable associations — it will be impossible for one person to offer another anything that the other does not already know in its entirety, based on its origin and background. Then it will be possible to build upon what has been formed through the power of organizations and associations. Then one will know who one is dealing with, because one will understand how the individual enters into associations through economic and social connections. Then the spirit will truly reign in economic life in place of the unspiritual. Thus, one can say that through these associations—as people come to know one another commercially and economically through them—consciousness also enters into economic life. Thus, simply by being a part of these associations, conscious economic life will develop.

[ 33 ] Der Übergang von der Unbewußtheit zur Bewußtheit: das ist dasjenige, was die Menschen ergreifen müssen im einzelnen, engbegrenzten Kreise des öffentlichen, äußeren Lebens, was die Menschen auch ergreifen müssen im Großen. Wir sehen, wie das Unbewußte heute auf einem Gebiet des großen Weltenlebens wirkt. Aber man könnte auch fragen: Wie wenige sehen es da?

[ 33 ] The transition from the unconscious to consciousness: this is what people must grasp in the specific, narrowly defined spheres of public, external life, and what they must also grasp on a larger scale. We see how the unconscious is at work today in one area of world life. But one might also ask: How few people see it there?

[ 34 ] Wir haben gesehen, wie sich unter dem Einfluß der Ereignisse der letzten vier bis fünf Jahre gegen Mitteleuropa eine Weltkoalition erhoben hat, wie durch die traurigen Ereignisse dieser Jahre sich herausgehoben hat die Hegemonie der englischsprechenden Bevölkerung über die Erde hin. Und in dieser Beziehung wird die Menschheit noch viel erleben. Für den, der mit unbefangenem Urteil diese Angelegenheiten überschauen kann, für den steht eine sehr herbe Zukunft bevor. Wenn man hinzuschauen vermag gerade auf die großen Weltereignisse, muß man auch von diesem Gesichtspunkte aus die Frage stellen: Welchen Charakter hat denn das öffentliche politische Leben derjenigen Macht, die heute als die englischsprechende Macht nach Weltherrschaft strebt? Welches ist der Grundcharakter gerade der englisch-amerikanischen Politik? -— Man findet ihn kaum ausgesprochen; man steht heute fast in der ganzen Welt unter dem Einfluß dieser Politik, und man findet ihn kaum ausgesprochen. Man sieht, wie gewisse Erscheinungen in dieser Politik immer wiederkehren, aber man kann diese Erscheinungen nicht in der richtigen Weise charakterisieren. Man hätte hinhören können, wie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Leute, die vertraut waren in England mit dem, was man dort eigentlich anstrebte, im Grunde vorausgesagt haben zum Beispiel das Schicksal des heutigen europäischen Ostens, die vorausgesagt haben zum Beispiel, daß ein großer Weltkrieg kommen müsse. Aber gehandelt hat diese Politik unter dem Einfluß dieser Antriebe.

[ 34 ] We have seen how, under the influence of the events of the last four to five years, a global coalition has risen against Central Europe, and how the sad events of these years have brought to the fore the hegemony of the English-speaking population over the world. And in this regard, humanity still has much to experience. For those who can survey these matters with an unbiased judgment, a very bleak future lies ahead. If one is able to look specifically at the major world events, one must also ask the question from this perspective: What is the nature of the public political life of that power which, as the English-speaking power, is striving for world domination today? What is the fundamental character of Anglo-American politics in particular? — It is scarcely articulated; today, almost the entire world stands under the influence of this policy, and yet it is scarcely articulated. One sees how certain phenomena recur time and again in this policy, but one cannot characterize these phenomena correctly. One could have listened to how, in the last third of the 19th century, people in England who were familiar with what was actually being pursued there essentially predicted, for example, the fate of today’s Eastern Europe, and predicted, for example, that a great world war was bound to come. But this policy has acted under the influence of these impulses.

[ 35 ] Das ist dasjenige, was so wenig durchschaut wird. Das ist dasjenige, was aber durchschaut werden muß, wenn man überhaupt zu einer praktischen Gestaltung des Lebens vorschreiten will, wenn man eine praktische Stellung im heutigen öffentlichen Leben gewinnen will. Dann muß man aber auch sagen: Verläuft denn diese englische Politik nicht so, daß sie oftmals scheinbar Schritte vorwärts macht, wieder zurücknimmt und so weiter? Wir können das in der englischen Politik gegenüber Ägypten, gegenüber Rußland bis in die heutigen Tage verfolgen, wenn man sehen kann, wie Lloyd George sich verhalten hat vor einigen Monaten, wie er sich heute verhält, wie er Schritte vorwärts macht, sie wieder zurücknimmt. Was aber ist in alledem drinnen? Ein ganz bestimmtes Ziel ist darin, das mit dem Volksegoismus der englischsprechenden Erdenbevölkerung zu tun hat. Dieses Ziel ist aber so darinnen, wie in den früheren Epochen der Menschheitsentwicklung aus dem Unbewußten heraus der Mensch sich Ziele gesetzt hat. Dann ging er im Äußeren, zum Beispiel im Wirtschaftsleben, ans Probieren, an die Anpassung an die Umgebung.

[ 35 ] This is precisely what is so rarely understood. Yet this is what must be understood if one wishes to make any headway toward a practical way of life, if one wishes to gain a practical foothold in today’s public life. But then one must also ask: Doesn’t British policy often proceed in such a way that it appears to take steps forward, only to retract them, and so on? We can trace this in British policy toward Egypt and toward Russia right up to the present day, if we look at how Lloyd George behaved a few months ago, how he is behaving today, how he takes steps forward only to retract them. But what lies behind all this? There is a very specific goal involved, one that has to do with the national egoism of the English-speaking population of the world. Yet this goal is embedded in the same way that, in earlier epochs of human development, people set goals for themselves arising from the unconscious. Then they proceeded outwardly—for example, in economic life—to experiment and adapt to their surroundings.

[ 36 ] Sieht man auf der einen Seite hin auf das aus dem Unbewußten herausgeborene englisch-politische Ideal der Weltherrschaft und beobachtet diese Schritte vorwärts und zurück, beobachtet, was im Einzelnen versucht und getan wird, dann findet man die einzige wirklich richtige Bezeichnung für die Politik: Sie hat aus dem Unbewußten heraus ihre großen Ziele, und sie ist in bezug auf die einzelnen Handlungen Experimentalpolitik. Sie ist so stark Experimentalpolitik, Versuchspolitik, aus unbewußten Zielen festgestellte Politik, daß man sich nicht entmutigen läßt, wenn das eine oder andere nicht gelingt. Man versucht es eben dann auf anderem Wege. Man hat die unbewußten Ziele, und in der Bewußtheit experimentiert man, probiert man, und wenn man auf die eine Weise nicht weit genug kommt, so versucht man, auf die andere Weise weit genug zu kommen. Da haben wir auf dem Gebiet des großen Weltenwesens, der Welthandlungen das Heraufspielen des Unbewußten, das bloß probiert und experimentiert, da haben wir dasjenige, was auch überwunden werden muß durch die Forderung des kommenden Tages.

[ 36 ] If, on the one hand, one looks at the English political ideal of world domination—born of the unconscious—and observes these steps forward and backward, noting what is attempted and done in each instance, then one finds the only truly accurate description of politics: It derives its grand goals from the unconscious, and in terms of individual actions, it is experimental politics. It is so profoundly experimental politics—a politics of trial and error, a politics determined by unconscious goals—that one does not allow oneself to be discouraged if one approach or another fails. One simply tries another path. One has these unconscious goals, and in consciousness one experiments, one tries things out, and if one does not get far enough one way, one tries to get far enough another way. Here, in the realm of the great world order and world events, we see the emergence of the unconscious, which merely tries and experiments; here we have that which must also be overcome by the demands of the coming day.

[ 37 ] Hier durchschaut, erkennt man, meine sehr verehrten Anwesenden, daß dasjenige, was heute als Hauptsächliches in der Welt geschieht, ich möchte sagen Gott sei Dank nicht der kommende Tag ist, sondern doch die Abenddämmerung ist. Der wirkliche kommende Tag aber, er wird sich aus der Forderung heraus ergeben, die nur entstehen kann durch eine innere Entwicklung der menschlichen Seele selbst. Diese Entwicklung zielt dahin, dasjenige, was früher mit Recht in der Menschheit als Unbewußtes gewaltet hat, zum Bewußten herauf zu erheben. Allerdings aber muß diese Entwicklung bis in die intimsten, innersten Kräfte der menschlichen Seele hereingehen.

[ 37 ] When viewed in this light, my esteemed audience, one realizes that what is happening in the world today—and I would say, thank God, it is not the coming day, but rather the twilight. The true new day, however, will arise from a need that can only emerge through an inner development of the human soul itself. This development aims to raise to consciousness that which previously, and rightly so, reigned as the unconscious within humanity. However, this development must penetrate even into the most intimate, innermost forces of the human soul.

[ 38 ] Es ist Ihnen heute gesagt worden, daß nach meinem letzten Vortrag Traktätchen verteilt worden sind. In diesen Traktätchen stehen allerlei Dinge. Unter anderem wird da auch wiederum das alte Märchen aufgewärmt, daß man es bei dieser Geisteswissenschaft mit einer das Christentum verhöhnenden Anschauung, vor allen Dingen mit einer Verhöhnung des Christus selber zu tun habe. - Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was durch den Christus Jesus in die Menschheitsentwicklung der Erde hineingekommen ist, ist eine Tatsache - eine Tatsache, die hineingestellt ist in diese ganze Menschheitsentwicklung. Diese Tatsache muß jedes Zeitalter, in dem die Menschheit fortschreitet, in ihrer Eigenart neu begreifen. Schwachmütig ist der, der da glaubt, nur dann auf einem christlichen Boden stehen zu können, wenn er nur die alten Vorstellungen gelten lassen kann und wenn er ablehnt dasjenige, was gerade aus einer neuen Entwicklungsstufe des menschlichen Seelenlebens als Anschauung des Christentums sich ergibt.

[ 38 ] You were told today that pamphlets were distributed after my last lecture. These pamphlets contain all sorts of things. Among other things, they once again rehash the old myth that the Spiritual Science involves a view that mocks Christianity—and, above all, a mockery of Christ himself. - Well, my esteemed audience, what was brought into the development of humanity on Earth through Christ Jesus is a fact—a fact that is embedded in the entire course of human development. Every age in which humanity progresses must grasp this fact anew in its own unique way. Foolish is the one who believes that he can stand on Christian ground only if he accepts only the old mental images and rejects that which arises precisely from a new stage of development in human spiritual life as a Christian perspective.

[ 39 ] Solche Leute, die da gerade dasjenige verurteilen, was Geisteswissenschaft über den Christus und über das Mysterium von Golgatha zu sagen hat, die lehnen sich wenig an das schöne Paulinische Wort an: Nicht ich, sondern der Christus in mir. - Geisteswissenschaft ist sich klar darüber, daß der Christus aus übersinnlichen Höhen hineingezogen ist in diese Erdenentwicklung und daß er mit dieser Erdenentwicklung so verbunden ist, daß der heutige Mensch nicht aus passivem Hoffen heraus in den kommenden Tag hineinleben kann, sondern daß er in seinem eigenen Innern die Kraft als Mensch entwickeln muß, die diesen kommenden Tag herbeiführen wird. Weil aber die Kraft des Christus durch das Mysterium von Golgatha in die Menschheitsentwicklung eingezogen ist, so wird derjenige, der sich mit dieser Christuskraft verbindet, in dem Christus nicht bloß haben den «Erlöser des sündigen Menschen», der passiv rechnet auf seinen Erlöser, sondern er wird in sich haben den Helfer bei dem Herbeiführen des kommenden Tages. Er wird in Wahrheit sagen: Nicht ich, sondern der Christus in mir —, aber der Christus nicht bloß als Sündenerlöser, sondern der Christus als Anfeurer und Auferwecker all der Kräfte, die in der Folgezeit als Kräfte des Menschheitsfortschrittes werden hervortreten können. Und diejenigen, die da glauben, sich aus Bekenntnissen heraus gegen so etwas auflehnen zu müssen, die mißverstehen vielleicht die allerernstesten Forderungen des kommenden Tages, denn sie verstehen nichts vom wirklichen Sinn dieses Paulinischen Wortes. «Der Christus in mir» ist nicht bloß etwas passiv Geglaubtes, sondern eine aktive Kraft, die mich als Mensch vorwärtsbringt. Nicht ich, sondern der Christus in mir -, so sagt die Geisteswissenschaft. Die andern aber, die diese Geisteswissenschaft bekämpfen, die sagen gar nicht: Nicht ich, sondern der Christus in mir —, sondern sie sagen: Nicht ich, sondern die alten Meinungen, die ich haben will über den Christus in mir. — Nicht sagen sie: Der Christus in mir -, sondern: meine altgewohnten Meinungen in mir; meine altgewohnten Vorstellungen über den Christus in mir. — Das richtige Verständnis des Paulinischen Wortes, das ist es, was eine ernsteste Forderung gerade auch des christlichen Fortschrittes erfüllen wird.

[ 39 ] Such people, who condemn precisely what Spiritual Science has to say about Christ and the Mystery of Golgotha, draw little inspiration from the beautiful Pauline saying: “Not I, but Christ in me.” - Spiritual Science is fully aware that Christ has been drawn from supersensible heights into this earthly evolution and that He is so connected to this earthly evolution that modern human beings cannot live into the coming day out of passive hope, but must develop within themselves, as human beings, the power that will bring about that coming day. But because the power of Christ has been drawn into human evolution through the Mystery of Golgotha, the one who connects with this Christ-power will find in Christ not merely the “Savior of sinful humanity”—who passively relies on his Savior—but will have within himself the helper in bringing about the coming day. He will truly say: Not I, but Christ within me—but Christ not merely as the Redeemer of sin, but Christ as the inspirer and awakener of all the forces that will be able to emerge in the coming age as forces of human progress. And those who believe they must rebel against such a thing on the basis of their creeds may be misunderstanding the most serious demands of the coming age, for they understand nothing of the true meaning of this Pauline saying. “Christ within me” is not merely something believed in passively, but an active force that propels me forward as a human being. “Not I, but the Christ within me”—so says Spiritual Science. The others, however, who oppose Spiritual Science, do not say at all: “Not I, but the Christ within me”—but rather they say: “Not I, but the old opinions I wish to hold about the Christ within me.” — They do not say: “The Christ within me”—but rather: “my long-held opinions within me”; “my long-held mental images of the Christ within me.” — A correct understanding of Paul’s words is precisely what will fulfill one of the most serious requirements for Christian progress.

[ 40 ] Damit habe ich Ihnen heute einige der Forderungen des kommenden Tages zu charakterisieren versucht, und ich glaube, gerade diese ernsten Betrachtungen damit schließen zu dürfen, daß ich sage: Wenn der Menschheit Kraft werden soll aus dem Geiste, dann muß es auch zu einer neuen Erfassung des wahren, des echten christlichen Wesens aus dem Geistigen kommen. Und das ist wahrhaftig nicht die letzte, nicht die unernsteste Forderung des kommenden Tages.

[ 40 ] With this, I have attempted today to characterize for you some of the demands of the coming day, and I believe I may conclude these serious reflections by saying: If humanity is to draw strength from the Spirit, then there must also be a new understanding of the true, authentic Christian essence from the spiritual realm. And that is truly not the least, nor the least serious, of the demands of the days to come.