The Crisis of the Present
and the Path to Healthy Thinking
GA 335
10 March 1920, Stuttgart
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The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking, tr. SOL
3. Die Völker der Erde im Lichte der Geisteswissenschaft
3. The Peoples of the Earth in the Light of Spiritual Science
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Die letzten Jahre haben geoffenbart, welche Summe von Haß- und Antipathiegefühlen durch die Seelen der Völker der Erde haben ziehen können. Niemand wird seiner Empfindung nach sich verschließen vor der Erkenntnis dessen, was doch eine Wahrheit ist: daß auf dem Wege dieses Hasses und dieser Antipathie das Erdenleben einen gedeihlichen Fortschritt nicht wird nehmen können. Und so darf es unter den mancherlei Betrachtungen, die ich hier schon vor Ihnen anstellen durfte, wohl auch einmal gestattet sein, vom Standpunkte der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis über alles das zu reden, was nach dieser Erkenntnis die Menschheit, die ganze zivilisierte Menschheit wenigstens, einen kann. Gewiß, Erkenntnisse sind noch nicht Gefühle. Aber geisteswissenschaftliche Erkenntnisse — auch das ist hier von diesem Orte aus schon ausgesprochen worden -, geisteswissenschaftliche Erkenntnisse sind enger verbunden mit der ganzen menschlichen Wesenheit, mit dem Innersten des Menschen selbst, als äußere, abstrakte Wahrheiten, als äußere Sinneswahrheiten. Daher sind geisteswissenschaftliche Wahrheiten wohl auch geeignet, Empfindungen, Gefühle, Willensimpulse aus den Menschen loszulösen, so daß sehr wohl aus der starken inneren Kraft, die aus geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen über das Einende der Völker sich offenbaren kann, auch gekräftigt werden können die Gefühle der Sympathie, die Gefühle der gegenseitigen Liebe unter den verschiedenen Völkern der Erde. Und da im Laufe der Menschheitsentwicklung diese Menschheit immer mehr und mehr fortschreitet von dem instinktiven, unbewußten Leben zu dem bewußten Leben, zu der vollen, willkürlichen Erfassung der menschheitlichen Aufgabe, so ist es schon so, daß für die Zukunft nicht das unbestimmte, gefühlsmäßige Lieben allein hinreichen wird, um die Völker der Erde zu einen, sondern es muß die bewußte gegenseitige Erkenntnis dessen aufgehen, was das Wesen des einen Volkes von dem Wesen des anderen Volkes wird erwarten können.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! The past few years have revealed the extent to which feelings of hatred and antipathy have been able to take root in the souls of the peoples of the earth. No one who is true to their feelings will close themselves off from the realization of what is, after all, a truth: that, on the path of this hatred and antipathy, life on Earth will not be able to make fruitful progress. And so, among the various reflections I have already been permitted to share with you here, it may well be permissible to speak—from the standpoint of Spiritual Science knowledge—about all that, according to this knowledge, can unite humanity, at least all of civilized humanity. Certainly, knowledge is not yet feeling. But insights from Spiritual Science—and this, too, has already been stated here—are more closely connected to the whole human being, to the innermost core of the human being itself, than external, abstract truths or external sensory truths. Therefore, truths of Spiritual Science are indeed well-suited to stir up sensations, feelings, and impulses of the will in people, so that the strong inner power that can be revealed through insights into the unifying force among peoples can very well serve to strengthen the feelings of sympathy and mutual love among the various peoples of the earth. And since, in the course of human development, humanity is progressing more and more from instinctive, unconscious life toward conscious life—toward a full, voluntary grasp of the human mission— it is already the case that, in the future, vague, emotional love alone will not suffice to unite the peoples of the earth; rather, there must arise a conscious, mutual understanding of what the nature of one people can expect from the nature of another.
[ 2 ] Wir haben ja auf einem Gebiete heute es verhältnismäßig leicht einzusehen, wie notwendig diese Einigung der Menschen über die Erde hin ist; wir brauchen nur zu sehen auf die heutigen furchtbaren Schädigungen des Wirtschaftslebens. Und wenn wir nach den letzten Gründen fragen, warum dieses Wirtschaftsleben solche Schädigungen erfahren hat, auf welchen Wegen der Zerstörung es wandelt, so müssen wir uns zunächst sagen, daß aus einem unbestimmten Drang der ganzen Menschheit heraus das Streben, die Tendenz vorhanden ist, die ganze Erde zu einem Wirtschaftsgebiet zu machen. Aber auf der anderen Seite sind die Völker der Erde nicht so weit, ihre nationalen Egoismen so zu veredeln, daß wirklich dasjenige, was diese einzelnen Völker erwirtschaften können, zu einem Gesamtwirtschaftsleben der Erde werden kann; das eine Volk will dem anderen etwas abjagen. Dadurch entstehen aus den alten Instinkten der Völker heraus unsachliche Gesichtspunkte, während von den neuen Instinkten eine erdenweite Wirtschaft der Gesamtmenschheit gefordert wird. Das ist ja eine Erkenntnis, die heute, ich möchte sagen mit Händen zu greifen ist, die auch immer wieder und wiederum von führenden Geistern der Gegenwart betont wird: daß dieses Streben nach einer einheitlichen Erdenwirtschaft vorhanden ist, daß ihm aber gegenüberstanden bis in das 20. Jahrhundert herein die nationalen Wirtschaften und daß diese nationalen Wirtschaften mit ihrem Gegensatz zu der Erden-Gesamtwirtschaft verursacht haben den Niedergangsprozeß des wirtschaftlichen Lebens, vor dem wir heute stehen.
[ 2 ] In one area today, it is relatively easy to see how necessary this unity among people across the globe is; we need only look at the terrible damage currently being done to economic life. And when we ask about the underlying reasons why this economic life has suffered such damage, and along which paths of destruction it is heading, we must first acknowledge that, stemming from an indefinable impulse of all humanity, there is a striving, a tendency, to turn the entire Earth into a single economic sphere. But on the other hand, the peoples of the world are not yet ready to elevate their national self-interest to such a degree that what these individual peoples can produce can truly become part of a global economic life; one people wants to snatch something away from another. As a result, the old instincts of the nations give rise to subjective perspectives, while the new instincts call for a global economy for all of humanity. This is, after all, a realization that today—I would say—is plain to see, one that is repeatedly emphasized by the leading minds of our time: that this striving for a unified global economy exists, but that national economies stood in opposition to it well into the 20th century, and that these national economies, through their opposition to the global economy, have brought about the process of decline in economic life that we face today.
[ 3 ] Allein, darauf soll nur hingedeutet werden. Das ist es nicht, was uns heute im wesentlichen beschäftigen soll; ein anderes ist es. Uns soll dasjenige beschäftigen, was die Völker geistig und seelisch wiederum abbringen soll von dem so erschreckend sich offenbarenden Haß, der so erschreckend sich offenbarenden Antipathie, wie wir sie erlebt haben im Laufe der letzten fünf bis sechs Jahre. Vorhanden waren sie gewiß schon lange, geoffenbart haben sie sich in einer so furchtbaren Art im Laufe der letzten fünf bis sechs Jahre. Handelt es sich aber um die Erkenntnis des einen Volkes durch das andere, handelt es sich darum, daß aufgenommen werde das geistig-seelische Wesen des einen Erdenvolkes in das geistig-seelische Wesen des anderen Erdenvolkes, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, können wir nicht etwa bloß unter dieses andere Volk gehen oder durch unser Schicksal dahin geführt werden, um auf diese Weise — gewissermaßen durch dasjenige, was sich im alltäglichen Verkehr zwischen Mensch und Mensch abspielt — einander als Völker kennenzulernen. Für eine Völkererkenntnis genügt das Reisen oder das Leben unter anderen Völkern ebensowenig, wie es zum Verständnis des einzelnen, individuellen Menschen etwa genügt, wenn ich bloß seine Gebärden, seine Bewegungen anschauen würde. Wenn ich Sinn für solche Dinge habe, könnte ich aus seinen Gesten, aus seinen Bewegungen mancherlei von dem erraten, was im Innern des Menschen ist; allein ich werde ihn direkter erkennen, wenn ich in der Lage bin, seine Sprache auf mich wirken zu lassen, wenn ich in der Lage bin, dasjenige von ihm anzunehmen, was er durch seine eigene, seine innere Kraft mir übermitteln will.
[ 3 ] However, this is merely to be pointed out. That is not what should essentially concern us today; it is something else. We should focus on what can once again turn the peoples’ minds and souls away from the hatred that has manifested itself so terrifyingly, from the antipathy that has manifested itself so terrifyingly, as we have experienced over the course of the last five to six years. These feelings certainly existed for a long time, but they have revealed themselves in such a terrible way over the course of the last five to six years. But if it is a matter of one people coming to know another, if it is a matter of the spiritual and soul nature of one people on Earth being absorbed into the spiritual and soul nature of another people on Earth, then, my esteemed audience, we cannot simply go among this other people or be led there by our fate in order to —as it were, through what takes place in everyday interaction between human beings—to get to know one another as peoples. Traveling or living among other peoples is no more sufficient for an understanding of peoples than it is for an understanding of the individual human being if I were merely to observe his gestures and movements. If I have a sense for such things, I could deduce from his gestures and movements many things about what lies within him; yet I will come to know him more directly if I am able to let his language take effect upon me, if I am able to receive from him that which he wishes to convey to me through his own, inner strength.
[ 4 ] Gibt es ein ähnliches Übermitteln der inneren Kraft, der inneren Wesenheit von Volk zu Volk? — Die bloße Sprache und auch dasjenige, was wir im alltäglichen Leben von Volk zu Volk wahrnehmen, kann es nicht sein, denn das alles ist nur im Verkehr von Mensch zu Mensch begründet. Da muß etwas eintreten, was über das bloße Individuell-Menschliche, über das Erkennen, das Auffassen des anderen Wesens im Menschen hinausgeht. Und wir sind im Grunde genommen in Verlegenheit, wenn wir überhaupt in verständlicher Weise reden wollen von einheitlichem Volkstum. Ist irgend etwas da von einheitlichem Volkstum, was so sinnlichwirklich ist wie äußere Dinge oder äußere Wesen, was uns veranlassen könnte von einem solchen einheitlichen Volkstum zu sprechen? Von dem einzelnen Menschen können wir reden, von einer einzelnen Wesenheit, auch wenn wir uns nur einlassen wollen auf die sinnliche Wahrnehmung. Für die sinnliche Wahrnehmung ist das Volkstum nichts weiter als eine Summe von soundso viel einzelnen Menschen. Aber wenn wir das Volkstum als etwas Reales anerkennen wollen, können wir gar nicht anders als uns erheben zu etwas Übersinnlichem.
[ 4 ] Is there a similar transmission of inner strength, of inner essence, from one people to another? — It cannot be mere language, nor what we perceive in everyday life from one people to another, for all of that is based solely on human-to-human interaction. Something must occur that goes beyond the merely individual-human, beyond the recognition and understanding of the other being within the human being. And we are, in essence, at a loss if we wish to speak at all in a comprehensible way about a unified national character. Is there anything about a unified national character that is as sensually real as external things or external beings, that could prompt us to speak of such a unified national character? We can speak of the individual human being, of a single entity, even if we wish to limit ourselves to sensory perception. To sensory perception, national character is nothing more than the sum of so many individual human beings. But if we wish to recognize national character as something real, we have no choice but to rise to something supersensory.
[ 5 ] In der Tat, wer diejenige Geistesschulung durchmacht, von der hier schon öfter, auch wiederum in den letzten Wochen gesprochen worden ist, wer die in der Menschenseele die sonst im alltäglichen Leben schlummernden übersinnlichen Erkenntniskräfte entwickelt, für den wird das, was man als Volkstum bezeichnen kann, eine reale Wesenheit, allerdings eine reale Wesenheit übersinnlicher Art. Dann aber, wenn er empfänglich wird für das Geistige in der Welt überhaupt, dann offenbart sich ihm das fremde Volkstum als geistige Wesenheit, als ein Übersinnliches, das das sinnliche Wesen der Menschen wie eine Art Wolke durchdringt, die zu diesem Volkstum gehört und sie einhüllt. Erst wenn man versucht, von Volk zu Volk solche Erkenntnisse zu suchen, welche im Übersinnlichen wurzeln, kann man so eindringen in das Wesen eines Volkes, wie man niemals eindringen kann durch den alltäglichen Verkehr zwischen einzelnen Menschen. Das ist dasjenige, was ich versuchen möchte, wenigstens mit einigen Strichen heute zu skizzieren: wie Geisteswissenschaft es anfangen will, die Zusammengehörigkeit der Völker der Erde über den Erdball hin wirklich tief zu erkennen. Dazu scheint mir notwendig, daß der einzelne Mensch selbst erst aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraus wirklich erkannt werde.
[ 5 ] Indeed, for those who undergo the spiritual training that has been discussed here frequently—including again in recent weeks—and who develop within the human soul the supersensible powers of knowledge that otherwise lie dormant in everyday life, what might be called “national character” becomes a real entity—albeit a real entity of a supersensible nature. But then, when one becomes receptive to the spiritual in the world at large, the foreign national character reveals itself as a spiritual entity—as a supersensible reality that permeates the sensory nature of human beings like a kind of cloud belonging to that national character and enveloping it. Only when one attempts to seek, from one people to another, such insights that are rooted in the supersensible can one penetrate the essence of a people in a way that is never possible through everyday interaction between individual human beings. This is what I would like to attempt to sketch out today, at least in broad strokes: how Spiritual Science seeks to truly and deeply understand the interconnectedness of the peoples of the earth across the globe. To this end, it seems necessary to me that the individual human being first be truly understood from the very sources of Spiritual Science.
[ 6 ] Ich habe schon einmal in einem Stuttgarter Vortrag darauf aufmerksam gemacht, wie in meinem vor einigen Jahren erschienenen Buche «Von Seelenrätseln» davon gesprochen worden ist, daß dieser Mensch, so wie er vor uns steht im alltäglichen Leben, kein einheitliches Wesen ist, sondern daß in der Tat die menschliche Organisation - ich meine jetzt die unmittelbare natürliche menschliche Organisation - eine solche ist, die drei deutlich voneinander unterscheidbare Glieder offenbart.
[ 6 ] I have already pointed out in a lecture in Stuttgart how my book *Von Seelenrätseln* (On the Mysteries of the Soul), published several years ago, discusses how this human being, as he stands before us in everyday life, is not a unified being, but that in fact the human organization —and here I mean the immediate, natural human constitution—is such that it reveals three distinct components.
[ 7 ] Wir haben in der menschlichen Organisation zunächst alles dasjenige, was sich bezieht auf die Hauptesorganisation als den Mittelpunkt alles desjenigen, was man nennen kann im einzelnen Menschen die Nerven-Sinnes-Organisation. Und der Mensch erlebt seine Sinneswahrnehmungen und seine Vorstellungen, seine Gedanken, seine Ideen durch das Werkzeug dieser Nerven-Sinnes-Organisation; ein denkender Mensch ist der Mensch der Erde durch diese Nerven-Sinnes-Organisation. Nun hat man die Vorstellung aus der heute gebräuchlichen Naturwissenschaft heraus, daß überhaupt das ganze menschliche seelisch-geistige Wesen auf der Nerven-SinnesOrganisation beruht und gewissermaßen wie ein Parasit aufgesetzt ist der übrigen Organisation. Das ist nicht der Fall.
[ 7 ] In the human organism, we first have everything that relates to the head as the center of everything that can be called, in the individual human being, the nervous-sensory system. And the human being experiences his sensory perceptions and his mental images, his thoughts, and his ideas through the medium of this nervous-sensory system; a thinking human being is the human being of the Earth through this nervous-sensory organization. Now, based on the natural science commonly accepted today, there is a mental image that the entire human soul-spiritual being is based on the nervous-sensory organization and is, as it were, superimposed like a parasite upon the rest of the organism. That is not the case.
[ 8 ] Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich eine persönliche Bemerkung mache, aber ich muß das folgende schon sagen: Ein dreißigjähriges Verfolgen der menschlichen Natur und Wesenheit, ein Verfolgen, bei dem immer der Einklang der Geisteswissenschaft mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gesucht worden ist, hat mich dazu gebracht, diese Dreigliederung des natürlichen menschlichen Wesens bestätigt zu finden. Es ist ein gebräuchliches Vorurteil der heutigen Naturwissenschaft, daß das ganze seelisch-geistige Leben parallel gehe mit dem Nerven-Sinnesleben. In Wahrheit ist das anders. In Wahrheit ist nur das Denkleben des Menschen gebunden an den Nerven-Sinnes-Apparat, während das Gefühlsleben, das Empfindungsleben gebunden ist an alles dasjenige, was in der menschlichen Organisation rhythmisch verläuft. Nicht bloß indirekt, sondern ganz direkt ist das Empfindungs-, das Gefühlsleben an den Atmungsrhythmus, an den Blutumlaufsrhythmus so gebunden, wie das Denk- und Wahrnehmungsleben an den Nerven-Sinnes-Organismus. Und ebenso wie das Gefühls-, das Gemütsleben an alles das im Menschen gebunden ist, was ursprünglich rhythmisch verläuft, so ist das Willensleben gebunden an alles das, was im Menschen Stoffwechsel ist. Die scheinbar niederste Natur des Menschen, der Stoffwechsel, er ist der Träger des Willenslebens - und zwar als Prozeß, nicht als Stoff.
[ 8 ] I apologize for making a personal remark, but I must say the following: Thirty years of studying human nature and being—a study in which I have always sought harmony between Spiritual Science and the findings of the natural sciences—have led me to confirm this threefold division of the natural human being. It is a common prejudice in modern natural science that the entire soul-spiritual life runs parallel to the nervous-sensory life. In truth, this is not the case. In truth, only the human life of thought is bound to the nervous-sensory apparatus, while the life of feeling and sensation is bound to everything in the human organism that proceeds rhythmically. Not merely indirectly, but quite directly, the life of sensation and feeling is linked to the rhythm of breathing and the rhythm of blood circulation, just as the life of thought and perception is linked to the nervous-sensory organism. And just as the life of feeling and emotion is bound to everything in the human being that originally proceeds rhythmically, so too is the life of the will bound to everything in the human being that constitutes metabolism. The seemingly lowest aspect of human nature—metabolism—is the bearer of the life of the will—as a process, not as matter.
[ 9 ] So ist der Mensch seelisch-geistig ein dreigliedriges Wesen. Der geistige Wille, das seelische Gemüt, das auf die äußeren, materiellen Erscheinungen hin organisierte Denken und Vorstellen und Wahrnehmen, das sind die drei Glieder des geistig-seelischen Menschen. Diese drei Glieder des geistig-seelischen Menschen entsprechen den drei Gliedern des menschlichen physischen Organismus: erstens dem Nerven-Sinnes-Apparat, dem Nerven-Sinnes-Mechanismus, zweitens der Organisation, die in dem rhythmischen Leben der Blutzirkulation, des Atmens gegeben ist, und drittens dem Stoffwechselleben, das mit den beiden andern zusammen alle möglichen Prozesse bildet, die in der menschlichen Organisation vorhanden sind.
[ 9 ] Thus, in terms of soul and spirit, the human being is a threefold being. The spiritual will, the soul’s feeling life, and thinking, mental images, and perceiving—which are organized in relation to external, material phenomena—these are the three members of the spiritual-soul human being. These three aspects of the spiritual-soul human correspond to the three aspects of the human physical organism: first, the nervous-sensory apparatus, the nervous-sensory mechanism; second, the organization manifested in the rhythmic life of blood circulation and breathing; and third, the metabolic life, which, together with the other two, constitutes all the possible processes present in the human organism.
[ 10 ] Wenn wir nun aber den Menschen auf einem Gebiet der Erde betrachten, so zeigt er sich uns in dieser dreigliedrigen Organisation durchaus nicht so, daß etwa diese dreigliedrige Organisation über die ganze Erde hin bei allen Menschen im wesentlichen die gleiche wäre. Das ist wiederum der große Irrtum im heutigen Denken der Menschheit, daß man glaubt, man könne irgendein gemeinsames, zum Beispiel soziales Programm über die ganze Erde hin ausgeben und die Menschen müßten sich einem solchen gemeinsamen Programm fügen, während doch die Menschen über die Erde hin individualisiert und spezialisiert sind. Und derjenige, der kennenlernen will die wirkliche menschliche Erdenwesenheit, der wirklich erkennen lernen will sein Geschlecht auf der Erde, der muß Liebe entwickeln können, nicht nur zu einer abstrakten allgemeinen Menschheit - was ja nur die Idee der Menschheit wäre, die tote, leere Idee der Menschheit -, sondern der muß Liebe zu den individuellen Ausgestaltungen der Menschennatur nach den verschiedenen Gebieten der Erde entwickeln.
[ 10 ] But when we consider human beings in a particular region of the Earth, this threefold organization does not present itself to us in such a way that this threefold organization would be essentially the same for all people across the entire Earth. This, in turn, is the great error in humanity’s thinking today: the belief that one can impose some kind of common—for example, social—program across the entire Earth and that people must conform to such a common program, whereas in reality people across the Earth are individualized and specialized. And anyone who wishes to come to know the true nature of human existence on Earth, who truly wishes to come to know their own kind on Earth, must be able to develop love—not only for an abstract, general humanity—which would, after all, be merely the idea of humanity, the dead, empty idea of humanity—but must develop love for the individual manifestations of human nature across the various regions of the Earth.
[ 11 ] Wir können selbstverständlich in der kurzen Zeit, die uns zugemessen ist, nicht zu allen einzelnen, individuellen Völkern hingehen und sie charakterisieren, aber wir können die Haupttypen der menschlichen Erdenorgansation ins Auge fassen.
[ 11 ] Of course, in the short time allotted to us, we cannot go to every single, individual people and describe them, but we can consider the main types of human organization on Earth.
[ 12 ] Da werden wir, wenn wir einen charakteristischen Menschentypus, der zu den ältesten gehört, ins Auge fassen wollen, zuerst geführt zu dem orientalischen Menschentypus, der sich in dem uralten Volk der Inder und auch in anderen orientalischen Völkern in der verschiedensten Weise zur Offenbarung gebracht hat. Ein Gemeinsames zeigt dieser orientalische Menschentypus. Er zeigt, namentlich charakteristisch an dem indischen Volke, wie der Mensch des Orients zusammengewachsen ist mit der irdischen Natur, auf der er erwächst. Nun, so sehr es uns erscheint, daß dieser orientalische Mensch in seine Seele, in sein Gemüt aufgenommen hat in intensiver Hingabe das Geistige, so sehr uns imponiert orientalische Mystik - studieren wir den orientalischen Menschen hinsichtlich seiner volkstümlichen Eigenschaften, so finden wir, daß dasjenige, was so bewundernswert als höchste Geistigkeit in seinem Innern sich offenbart, gerade bei ihm abhängig ist von dem Erleben des im Menschen strömenden Willens, der wiederum an den Stoffwechsel des Menschen gebunden ist. So paradox das zunächst erscheinen könnte, gerade die hohe Geistigkeit des orientalischen Volkes, auch namentlich der Inder, ist dasjenige, was — wenn ich mich eines groben Ausdrucks bedienen darf - «aufkocht» aus dem Stoffwechsel, dem Stoffwechsel, der im Zusammenhang steht durch seine eigene Wesenheit mit den Prozessen, die irdischer Natur in der Umgebung dieser Menschen sind. Da draußen nämlich, in der indischen Natur, da draußen sind die Bäume, die Früchte, da ist dasjenige, was eine herrliche, bewunderungswürdige Natur dem Menschen - ganz besonders in den älteren Zeiten - wie von selbst gab, und das vereinigt er mit seinem Stoffwechsel so, daß das, was in ihm als Stoffwechselprozeß vorgeht, gewissermaßen die Fortsetzung ist desjenigen, was da draußen auf den Bäumen in den Früchten «kocht», was da unter der Erde webt und lebt in den Wurzeln und so weiter. Ich möchte sagen, ganz und gar zusammengewachsen ist dieser Mensch des Orients durch seinen Stoffwechsel mit dem irdischen Wachsen und Gedeihen. Das macht es gerade aus: Weil der Stoffwechsel der Träger des Willens ist, entwickelt sich dieser Wille im Innern des Menschen. Aber dasjenige, was sich im Menschen besonders entwickelt, worin der Mensch ganz und gar steckt und wodurch er sich verbindet mit seiner Umgebung, das tritt nicht so sehr ins Bewußtsein herein. Ins Bewußtsein hinein strahlt etwas anderes. Und das ist es gerade, daß in das Gefühls- und Denkleben des Orientalen — besonders des charakteristischen Orientalen, des Inders — das hineinstrahlt, was scheinbar materialistisch im Stoffwechsel des Menschen erlebt wird, was aber im Stoffwechsel des Menschen so erlebt wird, daß es sich in seiner geistigen Spiegelung eben als spirituelles Leben darstellt.
[ 12 ] When we wish to consider a characteristic human type—one of the oldest—we are first led to the Oriental human type, which has manifested itself in a wide variety of ways among the ancient Indian people and also among other Oriental peoples. This Oriental human type exhibits one common trait. It demonstrates—particularly characteristically among the Indian people—how the people of the Orient have grown together with the earthly nature in which they thrive. Now, as much as it seems to us that this Oriental person has absorbed the spiritual into his soul and mind with intense devotion, and as much as Oriental mysticism impresses us —when we study the Oriental person in terms of his folk characteristics, we find that what reveals itself so admirably as the highest spirituality within him is, precisely in his case, dependent on the experience of the will flowing within the human being, which in turn is bound to the human metabolism. As paradoxical as this might seem at first, it is precisely the high spirituality of the Eastern people—and especially of the Indians—that is what—if I may use a crude expression—“boils up” from the metabolism, the metabolism that, through its own essence, is connected to the processes of an earthly nature in the environment surrounding these people. For out there, in Indian nature—out there are the trees, the fruits—there is that which a magnificent, admirable nature gave to human beings—especially in earlier times—as if of its own accord, and he unites this with his own metabolism in such a way that what takes place within him as a metabolic process is, so to speak, the continuation of what “simmering” out there in the trees and in the fruits, what weaves and lives beneath the earth in the roots, and so on. I would say that this person of the East has, through his metabolism, become completely intertwined with earthly growth and flourishing. That is precisely the point: because metabolism is the bearer of the will, this will develops within the human being. But that which develops particularly within the human being—that in which the human being is wholly immersed and through which he connects with his surroundings—does not enter consciousness to such a great extent. Something else radiates into consciousness. And it is precisely this: what radiates into the emotional and intellectual life of the Eastern person—especially the quintessential Eastern person, the Indian—is what is experienced in a seemingly materialistic way in human metabolism, but which is experienced in such a way that, in its spiritual reflection, it manifests itself as spiritual life.
[ 13 ] So erscheint uns auch das, was aus dem Gemüt, aus dem Denken der orientalischen Völker hervorgeht, was sie geistig produzieren, wie ein geistiges Produkt der Erde selbst. Wenn wir uns versenken in die intensiv zu unserer Seele sprechenden, vom Lichte des Geistes durchleuchteten Veden, wenn wir uns versenken in die instinktivscharfsinnige Vedanta-Philosophie, in die Yoga-Philosophie, wenn wir uns vertiefen in Werke wie die des Laotse, des Konfuzius, wenn wir überhaupt einen Sinn dafür haben, uns hinzugeben an orientalische Poesie, orientalische Weisheit, dann haben wir dieser Weisheit gegenüber nirgends das Gefühl, sie ströme in einer besonderen individuellen menschlichen Artung aus einer Persönlichkeit heraus. So wie der Orientale durch seinen Stoffwechsel zusammengewachsen ist mit der umgebenden Natur, so wie die umgebende Natur in ihm weiter webt und west, ja kocht und siedet, so ist es auch, wenn wir seine Poesie, seine poetische Weisheit, seine weisheitsvolle Poesie auf uns wirken lassen. Es ist, wie wenn die Erde sich selber ausspräche, wie wenn dasjenige, was die Geheimnisse des Erdenwachstums sind, durch den Mund des Orientalen zu der ganzen Menschheit der Erde sprechen würde. Man hat das Gefühl, so wie dieser orientalische Mensch Dolmetsch der inneren geistigen Geheimnisse der Erde selber sein kann, so kann kein Angehöriger eines anderen Volkes - keines Volkes des Westens und keines Volkes der europäischen Mitte - Dolmetsch und Interpret desjenigen sein, was die Geheimnisse der Erde selber sind. Ja, es ist, wenn man charakterisieren will die besten Angehörigen orientalischer Völker, fast so, als wenn sie auf der Erde wandelten und in ihrem inneren Erleben das zum Ausdruck brächten, was eigentlich unter der Oberfläche der Erde lebt, was von unterhalb der Oberfläche der Erde aus dieser Erde herauswächst, sich in den Blüten und Früchten der Erde entpuppt; es ist so, daß in dem, was geistig-seelisch in der orientalischen Menschenwesenheit ist, das Innere der Erde gleichsam in diesen Menschen zur Darstellung kommt. Daher begreifen wir es, daß die orientalischen Menschen ihrer ganzen Wesenheit nach für dasjenige, was auf der Erdoberfläche an physikalischen Erscheinungen sich darbietet, was sich offenbart an äußeren sinnlichen Tatsachen, weniger Sinn haben. Sie tragen das, was an inneren, unterirdischen Kräften der Erde zu diesen Erscheinungen und Tatsachen führt, zugleich in ihrer eigenen Menschennatur. Daher interessieren sie sich wenig für das, was über der Oberfläche der Erde vor sich geht. Sie sind Stoffwechselmenschen. Aber wir sehen, daß der Stoffwechsel bei ihnen sich auf geistig-seelische Art offenbart.
[ 13 ] Thus, what emerges from the mind and thought of the Eastern peoples—what they produce spiritually—also appears to us as a spiritual product of the Earth itself. When we immerse ourselves in the Vedas—which speak so intensely to our souls and are illuminated by the light of the Spirit—when we immerse ourselves in the instinctively perceptive Vedanta philosophy and in the philosophy of yoga, when we delve into works such as those of Laozi and Confucius, and when we have even the slightest inclination to surrender to Eastern poetry, Oriental wisdom—then nowhere do we have the feeling that this wisdom flows from a personality in a particular, individual human form. Just as the Eastern person has become one with the surrounding nature through his metabolism, just as the surrounding nature continues to weave and flow within him—indeed, to boil and simmer—so it is when we allow his poetry, his poetic wisdom, and his wisdom-filled poetry to take effect upon us. It is as if the earth were speaking for itself, as if the very mysteries of earthly growth were speaking to all of humanity on earth through the mouth of the Eastern person. One has the feeling that just as this Eastern person can be the interpreter of the Earth’s inner spiritual mysteries, so no member of any other people—no people of the West and no people of central Europe—can be the interpreter and explicator of what the Earth’s mysteries themselves are. Indeed, if one were to characterize the finest members of Eastern peoples, it is almost as if they were walking upon the earth and expressing in their inner experience that which actually lives beneath the earth’s surface—that which grows out of the earth from beneath its surface and manifests itself in the earth’s blossoms and fruits; it is the case that in the spiritual and soul aspects of the Eastern human being, the inner life of the Earth is, as it were, brought to life within these people. Therefore, we understand that Eastern people, in their entire being, have less interest in the physical phenomena that present themselves on the Earth’s surface—in what is revealed through external sensory facts. They carry within their own human nature the inner, subterranean forces of the Earth that give rise to these phenomena and facts. Therefore, they have little interest in what takes place above the Earth’s surface. They are people of metabolism. But we see that their metabolism manifests itself in a spiritual-psychic way.
[ 14 ] Wie ist es, wenn in diesen Menschen ein Ideal aufgeht? Oh, wenn in diesen Menschen ein Ideal aufgeht, dann wird das, was die orientalischen Weisheitslehrer ihren Schülern als besondere Zucht der Seele vorstellen, ungefähr so ausgesprochen: Ihr müßt soundso atmen; ihr müßt euch in dieser und jener Weise in den Rhythmus des menschlichen Lebens hineinfühlen. - Anweisungen zu einem besonderen Atmungsrhythmus, zu einem besonderen Blutzirkulationsrhythmus geben diese Lehrer ihren Schülern. Es ist etwas Eigentümliches, wie die orientalischen Weisheitslehrer ihre Schüler, um sie zu Höherem hinaufzuführen, zu den Gemüts- und Gefühlsprinzipien weisen. Der orientalische Mensch, wie er im gewöhnlichen Leben steht - namentlich insofern er den südlicheren asiatischen Völkern angehört -, ist auf den Stoffwechsel hinorganisiert. Wenn ihm ein konkretes Ideal aufgeht, wie er ein höherer Mensch werden kann, dann bildet er das rhythmische System aus, dann sucht er durch Freiwilligkeit das auszubilden, was er als ein Höheres, ihm nicht von der Natur Gegebenes anerkennen muß.
[ 14 ] What happens when an ideal dawns within these people? Oh, when an ideal dawns within these people, then the mental image of the Eastern sages, as it relates to a special discipline of the soul, is expressed something like this: You must breathe in such-and-such a way; you must attune yourselves to the rhythm of human life in this or that manner. — These teachers give their students instructions regarding a specific breathing rhythm and a specific rhythm of blood circulation. There is something peculiar about the way Eastern sages guide their students toward the principles of the mind and emotions in order to lead them to higher realms. The Eastern person, as he exists in ordinary life—particularly insofar as he belongs to the more southern Asian peoples—is organized around metabolism. When a concrete ideal dawns on him—how he can become a higher human being—he then develops his rhythmic system; he then seeks, of his own free will, to cultivate what he must recognize as something higher, not given to him by nature.
[ 15 ] Nun ist es das Eigentümliche, daß wir, je mehr wir von den asiatischen Völkern zu denjenigen Europas hingehen, namentlich zu denen der europäischen Mitte, bei den Menschen im Alltagsleben besonders dasjenige Glied der menschlichen Entwicklung sich offenbarend finden, das wir als das rhythmische System bezeichnen können. Gerade diejenigen Völker, die das mittlere Europa, nicht den Osten, nicht den Westen, sondern das mittlere Europa bewohnen — und als Blüte innerhalb dieses Völkertums ist das besonders im deutschen Volkstum hervorgetreten -, diese Völker haben zu ihrem alltäglichen Charakteristikon dasjenige, was der Inder anstrebt als sein Ideal eines höheren Menschen. Aber es ist etwas anderes, ob man sich etwas erst erwirbt durch Selbstzucht, durch Freiheit oder ob man es instinktiv-natürlich hat. Der mitteleuropäische Mensch hat das auf naturgemäße Weise, was der Orientale aus seinem Stoffwechselleben, das mit der Erde innig verbunden ist, erst herausentwickeln muß. Daher ist für den europäischen Menschen dasjenige das Alltägliche und Natürliche, was für den asiatischen Menschen ein Ideal ist, und ein anderes muß für ihn das Ideal werden. Dieses Ideal für den europäischen Menschen wird dasjenige sein, das wiederum eine Stufe höher liegt: das Denkleben, wie es gebunden ist an das Nerven-Sinnesleben.
[ 15 ] Now, what is peculiar is that the more we move from the Asian peoples toward those of Europe—particularly those of Central Europe—the more we find, in people’s everyday lives, a particular aspect of human development that we can describe as the rhythmic system. Precisely those peoples who inhabit Central Europe—not the East, not the West, but Central Europe—and as the pinnacle of this cultural tradition, this has emerged particularly in German culture—these peoples possess as a characteristic of their everyday life that which the Indian strives for as his ideal of a higher human being. But it is one thing to acquire something through self-discipline and freedom, and quite another to possess it instinctively and naturally. The Central European possesses naturally what the Oriental must first develop from his metabolic life, which is intimately connected to the earth. Therefore, what is everyday and natural for the European is an ideal for the Asian, and something else must become the ideal for the Asian. This ideal for the European will be that which lies one step higher: the life of thought, as it is bound up with the life of the nerves and senses.
[ 16 ] Dieser mitteleuropäische Mensch - wie geht sein Bestreben darauf hin, äußerlich [in seinen Kunstschöpfungen] das auszubilden, was dem geisteswissenschaftlichen Blick gebunden erscheint gerade an das Werkzeug des rhythmischen Lebens. Der Orientale hat etwas wie eine zügellose Phantasie in seinen Kunstschöpfungen; es ist wirklich etwas, was wie ein Dunst des inneren Erdenwirkens aufsteigt gleich den Nebeln aus dem Wasser. Das rhythmische, innerliche Geschlossensein, das das Wesentliche im Leben des Mitteleuropäers ist, das hat ja schon das alte Griechenvolk hervorgebracht, von dem so viel ausgegangen ist für die ganze moderne Zivilisation, gerade für dasjenige, was wir als die Kunst Europas bezeichnen. Dasjenige, was für uns als innere Harmonie des Erdenmenschen zum Ausdruck kommt, wo weder das Stoffliche nach der einen Seite hin noch das Ätherisch-Geistige nach der anderen Seite hin besonders ausgebildet wird, wo der mittlere Mensch zum Ausdruck kommt, das ist dasjenige, was der Grieche anstrebte. Man sehe sich die Schöpfungen der orientalischen Phantasie an: sie schweifen nach irgendeiner Seite aus. In Griechenland erst nimmt die menschliche Gestalt, künstlerisch aufgefaßt, ihre harmonische Rundung, ihre innere Geschlossenheit an. Das ist so, weil der [mitteleuropäische] Mensch sich im mittleren Gliede seines Wesens, im rhythmischen System erfaßt. Stellt dieser sich ein Ideal vor, so ist es das, was er anstrebt durch innere Seelenzucht, durch seine dialektische Logik, durch seine wissenschaftliche Erziehung; es ist der Gebrauch der Denkorgane, so wie beim Inder es der Gebrauch der mit dem Rhythmus zusammenhängenden Organe im Menschenwesen ist. Wie der indische Yogi sitzt und versucht, das Atmen zu organisieren seelisch-geistig, so daß es ihn hinausträgt über den gewöhnlichen Menschen, so wird der Mitteleuropäer — bei dem dasjenige, was im rhythmischen System, in der Blutzirkulation, im Atmen verläuft, instinktiv sich entwickelt und ihn zum Menschen macht -, so wird der Mitteleuropäer erzogen aus dem heraus, was das denkerische Leben ist. Und diese Gedanken nehmen gerade bei den besten Individuen Mitteleuropas die Gestalt an, nun Dolmetsch, Interpret desjenigen zu sein, was der Mensch als solcher ist. Das ist es, was uns auffällt, wenn wir von der Vertiefung in künstlerische Produktionen der orientalischen Menschheit hinübergehen zu denjenigen der europäischen Menschheit. Bei den orientalischen künstlerischen Produktionen ist es so, daß wir selbst in den höchsten geistigen Schöpfungen etwas sehen wie Blüten der Erdenentwicklung selber; der menschliche Mund ist gleichsam nur da, um die Erde sich aussprechen zu lassen. Das ist beim mitteleuropäischen Menschen, schon beim Griechen, nicht der Fall. Beim heutigen mitteleuropäischen Menschen — wenn er seiner eigenen Natur folgt und sich nicht selber untreu wird -, ist es so, daß er dann, wenn er ein Höchstes aussprechen will, alles das ausspricht, was er selber als Mensch ist; er will sich hingeben dürfen der Anerkennung der Tatsache, daß Selbsterkenntnis des Menschen die edelste Frucht menschlichen Strebens ist. Daß die Darstellung des Menschlichen in der Umgebung des Menschen, in Natur und Geschichte, das edelste menschliche Schaffen ist, das ist doch schließlich beim Mitteleuropäer das Wesentliche, wenn dieser Mitteleuropäer sich seiner eigenen Natur und Wesenheit hingibt. Daher sehen wir, wie eigentlich nur in Mitteleuropa ein so wunderbarer Gedanke hat entstehen können wie derjenige, der aus Goethes Buch über Winckelmann herausleuchtet - ich möchte sagen wie die Sonne des neueren Kulturlebens. Da, wo Goethe in seinem Buche über Winckelmann alles dasjenige, was in diesem Wundermenschen an höherem Empfinden, an tiefen Gedanken, an Stärke des Willens lebte, zusammenfaßte als seine Weltanschauung, sagte er: «Daher tritt nun Kunst ein, denn indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich bis zur Produktion des Kunstwerkes erhebt, das neben seinen übrigen Taten und Werken einen glänzenden Platz einnimmt.» Der Mensch bringt gleichsam eine neue Natur aus seiner eigenen Geistigkeit hervor. Dieses Hinlenken aller menschlichen Kräfte auf die Erfassung des Menschen selber, das ist dasjenige, was - dem Volkstum nach — bei dem Menschen Mitteleuropas, wenn er sich selber treu ist, ganz besonders hervortritt; es ist nur in der neueren Zeit zurückgetreten. Aber es ist alle Veranlassung vorhanden bei dem Menschen Mitteleuropas, sich zu besinnen, wie gerade er, wenn er seiner ureigenen Wesenheit folgt, zu diesem Schätzen und Erfassen und Durchdringen des eigentlich Menschlichen kommen muß und soll.
[ 16 ] This Central European—how does his striving to express externally [in his artistic creations] that which, from the perspective of the Spiritual Science, appears to be bound precisely to the instrument of rhythmic life? The Oriental possesses something like an unbridled imagination in his artistic creations; it is truly something that rises like a vapor from inner earthly activity, much like mist rising from water. This rhythmic, inner coherence—which is the essence of the Central European’s life—was already brought forth by the ancient Greeks, from whom so much has emanated for the whole of modern civilization, particularly for what we call European art. That which is expressed to us as the inner harmony of the earthly human being—where neither the material aspect on one side nor the ethereal-spiritual aspect on the other is particularly emphasized, where the balanced human being is expressed—is precisely what the Greeks strove for. Consider the creations of the Oriental imagination: they tend to veer off in one direction or another. It is only in Greece that the human form, as conceived artistically, assumes its harmonious roundness and inner coherence. This is because the [Central European] human being grasps himself in the middle link of his being, in the rhythmic system. When he conceives of an ideal, it is what he strives for through inner spiritual discipline, through his dialectical logic, through his scientific education; it is the use of the organs of thought, just as for the Indian it is the use of the organs in the human being associated with rhythm. Just as the Indian yogi sits and attempts to organize his breathing in a soul-spiritual way so that it carries him beyond the ordinary human being, so the Central European—in whom that which takes place in the rhythmic system, in blood circulation, and in breathing develops instinctively and makes him human— the Central European is educated out of what constitutes the life of thought. And these thoughts take on the form, especially in the finest individuals of Central Europe, of being interpreters of what the human being is as such. This is what strikes us when we move from an immersion in the artistic productions of Eastern humanity to those of European humanity. In the artistic works of the East, even in the highest spiritual creations, we see something like the blossoms of the Earth’s own evolution; the human mouth is, as it were, there only to let the Earth speak for itself. This is not the case with the Central European—not even with the Greeks. For the Central European of today—if he follows his own nature and remains true to himself—it is the case that when he wishes to express the highest truth, he expresses everything that he himself is as a human being; he wishes to be allowed to surrender to the recognition of the fact that self-knowledge is the noblest fruit of human striving. That the portrayal of the human in the human’s surroundings—in nature and history—is the noblest human creation is, after all, the essence of the Central European when this Central European surrenders to his own nature and essence. That is why we see how it is really only in Central Europe that such a wonderful idea could have arisen as the one that shines forth from Goethe’s book on Winckelmann—I would say like the sun of modern cultural life. Where Goethe, in his book on Winckelmann, summarized all that lived within this extraordinary man—in terms of higher sensibility, profound thought, and strength of will—as his worldview, he said: “This is where art comes in, for since man is placed at the summit of nature, he sees himself once again as a whole of nature, which must in turn bring forth another summit within itself. To this end, he elevates himself by imbuing himself with all perfections and virtues, invoking choice, order, harmony, and meaning, and finally rising to the creation of the work of art, which occupies a prominent place alongside his other deeds and works.” Human beings, as it were, bring forth a new nature from their own spirituality. This directing of all human powers toward the comprehension of humanity itself is precisely what—according to folk tradition—stands out most prominently in the people of Central Europe when they remain true to themselves; it has only receded in more recent times. But there is every reason for the people of Central Europe to reflect on how they, precisely, when following their very own essence, must and should arrive at this appreciation, comprehension, and penetration of what is truly human.
[ 17 ] Sehen wir aber von einer noch mehr geistigen Seite, einem geistigeren Gesichtspunkte aus nach dem Orient mit seinen Völkerschaften hinüber, so finden wir, daß diese orientalischen Völker jene Geistigkeit, die das Bewußtsein des Zusammenhanges der menschlichen Seele mit dem Göttlichen erzeugt, gerade dadurch entwickeln, daß sie Stoffwechselmenschen sind, weil im Innern der Mensch, um eine ganze Natur zu sein, dasjenige sich entgegenstellen muß, was er nicht von der elementarischen Welt her hat, weil er das Entgegengesetzte seiner Natur in seinem eigenen Bewußtsein sich entgegenstellen muß. Und so das menschliche Herz ergreifend, wie der Orientale vom Zusammenhang des Menschen mit dem Göttlichen wie von etwas Selbstverständlichem reden kann, das kann kein Angehöriger eines anderen Volkes der Erde. Daher nehmen diese Angehörigen der anderen Völker der Erde, wenn sie auch die orientalischen Völker unterjochen und erobern, wenn sie ihnen auch ihre Eigenheiten wegnehmen wollen und ihnen ihre eigenen Gesetze und Ordnungen geben möchten, sie nehmen dasjenige auf, was die orientalischen Völker über den Zusammenhang des Menschen mit dem Göttlichen zu sagen haben, als etwas auch für sie Bestimmendes. Und wir sehen gerade in der neueren Zeit, wie die in Materialismus versunkenen Westvölker selbst zu solchen orientalischen Philosophen wie dem alten Laotse, wie sie zu der chinesischen Weltanschauung, wie sie zur indischen Weltanschauung ihre Zuflucht nehmen - nicht so sehr darum, um dort Ideen zu finden, sondern um zu finden jene Inbrunst, mit der man dasjenige, was der Mensch erfühlen kann im Zusammenhang mit dem Göttlichen, eben einfach und stark empfinden kann. Mehr um sein Gefühl erwärmen zu lassen von der Art und Weise, wie der Orientale von seinem Zusammenhang mit dem Göttlichen spricht, vertieft man sich in die orientalische Literatur, weniger um deren philosophischen Gehalt zu empfinden. Dabei macht allerdings manchmal die abstrakte Natur der Europäer diesen Europäern in der Auffassung des Orientalischen einen Strich durch die Rechnung.
[ 17 ] But if we look toward the Orient and its peoples from an even more spiritual perspective, from a more spiritual point of view, we find that these Eastern peoples develop precisely that spirituality—which gives rise to the awareness of the connection between the human soul and the Divine—by virtue of being metabolic human beings; for, in order to be a complete human being, a person must internally oppose that which does not come from the elemental world, because he must oppose the opposite of his own nature within his own consciousness. And so, touching the human heart, the way an Eastern person can speak of the connection between humanity and the Divine as something self-evident—no member of any other people on earth can do so. Therefore, even as members of other peoples on Earth subjugate and conquer the Eastern peoples, even as they seek to strip them of their distinctive traits and impose their own laws and orders upon them, they nonetheless accept what the Eastern peoples have to say about the connection between humanity and the divine as something that is also determinative for them. And we see, especially in recent times, how the Western peoples, steeped in materialism, themselves take refuge in Eastern philosophers such as the ancient Laozi, in the Chinese worldview, and in the Indian worldview —not so much to find ideas there, but to find that fervor with which one can simply and powerfully experience what human beings can feel in connection with the divine. It is more to let one’s feelings be stirred by the way Easterners speak of their connection to the divine that one delves into Eastern literature, rather than to grasp its philosophical content. However, the abstract nature of Europeans sometimes thwarts their understanding of Eastern thought.
[ 18 ] Ich habe es immer wieder und wiederum finden müssen, daß mir Leute, welche zum Beispiel die Reden Buddhas gelesen hatten mit ihren endlosen Wiederholungen, mir gesagt haben, das müsse gekürzt herausgegeben werden, da müsse jeder Satz nur einmal da sein und die Wiederholungen müßten gestrichen werden, damit man doch nicht immer denselben Satz lesen müßte. - Ich konnte nur immer wieder sagen: Ihr lernt nicht in Wirklichkeit dasjenige kennen, was an diesen Dingen dem orientalischen Volk das Große ist, das liegt gerade in dem, was Ihr herausstreichen wollt. - Denn indem sich der orientalische Leser den Reden Buddhas mit den endlosen Wiederholungen hingibt, erreicht er sein Ideal: das rhythmische Wiederkehren des Motivs. Er kehrt immer wieder zu dem Satz zurück. Was ihm alltäglich ist, ist das, was in seinem Stoffwechselmenschen vor sich geht; was in ihm vorgeht, wenn er sich den immer wiederkehrenden Sätzen Buddhas hingibt, das ist ein in seinem freiesten Streben errichtetes seelisch-geistiges Gegenbild des Atmens, des Blutzirkulationssystems. Wenn man wirklich eins zu werden versucht mit dem, was dem Orientalen heilig und groß ist, lernt man etwas erkennen, was man als Angehöriger anderer Völker nicht ohne weiteres erkennen lernen kann. Der Europäer hat natürlich das Bedürfnis, die Wiederholungen zu streichen. Denn weil er im Atmungsrhythmus lebt, ist sein Ideal, sich darüber zu erheben zu dem Gedanklichen. Wenn der Gedanke einmal erfaßt ist, will er nicht Wiederholungen haben; der Europäer strebt über die Wiederholungen hinaus. Man muß, wenn man sich in diese orientalischen Wiederholungen einläßt, schon ein anderes Verständnis, nicht ein äußeres Gedankenverständnis haben. Man muß eine innere Liebe für dasjenige entwickeln, was sich bei den verschiedenen Völkern in ganz verschiedener individueller Art ganz differenziert äußert und wovor man so stehen muß, daß man fühlt: Was die einen haben gerade an Großem, das haben die anderen nicht. —- Und das findet man nur, wenn man die anderen Völker lieben kann, wenn man annehmen kann dasjenige, was diese anderen Völker an Großem haben.
[ 18 ] Time and again, I have found that people who, for example, had read the Buddha’s discourses—with their endless repetitions—told me that they should be published in an abridged form, that each sentence should appear only once, and that the repetitions should be deleted so that one would not have to read the same sentence over and over again. - I could only say time and again: You are not truly coming to know what is so great about these things for the people of the East; it lies precisely in what you wish to omit. - For as the Eastern reader immerses himself in the Buddha’s discourses with their endless repetitions, he attains his ideal: the rhythmic recurrence of the motif. He returns again and again to the same sentence. What is everyday for him is what takes place within his metabolic being; what occurs within him when he surrenders to the ever-recurring sentences of the Buddha is a soul-spiritual counter-image—erected in his freest striving—of breathing and the circulatory system. When one truly attempts to become one with what is sacred and great to the Easterners, one learns to recognize something that, as a member of other peoples, one cannot readily come to recognize. The European, of course, feels the need to eliminate the repetitions. For because he lives in the rhythm of breathing, his ideal is to rise above it to the realm of thought. Once a thought has been grasped, it does not tolerate repetition; the European strives beyond repetition. If one is to engage with these Eastern repetitions, one must already possess a different kind of understanding—not merely an external, intellectual understanding. One must develop an inner love for that which manifests itself in very different, individual ways among various peoples—and one must stand before it in such a way that one feels: What one people possesses in terms of greatness, the others do not. —- And one finds this only when one is able to love other peoples, when one can accept the greatness that these other peoples possess.
[ 19 ] Gerade wenn wir uns in die innere Natur und Wesenheit der Völker der Erde vertiefen, finden wir diese individuelle Wesenheit so verschieden, daß wir uns sagen müssen: Das UmfassendMenschliche kommt eigentlich durch keinen einzelnen Menschen, nicht durch den Angehörigen eines einzelnen Volkes zum Vorschein, es kommt nur durch die ganze Menschheit zum Vorschein. Und willst du, Mensch, dasjenige erkennen, was du als ganzer Mensch bist, so durchwandere die Eigentümlichkeiten der einzelnen Völker der Erde. Nimm alles auf, was du selber nicht haben kannst, dann erst wirst du zum ganzen Menschen. Du hast ihn doch in dir; werde nur aufmerksam auf das, was in deinem Innern ist. Was bei dem anderen Offenbarung ist, hast du nicht; du mußt es bei ihm suchen. Aber du hast das Bedürfnis danach. Das fühlst du, und du weißt, wenn du bei dem anderen das findest, was dem anderen gerade das Große, das ihm Eigentümliche ist, dann wirkt das ganz einfach auf dich ein. Dann ist es ein Bedürfnis, daß du ohne das, was du von ihm empfängst, nicht sein kannst, weil es deinem inneren geistig-seelischen Begehren entspricht. Die Anlage zu einem ganzen Menschen ist schon in jedem, aber die Erfüllung müssen wir finden, indem wir die Eigentümlichkeiten des Wesens der verschiedenen Völker, wie sie über die Erde ausgebreitet sind, durchwandeln. Und kommen wir zu diesem Geistigen, so können wir uns sagen, im Orient ist es dasjenige, daß der Mensch vermag, des Menschen Zusammenhang mit dem Göttlichen wie etwas Selbstverständliches in Größe auszusprechen.
[ 19 ] It is precisely when we delve into the inner nature and essence of the peoples of the earth that we find this individual essence to be so diverse that we must say to ourselves: The universal human nature does not actually manifest itself through any single human being, nor through a member of any single people; it manifests itself only through all of humanity. And if you, as a human being, wish to recognize what you are as a whole human being, then journey through the distinctive characteristics of the individual peoples of the Earth. Take in everything that you yourself cannot possess; only then will you become a whole human being. You do have it within you; just become attentive to what is within you. What is revealed in another person, you do not have; you must seek it in them. But you have a need for it. You feel this, and you know that when you find in another what is precisely that which is great and unique to them, it simply has an effect on you. Then it becomes a necessity that you cannot exist without what you receive from them, because it corresponds to your inner spiritual and soulful longing. The potential to become a whole human being is already within everyone, but we must find its fulfillment by passing through the distinctive characteristics of the various peoples as they are spread across the earth. And when we come to this spiritual aspect, we can say to ourselves that in the East, it is the ability of human beings to express humanity’s connection with the Divine as something self-evident and grand.
[ 20 ] Aber heute finden wir, zugedeckt wie von einer Schicht, die wieder weg muß, von einer Schicht des Mißverständnisses, etwas höchst Eigentümliches innerhalb der mitteleuropäischen Volkheit, innerhalb des mitteleuropäischen Volkstums. Sehen wir uns alle unsere großen Philosophen an, welche neben dem, was sie über Natur und Gott und Mensch gedacht haben, alle, ich möchte sagen gleichmäßig etwas hervorgebracht haben: Es gibt fast keinen großen deutschen Philosophen, der sich nicht mit aller Intensität vertieft hat in die Frage: Was ist das Recht, das von Mensch zu Mensch waltet? - Die Suche nach dem Recht, mag sie verschüttet und mißverstanden sein, sie ist gerade eine Eigentümlichkeit der mitteleuropäischen Volkheit. Und wer das nicht anerkennt, versteht nicht diese mitteleuropäische Volkheit, und er findet nicht die Begeisterung, von dem gegenwärtigen Materialismus, der von etwas ganz anderem herrührt, wiederum zurückzufinden zu demjenigen, was eigentlich in Wahrheit charakterisiert diese mitteleuropäische Volkheit, dieses wahre Deutschtum, diese echte deutsche Eigentümlichkeit und Wesenheit.
[ 20 ] But today, hidden as if by a layer—a layer of misunderstanding that must be removed—we find something highly distinctive within the Central European people, within Central European culture. Let us look at all our great philosophers, who, in addition to what they thought about nature, God, and humanity, have all—I would say equally—produced something: There is almost no great German philosopher who has not delved with the utmost intensity into the question: What is the law that governs relations between human beings? - The search for justice, however buried and misunderstood it may be, is precisely a distinctive feature of the Central European people. And whoever fails to acknowledge this does not understand this Central European people, and will not find the enthusiasm to turn away from present-day materialism—which stems from something entirely different—and return to that which truly characterizes this Central European people, this true Germanness, this genuine German distinctiveness and essence.
[ 21 ] Geradeso wie der orientalische Mensch dadurch, daß er selber wie eine Blüte oder Frucht der Erde sein Geistesleben zur Darstellung bringt, der Interpret, der Dolmetsch der Erde wird, so wird der Deutsche der Interpret von sich selbst. Er stellt sich sich selber fragend gegenüber. Dadurch, daß er das tut, steht er jedem anderen Menschen als Gleicher gegenüber, und dadurch wird für ihn die brennendste Frage die Rechtsfrage. Nicht die Übernahme des römischen Rechtes, sondern die Erforschung der Rechtsnatur - sie tritt uns bei Fichte, bei Hegel, bei Schelling entgegen, überall da, wo der deutsche Gedanke in die Tiefen des Weltwesens hineingeht. Und schließlich ist auch dasjenige, was uns in der abstrakten Verfolgung der Rechtsfrage bei Fichte, Hegel, Schelling, bei Humboldt entgegentritt, im Grunde genommen im Konkreten dasselbe, wie wenn Goethe auf allen seinen Wegen sucht nach den Ausdrücken und der Darstellung der wahren, allseitig geschlossenen, harmonisch geschlossenen Menschennatur. Goethe ist in dieser Beziehung der Repräsentant, möchte ich sagen, des mitteleuropäischen Wesens, der Repräsentant der mitteleuropäischen, der deutschen Volkheit. So wie der Orientale der Erde, so steht der mitteleuropäische Mensch dem Menschen in Selbsterkenntnis gegenüber. Und gehen wir nach dem Westen Europas und noch dorthin, wo sich sein Wesen dann weiter, dasselbe charakteristischer ausdrückend, darstellt, nach Amerika, gehen wir nach dem Charakter dieses wahren Okzidentalen, dann finden wir, daß sein natürliches Wesen gerade in dem abstrakten Denken gegeben ist. Der Westmensch ist vorzugsweise der Kopfmensch; der Orientale ist der Herzensmensch, derjenige, der im Herzen erlebt den Prozeß des Stoffwechsels; der mitteleuropäische Mensch ist der Mensch der Atmung, der durch seinen Rhythmus mit der Außenwelt in rhythmischer Beziehung steht. Wenn ich ein Bild gebrauchen darf, das der — wie ich glaube - außerordentlich geistreiche Rabindranath Tagore gebraucht hat, der geistvolle Orientale, so möchte ich sagen: Den Westmenschen, den Okzidentalen, den Kopfmenschen vergleicht Tagore mit einer geistigen Giraffe - er liebt ihn, man braucht durchaus nicht irgendwelche Antipathie zu haben, wenn man eine solche Charakteristik vornimmt. Mit einer geistigen Giraffe vergleicht er ihn, weil man das Gefühl hat - geistig-wirklich ist das dargestellt -: der Kopf ist weit entfernt von der übrigen Körperlichkeit, ein langer Hals trennt den Kopf von der übrigen Körperlichkeit, ein Kopf, der dann allein in abstrakten Begriffen auffaßt, was die Welt ihm darbietet, der aufnimmt alles in abstrakter Form, in solcher Abstraktheit, daß die Vierzehn Punkte Woodrow Wilsons herauskamen. Und es ist ein weiter Weg, bis diese abstrakten Begriffe, diese Worthülsen, diese Begriffs- und Ideenhülsen den Weg zum Herzen, zur Lunge, zum Atmungssystem finden, bis sie den Weg finden zu denjenigen Orten, durch die sie Gefühle werden können, durch die sie in den Willen übergehen können. Wir haben da den Menschen, dessen charakteristische Eigenschaft dasjenige ist, was ich nennen möchte das Denksystem. Dasjenige, was der Mitteleuropäer als sein Ideal anstrebt, was er in Freiheit erreichen will, das strebt der Westmensch, namentlich der Amerikaner nicht in Freiheit an; es ist ihm instinktiv gegeben. Er ist ein Abstraktling - instinktmäßig. Und es ist etwas ganz anderes, ob man irgend etwas instinktmäßig hat oder ob man es sich erwirbt. Wenn man etwas sich erwirbt, hat man es ganz anders verbunden mit seiner Menschennatur; man hat es ganz anders, wenn man es in Freiheit erobern muß, als wenn es einem instinktmäßig durch die Natur selber gegeben ist.
[ 21 ] Just as the Eastern person, by expressing his spiritual life as if he were a flower or fruit of the earth, becomes the interpreter and voice of the earth, so the German becomes the interpreter of himself. He confronts himself with questions. By doing so, he stands before every other human being as an equal, and thus the most pressing question for him becomes the question of law. Not the adoption of Roman law, but the exploration of the nature of law—this confronts us in Fichte, in Hegel, in Schelling, wherever German thought delves into the depths of the essence of the world. And finally, what we encounter in the abstract pursuit of the question of law in Fichte, Hegel, Schelling, and Humboldt is, in essence, the same in concrete terms as when Goethe, in all his endeavors, seeks the expressions and the portrayal of true human nature—a nature that is comprehensive and harmoniously integrated. In this regard, Goethe is, I would say, the representative of the Central European essence, the representative of the Central European, the German people. Just as the Oriental stands in relation to the earth, so does the Central European human being stand in relation to humanity in self-knowledge. And if we turn to Western Europe—and further still, to where its essence manifests itself more fully and with greater distinctiveness—to America, and examine the character of this true Westerner, we find that his natural essence lies precisely in abstract thought. The Westerner is primarily a person of the head; the Eastern person is a person of the heart, one who experiences the process of metabolism in the heart; the Central European is a person of the breath, who, through his rhythm, stands in a rhythmic relationship with the outside world. If I may borrow an image used by Rabindranath Tagore—who, I believe, was extraordinarily witty—the spirited Eastern man, I would like to say: Tagore compares the Westerner, the man of the mind, to a spiritual giraffe—he loves him; one need not feel any antipathy whatsoever when making such a characterization. He compares him to an intellectual giraffe because one has the feeling—and this is portrayed in a truly intellectual way—that: the head is far removed from the rest of the body; a long neck separates the head from the rest of the body; a head that then perceives what the world presents to it solely in abstract terms, that takes in everything in abstract form—in such abstractness that Woodrow Wilson’s Fourteen Points emerged. And it is a long way before these abstract concepts, these empty phrases, these shells of concepts and ideas find their way to the heart, to the lungs, to the respiratory system—before they find their way to those places through which they can become feelings, through which they can pass into the will. Here we have the person whose defining characteristic is what I would like to call the “system of thought.” What the Central European strives for as his ideal—what he seeks to achieve through freedom—the Westerner, particularly the American, does not strive for in freedom; it is instinctively given to him. He is an abstract thinker—by instinct. And it is quite a different matter whether one possesses something instinctively or whether one acquires it. When one acquires something, it is connected to one’s human nature in a completely different way; one experiences it quite differently when one must conquer it through one’s own free will than when it is given to one instinctively by nature itself.
[ 22 ] Und da liegt eine große Gefahr. Denn sehen Sie, während der Inder anstreben kann in seiner Yoga-Philosophie das rhythmische System, der Mitteleuropäer das anstreben kann, was Denksystem ist, müßte ja bei der Westmenschheit, wenn sie nicht das Menschentum verlieren sollte, die «geistige Giraffe» über den Kopf hinaus. Dieser westlichen Menschheit obliegt in der Tat dasjenige, was ich jüngst ganz offen zu einer Versammlung, in der Westmenschen selber waren, gesagt habe: ihr obliegt das, was man charakterisieren muß als die große Verantwortung, die gerade die gegenwärtige westliche Menschheit hat. Westliche Artung, westliches Volkstum wird ins Nichtige sich verlieren, wenn es über das Denksystem hinausstrebt, wenn es ins Leere hinein oder in leeren Spiritismus hineinstrebt und da, wo man ein seelisches Nichts findet, dieses Seelische sucht. Hier liegt die Gefahr, aber auch die Verantwortung: die Gefahr, ins Seelisch-Nichtige zu kommen durch ein Streben über das dem Menschen natürlich Gegebene hinaus, und die Verantwortung, zu wirklicher Geisteswissenschaft aufzusteigen —- wenn man nicht durch seine Weltherrschaft zum Untergang der Menschheit führen will.
[ 22 ] And therein lies a great danger. For you see, while the Indian can strive for the rhythmic system in his yoga philosophy, and the Central European can strive for what is a system of thought, Western humanity—if it is not to lose its humanity—would have to let the “spiritual giraffe” grow beyond its head. Indeed, it is incumbent upon this Western humanity to fulfill what I recently stated quite openly at a gathering attended by Westerners themselves: it is incumbent upon them to fulfill what must be characterized as the great responsibility that present-day Western humanity in particular bears. Western character and Western culture will be lost to nothingness if they strive beyond the system of thought, if they strive into the void or into empty spiritualism, and seek the spiritual precisely where one finds spiritual nothingness. Herein lies the danger, but also the responsibility: the danger of falling into spiritual nothingness through a striving beyond what is naturally given to human beings, and the responsibility to rise to true Spiritual Science—unless one wishes to lead humanity to ruin through world domination.
[ 23 ] Bei der mitteleuropäischen Menschheit dagegen wird es ein gesundes, menschliches Streben in Freiheit sein, das einen hinaufleitet in die Geistigkeit, das einen bringt zur Geisteswissenschaft. Ich möchte sagen: Die Völker Mitteleuropas haben es als eine heilige Pflicht — weil es in ihrer Anlage liegt -, die geistige Leiter hinaufzusteigen zu dem geistigen Erkennen. Aber sie erreichen, indem sie von ihrem Rhythmus- und Atmungssystem hinaufsteigen in das Denksystem, immerhin noch etwas, was im Gebiet des Menschlichen ist. Für die Westvölker liegt die Gefahr vor, daß sie aus dem Menschlichen hinauskommen, gerade wenn sie sich ein Ideal zurechtformen - daher alle die nun doch das Allgemein-Menschliche verleugnenden sektiererischen und ähnliche Bestrebungen des Westens. In dieser Beziehung wird durchaus in der Gegenwart noch nicht klar gesehen.
[ 23 ] For the peoples of Central Europe, on the other hand, it will be a healthy, human striving in freedom that leads one upward into spirituality, that brings one to Spiritual Science. I would like to say: The peoples of Central Europe have a sacred duty—because it lies in their very nature—to ascend the spiritual ladder toward spiritual knowledge. But by ascending from their system of rhythm and breathing into the system of thought, they still attain something that remains within the realm of the human. For the peoples of the West, the danger lies in their moving beyond the human realm precisely when they fashion an ideal for themselves—hence all the sectarian and similar endeavors in the West that ultimately deny the universal human. In this regard, things are still not clearly understood in the present.
[ 24 ] Während dem beim Orientalen, dessen Stoffwechselsystem der Erde zugewandt ist, ein spirituelles Wirken auf Naturwegen zum Vorschein kommt, kommt bei dem Menschen des Westens, der vor allem das Denksystem ausgebildet hat, das Hinblicken auf die Sinneswelt zum Vorschein. Beim Orientalen ist es so, wie wenn in ihm wirkte dasjenige, was unter der irdischen Oberfläche ist; beim Westmenschen ist es so, als ob er bloß sehen würde, was über der Erdoberfläche ist, was er sehen kann an Tatsachen von dem, was von Sonne, Mond und Sternen, durch Luft und Wasser auf der Erde geschieht. Von dem her, was in diesem Umkreis geschieht, kann nicht die Organisation des Denkens erklärt werden. Ich habe es in einem vorigen Vortrag hier ausgeführt, wie das, was im Menschen geistig ist, eben nicht aus der Umwelt erklärt werden kann. Der Orientale wußte durch das, was als Erdengeistesblut durch seine eigene Menschheit zum Vorschein kam, auch, daß er als Mensch, als dasjenige, was in ihm spirituell lebt, ein Angehöriger des ganzen Kosmos ist, ein Glied nicht nur der Erde, ein Glied des ganzen Kosmos. Derjenige, der als Westmensch das Denksystem besonders ausbildet - ihm ist durch die neuere Naturwissenschaft von diesem Kosmos nichts anderes geblieben als die Möglichkeit, ihn durch mathematische und mechanische Formeln zu berechnen. Das Gebiet also, dem gegenüber der Westmensch anerkennen muß, daß seine Seele aus ihm stammt, dem gegenüber er anerkennen muß, daß er als Denkmensch nicht da sein könnte, wenn nicht sein Ursprungsgebiet kosmisch wäre, dem Gebiet gegenüber muß er sich sagen: Ich habe für es keine andere Wissenschaft als die trockene, nüchterne Mathematik. - Dem Orientalen ist eingewachsen dasjenige, was in seine eigene Menschenwesenheit hineinflutet wie die Erde selber. Was er als seine poetische Weisheit offenbart, es ist wie eine Blüte des Irdischen. Dasjenige, was der Mitteleuropäer als sein Menschliches anerkennen muß, ist dasselbe, was im Menschen durch den Menschen selbst sich offenbart; da steht der Mensch sich selbst gegenüber.
[ 24 ] While in the Eastern person, whose metabolic system is oriented toward the Earth, a spiritual influence manifests itself through natural processes, in the Western person—who has developed, above all, a system of thought—a focus on the sensory world comes to the fore. For the Eastern person, it is as if that which lies beneath the Earth’s surface were at work within him; for the Western person, it is as if he were merely seeing what lies above the Earth’s surface—the observable facts of what occurs on Earth through the sun, moon, and stars, and through air and water. The organization of thought cannot be explained by what takes place within this sphere. I explained in a previous lecture here how what is spiritual in human beings cannot be explained by the external environment. Through what emerged as the “blood of the Earth Spirit” through his own humanity, the Eastern person also knew that, as a human being—as that which lives spiritually within him—he is a member of the entire cosmos, a part not only of the Earth but of the entire cosmos. For the Westerner, who has developed the system of thought to a particular degree, modern natural science has left him with nothing of this cosmos but the possibility of calculating it through mathematical and mechanical formulas. Thus, regarding the realm from which the Westerner must acknowledge that his soul originates—the realm without which he, as a thinking human being, could not exist if its source were not cosmic—he must say to himself: I have no other science for it than dry, sober mathematics. - What has become ingrained in the Eastern person is that which flows into his very human being like the earth itself. What he reveals as his poetic wisdom is like a blossom of the earthly. What the Central European must acknowledge as his humanity is the very same thing that reveals itself in the human being through the human being himself; there, the human being stands face to face with himself.
[ 25 ] Im Westmenschen ist das Wertvollste gerade dasjenige, was der Mensch nicht vom Irdischen hat, sondern was er vom Kosmischen hat. Aber er hat keine anderen Mittel, dieses Kosmische, dieses Überirdische zu erkennen, als durch das Rechnen oder durch die wohl ebenso wie das Rechnen trockene Spektralanalyse und dergleichen oder durch ebensolche Hypothesen. Daher sucht dieser Westmensch dasjenige, was der Orientale aus seiner innersten Natur heraus sucht als Ausdruck seines Zusammenhangs mit dem Göttlichen, was der Mitteleuropäer sucht als Ausdruck des Menschlichen im Goetheschen Vollmenschen oder im Rechtsmenschen, der gleich ist allen anderen Menschen, das sucht der Westmensch, indem er sich vorzugsweise widmet dem wirtschaftlichen Leben. Und dasjenige, was der Westmensch meint, wenn er von Recht spricht, dasjenige, wodurch er den Geist charakterisiert, das ist bei ihm so, daß es aufsteigt wie die Blüte nur des wirtschaftlichen Lebens. Deshalb war es ganz natürlich, daß Karl Marx aus Deutschland, wo er hätte in humanistischer, in Goethescher Weise, wenn er dazu begabt gewesen wäre, den Menschen anerkennen lernen können, daß er gehen mußte nach dem Westen, nach England, um über den Menschen hinwegzusehen, um über das eigentlich Menschliche hinwegzusehen und zu dem Glauben verführt zu werden, daß dasjenige, was der Mensch erkennen kann, nichts anderes sei als eine Ideologie, als etwas, was aus dem wirtschaftlichen Leben aufsteige. Das ist etwas, was keine absolute Wahrheit ist, was aber in der Tat in einer gewissen Weise in der Natur des Westmenschen ebenso begründet ist, wie es in der Natur des orientalischen Menschen begründet ist, die Natur wie einen Nebenplaneten des menschlichen Wesens anzuschauen und zu sprechen von der Verbindung der menschlichen Seele mit dem Göttlichen als von dem eigentlich Selbstverständlichen. Daher kommt es, daß gerade bei so vielen Westmenschen, die ein Bedürfnis haben, nach dem Göttlichen hinzuschauen, auftritt die Sehnsucht - dann, wenn sie ihre Eroberung auszudehnen suchen über die orientalischen Völker -, von diesen Völkern das zu nehmen, was sie zu sagen haben über den Zusammenhang der Menschennatur mit dem Göttlichen, weil in den Menschen, wie ich schon sagte, doch der Vollmensch wenigstens als Bedürfnis liegt.
[ 25 ] For Westerners, what is most valuable is precisely that which a person does not derive from the earthly realm, but rather from the cosmic realm. But he has no other means of recognizing this cosmic, this supernatural, than through calculation, or through spectral analysis—which is just as dry as calculation—and the like, or through hypotheses of the same sort. Therefore, Western man seeks what the Eastern man seeks from his innermost nature as an expression of his connection with the divine; what the Central European seeks as an expression of the human in Goethe’s “complete human being” or in the “man of law,” who is equal to all other human beings—this is what Western man seeks by devoting himself primarily to economic life. And what the Westerner means when he speaks of law—that through which he characterizes the spirit—is, for him, something that blossoms solely from economic life. That is why it was entirely natural that Karl Marx, from Germany—where he could have learned to recognize humanity in a humanistic, Goethean way, had he been gifted to do so—had to go to the West, to England, in order to look beyond humanity, to look beyond what is truly human, and to be led to believe that what human beings can recognize is nothing other than an ideology—something that arises from economic life. This is not an absolute truth, but it is in fact, in a certain sense, just as deeply rooted in the nature of Western man as it is in the nature of Eastern man—the tendency to view nature as a kind of satellite of the human being and to speak of the connection between the human soul and the divine as something that goes without saying. This is why, particularly among so many Westerners who feel a need to look toward the divine, a longing arises—when they seek to extend their conquest beyond the Eastern peoples—to take from these peoples what they have to say about the connection between human nature and the divine, because, as I have already said, the “full human being” at least exists as a need.
[ 26 ] Und so sehen wir - und wir könnten das auch ausdehnen über kleinere Völker, über einzelne Völker, wir können uns ja nur an das Typische halten - wir sehen, daß eigentlich der ganze Vollmensch nicht in den Angehörigen eines Volkes zum Ausdruck kommt. Wir sehen, daß dieser ganze Vollmensch nur als Bedürfnis in uns liegt und daß daher in uns dieses Bedürfnis anwachsen sollte zur Liebe zu aller menschlichen Wesenheit, besonders zu derjenigen menschlichen Wesenheit, die wir nicht haben, die wir uns nur erwerben können, indem wir hingebungsvoll die Erkenntnis suchen desjenigen Wesens, das in anderen Völkern auf der Erde lebt, um es mit unserem eigenen Volke zu verbinden.
[ 26 ] And so we see—and we could extend this to smaller peoples, to individual peoples; after all, we can only stick to what is typical—we see that the complete human being is not actually expressed in the members of a single people. We see that this complete human being exists within us only as a need, and that this need should therefore grow within us into love for all human beings—especially for that aspect of human nature that we do not possess, which we can only acquire by devotedly seeking to understand the nature that lives in other peoples on Earth, in order to unite it with our own people.
[ 27 ] Das ist die Art des Internationalismus gewesen, welche in der Goetheschen Zeit geherrscht hat. Das ist die Art des Internationalismus gewesen, die so schöne Auseinandersetzungen wie zum Beispiel die von Wilhelm von Humboldt über «Die Grenzen der Wirksamkeit des Staates» durchsättigt. Das ist dieses Streben nach Kosmopolitismus, das durch die Aufnahme desjenigen, was man in Liebe zu allen anderen Völkern sich erwerben kann, das Wesen des eigenen Volkes adelt und erhöht, das eigene Volkserkenntnis dadurch sucht, daß aufgenommen wird alles dasjenige, was bei anderen Völkern der Erde ideal und groß und schön gefunden werden kann. Daher ist auch in Deutschlands geistiger Glanzperiode dasjenige entstanden, was aus dem rhythmischen Leben heraus wiedergebiert dasjenige, was damals in edelstem Kosmopolitismus von dem suchenden Deutschen bei allen anderen Völkern gefunden wurde. Wie ging Herder in seinem Suchen zu allen Völkern; wie suchte er zu enträtseln das tiefste Wesen aller Völker der Erde! Wie war er durchdrungen davon, daß im Grunde genommen in uns lebt — wie durchseelend den einzelnen, individuellen Fleischesmenschen, den wir hier herumtragen -, ein großer, gewaltiger, ein anderer uns durchseelender Mensch, der aber nur gefunden wird, wenn wir uns so über alle Völker auszugießen vermögen.
[ 27 ] This was the kind of internationalism that prevailed in Goethe’s time. This was the kind of internationalism that permeated such beautiful debates as, for example, Wilhelm von Humboldt’s on “The Limits of the State’s Power.” This is the pursuit of cosmopolitanism that ennobles and elevates the essence of one’s own people by embracing what can be acquired through love for all other peoples, and that seeks a deeper understanding of one’s own people by embracing all that is ideal, great, and beautiful among the other peoples of the earth. Hence, even during Germany’s golden age of intellectual splendor, there arose that which, born anew from rhythmic life, reflects what was found at that time—in the noblest cosmopolitanism—by the seeking German among all other peoples. How Herder went out to all peoples in his quest; how he sought to unravel the deepest essence of all the peoples of the earth! How deeply he was imbued with the realization that, fundamentally, living within us—as if animating the individual, flesh-and-blood human being we carry about here—is a great, mighty, different human being who animates us, but who can only be found when we are able to pour ourselves out in this way across all peoples.
[ 28 ] Man muß dem, was dazumal um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts wie die Anlage zu Größtem in Mitteleuropa aufgetreten ist, nur gegenüberstellen dasjenige, was heute als Internationalismus, man kann nicht sagen durch die Welt pulst, sondern durch die Welt zur Verführung der Menschheit gepredigt wird als Marxismus — der Marxismus, der nur an das menschliche Denken glaubt und der auch in mehr oder weniger abgeschwächter Form keine Ahnung mehr davon hat, wie die ganze Menschheit über die Erde hin differenziert ist, der da glaubt, daß einem als Menschheit, als Mensch, ein Abstraktes aufgezwungen werden kann. Der Marxismus ist nicht ein erstes im Aufgang, er ist ein letztes im Niedergang, ein letztes des Niederganges deshalb, weil er bar ist allen Strebens nach wirklichem Internationalismus, der immer gerade [durch die Aufnahme desjenigen, was man in Liebe zu allen anderen Völkern sich erwerben kann,] das Wesen des eigenen Volkstums erhöht. Dieser Internationalismus, der im Marxismus und in alledem, was sich aus ihm gebildet hat, auftritt, das ist das Stehenbleiben im einseitigsten Denksystem, im unpraktischsten Denksystem, das außerdem bloß auf die sinnliche Welt hingeheftet ist und nicht vordringt bis zum Volkstum. Wahrer Internationalismus dagegen entspringt aus jener Liebe, die zu allen Völkern geht, um das Licht, das von allen Völkern her empfangen werden kann, anzustecken, um durch die Taten, Empfindungen, Schöpfungen des eigenen Volkes dieses eigene Volk in den großen Chor der Völker der Erde so hineinzustellen, daß es beiträgt zu dem vollen Verständnis der Völker, ein Verständnis, das nur aus wirklicher, wesentlicher, gegenseitiger Erkenntnis heraus die Völker der Erde einen kann.
[ 28 ] One need only contrast what emerged at the turn of the 18th and 19th centuries as the seed of greatness in Central Europe with what is today known as internationalism— one cannot say pulses through the world, but is preached throughout the world to seduce humanity as Marxism—the Marxism that believes only in human thought and which, even in a more or less attenuated form, no longer has any conception of how all of humanity is differentiated across the earth, the Marxism that believes an abstraction can be imposed upon one as humanity, as a human being. Marxism is not a first step toward the rise; it is a final step in decline—a final step in decline precisely because it is devoid of any striving for true internationalism, which always elevates the essence of one’s own national identity [by embracing what one can acquire through love for all other peoples]. This internationalism, which appears in Marxism and in everything that has developed from it, is a stagnation within the most one-sided system of thought, the most impractical system of thought, which, moreover, is fixated solely on the sensory world and does not penetrate to the essence of national identity. True internationalism, on the other hand, springs from that love which extends to all peoples, in order to kindle the light that can be received from all peoples, and through the deeds, feelings, creations of one’s own people, to place that people within the great chorus of the peoples of the earth in such a way that it contributes to the full understanding of the peoples—an understanding that can unite the peoples of the earth only through genuine, essential, mutual recognition.
[ 29 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich wollte heute sprechen von dem, was aus der Erkenntnis heraus die Völker der Erde einen kann. Ich wollte nicht sprechen von anderen Dingen, die gewissermaßen mehr programmatisch sein können oder Gegenstände der Geisteswissenschaft selber sind. Ich wollte von demjenigen sprechen, was als eine geisteswissenschaftliche Erkenntnis in dem Geistesforscher durch seine andere, geistige Forschung angeregt wird über das mögliche, in Liebe verlaufende Zusammenleben der Menschen auf der Erde. Man kann ganz gewiß von den verschiedensten Gesichtspunkten aus dasjenige charakterisieren, was notwendig ist für die nächste Menschheitszukunft. Man kann ganz gewiß von diesem und jenem Impulse sprechen. Aber man muß wohl auch anerkennen, daß zu alledem, was man auf sozialpolitischem, auf rechtlich-staatlichem Gebiet, was man auf dem Gebiete der Erziehung sagen kann, doch hinzutreten muß - als alles das beleuchtend — jener Trost, jener Seelentrost, jener geistige Trost, der aus solchen Erkenntnissen kommen kann, wie sie versucht worden sind, heute, ich möchte sagen in mehr flüchtiger Skizze anzudeuten, als etwas Umfassendes zu geben. Und der Trost kann kommen von Erkenntnissen, die sich auf den Rhythmus, den möglichen, ich sage ausdrücklich möglichen Rhythmus des menschlichen geschichtlichen Lebens beziehen, das wir dann in seiner Eigenart übermorgen vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus kennenlernen wollen: daß dasjenige, was durch die Geschichte gelebt hat, zeigt, wie es in unserer unmittelbaren Gegenwart drinnensteckt.
[ 29 ] Well, my esteemed audience, today I wanted to speak about what, through insight, can unite the peoples of the earth. I did not wish to speak about other matters that might, in a sense, be more programmatic in nature or that are subjects of Spiritual Science itself. I wanted to speak of that which, as an insight derived from Spiritual Science, is inspired in the spiritual researcher through his other, spiritual research—namely, the possible coexistence of human beings on Earth guided by love. One can certainly characterize, from a wide variety of perspectives, what is necessary for humanity’s immediate future. One can certainly speak of this or that impulse. But one must surely also acknowledge that, in addition to everything that can be said in the fields of social policy, law and government, and education, there must also be—as an illumination of all that—that comfort, that solace for the soul, that spiritual comfort that can arise from such insights as have been attempted today; I would say, in a more fleeting sketch rather than as a comprehensive presentation. And this comfort can come from insights that relate to the rhythm—the possible, and I say expressly possible, rhythm—of human historical life, which we will then seek to understand in its own unique way the day after tomorrow from the perspective of the Spiritual Science: that what has been lived through history reveals how it is embedded in our immediate present.
[ 30 ] Die heutige Betrachtung sollte Ihnen zeigen, wie es möglich ist, daß auf die Welle, die sich als Haß und Antipathie entladen hat über die Menschheit hin, auch heilend aus der Erkenntnis des Einenden heraus eine Welle internationaler Menschen- und Völkerliebe sich entwickelt, geradeso wie aus Wellentälern neue Wellenberge entstehen. Möglich ist es. Aber wir leben in einem Zeitalter, in dem das Mögliche von den Menschen bewußt und willentlich in Freiheit angestrebt werden muß. Vor Augen muß sich der Mensch stellen, welches die Bedingungen des Einenden unter den Völkern der Erde sind, damit jeder einzelne aus seiner Erkenntnis heraus beitragen könne dazu, daß auf die Welle des Hasses die Welle der Menschenliebe folge. Denn nur aus dieser Menschenliebe heraus wird das geheilt werden können, was der Haß zerstört hat. Wird man die Liebe nicht wollen, dann wird die Zerstörung bleiben. Das ist die furchtbare Alternative, die sich heute vor die Seele des erkennenden Menschen stellt. Wer diese Furchtbarkeit recht empfindet, der sagt sich: Schlafen dürfen die Seelen nicht, sonst könnte es geschehen, daß durch die Kraftlosigkeit des seelischen Völkerschlafes aus der Welle des Hasses nicht hervorgehen kann die heilende Welle der Liebe.
[ 30 ] Today’s reflection was intended to show you how it is possible that, in response to the wave of hatred and antipathy that has swept over humanity, a healing wave of international love among people and nations can also develop out of the recognition of what unites us—just as new wave crests arise from the troughs of waves. It is possible. But we live in an age in which what is possible must be consciously and willingly pursued by human beings in freedom. People must confront the reality of what the conditions for unity among the peoples of the earth are, so that each individual, based on their own understanding, can contribute to ensuring that the wave of hatred is followed by a wave of love for humanity. For only through this love for humanity can that which hatred has destroyed be healed. If people do not choose love, then destruction will remain. This is the terrible alternative that confronts the soul of the discerning human being today. Whoever truly grasps the horror of this situation will say to themselves: Souls must not sleep; otherwise, it could happen that, due to the powerlessness of the spiritual slumber of the nations, the healing wave of love cannot emerge from the wave of hatred.
[ 31 ] Wer das durchschaut, wird aufnehmen die Erkenntnis, die ihm werden kann aus dem geistigen Anschauen der Beziehungen der Völker. Er wird diese Erkenntnis aufnehmen in seine Gefühle; er wird Menschenliebe daraus entwickeln. Er wird sie aufnehmen in seinen Willen; er wird Menschentaten daraus entwickeln. Und er wird sich sagen: Die Zeitentwicklung selbst, alles das, was sich so erschreckend, so lähmend in der Gegenwart darbietet, das stellt vor unsere Seele das als Pflicht hin: zusammenzunehmen gegenüber dem, was sich geoffenbart hat in der allerneusten Zeit bis in die Gegenwart herein als zersplitternd in der Menschheit, zusammenzunehmen alles dasjenige, was in Liebe die Menschheit einen kann. Diese liebende Einheit, diese einende Liebe zu suchen, das ist nicht nur ein Gefühl, welches irgendwie freiwillig in uns entstehen kann, sondern es erscheint demjenigen, der durchschaut die Verhältnisse der Gegenwart, als die größte Menschheitspflicht unseres gegenwärtigen Zeitalters.
[ 31 ] Whoever sees through this will take in the insight that can come to him through the spiritual contemplation of the relationships among peoples. He will take this insight into his feelings; from it he will develop love for humanity. He will take it into his will; from it he will develop human actions. And they will say to themselves: The course of history itself—everything that presents itself so terrifyingly, so paralyzingly in the present—presents this as a duty before our souls: to bring together, in the face of what has revealed itself in the very recent past right up to the present as a force that fragments humanity, to bring together everything that can unite humanity in love. To seek this loving unity, this unifying love, is not merely a feeling that can somehow arise voluntarily within us; rather, to those who see through the circumstances of the present, it appears to be humanity’s greatest duty in our current age.
