Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Crisis of the Present
and the Path to Healthy Thinking
GA 335

12 March 1920, Stuttgart

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking, tr. SOL
  1. Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken

4. Die Geschichte der Menschheit im Lichte der Geisteswissenschaft

4. The History of Humanity in the Light of Spiritual Science

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Gedanken und seelisches Ringen, die vor verhältnismäßig noch kurzer Zeit die Angelegenheiten von einzelnen sich durch ihre besondere Bildung absondernden Menschen waren, sie müssen notwendigerweise durch die ganze Entwicklung der Menschheit in der Gegenwart heute eine allgemeine Angelegenheit werden. Von einer solchen allgemeinen Angelegenheit, die früher mehr oder weniger eine Gedankenangelegenheit einzelner weniger war, von dem Gewinnen eines Verhältnisses zu den Eigentümlichkeiten der einzelnen über die Erde hin lebenden Völker habe ich mir erlaubt, vorgestern hier zu sprechen. Heute möchte ich von einer anderen solchen Angelegenheit sprechen; ich möchte sprechen von dem, was unter dem Einfluß unserer notwendig nach Neuem strebenden Menschheit werden soll aus dem, was man Geschichte, Entwicklungsgeschichte der Menschheit in weitestem Sinne des Wortes nennen kann.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! Thoughts and inner struggles that, until relatively recently, were the concern of only a few individuals distinguished by their special education must, by the very nature of humanity’s development, become a matter of universal concern in the present day. The day before yesterday, I took the liberty of speaking here about such a universal concern—one that was previously, to a greater or lesser extent, a matter of reflection for only a few individuals—namely, gaining an understanding of the distinctive characteristics of the various peoples living across the earth. Today I would like to speak about another such matter; I would like to speak about what, under the influence of our humanity—which necessarily strives for the new—is to become of what can be called history, the history of human development in the broadest sense of the word.

[ 2 ] Als vor wirklich recht kurzer Zeit die Frage: Wie haben wir uns eigentlich zu der Menschheitsgeschichte zu stellen? — noch mehr oder weniger eine Gelehrtensache war, hat der ausgezeichnete Kunstschriftsteller, Kunstdenker und Kunstbetrachter Herman Grimm, den ich schon öfter hier in diesen Vorträgen zu erwähnen mir erlaubte, einen Ausspruch getan, der in einer gewissen Beziehung für die Bewertung gerade unserer heutigen Geschichtsbetrachtung außerordentlich bedeutsam ist. Herman Grimm sagt, indem er charakterisieren will dasjenige, was man heute vielfach als Geschichte betrachtet, namentlich als Geschichte schreibt, die Menschheit fühle heute, daß sie mit dieser Geschichte einen viel zu großen Ballast mit sich schleppe.

[ 2 ] When, not too long ago, the question—How should we actually approach the history of humankind? — was still more or less a matter for scholars, the distinguished art writer, art theorist, and art critic Herman Grimm—whom I have often mentioned here in these lectures—made a statement that, in a certain respect, is extraordinarily significant for evaluating our contemporary view of history. Herman Grimm says—in an attempt to characterize what is today widely regarded as history, and specifically what is written as history—that humanity today feels it is dragging far too much dead weight along with this history.

[ 3 ] Wenn wir auch gewiß bewundern müssen dasjenige, was in den letzten Jahrzehnten durch allerlei Ausgrabungen und Entdeckungen von äußeren Dokumenten der Menschheit sich geoffenbart hat, so müssen wir doch sagen, das angesammelte Material, das notizenhaft angesammelte Material in der Geschichte, es entbehrt heute in der geschichtlichen Betrachtung der Menschheit der großen Gesichtspunkte. Und diese großen Gesichtspunkte sind es doch einzig und allein, welche der Geschichte einen Lebenswert geben können. Denn, wann hat die Geschichte einen Lebenswert für den Menschen? Sie hat ihn nur dann, wenn dasjenige, was in ihr gedacht werden kann, was in ihr angeschaut werden kann an vergangenen Menschheitsschicksalen und menschheitlichen Gestaltungen, ein Ergebnis liefern kann für unsere eigene Seele, etwas, was unser eigenes Gemüt erwärmt, damit aus diesem erwärmten Gemüt sich Kräfte entwickeln können, die geeignet sind, uns richtig in das Leben hineinzustellen. In dieser Beziehung müssen wir schon sagen, daß wir einen Ballast mitschleppen in unserer gegenwärtigen geschichtlichen Betrachtung und daß die großen Gesichtspunkte, die wir gerade heute brauchen gegenüber den brennendsten Bedürfnissen der Gegenwartsmenschheit, fehlen.

[ 3 ] While we certainly must admire what has been revealed to humanity in recent decades through all manner of excavations and discoveries of external documents, we must nevertheless say that the accumulated material—the material gathered in the form of notes throughout history—lacks, in today’s historical consideration of humanity, the broader perspectives. And it is these broad perspectives, and these alone, that can give history a value worth living for. For when does history have a value worth living for human beings? It has such value only when what can be contemplated within it—the past destinies of humanity and its cultural forms—can yield a result for our own soul, something that warms our own heart, so that from this warmed heart forces may develop that are capable of properly grounding us in life. In this regard, we must acknowledge that we are burdened by a certain weight in our current historical perspective and that the broad perspectives we need most today—in light of the most pressing needs of contemporary humanity—are lacking.

[ 4 ] Nicht, als ob die geschichtliche Betrachtung früherer Zeiten nicht in ihrer Art solche großen Gesichtspunkte gehabt hätte. Nicht, als ob wir nicht würdigen könnten, was es bedeutete für den jungen Mann, für das junge Mädchen, kennenzulernen die großen historischen Gestalten des Altertums und ihnen nachzueifern, zu bewahrheiten den Spruch, den der Dichter gebraucht: «Ein jeglicher muß seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet». Aber die Art und Weise, solche einzelne Gestalten als Vorbilder zu wählen, und das, was von ihnen erprobt ist, in den eigenen Willen aufzunehmen, das hing ja doch davon ab, daß man in einer Zeit lebte, in der lebendige Bewunderung ersprießen konnte für Persönlichkeiten und für rechtliche oder staatliche oder kirchliche Gestaltungen, die in jenen Zeiten blühten, aus denen wir heute doch heraus sind. Etwas radikal gesprochen könnte man sagen: Wie können sich heute in derselben Weise wie früher die jungen Menschen erwärmen für Alexander den Großen, da ihnen doch mehr oder weniger gleichgültig geworden ist so etwas, was Alexander der Große selber als sein Ideal betrachtet hat. Es mußte in früheren Zeiten eine große Masse der Menschheit hinschauen zu einzelnen, welche die Angelegenheiten dieser Menschheit innerhalb umfassender Reiche besorgten, die sie erobernd begründeten, damit die Geschichte in der alten Form mit ihren großen Gesichtspunkten auf diese Menschheit, namentlich auf den Willen der Menschen wirken konnte.

[ 4 ] Not that historical perspectives on earlier times did not, in their own way, offer such broad perspectives. Not that we cannot appreciate what it meant for a young man or a young woman to become acquainted with the great historical figures of antiquity and to emulate them, thereby fulfilling the saying used by the poet: “Each must choose his own hero, following in his footsteps up the path to Olympus.” But the very act of choosing such individual figures as role models, and of incorporating what has been proven true about them into one’s own will, depended, after all, on living in an era in which lively admiration could spring forth for personalities and for legal, political, or ecclesiastical institutions that flourished in those times from which we have now moved on. To put it somewhat radically, one might ask: How can young people today be as enthusiastic about Alexander the Great as they once were, when they have become more or less indifferent to the very thing that Alexander the Great himself regarded as his ideal? In earlier times, a great mass of humanity had to look to individuals who managed the affairs of this humanity within vast empires—empires they had founded through conquest—so that history, in its ancient form with its grand perspectives, could exert its influence on this humanity, particularly on the will of the people.

[ 5 ] Das ist ja die bezeichnendste Tatsache der neueren Geschichte, daß teilnehmen müssen an allem öffentlichen Leben die Angehörigen der breiten Massen der Menschheit, daß alles dasjenige, was überhaupt menschliches Antlitz trägt, herbeikommen will und die Angelegenheiten der Menschheit als die eigenen Angelegenheiten betrachten will. Das ist dasjenige, was schließlich als berechtigter demokratischer Geist durch unsere Gegenwart flutet. Menschen nehmen da mit teil an den großen öffentlichen Angelegenheiten des Lebens, denen das mehr oder weniger gleichgültig geworden oder wenigstens interesselos geworden ist, was die Angehörigen früherer Zeitalter begeistert hat. Da liegt vor allen Dingen der Punkt — weil sich die geistigen Interessen der Menschheit demokratisch über alle Menschen ausgebreitet haben -, da liegt der Punkt, wo die Notwendigkeit auftritt, zu einer neuen Art Geschichtsbetrachtung zu kommen. Und für denjenigen, der unbefangen die Ereignisse der Gegenwart wirklich auf sich wirken läßt, namentlich für denjenigen, der die Not der gegenwärtigen Zeit so recht empfinden kann, für den gehört unter die mancherlei anderen ideellen oder idealen Fragen, unter die großen geistigen Fragen der Gegenwart die: Wie bringen wir schon in dem Kinde und dann in dem jungen Menschen die Betrachtung unserer Vorfahren zu einer solchen Wirkung, zu einem solchen Erlebnis, daß der Wille gestählt werden kann, daß die Orientierung im Leben klargemacht werden kann gerade durch den Einfluß einer geschichtlichen Betrachtungsweise. So verwebt sich das, was uns als Mensch überhaupt interessiert — der Geist in der Entwicklungsgeschichte unseres eigenen irdischen Geschlechts -, mit den großen Fragen der Erziehung, der Pädagogik, der Didaktik, und so verwebt sich im Grunde genommen alles wiederum mit der großen sozialen Frage der Gegenwart. Und es handelt sich darum, daß wir ja, wie es vorgestern und in den Vorträgen der vorigen Woche gesagt worden ist, im Zeitalter des Intellektualismus leben, jenem Zeitalter, in dem der Verstand eine Hauptrolle spielt bei der Ordnung der menschlichen Angelegenheiten. Dieser menschliche Verstand ist in seiner Nüchternheit, seiner Trockenheit nicht geeignet gewesen, die Geschichte so zu schreiben, daß sie das wirklich werden kann, was sie im Sinne des eben Gesagten werden muß, wenn sie den rechten Wert für die Menschheit erhalten soll. Da gerade glaubt Geisteswissenschaft, das ihrige tun zu können auch zu einer Neubildung der geschichtlichen Betrachtungsweise.

[ 5 ] This is indeed the most significant fact of recent history: that the members of the broad masses of humanity must participate in all public life; that everything that bears even the slightest human semblance seeks to come forward and regard the affairs of humanity as its own. This is what ultimately flows through our present as a legitimate democratic spirit. People are now taking part in the great public affairs of life—affairs toward which they have become more or less indifferent, or at least uninterested, in what once inspired the people of earlier ages. This is the crux of the matter—because humanity’s intellectual interests have spread democratically among all people—this is the point where the necessity arises to arrive at a new way of viewing history. And for those who allow the events of the present to truly take effect on them with an open mind—especially for those who can truly feel the plight of the present age—for them, among the many other conceptual or ideal questions, among the great intellectual questions of the present, there is this one: How can we instill in children—and later in young people—an appreciation of our ancestors that has such an impact, such a profound experience, that the will can be strengthened and a clear sense of direction in life can be established precisely through the influence of a historical perspective? Thus, what interests us as human beings in the first place—the spirit in the developmental history of our own earthly race—is interwoven with the great questions of education, pedagogy, and didactics; and in this way, everything is ultimately interwoven with the great social question of our time. And the point is that, as was said the day before yesterday and in last week’s lectures, we live in the age of intellectualism—that age in which the intellect plays a leading role in the ordering of human affairs. This human intellect, in its sobriety and dryness, has not been suited to writing history in such a way that it can truly become what it must become—in the sense of what has just been said—if it is to retain its proper value for humanity. It is precisely here that Spiritual Science believes it can do its part toward a renewal of the historical perspective.

[ 6 ] Geisteswissenschaft geht ja davon aus, Erkenntnisse zu gewinnen durch die Steigerung des inneren Lebens des Menschen. Dasjenige, was unsere Erkenntnis und unsere anderen menschlichen Fähigkeiten im gewöhnlichen Leben sind, das soll durch Geisteswissenschaft ausgebildet werden zu einem höheren Schauen und zu einem durch dieses Schauen angeregten erhöhten Seelenleben, das soll so ausgebildet werden, wie die Fähigkeiten des Kindes ausgebildet werden von einer niedrigeren Stufe zu den Fähigkeiten des erwachsenen Menschen; aus dem Innern des menschlichen Wesens sollen aufsprießen die darin schlafenden Fähigkeiten. Ein erkraftetes Denken, ein in strenge Selbstzucht genommenes Wollen soll herausholen aus dem tiefsten Innern des Menschen Erkenntnis- und Schaukräfte, welche in jene geistigen Tiefen der Welt und des Menschendaseins hineinblicken können, von denen sie [ohne diese Fähigkeiten] höchstens eine Ahnung haben können.

[ 6 ] Spiritual Science is based on the premise of gaining insight through the enrichment of a person’s inner life. What our knowledge and our other human faculties are in ordinary life is to be developed through Spiritual Science into a higher form of perception and into an elevated soul life inspired by this perception; this is to be developed in the same way that a child’s faculties are developed from a lower stage to those of an adult; the faculties lying dormant within the human being are to spring forth from within. A strengthened power of thought and a will disciplined through strict self-control are to draw forth from the deepest inner core of the human being powers of knowledge and insight capable of looking into those spiritual depths of the world and of human existence of which [without these abilities] they can at best have only a vague inkling.

[ 7 ] Das ist das Eigentümliche dieser Geist-Erkenntnis, wie sie hier gemeint ist, daß sie den ganzen Menschen ergreift. Wenn wir uns sagen können, daß mit ihrem Streben nach Klarheit die intellektualistische Erkenntnis, die so groß geworden ist in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, nicht nur unser Erkenntnisleben beherrscht, sondern auch unsere Lebenspraxis, wenn wir uns sagen können, daß sie vorzugsweise etwas ist, was den menschlichen Kopf, das rein intellektuelle Gebiet des Menschen beansprucht, so müssen wir sagen, daß Geisteswissenschaft nicht weniger nach voller Klarheit strebt, nach innerer Logik strebt, nach lichtvollen Begriffen strebt, daß aber diese Begriffe, weil sie aus zuvor geübtem Denken und zuvor geübtem Willen des Menschen hervorgehen, die Kräfte des ganzen Menschen in Anspruch nehmen. Es wäre ein großer Irrtum zu glauben, daß Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, aus dunklen Gefühlen heraus schöpfen wollte, daß diese Geisteswissenschaft irgend etwas gemein haben wollte mit all den nebulosen, mystischen Strömungen, mit denen man sie so leicht verwechselt. Nein, ihr Weg soll ein solcher sein, daß sie über das Geistige klare Ideen und Erkenntnisse gewinnt von solcher Art, wie sie nur je klar und deutlich und exakt in der Naturwissenschaft angestrebt werden. Aber diese Ideen sollen aus einer solchen Entwicklung des menschlichen Seelenlebens ersprießen, daß sie - trotz ihrer Klarheit, trotz ihrer Exaktheit - durch ihre Kraft den ganzen Menschen erfüllen, den ganzen Menschen in Anspruch nehmen. Während wir in der Regel nicht engagiert sind mit dem Gemüt und Gefühl, wenn wir die heutigen, naturwissenschaftlich formulierten Weltengesetze erkennen, während aus diesen naturwissenschaftlich formulierten Weltgesetzen wenig Antriebe für den Willen ersprießen, kann man sagen, daß dasjenige, was auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft erkannt wird über die Weltzusammenhänge, so recht das Gemüt des Menschen durchpulst und ihn zu einem anderen macht, daß sich das ergießt in den Willen, damit der Mensch sich orientiert und hineinstellt in die Lebenspraxis, damit er das einzelne tun kann in Übereinstimmung mit der großen Mission des Menschen auf der Erde.

[ 7 ] This is what is unique about this spiritual insight, as it is understood here: that it encompasses the whole person. If we can say that, with its striving for clarity, the intellectualistic understanding—which has grown so vast over the last three to four centuries—not only dominates our life of understanding but also our practical life; if we can say that it is primarily something that engages the human mind, the purely intellectual realm of the human being, then we must say that Spiritual Science strives no less for complete clarity, for inner logic, and for illuminating concepts; but that these concepts, because they arise from the human being’s previously trained thinking and will, call upon the powers of the whole human being. It would be a great mistake to believe that Spiritual Science, as it is meant here, seeks to draw upon obscure feelings, or that this Spiritual Science has anything in common with all those nebulous, mystical currents with which it is so easily confused. No, its path is to be such that it gains clear ideas and insights about the spiritual realm of the kind that are sought with clarity, precision, and exactness only in the natural sciences. But these ideas are to spring from such a development of the human soul life that—despite their clarity and precision—they fill the whole human being with their power and engage the whole human being. While we are generally not engaged with our mind and feelings when we recognize today’s laws of the universe as formulated by the natural sciences, and while few impulses for the will spring from these scientifically formulated laws, it can be said that what is recognized in the field of Spiritual Science regarding the interrelationships of the world truly pulses through the human soul and transforms the person to such an extent that it pours into the will, enabling the person to orient themselves and engage in the practice of life, so that they may act in accordance with humanity’s great mission on Earth.

[ 8 ] Wenn man in einer richtigen Weise versteht, um was es sich dabei handelt - ich habe die Einzelheiten, wie der Mensch zu einer solchen Erkenntnis gelangt, gerade hier in diesen Vorträgen oftmals charakterisiert —, so wird man das folgende leicht einsehen können.

[ 8 ] If one understands correctly what this is all about—I have often described in these lectures exactly how a person arrives at such an understanding—then one will easily be able to grasp what follows.

[ 9 ] Wenn man zunächst das einzelne Menschlich-Leibliche betrachtet, tut man es eigentlich nur durch eine Betrachtung des Gegenwärtigen. Betrachtet man die menschlichen Leibesglieder, laienhaft oder wissenschaftlich, so, wie der menschliche Leib sich präsentiert, so betrachten wir ihn eigentlich als etwas, was in der Gegenwart dasteht, auch wenn dieser menschliche Leib in sich die Spuren seiner eigenen Vergangenheit trägt. Wir nehmen wenig Rücksicht, wenn wir einen Menschenleib noch so wissenschaftlich betrachten, auf dasjenige, was dieser Leib aus der Vergangenheit bewahrt. Rücken wir zum gewöhnlichen seelischen Leben vor, da wird es schon anders, da betrachten wir nicht bloß das Gegenwärtige im Menschen, da schauen wir als Mensch in unsere eigene Vergangenheit hinein, bis nahe zur Geburt hin. Da fassen wir alles gedächtnismäßig zusammen, was wir in der Hauptsache erlebt haben. Da müssen wir wissen, daß wir seelisch krank wären, wenn wir nicht könnten in gehöriger Weise ausdehnen unser Gedächtnis über unsere Erlebnisse. Da dehnen wir das Interesse vom gegenwärtigen Augenblick über unsere nächste Vergangenheit aus. Ja, wir dehnen es in anderer Weise aus dadurch, daß wir aus dieser Vergangenheit die Impulse und die Kräfte eben des Vergangenen für das Wirken in unserer Zukunft gewinnen wollen. Wir verbinden mit der Gegenwart Vergangenheit und Zukunft. So ist ein gewisser Aufstieg in der Betrachtungsweise schon im gewöhnlichen Leben zu sehen, wenn wir von der Anschauung des Leiblichen hinaufsteigen zu den Erlebnissen des Seelischen.

[ 9 ] When one first considers the individual human body, one actually does so only by observing what is present. When we observe the parts of the human body—whether as laypeople or scientists—as the human body presents itself, we actually regard it as something that exists in the present, even though this human body bears within itself the traces of its own past. No matter how scientifically we observe a human body, we pay little attention to what that body has preserved from the past. When we turn to ordinary soul life, things are already different; there we do not merely observe the present in a person, but as human beings we look into our own past, all the way back to near birth. There we synthesize in our memory everything we have essentially experienced. We must realize that we would be spiritually ill if we could not properly extend our memory beyond our experiences. There we extend our interest from the present moment into our immediate past. Indeed, we expand it in a different way by seeking to draw from this past the impulses and forces of the past itself to shape our future. We connect the present with the past and the future. Thus, a certain elevation in our perspective can already be seen in ordinary life when we rise from the view of the physical to the experiences of the soul.

[ 10 ] Wenn wir nun innerhalb dieses Seelischen fortschreiten und uns so entwickeln, daß wir das Denken erkraften, vom Denken zum Schauen kommen, vom Willen zum innerlichen, geistigen Erleben, dann stellt sich noch etwas ganz anderes heraus. Wenn wir gewissermaßen unsere eigenen wenigen Jahrzehnte, die wir hier als Erdenmensch zu durchmessen haben, überschauen, indem wir auf unsere individuelle irdische Entwicklung vom Kinde bis zum erwachsenen Menschen hinblicken - überblicken unser Dasein im gewöhnlichen Seelenleben -, so tritt ein neues Element unseres ganzen Seins in unser Inneres herein, es tritt unsere eigene Vergangenheit hinein in unser Gedächtnis. Wenn wir unseren Menschen weiter ausdehnen durch geistiges Erkennen, wenn wir über das gewöhnliche, irdische Erkennen hinaus uns entwickeln zum Anschauen des Geistigen, dann tritt der Zusammenhang mit der Entwicklungsgeschichte der ganzen Menschheit in unsere Schau herein. So paradox

[ 10 ] If we now proceed within this spiritual realm and develop ourselves in such a way that we cultivate the power of thought, progress from thinking to seeing, and move from the will to inner, spiritual experience, then something entirely different emerges. When we, as it were, survey the few decades we have to live through here as earthly human beings—by looking back on our individual earthly development from childhood to adulthood—and take stock of our existence within ordinary soul life—a new element of our entire being enters our innermost being; our own past enters our memory. When we expand our human understanding through spiritual insight—when we develop beyond ordinary, earthly perception to perceive the spiritual—then the connection with the developmental history of all humanity enters our vision. So paradoxical

[ 11 ] ANS das vielen Angehörigen der gegenwärtigen Menschheit heute noch erscheint, so muß es doch gesagt werden: Viel wird davon abhängen für eine heilsame, gedeihliche seelisch-geistige Entwicklung in die Zukunft hinein, daß man das durchschaue, wie der Mensch - indem er einfach innerlich sein ganzes Menschliches ergreift, seine Kraft, seine Erkenntniskraft fortsetzt - eins wird mit der ganzen Menschheit. So wird das, was wir durch äußerliche Dokumente über die Geschichte erforschen können, ergänzt durch dasjenige, was wir innerlich durch unsere so eroberte Erkenntnis erkennen können: unseren Zusammenhang mit der ganzen Menschheit, als deren Glied wir uns dann erst recht fühlen.

[ 11 ] No matter how it may still appear to many members of present-day humanity, it must nevertheless be said: Much will depend, for a wholesome and flourishing soul-spiritual development into the future, on understanding how human beings—by simply embracing their entire humanity within themselves and continuing to develop their strength and their power of insight—become one with all of humanity. In this way, what we can investigate about history through external documents is supplemented by what we can recognize inwardly through the insight we have thus gained: our connection to all of humanity, as members of which we then feel all the more strongly.

[ 12 ] Und hier liegt der Weg, den ich heute allerdings nur skizzenhaft andeuten kann: geisteswissenschaftlich zunächst zu einem umfassenden geschichtlichen Gesichtspunkte aufzusteigen, der dann weiterführen kann wie ein roter Faden durch die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. In der Naturwissenschaft, die ja, und zwar mit einem gewissen Recht, in der neueren Zeit [vor allem] auch das Leiblich-Physische des Menschen umfaßt, spricht man von dem sogenannten Biogenetischen Grundgesetz. Es ist berühmt geworden im Zusammenhang mit der Deszendenz-Betrachtung der neueren Zeit. Ich brauche es hier nur in wenigen Worten zu charakterisieren. Es besagt, daß der Mensch, während er sich vor seiner Geburt im Mutterleibe als Embryo entwickelt, wie wiederholend alle Stadien der Entwicklung durchmacht, welche sich darstellen in den einzelnen tierischen Formen. Die Entwicklung beginnt, indem der Mensch zuerst niederen Tieren ähnlich ist, indem er Fischform hat. Er entwikkelt sich dann durch höhere Tierformen hindurch, bis er allmählich erst annimmt das menschliche Wesen, das dann das Licht der Welt erblickt. Man sagt dazu: Die Entwicklung des Menschen ist eine Wiederholung derjenigen physischen, den Tieren ähnlichen Formen, die der Mensch durchgemacht hat, bevor er seine heutige menschliche Gestalt angenommen hat. Die Entwicklung, die der Mensch von der Empfängnis bis zur Geburt durchmacht, ist eine kurze Wiederholung desjenigen, was der Mensch im Laufe von, wie man sagt Jahrmillionen in seiner Formentwicklung durchgemacht hat. Man hat nun versucht, mit einer äußeren Verstandesbetrachtung, man kann es nicht anders nennen, anzuknüpfen an dieses naturwissenschaftliche Ergebnis, über dessen größere oder geringere Berechtigung ich mich hier nicht ergehen will. Man hat auch versucht, das Geistig-Seelische, das Geschichtliche des Menschen in einer ähnlichen Weise zu betrachten. Man will dasjenige, was sich als Kultur der Gegenwart entwickelt, was den Menschen der Gegenwart als zivilisierten Menschen, als Menschen mit einer gewissen Bildung auszeichnet, so betrachten im Zusammenhang mit Vergangenem, wie man die embryonale Entwicklung im Zusammenhang mit Vergangenem betrachtet. Und man ist sogar dazu gekommen, nachforschen zu wollen, wie die Urkulturen gewissermaßen in der Kindheit des Menschen ihre besondere wiederholentliche Ausprägung gewinnen, wie dann, wenn der Mensch heranwächst, er spätere Kulturen wiederholt und so weiter, bis er -— nachdem er von der Geburt durch die Kindheit die früheren Epochen wiederholt hat -, sich heraufentwickelt zu dem, was er jetzt als ein in dieser Zeit lebender Mensch eigentlich ist.

[ 12 ] And here lies the path, which I can, however, only sketch out in broad strokes today: to begin by ascending, through Spiritual Science, to a comprehensive historical perspective that can then serve as a common thread running through the history of human development. In the natural sciences—which, with some justification, have in recent times come to encompass [above all] the physical and bodily aspects of human beings—one speaks of the so-called biogenetic law. It has become famous in connection with modern theories of descent. I need only characterize it here in a few words. It states that as the human being develops as an embryo in the womb before birth, it passes through—as if repeating them—all the stages of development that are represented in the various animal forms. Development begins with the human being first resembling lower animals, taking on a fish-like form. It then develops through higher animal forms until it gradually assumes the human form, which then comes into the world. It is said that the development of the human being is a repetition of those physical, animal-like forms that the human being went through before assuming its present human form. The development that a human being undergoes from conception to birth is a brief repetition of what humanity has undergone over the course of—as they say—millions of years in its evolution of form. Attempts have now been made to link this scientific finding—and one cannot call it anything else—to an external, intellectual observation; I do not wish to dwell here on the greater or lesser validity of this finding. Attempts have also been made to view the spiritual-soul aspects and the historical development of the human being in a similar way. The aim is to view what is developing as contemporary culture—that which characterizes people today as civilized human beings, as people with a certain level of education—in relation to the past, just as one views embryonic development in relation to the past. And one has even come to investigate how the primordial cultures, so to speak, take on their particular, repetitive form during human childhood, and how, as the human being grows up, he repeats later cultures, and so on, until—after having repeated the earlier epochs from birth through childhood—he develops into what he actually is as a human being living in this time.

[ 13 ] Geisteswissenschaft ermöglicht eine gewisse Selbsterkenntnis des Menschen gerade dadurch, daß man durch seine geistigen Übungen, durch die Erkraftung der Seelenkräfte ein intimeres Urteil über den Menschen gewinnt, denn dadurch kann man den menschlichen Lebenslauf, wie er sich darbietet an uns selbst oder an anderen, genauer betrachten, als es der heutigen Oberflächlichkeit möglich ist oder als man es versucht in der heutigen Seelenwissenschaft oder dergleichen. Und da stellt sich dann heraus, daß der Mensch, wenn er durch Geisteswissenschaft zur Möglichkeit einer wahren Selbsterkenntnis vorrückt, durch diese Selbsterkenntnis eigentlich etwas anderes gewinnt, als man gewöhnlich heute noch voraussetzt. Diese Selbsterkenntnis durch Geisteswissenschaft liefert eigentlich viel Erstaunliches über die Kindheit; wenn auch nicht gerade [mit den Methoden der Naturwissenschaft], aber aus dieser Geisteswissenschaft ist über die Perioden der Kindheit mancherlei außerordentlich Wichtiges zu sagen. Allein das ist gerade wichtig für die Erneuerung der Pädagogik, daß es nur bedarf einer genauen und ehrlichen Anwendung der gewöhnlichen menschlichen Fähigkeiten; so wird man das sich entwickelnde Kind verstehen können und ein ordentlicher Lehrer und Erzieher dieses Kindes werden können, wenn man sich hier nach geisteswissenschaftlichen Prinzipien richtet, auch wenn man selber nicht ein Schauen erworben hat. Man kann ein tüchtiger Lehrer sein im Sinne der Geisteswissenschaft, wenn man nur den ehrlichen Willen hat, intim auf die Entwicklung des Menschlichen im Kinde einzugehen, auch ohne schauen zu können.

[ 13 ] Spiritual Science enables a certain degree of self-knowledge precisely because, through spiritual exercises and the strengthening of the soul’s powers, one gains a more intimate understanding of the human being; for through this, one can observe the course of human life—as it presents itself to us in ourselves or in others—more precisely than is possible with today’s superficiality or than is attempted in contemporary psychology or similar disciplines. And it then becomes apparent that when a person advances toward the possibility of true self-knowledge through Spiritual Science, this self-knowledge actually yields something different from what is still commonly assumed today. This self-knowledge gained through Spiritual Science actually reveals many astonishing things about childhood; even if not exactly [using the methods of natural science], Spiritual Science nonetheless offers a great deal of extraordinarily important insight into the stages of childhood. Yet this is precisely what is important for the renewal of pedagogy: that all that is required is a precise and honest application of ordinary human abilities; in this way, one will be able to understand the developing child and become a proper teacher and educator of that child, provided one follows the principles of Spiritual Science, even if one has not personally attained the ability to see. One can be a competent teacher in the sense of Spiritual Science if one simply has the sincere will to engage intimately with the development of the human being within the child, even without being able to see.

[ 14 ] Aber in bezug auf die älteren Daseinsstufen des individuellen Menschenlebens ist es nicht so. Das, was hier das wesentliche ist, wird man eigentlich erst gewahr, wenn man seine Erkenntnisfähigkeiten so erkraftet, wie es innerhalb der Geisteswissenschaft geschehen kann. Dann merkt man, daß ungefähr vom 30. Jahr des menschlichen Lebens an in dem Menschen innerliche Fähigkeiten schon da sind, aber kaum angedeutet; man merkt, daß sie gewissermaßen intim herauftreten in das Seelenleben aus unbekannten Tiefen, daß sie aber zunächst im gewöhnlichen Leben so schwach sich kundgeben, daß man sie nicht recht handhaben kann - sie sind so schwach, daß sie übertönt werden von dem, was durch die äußeren Angelegenheiten der Welt auf den Menschen einstürmt. Man muß schon recht intim beobachten, um zu sehen, was da im höheren Lebensalter des Menschen fortwährend im Seelenleben auftauchen will und sich ausnimmt nicht wie seine ursprüngliche Gestalt, sondern wie wenn es der Nachklang von etwas ganz anderem wäre, als es jetzt ist. Und sieht man genauer zu, so entdeckt man durch die geistige Anschauung etwas ganz Merkwürdiges: Will man:die Naturgrundlage des Menschen betrachten in ihrem Zusammenhang mit den vorgeschichtlichen Formen, die der Mensch durchlaufen hat, dann muß man sogar auf die embryonale Entwicklung, auf die der Kindheit vorangehende Entwicklungsepoche des Menschen sehen, man muß an den Anfang des Lebens gehen. Will man aber die geschichtliche Entwicklung der Menschheit betrachten, dann muß man auf die Endjahre der individuellen menschlichen Entwicklung sehen. Dann muß man auf die intimen Fähigkeiten sehen, die heute im Innern der Seele wie durchhuschen, die gar nicht richtig herauskommen. Sie sind ebenso nur Rudimente, Andeutungen von etwas Vorhergegangenem und geschichtlich Vergangenem, wie heute die andeutenden Formen der embryonalen Entwicklung im Mutterleibe jene andeutenden Formen sind von dem, was [entwicklungsjgeschichtlich vergangen ist. Für die Naturentwicklung des Menschen muß man an den Anfang des Lebens gehen; für die geschichtliche Entwicklung muß man durch Schärfung der Erkenntniskräfte aus der Geisteswissenschaft sich den Blick aneignen für das Ende des menschlichen Lebens.

[ 14 ] But this is not the case with regard to the earlier stages of individual human life. One actually becomes aware of what is essential here only when one has developed one’s powers of cognition to the extent possible within Spiritual Science. Then one realizes that, beginning around the age of 30, inner capacities are already present in the human being, though barely hinted at; one realizes that they emerge, as it were, intimately into the soul life from unknown depths, but that at first they manifest themselves so faintly in ordinary life that one cannot really make use of them—they are so faint that they are drowned out by what assails the human being through the external affairs of the world. One must observe quite intimately to see what continually seeks to emerge in the soul life of a person in later life, appearing not in its original form, but as if it were the echo of something entirely different from what it is now. And if one looks more closely, one discovers something quite remarkable through spiritual insight: If one wishes to consider the natural foundation of the human being in its connection with the prehistoric forms through which humanity has passed, then one must even look at embryonic development—the stage of human development preceding childhood—one must go back to the very beginning of life. But if one wishes to consider the historical development of humanity, then one must look to the final years of individual human development. Then one must look at the innermost faculties that today seem to flit through the soul, never quite coming to the surface. They are just as much rudiments, hints of something that preceded them and is now historically past, as the suggestive forms of embryonic development in the womb today are hints of what [has passed in the history of development. To understand the natural development of the human being, one must go back to the beginning of life; to understand historical development, one must, by sharpening the powers of insight through Spiritual Science, acquire the ability to perceive the end of human life.

[ 15 ] Sucht man zu durchdringen dasjenige, was einem, ich möchte sagen wie ein schwaches Abendrot im heutigen Menschentum entgegentritt, wenn man die Dreißigerjahre überschritten hat, dann lernt man in diesen Schatten, die da aufhuschen im Seelenleben, das erkennen, was einem erst verständlich macht das andere, das herüberklingt aus längstvergangenen Zeiten der Menschheitsentwicklung. Man blickt dann auf das hin, was man vorzeitliche Kulturen nennt, ja, man schärft sich sogar den Blick für das Vorhistorische, das nur seinen letzten Nachklang in dem Historischen aufgezeichnet hat; man läßt von der Vedanta-Philosophie der Inder, von den Veden den Blick zurückschweifen zu dem, wovon sie abstammen, abstammen müssen, denn sie zeigen sich nicht als Ursprungsprodukte, sondern als letzte Ergebnisse, und man lernt erkennen, worauf jenes merkwürdige Kraftelement beruht, das die uralte indische Kultur, diese erste Morgenröte einer Erdenkultur, durchströmt hat. Man findet eine Verwandtschaft mit dem, was schattenhaft im menschlichen Alter lebt, zu dem, was damals in der Menschheit in Jugendfrische gelebt hat und die Kultur der Urzeiten besorgt hat. Man lernt dann nach und nach erkennen die geistige Umkehrung des biogenetischen Grundgesetzes in der Natur. Man lernt erkennen, wie in jenen alten Zeiten, in die man doch zurückgehen muß, wenn man die Entwicklungsgeschichte der Menschheit verstehen will, sich der Mensch bewahrte bis in sein höchstes Alter hinauf die leibliche Entwicklungsfähigkeit, mit der eine geistig-seelische Entwicklungsfähigkeit verbunden war. Wir machen heute in unserer Kindheit einen wichtigen Sprung, auch für unser Seelenleben, so um das siebente Jahr herum, wenn der Zahnwechsel eintritt; da ist eine wichtige Entwicklungsepoche des kindlichen Lebens abgeschlossen. Der Leib macht eine Metamorphose durch, und die geistig-seelische Entwicklung begleitet diese Metamorphose. Und wiederum, wenn die Geschlechtsreife eintritt, macht der Leib eine Metamorphose durch, aber auch die geistig-seelische Verfassung des Menschen begleitet diese leibliche Metamorphose. Der Mensch hat dasjenige, was er da geistig-seelisch entwickelt in diesen Lebensaltern, einfach dadurch, daß auch sein Leib diese Entwicklung durchmacht. Dann verschwindet für uns Menschen schon bald die Möglichkeit, solche Umwandlungen noch wahrzunehmen, solche Umwandlungen auch nur zuzugeben. Zwar ist sehr deutlich, daß wir noch eine Umwandlung durchmachen im Beginn der Zwanzigerjahre; sie ist aber schon intimer, jedoch noch deutlich vorhanden. Aber diejenige, die dann am Ende der Zwanzigerjahre eintritt, und gar diejenigen, die dann noch später eintreten, sie sind eigentlich nur schattenhaft vorhanden. Und nur derjenige, der durch Geisteswissenschaft den Blick schärft, der merkt, wie diese Schatten der Umwandlungen aufsteigen, jene Umwandlungen, die aber vorhanden waren in voller Deutlichkeit in früheren Entwicklungsstadien der Menschheit. So wie wir heute nur noch in der Kindheit den Übergang durch den Zahnwechsel und durch die Geschlechtsreife leiblich und seelisch zugleich erleben, wie wir dadurch, daß wir natürliche Menschen sind, zugleich eine seelisch-geistige Entwicklung durchmachen und uns gleichsam als ganzer Mensch einig fühlen in unserer Entwicklung — während später sich unser Seelisch-Geistiges abtrennt und eigene Wege geht -, so hat der Mensch in früheren Entwicklungsepochen der Erde deutlich spürbar mit dem Leiblichen zusammengehende geistig-seelische Metamorphosen durchgemacht.

[ 15 ] If one seeks to penetrate that which, I might say, appears like a faint evening glow in today’s humanity once one has passed the age of thirty, then one learns, in these shadows that flit through the life of the soul, to recognize that which alone makes one understand the other—that which echoes from long-past eras of human development. One then turns one’s gaze to what are called prehistoric cultures; indeed, one even sharpens one’s perception of the prehistoric, which has left only its final echoes recorded in history; one lets one’s gaze wander back from the Vedanta philosophy of the Indians, from the Vedas, to that from which they originate—must originate—for they do not appear as original products but as final outcomes; and one learns to recognize the basis of that remarkable element of power that permeated ancient Indian culture, that first dawn of an earthly culture. One finds a kinship with what lives as a shadow in the human age, with what once lived in humanity with the freshness of youth and shaped the culture of primeval times. One then gradually comes to recognize the spiritual reversal of the fundamental biogenetic law in nature. One learns to recognize how, in those ancient times—to which one must indeed go back if one wishes to understand the history of human development—human beings retained, right up to their oldest age, the capacity for physical development, to which a capacity for spiritual and soul development was linked. Today, during our childhood, we make an important leap—also for our soul life—around the age of seven, when the teeth begin to change; at which point an important developmental phase of childhood is completed. The body undergoes a metamorphosis, and spiritual and psychological development accompanies this metamorphosis. And again, when sexual maturity sets in, the body undergoes a metamorphosis, but the human being’s spiritual and psychological constitution also accompanies this physical metamorphosis. Human beings develop what they do spiritually and psychologically during these stages of life simply because their bodies also undergo this development. Soon enough, however, we humans lose the ability to perceive such transformations, or even to acknowledge them. It is true that we undergo another transformation in our early twenties; it is more subtle, yet still clearly present. But the transformations that occur at the end of one’s twenties—and especially those that occur even later—are actually present only as shadows. And only those who sharpen their vision through Spiritual Science notice how these shadows of the transformations emerge—transformations that were, however, present with full clarity in earlier stages of human development. Just as today we experience the transition through tooth replacement and sexual maturity—both physically and psychically—only during childhood, and just as, by virtue of being natural human beings, we simultaneously undergo a psychic-spiritual development and feel, as it were, united as whole human beings in our development—while later our psychic-spiritual aspect separates and goes its own way— so, in earlier epochs of the Earth’s development, human beings underwent spiritual and soul metamorphoses that were clearly intertwined with the physical.

[ 16 ] Und wenn wir das einmal erfaßt haben, wenn wir einmal erfaßt haben, wie der Mensch der ersten geschichtlichen Periode, die wir verfolgen können, auf der Erde ganz in seinem Leibe lebte, wie er das miterlebte bis ins höchste Alter hinein, was in seinem Leibe war, dann verstehen wir, daß eine so gänzlich andere Sprache gesprochen wird in den ältesten Dokumenten, die von der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit sprechen. Dann verstehen wir auch die Frische, mit der Weisheitsvolles in diesen alten Dokumenten uns entgegentritt. Dann verstehen wir das, wie damals etwas Poetisches ausgegossen war über dasjenige, was wir heute nur in abstrakter Philosophie hervorbringen; dann verstehen wir, wie ein Konfuzius die höchsten Weisheitssprüche hervorbringt, wenn wir wissen, daß das, was wir nur in der Kindheit erleben, in jenen Zeitaltern auch dann erlebt worden ist, wenn das Haar schon beginnt grau zu werden. Der Mensch erlebte auch dann noch sein Leibliches mit. Er sprach nicht bloß aus einem mehr abstrakten Seelisch-Geistigen heraus, er sprach aus vollem Blute heraus die abstraktesten Angelegenheiten der Menschheit aus. Das ist es, was uns entgegenströmt nicht bloß aus den Schriften, was auch überliefert und von dem abgelauscht ist, was öffentliche Angelegenheiten dieser Urmenschheit war.

[ 16 ] And once we have grasped this—once we have grasped how human beings in the earliest historical period we can trace lived entirely within their own bodies on Earth, how they experienced what was within their bodies right up into old age— then we understand that a language so entirely different is spoken in the oldest documents that speak of humanity’s historical development. Then we also understand the freshness with which words of wisdom in these ancient documents come to meet us. Then we understand how, back then, something poetic was poured out over what we today produce only in abstract philosophy; then we understand how a figure like Confucius could produce the highest sayings of wisdom when we know that what we experience only in childhood was also experienced in those ages even when one’s hair had already begun to turn gray. Even then, human beings still experienced their physical nature. They did not speak merely from a more abstract soul-spiritual realm; they spoke of the most abstract matters of humanity with their whole being. This is what flows toward us not only from the writings, but also from what has been handed down and overheard regarding the public affairs of this primordial humanity.

[ 17 ] Und wir fühlen uns, wenn wir zurücksehen, als ein Glied dieser ganzen menschlichen Entwicklung, dieser Entwicklung der Menschheit, wir fühlen, was es heißen mußte, daß in diesen Zeiten der Mensch, trotzdem er alt wurde, Kind blieb, und alles das wie ein Kind erlebte, was man heute nüchtern, trocken im Alter erlebt. Man begreift, wie damals das ganze innere Seelenleben eine andere Färbung hatte, man begreift, daß das Zusammenleben der Menschen so geartet war, daß der kindliche, der jugendliche Mensch anders zum alten Menschen emporsah, als wir das heute können. Denn der jugendliche Mensch konnte sich sagen: Wenn ich selber alt werde, wird aus meinem Innern etwas emporquellen, was man nur erleben kann, wenn man alt wird; man kann sich freuen auf das Altwerden, denn dieses Altwerden gibt einem etwas an Freude, wozu man eben alt werden muß, um es zu erleben. Und man konnte auch in anderer Weise verehrend zum Alter aufschauen, als wenn man glaubt, daß das Alter nur das nüchterne abstrakte Äußere mache - wie man heute meist über das Alter denken zu müssen glaubt. Die ganze Stellung des Menschen zur Welt wird dadurch eine andere. Und wir verstehen den ganzen Charakter der alten Zeiten innerlich, nicht bloß äußerlich trocken, wenn wir uns so einfühlen in die ersten Zeiten der Menschheitsentwicklung. Wir lernen dann verstehen, wie es eine erste Periode menschheitlicher Entwicklung gegeben hat, in der der Mensch so in seinem Leibe lebte, daß er seine leibliche Entwicklungsperiode zu gleicher Zeit als geistig-seelische Tatsache fühlte so, wie wir heute nur fühlen, wenn wir das Geistig-Seelische als solches erleben. Der Mensch fühlte aber da auch sich in vollem Einklang mit der Natur. Der Mensch jener alten Zeiten war noch nicht in die Möglichkeit versetzt, ein Materielles zu verachten, gering zu schätzen oder auch zu überschätzen, denn für ihn offenbarte sich alles Geistige noch im Materiellen. Er aß und trank, aber in dem, was er als Speise und Trank aufnahm, offenbarte sich ihm Geistiges. Er kannte nicht nur das Materielle. Er konnte, indem er die Früchte vom Baume nahm, im Genuß der Frucht sich sagen: Durch die Blüte, im ganzen Wachstum, in der Kraft des Baumes wirkt die Gottheit, sie schenkt mir die Frucht, die Gottheit ist unmittelbar mit mir in Beziehung, indem ich geistig-leiblich ein Verhältnis zur Welt eingehe.

[ 17 ] And when we look back, we feel ourselves to be a part of this entire human development, this development of humanity; we sense what it must have meant that in those times, even as people grew old, they remained like children and experienced everything—as a child would—that we today experience in old age with a sober, matter-of-fact detachment. One understands how, back then, the entire inner life of the soul had a different hue; one understands that human coexistence was such that the childlike, youthful person looked up to the elderly in a way that we cannot today. For the young person could say to themselves: When I myself grow old, something will well up from within me that one can only experience by growing old; one can look forward to growing old, for this process of growing old gives one a joy that one must actually grow old to experience. And one could also look up to old age with reverence in a different way than when one believes that old age consists only of a sober, abstract exterior—as we today are mostly led to believe we must think of old age. The whole relationship of human beings to the world becomes different as a result. And we understand the entire character of ancient times inwardly, not merely outwardly and dryly, when we empathize in this way with the earliest periods of human development. We then come to understand how there was an early period of human development in which a person lived so fully within their body that they experienced their physical development simultaneously as a spiritual-soul reality—just as we today feel only when we experience the spiritual-soul realm as such. But in those days, human beings also felt themselves to be in complete harmony with nature. The people of those ancient times were not yet capable of despising, underestimating, or even overestimating the material world, for to them, everything spiritual was still revealed within the material. They ate and drank, but in what they consumed as food and drink, the spiritual was revealed to them. They did not know only the material. By picking the fruit from the tree, they could say to themselves as they savored it: Through the blossom, throughout the entire growth process, and in the power of the tree, the Divine is at work; it gives me the fruit; the Divine is in direct relationship with me as I enter into a spiritual-physical relationship with the world.

[ 18 ] So empfand der Mensch der ersten Erdenepoche, wie er wirtschaftlich, wie er rechtlich, wie er geistig mit der Natur, mit dem anderen Menschen, mit dem Geistigen verbunden war. Er empfand den Gott als gegenwärtig auf der Erde, er empfand den Gott in allem, was sich ihm auch leiblich offenbarte - denn ein von der Materialität getrenntes geistiges Erleben kannte er noch nicht. Alles, was sich ihm irdisch-sinnlich darbot, erlebte er auch geistig; er richtete sich in seinen Einrichtungen nach dem, was sich ihm als Göttliches offenbarte. Die Einrichtungen, wenn man sie heute studieren könnte mit der äußeren Geschichtsbetrachtung — man kann es nur mit Geisteswissenschaft -, die Einrichtungen, die die Menschen damals trafen, man kann sie nur bezeichnen als Theophanie. Man kann sie nur so bezeichnen, daß man sagt: Durch alles dasjenige, was der Mensch so innerlich erlebte, war er sich und war ihm die Umwelt ein Geistiges, und was im Wirtschaftsleben geschah, war ihm nur ein Abglanz des Geistigen, wie ein Schattenbild des Geistigen. Es ist ganz unrichtig für diese geisteswissenschaftliche Betrachtung, auf eine Urmenschheit zu blicken, die etwa tierisch auf der Erde gelebt hätte und aus tierischen Instinkten gelebt hätte, wie bessere Affen. Es ist durch Geisteswissenschaft klar, daß der Mensch allerdings ausgegangen ist von materiellstem Erleben, daß er aber dieses materiellste Erleben als geistig-göttlich empfunden hat, daß er alles Wirtschaftliche als Spiegelbild, als Abglanz des GeistigSeelischen auch auf Erden eingerichtet hat. Vom geistigen Erleben, allerdings mit der Materie, ist der Mensch in seiner Entwicklungsgeschichte auf der Erde ausgegangen. Und zu etwas anderem ist er erst fortgeschritten, als es für ihn aufhörte, daß er im höheren Alter, in den Vierzigerjahren, sogar anfangs der Fünfzigerjahre noch wahrnehmen konnte die inneren seelisch-geistigen Metamorphosen im Zusammenklang mit dem alternden Leibe. Der Mensch wurde darauf beschränkt, schon in jüngeren Jahren abzuschließen sein Einheitsgefühl für das Geistig-Seelische und das Leibliche. Im vorangehenden Kulturzeitalter hat der Mensch noch bis in die Dreißigerjahre hinein, aber nicht mehr höher hinauf, empfunden den Einklang des Leiblichen mit dem Geistig-Seelischen. In der Mitte des Lebens empfand der Mensch noch, was es heißt, leiblich-geistig in die Dreißigerjahre zu kommen, dann hörte es auf, so wie heute das gewöhnliche Erleben für uns schon früher aufhört, wie wir schon früher alt werden, ohne daß wir das Altwerden auch wirklich innerlich mit dem Leibe miterlebend erfahren.

[ 18 ] This is how people of the first epoch on Earth perceived their economic, legal, and spiritual connections to nature, to other human beings, and to the spiritual realm. They perceived God as present on Earth; they perceived God in everything that revealed itself to them even in a physical sense—for they did not yet know a spiritual experience separate from materiality. Everything that presented itself to them in an earthly, sensory way, they also experienced spiritually; they organized their institutions according to what revealed itself to them as divine. These institutions—if one could study them today through an external historical perspective (though this is possible only through Spiritual Science)—the institutions that people established at that time can only be described as theophanies. One can only describe them by saying: Through everything that human beings experienced so inwardly, they were themselves—and their environment was—spiritual, and what took place in economic life was for them merely a reflection of the spiritual, like a shadow image of the spiritual. It is entirely incorrect, from the perspective of Spiritual Science, to view a primordial humanity that supposedly lived on Earth in an animal-like manner and acted on animal instincts, like more advanced apes. It is clear from Spiritual Science that human beings did indeed begin with the most material of experiences, but that they perceived this most material experience as spiritual and divine, and that they organized all economic activity on Earth as a reflection, a mirror image, of the spiritual-soul life. Humanity began its evolutionary history on Earth with spiritual experience—albeit in conjunction with matter. And it did not progress to anything else until it ceased to be able—in later life, in one’s forties, or even early fifties—to perceive the inner soul-spiritual metamorphoses in harmony with the aging body. Human beings were thus confined to bringing their sense of unity between the spiritual-soul and the physical to a close at a younger age. In the preceding cultural epoch, human beings still felt the harmony between the physical and the spiritual-soul well into their thirties—but no further. In the middle of life, people still sensed what it meant to enter their thirties physically and spiritually; then it ceased, just as today our ordinary experience ends earlier for us, just as we grow old earlier without truly experiencing the process of aging inwardly in conjunction with the body.

[ 19 ] In diese zweite Periode der menschheitlichen Entwicklung - sie beginnt etwa mit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert -, fällt noch hinein jenes wunderbare Volkstum, das einen so großen, einen so riesenhaften Einfluß gewonnen hat auf das ganze zivilisatorische Leben der neueren Zeit, es fällt hinein die Entwicklung des griechischen Volkstums. Derjenige, der heute nicht fühlen kann, wie im Grunde genommen doch dieses griechische Volkstum durchaus verschieden ist von dem unsrigen, der fühlt die Entwicklungsgeschichte der Menschheit nicht richtig.

[ 19 ] This second period of human development—which begins around the 8th century B.C.—includes that marvelous culture which has exerted such a great, such a colossal influence on the entire civilizational life of modern times; it includes the development of Greek culture. Anyone who today cannot sense how, at its core, this Greek culture is fundamentally different from our own does not truly understand the history of human development.

[ 20 ] Oh, dieses griechische Volkstum! Man bereichert wirklich sein menschliches Leben, wenn man sich versetzen kann in die Art und Weise, wie der Grieche, zwar nicht mehr wie der Urmensch bis ins höchste Alter hinauf jung blieb, wie er aber bis zur Mitte des Lebens sich als einheitlicher Mensch fühlte, wie er noch in den Dreißigerjahren einen seelisch-geistigen Zusammenhang mit dem Leiblichen verspürte, so wie wir es etwa bis zur Zeit der Geschlechtsreife erleben. Das, was da als Einheit in der griechischen Natur lebte und webte, das bildete die Grundlage für jene harmonische Kunst und für jenes Geistesschaffen der griechischen Kultur. Dieses, den Menschen noch im mittleren Lebensalter, im mittleren Daseinsalter so als eine Ganzheit, als eine innere Harmonie zu erleben, das machte es möglich, daß aus den alten Formen künstlerischen Schaffens, der Dramatik und des musikalischen Empfindens sich dasjenige entwickelte, was wir als Griechentum kennen. Wir lernen echt menschlich dieses Griechentum nur kennen, wenn wir vermögen, unseren Blick auf den einzelnen Griechen hinzulenken. Oh, dieser Grieche, er soll uns der Repräsentant sein dieser zweiten Epoche in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Er hat auch noch die Natur um sich herum anders gesehen als wir. Dadurch, daß die Wachstumskräfte seines Seelisch-Geistigen noch in Anspruch genommen wurden bis in die Dreißigerjahre seines Lebens hinein, dadurch strömten diese Wachstumskräfte bis in seine Sinnesanschauung hinein. Und wer nachfühlen kann, was es heißt, im Menschenwesen wirken leiblich-physische Kräfte so, daß sie sich seelisch-geistig äußern bis in die Dreißigerjahre hinein, der wird sich sagen müssen: In die Sinne selbst hinein drängt sich eine andere Kraft, und dadurch ergibt sich eine andere Auffassung der sinnlichen Wirklichkeit. Auf diesem Wege lernt man sich einfühlen in die ganze Entwicklung der Menschheit, man lernt sich hineinempfinden in den einzelnen Menschen der Vorzeit. Man lernt fühlen, wie er anschaute die Umgebung so, daß die Natur mit all ihren Blüten, mit all ihren sonstigen Äußerungen, ja mit Sternen, Sonne und Mond, mit den Wolken und so weiter in allen Eindrucksnuancen anders auf ihn wirkte, als sie auf uns wirkt. Wenn man fühlend verfolgt, was da anders war im Griechen, kann man sich innerlich erkennend sagen: Der Grieche empfand lebhaft gerade das Helle in seiner natürlichen Umgebung, alles dasjenige, was hervorstach, was leuchtete und glänzte, während er wenig Sinn hatte für das, was nicht leuchtete und glänzte. Wer da glaubt, daß der Grieche die Umgebung in derselben Weise sah, wie wir sie sehen, der hat keinen Sinn für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, der betrachtet sie so etwa wie ein Vierzigjähriger, der da glaubt, daß das Kind die Umgebung schon ebenso sieht, wie er sie sieht. Aber der Grieche, der in der zweiten Epoche der Menschheitsentwicklung lebte, er sah die Natur um sich in großer Lebendigkeit. Er sah dasjenige, was leuchtet und glänzt, was unmittelbar zu dem Menschen sprach; er sah auch in anderen Menschen dasjenige, was von Mensch zu Mensch mehr aktiv ist, was von Mensch zu Mensch mehr das Leuchtende ist. Bis in die Gesichtsfarbe des anderen Menschen hat der Grieche seinen Mitmenschen anders gesehen, als wir ihn sehen. Das muß Geisteswissenschaft aus ihrem erkennenden Mitfühlen mit der Entwicklungsgeschichte der Menschheit sagen.

[ 20 ] Oh, this Greek way of life! One truly enriches one’s human existence when one can put oneself in the shoes of the Greek, though no longer, like primitive man, remained young into old age, yet felt himself to be a unified human being until middle age, and still, even in his thirties, sensed a spiritual and emotional connection with his physical self—much as we experience it, for example, until the time of sexual maturity. That which lived and wove as a unity within the Greek nature formed the foundation for the harmonious art and spiritual creativity of Greek culture. This experience of the human being—even in middle age, in the middle stage of life—as a whole, as an inner harmony, made it possible for what we know as Greek civilization to develop out of the ancient forms of artistic creation, drama, and musical sensibility. We can only truly come to know this Greek civilization in a genuinely human way if we are able to direct our gaze toward the individual Greek. Oh, this Greek—he is to be our representative of this second epoch in the history of human development. He also viewed the nature around him differently than we do. Because the growth forces of his soul and spirit were still being drawn upon well into his thirties, these growth forces flowed right into his sensory perception. And anyone who can appreciate what it means for physical forces to act within the human being in such a way that they express themselves in the soul and spirit well into one’s thirties will have to admit: A different force pushes its way into the senses themselves, and this results in a different perception of sensory reality. In this way, one learns to empathize with the entire development of humanity; one learns to feel one’s way into the individual human beings of antiquity. One learns to feel how they perceived their surroundings in such a way that nature—with all its blossoms, with all its other manifestations, indeed with the stars, the sun, and the moon, with the clouds, and so on—had a different effect on them in all its nuances of impression than it has on us. When one sensitively traces what was different about the Greeks, one can say to oneself with inner insight: The Greeks vividly perceived precisely the brightness in their natural surroundings—everything that stood out, that shone and glittered—while they had little appreciation for what did not shine or glitter. Anyone who believes that the Greeks saw their surroundings in the same way we see them has no sense of the history of human development; they view it much like a forty-year-old who believes that a child already sees the world just as he does. But the Greeks, who lived during the second epoch of human development, perceived the nature around them with great vividness. He saw that which glows and shines, that which spoke directly to the human being; he also saw in other people that which is more active from person to person, that which is more radiant from person to person. Right down to the color of another person’s face, the Greek saw his fellow human beings differently than we do. This is what Spiritual Science must say based on its empathetic understanding of the history of human development.

[ 21 ] Das wird durch äußere Betrachtung nicht etwa widerlegt, sondern voll bestätigt, wie man auch über diese Dinge streiten mag. Wer unbefangen betrachtet die griechische Literatur, dem muß auffallen, daß die Griechen eigentlich ein wirkliches Wort, um das Blau auszudrücken, nicht haben. Sie haben ein Wort, yAauxög (glaukos), mit dem bezeichnen sie die dunklen Haare und auch die dunkelgefärbten Augenbrauen gewisser Menschen, und mit demselben Ausdruck bezeichnen sie auch den blauen Stein Lapislazuli. Mit demselben Wort bezeichnen sie alles Blaue und alles Schwarze oder überhaupt Dunkle. Und ganz interessant ist auch, daß die Griechen ein Wort für grün haben, xAwoög (chloros), aber mit diesen Worten bezeichnen sie zu gleicher Zeit das gelbe Harz, den Honig und das Haar — wie blaublinde Menschen der Gegenwart nicht unterscheiden zwischen grün und gelb, so daß wir sagen können: Auch die äußere Geschichte bestätigt uns, daß der Grieche die hellen Farben durchaus als diejenigen sah, auf die es ihm ankam; und daß er für das Blau, für die dunkeln Farben überhaupt noch gar keine so starke Empfindung hatte, daß er diese Empfindung besonders aussprach. Da müssen wir sehen auf eine ganz andere leiblich-seelische Konstitution des griechischen Menschen. Und das gibt uns eine Geschichtsbetrachtung, welche innerlich erkennen läßt den Gang des Fortschrittes über die Erde hin. Das führt uns in das Innere des Menschen hinein.

[ 21 ] This is not refuted by external observation, but rather fully confirmed, no matter how one may argue about these matters. Anyone who examines Greek literature with an open mind cannot help but notice that the Greeks do not actually have a specific word to express the color blue. They have a word, yAauxög (glaukos), which they use to describe dark hair and also the dark-colored eyebrows of certain people, and they use the same term to refer to the blue stone lapis lazuli. They use the same word to describe everything blue and everything black—or, more generally, anything dark. It is also quite interesting that the Greeks have a word for green, xAwoög (chloros), but they use this word simultaneously to describe yellow resin, honey, and hair—just as people today who are color-blind to blue cannot distinguish between green and yellow, so that we can say: External history also confirms that the Greeks regarded the light colors as the ones that mattered to them; and that they did not yet have such a strong feeling for blue or for dark colors in general that they would have expressed this feeling specifically. Here we must recognize a completely different physical and psychological constitution of the Greek people. And this provides us with a historical perspective that allows us to perceive, from within, the course of progress across the earth. This leads us into the innermost being of the human being.

[ 22 ] Und wenn wir diesen Weg dann weitergehen und nur einmal solchen Gesichtspunkten gefolgt sind, dann wird man auch andere Angelegenheiten so betrachten. Dann wird man verstehen, warum die römischen Schriftsteller uns erzählen, daß die griechischen Maler nur mit vier Farben gemalt haben, mit Schwarz, Weiß, Rot, Gelb, und nichts davon erwähnen, daß sie auch in Blau gemalt haben. Vielleicht haben sie auch das gehabt, was wir als Blau sehen, und die Fläche damit bedeckt, aber sie haben es nicht so genannt. Sie haben alles nur empfunden, insofern es hell und leuchtend und glänzend war. Das heißt, sie lebten mit ein Leben mit dem, was in der Natur kraftete, und sie kannten noch nicht das nachdenkliche Element. Denn man lernt erkennen, daß dieses nachdenkliche Element in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit erst heraufkommen kann, wenn nun auch die Dreißigerjahre aufhören, sich so auf den Menschen auszuwirken, daß er das Geistig-Seelische im Einklang noch vernimmt mit dem Leiblich-Physischen, wenn sozusagen dieses Einheitsgefühl, wo man als Mensch zu gleicher Zeit die Metamorphosen des Leiblich-Physischen und des GeistigSeelischen empfindet, schon in den Zwanzigerjahren aufhört. Da entwickelt sich dann dasjenige, wofür vorzugsweise organisiert ist der Altersleib des Menschen, es entwickelt sich dann dasjenige, wo nur in Spuren, in Schatten heraufhuschen die Dinge, die in früheren Zeitaltern in voller Deutlichkeit vorhanden waren. Verfolgt man diese Dinge unbefangen, dann kommt man dazu zu sagen, daß im gegenwärtigen Zeitalter normalerweise diese Abhängigkeit des Geistig-Seelischen vom Physisch-Leiblichen etwa im 26., 27. Jahr für den normalen Menschen aufhört, wenn der Mensch nicht selber etwas tut dadurch, daß er seine innere Entwicklung in die Hand nimmt, und daß dann nur dasjenige im menschlichen Innern auftritt, was durch Erziehung erst während der Kindheit in dieses menschliche Innere gelegt wird. Nun tritt etwas höchst Bedeutsames auf, wenn wir so die Entwicklungsgeschichte der Menschheit betrachten. Wir schauen zurück auf frühere Zeiten der Menschheitsentwicklung. Wir können es verstehen, daß man da mehr zufrieden war mit einer solchen Erziehung, in der der Mensch aufwuchs mit seiner Umgebung durch die natürlichen Verhältnisse des Nachahmens. Wir sehen die ganze tiefmenschliche Wichtigkeit des Erziehungs- und des Unterrichtswesens erst in dieser dritten, «nachdenklichen» Epoche hervortreten. Wir lernen erkennen, wie wir drinnenstehen als Mensch in der Entwicklungsgeschichte der ganzen Menschheit; wir fühlen nicht mehr unser Verhältnis zur gesamten Menschheit als abstrakt. Wir fühlen unsere Mission in diesem bestimmten Zeitalter; indem wir ihm angehören, wissen wir, daß insbesondere zum Beispiel die Erziehungsaufgaben an das heutige Zeitalter der Menschen herantreten — die Erziehungsaufgaben, zu deren wichtigsten die soziale Frage gehört.

[ 22 ] And if we continue down this path and follow such perspectives even just once, then we will come to view other matters in the same way. Then one will understand why Roman writers tell us that Greek painters used only four colors—black, white, red, and yellow—and make no mention of the fact that they also painted in blue. Perhaps they, too, had what we perceive as blue and used it to cover surfaces, but they did not call it by that name. They perceived everything solely insofar as it was bright, luminous, and radiant. That is to say, they lived in harmony with what was active in nature, and they did not yet know the contemplative element. For one comes to recognize that this contemplative element can only emerge in the history of human development when the 1930s cease to influence human beings in such a way that they still perceive the spiritual-soul aspect in harmony with the physical-bodily aspect—when, so to speak, this sense of unity, in which one as a human being simultaneously experiences the metamorphoses of the physical-bodily and the spiritual-soul aspects, has already come to an end in the 1920s. Then what the human body of old age is primarily organized for begins to develop; then what emerges are things that, in earlier ages, were present in full clarity, but now appear only in traces, in shadows. If one observes these things impartially, one is led to say that in the present age, this dependence of the spiritual and soul aspects on the physical and bodily aspects normally ceases around the age of 26, 27th year for the average person, unless the person takes matters into their own hands by actively guiding their inner development; in which case, only those elements emerge within the human being that have been instilled there through childhood education. Now, something of the utmost significance becomes apparent when we view the history of human development in this way. We look back on earlier periods of human development. We can understand that people were more content back then with a form of upbringing in which the individual grew up in harmony with their surroundings through the natural process of imitation. We see the profound human significance of education and instruction emerge only in this third, “reflective” epoch. We come to recognize how we, as human beings, are situated within the history of the development of all humanity; we no longer perceive our relationship to humanity as a whole as something abstract. We feel our mission in this particular age; by belonging to it, we know that, for example, the tasks of education are particularly relevant to the present age of humanity—tasks among which the social question ranks as one of the most important.

[ 23 ] In der ersten Epoche der Menschheit und im Nachklang in der zweiten Epoche konnte der Mensch in der Jugend sich sagen — er konnte das lernen aus den Stimmungen und Mitteilungen der Alten: Indem du heranwächst und älter wirst, wirst du das und das erfahren, was dir einfach durch deine leibliche Umwandlung erfahrbar wird im Alter. — In unserer Zeit muß dasjenige, wodurch der Mensch sein Alter ausfüllt, in seiner Jugend durch Erziehung und Unterricht keimhaft veranlagt werden. Und immer mehr und mehr rückt die Zeit heran - sie ist in hohem Grade schon da -, wo wir fühlen müssen die starke Verpflichtung, die Jugend so zu erziehen, daß durch das ganze spätere Alter hindurch der Mensch sich erinnern kann an das, was er erlernt hat während der Unterrichtsjahre. Weil einem das Leben in den elementaren Ereignissen nicht mehr selber das gibt, was in früheren Menschheitsepochen dem Menschen gegeben worden ist, muß das, was während der Unterrichtsjahre erlebt wird, ich möchte sagen zeitlich elastisch wirken können, so daß es freudig und erhebend und befeuernd und kraftend das ganze Leben

[ 23 ] In the first epoch of humanity—and, to some extent, in the second—people could tell themselves in their youth—they could learn this from the sentiments and teachings of their elders—that as they grew up and grew older, they would experience this and that, which would become accessible to them simply through the physical changes they would undergo in old age. — In our time, what fills a person’s old age must be planted as a seed in their youth through education and instruction. And the time is drawing ever closer—it is already here to a large extent—when we must feel a strong obligation to educate young people in such a way that, throughout their later years, they can recall what they learned during their school years. Because life, in its basic events, no longer provides what was given to people in earlier epochs of human history, what is experienced during the school years must—I would say—be able to exert a temporally flexible influence, so that it may remain joyful, uplifting, inspiring, and invigorating throughout one’s entire life

[ 24 ] bis zum Grauwerden durchtönen und durchleuchten kann. In einer solchen Weise kann Geschichte Gesichtspunkte gewinnen, in einer solchen Weise kann Geschichte uns wiederum Erkenntnisse geben, die auch den Willen erkraften, die eine Orientierung im Leben geben können.

[ 24 ] can resonate and shed light on things until they turn gray. In this way, history can gain new perspectives; in this way, history can in turn provide us with insights that also strengthen our will and can give us direction in life.

[ 25 ] Das ist es, worauf Geisteswissenschaft immer wieder und wiederum aufmerksam machen muß, daß sie dadurch, daß sie tiefer einzudringen versucht in das Leben und Dasein bis in diejenigen Regionen, wo sich dieses Leben und dieses Dasein als geistig enthüllt, auch unmittelbar ihre Dienste dem praktischen Leben leisten kann.

[ 25 ] This is what the Spiritual Science must repeatedly and consistently draw attention to: that by striving to penetrate more deeply into life and existence—all the way to those realms where this life and this existence reveal themselves as spiritual—it can also directly serve practical life.

[ 26 ] Diejenige Geschichte, die bloß sich an das Äußerliche hält, sie wird nicht imstande sein, dem Menschen solche Weiten [in der Betrachtung] der geschichtlichen Entwicklung zu geben, die zu gleicher Zeit in ihm Lebenskräfte werden. Sie gibt ihm auch nicht Ideen, welche ihm Aufklärung geben können über dasjenige, was in der Menschheitsentwicklung geschehen ist.

[ 26 ] History that confines itself solely to the external will not be able to provide people with such breadth [of perspective] on historical development that simultaneously becomes a source of vitality within them. Nor does it provide ideas that can enlighten him about what has taken place in the development of humanity.

[ 27 ] Es ist merkwürdig, wenn man zum Beispiel hört, daß einer der größten Historiker der eben abgelaufenen Epoche, Ranke, immer im Zweifel darüber war, wie er die Gestalt des Christus Jesus in die Menschheitsgeschichte hineinstellen solle. Er war der Überzeugung, daß die Gestalt des Christus Jesus eigentlich bloß religiös zu betrachten sei, das heißt auf ein anderes Blatt der Betrachtung kommen müsse, als es die gewöhnliche Geschichtsbetrachtung ist. Er war nicht in der Lage, das Christus-Leben unter die die Geschichte konstruierenden Kräfte hineinzustellen. Herman Grimm versuchte diesen Mangel Rankes in einigen Andeutungen zu verbessern, aber es gelang ihm nicht, weil in diesem Punkte unter den heutigen Zeitverhältnissen nur etwas gelingen kann durch die geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise.

[ 27 ] It is curious, for example, to hear that one of the greatest historians of the era just past, Ranke, was always uncertain about how he should place the figure of Jesus Christ within the history of humanity. He was convinced that the figure of Jesus Christ should really be viewed solely from a religious perspective—that is, that he must be considered on a different plane than that of ordinary historical analysis. He was unable to place the life of Christ within the forces that shape history. Herman Grimm attempted to remedy this shortcoming of Ranke’s with a few suggestions, but he did not succeed, because in this regard, under present-day conditions, success can only be achieved through a Spiritual Science approach.

[ 28 ] Was ist denn der Mensch im Grunde genommen geworden dadurch, daß er ein «nachdenklicher» Mensch geworden ist, daß er sich hineinentwickelt hat seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in die nachdenkliche, in die intellektualistische Periode? Was ist er geworden dadurch, daß er sich hineinentwickelt hat in alles dasjenige, was auf dem Gebiet der Technik, was auf dem Gebiet des äußeren Lebens und der äußeren Erkenntnisse aus dem Intellektualismus heraus kommt, allerdings als etwas Großes?

[ 28 ] What, then, has humanity essentially become as a result of becoming a “reflective” people, of having developed, since the mid-15th century, into this reflective, intellectualistic period? What has he become as a result of developing into everything that arises from intellectualism in the realm of technology, in the realm of external life, and in the realm of external knowledge—admittedly, as something great?

[ 29 ] In der ersten Epoche und zum großen Teil in der zweiten noch, wofür der Grieche uns der Repräsentant sein kann, da fühlte sich der Mensch als Glied der ganzen Welt, einfach dadurch, daß sein Leib ein Glied der ganzen Welt ist. Er sah den Blitz; er hatte eine instinktive Erkenntnis dafür, daß die Kraft, die im Blitz liegt, verwandt ist mit der Kraft, die im eigenen Gefühle lebt. Er fühlte sich im ganzen Weltendasein drinnen. Er war reich in seinem inneren Erleben, weil er im Grunde genommen sich als ein Glied der ganzen Welt fühlte, weil ihm dasjenige, was in ihm als Mensch lebte und webte, dasjenige war, was in der ganzen Welt lebte und webte. Sein eigenes Schicksal sah er im Gang der Sterne. Er konnte verfolgen nicht nur das, was in ihm naturgesetzlich war, bis in die fernsten Himmelshöhen, sondern auch das, was in ihm moralisch war, konnte er verfolgen bis in kosmische Weiten.

[ 29 ] In the first epoch—and to a large extent still in the second, for which the Greek can serve as our representative—human beings felt themselves to be part of the whole world, simply because their bodies are part of the whole world. They saw the lightning; he had an instinctive realization that the power inherent in lightning was akin to the power that lived within his own feelings. He felt himself to be at home within the whole of worldly existence. He was rich in inner experience because, fundamentally, he felt himself to be a part of the whole world; because what lived and wove within him as a human being was the very same thing that lived and wove throughout the whole world. He saw his own destiny in the course of the stars. He could trace not only what was natural within him, all the way to the farthest heights of the heavens, but also what was moral within him—he could trace it all the way to cosmic expanses.

[ 30 ] Wir heute haben andere Erfahrungen. Wir haben seit dem Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens in der dritten entwicklungsgeschichtlichen Epoche der Menschheit, in der wir nachdenkliche Menschen geworden sind, erlebt, daß wir gut rechnen können, mit Galileischer Großartigkeit, mit Brunoscher Einsicht hinaufschauend in die Sternenwelten. Aber wir tragen nichts aus ihnen herunter als mathematisch-mechanistische Formeln über Planeten und Sonnenlauf, und heute höchstens noch dasjenige, was uns die Spektralanalyse dazu sagt. Und hier auf dieser Erde sind wir einsam geworden. Wir wissen uns auf dieser Erde stehend, aber wir fühlen nichts mehr von einer Verwandtschaft mit den Sternenweiten. Wir können uns, wenn wir ehrlich innerhalb der neuzeitlichen mechanistischen Weltanschauung leben, nicht mehr als ein lebendiges Glied der Welt fühlen. Wir stehen einsam mit unserer Erde im Weltenraum; und über dasjenige, was nicht unsere Erde ist, rechnen wir nur. Können wir eigentlich, wenn wir ehrlich sind, dann noch den biblischen Glauben entwickeln, daß aus der Welt, die wir so errechnen, aus diesen Himmelshöhen herunter gestiegen sei der Christus, um im Leibe des Jesus von Nazareth das wichtigste Ereignis, den Sinn der ganzen Erdenentwicklung zu vollbringen?

[ 30 ] We today have different experiences. Since the dawn of modern intellectual life in the third epoch of human history—in which we have become reflective human beings—we have discovered that we are capable of precise calculation, gazing up at the starry worlds with Galilean grandeur and Bruno’s insight. But we bring down from them nothing but mathematical-mechanistic formulas about the planets and the sun’s orbit, and today, at most, what spectral analysis tells us about them. And here on this Earth, we have become lonely. We know we stand on this Earth, but we no longer feel any kinship with the vastness of the stars. If we live honestly within the modern mechanistic worldview, we can no longer feel ourselves to be a living part of the world. We stand alone with our Earth in the vastness of space; and regarding that which is not our Earth, we merely calculate. If we are honest, can we then still develop the biblical faith that Christ descended from the world we calculate in this way—from those heavenly heights—to accomplish, in the body of Jesus of Nazareth, the most important event, the very meaning of all earthly development?

[ 31 ] Das, was die Menschheit sich erobert hat im Errechnen, im mechanistischen Erkennen, das ist dasjenige, was sie abgebracht hat vom geistigen Verstehen der Entwicklungsgeschichte der Menschheit selber. Geisteswissenschaft erst wird wieder einen Sinn damit verbinden können, daß dasjenige, was in dem Jesus lebte, aus geistigen Höhen heruntergestiegen ist, daß da die große Ehe der Geisteswelt mit der irdischen Menschheit zum Heile menschlicher Fortentwicklung geschlossen worden ist. Daß das Mysterium von Golgatha ein Geistiges ist, das ist dasjenige, was erst durch Geisteswissenschaft der Menschheit wiederum in voller Klarheit wird vor die Seele treten können.

[ 31 ] What humanity has achieved in the realm of calculation and mechanistic understanding is precisely what has led it away from a spiritual understanding of the history of humanity’s own development. Only Spiritual Science will be able to restore meaning to the fact that what lived within Jesus descended from spiritual heights, and that the great union of the spiritual world with earthly humanity was brought about for the sake of human progress. That the Mystery of Golgotha is a spiritual reality—this is what will only be able to emerge once again in full clarity before the soul of humanity through Spiritual Science.

[ 32 ] Und dann, wenn man so aus einer geisteswissenschaftlich erneuerten Anschauung heraus das Mysterium von Golgatha erlebt, dann, möchte man sagen, drängt sich aus der Geisteswissenschaft auch eine weitere, scheinbar nur nebensächliche menschheitlich-entwicklungsgeschichtliche Tatsache auf, die aber auf den, der sie empfinden kann in all ihrer Tiefe, erschütternd wirkt. Dann entdeckt man, indem man dieses Ihnen heute charakterisierte umgekehrte biogenetische Grundgesetz anwendet, die Tatsache, die da besagt: Das, was heute der Mensch in der Altersepoche seiner individuellen Entwicklung durchlebt, das ist eine schattenhafte Andeutung desjenigen, was klar leiblich-seelisch erlebt worden ist von unseren Menschenvorfahren und heute [nur noch] in äußeren menschheitlichen Metamorphosen von früheren Entwicklungsepochen erlebt wird. Wie naturgemäß das Physische des Menschen auf der Embryonalstufe eine Wiederholung in Andeutungen desjenigen ist, was in der Vorfahrenschaft von den Menschen durch Jahrmillionen erlebt worden ist, so ist dasjenige, was heute im menschlichen Alter auftritt, eine schattenhafte Wiederholung desjenigen, was klar und deutlich innerlich vorhanden war in der Vormenschheit. Wir bringen unser gegenwärtiges Leben dadurch mit der Vorzeit in Zusammenhang.

[ 32 ] And then, when one experiences the Mystery of Golgotha from a perspective renewed by Spiritual Science, one might say that Spiritual Science also brings to light another fact—one that seems only incidental to the history of human development—but which has a profound effect on those who can perceive it in all its depth. Then, by applying this reversed fundamental law of biogenetics that I have described to you today, one discovers the fact that states: What human beings today experience in the epoch of their individual development is a shadowy hint of what was clearly experienced in body and soul by our human ancestors and is today experienced [only] in the external metamorphoses of humanity from earlier epochs of development. Just as the physical aspect of the human being at the embryonic stage is a repetition, in hints, of what was experienced by human ancestors over millions of years, so too is what occurs today in human adulthood a shadowy repetition of what was clearly and distinctly present internally in pre-humanity. In this way, we connect our present life with the past.

[ 33 ] Und wenn Sie mit den geisteswissenschaftlichen Methoden, die hier oftmals charakterisiert worden sind und die Sie in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», «Geheimwissenschaft», «Vom Menschenrätsel», «Von Seelenrätseln» nachlesen können, diese Tatsachen verfolgen, so werden Sie sich sagen können, daß es durchaus durch innere Schau möglich ist, darauf zu kommen, wie in den vorchristlichen Zeiten die Menschen in dieser Weise entwicklungsfähig geblieben sind, das heißt innerlich erlebt haben auch geistig-seelisch das LeiblichPhysische bis hinauf über die Dreißigerjahre, bis in die letzten Dreißigerjahre. Dann ging es immer weiter herunter, bis in unsere Zeit, die dritte Epoche in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit, wo der Mensch erlebt das Geistig-Seelische mit dem Leiblich-Physischen zusammen nur noch bis in die Zwanzigerjahre hinein. Dazwischen liegt etwas, was ein wichtiger Übergang ist im menschlichen Leben.

[ 33 ] And if you use the Spiritual Science methods that have often been described here—and which you can read about in my books *How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?*, *Esoteric Science*, *The Mystery of Man*, “The Riddles of the Soul,” you will be able to say to yourself that it is indeed possible, through inner vision, to understand how, in pre-Christian times, people remained capable of developing in this way—that is, how they experienced the physical-bodily realm inwardly, even in their spiritual and soul life, well into their thirties, right up to the late thirties. Then the trend continued steadily downward until our own time, the third epoch in the history of human development, in which human beings experience the spiritual and soul aspects together with the physical body only up to their early twenties. In between lies something that constitutes an important transition in human life.

[ 34 ] Der Mensch ist, indem er sich über die Erde hin entwicklungsgeschichtlich gestaltet hat, gewissermaßen heruntergestiegen aus dem jugendlich-kindhaften Erleben des Alterns in diejenigen Zeiten, wo er nur seinen Einheitsmenschen erlebt bis in die Dreißigerjahre hinein. Da zeigte sich ihm aus den Weltentiefen heraus diejenige Gestalt, die ihm vorlebte bis in diese Dreißigerjahre hinein dasjenige, was er nachleben soll, damit er in der Jugend die Kräfte aufnehmen könne, um ins Alter hineinzutragen das, was er so in der Jugend aufnimmt. Der Mensch kann in der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha nicht mehr durch die Naturentwicklung in das Alter hinein die Kräfte tragen, die er in diesem Alter braucht. Daher ist ihm dargestellt worden auf der Erde das auch nur bis in die Mitte des irdischen Lebens hingehende Christus Jesus-Leben, das dem Menschen bis ins 33. Jahr ein göttlich-menschliches Vorbild gegeben hat. Ergreift er die starken Kräfte dieses Vorbildes, so daß er erfassen kann im Innern: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», richten wir alle Erziehung, allen Unterricht so ein, daß er durchchristet ist, daß wir in der Jugend das Kind aufnehmen lassen die Kräfte, die dann, wie ich es angedeutet habe, wie zeitlich-elastisch in das höchste Alter sich hineinerstrecken können, durchchristen wir so den ganzen Menschen - dann arbeiten wir an dem Fortschritt der Menschheit auf diesem Gebiet aus der Erkenntnis der menschlichen Entwicklungsgeschichte heraus.

[ 34 ] As human beings have evolved over the course of history on Earth, they have, in a sense, descended from the youthful, childlike experience of aging into those years when they experience only their “Unified Self” up into their thirties. From the depths of the world, a figure appeared to them who, up into their thirties, exemplified what they are meant to live out—so that in their youth they might absorb the forces necessary to carry into old age what they have thus absorbed in their youth. In the era following the Mystery of Golgotha, human beings can no longer carry into old age—through natural development—the forces they need in that stage of life. For this reason, the life of Christ Jesus—which extended only to the middle of his earthly life—has been presented to them on earth, a life that provided humanity with a divine-human model up to the age of 33. If a person grasps the powerful forces of this model so that they can realize inwardly: “Not I, but Christ in me,” we will structure all education and all instruction so that it is permeated by Christ, so that in youth we allow the child to absorb the forces which, as I have indicated, can extend—with temporal flexibility—into the highest age; in this way, we will permeate the whole human being with Christ—and thus we will work toward the progress of humanity in this area, based on an understanding of the history of human development.

[ 35 ] Und so wie ich auf einzelnen Gebieten zeigen konnte, daß das wirklich innerlich lebendige Verständnis der menschlichen Entwicklungsgeschichte wiederum Gesichtspunkte gibt aus der Geisteswissenschaft heraus, so wie das uns zeigen kann, was wir zu tun haben in unserem heutigen Zeitalter, so können wir es auch auf gewissen anderen Gebieten zeigen. Wir können darauf hinweisen, wie der Mensch durch seine leiblich-physische Entwicklung so geartet war, daß er im Materiellen das Göttliche erkannte. Was wir da als Erbschaft des Verhältnisses des Menschen zum Göttlichen bekommen haben, wirkt in uns fort; wir müssen es nur selbständig pflegen, denn heute will es selbständig sein. Es will als selbständiges Glied unseres sozialen Lebens gepflegt werden.

[ 35 ] And just as I have been able to show in certain areas that a truly inner, living understanding of human evolutionary history, in turn, provides insights from the perspective of Spiritual Science—insights that can show us what we must do in our present age—so, too, can we demonstrate this in certain other areas. We can point out how human beings, through their physical development, were constituted in such a way that they recognized the divine in the material world. What we have inherited from this relationship between humanity and the divine continues to work within us; we need only nurture it independently, for today it seeks to be independent. It seeks to be nurtured as an independent element of our social life.

[ 36 ] In der zweiten Epoche der Menschheitsentwicklung, wo der Mensch nur noch das Leiblich-Physische mit dem Geistig-Seelischen in Einklang findet bis etwa in die Dreißigerjahre, die in der Mitte des irdischen Lebenslaufes liegen, in dieser zweiten Epoche werden insbesondere die instinktiven Kräfte des menschlichen Seelenlebens voll wach, jene instinktiven Kräfte des menschlichen Seelenlebens, welche sich zum Beispiel in den rechtsgetaltenden, in den staatsgestaltenden Faktoren des öffentlichen Lebens ausleben. Damit sehen wir in der zweiten Epoche der menschlichen Entwicklung die Keimanlagen gelegt zu dem, was wir als Recht wohl denken können, aber nicht nachdenklich, sondern instinktiv. Daher ist in allen Rechtsbegriffen immer etwas Strittiges, weil sie noch instinktiv in der zweiten Epoche entstanden sind.

[ 36 ] In the second epoch of human development—during which a person is still only able to harmonize the physical-bodily with the spiritual-soul aspects, up until about the age of thirty, which lies in the middle of one’s earthly life—it is in this second epoch that, in particular, the instinctive forces of human soul life become fully awake, those instinctive forces of human soul life that find expression, for example, in the factors of public life that shape law and the state. Thus, in the second epoch of human development, we see the seeds sown for what we may well conceive of as law—not through reflection, but instinctively. That is why there is always something contentious in all legal concepts, because they arose instinctively during the second epoch.

[ 37 ] Die dritte Epoche, die mit der Mitte des 15. Jahrhunderts angebrochen ist - man kann das geschichtlich gut verfolgen -, diese dritte Epoche, in der wir noch jetzt drinnenleben, ist vorzugsweise eine nachdenkliche. Der Mensch zieht sich zurück vom Kosmos. Der Mensch zieht sich zurück von dem, womit sich der Mensch der ersten Epoche organisch verbunden gedacht hat. Der Mensch wird einsam auf der Erde, und dieses Einsamwerden im Geiste auf der Erde, das kehrt alles um. In der ersten menschlichen Epoche war es, wo man das Geistig-Seelische als selbstverständlich die Welt durchflutend empfunden hat, wo man das Wirtschaftliche nur als Spiegelbild des Geistig-Seelischen empfunden hat. In unserer Epoche, wo der Mensch mit dem Geistig-Seelischen getrennt von dem Äußerlichen steht in den späteren Entwicklungsepochen des individuellen Lebens, wo er bloß bis in die Zwanzigerjahre herein als ganzer Mensch seinen Einklang fühlt mit der leiblich-physischen Entwicklung, in dieser Zeit wird das Wirtschaftsleben ausschlaggebend. In die Staatskonfiguration erstreckt sich das Wirtschaftsleben; das Wirtschaftsgebiet wird Staatswirtschaft, wird Imperium. Es wird dasjenige, was wir jetzt hervortreten sehen, was dann einseitige Methode wird im Marxismus, was da Theorie wird und so auftritt, als wenn das Wirtschaftsleben alles wäre und das geistige Leben, das einstmals alles war, von dem wirtschaftlichen Leben nur Spiegelbild wäre, also das geistige Leben nur Ideologie wäre. Weil wir uns durch unsere Naturentwicklung, durch die Entwicklungsgeschichte der Menschheit getrennt haben von dem Äußerlich-Leiblichen, weil das die normale Entwicklung der Menschennatur ist, muß der Mensch nun durch seine Kultur, durch seine Zivilisation den Einklang suchen zwischen dem, was sich getrennt hat: dem Geistigen, das er in seiner Selbständigkeit pflegen muß, weil es sich nicht mehr verbunden mit dem Materiellen zeigt, und dem Wirtschaftlichen, das er pflegen muß, damit er in richtiger Weise mit ihm kämpfen kann, damit er den Geist wieder hineintragen kann, der früher selbstverständlich drinnen war. Und in der Mitte muß er pflegen das Staatlich-Rechtliche als selbstständiges Glied.

[ 37 ] The third epoch, which began in the mid-15th century—as can be clearly traced historically—this third epoch, in which we still live today, is primarily a contemplative one. Humanity is withdrawing from the cosmos. Humanity is withdrawing from that with which humanity in the first epoch felt organically connected. Humanity is becoming lonely on Earth, and this growing loneliness in the spirit on Earth turns everything upside down. In the first human epoch, people took it for granted that the spiritual-soul aspect permeated the world, and they perceived the economic realm merely as a reflection of the spiritual-soul aspect. In our epoch, where human beings stand separated from the spiritual-soul aspects in the later stages of individual life—where they feel in harmony with their physical development as whole human beings only until their early twenties—economic life becomes decisive. Economic life extends into the structure of the state; the economic sphere becomes the state economy, becomes an empire. It becomes what we now see emerging—what then becomes a one-sided approach in Marxism, what becomes theory there and appears as if economic life were everything, and spiritual life, which was once everything, were merely a reflection of economic life—that is, as if spiritual life were merely ideology. Because we have separated ourselves from the external-physical realm through our natural development and through the history of human development—since this is the normal development of human nature—human beings must now, through their culture and civilization, seek harmony between what has become separated: the spiritual, which they must nurture in its independence because it no longer appears connected to the material, and the economic, which he must cultivate so that he can properly grapple with it, so that he can reintroduce the spirit that used to be a natural part of it. And in the middle, he must cultivate the state and legal system as an independent element.

[ 38 ] Die Geschichte richtig erfaßt, innerlich angeschaut, gibt uns auch eine wahre soziale Einsicht für die Gegenwart. Sie lebt in dem, was wir heute hineinstellen wollen in den sozialen Organismus. Die Menschen sind hindurchgegangen [durch diese Epochen], indem sie mehr oder weniger einseitig entwickelt haben die drei Glieder des sozialen Organismus. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir aus dem Menschheitsbewußtsein heraus diese drei Glieder entwickeln müssen in Selbständigkeit, damit wir stark werden, diese drei Glieder, ein selbständiges Geistesleben, ein selbständiges Rechts- oder Staatsleben, ein selbständiges Wirtschaftsleben, durch unsere innere Menschlichkeit miteinander zu verbinden.

[ 38 ] History, properly understood and contemplated from within, also gives us true social insight into the present. It lives on in what we wish to incorporate into the social organism today. Human beings have passed through [these epochs] by developing the three members of the social organism in a more or less one-sided manner. Now the time has come when, out of humanity’s consciousness, we must develop these three members into independent entities so that we may become strong enough to unite them—an independent spiritual life, an independent legal or political life, and an independent economic life—through our inner humanity.

[ 39 ] Das Griechentum, das im mittleren Lebensalter noch den Einklang hatte zwischen Geistig-Seelischem und Leiblich-Physischem, dieses Griechentum war noch dazu verurteilt, die Menschen äußerlich in Stände zu zerspalten, in Lehrstand, Wehrstand, Nährstand. Wir streben zu einer sozialen Gestaltung, wo nicht die Menschen in solche Gruppen gespalten sind, sondern wo das Leben dreifach gegliedert ist und jeder einzelne Mensch sich hineinlebt in jedes dieser Glieder, in jedem einzelnen Menschen zusammenwirken die drei Glieder.

[ 39 ] Greek civilization, which in its middle age still maintained a harmony between the spiritual-soul and the bodily-physical, was nevertheless doomed to divide people externally into classes: the class of teachers, the class of soldiers, and the class of providers. We strive for a social structure in which people are not divided into such groups, but rather in which life is structured in threefold terms, and each individual lives within each of these aspects; within every single person, the three aspects work together.

[ 40 ] Das aber, meine verehrten Anwesenden, was im stärksten Sinn Veranlassung gibt, so die Dreiheit zu betrachten, das ist diejenige geschichtliche Betrachtung der Menschheit, welche neue Gesichtspunkte gewinnen läßt. Ich möchte sagen, in geistreicher Gelehrtenstube hat Herman Grimm gefunden, wie die Geschichtstatsachen, die heute so zahlreich da sind, mitgeschleppt werden wie ein Ballast, wie die großen Gesichtspunkte fehlen. Ja, wie die Geschichte der letzten Jahre lehrt, brauchen wir solch große Gesichtspunkte, aber das, was [bisher] entsprossen ist aus menschlichem Denken und Empfinden, konnte nur von einzelnen durchlebt werden. An dieser Art Geschichte - [wie Herman Grimm sie darstellt] - werden sich die zahlreichen Menschen, die aus den großen Massen herankommen, um teilzunehmen an öffentlichen Angelegenheiten, nicht erbauen können.

[ 40 ] But, ladies and gentlemen, what gives us the strongest reason to consider the Trinity is that historical perspective on humanity which allows us to gain new insights. I would like to say that, in a lively scholarly circle, Herman Grimm observed how the historical facts—which are so numerous today—are dragged along like dead weight, and how the broader perspectives are lacking. Indeed, as the history of recent years teaches us, we need such broad perspectives; yet what has [so far] sprung from human thought and feeling could only be experienced by individuals. The many people who come from the masses to participate in public affairs will not be able to draw inspiration from this kind of history—[as Herman Grimm presents it].

[ 41 ] Wenn wir aus geisteswissenschaftlicher Gesinnung heraus eine Menschheitsgeschichte begründen, durch die man sieht, wie der Mensch durch die Jahrtausende gehend einmal so, einmal so gefühlt hat, wenn man in der geschichtlichen Entwicklung lernt von dem, was jeder Mensch in sich erlebt, in sich erleben muß, um als gleicher sich zu empfinden mit allen anderen Menschen, dann werden wir eine Geschichte haben, wie sie unser Zeitalter braucht, wie sie das kommende Zeitalter brauchen wird: eine Geschichtsbetrachtung, die nicht bloß im Intellekt aufgeht, eine Geschichtsbetrachtung, die zwar durchaus aus klaren und objektiven Begriffen schöpft, die aber hereindringt in das menschliche Leben, so daß die Erkenntnisse das Gemüt durchwärmen und das von der Erkenntnis durchwärmte Gemüt willensbildend ist. Und wenn man es empfindet, daß schließlich alles dasjenige, was zur sozialen Weiterentwicklung notwendig ist, nicht von Einrichtungen abhängt - denn diese hängen selbst von den Menschen ab -, sondern abhängen muß von den Menschen, dann lechzt man danach, daß in den Menschen der starke Wille die Anlage zur starken Tat werde, damit die erkannten und als notwendig eingesehenen Einrichtungen auch getroffen werden können. Aber der Mensch, den wir brauchen, der schaffende, der einsichtige, der sich in der öffentlichen Welt richtig orientierende Mensch wird nur der sein, der seinen Willen, seine Taten durchglühen und durchleuchten kann - nicht mit toter, nicht mit intellektualistischer, nein, mit lebendiger, geisterfüllter Erkenntnis. Die wird ihm aber werden dann, wenn er sich fühlend erkennen kann als ein Glied der ganzen Entwicklungsgeschichte der Menschheit, wenn er hinzeigen kann auf die Vergangenheit der Menschheit und daraus ihm ein Licht werden wird, das ihm leuchten wird, um zu arbeiten, um zu handeln, um zu wirken in die Zukunft hinein.

[ 41 ] If, from a perspective based on Spiritual Science, we establish a history of humanity that reveals how people, as they have journeyed through the millennia, have felt in one way at one time and in another way at another, if, through historical development, we learn from what every human being experiences within themselves—and must experience within themselves—in order to feel equal to all other human beings, then we will have a history that our age needs, and that the coming age will need: a view of history that is not confined to the intellect alone, a view of history that, while certainly drawing on clear and objective concepts, penetrates human life in such a way that the insights warm the heart, and the heart, warmed by these insights, becomes a source of will. And when one realizes that, ultimately, everything necessary for social progress does not depend on institutions—for these themselves depend on human beings—but must depend on human beings, then one yearns for the strong will within human beings to become the capacity for strong action, so that the institutions recognized and understood as necessary can actually be established. But the person we need—the creative, the discerning, the person who can orient themselves correctly in the public sphere—will be none other than the one who can purify and illuminate their will and their actions—not with dead, not with intellectualistic, but with living, spirit-filled insight. This insight will come to him, however, when he can recognize himself, with feeling, as a link in the entire history of human development; when he can point to humanity’s past, and from it a light will arise that will guide him to work, to act, and to shape the future.