The Crisis of the Present
and the Path to Healthy Thinking
GA 335
10 June 1920, Stuttgart
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The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking, tr. SOL
6. Die Erziehung und der Unterricht gegenüber der Weltlage der Gegenwart
6. Education and Instruction in Light of the Current World Situation
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Als ich nach längerer Abwesenheit von hier vorgestern wiederum, wenigstens für kurze Stunden, unsere Waldorfschule besuchen konnte, konnte ich zunächst auch teilnehmen an dem Unterricht der dortigen achten Volksschulklasse, in welchem die Weltgeschichte behandelt wurde. Und ich darf es unverhohlen sagen: Ich habe den Eindruck, wenn es uns wirklich gelingt, mit Bezug auf Erziehung und Unterricht das in einer solchen Weise fortzusetzen, was da der Unterricht gezeigt hat - das Hauptsächliche wenigstens -, so dürfen wir hoffen, aus unserer Schule heraus Menschen zu bilden, die den immer schwieriger werdenden Lebensfragen der nächsten Zukunft gewachsen sein werden, die ihren Mann im Leben stellen werden. Es war da zweifellos etwas von dem angestrebt, und wie mir scheint durch dasjenige, was geleistet wurde, bis zu einem gewissen Grade durchaus erreicht, was ich nennen möchte: die Geschichte als Ausdruck der Menschheitsentwicklung. Die Geschichte ist dadurch für die Kinder hier, die im 13., 14., 15. Lebensjahr stehen, in einem hohen Grade doch schon so lebendig geworden, daß dasjenige, was aus dieser Geschichte für sie folgen wird, was sie aufnehmen werden an kraftenden Gedanken, etwas sein wird, was auch Kraft für das ganze folgende Leben, nicht etwa bloß für ein geschichtliches Verständnis, sondern für das Verständnis der Lebenslagen, der Lebensverhältnisse überhaupt, wird sein können.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! When, after a long absence, I was able to visit our Waldorf School again the day before yesterday—at least for a few short hours—I was first able to observe a lesson in the eighth-grade class there, in which world history was being taught. And I may say this quite openly: I have the impression that if we truly succeed in continuing—in the realm of education and instruction—what that lesson demonstrated—at least the main points—then we may hope to shape, through our school, people who will be able to rise to the increasingly difficult challenges of life in the near future, people who will hold their own in life. There was undoubtedly an aspiration toward this, and it seems to me that, through what was accomplished, what I would like to call “history as an expression of human development” was indeed achieved to a certain degree. As a result, history has already become so vivid for the children here—who are now in their 13th, 14th, 15 years of age, has already become so vivid that what they will gain from this history—the powerful ideas they will absorb—will be something that can provide strength for their entire future lives, not merely for an understanding of history, but for an understanding of life’s situations and circumstances in general.
[ 2 ] Und wenn ich mich frage: Wie konnte - nachdem ich ja nun vor bald einer Jahresfrist mich damit beschäftigt hatte, pädagogischdidaktisch die Gedanken für die Waldorfschule unseres Freundes Molt, der eben hier gesprochen hat, in die Wege zu leiten -, wie konnte das Interesse, das ich ja nun nehmen mußte an der Art und Weise, wie die damals gegebenen Impulse in der Wirklichkeit sich ausnehmen würden, wie konnte dieses Interesse in einer solchen Weise befriedigt werden, wie ich es eben angedeutet habe? Und da konnte ich sehen: Das, was an Lebendigkeit in die Geschichte hineingekommen ist, das war verdankt dem Umstande, daß der Lehrer Dr. Stein den inneren Mut gefunden hat, einzufügen seiner Geschichtsbetrachtung dasjenige, was die Kraft jener Geisteswissenschaft ist, die ich mir erlaube, nun schon seit vielen Jahren auch hier in Stuttgart vorzutragen. Diese Geisteswissenschaft soll ja durchaus nicht sein ein bloßes inneres Wohlbehagen für weltabgekehrte Seelen, sondern sie soll sein etwas, was tatsächlich alles menschliche Erkennen und alles menschliche Tun, auch alles menschliche Schaffen durchdringen und befruchten kann. Sie soll sein etwas, was den Menschen nicht nur erkennend macht, sondern was solche Ideen liefert, die, ich möchte sagen wie ein seelisches Herzblut sich in die menschlichen Glieder ergießt, in die seelischen und die physischen Glieder, um den Menschen geschickter, handfähiger, anstelliger für das Leben in jeder Beziehung zu machen.
[ 2 ] And when I ask myself: How could—since I had, after all, spent nearly a year ago working on the pedagogical and didactic foundations for the Waldorf School of our friend Molt, who has just spoken here— how could the interest I naturally had to take in how the impulses given at that time would actually play out in reality—how could this interest be satisfied in the way I have just indicated? And then I could see: The vitality that had entered into the history was due to the fact that the teacher, Dr. Stein, had found the inner courage to incorporate into his historical perspective that which constitutes the power of that Spiritual Science which I have taken the liberty of presenting here in Stuttgart for many years now. This Spiritual Science is by no means intended to be a mere source of inner comfort for souls turned away from the world, but rather it is meant to be something that can truly permeate and enrich all human knowledge, all human action, and all human creativity. It is meant to be something that not only makes people more perceptive, but also provides ideas that—I would say—flow like the lifeblood of the soul into the human limbs, both spiritual and physical, to make people more skilled, more capable, and better equipped for life in every respect.
[ 3 ] Allerdings, man muß, um viele Vorurteile, die heute noch einem solchen Durchdringen der Erziehungs-, Unterrichts- und Lebenszweige mit den Impulsen der Geisteswissenschaft entgegenstehen, man muß, um diese Vorurteile weitester Kreise zu überwinden, eben den inneren Mut haben - jenen Mut, der nur daraus erfließen kann, daß man in seiner Seele innerlich zusammenhängt mit derjenigen überzeugenden Kraft, welche aus jener Wirklichkeitserkenntnis herausquillt, die von der Anschauung des geistigen Lebens ausgeht, wie ich es hier oftmals angedeutet habe. Von dem, was ich mir erlaubt habe aus dem Tage heraus so unmittelbar zu sprechen, werden dann leicht die Gedanken gelenkt auf eine Erscheinung, die ja in der heutigen allgemeinen Weltenlage nur allzu begründet und aus ihr heraus nur allzu begreiflich ist.
[ 3 ] However, in order to overcome the many prejudices that still stand in the way of such an integration of the fields of education, teaching, and daily life with the impulses of the Spiritual Science, one must, in order to overcome these prejudices held by the broadest circles, have inner courage—that courage which can flow only from being inwardly connected in one’s soul with the compelling force that springs from that knowledge of reality which arises from the contemplation of spiritual life, as I have often indicated here. From what I have taken the liberty of speaking about so directly today, one’s thoughts are then easily drawn to a phenomenon that is, after all, all too well-founded in today’s general world situation and all too understandable in light of it.
[ 4 ] Wir leben - und ich habe das schon in meinem Vortrage vorgestern von einem anderen Gesichtspunkte aus angedeutet -, wir leben ja heute in einer Zeit, in welcher die soziale Frage nicht mehr eine Frage von Institutionen und Einrichtungen sein kann, sondern in welcher sie ist eine große Frage des Menschenwertes, der Menschenwürde, eine Menschheitsfrage überhaupt. Nicht darum handelt es sich heute, auszudenken, welche besten Einrichtungen wir treffen können aus diesen oder jenen Gedanken über das soziale Leben heraus, sondern darum handelt es sich: Wie können wir die auf dem Schauplatz des Lebens erschienenen breiten Massen des Volkes dazu gewinnen, zusammenzuarbeiten mit denjenigen, welche in einer gewissen Weise durch ihre Intelligenz, durch ihre intellektuelle Richtung, durch das, was sie in sich aufgenommen haben, dennoch in einer gewissen Weise führend sein müssen in alledem, was dem sozialen Leben der Gegenwart an Kräften einverleibt wird. Es wird einem ja außerordentlich schwer, gewisse Wahrheiten auszusprechen, die heute vielleicht nicht mehr ganz so paradox, aber noch etwas grausam klingen. Aber immer wieder und wiederum muß auf eine Wahrheit hingewiesen werden, die nur allzu deutlich gelehrt wird von dem, was in den letzten Jahren geschehen ist. Darauf muß hingewiesen werden, daß in den letzten Jahrhunderten, aber insbesondere in den letzten Jahrzehnten, die Träger der gegenwärtigen Bildung, die Träger des eigentlich zivilisatorischen Lebens - abgesehen von dem Fortleben der Traditionen — verfallen sind in eine gewisse materialistische Lebensauffassung und daß sie aus dieser heraus nicht den Weg gefunden haben hinüber zu dem, was sich mittlerweile in den breiten Massen als Theorien, als Lebensauffassungen herausgebildet hat.
[ 4 ] We live—and I already hinted at this from a different perspective in my lecture the day before yesterday—we live today in an age in which the social question can no longer be a matter of institutions and organizations, but rather is a major question of human worth, of human dignity, a question of humanity itself. The issue today is not to figure out what the best institutions we can establish based on this or that idea about social life, but rather: How can we win over the broad masses of the people who have appeared on the stage of life to work together with those who, in a certain sense—through their intelligence, their intellectual orientation, and what they have absorbed—must nevertheless, in a certain sense, take a leading role in all the forces that are incorporated into contemporary social life? It is, of course, extraordinarily difficult to articulate certain truths that today may no longer sound quite so paradoxical, but still ring somewhat harsh. Yet time and again, we must point to a truth that has been taught all too clearly by the events of recent years. It must be pointed out that in recent centuries, but especially in recent decades, the bearers of contemporary education—the bearers of what is essentially civilizational life, apart from the survival of traditions—have fallen into a certain materialistic view of life, and that from this perspective they have not found their way toward what has since emerged among the broad masses as theories and ways of life.
[ 5 ] Es hatte dasjenige, was als Religion, was als Wissenschaft, was als Kunst bei den führenden Klassen sich herausgebildet hat, nicht die innerliche Kraft, die breiten Massen der Menschheit zu ergreifen. Es hatte insbesondere nicht die Kraft, jene breiten Massen der Menschheit, welche infolge des Aufschwunges unseres industriellen Lebens an die Maschinen, in die Fabriken und so weiter gestellt werden mußten, heranzuerziehen zu dem, was nun Inhalt der Bildung, der Religion, der Wissenschaft, der Kunst eben der führenden Klassen war. Man überließ die breiten Massen des Proletariats gewissermaßen sich selbst. Man überließ die Angehörigen des Proletariats demjenigen, was sie an dem, was bloß mechanische Einrichtung war, was bloß leblose, herzlose, seelenlose Maschine und Maschinerie war, sehen konnten. Und aus dem Anblick eines solchen mit dem Maschinellen, mit dem Mechanischen verbundenen Lebens konnte eine Anschauung innerhalb der breiten Massen sich entwickeln, welche heute als mehr oder weniger radikaler Marxismus zum Ausdruck kommt und nun leider schon wirklichkeitsgestaltend auftreten will, wie ich das auch vorgestern angedeutet habe. Eine Brücke aber zwischen dem, was aus alten Traditionen heraus die gebildete Klasse als ihre Zivilisation anerkennt, und dem, was da hereingetreten ist in die Sphäre des neueren Menschenlebens in den breiten Massen, eine Brücke gibt es heute nicht. Und ungewiß, ganz ungewiß stehen wir den großen Lebensproblemen jetzt gegenüber: Wie soll eine Brücke zwischen denjenigen geschlagen werden, die sich aus der Erkenntnis des Menschenwesens heraus Vorstellungen bilden können, wie unser soziales Leben weitergehen soll, und denjenigen, die begreiflicherweise nur Forderungen des Lebens stellen können aus einer Sphäre des Lebens heraus, die eigentlich nur mit dem Leblosen zu tun hat, und die deshalb glauben, daß alles Leben, alle Religion, alle Wissenschaft, alle Kunst sich gleichsam herausentwickeln könnte wie ein Überbau aus diesen Produktionsverhältnissen, die selbst fern von allem geistigen Leben stehen?
[ 5 ] What had developed among the ruling classes—whether as religion, science, or art—lacked the inner power to capture the broad masses of humanity. In particular, it lacked the power to draw those broad masses of humanity—who, as a result of the upsurge in our industrial life, had to be placed at the machines, in the factories, and so on—toward what was now the substance of education, religion, science, and art among the ruling classes. The broad masses of the proletariat were, so to speak, left to their own devices. The members of the proletariat were left to whatever they could perceive in what was merely a mechanical apparatus—what was merely a lifeless, heartless, soulless machine and machinery. And from the sight of such a life bound up with the mechanical and the machine-like, a worldview could develop within the broad masses that today finds expression as more or less radical Marxism and now, unfortunately, seeks to shape reality, as I also hinted at the day before yesterday. But there is no bridge today between what the educated class, drawing on old traditions, recognizes as its civilization, and what has entered the sphere of modern human life among the broad masses. And we now face the great problems of life with uncertainty, utter uncertainty: How is a bridge to be built between those who, based on an understanding of human nature, can form mental images about how our social life should proceed, and those who, understandably, can only make demands based on a sphere of life that actually has to do only with the inanimate, and who therefore believe that all life, all religion, all science, and all art could, as it were, develop as a superstructure out of these relations of production, which themselves stand far removed from all spiritual life?
[ 6 ] Das, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist schon das furchtbare Rätsel der Gegenwart: Wie werden wir fertig damit, diese beiden Glieder der Menschheit zusammenzubringen - die ja doch trotz alledem, was gesagt wird, zusammenkommen müssen -, wie werden wir damit fertig, diese Forderung zu erfüllen? - Das lastet, mehr oder weniger unbewußt selbstverständlich, auf vielen. Und aus dieser Last heraus sind mancherlei gutgemeinte Bestrebungen in der Gegenwart entstanden. Und da wird es wieder schwer, etwas auszusprechen, was ich jetzt aussprechen muß gegenüber diesen, wie ich durchaus anerkennen will, gutgemeinten Bestrebungen. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, es nützt heute nichts, nur um die Menschen irgendwie nicht zu verletzen, nur um die Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen, zurückzuhalten mit dem, was doch aus einer tieferen Einsicht in die Entwicklungsgesetze der Menschheit ausgesprochen werden muß, damit wir weiterkommen zu einem Neuaufbau unseres sozialen Lebens. Es fühlen ja viele, wie versäumt worden ist, etwas an geistigem Inhalt der Menschheit zu begründen und als geistigen Inhalt hineinfließen zu lassen in Wissenschaft, Religion und Kunst, was die überzeugende Kraft haben konnte für die großen Massen - für jene Massen, die bisher nur dasjenige aufnehmen wollen, was ihnen aus ihrem eigenen Lebensgesichtskreis heraus das Zusammenleben mit der Maschine und mit dem Mechanistischen und so weiter sagt. Und so sind viele schon darauf gekommen, sich zu sagen: Es ist nötig, daß wir eine gewisse Bildung unter die breite Masse bringen, denn schließlich ist unsere soziale Frage doch im Grunde ihres Wesens eine Bildungsfrage. - Bildung, welche in der Lage ist, Vorstellungen zu verbreiten über die Möglichkeiten des menschlichen Zusammenlebens, über die Möglichkeiten einer sozialen Gegenseitigkeit — das ist das Bestreben, das gutgemeinte Bestreben vieler. Und da denkt man zunächst in vielen Kreisen eben durchaus aus der allerbesten Meinung heraus an Volkshochschulen und an alle möglichen andere, ähnlich gerichtete Bildungsanstalten.
[ 6 ] That, my esteemed audience, is indeed the terrible enigma of our time: How will we manage to bring these two segments of humanity together—which, after all, despite everything that is said, must come together—how will we manage to fulfill this demand? - This burden weighs on many, more or less unconsciously and as a matter of course. And out of this burden, various well-intentioned efforts have arisen in the present. And here it becomes difficult once again to say something that I must now say in the face of these—as I fully acknowledge—well-intentioned efforts. But, my esteemed audience, it serves no purpose today to hold back—simply to avoid hurting people’s feelings or offending them—from speaking what must be said based on a deeper understanding of the laws governing humanity’s development, so that we may move forward toward a rebuilding of our social life. Many people sense, after all, how we have failed to establish a spiritual foundation for humanity and to allow that spiritual content to flow into science, religion, and art—a content that could have had the power to convince the great masses—those masses who, up to now, have been willing to accept only what their own limited perspective on life tells them about coexisting with machines, mechanistic processes, and so on. And so many have already come to realize: It is necessary for us to bring a certain level of education to the broad masses, for ultimately our social question is, at its very core, a question of education. —Education capable of spreading mental images of the possibilities of human coexistence, of the possibilities of social reciprocity—that is the aspiration, the well-intentioned aspiration of many. And so, in many circles, people initially think—entirely with the best of intentions—of adult education centers and all sorts of other, similarly oriented educational institutions.
[ 7 ] Sehen Sie, das ist eben das Schwierige, daß man von gutgemeinten Dingen doch so reden muß, wie ich es nun tun muß. Es handelt sich darum, daß wie eine Selbstverständlichkeit angesehen wird von denjenigen, die heute aus ehrlichem Wollen heraus von der Verbreitung der Bildung, der Verbreitung der Wissenschaft sprechen, daß einfach die Wissenschaft, wie sie heute vorhanden ist, wie sie gelernt worden ist und gelehrt wird an unseren Lehranstalten und Hochschulen, nun in entsprechender Weise zubereitet in die Volkshochschulen und ähnliche Anstalten hineingetragen werde. Das ist heute für viele selbstverständlich. Warum? — Weil diese vielen eben durchaus noch nicht konsequent genug die Fragen der heutigen Lebenslage der Menschheit stellen wollen. Man sieht heute, wieviel zerstörerische Kräfte in unserem öffentlichen Leben sind. Man sieht, welche Dimensionen die Niedergangswirkungen angenommen haben, aber man hat sich gewöhnt durch die letzten drei bis vier Jahrhunderte, dem, was heraufgezogen ist als die landläufige Wissenschaft und als die landläufige Kunst, ein unbedingtes, ein absolutes Autoritätsgefühl entgegenzubringen. Und so sagt man sich: Ja, wenn man dasjenige, was absolut richtig, absolut angemessen dem Wahrheitsgemäßen sein muß, nun hineinträgt in die breiten Massen, dann muß es zum Segen gereichen. - Was wäre im Grunde genommen selbstverständlicher, als daß da, wo man noch nicht konsequent genug die Lebensfragen der Gegenwart aufwerfen will, eine solche Meinung entsteht? Aber dürfte denn nicht auch die andere Frage aufgeworfen werden, meine sehr verehrten Anwesenden, die Frage nämlich: Ja, waren es denn nicht die bisher führenden Klassen der Menschheit, waren es nicht die Besitzer dieser Wissenschaft und Geistesart, die man jetzt in die Hochschulen und ähnliche Anstalten hineinwerfen will - waren es denn nicht diejenigen, die eben die Führung der Menschheit in der Hand hatten, welche diese Menschheit in die heutigen Zustände hineingeritten haben? Hat etwa diese Wissenschaft, die man heute den breiten Massen des Volkes geben will, die führenden Klassen davor bewahrt, die Menschheit in die Lebensabsurdität hineinzuführen? Nein, das hat sie nicht! - Kann man nun hoffen, daß etwas anderes herauskommt als Niedergangserscheinungen, wenn die führenden Klassen, trotzdem sie vollgesogen waren mit dieser Wissenschaft, mit dieser Kunst und so weiter, hineingesaust sind in die gegenwärtige Lebensabsurdität und nicht behütet worden sind durch diese Wissenschaft vor diesem Hineinsausen? Will man das, was offenbar Anteil hat an den Niedergangserscheinungen, nun auch noch popularisieren? Will man das noch in die breiten Massen hineintragen, damit diese breiten Massen nun in noch energischerer Weise zu denjenigen Absurditäten geführt werden, zu denen die führenden Kreise durch diese Wissenschaft gezogen worden sind?
[ 7 ] You see, that is precisely the difficulty: that even when speaking of well-intentioned things, one must speak of them as I must do now. The issue is that those who today, out of sincere desire, speak of the dissemination of education and the dissemination of science take it for granted that science—as it exists today, as it has been learned and is taught at our schools and universities—will simply be adapted accordingly and carried over into adult education centers and similar institutions. This is taken for granted by many today. Why? — Because these many people are simply not yet willing to ask, with sufficient consistency, the questions about the current state of humanity’s existence. Today we see how many destructive forces there are in our public life. We see the extent to which the effects of decline have grown, but over the last three to four centuries we have become accustomed to treating what has emerged as conventional science and conventional art with an unconditional, absolute sense of authority. And so people tell themselves: Yes, if we bring what must be absolutely correct and absolutely in keeping with the truth to the broad masses, then it must prove to be a blessing. — What could be more natural, after all, than for such an opinion to arise where people are not yet willing to raise the questions of contemporary life with sufficient consistency? But might we not also raise the other question, my esteemed audience, namely: Were it not the ruling classes of humanity up to now, were it not the possessors of this science and this mindset—which one now wishes to introduce into universities and similar institutions—were it not precisely those who held the reins of humanity who have led humanity into its present state? Did this very science—which people now want to give to the broad masses of the people—prevent the ruling classes from leading humanity into the absurdity of life? No, it did not!—Can we now hope for anything other than signs of decline when the ruling classes, despite being steeped in this science, this art, and so on, have plunged headlong into the current absurdity of life and were not protected by this science from that plunge? Do we now also want to popularize what clearly contributes to these signs of decline? Do we want to spread this even further among the broad masses, so that these broad masses are led even more vigorously toward the very absurdities to which the ruling circles have been drawn by this science?
[ 8 ] Diese Frage, sie ist in der Gegenwart eine grausame. Aber sie ist eine solche Frage, die aufgeworfen werden muß, auch wenn man leidet unter diesem Aufwerfen, weil man ja von vorneherein weiß, wie wenig man deswegen verstanden werden kann, wenn man eine solche Frage aufwirft. Man wird deshalb so wenig verstanden, weil eben die meisten Menschen der Gegenwart heute noch glauben: Nun, etwas Festes wie die Wissenschaft der letzten Jahrhunderte gibt es ja doch, da können wir darauf bauen, sie ist nur noch nicht genügend in die Massen hineingekommen; kommt sie in die Massen hinein, dann wird sie schon diesen Massen ein fester Boden sein. — Man kann begreifen, daß der Mensch etwas haben will, was er einen festen Boden unter den Füßen nennt. Aber heute ist der Ernst unserer gegenwärtigen Weltlage ein so großer, daß es unmöglich ist, gewisse Dinge, die man glaubt zu erkennen aus dem Entwicklungsgang der Menschheit heraus, einfach deshalb weiter zu verschweigen, weil sie in einem gewissen Sinne radikal dem widersprechen, was Vorurteile der weitesten Kreise sind. Das aber, was im Grunde genommen eine Antwort auf die eben gestellte verhängnisvolle Frage ist, das stand jener Geisteswissenschaft, über die ich nun auch in Stuttgart schon seit Jahren spreche, immer vor Augen, und immer wollte diese Geisteswissenschaft etwas ganz anderes, als in breitesten Kreisen [aus Vorurteilen] gewollt worden ist; immer wollte sie nicht nur dasjenige, wovon sie glaubte, daß es die gewöhnliche wissenschaftliche Bildung verbreitern kann, sondern sie wollte immer eine gründliche Durchfruchtung des ganzen Zivilisationslebens mit einer neuen Geist-Erkenntnis. Und sie konnte sich nur etwas versprechen für diese Durchfruchtung des gesamten Zivilisationslebens von einem neuen geistigen Schauen. Und so denken wir nicht daran, unsere Bestrebungen darauf zu richten, die landläufige Wissenschaft auf eine möglichst breite Basis zu stellen, sondern wir denken an eine Erneuerung des ganzen wissenschaftlichen und Weltanschauungsgeistes der Gegenwart in die nächste Zukunft hinein.
[ 8 ] This question is a cruel one in the present day. But it is the kind of question that must be raised, even if one suffers from raising it, because one knows from the outset how little one can be understood for doing so. One is understood so little precisely because most people today still believe: Well, there is, after all, something solid like the science of the past centuries; we can rely on it—it just hasn’t yet reached the masses sufficiently; once it reaches the masses, it will surely provide them with solid ground. — One can understand that people want something they call solid ground beneath their feet. But today, the gravity of our current world situation is so great that it is impossible to continue to conceal certain things—which one believes one can discern from the course of human development—simply because, in a certain sense, they radically contradict the prejudices held by the broadest circles. Yet what is, in essence, an answer to the fateful question just posed has always been clear to that Spiritual Science about which I have been speaking in Stuttgart for years now; and this Spiritual Science has always sought something entirely different from what has been desired in the broadest circles [out of prejudice]; it has always sought not only that which it believed could broaden ordinary scientific education, but it has always sought a thorough permeation of the entire life of civilization with a new spiritual insight. And it could only pin its hopes for this permeation of the entire life of civilization on a new spiritual vision. And so we do not intend to direct our efforts toward placing conventional science on as broad a foundation as possible, but rather toward a renewal of the entire scientific and worldview spirit of the present, extending into the near future.
[ 9 ] Sehen Sie, aus einer solchen Grundgesinnung heraus ist dasjenige entstanden, was als Pädagogik und Didaktik, als Erziehungs- und Unterrichtsgrundlagen die Waldorfschule hier durchflutet. Und aus einer solchen Grundgesinnung heraus war auch dasjenige entstanden, was gesprochen worden ist in der Zeit zwischen meinem vorigen und jetzigen Stuttgarter Aufenthalt drüben in der Schweiz, in Dornach, zu einer Anzahl von Ärzten und Medizinstudierenden. Da hat es sich darum gehandelt, die gegenwärtige Gestalt der Medizin, insbesondere in therapeutischer Beziehung, durchzugehen und zu zeigen, wie alles dasjenige, was Grundlage sein kann dieser Medizin und was dann weiterer Aufbau sein kann, tatsächlich geisteswissenschaftlich durchleuchtet werden kann. Da ging man nicht davon aus, hinzuschauen auf dasjenige, was als Wissenschaft da ist, um es in Volkshochschulen hineinzutragen, sondern man ging darauf aus, eine neue Erkenntnisgrundlage zu gewinnen, um die Wissenschaft damit zu befruchten und dann erst in diese Anstalten hineinzutragen, weil von der alten Wissenschaft nicht genommen werden darf, was Volksgut werden soll. Eine Wissenschaft vom Menschen, vom gesunden und kranken Menschen, die wurde versucht [zu geben durch die Geisteswissenschaft]. Sie ist noch im Anfang. Selbstverständlich denkt man über alles das, was mit diesen großen Problemen der Gegenwart zusammenhängt, gerade wenn man drinnensteht, sehr bescheiden. Diese Erkenntnis aber vom gesunden und kranken Menschen, sie wurde versucht, weil der Glaube vorliegt, daß erst eine geistdurchleuchtete Wissenschaft in der Lage sein wird, auch zu wirken in den breitesten Kreisen der Menschen, zu wirken mit einer solchen Lebenskraft, daß sie aufkommen kann gegenüber dem, was die breiten Massen aus der Anschauung des bloß Maschinellen heraus gewonnen haben. Das kann nimmermehr diejenige Wissenschaft, die die führenden Klassen so irregeführt hat, das wird nur eine Weltanschauung fertigbringen, welche in der Tat zu ganz anderen Quellen der Erkenntnis vordringt als zu den Quellen, zu denen vorzudringen geneigt war das intellektuelle und auch künstlerische Menschheitsgewissen der letzten Jahrhunderte, insbesondere aber der letzten Jahrzehnte.
[ 9 ] You see, it is out of this fundamental attitude that what permeates the Waldorf School here—as pedagogy and didactics, as the foundations of education and instruction—has emerged. And it was also from this fundamental attitude that what was spoken—during the time between my previous and current stays in Stuttgart, over in Switzerland, in Dornach, to a number of doctors and medical students—came into being. The aim there was to examine the current state of medicine, particularly in a therapeutic context, and to show how everything that can serve as a foundation for this medicine—and what can then form its further development—can in fact be examined from the perspective of the Spiritual Science. The aim was not to look at what already exists as science in order to bring it into adult education centers, but rather to gain a new foundation of knowledge in order to enrich science with it and only then bring it into these institutions, because what is to become part of the common heritage must not be taken from the old science. A science of the human being—of the healthy and the sick human being—was attempted [through Spiritual Science]. It is still in its infancy. Naturally, when one is in the midst of these great problems of the present, one thinks very modestly about everything connected with them. But this understanding of healthy and sick human beings has been attempted because of the conviction that only a science illuminated by the spirit will be able to have an impact even in the broadest circles of humanity—to have an impact with such vital force that it can stand up to what the broad masses have derived from a purely mechanical worldview. This can never be achieved by the very science that has so misled the ruling classes; it can only be accomplished by a worldview that truly taps into sources of knowledge entirely different from those toward which the intellectual and artistic conscience of humanity in recent centuries—and especially in recent decades—has tended to gravitate.
[ 10 ] Ich muß mir schon gestatten, meine sehr verehrten Anwesenden, trotzdem heute eine so große Versammlung hier ist, zunächst in einer scheinbar unpopulären Weise zu sprechen und namentlich auf einiges hinzuweisen, wovon die meisten Menschen heute noch sagen: Ach, das brauchen wir ja gar nicht, wenn wir von der Neugestaltung der Lebenslage der gegenwärtigen Menschheit sprechen. Das liegt viel zu sehr in gewissen geistigen Höhen, das können die breiten Massen noch nicht verstehen. — Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, ich spreche dennoch von solchen Gesichtspunkten aus, wie ich es eben angedeutet habe. Wenn mir heute oftmals gesagt wird, daß das, was von hier ausgeht, von der Mehrheit der Menschen ganz und gar nicht verstanden würde, so werde ich immer wieder erinnert an das, was ich von Theaterdirektoren oftmals gehört habe, deren ganzes Bemühen eigentlich immer dahin gegangen ist, so schundige Stücke wie möglich dem Publikum vorzuführen; sie haben sich immer damit herausgeredet, daß das Publikum das ja wolle, weil es bessere Sachen nicht verstünde. Mir war immer klar, daß die betreffenden Theaterdirektoren, die so urteilen, den Wert besserer Stücke nur nicht verstehen. Und so gebe ich auch nichts darauf, wenn heute der eine oder andere über Unverständlichkeit klagt, sondern ich glaube, daß wir, vielleicht mitbewirkt durch die Not der Zeit, sehr wohl reif sind, manches aufzunehmen, was die in Philistrosität schwimmenden letzten Jahrzehnte aus Bequemlichkeit unverständlich genannt haben. Mir ist ja so manches passiert, was ich als Beleg für diese Unverständlichkeit anführen kann. Ich wurde zum Beispiel vor etwa zwanzig Jahren einmal eingeladen, vor einem Kreise von gebildeten Menschen in einer Stadt Deutschlands Vorträge zu halten über Goethes «Faust». Da war allerdings eine Anzahl von Menschen erschienen, denen es gar nicht einfiel zu sagen, daß das unverständlich sei, was ich rede. Aber dennoch waren auch enthusiastische Vertreter der Muse des Oskar Blumenthal erschienen, und die sagten: Ja, der «Faust», der ist ja kein Theaterstück, der ist ja eine Wissenschaft. - Es hat sich eben allmählich aus gewissen Untergründen, die ich hier nicht charakterisieren will, herausgebildet ein Bildungsideal, das immer gleich bei der Hand war: Man muß populärer und allgemeinverständlicher sprechen. Gerade aber aus dieser Bequemlichkeit heraus sind wir in die Lage hineinversetzt worden, in der wir jetzt drinnenstehen. Und wir werden nicht früher herauskommen, meine sehr verehrten Anwesenden, bis sich eine genügend große Anzahl von Menschen entschließt, das Gewissen zu haben, das zu verstehen, was eben nicht übertragen werden kann in die ganz allgemeine Wasserklarheit, bei der man auch schlafen kann.
[ 10 ] I must take the liberty, my esteemed audience—even though there is such a large gathering here today—to begin by speaking in a seemingly unpopular manner and to point out, by name, certain things about which most people still say today: “Oh, we don’t need that at all when we’re talking about reshaping the living conditions of humanity today. That’s far too high up in certain spiritual realms; the broad masses can’t understand that yet.” — Yes, my esteemed audience, I am nevertheless speaking from the perspectives I have just indicated. When I am often told today that what emanates from here is not understood at all by the majority of people, I am repeatedly reminded of what I have often heard from theater directors, whose entire effort has actually always been directed toward presenting the most trashy plays possible to the audience; they have always justified themselves by saying that the audience wants that, because it would not understand better material. It was always clear to me that the theater directors in question, who make such judgments, simply do not understand the value of better plays. And so I pay no heed when, today, one or the other complains about incomprehensibility; rather, I believe that we—perhaps partly due to the hardships of the times—are very much ready to embrace much of what the past decades, steeped in philistinism, have conveniently labeled “incomprehensible.” Indeed, many things have happened to me that I can cite as evidence of this so-called “incomprehensibility.” For example, about twenty years ago, I was once invited to give lectures on Goethe’s *Faust* to a circle of educated people in a city in Germany. There were, however, a number of people in attendance who did not even think to say that what I was saying was incomprehensible. Nevertheless, enthusiastic advocates of Oskar Blumenthal’s muse were also present, and they said: “Yes, *Faust*—it’s not a play at all; it’s a science.”—Gradually, from certain underlying currents that I do not wish to characterize here, an educational ideal has emerged that has always been readily at hand: one must speak in a more popular and generally understandable manner. But it is precisely this complacency that has placed us in the situation in which we now find ourselves. And we will not emerge from it, my esteemed audience, until a sufficiently large number of people resolve to have the conscience to understand that which simply cannot be conveyed in that completely general, crystal-clear manner—the kind that puts one to sleep.
[ 11 ] Wenn man heute spricht über die Bedeutung von Erziehung und Unterricht gegenüber der Weltlage der Gegenwart, da handelt es sich vor allem darum, daß eingesehen werden muß: Der Unterrichtende, der Erziehende von heute, er kann das, was er sein soll, nur in fruchtbarer Weise sein aus einer wirklichen Erkenntnis des werdenden Menschen heraus, aus einer wirklichen Gabe heraus, in das hineinzuschauen, was sich als Menschenrätsel enthüllt von dem ersten Tage an, da das Kind geboren wird, bis in die Tage hinein, da es erwachsen ist. Aber wir haben keine allgemeine Weltanschauung, die uns dahin führen könnte, in einer intimen Weise wirklich in den Menschen, namentlich in den werdenden Menschen hineinzuschauen. Unsere Weltanschauung der letzten Jahre, der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte, sie hat uns ja eigentlich nicht zum Menschen hingeführt, sondern sie hat uns vom Menschen weggeführt. Sie hat uns einen ja allerdings sehr scharfsinnigen Weg gezeigt zu erkennen, wie der Mensch an der Spitze der Tierreihe steht, wie er sich aus niederen Tierformen heraus gebildet hat, und wir glauben heute zu erkennen, welches das Verhältnis des Menschen zum Außermenschlichen eigentlich ist. Indem wir die großen Menschheitsfragen im landläufigen Sinne aufwerfen, fragen wir eigentlich nicht: Was ist der Mensch? Was ist des Menschen inneres Wesen? -, sondern wir fragen danach: Was ist des Tieres, was ist der Tierheit inneres Wesen? -— Wir studieren die Entwicklung der Tierheit, und wenn wir studiert haben, wie die Tierheit sich bis zu ihrer höchsten Stufe hinauf entwickelt, dann bleiben wir dabei stehen, so daß wir dann zum Verständnis des Menschen nur aus der Entwicklung der Tierheit heraus kommen.
[ 11 ] When we speak today about the significance of education and teaching in light of the current state of the world, the most important thing is to recognize that: Today’s teacher and educator can only truly fulfill their role in a fruitful way through a genuine understanding of the developing human being—through a genuine gift for looking into what reveals itself as the mystery of the human being, from the very first day the child is born until the days when it becomes an adult. But we lack a general worldview that could lead us to truly look into the human being—especially the developing human being—in an intimate way. Our worldview of recent years, decades, and centuries has not actually led us toward the human being; rather, it has led us away from the human being. It has indeed shown us a very astute way of recognizing how human beings stand at the pinnacle of the animal kingdom, how they have evolved from lower animal forms, and today we believe we recognize what the relationship between human beings and the non-human world actually is. When we raise the great questions of humanity in the conventional sense, we are not actually asking: What is a human being? What is the inner nature of human beings?—but rather we ask: What is the inner nature of the animal, what is the inner nature of animality?—We study the development of animality, and once we have studied how animality develops up to its highest stage, we stop there, so that we then arrive at an understanding of human beings solely through the development of animality.
[ 12 ] Es war gewiß ein großer, bedeutungsvoller Weg, der da von einem bestimmten Gesichtspunkte aus eingeschlagen worden ist, aber er ist kennzeichnend für die Grundlagen der Weltanschauungsentwicklung der neuesten Zeit. Denn der Mensch ist dadurch nicht als Mensch vor sich selber stehend seiner eigentlichen Wesenheit nach, sondern er ist nur vor sich selber stehend, insofern er die Spitze der Tierheit ist, insofern er etwas anderes als die eigentliche menschliche Wesenheit ist. Inwiefern ist der Mensch Tier? — Das fragen wir heute in allen Formen. Und dadurch ist uns die Frage abhanden gekommen: Inwiefern ist der Mensch im wahren Sinne des Wortes Mensch? - Und so wird dann geradezu zur Tatsache, daß sich die Menschen, ich möchte sagen die logischen Zähne ausbeißen bei der Frage: Welche Beziehung besteht zwischen dem, was wir Seele, was wir Geist des Menschen nennen, und dem, was wir Leib, was wir Körper des Menschen nennen? - In allen Formen wird das innerhalb der heutigen Philosophie aufgeworfen, aber die Leute zerbeißen sich dabei nur die logischen Zähne. Und es ist merkwürdig, wie manchmal, wenn so ein weißer Rabe hineinversetzt wird in die Zahl derjenigen Betrachter, die sich heute so recht aus der Weltanschauung der Gegenwart heraus mit solchen Fragen beschäftigen, wie der dann aus einem gewissen gesunden Menschenverstand redet. Dafür ein Beispiel. Solch ein Beispiel illustriert manches.
[ 12 ] It was certainly a great and significant path that was embarked upon from a certain point of view, but it is characteristic of the foundations of the development of worldview in recent times. For through this, human beings do not stand before themselves as human beings in their true essence, but they stand before themselves only insofar as they are the pinnacle of animality, insofar as they are something other than true human essence. To what extent is a human being an animal? — We ask this question today in all its forms. And as a result, we have lost sight of the question: To what extent is a human being a human being in the true sense of the word? — And so it becomes a veritable fact that people—I might say—are gnawing their way through the logical difficulties of the question: What relationship exists between what we call the soul, what we call the human spirit, and what we call the body, what we call the human physical form? — This is raised in all sorts of ways within contemporary philosophy, but people merely struggle in vain with it. And it is remarkable how sometimes, when such a rare exception is included among those observers who today, from the perspective of the current worldview, are truly engaged with such questions, that person then speaks from a certain common sense. Here is an example. Such an example illustrates many things.
[ 13 ] An der Leipziger Universität hat lange gewirkt jener geistvolle Philologe Rudolf Hildebrand, der ein Schüler der Jakob Grimmschen Sprachforschung war, der auch das berühmte Wörterbuch zum großen Teil bezüglich der Teile bearbeitet hat, die Jacob und Wilhelm Grimm zu bearbeiten übriggelassen haben. Dieser Rudolf Hildebrand hat auch eine Anzahl von Tagebuchblättern geschrieben, die 1910 bei Diederichs erschienen sind. In denen drückt er sich schon so aus wie ein Mensch, der innerhalb von Leben, Unterricht und Erziehung der Gegenwart drinnensteht mit einer Gesinnung, die, ich möchte sagen plötzlich haltmacht und den gesunden Menschenverstand in all dem geltend machen will, was er da um sich hat, namentlich in denjenigen Menschen um sich hat, die in heutiger schul- und lehrmäßiger Weise über Weltanschauungsfragen reden. Eine interessante Satzfolge findet sich bei diesem Rudolf Hildebrand gerade in dem Kapitel, wo er über diese Bildung, Erziehung und Unterricht in seinen Tagebuchblättern «Gedanken über Gott, die Welt und das Ich» spricht, die erst nach seinem Tode herausgekommen sind. Da sagt er: Wenn ich mir vergegenwärtige, wie meine Kollegen an der Universität über die eigentlichen Weltanschauungsfragen reden, dann möchte ich oftmals, daß, während der Dozent oben redet und die Zuhörer unten sitzen in dem Pflichtgefühl oder vielleicht auch noch in etwas anderem und ihm zuhören, da möchte ich - so meint Hildebrand, nicht ich -, daß ein Mann aus dem Volk käme und den Dozenten ein wenig am Ohrläppchen zupfte, aber nicht allzu schwach, sondern so stark, daß es wehtut, und ihm sagte: Du, sieh mir einmal ins Gesicht, und sieh deinen Schülern ins Gesicht, von Mensch zu Mensch, und versuche diese empirische Tatsache hinzunehmen, und frage dich dann, ob du nicht alles das, was du redest, nur deshalb redest, weil du in dich verbohrt bist und gar nicht das Bewußtsein hast, daß du im sozialen Leben als Mensch dem Menschen gegenüberstehst. - Ganz besonders interessant, meint Rudolf Hildebrand, wäre es, wenn einmal die Frau des Dozenten mitginge und ihn aufmerksam machte darauf, indem sie ihn auch am Ohrläppchen zupfte, aber nicht zu schwach, sondern auch so stark, daß es wehtut, und sagte: Du, würdest du wirklich wagen, das, was du unter dem Einfluß deiner Autorität sagst, mir zu Hause unter vier Augen auch zu sagen, und glaubst du, daß ich dem irgendeinen Wert beimessen würde?
[ 13 ] Rudolf Hildebrand, that brilliant philologist who was a student of Jakob Grimm’s linguistic research, worked for many years at the University of Leipzig; he also edited a large portion of the famous dictionary, specifically the sections that Jacob and Wilhelm Grimm had left unfinished. This Rudolf Hildebrand also wrote a number of diary entries, which were published by Diederichs in 1910. In them, he already expresses himself as someone deeply immersed in contemporary life, teaching, and education, with a mindset that—I would say—suddenly pauses and seeks to assert common sense in everything around him, particularly in those people around him who discuss questions of worldview in today’s academic and didactic manner. An interesting sequence of sentences can be found in Rudolf Hildebrand’s work, specifically in the chapter where he discusses education, upbringing, and teaching in his diary entries “Thoughts on God, the World, and the Self,” which were published only after his death. There he says: When I consider how my colleagues at the university discuss the actual questions of worldview, I often find myself wishing that, while the lecturer is speaking up front and the audience is sitting below out of a sense of duty—or perhaps for some other reason—and listening to him, I would like—so Hildebrand says, not I—for a man of the people to come forward and tug a little at the lecturer’s earlobe, but not too gently, rather hard enough to hurt, and say to him: “Hey, look me in the face, and look your students in the face—person to person—and try to accept this empirical fact, and then ask yourself whether you aren’t saying all this simply because you’re so self-absorbed that you’re completely unaware that, in social life, you’re facing one human being as a human being.” - It would be particularly interesting, says Rudolf Hildebrand, if the lecturer’s wife were to accompany him and draw his attention to this by tugging on his earlobe—not too gently, but hard enough to hurt—and say: “Hey, would you really dare to say to me at home, face to face, what you’re saying here under the influence of your authority, and do you think I’d attach any value to it at all?”
[ 14 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe das ausgesprochen, um Ihnen nicht ein eigenes Urteil bloß zu überliefern, sondern das Urteil eines Menschen, der durch Jahrzehnte hindurch an einer repräsentativen Universität gewirkt hat, der beobachtet hat und dem die Frage, um die es sich da handelt, zu einer wirklichen Gewissensfrage geworden ist. Dasjenige, um was es sich handelt, wenn wir heute, bei der gegenwärtigen Weltlage unterrichtend, wenn wir erziehend wirken wollen, ist aber eine wirkliche Menschenerkenntnis — eine Menschenerkenntnis, von der wir fordern müssen, daß sie zu gleicher Zeit anregt in uns Menschenbehandlung, und zwar eine Menschenbehandlung, die durch und durch durchflutet ist von Menschenliebe. Denn nur eine solche Menschenerkenntnis, die durchflutet ist von Geschicklichkeit für Menschenbehandlung, welche durchflutet ist von Menschenliebe, kann Unterricht und Erziehung in einer solchen Weise führen, daß die werdenden Generationen in der rechten Art in den sozialen Lebenszusammenhang hineingestellt werden.
[ 14 ] Well, ladies and gentlemen, I have said this not merely to present you with my own judgment, but rather the judgment of a person who has worked for decades at a prestigious university, who has observed, and for whom the issue at hand has become a genuine matter of conscience. What is at stake, however, when we teach today—given the current state of the world—and when we seek to educate, is a genuine understanding of humanity—an understanding of humanity that we must demand inspire in us a way of treating people that is thoroughly imbued with love for humanity. For only such an understanding of human nature—one imbued with skill in dealing with people and permeated by love for humanity—can guide teaching and education in such a way that future generations are properly integrated into the fabric of social life.
[ 15 ] Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist gerade die Schwierigkeit, daß unsere gegenwärtige Wissenschaft in abstrakten Höhen herumpendelt, daß sie glaubt, mit ihren Atomen und Atomgruppierungen eine Realität zu erfassen, während sie doch nur herumschweift in abstrakten Gedankenhöhen, in abstrakten Begriffen. Wenn man sich also erst einen Begriff bildet von Seele und dann einen Begriff bildet von Leib, ohne daß man sorgfältig eingeht auf die wirkliche Konfiguration des Menschenleibes, auf die wirkliche Wesenheit der Menschenseele durch unmittelbares geistiges Anschauen, dann kann man zu nichts anderem kommen als zu einem logischen Zähneausbeißen gegenüber diesem großen Lebensrätsel, das aller Menschenerkenntnis zugrunde liegen muß. Da ist ein Punkt, wo das, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist, einsetzt, und zwar so einsetzt, daß es über die Beziehung von Leib und Seele nicht nach abstrakten philosophischen Formeln sucht, die heute fast einzig und allein gesucht werden, sondern da wird der Versuch unternommen, das seelische Betätigen des Menschen wirklich anzuschauen als Selbsterziehung und Selbstzucht im Sinne der Geistesforschung, die ich hier oftmals geschildert habe, und ebenso wird der Versuch unternommen, das Physische, das Körperliche, im Sinne dieser Geistesforschung anzuschauen.
[ 15 ] But, my esteemed audience, this is precisely the difficulty: that our current science oscillates in abstract realms, believing that it grasps reality through its atoms and atomic groupings, when in fact it merely wanders through abstract realms of thought, through abstract concepts. So if one first forms a concept of the soul and then a concept of the body, without carefully examining the actual configuration of the human body or the true nature of the human soul through direct spiritual perception, one can come to nothing other than a fruitless logical struggle in the face of this great mystery of life, which must underlie all human knowledge. This is the point where what is meant here by “Spiritual Science” begins—and it begins in such a way that it does not seek abstract philosophical formulas regarding the relationship between body and soul, which are almost exclusively sought today; rather, an attempt is made to truly to observe human soul activity as self-education and self-discipline in the sense of spiritual research, which I have often described here, and likewise an attempt is made to observe the physical, the bodily, in the sense of this spiritual research.
[ 16 ] Und da gelangt man dann allerdings zu Begriffen, von denen ich heute einige wenige charakterisieren will. An diesen wenigen aber werde ich zeigen können, wie eine lebendige Menschenerkenntnis aufquillt aus einer solchen Erneuerung, aus einer solchen Auffrischung des menschlichen Weltanschauungslebens. Wir sehen den Menschen heranwachsen von der Geburt, wo er hereintritt in die physische Welt aus der geistigen Welt heraus. Wir sehen etwas zum Vorschein kommen, was aus dem tiefsten Innern der Menschenwesenheit sich herausarbeitet, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, immer rätselhafter und doch immer großartiger und bedeutungsvoller in dem äußeren Bau, in dem äußerlichen Körperlich-Leiblichen des Menschen. Und wir sehen, wenn dieser Mensch heranwächst, wie bedeutsame Lebensereignisse in dieses menschliche Dasein hineinschlagen. Diese Lebensereignisse werden nur gewöhnlich von dem, was heute landläufige Wissenschaft ist, nicht in genügender Weise berücksichtigt. Ich will zwei von diesen Lebensereignissen zunächst nennen; von anderem Gesichtspunkte aus habe ich sie von dieser Stelle aus auch schon öfter charakterisiert.
[ 16 ] And this, however, leads us to concepts, a few of which I would like to characterize today. Through these few, however, I will be able to show how a living understanding of humanity springs forth from such a renewal, from such a revitalization of the human worldview. We see the human being growing up from birth, when he enters the physical world from the spiritual world. We see something emerging that works its way out from the deepest inner core of the human being—week by week, month by month, year by year—becoming ever more mysterious and yet ever more magnificent and meaningful in the outer structure, in the outer physical body of the human being. And as this person grows up, we see how significant life events impact this human existence. These life events are generally not given sufficient consideration by what is today regarded as mainstream science. I would like to mention two of these life events first; I have also characterized them from this perspective on other occasions.
[ 17 ] Ich will erwähnen, daß beim Kind ungefähr um das siebente Jahr herum dasjenige eintritt, was Ersatz der ursprünglichen Milchzähne durch die bleibenden Zähne ist. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht hier, daß die ganze seelische Konstitution des Menschen in diesem Lebensalter eine andere wird. Es ist zu gleicher Zeit das Lebensalter, wo wir das Kind aus dem Elternhaus in die Volksschule hinein bekommen. Es ist das Lebensalter, auf das wir hinschauen müssen, wenn wir den methodischen, den didaktischen, den pädagogischen Ausgangspunkt für den Volksschulunterricht und die Volksschulerziehung gewinnen wollen. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie in den Lebensjahren bis zum Zahnwechsel hin der Mensch vorzugsweise ein Nachahmender ist, wie er in seiner Seele so gestaltet ist, daß er miterlebt aus seinem Instinkt heraus das, was in seiner unmittelbaren Umgebung vorgeht, wie er sich gewissermaßen gar nicht loslöst von seiner Umgebung. Die Handbewegungen, die Vater und Mutter machen, die Sprachlaute, die Vater und Mutter äußern, ahmt das Kind nach, weil es gewissermaßen, wenn auch nicht so sichtbar, mit Vater und Mutter und der ganzen Umgebung so verbunden ist, wie der Mutterarm und Vaterarm mit dem Körper von Mutter und Vater verbunden ist, nur in einem höheren Grade. Aber auf das, worauf ich hier schon aufmerksam gemacht habe, möchte ich heute nicht hinweisen, sondern auf etwas anderes, was nun wiederum innig damit in Zusammenhang steht. Das, was als Zahnwechsel erscheint, ist gewissermaßen der Abschluß eines ganzen organischen Prozesses; das, was sozusagen kulminiert in dem Hinausdringen der zweiten Zähne, das sind Ergebnisse von Kräften, die in dem vorangehenden Lebensalter durch den ganzen menschlichen Organismus fluten. Da brauchen wir zunächst nicht zu unterscheiden, was geistig-seelisch, was leiblich-physisch ist. Wir sehen ja, wenn wir das Mienenspiel des Kindes betrachten, wenn wir die Veränderung seines Gesichtes von Jahr zu Jahr betrachten, wie das Seelische am Leiblichen arbeitet. Und wir sehen gewissermaßen nur tiefer hinein in dieses seelisch-geistige Arbeiten, wenn wir sehen, wie dieses Seelisch-Geistige in dem Kinde organisch arbeitet, wie es an die Außenwelt dringt, indem es zuletzt einen Abschluß findet im Einsetzen der zweiten Zähne. Was ist das eigentlich, was da wirkt? Nun - ich kann die Sache nur skizzieren, was ich aber skizziere, kann bis in die kleinsten Einzelheiten hinein mit aller wissenschaftlichen Exaktheit festgestellt werden -, was ist denn das, was da eigentlich mit dem Menschen vorgeht? Man beobachte einmal, was seelisch-geistig mit dem Menschen vorgeht, indem er dem Zahnwechsel sich zu unterziehen hat. In derselben Zeit werden diejenigen menschlichen Vorstellungen, die so fluktuierend vorher sind, daß man sich im späteren Leben nicht mehr an sie erinnert, [zu scharf umrissenen Begriffen]. Denken Sie, wie weit sie zurückgehen müssen, wenn Sie an die ersten festkonturierten Begriffe sich erinnern wollen, die Sie in Ihrem Kindesalter gefaßt haben; in diesem Lebensalter bis zum Zahnwechsel hin sind die Begriffe noch undeutlich, fluktuierend, nicht scharf umrissen, nicht so fest geworden, daß sie sich in das seelisch-geistige Leben so einweben, daß sie dann behalten werden können, daß alle diese Erinnerungen das ganze Leben konturieren. Dieses Zusammenhängen des Seelisch-Geistigen mit scharfumrissenen Begriffen und Vorstellungen, die dem Gedächtnis, der Erinnerung einverleibt werden können, das setzt in demselben Lebensalter ein, in dem der Zahnwechsel sich vollzieht. Und forscht man nun nach, was da eigentlich vorliegt, so stellt sich heraus, daß dieselben Kräfte, die dann in unserem Erinnern zum Vorschein kommen, in dem, was wir als die Kraft des Denkens in uns tragen, die Kraft unseres erinnernden Denkens, daß diese Kräfte, die um das siebente Jahr sich gewissermaßen emanzipiert haben vom Leiblich-Körperlichen, im Leiblich-Körperlichen gearbeitet haben bis zum Zahnwechsel: es waren dieselben Kräfte, die die Zähne herausgetrieben haben. So haben wir bis zum Zahnwechsel hin innig verbunden mit der Körperlichkeit des Menschen dieselben Kräfte, die dann Denkkräfte werden; die arbeiten an jener Knochenbildung, die im Zahnwechsel ihren Abschluß findet.
[ 17 ] I would like to mention that around the age of seven, children begin to lose their original baby teeth and replace them with permanent teeth. I have already pointed out here that a person’s entire psychological constitution changes at this age. It is also the age at which children leave the parental home and enter elementary school. It is the age we must focus on if we are to establish the methodological, didactic, and pedagogical foundation for elementary school instruction and education. I have pointed out how, in the years leading up to the change of teeth, a person is primarily an imitator; how their soul is shaped in such a way that, driven by instinct, they experience firsthand what is happening in their immediate surroundings; and how, in a sense, they do not detach themselves from their surroundings at all. The child imitates the hand movements that father and mother make and the speech sounds that father and mother utter because, in a sense—though not so visibly—the child is connected to father and mother and the entire environment just as the mother’s arm and the father’s arm are connected to the bodies of the mother and father, only to a greater degree. But today I do not wish to draw attention to what I have already pointed out here, but rather to something else that is, in turn, intimately connected with it. What appears as the change of teeth is, in a sense, the conclusion of an entire organic process; what culminates, so to speak, in the eruption of the permanent teeth are the results of forces that flow through the entire human organism during the preceding stage of life. For now, we need not distinguish between what is spiritual-psychic and what is physical-bodily. After all, when we observe the child’s facial expressions, when we observe the changes in the child’s face from year to year, we see how the soul works upon the physical body. And, in a sense, we see even more deeply into this spiritual-soul activity when we observe how this spiritual-soul aspect works organically within the child, how it penetrates the external world, ultimately finding its culmination in the eruption of the permanent teeth. What is it, actually, that is at work here? Well—I can only sketch out the matter, but what I sketch can be established down to the smallest details with the utmost scientific precision—what is it, then, that is actually happening within the human being? Let us observe what is happening psychologically and spiritually within the human being as he or she undergoes the process of tooth replacement. During this same period, those human mental images that were previously so fleeting—that one no longer remembers them in later life—become [clearly defined concepts]. Think how far back you must go if you want to recall the first clearly defined concepts you formed in your childhood; at this stage of life, up until the change of teeth, concepts are still vague, fluctuating, not sharply defined, and not yet firm enough to become woven into the soul-spiritual life in such a way that they can be retained—so that all these memories shape one’s entire life. This connection between the soul-spiritual realm and sharply defined concepts and mental images—which can be incorporated into memory—begins at the same age at which the change of teeth takes place. And if we now investigate what is actually taking place here, it turns out that the very same forces that then come to the fore in our memory—in what we carry within us as the power of thinking, the power of our remembering thought—that these forces, which around the age of seven have, so to speak, emancipated themselves from the physical-bodily realm, had been at work within the physical-bodily realm right up until the change of teeth: these were the very forces that drove the teeth out. Thus, up until the change of teeth, we are intimately connected to the physicality of the human being through these same forces, which then become powers of thought; they work on the bone formation that reaches its conclusion with the change of teeth.
[ 18 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, da sehen wir hin auf ein ganz wirkliches, ein ganz reales Verhältnis zwischen der Seele und dem Leibe. Denn wir haben im späteren Lebensalter unsere scharf konturierten Erinnerungsbegriffe, wir wissen, was unsere Denkkraft ist, wir schauen in uns selbst hinein und beobachten diese Denkkraft, und wir sagen uns: Diese Denkkraft arbeitet als freie Denkkraft in uns erst seit dem siebenten Jahr. Vorher war sie untergetaucht in unserem Organismus und hat darin diejenigen Kräfte dirigiert, die die zweiten Zähne herausgestoßen haben. Wir haben ein inniges Verhältnis zwischen dem Seelischen und Leiblichen, wir blicken konkret auf dieses Verhältnis. Wir spekulieren nicht darüber: Welches ist die Beziehung zwischen Leib und Seele? Wir sehen auf die Seele hin und sehen uns an, wo wir gewissermaßen das Zustandekommen der freien Erinnerungsvorstellungen beobachten können. Und wir sehen, wie diese Kräfte, bevor sie freigeworden sind zur Erinnerung, im Organismus gewirkt haben, wie sie organisch bildend waren.
[ 18 ] Ladies and gentlemen, here we see a very real, a truly tangible relationship between the soul and the body. For in later life we have our sharply defined concepts of memory; we know what our power of thought is; we look within ourselves and observe this power of thought, and we say to ourselves: This power of thought has been at work within us as a free power of thought only since the age of seven. Before that, it was submerged within our organism, directing those forces that pushed through our permanent teeth. We have an intimate relationship between the soul and the body; we look specifically at this relationship. We do not speculate about it: What is the relationship between body and soul? We turn our attention to the soul and examine where, so to speak, we can observe the emergence of free memory images. And we see how these forces, before they became free as memory, were at work within the organism, how they were organically formative.
[ 19 ] Sehen Sie, das ist das Fortschreiten der Weltanschauung der Geisteswissenschaft vom Abstrakten zum Konkreten, vom bloß Gedankenmäßigen, das sich einbildet, in die Wirklichkeit zu dringen, zum wahrhaft Wirklichkeitsgemäßen. Das ist das Vordringen zur wahren Wesenheit des Menschen, denn jetzt weiß man Antwort zu geben auf die Frage: Was arbeitet im Körper am Menschen vor seinem siebenten Jahr? - Das kann man nicht abstrakt beschreiben, da muß man auf etwas Tatsächliches hinweisen, da muß man etwas aufzeigen, was da arbeitet im Menschen. Dasselbe arbeitet da, was unsere erinnernde Denkkraft ist. Das ist das eine Beispiel, das charakterisieren soll, welch radikaler Umschlag in unsere wissenschaftliche Denkrichtung, in unsere Weltanschauung hineinkommen muß. Sie können sich denken, meine sehr verehrten Anwesenden: Weil so etwas überhaupt heute außerhalb des Bewußtseins der sogenannten gebildeten Menschheit liegt, weil niemand - die Wissenschaft am allerwenigsten — etwas wissen will davon, wie es konkret um das Seelisch-Geistige und Leiblich-Körperliche des Menschen steht, deshalb ist einem der Mensch fremd, deshalb sieht man nicht hinein in den Menschen. Wie soll man aber eine Erziehungslehre, eine Unterrichtskunst begründen, wenn man nicht hineinschauen kann in den Menschen?
[ 19 ] You see, this is the progression of the Spiritual Science worldview from the abstract to the concrete—from the merely conceptual, which imagines itself penetrating reality, to what is truly in accordance with reality. This is the advance toward the true essence of the human being, for now we know how to answer the question: What is at work in the human body before the age of seven?—This cannot be described in abstract terms; one must point to something factual, one must point out what is at work within the human being. What is at work there is our power of thinking that involves memory. This is one example intended to illustrate the radical shift that must take place in our scientific way of thinking and in our worldview. You can imagine, my esteemed audience: Because such things lie entirely outside the consciousness of so-called educated humanity today, because no one—least of all science—wants to know anything about the concrete nature of the human soul, spirit, and physical body, that is why the human being is alien to us, and why we cannot see into the human being. But how can one establish a theory of education, an art of teaching, if one cannot look into the human being?
[ 20 ] Ein zweites Lebensereignis, auf das ich aufmerksam machen will, ist die Geschlechtsreife. Und ebensoviel, wie von der Geburt in den Jahren bis zum Zahnwechsel vorgeht, geht vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife vor. Und wenn man nun hinschaut wiederum von demselben geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus auf dasjenige, was da zur Geschlechtsreife hinwirkt und in der Geschlechtsreife wiederum seinen Kulminationspunkt erreicht, so muß man sich fragen: Was ist denn das eigentlich? — Geradeso wie die Gedankenkraft im Leibe wirkt und die Zähne, wenn ich mich trivial ausdrücken darf, hinausstößt, so wirkt - das zeigt die Geisteswissenschaft, ich kann es hier nur skizzenhaft anführen -, so wirkt im Menschen bis zum fünfzehnten Jahr der Wille. Der Wille wirkt organisch bildend. Er wirkt so, daß er die Wachstumsverhältnisse, die inneren organischen Verhältnisse beherrscht. Dann findet dieses innerliche organische Wirken des Willens einen gewissen Abschluß, so wie das Gedankenwirken beim Erscheinen des Zahnwechsels. Und das, was da seinen Abschluß findet, das tritt in der äußeren Bildung des Menschen in der Geschlechtsreife auf. Die Willenskräfte wurzeln nicht im Kopfe des Menschen, sondern in der ganzen Wesenheit des Menschen. Die Willenskräfte sind es, die des Menschen Wachstumskräfte regeln bis zur Geschlechtsreife. Dann stauen sie sich. Sie haben gewissermaßen die Tendenz, bis in die Bildung des Hauptes hineinzuziehen. Diese Willenskräfte schossen auch schon vor der Geschlechtsreife herein, sie waren innerlich organisch tätig am ganzen Menschen; mit der Geschlechtsreife stauen sie sich. Sie stauen sich, indem sie ihren Abschluß finden, in dem menschlichen Stimmorgan, was zunächst der intimste Ausfluß des menschlichen Willens ist, geradeso wie die anderen Kräfte sich stauen in der Zahnbildung. Sie stauen sich unterhalb des Kopfes - der Kopf, das Organ der eigentlichen intellektualistischen Menschenwesenheit wird ausgenommen. Die Willenskräfte stauen sich, und diese Stauung kommt bei der männlichen Natur sogar in der Umwandlung der Stimme durch den Kehlkopf zum Ausdruck, bei der weiblichen Natur etwas anders. Darin liegt ein Freiwerden jener Willenskräfte, die sich nun mit der Außenwelt in der Erfahrung und im Leben auseinandersetzen sollen - jener Willenskräfte, die bis dahin innerlich im Menschenkörper als Seelisch-Geistiges gewirkt haben. Es ist geradeso wie bei den Gedankenkräften, die den Zahnwechsel zuletzt hervorgetrieben haben und dann emanzipiert in ihrer eigentlichen Gestalt als Gedankenkräfte erscheinen.
[ 20 ] A second life event I would like to draw attention to is sexual maturity. And just as much happens from birth through the years leading up to the change of teeth as happens from the change of teeth to sexual maturity. And if we now look again, from the same standpoint of Spiritual Science, at what works toward sexual maturity and, in turn, reaches its culmination in sexual maturity, we must ask ourselves: What is that, actually? — Just as the power of thought works within the body and, if I may put it simply, pushes out the teeth, so—as Spiritual Science shows, though I can only sketch this out here—the will works within the human being until the age of fifteen. The will works to shape the body organically. It works in such a way that it governs the conditions of growth, the inner organic conditions. Then this inner, organic activity of the will reaches a certain conclusion, just as the activity of thought does with the onset of tooth replacement. And what comes to an end there manifests in the outer physical development of the human being at sexual maturity. The forces of the will are rooted not in the human head, but in the entire being of the human being. It is the forces of the will that regulate a person’s growth forces up to sexual maturity. Then they become concentrated. They have, so to speak, a tendency to draw inward into the formation of the head. These forces of the will had already begun to flow inward even before sexual maturity; they were inwardly and organically active throughout the entire human being; with sexual maturity, they become concentrated. They become concentrated—finding their culmination—in the human vocal organ, which is initially the most intimate expression of the human will, just as the other forces become concentrated in tooth formation. They become concentrated below the head—the head, the organ of the actual intellectual human being, is excluded. The forces of the will become concentrated, and in males this concentration is even expressed in the transformation of the voice through the larynx, while in females it manifests somewhat differently. In this lies the liberation of those forces of the will that are now to engage with the external world through experience and life—those forces of the will that until then had been working internally within the human body as soul-spiritual forces. It is just as with the powers of thought, which ultimately brought about the change of teeth and then appear, emancipated, in their true form as powers of thought.
[ 21 ] So sehen wir hin als Geisteswissenschafter auf der einen Seite auf den denkenden Menschen, auf den Menschen mit Gedankenkraft, und auf der anderen Seite auf den Menschen mit Willenskraft. Wir reden nicht im Abstrakten herum von irgendeiner Seele, sondern wir reden von der Seele, die wir beobachten. Wir verfolgen ihre Tätigkeit als Gedankenseele bis zum Zahnwechsel hin, verfolgen dann ihr Freiwerden, ihr Selbständigwerden, ihr Unabhängigwerden von gewissen Innerlichkeiten des organischen Prozesses. Und wir verfolgen ebenso den Willen. Das heißt, wir stellen nicht mehr irgendwelche Theorien auf über das Verhältnis der Seele und des Geistes zum Leibe, zum Körper, sondern wir beobachten, wir gehen auf die Wirklichkeit los. Sie sehen, hier wird ein Weg genommen, der allerdings in ganz anderer Weise, wie ich glaube, geeignet ist, hineinzufluten in die allgemeine Menschenbildung, als derjenige Weg, bei dem einmal einem ehrlichen Geiste die Idee gekommen ist, man solle den Dozenten am Ohrläppchen zupfen, aber nicht zu schwach.
[ 21 ] As scholars of Spiritual Science, we thus look, on the one hand, at the thinking human being—the human being with the power of thought—and, on the other hand, at the human being with the power of will. We do not speak in abstract terms about some sort of soul, but rather about the soul that we observe. We trace its activity as a thinking soul up to the time of tooth replacement, then observe its liberation, its becoming self-reliant, and its independence from certain inner aspects of the organic process. And we observe the will in the same way. That is to say, we no longer formulate theories about the relationship of the soul and the spirit to the body; rather, we observe—we engage with reality. You see, the approach taken here is—in my view—far better suited to permeate general human education than the approach that once occurred to an honest mind: the idea that one should tug at the lecturer’s earlobe—but not too gently.
[ 22 ] Nun handelt es sich aber noch um etwas ganz anderes. Es handelt sich darum, daß man nicht nur Wert zu legen braucht auf die Resultate, auf die Erkenntnisse, die man in dieser Weise gewinnt, sondern daß man Wert darauf legen sollte, wie man durch geisteswissenschaftliche Methoden, wie ich sie geschildert habe in meiner «Geheimwissenschaft», in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen», wie man durch solche Wege des Denkens dazu kommt, so etwas und wahrhaftig noch vieles, vieles andere über den gesunden und kranken Menschen zu erkennen, was der Wissenschaft, die man heute eine autoritative nennen kann, eben einfach in seinen Tiefen verschlossen ist. Da muß man den Geist in einer gewissen Weise schulen, da muß man den Geist in einer gewissen Weise orientieren. Da muß der Geist eine andere Richtung nehmen, als man heute gewohnt ist. Und darauf kommt viel mehr an. Denn schließlich, die Ergebnisse sind eben Ergebnisse, sie können mehr oder weniger wichtig oder unwichtig, interessant oder uninteressant sein. Das aber, was wir betätigen, indem wir den Weg zu solchen Erkenntnissen nehmen, das, was wir aus uns machen, indem wir uns selbst in unserer Wesenheit heranbilden, was wir aus uns als Menschen dadurch machen, daß wir uns den Weg zu solchen Erkenntnissen bereiten - das ist das Wesentliche, worauf es ankommt. Immer kommt es darauf an, was wir als Menschen aus uns machen dadurch, daß wir in ganz bestimmter Seelenverfassung eine ganz bestimmte Art, die Welt anzuschauen, aus uns heraus entwickeln. Dadurch kommen wir auch dazu, das Leben frei von allen Illusionen und doch in seiner wunderbaren Größe anzuschauen.
[ 22 ] But this is actually about something entirely different. The point is that one need not only attach importance to the results, to the insights gained in this way, but that one should also attach importance to how, through Spiritual Science methods—as I have described them in my *Secret Science* and in *How Does One Gain Insights into the Higher Worlds?* or in *A Path to Self-Knowledge for the Human Being*—how, through such paths of thought, one comes to recognize such things and, indeed, much, much more about the healthy and sick human being—knowledge that is simply hidden in the depths of what we might today call “authoritative” science. Here one must train the spirit in a certain way; here one must orient the spirit in a certain way. The mind must take a different direction than we are accustomed to today. And that is what matters far more. For after all, the results are just results; they may be more or less important or unimportant, interesting or uninteresting. But what we accomplish by taking the path to such insights—what we make of ourselves by cultivating our very being, what we make of ourselves as human beings by paving the way to such insights—that is the essential point that matters. What always matters is what we, as human beings, make of ourselves by developing, from within, a very specific way of viewing the world in a very specific state of mind. Through this, we also come to view life free from all illusions and yet in all its wondrous grandeur.
[ 23 ] Wir sehen zum Beispiel das Kind in den ersten Jahren und noch in späteren Lebensjahren dem Spiel obliegen. Die Leitung und Lenkung des Spieles gehört im wesentlichen zu den Aufgaben einer vernünftigen, einer menschheitlich richtigen Erziehungs- und Unterrichtskunst. Das Kind spielt. Derjenige, der nun seinen Blick für die Welt und für das Menschenleben an solchen Problemen so geschärft hat, wie ich es eben jetzt charakterisiert habe, der merkt einen großen Unterschied zwischen der Art, wie das eine Kind spielt und wie das andere Kind spielt. Für den oberflächlichen Betrachter spielen fast alle Kinder gleich. Für denjenigen, der seinen Blick geschärft hat, spielen alle Kinder voneinander verschieden. Jedes hat seine eigentümliche Art zu spielen. Sehr merkwürdig ist es nun überhaupt, wenn man den Blick darauf richtet, was das Spiel für das kindliche Lebensalter bedeutet: ein Betätigen des Menschen im Seelisch-Geistigen, wie es vorhanden ist, wenn das eigentliche Gedankenkräftige noch drinnen im Organischen arbeitet bis zum Zahnwechsel hin. Sehr merkwürdig ist es, wie da dieses kindliche Seelisch-Geistige, das noch nicht das Gedankenmäßige in sich aufgenommen hat, im freien Spiel sich bewegt - in jenem Spiel, dessen Gestaltung abseits liegt von Nutzen und Zweck des Lebens, jenem Spiel, wo der kindliche Mensch nur dem folgt, was aus seiner eigenen Seele fließt. Scheinbar ist das eine Durchbrechung des Nachahmungsprinzips, denn so, wie das Kind in das Spiel sich hineinlebt, ist das doch etwas, was aus der Freiheit der kindlichen Seele heraus kommt - aber eben nur scheinbar. Denn derjenige, der genauer zusieht, der sieht doch, wie das Kind in das Spiel dasjenige hineinlegt, was es miterlebt durch seine Umgebung, durch alles das, was um es herum vorgeht. Hat man aber den Blick geschärft, dann schaut man dieses Spiel nicht nur als irgend etwas Interessantes an, was im einzelnen Kindesleben in einer bestimmten Zeit vorgeht, sondern man stellt dieses Spiel mit seinem ganzen Charakter in das ganze Menschenleben hinein.
[ 23 ] We see, for example, that children are absorbed in play during their early years and even later in life. Guiding and directing play is essentially one of the tasks of a sensible, humanely sound approach to education and instruction. The child plays. Anyone who has sharpened their perception of the world and of human life through such issues as I have just described will notice a great difference between the way one child plays and the way another child plays. To the superficial observer, almost all children play the same way. To the one who has sharpened their perception, all children play differently from one another. Each has its own unique way of playing. It is indeed very remarkable when one considers what play means for childhood: an activity of the soul and spirit, as it exists when the actual power of thought is still at work within the organic body until the teeth are replaced. It is truly remarkable how this childlike soul-spiritual realm—which has not yet absorbed the power of thought—moves within free play—that play whose form lies apart from the utility and purpose of life, that play in which the child follows only what flows from his or her own soul. On the surface, this appears to be a departure from the principle of imitation, for the way the child immerses itself in play seems to be something that arises from the freedom of the child’s soul—but this is only an illusion. For anyone who observes more closely will see how the child incorporates into its play what it experiences through its surroundings, through everything that is happening around it. But once one has sharpened one’s gaze, one no longer views this play merely as something interesting happening in the life of a single child at a specific time, but rather places this play, with its entire character, within the context of the whole of human life.
[ 24 ] Und indem man das beobachtet, lernt man zu vergleichen, was geschieht in den verschiedenen Lebensaltern des Menschen. Geradeso wie man im Leblosen Zink und Kupfer, wie man im Lebendigen einen Maikäfer mit einem Sonnenkäfer vergleichen kann und so weiter, so kann man auch die verschiedenen Lebensalter des Menschen miteinander vergleichen. Und da zeigt sich etwas höchst Sonderbares. Hat man sich mit dem - heute charakterisierten — geschärften Blick eine wirkliche Vorstellung über das kindliche Spiel verschafft, dann muß man in den verschiedenen Lebensaltern des Menschen nach etwas suchen, wohinein der besondere Charakter dieses kindlichen Spiels flutet. Und da findet man durch ganz erfahrungsmäßiges Suchen, wenn der Mensch ungefähr zwischen dem 20. und 28., 29. Jahr dazu kommt, so recht seine Stellung zur Welt finden zu müssen, so recht sich auseinanderzusetzen mit dem, was ihm die Welt als Erfahrung und Richtschnur für ein selbständiges Leben geben soll, und wenn man anschaut, wie da der Mensch eingreift in das Leben, sich berühren läßt vom Leben, da findet man wirklich auf einer bestimmten Stufe eine Metamorphose, eine Umwandlung des besonderen Charakters des kindlichen Spieles. Vor dem Zahnwechsel, da hat das Kind mit dem, was nicht dem Leben angehört, mit der Puppe, mit anderem Spielmaterial, frei aus seiner Seelentätigkeit heraus gestaltet; es hat sich betätigt in einer gewissen Konfiguration, in einer gewissen Struktur. Lernt man dies erkennen und durchschauen und beobachtet dann den Menschen in seinen Zwanzigerjahren, wie er es jetzt mit dem Ernst des Lebens macht, mit dem, was nützlich, was zweckvoll im Leben ist, mit dem, wo man sich durch Erfahrung hineinfinden muß, so findet man, daß jetzt der Mensch in den Nutzen, in die Zweckmäßigkeit der Welt, in das, was vom Leben gefordert wird, sich so hineinstellt, mit einem solchen Charakter sich hineinstellt, wie er es zuerst in den kindlichen Lebensjahren im kindlichen Spiel frei gezeigt hat. Bedenken Sie, was es nun bedeutet. Man will auf die Erziehung wirken, und man weiß: Was du beobachtest als eine besondere Charakteranlage des kindlichen Spieles, was du dann verstehst und wie du leitest das kindliche Spiel, das tust du so, daß es als Frucht aufgeht, wenn der Mensch mit der ihm nützlich und lebensgemäß sein sollenden Welt in den Zwanzigerjahren sich auseinandergesetzt hat. Denken Sie sich, welche Gefühle in der Seele des Erziehers sich geltend machen, wenn er weiß: Was ich da mit dem Kinde vollbringe, das vollbringe ich für den erwachsenen Menschen in seinen Zwanzigerjahren. Da kommt es nicht an auf das, was man als Erziehungsgrundsätze in abstrakten Formen weiß, was man aus intellektuellen Untergründen an didaktisch-methodischen Regeln aufbringen kann, sondern darauf kommt es an, daß durch solche Erkenntnisse, wenn wir so das Leben durchschauen, wir in unserem Herzen ein tiefes Verantwortungsgefühl entwickeln. Eine wirkliche Menschenerkenntnis spricht nicht nur zu unserem Verstand; sie spricht zu unserem Gefühl, sie spricht zu unseren Empfindungen, sie spricht zu unserer ganzen Lebensauffassung. Sie durchwallt und durchwebt uns mit Verantwortlichkeitsgefühl auf dem Posten, auf dem wir stehen. Nicht nach einer Erziehungskunst suchen wir, die bloß aus einer spintisierenden oder aus einer berechtigten Klugheit heraus sagt, so oder so solle man erziehen, sondern wir suchen gegenüber der gegenwärtigen Lebenslage des Menschen nach einer solchen Erziehungskunst, welche - aus Sachkenntnis des menschlichen Wesens heraus - in den Erzieher hineinlegt Verantwortlichkeitsgefühl, soziales Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber der ganzen Menschheit. Erziehungskunst geht hervor aus Verantwortlichkeitsgefühl, das nur in uns entstehen kann aus einer rechten Weltanschauungsgrundlage heraus.
[ 24 ] And by observing this, one learns to compare what happens at the various stages of human life. Just as one can compare zinc and copper in inanimate objects, or a cockchafer with a sun beetle in the living world, and so on, so too can one compare the various stages of human life with one another. And here something most peculiar becomes apparent. Once one has gained a true mental image of children’s play through the sharpened gaze described above, one must then look for something in the various stages of human life into which the special character of this children’s play flows. And through a search based entirely on experience, one finds that when a person reaches the age of approximately 20 to 28, 29, when a person must truly find their place in the world, truly grapple with what the world is meant to provide as experience and guidance for an independent life—and when one observes how a person engages with life, allows themselves to be moved by life— one truly finds, at a certain stage, a metamorphosis, a transformation of the distinctive character of childlike play. Before the teeth begin to fall out, the child has freely shaped—out of the activity of its soul—things that do not belong to life itself, such as dolls and other play materials; it has engaged in a certain configuration, in a certain structure. If one learns to recognize and understand this, and then observes a person in their twenties as they now engage with the seriousness of life—with what is useful and purposeful in life, with what one must navigate through experience— then one finds that the person now engages with the usefulness and practicality of the world—with what life demands—with the very character they first freely displayed in childhood play. Consider what this means. One seeks to influence a child’s upbringing, and one knows: whatever you observe as a particular character trait in children’s play, however you then understand and guide that play—you do so in such a way that it bears fruit when the person, in their twenties, has come to terms with the world that is meant to be useful and appropriate to their life. Imagine what feelings arise in the educator’s soul when he knows: What I am accomplishing here with the child, I am accomplishing for the adult in his twenties. What matters here is not what one knows in abstract terms as educational principles, nor what one can draw upon from intellectual foundations in the form of didactic and methodological rules; rather, what matters is that through such insights—as we come to understand life in this way—we develop a deep sense of responsibility in our hearts. A true understanding of human nature speaks not only to our intellect; it speaks to our feelings, to our sensibilities, and to our entire outlook on life. It surges through us and weaves itself into our very being, imbuing us with a sense of responsibility in the role we play. We are not seeking an art of education that merely states, out of speculation or justified cleverness, that one should educate in this or that way; rather, in light of humanity’s current circumstances, we are seeking an art of education that—based on a thorough understanding of human nature—instills in the educator a sense of responsibility, a social sense of responsibility toward all of humanity. The art of education arises from a sense of responsibility that can only develop within us on the basis of a sound worldview.
[ 25 ] Ich spreche vor Ihnen hier nicht von einer Erneuerung der Wissenschaft aus dem Grunde, weil es mich besonders interessiert oder reizt, Ihnen zu sagen, es werde andere Ergebnisse der Wissenschaft geben und diese anderen Ergebnisse würden eine andere Weltanschauungsgrundlage bilden als die heute landläufige. Nein, ich spreche zu Ihnen so, weil ich glaube, daß der ganze Zug, der ganze Duktus des Weltanschauungs- und Wissenschaftslebens sich ändern wird. Ich sage das, weil ich glaube, daß es eine Wissenschaft, ein Weltanschauungsleben geben wird, welches eindringen wird in die ganze menschliche Wesenheit, welches den Menschen durchdringen wird nach Leib, Seele und Geist und welches ganz besonders gegenüber unserer heutigen Lebenslage des Menschen wichtig ist für alle Erziehungskunst, für alle Unterrichtskunst.
[ 25 ] I am not speaking to you here about a renewal of science simply because I am particularly interested in or eager to tell you that there will be different scientific findings and that these findings will form a different worldview than the one commonly held today. No, I am speaking to you this way because I believe that the entire direction, the entire course of worldview and scientific life, will change. I say this because I believe there will be a science and a way of life based on a worldview that will penetrate the entire human being, that will permeate the human being in body, soul, and spirit, and that is particularly important—given humanity’s current situation—for all aspects of education and teaching.
[ 26 ] Aber noch etwas anderes ist verknüpft mit dem, was auf der Grundlage einer solchen neuen Anschauung des Menschen steht. Wonach streben wir denn heute, wenn wir von Wissenschaft, von einer wissenschaftlich begründeten Grundlage einer Weltanschauung sprechen? Wir sprechen von dem, was sich uns darstellt, zum großen Teil in abstrakten Begriffen, und wir sind zufrieden, wenn wir uns sagen können: Das müssen wir fordern, was allein ganz scharfumrissene Begriffe uns geben können; wir müssen solche eben aus unserem Vorurteil heraus fordern. — Ja, wenn aber die Natur, die Welt nicht so ist, daß sie sich in die von uns verlangten Begriffe hineinfügen läßt, wenn die Welt nach ganz anderen Gestaltungsformen sich bildet, wenn die Natur zum Beispiel nicht nach dem sich bildet, was unsere Naturgesetze sind, wenn diese Naturgesetze nur einen kleinen Teil der wirklichen Realität umfassen und gerade das Wesentliche der Natur nicht nach abstrakten Naturgesetzen und Ideen sich formt, sondern nach Bildern - dann können wir noch so lange diskutieren über das logische Begründen von scharf umrissenen Naturgesetzen, wir dringen nicht in die Natur hinein, weil die Natur sich nicht hergibt für solche Gesetze, weil sie verlangt, daß sie in Bildern erfaßt werde. Insbesondere verlangt es die menschliche Natur, daß sie in Bildern erfaßt werde. Und man wird zu alledem, was ich heute skizziert habe, auch nur durch eine bildliche, durch eine imaginative Vorstellungsweise geführt.
[ 26 ] But there is something else connected with what is based on such a new view of humanity. What, then, are we striving for today when we speak of science, of a scientifically grounded foundation for a worldview? We speak of what presents itself to us, largely in abstract terms, and we are satisfied when we can say to ourselves: We must demand what only very sharply defined concepts can give us; we must demand such concepts precisely out of our prejudice. — Yes, but if nature, the world, is not such that it can be fitted into the concepts we demand, if the world takes shape according to entirely different forms of organization, if nature, for example, does not take shape according to what our laws of nature are, if these laws of nature encompass only a small part of actual reality and the very essence of nature does not take shape according to abstract laws of nature and ideas, but rather according to images—then no matter how long we discuss the logical justification of sharply defined laws of nature, we will not penetrate nature, because nature does not lend itself to such laws, because it demands to be grasped in images. Human nature, in particular, demands to be grasped in images. And one is guided to everything I have outlined today only through a pictorial, imaginative mode of conception.
[ 27 ] Ich möchte sagen: Wenn man den Menschen so anschaut, daß man hinblickt darauf, wie die gedankenmäßige Kraft in seinem Organismus waltet, bis die Zähne herauskommen, wie die Willenskraft waltet, wie sie in den Kehlkopf hineinzieht und die Umwandlung der Stimme besorgt, wenn man das alles ansieht, kann man nicht stehenbleiben dabei, jene abstrakten Naturgesetze auszubilden, die heute so beliebt sind, sondern man kommt dazu, die Seele wirksam, plastisch zu machen, indem sie den Menschen verstehen will. Man kommt dazu, bei abstrakten Begriffen, bei abstrakten Vorstellungen nicht stehenzubleiben, sondern man kommt zu Bildern. Mit anderen Worten, man kommt dazu, die abstraktlogischen wissenschaftlichen Begriffe hinaufzuleiten in eine künstlerische Erfassung der Welt, in eine ästhetische Erfassung der Welt. Man gelangt zu einem Verstehen desjenigen, was so tief Goethe aus den Grundlagen seiner Weltanschauung heraus gesprochen hat: Die Kunst beruht auf einer Wahrnehmung tieferer Naturgesetze, die sich ohne die Kunst dem Menschen niemals enthüllen würden. — Goethe meint, daß sie sich niemals enthüllen würden durch die abstrakten Naturgesetze, sondern sie würden sich nur enthüllen durch das Anschauen der Natur in Bildformen. Man schlägt auf diese Art den Weg ein von einem logisch-abstrakten Anschauen, von einem mechanistischen Anschauen der äußeren Natur zu einem künstlerischen Erfassen, und solch künstlerisches Erfassen gibt unserer ganzen Persönlichkeit eine andere seelische Geschmeidigkeit als die abstrakten Begriffe.
[ 27 ] I would like to say: If one looks at a human being in such a way that one observes how the power of thought operates within his organism until his teeth come in, how the power of will operates, how it draws into the larynx and brings about the transformation of the voice—if one observes all of this, one cannot stop at formulating those abstract laws of nature that are so popular today, but rather one comes to make the soul active and vivid by seeking to understand human beings. One comes to realize that one must not remain stuck at abstract concepts or mental images, but must move on to images. In other words, one comes to elevate abstract, logical, scientific concepts into an artistic grasp of the world, into an aesthetic grasp of the world. One arrives at an understanding of what Goethe so profoundly expressed from the foundations of his worldview: Art is based on a perception of deeper laws of nature that would never reveal themselves to human beings without art. — Goethe believes that they would never reveal themselves through abstract laws of nature, but would reveal themselves only through the contemplation of nature in pictorial forms. In this way, one embarks on a path from a logical-abstract view—from a mechanistic view of external nature—toward an artistic apprehension, and such artistic apprehension imparts to our entire personality a different kind of spiritual suppleness than abstract concepts do.
[ 28 ] Und wir denken uns nun den Menschen, der sich aufgeschwungen hat von wissenschaftlicher Menschenerkenntnis zu einem künstlerischen Erfassen von Welt und Mensch, man denke sich diesen Menschen durchflutet, durchdrungen mit dieser künstlerischbildhaften Anschauung vom Menschen und dann ausübend Erziehungs- und Unterrichtskunst. Da geht Leben von ihm unmittelbar über in das Leben des werdenden Menschen; da wirkt nicht eine philiströs-abstrakte Erziehungswissenschaft, da wirkt lebendige Erziehungskunst, da wirkt dasjenige, was in schönster Weise als Soziales zwischen Mensch und Mensch sich abspielen kann. Da wird endlich aus einer tieferen Erkenntnisgrundlage heraus dasjenige erfüllt, was aus mehr humanistischen Gefühlen heraus Schiller darzustellen versuchte in seinen Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen». Da wird tatsächlich das klargemacht, daß der Mensch auch in der wahren Erkenntnis die Gleichgewichtslage hält zwischen der bloß abstrakten Vernunftnotwendigkeit und dem bloß sinnlichen Naturtrieb; es wird klargemacht, daß der Mensch drinnensteht zwischen diesen Trieben und daß er aus einer Gesinnung heraus wirkt, die sich so geltend macht wie die Gesinnung im künstlerischen Schaffen oder im künstlerischen Anschauen. Sie macht sich so geltend, daß sie dasjenige, was wir als Geist verfolgen, zugleich als Sinnliches darstellt; sie bewirkt, daß das, was als Sinnliches sich darstellt, zugleich ein Geistiges ist.
[ 28 ] And let us now imagine the person who has risen from a scientific understanding of humanity to an artistic grasp of the world and humanity—let us imagine this person filled to the brim with, permeated by, this artistic, pictorial vision of humanity, and then practicing the art of education and teaching. There, life flows directly from him into the life of the developing human being; there, it is not a philistine, abstract science of education at work, but rather the living art of education—that which can unfold in the most beautiful way as a social interaction between human beings. Here, finally, based on a deeper foundation of knowledge, that which Schiller sought to portray—out of more humanistic sentiments—in his letters “On the Aesthetic Education of Man” is fulfilled. Here it is truly made clear that, even in true knowledge, the human being maintains a balance between the merely abstract necessity of reason and the merely sensuous natural instinct; it is made clear that human beings stand between these drives and that they act out of a disposition that asserts itself in the same way as the disposition in artistic creation or artistic contemplation. It asserts itself in such a way that what we pursue as spirit is simultaneously represented as the sensuous; it brings about that what presents itself as the sensuous is at the same time spiritual.
[ 29 ] Aus einer solchen Gesinnung heraus beginnen wir hier an der Waldorfschule zu erziehen, zu unterrichten. Da geben wir dem werdenden Menschen nicht mehr irgend etwas, was uns vorgeschrieben ist, da geben wir als Erzieher, als Unterrichtender uns ganz dem werdenden Menschen hin, da erziehen wir dann Menschen, welche tüchtig sich hineinstellen können in das Leben. Ich habe ja nur einzelne Beispiele genannt. Ebenso wie wir durch ein Dirigieren des Spieles dem Kinde ein Bestes mitgeben können für sein Sichhineinfinden in das Leben in seinen Zwanzigerjahren, können wir anderes im werdenden Menschen beobachten, auf das wir unsere Erziehung begründen, um ihm dadurch das Schönste für sein späteres Leben mitzugeben. Da begründen wir einen Unterricht, eine Erziehung, welche rechnen mit dem ganzen Menschen und mit dem ganzen menschlichen Leben. Man darf schon sagen: Der Ernst der gegenwärtigen Weltlage fordert, daß man ein wenig den Blick in die Tiefen desjenigen hineinwirft, aus dem heraus es besser werden kann, aus dem heraus man das Leid und die Not der Gegenwart bezwingen kann. Aber das kann nicht mit gleichgültigen Mitteln und mit oberflächlichen Mitteln geschehen, das kann nur geschehen mit tiefer liegenden Mitteln. Nur auf diese Art werden wir Menschen heranerziehen, die im eminentesten Sinne das haben werden, was sie haben müssen, weil gerade das den Menschen fehlt in der gegenwärtigen Weltlage.
[ 29 ] It is from this mindset that we begin to educate and teach here at the Waldorf School. We no longer give the developing human being something that has been prescribed to us; rather, as educators and teachers, we devote ourselves entirely to the developing human being, and in this way we raise people who are capable of fully engaging with life. I have, of course, cited only a few examples. Just as we can give a child the best possible foundation for finding their way in life in their twenties by guiding their play, we can observe other qualities in the developing human being upon which we base our education, thereby equipping them with the very best for their future life. Thus we establish a form of instruction and education that takes into account the whole person and the entirety of human life. One might well say: The gravity of the current world situation demands that we cast our gaze a little deeper into that which can bring about improvement—that from which we can overcome the suffering and hardship of the present. But this cannot be achieved with indifferent or superficial means; it can only be achieved with deeper, more profound means. Only in this way will we raise people who, in the most profound sense, will possess what they must have—for it is precisely this that people lack in the current state of the world.
[ 30 ] Wenn wir hinschauen auf die Menschen, wie sie heute sind, wenn wir hinschauen auf dasjenige, was an die Oberfläche des Lebens dringt, was das Leben sogar dirigieren will, auf das, was sich etwa in den öffentlichen Verhältnissen auslebt, wie sie sich in den letzten Tagen wieder ausgestaltet haben — wir sehen überall, daß zwei Dinge den Menschen von heute fehlen, die man ihnen nur anwünschen möchte im allerintensivsten Grade: Es fehlt den Menschen heute in hohem Grade das, was man nennen möchte Selbstvertrauen, aber auch das, was man nennen möchte Vertrauen zur Menschheit. Prüfen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, warum die Menschen heute so wenig in sich selber gehen, um sich hineinzustellen tatkräftig in jenes soziale Leben der Gegenwart, welches die Tatkraft so notwendig brauchen würde. Wir finden: Selbstvertrauen fehlt den Menschen. Aber ein Selbstvertrauen ist nur gerechtfertigt und kann nur da sein, wenn es getragen wird von dem Vertrauen zu den anderen Menschen. Wie Nordpol und Südpol zueinander gehören, ohne einander nicht da sein können, so kann Selbstvertrauen nicht da sein ohne Vertrauen zu den anderen Menschen. Niemals wird eine Erziehungswissenschaft, eine Unterrichtswissenschaft in die Menschen dasjenige hineinbringen, was Selbstvertrauen, was Vertrauen zur Menschheit ist, wenn sie nicht herausgeboren ist aus einer solchen Menschenliebe, die aus der Menschenerkenntnis kommt, wie ich sie heute charakterisiert habe. Denn das erlebt man, meine sehr verehrten Anwesenden.
[ 30 ] When we look at people as they are today, when we look at what comes to the surface of life—what even seeks to dictate life—at what plays out, for example, in public affairs as they have taken shape again in recent days—we see everywhere that two things are lacking in people today, things one can only wish for them in the most intense degree: People today are sorely lacking what one might call self-confidence, but also what one might call trust in humanity. Consider, my esteemed audience, why people today look so little within themselves to actively engage in the social life of the present, which so desperately needs their energy and initiative. We find that people lack self-confidence. But self-confidence is justified—and can exist—only when it is sustained by trust in other people. Just as the North Pole and the South Pole belong together and cannot exist without one another, so self-confidence cannot exist without trust in other people. Never will educational science or the science of teaching instill in people what self-confidence is, or what trust in humanity is, unless it is born of a love for humanity that stems from an understanding of human nature, as I have characterized it today. For this is what one experiences, my esteemed audience.
[ 31 ] Lernt man, so wie ich es charakterisiert habe, den Menschen kennen, lernt man erkennen, wie in seinem Organismus das GeistigSeelische arbeitet, wie die verschiedenen Lebensalter des Menschen zusammenwirken - so wie ich es am Beispiel des kindlichen Spieles in seiner Auswirkung auf die Zwanzigerjahre dargestellt habe -, lernt man so intim das geistig-seelisch-leibliche Wesen des Menschen kennen, dann kann man nicht anders als zugleich mit dieser Erkenntnis in sich heranerziehen wirkliche Menschenliebe, denn eine Kraft der Seele ist mit der anderen Kraft der Seele verbunden, so wie in der Pflanzenblüte die Staubgefäße mit dem Stempel verbunden sind; sind die Staubgefäße vollkommen, so verlangen sie einen vollkommenen Stempel. So entwickelt sich wahres, aus Menschenliebe heraus kommendes Erkennen nicht zu jener Abstraktheit, die man heute so vielfach mit Recht verachtet, sondern zu dem, was auf der anderen Seite heranerzieht auch wahre Menschenliebe.
[ 31 ] If one comes to know human beings as I have described—if one learns to recognize how the spiritual and soul aspects function within their organism, and how the various stages of human life interact—as I have illustrated using the example of children’s play and its effects on one’s twenties—then one comes to know the human being’s spiritual -soul-physical nature of the human being, then one cannot help but, along with this insight, cultivate within oneself genuine love for humanity, for one force of the soul is connected to another force of the soul, just as the stamens are connected to the pistil in a flower; if the stamens are perfect, they demand a perfect pistil. Thus, true knowledge—arising from love of humanity—does not develop into the kind of abstractness that is so often and rightly despised today, but rather into that which, in turn, fosters true love of humanity.
[ 32 ] Und das, was in einer Erziehung, in einem Unterricht aus solcher Menschenerkenntnis, aus solcher Menschenliebe heraus waltet, das, was Pädagogik und Didaktik als Lehrplan und Stundenplan aus einer solchen Wesenserkenntnis des Menschen heraus bilden können, das haben wir, soweit das heute schon möglich ist, hier in der Waldorfschule versucht. Das wirkt dahin, meine sehr verehrten Anwesenden, daß in dem Kinde aufdämmert Liebe zu den anderen Menschen. Menschenvertrauen, das in dem Kinde angezündet wird durch die Kraft, die in uns selbst geboren wird aus wirklicher Menschenerkenntnis heraus, die zum künstlerischen Erfassen der natürlichen Menschenwesenheit kommt, das bildet aus uns heraus jene Kraft, die in dem Kinde entzünden kann das bleibende, das unversiegliche Selbstvertrauen. Und zwei andere Eigenschaften, die die Menschheit heute so entbehrt und die nur durch eine solche Erziehungskunst dem Menschengeist überliefert werden können, das ist, was ich auf der einen Seite nennen möchte Besonnenheit und auf der anderen Seite Tatenfreudigkeit, Tatenbereitschaft. Über diese Dinge denkt man heute unklar, recht, recht unklar, weil man nicht aus der Wirklichkeit, namentlich nicht aus der sozialen Wirklichkeit heraus denkt.
[ 32 ] And what prevails in education and instruction that stems from such an understanding of human nature and such love for humanity—what pedagogy and didactics can shape into a curriculum and schedule based on such an understanding of human nature—that is what we have attempted here at the Waldorf School, to the extent that it is already possible today. The effect of this, my esteemed audience, is that a love for other human beings begins to dawn within the child. Trust in humanity—which is kindled in the child through the power born within us from a genuine understanding of human nature, leading to an artistic grasp of the natural human being—this forms within us the very power that can kindle in the child that enduring, inexhaustible self-confidence. And two other qualities that humanity so sorely lacks today—and which can be imparted to the human spirit only through such an art of education—are what I would like to call, on the one hand, prudence, and on the other, a zest for action and a readiness to act. People today think about these things in a vague way—very, very vague—because they do not think from reality, specifically not from social reality.
[ 33 ] Ich habe vorhin in sehr lobenden Worten den liebenswürdigen Gelehrten Rudolf Hildebrand erwähnt. So werden Sie nicht glauben, daß ich diesen Mann verkennen will. Aber auch er war ein Mensch, der - trotzdem er manchmal aus seinen Instinkten heraus getrieben wurde zu solchen Betrachtungen, wie ich sie erwähnt habe -, er war ein Mensch, der hereingestellt war in alle Vorurteile, die uns das gegenwärtige Unglück gebracht haben. Und so hat er auch in seinen Tagebuchblättern noch einen merkwürdigen Satz geschrieben, den Satz: Man vergleiche einmal einen Gaffer, der vor einer Scheibe steht, nach der geschossen werden soll, mit einem Schützen, der nach der Scheibe zielt. Der Gaffer kann mit seinem Blick die Scheibe treffen; der trifft jedes Mal. Der Schütze muß erst lernen zu treffen; erst dann trifft er in Wirklichkeit. So ist ein Unterschied, meint Hildebrand, zwischen dem, der ein bloßer Lebensgaffer ist, das heißt dem, der philosophisch oder wissenschaftlich oder mystisch oder theosophisch oder sonstwie das Leben betrachtet, und dem, der tatkräftig Hand anlegt im Leben.
[ 33 ] Earlier, I spoke very highly of the amiable scholar Rudolf Hildebrand. So you will not believe that I intend to misjudge this man. But he, too, was a man who—even though he was sometimes driven by his instincts to make the kinds of observations I have mentioned—was a man steeped in all the prejudices that have brought us our present misfortune. And so, even in his diary entries, he wrote a curious sentence: “Compare a onlooker standing in front of a target that is to be shot at with a marksman aiming at the target. The onlooker can hit the target with his gaze; the marksman hits it every time.” The marksman must first learn to hit the target; only then does he actually hit it. Thus, Hildebrand argues, there is a difference between one who is merely a spectator of life—that is, one who views life philosophically, scientifically, mystically, theosophically, or in any other way—and one who actively takes charge of life.
[ 34 ] Sehr viel Richtiges ist in einem solchen Satz, aber trotzdem sehr, sehr viel Einseitiges. Denn denken wir einmal nicht gerade an das Beispiel von Hildebrand, sondern an einen «Lebensgaffer», an einen, der das Leben nur angeschaut hat, zum Beispiel an Leibniz, der die Differential- und Integralrechnung gefunden hat. Denken wir uns, wie dieser «Lebensgaffer», der die Differential- und Integralrechnung gefunden hat, nun die Veranlassung geworden ist zu alledem, was heute in der Technik durch die Differential- und Integralrechnung gemacht wird, zu alledem, was heute von dem «Schützen», von dem, der Hand anlegt, im Leben bewirkt wird. Wenn man den Menschen so in einer unsozialen Isoliertheit betrachtet, kann man das Gleichnis von dem Lebensgaffer und dem Schützen, die nach der Scheibe zielen, treffend finden. Wenn man aber das Leben in seiner sozialen Weite ansieht, dann muß man sich sagen: Wenn derjenige, der der Lebensgaffer ist, aus seiner Lebensgafferei heraus einen fruchtbaren, zu unzähligen Tatwirkungen führenden Gedanken hat, dann ist mit Bezug auf das Zusammenwirken der Menschen, mit Bezug auf das soziale Leben, vielleicht der Lebensgaffer der weit Tätigere als derjenige, den man mit dem Schützen vergleicht.
[ 34 ] There is a great deal of truth in such a statement, but nevertheless a great, great deal that is one-sided. For let us not think just of Hildebrand’s example, but of a “life-observer”—one who has merely observed life—for example, Leibniz, who discovered differential and integral calculus. Let us imagine how this “life-observer,” who discovered differential and integral calculus, has now become the catalyst for everything that is accomplished today in technology through differential and integral calculus—for everything that is achieved today in life by the “shooter,” by the one who takes action. If one views human beings in this way—in antisocial isolation—one may find the parable of the “life-gawker” and the “shooter” aiming at the target to be apt. But if one views life in its social breadth, then one must say to oneself: If the one who is the “life-gawker” has, out of his life-gawking, a fruitful thought leading to countless practical effects, then—with regard to human cooperation, with regard to social life—perhaps the “life-gawker” is far more active than the one who is compared to the “shooter.”
[ 35 ] Es handelt sich darum, daß man allmählich dazu gekommen ist, das Leben in seinen isolierten Tatbeständen einseitig zu beobachten, daß uns heute die Möglichkeit fehlt, auf die großen sozialen Zusammenhänge hinzublicken. Um darauf hinzuweisen, dazu brauchen wir Besonnenheit, Besinnung. Heute ist es vielfach so, daß die Menschen diese Besinnung, dieses In-Sich-Gekehrt-Sein, dieses «Angaffen» des Lebens meiden, weil sie zu bequem sind, aus den Gedanken, den Ideen Taten werden zu lassen, weil sie nicht eingehen wollen auf die wirklichen Lebensverhältnisse, weil sie selbst dann, wenn einem schon die Not zum Fenster hereinstößt, wenn sie bis zum Munde reicht, wenn die Not unendlich groß ist, Fatalisten sind und sagen: Von irgendeiner Ecke her wird es morgen schon besser werden. — Besonnenheit, Leben in Tatwirkungsgedanken brauchen wir. Und auf der anderen Seite brauchen wir eine neue Tatbereitschaft; sie wird folgen aus solchen Gedanken bei den Menschen, in denen wir das Menschliche entzünden können aus jener Liebe, die wir aus wahrer Geist-, Seelen- und Leibeserkenntnis gewinnen - als Grundlage einer künftigen Weltanschauung, wie wir es heute geschildert haben. Und was das Beste, das Höchste ist, was uns Unterricht und Erziehung gegenüber der gegenwärtigen Weltlage geben können, das ist, daß wir offenen und freien Lebenssinn bekommen, wenn das Menschliche durch eine solche Menschenerkenntnis, wie sie hier gemeint ist, aufgeschlossen wird. Wir erleben in unserer Zeit, daß die Menschen in einer merkwürdigen Weise das Leben verkennen. Sie bilden sich ein, Wirklichkeitsgeister zu sein, stehen aber, wenn es auf die Wirklichkeit ankommt, dieser Wirklichkeit wahrlich recht, recht fern. Dafür ein Beispiel.
[ 35 ] The issue is that we have gradually come to view life one-sidedly, focusing on isolated events, and that today we lack the ability to see the broader social context. To address this, we need level-headedness and reflection. Today, it is often the case that people avoid this self-reflection, this turning inward, this “gazing” at life—because they are too complacent to turn thoughts and ideas into action, because they do not want to engage with the real conditions of life, because even when hardship is already banging at the window, when it reaches up to their mouths, when the hardship is infinitely great, they are fatalists and say: “Things will get better tomorrow, somehow.” — We need prudence and a way of life guided by the principle of action and effect. And on the other hand, we need a new readiness for action; it will arise from such thoughts in people in whom we can kindle what is human through that love we gain from true knowledge of spirit, soul, and body—as the foundation of a future worldview, as we have described today. And the best, the highest thing that education and upbringing can offer us in light of the current state of the world is that we gain an open and free sense of life when what is human is unlocked through such an understanding of humanity as is meant here. We are witnessing in our time that people misunderstand life in a strange way. They imagine themselves to be spirits of reality, yet when it comes down to reality, they are truly, truly far removed from it. Here is an example:
[ 36 ] Sehen Sie, es wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts einmal ein gewisses Urteil gefällt. Bitte lesen Sie die Parlamentsberichte nach, lesen Sie die besten Reden der besten Geister nach, lesen Sie aus Zeitungsberichten, was die geschätztesten Praktiker gesagt haben. Sie können immer wieder in den Parlamentsberichten, in den Reden der besten Nationalökonomen, der besten Praktiker finden, wie sie ein gewisses Urteil gefällt haben, das für die Entwicklung der neueren Zeit in politischer, in staatlicher Beziehung, auch in wirtschaftlicher Beziehung von höchster Wichtigkeit geworden ist. Da ging man einmal daran, in gewissen Staaten die Goldwährung einzuführen. Man lese, was darüber gesagt worden ist. Die besten Praktiker, die gewiegtesten Nationalökonomen haben vorausgesagt, diese Goldwährung werde bringen eine Aufhebung der Zollgrenzen; gerade die Goldwährung werde den freien Welthandel bringen. - Und wenn man nachschaut, was diese Lebenspraktiker, diese Geschäftsleute, diese Industriellen, diese Parlamentarier gesagt haben, welche hervorgegangen waren aus einer Erkenntnis, wie man sie eben im 19. Jahrhundert hatte, so findet man - ich will nicht spotten, ich will nur die Wahrheit reden -, so findet man, daß sie etwas sehr Gescheites gesagt haben; aber die Wirklichkeit ist ganz anders gekommen. Sie haben gesagt: Zollgrenzen, Schutzzölle, das alles wird aus der Welt geschafft, wenn die Goldwährung eintritt. - Das Gegenteil ist gekommen. Nach Einführung der Goldwährung sind gerade die Zollgrenzen, die Schutzzölle überall aufgerichtet worden. Also, das Gegenteil von dem, was die gescheitesten Leute gesagt haben, ist gekommen. Ich sage ausdrücklich, die gescheitesten Leute; ich bin weit davon entfernt zu sagen, daß die Leute, die so radikal an der Wirklichkeit vorbeigetapst sind, Dummköpfe waren; sie waren das Gegenteil von Dummköpfen. Sie haben aus ihrer Zeitbildung heraus das Gescheiteste gesagt, aber niemand kann auf die Wahrheit kommen, wenn die Wahrheit durch nichts vorgegeben wird, wenn die Verhältnisse um uns so sind, daß man die Wirklichkeit auch mit dem schärfsten Verstande nicht durchschauen kann. Darum reden dann die gescheitesten Leute Unsinn auf einem solchen Gebiet. Deshalb, weil die wirtschaftlichen Verhältnisse in ihrem Zusammengebundensein mit den staatlich-politischen Verhältnissen so verknäuelt waren, weil die Fäden so ineinandergeschlungen waren, daß man sie nicht übersehen konnte, so gescheit man auch war, konnte man nicht hineinschauen; man sagte selbstverständlich Unsinn, weil man von der Wirklichkeit nichts lernen konnte. Man konnte nicht vorher die Wirklichkeit so gestalten, daß man von ihr hätte lernen können.
[ 36 ] You see, a certain judgment was reached at one point during the 19th century. Please consult the parliamentary records, read the finest speeches by the greatest minds, and look up what the most respected practitioners said in newspaper reports. Time and again, in the parliamentary records, in the speeches of the finest economists, and among the most accomplished practitioners, you will find that they reached a certain conclusion which has become of the utmost importance for modern developments—in political and governmental matters, as well as in economic affairs. At one point, certain states set out to introduce the gold standard. Read what was said about it. The most experienced practitioners and the most distinguished economists predicted that this gold standard would lead to the abolition of customs barriers; that the gold standard, in particular, would bring about free world trade. - And if one looks at what these practical people, these businesspeople, these industrialists, and these parliamentarians—who had emerged from the understanding prevalent in the 19th century—said, one finds—I do not mean to mock, I only wish to speak the truth—one finds that they said something very sensible; but reality turned out quite differently. They said: Customs barriers, protective tariffs—all of that will be eliminated once the gold standard is introduced. —The opposite has happened. After the introduction of the gold standard, it was precisely customs barriers and protective tariffs that were erected everywhere. So, the opposite of what the wisest people said has come to pass. I say explicitly, “the wisest people”; I am far from saying that the people who so radically missed the mark were fools; they were the opposite of fools. Based on the understanding of their time, they said the wisest things, but no one can arrive at the truth when the truth is not predetermined by anything, when the circumstances around us are such that one cannot fathom reality even with the sharpest intellect. That is why even the wisest people speak nonsense in such a field. This is because economic conditions, in their interconnection with state and political conditions, were so tangled—because the threads were so intertwined that one could not see through them, no matter how intelligent one was—that one could not gain insight; naturally, one spoke nonsense because one could learn nothing from reality. It was not possible to shape reality in advance in such a way that one could have learned from it.
[ 37 ] Das, was wir die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus nennen, das will, daß das Wirtschaftsleben ebenso wie das Geistesleben und das Staatsleben auf der anderen Seite auf seinen eigenen Grund und Boden gestellt wird, daß diese drei Lebensgebiete als drei nebeneinander und ineinander wirkende Glieder des gesamten sozialen Organismus dastehen. Da wird gefordert, daß die einzelnen Wirtschaftsgebiete, seien sie Produktionsgebiete oder Konsumtionsgebiete oder Berufsstände oder dergleichen, sich entfalten so, wie sie sich unbeeinflußt durch staatliche oder andere Organisationen aus den Wirtschaftsgrundlagen selbst heraus bilden müssen. Es wird gefordert, daß sie sich so selbständig aus Fachtüchtigkeit und Sachkenntnis der darin Arbeitenden bilden, daß die eine Organisation, die unter solchen Voraussetzungen nur eine bestimmte Größe haben kann, sich dann an eine andere, an eine dritte, eine vierte angliedert in einer gewissen Weise; je nachdem wie sich solche Assoziationen bilden, werden sie sich wieder miteinander assoziieren. So wird ein Netz von wirtschaftlichen Assoziationen entstehen. Da wird derjenige, der in der einen Assoziation steht, wissen: In der anderen Assoziation, mit der ich es zutun habe im Verkehr, im Warenaustausch, da steht der andere drinnen, den ich kenne; man überschaut die Verhältnisse der beiden Assoziationen. Durch Vertrag ist das gegenseitige Verhältnis geregelt. So kann man konkret hineinschauen in das, was wirtschaftliches Gebiet ist. Durch das assoziative Prinzip werden Übersichtsverhältnisse geschaffen; das Leben ist dadurch so gestaltet, daß man von diesem Leben lernen kann. Die Zeitlage selbst fordert, daß das Unüberschaubare des wirtschaftlichen Lebens durch das assoziative Prinzip ersetzt werde, daß es ersetzt werde durch etwas Durchsichtiges, über dessen Wesenheit Sie in meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage» und namentlich auch in unserer Zeitung «Dreigliederung des sozialen Organismus» nachlesen können, die jetzt schon in fünfzig Nummern erschienen ist.
[ 37 ] What we call the idea of the threefold social order means that economic life, just like spiritual life and political life, should be grounded in its own foundation, so that these three spheres of life stand as three interrelated and mutually influencing members of the entire social organism. This requires that the individual economic sectors—whether they be areas of production or consumption, professional groups, or the like—develop in the way they must form from the economic foundations themselves, uninfluenced by state or other organizations. It is required that they form themselves independently, based on the professional competence and expertise of those working within them, so that one organization—which, under such conditions, can only be of a certain size—then links itself to another, to a third, to a fourth, in a certain way; depending on how such associations form, they will in turn associate with one another. In this way, a network of economic associations will emerge. Then the person who is part of one association will know: In the other association with which I have dealings—in trade, in the exchange of goods—there is someone I know; one can grasp the relationships between the two associations. The mutual relationship is governed by contract. In this way, one can gain a concrete insight into what constitutes the economic sphere. The associative principle creates a framework for understanding; life is thus structured in such a way that one can learn from it. The current situation itself demands that the unmanageable complexity of economic life be replaced by the associative principle—that it be replaced by something transparent, the nature of which you can read about in my book *The Key Points of the Social Question* and, in particular, in our newspaper *The Threefold Social Order*, which has already published fifty issues.
[ 38 ] Von dem, was undurchsichtig war, von dem konnte man nicht lernen. Das Leben will so gestaltet sein, daß man, wenn man in der rechten Weise in das Leben hineingestellt ist, von diesem Leben lernen kann. Menschen, die so herangebildet sein werden, daß diese Heranbildung fußt auf echter, wahrer Menschenerkenntnis, aus der wie nach Naturgesetzmäßigkeit folgen wird Menschenliebe — solche Menschen werden fühlen, wie das Wirtschaftsleben in seiner Selbständigkeit sich assoziativ gestalten will. Denn solche Menschen werden in ihrer Kindheit so gelernt haben, daß dieses Lernen für sie eine solche Schule war, daß sie nun immerzu vom Leben lernen können. Das aber ist die größte Erfahrungswissenschaft der Schule, daß wir aus ihr so hervorgehen, daß das Leben für uns immer eine fortgesetzte große Schule bleibt. Dadurch haben wir durch das ganze Leben immer garantiert: Wir entwickeln uns weiter, wir bleiben nicht stehen, wir tragen die Welt weiter. Bis an unser Lebensende, bis wir durch die Todespforte in die geistige Welt übergehen, können wir hier so leben, daß wir unser SeelischGeistiges erweitern, daß wir unser Leibliches geschickter machen, daß wir das ganze Leben als eine Schule betrachten können. Die gegenwärtige Lebenslage des Menschen fordert dies. Und was sie da fordert, können wir am besten aussprechen, wenn wir sagen: Alles das, was aus einer solchen Erneuerung der Weltanschauungsgrundlagen kommen muß, wie es hier aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus gemeint ist, das muß dahin führen, daß eine Erziehungskunst, eine Unterrichtskunst erstehe, welche aus wahrer, echter Menschenerkenntnis heraus gebiert jene Menschenliebe, welche solche Menschen erzieht, die aus der Kindheitsschule in der rechten Weise entlassen werden in die Lebensschule, denn durch dieses Lernen in der Lebensschule wird erst das rechte Wirken auf sozialem Boden möglich sein.
[ 38 ] One could not learn from that which was obscure. Life is meant to be shaped in such a way that, if one is placed in life in the right way, one can learn from it. People who have been educated in such a way that this education is grounded in genuine, true knowledge of human nature—from which love for humanity will follow as a natural law—such people will sense how economic life, in its independence, seeks to organize itself associatively. For such people will have learned in their childhood in such a way that this learning served as a school for them, enabling them to continue learning from life at all times. But this is the greatest experiential science of school: that we emerge from it in such a way that life remains for us a continuous, great school. Through this, we are always assured throughout our entire lives: we continue to develop; we do not stand still; we carry the world forward. Until the end of our lives, until we pass through the gate of death into the spiritual world, we can live here in such a way that we expand our soul-spiritual nature, that we make our physical being more skillful, and that we can regard the whole of life as a school. The current situation of human life demands this. And we can best express what it demands when we say: Everything that must arise from such a renewal of the foundations of our worldview—as intended here from the perspective of Spiritual Science—must lead to the emergence of an art of education, an art of teaching, which, born of true and genuine knowledge of human nature, gives rise to that love of humanity that educates people who are sent forth from the school of childhood in the right way into the school of life, for it is only through this learning in the school of life that true social action will become possible.
[ 39 ] Davon will ich dann in der nächsten Woche mit dem Vortrage über «Fragen der Seele und Fragen des Lebens» eine Gegenwartsrede halten. Heute wollte ich nur zeigen, daß wir allerdings gerade gegenüber Erziehung und Unterricht in der Gegenwart genötigt sind, aus alldem, was in der Zeit drängt und kraftet, zu sagen, daß wir einhalten müssen den Satz: Gebt der Erziehung, gebt dem Unterricht dasjenige, was aus einer tieferen Weltanschauung heraus Grundlage der Erziehung, des Unterrichts ist. Denn dadurch schafft ihr die wahre, die echte, die feste Grundlage für eine Lösung derjenigen sozialen und menschlichen Fragen, die jetzt so drängend in das ganze Menschenleben sich hineingestellt haben.
[ 39 ] I plan to address this topic next week in a lecture titled “Questions of the Soul and Questions of Life.” Today I simply wanted to show that, particularly with regard to education and instruction in the present day, we are compelled—in light of all that is pressing and striving in our time—to affirm the following: Give to education, give to instruction that which, arising from a deeper worldview, forms the foundation of education and instruction. For in this way you create the true, genuine, and solid foundation for a solution to those social and human questions that have now so urgently intruded into all of human life.
