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The Crisis of the Present
and the Path to Healthy Thinking
GA 335

15 June 1920, Stuttgart

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The Crisis of the Present and the Path to Healthy Thinking, tr. SOL
  1. Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken

7. Fragen der Seele und Fragen des Lebens Eine Gegenwartsrede

7. Questions of the Soul and Questions of Life: A Lecture on the Present

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn man auf alle Verhältnisse der Gegenwart, auf Not, Elend, Hoffnungslosigkeit hinblickt, und wenn man hinblickt auf die Ursachen, aus denen all das hervorgegangen ist, dann drängt sich einem — wie ich meine — unbefangenen Blick des Lebens auf, daß als erstes Rätsel unserer Gegenwart dasteht, gewissermaßen als eindringlichstes Rätsel dasteht: Wie vereinigt die Menschheit, um in gedeihlicher Weise auf einen Aufbau unserer sozialen und sonstigen Verhältnisse in der Zukunft hinzuarbeiten, wie vereinigt die Menschheit die Wege der Seele mit den Wegen des Lebens?

[ 1 ] Ladies and gentlemen! When one looks at all the conditions of the present—at hardship, misery, and hopelessness—and when one considers the causes from which all this has arisen, then it becomes clear—to an unbiased view of life, as I see it—that the foremost mystery of our present, so to speak the most pressing mystery, is this: How does humanity—in order to work productively toward the future development of our social and other conditions—how does humanity unite the paths of the soul with the paths of life?

[ 2 ] Da ich beabsichtige, eine Ergänzung zu liefern zu mancherlei, das ich vom Gesichtspunkte anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft hier in Stuttgart seit Jahren gesagt habe, werden Sie verzeihen, wenn ich heute gewissermaßen historisch an das eine oder andere anknüpfe und so vielleicht den Schein erwecke, daß diese Anknüpfungen manchmal persönlicher sind als dasjenige, was ich hier im Laufe der vielen Jahre vorgebracht habe. Allein, das wird ja nur scheinbar sein.

[ 2 ] Since I intend to provide a supplement to various things I have said here in Stuttgart over the years from the perspective of anthroposophically oriented Spiritual Science, you will forgive me if today I take up one or the other point in a sort of historical context and thus perhaps give the impression that these references are at times more personal than what I have presented here over the course of many years. However, that will only be an illusion.

[ 3 ] Es handelt sich gleich beim Ausgangspunkte meiner Gegenwartsrede darum, daß ich mir erlaube, darauf hinzuweisen, wie gerade diese Frage: Wie kann die Gegenwartsmenschheit die Wege der Seele mit den Wegen des Lebens in Einklang, in Harmonie bringen? -, wie gerade diese Frage mir vorschwebte, als ich Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts meine 1894 erschienene «Philosophie der Freiheit» ausarbeitete als Grundlage jener Weltanschauung, die sich mir ergeben hat im Laufe langer Jahre. Denn im Grunde genommen sollte, in der Art, wie es dazumal von mir gegeben werden konnte, diese «Philosophie der Freiheit» schon antworten auf die heute an den Ausgangspunkt der Betrachtungen gestellte Schicksalsfrage der Menschheit. Ich habe nicht vor, heute über den Inhalt dieser «Philosophie der Freiheit» zu sprechen, aber ich möchte die Absichten, welche dieser Schrift zugrunde lagen, einleitend mit ein paar Worten streifen.

[ 3 ] Right at the outset of my lecture on the present, I would like to take the liberty of pointing out that it was precisely this question—How can humanity today bring the paths of the soul into harmony with the paths of life? —how precisely this question was on my mind as I developed my *Philosophy of Freedom* (published in 1894) in the late 1880s and early 1890s as the foundation for the worldview that had emerged for me over the course of many years. For, fundamentally speaking, in the way I was able to present it at that time, this *Philosophy of Freedom* was already intended to answer the fateful question of humanity that today stands at the starting point of our reflections. I do not intend to speak today about the content of this *Philosophy of Freedom*, but I would like to briefly touch upon the intentions underlying this work by way of introduction.

[ 4 ] Es lag die Absicht zugrunde, zu beantworten die Frage: Wie kann der Mensch, der in die Gegenwart hineingestellt ist, gegenüber den großen sozialen Anforderungen der Gegenwart mit dem allerwichtigsten Gefühl, der allerwichtigsten Sehnsucht der neueren Zeit, mit dem Gefühl der Freiheit, der Sehnsucht nach der Freiheit, zurechtkommen? Und es ist ja ein Wesentliches gerade bei dieser Betrachtung des Wesens der Freiheit, daß gebrochen wurde mit der ganzen Art, wie man bis dahin eigentlich immer nach der Berechtigung der Freiheitsidee, des Freiheitsimpulses gefragt hat. Man hat gefragt: Ist der Mensch ein freies Wesen durch seine Naturanlage, oder ist er es nicht? — Diese Art der Frage scheint mir durch die ganze Entwicklung der neueren Menschheit für unsere Zeit überholt zu sein. Heute können wir nach dem, was die Menschheit in den letzten drei bis vier Jahrhunderten durchgemächt hat, eigentlich nur fragen: Ist der Mensch in der Lage, eine solche soziale Ordnung zu begründen, daß er, während er sich entwickelt von der Kindheit bis zum Reifealter des Lebens, in ihr dasjenige finden kann, was er berechtigt ist, als die Freiheit seines Wesens zu bezeichnen? Nicht, ob der Mensch frei geboren wird, wurde in der «Philosophie der Freiheit» gefragt, sondern in dieser Schrift handelt es sich darum, ob es dem Menschen möglich ist, in den Tiefen seines Wesens etwas zu finden, was er heraufholen kann aus unterbewußten oder unbewußten Untergründen in das volle, klare, lichte Bewußtsein, und ob er durch dieses Heraufholen ein freies Wesen in sich heranerziehen könne. Und geleitet wurde ich durch diese Betrachtung dahin, daß dieses Wesentlichste in der Menschheitsentwicklung der neueren Zeit nur begründet werden könne auf zweierlei: erstens auf dasjenige, was ich dazumal nannte das intuitive Denken, zweitens auf dasjenige, was ich dazumal nannte das soziale Vertrauen. Und da ich nicht mit diesen zwei Worten irgend etwas Abstraktes, Theoretisches bezeichnet habe, sondern Dinge der Wirklichkeit, Dinge des Lebens, so wurde ja dasjenige, was in meiner Schrift gemeint war, recht, recht langsam verstanden, denn wir leben einmal in der Zeit der Abstraktionen, wie ich hier oftmals ausgeführt habe. Wir leben in der Zeit des Theoretisierens. Und wenn von jemandem dasjenige geltend gemacht wird, was nur aus Wirklichkeitssinn stammt, und dieses so Geltendgemachte dann in Ideen gefaßt wird, dann verwechseln die Menschen das, was aus der Wirklichkeit herausgeholt ist und klar in Ideenform auftritt, mit dem, was in ihnen selbst als abstrakte, als unwirklichkeitsgemäße Ideen lebt. Und sie sehen dann das, was eigentlich wirken kann im Menschen als ein realer Impuls, an als irgend etwas UÜtopistisches oder dergleichen - diejenigen Menschen am meisten, die selbst nur Utopistisches in den Köpfen haben, die sehen dann so etwas als Utopie an.

[ 4 ] The underlying intention was to answer the question: How can a person living in the present cope with the great social demands of the present, guided by the most important feeling and the most important longing of modern times—the feeling of freedom and the longing for freedom? And indeed, a key aspect of this very examination of the nature of freedom is that it broke with the entire way in which, up until then, people had always inquired into the justification of the idea of freedom, of the impulse toward freedom. The question had been: Is a human being a free being by nature, or is he not? — This kind of question seems to me to have been rendered obsolete for our time by the entire development of modern humanity. Today, given what humanity has gone through in the last three to four centuries, we can really only ask: Is human beings capable of establishing a social order such that, as they develop from childhood to the mature stage of life, they can find within it that which they are justified in calling the freedom of their being? The “Philosophy of Freedom” did not ask whether human beings are born free; rather, this work deals with whether it is possible for human beings to find something in the depths of their being that they can bring up from subconscious or unconscious depths into full, clear, luminous consciousness, and whether, through this bringing forth, he can nurture a free being within himself. And this reflection led me to the conclusion that this most essential aspect of modern human development can be grounded only in two things: first, in what I then called intuitive thinking; second, in what I then called social trust. And since I did not use these two terms to denote anything abstract or theoretical, but rather things of reality, things of life, what was meant in my writing was understood very, very slowly—for we live, after all, in an age of abstractions, as I have often explained here. We live in an age of theorizing. And when someone asserts something that stems solely from a sense of reality, and this assertion is then expressed in ideas, people confuse what has been drawn from reality and appears clearly in the form of ideas with what lives within them as abstract, unrealistic ideas. And they then regard what can actually take effect in a person as a real impulse as something utopian or the like—especially those people who themselves have only utopian ideas in their heads; they then view such a thing as a utopia.

[ 5 ] Was war die Idee dieses Strebens nach einer universellen Menschheitserziehung im Sinne der «Philosophie der Freiheit»? Es war dies die Idee, daß frei der Mensch niemals werden könne, wenn er in sein Bewußtsein nur aufnimmt diejenigen Vorstellungen, die ihm seit drei bis vier Jahrhunderten aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung heraus kommen, wenn er sich nur anfüllt mit dem, was man von der Natur lernen kann. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe öfter auch schon hier gesagt, daß der Einwand gemacht wird: Ja aber, wieviele Menschen sind es denn, welche heute in ihr ganzes Bewußtsein aufnehmen diejenigen Vorstellungen, die aus der Betrachtung der Natur entlehnt sind? — Es sei ja so, meinen die Menschen, daß nur einzelne Persönlichkeiten Naturwissenschaft lernen und daß dann vielleicht auch aus denen, die da von Naturwissenschaft etwas erfahren, sich andere rekrutieren, welche eine monistische - oder wie man es sonst nennt — Weltanschauung begründen, daß das aber doch auf die ganze breite Masse der Menschheit heute noch keinen maßgebenden Einfluß habe.

[ 5 ] What was the idea behind this pursuit of a universal education for humanity in the spirit of the “Philosophy of Freedom”? It was the idea that human beings could never become free if they were to absorb into their consciousness only those mental images that have emerged from the scientific worldview over the past three to four centuries, if they were to fill themselves only with what can be learned from nature. Well, ladies and gentlemen, I have often said here before that the objection is raised: “Yes, but how many people today actually fill their entire consciousness with mental images derived from the observation of nature?” — People argue that it is true that only a few individuals study the natural sciences, and that perhaps from among those who gain some knowledge of the natural sciences, others may emerge who establish a monistic—or whatever else it is called—worldview; yet this still has no decisive influence on the vast majority of humanity today.

[ 6 ] So ist es nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, es ist anders. Es ist so, daß wir allmählich aus dem Verlaufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte heraus in ein Geistesleben, in ein Leben überhaupt hineingekommen sind, das ja im wesentlichen gespeist wird — auch jetzt schon bis in die äußersten Gebiete des Landes hinaus, nicht bloß bei den Stadtmenschen oder bei den sogenannten Gebildeten - von dem, was durch unsere Journal-, Zeitungs-, Buchliteratur fließt: Die Menschen nehmen, ganz ohne daß es ihnen bewußt wird, das in ihr Vorstellungswesen auf, was folgt aus der belletristischen, der populärwissenschaftlichen, aus der Journalund Zeitungsliteratur. Damit füllen sie ihre Seelen an. Sie können, wenn sie sonntags in die Kirche gehen, meinen, gute Katholiken oder gute Evangelische zu sein, sie können sich der Vorstellung hingeben, daß sie ganz ehrlich an alles dasjenige glauben, was ihnen da verkündet wird. Aber in dem, was sie gewissermaßen im Alltag sind, ist die Form ihrer Gedanken, die ganze Konfiguration ihres Vorstellungslebens geprägt durch dasjenige, was unbewußt einfließt aus all den Quellen, die ich jetzt genannt habe. Wir können das ja durch eine Art Kreuzprobe feststellen:

[ 6 ] That is not the case, my esteemed audience; it is different. The fact is that, gradually, over the course of the last three to four centuries, we have entered into a spiritual life—indeed, into life itself—that is essentially nourished—even now, extending to the farthest reaches of the country, not merely among city dwellers or the so-called educated—by what flows through our magazines, newspapers, and books: People absorb into their imagination, without even realizing it, what stems from fiction, popular science, and journal and newspaper literature. They fill their souls with it. When they go to church on Sundays, they may think they are good Catholics or good Protestants; they may indulge in a mental image that they honestly believe everything that is preached to them there. But in what they are, so to speak, in everyday life, the form of their thoughts—the entire configuration of their imaginative life—is shaped by what unconsciously flows in from all the sources I have just mentioned. We can verify this through a kind of cross-check:

[ 7 ] Ich glaube, daß ja gewiß eine große Anzahl von Ihnen der Meinung ist, daß eine gewisse Gemeinschaft uralte Religionsvorstellungen mit ganz intensiven Kräften in das Leben der Gegenwart hineinträufeln will - uralte Religionsvorstellungen. Wer zweifelt denn eigentlich daran, daß zum Beispiel durch die Mitglieder des Jesuitismus angestrebt wird, uralte Religionsvorstellungen in das Leben der Gegenwart hineinzuträufeln? - Gewiß, das ist dann der Fall, wenn die Jesuiten schreiben über dasjenige, was sie glauben, daß es auf dem Boden des Bekenntnisses notwendig sei zu sagen, wenn sie sprechen über dasjenige, was die Menschen glauben sollen, wenn sie sprechen über dasjenige, was das Verhältnis der Menschen zur Kirche ausdrückt und so weiter. Wenn aber heute die Jesuiten schreiben über Gegenstände der Natur, über Gegenstände auch der menschlichen Natur, und glauben, der Wissenschaft Rechnung tragen zu sollen, was sind denn dann diese Jesuiten? Sie sind gerade die ausgesprochensten Materialisten. Wer dasjenige, was ein Jesuit als weltliche Literatur neben seiner theologischen und religiösen Schriftstellerei der Welt vorlegt, verfolgt, der findet, daß das ganze Streben dieser weltlichen Literatur gerade darauf hingeht, Materialismus im weitgehendsten Sinne zu begründen. Man kann sogar über das Warum sich ganz klare Vorstellungen machen. Von dieser Seite her ist man bestrebt, alles dasjenige, was Fragen der Seele, was Fragen des geistigen Lebens sind, zu entziehen dem menschlichen Forschen, dem unmittelbaren menschlichen Denken. Mit Bezug auf diese Fragen der Seele und diese Fragen des Lebens sollen die Menschen nicht forschen, sondern sie sollen sich hingeben dem, was traditionell vorhanden ist. Es wird dadurch alles das, was die Fragen der Seele betrifft und die Fragen des geistigen Lebens betrifft, herausgehoben aus dem, worüber die Forschung sich erstrecken soll. Es darf nicht hingeschaut werden vom Standpunkte des Geistes, vom Standpunkte der Seele in die Natur, in den wirklichen, wahren Umkreis des Lebens, denn solches Forschen ist von ihrem Gesichtspunkte aus unchristlich, ist unfromm. Wenn man aber nicht vom geistigen Gesichtspunkte aus über das Leben forschen darf, dann wird die Forschung zum Materialismus, denn wenn man den Geist nicht hineintragen darf in die Forschung über die Materie, dann bleibt der Geist draußen aus den Forschungen über die Materie, und man hat nur den krassesten Materialismus in der Hand. Daher sehen Sie neben der Geltendmachung aller traditionellen Vorstellungen auf religiösem oder theologischem Boden den krassesten Materialismus, wenn [neben der theologischen Literatur auch] weltliche Literatur gerade aus diesem Kreise herauskommt. Es nützt heute nichts, sich über diese Dinge irgendwelchen Wahnvorstellungen hinzugeben, sondern allein das unbefangene Anschauen dieser Dinge kann helfen.

[ 7 ] I believe that a great many of you certainly hold the view that a certain group seeks to infuse ancient religious concepts—ancient religious concepts—into contemporary life with great intensity. Who, after all, doubts that, for example, the members of the Jesuit order are striving to infuse ancient religious concepts into contemporary life? —Certainly, that is the case when the Jesuits write about what they believe must be said on the basis of their creed, when they speak about what people are supposed to believe, when they speak about what expresses the relationship between people and the Church, and so on. But when the Jesuits today write about subjects of nature, including subjects of human nature, and believe they must take science into account, what then are these Jesuits? They are, in fact, the most outspoken materialists. Anyone who follows what a Jesuit presents to the world as secular literature alongside his theological and religious writings will find that the entire aim of this secular literature is precisely to establish materialism in the broadest sense. One can even form quite clear mental images about the “why” behind this. From this perspective, the aim is to remove everything that pertains to questions of the soul—questions of spiritual life—from human inquiry and from direct human thought. With regard to these questions of the soul and these questions of life, people are not to engage in inquiry, but are to devote themselves to what has traditionally been handed down. As a result, everything pertaining to the questions of the soul and the questions of spiritual life is excluded from the scope of what research is supposed to cover. One must not look at nature—at the real, true sphere of life—from the standpoint of the spirit or the soul, for such research is, from their perspective, unchristian and irreverent. But if one is not permitted to investigate life from a spiritual perspective, then research becomes materialism; for if one is not allowed to bring the spirit into the investigation of matter, then the spirit remains outside of research into matter, and one is left with nothing but the most blatant materialism. That is why, alongside the assertion of all traditional mental images on religious or theological grounds, you see the most blatant materialism when [in addition to theological literature] secular literature emerges precisely from this circle. It does no good today to indulge in any delusions about these things; rather, only an unbiased view of them can help.

[ 8 ] Und so kann man sagen: Selbst diejenigen, welche gewissermaßen offiziell Frömmigkeit vertreten — wie sollte man denn nicht glauben, daß der Jesuitismus selbstverständlich offiziell die Frömmigkeit vertritt -, selbst die sind aus dem, was sich abgespielt hat im Laufe der neueren Zeit, krasse Materialisten. Und so können wir natürlich immer sehen, daß die Leute am Sonntag in die Kirche gehen und da anhängen dem, was sie nicht verstehen, und in der Woche nur dasjenige verstehen, was aus dem Untergrund der materialistischen Weltanschauung herauskommt. Diese Sachlage ist es eigentlich - das habe ich auch hier öfter betont -, die uns hineingeführt hat in die Not der neuesten Zeit. Denn es ist ja leicht einzusehen, daß aus solchen Verhältnissen heraus der Mensch nicht jene Wege der Seele finden kann, welche ihn hinführen zu den Wegen des Lebens. Aus demjenigen, was auf der einen Seite unverstandener, nur traditionell und noch dazu traditionell unrichtig überlieferter Geist ist, und aus dem, was nur Materialismus ist, kann die Seele sich nicht jene Wege zimmern, die sie hineinführen in ein starkes, in ein sicheres Sichbewegen auf den Wegen des Lebens.

[ 8 ] And so one can say: Even those who, in a sense, officially represent piety—for how could one not believe that Jesuitism, of course, officially represents piety?—even they, judging by what has transpired in recent times, are blatant materialists. And so, of course, we can always see that people go to church on Sundays and cling to what they do not understand, while during the week they understand only what emerges from the depths of a materialistic worldview. It is actually this situation—as I have often emphasized here—that has led us into the distress of recent times. For it is easy to see that, under such circumstances, human beings cannot find those paths of the soul that lead them to the ways of life. From what is, on the one hand, a spirit that is misunderstood, handed down only traditionally—and, moreover, traditionally and incorrectly—and from what is merely materialism, the soul cannot carve out those paths that lead it into a strong, secure movement along the paths of life.

[ 9 ] Daher wurde versucht in meiner «Philosophie der Freiheit», auf der einen Seite darauf hinzuweisen, wie der Mensch wiederum dazu kommen müsse, sein Bewußtsein nicht nur anzufüllen mit dem, was er der Natur ablauscht, was die neuere Naturwissenschaft ihm an Ideen und Vorstellungen überliefert, sondern es wurde darauf hingewiesen, daß im Menschen selber sich ein Quell des inneren Lebens entwickeln kann. Und wenn er diesen Quell des inneren Seelenlebens erfaßt, wenn er dasjenige in der Seele erfaßt, was nicht von außen kommt durch die Betrachtung der Sinne, sondern was aus der Seele selbst kommt, dann erzieht er sich durch dieses Erfassen des intuitiven Seeleninhaltes zum freien Entschließen, zum freien Wollen, zur freien Tat. Und zu zeigen versuchte ich in meiner «Philosophie der Freiheit», daß man immer abhängig ist, wenn man nur folgt dem, was Naturimpulse sind, zu zeigen versuchte ich, daß man nur frei werden kann, wenn man in der Lage ist, zu folgen dem, was sich als intuitives Denken, als intuitives, reines Denken in der menschlichen Seele selbst entwickelt. Dieser Hinweis auf dasjenige, was sich der Mensch in seiner Seele erst selbsterzieherisch erobern muß, um wirklich der Freiheit teilhaftig zu werden, dieser Hinweis darauf führte dann dazu, daß ich notwendigerweise suchte die Fortsetzung desjenigen zu geben, was angedeutet war in der «Philosophie der Freiheit», und ich habe versucht, sie zu geben im Lauf der letzten Jahrzehnte durch das, was ich nenne anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Denn wenn man hingewiesen hat darauf, daß der Mensch aus den Tiefen seiner Seele selbst herausholen müsse den Impuls dieser Freiheit, das intuitive Denken, dann muß auch hingewiesen werden darauf, was herauskommt, wenn der Mensch sich diesem inneren Quell seines Seelenlebens zuwendet. Und im Grunde genommen nur eine Summe alles desjenigen, auf was dazumal in meiner «Philosophie der Freiheit» hingewiesen worden ist, sind die Ausführungen der anthroposophisch gehaltenen Schriften der nächsten Jahre. Ich habe darauf hingewiesen: In der Seele sind Wege zu verfolgen im Geistigen zu einem Denken, das nicht intellektuell bloß die Umwelt kombiniert, sondern das aus innerem Schauen heraus sich erhebt zum Erleben des Geistes. Und ich war gezwungen zu zeigen, was man da schaut, wenn man in die geistige Welt hineinblickt.

[ 9 ] Therefore, in my *Philosophy of Freedom*, I sought, on the one hand, to point out how human beings must once again come to fill their consciousness not only with what they glean from nature—the ideas and mental images that modern natural science imparts to them—but also to emphasize that a source of inner life can develop within human beings themselves. And when a person grasps this source of inner soul life—when they grasp that which in the soul does not come from outside through sensory perception, but rather arises from the soul itself—then, through this grasping of the soul’s intuitive content, they train themselves toward free decision-making, free will, and free action. And in my *Philosophy of Freedom*, I sought to show that one is always dependent when one merely follows natural impulses; I sought to show that one can become free only when one is able to follow what develops within the human soul itself as intuitive thinking, as intuitive, pure thinking. This reference to what a person must first attain through self-education within their own soul in order to truly partake in freedom—this reference then led me to necessarily seek to provide a continuation of what had been hinted at in *The Philosophy of Freedom*, and I have attempted to provide it over the course of the last few decades through what I call anthroposophically oriented Spiritual Science. For once it has been pointed out that human beings must draw the impulse of this freedom—intuitive thinking—from the depths of their own souls, it must also be pointed out what emerges when human beings turn to this inner source of their soul life. And, in essence, the writings of the coming years, grounded in anthroposophy, are simply a synthesis of everything that was pointed out back then in my *Philosophy of Freedom*. I have pointed out that within the soul there are paths to be followed in the spiritual realm toward a form of thinking that does not merely intellectually synthesize the external world, but rather, arising from inner vision, rises to the experience of the spirit. And I was compelled to show what one beholds when one looks into the spiritual world.

[ 10 ] Allerdings, das darf, ja das muß heute sogar betont werden: Jene nebulose Mystik, welche viele Leute meinen, wenn sie von diesem inneren Quell der Seele sprechen, jenes unklare Schwebeln und Schwafeln, das sich inneren Träumereien überläßt, das war da nicht gemeint. Deshalb hat sich allerdings ein Doppeltes herausgestellt. Das eine ist, daß diejenigen Menschen, die sich nicht zuwenden wollten der heute ja unbequem empfundenen Sache, die Wege eines klaren Denkens zu verfolgen, daß die sich wenig angezogen fühlten gerade durch das, was in der Richtung meiner «Philosophie der Freiheit» lag. Das ist das eine, das sich ergeben hat. - Das andere, das sich ergeben hat, das ist, daß allerdings eine genügend große Zahl von Schweblern und Schwaflern, die auf unklaren, auf nebulosen Wegen alles mögliche suchen möchten, sich anhängten an dasjenige, was mit Klarheit erstrebt werden sollte durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Es hat sich ergeben, daß durch dieses Sich-Anhängen dann übelwollende Geister genug gekommen sind, die heute kämpfen gegen dasjenige, was Leute sagen, mit denen ich nichts zu tun habe, und die, indem sie kämpfen, mir selbst alles das anhängen, was die Schwebler und Schwafler, die nebulosen Mystiker herausziehen als ihre eigene Mache aus dem, was gerade gemeint war als intensivst notwendig für die Kultur der Gegenwart.

[ 10 ] However, this must—indeed, it is essential to emphasize today: That nebulous mysticism which many people have in mind when they speak of this inner wellspring of the soul—that vague drifting and rambling that gives way to inner daydreams—was not what was meant here. Consequently, a twofold reality has emerged. One is that those people who did not wish to turn toward the task—which is, after all, perceived as inconvenient today—of pursuing the paths of clear thinking felt little attraction precisely to what lay in the direction of my *Philosophy of Freedom*. That is one thing that has become apparent. - The other thing that has emerged is that a sufficiently large number of waverers and ramblers—who wish to seek all manner of things along unclear, nebulous paths—have attached themselves to that which should be pursued with clarity through anthroposophically oriented Spiritual Science. It has turned out that, as a result of this attachment, enough malevolent spirits have emerged who today fight against what people say—people with whom I have nothing to do—and who, in their struggle, attribute to me everything that the drifters and ramblers, the nebulous mystics, extract as their own fabrication from what was actually intended as most urgently necessary for the culture of the present.

[ 11 ] Denn das ist, was wir auf der einen Seite ganz besonders notwendig haben: Klarheit des inneren Strebens — jene Klarheit des inneren Strebens, die ja den wahren Naturforscher heute auszeichnet beim äußeren Streben, aber eben eine Klarheit des inneren Strebens. Das ist es, was wir auf der einen Seite verlangen. Nicht Dunkelheit und Dämmerung, nicht dämmerhafte Mystik, sondern helle, lichte Klarheit in alledem, womit das Denken etwas zu tun hat. Das ist das eine. Das andere, worauf gegründet werden sollte und was ich aussprechen wollte durch meine «Philosophie der Freiheit», das ist das soziale Vertrauen. Wir leben in einem Zeitalter, in dem jeder einzelne innerhalb seines individuellen Bewußtseins streben muß nach der Richtung seines eigenen Denkens, Fühlens und Wollens. Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der die Menschen es ertragen, nur durch Autorität geführt zu werden; wir leben auch nicht in einer Zeit, in der die Menschen es wahrhaft ertragen, daß ihr ganzes Leben organisiert werde. Das Organiisieren hat sich ja nur ergeben wie eine Art von Gegenpol.

[ 11 ] For that is what we need most of all on the one hand: clarity of inner striving—that clarity of inner striving which, after all, distinguishes the true natural scientist today in his outward striving, but precisely a clarity of inner striving. That is what we demand on the one hand. Not darkness and twilight, not twilight mysticism, but bright, luminous clarity in everything with which thought has anything to do. That is one thing. The other—upon which we should build and which I sought to articulate through my *Philosophy of Freedom*—is social trust. We live in an age in which every individual, within the confines of his or her own consciousness, must strive to determine the direction of his or her own thinking, feeling, and willing. We no longer live in a time when people tolerate being guided solely by authority; nor do we live in a time when people truly tolerate having their entire lives organized for them. Organization has, after all, merely emerged as a kind of counterpoint.

[ 12 ] Ich versuchte auf die hier zugrundeliegenden Tatsachen 1908 einmal in der folgenden Weise hinzuweisen. Ich sagte: Auf der einen Seite steht seit drei bis vier Jahrhunderten als eine allgemeine Menschheitskraft da, daß die Menschen auf ihre eigene Individualität immer mehr und mehr gestellt sein wollen, daß sie in sich selbst finden wollen die Impulse zu alledem, was sie eigentlich im Leben anstreben.

[ 12 ] In 1908, I once attempted to point out the facts underlying this in the following way. I said: On the one hand, for three to four centuries now, there has been a general force at work in humanity—the desire of people to rely more and more on their own individuality, to find within themselves the impulses for everything they actually strive for in life.

[ 13 ] Aber während dies bei vielen Menschen als etwas tief Unbewußtes zugrunde liegt, das sie sich nur nicht klarmachen wollen, weil sie sich im Grunde genommen vor diesem ihrem innersten Wesen selber noch fürchten, trat nun - ich möchte sagen wie der Schatten bei einem starken Licht - diesem Freiheitsstreben, diesem Streben nach individuellem Ausleben des einzelnen Menschen etwas entgegen, was eigentlich gegen all das wirkte, was in der Menschennatur sich heraufgebildet hatte durch lange Zeiten; es trat in den letzten drei bis vier Jahrhunderten etwas hervor, das gegen allen Drang der Menschennatur wirkte, und das wurde gegen die Gegenwart hin immer größer. Ich sagte: Während es heute eigentlich den Menschen natürlich ist, nach individuellem Ausleben zu streben, sieht man, wie die Menschen, weil sie sich selbst nicht verstehen in diesem ihrem modernsten Streben, eigentlich äußerlich das polarisch entgegengesetzte Ziel hinstellen. Ich charakterisierte es 1908 etwas grotesk, aber man wird mich auch heute noch verstehen, wie mich viele dazumal verstanden haben. Ich sagte: Es schaut so aus, als wenn die Menschen gar nicht nach Ausgestaltung der Individualität strebten, sondern nach einem solchen staatlichen, gesellschaftlichen, sozialen Organisieren, das überhaupt dem Menschen nichts mehr anderes möglich macht, als daß er sich auf allen Wegen und Stegen des Lebens so bewegt, daß links von ihm der Arzt und rechts der Polizeimann steht - der Arzt, damit er fortwährend für die Gesundheit sorgt, ohne daß der Mensch im geringsten es nötig hat, sich seinem eigenen Urteil über seine Gesundheit hinzugeben, der Polizeimann, damit er sorgt dafür, daß der Mensch die Richtung des Lebens finde, ohne daß der Mensch selber sich diese Richtung des Lebens gibt.

[ 13 ] But while for many people this lies at the root as something deeply unconscious—something they simply do not want to acknowledge because, deep down, they still fear this innermost essence of their own being—there now emerged —I would say, like a shadow in bright light—something has now arisen in opposition to this striving for freedom, this striving for the individual’s personal fulfillment, something that actually worked against everything that had developed in human nature over long periods of time; in the last three to four centuries, something has emerged that worked against every impulse of human nature, and this has grown ever larger as we approach the present. I said: While it is actually natural for people today to strive for individual self-realization, one sees how people—because they do not understand themselves in this most modern of their aspirations—actually set themselves, outwardly, the polar opposite goal. I characterized it somewhat grotesquely in 1908, but people will still understand me today, just as many understood me back then. I said: It looks as if people were not striving at all for the development of individuality, but rather for a form of state, societal, and social organization that leaves people with no other option but to move along all the paths and byways of life in such a way that the doctor stands to their left and the police officer to their right —the doctor, so that he can constantly look after their health without the individual having the slightest need to rely on his own judgment regarding his health; the police officer, so that he can ensure the individual finds the direction of life without the individual himself setting that direction.

[ 14 ] Man verfolge nur einmal, was trotz aller Aufklärung, trotz alles angeblichen Freiheitssinnes nach diesem Ideal hin - mehr oder weniger unbewußt - in der neueren Zeit ausgerichtet ist. Da mußte schon einmal gesagt werden: Gehen wir weiter in dieser Richtung, dann kommen wir in einen furchtbaren Niedergang hinein. Zu einem Aufstieg kommen wir nur, wenn wir danach streben, in der Menschheit das heranzuziehen, was allmählich möglich macht ein soziales Zusammenleben der Menschen, das erfüllt ist von gegenseitigem vollen Vertrauen. Wir müssen den Glauben an die Menschen gewinnen; wir müssen den Glauben daran gewinnen, daß es durch eine entsprechende, im echt menschlichen Sinne gehaltene Erziehung, durch eine Entwicklung unseres Menschentums eben möglich werden kann, daß wir in den Angelegenheiten des Lebens, die etwas mehr beanspruchen als das Aneinander-VorübergehenKönnen auf der Straße, miteinander auskommen können, und zwar so, wie wir miteinander auskommen, wenn wir uns auf der Straße begegnen. Denn wenn die Menschen einander auf der Straße begegnen, dann geht der eine links und der andere rechts; sie gehen aneinander vorbei, es rempelt nicht jeder den anderen an. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Wird jener Quell in der Menschheit eröffnet, von dem ich als der wahren Intuition in meiner «Philosophie der Freiheit» spreche, dann kann man in den höheren Angelegenheiten des Lebens eine soziale Gemeinschaft ebenso auf Vertrauen gründen, wie man schließlich das alltägliche Leben auf Vertrauen gründen muß, denn es geht ja nicht an, daß, wenn sich zwei Menschen auf der Straße begegnen, ein Polizist hinzutritt und einem sagt: Du mußt da gehen, damit Du nicht an andere anstößt. — Diese Selbstverständlichkeit des Alltagslebens, sie kann auch hineingetragen werden in das höhere Leben, dort, wo Ernst des Lebens da ist, wo Ernst des Lebens kultiviert wird.

[ 14 ] One need only observe what, despite all enlightenment and despite all supposed commitment to freedom, has been—more or less unconsciously—oriented toward this ideal in recent times. It had to be said at some point: If we continue in this direction, we will head toward a terrible decline. We can only achieve progress if we strive to cultivate within humanity what gradually makes possible a social coexistence among people that is filled with complete mutual trust. We must gain faith in people; we must gain faith that through an appropriate education—one grounded in a truly human sense—and through the development of our humanity, it can indeed become possible for us to get along with one another in the affairs of life that demand a little more than simply being able to pass each other on the street—and to do so in the same way we get along when we encounter one another on the street. For when people meet on the street, one goes to the left and the other to the right; they pass each other by, and no one bumps into the other. That goes without saying. If that source within humanity—which I refer to as true intuition in my *Philosophy of Freedom*—is opened up, then in the higher matters of life, a social community can be founded on trust just as everyday life must ultimately be founded on trust; for it is simply not acceptable that, when two people meet on the street, a police officer steps in and tells one of them: “You must move along so that you do not bump into others.” — This self-evident truth of everyday life can also be carried over into the higher life, where the seriousness of life exists, where the seriousness of life is cultivated.

[ 15 ] Allerdings, zwei Forderungen über die Wege der Seele waren dazumal in dieser «Philosophie der Freiheit» gegeben. Die eine Forderung war, daß man sich nicht befriedigen dürfe mit dem Denken, das heute populär ist, das populär ist im alltäglichen Leben, populär ist in der Wissenschaft, sondern daß man aufsteigen müsse zur Heranerziehung desjenigen im Menschen, was die neue Zeit will: zu einem Denken, das aus seinem eigenen Urquell in der Seele des Menschen fließt, zu einem Denken, das in sich selbst lichtvoll und klar ist. Und hier muß ich wiederum aufmerksam machen - nicht achtend, daß mich der Vorwurf treffen kann, daß ich Schwerverständliches sage -, hier muß ich darauf aufmerksam machen, wozu eigentlich die traditionelle Erziehung führt im Menschenleben: sie führt zum Gegensatz dessen, was ich als eine notwendige Zukunftsforderung in meinem letzten Vortrag hier beschrieben habe.

[ 15 ] However, two demands regarding the paths of the soul were set forth in *The Philosophy of Freedom* at that time. One of these demands was that one should not be satisfied with the kind of thinking that is popular today—popular in everyday life, popular in science—but that one must rise to cultivate within the human being what the new age demands: a way of thinking that flows from its own original source in the human soul, a way of thinking that is luminous and clear in itself. And here I must once again draw attention—without regard for the possibility that I might be accused of speaking in a way that is difficult to understand—to what traditional education actually leads to in human life: it leads to the opposite of what I described in my last lecture here as a necessary requirement for the future.

[ 16 ] Wenn ein Mensch sich heute durch nichts anderes ausbildet als durch das, was ihm zufließen kann aus dem Traditionellen der Bekenntnisse und aus der neueren naturwissenschaftlichen Ideenwelt, wenn er seine Gedankenformen des Alltags auf nichts anderes gründet als auf dasjenige, was er aus den Darstellungen naturwissenschaftlicher Weltanschauung, aus der populären Literatur, aus der Literatur überhaupt, aus Journalismus und Zeitungswesen hat, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann wird der Mensch Materialist. Warum wird er Materialist? Er wird Materialist aus dem Grunde, weil er sein Denken ja nicht befreit von der Leiblichkeit, weil er nicht danach trachtet, jenen Quell in seiner Seele zu finden, der loslöst die Seele von der Leiblichkeit; dadurch aber verfällt der Mensch im Leben in Abhängigkeit von der Leiblichkeit.

[ 16 ] If a person today educates himself through nothing other than what he can draw from the traditions of religious confessions and from the newer world of scientific ideas, if he bases his everyday thought patterns on nothing other than what he has gleaned from the presentations of scientific worldviews, from popular literature, from literature in general, from journalism, and from the press, then, my esteemed audience, then that person becomes a materialist. Why does he become a materialist? He becomes a materialist because he does not free his thinking from physicality, because he does not seek to find that source within his soul which detaches the soul from physicality; as a result, however, the person falls into dependence on physicality in life.

[ 17 ] Warum sind wir heute Materialisten? Nicht aus dem Grunde, weil wir falsch das Leben interpretieren, sondern weil wir falsch leben. Wir leben und wir erziehen unsere Kinder so, daß sie nicht mit der Seele denken, sondern daß sie nur mit dem Gehirn denken, denn das Gehirn kann ein Abdruck werden des Denkens. Wir schalten die Seele aus und denken mit dem Gehirn. Kein Wunder, daß wir dann auch über dieses Denken so reden, als ob es abhängig sei vom Gehirn; es ist für den größten Teil der Menschen heute abhängig vom Gehirn. Die Menschen sind materialistisch, weil sie materiell geworden sind mit ihrem ganzen Leben, weil sie nicht danach trachten, die Freiheit zu erringen durch ein Denken, das sich loslöst von der Leiblichkeit, das leibfrei wird - wenn ich diesen Ausdruck heute gebrauchen darf, den ich oftmals gerechtfertigt habe. Derjenige, der im Sinne der heutigen Zeitforderung sich selbst entwickeln will, der muß das Denken loskriegen von der Leiblichkeit. Er muß das Denken zu einer in sich selbst bestehenden, freien Beweglichkeit des Seelischen umformen. Er muß wissen, was es heißt: denken in dem bloßen Gedanken drinnen, nicht denken so, daß das Gedachte nur das Ergebnis des Gehirns ist.

[ 17 ] Why are we materialists today? Not because we misinterpret life, but because we live it wrongly. We live and raise our children in such a way that they do not think with their souls, but only with their brains, for the brain can become an imprint of thought. We shut out the soul and think with the brain. No wonder, then, that we speak of this thinking as if it were dependent on the brain; for the majority of people today, it is indeed dependent on the brain. People are materialistic because their entire lives have become materialistic; because they do not strive to attain freedom through a way of thinking that detaches itself from physicality, that becomes free of the body—if I may use this expression today, one I have often justified. Anyone who wishes to develop themselves in accordance with the demands of our time must free their thinking from physicality. They must transform thinking into a self-contained, free mobility of the soul. They must know what it means to think within the thought itself, not to think in such a way that what is thought is merely the result of the brain.

[ 18 ] Die Frage ist heute ein Unding: Ist das Denken nur ein Ergebnis des Gehirns oder nicht? - Es ist Ergebnis des Gehirns, wenn wir es nicht erst loslösen von diesem Gehirn. Hier weise ich hin auf einen ganzen Knäuel von Irrtümern, in die die heutige Menschheit verstrickt ist, denn wir sind heute durch dasjenige, was sich die Menschheit im Laufe der geschichtlichen Entwicklung errungen hat, in der Lage, unser Denken bei voller, lichter Klarheit loszulösen von der Leiblichkeit. Wie löst man es los? Nicht etwa dadurch - das habe ich auch schon oftmals betont —, daß man unweigerlich selber Geistesforscher werden müßte, obwohl bis zu einem gewissen Grade jeder es werden kann, wenn er beachtet, was in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» und anderen dergleichen Büchern steht, aber man braucht das nicht einmal. Man braucht nur entgegenzunehmen vom Geistesforscher dasjenige, was er der Welt zu sagen hat —- so wie man vom Astronomen, vom Chemiker, vom Physiker dasjenige entgegennimmt, was der Astronom, der Chemiker, der Physiker zu sagen hat. Man braucht nur heranzugehen an dieses Entgegenzunehmende mit seinem gesunden Menschenverstand. Aber man wird dann eine gewisse Entdeckung machen. Man wird die Entdeckung machen: Wenn du noch so lange mit deinem bloß an der Naturwissenschaft, an dem heutigen Leben herangezogenen Denken, mit deinem materiellen Denken das verfolgst, was der Geisteswissenschafter sagt, dann erscheint es dir als Phantastik, als Schwärmerei, als etwas, was du ablehnen mußt. Du begreifst erst das, was der Geistesforscher sagt, wenn du dir bewußt bist, daß das Denken losgelöst werden kann von der Leiblichkeit, daß du dich vertiefen kannst in dasjenige Denken, das hereingezogen ist aus geistigen Welten heraus bei der Geburt oder der Empfängnis, das hineinziehen wird in geistige Welten, wenn du durch die Pforte des Todes gehst. - Loslösung des Denkens von der Leiblichkeit ist ein erstes großes Ziel auf jenen Wegen, die verfolgt werden müssen von der Seele im heutigen Leben.

[ 18 ] Today, the question is absurd: Is thinking merely a product of the brain, or is it not?—It is a product of the brain unless we first separate it from that brain. Here I would like to point out a whole tangle of errors in which humanity today is entangled, for today—thanks to what humanity has achieved in the course of historical development—we are in a position to detach our thinking from physicality with complete, lucid clarity. How does one detach it? Not—as I have often emphasized—by inevitably having to become a spiritual researcher oneself, although to a certain extent anyone can become one if they heed what is written in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, in my *Secret Science*, and other similar books; but one does not even need to do that. One need only accept from the spiritual researcher what he has to say to the world—just as one accepts from the astronomer, the chemist, and the physicist what the astronomer, the chemist, and the physicist have to say. One need only approach what is to be accepted with one’s common sense. But one will then make a certain discovery. You will make the discovery: No matter how long you pursue what the Spiritual Science says with your thinking—which is shaped solely by the natural sciences and modern life—with your materialistic thinking, it will appear to you as fantasy, as fanciful rambling, as something you must reject. You will only understand what the spiritual researcher says when you are aware that thinking can be detached from physicality, that you can immerse yourself in the very thinking that was drawn in from spiritual worlds at birth or conception, and that will draw you into spiritual worlds when you pass through the gate of death. - The detachment of thought from physicality is a first major goal on the paths that the soul must follow in this present life.

[ 19 ] Und ein anderes großes Ziel ist noch nötig: Wenn wir den Willen ausbilden, wie die Geisteswissenschaft es methodisch beschreibt - in den eben genannten Büchern ist es dargestellt -, dann wird dieser Wille den entgegengesetzten Weg machen wie das Denken. Das Denken befreit sich vom Leibe, es löst sich los vom Leibe. Der Wille aber wird gerade durch jene Schulung, die in diesen Büchern beschrieben wird, den Leib umso mehr ergreifen. Denn das ist das Eigentümliche namentlich des heutigen Menschen, daß er über den Willen sich ergeht in Abstraktionen, sich abstrakten Idealen hingibt mit dem Willen, von abstrakten Geboten hört von den Kanzeln herunter, daß diese abstrakten Gebote aber nicht in seinen Arm, nicht in seinen Leib hineingehen, nicht in seine Handlungen hineingehen. Daß der Mensch eins wird in dem, was er als die Impulse des Willens erlebt in seinem Leibe selber, dazu führt das zweite Glied jener Erziehung und Menschheitsentwicklung, die hier gemeint ist. Die Durchgeistigung des Leibes mit dem Willen, das Hineinführen des Willens in alles Sinnliche, in alles Leibliche und in alles Soziale, das ist dasjenige, was als zweites diese Geisteswissenschaft vermittelt.

[ 19 ] And another major goal is still necessary: If we train the will as Spiritual Science methodically describes—as presented in the books just mentioned—then this will take the opposite path from thinking. Thinking frees itself from the body; it detaches itself from the body. The will, however, through precisely the training described in these books, will grasp the body all the more firmly. For this is what is characteristic of modern human beings in particular: that through the will they lose themselves in abstractions, devote themselves to abstract ideals with their will, and hear abstract commandments proclaimed from the pulpit—yet these abstract commandments do not enter their arms, their bodies, or their actions. The second stage of the education and human development referred to here leads to the individual becoming one with what he experiences as the impulses of the will within his own body. The spiritualization of the body through the will—the infusion of the will into all that is sensory, physical, and social—is what the Spiritual Science imparts as its second aspect.

[ 20 ] Und was wird aus den Idealen, wenn man sie in dieser Weise nach der Methode des geisteswissenschaftlichen Denkens in den Leib hinein gewissermaßen impft? Sie werden ergriffen, diese Ideale, von demjenigen, was sonst nur der gewöhnlichen Sinneswelt aus diesem Leibe zugelenkt ist. Das, was aus dem Leib nach und nach in unserer Kindheit erwacht, die Liebe, die sinnliche Liebe, sie wird, wenn der Mensch von Geisteswissenschaft ergriffen wird, so, daß nun auch alle Ideale nicht bloße Abstraktion bleiben, daß sie nicht bloße Gedanken bleiben, sondern daß sie geliebt werden, geliebt werden mit dem ganzen menschlichen Wesen; sie wird so, daß man das Geistige, das unserer Moral, unserer Ethik, unserer Sittlichkeit, unseren religiösen Impulsen zugrunde liegt, so liebt, wie man einen geliebten Menschen liebt, daß einem dasjenige, was sonst abstrakt bleibt, ganz und gar konkret wird wie ein Wesen aus Fleisch und Blut.

[ 20 ] And what becomes of these ideals when they are, as it were, “inoculated” into the body in this way, according to the method of Spiritual Science thinking? These ideals are taken up by that which is otherwise directed from this body only toward the ordinary sensory world. That which gradually awakens from the body during our childhood—love, sensual love—becomes, when a person is gripped by Spiritual Science, such that all ideals no longer remain mere abstractions, no longer remain mere thoughts, but are loved—loved with one’s entire human being; it becomes such that one loves the spiritual—which underlies our morality, our ethics, our sense of right and wrong, and our religious impulses—just as one loves a beloved person, so that what otherwise remains abstract becomes entirely concrete, like a being of flesh and blood.

[ 21 ] Daher mußte überwunden werden durch die «Philosophie der Freiheit» aller kategorische Imperativ Kants, der schon Schiller sehr gestört hat, weil dieser kategorische Imperativ in das Menschenleben hereinragt wie etwas, dem man sich unterwirft. Und das, was Kant sagt aus einem Bewußtsein heraus, das heute überwunden werden muß, wenn wir weiterkommen wollen: «Pflicht! du erhabener, großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst», der du «ein Gesetz aufstellst ..., vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich im Geheimen ihm entgegenwirken» -, das muß ersetzt werden durch das andere: Freiheit, du wunderbares Geistgebilde, das alles in sich schließt, dem sich meine Menschheit liebend ergeben möchte! - Schiller wurde gestört durch den unmenschlichen kategorischen Imperativ Kants, und er sagte: «Gerne dien’ ich den Freunden, doch tu’ ich es leider mit Neigung. Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.» — «Da ist kein anderer Rat, du mußt suchen, sie zu verachten, und mit Abscheu alsdann tun, wie die Pflicht dir gebeut.» Schiller sah empfindungsgemäß das ganze Philiströse und Unmenschliche in diesem kategorischen Imperativ. Er lebte noch nicht in der Zeit, in der man — wie in der Gegenwart — darauf hinzuweisen hatte, daß über alle Naturgrundlage hinaus in geistigen Grundlagen dasjenige gesucht werden müsse, was sich als geistige Wissenschaft vereint mit dem Menschenwesen, und was das, was in uns geistig leben soll, zu einem Impuls der Liebe macht. Wird ein solcher Impuls der Liebe unter Menschen zum sozialen Antrieb, dann wird die soziale Gemeinschaft auf Vertrauen gestellt. Dann steht der Mensch dem Menschen gegenüber so, daß dasjenige, was zwischen den Menschen geschieht, durch das Erleben jedes einzelnen Menschen geschieht, nicht dadurch geschieht, daß die Menschen wie eine Tierherde leben und durch irgendeine Organisation von oben ihnen alles dasjenige befohlen wird, alles angeordnet wird, was die Richtung, der Weg ihres Lebens sein soll.

[ 21 ] Therefore, the “Philosophy of Freedom” had to overcome all of Kant’s categorical imperatives, which had already greatly troubled Schiller, because these categorical imperatives intrude into human life like something to which one must submit. And what Kant says from a perspective that must be overcome today if we are to move forward: “Duty! You sublime, great name, which contains nothing beloved, nothing that carries flattery within it, but demands submission,” you who “establish a law … before which all inclinations fall silent, even if they secretly oppose it”—this must be replaced by the other: Freedom, you wondrous creation of the spirit, which encompasses everything, to which my humanity would gladly surrender itself! — Schiller was troubled by Kant’s inhuman categorical imperative, and he said: “I gladly serve my friends, yet I do so, alas, out of inclination. And so it often gnaws at me that I am not virtuous.” — “There is no other advice; you must try to despise it, and then, with loathing, do as duty commands.” Schiller intuitively perceived all that was philistine and inhuman in this categorical imperative. He had not yet lived in an age in which it was necessary—as it is today—to point out that, beyond all natural foundations, one must seek in spiritual foundations that which, as a spiritual science, unites with the human being, and that which transforms what is meant to live spiritually within us into an impulse of love. If such an impulse of love among human beings becomes a social driving force, then social community is founded on trust. Then human beings relate to one another in such a way that what happens between them arises from the experience of each individual, rather than from people living like a herd of animals, with some organization from above commanding them and dictating everything—the direction and path their lives are to take.

[ 22 ] Und so kann man sagen: Stark wollte ich dazumal im Beginn der neunziger Jahre mit meiner «Philosophie der Freiheit» den Ruf nach etwas erheben, von dem heute das Gegenteil, das furchtbare, menschenmörderische Gegenteil sich geltend macht im Osten von Europa, und von da ansteckend manches andere, und über einen großen Teil von Asien hin.

[ 22 ] And so one might say: Back in the early 1990s, with my *Philosophy of Freedom*, I wanted to raise a call for something—the very opposite of which, the terrible, murderous opposite, is now asserting itself in Eastern Europe, and from there spreading to many other places and across a large part of Asia.

[ 23 ] Wir lebten eben in der neueren Zeit uns in soziale Verhältnisse herein, die — aus den perversen menschlichen Instinkten heraus — das volle Gegenteil suchten von dem, was man hätte anstreben müssen aus der Erkenntnis des wahren, tieferen Zieles der modernen Menschheit — das ist die furchtbare 'Tragik der neuesten Zeit. Es ist aber auch die unbedingte Notwendigkeit der neuesten Zeit für ein Streben nach der Zukunft hin, daß wir erkennen: So muß die soziale Ordnung gebaut werden, wie sie nur gebaut werden kann auf ein freies Denken, auf Vertrauen, auf dasjenige, was Goethe meinte, als er die Pflicht definieren wollte, und sagte: Pflicht ist, wenn ich liebe, was ich mir selbst befehle.

[ 23 ] In recent times, we have found ourselves caught up in social conditions that—stemming from perverse human instincts—sought the exact opposite of what we should have strived for based on an understanding of the true, deeper purpose of modern humanity—that is the terrible “tragedy of recent times.” But it is also the absolute necessity of our time—in our striving toward the future—that we recognize: The social order must be built, as it can only be built, upon free thought, upon trust, upon what Goethe meant when he sought to define duty and said: “Duty is when I love what I command of myself.”

[ 24 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, wenn eine Erziehung so für die Wege des Lebens und die Wege der Seelen der Menschen arbeitet, daß diese Menschen aus einem regen Interesse für ihre Umwelt heraus wissen, wie sie zu den anderen Menschen stehen sollen, indem eben das ganze Dasein durchtränkt wird mit Menschenwürde, dann allein kann das Ideal der neueren Zeit erfüllt werden. Durch keine Organisation [kann das erfüllt werden], denn sie nimmt eben so viel weg von dem, was die Menschen heute [in Freiheit] anstreben müssen, wenn sie ihrer Natur folgen, und das muß nicht in Freiheit, sondern in Unfreiheit, in Niedergang hineinführen.

[ 24 ] Ladies and gentlemen, if an education works toward the paths of life and the paths of people’s souls in such a way that these people, out of a keen interest in their surroundings, know how to relate to others—with human dignity permeating their entire existence—then and only then can the ideal of modern times be fulfilled. No organization [can fulfill this], for it takes away precisely as much from what people today must strive for [in freedom] when they follow their nature, and this must lead not to freedom, but to bondage and decline.

[ 25 ] Und niemals habe ich einen Hehl daraus gemacht, indem ich die «Philosophie der Freiheit» und dann die darauf gebaute anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vertrat, niemals habe ich einen Hehl daraus gemacht, daß es mir nicht ankam auf diesen oder jenen Inhalt, auf diese oder jene Einzelheit. Ich habe immer mit einer gewissen Ironie von denjenigen gesprochen, denen es die Hauptsache ist zu hören: Aus wieviel Gliedern besteht die menschliche Natur? Was ist in dem oder jenem Bezirk der geistigen Welt zu finden? — Immer habe ich mit einer gewissen Ironie über ein solches Streben gesprochen, dagegen kam es mir immer darauf an, die Frage zu beantworten: Was wird aus dem ganzen Menschen, aus der menschlichen Haltung, seelisch, leiblich und geistig, wenn dieser Mensch sich bemüht, nicht so zu denken, wie es ihm die bloße Naturwissenschaft heute gibt, nicht so zu wollen, wie es die Organisationen ihm einimpfen, sondern so, wie es im Sinne der «Philosophie der Freiheit» und der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ist? — Darauf machte ich immer aufmerksam, daß das Denken, das einfach durch die Aufnahme dieser Geisteswissenschaft erzeugt wird, beweglich wird, daß es das Interesse weit öffnet für die Angelegenheiten der Gegenwart, daß es einen freien und unbefangenen Blick gibt für dasjenige, was notwendig ist, und für dasjenige, was zurückhält unser Vorwärtsschreiten in der Menschheitsentwicklung.

[ 25 ] And I have never made a secret of the fact that, in advocating the *Philosophy of Freedom* and then the anthroposophically oriented Spiritual Science built upon it, I have never made a secret of the fact that I was not concerned with this or that specific content, with this or that particular detail. I have always spoken with a certain irony about those for whom the main thing is to hear: How many parts does human nature consist of? What can be found in this or that region of the spiritual world? — I have always spoken with a certain irony about such pursuits; on the other hand, what has always mattered to me is answering the question: What becomes of the whole human being—of the human attitude, soul, body, and spirit—when this person strives not to think as mere natural science dictates today, not to will as organizations instill in them, but rather in accordance with the “Philosophy of Freedom” and anthroposophically oriented Spiritual Science? — I always drew attention to the fact that the thinking generated simply by taking in this Spiritual Science becomes flexible, that it opens one’s interest wide to the affairs of the present, and that it provides a free and unbiased view of what is necessary and of what hinders our progress in human development.

[ 26 ] Daß es vieles gibt, was zurückhält unser notwendiges Vorwärtsschreiten in der Menschheitsentwicklung - ich darf sagen, es trat mir schon früh, vor reichlich vierzig Jahren entgegen, als ich genauer kennenlernte durch einen Schüler von Gervinus solche Menschen, die innerhalb des deutschen Geisteslebens wie Gervinus dachten - Gervinus, dieser merkwürdige Deutsche, der unter den Eindrücken, die auf ihn die Revolutionsjahre um 1848 gemacht haben, geschrieben hat seine Geschichte der deutschen Literatur und seine Geschichte des deutschen Volkes des 19. Jahrhunderts. Vertieft man sich in die Geschichte der deutschen Literatur dieses Gervinus, so sagt man sich noch heute: Er hat eigentlich angegeben die Richtlinien, denen dann alle späteren Literaturgeschichtsschreiber gefolgt sind. Er hat angegeben die großen Linien, nach denen das deutsche Altertum, das deutsche Mittelalter, Minnesang und Meistersang, nach denen die Vorzeit der deutschen klassischen Periode zu beurteilen ist. Er hat aber auch angegeben die Richtlinien einer gesunden Beurteilung der Goethe-Schiller-Zeit. Man mag heute manches bei ihm pedantisch finden — die anderen sind noch pedantischer, die ihm gefolgt sind. Und mancher, der heute glaubt, auf den Höhen einer ganz besonders modernen, expressionistischen Zeit zu stehen, dem merkt man so recht an, wie durch seinen Snobismus hindurch eine Pedanterie erscheint, die viel größer ist, als die alten Zöpfe sie gehabt haben, deren Pedanterie ich aber damit nicht etwa in Schutz nehmen möchte. Aber etwas Merkwürdiges trat einem bei Gervinus entgegen, bei diesem Gervinus, der in den siebziger Jahren recht bitter wurde, so daß er - trotzdem man ihm so viel schuldete - viel Anstoß erregte bei denjenigen, die unter den Auspizien dieser siebziger Jahre hineinzusegeln glaubten in das goldene Zeitalter des Deutschtums und die jedenfalls nicht ahnten, wie in dem damals schon die Keime lagen zu dem, was nun geworden ist.

[ 26 ] That there are many things holding back our necessary progress in human development—I may say, this became apparent to me quite early on, well over forty years ago, when, through a student of Gervinus, I came to know more closely those people within German intellectual life who thought like Gervinus—Gervinus, that remarkable German who, under the influence of the revolutionary years around 1848, wrote his History of German Literature and his History of the German People in the 19th Century. If one delves into Gervinus’s History of German Literature, one still finds oneself saying today: He actually laid out the guidelines that all subsequent literary historians have followed. He laid out the broad outlines by which German antiquity, the German Middle Ages, minnesang, and meistersang—as well as the early phase of the German classical period—are to be judged. But he also laid out the guidelines for a sound assessment of the Goethe-Schiller era. One might find some of his views pedantic today—but those who followed him are even more pedantic. And one can clearly see in many who today believe themselves to be standing on the heights of a particularly modern, expressionist era how, through their snobbery, a pedantry emerges that is far greater than that of the old-fashioned traditionalists—whose pedantry I do not, however, wish to defend in any way. But something peculiar struck one about Gervinus—this Gervinus, who grew quite bitter in the 1870s, so that—even though so much was owed to him —caused quite a stir among those who, under the auspices of those 1870s, believed they were sailing into the golden age of German culture and who, in any case, had no inkling that the seeds of what has now come to pass were already sown back then.

[ 27 ] Dieser Gervinus, was hat er als sein eigenes, gutgemeintes Ergebnis ausgesprochen gerade in seiner Geschichte der deutschen Literatur? Das Merkwürdige hat er ausgesprochen: Die deutsche Dichtung ist mit Goethes Tode zu Ende. — Man denke nur, meine sehr verehrten Anwesenden, derjenige, der zuerst mit aller tiefen Liebe diese deutsche Literatur geschildert hat, er hat am Schlusse seiner Schilderung ausgesprochen, daß das deutsche Volk nicht ferner hinhören solle auf dasjenige, was von allerlei Lyrikern und dergleichen kommt, sondern daß man sich bewußt werden soll desjenigen, was bis 1832 aus dem tiefsten Wesen der Deutschheit heraus sich an die Oberfläche gerungen hat. Des ferneren aber, meint Gervinus, muß sich das deutsche Volk nicht mehr widmen der Lyrik und Dramatik, nicht mehr der Belletristik, sondern der Politik, der Praxis. Die Zeit der Praxis sei gekommen. In einer merkwürdigen Weise trat mir da der erste Keim davon entgegen; ich fühlte ihn dazumal vor reichlich vierzig Jahren, als ich in der Technischen Hochschule in Karl Julius Schröer, meinem lieben alten Freunde Schröer, den ganzen Gervinismus in dieser Weise überliefert bekam. Ich empfand dazumal etwas, was ein Keim war von einem anderen, das einem in voller Ausbildung, möchte ich sagen, heute entgegentrritt.

[ 27 ] This Gervinus—what was the well-intentioned conclusion he drew specifically in his History of German Literature? He made a remarkable statement: German poetry came to an end with Goethe’s death. — Just consider, my esteemed audience, the man who was the first to describe this German literature with such deep love; stated at the end of his account that the German people should no longer pay attention to what comes from all sorts of lyric poets and the like, but rather that they should become aware of what, up to 1832, had struggled to the surface from the deepest essence of Germanness. Furthermore, however, Gervinus believes that the German people should no longer devote themselves to poetry and drama, nor to fiction, but rather to politics and practical action. The time for practical action has come. In a remarkable way, the first seed of this idea came to me; I sensed it back then, a good forty years ago, when, at the Technical University, Karl Julius Schröer—my dear old friend Schröer—conveyed the entirety of Gervinism to me in this manner. At that time, I perceived something that was a seed of something else, which, I would say, confronts us today in its full-blown form.

[ 28 ] Es gab ja eine ganze Anzahl solcher Menschen, die wie Gervinus aus einer zum großen Teil gerechtfertigten Erkenntnis heraus sagten: Die Zeit des innerlichen Sinnens, die Zeit, wo man abgeschlossen von dem praktischen Leben draußen in geistigen Höhen strebte, die ist vorbei. Es handelt sich darum, sich nun der Lebenspraxis zu widmen. -— Aber man konnte, indem man diesen Keim wahrnahm, schon etwas erfühlen: daß ja nun alle diese Leute, die so sprachen, hinwiesen in ganz abstrakter, wirklichkeitstremder Art auf das praktische Leben, daß sie gewissermaßen die alten Ideale als erfüllt betrachteten und auf ein neues, praktisches Leben hinwiesen, für dieses praktische Leben aber keine impulsierenden Ideen, keine impulsierenden Kräfte hatten. Denn fragte man etwa Gervinus: Was ist denn der geistige Inhalt desjenigen, was du so schön bis 1832 beschrieben hast? Man bekam ein gewaltiges, großes Tableau in der Darstellung. Fragte man: Was soll in den Herzen, in den Seelen derjenigen Menschen leben, die nun herausziehen sollen in das praktische Leben, die dieses praktische Leben führen sollen, die aus den Wegen der Seele heraus die Wege des Lebens finden sollen? -, nichts war da, keine neuen Ideale waren da! Und in der Seele mußte der Gedanke aufsteigen: Es muß ja erst die Welt, die geistige Welt gefunden werden, aus der die neuen Ideale für eine neue Lebenspraxis gefunden werden können; es muß erst wissenschaftlich ergründet werden diese geistige Welt, so wie seit drei bis vier Jahrhunderten die natürliche Welt wissenschaftlich ergründet worden ist.

[ 28 ] There were, in fact, quite a number of people who, like Gervinus, said—based on a largely justified insight—that the time of inner contemplation, the time when one strove for spiritual heights while cut off from practical life outside, is over. The task now is to devote oneself to the practice of life. — But by perceiving this seed, one could already sense something: that all these people who spoke this way were pointing toward practical life in a wholly abstract, reality-shy manner; that they regarded the old ideals, as it were, as fulfilled and were pointing toward a new, practical life—yet they had no inspiring ideas, no inspiring forces for this practical life. For if one asked Gervinus, for example: “What, then, is the spiritual content of what you so beautifully described up until 1832?” One was presented with a vast, grand tableau. If one asked: “What is to live in the hearts and souls of those people who are now to set out into practical life, who are to lead this practical life, who are to find the paths of life through the paths of the soul?” —there was nothing there; no new ideals were there! And the thought had to arise in the soul: First, the world—the spiritual world—must be found, from which the new ideals for a new way of living can be derived; this spiritual world must first be scientifically explored, just as the natural world has been scientifically explored for the past three to four centuries.

[ 29 ] Und im Grunde genommen hat es die Zeit ergeben, daß die Welt ohne dieses Schöpfen aus diesen geistigen Quellen heraus geblieben ist, daß sie Praxis begründen wollte, aber Praxis ohne Geistigkeit - und dieses Begründenwollen der Praxis ohne Geistigkeit, das hat uns in die heutige Niedergangszeit, in die Zeit der Not, des Elendes, der Hoffnungslosigkeit hineingeführt. Und so manches wurde gesagt, um immer wieder und wiederum hinzuweisen auf dasjenige, wohin wir eigentlich steuern. Ja, so manches durchdrang die Vorträge, die ich seit zwei Jahrzehnten auch hier in Stuttgart halten durfte, manches von dem, was mir notwendig schien, aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft den Menschen zum Bewußtsein zu bringen, wenn es aufwärtsgehen sollte — aufwärtsgehen sollte nicht durch Kanonen und Gewehre, sondern durch eine Lebenspraxis, die von Geistigkeit getragen wird, aber von einer solchen Geistigkeit, die erst neu geschöpft werden muß. Und da darf ich heute auf eines hinweisen, was ich von den verschiedensten Gesichtspunkten aus als etwas zu unserer Geisteswissenschaft Gehörendes gesagt habe.

[ 29 ] And, essentially, time has shown that the world has remained cut off from these spiritual sources; that it sought to establish practice, but practice without spirituality—and this very desire to establish practice without spirituality has led us into the present age of decline, into a time of hardship, misery, and hopelessness. And many things have been said to point out, time and again, the direction toward which we are actually heading. Indeed, many such thoughts permeated the lectures I have had the privilege of giving here in Stuttgart over the past two decades, much of what seemed necessary to me to bring to people’s awareness from the anthroposophically oriented Spiritual Science, if things were to move upward—not through cannons and rifles, but through a way of life sustained by spirituality, though a spirituality that must first be newly created. And today I would like to point out something that I have spoken about from a wide variety of perspectives as belonging to our Spiritual Science.

[ 30 ] Ich habe gesagt: Wenn jemand dieselbe Betrachtungsweise, die uns geworden ist aus der Naturwissenschaft heraus, die unsere Gedankenformen erfüllt mit naturwissenschaftlichen Gestaltungen, wenn jemand diese auf die Geschichte anwendet, dann sieht er in der Geschichte nur dasjenige, was zum Niedergang führt. Denn in der Geschichte gibt es immer Kräfte, die Niedergangserscheinungen bewirken. Und verfolgt man die Geschichte nur mit den Methoden, die in der Naturwissenschaft üblich sind, wie es zum Beispiel der englische Kulturhistoriker Buckle getan hat und die, die ihm folgten, dann sieht man in der Geschichte nur dasjenige, was zu dem Untergang führt, dann sieht man nur die Abendröte der Geschichte. Um das zu sehen, was in der Geschichte die Aufstiege bewirkt hat, hat man nötig, in die geistige Welt hineinzuschauen. Dasjenige, was in der Geschichte die Aufstiege bewirkt, sind Impulse, die aus der geistigen Welt hervorgehen. Ich habe hier schon darauf hingewiesen, daß wir zum Beispiel durch Gibbon eine vorzügliche, aus dem naturwissenschaftlichen Zeitalter heraus geschriebene Geschichte über die Dekadenz des Römertums haben. Was uns aber heute noch fehlt, ist eine Geschichtsdarstellung desjenigen, was als der Impuls des Christentums in die untergehende römische Welt hineingefallen ist. Man kann das, was im Römertum unterging, mit naturwissenschaftlicher Denkweise beschreiben; nicht aber kann man das, was im Christentum aufstieg, mit naturwissenschaftlicher Denkweise beschreiben. Ich habe auf das hingewiesen. Und was folgt aus dem, worauf ich so hingewiesen habe — scheinbar vielleicht nur ideell, scheinbar nur in Gedanken, in Wirklichkeit aber im Hinblick auf die Wege des Lebens? Was folgt daraus?

[ 30 ] I have said: If someone applies the same perspective—which we have derived from the natural sciences and which fills our thought forms with scientific concepts—to history, then they will see in history only that which leads to decline. For in history there are always forces that bring about phenomena of decline. And if one studies history solely with the methods customary in the natural sciences—as, for example, the English cultural historian Buckle did, and those who followed him—then one sees in history only that which leads to decline; then one sees only the twilight of history. To see what has brought about the periods of ascent in history, one must look into the spiritual world. What brings about these periods of ascent in history are impulses that arise from the spiritual world. I have already pointed out here that we have, for example, in Gibbon, an excellent account of the decline of the Roman Empire written from the perspective of the age of natural science. But what we still lack today is a historical account of what entered the declining Roman world as the impulse of Christianity. One can describe what was coming to an end in Roman civilization using a scientific way of thinking; but one cannot describe what was rising in Christianity using a scientific way of thinking. I have pointed this out. And what follows from what I have pointed out—perhaps seemingly only in an ideal sense, seemingly only in thought, but in reality with regard to the paths of life? What follows from this?

[ 31 ] Das folgt daraus: Wenn jemand auftreten würde in unserem Zeitalter, in dem die Naturwissenschaft so alle Kreise, alle Köpfe ergriffen hat bis in die Kreise der Jesuiten hinein, wie ich es angedeutet habe, wenn jemand auftreten würde, aus diesem naturwissenschaftlichen Geiste heraus eine Lebens-Geschichtsbetrachtung zu geben, was müßte er sagen? Er kann ja nur Niedergangserscheinungen sehen, denn er betrachtet unsere abendländische Kultur aus dem naturwissenschaftlichen Denken heraus. Was müßte ein solcher Mensch schreiben, wenn er aus der naturwissenschaftlichen Denkweise heraus über die Gegenwart schreibt? - Er schreibt: «Der Untergang des Abendlandes». Und haben wir nicht - im Gegensatz zu allem gesunden Denken der Geisteswissenschaft -— nun auch dieses furchtbare literarische Produkt erhalten: «Der Untergang des Abendlandes» — eine morphologische Geschichtsbetrachtung von Oswald Spengler. Meine sehr verehrten Anwesenden, daß dies möglich ist, das kann nur begriffen werden daraus, daß diejenigen, die eben heute nur mit naturwissenschaftlicher Denkweise gesättigt sind, nur die Niedergangserscheinungen sehen können, so daß sie prophetisch voraussagen müssen: Die ganze Kultur muß zugrunde gehen. - Das ist der Inhalt des Spenglerschen Buches: die Voraussage des Niederganges unserer Kultur.

[ 31 ] This follows from the following: If someone were to appear in our age, in which the natural sciences have taken hold of all circles and all minds—even extending into the circles of the Jesuits, as I have indicated—if someone were to appear and offer a view of life and history based on this scientific spirit, what would he have to say? He could only see signs of decline, for he views our Western culture through the lens of scientific thought. What would such a person have to write if he were to write about the present from a scientific perspective?—He would write: “The Decline of the West.” And have we not—in contrast to all sound thinking in the Spiritual Science—now also received this dreadful literary work: *The Decline of the West*—a morphological view of history by Oswald Spengler. Ladies and gentlemen, the fact that this is possible can only be understood in light of the fact that those who today are saturated solely with a scientific mindset can see only the signs of decline, so that they are compelled to prophesy: The entire culture must perish. — That is the content of Spengler’s book: the prediction of the decline of our culture.

[ 32 ] Muß sie denn nicht vielleicht niedergehen, wenn alle Menschen so denken, wie dieser Spengler denkt? Geradeso wie man Materialist werden muß, wenn man das Denken nicht loslöst von der Leiblichkeit, so muß man denken über die abendländische Kultur, wie Oswald Spengler denkt, wenn man aus nur naturwissenschaftlichen Voraussetzungen heraus diese Kultur des Abendlandes anschaut. Aber wenn alle sie so anschauen, wenn alle glauben, wir müssen zugrunde gehen, dann werden wir auch zugrunde gehen. Deshalb nenne ich dieses Buch ein furchtbares Buch. Denn diejenigen, die von diesen Ideen, von diesen Impulsen angesteckt sind und sie aufnehmen in einer ehrlichen Weise, die müssen zu Trägern des Niedergangs werden aus den tiefsten Tiefen ihrer Seele heraus, die müssen Seelenwege betreten, welche auf den Lebenswegen in den Abgrund hineinführen. Man muß von Zeit zu Zeit auf solche Erscheinungen hinblicken, weil sich nur an denen zeigt, bis in welche Tiefen des menschlichen Lebens hinein heute die Niedergangserscheinungen vorhanden sind, bis in welche Tiefen hinein aus den Wegen der Seele vorbereitet werden die in die Abgründe hinuntersausenden Wege des Lebens.

[ 32 ] Must it not perhaps decline if all people think the way Spengler does? Just as one is bound to become a materialist if one does not detach thought from physicality, so too must one think about Western culture the way Oswald Spengler does if one views this Western culture solely from the perspective of the natural sciences. But if everyone views it that way, if everyone believes we are doomed to perish, then we will indeed perish. That is why I call this book a terrible book. For those who are infected by these ideas, by these impulses, and who take them in with sincerity—they must become bearers of decline from the very depths of their souls; they must embark on spiritual paths that lead into the abyss along the paths of life. One must look at such phenomena from time to time, because only they reveal just how deeply the signs of decline are present in human life today, and just how deeply the paths of life—which plunge into the abyss—are prepared from the paths of the soul.

[ 33 ] Solchen Dingen gegenüber steht nun allerdings die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Sie hält ihren Blick gerichtet auf dasjenige, was vom Menschen in der geistigen Welt wurzelt. Gerade das wird an ihr selbstverständlich am meisten angegriffen, daß sie geltend macht, der Mensch könne, wenn er nur die in ihm vorhandenen Kräfte der Seele ausbildet, zum Anschauen einer geistigen Welt kommen. Das wird heute schroff fast von allen Seiten zurückgewiesen als Schwärmerei, trotzdem man leicht verfolgen könnte, daß diejenigen Wege nach der geistigen Welt hin — die ich versuchte zu eröffnen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meinem Versuch zu Meditationen über die Selbsterkenntnis und so weiter -, daß diese Wege ebenso sichere sind wie diejenigen, die in die Felder der Mathematik mit absolut klarem, scharfumrissenen Denken hineinführen. Nur wird bei diesem Geistesforschen nicht bloß gedacht, sondern auch andere, realere Kräfte der Seele als bei der Mathematik kommen bei diesem Forschen in Betracht.

[ 33 ] However, the anthroposophically oriented Spiritual Science stands in contrast to such views. It focuses its attention on that which is rooted in the spiritual world within the human being. It is precisely this aspect that is, of course, most frequently attacked—namely, its assertion that human beings can, if they only develop the soul forces within them, come to perceive a spiritual world. Today, this is bluntly rejected from almost all sides as fanciful nonsense, even though one could easily see that those paths leading to the spiritual world—which I attempted to open up in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* and in my essay on meditations regarding self-knowledge, and so on—that these paths are just as reliable as those that lead into the fields of mathematics with absolutely clear, sharply defined thinking. However, in this spiritual research, one does not merely think; other, more real powers of the soul than those involved in mathematics also come into play.

[ 34 ] Da muß diese Geistesforschung allerdings über die geistige Welt sprechen; da kann sie sich nicht auf den Untergrund stellen, auf den sich heute viele traditionelle Bekenntnisse stellen. Was verkünden diese traditionellen Bekenntnisse? Eines, was sie zum Beispiel verkünden, ist ja etwas, was allerdings in vollem Maße gerade natürlich durch die Geisteswissenschaft herauskommt: die Unzerstörbarkeit der menschlichen Seele, wenn der Leib der Erde übergeben wird, das Hineintreten des Menschen in die geistige Welt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Aber es kommt nicht allein darauf an, daß man zu solchen Ergebnissen kommt, sondern es kommt darauf an, wie diese Ergebnisse im Menschen heranerzogen werden. Und wie wird heute die Unsterblichkeitsidee kultiviert? Indem man auf die egoistischen Instinkte der menschlichen Seelenwege ausgeht. Lesen Sie die unzähligen Predigten, lesen Sie die unzähligen Betrachtungen über dieses Thema - Sie werden überall finden, wie man spekuliert darauf, daß der Mensch ein egoistisches Interesse intensivster Art hat, daß er mit dem Tode nicht zugrunde gehe. Im Grunde genommen ist alles Reden über Unsterblichkeit ein Entgegenkommen diesem seelischen Egoismus. Die Art, wie man die Idee vertritt — die ist damit charakterisiert. Und scharf geleugnet wird gegenüber dieser halben Unsterblichkeit das andere, dasjenige, was noch Origenes ausgesprochen hatte, der allerdings von der Kirche als ketzerisch angesehen wurde: die Präexistenz der Seele, auf die der unbefangene Geistesforscher wieder zurückkommt. Was haben im Grunde genommen die heutigen Bekenntnisse zu geben? Die Überzeugung, daß zwei Menschen in der Welt zusammenkommen, ein Kind zeugen und daß aus der geistigen Welt heraus dann die Seele neu gezeugt wird, daß jedes Mal, wenn hier ein sinnlicher Vorgang vorgeht, ein geistiger Vorgang hinzugefügt wird aus den geistigen Welten.

[ 34 ] Here, spiritual science must, of course, speak about the spiritual world; it cannot take the same stance as many traditional creeds do today. What do these traditional creeds proclaim? One thing they proclaim, for example, is something that, in fact, emerges fully and naturally through Spiritual Science: the indestructibility of the human soul when the body is returned to the earth, and the human being’s entry into the spiritual world when he or she passes through the gate of death. But it is not merely a matter of arriving at such conclusions; rather, it depends on how these conclusions are instilled in the human being. And how is the idea of immortality cultivated today? By appealing to the selfish instincts inherent in the human soul’s development. Read the countless sermons, read the countless reflections on this topic—you will find everywhere that people speculate on the fact that human beings have an intensely selfish interest in not perishing with death. Fundamentally, all talk of immortality is a concession to this spiritual selfishness. The way in which this idea is presented—that is what characterizes it. And in sharp contrast to this half-baked notion of immortality stands the other view—the one that Origen had already articulated, though he was, of course, regarded as a heretic by the Church: the pre-existence of the soul, to which the unbiased spiritual researcher returns. What, fundamentally, do today’s creeds have to offer? The conviction that two people come together in the world, conceive a child, and that the soul is then newly conceived from the spiritual world; that every time a sensory process takes place here, a spiritual process is added from the spiritual worlds.

[ 35 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, diese Idee ist keine christliche. Diese Idee ist eine aristotelische. Aristoteles war es, der aus der Dekadenz des Griechentums heraus, aus nicht mehr verstandenem Platonismus heraus, diese Entstehung der Seele mit dem Leibe gelehrt hat und damit die einseitige Unsterblichkeit bloß nach dem Tode. Und so vertreten die christlichen Bekenntnisse, indem sie die Präexistenz leugnen, nicht etwas Christliches, sondern sie vertreten etwas Aristotelisches, etwas, was durchaus in seinen Tiefen mit dem Christentum nichts zu tun hat. Und kommt dann Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, und deckt den ganzen Tatbestand auf, dann kommen die «Trauben» wie der Pfarrer, der Professor Traub, und erklären, die Geisteswissenschaft schreibe ja bloß ab. Nein, so ist es nicht. In Wahrheit stimmt man mit Bezug auf gewisse elementare Dinge ebenso mit alten Wahrheiten überein, wie man heute in der Geometrie übereinstimmt mit dem alten Euklid. Aber diese Leute wie Traub haben alles Interesse, Schutt zu werfen über dasjenige, was in älteren Zeiten da war, weil man ja, wenn man unbefangen studiert, darin erkennen würde, woher ihre eigene Weisheit ist. Gerade ihre Weisheit ist von alledem entlehnt, was sie aber begraben wollen, damit man nicht dahinterkommt. Daher machen sie die Leute graulich, als wenn Anthroposophie schöpfe aus der Gnosis und dergleichen, damit die Leute die Gnosis für etwas Gefährliches halten und nicht selber nachschauen, wie zwar nicht in die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wohl aber in den modernen Bekenntnisinhalt diese Gnosis geflossen ist, indem man in die Dekadenz gebracht hat, was in der Gnosis lebte.

[ 35 ] Ladies and gentlemen, this idea is not a Christian one. It is an Aristotelian idea. It was Aristotle who, emerging from the decadence of Greek culture and from a Platonism that was no longer understood, taught this origin of the soul in conjunction with the body—and thus the one-sided immortality that exists only after death. And so, by denying pre-existence, the Christian creeds do not represent something Christian, but rather something Aristotelian—something that, at its very core, has nothing to do with Christianity. And when Spiritual Science, as understood here, comes along and reveals the whole truth, then the “Traubs”—like the pastor, Professor Traub—come along and claim that Spiritual Science is merely copying others. No, that is not the case. In truth, with regard to certain elementary matters, it agrees with ancient truths just as we agree today in geometry with the ancient Euclid. But people like Traub have every interest in casting a veil of obscurity over what existed in earlier times, because if one were to study it impartially, one would recognize where their own wisdom comes from. It is precisely their wisdom that is derived from all of this—which they, however, wish to bury so that no one will discover it. That is why they paint a grim picture, as if anthroposophy drew from Gnosticism and the like, so that people will regard Gnosticism as something dangerous and will not look for themselves to see how this Gnosticism has flowed—not into anthroposophically oriented Spiritual Science, but certainly into modern religious doctrine—by reducing what lived in Gnosticism to decadence.

[ 36 ] Diese Geisteswissenschaft muß gerade darauf hinweisen, wie der Mensch herabsteigt aus der geistigen Welt, wie nicht eine Laune der physischen Welt die göttlich-geistige Welt veranlaßt, eine Seele zu schaffen zu dem, was Menschen auf der Erde zeugen, sondern wie die Seele aus der geistigen Welt heruntersteigt mit Erlebnissen, die sie da gehabt hat; sie muß gerade darauf hinweisen, wie das physische Leben eine Fortsetzung eines geistigen Lebens ist. Zu der halben Unsterblichkeit wird die ganze, volle Unsterblichkeit durch die Geisteswissenschaft hinzugefügt. Geht man diesen Weg, dann erkennt man, wie das Geistige einfließt aus geistigen Welten in den einzelnen Menschen. Man erkennt auch, wie das Geistige einfließt aus geistigen Welten — aber durch den Menschen - in Kulturfortschritte, und wie diese Kulturfortschritte ganz bestimmte abgegrenzte Epochen und Perioden haben. Wir stehen heute in derjenigen Periode, die in bezug auf Kultur- und Zivilisationsauffassung durchaus in etwas Neues einmünden muß. Das ist so.

[ 36 ] The Spiritual Science must point out precisely how the human being descends from the spiritual world; how it is not a whim of the physical world that prompts the divine-spiritual world to create a soul for what human beings bring forth on Earth, but rather how the soul descends from the spiritual world with the experiences it has had there; it must specifically point out how physical life is a continuation of spiritual life. To this partial immortality, Spiritual Science adds complete, full immortality. If one follows this path, one recognizes how the spiritual flows from spiritual worlds into the individual human being. One also recognizes how the spiritual flows in from spiritual worlds—but through human beings—into cultural progress, and how this cultural progress has very specific, distinct epochs and periods. We are standing today in the very period that, in terms of our conception of culture and civilization, must inevitably lead to something new. That is the case.

[ 37 ] Wenn man solch ein Buch - es ist ja ziemlich dick - wie das von Oswald Spengler durchgeht, dann sieht man, wie er aus seiner naturwissenschaftlichen Denkungsweise heraus die einzelnen Kulturen betrachtet. Er sagt: Kulturen - sie entwickeln sich immer; sie hatten ein Kindheitsalter, ein Jugendalter, ein Reifealter, ein Sterbealter. So war es bei den orientalischen Kulturen. Sie sind entstanden, gewachsen, reif geworden, gestorben. So war es auch bei der griechischen Kultur. Und so ist es auch mit unserer Kultur; und unsere Kultur ist Jetzt in der Zeit des Sterbens. Denn, sagt er, wir sind genötigt, die Kulturen so anzuschauen, wie wir einen Eichbaum oder eine Pinie anschauen. Ein Eichbaum entsteht, wächst, wird reif, stirbt ab. Die Kulturen, die schauen wir ebenso an. - Ja, wir schauen sie dann ebenso an, wenn wir ganz und gar durchimpft sind mit bloßer naturwissenschaftlicher Denkweise. Lernen wir dazu die Geistesschau kennen, lernen wir sie in der richtigen Weise pflegen, dann wissen wir auch die Kulturen anders zu betrachten.

[ 37 ] When you go through a book like this one—it’s quite thick, after all—such as the one by Oswald Spengler, you see how he views individual cultures from his scientific perspective. He says: Cultures—they are always evolving; they had a childhood, a youth, a maturity, and a decline. This was the case with the Eastern cultures. They arose, grew, matured, and died. This was also the case with Greek culture. And this is also the case with our culture; and our culture is now in its decline. For, he says, we are compelled to view cultures the same way we view an oak tree or a pine tree. An oak tree comes into being, grows, matures, and dies. We view cultures in the same way. — Yes, we view them that way when we are thoroughly imbued with a purely scientific way of thinking. If we come to know spiritual perception and learn to cultivate it properly, then we will also know how to view cultures differently.

[ 38 ] Dann kommt dasjenige in unsere Seelen, was ich hier bei meinem letzten Aufenthalt in Stuttgart wie einen Abriß des geschichtlichen Lebens der Menschheit gegeben habe, indem ich darauf hingewiesen habe, daß einstmals in Urzeiten die Menschen zwar ein instinktives Wissen, ein instinktives Geistesleben hatten, aber etwas Höheres, als wir heute mit unserer Intellektualität erreichen können. Gegenüber dem, was im Anfang da war aus den menschlichen Weisheitsinstinkten heraus, haben wir allerdings heute eine Niedergangsepoche. Aber verstehen wir, so wie es die Geisteswissenschaft meint, in unseren Seelen den Quell zu eröffnen für freies, lichtvolles Denken, für Freiheit, die zugleich Liebe ist, für soziales Vertrauen, für Geistesschau überhaupt, dann dringt durch unsere Seele, durch dasjenige, was in uns lebt, das in diese Erdenkultur, in diese Erdenzivilisation hinein, was wiederum einen Aufstieg bewirkt. Würden wir aber uns bloß erfüllen mit dem, was uns die Naturbetrachtung und die naturwissenschaftliche Weltanschauung geben kann, könnten wir nur glauben an das, was heute durch diese Anschauung da ist, dann gäbe es einen unweigerlichen Niedergang. Es wird den Niedergang nicht geben, wenn wir gewahr werden, daß in uns der Quell ist eines Denkens, das sich loslösen kann von der Leiblichkeit, daß in uns der Quell ist eines Wollens, das ebenso lieben kann das In-die-geistige-Welt-Hinaufsteigen, wie nur die Geschlechtsliebe etwas lieben kann. Heben wir das in Freiheit, was an Weisheit die alte Menschheit in Instinkten bekommen hat und was heute erst gehoben werden kann dadurch, daß uns die Leiblichkeit nichts mehr hergibt, heben wir das in Freiheit, dann fügen wir dem, was niedergehen will, die Impulse des Aufsteigens ein. So ist die Sache, daß heute vor die Menschheit die Frage hingestellt ist: Ist denn die Welt nicht im Niedergang? - Ja, sie ist im Niedergang, wenn der Mensch nur dem folgen will, was ihm von außen gegeben wird, wenn er nur eingespannt sein wird in eine von außen gegebene natürliche oder soziale Organisation.

[ 38 ] Then what I presented here during my last stay in Stuttgart—as an outline of the historical life of humanity—enters our souls, in which I pointed out that in primeval times, people did indeed possess an instinctive knowledge, an instinctive spiritual life, but one that was higher than what we can attain today with our intellectual faculties. Compared to what existed in the beginning, arising from human instincts of wisdom, we are indeed living in an age of decline today. But if we understand—as Spiritual Science intends—how to open the wellspring within our souls for free, luminous thinking, for freedom that is at the same time love, for social trust, and for spiritual insight in general, then what lives within us will permeate our souls and flow into this earthly culture, into this earthly civilization—which in turn brings about an ascent. But if we were to fill ourselves merely with what the observation of nature and the scientific worldview can offer us—if we were to believe only in what exists today through this perspective—then there would be an inevitable decline. There will be no decline if we become aware that within us lies the source of a thinking that can detach itself from physicality, that within us lies the source of a will that can love the ascent into the spiritual world just as much as sexual love can love anything. Let us raise in freedom that wisdom which ancient humanity received through instincts—and which today can only be raised because physicality no longer provides us with anything—let us raise it in freedom; then we will infuse what seeks to decline with the impulses of ascent. The fact is that humanity today is faced with the question: Is the world not in decline?—Yes, it is in decline if human beings are willing to follow only what is given to them from outside, if they allow themselves to be bound only by a natural or social organization imposed from outside.

[ 39 ] Der Niedergang wird nicht erfolgen, wenn der Mensch aus seinem Inneren heraus eine neue Welt aufbaut und gründet. Die Lenins und Trotzkis, die in allem Extrem eine neue Welt aufbauen wollen nur auf Naturwissenschaft, sie führen am schnellsten, am intensivsten in den Niedergang hinein. Diejenigen, die eine neue Welt aus dem Geiste aufbauen wollen, die führen zu einem sozialen Aufstieg - aber die allein. Denn für alle die, die heute noch glauben, durch äußere Institutionen, durch allerlei äußere Mittelchen, Marxismus oder dergleichen, könne man an der Welt herumkurieren, für alle die hat Oswald Spengler richtig gesprochen. Wenn nur diese Leute mit ihren Kräften an der Welt arbeiten, wenn nur sie die Weltentwicklung dirigieren, dann muß sich die Prophetie Spenglers erfüllen. Denn er hat nur die Konsequenz aus demjenigen gezogen, aus dem sie einer ziehen muß, der heute nur von naturwissenschaftlicher Weltanschauung erfüllt ist. Ernst sind heute die Wege des Lebens, und notwendig ist es, daß der größte Ernst ergreife die Wege der Seele. Aber man muß eben auch Ernst machen mit solch großen Angelegenheiten. Und man muß in die Lage kommen können, aus Symptomen heraus zu urteilen.

[ 39 ] Decline will not occur if people build and establish a new world from within themselves. The Lenins and Trotskys, who—in every extreme—seek to build a new world based solely on the natural sciences, are the ones who lead most swiftly and most intensely into decline. Those who seek to build a new world from the spirit—they alone lead to social progress. For all those who still believe today that the world can be patched up through external institutions, through all manner of external expedients—Marxism or the like—Oswald Spengler spoke the truth. If only these people apply their energies to shaping the world, if only they direct the course of world history, then Spengler’s prophecy must come true. For he merely drew the logical conclusion from what anyone must conclude who today is guided solely by a scientific worldview. The paths of life are serious today, and it is necessary that the greatest seriousness take hold of the paths of the soul. But one must also take such great matters seriously. And one must be able to judge based on symptoms.

[ 40 ] Ich sagte Ihnen, daß vor reichlich vierzig Jahren, als ich als junger Mann durch Vermittelung Schröers die Denkweise von Gervinus kennenlernte und selbst dann an Gervinus herantrat, es tief auf mich gewirkt hat, wie Gervinus die Praxis fordert, aber keine Ideen hat für die Praxis, wie er die Welt, in der noch diejenigen Ideen waren, von denen er allein zu sprechen weiß, im Jahre 1832 abgeschlossen haben will, beendet haben will mit dem Tode Goethes. Es hat tief auf mich gewirkt, wie er die Leute dazu aufruft, nicht weiter zu lyrisieren, zu dramatisieren, nicht weiter Belletristik zu treiben, sondern sich den praktischen Aufgaben des Lebens zu widmen, wie er die Leute auf die Praxis hinausweist, aber keine Ideen hat für diese praktischen Aufgaben des Lebens. Und so haben sich die Leute auch verhalten. Die Lyriker waren nur für die Schule da, höchstens noch für den Konzertsaal; da hat man sie deklamiert. Was aber aus dem geistigen Leben geflossen ist, konnte nicht eingreifen in die Wege des Lebens. Ein Mißklang war zwischen den Wegen der Seele und den Wegen des Lebens. Und so haben wir uns entwickelt. Jetzt kommen Leute wie Oswald Spengler und sagen: Alles das, was die abendländische Kultur, die abendländische Zivilisation gebracht hat, ist fertig, es ist dem Untergang geweiht! - Was also tun? Das ist nun ganz besonders interessant, und das wollen wir uns einmal mit Spenglers eigenen Worten vor die Seele führen, warum er eigentlich sein Buch geschrieben haben will, für welche Geister er es eigentlich gedacht hat. Er sagt da selbst: Wenn unter dem Eindruck dieses Buches sich die Menschen der neueren Generation der Technik statt der Lyrik, der Marine statt der Malerei, der Politik statt der Erkenntniskritik zuwendet, so tun sie, was ich wünsche, und man kann ihnen nichts Besseres wünschen.

[ 40 ] I told you that a good forty years ago, when as a young man I became acquainted with Gervinus’s way of thinking through Schröer’s mediation and approached Gervinus myself, I was deeply moved by how Gervinus calls for practical action but has no ideas for putting it into practice, and by how he claims that the world—in which those very ideas he alone knows how to speak of still existed—came to an end in 1832 with Goethe’s death. It made a deep impression on me how he called on people to stop writing poetry, to stop writing plays, to stop writing fiction, and instead to devote themselves to the practical tasks of life; how he directed people toward practical action, yet had no ideas for these practical tasks of life. And that is exactly how people behaved. Poets were only there for school, or at most for the concert hall; that’s where their works were recited. But what flowed from intellectual life could not intervene in the course of life. There was a dissonance between the paths of the soul and the paths of life. And that is how we have developed. Now people like Oswald Spengler come along and say: Everything that Western culture, Western civilization, has produced is finished; it is doomed!—So what is to be done? This is particularly interesting, and let us consider, in Spengler’s own words, why he actually claims to have written his book and for what kind of minds he actually intended it. He says it himself: “If, under the influence of this book, the people of the younger generation turn to technology instead of poetry, to the navy instead of painting, to politics instead of the critique of knowledge, then they are doing what I wish, and one could not wish them anything better.”

[ 41 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich denke, daß in dem Zeitalter, in dem man glaubt, es so herrlich weit in der Praxis gebracht zu haben, sich Leute der Technik statt der Lyrik, der Marine statt der Malerei, der Politik statt der Erkenntniskritik schon zugewendet haben, bevor Spengler sein Buch geschrieben hat — das alles war wahrhaftig schon da; Politiker gab es ja wahrhaftig bisher nicht zu wenige. Jetzt Dekadenzprophetien zu machen über den Untergang der abendländischen Kultur, jetzt gestehen zu müssen, daß man die Leute auffordern will, sich abzuwenden von der Geistigkeit, sich einer Praxis zuzuwenden, für die man keine Ideen hat, ja, prinzipiell keine Ideen haben will, jetzt den Ideen des Abendlandes den Untergang zu prophezeien, weil man sie im Sterbealter glaubt - das ist aus dem Herzen der Niedergangszeit heraus gesprochen. Und ich darf vielleicht, ohne ins Unbescheidene zu verfallen - denn ich möchte ja nur ein Wollen, einen Versuch, einen Anfang charakterisieren - ich darf vielleicht aufmerksam darauf machen, daß dasjenige, was hier als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vorgebracht worden ist und was jetzt aus dieser Geistigkeit heraus praktische Gestalt gerade hier von seiner Zentrale, von Stuttgart aus, annehmen will, auf dem entgegengesetzten Standpunkte steht. Wir sagen den Leuten nicht: Wendet euch ab von aller Geistigkeit, denn das ist im Niedergang, und wendet euch dem kommenden Tag zu. - Wir sagen den Leuten: Neue Geistigkeit muß geschöpft werden; wir brauchen ein Hineinsteigen in neue Quellen des geistigen Lebens. Wir brauchen das Eintreten in die Seelenwege einer Geistesschau, damit wir finden können gerade dasjenige praktische Leben, das getragen wird von wirklichkeitsgemäßen Ideen. Ohne Ideen haben wir uns in den Niedergang hineingeritten; mit Ideen, die aber jetzt nicht die traditionellen, die alten sein können, sondern die neu geschöpft sein müssen, mit diesen neuen Ideen allein werden wir in den Aufgang hineinkommen können. Allerdings, es scheint, als ob es so rasch nicht gehen könnte, denn dasjenige, was man anschauen kann im großen, es zeigt sich auch im kleinen. Aber davon will ich auch nur symptomatisch sprechen.

[ 41 ] Well, my esteemed audience, I believe that in an age when people believe they have made such magnificent practical progress—an age in which people have already turned to technology instead of poetry, to the navy instead of painting, and to politics instead of the critique of knowledge—even before Spengler wrote his book—all of this was truly already there; after all, there has certainly never been a shortage of politicians. To make prophecies of decadence now about the downfall of Western culture, to have to admit now that one wants to urge people to turn away from spirituality and toward a practical world for which one has no ideas—indeed, in principle, one does not wish to have any ideas—now to prophesy the downfall of Western ideas because one believes them to be in their twilight years—that is spoken from the very heart of an age of decline. And perhaps I may—without falling into presumption, for I wish only to characterize a desire, an attempt, a beginning—perhaps I may draw attention to the fact that what has been presented here as an anthroposophically oriented Spiritual Science, and what now seeks to take on practical form precisely here from its headquarters in Stuttgart, stands on the opposite standpoint. We do not tell people: Turn away from all spirituality, for it is in decline, and turn toward the coming day. — We tell people: New spirituality must be created; we need to delve into new sources of spiritual life. We need to enter the soul paths of spiritual vision so that we may find precisely that practical life which is sustained by ideas grounded in reality. Without ideas, we have ridden ourselves into decline; with ideas—which, however, cannot now be the traditional, the old ones, but must be newly created—with these new ideas alone will we be able to enter into the ascent. Admittedly, it seems as though this cannot happen so quickly, for what can be observed on a large scale also manifests itself on a small scale. But I wish to speak of this only in a symptomatic sense.

[ 42 ] Die Art und Weise, wie man ein solches Wollen, wie es von hier ausgeht, beurteilt — sie mußte in der Nummer 50 unserer Zeitung «Dreigliederung des sozialen Organismus» von Eugen Kolisko unter dem Titel «TIheologenkritik und Gewissenhaftigkeit» gekennzeichnet werden. Es mußte wieder einmal gekennzeichnet werden anhand des Buches eines Universitätsprofessors, des Dr. Philipp Bachmann, Professor der Theologie an der Universität Erlangen. Dieses Buch «Tod oder Leben?» ist hier in Stuttgart erschienen. Lesen Sie den Artikel, den Herr Dr. Kolisko geschrieben hat, und Sie werden sehen, daß er mit Recht am Schluß seine Besprechung in folgende Sätze zusammenfaßt, welche durchaus eine Charakteristik sind jener heute bloß durch Diplome und äußere Stellung wirkenden Wissenschaft, die aber innerlich hohl ist und die gerade immer diejenigen Kräfte entwickelt, die von dem angeblichen Geiste aus nur in den Niedergang hineinführen müssen. Man muß heute den Mut haben, nicht bloß im Allgemeinen, im Abstrakten die Niedergangserscheinungen zu charakterisieren, sondern man muß mit hellem Lichte hinleuchten darauf, wie wir heute ein angebliches Geistesleben haben, das selbst in den einfachsten Dingen mit einer Gewissenlosigkeit arbeitet, die nur noch parallel geht ihrer Gedankenlosigkeit, ihrer Unwissenheit. Das, meine sehr verehrten Anwesenden, darf man sich nicht verhehlen, wenn man heute sprechen will von den Einklängen zwischen den Wegen der Seele und den Wegen des Lebens.

[ 42 ] The way in which one assesses such a will, as it emanates from here—this had to be outlined in Issue 50 of our newspaper *The Threefold Social Order* by Eugen Kolisko under the title “Criticism of Theologians and Conscientiousness.” Once again, it had to be illustrated using the book by a university professor, Dr. Philipp Bachmann, professor of theology at the University of Erlangen. This book, *Death or Life?*, was published here in Stuttgart. Read the article written by Dr. Kolisko, and you will see that he rightly summarizes his review at the end with the following sentences, which are indeed a characterization of that branch of scholarship which today exerts its influence solely through diplomas and external status, yet is inwardly hollow and consistently develops precisely those forces that, stemming from its supposed spirit, can only lead to decline. Today we must have the courage not merely to characterize the signs of decline in general and abstract terms, but to shine a bright light on how we currently have a so-called spiritual life that, even in the simplest matters, operates with a lack of conscience that is matched only by its thoughtlessness and ignorance. This, my esteemed audience, must not be concealed from ourselves if we wish to speak today of the harmony between the paths of the soul and the paths of life.

[ 43 ] So mußte Herr Dr. Kolisko charakterisieren, was mit einem solchen, an sich unbedeutenden Büchelchen gekennzeichnet ist:

[ 43 ] Thus, Dr. Kolisko had to describe what is characterized by such a small book, which is in itself insignificant:

[ 44 ] Es würde nicht notwendig sein, sich so eingehend mit diesem Buche zu befassen, wenn es nicht von einem Universitätsprofessor herrühren würde. Ein solcher muß wissen, was die Aufgabe einer objektiven Kritik ist. Die vorliegende Kritik ist aber leichtfertig.

[ 44 ] It would not be necessary to examine this book so thoroughly if it had not been written by a university professor. Such a person must know what the purpose of an objective critique is. This critique, however, is frivolous.

[ 45 ] Namentlich ist leichtfertig, wie in diesem Buche der Gedankengang meiner «Geheimwissenschaft» wiedergegeben ist.

[ 45 ] In particular, the way the train of thought in my *Secret Science* is presented in this book is reckless.

[ 46 ] Man kann so auch nur auf dem Gebiete der Theosophie unbeschadet vorgehen. Denn hier wird man nicht nachgeprüft, wenn man das Widersinnigste behauptet. Anthroposophie, Theosophie, Spiritismus gilt vielen gleich viel, und nach dem Sprichwort, daß in der Nacht alle Kühe grau sind, kann man ungestraft alles zusammenführen und abfällige Kritiken verfertigen. - Würde auf irgendeinem anderen wissenschaftlichen Gebiete in so leichtsinniger Weise, ohne genügende Kenntnis des kritisierten Gebietes, eine Kritik verfaßt, würde nur in einem Fall, statt in vielen Stellen so entstellend, so sinnlos der Gedankengang eines Schriftstellers wiedergegeben, in dieser Weise vorliegende Literatur übergangen und Meinungen verschiedener Schriftsteller vermischt, so würde in wissenschaftlichen Kreisen der so sich Vergehende zur Rechenschaft gezogen werden, sein Ansehen, ja vielleicht seine Stelle verlieren. Wer seinen Lesern den Inhalt des in dem Buche «Die Geheimwissenschaft im Umriß» über die Wesensglieder des Menschen Gesagten mit den Worten wiedergibt: «Der physische Leib stirbt, der Ätherleib schläft, der Astralleib vergißt, das Ich (die Empfindungsseele) ist die Erinnerung», der ist entweder außerstande, einen fremden Gedankengang wiederzugeben, oder er tut es, um böswillig zu entstellen. Gleichwie, er ist als Kritiker gerichtet. Für das heutige Bildungswesen ist es ein Armutszeugnis, daß ein Universitätsprofessor ungehindert ein solches Machwerk in die Welt setzt. Was von dem Christentum eines Theologieprofessors zu halten ist, der solche Kritiken schreibt, überlasse ich denen zu beurteilen, die [in] sich noch etwas Empörung über solch leichtfertig gewissenloses Verfahren aufbringen können.

[ 46 ] One can proceed with impunity in this way only in the realm of theosophy. For here, one is not called to account even if one asserts the most absurd things. Anthroposophy, theosophy, and spiritualism are all considered equally valid by many, and according to the saying that “all cows are gray in the dark,” one can lump everything together with impunity and produce disparaging critiques. - If a critique were written in such a reckless manner in any other scientific field—without sufficient knowledge of the field being criticized—and if, instead of in many places, the writer’s train of thought were distorted so senselessly in just one instance, so senselessly the author’s train of thought be rendered, the existing literature on the subject be disregarded in this manner, and the opinions of various authors be conflated—then, in scientific circles, the person acting in this way would be held accountable, lose his reputation, and perhaps even his position. Anyone who conveys to his readers the content of what is said in the book *An Outline of Esoteric Science* regarding the constituent parts of the human being with the words: “The physical body dies, the etheric body sleeps, the astral body forgets, the ‘I’ (the sentient soul) is the memory,” is either incapable of conveying another’s train of thought or is doing so with the intent to maliciously distort it. In either case, he is condemned as a critic. It is a sad reflection on today’s educational system that a university professor can unhindered publish such a piece of drivel. I leave it to those who can still muster some indignation at such reckless and unscrupulous conduct to judge what is to be made of the Christianity of a professor of theology who writes such critiques.

[ 47 ] Das hat nämlich jener Bachmann in seiner «Bachmannhaftigkeit» herausgefunden als den Inhalt desjenigen, was in meinem Buche «Die Geheimwissenschaft» steht. So lesen heute Universitätsprofessoren.

[ 47 ] That is precisely what Bachmann, in his “Bachmann-like” way, identified as the content of what is written in my book *The Secret Science*. That is how university professors read today.

[ 48 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist dasjenige, was heute widerstrebt aus allen Ecken heraus dem Wollen nach einem Aufstieg; das sind diejenigen, die nichts herankommen lassen wollen, was irgendwie zum Aufstieg führen kann. Diese Leute sind in breiter Masse vorhanden, sie erziehen unsere Jugend. Und da sind die «Spengler» und schreiben, daß wir notwendig dem Niedergang verfallen müssen. Warum schreiben die «Spengler» so? Weil sie unfähig sind, auf etwas anderes ihre Augen zu richten als lediglich auf die «Bachmänner» mit deren Unwissenheit und Leichtfertigkeit. Diese Dinge müssen in allem Ernste heute ins Auge gefaßt werden. Und ich darf, nachdem ich drei Vorträge habe vorangehen lassen, wohl am Schlusse heute sagen: Nachdem ich in meinen zwei ersten Vorträgen in der vorigen Woche versucht habe, etwas zu zeigen von den Wegen, die in erkenntnismäßiger Weise, in sozialer Weise die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gehen will — wissenschaftlich gehen will, nicht so, wie sie die «Bachmänner» und «Trauben» verleumden -, nachdem ich auch gesprochen von dem, was in Dornach künstlerisch ausgebildet werden soll, darf ich heute aussprechen, daß wahrhaftig bei denjenigen, welche in solcher Weise streben nach Wissenschaft und Kunst, erinnert werden kann an einen schönen Ausspruch, der von Goethe herüberragt und der ewig wahr bleiben wird: «Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion». Geisteswissenschaft und ihre Kunst, sie haben Religion, aber eine Religion, welche nicht auf blinden Glauben gebaut ist, sondern auf eine klare, lichte, eine wirklich geist-erkennende Wissenschaft, auf ein nach geistiger Vertiefung hinstrebendes künstlerisches Wollen. Und nachdem Goethe gesagt hat: «Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat Religion», fährt er fort: «Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion!»

[ 48 ] Well, my esteemed audience, this is precisely what stands in the way today, coming from all corners, of the desire for progress; these are the people who do not want to allow anything to come near that might in any way lead to progress. These people exist in great numbers; they are the ones educating our youth. And then there are the “Spenglers,” who write that we are inevitably doomed to decline. Why do the “Spenglers” write this way? Because they are incapable of turning their eyes to anything other than the “Bachmen” with their ignorance and frivolity. These matters must be taken very seriously today. And now that I have given three lectures, I may well conclude today by saying: Having attempted in my first two lectures last week to shed some light on the paths that anthroposophically oriented Spiritual Science seeks to follow—both epistemologically and socially—scientifically, not in the way the “Bachmen” and “Trauben” slander it— and having also spoken of what is to be developed artistically in Dornach, I may say today that, indeed, among those who strive in this way toward science and art, one is reminded of a beautiful saying that stands out from Goethe and will remain eternally true: “Whoever possesses science and art also possesses religion.” Spiritual Science and its art possess religion—but a religion that is not built on blind faith, but rather on a clear, luminous science that truly recognizes the spirit, and on an artistic will striving toward spiritual deepening. And after Goethe said, “Whoever possesses science and art possesses religion,” he continues: “Whoever does not possess those two, let him have religion!”

[ 49 ] In unserer Zeit aber darf vielleicht von dem Geisteswissenschafter, dem Vertreter des Dreigliederungsgedankens, als eine besondere, tiefste Herzensangelegenheit aus der Geisteswissenschaft heraus gesagt werden: Jawohl, wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion. — Aber heute kann Religion zu einem Aufstieg nur führen, wenn sie aus einer lebendigen Wissenschaft selbst lebendig schöpft, nicht aus einer Wissenschaft des Toten heraus; sie kann nur zum Aufstieg führen, wenn sie aus einem künstlerischen Wollen entspringt, das verbunden ist mit einer solchen Geist-Erkenntnis, daß man sagen kann: Wer heute besitzt eine Wissenschaft, die in Geistesschau wurzelt, wer heute versucht, wenn auch in einem noch so schwachen Anfang, eine Kunst, die mit dieser Geistesschau in ihrem intensivsten Wollen ganz verbunden ist, dem sollte man nicht vorwerfen, daß er dem religiösen Element auf dem Wege des Lebens in der Gegenwart widerstrebt. Denn wer nach dem Geiste sucht, wer den Geist künstlerisch zu verkörpern sucht, der hat gewiß auch den Willen, dasjenige in das soziale Leben hinüberzuführen, das, mit Menschenwert und Menschenwürde verbunden, in der sozialen Gemeinschaft wahrhaftig die Aufschau zu der göttlichen Weltenlenkung, zu den göttlichen Urkräften des Lebens übt - wahrhaftige Aufschau, die nicht bloß spekuliert auf den Egoismus der Menschen, sondern auf den Zusammenhang der Menschen mit den großen ewigen Gesetzen des Daseins. Zum Aufstieg führen kann nur eine Religion, die nicht auf den Egoismus spekulieren will, sondern auf die tiefste Harmonie des einzelnen Menschen mit der ganzen Welt hinweist.

[ 49 ] In our time, however, the spiritual scientist—the proponent of the threefold social order—may perhaps say, from the depths of his heart and drawing upon Spiritual Science: Indeed, whoever possesses science and art also possesses religion. — But today, religion can lead to spiritual ascent only if it draws its vitality from a living science itself, not from a science of the dead; it can lead to spiritual ascent only if it springs from an artistic will that is connected to such a spiritual insight that one can say: Whoever today possesses a science rooted in spiritual vision, whoever today attempts—even if only in the faintest beginnings—an art that is wholly connected in its most intense will to this spiritual vision, should not be reproached for resisting the religious element on the path of life in the present. For whoever seeks the Spirit, whoever seeks to embody the Spirit artistically, certainly also has the will to carry over into social life that which—linked to human worth and human dignity—truly cultivates, within the social community, an aspiration toward the divine guidance of the world and toward the divine primal forces of life —a genuine aspiration that does not merely speculate on human selfishness, but on the connection between human beings and the great, eternal laws of existence. Only a religion that does not seek to capitalize on selfishness, but rather points to the deepest harmony between the individual and the entire world, can lead to spiritual ascent.

[ 50 ] Und in demselben Maße, in dem solche Religion aus solcher Wissenschaft, aus solcher Kunst als Impuls die menschliche Seele durchdringt, in demselben Maße werden wir sozial weiterkommen. In demselben Maße werden wir trotz Not und Elend - vielleicht aber, wenn die widerstrebenden Kräfte allzu kräftig sind, noch durch viel Not und viel Elend -, entgegengehen nicht einem Untergang der Kultur des Abendlandes, sondern einem Aufstieg des wahrhaftigen menschlichen Lebens — einem Leben, in dem auf den Wegen der Seele und den Wegen des Lebens religiös, wissenschaftlich, künstlerisch gearbeitet werden kann und gearbeitet werden wird, in dem aus dem Geiste, aus der geisterfüllten Kunst, aus der geistgetragenen Religion heraus für die menschliche Gegenwart und in die menschliche Zukunft hinein gearbeitet wird.

[ 50 ] And to the same extent that such religion, drawing its impetus from such science and such art, permeates the human soul, to that same extent will we make social progress. To the same extent, despite hardship and misery—though perhaps, if the opposing forces are too strong, still through much hardship and much misery—we will be moving not toward the downfall of Western culture, but toward the rise of true human life—a life in which, on the paths of the soul and the paths of life, work can be and will be done religiously, scientifically, and artistically—and in which work is carried out from the spirit, from spirit-filled art, and from spirit-inspired religion, for the human present and into the human future.