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Social Ideas, Social Reality
and Social Practice I
GA 337a

30 July 1919, Stuttgart

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Social Ideas, Social Reality and Social Practice I, tr. SOL
  1. Soziale Ideen, Soziale Wirklichkeit, Soziale Praxis I

3. Zur Geschichte der sozialen Bewegung

3. On the History of the Social Movement

[ 1 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich werde heute Abend nicht demjenigen vorgreifen, was hier eigentlich eingerichtet werden soll als Studienabende, die abgehalten werden auf Grundlage des Buches «Die Kernpunkte der Sozialen Frage», sondern ich werde versuchen, Ihnen eine Art von Einleitung zu diesen Abenden zu geben. Ich möchte durch diese Einleitung in Ihnen eine Empfindung davon hervorrufen, aus welchen Gesichtspunkten heraus dieses Buch geschrieben worden ist. Es ist vor allen Dingen geschrieben worden aus der unmittelbaren Gegenwart heraus, aus der Überzeugung, daß auch die soziale Frage durch die Ereignisse der Gegenwart eine neue Gestalt angenommen hat und daß es notwendig ist, heute über die soziale Frage ganz anders zu reden, als von irgendeiner Seite her über die soziale Frage vor der Weltkriegskatastrophe geredet worden ist. Mit diesem Buch ist gewissermaßen versucht worden, jetzt in diesem Zeitpunkte der Menschheitsentwicklung, in welchem die soziale Frage ganz besonders dringend wird und in welchem eigentlich jeder Mensch, der bewußt heute mitlebt, der nicht schläfrig und schlafend das Leben der Menschheit mitlebt, etwas wissen sollte über das, was zu geschehen hat im Sinne dessen, was man gewöhnlich die soziale Frage nennt. Da wird es vielleicht zunächst ganz gut sein, wenn wir heute ein bißchen zurückblicken. Ich werde ja dabei vielleicht Dinge zu erwähnen haben — aber wir werden sie dann in ein etwas anderes Licht rücken, als sie gerückt worden sind -, ich werde Dinge zu erwähnen haben, welche Ihnen zum Teil bekannt sind.

[ 1 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! This evening I will not be getting ahead of what is actually intended to be established here—namely, study evenings based on the book *The Key Points of the Social Question*—but rather I will try to offer you a kind of introduction to these evenings. Through this introduction, I would like to help you sense the perspectives from which this book was written. Above all, it was written from the perspective of the immediate present, out of the conviction that the social question, too, has taken on a new form as a result of current events, and that it is necessary today to speak about the social question in a completely different way than it was discussed from any perspective prior to the catastrophe of the World War. This book represents, in a sense, an attempt—at this very moment in human development, when the social question is becoming particularly urgent and when, in fact, every person who is consciously engaged with the present—who does not passively and sleepily observe the life of humanity—should know something about what must happen in relation to what is commonly called the social question. So it might be quite helpful, to begin with, if we look back a little today. I may have to mention certain things in the process—but we will then cast them in a somewhat different light than they have been presented—and I will have to mention things that are, in part, already familiar to you.

[ 2 ] Sie wissen ja wahrscheinlich, daß man das, was heute zur sozialen Frage vorgebracht wird, seit verhältnismäßig langer Zeit vorbringt. Und es werden ja auch heute die Namen Proudhon, Fourier, Louis Blanc genannt als die ersten, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein die soziale Frage behandelt haben. Sie wissen ja auch, daß die Art, wie diese soziale Frage bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein behandelt wurde, von den heutigen Vertretern, wenigstens von vielen heutigen Vertretern der sozialen Frage, genannt wird «das Zeitalter der sozialen Utopien». Es ist gut, sich klarzumachen, was man eigentlich damit meint, wenn man sagt: In ihrem ersten Stadium trat die soziale Frage so auf, daß sie in einem «Zeitalter der Utopien» lebte. Aber man kann über diese Sache nicht im absoluten Sinne reden, sondern man kann eigentlich nur aus den Empfindungen der Vertreter der sozialen Frage in der Gegenwart reden. Die empfinden so, wie ich es jetzt schildern will. Sie empfinden, daß alle sozialen Fragen, die in dem Zeitalter auftraten, wovon ich zuerst sprechen will, im Stadium der Utopie waren. Und was verstehen die Leute darunter, wenn sie sagen, die soziale Frage war damals im Stadium der Utopie? Darunter verstehen sie — das hat man ja auch schon dazumal bemerkt; Saint-Simon und Fourier haben es gut bemerkt -, daß da sind, auch nach der Französischen Revolution, Menschen einer gewissen sozialen Minderheit, welche im Besitz der Produktionsmittel und auch anderer menschlicher Güter sind, und daß da sind eine große Anzahl von anderen Menschen - es ist sogar die Mehrzahl -, welche nicht in solchem Besitze sind. Diese Menschen können an den Produktionsmitteln nur dadurch arbeiten, daß sie in die Dienste derjenigen treten, die die Produktionsmittel und auch den Boden besitzen sie haben im Grunde genommen nichts anderes als sich selbst und ihre Arbeitskraft. Man hat bemerkt, daß das Leben dieser großen Masse der Menschheit eine Bedrängnis ist, zum großen Teil in Armut verläuft im Gegensatz zu denjenigen, die in der Minderheit sind; und man hat hingewiesen auf die Lage der Minderheit und auf die Lage der Mehrheit.

[ 2 ] As you probably know, the arguments raised today regarding the social question have been put forward for quite some time. And even today, the names Proudhon, Fourier, and Louis Blanc are cited as the first to have addressed the social question as far back as the mid-19th century. You also know that the way this social question was addressed up until the mid-19th century is referred to by today’s advocates—or at least by many of today’s advocates of the social question—as “the age of social utopias.” It is good to clarify what is actually meant when one says: In its initial stage, the social question presented itself as existing within an “age of utopias.” But one cannot speak of this matter in an absolute sense; rather, one can really only speak from the perspective of the contemporary advocates of the social question. They feel as I am about to describe. They feel that all social issues that arose during the era I will first discuss were in the stage of utopia. And what do people mean by this when they say that the social question was in the stage of utopia back then? By this they mean—as was already noted at the time; Saint-Simon and Fourier observed it well—that even after the French Revolution, there are people belonging to a certain social minority who possess the means of production and other material goods, and that there are a large number of other people—in fact, the majority—who do not possess such things. These people can only work with the means of production by entering the service of those who own the means of production and the land; they have, in essence, nothing but themselves and their labor. It has been observed that the lives of this vast mass of humanity are marked by hardship and, for the most part, by poverty—in contrast to those who belong to the minority; and attention has been drawn to the situation of the minority and to the situation of the majority.

[ 3 ] Diejenigen, die nun so wie Saint-Simon und Fourier wie auch noch Proudhon über diese soziale Lage der Menschheit geschrieben haben, die sind von einer gewissen Voraussetzung ausgegangen. Sie sind ausgegangen von der Voraussetzung, daß man notwendig habe, die Menschen darauf hinzuweisen: Seht, die große Masse lebt in Elend, in Unfreiheit, in wirtschaftlicher Abhängigkeit, das ist für die große Masse kein menschenwürdiges Dasein. Das muß geändert werden. — Und man hat dann allerlei Mittel ausersonnen, durch welche diese Ungleichheit unter den Menschen geändert werden kann. Aber es war immer eine bestimmte Voraussetzung da, und diese Voraussetzung war, daß man sich sagte: Wenn man weiß, worinnen die Ungleichheit begründet ist und wenn man eindringliche Worte genug hat, wenn man sittliches Bewußtsein selbst genug hat, um stark darauf hinzuweisen, daß die große Mehrzahl der Menschen in wirtschaftlicher und rechtlicher Abhängigkeit lebt und arm ist, so wird diese Rede die Herzen, die Seelen der Minderheit, der Begüterten, der begünstigteren Minderheit ergreifen. Und es wird dadurch, daß diese Minderheit einsieht, so kann es nicht bleiben, man muß Änderungen herbeiführen, es muß eine andere Gesellschaftsordnung kommen, es wird dadurch eine andere Gesellschaftsordnung herbeigeführt werden. Also die Voraussetzung war die, daß die Menschen sich herbeilassen werden, aus ihrem innersten Seelenantrieb heraus etwas zur Befreiung der großen Masse der Menschheit zu tun. Und dann schlug man vor, was man tun sollte. Und man glaubte, wenn die Minderheit, wenn die Menschen, die die leitenden, führenden Menschen sind, einsehen, daß das gut ist, was man tun will, dann wird eine allgemeine Besserung der Lage der Menschheit eintreten.

[ 3 ] Those who, like Saint-Simon, Fourier, and even Proudhon, have written about this social condition of humanity have proceeded from a certain premise. They have proceeded from the premise that it is necessary to point out to people: “Look, the vast majority lives in misery, in bondage, in economic dependence; this is not a dignified existence for the vast majority. This must be changed.” — And all sorts of means were then devised through which this inequality among people could be altered. But there was always a certain premise, and that premise was that one said to oneself: If one knows the root causes of this inequality and if one has sufficiently forceful words, if one possesses enough moral consciousness to strongly point out that the vast majority of people live in economic and legal dependence and are poor, then this discourse will move the hearts and souls of the minority—the wealthy, the more privileged minority. And because this minority will realize that things cannot remain as they are—that changes must be brought about, that a different social order must emerge—a different social order will thereby be brought about. So the premise was that people would be moved, out of the deepest impulse of their souls, to do something for the liberation of the vast majority of humanity. And then proposals were made as to what should be done. And it was believed that if the minority—if the people who are the leaders—recognize that what one intends to do is good, then a general improvement in the condition of humanity will occur.

[ 4 ] Es ist sehr viel außerordentlich Gescheites gesagt worden von dieser Seite her, allein alles dasjenige, was in dieser Richtung unternommen worden ist, das empfindet man heute bei den meisten Vertretern der sozialen Frage als utopisch. Das heißt, man rechnet heute nicht mehr darauf, daß man nur zu sagen braucht: So müßte man die Welt einrichten, dann würde die wirtschaftliche und politische und rechtliche Ungleichheit der Menschen aufhören. — Es nützt heute nichts, an das Verständnis zu appellieren, an die Einsicht der Menschen, die begünstigt sind, die im Vorrecht sind, die im Besitz sind der Produktionsmittel und dergleichen. Wenn ich ausdrücken soll, was da im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verloren worden ist, so muß ich sagen, verloren worden ist der Glaube an die Einsicht und an den guten Willen der Menschen. Daher sagen sich die Vertreter der sozialen Frage, die ich jetzt meine: Schöne Pläne ausdenken, wie man die Menschenwelt einrichten soll, das kann man, aber dabei kommt nichts heraus; denn wenn man noch so schöne Pläne predigt, wenn man mit noch so rührenden Worten appelliert an die Herzen, an die Seelen der regierenden Minderheiten, so wird doch nichts geschehen. Das alles sind wertlose Ideen, und wertlose Ideen, welche die Zukunft ausmalen, das sind eben in Wirklichkeit, populär gesprochen, Utopien. Es hat also gar keinen Zweck, so sagt man, irgend etwas auszumalen, was in der Zukunft geschehen soll, denn es wird niemand da sein, der von seinen Interessen losläßt, der ergriffen werden kann in bezug auf sein Gewissen, in bezug auf seine sittliche Einsicht und so weiter. - Den Glauben an Gewissen und sittliche Einsicht hat man eben in weitesten Kreisen, namentlich bei den Vertretern der sozialen Frage, verloren. Man sagt sich, die Menschen handeln ja gar nicht nach ihrer Einsicht, wenn sie soziale Einrichtungen treffen oder wenn sie ihr soziales Leben führen, sie handeln nach ihrem Interesse. Und die Besitzenden haben selbstverständlich ein Interesse daran, in ihrem Besitz zu bleiben. Die sozial Bevorrechteten haben ein Interesse an der Erhaltung der sozialen Vorrechte. Daher ist es eine Illusion, darauf zu rechnen, daß man nur zu sagen braucht, die Leute sollen das oder jenes machen. Sie tun es eben nicht, weil sie nicht aus ihrer Einsicht, sondern aus ihrem Interesse heraus handeln.

[ 4 ] A great deal of exceptionally wise things have been said from this perspective, but most advocates of the social question today view everything that has been undertaken in this direction as utopian. That is to say, people no longer expect that all one needs to do is say: “This is how the world should be organized,” and then economic, political, and legal inequality among people would cease. — It is of no use today to appeal to the understanding or the insight of those who are privileged, who are in a position of advantage, who possess the means of production, and so on. If I am to express what has been lost in the course of the second half of the 19th century, I must say that what has been lost is faith in people’s insight and good will. That is why the advocates of the social question—the ones I am referring to now—say: One can devise beautiful plans for how to organize human society, but nothing will come of it; for no matter how beautiful the plans one preaches, no matter how moving the words with which one appeals to the hearts and souls of the ruling minorities, nothing will happen. All of these are worthless ideas, and worthless ideas that paint a picture of the future are, in reality—to put it simply—utopias. So there is absolutely no point, it is said, in imagining anything that is supposed to happen in the future, for there will be no one there who will let go of their own interests, who can be moved in terms of their conscience, their moral insight, and so on. - Faith in conscience and moral insight has been lost in the broadest circles, particularly among those concerned with social issues. People tell themselves that individuals do not act according to their insight at all when they establish social institutions or lead their social lives; rather, they act according to their interests. And the wealthy, of course, have an interest in retaining their wealth. The socially privileged have an interest in preserving their social privileges. Therefore, it is an illusion to expect that one need only tell people to do this or that. They simply do not do it, because they act not out of insight but out of self-interest.

[ 5 ] Im umfassendsten Sinne, so kann man sagen, hat sich nach und nach - aber wirklich erst nach und nach - zu dieser Ansicht Karl Marx bekannt. Man kann in dem Leben von Karl Marx eine ganze Anzahl von Epochen schildern. Marx war in seiner Jugend auch ein idealistischer Denker und hat auch noch in dem Sinn, wie ich es eben charakterisiert habe, an die Realisierbarkeit von Utopien gedacht. Aber er war es gerade, und nach ihm dann auch sein Freund Engels, der in der allerradikalsten Weise von dieser Rechnung auf die Einsicht der Menschen abgekommen ist. Und wenn ich im allgemeinen etwas charakterisiere, was eigentlich eine große Ge a. schichte ist, so kann ich das folgende sagen: Karl Marx ist zuletzt zu der Überzeugung gekommen, daß es in der Welt nicht auf eine andere Art besser werden könne als dadurch, daß man diejenigen Menschen aufruft, die nicht ein Interesse daran haben, daß ihre Güter, daß ihre Vorrechte ihnen erhalten bleiben. Auf die, die ein Interesse haben, daß ihre Güter ihnen erhalten bleiben, auf diese könne man überhaupt nicht sehen, diese müsse man ganz aus der Rechnung lassen, denn sie würden sich niemals herbeilassen, irgendwie darauf einzugehen, wenn man ihnen noch so schön predigt. Demgegenüber gibt es gerade die große Masse der proletarischen Arbeiter, [die nichts an Gütern zu verlieren haben]. Karl Marx selbst lebte sich ja in diese Überzeugung hinein in der Zeit, als in Mitteleuropa das im Grunde erst entstand, was man heute das Proletariat nennt; er sah das Proletariat in Mitteleuropa erst entstehen aus anderen Wirtschaftsverhältnissen heraus. Als er später in England lebte, war das ja etwas anders. Aber in der Zeit, als Karl Marx sich vom Idealisten zum ökonomischen Materialisten entwickelte, da war es noch so, daß eigentlich in Mitteleuropa das moderne Proletariat erst heraufkam. Und nun sagte er sich: Dieses moderne Proletariat, das hat ganz andere Interessen als die leitende, führende Minderheit, denn es besteht aus Menschen, die nichts besitzen als ihre Arbeitskraft, aus Menschen, die auf keine andere Weise leben können als dadurch, daß sie ihre Arbeitskraft in den Dienst der Besitzenden, namentlich in den Dienst der Besitzenden der Produktionsmittel, stellen. Wenn diese Arbeiter ihre Arbeit verlassen, dann sind sie — das galt besonders für die damalige Zeit in radikalster Weise -, dann sind sie auf die Straße geworfen. Sie haben nichts anderes vor sich als die Möglichkeit einer Fron für diejenigen, die die Besitzer der Produktionsmittel sind. Diese Menschen haben ein ganz anderes Interesse als die Besitzenden. Sie haben ein Interesse daran, daß die ganze frühere Gesellschaftsordnung aufhört, daß diese Gesellschaftsordnung umgewandelt wird. Denen braucht man nicht so zu predigen, daß ihre Einsicht ergriffen wird, sondern nur so, daß ihr Egoismus, ihr Interesse ergriffen werden. Darauf kann man sich verlassen. Zu predigen denjenigen, auf deren Einsicht man zählen soll, dabei kommt nichts heraus, denn die Menschen handeln nicht aus Einsicht, sie handeln nur nach Interessen. Also, man kann sich nicht an diejenigen wenden, bei denen man an die Einsicht appellieren müßte, sondern man muß an die Interessen derjenigen appellieren, die nicht anders können, als aus innerem Zwang heraus für die neuere Zeit eintreten. Das ist der Egoismus, zu dem Karl Marx sich hinentwickelt hat. Daher hat er nicht mehr geglaubt, daß der Fortschritt der Menschheit zu neueren sozialen Zuständen von anderem Menschenwerke herkommen könne als von dem Werke des Proletariats selbst. Das Proletariat könne nur, so meint Karl Marx, aus seinen Interessen, aus seinen einzelegoistischen Interessen her, eine Erneuerung der menschlichen sozialen Zustände erstreben. Und damit wird das Proletariat, aber jetzt nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus egoistischem Interesse, auch die ganze übrige Menschheit befreien, weil es nichts anderes mehr geben kann als dasjenige, was die Menschen bewirken, die nicht an alten Gütern hängen und bei einer Umwandlung nichts von alten Gütern zu verlieren haben.

[ 5 ] In the broadest sense, one might say that Karl Marx gradually—but truly only gradually—came to embrace this view. One can identify a number of distinct phases in Karl Marx’s life. In his youth, Marx was also an idealistic thinker and, in the sense I have just described, still believed in the feasibility of utopias. But it was precisely he—and later his friend Engels as well—who, in the most radical way, abandoned this reliance on human insight. And if I were to characterize in general terms what is actually a great historical narrative, I could say the following: Karl Marx ultimately came to the conviction that the world could not be made better in any other way than by appealing to those people who have no interest in preserving their property or their privileges. As for those who have an interest in retaining their property—one cannot rely on them at all; they must be left entirely out of the equation, for they would never deign to respond in any way, no matter how eloquently one might preach to them. In contrast, there is precisely the vast mass of proletarian workers, [who have no property to lose]. Karl Marx himself came to embrace this conviction at a time when what we today call the proletariat was essentially just emerging in Central Europe; he saw the proletariat in Central Europe emerging for the first time out of different economic conditions. When he later lived in England, the situation was somewhat different. But at the time when Karl Marx was evolving from an idealist into an economic materialist, it was still the case that the modern proletariat was only just emerging in Central Europe. And so he told himself: This modern proletariat has interests entirely different from those of the ruling, leading minority, for it consists of people who possess nothing but their labor power, of people who can make a living in no other way than by placing their labor power at the service of the propertied classes—namely, at the service of those who own the means of production. If these workers stop working, then they—and this was especially true at that time in the most radical sense—are cast out onto the streets. They have nothing else before them but the prospect of forced labor for those who own the means of production. These people have interests entirely different from those of the property-owning class. They have an interest in seeing the entire former social order come to an end, in seeing this social order transformed. One need not preach to them in a way that appeals to their reason, but only in a way that appeals to their self-interest. One can rely on that. Preaching to those whose understanding one is supposed to count on achieves nothing, for people do not act out of understanding; they act solely according to their interests. Therefore, one cannot appeal to those whose understanding one would have to appeal to, but must instead appeal to the interests of those who, out of an inner compulsion, have no choice but to advocate for the new era. This is the egoism toward which Karl Marx evolved. Consequently, he no longer believed that humanity’s progress toward new social conditions could come from any human endeavor other than the work of the proletariat itself. According to Karl Marx, the proletariat can strive for a renewal of human social conditions only on the basis of its own interests—its purely egoistic interests. And in doing so, the proletariat—though now not out of philanthropy but out of self-interest—will also liberate the rest of humanity, because there can be nothing else but what is brought about by people who are not attached to old values and who have nothing to lose from such a transformation.

[ 6 ] Man sagt sich also: Da sind auf der einen Seite die leitenden, führenden Kreise, die haben gewisse Rechte, die ihnen in früheren Zeiten verliehen worden sind oder die in früheren Zeiten von ihnen erzwungen worden sind, die sich vererbt haben in ihren Familien, an denen halten sie fest. Diese leitenden, führenden Kreise sind im Besitz von dem oder jenem, das vererben sie wiederum weiter innerhalb ihrer Kreise, ihrer Familie und so weiter. Diese Kreise haben bei einer Umwandlung immer etwas zu verlieren, denn selbstverständlich, wenn sie nichts verlören, würde ja keine Umwandlung geschehen. Es handelt sich ja darum, daß diejenigen, die nichts haben, etwas bekommen sollen, daher können diejenigen, die etwas haben, nur verlieren. Also man könnte nur an die Einsicht appellieren, wenn diese Einsicht der besitzenden, führenden Klasse den Impuls eingeben würde, etwas verlieren zu wollen. Darauf lassen sie sich nicht ein. - Das war die Anschauung von Karl Marx. Man muß also an diejenigen appellieren, die nichts zu verlieren haben. Deshalb schließt auch im Jahre 1848 das «Kommunistische Manifest» mit den Worten: «Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten, sie haben aber alles zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!»

[ 6 ] So one might say: On the one hand, there are the ruling, leading circles, who have certain rights that were granted to them in earlier times or that they enforced in earlier times, rights that have been passed down through their families, and to which they cling. These ruling, leading circles possess this or that, which they in turn pass down within their circles, their families, and so on. These circles always have something to lose in the event of a transformation, because, of course, if they lost nothing, no transformation would take place. The point is that those who have nothing are to receive something; therefore, those who have something can only lose. So one could only appeal to reason if that reason were to give the propertied, ruling class the impulse to want to lose something. They won’t go along with that. - That was Karl Marx’s view. One must therefore appeal to those who have nothing to lose. That is why, in 1848, the “Communist Manifesto” concludes with the words: “The proletarians have nothing to lose but their chains; they have everything to gain. Workers of the world, unite!”

[ 7 ] Nun sehen Sie, das ist seit der Veröffentlichung des Kommunistischen Manifests gewissermaßen eine Überzeugung geworden. Und heute, wo gewisse Empfindungen, die schon unter dem Einfluß dieser Anschauung stehen, eben in der Majorität des Proletariats leben, heute kann man sich gar nicht mehr richtig vorstellen, was für ein ungeheurer Umschwung in der sozialistischen Anschauung um die Mitte des 19. Jahrhunderts sich vollzogen hat. Aber es wäre gut, wenn Sie sich herbeiließen, so etwas zu nehmen wie das «Evangelium eines armen Sünders» von Weitling, einem Schneidergesellen, das gar nicht so lange Zeit vor dem Kommunistischen Manifest geschrieben worden ist, und wenn Sie das vergleichen würden mit alle dem, was nach dem Erscheinen des Kommunistischen Manifestes geschrieben ist. In diesem wirklich von echter proletarischer Empfindung eingegebenen «Evangelium eines armen Sünders» herrscht eine, man kann sagen, in gewissem Sinne sogar poetische, glühende Sprache, aber durchaus eine Sprache, die appellieren will an den guten Willen, an die Einsicht der Menschen. Das ist Weitlings Überzeugung, daß man etwas anfangen könne mit dem guten Willen der Menschen. Und diese Überzeugung, die ist erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts geschwunden. Und die Tat, durch die sie geschwunden ist, ist eben die Publikation des Kommunistischen Manifestes. Und seit der Zeit, seit dem Jahre 1848, können wir eigentlich das verfolgen, was wir heute die soziale Frage nennen. Denn wenn wir heute so reden wollten wie Saint-Simon, wie Fourier, wie Weitling - ja, wir würden heute wirklich ganz tauben Ohren predigen. Denn bis zu einem gewissen Grade ist es durchaus richtig, daß man in der sozialen Frage nichts anfangen kann, wenn man an die Einsicht der leitenden, führenden Kreise appelliert, die etwas haben. Das ist schon richtig. Die leitenden, führenden Kreise haben das zwar niemals zugegeben, sie werden es auch heute kaum zugeben - sie wissen es gar nicht einmal, wenn sie es doch tun, denn da spielen unbewußte Kräfte in der menschlichen Seele eine außerordentlich große Rolle.

[ 7 ] Now, you see, this has, in a sense, become a conviction since the publication of the Communist Manifesto. And today, when certain sentiments—already influenced by this worldview—are prevalent among the majority of the proletariat, it is hard to even create a mental image of what a tremendous shift in socialist thought took place around the middle of the 19th century. But it would be good if you were to take, for example, *The Gospel of a Poor Sinner* by Weitling, a tailor’s apprentice—a work written not long before the *Communist Manifesto*—and compare it with everything that has been written since the publication of the *Communist Manifesto*. In this “Gospel of a Poor Sinner,” which is truly inspired by genuine proletarian sentiment, the language is—one might say—in a certain sense even poetic and passionate, yet it is thoroughly a language that seeks to appeal to people’s good will and understanding. This is Weitling’s conviction: that something can be achieved through people’s good will. And this conviction did not fade until the middle of the 19th century. And the event that caused it to fade was precisely the publication of the Communist Manifesto. And since that time, since the year 1848, we have actually been able to trace what we today call the social question. For if we were to speak today as Saint-Simon, Fourier, or Weitling did—well, we would truly be preaching to deaf ears. For to a certain extent, it is entirely true that one cannot make any headway on the social question by appealing to the reason of the ruling, leading circles who possess wealth. That is certainly true. The ruling and leading circles have never admitted this, nor are they likely to admit it today—they are not even aware of it, even if they do, because unconscious forces play an extraordinarily large role in the human soul.

[ 8 ] Sehen Sie, es ist ja nun einmal unsere geistige Kultur im Laufe des 19. Jahrhunderts fast ganz zur Phrase geworden. Und daß wir mit Bezug auf die geistige Kultur in der Phrase leben, ist eine viel wichtigere soziale Tatsache, als man gewöhnlich meint. Und so reden natürlich die Angehörigen der leitenden, führenden Kreise auch über die soziale Frage allerlei schöne Dinge, und sie sind selbst oftmals überzeugt, daß sie schon den guten Willen hätten. Aber in Wirklichkeit glauben sie das nur, es ist nur ihre Illusion; in dem Augenblick, wo irgend etwas Reales in dieser Beziehung in Angriff genommen wird, kommt es auch gleich heraus, daß das eine Illusion ist. Davon wollen wir nachher noch sprechen. Aber wie gesagt, so können wir heute nicht mehr reden, wie im Zeitalter der Utopien geredet worden ist. Das ist die wirkliche Errungenschaft, die durch Karl Marx gekommen ist, daß er gezeigt hat, wie heute die Menschheit so in den Illusionismus hineinverstrickt ist, daß es ein Unsinn ist, auf etwas anderes zu rechnen als auf den Egoismus. Es muß damit einmal gerechnet werden; es kann daher gar nichts erreicht werden, wenn man auf die Selbstlosigkeit, auf den guten Willen, auf die sittlichen Grundsätze der Menschen - ich sage immer «in bezug auf die Soziale Frage» - irgendwie rechnen will. Und dieser Umschwung, der dazu geführt hat, daß wir eben heute ganz anders reden müssen, als zum Beispiel noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geredet werden konnte mit Bezug auf die soziale Frage, dieser Umschwung ist eben mit dem Kommunistischen Manifest gekommen. Aber es ist nicht alles auf einmal gekommen, sondern es war ja immerhin möglich, daß auch nach dem Kommunistischen Manifest noch bis in die sechziger Jahre hinein, wie Sie alle wissen werden — manche jüngere Sozialisten haben ja die Zeit schon vergessen -, diese ganz andere Art des sozialen Denkens, die Art des Ferdinand Lassalle, die Herzen, die Seelen ergriffen hat. Und auch nach dem Tode von Lassalle, der 1864 erfolgt ist, hat sich noch fortgesetzt dasjenige, was Lassallescher Sozialismus war. Lassalle gehört durchaus zu den Menschen, die, trotzdem die andere Denkweise schon heraufgekommen war, noch rechneten auf die Schlagkraft der Ideen. Lassalle wollte durchaus noch die Menschen als solche ergreifen in ihrer Einsicht, in ihrem sozialen Wollen vor allen Dingen. Aber immer mehr und mehr nahm diese Lassallesche Schattierung ab und nahm überhand die andere, die marxistische Schattierung, die nur rechnen wollte auf die Interessen desjenigen Teiles der menschlichen Bevölkerung, der nur sich selbst besaß und seine Arbeitskraft. Aber es ging immerhin nicht so schnell. Solch eine Denkweise entwickelte sich erst nach und nach in der Menschheit.

[ 8 ] You see, our intellectual culture has, after all, become almost entirely a matter of empty rhetoric over the course of the 19th century. And the fact that we live in a world of empty rhetoric when it comes to intellectual culture is a much more significant social reality than is generally realized. And so, of course, members of the ruling and leading circles also say all sorts of fine things about the social question, and they themselves are often convinced that they already possess the good will. But in reality, they only believe that; it is merely their illusion; the moment anything concrete is undertaken in this regard, it immediately becomes clear that it is an illusion. We will speak more about this later. But as I said, we can no longer speak today as people did in the age of utopias. This is the true achievement brought about by Karl Marx: he showed how humanity today is so entangled in illusionism that it is nonsense to count on anything other than selfishness. We must come to terms with this; therefore, nothing can be achieved if one tries to rely in any way on selflessness, on good will, or on people’s moral principles—I always say “with regard to the social question.” And this shift—which has led to the fact that we must speak quite differently today than, for example, we could have spoken in the first half of the 19th century with regard to the social question—this shift came precisely with the Communist Manifesto. But it did not all happen at once; rather, it was still possible—even after the Communist Manifesto and well into the 1860s, as you all know—that this entirely different way of social thinking, the approach of Ferdinand Lassalle, captured hearts and minds. And even after Lassalle’s death in 1864, what was known as Lassallean socialism continued. Lassalle certainly belongs to the category of people who, even though the other way of thinking had already emerged, still counted on the power of ideas. Lassalle still wanted, above all else, to appeal to people as such—to their understanding and their social will. But this Lassallean perspective gradually faded, and the other—the Marxist perspective—gained the upper hand; it sought to rely solely on the interests of that segment of the human population that possessed nothing but themselves and their labor power. Yet this did not happen overnight. Such a way of thinking developed only gradually among humanity.

[ 9 ] In den sechziger, siebziger Jahren, auch noch in den achtziger Jahren war es durchaus so, daß die Leute, die dem Proletariat angehörten oder die zu den Leuten gehörten, die politisch oder sozial abhängig — wenn auch nicht gerade Proletarier - waren, ihre Abhängigkeit gewissermaßen moralisch beurteilten und daß sie die nicht-abhängigen Kreise der menschlichen Bevölkerung moralisch verurteilten. Ihrem Bewußtsein nach war es böser Wille der leitenden, führenden Kreise der menschlichen Bevölkerung, daß sie die große Masse des Proletariats in Abhängigkeit ließen, daß sie sie schlecht bezahlten und so weiter. Wenn ich es trivial ausdrücken darf, so kann ich sagen, in den sechziger, siebziger Jahren, bis in die achtziger Jahre hinein, wurde viel soziale Entrüstung fabriziert und vom Standpunkt der sozialen Entrüstung aus gesprochen. Dann trat in der Mitte der achtziger Jahre der merkwürdige Umschwung eigentlich erst so recht ein. Die mehr führenden Persönlichkeiten der sozialen Bewegung, die hörten dann in den achtziger Jahren ganz auf, aus moralischer Entrüstung heraus über die soziale Frage zu sprechen. Das war ja die Zeit, in der groß waren und mehr oder weniger noch von jugendlichem Feuereifer durchglüht waren diejenigen sozialen Führer, die Sie, die Sie jünger sind, nur noch haben sterben sehen: Adler, Pernerstorfer, Wilhelm Liebknecht, Auer, Bebel, Singer und so weiter. Diese älteren Führer hörten gerade damals in den achtziger Jahren immer mehr auf, diesen Entrüstungssozialismus zu predigen. Ich möchte es so ausdrücken, daß diese Führer des Sozialismus ihre innerste Überzeugung ausspra aAaina chen, als sie damals den alten Entrüstungssozialismus überleiteten in ihre neuere sozialistische Weltanschauung. Sie werden finden, was ich Ihnen jetzt sage, das stehe ja in keinem Buche über die Geschichte des Sozialismus. Aber wer dazumal gelebt hat und das mitgemacht hat, der weiß, daß die Leute, wenn sie sich selbst überlassen waren, so geredet haben.

[ 9 ] In the 1960s, 1970s, and even into the 1980s, it was certainly the case that people who belonged to the proletariat—or who were among those who were politically or socially dependent, even if not strictly proletarians—viewed their dependence in a certain moral light and morally condemned the non-dependent segments of the population. In their view, it was the ill will of the ruling, leading circles of society that kept the vast majority of the proletariat in a state of dependence, that they paid them poorly, and so on. If I may put it simply, I can say that in the 1960s, 1970s, and well into the 1980s, a great deal of social indignation was manufactured, and discourse was framed from the standpoint of that social indignation. Then, in the mid-1980s, the remarkable turnaround actually began in earnest. The more prominent figures in the social movement then stopped entirely in the 1980s from speaking about social issues out of moral indignation. That was, after all, the time when those social leaders—whom you, being younger, have only seen pass away—were at the height of their influence and were still, more or less, burning with youthful zeal: Adler, Pernerstorfer, Wilhelm Liebknecht, Auer, Bebel, Singer, and so on. It was precisely then, in the 1980s, that these older leaders increasingly stopped preaching this “indignation socialism.” I would like to put it this way: these leaders of socialism gave voice to their deepest convictions when they transitioned from the old “indignation socialism” to their newer socialist worldview. You will find that what I am telling you now is not written in any book on the history of socialism. But anyone who lived through that time and experienced it firsthand knows that, when left to their own devices, people spoke that way.

[ 10 ] Nehmen wir einmal an, es seien in den achtziger Jahren solche führenden Leute des Sozialismus zu einer Diskussion zusammengekommen mit solchen, die [reine] Bourgeois waren in ihren Gesinnungen, und nehmen wir an, es wäre noch eine dritte Sorte dabeigewesen: Bourgeois, die Idealisten waren und allen Menschen Gutes wünschten, die damit einverstanden gewesen wären, alle Menschen glücklich zu machen. Da hätte es geschehen können, daß die Bourgeois erklärten, es müsse immer Leute geben, die arm sind, und solche, die reich sind, und so weiter, denn nur das könne die menschliche Gesellschaft aufrechterhalten. Dann hätte sich vielleicht die Stimme eines von denjenigen erhoben, welche Idealisten waren, die da entrüstet waren darüber, daß so viele Leute in Armut und Abhängigkeit leben mußten. So einer hätte dann vielleicht gesagt: Ja, das muß erreicht werden, daß klargemacht wird diesen besitzenden Leuten, den Unternehmern, den Kapitalisten, daß sie loslassen müssen von ihrem Besitz, daß sie Einrichtungen treffen müssen, durch welche die große Masse in eine andere Lage kommt, und dergleichen. — Da könnten sehr schöne Reden gehalten werden aus diesen Tönen heraus. Dann aber hätte solch einer seine Stimme erhoben, der damals sich gerade hineinfand in den Sozialismus und seinen Werdegang, und hätte gesagt: Was reden Sie da, Sie sind ein Kind; das ist alles Kinderei, alles Unsinn! Die Leute, die da Kapitalisten sind, die Unternehmer sind, das sind alles arme Hascherln, die wissen nichts anderes, als was ihnen eingebleut worden ist von Generationen her. Wenn die auch hören, sie sollten es anders machen, dann könnten sie es nicht einmal, denn sie kämen nicht darauf, wie sie es machen sollten. So etwas geht gar nicht in ihre Schädel hinein, daß man etwas anders machen kann. Man darf nicht die Leute anklagen, man darf nicht die Leute moralisch verurteilen, die sind gar nicht moralisch zu verurteilen; die Kerle sind da hineingewachsen, diese armen Hascherln, in das ganze Milieu, und das inspiriert sie mit den Ideen, die sie haben. Sie moralisch anklagen heißt, nichts verstehen von den Gesetzen der Menschheitsentwicklung, heißt, sich Illusionen hingeben. Diese Menschen können niemals wollen, daß die Welt eine andere Form annimmt. Mit Entrüstung von ihnen zu sprechen, ist die pure Kinderei. Das ist alles notwendig so geworden, und anders kann das auch wiederum nur durch Notwendigkeit werden. Seht ihr, mit solchen kindischen Kerlen, die da glauben, sie könnten den Besitzenden, den Kapitalisten predigen, es solle eine neue Weltordnung heraufgeführt werden, mit solchen kindischen Kerlen kann man nichts anfangen; mit ihnen ist keine neue Weltordnung herbeizuführen; die geben sich nur dem Glauben hin, daß man anklagen kann diese armen HascherIn von Kapitalisten, daß sie eine andere Welt machen sollten. — Ich muß die Sache etwas deutlich aussprechen, daher ist manches in scharfen Konturen gesagt, aber doch so, daß Sie die Reden, von denen ich spreche, durchaus überall hören konnten. Wenn sie geschrieben wurden, dann wurden sie ja ein bißchen retuschiert, ein bißchen anders geschrieben, aber das lag zugrunde. Dann redeten sie weiter: Mit diesen Kerlen - das sind Idealisten, die stellen sich die Welt im Sinne einer Ideologie vor —, mit denen ist nichts anzufangen. Wir müssen uns auf diejenigen verlassen, die nichts haben, die daher etwas anderes wollen aus ihren Interessen heraus als die, die mit kapitalistischen Interessen verbunden sind. Und die werden auch nicht aus irgendeinem moralischen Grundsatz eine Änderung der Lebenslage anstreben, sondern nur aus Begehrlichkeit, um mehr zu haben als sie bisher hatten, um ein unabhängiges Dasein zu haben.

[ 10 ] Let’s suppose that in the 1980s, such leading figures of socialism had come together for a discussion with those who were [pure] bourgeois in their outlook, and let’s suppose there had been a third group present: bourgeois who were idealists and wished well for all people, who would have agreed to make everyone happy. It could have happened that the bourgeois declared that there must always be people who are poor and those who are rich, and so on, because only that could sustain human society. Then perhaps the voice of one of the idealists would have risen, someone who was outraged that so many people had to live in poverty and dependence. Someone like that might then have said: Yes, we must make it clear to these wealthy people—the entrepreneurs, the capitalists—that they must let go of their possessions, that they must put in place measures through which the masses can be lifted out of their current situation, and so on. — Very fine speeches could be made along these lines. But then someone like that—who was just getting into socialism and its development at the time—would have raised his voice and said: “What are you talking about? You’re a child; that’s all child’s play, all nonsense! The people who are capitalists, who are entrepreneurs—they’re all poor wretches who know nothing other than what has been drummed into them for generations. Even if they heard that they should do things differently, they wouldn’t even be able to, because it wouldn’t occur to them how they should do it. The very idea that one can do things differently simply doesn’t register in their minds. One must not accuse people; one must not morally condemn them—they are not to be morally condemned at all; these poor souls have grown up in that whole milieu, and that’s what inspires the ideas they hold. To morally condemn them means understanding nothing of the laws of human development; it means indulging in illusions. These people could never want the world to take on a different form. To speak of them with indignation is pure childishness. It has all come to be this way out of necessity, and it can only come to be differently through necessity as well. You see, with such childish fellows who believe they can preach to the property owners, the capitalists, that a new world order should be brought about—with such childish fellows, there’s nothing to be done; no new world order can be brought about with them; they merely indulge in the belief that one can accuse these poor, hapless capitalists of needing to create a different world. — I must state the matter quite clearly, which is why some things are put in sharp terms, but still in such a way that you could certainly hear the speeches I’m referring to everywhere. If they were written down, they were, of course, retouched a bit, phrased a little differently, but that was the underlying message. Then they went on to say: With these guys—they’re idealists who have a mental image of the world in terms of an ideology—there’s nothing to be done with them. We must rely on those who have nothing, who therefore, out of their own interests, want something different from those tied to capitalist interests. And they won’t strive for a change in their circumstances out of some moral principle, but only out of desire—to have more than they’ve had so far, to live an independent life.

[ 11 ] Diese Denkweise kam in den achtziger Jahren immer mehr und mehr herauf, die Menschheitsentwicklung nicht mehr in dem Sinne aufzufassen, daß der einzelne Mensch besonders verantwortlich ist für das, was er tut, sondern daß er tut, was er aus der wirtschaftlichen Lage heraus tun muß. Der Kapitalist, der Unternehmer, schindet die anderen in höchster Unschuld. Derjenige, der Proletarier ist, der wird nicht aus einem sittlichen Grundsatz, sondern in aller Unschuld aus einer menschlichen Notwendigkeit heraus revolutionieren und die Produktionsmittel, das Kapital, aus den Händen derjenigen nehmen, die es eben haben. Das muß sich abspielen als eine geschichtliche Notwendigkeit. - Diese Denkweise kam herauf.

[ 11 ] In the 1980s, a way of thinking gained increasing prominence that viewed human development not in terms of the individual bearing special responsibility for his or her actions, but rather as the individual acting out of economic necessity. The capitalist, the entrepreneur, exploits others in complete innocence. The proletarian will not revolt out of a moral principle, but in all innocence out of human necessity, and will take the means of production—capital—out of the hands of those who currently possess them. This must unfold as a historical necessity. — This way of thinking emerged.

[ 12 ] Nun, sehen Sie, es war eigentlich erst im Jahre 1891 auf dem Erfurter Parteitag, als dann aller Lassallianismus, der eben doch noch auf die Einsicht der Menschen basiert war, überging in den Glauben an das sogenannte «Erfurter Programm», welches bestimmt war, den Marxismus zur offiziellen Anschauung des Proletariats zu machen. Lesen Sie die Programme des Gothaer, des Eisenacher Parteitages durch, da werden Sie zwei Forderungen finden als echt proletarische Forderungen der damaligen Zeit, die noch zusammenhängen mit Lassallianismus. Die erste Forderung war: die Abschaffung des Lohnverhältnisses; die zweite Forderung war: die politische Gleichstellung aller Menschen, die Abschaffung aller politischen Vorrechte. Auf diese beiden Forderungen gingen alle proletarischen Forderungen aus bis zu den neunziger Jahren, bis zu dem Erfurter Parteitag, der den großen Umschwung brachte. Schauen Sie einmal diese beiden Forderungen genau an, und vergleichen Sie sie mit den Hauptforderungen des Erfurter Parteitages. Welches sind nun die Hauptforderungen des Erfurter Parteitages? Es sind: Überführung des Privateigentums an Produktionsmitteln in das gemeinschaftliche Eigentum; Verwaltung aller Gütererzeugung, aller Produktion durch eine Art große Genossenschaft, in welche sich umzuwandeln hat der bisherige Staat. Vergleichen Sie das ehemalige Programm, welches das proletarische Programm der achtziger Jahre war, mit demjenigen, was aus dem Erfurter Parteiprogramm hervorgegangen ist und seit den neunziger Jahren existiert. Sie werden sehen, im alten Gothaer und Eisenacher Programm sind die Forderungen des Sozialismus noch rein menschliche Forderungen: politische Gleichheit aller Menschen, Abschaffung des entwürdigenden Lohnverhältnisses. Im Anfang der neunziger Jahre hat schon gewirkt dasjenige, was ich Ihnen charakterisiert habe als die Gesinnung, die im Laufe der achtziger Jahre heraufgekommen ist. Da ist verwandelt worden das, was noch mehr Menschheitsforderung war, in eine rein wirtschaftliche Forderung. Da lesen Sie nichts mehr von dem Ideal, das Lohnverhältnis abzuschaffen, da lesen Sie nur von Wirtschaftsforderungen.

[ 12 ] Well, you see, it was actually not until 1891, at the Erfurt Party Congress, that all Lassallianism—which was, after all, still based on people’s common sense—gave way to belief in the so-called “Erfurt Program,” which was intended to make Marxism the official ideology of the proletariat. Read through the programs of the Gotha and Eisenach party congresses, and you will find two demands that were genuinely proletarian for that time and are still connected to Lassallianism. The first demand was: the abolition of wage labor; the second demand was: political equality for all people, the abolition of all political privileges. All proletarian demands up until the 1890s, up until the Erfurt Party Congress that brought about the great turning point, stemmed from these two demands. Take a close look at these two demands, and compare them with the main demands of the Erfurt Party Congress. What, then, are the main demands of the Erfurt Party Congress? They are: the transfer of private ownership of the means of production to communal ownership; the administration of all goods production, of all production, by a kind of large cooperative into which the existing state must be transformed. Compare the former program—which was the proletarian program of the 1880s—with what emerged from the Erfurt Party Program and has existed since the 1890s. You will see that in the old Gotha and Eisenach programs, the demands of socialism are still purely human demands: political equality for all people, and the abolition of degrading wage labor. By the early 1890s, the mindset I have described to you—one that had emerged over the course of the 1880s—was already taking effect. What had previously been more of a humanistic demand was transformed into a purely economic demand. There is no longer any mention of the ideal of abolishing wage labor; you read only of economic demands.

[ 13 ] Nun, sehen Sie, diese Sachen hängen dann zusammen mit dem allmählichen Ausbilden der Idee, die man hatte über die äußerliche Herbeiführung eines besseren sozialen Zustandes der Menschheit. Es ist auch oftmals von solchen Leuten, die noch Ideale hatten, gesagt worden: Ach, was schadet es denn, wenn man alles kurz und klein schlägt, es muß ja eine andere Ordnung herbeigeführt werden; also, es muß eine Revolution kommen, es muß alles kurz und klein geschlagen werden, es muß der große Kladderadatsch kommen, denn nur daraus kann eine bessere Gesellschaftsordnung entstehen. - Das sagten noch manche Leute in den achtziger Jahren, die gute, idealistische Sozialisten waren. Denen wurde geantwortet von den anderen, die auf der Höhe der Zeit standen, die die Führer geworden waren diejenigen, die jetzt, wie ich sagte, begraben sind -, die sagten: Das hat alles keinen Sinn, solche plötzlichen Revolutionen sind sinnlos. Das einzige, was Sinn hat, das ist, daß wir den Kapitalismus sich selber überlassen. Wir sehen ja, früher gab es nur kleine Kapitalisten, dann sind es große geworden; sie haben sich zusammengetan mit anderen, sind zu Kapitalistengruppen geworden. Die Kapitalien haben sich immer mehr konzentriert. In diesem Prozeß sind wir drinnen, daß die Kapitalien immer mehr und mehr konzentriert werden. Dann wird die Zeit kommen, wo eigentlich nur noch einige wenige große kapitalistische Trusts, Konsortien vorhanden sind. Dann wird es nur noch notwendig sein, daß das Proletariat, als die nichtbesitzende Klasse, eines schönen Tages auf ganz friedliche Weise, auf parlamentarischem Wege, den Kapitalistenbesitz, die Produktionsmittel, überführt in den Gemeinschaftsbesitz. Das kann ganz gut gemacht werden, aber man muß abwarten. Bis dahin müssen sich die Dinge entwickeln. Der Kapitalismus, der eigentlich ein unschuldiges Kind ist, kann ja nichts dafür, daß er menschenschinderisch ist — das bringt die geschichtliche Notwendigkeit herauf. Er arbeitet aber auch vor, denn er konzentriert die Kapitalien; sie sind dann schön beieinander, dann brauchen sie nur übernommen zu werden von der Allgemeinheit. Nichts von rascher Revolution, sondern langsame Entwicklung.

[ 13 ] Well, you see, these things are connected to the gradual development of the idea people had about bringing about a better social condition for humanity through external means. It has also often been said by such people, who still had ideals: “Oh, what’s the harm in smashing everything to smithereens? A different order must be brought about; so, a revolution must come, everything must be smashed to smithereens, the great upheaval must come, for only from that can a better social order emerge.” - That’s what some people still said in the 1880s—people who were good, idealistic socialists. They were answered by others who were in step with the times, who had become the leaders—those who, as I said, are now buried—and they said: None of this makes any sense; such sudden revolutions are pointless. The only thing that makes sense is for us to let capitalism run its course. We can see, after all, that in the past there were only small capitalists, but then they became big; they joined forces with others and formed capitalist groups. Capital has become increasingly concentrated. We are in the midst of this process, in which capital is becoming more and more concentrated. Then the time will come when there will really be only a few large capitalist trusts and consortia left. Then it will simply be necessary for the proletariat, as the propertyless class, one fine day to peacefully, through parliamentary means, transfer capitalist property—the means of production—into communal ownership. This can be done quite well, but we must wait and see. Things must develop in this way until then. Capitalism, which is actually an innocent child, cannot help being exploitative—that is the result of historical necessity. But it also paves the way, for it concentrates capital; once it is all neatly gathered together, it need only be taken over by the general public. No rapid revolution, but rather a slow development.

[ 14 ] Sehen Sie, das Geheimnis der Anschauung, das öffentliche Geheimnis der Anschauung, das da zugrundeliegt, hat ja in den neunziger Jahren Engels schön auseinandergesetzt. Er hat gesagt: Wozu schnelle Revolutionen? Dasjenige, was langsam geschieht unter der Entwicklung des neueren Kapitalismus, dieses Zusammenrotten der Kapitalien, dieses Konzentrieren der Kapitalien, das arbeitet ja alles für uns. Wir brauchen nicht erst eine Gemeinsamkeit herzustellen, die Kapitalisten machen das schon. Wir brauchen es nur überzuführen in den proletarischen Besitz. Daher — sagt Engels haben sich eigentlich die Rollen vertauscht. Wir, die wir das Proletariat vertreten, haben uns ja gar nicht zu beklagen über die Entwicklung, die anderen haben sich zu beklagen. Denn die Kerle, die heute in den Kreisen der besitzenden Leute sind, die müssen sich sagen: Wir sammeln die Kapitalien an, aber für die anderen sammeln wir sie an. Seht, die Kerle müssen sich eigentlich sorgen, daß sie ihre Kapitalien verlieren; die kriegen eingefallene Backen, die werden dürr von diesen Sorgen, was da werden soll. Wir gedeihen gerade als Sozialisten sehr gut in dieser Entwicklung drin. Wir kriegen, sagt Engels, pralle Muskeln und volle Backen und sehen aus wie das ewige Leben. — Das sagt Engels in einer Einleitung, die er in den neunziger Jahren schrieb, indem er charakterisierte, wie es ganz recht ist, was sich da herausentwickelt, und wie man nur abzuwarten brauchte die Entwicklung, die eigentlich durch den Kapitalismus von selber besorgt wird. Diese Entwicklung mündet dann ein in die Überführung desjenigen, was der Kapitalismus erst konzentriert hat, in den Gemeinbesitz derer, die bisher nichts gehabt haben. - Das war eigentlich die Stimmung, in der das 20. Jahrhundert von den führenden Kreisen des Proletariats betreten worden ist.

[ 14 ] You see, the secret of this perspective—the public secret of this perspective that underlies it all—was beautifully explained by Engels back in the 1890s. He said: Why rush into revolutions? What is happening slowly as modern capitalism develops—this accumulation of capital, this concentration of capital—all of that works in our favor. We don’t need to create a common ground first; the capitalists are already doing that. We only need to transfer it into proletarian ownership. Therefore—says Engels—the roles have actually been reversed. We, who represent the proletariat, have no reason to complain about this development; it is the others who have cause to complain. For the guys who are part of the circles of the propertied classes today must tell themselves: We are accumulating capital, but we are accumulating it for others. You see, those guys actually have to worry about losing their capital; they get sunken cheeks, they waste away from these worries about what’s to come. We, as socialists, are actually thriving very well amid this development. “We’re getting,” says Engels, “plump muscles and full cheeks and look as if we’ve got eternal life.”—Engels says this in an introduction he wrote in the 1890s, in which he characterized—quite rightly—what is developing there, and how one need only wait for the development that capitalism itself actually brings about. This development then culminates in the transfer of what capitalism has first concentrated into the common ownership of those who previously had nothing. — That was, in fact, the spirit in which the 20th century was entered by the leading circles of the proletariat.

[ 15 ] Und so hat man gedacht, besonders seit der Zeit, in der der Marxismus nicht mehr so genommen worden ist wie in den neunziger Jahren, sondern als er einer Revision, wie man sagte, unterzogen worden ist, in der Zeit, als die Revisionisten auftraten, also diejenigen, die heute noch leben, aber alte Leute sind, wie zum Beispiel Bernstein. Da kamen also die Revisionisten. Die sagten, man kann die ganze Entwicklung etwas fördern, denn wenn die Arbeiter bloß arbeiten, bis die Kapitalisten alles zusammengescharrt haben, werden sie doch vorher noch Not leiden, namentlich im Alter haben sie nichts. Da wurden dann Versicherungen gemacht und so weiter; und vor allen Dingen sah man darauf, daß man dasjenige, was die führenden Klassen hatten als Einrichtungen im politischen Leben, daß man sich das auch aneignete. Sie wissen, damals entstand ja namentlich auch das gewerkschaftliche Leben. Und innerhalb der sozialistischen Partei waren das die zwei stark divergierenden Richtungen: die ausgesprochene Gewerkschaftspartei und die eigentliche, wie man damals sagte, politische Partei. Die politische Partei stand mehr auf dem Boden, eine plötzliche Revolution nütze nichts, die Entwicklung müsse so vor sich gehen, wie ich es eben beschrieben habe. Daher handle es sich darum, daß alles vorbereitet werde auf den einen Zeitpunkt, wo der Kapitalismus genügend konzentriert ist und das Proletariat in den Parlamenten die Majorität hat. Es müsse alles auf dem Wege des Parlamentarismus, der Aneignung der Majorität, fortgetrieben werden, damit an dem Zeitpunkte, wo die Produktionsmittel in den Gemeinbesitz übernommen werden sollten, dann auch die Majorität für diese Überführung da ist. Namentlich in dieser Gruppe von Leuten, die alles von der politischen Partei hielten, da hielt man am Ende des 19. Jahrhunderts nicht sehr viel von der gewerkschaftlichen Bewegung. Diese setzte sich in jener Zeit eben dafür ein, so eine Art Wettkampf in geordneter Art zwischen sich und den Unternehmern einzurichten, um von Zeit zu Zeit immer wieder von den Unternehmungen Lohnerhöhungen und ähnliche Dinge herauszubekommen. Kurz, man stellte sich so ein, daß man nachmachte jenes System gegenseitiger Verhandlungen, wie es unter den leiten a den, führenden Kreisen untereinander selbst vorhanden war, daß man dieses auch ausdehnte auf das Verhältnis zwischen den leitenden Kreisen und dem Proletariat. Sie wissen ja, daß ganz besonders angeklagt wurden von den Vertretern des eigentlich politischen sozialistischen Systems diejenigen, die dann am meisten bürgerlich wurden unter der Gewerkschaftsbewegung. Und am Ende der neunziger Jahre und am Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man überall sehen bei denjenigen, die mehr auf das politische System eingerichtet waren, die große Verachtung für jene Leute, die sich ganz eingefuchst hatten auf das gewerkschaftliche Leben, namentlich zum Beispiel die Buchdrucker, die wiederum ein ganz anderes System gewerkschaftlichen Lebens bis zum Extrem ausgebildet hatten.

[ 15 ] And that’s how people thought, especially since the time when Marxism was no longer taken as it had been in the 1890s, but rather when it underwent a “revision,” as they said—the time when the revisionists emerged, that is, those who are still alive today but are now elderly, such as Bernstein. So the revisionists came along. They said that one could accelerate the whole process somewhat, because if the workers just kept working until the capitalists had amassed everything, they would still suffer hardship beforehand—namely, they would have nothing in old age. So insurance programs were established and so on; and above all, the aim was to adopt the institutions that the ruling classes had established in political life. As you know, that was also the time when the labor movement emerged. And within the Socialist Party, there were two strongly divergent factions: the outspoken trade unionist faction and the actual—as it was called at the time—political party. The political party took the position that a sudden revolution would serve no purpose; development must proceed as I have just described. Therefore, the task was to prepare everything for the moment when capitalism was sufficiently concentrated and the proletariat held a majority in the parliaments. Everything had to be driven forward through the path of parliamentarism—the acquisition of a majority—so that, at the moment when the means of production were to be transferred to public ownership, the majority necessary for this transition would already be in place. Particularly among this group of people, who placed great stock in the political party, there was not much regard for the labor union movement at the end of the 19th century. At that time, the labor union movement was committed to establishing a kind of orderly competition between itself and the employers in order to secure wage increases and similar concessions from the companies from time to time. In short, the approach was to emulate the system of mutual negotiations that existed among the leading circles themselves, and to extend this to the relationship between the leading circles and the proletariat. As you know, it was precisely those within the labor movement who became the most bourgeois who were most strongly criticized by the representatives of the strictly political socialist system. And at the end of the 1890s and the beginning of the 20th century, one could see everywhere among those who were more oriented toward the political system a great contempt for those people who had become completely immersed in trade union life—namely, for example, the book printers, who in turn had developed a completely different system of trade union life to the extreme.

[ 16 ] Das waren zwei ganz streng voneinander geschiedene Richtungen im sozialen Leben: die Gewerkschafter und diejenigen, die mehr der politischen Partei zuneigten. Und innerhalb der Gewerkschaften waren ja die Buchdrucker im Buchdruckerverband geradezu die Musterknaben; sie waren diejenigen Musterknaben, die sich ja auch die volle Anerkennung der bürgerlichen Kreise erworben hatten. Und ich glaube, daß ebenso, wie man eine gewisse Angst gehabt hat, eine gewisse Sorge gehabt hat über die politische sozialistische Partei, so hat man nach und nach mit großer Befriedigung heraufkommen sehen solche braven Leute wie die Leute im Buchdruckerverband. Von denen sagte man sich: Die verbürgerlichen sich, mit denen kann man immer verhandeln, das geht ganz gut. Wenn die aufschlagen mit ihren Löhnen, dann schlagen wir auf mit unseren Preisen, die wir fordern. Das geht. - Und, nicht wahr, für die nächsten Jahre ging es auch, und weiter denken die Leute ja auch nicht. Also da war man mit dieser musterhaften Ausbildung der gewerkschaftlichen Entwicklung sehr zufrieden. Nun ja, wenn ich einiges auslasse, was mehr Nuancen sind, kann man sagen, daß sich dann diese beiden Richtungen mehr oder weniger herausgebildet haben bis in die Zeiten, die dann überrascht worden sind von der Weltkriegskatastrophe. Aber da haben die Leute leider von dieser Weltkriegskatastrophe ja nicht alles gelernt, was mit Bezug auf die soziale Frage eigentlich hätte gelernt werden sollen.

[ 16 ] These were two very distinct currents in social life: the trade unionists and those who leaned more toward the political party. And within the trade unions, the book printers in the Book Printers’ Association were, in fact, the model members; they were the very model members who had also earned the full recognition of bourgeois circles. And I believe that just as there was a certain fear, a certain concern about the political Socialist Party, so too did people gradually come to view with great satisfaction the emergence of such upstanding people as those in the Printers’ Union. People said of them: “They’re becoming bourgeois; you can always negotiate with them—it works out quite well.” If they raise their wages, then we’ll raise our prices—the ones we demand. That works. —And, isn’t that right, it worked for the next few years, and people don’t think any further ahead than that anyway. So people were very satisfied with this exemplary model of trade union development. Well, if I leave out a few of the finer nuances, one could say that these two tendencies more or less took shape right up until the times that were then taken by surprise by the catastrophe of the World War. But unfortunately, people didn’t learn everything from that catastrophe that they actually should have learned with regard to the social question.

[ 17 ] Nicht wahr, sobald man nun betrachtet die Verhältnisse im Osten von Europa, in Mitteleuropa, wenn man absieht von der eigentlich anglo-amerikanischen Welt und zum Teil auch von der romanischen Welt, wenn man sich also auf Mittel- und Osteuropa beschränkt, so kann man sagen, mit dieser Geschichte ist eigentlich nichts Rechtes geworden, die man immer so definiert hat: Die Kapitalien konzentrieren sich, und, wenn man in den Parlamenten die Majorität haben wird, dann werden die Kapitalien in den Besitz der Gemeinschaft übergeführt werden und so weiter. - Daß das nicht so glatt erwartet werden kann heute, dafür hat die Weltkriegskatastrophe gesorgt. Diejenigen sind ja oftmals als kindisch hingestellt worden, die irgendeine Revolution erwartet haben, aber im Grunde genommen, was ist denn geschehen in den letzten vier bis fünf Jahren? Halten wir uns das ganz klar und deutlich vor Augen, was geschehen ist. Nicht wahr, Sie haben es ja auch öfter gehört, was in den letzten vier bis fünf Jahren geschehen ist: Im Juli 1914 sind die Regierungen ein bißchen «verdreht» geworden - oder stark «verdreht» geworden - und haben die Leute in den Weltkrieg gehetzt. Da haben die Leute geglaubt, es sei ein Weltkrieg da, es haben Schlachten stattgefunden - aber mit den modernen Kriegsmitteln, mit den Maschinenmitteln, war etwas ganz anderes da als in früheren Kriegen. Es ist doch keine Möglichkeit mehr da gewesen, daß irgendeiner ein besonders berühmter Feldherr wurde, denn schließlich kam es nur darauf an, ob eine Partei die größere Menge an Munition hatte und sonstige Mittel der Kriegführung, ob eine Partei die mechanischen Kriegsmittel besser herstellte als die andere oder ein Gas entdeckt hatte und dergleichen, das die anderen nicht hatten. Erst siegte der eine, dann entdeckte der andere wieder etwas, dann wieder der erste; das Ganze war eine furchtbar mechanische Kriegführung. Und alles, was geredet worden ist über dasjenige, was da und dort geschehen ist von seiten der Menschen, das war unter dem Einfluß der Phrase geschehen, es war durchaus Phrase. Und nach und nach wird die moderne Menschheit einsehen, auch in Mitteleuropa, was alles als Phrase drinnengesteckt hat, wenn der eine oder andere, der eigentlich nichts anderes war als ein etwas verdrehter Durchschnittssoldat, zu einem großen Feldheren gemacht worden ist in Mitteleuropa. Diese Dinge sind nur unter dem Einfluß der Phrase möglich geworden. Nun ja, das war eben so.

[ 17 ] Isn’t it true that, when one considers the situation in Eastern Europe and Central Europe—setting aside the Anglo-American world and, to some extent, the Romance-speaking world as well—that is, when one limits oneself to Central and Eastern Europe—one can say that this narrative, which has always been defined as follows, has not really come to anything: Capital will become concentrated, and once a majority is secured in the parliaments, that capital will be transferred to public ownership, and so on. —The catastrophe of the World War has ensured that this cannot be expected to happen so smoothly today. Those who expected some kind of revolution have often been portrayed as childish, but when you get right down to it, what has actually happened in the last four to five years? Let’s keep in mind very clearly and distinctly what has happened. After all, you’ve heard it often enough yourselves—what has happened in the last four to five years: In July 1914, the governments went a little “off the rails”—or went very “off the rails”—and drove the people into the World War. People believed there was a World War going on; battles took place—but with modern means of warfare, with mechanized forces, it was something entirely different from earlier wars. There was simply no longer any possibility for anyone to become a particularly famous general, because in the end it all came down to whether one side had a greater supply of ammunition and other means of waging war, whether one side manufactured mechanical weapons of war better than the other, or had discovered a gas or something similar that the others did not have. First one side won, then the other discovered something new, then the first again; the whole thing was a terribly mechanical form of warfare. And everything that was said about what happened here and there on the part of people took place under the influence of empty rhetoric—it was nothing but empty rhetoric. And little by little, modern humanity will come to realize—even in Central Europe—just how much of it was mere rhetoric when one person or another, who was really nothing more than a somewhat eccentric average soldier, was elevated to the status of a great field marshal in Central Europe. These things became possible only under the influence of rhetoric. Well, that’s just how it was.

[ 18 ] Nun, was ist denn aber in Wirklichkeit geschehen? Das haben die Leute vor lauter äußeren Ereignissen nicht gemerkt. Während die Leute glaubten, daß ein Weltkrieg geführt worden sei — der eigentlich nur eine Maske war -, hat sich in Wirklichkeit eine Revolution vollzogen. In Wirklichkeit ist eine Revolution geschehen in diesen vier bis fünf Jahren. Das wissen die Leute heute nur noch nicht, das beachten sie heute noch nicht. Der Krieg ist die Außenseite, die Maske; die Wahrheit ist die, daß sich die Revolution vollzogen hat. Und weil sich die Revolution vollzogen hat, ist heute die Gesellschaft Mittel- und Osteuropas in einer ganz anderen Verfassung, und man kann nichts anfangen mit dem, was die Leute bedacht hatten für frühere Lagen. Heute ist es notwendig, daß all die Gedanken, die man sich früher gemacht hat, ganz neu geordnet werden, daß man ganz neu über die Dinge denkt. Und das ist versucht worden mit dem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage»: ganz richtig zu rechnen mit der Lage, in die wir gekommen sind durch die allerjüngsten Ereignisse. Daher ist es kein Wunder, daß die Menschen in den sozialistischen Parteien, die nicht schnell genug mitkommen können, diesem Buch Mißverständnis über Mißverständnis entgegenbringen. Wenn die Menschen nur einmal sich darauf einließen, ihre eigenen Gedanken zu prüfen - ein bißchen zu prüfen dasjenige, wovon sie sagen, daß sie es wollen -, dann würden sie sehen, wie sehr sie leben unter dem Einfluß der Ideen, die sie sich bis zum Jahre 1914 gemacht haben. Das ist die alte Gewohnheit.

[ 18 ] Well, what actually happened? People didn’t notice it because they were so preoccupied with external events. While people believed that a world war had been fought—which was really just a mask—a revolution actually took place. In reality, a revolution has taken place over the past four to five years. People simply don’t know that yet; they haven’t taken notice of it yet. The war is the outward appearance, the mask; the truth is that the revolution has taken place. And because the revolution has taken place, society in Central and Eastern Europe is today in a completely different state, and the plans people had made for earlier situations are now useless. Today it is necessary to completely reorganize all the ideas that were formed in the past and to think about things in an entirely new way. And this is what has been attempted in the book *The Key Points of the Social Question*: to take full account of the situation into which we have been brought by the most recent events. It is therefore no wonder that people in the socialist parties, who cannot keep up fast enough, respond to this book with one misunderstanding after another. If only people would take the time to examine their own thoughts—to examine, even just a little, what they say they want—then they would see how deeply they are influenced by the ideas they formed up until the year 1914. That is the old habit.

[ 19 ] Nicht wahr, diese Ideen, die man bis 1914 gehabt hat, die haben sich so eingefressen in die Umgebung der Menschen, daß sie jetzt nicht wieder herauskommen. Und was ist die Folge? Die Folge ist: Trotzdem heute ein neues Handeln notwendig ist, trotzdem sich die Revolution vollzogen hat in Ost- und Mitteleuropa, trotzdem wir heute notwendig haben, einen Aufbau zu vollziehen - nicht nach alten Ideen, sondern nach neuen Ideen -, trotz alledem predigen die Leute die alten Ideen. Und was sind heute die Parteien, auch die sozialistischen Parteien? Die sozialistischen Parteien sind diejenigen, die in der alten Weise, wie sie bis zum Juli 1914 gepredigt haben, dieses oder jenes sozialistische Evangelium auch heute weiter predigen, denn ein Unterschied ist bei diesen Parteiprogrammen nicht gegenüber den früheren — höchstens der Unterschied, der von außen kommt. Für den, der die Dinge kennt, für den wird in der einzelnen Parteigruppierung furchtbar wenig Neues, Ja gar nichts Neues gesagt. Die alten Ladenhüter von Gedanken werden auch heute noch verzapft. Nun ja, es ist ja ein bißchen ein Unterschied: Wenn man einen kupfernen Kessel hat und klopft daran, dann klingt es; klopft man genauso auf ein hölzernes Faß, dann klingt es anders; aber das Klopfen kann ganz dasselbe sein. Es hängt dann von dem ab, worauf man klopft, ob es anders klingt. Und so ist es heute, wenn die Leute ihre Parteiprogramme verzapfen. Das, was in diesen alten Parteiprogrammen enthalten ist, das ist eigentlich der alte Parteiladenhüter; nur weil jetzt andere soziale Verhältnisse da sind, klingt es heute etwas anders, so wie es anders klingt bei einem kupfernen Kessel oder bei einem hölzernen Faß. Wenn die Unabhängigen Sozialisten oder die Mehrheitssoziualisten oder die Kommunisten reden - sie reden eben alte Parteiphrasen, und es klingt anders, weil nicht ein kupferner Kessel, sondern ein hölzernes Faß da ist. In Wahrheit hat man auf vielen Seiten eben gar, gar, gar nichts gelernt. Aber darauf kommt es an, daß man etwas lernt, daß einem dieser furchtbare Weltkrieg, wie man ihn nennt, der aber eigentlich eine Weltrevolution war, irgend etwas sagt.

[ 19 ] Isn't it true that these ideas people held until 1914 have become so deeply ingrained in people's minds that they can't be shaken off now? And what is the result? The result is this: Even though new action is necessary today, even though the revolution has taken place in Eastern and Central Europe, even though we must now carry out a reconstruction—not based on old ideas, but on new ones—despite all this, people continue to preach the old ideas. And what are the parties today, including the socialist parties? The socialist parties are those that continue to preach this or that socialist gospel today in the same old way they did up until July 1914, for there is no difference between these party platforms and the earlier ones—at most, a difference that comes from outside. To those who know the facts, it is clear that within the individual party factions, very little new—indeed, nothing new at all—is being said. The same old stale ideas are still being peddled today. Well, there is a slight difference: if you have a copper kettle and tap on it, it makes a certain sound; if you tap on a wooden barrel in exactly the same way, it sounds different; but the tapping itself can be exactly the same. It depends on what you’re tapping on whether it sounds different. And that’s how it is today when people regurgitate their party platforms. What’s contained in these old party platforms is actually the party’s old stock-in-trade; it’s just that, because social conditions are different now, it sounds a little different today, just as it sounds different when you tap a copper kettle or a wooden barrel. When the Independent Socialists or the Majority Socialists or the Communists speak—they’re just spouting old party platitudes, and it sounds different because there’s a wooden barrel there instead of a copper kettle. In truth, on many sides, people have learned absolutely, absolutely, absolutely nothing. But what matters is that we learn something, that this terrible World War—as it is called, though it was actually a world revolution—means something to us.

[ 20 ] Und da kann man wirklich schon sagen: In den breitesten Massen ist man vorbereitet darauf, etwas Neues zu hören. Aber bei den breiten Massen ist das so: Da wird zugehört dem, was die Führer sagen. Es ist ein gutes Verständnis da, ein guter, gesunder Menschenverstand in den breiten, unverbildeten Massen, und man konnte eigentlich immer auf Verständnis rechnen, wenn man etwas richtig Zeitgemäßes, etwas im besten Sinne des Wortes zeitgemäß zu Nennendes vorbringt. Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, daß die Massen unverbildet sind. Aber sobald sich die Menschen in die Art der Schulung hineinbegeben, die man haben kann seit den letzten drei bis vier Jahrhunderten, da hört diese Eigenschaft des Unverbildetseins auf. Wenn man dasjenige, was die heutige bürgerliche Schulbildung ist, von der Volksschule bis hinauf zur Universität, betrachtet — und am ärgsten wird es sein, wenn jetzt die sozialistische Einheitsschule gegründet wird, da wird alles im größten Maße vorhanden sein, was von der bürgerlichen Volksschule verbrochen worden ist —, da sieht man: Was da verzapft wird in den Schulen, das verbildet die Köpfe, das macht sie dem Leben fremd. Man muß aus dem ganzen Zeug herauskommen, man muß sich wirklich im geistigen Leben auf eigene Beine stellen, wenn man aus dieser Verbildung herauskommen will. Aber sehen Sie, durch diese Verbildung sind die großen und kleinen proletarischen Führer so geworden. Sie mußten sich diese Bildung aneignen; diese Bildung steckt in unseren Schulen und in den populären Schriften, überall steckt sie drinnen. Und da fängt man dann an, so ein vertrocknetes Gehirn zu kriegen und nicht mehr für die Tatsachen zugänglich zu sein, sondern bei Parteiprogrammen und Meinungen, die man sich eingepfropft und eingehämmert hat, bei denen bleibt man stehen. Da kann dann selbst die Weltrevolution kommen, man pfeift immer noch die alten Programme darauf los.

[ 20 ] And you can really say this: The broad masses are prepared to hear something new. But with the broad masses, it’s like this: They listen to what their leaders say. There is a good understanding there, a sound, healthy common sense among the broad, unspoiled masses, and one could actually always count on understanding when presenting something truly contemporary—something that can be called contemporary in the best sense of the word. This is partly due to the fact that the masses are unspoiled. But as soon as people enter the kind of educational system that has existed for the last three to four centuries, this quality of being unspoiled ceases to exist. If one considers what today’s bourgeois school education is—from elementary school all the way up to the university—and it will be worst of all once the socialist unified school system is established, for then everything that has been perpetrated by the bourgeois elementary school will be present to the greatest extent—then one sees: What is drummed into students in schools distorts their minds and alienates them from life. One must break free from all this stuff; one must truly stand on one’s own two feet in intellectual life if one wants to escape this distortion. But you see, it is through this distortion that the proletarian leaders, both great and small, have become what they are. They had to assimilate this education; this education is embedded in our schools and in popular writings—it is everywhere. And that’s when you start to develop such a withered mind and become impervious to the facts; instead, you get stuck on party platforms and opinions that have been instilled and hammered into you—that’s where you remain. Even if the world revolution were to come, you’d still just spout the old platforms.

[ 21 ] Sehen Sie, dieses Schicksal hat im wesentlichen dasjenige erfahren, was mit diesem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage» und den Vorträgen in vieler Richtung gewollt worden ist. Da wurde einmal wirklich mit dem gerechnet, was das Proletariat heute unbedingt braucht, was notwendig ist aus der Zeitlage heraus. Das verstand man auch anfangs [im Proletariat], aber dann verstanden es diejenigen nicht, die die Führer des Proletariats in den verschiedenen Parteigruppierungen sind. Das heißt, ich will ja nicht allzu ungerecht sein, und ich will nicht die Wahrheit pressen; ich will nicht behaupten, daß zum Beispiel diese Führer dieses Buch nicht verstehen, denn ich kann nicht annehmen, daß sie es gelesen haben, daß sie es kennen. Ich würde nicht etwas Richtiges behaupten, wenn ich sagte: sie können das Buch nicht verstehen. Aber sie können sich überhaupt nicht entschließen zu verstehen, daß etwas anderes notwendig sein soll, als das, was sie seit Jahrzehnten denken. Dazu ist ihr Gehirn zu trocken, zu steif geworden. Und daher bleiben sie stehen bei dem, was sie seit langer Zeit gedacht haben und finden, daß dasjenige, was das Gegenteil von aller Utopie ist, daß das eine Utopie sei. Denn sehen Sie, das Buch «Die Kernpunkte» rechnet voll damit, daß man heute nicht mehr im Sinne der Saint-Simon, Fourier, Proudhon und so weiter in Utopien sich bewegen kann, aber auch damit, daß man nimmermehr sich auf den Standpunkt stellen kann: Die Entwicklung wird es schon von selber geben. Denn das, was Marx und Engels gesehen haben, was sich [zu ihren Zeiten] entwickelte, woraus sie ihre Schlüsse gezogen haben, aus dem kann man heute nicht mehr Schlüsse ziehen, denn das hat der Weltkrieg weggefegt, das ist in seiner wahren Gestalt nicht mehr da. Wer heute dasselbe sagt wie Marx und Engels, der sagt etwas, was Marx niemals gesagt hätte. Dem ist angst und bange geworden gerade vor seinen Anhängern, denn er hat gesagt: Was mich anbetrifft, ich bin kein Marxist. — Und heute würde er sagen: Damals waren die Tatsachen noch andere; damals habe ich meine Schlüsse gezogen aus Tatsachen, die noch nicht so modifiziert, so verändert worden sind, wie der Weltkrieg alles verändert hat nachher.

[ 21 ] You see, this cause has essentially experienced what was intended in many respects by the book *The Key Points of the Social Question* and the lectures. At one point, there was a genuine focus on what the proletariat absolutely needs today—what is necessary given the current circumstances. This was understood at first [among the proletariat], but then those who are the leaders of the proletariat in the various party factions failed to grasp it. That is to say, I don’t want to be too unfair, and I don’t want to twist the truth; I don’t want to claim, for example, that these leaders don’t understand this book, because I cannot assume that they have read it or are familiar with it. I would not be stating the truth if I said: they cannot understand the book. But they cannot bring themselves to understand at all that something other than what they have been thinking for decades is necessary. Their minds have become too dry, too rigid for that. And so they cling to what they have long believed and consider that which is the opposite of all utopia to be a utopia. For you see, the book *The Key Points* fully anticipates that today one can no longer engage in utopias in the sense of Saint-Simon, Fourier, Proudhon, and so on, but also that one can never again take the position that development will simply happen on its own. For what Marx and Engels observed—what was unfolding [in their time], from which they drew their conclusions—can no longer serve as a basis for conclusions today, because the World War has swept it away; it no longer exists in its true form. Anyone who says the same thing today as Marx and Engels is saying something that Marx would never have said. He became anxious and fearful, especially in front of his followers, for he said: “As for me, I am no Marxist.” — And today he would say: “Back then, the facts were still different; back then, I drew my conclusions from facts that had not yet been so modified, so altered, as the World War subsequently changed everything.”

[ 22 ] Aber sehen Sie, diejenigen Menschen, die nichts lernen können von den Ereignissen, die heute von einer Gesinnung sind, wie die alten Katholiken ihren Bischöfen und Päpsten gegenüber waren, die können sich gar nicht denken, daß so etwas, wie es der Marxismus ist, auch fortentwickelt werden muß im Sinne der Tatsachen. Sie sehen immer noch die alten Tatsachen vor sich, und deshalb pfeifen und fauchen die l.eute noch immer dasselbe, was sie gepfiffen und gefaucht haben vor dem Weltkrieg. So machen es die Sozialisten, aber auch die Bürgerlichen. Die weitesten Kreise machen es so. Die Bürgerlichen machen es natürlich ganz schläfrig, mit völlig verschlafener Seele, die anderen machen es so, daß sie allerdings mitten drinnen stehen und den Zusammenbruch sehen, daß sie aber nicht mit den Tatsachen, die sich dadurch offenbaren, rechnen wollen. Wir haben eben heute notwendig, daß etwas Neues unter die Menschen kommt. Und deshalb ist es nötig, so etwas zu verstehen [wie die Dreigliederung], die keine Utopie ist, sondern die gerade mit den Tatsachen rechnet. Wenn von jener Seite dasjenige, was so mit den Tatsachen rechnet, Quertreiberei genannt wird, so könnte man eigentlich ganz zufrieden sein. Denn wenn die Leute das, was sie vorwärtstreiben, eine gerade Linie nennen, dann muß man, um etwas Vernünftiges zu betreiben, in die Quere hineinschießen, um das Unvernünftige in andere, in vernünftige Richtung zu bringen. Aber sehen Sie, diejenigen, die das Vernünftige doch noch einsehen, die sollten sich vertiefen in das, was hier vorgebracht wird. Und dazu können ja diese Abende da sein.

[ 22 ] But you see, those people who cannot learn anything from current events—who have the same mindset as the old Catholics did toward their bishops and popes—cannot even conceive that something like Marxism must also evolve in light of the facts. They still see the old realities before them, and that is why these people are still whistling and hissing the same things they whistled and hissed before the World War. This is how the socialists act, but so do the bourgeoisie. The broadest circles act this way. The bourgeoisie, of course, do this in a completely lethargic way, with a thoroughly slumbering soul; the others do it in such a way that, while they are indeed right in the thick of it and see the collapse, they refuse to reckon with the realities that are thereby revealed. What we need today is for something new to take hold among people. And that is why it is necessary to understand something like this [the threefold social order], which is no utopia but rather takes the facts into account. If, from that side, what takes the facts into account in this way is called obstructionism, then one could actually be quite satisfied. For if people call what they are pushing forward a “straight line,” then, in order to pursue something reasonable, one must cut across it to steer the unreasonable in a different, reasonable direction. But you see, those who do come to recognize what is reasonable should delve deeply into what is being presented here. And these evening gatherings can certainly serve that purpose.

[ 23 ] Nicht wahr, es ist ja längst dasjenige, was da aus den Tatsachen herausgeholt wird, versucht worden, in die Praxis hineinzutragen. Und so haben wir uns seit Wochen versammelt - ich brauche alle diese Dinge nicht zu wiederholen, Sie können ja auch im Anschluß an diesen Vortrag noch Fragen stellen oder pro und contra diskutieren —, wir haben uns seit Wochen versammelt, um das, was wir Betriebsräteschaft nennen, auf die Beine zu bringen. Wir haben versucht, diese Betriebsräteschaft aus den gegenwärtig notwendigen Tatsachen heraus zu schaffen, wirklich so sie zu schaffen, daß sie aus dem bloßen Wirtschaftsleben kommen, daß sie nicht kommen aus dem politischen Leben, das nicht die Grundlage des Wirtschaftslebens abgeben kann. Denn man muß, wenn man heute den Tatsachen ins Auge schaut, streng stehen auf dem Boden des dreigliedrigen sozialen Organismus. Und derjenige, der heute diese Dreigliederung nicht will, der handelt der geschichtlichen Notwendigkeit der Menschheitsentwicklung entgegen. Heute muß das so sein, wie ich es oftmals ausgeführt habe: daß das geistige Leben auf sich gestellt wird, daß das wirtschaftliche Leben auf sich gestellt wird, daß das Rechts- oder politische Leben demokratisch verwaltet wird. Und im wirtschaftlichen Leben soll der erste Anfang zu einer wirklich sozialen Gestaltung mit den Betriebsräten gemacht werden. Wodurch kann aber das nur geschehen? Nur dadurch, daß man zuerst die Frage aufstellt: Nun ja, da ist der Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus, der ist neu gegenüber allen früheren Parteimumien; ist noch etwas anderes Neues da? Blödlinge behaupten heute, daß die Ideen nur so durch die Luft schwirren würden. Hört man die Diskussionen an, so bringen sie allerlei Negatives, aber sie bringen nichts, was der Dreigliederung des sozialen Organismus an die Seite zu stellen wäre. Das ist alles Wischi-waschi, wenn da von sozialistischer Seite herkommt, daß die Ideen nur so in der Luft hängen — wie das gesagt worden ist in einer neu begründeten Zeitschrift in einer Besprechung der Dreigliederung.

[ 23 ] Isn’t it true that what has long been derived from the facts has been attempted to be put into practice? And so we have been meeting for weeks—I don’t need to repeat all these things; you can, of course, ask questions or discuss the pros and cons after this lecture—we have been meeting for weeks to get what we call the works council up and running. We have tried to create this works council system based on the realities that are currently necessary—truly to create it in such a way that it arises from economic life itself, rather than from political life, which cannot serve as the foundation for economic life. For when one looks the facts in the face today, one must stand firmly on the ground of the threefold social organism. And anyone who today rejects this threefold social order is acting contrary to the historical necessity of human development. Today, it must be as I have often explained: that spiritual life stands on its own, that economic life stands on its own, and that legal or political life is administered democratically. And in economic life, the first step toward a truly social structure should be taken with works councils. But how can this happen? Only by first asking the question: Well, there is the impulse of the threefold social organism, which is new compared to all the old party relics; is there anything else new? Fools claim today that these ideas are just floating around in the air. If you listen to the discussions, they bring up all sorts of negative points, but they offer nothing that could be set alongside the threefold social order. It’s all wishy-washy when the socialist side claims that ideas are just floating around in the air—as was stated in a newly founded journal in a review of the threefold social order.

[ 24 ] Es handelt sich erstens darum, daß man die Frage aufwirft und sich darüber klar wird: Ist nichts anderes da? Dann hält man sich zunächst an die Dreigliederung des sozialen Organismus, bis man sie in sachlicher Weise widerlegen kann, bis man sachlich Gleichwertiges daneben stellen kann. Über die alten Parteiprogramme kann man nicht mehr diskutieren, darüber hat der Weltkrieg diskutiert; wer wirklich Verständnis hat, der weiß, daß diese alten Parteimumien durch die Weltkriegskatastrophe widerlegt sind. Dann aber, wenn man diese Frage nicht dadurch beantworten kann, daß man etwas sachlich Gleichwertiges daneben stellt, und wenn man weitergehen will, dann kann man ehrlich sich sagen: Also arbeiten wir im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus. Sagen wir uns ehrlich: Die alten Parteizusammenhänge haben ihre Bedeutung verloren; es muß im Sinne der Dreigliederung gearbeitet werden.

[ 24 ] First of all, it is a matter of raising the question and coming to terms with it: Is there nothing else? Then one adheres, for the time being, to the threefold social order until one can refute it objectively, until one can present an objectively equivalent alternative alongside it. We can no longer discuss the old party platforms; the World War has already settled that. Anyone who truly understands knows that these old party relics have been refuted by the catastrophe of the World War. But then, if one cannot answer this question by presenting something objectively equivalent alongside it, and if one wants to move forward, one can honestly say to oneself: So let us work in the spirit of the threefold social order. Let’s be honest with ourselves: The old party structures have lost their significance; we must work in accordance with the threefold social order.

[ 25 ] Als ich vorgestern in Mannheim gesprochen habe, trat zuletzt ein Herr auf, der sagte: Was da der Steiner gesagt hat, ist schön, aber es ist nicht das, was wir wollen; wir wollen nicht zu allen alten Parteien noch eine neue Partei. Die Leute, die so etwas wollen, die sollen in die alten Parteien eintreten und darin wirken. - Ich konnte darauf nur sagen: Ich habe das politische Leben längst sehr genau verfolgt, als der Herr, der da sprach, noch lange nicht geboren war. Und ich habe, trotzdem ich mit allem bekanntgeworden bin durch mein Leben, was sozial irgendwie als Kraft funktionierte, ich habe doch niemals innerhalb irgendeiner Partei gewirkt oder darinnen stehen können, und es fällt mir nicht ein, jetzt, am Ende meines sechsten Lebensjahrzehnts, irgendwie ein Parteimensch zu werden: Weder mit einer andern Partei noch mit einer selbstgegründeten möchte ich irgend etwas zu tun haben. Also auch nicht mit einer selbstgegründeten Partei möchte ich etwas zu tun haben; das braucht niemand zu fürchten, daß durch mich eine neue Partei gegründet wird. Denn daß jede Partei durch Naturnotwendigkeit nach einiger Zeit töricht wird, das habe ich gelernt, gerade indem ich mich niemals mit irgendeiner Partei eingelassen habe. Und ich habe gelernt, die Leute zu bedauern, die das nicht durchschauen. Daher braucht niemand zu fürchten, daß zu den alten Parteien eine neue Partei kommt. Deshalb ist auch von uns nicht eine neue Partei gegründet worden, sondern der Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus hat sich zusammengeschlossen, um die Ideen des dreigliedrigen Organismus zu vertreten, deren nicht-utopistischer Charakter, deren Wirklichkeitscharakter eben doch von einer Anzahl von Menschen durchschaut wird. Die Menschen, die das einsehen, die sollten aber auch ehrlich und aufrichtig sich dazu bekennen.

[ 25 ] When I spoke in Mannheim the day before yesterday, a gentleman came forward at the end and said: “What Mr. Steiner said is fine, but it’s not what we want; we don’t want yet another new party on top of all the old ones. People who want something like that should join the old parties and work within them.”—To that I could only say: I have been following political life very closely for a long time—long before the gentleman who spoke there was even born. And although I have, through my life, become familiar with everything that has functioned as a social force in one way or another, I have never been active within any party or been able to belong to one, and it does not occur to me now, at the end of my sixth decade of life, to become a party person in any way: I do not wish to have anything to do with another party, nor with one I might found myself. So I do not wish to have anything to do with a party I might found myself either; no one need fear that a new party will be founded through me. For I have learned—precisely because I have never become involved with any party—that every party, by a natural necessity, becomes foolish after a certain time. And I have learned to pity those who fail to see this. Therefore, no one need fear that a new party will join the old ones. That is also why we have not founded a new party; rather, the League for the Threefold Social Order has come together to represent the ideas of the threefold social order, whose non-utopian character—whose realistic character—is, after all, understood by a number of people. Those who recognize this, however, should also honestly and sincerely commit themselves to it.

[ 26 ] Denn auch das darf nicht geschehen: Es gibt ein Theaterstück, da kräht ein Hahn in der Früh, und immer, wenn der Hahn gekräht hat, geht die Sonne auf. Nun ja, der Hahn kann nicht den Zusammenhang durchschauen, daher glaubt er, wenn er kräht, dann folge die Sonne seinem Ruf, sie komme, weil er gekräht hat, er habe bewirkt, daß die Sonne aufgeht. - Wenn schließlich jemand im nicht-sozialen Leben sich einer solchen Täuschung hingibt, wie dieser Hahn, der auf dem Mist kräht und die Sonne aufgehen machen will, so macht es nichts. Wenn aber unter Umständen es hier geschehen würde, daß die Idee der wirklich wirtschaftlichen Betriebsräte gedeiht auf dem Boden des dreigliedrigen Organismus und diejenigen Menschen, die das pflegen, verleugnen wollten etwa den Ursprung, nämlich daß der Impuls der Dreigliederung diese Idee in Fluß gebracht hat, und wenn diese Menschen glauben, weil man gekräht habe, kämen die Betriebsräte, dann wäre das derselbe Irrtum, und zwar ein sehr verhängnisvoller Irrtum. Das darf aber nicht kommen. Das, was in dieser Richtung [der Betriebsräte] geschieht, was in Angriff genommen worden ist hier, das darf nicht losgelöst werden, es muß im Zusammenhang bleiben mit dem richtig verstandenen Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus. Und diejenigen, die im Sinne dieses Impulses die Betriebsräteschaft verwirklichen wollen, die können sich niemals darauf einlassen, daß etwa in einseitiger Weise bloß die Betriebsräteschaft gegründet würde und immer nur gekräht würde «Betriebsräte, Betriebsräte». Damit ist es nicht genug. Das hat nur einen Sinn, wenn man zugleich anstrebt alles, was durch den Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus angestrebt werden soll. Das ist es, worauf es ankommt. Denn wollen Sie wirklich das verstehen, was in den «Kernpunkten» steht, dann müssen Sie sich auf den Standpunkt stellen, den man lernen kann aus den Tatsachen, die die letzten vier bis fünf Jahre geboten haben. Wer diese Tatsachen durchschaut, auf den wirken sie so, als wenn er Jahrhunderte durchlebt hätte, und auf den wirken die Parteiprogramme so, als wenn ihre Träger Jahrhunderte geschlafen hätten. Heute muß dieses klar und rückhaltlos ins Auge gefaßt werden.

[ 26 ] Because that, too, must not happen: There is a play in which a rooster crows in the morning, and whenever the rooster crows, the sun rises. Well, the rooster cannot grasp the connection, so he believes that when he crows, the sun follows his call; it comes because he has crowed; he has caused the sun to rise. —If, after all, someone in non-social life succumbs to such a delusion as this rooster, who crows on the manure heap and wants to make the sun rise, it doesn’t matter. But if, under certain circumstances, it were to happen here that the idea of truly economic works councils were to flourish on the foundation of the threefold social order, and those people who foster this were to deny, for example, its origin—namely, that the impulse for the threefold social order set this idea in motion—and if these people were to believe that the works councils came about simply because they had crowed, then that would be the same error—and a very fateful one at that. But that must not happen. What is happening in this direction [of the works councils], what has been undertaken here, must not be detached; it must remain connected to the correctly understood impulse of the threefold organization of the social organism. And those who wish to realize the works council system in the spirit of this impulse can never agree to a situation where, for example, the works council system is established in a one-sided manner and people simply keep chanting “works councils, works councils.” That is not enough. It only makes sense if, at the same time, one strives for everything that the impulse toward the threefold social organism aims to achieve. That is what matters. For if you truly wish to understand what is written in the “Key Points,” then you must adopt the perspective that can be learned from the facts of the past four to five years. To those who see through these facts, they seem as if they had lived through centuries, and the party platforms seem as if their proponents had been asleep for centuries. Today, this must be faced clearly and unreservedly.

[ 27 ] Das, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, das hätte ich natürlich ebensogut als Vorrede in dieses Buch schreiben können. Allein, man hat ja erst in den letzten Monaten gesehen, wie steif und unfruchtbar die Parteiprogramme gegenwärtig sind. Aber es wäre schon nützlich, wenn gerade das als Vorrede in diesem Buche stehen würde. Vieles, was nicht darin steht, habe ich Ihnen heute erzählt, da Sie, wie mir scheint, beschlossen haben, hier zusammenzukommen, um in Anknüpfung an dieses Buch die ernsten sozialen Fragen der Gegenwart sachgemäß zu studieren. Aber bevor man sich an das macht, muß man sich schon klarmachen, daß man nicht forttrotteln kann in dem alten Stil der Parteiprogramme und Parteischablonen, sondern daß man sich dazu entschließen muß, heute die Tatsachen wirklichkeitsgemäß anzufassen und einen Strich zu machen unter alles das, was nicht rechnet mit diesen neuen Tatsachen. Nur dadurch werden Sie das, was erreicht werden soll gerade mit diesem Impuls vom dreigliedrigen sozialen Organismus, in der richtigen Weise auffassen. Und Sie werden es in der richtigen Weise auffassen, wenn Sie finden, daß jeder Satz in diesem Buch dazu angetan ist, Tat werden zu können, umgesetzt werden zu können in unmittelbare Wirklichkeit. Und die meisten, die sagen, sie würden das nicht verstehen oder es seien Utopien und dergleichen, denen fehlt einfach der Mut, die Courage, heute so stark zu denken, daß die Gedanken in die Wirklichkeit eingreifen können. Diejenigen, die immer krähen «Diktatur des Proletariats», «Eroberung der Macht», «Sozialismus», die denken zumeist sehr wenig dabei. Es kann daher mit diesen Wortschablonen nicht in die Wirklichkeit eingegriffen werden. Dann aber kommen diese und sagen, da würde [mit den «Kernpunkten»] nur etwas geboten, was eine Utopie ist. Eine Utopie wird es erst in den Köpfen von den Leuten, die nichts davon verstehen.

[ 27 ] What I have just told you, of course, I could just as easily have written as a preface to this book. However, it is only in recent months that we have seen just how rigid and unproductive party platforms are at present. But it would indeed be useful if precisely that were included as a preface to this book. I have told you today about many things that are not included in it, since it seems to me that you have decided to gather here to properly study the serious social issues of our time in connection with this book. But before you set out to do that, you must realize that you cannot simply plod along in the old style of party platforms and party templates; rather, you must resolve to address the facts realistically today and draw a line under everything that does not take these new facts into account. Only in this way will you grasp correctly what is to be achieved precisely through this impulse of the threefold social organism. And you will grasp it correctly when you find that every sentence in this book is capable of becoming action, of being translated into immediate reality. And most of those who say they do not understand this, or that these are utopian ideas and the like, simply lack the courage to think so powerfully today that their thoughts can intervene in reality. Those who are always clamouring about the “dictatorship of the proletariat,” “seizing power,” and “socialism” usually give very little thought to what they are saying. Therefore, these stock phrases cannot be used to intervene in reality. But then these people come along and say that [the “key points”] are merely proposing something that is a utopia. It only becomes a utopia in the minds of people who do not understand any of it.

[ 28 ] Deshalb sollte man diesen Leuten klarmachen, was, in einer etwas veränderten Form mit Bezug auf etwas anderes, Goethe einmal gesagt hat, indem er gelacht hat über den Physiologen Haller, der ein verknöcherter Naturforscher war. Haller hatte das Wort geprägt:

[ 28 ] That is why we should make it clear to these people what Goethe once said—in a slightly modified form and with reference to something else—when he laughed at the physiologist Haller, who was a rigid naturalist. Haller had coined the phrase:

Ins Innere der Natur
Dringt kein erschaffner Geist.
Glückselig, wem sie nur
Die äußere Schale weist!

Into the heart of nature
No creative spirit can penetrate.
Blessed is the one to whom she shows
Only the outer shell!

[ 29 ] Das widerstrebte Goethe, und er sagte:

[ 29 ] Goethe was reluctant to do this, and he said:

«Ins Innere der Natur»
O, du Philister!
«Dringt kein erschaffner Geist.»
...
«Glückselig, wem sie nur
Die äußere Schale weist!»
Das hör ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen.
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male.
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist!

“Into the Heart of Nature”
O, you philistine!
“No creative spirit penetrates.”
...
“Blessed is he to whom she shows
Only the outer shell!”
I’ve heard this repeated for sixty years,
I curse it, but secretly.
Nature has neither core
Nor shell,
She is all at once.
Examine yourself above all else,
Whether you are core or shell!

[ 30 ] Diejenigen, die von der Dreigliederung des sozialen Organismus als von einer Utopie sprechen, zu denen möchte man auch so sagen: Dich prüfe du nur zuallermeist, ob das in deinem Gehirn drinnen $Spukende selber Utopie oder Wirklichkeit ist. - Da wird man finden, daß all die Kräher zumeist Utopien drinnen haben und deshalb die Wirklichkeit in ihrem eigenen Kopfe auch eine Utopie wird oder eine Ideologie oder wie sie es dann nennen. Deshalb ist es heute so schwer, mit der Wirklichkeit durchzudringen, weil die Leute sich so verbaut haben den Zugang zu der Wirklichkeit.

[ 30 ] To those who speak of the threefold social order as a utopia, one might also say: You, above all, should examine whether what is haunting your own mind is itself a utopia or reality. - You’ll find that all these naysayers mostly have utopias in their heads, and that’s why reality in their own minds also becomes a utopia—or an ideology, or whatever they choose to call it. That’s why it’s so hard to get through to reality today—because people have blocked off their own access to it.

[ 31 ] Das aber müssen wir uns sagen, daß wir ernstlich arbeiten müssen, sonst werden wir nicht überführen können unser Wollen in die Tat; und darauf kommt es an, daß wir unser Wollen in die Tat überführen. Und wenn wir von allem Abschied nehmen müßten, weil wir es als einen Irrtum erkennen, so müßten wir, um vom Wollen zur Tat kommen zu können, uns doch zur Wahrheit wenden, die wir als Wahrheit durchschauen wollen, denn nichts anderes kann vom Wollen zur Tat führen, als das rücksichtslose, couragierte Verfolgen der Wahrheit. Das sollte eigentlich als eine Devise, als ein Motto, vor die Studien dieser Abende geschrieben werden. Ich wollte Ihnen heute Abend eine Vorrede halten zu diesen Studienabenden. Ich hoffe, daß diese Vorrede Sie nicht abhält, diese Studien so zu pflegen, daß endlich wirklich, ehe es zu spät wird, Gedanken, die Tatenkeime in sich tragen, sich fruchtbar in die Welt hineinstellen können.

[ 31 ] But we must tell ourselves that we have to work earnestly; otherwise, we will not be able to turn our will into action—and that is what matters: that we turn our will into action. And if we were to have to bid farewell to everything because we recognize it as a mistake, then—in order to move from intention to action—we would still have to turn to the truth that we wish to see through as truth, for nothing else can lead from intention to action except the uncompromising, courageous pursuit of truth. This should actually be written as a guiding principle, as a motto, at the beginning of these evening study sessions. I wanted to give you a preface to these study evenings tonight. I hope that this preface does not deter you from engaging with these studies in such a way that, before it is too late, thoughts that carry the seeds of action within them may finally take root and bear fruit in the world.

Es wird die Gelegenheit zu einer Aussprache gegeben.

There will be an opportunity for discussion.

[ 32 ] Rudolf Steiner: Das Buch «Die Kernpunkte der Sozialen Frage» ist ja nach zweifacher Richtung in einer besonderen Art geschrieben. Erstens ist es so geschrieben, dafs es tatsächlich ganz aus der Wirklichkeit heraus stammt. Das bedenken manche Leute nicht, die das Buch lesen. Ich kann auch begreifen, daß das heute nicht voll bedacht wird. Ich habe schon einmal hier in diesem Kreise — aber es waren nicht alle die da, die heute da sind - davon gesprochen, wie nun wirklich die Leute heute denken. Ich habe namentlich hingewiesen auf das Beispiel des Professors der Nationalökonomie, Lujo Brentano, der das so nett geliefert hat in der vorigen Nummer des «Gelben Blattes»; ich will es kurz wiederholen, weil ich daran etwas anknüpfen will. Da hat diese Leuchte der heutigen Volkswirtschaftslehre der Universität — er ist ja der Erste sozusagen — den Begriff des Unternehmers entwickelt und hat versucht, aus seinem erleuchteten Denken heraus die Merkmale des Unternehmers zu charakterisieren. Das erste und zweite Merkmal brauche ich nicht aufzuzählen; als drittes gibt er an, daß der Unternehmer derjenige ist, der seine Produktionsmittel auf eigene Rechnung und Gefahr in den Dienst der sozialen Ordnung stellt. Nun hat er diesen Begriff des Unternehmers, und den wendet er nun an. Da kommt er zu dem merkwürdigen Resultat, daß der proletarische Arbeiter von heute eigentlich auch ein Unternehmer ist, denn er entspricht diesem seinem Begriff des Unternehmers in bezug auf die erste, zweite und dritte Eigenschaft. Denn der Arbeiter hat seine eigene Arbeitskraft als Produktionsmittel; darüber verfügt er, in bezug auf diese wendet er sich an den sozialen Prozeß auf eigene Rechnung und Gefahr. - So bringt diese Leuchte der Volkswirtschaft den Begriff des proletarischen Arbeitnehmers in seinen Begriff des Unternehmers sehr gut hinein. Sehen Sie, so denken eben die Menschen, die sich Begriffe machen, die gar keinen Sinn haben; sie haben keinen Sinn, wenn Begriffe verlangt werden, die auf die Wirklichkeit wirklich anwendbar sein sollen. Aber so wenig Sie das vielleicht auch annehmen werden, man kann ruhig sagen: Weit über neunzig Prozent alles desjenigen, was heute gelehrt oder gedruckt wird, das operiert mit solchen Begriffen; wenn man sie anwenden will auf die Wirklichkeit, so geht es ebensowenig wie bei Lujo Brentanos Begriff vom Unternehmer. So ist es in der Wissenschaft, so ist es in der Sozialwissenschaft, so ist es überall, daher haben die Leute verlernt, überhaupt das zu verstehen, was mit wirklichkeitsgemäßen Begriffen arbeitet.

[ 32 ] Rudolf Steiner: The book *The Key Points of the Social Question* is, in fact, written in a unique way in two respects. First, it is written in such a way that it truly springs entirely from reality. Some people who read the book do not consider this. I can also understand that this is not fully taken into account today. I have spoken about this before in this circle—though not everyone who is here today was present then—regarding how people actually think today. I specifically referred to the example of Lujo Brentano, the professor of economics, who presented this so well in the previous issue of the *Gelbes Blatt*; I’d like to briefly repeat it because I want to build on it. This luminary of modern economics at the university—he is, so to speak, the foremost authority—developed the concept of the entrepreneur and, drawing on his enlightened thinking, attempted to characterize the traits of the entrepreneur. I need not list the first and second characteristics; as the third, he states that the entrepreneur is the one who places his means of production at the service of the social order at his own expense and risk. Now that he has this concept of the entrepreneur, he applies it. This leads him to the curious conclusion that today’s proletarian worker is, in fact, also an entrepreneur, for he corresponds to this concept of the entrepreneur with regard to the first, second, and third characteristics. For the worker possesses his own labor power as a means of production; he disposes of it, and with regard to it, he engages in the social process at his own expense and risk. - Thus, this luminary of economics very effectively incorporates the concept of the proletarian worker into his concept of the entrepreneur. You see, this is precisely how people think when they devise concepts that make no sense at all; they make no sense when concepts are required that are actually applicable to reality. But as unlikely as you may find it, one can safely say: well over ninety percent of everything that is taught or published today operates with such concepts; if one tries to apply them to reality, it works just as poorly as with Lujo Brentano’s concept of the entrepreneur. This is true in the natural sciences, this is true in the social sciences, this is true everywhere; that is why people have forgotten how to understand anything that operates with concepts grounded in reality.

[ 33 ] Nehmen Sie einmal die Grundlage der Dreigliederung des sozialen Organismus. Nicht wahr, man kann sie in der verschiedensten Weise legen, diese Grundlagen, weil das Leben viele Grundlagen braucht. Aber eine ist diese, daß man weiß: in der neueren Zeit ist das heraufgezogen, was man nennen könnte den Impuls der Demokratie. Die Demokratie muß darin bestehen, daß jeder mündig gewordene Mensch sein Rechtsverhältnis festsetzen kann in demokratischen Parlamenten — mittelbar oder unmittelbar gegenüber jedem anderen mündig gewordenen Menschen. Aber gerade wenn man ehrlich und aufrichtig diese Demokratie in die Welt setzen will, dann kann man die geistigen Angelegenheiten nicht im Sinne dieser Demokratie verwalten, denn da würde entscheiden müssen jeder mündiig gewordene Mensch über das, was er nicht versteht. Die geistigen Angelegenheiten müssen aus dem Verständnis heraus für die Sache geregelt werden, das heißt auf sich selbst gestellt werden; sie können also überhaupt nicht in einem demokratischen Parlament verwaltet werden, sondern sie müssen ihre eigene Verwaltung haben, die nicht demokratisch sein kann, sondern die aus der Sache heraus sein muß. Ebenso ist es im Wirtschaftsleben; da muß aus der wirtschaftlichen Erfahrung und dem Drinnenleben im Wirtschaftsleben die Sache verwaltet werden. Daher muß ausgeschieden werden aus dem demokratischen Parlament das Wirtschaftsleben auf der einen Seite und das Geistesleben auf der anderen Seite. Daraus entsteht der dreigegliederte soziale Organismus.

[ 33 ] Let us take, for example, the foundation of the threefold social order. It is true that these foundations can be laid in a wide variety of ways, because life requires many foundations. But one of them is this: we know that in recent times, what might be called the impulse of democracy has emerged. Democracy must consist in every person who has attained legal maturity being able to establish their legal relationship in democratic parliaments—either directly or indirectly—with every other person who has attained legal maturity. But precisely if one wishes to establish this democracy in the world honestly and sincerely, then one cannot administer spiritual matters in the spirit of this democracy, for then every person who has attained legal age would have to decide on matters they do not understand. Spiritual matters must be regulated based on an understanding of the subject itself—that is, they must be left to their own devices; they cannot, therefore, be administered at all in a democratic parliament, but must have their own administration, which cannot be democratic but must arise from the nature of the subject itself. The same applies to economic life; there, matters must be administered based on economic experience and an intimate understanding of economic life itself. Therefore, economic life on the one hand and spiritual life on the other must be separated from the democratic parliament. From this arises the threefold social organism.

[ 34 ] Da gibt es nun in Tübingen den Professor Heck, das ist der - ich habe schon davon gesprochen -, der gesagt hat, man brauche sich durchaus nicht herbeizulassen zu sagen, daß das gewöhnliche Lohnverhältnis, wo man entlohnt wird für seine Arbeit, etwas Erniedrigendes hätte für den Proletarier, denn Caruso stehe ja auch im Lohnverhältnis. Der Unterschied wäre kein prinzipieller: Caruso singe und bekomme seinen Lohn, und der gewöhnliche Proletariier arbeite und bekomme auch seinen Lohn; und er als Professor bekomme auch seinen Lohn, wenn er vortrage. Der Unterschied zwischen Caruso und dem Proletarier wäre nur der, daß Caruso für einen Abend dreißig- bis vierzigtausend Mark bekommt und der Proletarier etwas weniger. Aber das sei kein prinzipieller Unterschied, sondern nur ein Unterschied in bezug auf die Summe der Entlohnung. Und so braucht man, so meint dieser geistreiche Professor, in der Entlohnung durchaus nicht etwas Entwürdigendes zu fühlen; er fühle das auch nicht so. - Das nur nebenbei. Aber nun hat dieser gescheite Professor auch einen langen Artikel geschrieben gegen die Dreigliederung. Da geht er aus davon: Gliedern wir dreifach, dann kommen wir ja zu drei Parlamenten. — Und jetzt zeigt er, daß das nicht geht mit drei Parlamenten, denn er sagt: Im Wirtschaftsparlament wird der kleine Handwerker nicht verstehen die Standpunkte des Großindustriellen und so weiter. - Da hat sich der gute Professor seine Ideen über die Dreigliederung gemacht, und gegen diese Ideen - die ich noch viel dümmer finde als Professor Heck sie findet; die würde ich auch in Grund und Boden hinein kritisieren —, gegen die geht er an, aber die hat er selbst gemacht. Es handelt sich nämlich darum, daß nicht drei Parlamente nebeneinanderstehen, sondern daß herausgenommen wird das, was in kein Parlament gehört. Er macht einfach drei Parlamente und sagt: Das geht nicht. — So lebt man in wirklichkeitsfremden Begriffen und beurteilt das andere auch danach.

[ 34 ] There is now Professor Heck in Tübingen—the one I’ve already mentioned—who said that one need not at all go so far as to claim that the ordinary wage relationship, in which one is paid for one’s work, is in any way humiliating for the proletarian, since Caruso, after all, is also in a wage relationship. The difference is not one of principle: Caruso sings and receives his pay, and the ordinary proletarian works and also receives his pay; and he, as a professor, also receives his pay when he lectures. The difference between Caruso and the proletarian is merely that Caruso receives thirty to forty thousand marks for one evening, and the proletarian receives somewhat less. But that is not a difference of principle, merely a difference in the amount of compensation. And so, according to this witty professor, there is absolutely no need to feel that receiving compensation is degrading; he does not feel that way either. — Just as an aside. But now this clever professor has also written a long article against the threefold social order. He proceeds from the following premise: If we divide society into three parts, then we end up with three parliaments. — And now he shows that three parliaments won’t work, for he says: In the Economic Parliament, the small craftsman will not understand the perspectives of the big industrialist, and so on. — The good professor has formed his own ideas about the threefold social order, and I would also criticize those ideas—which I find even more foolish than Professor Heck does— which I, too, would criticize to the ground—he attacks them, even though he himself came up with them. The point is, in fact, not that three parliaments stand side by side, but that what does not belong in any parliament is removed. He simply creates three parliaments and says: “That won’t work.” — That is how one lives in concepts divorced from reality and judges everything else by the same standard.

[ 35 ] Nun ist gerade in die Nationalökonomie, in die Volkswirtschaftslehre, fast nur das eingezogen, was unwirkliche Begriffe sind. Aber sehen Sie, ich könnte doch nicht jetzt, wo die Zeit drängt, eine ganze Bibliothek schreiben, worin alle volkswirtschaftlichen Begriffe aufgeführt werden. Daher finden sich natürlich in den «Kernpunkten» eine Menge von Begriffen, die sachgemäß besprochen werden müssen. Ich brauche zum Beispiel nur auf folgendes aufmerksam zu machen:

[ 35 ] Now, it is precisely in political economy—in the study of economics—that almost nothing but unrealistic concepts have found their way in. But you see, I certainly cannot, now that time is pressing, write an entire library listing all economic concepts. Therefore, there are naturally a great many concepts in the “Key Points” that need to be discussed properly. For example, I need only draw your attention to the following:

[ 36 ] Nicht wahr, in einer Zeit, über die wir hinaus sind, da entstanden soziale Verhältnisse im Grunde genommen einzig und allein durch Eroberung. Irgendein Territorium wurde von einem Volke oder von einer Rasse besetzt; ein anderes Volk brach herein und eroberte das Gebiet. Diejenigen Rassen oder Völker, die früher drinnen waren, wurden heruntergedrängt zur Arbeit. Das erobernde Volk nahm den Boden in Besitz, und dadurch entstand ein gewisses Verhältnis zwischen Eroberern und Eroberten. Die Eroberer hatten dadurch, daß sie Eroberer waren, den Boden in Besitz. Dadurch waren sie die wirtschaftlich Starken, die Eroberten waren die wirtschaftlich Schwachen, und es bildete sich das heraus, was ein Rechtsverhältnis wurde. Daher hat man in fast allen älteren Epochen im geschichtlichen Werden durch Eroberungen begründete Rechtsverhältnisse, das heißt Vorrechte und Benachteiligungsrechte. Nun kamen die Zeiten herbei, in denen nicht mehr frei erobert werden konnte. Sie können den Unterschied studieren im freien und gebundenen Erobern, wenn Sie zum Beispiel sich das frühe Mittelalter ansehen. Sie können studieren, wie gewisse Völkerschaften, die Goten, hinuntergedrungen waren nach dem Süden, aber in vollbesetzte Gebiete; da wurden sie zu anderem veranlaßt in bezug auf die soziale Ordnung als die Franken, die nach dem Westen zogen und dort nicht vollbesetzte Gebiete fanden. Dadurch entstanden andere Erobererrechte. In der neueren Zeit wirkten dann nicht allein die von Grund und Boden abhängigen Rechte, welche aus Eroberungen hervorgegangen waren, es kamen dazu die Rechte derjenigen Menschen, die Vorrechte aus Besitz hatten und die jetzt durch wirtschaftliche Macht sich aneignen konnten die Produktionsmittel. Da kam zu dem, was Bodenrecht ist im heutigen Sinne, der Besitz der Produktionsmittel dazu, das heißt der Privatbesitz von Kapitalien. Das ergab dann Rechtsverhältnisse aus wirtschaftlichen Verhältnissen heraus. Sie sehen, es sind diese Rechtsverhältnisse ganz allein aus den wirtschaftlichen Verhältnissen heraus entstanden.

[ 36 ] Isn’t it true that, in a time now behind us, social relations arose essentially through conquest alone? A certain territory was occupied by a people or a race; another people invaded and conquered the area. The races or peoples who had been there before were forced into servitude. The conquering people took possession of the land, and this gave rise to a certain relationship between the conquerors and the conquered. By virtue of being conquerors, the conquerors held possession of the land. Consequently, they were the economically powerful, while the conquered were the economically weak, and what emerged was a legal relationship. Consequently, in almost all earlier epochs of historical development, legal relationships—that is, privileges and rights to disadvantage others—were established through conquests. Then came the times when conquest could no longer be carried out freely. You can study the difference between free and constrained conquest by looking, for example, at the early Middle Ages. You can examine how certain peoples, such as the Goths, had pushed southward but into fully settled territories; there they were compelled to adopt a different social order than the Franks, who moved westward and found unoccupied territories there. This gave rise to different rights of conquest. In more recent times, it was not only the land-based rights—which had emerged from conquests—that came into play; added to these were the rights of those who held privileges based on property and who were now able, through economic power, to appropriate the means of production. Thus, in addition to what constitutes land rights in the modern sense, there was the ownership of the means of production—that is, the private ownership of capital. This then gave rise to legal relationships derived from economic conditions. As you can see, these legal relationships arose entirely from economic conditions.

[ 37 ] Nun kommen die Menschen und wollen Begriffe von wirtschaftlicher Macht, von der wirtschaftlichen Bedeutung des Grund und Bodens, sie wollen Begriffe der Betriebsmittel, der Produktionsmittel, der Kapitalien und so weiter haben. Ja, aber sie haben keine wirklich tiefere Einsicht in den Gang der Dinge. Da nehmen sie dann die oberflächlichen Tatsachen und kommen nicht darauf, was eigentlich hinter den Bodenrechten, hinter den Machtverhält aA nissen in bezug auf die Produktionsmittel steckt. Natürlich, alle diese Dinge sind in meinem Buche berücksichtigt. Da ist richtig gedacht; da ist, wenn von Rechten gesprochen wird, aus dem Bewußtsein heraus gesprochen, wie das Recht durch Jahrhunderte hindurch entstanden ist; da ist, wenn von Kapital gesprochen wird, aus dem Bewußtsein heraus gesprochen, wie das Kapital geworden ist. Da ist sorgfältig vermieden, einen Begriff anzuwenden, der nicht vollständig aus der Entstehung heraus gefaßt ist; daher nehmen sich diese Begriffe anders aus als in den gewöhnlichen heutigen Lehrbüchern.

[ 37 ] Now people come along and want to understand concepts of economic power, of the economic significance of land, and they want to understand concepts such as means of production, capital, and so on. Yes, but they lack any truly deeper insight into the workings of the world. So they take the superficial facts and fail to grasp what actually lies behind land rights, behind the power relations regarding the means of production. Of course, all these things are taken into account in my book. The thinking there is correct; when rights are discussed, it is done with an awareness of how those rights have developed over the centuries; and when capital is discussed, it is done with an awareness of how capital came to be. Care is taken to avoid using a term that is not fully grounded in its origins; therefore, these concepts appear differently than they do in today’s standard textbooks.

[ 38 ] Aber auch noch etwas anderes ist berücksichtigt. Nehmen wir eine bestimmte Tatsache, nicht wahr, die Tatsache, wie der Protestantismus einmal entstanden ist. In den Geschichtsbüchern wird es ja sehr häufig so erzählt, daß der Tetzel herumgezogen ist innerhalb Mitteleuropas und daß die Leute entrüstet waren über den Ablaßverkauf und dergleichen. Aber das war es nicht allein, das ist nur die Oberflächenansicht. Die Hauptsache, die dahinter stak, war die Tatsache, daß es in Genua ein Bankhaus gab, in dessen Auftrag — nicht im Auftrag des Papstes - dieser Ablaßkrämer in Deutschland herumzog, denn dieses Bankhaus hatte dem Papst für seine anderen Bedürfnisse Kredite gewährt. Die ganze Geschichte war eine kapitalistische Unternehmung. An diesem Beispiel des Ablaßhandels als einer kapitalistischen Unternehmung, wo sogar auch mit Geistigem gehandelt worden ist, an diesem Beispiel können Sie studieren — oder besser gesagt, wenn man da anfängt zu studieren, kommt man allmählich darauf -, daß schließlich alle Kapitalmacht zurückgeht auf die Übermacht des Geistigen. Studieren Sie, wie das Kapital eigentlich zu seiner Macht gekommen ist, so finden Sie überall die Übermacht des Geistigen. Und so ist es wirklich. Nicht wahr, wer schlau ist, wer findig ist, der hat eine größere Macht als derjenige, der nicht schlau, der nicht findig ist. Und auf diese Art entsteht gerechtfertigterweise — oder auch ungerechtfertigterweise — vieles, was Zusammenscharrung des Kapitals ist. Das muß berücksichtigt werden, wenn man ins Auge faßt den Kapitalbegriff. Bei solchen realen Studien kommt man dahinter, daß Kapital auf Entfaltung der geistigen Macht beruht und daß zu den Grund- und Bodenrechten, zu den Erobererrechten, von anderer Seite hinzugekommen ist die Macht des alten theokratischen Geistes. Von der alten Kirche ist viel von dem ausgegangen, was dann übergegangen ist eigentlich in den modernen Kapitalismus. Es gibt einen geheimen Zusammenhang zwischen der modernen kapitalistischen Macht und der Macht der alten Kirche. Und das alles hat sich zu einem Kuddelmuddel zusammengezogen in den modernen Machtstaat. Da drinnen finden Sie die Überreste der alten Theokratie, die Überreste der alten Eroberungen. Und schließlich kamen die modernen Eroberungen dazu, und die allermodernste Eroberung soll jetzt die Eroberung des Staates durch den Sozialismus sein. Aber so darf man es in Wirklichkeit nicht machen. Es muß etwas Neues werden, was mit diesen alten Begriffen und Impulsen vollständig aufräumt. Daher wird es darauf ankommen, daß wir uns bei unseren Studien auch befassen mit den Begriffen, die hier zugrundeliegen. Wir müssen heute jedem, der über soziale Sachen reden will, genau Aufschluß geben darüber, was Recht ist, was Macht ist und was in Wirklichkeit ein [wirtschaftliches] Gut ist, ein Gut in Form von Waren und dergleichen. Auf diesem Gebiet werden die größten Fehler gemacht. Ich will zum Beispiel auf einen aufmerksam machen; wenn Sie darauf nicht aufmerksam sind, werden Sie vieles in meinem Buche mißverstehen.

[ 38 ] But there is something else to consider as well. Let’s take a specific fact—the fact of how Protestantism first came into being. History books very often recount the story that Tetzel traveled throughout Central Europe and that people were outraged by the sale of indulgences and the like. But that wasn’t the whole story; that’s just the surface view. The main thing behind it all was the fact that there was a banking house in Genoa on whose behalf—not on behalf of the Pope—this indulgence peddler traveled around Germany, because this banking house had granted the Pope loans for his other needs. The whole story was a capitalist enterprise. From this example of the indulgence trade as a capitalist enterprise—where even spiritual matters were traded—you can study—or rather, if you begin to study it, you will gradually come to realize—that ultimately all capital power stems from the supremacy of the spiritual. If you study how capital actually came to its power, you will find the supremacy of the spiritual everywhere. And that is indeed the case. Isn’t it true that whoever is clever, whoever is resourceful, has greater power than someone who is not clever, who is not resourceful? And in this way, much of what constitutes the accumulation of capital arises—whether justifiably or unjustifiably. This must be taken into account when considering the concept of capital. Through such real-world studies, one comes to realize that capital is based on the unfolding of intellectual power and that, in addition to land rights and the rights of conquerors, the power of the old theocratic spirit has been added from another direction. Much of what later transitioned into modern capitalism originated with the old Church. There is a secret connection between modern capitalist power and the power of the old Church. And all of this has coalesced into a jumble within the modern power-state. Within it, you will find the remnants of the old theocracy, the remnants of the old conquests. And finally, the modern conquests were added to this, and the most modern conquest of all is now said to be the conquest of the state by socialism. But in reality, that is not how it should be done. Something new must emerge that completely does away with these old concepts and impulses. Therefore, it will be essential that, in our studies, we also grapple with the concepts that underlie all of this. Today, we must provide anyone who wishes to discuss social issues with a clear explanation of what law is, what power is, and what an [economic] good actually is—a good in the form of commodities and the like. The greatest mistakes are made in this area. I would like to draw your attention to one example; if you are not aware of it, you will misunderstand much of what is in my book.

[ 39 ] Es herrscht heute vielfach die Ansicht, daß Ware aufgespeicherte Arbeit ist, daß auch Kapital aufgespeicherte Arbeit ist. — Sie können sagen, es sei harmlos, solche Begriffe zu haben. Es ist nicht harmlos, denn solche Begriffe vergiften das ganze soziale Denken. Sehen Sie, wie ist es eigentlich mit der Arbeit - Arbeit als Aufwendung von Arbeitskraft? Ja, da verhält es sich so, daß ein großer Unterschied ist, ob ich zum Beispiel meine physische Muskelkraft abnütze, indem ich Sport treibe, oder ob ich Holz hacke. Wenn ich Sport treibe, da nütze ich meine physische Muskelkraft ab; ich kann geradeso müde werden und meine Muskelkraft wieder ersetzen müssen wie einer, der Holz hackt. Dieselbe Menge von Arbeit kann ich anwenden auf den Sport wie auf das Holzhacken. Der Unterschied ist nicht da in bezug darauf, daß die Arbeitskraft wieder ersetzt werden muß - sie muß natürlich ersetzt werden -, sondern der Unterschied besteht darin, daß die eine Arbeitskraft angewendet wird nur für mich, im egoistischen Sinn, die andere im sozialen Sinn für die Gesellschaft. Durch die soziale Funktion unterscheiden sich diese Dinge. Sage ich jetzt, irgend etwas ist aufgespeicherte Arbeit, so berücksichtige ich nicht, daß die Arbeit eigentlich aufhört, in irgendeiner Sache drinnen zu sein in dem Augenblick, wo nicht mehr gearbeitet wird. Nicht kann ich sagen: Das Kapital ist aufgespeicherte Arbeit -, sondern ich muß sagen: Die Arbeit ist nur so lange da, als sie verrichtet wird. Aber in unserer heutigen sozialen Ordnung behält das Kapital die Macht, die Arbeit jederzeit wiederum aufzurufen. Nicht in dem liegt das Verhängnisvolle, was Marx meint, daß Kapital aufgespeicherte Arbeit ist, sondern in der Einrichtung, daß Kapital die Macht gibt, neue Arbeit - nicht aufgespeicherte Arbeit -, sondern neue Arbeit immer wiederum in seinen Dienst zu stellen. Davon hängt viel ab, und davon wird weiter viel abhängen, daß man zu klaren, in der Wirklichkeit fußenden Begriffen über diese Dinge kommt. Und von solchen Begriffen, die nun ganz drinnenstecken in der Wirklichkeit, geht dieses mein Buch aus. Das rechnet nicht mit solchen Begriffen, die ganz nützlich waren für die Erziehung des Proletariats. Aber heute, wo man etwas bauen soll, haben sie keinen Sinn mehr, diese Begriffe.

[ 39 ] Today, the prevailing view in many quarters is that a commodity is labor stored up, and that capital, too, is labor stored up. — You might say it’s harmless to hold such notions. It is not harmless, for such notions poison the entire social mindset. Consider this: what is labor really—labor as the expenditure of physical strength? Well, the fact is that there is a big difference between, for example, wearing out my physical muscle strength by playing sports and chopping wood. When I play sports, I expend my physical muscle power; I can get just as tired and have to replenish my muscle power just as much as someone who chops wood. I can apply the same amount of labor to sports as to chopping wood. The difference does not lie in the fact that the labor power must be replenished—it must, of course, be replenished—but rather in the fact that one form of labor power is applied solely for my own benefit, in a selfish sense, while the other is applied in a social sense for the benefit of society. These things differ in their social function. If I now say that something is stored labor, I am not taking into account that labor actually ceases to be embodied in any object the moment work stops. I cannot say, “Capital is stored labor”—rather, I must say, “Labor exists only as long as it is being performed.” But in our current social order, capital retains the power to call upon labor again at any time. The fatal flaw does not lie in Marx’s assertion that capital is stored-up labor, but in the arrangement whereby capital grants the power to constantly put new labor—not stored-up labor—but new labor at its service. Much depends on this, and much will continue to depend on arriving at clear concepts regarding these matters that are grounded in reality. And this book of mine is based on such concepts that are now fully rooted in reality. It does not rely on concepts that were once quite useful for the education of the proletariat. But today, when we are called upon to build something, these concepts no longer make sense.

[ 40 ] Sehen Sie, wenn ich sage: Kapital ist aufgespeicherte Arbeit -, so ist das gut für die Erziehung des Proletariats; es bekam die Gefühle, die es bekommen sollte. Da kam es nicht darauf an, daß der Begriff grundfalsch ist - erziehen kann man auch mit grundfalschen Begriffen. Aber etwas aufbauen, das kann man nur mit richtigen Begriffen. Daher brauchen wir heute auf allen Gebieten der Volkswirtschaft richtige Begriffe und können nicht weiter mit falschen Begriffen arbeiten. Das sage ich nicht aus Frivolität, daß man auch mit falschen Begriffen erziehen kann, sondern aus allgemeinen Erziehungsgrundsätzen heraus. Sehen Sie, wenn Sie Kindern Märchen erzählen, dann wollen Sie ja auch nicht mit diesen Dingen, die Sie da herausentwickeln, bauen; bei der Erziehung kommt etwas anderes in Betracht, als in Betracht kommt beim Aufbauen in der physischen Wirklichkeit. Da muß mit wirklichen Begriffen gearbeitet werden. Solch ein Begriff wie «Kapital ist aufgespeicherte Arbeit», das ist kein Begriff. Kapital ist Macht und verleiht Macht, jederzeit neu entstehende Arbeit in seinen Dienst zu stellen. Das ist ein wirklicher Begriff mit Tatsachenlogik. Mit wahren Begriffen muß man arbeiten auf diesen Gebieten. Das ist versucht worden in den «Kernpunkten». Daher glaube ich, daß viel von dem, was da nicht drinnensteht an Definition der Begriffe, an Charakteristik der Begriffe, daß das erarbeitet werden muß. Und wer dann dazu beitragen kann, daß dies erarbeitet wird, was man braucht, um das zu verstehen, was die Denkweise, die Grundlage dieses Buches ist, der wird sehr Gutes beitragen zu diesen Studienabenden. Also darauf kommt es an, meine sehr verehrten Anwesenden, darauf kommt es ganz besonders an.

[ 40 ] You see, when I say, “Capital is stored labor”—that’s good for educating the proletariat; it instilled in them the sentiments it was meant to. It didn’t matter that the concept was fundamentally wrong—you can educate people even with fundamentally wrong concepts. But building something—that can only be done with correct concepts. That is why we need correct concepts today in all areas of the national economy and can no longer continue to work with incorrect concepts. I am not saying this out of frivolity—that one can educate even with incorrect concepts—but rather based on general principles of education. You see, when you tell children fairy tales, you don’t intend to build anything using the ideas you develop from them; education involves something different from what is involved in building within physical reality. There, one must work with real concepts. A concept such as “capital is stored labor”—that is not a concept. Capital is power and confers the power to put newly emerging labor at its service at any time. That is a real concept grounded in factual logic. One must work with true concepts in these fields. This has been attempted in the “Key Points.” Therefore, I believe that much of what is missing there—in terms of defining and characterizing the concepts—needs to be worked out. And whoever can then contribute to developing what is needed to understand the way of thinking that forms the basis of this book will make a very valuable contribution to these study evenings. So that is what matters, my esteemed audience; that is what matters most of all.

[ 41 ] Ja, nicht wahr, man müßte ein Lexikon schreiben, wenn man alle Begriffe klarmachen wollte -, aber was «Kapital» ist, das kann jetzt an einem einzigen solchen Studienabend erledigt werden. Ohne daß man heute klar begriffen hat: Was ist eigentlich Kapital? Was ist Ware? Was ist Arbeit? Was ist Recht? -, ohne diese Begriffe kommt man nicht weiter. Und diese Begriffe sind ganz konfus in den weitesten Kreisen; sie müssen vor allen Dingen richtiggestellt werden. Man verzweifelt heute ja geradezu, wenn man redet mit Leuten über die soziale Ordnung; sie können nicht mit, weil sie nicht gelernt haben, die Wirklichkeit zu beherrschen. Das ist dasjenige, was namentlich besorgt werden sollte.

[ 41 ] Yes, isn’t it true that one would have to write an encyclopedia if one wanted to clarify all these terms—but what “capital” is can now be covered in a single study evening like this. Without having clearly understood today: What exactly is capital? What is a commodity? What is labor? What is law? —without these concepts, one cannot move forward. And these concepts are completely muddled in the broadest circles; above all, they must be set straight. One is downright driven to despair today when talking to people about the social order; they can’t keep up because they haven’t learned to master reality. That is precisely what needs to be addressed.