Soziale Ideen, Soziale Wirklichkeit,
Soziale Praxis I
Band II
GA 337a
30 Juli 1919, Stuttgart
3. Zur Geschichte der sozialen Bewegung
[ 1 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich werde heute Abend nicht demjenigen vorgreifen, was hier eigentlich eingerichtet werden soll als Studienabende, die abgehalten werden auf Grundlage des Buches «Die Kernpunkte der Sozialen Frage», sondern ich werde versuchen, Ihnen eine Art von Einleitung zu diesen Abenden zu geben. Ich möchte durch diese Einleitung in Ihnen eine Empfindung davon hervorrufen, aus welchen Gesichtspunkten heraus dieses Buch geschrieben worden ist. Es ist vor allen Dingen geschrieben worden aus der unmittelbaren Gegenwart heraus, aus der Überzeugung, daß auch die soziale Frage durch die Ereignisse der Gegenwart eine neue Gestalt angenommen hat und daß es notwendig ist, heute über die soziale Frage ganz anders zu reden, als von irgendeiner Seite her über die soziale Frage vor der Weltkriegskatastrophe geredet worden ist. Mit diesem Buch ist gewissermaßen versucht worden, jetzt in diesem Zeitpunkte der Menschheitsentwicklung, in welchem die soziale Frage ganz besonders dringend wird und in welchem eigentlich jeder Mensch, der bewußt heute mitlebt, der nicht schläfrig und schlafend das Leben der Menschheit mitlebt, etwas wissen sollte über das, was zu geschehen hat im Sinne dessen, was man gewöhnlich die soziale Frage nennt. Da wird es vielleicht zunächst ganz gut sein, wenn wir heute ein bißchen zurückblicken. Ich werde ja dabei vielleicht Dinge zu erwähnen haben — aber wir werden sie dann in ein etwas anderes Licht rücken, als sie gerückt worden sind -, ich werde Dinge zu erwähnen haben, welche Ihnen zum Teil bekannt sind.
[ 2 ] Sie wissen ja wahrscheinlich, daß man das, was heute zur sozialen Frage vorgebracht wird, seit verhältnismäßig langer Zeit vorbringt. Und es werden ja auch heute die Namen Proudhon, Fourier, Louis Blanc genannt als die ersten, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein die soziale Frage behandelt haben. Sie wissen ja auch, daß die Art, wie diese soziale Frage bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein behandelt wurde, von den heutigen Vertretern, wenigstens von vielen heutigen Vertretern der sozialen Frage, genannt wird «das Zeitalter der sozialen Utopien». Es ist gut, sich klarzumachen, was man eigentlich damit meint, wenn man sagt: In ihrem ersten Stadium trat die soziale Frage so auf, daß sie in einem «Zeitalter der Utopien» lebte. Aber man kann über diese Sache nicht im absoluten Sinne reden, sondern man kann eigentlich nur aus den Empfindungen der Vertreter der sozialen Frage in der Gegenwart reden. Die empfinden so, wie ich es jetzt schildern will. Sie empfinden, daß alle sozialen Fragen, die in dem Zeitalter auftraten, wovon ich zuerst sprechen will, im Stadium der Utopie waren. Und was verstehen die Leute darunter, wenn sie sagen, die soziale Frage war damals im Stadium der Utopie? Darunter verstehen sie — das hat man ja auch schon dazumal bemerkt; Saint-Simon und Fourier haben es gut bemerkt -, daß da sind, auch nach der Französischen Revolution, Menschen einer gewissen sozialen Minderheit, welche im Besitz der Produktionsmittel und auch anderer menschlicher Güter sind, und daß da sind eine große Anzahl von anderen Menschen - es ist sogar die Mehrzahl -, welche nicht in solchem Besitze sind. Diese Menschen können an den Produktionsmitteln nur dadurch arbeiten, daß sie in die Dienste derjenigen treten, die die Produktionsmittel und auch den Boden besitzen sie haben im Grunde genommen nichts anderes als sich selbst und ihre Arbeitskraft. Man hat bemerkt, daß das Leben dieser großen Masse der Menschheit eine Bedrängnis ist, zum großen Teil in Armut verläuft im Gegensatz zu denjenigen, die in der Minderheit sind; und man hat hingewiesen auf die Lage der Minderheit und auf die Lage der Mehrheit.
[ 3 ] Diejenigen, die nun so wie Saint-Simon und Fourier wie auch noch Proudhon über diese soziale Lage der Menschheit geschrieben haben, die sind von einer gewissen Voraussetzung ausgegangen. Sie sind ausgegangen von der Voraussetzung, daß man notwendig habe, die Menschen darauf hinzuweisen: Seht, die große Masse lebt in Elend, in Unfreiheit, in wirtschaftlicher Abhängigkeit, das ist für die große Masse kein menschenwürdiges Dasein. Das muß geändert werden. — Und man hat dann allerlei Mittel ausersonnen, durch welche diese Ungleichheit unter den Menschen geändert werden kann. Aber es war immer eine bestimmte Voraussetzung da, und diese Voraussetzung war, daß man sich sagte: Wenn man weiß, worinnen die Ungleichheit begründet ist und wenn man eindringliche Worte genug hat, wenn man sittliches Bewußtsein selbst genug hat, um stark darauf hinzuweisen, daß die große Mehrzahl der Menschen in wirtschaftlicher und rechtlicher Abhängigkeit lebt und arm ist, so wird diese Rede die Herzen, die Seelen der Minderheit, der Begüterten, der begünstigteren Minderheit ergreifen. Und es wird dadurch, daß diese Minderheit einsieht, so kann es nicht bleiben, man muß Änderungen herbeiführen, es muß eine andere Gesellschaftsordnung kommen, es wird dadurch eine andere Gesellschaftsordnung herbeigeführt werden. Also die Voraussetzung war die, daß die Menschen sich herbeilassen werden, aus ihrem innersten Seelenantrieb heraus etwas zur Befreiung der großen Masse der Menschheit zu tun. Und dann schlug man vor, was man tun sollte. Und man glaubte, wenn die Minderheit, wenn die Menschen, die die leitenden, führenden Menschen sind, einsehen, daß das gut ist, was man tun will, dann wird eine allgemeine Besserung der Lage der Menschheit eintreten.
[ 4 ] Es ist sehr viel außerordentlich Gescheites gesagt worden von dieser Seite her, allein alles dasjenige, was in dieser Richtung unternommen worden ist, das empfindet man heute bei den meisten Vertretern der sozialen Frage als utopisch. Das heißt, man rechnet heute nicht mehr darauf, daß man nur zu sagen braucht: So müßte man die Welt einrichten, dann würde die wirtschaftliche und politische und rechtliche Ungleichheit der Menschen aufhören. — Es nützt heute nichts, an das Verständnis zu appellieren, an die Einsicht der Menschen, die begünstigt sind, die im Vorrecht sind, die im Besitz sind der Produktionsmittel und dergleichen. Wenn ich ausdrücken soll, was da im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verloren worden ist, so muß ich sagen, verloren worden ist der Glaube an die Einsicht und an den guten Willen der Menschen. Daher sagen sich die Vertreter der sozialen Frage, die ich jetzt meine: Schöne Pläne ausdenken, wie man die Menschenwelt einrichten soll, das kann man, aber dabei kommt nichts heraus; denn wenn man noch so schöne Pläne predigt, wenn man mit noch so rührenden Worten appelliert an die Herzen, an die Seelen der regierenden Minderheiten, so wird doch nichts geschehen. Das alles sind wertlose Ideen, und wertlose Ideen, welche die Zukunft ausmalen, das sind eben in Wirklichkeit, populär gesprochen, Utopien. Es hat also gar keinen Zweck, so sagt man, irgend etwas auszumalen, was in der Zukunft geschehen soll, denn es wird niemand da sein, der von seinen Interessen losläßt, der ergriffen werden kann in bezug auf sein Gewissen, in bezug auf seine sittliche Einsicht und so weiter. - Den Glauben an Gewissen und sittliche Einsicht hat man eben in weitesten Kreisen, namentlich bei den Vertretern der sozialen Frage, verloren. Man sagt sich, die Menschen handeln ja gar nicht nach ihrer Einsicht, wenn sie soziale Einrichtungen treffen oder wenn sie ihr soziales Leben führen, sie handeln nach ihrem Interesse. Und die Besitzenden haben selbstverständlich ein Interesse daran, in ihrem Besitz zu bleiben. Die sozial Bevorrechteten haben ein Interesse an der Erhaltung der sozialen Vorrechte. Daher ist es eine Illusion, darauf zu rechnen, daß man nur zu sagen braucht, die Leute sollen das oder jenes machen. Sie tun es eben nicht, weil sie nicht aus ihrer Einsicht, sondern aus ihrem Interesse heraus handeln.
[ 5 ] Im umfassendsten Sinne, so kann man sagen, hat sich nach und nach - aber wirklich erst nach und nach - zu dieser Ansicht Karl Marx bekannt. Man kann in dem Leben von Karl Marx eine ganze Anzahl von Epochen schildern. Marx war in seiner Jugend auch ein idealistischer Denker und hat auch noch in dem Sinn, wie ich es eben charakterisiert habe, an die Realisierbarkeit von Utopien gedacht. Aber er war es gerade, und nach ihm dann auch sein Freund Engels, der in der allerradikalsten Weise von dieser Rechnung auf die Einsicht der Menschen abgekommen ist. Und wenn ich im allgemeinen etwas charakterisiere, was eigentlich eine große Ge a. schichte ist, so kann ich das folgende sagen: Karl Marx ist zuletzt zu der Überzeugung gekommen, daß es in der Welt nicht auf eine andere Art besser werden könne als dadurch, daß man diejenigen Menschen aufruft, die nicht ein Interesse daran haben, daß ihre Güter, daß ihre Vorrechte ihnen erhalten bleiben. Auf die, die ein Interesse haben, daß ihre Güter ihnen erhalten bleiben, auf diese könne man überhaupt nicht sehen, diese müsse man ganz aus der Rechnung lassen, denn sie würden sich niemals herbeilassen, irgendwie darauf einzugehen, wenn man ihnen noch so schön predigt. Demgegenüber gibt es gerade die große Masse der proletarischen Arbeiter, [die nichts an Gütern zu verlieren haben]. Karl Marx selbst lebte sich ja in diese Überzeugung hinein in der Zeit, als in Mitteleuropa das im Grunde erst entstand, was man heute das Proletariat nennt; er sah das Proletariat in Mitteleuropa erst entstehen aus anderen Wirtschaftsverhältnissen heraus. Als er später in England lebte, war das ja etwas anders. Aber in der Zeit, als Karl Marx sich vom Idealisten zum ökonomischen Materialisten entwickelte, da war es noch so, daß eigentlich in Mitteleuropa das moderne Proletariat erst heraufkam. Und nun sagte er sich: Dieses moderne Proletariat, das hat ganz andere Interessen als die leitende, führende Minderheit, denn es besteht aus Menschen, die nichts besitzen als ihre Arbeitskraft, aus Menschen, die auf keine andere Weise leben können als dadurch, daß sie ihre Arbeitskraft in den Dienst der Besitzenden, namentlich in den Dienst der Besitzenden der Produktionsmittel, stellen. Wenn diese Arbeiter ihre Arbeit verlassen, dann sind sie — das galt besonders für die damalige Zeit in radikalster Weise -, dann sind sie auf die Straße geworfen. Sie haben nichts anderes vor sich als die Möglichkeit einer Fron für diejenigen, die die Besitzer der Produktionsmittel sind. Diese Menschen haben ein ganz anderes Interesse als die Besitzenden. Sie haben ein Interesse daran, daß die ganze frühere Gesellschaftsordnung aufhört, daß diese Gesellschaftsordnung umgewandelt wird. Denen braucht man nicht so zu predigen, daß ihre Einsicht ergriffen wird, sondern nur so, daß ihr Egoismus, ihr Interesse ergriffen werden. Darauf kann man sich verlassen. Zu predigen denjenigen, auf deren Einsicht man zählen soll, dabei kommt nichts heraus, denn die Menschen handeln nicht aus Einsicht, sie handeln nur nach Interessen. Also, man kann sich nicht an diejenigen wenden, bei denen man an die Einsicht appellieren müßte, sondern man muß an die Interessen derjenigen appellieren, die nicht anders können, als aus innerem Zwang heraus für die neuere Zeit eintreten. Das ist der Egoismus, zu dem Karl Marx sich hinentwickelt hat. Daher hat er nicht mehr geglaubt, daß der Fortschritt der Menschheit zu neueren sozialen Zuständen von anderem Menschenwerke herkommen könne als von dem Werke des Proletariats selbst. Das Proletariat könne nur, so meint Karl Marx, aus seinen Interessen, aus seinen einzelegoistischen Interessen her, eine Erneuerung der menschlichen sozialen Zustände erstreben. Und damit wird das Proletariat, aber jetzt nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus egoistischem Interesse, auch die ganze übrige Menschheit befreien, weil es nichts anderes mehr geben kann als dasjenige, was die Menschen bewirken, die nicht an alten Gütern hängen und bei einer Umwandlung nichts von alten Gütern zu verlieren haben.
[ 6 ] Man sagt sich also: Da sind auf der einen Seite die leitenden, führenden Kreise, die haben gewisse Rechte, die ihnen in früheren Zeiten verliehen worden sind oder die in früheren Zeiten von ihnen erzwungen worden sind, die sich vererbt haben in ihren Familien, an denen halten sie fest. Diese leitenden, führenden Kreise sind im Besitz von dem oder jenem, das vererben sie wiederum weiter innerhalb ihrer Kreise, ihrer Familie und so weiter. Diese Kreise haben bei einer Umwandlung immer etwas zu verlieren, denn selbstverständlich, wenn sie nichts verlören, würde ja keine Umwandlung geschehen. Es handelt sich ja darum, daß diejenigen, die nichts haben, etwas bekommen sollen, daher können diejenigen, die etwas haben, nur verlieren. Also man könnte nur an die Einsicht appellieren, wenn diese Einsicht der besitzenden, führenden Klasse den Impuls eingeben würde, etwas verlieren zu wollen. Darauf lassen sie sich nicht ein. - Das war die Anschauung von Karl Marx. Man muß also an diejenigen appellieren, die nichts zu verlieren haben. Deshalb schließt auch im Jahre 1848 das «Kommunistische Manifest» mit den Worten: «Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten, sie haben aber alles zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!»
[ 7 ] Nun sehen Sie, das ist seit der Veröffentlichung des Kommunistischen Manifests gewissermaßen eine Überzeugung geworden. Und heute, wo gewisse Empfindungen, die schon unter dem Einfluß dieser Anschauung stehen, eben in der Majorität des Proletariats leben, heute kann man sich gar nicht mehr richtig vorstellen, was für ein ungeheurer Umschwung in der sozialistischen Anschauung um die Mitte des 19. Jahrhunderts sich vollzogen hat. Aber es wäre gut, wenn Sie sich herbeiließen, so etwas zu nehmen wie das «Evangelium eines armen Sünders» von Weitling, einem Schneidergesellen, das gar nicht so lange Zeit vor dem Kommunistischen Manifest geschrieben worden ist, und wenn Sie das vergleichen würden mit alle dem, was nach dem Erscheinen des Kommunistischen Manifestes geschrieben ist. In diesem wirklich von echter proletarischer Empfindung eingegebenen «Evangelium eines armen Sünders» herrscht eine, man kann sagen, in gewissem Sinne sogar poetische, glühende Sprache, aber durchaus eine Sprache, die appellieren will an den guten Willen, an die Einsicht der Menschen. Das ist Weitlings Überzeugung, daß man etwas anfangen könne mit dem guten Willen der Menschen. Und diese Überzeugung, die ist erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts geschwunden. Und die Tat, durch die sie geschwunden ist, ist eben die Publikation des Kommunistischen Manifestes. Und seit der Zeit, seit dem Jahre 1848, können wir eigentlich das verfolgen, was wir heute die soziale Frage nennen. Denn wenn wir heute so reden wollten wie Saint-Simon, wie Fourier, wie Weitling - ja, wir würden heute wirklich ganz tauben Ohren predigen. Denn bis zu einem gewissen Grade ist es durchaus richtig, daß man in der sozialen Frage nichts anfangen kann, wenn man an die Einsicht der leitenden, führenden Kreise appelliert, die etwas haben. Das ist schon richtig. Die leitenden, führenden Kreise haben das zwar niemals zugegeben, sie werden es auch heute kaum zugeben - sie wissen es gar nicht einmal, wenn sie es doch tun, denn da spielen unbewußte Kräfte in der menschlichen Seele eine außerordentlich große Rolle.
[ 8 ] Sehen Sie, es ist ja nun einmal unsere geistige Kultur im Laufe des 19. Jahrhunderts fast ganz zur Phrase geworden. Und daß wir mit Bezug auf die geistige Kultur in der Phrase leben, ist eine viel wichtigere soziale Tatsache, als man gewöhnlich meint. Und so reden natürlich die Angehörigen der leitenden, führenden Kreise auch über die soziale Frage allerlei schöne Dinge, und sie sind selbst oftmals überzeugt, daß sie schon den guten Willen hätten. Aber in Wirklichkeit glauben sie das nur, es ist nur ihre Illusion; in dem Augenblick, wo irgend etwas Reales in dieser Beziehung in Angriff genommen wird, kommt es auch gleich heraus, daß das eine Illusion ist. Davon wollen wir nachher noch sprechen. Aber wie gesagt, so können wir heute nicht mehr reden, wie im Zeitalter der Utopien geredet worden ist. Das ist die wirkliche Errungenschaft, die durch Karl Marx gekommen ist, daß er gezeigt hat, wie heute die Menschheit so in den Illusionismus hineinverstrickt ist, daß es ein Unsinn ist, auf etwas anderes zu rechnen als auf den Egoismus. Es muß damit einmal gerechnet werden; es kann daher gar nichts erreicht werden, wenn man auf die Selbstlosigkeit, auf den guten Willen, auf die sittlichen Grundsätze der Menschen - ich sage immer «in bezug auf die Soziale Frage» - irgendwie rechnen will. Und dieser Umschwung, der dazu geführt hat, daß wir eben heute ganz anders reden müssen, als zum Beispiel noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geredet werden konnte mit Bezug auf die soziale Frage, dieser Umschwung ist eben mit dem Kommunistischen Manifest gekommen. Aber es ist nicht alles auf einmal gekommen, sondern es war ja immerhin möglich, daß auch nach dem Kommunistischen Manifest noch bis in die sechziger Jahre hinein, wie Sie alle wissen werden — manche jüngere Sozialisten haben ja die Zeit schon vergessen -, diese ganz andere Art des sozialen Denkens, die Art des Ferdinand Lassalle, die Herzen, die Seelen ergriffen hat. Und auch nach dem Tode von Lassalle, der 1864 erfolgt ist, hat sich noch fortgesetzt dasjenige, was Lassallescher Sozialismus war. Lassalle gehört durchaus zu den Menschen, die, trotzdem die andere Denkweise schon heraufgekommen war, noch rechneten auf die Schlagkraft der Ideen. Lassalle wollte durchaus noch die Menschen als solche ergreifen in ihrer Einsicht, in ihrem sozialen Wollen vor allen Dingen. Aber immer mehr und mehr nahm diese Lassallesche Schattierung ab und nahm überhand die andere, die marxistische Schattierung, die nur rechnen wollte auf die Interessen desjenigen Teiles der menschlichen Bevölkerung, der nur sich selbst besaß und seine Arbeitskraft. Aber es ging immerhin nicht so schnell. Solch eine Denkweise entwickelte sich erst nach und nach in der Menschheit.
[ 9 ] In den sechziger, siebziger Jahren, auch noch in den achtziger Jahren war es durchaus so, daß die Leute, die dem Proletariat angehörten oder die zu den Leuten gehörten, die politisch oder sozial abhängig — wenn auch nicht gerade Proletarier - waren, ihre Abhängigkeit gewissermaßen moralisch beurteilten und daß sie die nicht-abhängigen Kreise der menschlichen Bevölkerung moralisch verurteilten. Ihrem Bewußtsein nach war es böser Wille der leitenden, führenden Kreise der menschlichen Bevölkerung, daß sie die große Masse des Proletariats in Abhängigkeit ließen, daß sie sie schlecht bezahlten und so weiter. Wenn ich es trivial ausdrücken darf, so kann ich sagen, in den sechziger, siebziger Jahren, bis in die achtziger Jahre hinein, wurde viel soziale Entrüstung fabriziert und vom Standpunkt der sozialen Entrüstung aus gesprochen. Dann trat in der Mitte der achtziger Jahre der merkwürdige Umschwung eigentlich erst so recht ein. Die mehr führenden Persönlichkeiten der sozialen Bewegung, die hörten dann in den achtziger Jahren ganz auf, aus moralischer Entrüstung heraus über die soziale Frage zu sprechen. Das war ja die Zeit, in der groß waren und mehr oder weniger noch von jugendlichem Feuereifer durchglüht waren diejenigen sozialen Führer, die Sie, die Sie jünger sind, nur noch haben sterben sehen: Adler, Pernerstorfer, Wilhelm Liebknecht, Auer, Bebel, Singer und so weiter. Diese älteren Führer hörten gerade damals in den achtziger Jahren immer mehr auf, diesen Entrüstungssozialismus zu predigen. Ich möchte es so ausdrücken, daß diese Führer des Sozialismus ihre innerste Überzeugung ausspra aAaina chen, als sie damals den alten Entrüstungssozialismus überleiteten in ihre neuere sozialistische Weltanschauung. Sie werden finden, was ich Ihnen jetzt sage, das stehe ja in keinem Buche über die Geschichte des Sozialismus. Aber wer dazumal gelebt hat und das mitgemacht hat, der weiß, daß die Leute, wenn sie sich selbst überlassen waren, so geredet haben.
[ 10 ] Nehmen wir einmal an, es seien in den achtziger Jahren solche führenden Leute des Sozialismus zu einer Diskussion zusammengekommen mit solchen, die [reine] Bourgeois waren in ihren Gesinnungen, und nehmen wir an, es wäre noch eine dritte Sorte dabeigewesen: Bourgeois, die Idealisten waren und allen Menschen Gutes wünschten, die damit einverstanden gewesen wären, alle Menschen glücklich zu machen. Da hätte es geschehen können, daß die Bourgeois erklärten, es müsse immer Leute geben, die arm sind, und solche, die reich sind, und so weiter, denn nur das könne die menschliche Gesellschaft aufrechterhalten. Dann hätte sich vielleicht die Stimme eines von denjenigen erhoben, welche Idealisten waren, die da entrüstet waren darüber, daß so viele Leute in Armut und Abhängigkeit leben mußten. So einer hätte dann vielleicht gesagt: Ja, das muß erreicht werden, daß klargemacht wird diesen besitzenden Leuten, den Unternehmern, den Kapitalisten, daß sie loslassen müssen von ihrem Besitz, daß sie Einrichtungen treffen müssen, durch welche die große Masse in eine andere Lage kommt, und dergleichen. — Da könnten sehr schöne Reden gehalten werden aus diesen Tönen heraus. Dann aber hätte solch einer seine Stimme erhoben, der damals sich gerade hineinfand in den Sozialismus und seinen Werdegang, und hätte gesagt: Was reden Sie da, Sie sind ein Kind; das ist alles Kinderei, alles Unsinn! Die Leute, die da Kapitalisten sind, die Unternehmer sind, das sind alles arme Hascherln, die wissen nichts anderes, als was ihnen eingebleut worden ist von Generationen her. Wenn die auch hören, sie sollten es anders machen, dann könnten sie es nicht einmal, denn sie kämen nicht darauf, wie sie es machen sollten. So etwas geht gar nicht in ihre Schädel hinein, daß man etwas anders machen kann. Man darf nicht die Leute anklagen, man darf nicht die Leute moralisch verurteilen, die sind gar nicht moralisch zu verurteilen; die Kerle sind da hineingewachsen, diese armen Hascherln, in das ganze Milieu, und das inspiriert sie mit den Ideen, die sie haben. Sie moralisch anklagen heißt, nichts verstehen von den Gesetzen der Menschheitsentwicklung, heißt, sich Illusionen hingeben. Diese Menschen können niemals wollen, daß die Welt eine andere Form annimmt. Mit Entrüstung von ihnen zu sprechen, ist die pure Kinderei. Das ist alles notwendig so geworden, und anders kann das auch wiederum nur durch Notwendigkeit werden. Seht ihr, mit solchen kindischen Kerlen, die da glauben, sie könnten den Besitzenden, den Kapitalisten predigen, es solle eine neue Weltordnung heraufgeführt werden, mit solchen kindischen Kerlen kann man nichts anfangen; mit ihnen ist keine neue Weltordnung herbeizuführen; die geben sich nur dem Glauben hin, daß man anklagen kann diese armen HascherIn von Kapitalisten, daß sie eine andere Welt machen sollten. — Ich muß die Sache etwas deutlich aussprechen, daher ist manches in scharfen Konturen gesagt, aber doch so, daß Sie die Reden, von denen ich spreche, durchaus überall hören konnten. Wenn sie geschrieben wurden, dann wurden sie ja ein bißchen retuschiert, ein bißchen anders geschrieben, aber das lag zugrunde. Dann redeten sie weiter: Mit diesen Kerlen - das sind Idealisten, die stellen sich die Welt im Sinne einer Ideologie vor —, mit denen ist nichts anzufangen. Wir müssen uns auf diejenigen verlassen, die nichts haben, die daher etwas anderes wollen aus ihren Interessen heraus als die, die mit kapitalistischen Interessen verbunden sind. Und die werden auch nicht aus irgendeinem moralischen Grundsatz eine Änderung der Lebenslage anstreben, sondern nur aus Begehrlichkeit, um mehr zu haben als sie bisher hatten, um ein unabhängiges Dasein zu haben.
[ 11 ] Diese Denkweise kam in den achtziger Jahren immer mehr und mehr herauf, die Menschheitsentwicklung nicht mehr in dem Sinne aufzufassen, daß der einzelne Mensch besonders verantwortlich ist für das, was er tut, sondern daß er tut, was er aus der wirtschaftlichen Lage heraus tun muß. Der Kapitalist, der Unternehmer, schindet die anderen in höchster Unschuld. Derjenige, der Proletarier ist, der wird nicht aus einem sittlichen Grundsatz, sondern in aller Unschuld aus einer menschlichen Notwendigkeit heraus revolutionieren und die Produktionsmittel, das Kapital, aus den Händen derjenigen nehmen, die es eben haben. Das muß sich abspielen als eine geschichtliche Notwendigkeit. - Diese Denkweise kam herauf.
[ 12 ] Nun, sehen Sie, es war eigentlich erst im Jahre 1891 auf dem Erfurter Parteitag, als dann aller Lassallianismus, der eben doch noch auf die Einsicht der Menschen basiert war, überging in den Glauben an das sogenannte «Erfurter Programm», welches bestimmt war, den Marxismus zur offiziellen Anschauung des Proletariats zu machen. Lesen Sie die Programme des Gothaer, des Eisenacher Parteitages durch, da werden Sie zwei Forderungen finden als echt proletarische Forderungen der damaligen Zeit, die noch zusammenhängen mit Lassallianismus. Die erste Forderung war: die Abschaffung des Lohnverhältnisses; die zweite Forderung war: die politische Gleichstellung aller Menschen, die Abschaffung aller politischen Vorrechte. Auf diese beiden Forderungen gingen alle proletarischen Forderungen aus bis zu den neunziger Jahren, bis zu dem Erfurter Parteitag, der den großen Umschwung brachte. Schauen Sie einmal diese beiden Forderungen genau an, und vergleichen Sie sie mit den Hauptforderungen des Erfurter Parteitages. Welches sind nun die Hauptforderungen des Erfurter Parteitages? Es sind: Überführung des Privateigentums an Produktionsmitteln in das gemeinschaftliche Eigentum; Verwaltung aller Gütererzeugung, aller Produktion durch eine Art große Genossenschaft, in welche sich umzuwandeln hat der bisherige Staat. Vergleichen Sie das ehemalige Programm, welches das proletarische Programm der achtziger Jahre war, mit demjenigen, was aus dem Erfurter Parteiprogramm hervorgegangen ist und seit den neunziger Jahren existiert. Sie werden sehen, im alten Gothaer und Eisenacher Programm sind die Forderungen des Sozialismus noch rein menschliche Forderungen: politische Gleichheit aller Menschen, Abschaffung des entwürdigenden Lohnverhältnisses. Im Anfang der neunziger Jahre hat schon gewirkt dasjenige, was ich Ihnen charakterisiert habe als die Gesinnung, die im Laufe der achtziger Jahre heraufgekommen ist. Da ist verwandelt worden das, was noch mehr Menschheitsforderung war, in eine rein wirtschaftliche Forderung. Da lesen Sie nichts mehr von dem Ideal, das Lohnverhältnis abzuschaffen, da lesen Sie nur von Wirtschaftsforderungen.
[ 13 ] Nun, sehen Sie, diese Sachen hängen dann zusammen mit dem allmählichen Ausbilden der Idee, die man hatte über die äußerliche Herbeiführung eines besseren sozialen Zustandes der Menschheit. Es ist auch oftmals von solchen Leuten, die noch Ideale hatten, gesagt worden: Ach, was schadet es denn, wenn man alles kurz und klein schlägt, es muß ja eine andere Ordnung herbeigeführt werden; also, es muß eine Revolution kommen, es muß alles kurz und klein geschlagen werden, es muß der große Kladderadatsch kommen, denn nur daraus kann eine bessere Gesellschaftsordnung entstehen. - Das sagten noch manche Leute in den achtziger Jahren, die gute, idealistische Sozialisten waren. Denen wurde geantwortet von den anderen, die auf der Höhe der Zeit standen, die die Führer geworden waren diejenigen, die jetzt, wie ich sagte, begraben sind -, die sagten: Das hat alles keinen Sinn, solche plötzlichen Revolutionen sind sinnlos. Das einzige, was Sinn hat, das ist, daß wir den Kapitalismus sich selber überlassen. Wir sehen ja, früher gab es nur kleine Kapitalisten, dann sind es große geworden; sie haben sich zusammengetan mit anderen, sind zu Kapitalistengruppen geworden. Die Kapitalien haben sich immer mehr konzentriert. In diesem Prozeß sind wir drinnen, daß die Kapitalien immer mehr und mehr konzentriert werden. Dann wird die Zeit kommen, wo eigentlich nur noch einige wenige große kapitalistische Trusts, Konsortien vorhanden sind. Dann wird es nur noch notwendig sein, daß das Proletariat, als die nichtbesitzende Klasse, eines schönen Tages auf ganz friedliche Weise, auf parlamentarischem Wege, den Kapitalistenbesitz, die Produktionsmittel, überführt in den Gemeinschaftsbesitz. Das kann ganz gut gemacht werden, aber man muß abwarten. Bis dahin müssen sich die Dinge entwickeln. Der Kapitalismus, der eigentlich ein unschuldiges Kind ist, kann ja nichts dafür, daß er menschenschinderisch ist — das bringt die geschichtliche Notwendigkeit herauf. Er arbeitet aber auch vor, denn er konzentriert die Kapitalien; sie sind dann schön beieinander, dann brauchen sie nur übernommen zu werden von der Allgemeinheit. Nichts von rascher Revolution, sondern langsame Entwicklung.
[ 14 ] Sehen Sie, das Geheimnis der Anschauung, das öffentliche Geheimnis der Anschauung, das da zugrundeliegt, hat ja in den neunziger Jahren Engels schön auseinandergesetzt. Er hat gesagt: Wozu schnelle Revolutionen? Dasjenige, was langsam geschieht unter der Entwicklung des neueren Kapitalismus, dieses Zusammenrotten der Kapitalien, dieses Konzentrieren der Kapitalien, das arbeitet ja alles für uns. Wir brauchen nicht erst eine Gemeinsamkeit herzustellen, die Kapitalisten machen das schon. Wir brauchen es nur überzuführen in den proletarischen Besitz. Daher — sagt Engels haben sich eigentlich die Rollen vertauscht. Wir, die wir das Proletariat vertreten, haben uns ja gar nicht zu beklagen über die Entwicklung, die anderen haben sich zu beklagen. Denn die Kerle, die heute in den Kreisen der besitzenden Leute sind, die müssen sich sagen: Wir sammeln die Kapitalien an, aber für die anderen sammeln wir sie an. Seht, die Kerle müssen sich eigentlich sorgen, daß sie ihre Kapitalien verlieren; die kriegen eingefallene Backen, die werden dürr von diesen Sorgen, was da werden soll. Wir gedeihen gerade als Sozialisten sehr gut in dieser Entwicklung drin. Wir kriegen, sagt Engels, pralle Muskeln und volle Backen und sehen aus wie das ewige Leben. — Das sagt Engels in einer Einleitung, die er in den neunziger Jahren schrieb, indem er charakterisierte, wie es ganz recht ist, was sich da herausentwickelt, und wie man nur abzuwarten brauchte die Entwicklung, die eigentlich durch den Kapitalismus von selber besorgt wird. Diese Entwicklung mündet dann ein in die Überführung desjenigen, was der Kapitalismus erst konzentriert hat, in den Gemeinbesitz derer, die bisher nichts gehabt haben. - Das war eigentlich die Stimmung, in der das 20. Jahrhundert von den führenden Kreisen des Proletariats betreten worden ist.
[ 15 ] Und so hat man gedacht, besonders seit der Zeit, in der der Marxismus nicht mehr so genommen worden ist wie in den neunziger Jahren, sondern als er einer Revision, wie man sagte, unterzogen worden ist, in der Zeit, als die Revisionisten auftraten, also diejenigen, die heute noch leben, aber alte Leute sind, wie zum Beispiel Bernstein. Da kamen also die Revisionisten. Die sagten, man kann die ganze Entwicklung etwas fördern, denn wenn die Arbeiter bloß arbeiten, bis die Kapitalisten alles zusammengescharrt haben, werden sie doch vorher noch Not leiden, namentlich im Alter haben sie nichts. Da wurden dann Versicherungen gemacht und so weiter; und vor allen Dingen sah man darauf, daß man dasjenige, was die führenden Klassen hatten als Einrichtungen im politischen Leben, daß man sich das auch aneignete. Sie wissen, damals entstand ja namentlich auch das gewerkschaftliche Leben. Und innerhalb der sozialistischen Partei waren das die zwei stark divergierenden Richtungen: die ausgesprochene Gewerkschaftspartei und die eigentliche, wie man damals sagte, politische Partei. Die politische Partei stand mehr auf dem Boden, eine plötzliche Revolution nütze nichts, die Entwicklung müsse so vor sich gehen, wie ich es eben beschrieben habe. Daher handle es sich darum, daß alles vorbereitet werde auf den einen Zeitpunkt, wo der Kapitalismus genügend konzentriert ist und das Proletariat in den Parlamenten die Majorität hat. Es müsse alles auf dem Wege des Parlamentarismus, der Aneignung der Majorität, fortgetrieben werden, damit an dem Zeitpunkte, wo die Produktionsmittel in den Gemeinbesitz übernommen werden sollten, dann auch die Majorität für diese Überführung da ist. Namentlich in dieser Gruppe von Leuten, die alles von der politischen Partei hielten, da hielt man am Ende des 19. Jahrhunderts nicht sehr viel von der gewerkschaftlichen Bewegung. Diese setzte sich in jener Zeit eben dafür ein, so eine Art Wettkampf in geordneter Art zwischen sich und den Unternehmern einzurichten, um von Zeit zu Zeit immer wieder von den Unternehmungen Lohnerhöhungen und ähnliche Dinge herauszubekommen. Kurz, man stellte sich so ein, daß man nachmachte jenes System gegenseitiger Verhandlungen, wie es unter den leiten a den, führenden Kreisen untereinander selbst vorhanden war, daß man dieses auch ausdehnte auf das Verhältnis zwischen den leitenden Kreisen und dem Proletariat. Sie wissen ja, daß ganz besonders angeklagt wurden von den Vertretern des eigentlich politischen sozialistischen Systems diejenigen, die dann am meisten bürgerlich wurden unter der Gewerkschaftsbewegung. Und am Ende der neunziger Jahre und am Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man überall sehen bei denjenigen, die mehr auf das politische System eingerichtet waren, die große Verachtung für jene Leute, die sich ganz eingefuchst hatten auf das gewerkschaftliche Leben, namentlich zum Beispiel die Buchdrucker, die wiederum ein ganz anderes System gewerkschaftlichen Lebens bis zum Extrem ausgebildet hatten.
[ 16 ] Das waren zwei ganz streng voneinander geschiedene Richtungen im sozialen Leben: die Gewerkschafter und diejenigen, die mehr der politischen Partei zuneigten. Und innerhalb der Gewerkschaften waren ja die Buchdrucker im Buchdruckerverband geradezu die Musterknaben; sie waren diejenigen Musterknaben, die sich ja auch die volle Anerkennung der bürgerlichen Kreise erworben hatten. Und ich glaube, daß ebenso, wie man eine gewisse Angst gehabt hat, eine gewisse Sorge gehabt hat über die politische sozialistische Partei, so hat man nach und nach mit großer Befriedigung heraufkommen sehen solche braven Leute wie die Leute im Buchdruckerverband. Von denen sagte man sich: Die verbürgerlichen sich, mit denen kann man immer verhandeln, das geht ganz gut. Wenn die aufschlagen mit ihren Löhnen, dann schlagen wir auf mit unseren Preisen, die wir fordern. Das geht. - Und, nicht wahr, für die nächsten Jahre ging es auch, und weiter denken die Leute ja auch nicht. Also da war man mit dieser musterhaften Ausbildung der gewerkschaftlichen Entwicklung sehr zufrieden. Nun ja, wenn ich einiges auslasse, was mehr Nuancen sind, kann man sagen, daß sich dann diese beiden Richtungen mehr oder weniger herausgebildet haben bis in die Zeiten, die dann überrascht worden sind von der Weltkriegskatastrophe. Aber da haben die Leute leider von dieser Weltkriegskatastrophe ja nicht alles gelernt, was mit Bezug auf die soziale Frage eigentlich hätte gelernt werden sollen.
[ 17 ] Nicht wahr, sobald man nun betrachtet die Verhältnisse im Osten von Europa, in Mitteleuropa, wenn man absieht von der eigentlich anglo-amerikanischen Welt und zum Teil auch von der romanischen Welt, wenn man sich also auf Mittel- und Osteuropa beschränkt, so kann man sagen, mit dieser Geschichte ist eigentlich nichts Rechtes geworden, die man immer so definiert hat: Die Kapitalien konzentrieren sich, und, wenn man in den Parlamenten die Majorität haben wird, dann werden die Kapitalien in den Besitz der Gemeinschaft übergeführt werden und so weiter. - Daß das nicht so glatt erwartet werden kann heute, dafür hat die Weltkriegskatastrophe gesorgt. Diejenigen sind ja oftmals als kindisch hingestellt worden, die irgendeine Revolution erwartet haben, aber im Grunde genommen, was ist denn geschehen in den letzten vier bis fünf Jahren? Halten wir uns das ganz klar und deutlich vor Augen, was geschehen ist. Nicht wahr, Sie haben es ja auch öfter gehört, was in den letzten vier bis fünf Jahren geschehen ist: Im Juli 1914 sind die Regierungen ein bißchen «verdreht» geworden - oder stark «verdreht» geworden - und haben die Leute in den Weltkrieg gehetzt. Da haben die Leute geglaubt, es sei ein Weltkrieg da, es haben Schlachten stattgefunden - aber mit den modernen Kriegsmitteln, mit den Maschinenmitteln, war etwas ganz anderes da als in früheren Kriegen. Es ist doch keine Möglichkeit mehr da gewesen, daß irgendeiner ein besonders berühmter Feldherr wurde, denn schließlich kam es nur darauf an, ob eine Partei die größere Menge an Munition hatte und sonstige Mittel der Kriegführung, ob eine Partei die mechanischen Kriegsmittel besser herstellte als die andere oder ein Gas entdeckt hatte und dergleichen, das die anderen nicht hatten. Erst siegte der eine, dann entdeckte der andere wieder etwas, dann wieder der erste; das Ganze war eine furchtbar mechanische Kriegführung. Und alles, was geredet worden ist über dasjenige, was da und dort geschehen ist von seiten der Menschen, das war unter dem Einfluß der Phrase geschehen, es war durchaus Phrase. Und nach und nach wird die moderne Menschheit einsehen, auch in Mitteleuropa, was alles als Phrase drinnengesteckt hat, wenn der eine oder andere, der eigentlich nichts anderes war als ein etwas verdrehter Durchschnittssoldat, zu einem großen Feldheren gemacht worden ist in Mitteleuropa. Diese Dinge sind nur unter dem Einfluß der Phrase möglich geworden. Nun ja, das war eben so.
[ 18 ] Nun, was ist denn aber in Wirklichkeit geschehen? Das haben die Leute vor lauter äußeren Ereignissen nicht gemerkt. Während die Leute glaubten, daß ein Weltkrieg geführt worden sei — der eigentlich nur eine Maske war -, hat sich in Wirklichkeit eine Revolution vollzogen. In Wirklichkeit ist eine Revolution geschehen in diesen vier bis fünf Jahren. Das wissen die Leute heute nur noch nicht, das beachten sie heute noch nicht. Der Krieg ist die Außenseite, die Maske; die Wahrheit ist die, daß sich die Revolution vollzogen hat. Und weil sich die Revolution vollzogen hat, ist heute die Gesellschaft Mittel- und Osteuropas in einer ganz anderen Verfassung, und man kann nichts anfangen mit dem, was die Leute bedacht hatten für frühere Lagen. Heute ist es notwendig, daß all die Gedanken, die man sich früher gemacht hat, ganz neu geordnet werden, daß man ganz neu über die Dinge denkt. Und das ist versucht worden mit dem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage»: ganz richtig zu rechnen mit der Lage, in die wir gekommen sind durch die allerjüngsten Ereignisse. Daher ist es kein Wunder, daß die Menschen in den sozialistischen Parteien, die nicht schnell genug mitkommen können, diesem Buch Mißverständnis über Mißverständnis entgegenbringen. Wenn die Menschen nur einmal sich darauf einließen, ihre eigenen Gedanken zu prüfen - ein bißchen zu prüfen dasjenige, wovon sie sagen, daß sie es wollen -, dann würden sie sehen, wie sehr sie leben unter dem Einfluß der Ideen, die sie sich bis zum Jahre 1914 gemacht haben. Das ist die alte Gewohnheit.
[ 19 ] Nicht wahr, diese Ideen, die man bis 1914 gehabt hat, die haben sich so eingefressen in die Umgebung der Menschen, daß sie jetzt nicht wieder herauskommen. Und was ist die Folge? Die Folge ist: Trotzdem heute ein neues Handeln notwendig ist, trotzdem sich die Revolution vollzogen hat in Ost- und Mitteleuropa, trotzdem wir heute notwendig haben, einen Aufbau zu vollziehen - nicht nach alten Ideen, sondern nach neuen Ideen -, trotz alledem predigen die Leute die alten Ideen. Und was sind heute die Parteien, auch die sozialistischen Parteien? Die sozialistischen Parteien sind diejenigen, die in der alten Weise, wie sie bis zum Juli 1914 gepredigt haben, dieses oder jenes sozialistische Evangelium auch heute weiter predigen, denn ein Unterschied ist bei diesen Parteiprogrammen nicht gegenüber den früheren — höchstens der Unterschied, der von außen kommt. Für den, der die Dinge kennt, für den wird in der einzelnen Parteigruppierung furchtbar wenig Neues, Ja gar nichts Neues gesagt. Die alten Ladenhüter von Gedanken werden auch heute noch verzapft. Nun ja, es ist ja ein bißchen ein Unterschied: Wenn man einen kupfernen Kessel hat und klopft daran, dann klingt es; klopft man genauso auf ein hölzernes Faß, dann klingt es anders; aber das Klopfen kann ganz dasselbe sein. Es hängt dann von dem ab, worauf man klopft, ob es anders klingt. Und so ist es heute, wenn die Leute ihre Parteiprogramme verzapfen. Das, was in diesen alten Parteiprogrammen enthalten ist, das ist eigentlich der alte Parteiladenhüter; nur weil jetzt andere soziale Verhältnisse da sind, klingt es heute etwas anders, so wie es anders klingt bei einem kupfernen Kessel oder bei einem hölzernen Faß. Wenn die Unabhängigen Sozialisten oder die Mehrheitssoziualisten oder die Kommunisten reden - sie reden eben alte Parteiphrasen, und es klingt anders, weil nicht ein kupferner Kessel, sondern ein hölzernes Faß da ist. In Wahrheit hat man auf vielen Seiten eben gar, gar, gar nichts gelernt. Aber darauf kommt es an, daß man etwas lernt, daß einem dieser furchtbare Weltkrieg, wie man ihn nennt, der aber eigentlich eine Weltrevolution war, irgend etwas sagt.
[ 20 ] Und da kann man wirklich schon sagen: In den breitesten Massen ist man vorbereitet darauf, etwas Neues zu hören. Aber bei den breiten Massen ist das so: Da wird zugehört dem, was die Führer sagen. Es ist ein gutes Verständnis da, ein guter, gesunder Menschenverstand in den breiten, unverbildeten Massen, und man konnte eigentlich immer auf Verständnis rechnen, wenn man etwas richtig Zeitgemäßes, etwas im besten Sinne des Wortes zeitgemäß zu Nennendes vorbringt. Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, daß die Massen unverbildet sind. Aber sobald sich die Menschen in die Art der Schulung hineinbegeben, die man haben kann seit den letzten drei bis vier Jahrhunderten, da hört diese Eigenschaft des Unverbildetseins auf. Wenn man dasjenige, was die heutige bürgerliche Schulbildung ist, von der Volksschule bis hinauf zur Universität, betrachtet — und am ärgsten wird es sein, wenn jetzt die sozialistische Einheitsschule gegründet wird, da wird alles im größten Maße vorhanden sein, was von der bürgerlichen Volksschule verbrochen worden ist —, da sieht man: Was da verzapft wird in den Schulen, das verbildet die Köpfe, das macht sie dem Leben fremd. Man muß aus dem ganzen Zeug herauskommen, man muß sich wirklich im geistigen Leben auf eigene Beine stellen, wenn man aus dieser Verbildung herauskommen will. Aber sehen Sie, durch diese Verbildung sind die großen und kleinen proletarischen Führer so geworden. Sie mußten sich diese Bildung aneignen; diese Bildung steckt in unseren Schulen und in den populären Schriften, überall steckt sie drinnen. Und da fängt man dann an, so ein vertrocknetes Gehirn zu kriegen und nicht mehr für die Tatsachen zugänglich zu sein, sondern bei Parteiprogrammen und Meinungen, die man sich eingepfropft und eingehämmert hat, bei denen bleibt man stehen. Da kann dann selbst die Weltrevolution kommen, man pfeift immer noch die alten Programme darauf los.
[ 21 ] Sehen Sie, dieses Schicksal hat im wesentlichen dasjenige erfahren, was mit diesem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage» und den Vorträgen in vieler Richtung gewollt worden ist. Da wurde einmal wirklich mit dem gerechnet, was das Proletariat heute unbedingt braucht, was notwendig ist aus der Zeitlage heraus. Das verstand man auch anfangs [im Proletariat], aber dann verstanden es diejenigen nicht, die die Führer des Proletariats in den verschiedenen Parteigruppierungen sind. Das heißt, ich will ja nicht allzu ungerecht sein, und ich will nicht die Wahrheit pressen; ich will nicht behaupten, daß zum Beispiel diese Führer dieses Buch nicht verstehen, denn ich kann nicht annehmen, daß sie es gelesen haben, daß sie es kennen. Ich würde nicht etwas Richtiges behaupten, wenn ich sagte: sie können das Buch nicht verstehen. Aber sie können sich überhaupt nicht entschließen zu verstehen, daß etwas anderes notwendig sein soll, als das, was sie seit Jahrzehnten denken. Dazu ist ihr Gehirn zu trocken, zu steif geworden. Und daher bleiben sie stehen bei dem, was sie seit langer Zeit gedacht haben und finden, daß dasjenige, was das Gegenteil von aller Utopie ist, daß das eine Utopie sei. Denn sehen Sie, das Buch «Die Kernpunkte» rechnet voll damit, daß man heute nicht mehr im Sinne der Saint-Simon, Fourier, Proudhon und so weiter in Utopien sich bewegen kann, aber auch damit, daß man nimmermehr sich auf den Standpunkt stellen kann: Die Entwicklung wird es schon von selber geben. Denn das, was Marx und Engels gesehen haben, was sich [zu ihren Zeiten] entwickelte, woraus sie ihre Schlüsse gezogen haben, aus dem kann man heute nicht mehr Schlüsse ziehen, denn das hat der Weltkrieg weggefegt, das ist in seiner wahren Gestalt nicht mehr da. Wer heute dasselbe sagt wie Marx und Engels, der sagt etwas, was Marx niemals gesagt hätte. Dem ist angst und bange geworden gerade vor seinen Anhängern, denn er hat gesagt: Was mich anbetrifft, ich bin kein Marxist. — Und heute würde er sagen: Damals waren die Tatsachen noch andere; damals habe ich meine Schlüsse gezogen aus Tatsachen, die noch nicht so modifiziert, so verändert worden sind, wie der Weltkrieg alles verändert hat nachher.
[ 22 ] Aber sehen Sie, diejenigen Menschen, die nichts lernen können von den Ereignissen, die heute von einer Gesinnung sind, wie die alten Katholiken ihren Bischöfen und Päpsten gegenüber waren, die können sich gar nicht denken, daß so etwas, wie es der Marxismus ist, auch fortentwickelt werden muß im Sinne der Tatsachen. Sie sehen immer noch die alten Tatsachen vor sich, und deshalb pfeifen und fauchen die l.eute noch immer dasselbe, was sie gepfiffen und gefaucht haben vor dem Weltkrieg. So machen es die Sozialisten, aber auch die Bürgerlichen. Die weitesten Kreise machen es so. Die Bürgerlichen machen es natürlich ganz schläfrig, mit völlig verschlafener Seele, die anderen machen es so, daß sie allerdings mitten drinnen stehen und den Zusammenbruch sehen, daß sie aber nicht mit den Tatsachen, die sich dadurch offenbaren, rechnen wollen. Wir haben eben heute notwendig, daß etwas Neues unter die Menschen kommt. Und deshalb ist es nötig, so etwas zu verstehen [wie die Dreigliederung], die keine Utopie ist, sondern die gerade mit den Tatsachen rechnet. Wenn von jener Seite dasjenige, was so mit den Tatsachen rechnet, Quertreiberei genannt wird, so könnte man eigentlich ganz zufrieden sein. Denn wenn die Leute das, was sie vorwärtstreiben, eine gerade Linie nennen, dann muß man, um etwas Vernünftiges zu betreiben, in die Quere hineinschießen, um das Unvernünftige in andere, in vernünftige Richtung zu bringen. Aber sehen Sie, diejenigen, die das Vernünftige doch noch einsehen, die sollten sich vertiefen in das, was hier vorgebracht wird. Und dazu können ja diese Abende da sein.
[ 23 ] Nicht wahr, es ist ja längst dasjenige, was da aus den Tatsachen herausgeholt wird, versucht worden, in die Praxis hineinzutragen. Und so haben wir uns seit Wochen versammelt - ich brauche alle diese Dinge nicht zu wiederholen, Sie können ja auch im Anschluß an diesen Vortrag noch Fragen stellen oder pro und contra diskutieren —, wir haben uns seit Wochen versammelt, um das, was wir Betriebsräteschaft nennen, auf die Beine zu bringen. Wir haben versucht, diese Betriebsräteschaft aus den gegenwärtig notwendigen Tatsachen heraus zu schaffen, wirklich so sie zu schaffen, daß sie aus dem bloßen Wirtschaftsleben kommen, daß sie nicht kommen aus dem politischen Leben, das nicht die Grundlage des Wirtschaftslebens abgeben kann. Denn man muß, wenn man heute den Tatsachen ins Auge schaut, streng stehen auf dem Boden des dreigliedrigen sozialen Organismus. Und derjenige, der heute diese Dreigliederung nicht will, der handelt der geschichtlichen Notwendigkeit der Menschheitsentwicklung entgegen. Heute muß das so sein, wie ich es oftmals ausgeführt habe: daß das geistige Leben auf sich gestellt wird, daß das wirtschaftliche Leben auf sich gestellt wird, daß das Rechts- oder politische Leben demokratisch verwaltet wird. Und im wirtschaftlichen Leben soll der erste Anfang zu einer wirklich sozialen Gestaltung mit den Betriebsräten gemacht werden. Wodurch kann aber das nur geschehen? Nur dadurch, daß man zuerst die Frage aufstellt: Nun ja, da ist der Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus, der ist neu gegenüber allen früheren Parteimumien; ist noch etwas anderes Neues da? Blödlinge behaupten heute, daß die Ideen nur so durch die Luft schwirren würden. Hört man die Diskussionen an, so bringen sie allerlei Negatives, aber sie bringen nichts, was der Dreigliederung des sozialen Organismus an die Seite zu stellen wäre. Das ist alles Wischi-waschi, wenn da von sozialistischer Seite herkommt, daß die Ideen nur so in der Luft hängen — wie das gesagt worden ist in einer neu begründeten Zeitschrift in einer Besprechung der Dreigliederung.
[ 24 ] Es handelt sich erstens darum, daß man die Frage aufwirft und sich darüber klar wird: Ist nichts anderes da? Dann hält man sich zunächst an die Dreigliederung des sozialen Organismus, bis man sie in sachlicher Weise widerlegen kann, bis man sachlich Gleichwertiges daneben stellen kann. Über die alten Parteiprogramme kann man nicht mehr diskutieren, darüber hat der Weltkrieg diskutiert; wer wirklich Verständnis hat, der weiß, daß diese alten Parteimumien durch die Weltkriegskatastrophe widerlegt sind. Dann aber, wenn man diese Frage nicht dadurch beantworten kann, daß man etwas sachlich Gleichwertiges daneben stellt, und wenn man weitergehen will, dann kann man ehrlich sich sagen: Also arbeiten wir im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus. Sagen wir uns ehrlich: Die alten Parteizusammenhänge haben ihre Bedeutung verloren; es muß im Sinne der Dreigliederung gearbeitet werden.
[ 25 ] Als ich vorgestern in Mannheim gesprochen habe, trat zuletzt ein Herr auf, der sagte: Was da der Steiner gesagt hat, ist schön, aber es ist nicht das, was wir wollen; wir wollen nicht zu allen alten Parteien noch eine neue Partei. Die Leute, die so etwas wollen, die sollen in die alten Parteien eintreten und darin wirken. - Ich konnte darauf nur sagen: Ich habe das politische Leben längst sehr genau verfolgt, als der Herr, der da sprach, noch lange nicht geboren war. Und ich habe, trotzdem ich mit allem bekanntgeworden bin durch mein Leben, was sozial irgendwie als Kraft funktionierte, ich habe doch niemals innerhalb irgendeiner Partei gewirkt oder darinnen stehen können, und es fällt mir nicht ein, jetzt, am Ende meines sechsten Lebensjahrzehnts, irgendwie ein Parteimensch zu werden: Weder mit einer andern Partei noch mit einer selbstgegründeten möchte ich irgend etwas zu tun haben. Also auch nicht mit einer selbstgegründeten Partei möchte ich etwas zu tun haben; das braucht niemand zu fürchten, daß durch mich eine neue Partei gegründet wird. Denn daß jede Partei durch Naturnotwendigkeit nach einiger Zeit töricht wird, das habe ich gelernt, gerade indem ich mich niemals mit irgendeiner Partei eingelassen habe. Und ich habe gelernt, die Leute zu bedauern, die das nicht durchschauen. Daher braucht niemand zu fürchten, daß zu den alten Parteien eine neue Partei kommt. Deshalb ist auch von uns nicht eine neue Partei gegründet worden, sondern der Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus hat sich zusammengeschlossen, um die Ideen des dreigliedrigen Organismus zu vertreten, deren nicht-utopistischer Charakter, deren Wirklichkeitscharakter eben doch von einer Anzahl von Menschen durchschaut wird. Die Menschen, die das einsehen, die sollten aber auch ehrlich und aufrichtig sich dazu bekennen.
[ 26 ] Denn auch das darf nicht geschehen: Es gibt ein Theaterstück, da kräht ein Hahn in der Früh, und immer, wenn der Hahn gekräht hat, geht die Sonne auf. Nun ja, der Hahn kann nicht den Zusammenhang durchschauen, daher glaubt er, wenn er kräht, dann folge die Sonne seinem Ruf, sie komme, weil er gekräht hat, er habe bewirkt, daß die Sonne aufgeht. - Wenn schließlich jemand im nicht-sozialen Leben sich einer solchen Täuschung hingibt, wie dieser Hahn, der auf dem Mist kräht und die Sonne aufgehen machen will, so macht es nichts. Wenn aber unter Umständen es hier geschehen würde, daß die Idee der wirklich wirtschaftlichen Betriebsräte gedeiht auf dem Boden des dreigliedrigen Organismus und diejenigen Menschen, die das pflegen, verleugnen wollten etwa den Ursprung, nämlich daß der Impuls der Dreigliederung diese Idee in Fluß gebracht hat, und wenn diese Menschen glauben, weil man gekräht habe, kämen die Betriebsräte, dann wäre das derselbe Irrtum, und zwar ein sehr verhängnisvoller Irrtum. Das darf aber nicht kommen. Das, was in dieser Richtung [der Betriebsräte] geschieht, was in Angriff genommen worden ist hier, das darf nicht losgelöst werden, es muß im Zusammenhang bleiben mit dem richtig verstandenen Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus. Und diejenigen, die im Sinne dieses Impulses die Betriebsräteschaft verwirklichen wollen, die können sich niemals darauf einlassen, daß etwa in einseitiger Weise bloß die Betriebsräteschaft gegründet würde und immer nur gekräht würde «Betriebsräte, Betriebsräte». Damit ist es nicht genug. Das hat nur einen Sinn, wenn man zugleich anstrebt alles, was durch den Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus angestrebt werden soll. Das ist es, worauf es ankommt. Denn wollen Sie wirklich das verstehen, was in den «Kernpunkten» steht, dann müssen Sie sich auf den Standpunkt stellen, den man lernen kann aus den Tatsachen, die die letzten vier bis fünf Jahre geboten haben. Wer diese Tatsachen durchschaut, auf den wirken sie so, als wenn er Jahrhunderte durchlebt hätte, und auf den wirken die Parteiprogramme so, als wenn ihre Träger Jahrhunderte geschlafen hätten. Heute muß dieses klar und rückhaltlos ins Auge gefaßt werden.
[ 27 ] Das, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, das hätte ich natürlich ebensogut als Vorrede in dieses Buch schreiben können. Allein, man hat ja erst in den letzten Monaten gesehen, wie steif und unfruchtbar die Parteiprogramme gegenwärtig sind. Aber es wäre schon nützlich, wenn gerade das als Vorrede in diesem Buche stehen würde. Vieles, was nicht darin steht, habe ich Ihnen heute erzählt, da Sie, wie mir scheint, beschlossen haben, hier zusammenzukommen, um in Anknüpfung an dieses Buch die ernsten sozialen Fragen der Gegenwart sachgemäß zu studieren. Aber bevor man sich an das macht, muß man sich schon klarmachen, daß man nicht forttrotteln kann in dem alten Stil der Parteiprogramme und Parteischablonen, sondern daß man sich dazu entschließen muß, heute die Tatsachen wirklichkeitsgemäß anzufassen und einen Strich zu machen unter alles das, was nicht rechnet mit diesen neuen Tatsachen. Nur dadurch werden Sie das, was erreicht werden soll gerade mit diesem Impuls vom dreigliedrigen sozialen Organismus, in der richtigen Weise auffassen. Und Sie werden es in der richtigen Weise auffassen, wenn Sie finden, daß jeder Satz in diesem Buch dazu angetan ist, Tat werden zu können, umgesetzt werden zu können in unmittelbare Wirklichkeit. Und die meisten, die sagen, sie würden das nicht verstehen oder es seien Utopien und dergleichen, denen fehlt einfach der Mut, die Courage, heute so stark zu denken, daß die Gedanken in die Wirklichkeit eingreifen können. Diejenigen, die immer krähen «Diktatur des Proletariats», «Eroberung der Macht», «Sozialismus», die denken zumeist sehr wenig dabei. Es kann daher mit diesen Wortschablonen nicht in die Wirklichkeit eingegriffen werden. Dann aber kommen diese und sagen, da würde [mit den «Kernpunkten»] nur etwas geboten, was eine Utopie ist. Eine Utopie wird es erst in den Köpfen von den Leuten, die nichts davon verstehen.
[ 28 ] Deshalb sollte man diesen Leuten klarmachen, was, in einer etwas veränderten Form mit Bezug auf etwas anderes, Goethe einmal gesagt hat, indem er gelacht hat über den Physiologen Haller, der ein verknöcherter Naturforscher war. Haller hatte das Wort geprägt:
Ins Innere der Natur
Dringt kein erschaffner Geist.
Glückselig, wem sie nur
Die äußere Schale weist!
[ 29 ] Das widerstrebte Goethe, und er sagte:
«Ins Innere der Natur»
O, du Philister!
«Dringt kein erschaffner Geist.»
...
«Glückselig, wem sie nur
Die äußere Schale weist!»
Das hör ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen.
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male.
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist!
[ 30 ] Diejenigen, die von der Dreigliederung des sozialen Organismus als von einer Utopie sprechen, zu denen möchte man auch so sagen: Dich prüfe du nur zuallermeist, ob das in deinem Gehirn drinnen $Spukende selber Utopie oder Wirklichkeit ist. - Da wird man finden, daß all die Kräher zumeist Utopien drinnen haben und deshalb die Wirklichkeit in ihrem eigenen Kopfe auch eine Utopie wird oder eine Ideologie oder wie sie es dann nennen. Deshalb ist es heute so schwer, mit der Wirklichkeit durchzudringen, weil die Leute sich so verbaut haben den Zugang zu der Wirklichkeit.
[ 31 ] Das aber müssen wir uns sagen, daß wir ernstlich arbeiten müssen, sonst werden wir nicht überführen können unser Wollen in die Tat; und darauf kommt es an, daß wir unser Wollen in die Tat überführen. Und wenn wir von allem Abschied nehmen müßten, weil wir es als einen Irrtum erkennen, so müßten wir, um vom Wollen zur Tat kommen zu können, uns doch zur Wahrheit wenden, die wir als Wahrheit durchschauen wollen, denn nichts anderes kann vom Wollen zur Tat führen, als das rücksichtslose, couragierte Verfolgen der Wahrheit. Das sollte eigentlich als eine Devise, als ein Motto, vor die Studien dieser Abende geschrieben werden. Ich wollte Ihnen heute Abend eine Vorrede halten zu diesen Studienabenden. Ich hoffe, daß diese Vorrede Sie nicht abhält, diese Studien so zu pflegen, daß endlich wirklich, ehe es zu spät wird, Gedanken, die Tatenkeime in sich tragen, sich fruchtbar in die Welt hineinstellen können.
Es wird die Gelegenheit zu einer Aussprache gegeben.
[ 32 ] Rudolf Steiner: Das Buch «Die Kernpunkte der Sozialen Frage» ist ja nach zweifacher Richtung in einer besonderen Art geschrieben. Erstens ist es so geschrieben, dafs es tatsächlich ganz aus der Wirklichkeit heraus stammt. Das bedenken manche Leute nicht, die das Buch lesen. Ich kann auch begreifen, daß das heute nicht voll bedacht wird. Ich habe schon einmal hier in diesem Kreise — aber es waren nicht alle die da, die heute da sind - davon gesprochen, wie nun wirklich die Leute heute denken. Ich habe namentlich hingewiesen auf das Beispiel des Professors der Nationalökonomie, Lujo Brentano, der das so nett geliefert hat in der vorigen Nummer des «Gelben Blattes»; ich will es kurz wiederholen, weil ich daran etwas anknüpfen will. Da hat diese Leuchte der heutigen Volkswirtschaftslehre der Universität — er ist ja der Erste sozusagen — den Begriff des Unternehmers entwickelt und hat versucht, aus seinem erleuchteten Denken heraus die Merkmale des Unternehmers zu charakterisieren. Das erste und zweite Merkmal brauche ich nicht aufzuzählen; als drittes gibt er an, daß der Unternehmer derjenige ist, der seine Produktionsmittel auf eigene Rechnung und Gefahr in den Dienst der sozialen Ordnung stellt. Nun hat er diesen Begriff des Unternehmers, und den wendet er nun an. Da kommt er zu dem merkwürdigen Resultat, daß der proletarische Arbeiter von heute eigentlich auch ein Unternehmer ist, denn er entspricht diesem seinem Begriff des Unternehmers in bezug auf die erste, zweite und dritte Eigenschaft. Denn der Arbeiter hat seine eigene Arbeitskraft als Produktionsmittel; darüber verfügt er, in bezug auf diese wendet er sich an den sozialen Prozeß auf eigene Rechnung und Gefahr. - So bringt diese Leuchte der Volkswirtschaft den Begriff des proletarischen Arbeitnehmers in seinen Begriff des Unternehmers sehr gut hinein. Sehen Sie, so denken eben die Menschen, die sich Begriffe machen, die gar keinen Sinn haben; sie haben keinen Sinn, wenn Begriffe verlangt werden, die auf die Wirklichkeit wirklich anwendbar sein sollen. Aber so wenig Sie das vielleicht auch annehmen werden, man kann ruhig sagen: Weit über neunzig Prozent alles desjenigen, was heute gelehrt oder gedruckt wird, das operiert mit solchen Begriffen; wenn man sie anwenden will auf die Wirklichkeit, so geht es ebensowenig wie bei Lujo Brentanos Begriff vom Unternehmer. So ist es in der Wissenschaft, so ist es in der Sozialwissenschaft, so ist es überall, daher haben die Leute verlernt, überhaupt das zu verstehen, was mit wirklichkeitsgemäßen Begriffen arbeitet.
[ 33 ] Nehmen Sie einmal die Grundlage der Dreigliederung des sozialen Organismus. Nicht wahr, man kann sie in der verschiedensten Weise legen, diese Grundlagen, weil das Leben viele Grundlagen braucht. Aber eine ist diese, daß man weiß: in der neueren Zeit ist das heraufgezogen, was man nennen könnte den Impuls der Demokratie. Die Demokratie muß darin bestehen, daß jeder mündig gewordene Mensch sein Rechtsverhältnis festsetzen kann in demokratischen Parlamenten — mittelbar oder unmittelbar gegenüber jedem anderen mündig gewordenen Menschen. Aber gerade wenn man ehrlich und aufrichtig diese Demokratie in die Welt setzen will, dann kann man die geistigen Angelegenheiten nicht im Sinne dieser Demokratie verwalten, denn da würde entscheiden müssen jeder mündiig gewordene Mensch über das, was er nicht versteht. Die geistigen Angelegenheiten müssen aus dem Verständnis heraus für die Sache geregelt werden, das heißt auf sich selbst gestellt werden; sie können also überhaupt nicht in einem demokratischen Parlament verwaltet werden, sondern sie müssen ihre eigene Verwaltung haben, die nicht demokratisch sein kann, sondern die aus der Sache heraus sein muß. Ebenso ist es im Wirtschaftsleben; da muß aus der wirtschaftlichen Erfahrung und dem Drinnenleben im Wirtschaftsleben die Sache verwaltet werden. Daher muß ausgeschieden werden aus dem demokratischen Parlament das Wirtschaftsleben auf der einen Seite und das Geistesleben auf der anderen Seite. Daraus entsteht der dreigegliederte soziale Organismus.
[ 34 ] Da gibt es nun in Tübingen den Professor Heck, das ist der - ich habe schon davon gesprochen -, der gesagt hat, man brauche sich durchaus nicht herbeizulassen zu sagen, daß das gewöhnliche Lohnverhältnis, wo man entlohnt wird für seine Arbeit, etwas Erniedrigendes hätte für den Proletarier, denn Caruso stehe ja auch im Lohnverhältnis. Der Unterschied wäre kein prinzipieller: Caruso singe und bekomme seinen Lohn, und der gewöhnliche Proletariier arbeite und bekomme auch seinen Lohn; und er als Professor bekomme auch seinen Lohn, wenn er vortrage. Der Unterschied zwischen Caruso und dem Proletarier wäre nur der, daß Caruso für einen Abend dreißig- bis vierzigtausend Mark bekommt und der Proletarier etwas weniger. Aber das sei kein prinzipieller Unterschied, sondern nur ein Unterschied in bezug auf die Summe der Entlohnung. Und so braucht man, so meint dieser geistreiche Professor, in der Entlohnung durchaus nicht etwas Entwürdigendes zu fühlen; er fühle das auch nicht so. - Das nur nebenbei. Aber nun hat dieser gescheite Professor auch einen langen Artikel geschrieben gegen die Dreigliederung. Da geht er aus davon: Gliedern wir dreifach, dann kommen wir ja zu drei Parlamenten. — Und jetzt zeigt er, daß das nicht geht mit drei Parlamenten, denn er sagt: Im Wirtschaftsparlament wird der kleine Handwerker nicht verstehen die Standpunkte des Großindustriellen und so weiter. - Da hat sich der gute Professor seine Ideen über die Dreigliederung gemacht, und gegen diese Ideen - die ich noch viel dümmer finde als Professor Heck sie findet; die würde ich auch in Grund und Boden hinein kritisieren —, gegen die geht er an, aber die hat er selbst gemacht. Es handelt sich nämlich darum, daß nicht drei Parlamente nebeneinanderstehen, sondern daß herausgenommen wird das, was in kein Parlament gehört. Er macht einfach drei Parlamente und sagt: Das geht nicht. — So lebt man in wirklichkeitsfremden Begriffen und beurteilt das andere auch danach.
[ 35 ] Nun ist gerade in die Nationalökonomie, in die Volkswirtschaftslehre, fast nur das eingezogen, was unwirkliche Begriffe sind. Aber sehen Sie, ich könnte doch nicht jetzt, wo die Zeit drängt, eine ganze Bibliothek schreiben, worin alle volkswirtschaftlichen Begriffe aufgeführt werden. Daher finden sich natürlich in den «Kernpunkten» eine Menge von Begriffen, die sachgemäß besprochen werden müssen. Ich brauche zum Beispiel nur auf folgendes aufmerksam zu machen:
[ 36 ] Nicht wahr, in einer Zeit, über die wir hinaus sind, da entstanden soziale Verhältnisse im Grunde genommen einzig und allein durch Eroberung. Irgendein Territorium wurde von einem Volke oder von einer Rasse besetzt; ein anderes Volk brach herein und eroberte das Gebiet. Diejenigen Rassen oder Völker, die früher drinnen waren, wurden heruntergedrängt zur Arbeit. Das erobernde Volk nahm den Boden in Besitz, und dadurch entstand ein gewisses Verhältnis zwischen Eroberern und Eroberten. Die Eroberer hatten dadurch, daß sie Eroberer waren, den Boden in Besitz. Dadurch waren sie die wirtschaftlich Starken, die Eroberten waren die wirtschaftlich Schwachen, und es bildete sich das heraus, was ein Rechtsverhältnis wurde. Daher hat man in fast allen älteren Epochen im geschichtlichen Werden durch Eroberungen begründete Rechtsverhältnisse, das heißt Vorrechte und Benachteiligungsrechte. Nun kamen die Zeiten herbei, in denen nicht mehr frei erobert werden konnte. Sie können den Unterschied studieren im freien und gebundenen Erobern, wenn Sie zum Beispiel sich das frühe Mittelalter ansehen. Sie können studieren, wie gewisse Völkerschaften, die Goten, hinuntergedrungen waren nach dem Süden, aber in vollbesetzte Gebiete; da wurden sie zu anderem veranlaßt in bezug auf die soziale Ordnung als die Franken, die nach dem Westen zogen und dort nicht vollbesetzte Gebiete fanden. Dadurch entstanden andere Erobererrechte. In der neueren Zeit wirkten dann nicht allein die von Grund und Boden abhängigen Rechte, welche aus Eroberungen hervorgegangen waren, es kamen dazu die Rechte derjenigen Menschen, die Vorrechte aus Besitz hatten und die jetzt durch wirtschaftliche Macht sich aneignen konnten die Produktionsmittel. Da kam zu dem, was Bodenrecht ist im heutigen Sinne, der Besitz der Produktionsmittel dazu, das heißt der Privatbesitz von Kapitalien. Das ergab dann Rechtsverhältnisse aus wirtschaftlichen Verhältnissen heraus. Sie sehen, es sind diese Rechtsverhältnisse ganz allein aus den wirtschaftlichen Verhältnissen heraus entstanden.
[ 37 ] Nun kommen die Menschen und wollen Begriffe von wirtschaftlicher Macht, von der wirtschaftlichen Bedeutung des Grund und Bodens, sie wollen Begriffe der Betriebsmittel, der Produktionsmittel, der Kapitalien und so weiter haben. Ja, aber sie haben keine wirklich tiefere Einsicht in den Gang der Dinge. Da nehmen sie dann die oberflächlichen Tatsachen und kommen nicht darauf, was eigentlich hinter den Bodenrechten, hinter den Machtverhält aA nissen in bezug auf die Produktionsmittel steckt. Natürlich, alle diese Dinge sind in meinem Buche berücksichtigt. Da ist richtig gedacht; da ist, wenn von Rechten gesprochen wird, aus dem Bewußtsein heraus gesprochen, wie das Recht durch Jahrhunderte hindurch entstanden ist; da ist, wenn von Kapital gesprochen wird, aus dem Bewußtsein heraus gesprochen, wie das Kapital geworden ist. Da ist sorgfältig vermieden, einen Begriff anzuwenden, der nicht vollständig aus der Entstehung heraus gefaßt ist; daher nehmen sich diese Begriffe anders aus als in den gewöhnlichen heutigen Lehrbüchern.
[ 38 ] Aber auch noch etwas anderes ist berücksichtigt. Nehmen wir eine bestimmte Tatsache, nicht wahr, die Tatsache, wie der Protestantismus einmal entstanden ist. In den Geschichtsbüchern wird es ja sehr häufig so erzählt, daß der Tetzel herumgezogen ist innerhalb Mitteleuropas und daß die Leute entrüstet waren über den Ablaßverkauf und dergleichen. Aber das war es nicht allein, das ist nur die Oberflächenansicht. Die Hauptsache, die dahinter stak, war die Tatsache, daß es in Genua ein Bankhaus gab, in dessen Auftrag — nicht im Auftrag des Papstes - dieser Ablaßkrämer in Deutschland herumzog, denn dieses Bankhaus hatte dem Papst für seine anderen Bedürfnisse Kredite gewährt. Die ganze Geschichte war eine kapitalistische Unternehmung. An diesem Beispiel des Ablaßhandels als einer kapitalistischen Unternehmung, wo sogar auch mit Geistigem gehandelt worden ist, an diesem Beispiel können Sie studieren — oder besser gesagt, wenn man da anfängt zu studieren, kommt man allmählich darauf -, daß schließlich alle Kapitalmacht zurückgeht auf die Übermacht des Geistigen. Studieren Sie, wie das Kapital eigentlich zu seiner Macht gekommen ist, so finden Sie überall die Übermacht des Geistigen. Und so ist es wirklich. Nicht wahr, wer schlau ist, wer findig ist, der hat eine größere Macht als derjenige, der nicht schlau, der nicht findig ist. Und auf diese Art entsteht gerechtfertigterweise — oder auch ungerechtfertigterweise — vieles, was Zusammenscharrung des Kapitals ist. Das muß berücksichtigt werden, wenn man ins Auge faßt den Kapitalbegriff. Bei solchen realen Studien kommt man dahinter, daß Kapital auf Entfaltung der geistigen Macht beruht und daß zu den Grund- und Bodenrechten, zu den Erobererrechten, von anderer Seite hinzugekommen ist die Macht des alten theokratischen Geistes. Von der alten Kirche ist viel von dem ausgegangen, was dann übergegangen ist eigentlich in den modernen Kapitalismus. Es gibt einen geheimen Zusammenhang zwischen der modernen kapitalistischen Macht und der Macht der alten Kirche. Und das alles hat sich zu einem Kuddelmuddel zusammengezogen in den modernen Machtstaat. Da drinnen finden Sie die Überreste der alten Theokratie, die Überreste der alten Eroberungen. Und schließlich kamen die modernen Eroberungen dazu, und die allermodernste Eroberung soll jetzt die Eroberung des Staates durch den Sozialismus sein. Aber so darf man es in Wirklichkeit nicht machen. Es muß etwas Neues werden, was mit diesen alten Begriffen und Impulsen vollständig aufräumt. Daher wird es darauf ankommen, daß wir uns bei unseren Studien auch befassen mit den Begriffen, die hier zugrundeliegen. Wir müssen heute jedem, der über soziale Sachen reden will, genau Aufschluß geben darüber, was Recht ist, was Macht ist und was in Wirklichkeit ein [wirtschaftliches] Gut ist, ein Gut in Form von Waren und dergleichen. Auf diesem Gebiet werden die größten Fehler gemacht. Ich will zum Beispiel auf einen aufmerksam machen; wenn Sie darauf nicht aufmerksam sind, werden Sie vieles in meinem Buche mißverstehen.
[ 39 ] Es herrscht heute vielfach die Ansicht, daß Ware aufgespeicherte Arbeit ist, daß auch Kapital aufgespeicherte Arbeit ist. — Sie können sagen, es sei harmlos, solche Begriffe zu haben. Es ist nicht harmlos, denn solche Begriffe vergiften das ganze soziale Denken. Sehen Sie, wie ist es eigentlich mit der Arbeit - Arbeit als Aufwendung von Arbeitskraft? Ja, da verhält es sich so, daß ein großer Unterschied ist, ob ich zum Beispiel meine physische Muskelkraft abnütze, indem ich Sport treibe, oder ob ich Holz hacke. Wenn ich Sport treibe, da nütze ich meine physische Muskelkraft ab; ich kann geradeso müde werden und meine Muskelkraft wieder ersetzen müssen wie einer, der Holz hackt. Dieselbe Menge von Arbeit kann ich anwenden auf den Sport wie auf das Holzhacken. Der Unterschied ist nicht da in bezug darauf, daß die Arbeitskraft wieder ersetzt werden muß - sie muß natürlich ersetzt werden -, sondern der Unterschied besteht darin, daß die eine Arbeitskraft angewendet wird nur für mich, im egoistischen Sinn, die andere im sozialen Sinn für die Gesellschaft. Durch die soziale Funktion unterscheiden sich diese Dinge. Sage ich jetzt, irgend etwas ist aufgespeicherte Arbeit, so berücksichtige ich nicht, daß die Arbeit eigentlich aufhört, in irgendeiner Sache drinnen zu sein in dem Augenblick, wo nicht mehr gearbeitet wird. Nicht kann ich sagen: Das Kapital ist aufgespeicherte Arbeit -, sondern ich muß sagen: Die Arbeit ist nur so lange da, als sie verrichtet wird. Aber in unserer heutigen sozialen Ordnung behält das Kapital die Macht, die Arbeit jederzeit wiederum aufzurufen. Nicht in dem liegt das Verhängnisvolle, was Marx meint, daß Kapital aufgespeicherte Arbeit ist, sondern in der Einrichtung, daß Kapital die Macht gibt, neue Arbeit - nicht aufgespeicherte Arbeit -, sondern neue Arbeit immer wiederum in seinen Dienst zu stellen. Davon hängt viel ab, und davon wird weiter viel abhängen, daß man zu klaren, in der Wirklichkeit fußenden Begriffen über diese Dinge kommt. Und von solchen Begriffen, die nun ganz drinnenstecken in der Wirklichkeit, geht dieses mein Buch aus. Das rechnet nicht mit solchen Begriffen, die ganz nützlich waren für die Erziehung des Proletariats. Aber heute, wo man etwas bauen soll, haben sie keinen Sinn mehr, diese Begriffe.
[ 40 ] Sehen Sie, wenn ich sage: Kapital ist aufgespeicherte Arbeit -, so ist das gut für die Erziehung des Proletariats; es bekam die Gefühle, die es bekommen sollte. Da kam es nicht darauf an, daß der Begriff grundfalsch ist - erziehen kann man auch mit grundfalschen Begriffen. Aber etwas aufbauen, das kann man nur mit richtigen Begriffen. Daher brauchen wir heute auf allen Gebieten der Volkswirtschaft richtige Begriffe und können nicht weiter mit falschen Begriffen arbeiten. Das sage ich nicht aus Frivolität, daß man auch mit falschen Begriffen erziehen kann, sondern aus allgemeinen Erziehungsgrundsätzen heraus. Sehen Sie, wenn Sie Kindern Märchen erzählen, dann wollen Sie ja auch nicht mit diesen Dingen, die Sie da herausentwickeln, bauen; bei der Erziehung kommt etwas anderes in Betracht, als in Betracht kommt beim Aufbauen in der physischen Wirklichkeit. Da muß mit wirklichen Begriffen gearbeitet werden. Solch ein Begriff wie «Kapital ist aufgespeicherte Arbeit», das ist kein Begriff. Kapital ist Macht und verleiht Macht, jederzeit neu entstehende Arbeit in seinen Dienst zu stellen. Das ist ein wirklicher Begriff mit Tatsachenlogik. Mit wahren Begriffen muß man arbeiten auf diesen Gebieten. Das ist versucht worden in den «Kernpunkten». Daher glaube ich, daß viel von dem, was da nicht drinnensteht an Definition der Begriffe, an Charakteristik der Begriffe, daß das erarbeitet werden muß. Und wer dann dazu beitragen kann, daß dies erarbeitet wird, was man braucht, um das zu verstehen, was die Denkweise, die Grundlage dieses Buches ist, der wird sehr Gutes beitragen zu diesen Studienabenden. Also darauf kommt es an, meine sehr verehrten Anwesenden, darauf kommt es ganz besonders an.
[ 41 ] Ja, nicht wahr, man müßte ein Lexikon schreiben, wenn man alle Begriffe klarmachen wollte -, aber was «Kapital» ist, das kann jetzt an einem einzigen solchen Studienabend erledigt werden. Ohne daß man heute klar begriffen hat: Was ist eigentlich Kapital? Was ist Ware? Was ist Arbeit? Was ist Recht? -, ohne diese Begriffe kommt man nicht weiter. Und diese Begriffe sind ganz konfus in den weitesten Kreisen; sie müssen vor allen Dingen richtiggestellt werden. Man verzweifelt heute ja geradezu, wenn man redet mit Leuten über die soziale Ordnung; sie können nicht mit, weil sie nicht gelernt haben, die Wirklichkeit zu beherrschen. Das ist dasjenige, was namentlich besorgt werden sollte.
