Soziale Ideen, Soziale Wirklichkeit,
Soziale Praxis I
Band II
GA 337a
3 März 1920, Stuttgart
4. Wie soll die Dreigliederungsarbeit fortgeführt werden?
[ 1 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Das, was ich in diesen einleitenden Worten werde zu sagen haben, wird ja selbstverständlich etwas herausfallen aus den Gepflogenheiten, wie sie hier an diesen Abenden bisher waren, aus dem einfachen Grunde, weil ich gewissermaßen hereingeschneit bin und es daher nicht möglich ist, unmittelbar gerade da fortzusetzen, wo das letzte Mal aufgehört worden ist. So wird wohl heute vielleicht der Schwerpunkt liegen müssen in der Diskussion selbst, an der ich Sie bitte, sich zahlreich zu beteiligen.
[ 2 ] Als wir jetzt vor zehn Monaten hier in Stuttgart begonnen haben mit der Popularisierung jener Ideen, die der sozialen Dreigliederung zugrundeliegen, da war dieses Unternehmen durchaus gedacht im Sinne der damaligen Zeitereignisse. Wir standen damals als Angehörige der mitteleuropäischen Staats-, Geistes- und Wirtschaftsgebiete — unmittelbar nach dem furchtbaren Schlag, den die Schreckensereignisse der letzten vier bis fünf Jahre Mitteleuropa gebracht hatten —, wir standen dazumal eben vor all denjenigen Fragen, die aufgeworfen werden mußten unter dem Gesichtspunkt: Wie haben wir uns zu verhalten als Menschen Mitteleuropas, die nun, sagen wir es trocken — eben damals «die Besiegten» waren? Und da mußte die Anschauung zugrundegelegt werden, daß - angesichts der furchtbaren Erlebnisse, weniger jetzt der Kriegsereignisse als derjenigen des Kriegsausganges, die, natürlich in anderer Beziehung, nicht weniger schrecklich sind als die Kriegsereignisse selber — Verständnis erweckt werden müßte bei einer genügend großen Anzahl von Menschen für diejenigen Ideen von einer sozialen Neugestaltung, die gerade aus dem Kreise der Besiegten heraus zu einem Wiederaufbau der europäischen Angelegenheiten hätten führen können.
[ 3 ] Wenn man es zu tun hat, meine lieben Freunde, mit der Propagierung irgendeiner Idee, so hört man sehr häufig das Wort, das seien weittragende Ideen. Es wird gesagt, man könne vielleicht hoffen, daß solche weittragende Ideen sich in ferner Zeit einmal verwirklichen lassen werden - und je nach dem größeren oder geringeren Optimismus werden dann größere oder kleinere Zeiträume angegeben -, man könne nur dahin arbeiten, daß die Menschheit sich solchen Idealen annähere und so weiter. Aber zu Gedanken, die sich in dieser Richtung bewegen, forderte die Zeitlage bei Beginn unserer Arbeit eigentlich nicht heraus. Gemeint war dazumal, daß die nächste Notwendigkeit darin besteht, in möglichst vielen Köpfen Verständnis hervorzurufen für den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus: für ein selbständiges Geistesleben, für ein selbständiges Staats- oder Rechtsleben und für ein selbständiges Wirtschaftsleben. Man hat hoffen können, daß die bitteren Ereignisse dieses Verständnis bei den Menschen hätten hervorbringen können. Es hat sich aber gezeigt, daß in der Zeit, in der es notwendig gewesen wäre, dieses Verständnis in einer genügend großen Anzahl von Menschen tatsächlich nicht hat hervorgebracht werden können — aus Gründen, die heute nicht weiter berührt werden sollen. Und heute wird mit Recht von mancher Seite her die Frage aufgeworfen: Kann denn eigentlich diese Idee der Dreigliederung in derselben Weise weitergepflegt werden wie dazumal? Sind wir denn heute nicht schon im Abbau unseres Wirtschaftslebens zu stark vorgerückt?
[ 4 ] Wer allerdings dieses Wirtschaftsleben der Gegenwart durchschaut, der kann nicht so ohne weiteres — ich sage absichtlich «nicht ohne weiteres» — diese Frage verneinen. Denn, setzen wir einmal die Hypothese, man hätte dazumal, als wir im April des vorigen Jahres mit unserer Arbeit begonnen haben, durch das Entgegenkommen einer genügend großen Anzahl von Menschen - die ganz gewiß hätten herbeiführen können eine Änderung der Verhältnisse —, wir hätten in der Tat den nötigen Erfolg gehabt: dann stünde selbstverständlich heute unser Wirtschaftsleben auf einem ganz anderen Boden. Es mag manchem anmaßend erscheinen, wenn ich das sage, aber es ist doch so. Und die verschiedenen Artikel, die in unserer Dreigliederungszeitung gekommen sind, können ja als Beweis, als Beleg des soeben Gesagten dienen.
[ 5 ] Wenn wir, die wir in engerem Kreis an der Fortführung der Dreigliederungsideen arbeiten, dennoch durchaus glauben, daß die Arbeit fortgesetzt werden muß, so sind wir auf der anderen Seite auch gründlich davon überzeugt, daß der Weg, der eben zunächst eingeschlagen worden ist — eine genügend große Anzahl von Seelen zu überzeugen von der Notwendigkeit der Dreigliederung -, daß dieser Weg heute nicht rasch genug zum Erfolg führen kann. Deshalb müssen wir heute denken an unmittelbar praktische Unternehmungen, deren Gestalt ja schon in der nächsten Zeit vor unsere engere Zeitgenossenschaft hintreten soll. Wir müssen daran denken, unser Ziel zu erreichen durch gewisse Institutionen, die ersetzen können dasjenige, was bewirkt worden wäre durch das Zusammenwirken einer genügend großen Anzahl von überzeugten Menschen. Wir müssen wenigstens den Versuch machen, durch Institutionen, die wirtschaftliche Institutionen sind, erste Musterinstitutionen zu schaffen, an denen man sehen wird, daß in solchen wirtschaftlichen Institutionen unsere Ideen praktisch verwirklicht werden können. Diese können dann Nacheiferung finden in dem Sinne, daß man dann den Tatsachen dasjenige glaubt, was man vorher den uns überzeugend scheinenden Worten nicht glauben wollte. Auf der anderen Seite werden diese Musterinstitutionen auch tatsächlich solche wirtschaftlichen Folgen haben können, daß manches von dem, was schon eingetreten ist an wirtschaftlicher Helotisierung, wiederum gutgemacht werden kann. In der Tat ist ja eine große Anzahl von Menschen in diesem Mitteleuropa soweit gekommen, daß es ihnen ganz gleichgültig ist, woher sie ihre Profite beziehen. Sie lassen sich von den Siegern unter Umständen die Direktiven und auch die sachlichen materiellen Unterlagen geben, wenn das für sie nur möglich macht, entsprechende Profite zu haben. Die Art und Weise, wie man in manchen Kreisen heute daran denkt, sich wirtschaftlich aufzuhelfen in Mitteleuropa, ist ja geradezu beschämend. So muß gedacht werden, aus der Dreiglie A Am derungsidee selber heraus praktische Institutionen zu schaffen, welche den Beweis werden liefern können - selbst unter den schon recht schwierig gewordenen Verhältnissen —, daß diese Dreigliederungsidee tatsächlich nicht eine utopistische, sondern eine praktische ist.
[ 6 ] Sehen Sie, als wir mit unserer Arbeit begonnen haben, wurde vielfach gefragt: Ja, könnt ihr uns für einzelne Einrichtungen praktische Gesichtspunkte geben? Wie soll man das oder jenes machen? — Derjenige, der eine solche Frage aufgeworfen hat, der hat gewöhnlich ganz davon abgesehen, daß es sich nicht darum handeln konnte, die eine oder andere Institution, die gerade ihre Unbrauchbarkeit erwiesen hat, durch gute Ratschläge weiter zu erhalten, sondern daß es sich darum gehandelt hat, durch Umwandlung im großen einen völligen sozialen Neuaufbau zu bewirken, durch den dann die einzelnen Institutionen getragen worden wären. Dazu hätte es nicht der Ratschläge bedurft für das eine oder andere, sondern dazu hätte es bedurft, daß die Ideen im großen eingesehen worden wären, das heißt von einer genügend großen Anzahl von Menschen — denn zuletzt werden doch alle Institutionen von Menschen gemacht.
[ 7 ] So stehen wir heute schon einmal vor einer Art von Kursänderung, die wahrhaftig nicht dadurch herbeigeführt worden ist, daß wir etwa glauben, daß wir uns in unseren Ideen geirrt hätten. Ideen dieser Art müssen immer rechnen mit den Zeiterscheinungen. Und wenn die Menschheit nicht auf diese Zeiterscheinungen eingeht, dann müssen eben die Ideen anders werden, müssen wenigstens einen anderen Kurs einschlagen. Damit haben wir darauf hingewiesen, daß unsere noch gar nicht alte Dreigliederungsbewegung tatsächlich schon eine in den heutigen Zeitverhältnissen begründete, arg sprechende Geschichte hat — eine Geschichte, die vielleicht doch für manchen lehrreich sein könnte, wenn er sie nur beachten möchte.
[ 8 ] Das, was ich jetzt gesagt habe, möchte ich Ihnen anschaulich machen an einem Beispiel: Derjenige, welcher das Buch «Die Kernpunkte der Sozialen Frage», wie es vor jetzt einem Jahr entstanden ist, auf die wirtschaftlichen Ausführungen hin durchnimmt, der wird da finden gewisse Betrachtungen über die Organisation des Wirtschaftslebens, das eine gewisse notwendige Selbständigkeit erlangen soll, das nicht abhängig sein darf in der Zukunft von staatlichen Institutionen, staatlichen Verwaltungen, das durchaus gestellt sein muß auf seine eigenen Grundlagen, und das aufgebaut sein muß aus seinen eigenen Grundlagen auf dem Prinzip der Assoziationen. Ich kann natürlich heute nur einige Gesichtspunkte angeben, vielleicht wird die Diskussion das weitere liefern.
[ 9 ] Was soll denn eigentlich der Sinn solcher Assoziationen sein im Wirtschaftsleben? Der Sinn dieser Assoziationen soll sein, daß sich zunächst verbinden Berufskreise, die irgendwie verwandt sind, die sachlich zusammenarbeiten müssen, die vollständig frei und selbständig, ohne irgendwelchen staatlichen Verwaltungen zu unterstehen, ihre Wirtschaft besorgen, daß sich die zusammenfinden. Und dann sollen sich diese Assoziationen von Berufskreisen wiederum assoziieren mit den entsprechenden Konsumenten, so daß das, was als Wechselverkehr eintritt erstens zwischen den verwandten Berufskreisen, dann aber auch [zweitens] zwischen den Produzenten- und Konsumentenkreisen, wiederum in Assoziationen zusammengeschlossen ist. Es soll an die Stelle der heutigen Wirtschaftsverwaltung dasjenige treten, was sich durch den freien Verkehr der wirtschaftlichen Assoziationen ergibt.
[ 10 ] Selbstverständlich gehört zu diesem Gewebe von wirtschaftlichen Institutionen — mit Bezug auf das Wirtschaften — auch alles dasjenige, was sonst arbeitet im Rechtsleben, im Staatsleben, was arbeitet im geistigen Leben. Das geistige Leben als solches ist unabhängig auf seine eigenen Füße gestellt, aber diejenigen, die im geistigen Leben wirksam sind, die müssen essen, trinken, sich kleiden; sie müssen daher von sich aus auch wiederum Wirtschaftskorporationen bilden, die sich als solche dem Wirtschaftskörper einzuverleiben haben, die im Wirtschaftskörper sich assoziieren mit denjenigen Korporationen, die nun wiederum gerade ihren Interessen dienen können. Dasselbe muß geschehen mit der Korporation derjenigen Menschen, die im Staatsleben stehen. So wird im Wirtschaftsleben alles drinnen sein, was an Menschen überhaupt im sozialen Organismus drinnen ist — geradeso, wie in den beiden andern Gliedern, im Staatsleben und Geistesleben, alles drinnen ist an Menschen, was dem sozialen Organismus angehört. Nur sind die Menschen unter verschiedenen Gesichtspunkten in den drei Gliedern des sozialen Organismus drinnen. Das, worauf es ankommt, das ist ja, daß der soziale Organismus nicht gegliedert ist nach Ständen, sondern nach Gesichtspunkten, und daß in jedem Gliede des sozialen Organismus mit seinen Interessen ein jeder Mensch drinnensteht.
[ 11 ] Was kann erreicht werden durch ein solches auf dem Assoziationsprinzip beruhendes Wirtschaftsleben? -— Das kann erreicht werden, daß die Schäden, die sich allmählich ergeben haben durch die Produktionsweise der letzten Jahrhunderte, besonders des 19. Jahrhunderts, aus dem Wirtschaftsleben und damit aus dem menschlichen Leben überhaupt beseitigt werden. Diese Schäden der Mensch erlebt sie ja heute zunächst an seinem eigenen Leibe, möchte ich sagen -, sie haben sich ergeben, weil im Laufe der neueren Jahrhunderte aus den früheren Bedingungen heraus sich andere Bedingungen ergeben haben in bezug auf die Produktion im Wirtschaftsleben.
[ 12 ] Wenn man zurückblickt auf die Zeit vom 17. bis 18. Jahrhundert, so findet man durchaus, daß die Art und Weise, wie produziert wurde, noch in einem gewissen Zusammenhang steht mit dem Menschen und seiner Organisation selbst. Man sieht, daß damals bei der Preisbestimmung dieser Preis abhängig war nicht von denjenigen Faktoren, von denen er heute einzig und allein abhängig ist, sondern zum Beispiel von den Fähigkeiten der Menschen, namentlich zum Beispiel davon, inwiefern ein Mensch befähigt ist, soundsoviele Stunden des Tages an dieser oder jener Produktion mit einer gewissen Hingebung und Freude zu arbeiten. Der Preis wurde also bestimmt durch das Zusammengewachsensein des Menschen mit seiner Produktion. Heute ist das allerdings höchstens noch in gewissen Zweigen des Geisteslebens der Fall. Wenn jemand ein Buch schreibt, kann man ihm nicht vorschreiben, wieviele Stunden des Tages er arbeiten soll und einen Lohn aussetzen für soundsoviele Stunden des Tages. Wenn zum Beispiel der achtstündige Arbeitstag eingeführt würde fürs Bücherschreiben, würde etwas Schönes dabei herauskommen, denn es könnte sehr leicht sein, daß Sie acht Stunden arbeiten und dafür einen Lohn bekommen sollen, daß Ihnen aber während vier Stunden durch drei Wochentage gar nichts einfällt. So wie hier ein inniges Band ist zwischen den menschlichen Befähigungen, zwischen der geistigen menschlichen Organisation und den hervorgebrachten Produkten, so war das auch so für viel materiellere Zweige - ja, je weiter wir zurückgehen in der menschlichen Entwickelung, überhaupt für alle materiellen Zweige. Erst in der neueren Zeit hat sich das Band gelöst zwischen dem Produkt und dem Produzierenden. Umfassend betrachtet ist es im Grunde genommen ein völliger Unsinn, daß man aufrechterhalten will diese Loslösung des Produktes von dem Produzierenden. In einzelnen Produktionszweigen kann sich das augenfällig zeigen. Nehmen Sie, jetzt bloß ökonomisch betrachtet, zum Beispiel das Buchfabrizieren. Bücher müssen geschrieben werden; das kann nicht unter die Gesetze der Entlohnung gestellt werden, wie sie zum Beispiel die heutige Sozialdemokratie für das Produzieren vertritt. Dabei würde nichts herauskommen. Aber Bücher müssen gedruckt werden, und derjenige, der sie setzt, der kann schon auf die Prinzipien der heutigen Sozialdemokratie sich stützen, auf das gewerkschaftliche Prinzip. Denn zum Setzen braucht einem nichts weiter einzufallen; da braucht man kein intimer geartetes Band zwischen Produzenten und Produktion. Aber wenn man auf die Quellen zurückgeht, wird man überall finden, daß gerade diejenige Arbeit, für die man ein solches Band nicht braucht, gar nicht da wäre, wenn nicht zuerst diejenigen Arbeiten da wären, von denen all diese äußere Arbeit abhängt. Wäre der Baumeister nicht da, so könnten alle Lohnarbeiter, die die Häuser bauen, nicht arbeiten. Wäre der Bücherschreiber nicht da, so könnte der Setzer keine Bücher setzen. Das sind doch Gedankengänge, die heute nicht angestellt werden, aber im eminentesten Sinne bei volkswirtschaftlichen Betrachtungen durchaus zugrundegelegt werden müssen.
[ 13 ] Ich konnte nicht alles, was an Lebenserfahrungen in die «Kernpunkte» eingeflossen ist, genau ausführen, denn sie sind ja auf denkende Leser berechnet. Und ich kann Ihnen die Versicherung geben, es ist doch heute ganz nützlich, wenn man beim Lesen eines Buches auch ein bißchen denkt und nicht immer sagt: Das ist ja so schwer verständlich, dabei muß man ja denken, das hätte viel populärer geschrieben sein müssen. — Aber durch die ja gerade in den Artikeln unserer Dreigliederungszeitung von den verschiedensten Gesichtspunkten aus beleuchteten Vorgänge ist ja immer mehr und mehr dieses Band gelockert worden zwischen Produzenten und Produktion. Und nur dadurch, daß wirklich in der neueren Zeit, unter dem Einfluß vor allem auch der materialistischen Denkweise, nur mehr auf die Produktionsart und nicht auf die Verfassung und Fähigkeit des Produzierenden gesehen worden ist, ist ja sogar die Anschauung entstanden der abstrakten, sozialistischen Agitatoren und Denker, daß die Produktion als solche überhaupt dasjenige sei, was die ganze Geschichte, das ganze Menschenleben beherrsche. Diese Anschauung ist aus dem Grunde entstanden, weil in der Tat durch die moderne Technik und durch andere gewisse soziale Verhältnisse eine Herrschaft des Produktes über die produzierenden Menschen eingetreten ist. So daß man sagen kann: Während früher, bis vor drei Jahrhunderten ungefähr, noch viel anderes vom Menschen herrschend war, ist [seitdem] im sozialen Leben der ökonomische Mensch derjenige geworden, der [heute] maßgebend erscheint - der ökonomische Mensch und der ökonomische Prozeß. Solche Menschen wie Renner zum Beispiel, der es sogar dahin gebracht hat, österreichischer Staatskanzler zu werden, haben es ja ausgesprochen, daß ferner nicht mehr geredet werden solle von dem «homo sapiens», der in den letzten Jahrhunderten spukte in den Köpfen der Menschen, sondern daß n nur noch geredet werden könne von dem «homo oeconomicus» — das sei die einzige Wirklichkeit. Nun, seit dem 19. Jahrhundert aber, weil die Dinge in der Wirklichkeit Verwandlungen eingehen durch ihre eigenen Gesetze, ist nicht einmal mehr maßgebend geblieben der homo oeconomicus, der ökonomische Mensch, der ökonomische Prozeß, sondern wir können sagen: ungefähr vom Jahre 1810 ab — um einen Zeitpunkt anzusetzen - ist der herrschende Mensch geworden der Bankier. Und mehr als man glaubt, ist in diesem 19. Jahrhundert im wirtschaftlichen Leben der zivilisierten Welt der Bankier herrschend geworden, der Geldwechsler, derjenige, der eigentlich bloß das Geld verwaltet. Alle Ereignisse, welche seit jener Zeit eingetreten sind, stehen mehr oder weniger unter dem Einfluß dieses geschichtlichen Umschwunges: daß im volkswirtschaftlichen Zusammenhang aus dem ökonomischen Menschen und ökonomischen Prozeß allmählich geworden ist der Bankier, der Geldwechsler, der Verleiher vor allen Dingen, und aus dem öffentlichen sozialen Prozeß die Finanzverwaltung, die Geldverwaltung.
[ 14 ] Nun hat aber das Geld ganz gewisse Eigenschaften. Das Geld ist ein Repräsentant für Verschiedenes, aber das Geld als solches ist gleich. Ich kann eine Summe Geldes erwerben dadurch, daß ich ein Tonstück verkaufe - eine geistige Produktion. Oder ich kann eine Summe Geldes erwerben dadurch, daß ich Stiefel verkaufe. Die Summe Geldes kann immer gleich sein, dasjenige aber, was ich verkaufe, das kann sehr verschieden sein. Das Geld nimmt dadurch gegenüber dem wirklichen Lebensprozeß einen gewissen abstrakten Charakter an. Und so mußte entstehen unter dem Einfluß der Welt-Bankierwirtschaft die Auslöschung der konkreten Wechselwirkungen im menschlichen sozialen Verkehr, die Auslöschung der konkreten Wechselwirkungen [zwischen Produkt und Produzierendem, und es entstand] der Verkehr des bloßen Repräsentanten, des Geldes.
[ 15 ] Das aber hat ganz bestimmte Folgen. Das hat die Folge, daß die drei wesentlichsten Bestandteile unseres wirtschaftlichen Prozesses — Grund und Boden, Produktionsmittel und Konsumtionsmittel —, die ihrer Natur nach im volkswirtschaftlichen Prozeß in ganz verschiedener Weise drinnenstehen, nicht etwa bloß gedanklich, sondern real unter dieselbe Macht gestellt werden, in derselben Weise behandelt werden. Denn demjenigen, dem es nur darauf ankommt, eine gewisse Summe Geldes zu erwerben oder zu verwalten, dem kann es gleichgültig sein, ob diese Summe Geldes repräsentiert Grund und Boden oder Produktionsmittel, das heißt Maschinen oder dergleichen, die für andere Produktionen dienen, aber von Menschen hergestellt worden sind, oder ob sie repräsentiert Konsumtionsartikel, unmittelbare Gebrauchsartikel. Dem kommt es nur darauf an, daß er eine bestimmte Summe Geldes für etwas erhält respektive daß, wenn er sie hat, sie sich verzinst, gleichgültig durch was. Es mußte so der Gesichtspunkt immer mehr und mehr heraufkommen, auszulöschen die Interessen, die man an den einzelnen Produkten und Produktionszweigen hat, und zu ersetzen diese Interessen durch das abstrakte Interesse am alle diese Differenzierungen auslöschenden Kapital, das heißt am Geldkapital. Dadurch aber kommen ganz gewisse Dinge heraus.
[ 16 ] Nehmen wir einmal Grund und Boden. Der Grund und Boden ist ja nicht nur irgend etwas Beliebiges, sondern er ist an einem bestimmten Ort gelegen und steht in einem Verhältnis zu den Menschen dieses Ortes, und die Menschen dieses Ortes haben gerade an diesem Grund und Boden auch Interessen, die man als moralische Interessen bezeichnen kann, als Interessen seelischer Art. Es kann durchaus zum Beispiel ein wichtiger Punkt für die allgemeinen Kultur- und Menschheitsinteressen sein, daß auf diesem Grund und Boden ein gewisses Produkt gepflanzt wird. Ich will etwas radikal die Verhältnisse zeichnen, sie sind ja im gewöhnlichen Leben nicht so radikal, aber das Wesentliche, worauf es ankommt, kann damit dargestellt werden. Wer durch seine ganzen Lebensverhältnisse mit dem Grund und Boden zusammengewachsen ist, der wird eine Einsicht darin haben, wie zusammenhängt, sagen wir, die Hervorbringung von dem oder jenem aus dem Grund und Boden mit den ganzen Lebensverhältnissen. Er hat seine Erfahrungen gewonnen im Zusammensein mit Grund und Boden. Ob es zum Beispiel gut ist, eine Gegend abzuholzen oder nicht, dafür können Fragen bedeutsam sein, die durchaus nur zu beurteilen sind, wenn man zusammengewachsen ist mit den lokalen Verhältnissen einer Gegend.
[ 17 ] Man kann solche Dinge nur durch Erfahrungen gewinnen. Man kann nun durchaus einsehen, daß es für die allgemeinen Menschheitsverhältnisse heilsam ist, wenn irgendein Grund und Boden in einer ganz bestimmten Weise verwertet wird, aber unter dieser Verwertung nur ein bestimmtes Erträgnis abwirft. Diese Gesichtspunkte verschwinden sofort, wenn an die Stelle des mit Grund und Boden zusammenhängenden Menschen das Prinzip des Geldkapitalismus tritt. Da handelt es sich darum, daß dann Grund und Boden einfach als eine Ware von einer Hand in die andere übergehen kann. Derjenige, der aber Grund und Boden einfach erwirbt dadurch, daß er das Geld hingibt, der hat nur das Interesse daran, daß sich das Geld in der entsprechenden Weise verzinst. Ein abstraktes Prinzip wird über alles das hinüber ergossen, was früher konkretes Menschheitsinteresse war. Und fragen tut sich der Betreffende, der bloß das Geldinteresse hat, ob denn — unter den Verhältnissen, die der andere Mensch, der mit dem Grund und Boden zusammengewachsen ist, als notwendig erkennt - die Sache für ihn genügend abwirft; wenn nicht, so müsse man den Boden zu etwas anderem verwenden. Damit zerstört man die notwendigen Menschenverhältnisse bloß unter dem Gesichtspunkte des Geldkapitalismus.
[ 18 ] Und so sind über alle menschliche Verhältnisse die Gesichtspunkte des Geldkapitalismus gezogen worden. Sie haben in der Volkswirtschaft die Menschen abgelenkt von dem, was nur herauswachsen kann, wenn der Mensch verbunden ist mit der Produktion, verbunden ist mit Grund und Boden und verbunden ist mit den Konsumtionsprodukten, die in irgendeinem Gebiet unter den Menschen zirkulieren. Das war allerdings in früheren Jahrhunderten vorhanden. Das ist schon verschwunden unter dem Einfluß des ökonomischen Menschen, am meisten aber unter dem Einfluß des Bankiers im 19. Jahrhundert. Während ungefähr bis zum Jahre 1810 die Volkswirtschaft abhängig war von den Händlern und von den Industriellen, wurden im 19. Jahrhundert die Händler und die Industriellen, wenn sie sich das auch nicht gestanden, im wesentlichen abhängig von der nationalen und internationalen Geldwirtschaft, von den Bankiers.
[ 19 ] Vollständig in den wirtschaftlichen Egoismus hineingetrieben kann man nur werden durch diese Art von Geldwirtschaft. Aber diese Art von Geldwirtschaft sollte man, was heute vielfach geschieht, nicht verwechseln mit dem bloßen Kapitalismus. Der bloße Kapitalismus — Sie finden das näher ausgeführt in meinen «Kernpunkten» — der soll ermöglichen, daß nur derjenige große Kapitalmassen in den Händen haben kann, sei es an Produktionsmitteln, sei es an Geld, dem Repräsentanten von Produktionsmitteln, der befähigt ist und gerade deshalb mit der Produktion zusammenwächst. Und er soll auch nur solange mit ihr verbunden bleiben, als er seine Fähigkeiten im Dienste der Produktion verwenden kann. Dieser bloße Kapitalismus ist durchaus für die moderne Volkswirtschaft notwendig, und gegen ihn zu wettern ist Unsinn. Ihn abschaffen würde bedeuten: die gesamte moderne Volkswirtschaft untergraben. Darauf kommt es gerade an, daß man in die Wirklichkeit hineinsieht, daß man zum Beispiel den Unterschied einsieht, daß die Verwaltung eines großen Komplexes von Grund und Boden, bei der durchaus das Zusammengehören von Wald und Grund notwendig sein kann, in der Hand eines befähigten Menschen etwas anderes bedeuten wird, als wenn einer den Wald abtrennt und Grund und Boden absondert, dann den Grund und Boden parzelliert, in Kleinbesitz auflöst und dergleichen. Das kann für gewisse Gegenden gut sein, in anderen müßte es die Volkswirtschaft ruinieren. Überall kommt es auf die konkreten Verhältnisse an. Und wir müssen endlich den Weg zurückfinden zu den konkreten Verhältnissen.
[ 20 ] Aber das [Fehlen des Konkreten] äußert sich nicht nur in der nationalen Wirtschaft, in der einzelnen Volkswirtschaft, sondern das äußert sich immer mehr und mehr im internationalen wirtschaftlichen Wesen. Es zeigt sich - das ist für den, der die Dinge studiert, ganz klar —, daß die Menschen, auch wenn sie Kapitalisten sind, wenn sie auf sich gestellt und nach ihren Fähigkeiten irgendwelche Produktionszweige versorgen, daß sie einander nicht stören, sondern im Gegenteil einander in die Hände arbeiten. Das Schlimme beginnt erst, wenn die Menschen auf irgendeine Weise herauswachsen aus ihrem Zusammengebundensein mit den Produktionszweigen. Ich will nur ein Beispiel anführen, wo das unter dem Einfluß der Geldwirtschaft des 19. und 20. Jahrhunderts besonders hervorgetreten ist: bei Trustbildungen, bei Kartellbildungen. Nehmen wir an, eine Reihe von Produktionszweigen schließt sich zusammen zu einem Trust, zu einem Kartell. Was ist die Folge?
[ 21 ] Ein Trust, ein Kartell muß doch irgendeinen Zweck haben, und der ist selbstverständlich, daß die Menschen mehr gewinnen durch den Trust als ohne Trust. Das können sie aber nur, wenn sie Monopolpreise schaffen, das heißt über den gewöhnlichen Konkurrenzpreisen, die sich bilden würden, verkaufen. Man muß also die Möglichkeit schaffen, die Preise zu erhöhen, das heißt, Preise zu vereinbaren, die über den gewöhnlichen Konkurrenzpreisen liegen. Ja, solche Preise kann man schaffen, man hat sie auch vielfach geschaffen. Aber man kam nicht zum [gesunden] Produzieren. Man kann nämlich nicht unter dem Einfluß dieser Art des Profites auf eine gesunde Weise produzieren. Nicht wahr, wenn man nicht ein Mißverhältnis hervorrufen will zu den Kosten der Einrichtungen, die viel zu teuer kommen würden, wenn man nur dasjenige produziert, was man über dem Konkurrenzpreis produziert, dann muß man soviel [mehr] produzieren, daß die Kosten für die Maschinen und die ganze Einrichtung gedeckt werden, und zwar soviel, als man produzieren würde, wenn man nur den Konkurrenzpreis bekommen würde. Man kann aber nur soviel verkaufen, als verkauft wird zu Monopolpreisen. Denn man würde ja, wenn man zu Konkurrenzpreisen produzieren würde, viel mehr absetzen und dadurch auch viel mehr produzieren müssen, als man zu Monopolpreisen absetzt. Das ist eine Erfahrung der Volkswirtschaft: Man setzt weniger ab, wenn man zu Monopolpreisen verkauft, aber man kann nicht weniger produzieren, weil sonst die Produktion sich nicht trägt. Was ist die Folge? Man muß nach dem Nachbarland gehen und dort sich seinen Absatz verschaffen; da verkauft man unter dem Produktionspreis. Jetzt kommt man aber in internationale Konkurrenz hinein. Diese internationale Konkurrenz hat eine ungeheure Rolle gespielt. Wenn man bloß Rücksicht nimmt auf die durch die Geldwirtschaft bedingte Festsetzung des Preises, schafft man sich eine Konkurrenz, die sonst nicht da wäre, indem man verschieden verkauft: im unmittelbaren Absatzgebiet [über dem Produktionspreis] und im Nachbarland unter dem Produktionspreis. Das kann man; wenn man nur entsprechend kalkuliert, verdient man sogar noch immer mehr, aber man schädigt die entsprechenden Produzentenkreise im Nachbarland. Wenn man einmal aufsuchen wird die Ursachen jener Stimmungen, die zu den Kriegsursachen im Westen geführt haben, wird man in diesen Dingen die Ursachen finden. Dann wird man finden, welcher gewaltige Schritt in die [soziale] Schädigung hinein liegt auf dem Wege vom Kapitalismus zur Trustbildung, zur Kartellbildung, zu der Monopolisierung durch Kartelle. Der Kapitalist als solcher, der produziert zu Konkurrenzpreisen, der hat an Schutzzöllen nie ein Interesse. Der Schutzzoll ist auch wieder etwas, was in die Kriegsursachen hineingespielt hat. Da haben Sie die Schädigungen der Geldwirtschaft im internationalen Leben. Das alles ist so sonnenklar für den, der das moderne Wirtschaftsleben studiert, daß dagegen eigentlich nichts eingewendet werden kann. Die Frage muß daher notwendigerweise entstehen: Wie kommen wir über diese Schädigungen hinaus? Über die Schädigungen kommen wir auf keine andere Weise hinaus, als daß wir wiederum verbinden den Menschen mit dem Produkt, daß wir wiederum unmittelbar das Band herstellen zwischen Mensch und Produktion.
[ 22 ] Das ist in der wirtschaftlichen Idee der sozialen Dreigliederung angestrebt: Dasjenige, was früher unter ganz anderen Verhältnissen zwischen den einzelnen Menschen und der Produktion als Band bestand, kann heute nur dadurch herbeigeführt werden, daß sich die gleichartig Produzierenden miteinander verbinden und die aus Berufskreisen heraus zusammengeschlossenen Menschen sich wiiederum zu Kreisen, zu Assoziationen, zusammenschließen mit den übrigen Produktionszweigen und den entsprechenden Konsumenten. Dadurch werden die Assoziationen, die zusammengeschlossenen Menschen, wissen, wie man die Produktion in Zirkulation bringen kann - nicht bloß das Geld, das sich als ein Gleichartiges über die Produktion hin ergießt. Damit aber könnte in einer ganz wesentlichen Art dasjenige wiederum hervorgerufen werden, was erst eine gedeihliche Volkswirtschaft für die Menschheit wieder möglich macht.
[ 23 ] Sehen Sie, das war notwendig, daß heute einmal gründlich hineingeschaut wurde in die Wirklichkeit, denn all das sozialökonomische Zeug, was in der neueren Zeit geschwätzt worden ist, ist ja im Grunde genommen mit Ausschluß jedes Blickens auf die Wirklichkeit gesagt. Gewiß, einzelne Menschen haben treffende Bemerkungen über das eine oder andere gemacht. Aber das meiste von dem, was geäußert worden ist, und besonders alles dasjenige, unter dessen Einfluß der moderne Weltkapitalismus auf der einen und die Lohnkämpferei auf der anderen Seite sich entwickelt haben, dieser Krebsschaden des modernen Lebens ist entstanden dadurch, daß man nicht mehr wirklich hineingeschaut hat in den gesetzmäßigen Zusammenhang des Wirtschaftslebens, und daß einem auch gar nicht mehr vor Augen stand — indem man als Mensch im Wirtschaftsleben lebte -, wie die. Fäden herüber- und hinübergehen, weil das Geld alles ausgelöscht hat. Wenn aber die Assoziationen da sein werden, wird wiederum klar und offen daliegen, wie das eine oder andere produziert sein muß. Da wird derjenige, der etwas zu produzieren hat — weil Assoziationen da sind -, Kundschaft durch die Menschen erhalten, die in entsprechenden Assoziationen sind, [und es wird beraten und festgelegt werden,] ob soviel produziert werden kann von dem oder jenem. Da kann ohne Zwangswirtschaft Moellendorffscher Geschwätzigkeit etwas entstehen; da kann - in dem der eine durch den anderen in freiem Verkehr unterrichtet wird — alles so eingeteilt werden, daß wirklich der Konsum für alle das Maßgebende ist.
[ 24 ] Darauf kam es bei der Idee der Dreigliederung an: Einmal aus der vollen Wirklichkeit heraus zu der Menschheit zu sprechen. Weil die Menschen so ungewohnt sind in der Gegenwart, an die Wirklichkeit heranzugehen, deshalb versteht man die Sache auch so schwer; die Menschen sind ungewohnt, an die Wirklichkeit heranzugehen. Was verstehen denn die Leute von einem Wirtschaftsleben als ganzem? Der Baumeister versteht etwas vom Bauen, der Tischlermeister versteht etwas vom Tischlern, der Schuhmacher vom Schuhemachen, der Friseur vom Bartschneiden, jeder versteht etwas von dem entsprechenden Wirtschaftlichen, mit dem er zusammenhängt. Aber das alles, was diese «Lebenspraktiker» irgendwie wissen über das wirtschaftliche Leben, hängt ja doch nur mit dem ihrem und nicht mit dem der anderen zusammen. Dadurch ist es so abstrakt. Es mußte einmal aus dem wirklichen Zusammenhang des gesamten sozialen Lebens heraus zu der Menschheit gesprochen werden. Weil es für die Menschen ungewohnt geworden ist, die Lebenserfahrungen zur Richtschnur zu benützen, sehen sie gerade das, was aus der Wirklichkeit geboren ist, als Utopie an. Darum aber handelt es sich, daß diese Idee von der sozialen Dreigliederung erkannt wird als das Gegenbild aller Utopie, daß sie erkannt wird als dasjenige, was aus dem wirklichen Leben heraus geboren ist, und daher auch in das wirkliche Leben sich hineinstellen kann. Und nur darum handelt es sich: daß die Menschen diese Dinge einsehen werden. Dann wird man finden, daß jeder — auf welchem Boden er auch immer stehen mag -, die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus richtig verstehen wird, gerade wenn er etwas versteht von dem Zusammenhang seiner Produktion mit dem ganzen Wirtschaftsprozeß der Welt. Diese Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus schreckt nicht zurück vor einer genauen Prüfung durch diejenigen, die durch ihr ganzes Verhältnis zum Leben etwas vom Wirtschaftsleben verstehen. Aber es verstehen heute nicht viele Menschen vom Wirtschaftsleben oder sozialen Leben überhaupt etwas; sie lassen sich treiben und haben es am besten, wenn sie selber nicht teilzunehmen brauchen an irgendwelcher [Entscheidung über die soziale] Ordnung, sondern wenn das die Regierung für sie besorgt. Daher kommen die Menschen zu solch vertrackten Ideen, daß sie das, was lebenswirklich ist, als utopistisch ansehen. Allerdings, die Situation ist heute dadurch etwas verdunkelt, daß sich durch ihren Sieg die Westmächte die Möglichkeit erkämpft haben, nicht zur Höhe der Zeit heraufzukommen. Das, was heute in der Idee der Dreigliederung gefordert wird, das wird von der Zeit gefordert. An diesem Punkte ist heute die Menschheitsentwicklung angelangt. Der Sieg der Westmächte bedeutet nichts anderes als die Erkämpfung einer Galgenfrist, um unter den alten sozialen Verhältnissen noch bleiben zu können. Diesen Luxus können sich die Westmächte gönnen; sie haben ihn erkämpft. Die Mittelmächte aber können sich diesen Luxus nicht gönnen; sie sind darauf angewiesen, die Forderungen der Zeit zu befriedigen. Befriedigen sie sie, dann wird das auf die ganze Welt wirken. Befriedigen sie sie nicht, dann gehen sie unter.
[ 25 ] Das muß heute einmal ganz klipp und klar gesagt werden, denn heute handelt es sich um ein Entweder-Oder. Deshalb ist es auch so frivol, wenn immer wieder ganz kluge Leute auftreten und zum Beispiel sagen: Jetzt wird wiederum einmal eine Uneinigkeit entstehen zwischen Franzosen und Engländern. Denn die Engländer wollen aus ihren alten Traditionen keine militaristische Allianz mit den Franzosen schließen; sie wollen auch keine Kredite bewilligen; sie sind auch nicht ganz einverstanden mit den Absichten der Franzosen bezüglich der Rheingrenze und so weiter. — Das ist die Fortsetzung desjenigen, was schon im Krieg und vor dem Krieg so verheerend gewirkt hat. Da hat man auch immer spekuliert: Jetzt sind wieder einmal die Feinde uneins; vielleicht können wir mit jemandem einen Separatfrieden schließen. —- Mit dieser Diplomatie hat man es endlich dahin gebracht, fast die ganze Welt gegen sich zu haben. Wenn heute Leute von diesem Kaliber die Ideen der Menschen weiter verderben und weiter darauf spekulieren, daß die Franzosen und Engländer wieder einmal uneins sind, dann ist das ein richtiger Traum; das ist nicht ein Erfassen der Wirklichkeit. Das ist eine Fortsetzung derjenigen alten diplomatischen Denkweise, die Czernin so schön geschildert hat in seinem Buche, in dem er verlangt, daß die außerordentliche Bedeutung der Diplomaten anerkannt werden muß. Diese außerordentliche Bedeutung der Diplomaten hat aber darin bestanden, daß sie in den entsprechenden Salons verkehren konnten, die Stimmung da beobachteten und dann lange Briefe schrieben über diese Stimmung und so weiter. Im Krieg wurde das noch sehr schön fortgesetzt, soweit man konnte, nur hat man da die Stimmung mehr auf Schleichwegen beurteilt. Aus diesem Stimmungbeurteilen vor dem Kriege ist eben die Kriegskatastrophe mitentstanden. Und jetzt fangen die Leute wiederum an, auf dieselbe Weise zu spekulieren. Aber wenn die Leute aufwachen werden, werden sie sehen, daß sie es in Wirklichkeit nur dahin gebracht haben, selbst zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Man spricht von einer tiefen Kluft, die sich auftut zwischen Franzosen und Engländern; die ganz Gescheiten reden heute davon. Wenn man aufwachen wird, wird man sehen, daß diese Kluft zwar da ist, aber über diese Kluft hinüber sind sich die Leute, [die Franzosen und Engländer,] einig, und selber sitzt man in der tiefen Kluft drinnen. Daß an die Stelle dieser für die Menschheit so verhängnisvollen Denkweise eine wirklichkeitsgemäße dringe, das ist die eigentliche Grundlage des Impulses der Dreigliederung des sozialen Organismus. Und wenn man das einsehen wird, wird man sich mit einer inneren Notwendigkeit zu dieser Dreigliederung wenden.
Nach den einleitenden Worten von Rudolf Steiner wird die Diskussion eröffnet; es melden sich verschiedene Persönlichkeiten zu Wort:
Georg Herberg glaubt, daß es angesichts der Preissteigerungen in den letzten Jahren - als Beispiel führt er den Preis für eine Tonne Eisen an, die früher 13 Mark gekostet habe, heute aber 1700 Mark koste — notwendig sei, das Preisproblem näher zu beleuchten. Es müsse dabei insbesondere der Gegenpol der Konsumenten, das heißt die Produzentenseite, ins Auge gefaßt werden.
Siegfried Dorfner möchte, bevor die eigentliche Diskussion beginnt, die Anwesenden auf drei grundsätzliche Sachverhalte aufmerksam machen, die man als typisch für die ganze Situation in der Dreigliederungsarbeit betrachten könne: Erstens seien für diesen Abend Parteiführer eingeladen worden; diese seien aber nicht da. Zweitens würden sie, wenn sie schon einmal kommen, in den Diskussionen meist schweigen; es gäbe keine Wortforderer. Drittens lasse sich bei den Anhängern der Anthroposophie sehr oft die Einstellung beobachten: «Anthroposophie mag ich, die Dreigliederung aber nicht.» Und so sei der fehlende Erfolg der ganzen Dreigliederungsbemühungen nicht weiter verwunderlich. Carl Unger möchte noch einmal auf das Vorangehende zurückkommen und weist auf die Bedeutung der Trusts im heutigen Wirtschaftsleben hin. Es sei das Beispiel des Eisens genannt worden; da müsse man eben davon ausgehen, daß man es auf diesem Gebiete mit einem Stahltrust zu tun habe. Eine ähnliche Monopolstellung nähmen auch die deutschen Zuckerfabriken ein; es gäbe zwar in Deutschland unendlich viele Rübenfelder, aber der Preis sei im Vergleich zu diesem großen Angebot überhöht.
Walter Johannes Stein ist der Meinung, daß die Situation in der deutschen Zuckerwirtschaft auf ein ganz zentrales Problem hinweise, auf das Verhältnis von Grund und Boden zu den Produktionsmitteln ganz allgemein. Es stelle sich nämlich die Frage, ob zum Beispiel die Kuh ein Produktionsmittel sei oder ob sie zu Grund und Boden gehöre. Komplizierter werde die Sache aber noch, wenn die Kuh schließlich geschlachtet werde; ob sie dann nicht den Charakter einer Ware annehme. So bitte er Rudolf Steiner, doch noch Genaueres über das Verhältnis zwischen Grund und Boden, Produktionsmittel und Ware auszuführen.
[ 26 ] Rudolf Steiner: Meine lieben Freunde! Mit Bezug auf die Unterscheidung von Grund und Boden und Produktionsmitteln ist schon das Wesentliche, daß Grund und Boden etwas Begrenztes ist, nichts Elastisches ist, daß er in bestimmtem Sinne nicht vermehrt werden kann, während die Produktionsmittel, die selbst durch menschliche Arbeit entstehen, vermehrt werden können, und durch die Vermehrung der Produktionsmittel kann eben die Produktion wiederum erhöht werden.
[ 27 ] Nun, wenn man solche Unterscheidungen angibt, handelt es sich ja darum, daß man oftmals natürlich von verschiedenen Gesichtspunkten ausgehen muß. Indem man Grund und Boden vom Produktionsmittel unterscheidet, bezeichnet man dasjenige, was zunächst da ist und nicht durch Menschenhände hergestellt worden ist, als «Grund und Boden». Für den volkswirtschaftlich Betrachtenden gehört eine Kuh, die der Mensch durch seine Arbeit nicht selbst fabriziert, eben einfach zu «Grund und Boden», solange sie nicht geschlachtet wird; wenn sie geschlachtet wird, ist sie selbstverständlich eine Ware. Dann tritt sie aber in einer ganz bestimmten Weise auf dem Warenmarkte auf, und man hat es mit zwei Tatsachen zu tun: erstens mit der Tatsache, daß sie entzogen wird der Produktionskraft des Grund und Bodens, und zweitens mit der anderen Tatsache, daß sie als Ware auftritt; die Kuh ist in einem gewissen Sinne ein Grenzprodukt. Solche Grenzprodukte gibt es überall. Aber es handelt sich darum, daß man gewissermaßen das festhält, was man im Auge hat, indem man die Benennungen ja hernehmen kann von dem jeweils charakteristischen Repräsentanten.
[ 28 ] Nicht wahr, im wirtschaftlichen Prozeß hat man es erstens zu tun mit dem, was notwendig ist zur Produktion, was aber nicht selbst produziert werden kann. Dazu gehört der Grund und Boden selbst und auch einiges andere; man faßt dies einfach zusammen unter «Grund und Boden». Zweitens gehört in den wirtschaftlichen Prozeß hinein alles, was dazu dient, anderes zu produzieren, was aber vorher selbst produziert werden muß, wie zum Beispiel Maschinen. Im volkswirtschaftlichen Zusammenhange gesehen fällt der Prozeß des Arbeitens, die Arbeit, die verwendet werden muß zur Herstellung der Produktionsmittel, bei Grund und Boden weg. Das ist das volkswirtschaftlich Wesentliche: Produktionsmittel sind nur so lange unter dem Gesichtspunkte des Arbeits-Äquivalents zu betrachten, bis sie als Produktionsmittel für die Produktion fertig sind. In dem Augenblick, in dem Produktionsmittel da sind, stellen sie sich eigentlich in den Wirtschaftsprozeß genauso hinein wie Grund und Boden. Solange man an Produktionsmitteln arbeitet und die Volkswirtschaft in Anspruch nehmen muß, um an den Produktionsmitteln arbeiten zu können, solange muß ein Unterschied gesehen werden, wie Produktionsmittel und Grund und Boden in die Volkswirtschaft hineingestellt sind. In dem Augenblick, wo die Produktionsmittel fertig sind, unterliegen sie derselben volkswirtschaftlichen Kategorie wie der Grund und Boden. Solange ich an der Lokomotive noch zu fabrizieren habe, muß ich den volkswirtschaftlichen Prozeß, in dem das Fabrizieren der Lokomotive vor sich geht, anders beurteilen als in dem Augenblick, wo sie fertig ist. Wenn sie [als fertiges Produktionsmittel] auf den Schienen steht und bewegt wird durch die Menschen für weitere Produktion, steht sie im volkswirtschaftlichen Prozeß ebenso drinnen wie Grund und Boden. Das ist die Schwierigkeit in der Unterscheidung, daß tatsächlich das fertige Produktionsmittel derselben Kategorie untersteht wie Grund und Boden. Was an Arbeit aufgewendet werden muß, um ein Produktionsmittel zu schaffen, ist das Wesentliche, und das kommt bei Produktionsmitteln dazu und das fehlt bei Grund und Boden. Das hängt natürlich mit folgendem zusammen. Würde der Grund und Boden elastisch sein, würde man ihn vermehren können, dann müßte er entweder selber wachsen oder aber die Menschen müßten ihn hervorbringen können. Ich will diese Frage aber nicht weiter erörtern. Daß eben der Grund und Boden in bestimmtem Ausmaß da ist, dadurch unterscheidet er sich von den Produktionsmitteln. Er kann nur stärker oder schwächer ausgenützt werden, wodurch er wieder den Produktionsmitteln ähnlich wird.
[ 29 ] Nun muß man natürlich auch das dritte Glied etwas ins Auge fassen, die eigentliche Ware. Sie ist dadurch charakterisiert, daß sie verbraucht wird. Dadurch ist sie im volkswirtschaftlichen Prozeß etwas wesentlich anderes als das Produktionsmittel, das selbst nicht unmittelbar verbraucht, sondern nur abgenützt wird. Damit ist Ware aber auch wieder etwas anderes als Grund und Boden, der ebenso wenig dem Verbrauch dient, sondern höchstens verbessert werden muß und so weiter.
[ 30 ] Damit sind diese drei Dinge als wesentlich verschieden im volkswirtschaftlichen Prozeß zu unterscheiden: 1. der Grund und Boden, der [vorhanden ist], ohne daß menschliche Arbeit darauf aufgewendet worden ist; 2. das Produktionsmittel, das beginnt, wenn menschliche Arbeit verwendet worden ist; beide - Grund und Boden und Produktionsmittel — sind nicht zum unmittelbaren Verbrauch da; 3. die Ware, die zum unmittelbaren Verbrauch da ist.
[ 31 ] Aber sehen Sie, die Sache liegt ja so, daß das Ganze wiederum auch eine Zeitfrage ist. Denn in dem Augenblick, wo Sie darüber nachdenken, daß ja Produktionsmittel, zum Beispiel maschineller Art, innerhalb einer gewissen Zeit aufgebraucht sind, in diesem Augenblick erscheinen Ihnen die Produktionsmittel als Ware - nur als Ware, die eben eine längere Zeit braucht, um verbraucht zu werden. Wenn man Unterscheidungen macht im Leben, so haben diese Unterscheidungen die Eigenschaft, daß sie höchst unbequem sind; sie sind überhaupt niemals so, daß man strikte einteilen kann. Man muß in diesen Fragen beweglich bleiben. Denn in der Tat, die Produktionsmittel haben in einer gewissen Weise auch Warencharakter. Diesen Warencharakter, wie ihn die Produktionsmittel haben können, hat Grund und Boden nicht in derselben Weise, weshalb man da wiederum einen strengeren Unterschied machen muß. Es ist überhaupt bei Grund und Boden ein Unfug, ihn unter rein geldkapitalistischen Gesichtspunkten mit dem Warencharakter auszustatten. Also Sie sehen, wenn man irgend etwas anwendet in der Wirklichkeit, so darf man nicht bei abstrakten Begriffen stehenbleiben. Das ist nämlich etwas, was die Leute beim Lesen der «Kernpunkte der Sozialen Frage» als Einwand geltend machen: sie möchten hübsch eingeschachtelte Begriffe haben. Dann ist das für sie schön, was sie lesen; dann weiß man doch, wenn man eine halbe Seite gelesen hat, was man gelesen hat. In der Wirklichkeit ist ein Produktionsmittel aber nur zu erfassen, wenn man weiß: es wird zunächst nicht verbraucht, aber wenn man es über einen längeren Zeitraum in Anspruch nimmt, ist es gleich einer Ware. Also muß man bedenken, daß das Produktionsmittel sowohl die Eigenschaft des Verbrauchtwerdens wie des Nichtverbrauchtwerdens hat und der Begriff dem entsprechen muß.
[ 32 ] Man muß bewegliche Begriffe haben. Das wollen die Leute heute nicht; sie wollen eingeschachtelte Begriffe haben. Sie wollen überhaupt nicht hinausdenken in die Wirklichkeit. Solche Dinge könnten sonst nicht entstehen, daß zum Beispiel die Leute sagen: Anthroposophie gefällt mir ganz gut, aber von der Dreigliederung will ich nichts wissen. — Wer so spricht, gleicht ungefähr demjenigen, der sagt: Ja, für das Geistige interessiere ich mich, aber dieses Geistige darf nicht in das Politische übergreifen; dieses Geistige muß unabhängig sein von dem Politischen. Ja, meine lieben Freunde, das will ja gerade die Dreigliederung erreichen. Aber weil das Geistige heute nirgends unabhängig ist, so ist das eine Illusion, wenn Sie glauben, sich nur interessieren zu können für bloß Geistiges. Damit Ihr abstraktes Ideal konkret werden kann, damit Sie etwas haben, wofür Sie sich interessieren können, ohne daß es von Politik beeinflußt ist, muß die Dreigliederung erst ein solches Gebiet erkämpfen, damit ein Gebiet da ist, auf dem man sich nicht für Politik zu interessieren braucht. Die Dreigliederung kämpft gerade für dasjenige, in dem die schläfrigen Seelen sich wohlfühlen wollen, es aber nur als Illusion vor sich haben. Diese schläfrigen Seelen oh, man möchte sie so gerne aufwecken! -, sie fühlen sich so ungeheuer wohl, wenn sie innerlich Mystiker sind, wenn sie die ganze Welt erfassen innerlich, wenn sie den Gott in ihrer eigenen Seele entdecken und dadurch so vollkommene Menschen werden! Aber diese Innerlichkeit hat nur einen Wert, wenn sie heraustritt ins Leben. Ich möchte wissen, ob sie einen Wert hat, wenn jetzt, in der Zeit, wo alles drängt, wo die Welt in Flammen steht, der Mensch nicht den Weg findet, mitzusprechen in den öffentlichen Angelegenheiten. Das ist ein schönes Interesse für Anthroposophie, das sich nur für Anthroposophie interessieren will und nicht einmal die Möglichkeit findet, mitzureden bei dem, wozu Anthroposophie anregen will. Diejenigen Anthroposophen, die sich nur für Anthroposophie interessieren wollen und nicht für das, was aus Anthroposophie werden kann dem Leben gegenüber, die gleichen einem Menschen, der wohltätig ist nur mit dem Munde, aber sonst schnell die Taschen zumacht, wenn er wirklich wohltätig sein sollte. Deshalb ist das, was bei den Leuten zu finden ist, die sich nur in ihrer Art für Anthroposophie interessieren wollen, anthroposophisches Geschwätz. Die Wirklichkeit der Anthroposophie ist aber dasjenige, was in das Leben übergeht.
Anschließend findet eine Aussprache über die künftige Dreigliederungsarbeit mit den Leitern der Ortgruppen statt. Es sind drei hauptsächliche Fragen, die zur Diskussion stehen. Erstens: Darf man Kompromisse eingehen? Zweitens: Soll man sich an den Wahlen beteiligen? Drittens: In welcher Form soll Propaganda für die Dreigliederungsidee betrieben werden?
Paul Kretschmar, aus Köln, tritt dafür ein, daß man versuchen müßte, auf die bestehende Betriebsräteschaft und auf das Parlament Einfluß zu nehmen. Die Zeitungen würden in dieser Beziehung eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Man müßte deshalb eine Art journalistisches Büro bilden, um Artikel für Fachzeitschriften zu verfassen. Wichtig sei auch die Ausbildung von kompetenten Rednern; diese müßten sich auf eine Art Dreigliederungsfibel abstützen können - ähnlich wie Damaschke eine Bodenfibel herausgegeben habe. Die Gründung eines eigenen Verlages sei ebenfalls nötig, um die Zeitungspropaganda wirksam abzustützen. Im Grunde wäre sogar eine Beteiligung an den Wahlen ins Auge zu fassen.
Herr Klug, ebenfalls aus Köln, warnt dagegen vor einer ganz auf sich selbst gestellten Wahlbeteiligung. Diskutabel sei allenfalls, ob man mit anderen unabhängigen Parteien vereint vorgehen könne. Weiter müßte unbedingt diskutiert werden, ob nicht Konsumentenvereinigungen gebildet werden könnten.
Hermann Heisler meint, eigentlich müßte wirklich eine Art «Katechismus der Dreigliederung» vorliegen; dieser müßte den Leitfaden dafür abgeben, wie die Dreigliederung sich in das praktische Leben, insbesondere in das Wirtschaftsleben, hineinstelle. In der gegenwärtigen Situation würden sich insbesondere drei Fragen stellen. Erstens: Wie könnte Dreigliederung, wenn sie tatsächlich in Mitteleuropa verwirklicht wäre, der zu erwartenden europäischen Hungersnot entgegenwirken?. Zweitens: Was für ein Ziel muß der Arbeiterschaft jetzt gegeben werden? Drittens: Wie weit darf man in den praktischen Veranstaltungen der politischen Parteien gehen und sich zu den Zielsetzungen der Dreigliederung bekennen?
Siegfried Dorfner ist der Überzeugung, das beste Propagandamittel für Dreigliederung sei, aus der Partei herauszugehen.
Walter Conradt glaubt, was die Bearbeitung der Presse betreffe, so müsse davon ausgegangen werden, daß auf der Gegenseite eine Dezentralisation der Meinungen eingetreten sei. Was hingegen die Bearbeitung der proletarischen Partei betreffe, so hätten die Ereignisse des letzten Jahres — insbesondere im Zusammenhang mit der «Plakatmission» - gezeigt, daß das Proletariat seit einem Jahre sozusagen «verschoben» sei, also zunächst nicht mehr mit ihm zu rechnen sei.
Richard Seebohm meint, es sei durchaus schon vorgekommen, daß eine Zeitung auf einzelne Fragen eingegangen sei, aber man dürfe nicht vergessen, daß, wenn auch die staatliche Aufsicht jetzt aufgehoben sei, die Zeitungen doch unter dem Zwang der Industrie stehen würden. Und es dürfe auch nicht übersehen werden, daß es schließlich auch Dreigliederer gebe, die nichts mit Anthroposophie zu tun haben möchten. Aus diesen Gründen sei es wichtig, sich hinter die bestehende Dreigliederungszeitung zu stellen.
Paul Kretschmar erwähnt den Kölner «Generalanzeiger», in dem sicher auch Artikel über die Dreigliederung untergebracht werden könnten.
Ernst Uehli erwähnt einen ausländischen Freund, der ihm bestätigt habe, daß die Presse für große Ideen nicht gewonnen werden könne; allgemein lasse sich feststellen, daß die Dreigliederungsidee in den Zeitungen viel kritisiert würde. Das Streben nach wahrer «Menschheit» und das Pressewesen ließen sich nicht vereinbaren, wie ja schon der deutsche Philosoph Karl Christian Planck festgestellt habe.
Emil Molt weist darauf hin, daß vom Bund für Dreigliederung beabsichtigt sei, einen Agitatorenkurs — einen Kurs für Redner - unter der Leitung von Rudolf Steiner durchzuführen.
Nach Abschluß der Diskussion wird Rudolf Steiner gebeten, zu den verschiedenen darin aufgeworfenen Fragen — trotz der vorgeschrittenen Zeit Stellung zu nehmen.
[ 33 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Zunächst möchte ich nur sagen, daß ich genötigt sein werde, in kurzen Andeutungen zu sprechen, und ich bitte Sie, das durchaus zu berücksichtigen. Ausführlich läßt sich also über die einzelnen gestellten Fragen nicht mehr sprechen. Vielleicht können wir das ein nächstes Mal tun.
[ 34 ] Zunächst wollen wir die relativ wichtigste Frage herausgreifen, die Frage:
Wie würde die Dreigliederung wirken bei der kommenden europäischen Hungersnot?
[ 35 ] Ich möchte, trotzdem das vielleicht manchem sonderbar erscheinen wird, sagen, daß hinter dieser Frage eine ganz andere steckt, die die Beantwortung schwierig macht. Aber so im allgemeinen muß gegenüber dieser Frage das folgende gelten. Nicht wahr, vor — sagen wir - zehn Jahren hatte die Welt nicht das, was man eine Hungersnot nennt, jedenfalls nicht das, was als Hungersnot in der nächsten Zeit kommen kann und wahrscheinlich, da ja die Seelen schlafen, auch kommen wird. Aber muß man doch die folgenden Erwägungen anstellen, so einfach und primitiv sie erscheinen: Rohstoffe sind nicht weniger da in der Erde als vor zehn Jahren; Felder sind nicht weniger da als vor zehn Jahren; menschliche Arbeitskräfte sind auch im wesentlichen nicht weniger vorhanden als vor zehn Jahren - es sind zwar Millionen im Kriege zugrunde gegangen, aber nicht nur als Produzenten, sondern auch als Konsumenten. Also im allgemeinen steht es mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten, mit den wirtschaftlichen Bedingungen genau so wie vor zehn Jahren.
[ 36 ] Es war vor vielleicht acht Wochen, als durch die Zeitungen ein Brief ging, den der bekannte Politiker, der russische Fürst Kropotkin, geschrieben hatte, in dem er zwei merkwürdige Mitteilungen macht. Die eine ist diese, daß er jetzt arbeite an einer Ethik - interessant, daß er nun anfängt eine Ethik zu schreiben. Die andere Mitteilung ist die, daß es jetzt nur das eine gebe, daß vom Westen nach Rußland Lebensmittel geliefert würden, daß Brot geliefert würde. Es ist ja natürlich das einfachste, wenn kein Brot da ist, es von der Seite zu nehmen, wo es gerade vorhanden ist. Nun, es haben ja auch andere Leute manchmal solche Ansichten. Vor vierzehn Tagen bekam ich einen Brief von einem mitteldeutschen Rechtsanwalt und Notar. Der Brief klang sehr rechtsanwaltlich und notarlich, denn er war grob und dumm. Aber da drinnen stand auch, man könne jetzt mit irgendwelchen Idealismen nicht einen Hund hinterm Ofen hervorlocken, es käme darauf an, um das nackte Brot zu kämpfen.
[ 37 ] Nun, sehen Sie, alles das, was ich eben ausgeführt habe, bedenkt eben nicht das Einfachste und Primitivste. Denn wer das bedenkt, der wird wissen, daß es nur darauf ankommt, die Menschen zu einer solchen Organisation zu bringen, so daf3 aus den jetzt wie vor zehn Jahren vorhandenen Antezedenzien gewirtschaftet werden kann und wird. Das wird ganz gewiß nicht erreicht werden, wenn die Leute abgefertigt werden entweder mit dem, was die alten «Czernine» als Staats-, und Volksweisheit ansehen, oder die alten «Bethmänner», mit h oder ohne h geschrieben, auch nicht was die alten Sozialdemokraten, diese besondere Art von «negativen Bethmännern», anregen; sondern darauf kommt es an, daß den Leuten wiederum Ziele gegeben werden, daß sie sehen, auf das arbeiten wir hinaus. Und das kann eben durch die Bewegung der Dreigliederung gegeben werden. Darauf kommt es an, daß man nicht das sagt, was heute viele sagen, auch wenn es ja relativ richtig ist: Wir werden keine Hungersnot haben oder wir können sie überwinden, wenn die Leute wiederum arbeiten. Ja, wenn! Wenn die Leute aber jene Aussichtslosigkeit der Arbeit vor sich haben, die sich ihnen aus den alten Programmen und alten Machinationen ergibt, dann wollen sie nicht arbeiten. Aber man bringe etwas in die Menschheit, das zündet, so daß die Leute etwas vor sich sehen, was sie zu einem menschenwürdigen Dasein führen kann, [dann wollen sie arbeiten], und dann wird auch Brot hergestellt werden können. Das ist eine wichtige Grundbedingung für das Herstellen von Brot: Vertrauen in die Menschheit. Wenn wir dieses Vertrauen nicht gewinnen, dann wird die Hungersnot mit Sicherheit kommen. Dazu aber, daß Vertrauen entstehe, dazu ist die Dreigliederung notwendig. Das kann ich in diesem Zusammenhang nur andeuten. Wenn Sie aber diesen Gedanken verfolgen, so werden Sie sehen, daß der Hungersnot sogar im wesentlichen vorgebeugt werden kann nur durch die Propagierung der Dreigliederung. Allerdings, eine Notwendigkeit liegt vor: daß. diese Dreigliederungsidee vor allen Dingen in möglichst vielen Köpfen Platz greifen muß, damit diese Köpfe nicht hereinfallen auf alles mögliche, was nur die Fortsetzung des alten Systems ist. Diese Fortsetzung des alten Systems, sie macht sich sehr, sehr breit — nur in einer scheinbar neuen Form. Denn sehen Sie, auf gewissen Seiten ist es heute so, als ob man sich unter den führenden Persönlichkeiten gerade die Aufgabe setzen würde, die Hungersnot herbeizuführen. Heute steigt alles mögliche im Preis in phantastischer Weise. Preise haben aber nur einen Sinn, wenn sie relativ zueinander sind. Die Preise der wichtigsten Lebensmittel werden heute künstlich niedergehalten. Ich will nicht sagen, daß sie hinaufgehen sollen, aber sie dürfen in keinem Mißverhältnis zu den Preisen der anderen Dinge stehen. Dieses Mißverhältnis verhindert, daß man nächstens noch in irgendeiner Weise sich wird widmen wollen der Erzeugung von Rohprodukten, von Lebensmitteln. Die Erzeugung einer Hungersnot ist somit geradezu Regierungsmaßregel geworden. Das muß durchschaut werden.
[ 38 ] Zweitens ist das zu betonen, daß ja allerdings die Sache eine internationale Angelegenheit ist und die Frage aufgeworfen werden kann:
Kann man in Mitteleuropa allein mit der Einführung der Dreigliederung — oder wie man es sonst nennen will — etwas erreichen?
[ 39 ] Da muß ich hinweisen auf dasjenige, was ich in der Dreigliederungszeitung geschrieben habe, und zwar immer wieder und wiederum von den verschiedensten Gesichtspunkten aus: Wenn man nur wirklich den Mut fassen würde, die Dreigliederung zu propagieren, selbst unter den ungünstigsten Verhältnissen, selbst bei einer Hungersnot — das würde wirken, wenn etwas Positives bei uns gesehen werden könnte von den Menschen in den westlichen oder östlichen Gebieten.
[ 40 ] So stehen wir heute noch immer auf dem Standpunkt, auf dem die Welt gestanden hat, als das Friedensangebot 1916 in die Welt hinausgeschickt worden ist, wo Phrase über Phrase, aber nichts Konkretes gesagt worden ist vor der Welt. Man probiere doch einmal, wie es wirken würde im internationalen Leben, wenn man mit so etwas auftritt, was Hand und Fuß hat, was Substanz und Inhalt hat wie die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Gegenwärtig sieht man, wie zum Beispiel gerade die englischen Staatsmänner von Woche zu Woche mehr Angst bekommen vor dem, was da in diesem Deutschland vorgeht. Es ist ihnen eigentlich etwas höchst Unbekanntes. Und weil sie nichts Richtiges daraus machen können, kriegen sie es mit der Angst zu tun, daß hier sogar schlimmerer Bolschewismus entstehen könnte als in Rußland. Wenn sie aber Bauer, Ebert und Noske genauer kennen würden, so wäre das sogar ein gutes Mittel, daß ihnen die Angst vergeht. Denn die Wahrheit ist diese, daß hier nichts geschieht, daß in Wirklichkeit Monat für Monat vergeht, ohne daß etwas geschieht. Man probiere es einmal, wie es aussehen würde im internationalen Leben, wenn gerade von Mitteleuropa etwas Substantielles in die Welt gesetzt würde. Erst wenn man sich über diese Dinge klar ist, kann man an eine solche Frage herantreten wie die, wie die Dreigliederung wirken wird bei einer hereinbrechenden Hungersnot; in bezug auf alles übrige ist das keine Frage. Es gilt, daß einzig und allein die Dreigliederung imstande ist, eine solche Organisation zu bewirken, daß wieder gearbeitet werden wird und daß wieder Vertrauen da sein kann. Dann wird die Hungersnot verhindert werden können.
[ 41 ] Um im Internationalen zu wirken, muß allerdings die Dreigliederungsidee in wirksamer Weise in den Köpfen Platz greifen. Dann wäre ich nicht besorgt, daß sie im internationalen Verkehr nicht wirken wird. Solange nur aus dem Chauvinismus heraus verhandelt wird, kommt man auf keinen grünen Zweig. Wenn hier in Mitteleuropa irgend etwas von Bedeutung erfunden würde, würde es sich schon internationale Geltung verschaffen. Wenn hier gesunde Ideen Platz greifen, werden die internationalen Schranken von selbst hinwegfallen; denn die Menschen handeln doch nach ihrem Interesse und nehmen das Gute dort, wo sie es finden können.
[ 42 ] Und noch einige Andeutungen wollte ich Ihnen geben zu der Zeitungsfrage: Ich möchte nicht in Abrede stellen, daß manches sehr wichtig ist von dem, was gesagt worden ist. Und verdienstvoll wird es sein, wenn der eine oder andere der Freunde da oder dort in irgendeiner Zeitung einen Artikel unterbringt. Aber das Wesentlichste bleibt dabei, daß ebensowenig, wie man irgend etwas erreichen kann durch das Unterkriechen in den Parteien, man etwas erreichen kann durch das Unterkriechen in den anderen Zeitungen. Man kann es tun, aber es ist eigentlich dieselbe Sache, nur in einer anderen Farbe. Ich tadle es nicht, ich bin durchaus einverstanden, wenn es geschieht. Das Positive aber würde ich darin sehen, daß unsere Zeitung, unsere Dreigliederungszeitung propagiert würde von den Freunden - soviel als nur möglich. Sie können sagen: Schön, aber die Zeitungen, in die wir die Artikel hineinbringen wollen, die haben die Leute; die Dreigliederungszeitung müssen sie hinzuabonnieren. Sie müssen sie eben hinzuabonnieren. Alle werden es nicht tun, eine Anzahl aber wird es schon tun. Dann werden wir es dazu bringen, die Dreigliederungszeitung in eine Tageszeitung zu verwandeln. Dann erst können wir dasjenige an Artikeln unterbringen, was wir unterbringen wollen; das wird dann wirksam sein. Also es handelt sich darum, so viel für die Dreigliederungszeitung zu arbeiten, die jetzt noch ein Wochenblatt ist, daß durch die eigenen Erträgnisse diese Zeitung in eine Tageszeitung umgewandelt werden kann. Dann brauchen wir nicht «unterzukriechen» bei den anderen; darauf kommt es an. Warum sollte es nicht möglich sein, eine Sache, die von so eminenter Wichtigkeit ist, auf eigene Beine zu stellen!
[ 43 ] Dann ist noch auf verschiedenes andere hingewiesen worden. Bezüglich der Beteiligung an den Wahlen möchte ich nur das folgende sagen: Natürlich kann man in abstracto durchaus sagen, an der Wahl sich beteiligen und ins Parlament eintreten und dort wirken, das stütze den gegenwärtigen Staat. - Das kann man nicht so ohne weiteres sagen. Ich will nicht einmal so stark pro oder contra sprechen; das hängt von den verschiedenen konkreten Verhältnissen ab, ob man sich an der Wahl beteiligt oder nicht. Aber wenn man streng die Dreigliederung auffaßt, ist es prinzipiell nicht ganz richtig, sich nicht zu beteiligen am Parlament. Das prinzipiell Richtige, im Sinne der Dreigliederung konsequent gedacht, wäre: an den Wahlen sich beteiligen, soviele wählen lassen als gewählt werden können, ins Parlament eintreten und Obstruktion treiben bei allen Fragen, die sich auf Geistesleben und Wirtschaftsleben beziehen. Das würde konsequent im Sinne der Dreigliederung gedacht sein. Es handelt sich darum, abzugliedern den mittleren Teil, das Staatsleben. Das kann nur herausgeholt werden, wenn das andere links und rechts abgeworfen wird. Das kann man dann nicht anders tun, als indem man sich wirklich wählen läßt, eintritt und Obstruktion treibt bei alle dem, was verhandelt und beschlossen wird auf dem Gebiete des Geistes- und Wirtschaftslebens. Das wäre konsequent gedacht im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus. Diese Idee ist etwas, was konsequent gedacht werden muß und auch konsequent in bezug auf konkrete Verhältnisse gedacht werden kann, weil sie aus der Wirklichkeit heraus gewonnen ist. — Das wäre in bezug auf die wichtigsten Fragen zu sagen.
[ 44 ] In bezug auf das neue Ziel, das man jetzt den Arbeitern geben soll, muß ich sagen, daß es mir nach den Erfahrungen mit den Betriebsräten mehr eine akademische Frage ist. Die Frage wird anders behandelt werden müssen; [es muß gefragt werden], ob man überhaupt solch ein Ziel geben soll. Die Betriebsrätefrage ist aufgeworfen worden. Man hat sich alle mögliche Mühe gegeben und überall versucht, die Betriebsräte in Schwung zu bringen. Die Arbeiter haben alles Mögliche versprochen und nichts gehalten. Zuerst sind sie in den Versammlungen erschienen, dann sind sie ausgeblieben. So würde es mit den nächsten neuen Zielen auch wiederum sein, wenn sie in die gegenwärtigen Arbeiterorganisationen hineingetragen würden.
