Soziale Ideen, Soziale Wirklichkeit,
Soziale Praxis I
Band II
GA 337a
3 März 1920, Stuttgart
5. Die Propagierung der Dreigliederungsidee
[ 1 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Es hegt wohl in der Natur eines solchen Studienabends, daß ich nicht einen eigentlichen Vortrag halte, sondern zunächst einiges aphoristisch vorbringe, damit sich dann anschließen kann eine möglichst weitgehende Diskussion über dasjenige, was dem einen oder anderen der verehrten Zuhörer am Herzen liegt und was im Interesse der Fortführung unserer Propaganda für die Dreigliederung des sozialen Organismus nötig erscheint. Es ist mir bedeutet worden, daß eine wichtige Frage jetzt die ist nach der besonderen Art, wie die Propaganda für diese Dreigliederungsidee in der nächsten Zeit einzurichten ist. Ich war ja nicht anwesend bei den letzten Studienabenden und falle gewissermaßen mit dem, was ich heute sagen kann, aus dem Zusammenhang vielleicht heraus. Aber gerade diese Propagandafrage wurde mir als etwas sehr Bedeutsames hingestellt.
[ 2 ] Nun ist wohl kaum fruchtbar, heute über die Art und Weise zu sprechen, wie nun die Dreigliederung zu propagieren ist, wenn man nicht das, was man dabei beabsichtigt, basiert auf die Erfahrungen, die bisher gemacht worden sind. Beim Besprechen einer solchen Sache möchte ich doch darauf hinweisen, daß es sich gegenüber der heutigen Weltlage ja wirklich nicht darum handeln kann, wie man die eine oder andere ganz ins einzelne gehende Angelegenheit, namentlich auf wirtschaftlichem Gebiet, sich ausgestaltet zu denken hat - von Maßregeln im kleinen sollte man sich tatsächlich heute nicht mehr sehr viel versprechen. Man sollte sich heute einen Blick dafür aneignen, wie im Grunde genommen doch nur etwas zu erreichen ist von einem - ich möchte sagen - Eingehen auf das Große. Wir haben ja mit unserer Propaganda merkwürdige Erfahrungen gemacht. Und der Grundton, der uns immer wieder kam aus diesen Erfahrungen, ist der, wie schwer es eigentlieh heute ist, selbst in dieser Zeit der Not, nur an die Menschenseelen heranzukommen mit demjenigen, was man in geistiger, in politischer, in wirtschaftlicher Beziehung unbedingt für nötig halten muß.
[ 3 ] Ich habe das letzte Mal darauf hingewiesen, wie gewisse Pläne ja gescheitert sind und wie wir daher genötigt waren, gewisse Einzelheiten in Angriff zu nehmen, die sich ja allmählich konzentriert haben in unserer Unternehmung «Der Kommende Tag». Wir wissen selbstverständlich ganz genau, daß diese Unternehmung, wenn unsere Gesamtpropaganda für die Dreigliederungsidee nicht durchschlagend wirken kann, zunächst im Grunde genommen doch nur ein recht wenig befriedigendes Surrogat sein kann - und das in jeder Beziehung. Denn worauf es heute ganz besonders ankommt, das ist - das muß immer wieder und wiederum betont werden -, daß in möglichst viele Köpfe hineingeht ein Verständnis für die tragende Kraft der Dreigliederungsidee. Ohne daß wir eine genügend große Anzahl von Menschen haben, welche diese Dreigliederungsidee wirklich verstehen, ist nicht auszukommen. Und dieses Verständnis bezieht sich ja auf vieles, meine verehrten Anwesenden. Ich möchte da auf etwas Konkretes hinweisen.
[ 4 ] Sehen Sie, als wir hier mit unserer Propaganda begonnen haben, haben wir ja zunächst versucht, nach der eben angegebenen Richtung zu arbeiten, möglichst viele verständnisvolle Seelen zu gewinnen. Es sind die konkreten Fragen auch des Wirtschaftslebens wirklich erörtert worden. Da ist zum Beispiel - und nicht nur einmal, sondern öfter - von mir eine ganz bestimmte Frage des Wirtschaftslebens zur Erörterung gekommen: es war die Frage der Preisbildung. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß diese Preisbildungsfrage eine Kardinalfrage ist; es handelt sich darum, daß einfach im volkswirtschaftlichen Prozeß gewisse andere Fragen - selbst die Lohnfrage und dergleichen - nicht primär zu erledigen sind, sondern erst auf Grundlage der Preisfrage. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß man nur einen ganz bestimmten Preis für irgendeinen Artikel als eine gesunde Tatsache im wirtschaftlichen Leben ansehen kann. Mit anderen Worten: Ein bestimmter Artikel muß für einen bestimmten Preis innerhalb eines wirtschaftlichen Zusammenhanges zu erreichen sein. Danach müssen die volkswirtschaftlichen Verhältnisse geregelt werden. Das Ungesundeste ist, den Preis als etwas in beliebiger Weise Steigerbares anzusehen und dann anzufangen mit der Schraube ohne Ende: die Lohnverhältnisse einzurichten nach den sich nach Belieben steigernden Preisen. Steigen die Preise, dann steigen die Löhne; [steigen die Löhne, dann steigen die Preise] und so fort. Man faßt die ganze Sache am verkehrten Ende an. Ich habe damals solch eine konkrete Frage aus volkswirtschaftlichen Untergründen heraus erörtert. Was war die Folge? Wir haben dazumal Versammlungen gehabt, bei denen ja zum größten Teil nur Proletarier erschienen waren. Die bürgerlichen Kreise haben sich ferngehalten, weil sie gemeint haben, wir würden alles einrichten, damit es nur dem Proletariat gefalle. Kurz, wir haben einiges Verständnis gefunden in den Kreisen der Proletarier, die uns dazumal gehört haben. Aber dieses Verständnis ist vollständig versiegt; die Leute blieben nach und nach weg. Sie haben ihre alten Ladenhüter aus den Parteischablonen vorgebracht als Fragen, dann blieben sie nach und nach weg. Und so versiegte eine der Kardinalfragen einfach.
[ 5 ] Ich greife ein Beispiel heraus, es könnten viele andere angeführt werden. Ich hatte vor kurzem Gelegenheit, mit einem im Wirtschaftsleben gründlich drinstehenden, geschäftstüchtigen Manne eines europäischen Staatswesens, nicht des deutschen, zu sprechen. Es kam dabei heraus, daß er einfach aus seiner Praxis heraus als praktischer Geschäftsmann zu der Ansicht gekommen ist: Das Wichtigste, das man anfassen muß, ist das Problem der Preisbildung. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, ich bin überzeugt davon: Mit Leuten, die Geschäftsleute sind und die zugleich denken, kommt man schon zurecht. Ich muß gestehen, ich habe bis jetzt recht wenig Menschen von dieser Sorte gefunden. Ich habe oft Geschäftsleute gefunden, die nicht wirklich denken, sondern die noch immer die Denkgewohnheit haben, es handle sich vor allen Dingen darum, daß man ein Praktiker sei. Und ein Praktiker ist man, wenn man darauf ausgeht, daß der Staat oder sonst jemand für einen denkt; sie glauben: «Die werden es schon machen». So hat man es ja auch während des Krieges in Deutschland gemacht. Man hat gedacht, die Leute im Großen Hauptquartier werden die Sache schon verstehen. Also, wie gesagt, ich habe wenige Leute gefunden, die zugleich Geschäftsleute sind und denken, aber wenn man solche heute findet, dann kommen die ganz zweifellos aus ihrem Denken über die praktischen Geschäftsverhältnisse zu den gleichen Ergebnissen, wie Sie sie in meinen «Kernpunkten» dargestellt finden. Sie müssen nicht meine «Kernpunkte» vergleichen mit dem und sie prüfen nach dem, was in den vertrackten Parteiprogrammen enthalten ist. Diese Programme der zehn Parteien, die jetzt in den Reichstag gewählt wurden - der wird ja ein unmögliches Gebilde sein -, sie sind alle gleich unbrauchbar und unmöglich. Es handelt sich darum, daß man dasjenige, was in den «Kernpunkten» steht, mit der wirklichen Lebenspraxis vergleicht, mit dem, was tatsächlich im realen Leben notwendig ist. Man muß allerdings über dieses reale Leben auch nachdenken wollen und nicht bloß ein Prediger von alten Schablonen und Ladenhütern sein. Aber diese Art der Propagierung, die will ja nicht um sich greifen, die will nicht wirklich prüfen dasjenige, was [in den «Kernpunkten»] selbstverständlich nur auf einer Anzahl von Seiten gesagt werden konnte, denn man kann nicht gleich eine ganze Bibliothek schreiben; die würde noch weniger gelesen werden als die «Kernpunkte». Aber statt das, was in den «Kernpunkten» gesagt wird, zu vergleichen mit dem, was man lernen kann in der Fabrik als Wirtschafter, als Techniker, stattdessen wir herumhantiert mit Altem, mit alten Parteischablonen und -programmen. Und das Praktische, was die «Kernpunkte» meinen, das wird - statt es zu vergleichen mit der Praxis - verglichen mit irgendwas, was in dem oder jenem Kopf als Vorurteil nistet und als Praxis angesehen wird.
[ 6 ] Was wir zunächst erreichen müssen, ist: Wir müssen uns entschließen, dahin zu wirken, daß eingesehen wird, daß es wirklich nicht so leicht ist, mit den öffentlichen Verhältnissen zurechtzukommen. Ich habe dazumal versucht, dieses Buch zu schreiben aus den Notwendigkeiten der Zeit heraus, und ich muß sagen, für mich ist es eine bittere Pille, eine bittere Erfahrung, daß jetzt Menschen auftreten, die da fordern, man solle dasjenige, was in den «Kernpunkten » steht, zu einem Kohl verarbeiten und bloß auf etwa einem Bogen Papier verzapfen. Denn das wollen die Leute: Sie wollen auf einem Bogen Papier oder womöglich gar nur auf einem kurzen Flugblatt entgegennehmen, was in den «Kernpunkten» schon so kurz als möglich gesagt ist. Wenn Sie mich fragen, worin heute das Elend der Zeit liegt, dann sage ich: Es liegt gerade darin, daß man heute noch immer nach so etwas verlangt. - Man will nicht zur Gründlichkeit übergehen. Aber man will auf einem kohlartig zusammengedruckten Bogen - wie er ja auch schon als Auszug der «Kernpunkte» erschienen ist -, alles das haben, was man sorgfältig kennenlernen müßte. Solange diese Gesinnung herrscht, solange wird man nichts erreichen auf dem Wege, auf dem heute notwendig etwas erreicht werden muß. Gewiß, ich werde demnächst die «Kernpunkte» auch so erscheinen lassen, daß ich in einer besonderen Vorrede auf einem Bogen kurz dasjenige zusammenstelle, was in den «Kernpunkten» enthalten ist. Aber dann soll es nur dienen als eine Art von Vorbereitung, die den «Kernpunkten» vorangedruckt ist, gewissermaßen um vorzubereiten für das Lesen der ganzen Schrift. Aber wer glaubt, er könne auf noch weniger Seiten [als in der Vorrede] dasjenige verstehen, was heute notwendig ist, der hat eben kein Herz für das, was heute wirklich geschehen muß. Das ist es, was zuallererst zu bedenken ist, wenn wir es ernst meinen mit dem, was wir die Propagandafrage nennen können.
[ 7 ] Denn nehmen Sie die konkrete Tatsache: Unsere Zeitschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus» hat bis jetzt neunundvierzig Nummern. Neunundvierzig Nummern! Nehmen Sie diese neunundvierzig Nummern, lesen Sie sie der Reihe nach durch, und Sie werden sehen, wieviel wir da im Grunde genommen zusammengetragen haben von alledem, was für die Menschheit zunächst notwendig ist zu wissen über die Dreigliederungsfrage. Neunundvierzig Nummern haben wir erscheinen lassen. Da steht wirklich schon alles drinnen, was zunächst notwendig ist zu wissen. Aber man verlangt von uns immer noch Auskunft über diese oder jene Frage. Und was müssen wir uns heute sagen? Wir haben im Grunde genommen diese neunundvierzig Nummern der «Dreigliederung » geschrieben, aber das ganze Material ist vorläufig verpufft. Stehen wir da nicht fast vor der Notwendigkeit, daß wir nun wiederum mit unserer Zeitschrift von Anfang anfangen müssen, daß wir Nummer eins und die folgenden Nummern genauso erscheinen lassen müssen, wie sie erschienen sind? Nachdem im Grunde genommen vieles verpufft und gar nicht in die Köpfe hineingegangen ist von dem, was wir gesagt haben, soll uns immer wieder etwas Neues einfallen? Nun, gar zu viel Einfälle können sie schließlich doch nicht von uns verlangen, die Menschen draußen. Dasjenige, um was es sich handelt, wäre, zunächst die Dreigliederungsidee tatsächlich so, wie sie ist, zu propagieren. Dem steht natürlich unendlich viel entgegen, aber all dieses Viele liegt lediglich im menschlichen Willen. Es ist notwendig, daß die Seelen heute aufwachen und daß man es ernst nimmt mit dem, um was es sich eigentlich handelt.
[ 8 ] Sehen Sie, da ist eine Frage, an der sich heute die Menschen auch fortwährend vorbeidrücken. Es ist diejenige Frage, von der die «Kernpunkte» von Anfang an ausgegangen sind, auf der im Grunde genommen die ganze Dreigliederungspropaganda beruhen muß - nicht sachlich, aber in bezug auf das Wesen der Propagierung. Es ist die Erkenntnis, daß wir es in der sogenannten sozialen Frage heute wahrhaftig nicht zu tun haben mit dem, wovon die meisten Menschen reden. Die meisten Menschen fragen ja, indem sie von der sozialen Frage reden: Was soll man mit dieser oder jener Institution machen? Was soll man auf diesem oder jenem Gebiet einrichten? Wer so redet, hat überhaupt kein Verständnis für das, was in unserer Zeit vorgeht - aus dem einfachen Grund nicht, weil er nicht einsieht, daß Sie heute die glänzendsten Einrichtungen machen können und daß Sie, wenn Sie sie gemacht haben, dann hinterher trotzdem sehr bald genau dieselbe Agitation haben, wie Sie sie vorher hatten. Jetzt ist die Menschheitsverfassung so: Nehmen Sie zum Beispiel die jetzige Mehrheitssozialdemokratie, die eine lange Zeit Oppositionspartei war. In dem Augenblick, wo diese Mehrheitssozialisten zur Herrschaft kamen, bildete sich die sogenannte Unabhängige Sozialdemokratische Partei. Würde diese zur Herrschaft kommen, so würde sich wiederum eine neue Oppositionspartei bilden, die Kommunisten. Würden diese zur Herrschaft kommen, so würde schon wieder eine neue Oppositionspartei da sein. Es handelt sich heute gar nicht darum, mit irgendwelchen Vorschlägen zu kommen für einzelne Einrichtungen, sondern es handelt sich darum, daß die soziale Frage heute eine richtige Menschheitsfrage ist, eine Frage des Menschenwertes und des Menschheitsbewußtseins.
[ 9 ] Und man sieht das klarer, was die soziale Frage ist, wenn man einmal Umschau hält in Ländern, in denen noch nicht alles zusammengebrochen ist, sondern erst demnächst zusammenbrechen wird. Da gibt es auf der einen Seite die ehemals führenden Kreise. Diese Kreise sehen zunächst, daß alles Geschäftsleben stockt, daß sich in den Magazinen ungeheure Vorräte ansammeln, daß man nur noch mit Mühe soviel herausschlägt, um die Arbeiter zu bezahlen, und man macht sich Gedanken: Wenn die Sache so fortgeht, wird man die Arbeiter bald nicht mehr bezahlen können. Man wird aber auch nicht [die Waren] losschlagen können, die man in den Magazinen lagernd hat. Das alles sieht man ja, aber man denkt sich: Ein Wunder wird schon kommen, und dann wird es demnächst doch anders werden. Auf dieses Wunder wartet man, damit man nicht nötig hat nachzudenken, was man eigentlich tun soll. Auf der anderen Seite stehen diejenigen da, die eine ganz andere Sprache führen, die breiten Massen des Proletariats der zivilisierten Welt. Von dem, was unter diesen breiten Massen vorgeht, haben die eben charakterisierten führenden Kreise nicht die geringste Ahnung. Aber es ist in diesem Proletariat ein Wille vorhanden, ein Wille, der seine Fragen in Begriffe, in Ideen kleidet, und in dem Augenblick, wo diese verwirklicht werden, würden sie alles, was wir an menschlicher Zivilisation haben, zugrunderichten, alles, alles zugrunderichten, alles hinwegfegen. Und die führenden Klassen denken sich, sie werden demnächst wieder zurückkehren können vielleicht zum Jahre 1913 oder Anfang 1914, um da wiederum anzufangen, wo sie damals aufgehört haben, und dann würden sich ganz willig aus diesen breiten Massen auch die Menschen finden, die wiederum so arbeiten, wie sie dazumal gearbeitet haben. Nein, wir haben es heute nicht zu tun mit einer Frage der Institutionen, sondern mit einer Menschheitsfrage. Und wir müssen einsehen, daß wir bei den führenden Klassen schon seit langer, langer Zeit eben nicht das geringste Verständnis gefunden haben für das, was ihre Aufgabe ist. Ja, glauben Sie denn, daß aus den Massen heraus sich überhaupt etwas anderes entwickeln wird als das, was wir hier in Stuttgart, wo wir mit der Dreigliederungspropaganda begonnen haben, zu unserem Entsetzen erleben mußten?
[ 10 ] Sehen Sie, unter zwei Voraussetzungen hätte das, was wir im April vorigen Jahres begonnen haben, sehr gut seinen Fortgang nehmen können - unter zwei Voraussetzungen. Die eine wäre die gewesen, daß es gelungen wäre, ohne Berücksichtigung der proletarischen Führer die breiten Massen des Proletariats für eine verständnisvolle Lebensauffassung zu gewinnen. Das war auf dem besten Wege. Auf der anderen Seite hätte es sich darum gehandelt, daß diejenigen, die einen gewissen Einfluß hatten innerhalb des Bürgertums, der Bourgeoisie, uns jetzt die Hand gereicht, uns Vertrauen entgegengebracht hätten und sich gesagt hätten: Da wird einmal der Versuch gemacht, eine Brücke zu bauen zwischen dem Proletariat und den anderen.
[ 11 ] Was hätte geschehen müssen? Sie können sich denken, daß die Sache nicht leicht ist, denn zu alle dem, was heute so redet wie Stresemann oder dergleichen Leute oder was irgendwie in dem Geruch steht, nach jener Seite hinzuschielen, zu dem wird das Proletariat unter keinen Umständen jemals Vertrauen haben. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, wir waren doch auf dem Wege, einfach durch Vernunftgründe zu dem Proletariat sprechen zu können. Und es wäre nur notwendig gewesen, daß uns von Seiten der Bourgeoisie soviel Verständnis entgegengebracht worden wäre, daß man uns gesagt hätte: Gut, wir wollen versuchen abzuwarten, wozu ihr imstande seid. Wir wollen zugeben, daß unter uns selbst zahlreiche Leute sind, die nicht dieses Vertrauen gewinnen können, weil sie es sich verscherzt haben, aber man wird, wenn man so vorgeht, die Brücke schlagen können.
[ 12 ] Was ist statt dessen geschehen? Die Leute, die solches Verständnis hätten aufbringen sollen, die haben sich breitbeinig hingestellt und haben erklärt: Das sind ja Leute, die uns fast oder ganz nach dem Bolschewismus hinführen! Das sind ja Leute, die es alle nur mit dem Proletariat halten! - Nicht das geringste Verständnis konnte auf dieser Seite gefunden werden. Und unter solchen Verhältnissen konnten die Führer des Proletariats, mit denen man nichts zu tun haben durfte, leicht dann dieses Proletariat wiederum uns entfremden. Das ist es, was dazumal die Sache scheitern machte.
[ 13 ] Und auch alles das, was wir tun könnten mit Bezug auf Propaganda, das würde wiederum scheitern müssen, wenn zum Beispiel die Ansicht vordringen würde: Ja, was in der Dreigliederungszeitung steht, ist ja zu schwer verständlich. Wenn mir einer das sagt, dann betrachte ich es als meine Aufgabe, ihm in aller Höflichkeit - höflich muß man ja gewöhnlich mit solchen Leuten sein -, ihm in aller Höflichkeit klarzumachen: Gerade weil man solange immer gesucht hat, das unverständlich zu finden, was aus der wirklichen Lebenspraxis heraus ist und immerfort gefordert hat: Ihr solltet auf ein anderes Niveau heruntersinken, um zu schreiben, - deshalb haben wir das Elend. Und du bist der Repräsentant derjenigen, die uns in das Elend hineingebracht haben. Indem du forderst, man solle nach dem Verständnis schreiben, das dir zum Munde gewachsen ist, zeigst du dich eben als ein Schädling aus dem Kreise derjenigen, die uns in die heutige Situation hineingebracht haben. Solange wir nicht in der Lage sind - in aller Höflichkeit selbstverständlich, wenn es sich um einen einzelnen Fall handelt -, solange wir nicht in der Lage sind, genügend Menschen zu finden, die das Herz dazu haben, endlich zu sagen: Es muß ein neuer Morgen kommen mit neuen Leuten; es muß hinweggefegt werden alles das, was von diesen schrecklichen alten Parteien da ist; es muß etwas ganz Neues entstehen! - solange ist alles Reden über die wirksamsten Propagandamittel einfach für die Katz.
[ 14 ] Wir leben heute nicht in einer Zeit, in der die kleinlichen Mittel irgendwie verfangen, sondern wir leben in einer Zeit, in der es dringend notwendig ist, daß eine genügend große Anzahl von Menschen von gleicher Sprache und gleichen Gedanken sich einsetzen, nicht nur sich begeistern. Ich glaube, meine verehrten Anwesenden, mancher fragt sich, warum es denn eigentlich so in crescendo geht, daß in immer stärkeren und stärkeren Worten gesprochen wird, namentlich auch von mir. Nun, das hat einen sehr einfachen Grund. Denken Sie doch nur einmal: Wenn man die Veranstaltungen dazu getroffen hat, daß ein Teil der Menschheit wach werden soll, und wenn man merkt, wie immer mehr Menschen sanft entschlummern, dann erhöht sich bei dem, was man zu sagen hat, in demselben Maße auch die Stimme, weil man das instinktive Bedürfnis hat, das Schlafbedürfnis seiner Mitmenschen zu überwinden. Und in bezug auf das notwendige Auffassen der sozialen Fragen der Gegenwart können wir wahrhaftig nicht sagen, daß das Schlafbedürfnis unserer Mitmenschheit in der letzten Zeit geringer geworden ist. Man faßt ja sogar innerhalb unserer Bewegung die Sache am allerallerverkehrtesten Ende an. Ich habe neulich einen Vortrag gehalten über die Idee der Dreigliederung, über die Notwendigkeit, das Geistesleben auf seine eigene Basis zu stellen. Es wurde mir in einer außerordentlich gutmütigen, gutmeinenden Weise erwidert: Hier bei uns ist es eigentlich nicht nötig, daß man sich über die Unfreiheit des Geisteslebens beklagt; wir haben einen hohen Grad von Freiheit des Geisteslebens; uns spricht der Staat sehr wenig eigentlich in dasjenige hinein, was wir auf dem Gebiete des Schulwesens unternehmen.
[ 15 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, die Leute, die so sprechen, sind das beste Zeugnis dafür, wie notwendig die Befreiung des Geisteslebens ist. Denn diejenigen, die noch spüren, wie unfrei sie sind, das sind die, die man noch besser brauchen kann. Diejenigen, die es aber nicht einmal mehr spüren, wie unfrei sie sind, die die schon in ihre Köpfe hineingetrichterten staatspädagogischen Ideen für ihre eigene innere Freiheit halten und keine Ahnung haben, wie weit die volkspädagogische Sklaverei geht, das sind diejenigen, die eigentlich alles aufhalten. Man muß die Sache eben gerade am rechten Ende fassen können. Diejenigen, die unbewußt Sklaverei für Freiheit halten, das sind diejenigen, die uns natürlich nicht vorwärtskommen lassen. Und so muß man sagen: Es handelt sich darum, vor allen Dingen einzusehen, daß alles gegenseitige Verständnis verlorengegangen ist zwischen den breiten Massen und denjenigen, die durch lange Zeiten hindurch die Aufgabe gehabt hätten, so zu sprechen in der Welt, daß diese breiten Massen heute nicht in ihren Zeitungen und so weiter diejenigen Ansichten vertreten, die sie eben vertreten. Man darf namentlich nicht glauben, daß irgendein [wirkliches Geistesleben] aus der breiten Masse des Proletariats kommt.
[ 16 ] Ich habe neulich zu Pfingsten in einem anderen Lande eine sozialistische Zeitung gelesen. Da standen die kuriosesten Pfingstartikel, da wurde alles, alles vom Geist abgewiesen und darauf hingewiesen, daß der einzige Geist derjenige sei, der aus den breiten Massen herauskomme. Durch diese Pfingstartikel einer sozialdemokratischen Zeitung mit bolschewistischem Anstrich fühlt man sich so [in ein Bild] versetzt, daß man sich sagt: Jetzt sollte ich irgendwo abfangen diesen Geist, der da wie ein Rauch aufsteigt aus den breiten Massen. - Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man sich dann anschickt, irgend etwas nur zu denken, geschweige denn zu erfassen von diesem Geist der breiten Massen, dann hat man doch das Gefühl: Das ist ein viel schlimmerer Aberglaube als jener Aberglaube, der in jedem Strauche, in jedem Baum irgendeinen Dämon oder eine Elfe oder dergleichen sieht. Die modernen Menschen haben ja keine Ahnung, in welchen Formen des Aberglaubens sie eigentlich in Wirklichkeit leben. Und worauf kommt das denn schließlich hinaus? Sehen Sie, es kommt darauf hinaus, daß die Menschen durchaus zu bequem sind, daran zu denken, wie ein neues Geistesleben wirklich gebaut werden muß. Sehen Sie, das hat man nun seit Jahrzehnten gründlich erleben können. Kommt man dann an die Menschen heran mit der Zumutung, daß jetzt ein neues Geistesleben gebaut werden muß, ja, dann findet man allenfalls Menschen, welche sich entschließen, daß sie außer dem, was sie sonst im Leben treiben, noch für den Sonntagnachmittag oder für den Zweigabend oder für die Zeit, in der sie gerade anthroposophische Bücher lesen, sich widmen dieser neuen Geistesbewegung. Aber daß sie einen Zusammenhang suchen würden zwischen dieser neuen Geistesbewegung und demjenigen, was sie sonst im Leben treiben, dazu können sie sich doch nicht entschließen.
[ 17 ] Aber auch zahlreich, ganz zahlreich sind die anderen Menschen, die da kommen und sagen: Ja, was du da willst, das wollen ja im Grunde genommen die besseren Katholiken und die besseren Evangelischen auch; da war ein Pastor, der hat von der Kanzel ganz im anthroposophischen Sinne gesprochen; im Grunde genommen findet man alles das, was du da willst, auch da und dort. - Die Leute, die Kompromisse schließen wollen bis zu dem Grade, daß sie eigentlich die Anthroposophie untergehen lassen möchten in dasjenige, was die Menschen gewohnt sind, die findet man schon sehr zahlreich. Die Menschen, die gegenüber dem, was gewollt werden muß, gerade im Sinne des gestrigen öffentlichen Vortrages, doch auch dem Grundsatz huldigen: «Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht einen Tropfen naß» - diese Menschen sind heute ganz besonders zahlreich. Und solange wir nicht die Möglichkeit gewinnen, in möglichst viele Köpfe hinein das Bewußtsein zu bringen, daß vor allen Dingen ein neues Geistesleben notwendig ist ein Geistesleben, das durchgreifend ist -, solange kommen wir nicht vorwärts. Wenn wir dieses neue Geistesleben haben, wenn wir nicht mehr genötigt sind, zu kämpfen mit den unverständigen Intellektuellen, dann werden wir wiederum etwas haben, was sprechen kann zu den Menschen so, daß das Sprechen soziale Tatsachen bewirken kann.
[ 18 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, die Menschen sollten sich nur einmal die Vorstellung machen, was das Wort für eine Wirkung haben kann. Sie sehen heute über die ganze zivilisierte Welt hin, soweit sie zugänglich ist, wenn Sie in der Eisenbahn oder im Auto fahren, überall Dörfer und Städte, und in diesen Dörfern und Städten sehen Sie Kirchen, Kirchen, die gebaut worden sind. Diese Kirchen waren alle nicht da vor einer gar nicht zu langen Zeit. In den ersten Jahrhunderten unserer christlichen Zeitrechnung war in diesem heute mit Kirchen besäten Europa etwas ganz anderes da. Und wenige waren es damals, die unter die Menschen getreten sind, allerdings unter eine frischere, weniger schlafende Menschheit, und diese wenigen, die haben es aus ihren Worten heraus bewirkt, daß heute Europa diese Gestalt hat. Hätten die Menschen, die das bewirkt haben, dieselbe Gesinnung gehabt etwa, wie sie diese Dutzendführer unserer sämtlichen vierzehn Parteien haben - es wären ganz gewiß vielleicht nicht einmal ein Dutzend Kirchen gebaut worden. Es ist doch die innere Kraft des Geistes, welche die sozialen Tatsachen schaffen muß. Aber dann muß diese innere Kraft des Geistes eben getragen sein von Menschen, die wirklich den Mut haben, sie zu tragen. Und heute stehen wir einmal vor der Tatsache, daß das alte Geistesleben, das dazumal begründet worden ist in seinem Inhalte, sich nur aufrechterhalten kann durch Gewaltmaßregeln, durch Vorurteile, durch Gewohnheit, daß es aber im Grunde genommen, wenn die Menschen innerlich wahr und ehrlich sind, nicht aufrechterhalten werden kann, daß es ersetzt werden muß durch ein neues Geistesleben; wir kommen gar nicht anders vorwärts als dadurch, daß wir es ersetzen durch ein neues Geistesleben. Jede Art des Kompromisses ist heute eine Unmöglichkeit. Und ehe man nicht einsieht, daß es notwendig werden muß, an die Stelle all dieser alten Dinge etwas ganz Neues zu setzen, das aber vom Geiste heraus die Kraft zur sozialen Gestaltung entwickelt, eher kommen wir nicht weiter. Daher, meine sehr verehrten Anwesenden, betrachte ich es in einem gewissen Sinne als von sehr untergeordneter Bedeutung, ob man sich über die kleinen Mittel der Propagierung so oder so unterhält, ob man es so oder so macht, - es kann alles von einem gewissen Standpunkte aus sehr gut oder spottschlecht sein. Darum handelt es sich nicht, sondern darum handelt es sich - was ich immer wieder und wiederum in unserer Dreigliederungszeitschrift ausgesprochen habe -, daß wir eine genügend große Anzahl von Menschen finden, welche unsere Ideen mutvoll zu vertreten entschlossen sind, welche entschlossen sind, nicht immer wieder und wiederum mit dem Schlendrian des Alten zu kommen.
[ 19 ] Jetzt, meine sehr verehrten Anwesenden, stehen wir mitten drinnen in Gründungen, die eben zusammengefaßt sind unter diesem «Kommenden Tag». Was mir dabei am meisten auffällt, ist, daß doch immer wieder gutmeinende Menschen kommen und sagen: Ja, eigentlich muß man das ganz anders machen, da mußt du einen Fachmann berufen, da mußt du einen Praktiker berufen. - Es ist das Jammervollste, was man erlebt, wenn man dann einmal einem solchen Ansinnen nachgibt. Denn aus solchem Ansinnen geht eigentlich hervor, daß versucht wird, den alten unpraktischen Schlendrian auch wieder zu uns hineinzuverpflanzen. Nicht darum handelt es sich, daß wir die alten sogenannten Praktiker in unsere Institution hineinverpflanzen, sondern daß wir uns klar sind: Diejenigen, die auf irgendeinem Gebiet unter Umständen den besten Ruf heute haben, indem sie die alte Routine zu handhaben wußten, sind für uns am wenigsten zu gebrauchen. Und diejenigen sind am besten zu gebrauchen, die bereit sind, neue Arbeit zu leisten aus unmittelbarster, innerster Initiative heraus, und die sich nichts einbilden auf dasjenige, was sie aus den alten Verhältnissen heraus gelernt haben. Ohne daß wir ablegen diese Einbildung auf das, was noch aus den alten Verhältnissen herausgeholt ist, ohne das kommen wir auf keinen Fall weiter. Das ist es, was wir heute durchschauen müssen. Und schließlich sage ich Ihnen: Propagieren wir vor allen Dingen dasjenige, was nun wirklich seit mehr als Jahresfrist versucht worden ist zu schaffen. Man sollte nicht immerfort versuchen, superklug zu sein, indem man doch nur das Alte umbiegen will, um es in irgendeine andere Form zu bringen, und sich dabei - verzeihen Sie den Ausdruck - die Finger ableckt, wie gescheit man ist, und glauben: die fangen alles unpraktisch an, da muß das oder das gemacht werden.
[ 20 ] Man versuche nur einmal, [sich vor Augen zu halten,] was es heißt, daß neunundvierzig Nummern der Dreigliederungszeitung verpufft sind. Warum sind sie verpufft? In Wirklichkeit müßte heute die Dreigliederungszeitung soweit sein, daß wir sie jeden Tag als Tageszeitung erscheinen lassen könnten. Warum sage ich das? Weil ich tatsächlich auch heute auf dem gleichen Standpunkte stehen muß wie im April und Mai vorigen Jahres, als wir diese Sache begonnen haben. Glauben Sie, es wäre eine Redewendung gewesen, es wäre ein Phrase gewesen, daß ich eine große Anzahl von Reden dazumal mit den Worten geschlossen habe: Man entschließe sich zu irgend etwas, bevor es zu spät ist! - Dazumal handelte es sich darum, daß man für gewisse Dinge den richtigen Zeitpunkt zu erkennen hatte. Für viele Dinge ist es heute einfach zu spät. Heute können wir auf den Wegen, auf denen wir dazumal alles mögliche versuchten, selbstverständlich nicht weiterkommen. Es handelt sich heute gar nicht darum, daß wir uns irgendwie noch einlassen auf eine Diskussion mit all den alten Ladenhütern, seien es die der Bekenntnisse, seien es die der Parteien. Heute handelt es sich darum, daß wir ganz fest auf dem Boden desjenigen stehen, was wir zu sagen haben und es in möglichst viele Köpfe hineinbringen. Anders kommen wir nicht vorwärts. Denn es ist für vieles eben einfach zu spät geworden. Und es wird auch unter Umständen recht bald zu spät sein für manches, was noch geschehen kann, namentlich für die Verbreitung unserer Ideen, wenn wir immer wieder und wiederum nur auf irgendwelche Nebensachen bedacht sind und nicht auf die Hauptsache gehen: auszubreiten unsere Ideen.
[ 21 ] Ich sagte vorhin: Das, was wir begründeten als den Kommenden Tag, das kann ja im Grunde genommen nur ein unbefriedigendes Surrogat sein. Warum denn? Weil wir eben uns keine Illusionen vormachen, daß wir praktisch sein können, ohne auf praktische Taten uns zu stützen. Wir versuchen, wirtschaftlich tätig zu sein, aber da kommen dann die Leute und fragen einen: Ja, wie muß man denn einen Gewürzkrämerladen einrichten, damit er sich möglichst gut in den dreigliedrigen sozialen Organismus hineinstellt? - Gewiß, wir wollen in dem Kommenden Tag wirtschaftliche Unternehmungen begründen, aber da handelt es sich darum, daß man sie wirklich praktisch anfaßt. Und wie sollte man heute praktisch die Sache anfassen, wenn man sich sagen muß: Wirtschafte ich mit einer bestimmten Sorte von Unternehmungen, so muß ich, damit ich da rationell wirtschaften kann, auch eine andere Gruppe von Unternehmungen haben - zum Beispiel zu einer bestimmten Gruppe von industriellen Unternehmungen muß ich eine bestimmte Gruppe von landwirtschaftlichen Unternehmungen haben. Ja, können Sie denn das? Das ist ja heute alles unmöglich. Der Staat macht es Ihnen ja unmöglich, eine solche praktische Einrichtung zu treffen. So groß ist heute ja die Gewalt des Staates. Nicht darum handelt es sich, daß Unpraxis vorliegt, sondern daß Gewalt auf der anderen Seite die Sache unmöglich macht.
[ 22 ] Daher sollten diejenigen Menschen, die nun tatsächlich auf irgendeinem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens stehen, doch heute wahrhaftig nicht über untergeordnete Fragen sich unterhalten, sondern sie sollten sich darüber unterhalten, wie die verschiedenen wirtschaftlichen Berufsstände, die wirtschaftlichen Assoziationen überhaupt loskommen von dem, was politischer Staat ist, wie sie sich aus ihm herausschälen können. Solange zum Beispiel die Techniker, solange diese und jene Leute nichts anderes denken, als Einrichtungen zu treffen, die am besten hineinpassen in das gegenwärtige Staatsleben, solange kommen wir keinen Schritt weiter. Erst dann kommen wir vorwärts, wenn darüber diskutiert wird: Wie kommen wir los? Wie gründen wir ein wirklich freies Wirtschaftsleben, in dem nicht organisiert wird von oben herunter, sondern assoziiert wird, wo sich Berufsstände an Berufsstände sachlich angliedern? Es ist ja noch nicht einmal das allererste ABC von der Dreigliederung in den praktischen Diskussionen drinnen, sondern immer wieder wird unter der Rücksichtnahme auf die gegenwärtigen Verhältnisse weiter gequacksalbert und herumgeredet. Aber all dieses Herumreden führt zu nichts heute. Erwehren wir uns der Leute, die immer wieder und wiederum sagen: Wie ist es denn mit dem und jenem? - Wir werden erst anfangen, vernünftig reden zu können, wenn wir ein Stück weiter sind in der Dreigliederung, wenn wir wirklich so drinnenstehen in dieser Propaganda für die Dreigliederung, daß eine genügend große Anzahl von wirtschaftenden Menschen wissen: Wir können überhaupt nichts Vernünftiges reden, solange wir noch immer darauf kalkulieren, daß uns das Wirtschaftsleben durch Staatseinrichtungen gemacht wird. Nur in dem Maße, in dem man drinnensteht in einem freien Wirtschaftsleben, das nichts zu tun hat mit Politik, kann man erst vernünftig reden - vorher ist es Unsinn. Ebenso kann man nicht über Reformen des Geisteslebens sprechen, solange man sich nicht klar ist, daß man überhaupt nicht anfangen kann, darüber sich zu unterhalten, ehe man nicht in einer freien geistigen Organisation drinnensteht. Man muß sich wenigstens bewußt sein: Solange man in einer geistigen Organisation drinnen ist, die vom Staate abhängt, solange muß man Unsinn reden, solange kann man nicht reformieren. Sehen Sie, damit ist scharf der Punkt bezeichnet, auf den es ankommt. Es handelt sich nicht um Kleinigkeiten, sondern um Großigkeiten. Und je mehr man das einsehen wird, desto mehr wird man gerade auf dem Gebiete der Lebenspraxis erreichen.
[ 23 ] Sie werden sagen: Was haben wir nun, wenn eine solche Philippika gehalten wird über die Frage, wie sollen wir Propaganda treiben? Aber wenn Sie überlegen, was ich gesagt habe, so werden Sie doch finden, daß, solange man sich auch in unseren Kreisen unterhält über die kleinste Art und Weise der Propaganda - ich möchte das nennen eine «Siebenundzwanzig Kreuzer»-Propaganda, wie man in Österreich sagt, weil man dort einmal Geschäfte gegründet hatte, wo jeder Artikel für siebenundzwanzig Kreuzer zu haben war -, solange werden wir nicht weiterkommen. Wir werden dann erst weiterkommen, wenn man Herz und Sinn hat für die großen, treibenden Kräfte, denn auf diese großen, treibenden Kräfte kommt es heute an.
[ 24 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe schon vieles vergeblich geredet in der Richtung hin, daß es auf die großen, treibenden Kräfte ankommt. Aber ich werde nicht müde werden, doch in der Hauptsache wiederum ablehnend zu sein gegen alles dasjenige, was heute Kompromisse schließen und im Kleinlichen aufgehen möchte. Ich werde nicht müde werden, immer wieder und wiederum hinzuweisen darauf, wie es notwendig ist, heute die großen weltbewegenden Fragen wirklich zum Verständnis der breitesten Massen zu bringen. Deshalb fühle ich mich auch immer genötigt, die öffentlichen Vorträge in dem Stile zu halten wie gestern und zu trotzen all den superklugen Leuten, die sagen, man müßte verständlicher zur großen Masse reden. Sie meinen damit gewöhnlich nur sich selbst, ihr eigenes Niveau. Ich werde immer die Anschauung vertreten: die Menschen, die so reden, das sind gerade die Schädlinge, das sind die, die wir überwinden müssen.
[ 25 ] Und dazu müssen wir kommen, den Mut zu haben, uns zu sagen: Ja, es muß etwas ganz Neues begründet werden. Es ist so, wie ich neulich in unserer Zeitschrift geschrieben habe, daß die alten Parteien im Grunde genommen gar nicht mehr da sind, daß sie nur noch als Lüge und Phrase da sind und aus Leuten bestehen, die, weil sie nichts Neues wissen, mit den Schlagworten der alten Parteien sich drapieren. Das ganze [Parteien-]Getriebe, auch der letzten Tage, beweist gerade, wie sehr in radikalster Beziehung ein Neues notwendig ist.
Nach den Ausführungen von Rudolf Steiner melden sich verschiedene Persönlichkeiten mit Diskussionsbeiträgen und Fragen zu Wort:
Siegfried Dorfner: Was sich da in den letzten Tagen abgespielt hat, macht es offenkundig: Was von den Parteien kommt, ist nichts als kleinlicher Unsinn. Nötig ist eine grundsätzliche Kritik der ganzen bisherigen Politik der Parteien. Es geht um die Propagierung des Wahrhaftigen. In dieser Beziehung ist die kompromißlose Haltung der Jesuiten bemerkenswert. Die verkünden: Auch wenn noch so viele Gläubige sich von der Kirche ab wenden, so ist doch das Wichtige, daß nicht eine einzige Wahrheit verlorengeht. Nur auf die Aufrechterhaltung der Wahrheiten kommt es den Jesuiten an, auf nichts anderes sonst. Müßte man nicht auch in bezug auf die Propagierung der Dreigliederung eine ähnliche Haltung einnehmen? Man kann ja nicht mit dem Denken der Menschen rechnen; in den Massen ist kein Denken vorhanden. So muß irgendwie aus dem Leben heraus ein Weg gefunden werden. Man muß zu den Menschen, die an der Maschine stehen, sprechen. Man kann auf ihr Vertrauen zählen, aber nur solange man selber in der gleichen Klasse steht.
Herr Roser: Die Wirkung geht tatsächlich nur vom Menschen zum Menschen. Die Menschen wollen den Dreigliederungsgedanken nicht in einer Zeitung lesen; sie wollen ihn aus persönlichen Beziehungen heraus erfahren. Es ist jetzt ein Jahr her, da bemühte man sich um die Verwirklichung der Dreigliederungsidee. Wenn damals jemand versagte, so war es die bürgerliche Klasse; sie ist dafür verantwortlich, daß die Dreigliederungsbemühungen fehlschlugen. Man kann nicht den Verhältnissen die Schuld geben; sondern es sind immer die Menschen, die versagen.
Ein Diskussionsteilnehmer: Wie stellt sich Herr Dr. Steiner, wie stellt sich die Dreigliederung zum Syndikalismus?
Ein anderer Diskussionsteilnehmer: Ich möchte fragen, wie es von Herrn Dr. Steiner gedacht ist, daß von der Organisation «Der Kommende Tag» aus die Dreigliederung weiter um sich greifen kann?
Georg Herberg: Zunächst zur Frage der richtigen Propaganda. Man muß praktische Lösungsvorschläge aus der Sicht der Dreigliederung ausarbeiten, zum Beispiel zur Kleidungs- und Wohnungsfrage, damit das Volk eine praktische Handhabe hat. Für die Lösung der Wohnungsfrage sind eigentlich die Regierungsbaumeister, die Diplomingenieure verantwortlich. Aber da stellt sich ein anderes wichtiges Problem: Es ist das Mißverhältnis zwischen Technikern und Juristen, das in unserer Gesellschaft herrscht. Die Juristen nehmen die führenden Stellungen ein; sie sind maßgebend für die politischen Entscheide. Von ihnen kommen die klangvollen Worte, von ihnen ertönt das erbauliche Sagen. Das, was von den Juristen, und das, was von den Technikern repräsentiert wird, muß zusammenwachsen. Der Kreislauf zwischen Erzeugung, Verkehr und Verbrauch der Waren muß ja auch geschlossen sein; und es ist der Techniker, der für das Gebiet der Erzeugung zuständig ist. Um die Interessen und Aufgaben der Techniker in der Gesellschaft richtig wahrnehmen zu können, müßte ein «Akademikerbund für Techniker» ins Leben gerufen werden.
Robert Wolfgang Wallach: Es ist im Grunde deprimierend, daß es im Zusammenhang mit der Dreigliederung überhaupt eine Propagandafrage gibt. Wir müßten diese Idee doch so lebendig in uns tragen, daß wir unmittelbar zu den Menschen wirken könnten, einfach dadurch, daß wir den Mensch im Menschen ansprechen. Der Straßenkehrer braucht den Hausherrn, und der Hausherr braucht den Straßenkehrer; beide sind aufeinander angewiesen. Es sollte deshalb nicht mehr vorkommen, daß der Straßenkehrer den Hausherrn scheel ansieht und umgekehrt.
[ 26 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist in dieser Diskussion leider allzuwenig gesprochen worden über die eigentliche Dreigliederungsidee, sondern nur über manches andere. Ich möchte doch ein wenig zurückführen auf die Dreigliederungsidee und auf das, was damit zusammenhängt, indem ich einzelne Fragen, die behandelt worden sind, herausgreife und dadurch wiederum auf den Vortrag zurückkommen werde.
[ 27 ] So ist die Frage gestellt worden, wie ich mich zum Syndikalismus stelle oder wie die Dreigliederung sich dazu stellt. Sehen Sie, wir haben versucht - wahrhaftig - uns zu den verschiedensten Strömungen zu stellen. Ich selbst würde auch heute noch dasjenige sagen müssen, was ich oftmals über den Syndikalismus gesagt habe, daß ja in gewissen syndikalistischen Kreisen ein Bewußtsein davon lebt, wie sehr der Zusammenschluß der einzelnen Berufsstände, der einzelnen Berufszweige und so weiter, also der syndikalistische Gedanke, ein gewisser Weg sein kann, wenigstens im Wirtschaftsleben zu einem Fruchtbaren zu kommen. Alles das will ich durchaus anerkennen, zum Beispiel auch, daß der Syndikalismus in einem weniger sklavischen Verhältnis zum Staatsgedanken steht als zum Beispiel der gewöhnliche marxistische Sozialismus. Auch das will ich durchaus anerkennen und habe es oftmals anerkannt. Allein ich möchte sagen: All diese Richtungen - ich sage nicht der Gegenwart - all diese Richtungen gehören ja nicht der Gegenwart, sondern der Vergangenheit an und ragen nur deshalb noch in die Gegenwart hinein, weil die Leute, die sich früher so [nach irgendeiner solchen Richtung] genannt haben, durchaus nicht umlernen können. Man kann sagen, eigentlich haben schon die ganzen Parteischablonen ihre Bedeutung gegenüber den Verhältnissen der Gegenwart verloren. Nur die Menschen, die früher zu diesen Dingen gehörten, die durch diese Parteischablone charakterisiert werden, sie haben sich noch nicht dazu bequemt, sich mit etwas anderem zu bezeichnen als mit [den Namen der] alten Parteischablonen. Sehen Sie, es hatte einen gewissen Sinn bis zum Jahre 1914, daß sich die Leute mit einem solchen Namen benennen, wie sich zum Beispiel heute noch Herr von Heydebrand «und der Lasa» nennt und so weiter. Aber heute hat es keinen Sinn mehr. So hat auch heute das Festhalten an solchen vergangenen Dingen, wie der Syndikalismus ist, keine rechte Bedeutung mehr.
[ 28 ] Und solange der Versuch gemacht werden konnte, an die Menschen heranzukommen, von denen man glauben konnte, daß ihr Gehirn noch «weich» genug ist, um über diese alten Parteischablonen hinwegzukommen, solange ist er gemacht worden. Aber man muß da von den Verhältnissen etwas lernen. Und heute ist es wirklich dringend notwendig, daß man von den Verhältnissen etwas lernt. Und so muß ich sagen, ich empfinde heute gar nicht mehr die Gewalt der Frage «Wie stelle ich mich zum Syndikalismus?», sondern ich erkläre Ihnen: Ich habe versucht, mich auch zum Syndikalismus zu stellen, das heißt innerhalb des Syndikalismus Leute zu finden, die fähig wären, durch ein noch «weiches» Gehirn die Dreigliederung zu begreifen - aber auch das war vergeblich. Daher muß heute so geredet werden - wie ich es heute Abend getan habe -, daß es sich darum handelt, auf dem festen Boden der Dreigliederung zu stehen und sich nicht zu kümmern um das andere. Denn es handelt sich heute darum, daß wir eine genügend große Anzahl von Menschen finden müssen, die die Dreigliederung verstehen; ob sie nun aus diesem oder jenem Lager kommen, aus dem syndikalistischen oder aus einem anderen, das ist uns ganz gleichgültig. Wir kümmern uns heute nicht mehr darum, wie die Dreigliederung zu den Syndikalisten steht, sondern wir warten es ab, wie sich die Syndikalisten zur Dreigliederung stellen wollen. Im Verlauf des letzten Jahres haben wir gelernt, daß alles andere etwas Vergebliches ist, und heute kann nur derjenige wirken, der etwas lernen kann.
[ 29 ] Dann ist die Frage gestellt worden, wie es gedacht ist, daß von der Organisation «Der Kommende Tag» aus die Dreigliederung weiter um sich greifen kann.
[ 30 ] Da bitte ich Sie doch, gerade bei einer solchen Einzelfrage ins Auge zu fassen, daß die Dreigliederungsidee ihrer ganzen Anlage nach etwas durchaus Praktisches ist und nicht in irgendeinem blauen Nebeldunst schwimmt, sondern daß es sich um etwas Konkretes handelt. Der Kommende Tag ist gegründet worden, weil eingesehen worden ist, daß das heutige, gewöhnliche Bankwesen im Laufe des 19. Jahrhunderts allmählich ein schädigendes Element geworden ist in unserem Wirtschaftsleben. Darauf habe ich bei meiner letzten Anwesenheit auch an einem Studienabend hingewiesen. Ich habe gezeigt, daß etwa seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts das Geld im Wirtschaftsleben der modernen Zivilisation eine ähnliche Rolle spielt wie die abstrakten Begriffe in unserem Denken, daß es allmählich ausgelöscht hat alles konkrete Streben, daß es wie ein verdeckender Schleier sich hinüberlegt über das, was sich in wirtschaftlichen Kräften ausleben muß. Und daher entsteht heute die Notwendigkeit, etwas zu begründen, was nicht bloß eine Bank ist, sondern was die wirtschaftlichen Kräfte so konzentriert, daß sie zu gleicher Zeit Bank sind und zu gleicher Zeit im Konkreten wirtschaften. Also es besteht die Notwendigkeit, etwas zu begründen, was zusammenfaßt wirklich konkretes Wirtschaften und die Organisation dieser Wirtschaftszweige, so wie sonst in einer Bank das Wirtschaftsleben zusammengefaßt wird, aber ohne auf wirtschaftliche Verhältnisse Rücksicht zu nehmen, nur in abstrakter Weise. Das heißt, es wird hier im Kommenden Tag praktisch versucht, zu überwinden die Schäden des Geldwesens.
[ 31 ] Wir erleben es heute, daß allerlei Leute, Gesell und andere - es gibt ja sonderbare «Gesellen» des Lebens - heute herumtanzen und vom freien Gelde reden. Das sind Utopisten. Das sind Abstraktlinge. Um was es sich handelt, ist, daß man durch eine Erkenntnis des praktischen Lebens darauf kommt, wo eigentlich die Schäden liegen. Und ein Schaden liegt darin, daß sich das Bankwesen wirtschaftlich so gestaltet hat, wie es heute ist. Im wirtschaftlichen Leben steht heute das Bankwesen so drinnen, wie die Gedanken im Seelenleben eines Menschen drinnenstehen, der alles gleich in Abstraktionen umsetzt und der sich nicht um einzelne konkrete Dinge kümmert, mit denen man es zu tun hat, sondern alles in hohe Abstraktionen umsetzt. Der Mensch, der alles in hohe Abstraktionen umsetzt - und das sind die meisten heutigen Menschen -, ein solcher Mensch kommt niemals zu einer wirklichen Erfassung der Wirklichkeit. Sehen Sie, solche Abstraktionen können Sie heute an jedem Sonntag auf jeder Kanzel hören. Solche Abstraktionen, bei denen sich die Leute, weil sie sich herausträumen können aus dem Leben für einen Sonntagnachmittag, so ungeheuer wohl fühlen, haben nichts mehr zu tun mit dem Leben. Und dasselbe, was für das einzelne Seelenleben die wesenlose Abstraktion ist, die sich hinauf in ein Wölkenkuckucksheim flüchtet, das ist für das wirtschaftliche Leben das bloß im Geld sich auslebende Bankwesen.
[ 32 ] Deshalb konnte man, indem man einen Versuch im Kleinen machte - der hoffentlich ins ganz Große sich auswächst -, die Dinge so gestalten, daß man gewissermaßen zurückführt das Geld zur Wirtschaft und die Wirtschaft hinaufführt zum Geld, so daß das Geld wiederum etwas ist, was zur Erleichterung und zum InBewegung-Bringen des Wirtschaftens dient. Wie unsere Gedanken nicht dazu dienen sollen, uns in abstrakte Höhen zu erheben und uns wohl dabei zu fühlen, sondern dazu, daß wir die konkreten Tatsachen des Lebens in Bewegung bringen, so handelt es sich darum, daß wir das Geld hineinstellen ins wirkliche Wirtschaftsleben. Wir wollen Wirtschaftszweige betreiben und nicht uns hineinsetzen in eine Bank und nur Geldgeschäfte machen, denn Geldgeschäfte an sich sind der größte Schaden unseres Wirtschaftslebens seit dem 19. Jahrhundert und dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Also, mit dem Kommenden Tag ist einfach eine praktische Idee aufgegriffen. Und ehe man nicht einsehen wird, daß es sich hier darum handelt, Ideen ganz praktisch zu denken bis ins Einzelnste, wird man auch nicht den Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus verstehen.
[ 33 ] Und nun möchte ich aufmerksam machen auf etwas, was ein wenig zusammenhängt mit dem ganzen Ton, den ich heute anzuschlagen versuchte, auf eine Seite, auf die Herr Dorfner hingewiesen hat - auf die Jesuiten. Da findet man, wenn auch für eine Sache, mit der ich nun wahrhaftig nichts zu tun haben will, eine wirksame Art, die Dinge zu vertreten. Sie können immer wiederum hören von jener Seite: Und wenn Tausende und Tausende unserer Anhänger abfallen, wenn wir Tausende und Tausende verlieren, so macht uns das nichts. Es würde uns erst etwas machen, wenn wir eine einzige Wahrheit verlören! - Immer wieder und wiederum können Sie das hören von jener Seite, auf die Herr Dorfner hingewiesen hat: Mögen abfallen Tausende und Tausende von Anhängern, aber es darf nicht eine einzige Wahrheit verloren gehen. Daß da, wo so gesprochen wird für eine Sache, mit der ich wahrhaftig nichts zu tun haben will, eine wirksame Art für Propaganda vorliegt, das könnte man einsehen. Also man könnte sich stellen auf den Boden: Nichts ist es, viele Anhänger zu haben, aber alles ist es, auf dem Boden seiner Wahrheiten stehen zu können, ohne Kompromißbildung, ohne irgendwo hinzuschielen [und zu denken], kriegst du den auch, mußt du dem ein bißchen schöntun. Um diese Art der Propaganda handelt es sich bei der Dreigliederung nicht. Da handelt es sich darum, möglichst viele Menschen zu gewinnen für dasjenige, was die Dreigliederung enthält - wahrhaftig nicht deshalb, weil man in die Dreigliederung verliebt ist oder weil man starrköpfig ist, sondern weil man einsieht: Nur auf diese Weise geht es weiter.
[ 34 ] Nun, es erübrigt sich wohl, auf das einzugehen, was Herr Dr. Herberg gesagt hat über «Diplombaumeister» und «Regierungsbaumeister » in ihrem Mißverhältnis zu den Juristen. Diese Dinge sind es, die durch die allerelementarsten Diskussionen des Bundes sich längst erledigt haben. Und, nicht wahr, es geht auch schon ganz und gar nicht, daß, wenn wir im Sinne der Dreigliederung diskutieren, wir gewissermaßen ganz und gar uns außerhalb des Bodens der Dreigliederung stellen. Denn sehen Sie, es würde schließlich doch auch einen sonderbaren Eindruck machen, wenn wir zum Beispiel vom freien Geistesleben sprechen und eine Diskussion aufwerfen würden, ob es denn nun richtig wäre, die alten Bezeichnungen für die am Gymnasium wirkenden Leute zu ersetzen durch Titel wie «Studienassessor» und so weiter. Das sind alles Fragen, die auf dem Boden des alten Staatswesens stehen. So ist es auch mit den «Regierungsbaumeistern»; es kann sich nicht darum handeln, wie diese den Juristen gegenüberstehen. Denn in dem Augenblick, wo man auf die Dreigliederung eingeht, kann man nicht mehr von «Regierungsbaumeistern» sprechen, sondern da stehen wir auf dem Boden jenes politischen Staates, der streng demokratisch das umfaßt, wo jeder mündige Mensch jedem anderen mündigen Menschen als gleicher gegenübersteht. Es kann sich nicht darum handeln, wie dieser demokratische Staat sich verhält zu dem, dem ein solcher Titel gegeben werden soll und dergleichen mehr. Überhaupt, wir müssen uns angewöhnen, etwas mehr in das Reelle hineinzugehen.
[ 35 ] Sehen Sie, es passiert einem ja so manches im Leben, und man kann sich an so manches Erlebnis erinnern. So war ich zum Beispiel einmal mit einer sozialistischen Persönlichkeit zusammen, die ein guter Sozialist war, und ich sprach mit ihr über einen sehr, sehr hohen Regierungsbeamten. Ich hielt diesen sehr, sehr hohen Regierungsbeamten für total unfähig, für einen ganz unmöglichen Menschen. Und ich sagte, ich würde meinen, [das beste] für jenen sehr hohen Regierungsbeamten wäre eigentlich, wenn er von seinem Posten wegkäme und Straßenkehrer würde - das wäre der richtige Beruf für ihn. Sie hätten nur sehen sollen, welches Entsetzen die sozialistische Persönlichkeit erfaßte bei der Zumutung, daß nun der ihr wohlbekannte Mann Straßenkehrer werden müßte. Ja, das war ja allerdings nur ein Gedanke, aber er scheint mir auf mehr Realität hinzuweisen, als der Gedanke - verzeihen Sie schon -, der soeben ausgesprochen wurde: der Hausherr solle den Straßenkehrer nicht scheel ansehen, und der Straßenkehrer den Hausherrn nicht! - Ja, damit lösen wir die soziale Frage wahrhaftig nicht, daß wir uns nicht scheel ansehen. Es handelt sich ja wirklich darum, daß in unserer heutigen sozialen Ordnung der Hausherr den Straßenkehrer braucht und der Straßenkehrer den Hausherrn, aber wenn sie bloß sich nicht scheel ansehen, wird die soziale Frage doch wahrscheinlich nicht gelöst werden. Und ob man sich auf irgend etwas was einbildet oder nichts einbildet, das sind schließlich Fragen, die wirklich mit den Sachlichkeiten und ernsten Realitäten des gegenwärtigen Lebens im Grunde genommen gar nichts zu tun haben. Es handelt sich wirklich nicht darum, daß wir heute den Menschen nur klarmachen: der Hausherr braucht den Straßenkehrer und der Straßenkehrer braucht den Hausherren. Da haben wir doch immer im Hintergrund so ein bißchen die Idee: der Straßenkehrer soll Straßenkehrer bleiben, und der Hausherr soll Hausherr bleiben, sie sollen sich nur nicht scheel ansehen, - was ja gewiß dem Hausherren leichter fallen wird als dem Straßenkehrer. Aber ich glaube, mit all diesen Dingen, die etwas stark nach Moralinsäure riechen, kommen wir heute nicht auf einen grünen Zweig, sondern heute handelt es sich nicht bloß darum, daß wir uns nicht scheel ansehen, sondern daß wir Hand anlegen, daß es anders werde, daß wir vor allen Dingen das erreichen, wiederum Verständnis [für einander] zu finden über die Klassen hinweg. Und dieses Verständnis wird zu einer ganzen Umgestaltung des Lebens führen, nicht nur zu einem Augenverdrehen von der Scheelheit zur Gradheit, sondern zu ganz anderen Dingen. Und gehen Sie durch, was intendiert ist in der Dreigliederungsidee, da werden Sie sehen, daß in der Tat herauskommt etwas, wonach sich die Menschheit heute sehnen muß, wenn sie etwas davon versteht, was sich weltgeschichtlich verwirklichen will. Und auf solche Dinge hat man heute hinzusehen, nicht auf etwas, was bloß moralisierend ist und was doch wiederum anknüpft an die alten Formen, die sich noch immer im gegenwärtigen sozialen Leben ausleben. Nein, wir müssen uns heute klar sein, daß wir ein neues Geistesleben brauchen, das aus dem Boden dieses Geisteslebens selber hervorgeht. Mag es im einzelnen bei der Durchführung der Dreigliederung noch so schlecht gemacht worden sein, es muß doch immer wieder und wiederum gesagt werden, daß diese Dreigliederung auf dem Boden steht: Nur einem Umdenken, nur einem Umwandeln der menschlichen Gedanken und Empfindungen bis ins tiefste Innere hinein werden wir eine Besserung verdanken und nichts anderem.
