Social Ideas, Social Reality
and Social Practice I
GA 337a
9 June 1920, Stuttgart
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Social Ideas, Social Reality and Social Practice I, tr. SOL
5. Die Propagierung der Dreigliederungsidee
5. The Promotion of the Threefold Social Order
[ 1 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Es hegt wohl in der Natur eines solchen Studienabends, daß ich nicht einen eigentlichen Vortrag halte, sondern zunächst einiges aphoristisch vorbringe, damit sich dann anschließen kann eine möglichst weitgehende Diskussion über dasjenige, was dem einen oder anderen der verehrten Zuhörer am Herzen liegt und was im Interesse der Fortführung unserer Propaganda für die Dreigliederung des sozialen Organismus nötig erscheint. Es ist mir bedeutet worden, daß eine wichtige Frage jetzt die ist nach der besonderen Art, wie die Propaganda für diese Dreigliederungsidee in der nächsten Zeit einzurichten ist. Ich war ja nicht anwesend bei den letzten Studienabenden und falle gewissermaßen mit dem, was ich heute sagen kann, aus dem Zusammenhang vielleicht heraus. Aber gerade diese Propagandafrage wurde mir als etwas sehr Bedeutsames hingestellt.
[ 1 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! It is, I suppose, in the nature of such a study evening that I do not deliver a formal lecture, but rather begin by presenting a few aphorisms, so that this may be followed by as wide a discussion as possible on the topics that are close to the hearts of one or another of the esteemed listeners and that seem necessary in the interest of continuing our advocacy for the threefold social order. I have been informed that an important question at this time concerns the specific manner in which advocacy for this idea of threefolding should be organized in the near future. I was not present at the last study evenings, and in a sense, what I have to say today may be somewhat out of context. But this very question of advocacy was presented to me as something of great significance.
[ 2 ] Nun ist wohl kaum fruchtbar, heute über die Art und Weise zu sprechen, wie nun die Dreigliederung zu propagieren ist, wenn man nicht das, was man dabei beabsichtigt, basiert auf die Erfahrungen, die bisher gemacht worden sind. Beim Besprechen einer solchen Sache möchte ich doch darauf hinweisen, daß es sich gegenüber der heutigen Weltlage ja wirklich nicht darum handeln kann, wie man die eine oder andere ganz ins einzelne gehende Angelegenheit, namentlich auf wirtschaftlichem Gebiet, sich ausgestaltet zu denken hat - von Maßregeln im kleinen sollte man sich tatsächlich heute nicht mehr sehr viel versprechen. Man sollte sich heute einen Blick dafür aneignen, wie im Grunde genommen doch nur etwas zu erreichen ist von einem - ich möchte sagen - Eingehen auf das Große. Wir haben ja mit unserer Propaganda merkwürdige Erfahrungen gemacht. Und der Grundton, der uns immer wieder kam aus diesen Erfahrungen, ist der, wie schwer es eigentlieh heute ist, selbst in dieser Zeit der Not, nur an die Menschenseelen heranzukommen mit demjenigen, was man in geistiger, in politischer, in wirtschaftlicher Beziehung unbedingt für nötig halten muß.
[ 2 ] It is hardly productive today to discuss how the threefold social order should be promoted if one does not base one’s intentions on the experiences that have been gained so far. In discussing such a matter, I would like to point out that, given the current state of the world, it really cannot be a question of how one should conceive of one or another highly detailed matter—particularly in the economic sphere—in all its particulars; indeed, one should no longer expect much from small-scale measures today. Today, we should cultivate an understanding of how, fundamentally, anything can be achieved only by—I would say—focusing on the big picture. We have, after all, had some remarkable experiences with our propaganda. And the underlying message that has repeatedly emerged from these experiences is just how difficult it actually is today—even in this time of need—to reach people’s souls with what one must absolutely consider necessary in spiritual, political, and economic terms.
[ 3 ] Ich habe das letzte Mal darauf hingewiesen, wie gewisse Pläne ja gescheitert sind und wie wir daher genötigt waren, gewisse Einzelheiten in Angriff zu nehmen, die sich ja allmählich konzentriert haben in unserer Unternehmung «Der Kommende Tag». Wir wissen selbstverständlich ganz genau, daß diese Unternehmung, wenn unsere Gesamtpropaganda für die Dreigliederungsidee nicht durchschlagend wirken kann, zunächst im Grunde genommen doch nur ein recht wenig befriedigendes Surrogat sein kann - und das in jeder Beziehung. Denn worauf es heute ganz besonders ankommt, das ist - das muß immer wieder und wiederum betont werden -, daß in möglichst viele Köpfe hineingeht ein Verständnis für die tragende Kraft der Dreigliederungsidee. Ohne daß wir eine genügend große Anzahl von Menschen haben, welche diese Dreigliederungsidee wirklich verstehen, ist nicht auszukommen. Und dieses Verständnis bezieht sich ja auf vieles, meine verehrten Anwesenden. Ich möchte da auf etwas Konkretes hinweisen.
[ 3 ] Last time, I pointed out how certain plans had indeed failed and how we were therefore compelled to tackle certain details, which have gradually come together in our undertaking “The Coming Day.” We know, of course, very well that if our overall propaganda for the idea of threefolding cannot have a decisive impact, this initiative can, at first, essentially be nothing more than a rather unsatisfactory substitute—in every respect. For what matters most today—and this must be emphasized again and again—is that an understanding of the driving force behind the idea of threefolding takes root in as many minds as possible. We cannot do without a sufficiently large number of people who truly understand this idea of threefolding. And this understanding, my dear friends, pertains to many things. I would like to point out something specific here.
[ 4 ] Sehen Sie, als wir hier mit unserer Propaganda begonnen haben, haben wir ja zunächst versucht, nach der eben angegebenen Richtung zu arbeiten, möglichst viele verständnisvolle Seelen zu gewinnen. Es sind die konkreten Fragen auch des Wirtschaftslebens wirklich erörtert worden. Da ist zum Beispiel - und nicht nur einmal, sondern öfter - von mir eine ganz bestimmte Frage des Wirtschaftslebens zur Erörterung gekommen: es war die Frage der Preisbildung. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß diese Preisbildungsfrage eine Kardinalfrage ist; es handelt sich darum, daß einfach im volkswirtschaftlichen Prozeß gewisse andere Fragen - selbst die Lohnfrage und dergleichen - nicht primär zu erledigen sind, sondern erst auf Grundlage der Preisfrage. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß man nur einen ganz bestimmten Preis für irgendeinen Artikel als eine gesunde Tatsache im wirtschaftlichen Leben ansehen kann. Mit anderen Worten: Ein bestimmter Artikel muß für einen bestimmten Preis innerhalb eines wirtschaftlichen Zusammenhanges zu erreichen sein. Danach müssen die volkswirtschaftlichen Verhältnisse geregelt werden. Das Ungesundeste ist, den Preis als etwas in beliebiger Weise Steigerbares anzusehen und dann anzufangen mit der Schraube ohne Ende: die Lohnverhältnisse einzurichten nach den sich nach Belieben steigernden Preisen. Steigen die Preise, dann steigen die Löhne; [steigen die Löhne, dann steigen die Preise] und so fort. Man faßt die ganze Sache am verkehrten Ende an. Ich habe damals solch eine konkrete Frage aus volkswirtschaftlichen Untergründen heraus erörtert. Was war die Folge? Wir haben dazumal Versammlungen gehabt, bei denen ja zum größten Teil nur Proletarier erschienen waren. Die bürgerlichen Kreise haben sich ferngehalten, weil sie gemeint haben, wir würden alles einrichten, damit es nur dem Proletariat gefalle. Kurz, wir haben einiges Verständnis gefunden in den Kreisen der Proletarier, die uns dazumal gehört haben. Aber dieses Verständnis ist vollständig versiegt; die Leute blieben nach und nach weg. Sie haben ihre alten Ladenhüter aus den Parteischablonen vorgebracht als Fragen, dann blieben sie nach und nach weg. Und so versiegte eine der Kardinalfragen einfach.
[ 4 ] You see, when we began our propaganda here, we initially tried to work in the direction I just mentioned—to win over as many sympathetic souls as possible. The concrete issues of economic life have indeed been discussed. For example—and not just once, but on several occasions—I raised a very specific issue of economic life for discussion: the issue of price formation. I pointed out that this issue of price formation is a fundamental one; the point is that, within the economic process, certain other issues—even the wage question and the like—cannot be resolved primarily on their own, but only on the basis of the price question. I have pointed out that only a very specific price for any given article can be regarded as a sound reality in economic life. In other words: A specific article must be obtainable at a specific price within an economic context. Economic conditions must be regulated accordingly. The most unhealthy approach is to view prices as something that can be raised at will and then to set off on a never-ending spiral: adjusting wage conditions according to prices that rise at will. If prices rise, then wages rise; [if wages rise, then prices rise] and so on. The whole matter is being approached from the wrong end. At the time, I discussed such a concrete issue from an economic perspective. What was the result? We held meetings back then, at which, for the most part, only proletarians attended. The bourgeois circles stayed away because they believed we would arrange everything to please only the proletariat. In short, we found some understanding among the proletarians who listened to us back then. But that understanding has completely dried up; people gradually stopped coming. They brought up their old, stale party clichés as questions, and then they gradually stopped coming. And so one of the cardinal issues simply dried up.
[ 5 ] Ich greife ein Beispiel heraus, es könnten viele andere angeführt werden. Ich hatte vor kurzem Gelegenheit, mit einem im Wirtschaftsleben gründlich drinstehenden, geschäftstüchtigen Manne eines europäischen Staatswesens, nicht des deutschen, zu sprechen. Es kam dabei heraus, daß er einfach aus seiner Praxis heraus als praktischer Geschäftsmann zu der Ansicht gekommen ist: Das Wichtigste, das man anfassen muß, ist das Problem der Preisbildung. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, ich bin überzeugt davon: Mit Leuten, die Geschäftsleute sind und die zugleich denken, kommt man schon zurecht. Ich muß gestehen, ich habe bis jetzt recht wenig Menschen von dieser Sorte gefunden. Ich habe oft Geschäftsleute gefunden, die nicht wirklich denken, sondern die noch immer die Denkgewohnheit haben, es handle sich vor allen Dingen darum, daß man ein Praktiker sei. Und ein Praktiker ist man, wenn man darauf ausgeht, daß der Staat oder sonst jemand für einen denkt; sie glauben: «Die werden es schon machen». So hat man es ja auch während des Krieges in Deutschland gemacht. Man hat gedacht, die Leute im Großen Hauptquartier werden die Sache schon verstehen. Also, wie gesagt, ich habe wenige Leute gefunden, die zugleich Geschäftsleute sind und denken, aber wenn man solche heute findet, dann kommen die ganz zweifellos aus ihrem Denken über die praktischen Geschäftsverhältnisse zu den gleichen Ergebnissen, wie Sie sie in meinen «Kernpunkten» dargestellt finden. Sie müssen nicht meine «Kernpunkte» vergleichen mit dem und sie prüfen nach dem, was in den vertrackten Parteiprogrammen enthalten ist. Diese Programme der zehn Parteien, die jetzt in den Reichstag gewählt wurden - der wird ja ein unmögliches Gebilde sein -, sie sind alle gleich unbrauchbar und unmöglich. Es handelt sich darum, daß man dasjenige, was in den «Kernpunkten» steht, mit der wirklichen Lebenspraxis vergleicht, mit dem, was tatsächlich im realen Leben notwendig ist. Man muß allerdings über dieses reale Leben auch nachdenken wollen und nicht bloß ein Prediger von alten Schablonen und Ladenhütern sein. Aber diese Art der Propagierung, die will ja nicht um sich greifen, die will nicht wirklich prüfen dasjenige, was [in den «Kernpunkten»] selbstverständlich nur auf einer Anzahl von Seiten gesagt werden konnte, denn man kann nicht gleich eine ganze Bibliothek schreiben; die würde noch weniger gelesen werden als die «Kernpunkte». Aber statt das, was in den «Kernpunkten» gesagt wird, zu vergleichen mit dem, was man lernen kann in der Fabrik als Wirtschafter, als Techniker, stattdessen wir herumhantiert mit Altem, mit alten Parteischablonen und -programmen. Und das Praktische, was die «Kernpunkte» meinen, das wird - statt es zu vergleichen mit der Praxis - verglichen mit irgendwas, was in dem oder jenem Kopf als Vorurteil nistet und als Praxis angesehen wird.
[ 5 ] I’ll single out one example—though many others could be cited. I recently had the opportunity to speak with a shrewd, business-savvy man from a European country—not Germany—who is deeply involved in the business world. It turned out that, based simply on his practical experience as a businessperson, he had come to the conclusion that the most important issue to address is the problem of pricing. Yes, ladies and gentlemen, I am convinced of this: you can get along well with people who are businesspeople and who also think for themselves. I must admit, however, that I have found very few people of this sort so far. I have often encountered businesspeople who do not really think for themselves, but who still cling to the mindset that what matters above all is being a “practitioner.” And one is considered a “practitioner” when one assumes that the state or someone else will do the thinking for you; they believe, “They’ll take care of it.” That is, after all, how things were done in Germany during the war. People thought that the folks at the High Command would understand the situation. So, as I said, I have found few people who are both businesspeople and thinkers, but if you do find such people today, they will undoubtedly arrive at the same conclusions—based on their thinking about practical business conditions—as you’ll find outlined in my “Key Points.” You don’t need to compare my “Key Points” with those and examine them in light of what’s contained in the convoluted party platforms. These platforms of the ten parties that have now been elected to the Reichstag—which will, of course, be an impossible entity—are all equally useless and impractical. The point is to compare what is stated in the “Key Points” with real-life practice—with what is actually necessary in real life. One must, of course, be willing to reflect on this real life and not merely be a preacher of old clichés and stale ideas. But this kind of propaganda—it doesn’t aim to take hold; it doesn’t really seek to examine what [in the “Key Points”] could, of course, only be said on a limited number of pages, since one cannot write an entire library at once; that would be read even less than the “Key Points.” But instead of comparing what is said in the “Key Points” with what one can learn in the factory as a manager or a technician, we instead dabbled in the old—in old party clichés and platforms. And the practical aspects that the “Key Points” refer to—instead of being compared with actual practice—are compared with whatever prejudice is lodged in this or that person’s mind and regarded as practice.
[ 6 ] Was wir zunächst erreichen müssen, ist: Wir müssen uns entschließen, dahin zu wirken, daß eingesehen wird, daß es wirklich nicht so leicht ist, mit den öffentlichen Verhältnissen zurechtzukommen. Ich habe dazumal versucht, dieses Buch zu schreiben aus den Notwendigkeiten der Zeit heraus, und ich muß sagen, für mich ist es eine bittere Pille, eine bittere Erfahrung, daß jetzt Menschen auftreten, die da fordern, man solle dasjenige, was in den «Kernpunkten » steht, zu einem Kohl verarbeiten und bloß auf etwa einem Bogen Papier verzapfen. Denn das wollen die Leute: Sie wollen auf einem Bogen Papier oder womöglich gar nur auf einem kurzen Flugblatt entgegennehmen, was in den «Kernpunkten» schon so kurz als möglich gesagt ist. Wenn Sie mich fragen, worin heute das Elend der Zeit liegt, dann sage ich: Es liegt gerade darin, daß man heute noch immer nach so etwas verlangt. - Man will nicht zur Gründlichkeit übergehen. Aber man will auf einem kohlartig zusammengedruckten Bogen - wie er ja auch schon als Auszug der «Kernpunkte» erschienen ist -, alles das haben, was man sorgfältig kennenlernen müßte. Solange diese Gesinnung herrscht, solange wird man nichts erreichen auf dem Wege, auf dem heute notwendig etwas erreicht werden muß. Gewiß, ich werde demnächst die «Kernpunkte» auch so erscheinen lassen, daß ich in einer besonderen Vorrede auf einem Bogen kurz dasjenige zusammenstelle, was in den «Kernpunkten» enthalten ist. Aber dann soll es nur dienen als eine Art von Vorbereitung, die den «Kernpunkten» vorangedruckt ist, gewissermaßen um vorzubereiten für das Lesen der ganzen Schrift. Aber wer glaubt, er könne auf noch weniger Seiten [als in der Vorrede] dasjenige verstehen, was heute notwendig ist, der hat eben kein Herz für das, was heute wirklich geschehen muß. Das ist es, was zuallererst zu bedenken ist, wenn wir es ernst meinen mit dem, was wir die Propagandafrage nennen können.
[ 6 ] What we must achieve first is this: We must resolve to work toward making people realize that it really isn’t so easy to cope with the current state of public affairs. I tried back then to write this book out of the necessities of the time, and I must say, it’s a bitter pill to swallow—a bitter experience—that people are now coming forward who demand that what is contained in the “Key Points” be boiled down and crammed onto just a single sheet of paper. For that is what people want: they want to receive, on a single sheet of paper or, if possible, even just on a short leaflet, what is already stated as concisely as possible in the “Key Points.” If you ask me what the misery of our times lies in today, I would say: it lies precisely in the fact that people still demand such a thing today. - People do not want to move toward thoroughness. But they want to have, on a sheet crammed together like a leaflet—as it has already appeared as an excerpt from the “Key Points”—everything that they would actually have to study carefully. As long as this mindset prevails, nothing will be achieved along the path that is necessary to achieve anything today. Certainly, I will soon publish the “Key Points” in such a way that, in a special preface on a single sheet, I briefly summarize what is contained in the “Key Points.” But then it is intended only as a kind of preparation, printed before the “Key Points,” so to speak, to prepare readers for reading the entire text. But anyone who believes they can understand what is necessary today in even fewer pages [than in the preface] simply has no heart for what truly must happen today. That is what must be considered first and foremost if we are serious about what we might call the “propaganda question.”
[ 7 ] Denn nehmen Sie die konkrete Tatsache: Unsere Zeitschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus» hat bis jetzt neunundvierzig Nummern. Neunundvierzig Nummern! Nehmen Sie diese neunundvierzig Nummern, lesen Sie sie der Reihe nach durch, und Sie werden sehen, wieviel wir da im Grunde genommen zusammengetragen haben von alledem, was für die Menschheit zunächst notwendig ist zu wissen über die Dreigliederungsfrage. Neunundvierzig Nummern haben wir erscheinen lassen. Da steht wirklich schon alles drinnen, was zunächst notwendig ist zu wissen. Aber man verlangt von uns immer noch Auskunft über diese oder jene Frage. Und was müssen wir uns heute sagen? Wir haben im Grunde genommen diese neunundvierzig Nummern der «Dreigliederung » geschrieben, aber das ganze Material ist vorläufig verpufft. Stehen wir da nicht fast vor der Notwendigkeit, daß wir nun wiederum mit unserer Zeitschrift von Anfang anfangen müssen, daß wir Nummer eins und die folgenden Nummern genauso erscheinen lassen müssen, wie sie erschienen sind? Nachdem im Grunde genommen vieles verpufft und gar nicht in die Köpfe hineingegangen ist von dem, was wir gesagt haben, soll uns immer wieder etwas Neues einfallen? Nun, gar zu viel Einfälle können sie schließlich doch nicht von uns verlangen, die Menschen draußen. Dasjenige, um was es sich handelt, wäre, zunächst die Dreigliederungsidee tatsächlich so, wie sie ist, zu propagieren. Dem steht natürlich unendlich viel entgegen, aber all dieses Viele liegt lediglich im menschlichen Willen. Es ist notwendig, daß die Seelen heute aufwachen und daß man es ernst nimmt mit dem, um was es sich eigentlich handelt.
[ 7 ] Consider this specific fact: Our journal *The Threefold Social Order* has published forty-nine issues to date. Forty-nine issues! Take these forty-nine issues, read through them in order, and you will see how much we have essentially compiled there of everything that humanity first needs to know about the question of the threefold social order. We have published forty-nine issues. Everything that is initially necessary to know is truly already contained within them. But people still ask us for information on this or that question. And what must we say to ourselves today? We have, in essence, written these forty-nine issues of “The Threefold Social Order,” but all of this material has, for the time being, come to nothing. Are we not almost faced with the necessity of having to start over with our journal from the beginning, of having to publish Issue One and the subsequent issues exactly as they were originally published? Since, in essence, much of what we have said has gone to waste and has not at all taken root in people’s minds, are we expected to come up with something new time and again? Well, after all, the people out there cannot expect us to come up with too many new ideas. What is at stake, first and foremost, is actually promoting the idea of the threefold social order exactly as it is. Of course, there are countless obstacles to this, but all of these obstacles lie solely in human will. It is necessary for souls to awaken today and for people to take seriously what is actually at stake.
[ 8 ] Sehen Sie, da ist eine Frage, an der sich heute die Menschen auch fortwährend vorbeidrücken. Es ist diejenige Frage, von der die «Kernpunkte» von Anfang an ausgegangen sind, auf der im Grunde genommen die ganze Dreigliederungspropaganda beruhen muß - nicht sachlich, aber in bezug auf das Wesen der Propagierung. Es ist die Erkenntnis, daß wir es in der sogenannten sozialen Frage heute wahrhaftig nicht zu tun haben mit dem, wovon die meisten Menschen reden. Die meisten Menschen fragen ja, indem sie von der sozialen Frage reden: Was soll man mit dieser oder jener Institution machen? Was soll man auf diesem oder jenem Gebiet einrichten? Wer so redet, hat überhaupt kein Verständnis für das, was in unserer Zeit vorgeht - aus dem einfachen Grund nicht, weil er nicht einsieht, daß Sie heute die glänzendsten Einrichtungen machen können und daß Sie, wenn Sie sie gemacht haben, dann hinterher trotzdem sehr bald genau dieselbe Agitation haben, wie Sie sie vorher hatten. Jetzt ist die Menschheitsverfassung so: Nehmen Sie zum Beispiel die jetzige Mehrheitssozialdemokratie, die eine lange Zeit Oppositionspartei war. In dem Augenblick, wo diese Mehrheitssozialisten zur Herrschaft kamen, bildete sich die sogenannte Unabhängige Sozialdemokratische Partei. Würde diese zur Herrschaft kommen, so würde sich wiederum eine neue Oppositionspartei bilden, die Kommunisten. Würden diese zur Herrschaft kommen, so würde schon wieder eine neue Oppositionspartei da sein. Es handelt sich heute gar nicht darum, mit irgendwelchen Vorschlägen zu kommen für einzelne Einrichtungen, sondern es handelt sich darum, daß die soziale Frage heute eine richtige Menschheitsfrage ist, eine Frage des Menschenwertes und des Menschheitsbewußtseins.
[ 8 ] You see, there is a question that people today continually avoid. It is the very question on which the “Key Points” were based from the outset, and on which, in essence, the entire propaganda for the threefold social order must rest—not in terms of facts, but in terms of the nature of the propaganda itself. It is the realization that, when it comes to the so-called social question today, we are truly not dealing with what most people are talking about. After all, when most people speak of the social question, they ask: What should be done with this or that institution? What should be established in this or that area? Anyone who speaks this way has absolutely no understanding of what is happening in our time—for the simple reason that they fail to realize that you can create the most brilliant institutions today, and that once you have created them, you will nevertheless very soon face exactly the same agitation afterward as you had before. Now, the nature of humanity is such: Take, for example, the current majority Social Democratic Party, which was an opposition party for a long time. The moment these majority Social Democrats came to power, the so-called Independent Social Democratic Party was formed. If that party were to come to power, a new opposition party would form in turn—the Communists. If they were to come to power, yet another new opposition party would emerge. The issue today is not at all about coming up with proposals for individual institutions, but rather that the social question today is truly a question of humanity—a question of human dignity and human consciousness.
[ 9 ] Und man sieht das klarer, was die soziale Frage ist, wenn man einmal Umschau hält in Ländern, in denen noch nicht alles zusammengebrochen ist, sondern erst demnächst zusammenbrechen wird. Da gibt es auf der einen Seite die ehemals führenden Kreise. Diese Kreise sehen zunächst, daß alles Geschäftsleben stockt, daß sich in den Magazinen ungeheure Vorräte ansammeln, daß man nur noch mit Mühe soviel herausschlägt, um die Arbeiter zu bezahlen, und man macht sich Gedanken: Wenn die Sache so fortgeht, wird man die Arbeiter bald nicht mehr bezahlen können. Man wird aber auch nicht [die Waren] losschlagen können, die man in den Magazinen lagernd hat. Das alles sieht man ja, aber man denkt sich: Ein Wunder wird schon kommen, und dann wird es demnächst doch anders werden. Auf dieses Wunder wartet man, damit man nicht nötig hat nachzudenken, was man eigentlich tun soll. Auf der anderen Seite stehen diejenigen da, die eine ganz andere Sprache führen, die breiten Massen des Proletariats der zivilisierten Welt. Von dem, was unter diesen breiten Massen vorgeht, haben die eben charakterisierten führenden Kreise nicht die geringste Ahnung. Aber es ist in diesem Proletariat ein Wille vorhanden, ein Wille, der seine Fragen in Begriffe, in Ideen kleidet, und in dem Augenblick, wo diese verwirklicht werden, würden sie alles, was wir an menschlicher Zivilisation haben, zugrunderichten, alles, alles zugrunderichten, alles hinwegfegen. Und die führenden Klassen denken sich, sie werden demnächst wieder zurückkehren können vielleicht zum Jahre 1913 oder Anfang 1914, um da wiederum anzufangen, wo sie damals aufgehört haben, und dann würden sich ganz willig aus diesen breiten Massen auch die Menschen finden, die wiederum so arbeiten, wie sie dazumal gearbeitet haben. Nein, wir haben es heute nicht zu tun mit einer Frage der Institutionen, sondern mit einer Menschheitsfrage. Und wir müssen einsehen, daß wir bei den führenden Klassen schon seit langer, langer Zeit eben nicht das geringste Verständnis gefunden haben für das, was ihre Aufgabe ist. Ja, glauben Sie denn, daß aus den Massen heraus sich überhaupt etwas anderes entwickeln wird als das, was wir hier in Stuttgart, wo wir mit der Dreigliederungspropaganda begonnen haben, zu unserem Entsetzen erleben mußten?
[ 9 ] And one sees more clearly what the social question is when one looks around at countries where not everything has collapsed yet, but is about to collapse. On the one hand, there are the formerly ruling circles. These circles see, first of all, that all business activity has ground to a halt, that enormous stockpiles are accumulating in the warehouses, that it takes a great deal of effort just to generate enough revenue to pay the workers, and they begin to worry: If things continue this way, they will soon no longer be able to pay the workers. Nor will they be able to sell off the goods they have stockpiled in the warehouses. They see all this, of course, but they tell themselves: A miracle will happen, and then things will soon change for the better. They wait for this miracle so that they won’t have to think about what they should actually do. On the other side stand those who speak a completely different language—the broad masses of the proletariat of the civilized world. The leading circles just described have not the slightest idea of what is going on among these broad masses. But there is a will within this proletariat—a will that clothes its questions in concepts, in ideas—and the moment these are realized, they would destroy everything we have in the way of human civilization, destroy everything, everything, sweep it all away. And the ruling classes imagine that they will soon be able to return—perhaps to the year 1913 or early 1914—to pick up again where they left off back then, and that people would then willingly emerge from these broad masses who would once again work just as they did back then. No, what we are dealing with today is not a question of institutions, but a question of humanity. And we must realize that for a long, long time now, we have found not the slightest understanding among the ruling classes regarding what their task actually is. Yes, do you really believe that anything other than what we have had to witness here in Stuttgart—where we began our campaign for the threefold social order—will emerge from the masses?
[ 10 ] Sehen Sie, unter zwei Voraussetzungen hätte das, was wir im April vorigen Jahres begonnen haben, sehr gut seinen Fortgang nehmen können - unter zwei Voraussetzungen. Die eine wäre die gewesen, daß es gelungen wäre, ohne Berücksichtigung der proletarischen Führer die breiten Massen des Proletariats für eine verständnisvolle Lebensauffassung zu gewinnen. Das war auf dem besten Wege. Auf der anderen Seite hätte es sich darum gehandelt, daß diejenigen, die einen gewissen Einfluß hatten innerhalb des Bürgertums, der Bourgeoisie, uns jetzt die Hand gereicht, uns Vertrauen entgegengebracht hätten und sich gesagt hätten: Da wird einmal der Versuch gemacht, eine Brücke zu bauen zwischen dem Proletariat und den anderen.
[ 10 ] You see, under two conditions, what we began in April of last year could very well have continued—under two conditions. One would have been that we succeeded in winning over the broad masses of the proletariat to an enlightened outlook on life, without taking the proletarian leaders into account. That was well on its way. On the other hand, it would have required that those who had a certain influence within the bourgeoisie would have reached out to us, placed their trust in us, and said to themselves: “Here, at last, an attempt is being made to build a bridge between the proletariat and the others.”
[ 11 ] Was hätte geschehen müssen? Sie können sich denken, daß die Sache nicht leicht ist, denn zu alle dem, was heute so redet wie Stresemann oder dergleichen Leute oder was irgendwie in dem Geruch steht, nach jener Seite hinzuschielen, zu dem wird das Proletariat unter keinen Umständen jemals Vertrauen haben. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, wir waren doch auf dem Wege, einfach durch Vernunftgründe zu dem Proletariat sprechen zu können. Und es wäre nur notwendig gewesen, daß uns von Seiten der Bourgeoisie soviel Verständnis entgegengebracht worden wäre, daß man uns gesagt hätte: Gut, wir wollen versuchen abzuwarten, wozu ihr imstande seid. Wir wollen zugeben, daß unter uns selbst zahlreiche Leute sind, die nicht dieses Vertrauen gewinnen können, weil sie es sich verscherzt haben, aber man wird, wenn man so vorgeht, die Brücke schlagen können.
[ 11 ] What should have happened? You can imagine that the matter is not easy, for the proletariat will under no circumstances ever place its trust in those who, like Stresemann or people of his ilk, speak in such a manner today—or who are in any way suspected of leaning toward that side. But, ladies and gentlemen, we were, after all, on the path to being able to speak to the proletariat simply on the basis of reason. And all that would have been necessary was for the bourgeoisie to show us enough understanding to say: “All right, let’s try to wait and see what you are capable of.” We’ll admit that there are many among us who cannot earn this trust because they have forfeited it, but if we proceed in this way, we will be able to build a bridge.
[ 12 ] Was ist statt dessen geschehen? Die Leute, die solches Verständnis hätten aufbringen sollen, die haben sich breitbeinig hingestellt und haben erklärt: Das sind ja Leute, die uns fast oder ganz nach dem Bolschewismus hinführen! Das sind ja Leute, die es alle nur mit dem Proletariat halten! - Nicht das geringste Verständnis konnte auf dieser Seite gefunden werden. Und unter solchen Verhältnissen konnten die Führer des Proletariats, mit denen man nichts zu tun haben durfte, leicht dann dieses Proletariat wiederum uns entfremden. Das ist es, was dazumal die Sache scheitern machte.
[ 12 ] What happened instead? The people who should have shown such understanding stood there with their legs spread wide and declared: “These are people who are leading us almost—or entirely—toward Bolshevism!” “These are people who are all on the side of the proletariat!”—Not the slightest understanding could be found on that side. And under such circumstances, the leaders of the proletariat—with whom one was not allowed to have anything to do—could then easily alienate this proletariat from us once again. That is what caused the whole thing to fail back then.
[ 13 ] Und auch alles das, was wir tun könnten mit Bezug auf Propaganda, das würde wiederum scheitern müssen, wenn zum Beispiel die Ansicht vordringen würde: Ja, was in der Dreigliederungszeitung steht, ist ja zu schwer verständlich. Wenn mir einer das sagt, dann betrachte ich es als meine Aufgabe, ihm in aller Höflichkeit - höflich muß man ja gewöhnlich mit solchen Leuten sein -, ihm in aller Höflichkeit klarzumachen: Gerade weil man solange immer gesucht hat, das unverständlich zu finden, was aus der wirklichen Lebenspraxis heraus ist und immerfort gefordert hat: Ihr solltet auf ein anderes Niveau heruntersinken, um zu schreiben, - deshalb haben wir das Elend. Und du bist der Repräsentant derjenigen, die uns in das Elend hineingebracht haben. Indem du forderst, man solle nach dem Verständnis schreiben, das dir zum Munde gewachsen ist, zeigst du dich eben als ein Schädling aus dem Kreise derjenigen, die uns in die heutige Situation hineingebracht haben. Solange wir nicht in der Lage sind - in aller Höflichkeit selbstverständlich, wenn es sich um einen einzelnen Fall handelt -, solange wir nicht in der Lage sind, genügend Menschen zu finden, die das Herz dazu haben, endlich zu sagen: Es muß ein neuer Morgen kommen mit neuen Leuten; es muß hinweggefegt werden alles das, was von diesen schrecklichen alten Parteien da ist; es muß etwas ganz Neues entstehen! - solange ist alles Reden über die wirksamsten Propagandamittel einfach für die Katz.
[ 13 ] And everything we could do in terms of propaganda would, in turn, be doomed to failure if, for example, the view were to gain ground that what is written in the *Dreigliederungszeitung* is simply too difficult to understand. When someone says that to me, I consider it my duty to explain to them, with the utmost courtesy—one must, after all, usually be polite to such people—to explain to them with the utmost courtesy: Precisely because people have long sought to find incomprehensible what stems from real-life practice and have constantly demanded: ‘You should lower yourselves to a different level in order to write’—that is precisely why we are in this miserable state. And you are the representative of those who have brought us into this misery. By demanding that people write in a way that suits your own level of understanding, you reveal yourself to be a pest from the circle of those who have brought us into our current situation. As long as we are not able—with all due courtesy, of course, when dealing with an individual case—as long as we are not able to find enough people who have the heart to finally say: A new dawn must come with new people; everything associated with these terrible old parties must be swept away; something entirely new must emerge!”—until then, all talk of the most effective means of propaganda is simply a waste of time.
[ 14 ] Wir leben heute nicht in einer Zeit, in der die kleinlichen Mittel irgendwie verfangen, sondern wir leben in einer Zeit, in der es dringend notwendig ist, daß eine genügend große Anzahl von Menschen von gleicher Sprache und gleichen Gedanken sich einsetzen, nicht nur sich begeistern. Ich glaube, meine verehrten Anwesenden, mancher fragt sich, warum es denn eigentlich so in crescendo geht, daß in immer stärkeren und stärkeren Worten gesprochen wird, namentlich auch von mir. Nun, das hat einen sehr einfachen Grund. Denken Sie doch nur einmal: Wenn man die Veranstaltungen dazu getroffen hat, daß ein Teil der Menschheit wach werden soll, und wenn man merkt, wie immer mehr Menschen sanft entschlummern, dann erhöht sich bei dem, was man zu sagen hat, in demselben Maße auch die Stimme, weil man das instinktive Bedürfnis hat, das Schlafbedürfnis seiner Mitmenschen zu überwinden. Und in bezug auf das notwendige Auffassen der sozialen Fragen der Gegenwart können wir wahrhaftig nicht sagen, daß das Schlafbedürfnis unserer Mitmenschheit in der letzten Zeit geringer geworden ist. Man faßt ja sogar innerhalb unserer Bewegung die Sache am allerallerverkehrtesten Ende an. Ich habe neulich einen Vortrag gehalten über die Idee der Dreigliederung, über die Notwendigkeit, das Geistesleben auf seine eigene Basis zu stellen. Es wurde mir in einer außerordentlich gutmütigen, gutmeinenden Weise erwidert: Hier bei uns ist es eigentlich nicht nötig, daß man sich über die Unfreiheit des Geisteslebens beklagt; wir haben einen hohen Grad von Freiheit des Geisteslebens; uns spricht der Staat sehr wenig eigentlich in dasjenige hinein, was wir auf dem Gebiete des Schulwesens unternehmen.
[ 14 ] We do not live today in an age in which petty means are of any use; rather, we live in an age in which it is urgently necessary for a sufficiently large number of people who share the same language and the same ideas to take action—not merely to be enthusiastic. I believe, my esteemed audience, that some of you are wondering why things are actually escalating to the point where we are speaking in ever stronger and stronger terms—especially I myself. Well, there is a very simple reason for this. Just think about it: When one has organized events intended to awaken a portion of humanity, and when one notices how more and more people are gently drifting off to sleep, then one’s voice rises in proportion to what one has to say, because one has the instinctive need to overcome the sleepiness of one’s fellow human beings. And with regard to the necessary understanding of contemporary social issues, we truly cannot say that our fellow human beings’ need for sleep has diminished in recent times. Even within our movement, the matter is being approached from the very, very wrong end. I recently gave a lecture on the idea of the threefold social order, on the necessity of placing spiritual life on its own foundation. I received a response in an extraordinarily good-natured, well-meaning manner: “Here among us, it is actually not necessary to complain about the lack of freedom in spiritual life; we have a high degree of freedom in spiritual life; the state actually interferes very little in what we undertake in the field of education.”
[ 15 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, die Leute, die so sprechen, sind das beste Zeugnis dafür, wie notwendig die Befreiung des Geisteslebens ist. Denn diejenigen, die noch spüren, wie unfrei sie sind, das sind die, die man noch besser brauchen kann. Diejenigen, die es aber nicht einmal mehr spüren, wie unfrei sie sind, die die schon in ihre Köpfe hineingetrichterten staatspädagogischen Ideen für ihre eigene innere Freiheit halten und keine Ahnung haben, wie weit die volkspädagogische Sklaverei geht, das sind diejenigen, die eigentlich alles aufhalten. Man muß die Sache eben gerade am rechten Ende fassen können. Diejenigen, die unbewußt Sklaverei für Freiheit halten, das sind diejenigen, die uns natürlich nicht vorwärtskommen lassen. Und so muß man sagen: Es handelt sich darum, vor allen Dingen einzusehen, daß alles gegenseitige Verständnis verlorengegangen ist zwischen den breiten Massen und denjenigen, die durch lange Zeiten hindurch die Aufgabe gehabt hätten, so zu sprechen in der Welt, daß diese breiten Massen heute nicht in ihren Zeitungen und so weiter diejenigen Ansichten vertreten, die sie eben vertreten. Man darf namentlich nicht glauben, daß irgendein [wirkliches Geistesleben] aus der breiten Masse des Proletariats kommt.
[ 15 ] Ladies and gentlemen, the people who speak this way are the best proof of how necessary the liberation of spiritual life is. For those who still feel how unfree they are—they are the ones we need even more. But those who no longer even sense how unfree they are—those who mistake the state-imposed educational ideas that have been drummed into their heads for their own inner freedom, and who have no idea how far the slavery of mass education extends—these are the ones who are actually holding everything back. One must simply be able to tackle the matter from the right end. Those who unconsciously mistake slavery for freedom are, of course, the ones who prevent us from moving forward. And so one must say: Above all, it is a matter of realizing that all mutual understanding has been lost between the broad masses and those who, over long periods of time, would have had the task of speaking out in the world in such a way that these broad masses would not today be expressing in their newspapers and so on the very views they do express. In particular, one must not believe that any [true spiritual life] comes from the broad masses of the proletariat.
[ 16 ] Ich habe neulich zu Pfingsten in einem anderen Lande eine sozialistische Zeitung gelesen. Da standen die kuriosesten Pfingstartikel, da wurde alles, alles vom Geist abgewiesen und darauf hingewiesen, daß der einzige Geist derjenige sei, der aus den breiten Massen herauskomme. Durch diese Pfingstartikel einer sozialdemokratischen Zeitung mit bolschewistischem Anstrich fühlt man sich so [in ein Bild] versetzt, daß man sich sagt: Jetzt sollte ich irgendwo abfangen diesen Geist, der da wie ein Rauch aufsteigt aus den breiten Massen. - Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man sich dann anschickt, irgend etwas nur zu denken, geschweige denn zu erfassen von diesem Geist der breiten Massen, dann hat man doch das Gefühl: Das ist ein viel schlimmerer Aberglaube als jener Aberglaube, der in jedem Strauche, in jedem Baum irgendeinen Dämon oder eine Elfe oder dergleichen sieht. Die modernen Menschen haben ja keine Ahnung, in welchen Formen des Aberglaubens sie eigentlich in Wirklichkeit leben. Und worauf kommt das denn schließlich hinaus? Sehen Sie, es kommt darauf hinaus, daß die Menschen durchaus zu bequem sind, daran zu denken, wie ein neues Geistesleben wirklich gebaut werden muß. Sehen Sie, das hat man nun seit Jahrzehnten gründlich erleben können. Kommt man dann an die Menschen heran mit der Zumutung, daß jetzt ein neues Geistesleben gebaut werden muß, ja, dann findet man allenfalls Menschen, welche sich entschließen, daß sie außer dem, was sie sonst im Leben treiben, noch für den Sonntagnachmittag oder für den Zweigabend oder für die Zeit, in der sie gerade anthroposophische Bücher lesen, sich widmen dieser neuen Geistesbewegung. Aber daß sie einen Zusammenhang suchen würden zwischen dieser neuen Geistesbewegung und demjenigen, was sie sonst im Leben treiben, dazu können sie sich doch nicht entschließen.
[ 16 ] I recently read a socialist newspaper in another country during Pentecost. It contained the strangest Pentecost articles; everything, absolutely everything, was rejected as “spirit,” and it was pointed out that the only “spirit” was the one that emerged from the broad masses. Reading these Pentecost articles in a social-democratic newspaper with a Bolshevik slant makes one feel as if transported [into a scene], so that one says to oneself: Now I should catch a glimpse somewhere of this spirit that rises like smoke from the broad masses. - Yes, ladies and gentlemen, when one then sets out to even think about, let alone grasp, anything of this spirit of the broad masses, one cannot help but feel: This is a far worse form of superstition than the kind that sees some demon, elf, or the like in every bush or every tree. Modern people have absolutely no idea what forms of superstition they are actually living in. And what does that ultimately amount to? You see, it amounts to the fact that people are simply too complacent to think about how a new spiritual life must truly be built. You see, we have been able to experience this thoroughly for decades now. If one then approaches people with the demand that a new spiritual life must now be built, well, at best one finds people who decide that, in addition to what they normally do in life, they will devote themselves to this new spiritual movement on Sunday afternoons, at branch meetings, or during the time they spend reading anthroposophical books. But they simply cannot bring themselves to seek a connection between this new spiritual movement and the rest of their lives.
[ 17 ] Aber auch zahlreich, ganz zahlreich sind die anderen Menschen, die da kommen und sagen: Ja, was du da willst, das wollen ja im Grunde genommen die besseren Katholiken und die besseren Evangelischen auch; da war ein Pastor, der hat von der Kanzel ganz im anthroposophischen Sinne gesprochen; im Grunde genommen findet man alles das, was du da willst, auch da und dort. - Die Leute, die Kompromisse schließen wollen bis zu dem Grade, daß sie eigentlich die Anthroposophie untergehen lassen möchten in dasjenige, was die Menschen gewohnt sind, die findet man schon sehr zahlreich. Die Menschen, die gegenüber dem, was gewollt werden muß, gerade im Sinne des gestrigen öffentlichen Vortrages, doch auch dem Grundsatz huldigen: «Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht einen Tropfen naß» - diese Menschen sind heute ganz besonders zahlreich. Und solange wir nicht die Möglichkeit gewinnen, in möglichst viele Köpfe hinein das Bewußtsein zu bringen, daß vor allen Dingen ein neues Geistesleben notwendig ist ein Geistesleben, das durchgreifend ist -, solange kommen wir nicht vorwärts. Wenn wir dieses neue Geistesleben haben, wenn wir nicht mehr genötigt sind, zu kämpfen mit den unverständigen Intellektuellen, dann werden wir wiederum etwas haben, was sprechen kann zu den Menschen so, daß das Sprechen soziale Tatsachen bewirken kann.
[ 17 ] But there are also many—very many, in fact—other people who come along and say: “Yes, what you’re aiming for is, after all, what the better Catholics and the better Protestants want as well; there was a pastor who spoke from the pulpit entirely in the anthroposophical spirit; basically, you can find everything you’re after here and there as well.”—There are indeed a great many people who are willing to compromise to such an extent that they would actually like to let anthroposophy be absorbed into what people are accustomed to. There are also many people who, when faced with what must be done—precisely in the spirit of yesterday’s public lecture—still adhere to the principle: “Wash my fur, but don’t get me even a drop wet”—these people are particularly numerous today. And as long as we do not gain the ability to instill in as many minds as possible the awareness that, above all, a new spiritual life is necessary—a spiritual life that is far-reaching—we will not make progress. When we have this new spiritual life, when we are no longer compelled to struggle with the uncomprehending intellectuals, then we will once again have something that can speak to people in such a way that what is said can bring about social change.
[ 18 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, die Menschen sollten sich nur einmal die Vorstellung machen, was das Wort für eine Wirkung haben kann. Sie sehen heute über die ganze zivilisierte Welt hin, soweit sie zugänglich ist, wenn Sie in der Eisenbahn oder im Auto fahren, überall Dörfer und Städte, und in diesen Dörfern und Städten sehen Sie Kirchen, Kirchen, die gebaut worden sind. Diese Kirchen waren alle nicht da vor einer gar nicht zu langen Zeit. In den ersten Jahrhunderten unserer christlichen Zeitrechnung war in diesem heute mit Kirchen besäten Europa etwas ganz anderes da. Und wenige waren es damals, die unter die Menschen getreten sind, allerdings unter eine frischere, weniger schlafende Menschheit, und diese wenigen, die haben es aus ihren Worten heraus bewirkt, daß heute Europa diese Gestalt hat. Hätten die Menschen, die das bewirkt haben, dieselbe Gesinnung gehabt etwa, wie sie diese Dutzendführer unserer sämtlichen vierzehn Parteien haben - es wären ganz gewiß vielleicht nicht einmal ein Dutzend Kirchen gebaut worden. Es ist doch die innere Kraft des Geistes, welche die sozialen Tatsachen schaffen muß. Aber dann muß diese innere Kraft des Geistes eben getragen sein von Menschen, die wirklich den Mut haben, sie zu tragen. Und heute stehen wir einmal vor der Tatsache, daß das alte Geistesleben, das dazumal begründet worden ist in seinem Inhalte, sich nur aufrechterhalten kann durch Gewaltmaßregeln, durch Vorurteile, durch Gewohnheit, daß es aber im Grunde genommen, wenn die Menschen innerlich wahr und ehrlich sind, nicht aufrechterhalten werden kann, daß es ersetzt werden muß durch ein neues Geistesleben; wir kommen gar nicht anders vorwärts als dadurch, daß wir es ersetzen durch ein neues Geistesleben. Jede Art des Kompromisses ist heute eine Unmöglichkeit. Und ehe man nicht einsieht, daß es notwendig werden muß, an die Stelle all dieser alten Dinge etwas ganz Neues zu setzen, das aber vom Geiste heraus die Kraft zur sozialen Gestaltung entwickelt, eher kommen wir nicht weiter. Daher, meine sehr verehrten Anwesenden, betrachte ich es in einem gewissen Sinne als von sehr untergeordneter Bedeutung, ob man sich über die kleinen Mittel der Propagierung so oder so unterhält, ob man es so oder so macht, - es kann alles von einem gewissen Standpunkte aus sehr gut oder spottschlecht sein. Darum handelt es sich nicht, sondern darum handelt es sich - was ich immer wieder und wiederum in unserer Dreigliederungszeitschrift ausgesprochen habe -, daß wir eine genügend große Anzahl von Menschen finden, welche unsere Ideen mutvoll zu vertreten entschlossen sind, welche entschlossen sind, nicht immer wieder und wiederum mit dem Schlendrian des Alten zu kommen.
[ 18 ] Ladies and gentlemen, people should just try to create a mental image of what an impact this word can have. Look out today across the entire civilized world—as far as it is accessible—when you’re traveling by train or car: everywhere you see villages and towns, and in these villages and towns you see churches—churches that have been built. None of these churches existed there not so long ago. In the first centuries of our Christian era, something quite different existed in this Europe that is now dotted with churches. And there were few at that time who stepped among the people—albeit among a more vibrant, less complacent humanity—and these few, through their words, brought about the fact that Europe has taken on its present form. Had the people who brought this about possessed the same mindset as, say, the dozen or so leaders of our fourteen parties—certainly not even a dozen churches would have been built. It is, after all, the inner power of the spirit that must create social realities. But then this inner power of the spirit must be carried by people who truly have the courage to bear it. And today we are faced with the fact that the old spiritual life, which was established in its content back then, can only be sustained through coercive measures, through prejudices, through habit; yet, fundamentally speaking, if people are truly and honestly sincere within themselves, it cannot be sustained—it must be replaced by a new spiritual life; we cannot move forward in any other way than by replacing it with a new spiritual life. Any kind of compromise is impossible today. And until we realize that it must become necessary to replace all these old things with something entirely new—something that, however, develops the power for social shaping from within the spirit—we will not make any progress. Therefore, my esteemed audience, I regard it in a certain sense as of very secondary importance whether one discusses the minor means of propagation in one way or another, or whether one goes about it one way or another—from a certain point of view, everything can be very good or utterly worthless. That is not the point; rather, the point is—as I have repeatedly stated in our *Threefold Order* journal—that we find a sufficiently large number of people who are determined to courageously advocate our ideas, who are determined not to keep falling back on the old, complacent ways.
[ 19 ] Jetzt, meine sehr verehrten Anwesenden, stehen wir mitten drinnen in Gründungen, die eben zusammengefaßt sind unter diesem «Kommenden Tag». Was mir dabei am meisten auffällt, ist, daß doch immer wieder gutmeinende Menschen kommen und sagen: Ja, eigentlich muß man das ganz anders machen, da mußt du einen Fachmann berufen, da mußt du einen Praktiker berufen. - Es ist das Jammervollste, was man erlebt, wenn man dann einmal einem solchen Ansinnen nachgibt. Denn aus solchem Ansinnen geht eigentlich hervor, daß versucht wird, den alten unpraktischen Schlendrian auch wieder zu uns hineinzuverpflanzen. Nicht darum handelt es sich, daß wir die alten sogenannten Praktiker in unsere Institution hineinverpflanzen, sondern daß wir uns klar sind: Diejenigen, die auf irgendeinem Gebiet unter Umständen den besten Ruf heute haben, indem sie die alte Routine zu handhaben wußten, sind für uns am wenigsten zu gebrauchen. Und diejenigen sind am besten zu gebrauchen, die bereit sind, neue Arbeit zu leisten aus unmittelbarster, innerster Initiative heraus, und die sich nichts einbilden auf dasjenige, was sie aus den alten Verhältnissen heraus gelernt haben. Ohne daß wir ablegen diese Einbildung auf das, was noch aus den alten Verhältnissen herausgeholt ist, ohne das kommen wir auf keinen Fall weiter. Das ist es, was wir heute durchschauen müssen. Und schließlich sage ich Ihnen: Propagieren wir vor allen Dingen dasjenige, was nun wirklich seit mehr als Jahresfrist versucht worden ist zu schaffen. Man sollte nicht immerfort versuchen, superklug zu sein, indem man doch nur das Alte umbiegen will, um es in irgendeine andere Form zu bringen, und sich dabei - verzeihen Sie den Ausdruck - die Finger ableckt, wie gescheit man ist, und glauben: die fangen alles unpraktisch an, da muß das oder das gemacht werden.
[ 19 ] Now, my esteemed audience, we find ourselves right in the midst of initiatives that are summarized under this “Day to Come.” What strikes me most about this is that, time and again, well-meaning people come up and say: “Yes, actually, you have to do it completely differently; you have to appoint an expert, you have to appoint a practitioner.”—It is the most lamentable thing one can experience when one finally gives in to such a suggestion. For such a suggestion actually reveals an attempt to reintroduce the old, impractical sloppiness into our midst. The point is not to bring the old so-called “practitioners” into our institution, but to be clear about this: Those who, under certain circumstances, may have the best reputation today in any given field simply because they knew how to handle the old routine are the least useful to us. And those who are most useful are those who are willing to do new work out of the most immediate, innermost initiative, and who do not pride themselves on what they have learned from the old circumstances. Unless we shed this conceit about what has been gleaned from the old circumstances, we will not make any progress at all. That is what we must recognize today. And finally, I say to you: Let us, above all, promote what has now truly been attempted to create for more than a year. One shouldn’t constantly try to be overly clever by merely attempting to reshape the old to fit some other form, while—pardon the expression—licking one’s fingers in self-satisfaction at how clever one is, and believing: “They’re starting everything in an impractical way; this or that needs to be done.”
[ 20 ] Man versuche nur einmal, [sich vor Augen zu halten,] was es heißt, daß neunundvierzig Nummern der Dreigliederungszeitung verpufft sind. Warum sind sie verpufft? In Wirklichkeit müßte heute die Dreigliederungszeitung soweit sein, daß wir sie jeden Tag als Tageszeitung erscheinen lassen könnten. Warum sage ich das? Weil ich tatsächlich auch heute auf dem gleichen Standpunkte stehen muß wie im April und Mai vorigen Jahres, als wir diese Sache begonnen haben. Glauben Sie, es wäre eine Redewendung gewesen, es wäre ein Phrase gewesen, daß ich eine große Anzahl von Reden dazumal mit den Worten geschlossen habe: Man entschließe sich zu irgend etwas, bevor es zu spät ist! - Dazumal handelte es sich darum, daß man für gewisse Dinge den richtigen Zeitpunkt zu erkennen hatte. Für viele Dinge ist es heute einfach zu spät. Heute können wir auf den Wegen, auf denen wir dazumal alles mögliche versuchten, selbstverständlich nicht weiterkommen. Es handelt sich heute gar nicht darum, daß wir uns irgendwie noch einlassen auf eine Diskussion mit all den alten Ladenhütern, seien es die der Bekenntnisse, seien es die der Parteien. Heute handelt es sich darum, daß wir ganz fest auf dem Boden desjenigen stehen, was wir zu sagen haben und es in möglichst viele Köpfe hineinbringen. Anders kommen wir nicht vorwärts. Denn es ist für vieles eben einfach zu spät geworden. Und es wird auch unter Umständen recht bald zu spät sein für manches, was noch geschehen kann, namentlich für die Verbreitung unserer Ideen, wenn wir immer wieder und wiederum nur auf irgendwelche Nebensachen bedacht sind und nicht auf die Hauptsache gehen: auszubreiten unsere Ideen.
[ 20 ] Just try for a moment to [consider] what it means that forty-nine issues of the *Dreigliederungszeitung* have come to nothing. Why have they come to nothing? In reality, the *Dreigliederungszeitung* should be at a stage today where we could publish it every day as a daily newspaper. Why do I say this? Because I must, in fact, still stand on the same ground today as I did in April and May of last year, when we began this endeavor. Do you think it was just a figure of speech, just a phrase, that I concluded a large number of speeches back then with the words: “Let us resolve to do something before it is too late!”—Back then, the point was that one had to recognize the right moment for certain things. For many things, it is simply too late today. Today, of course, we cannot make any progress by following the paths we took back then, when we tried everything possible. The point today is not at all that we should somehow still engage in a discussion with all the old has-beens, whether they be the adherents of creeds or the members of political parties. Today, the point is that we stand firmly on the ground of what we have to say and get it into as many minds as possible. Otherwise, we will not make any progress. For it has simply become too late for many things. And under certain circumstances, it may soon be too late for some things that can still happen—namely, the dissemination of our ideas—if we continue to focus time and again on trivial matters rather than on the main point: spreading our ideas.
[ 21 ] Ich sagte vorhin: Das, was wir begründeten als den Kommenden Tag, das kann ja im Grunde genommen nur ein unbefriedigendes Surrogat sein. Warum denn? Weil wir eben uns keine Illusionen vormachen, daß wir praktisch sein können, ohne auf praktische Taten uns zu stützen. Wir versuchen, wirtschaftlich tätig zu sein, aber da kommen dann die Leute und fragen einen: Ja, wie muß man denn einen Gewürzkrämerladen einrichten, damit er sich möglichst gut in den dreigliedrigen sozialen Organismus hineinstellt? - Gewiß, wir wollen in dem Kommenden Tag wirtschaftliche Unternehmungen begründen, aber da handelt es sich darum, daß man sie wirklich praktisch anfaßt. Und wie sollte man heute praktisch die Sache anfassen, wenn man sich sagen muß: Wirtschafte ich mit einer bestimmten Sorte von Unternehmungen, so muß ich, damit ich da rationell wirtschaften kann, auch eine andere Gruppe von Unternehmungen haben - zum Beispiel zu einer bestimmten Gruppe von industriellen Unternehmungen muß ich eine bestimmte Gruppe von landwirtschaftlichen Unternehmungen haben. Ja, können Sie denn das? Das ist ja heute alles unmöglich. Der Staat macht es Ihnen ja unmöglich, eine solche praktische Einrichtung zu treffen. So groß ist heute ja die Gewalt des Staates. Nicht darum handelt es sich, daß Unpraxis vorliegt, sondern daß Gewalt auf der anderen Seite die Sache unmöglich macht.
[ 21 ] I said earlier: What we have defined as the Coming Day can, after all, really only be an unsatisfactory substitute. Why is that? Because we do not delude ourselves into thinking that we can be practical without basing ourselves on practical actions. We try to be economically active, but then people come and ask: “Well, how exactly should one set up a spice shop so that it fits as well as possible into the threefold social organism?”—Certainly, we want to establish economic enterprises in the Coming Day, but the point is that we must actually tackle them in a practical way. And how could one practically go about this today when one has to admit: If I manage a certain type of enterprise, then—in order to manage it rationally—I must also have another group of enterprises—for example, for a certain group of industrial enterprises, I must have a certain group of agricultural enterprises. Well, can you actually do that? All of that is impossible today. The state makes it impossible for you to establish such a practical arrangement. That is how great the powers of the state are today. The issue is not that the approach is impractical, but that coercion on the other side makes the matter impossible.
[ 22 ] Daher sollten diejenigen Menschen, die nun tatsächlich auf irgendeinem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens stehen, doch heute wahrhaftig nicht über untergeordnete Fragen sich unterhalten, sondern sie sollten sich darüber unterhalten, wie die verschiedenen wirtschaftlichen Berufsstände, die wirtschaftlichen Assoziationen überhaupt loskommen von dem, was politischer Staat ist, wie sie sich aus ihm herausschälen können. Solange zum Beispiel die Techniker, solange diese und jene Leute nichts anderes denken, als Einrichtungen zu treffen, die am besten hineinpassen in das gegenwärtige Staatsleben, solange kommen wir keinen Schritt weiter. Erst dann kommen wir vorwärts, wenn darüber diskutiert wird: Wie kommen wir los? Wie gründen wir ein wirklich freies Wirtschaftsleben, in dem nicht organisiert wird von oben herunter, sondern assoziiert wird, wo sich Berufsstände an Berufsstände sachlich angliedern? Es ist ja noch nicht einmal das allererste ABC von der Dreigliederung in den praktischen Diskussionen drinnen, sondern immer wieder wird unter der Rücksichtnahme auf die gegenwärtigen Verhältnisse weiter gequacksalbert und herumgeredet. Aber all dieses Herumreden führt zu nichts heute. Erwehren wir uns der Leute, die immer wieder und wiederum sagen: Wie ist es denn mit dem und jenem? - Wir werden erst anfangen, vernünftig reden zu können, wenn wir ein Stück weiter sind in der Dreigliederung, wenn wir wirklich so drinnenstehen in dieser Propaganda für die Dreigliederung, daß eine genügend große Anzahl von wirtschaftenden Menschen wissen: Wir können überhaupt nichts Vernünftiges reden, solange wir noch immer darauf kalkulieren, daß uns das Wirtschaftsleben durch Staatseinrichtungen gemacht wird. Nur in dem Maße, in dem man drinnensteht in einem freien Wirtschaftsleben, das nichts zu tun hat mit Politik, kann man erst vernünftig reden - vorher ist es Unsinn. Ebenso kann man nicht über Reformen des Geisteslebens sprechen, solange man sich nicht klar ist, daß man überhaupt nicht anfangen kann, darüber sich zu unterhalten, ehe man nicht in einer freien geistigen Organisation drinnensteht. Man muß sich wenigstens bewußt sein: Solange man in einer geistigen Organisation drinnen ist, die vom Staate abhängt, solange muß man Unsinn reden, solange kann man nicht reformieren. Sehen Sie, damit ist scharf der Punkt bezeichnet, auf den es ankommt. Es handelt sich nicht um Kleinigkeiten, sondern um Großigkeiten. Und je mehr man das einsehen wird, desto mehr wird man gerade auf dem Gebiete der Lebenspraxis erreichen.
[ 22 ] Therefore, those people who are actually active in any area of economic life should truly not be discussing minor issues today, but rather they should be discussing how the various economic professions and economic associations can free themselves from the political state altogether, how they can break away from it. As long as, for example, engineers—as long as these and those people—think of nothing else but establishing institutions that best fit into current state life, we will not make any progress. We will only move forward when we discuss: How do we break free? How do we establish a truly free economic life in which organization does not come from the top down, but rather through association, where professional groups objectively join together with other professional groups? In fact, not even the very basics of the threefold social order have made their way into practical discussions; instead, people keep quacking and rambling on, always taking current circumstances into account. But all this rambling leads nowhere today. Let us resist those who keep saying, over and over again: “What about this or that?” —We will only begin to be able to speak sensibly once we have made further progress with the threefold social order, once we are truly so deeply immersed in this advocacy for the threefold social order that a sufficiently large number of people engaged in economic activity realize: We cannot say anything sensible at all as long as we continue to rely on state institutions to shape our economic life for us. Only to the extent that one is fully immersed in a free economic life that has nothing to do with politics can one speak sensibly—before that, it is nonsense. Likewise, one cannot speak of reforms in spiritual life as long as one is not clear that one cannot even begin to discuss the matter until one is fully immersed in a free spiritual organization. One must at least be aware of this: As long as one is part of an intellectual organization that depends on the state, one is bound to speak nonsense, and one cannot bring about reform. You see, this sharply highlights the crux of the matter. These are not trivialities, but matters of great importance. And the more one comes to realize this, the more one will achieve, particularly in the realm of practical life.
[ 23 ] Sie werden sagen: Was haben wir nun, wenn eine solche Philippika gehalten wird über die Frage, wie sollen wir Propaganda treiben? Aber wenn Sie überlegen, was ich gesagt habe, so werden Sie doch finden, daß, solange man sich auch in unseren Kreisen unterhält über die kleinste Art und Weise der Propaganda - ich möchte das nennen eine «Siebenundzwanzig Kreuzer»-Propaganda, wie man in Österreich sagt, weil man dort einmal Geschäfte gegründet hatte, wo jeder Artikel für siebenundzwanzig Kreuzer zu haben war -, solange werden wir nicht weiterkommen. Wir werden dann erst weiterkommen, wenn man Herz und Sinn hat für die großen, treibenden Kräfte, denn auf diese großen, treibenden Kräfte kommt es heute an.
[ 23 ] You will say: What good does it do us to hear such a tirade on the question of how we should conduct propaganda? But if you consider what I have said, you will find that as long as people in our circles are discussing the minutest details of propaganda—I would call this “twenty-seven kreuzer” propaganda, as they say in Austria, because there were once stores there where every item cost twenty-seven kreuzer—as long as that continues, we will not make any progress. We’ll only make progress when we have the heart and mind for the great, driving forces, because those great, driving forces are what matter today.
[ 24 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe schon vieles vergeblich geredet in der Richtung hin, daß es auf die großen, treibenden Kräfte ankommt. Aber ich werde nicht müde werden, doch in der Hauptsache wiederum ablehnend zu sein gegen alles dasjenige, was heute Kompromisse schließen und im Kleinlichen aufgehen möchte. Ich werde nicht müde werden, immer wieder und wiederum hinzuweisen darauf, wie es notwendig ist, heute die großen weltbewegenden Fragen wirklich zum Verständnis der breitesten Massen zu bringen. Deshalb fühle ich mich auch immer genötigt, die öffentlichen Vorträge in dem Stile zu halten wie gestern und zu trotzen all den superklugen Leuten, die sagen, man müßte verständlicher zur großen Masse reden. Sie meinen damit gewöhnlich nur sich selbst, ihr eigenes Niveau. Ich werde immer die Anschauung vertreten: die Menschen, die so reden, das sind gerade die Schädlinge, das sind die, die wir überwinden müssen.
[ 24 ] Well, my esteemed audience, I have already spoken at length—to no avail—about how it all comes down to the great, driving forces. But I will not grow weary of continuing to take a fundamentally critical stance against everything that seeks to make compromises today and get bogged down in trivialities. I will never tire of pointing out, time and again, how necessary it is today to truly bring the great, world-shaking issues to the understanding of the broadest masses. That is why I always feel compelled to deliver public lectures in the style I used yesterday and to defy all those “super-smart” people who say one must speak more understandably to the masses. By this, they usually mean only themselves, their own level of understanding. I will always hold to this view: the people who speak this way are precisely the pests; they are the ones we must overcome.
[ 25 ] Und dazu müssen wir kommen, den Mut zu haben, uns zu sagen: Ja, es muß etwas ganz Neues begründet werden. Es ist so, wie ich neulich in unserer Zeitschrift geschrieben habe, daß die alten Parteien im Grunde genommen gar nicht mehr da sind, daß sie nur noch als Lüge und Phrase da sind und aus Leuten bestehen, die, weil sie nichts Neues wissen, mit den Schlagworten der alten Parteien sich drapieren. Das ganze [Parteien-]Getriebe, auch der letzten Tage, beweist gerade, wie sehr in radikalster Beziehung ein Neues notwendig ist.
[ 25 ] And to do that, we must find the courage to tell ourselves: Yes, something entirely new must be established. It is just as I wrote recently in our magazine: that the old parties are, in essence, no longer even there; that they exist only as lies and empty phrases, and consist of people who, because they know nothing new, cloak themselves in the slogans of the old parties. The whole [party] machinery, even in recent days, proves precisely how necessary something new is in the most radical sense.
Nach den Ausführungen von Rudolf Steiner melden sich verschiedene Persönlichkeiten mit Diskussionsbeiträgen und Fragen zu Wort:
Following Rudolf Steiner’s remarks, various individuals take the floor to offer comments and ask questions:
Siegfried Dorfner: Was sich da in den letzten Tagen abgespielt hat, macht es offenkundig: Was von den Parteien kommt, ist nichts als kleinlicher Unsinn. Nötig ist eine grundsätzliche Kritik der ganzen bisherigen Politik der Parteien. Es geht um die Propagierung des Wahrhaftigen. In dieser Beziehung ist die kompromißlose Haltung der Jesuiten bemerkenswert. Die verkünden: Auch wenn noch so viele Gläubige sich von der Kirche ab wenden, so ist doch das Wichtige, daß nicht eine einzige Wahrheit verlorengeht. Nur auf die Aufrechterhaltung der Wahrheiten kommt es den Jesuiten an, auf nichts anderes sonst. Müßte man nicht auch in bezug auf die Propagierung der Dreigliederung eine ähnliche Haltung einnehmen? Man kann ja nicht mit dem Denken der Menschen rechnen; in den Massen ist kein Denken vorhanden. So muß irgendwie aus dem Leben heraus ein Weg gefunden werden. Man muß zu den Menschen, die an der Maschine stehen, sprechen. Man kann auf ihr Vertrauen zählen, aber nur solange man selber in der gleichen Klasse steht.
Siegfried Dorfner: What has been happening over the past few days makes it abundantly clear: what comes from the political parties is nothing but petty nonsense. What is needed is a fundamental critique of the parties’ entire policy to date. It is a matter of promoting the truth. In this regard, the Jesuits’ uncompromising stance is remarkable. They proclaim: Even if countless believers turn away from the Church, what matters is that not a single truth is lost. The Jesuits care only about upholding the truths—and nothing else. Shouldn’t we adopt a similar stance with regard to promoting the threefold social order? After all, one cannot rely on people’s thinking; there is no thinking among the masses. So a path must somehow be found out of life itself. One must speak to the people standing at the machines. One can count on their trust, but only as long as one belongs to the same class oneself.
Herr Roser: Die Wirkung geht tatsächlich nur vom Menschen zum Menschen. Die Menschen wollen den Dreigliederungsgedanken nicht in einer Zeitung lesen; sie wollen ihn aus persönlichen Beziehungen heraus erfahren. Es ist jetzt ein Jahr her, da bemühte man sich um die Verwirklichung der Dreigliederungsidee. Wenn damals jemand versagte, so war es die bürgerliche Klasse; sie ist dafür verantwortlich, daß die Dreigliederungsbemühungen fehlschlugen. Man kann nicht den Verhältnissen die Schuld geben; sondern es sind immer die Menschen, die versagen.
Mr. Roser: The impact really only spreads from person to person. People don’t want to read about the idea of threefolding in a newspaper; they want to experience it through personal relationships. It has now been a year since efforts were made to realize the idea of the threefold social order. If anyone failed back then, it was the middle class; it is responsible for the failure of those efforts. One cannot blame the circumstances; rather, it is always people who fail.
Ein Diskussionsteilnehmer: Wie stellt sich Herr Dr. Steiner, wie stellt sich die Dreigliederung zum Syndikalismus?
A participant in the discussion: What is Dr. Steiner’s position, and what is the position of the Threefold Social Order regarding syndicalism?
Ein anderer Diskussionsteilnehmer: Ich möchte fragen, wie es von Herrn Dr. Steiner gedacht ist, daß von der Organisation «Der Kommende Tag» aus die Dreigliederung weiter um sich greifen kann?
Another participant in the discussion: I would like to ask how Dr. Steiner envisions the threefold social order continuing to spread through the organization “Der Kommende Tag”?
Georg Herberg: Zunächst zur Frage der richtigen Propaganda. Man muß praktische Lösungsvorschläge aus der Sicht der Dreigliederung ausarbeiten, zum Beispiel zur Kleidungs- und Wohnungsfrage, damit das Volk eine praktische Handhabe hat. Für die Lösung der Wohnungsfrage sind eigentlich die Regierungsbaumeister, die Diplomingenieure verantwortlich. Aber da stellt sich ein anderes wichtiges Problem: Es ist das Mißverhältnis zwischen Technikern und Juristen, das in unserer Gesellschaft herrscht. Die Juristen nehmen die führenden Stellungen ein; sie sind maßgebend für die politischen Entscheide. Von ihnen kommen die klangvollen Worte, von ihnen ertönt das erbauliche Sagen. Das, was von den Juristen, und das, was von den Technikern repräsentiert wird, muß zusammenwachsen. Der Kreislauf zwischen Erzeugung, Verkehr und Verbrauch der Waren muß ja auch geschlossen sein; und es ist der Techniker, der für das Gebiet der Erzeugung zuständig ist. Um die Interessen und Aufgaben der Techniker in der Gesellschaft richtig wahrnehmen zu können, müßte ein «Akademikerbund für Techniker» ins Leben gerufen werden.
Georg Herberg: First, regarding the question of proper propaganda. We must develop practical solutions from the perspective of the threefold social order—for example, regarding clothing and housing—so that the people have practical guidance. Government architects and licensed engineers are actually responsible for solving the housing problem. But this raises another important problem: the imbalance between technicians and lawyers that prevails in our society. Lawyers occupy the leading positions; they are decisive in political decisions. It is from them that the high-sounding words come, and it is from them that the edifying rhetoric resounds. What is represented by the lawyers and what is represented by the technicians must grow together. After all, the cycle of production, distribution, and consumption of goods must also be closed; and it is the technician who is responsible for the area of production. In order to properly address the interests and responsibilities of technicians in society, an “Academic Association for Technicians” would need to be established.
Robert Wolfgang Wallach: Es ist im Grunde deprimierend, daß es im Zusammenhang mit der Dreigliederung überhaupt eine Propagandafrage gibt. Wir müßten diese Idee doch so lebendig in uns tragen, daß wir unmittelbar zu den Menschen wirken könnten, einfach dadurch, daß wir den Mensch im Menschen ansprechen. Der Straßenkehrer braucht den Hausherrn, und der Hausherr braucht den Straßenkehrer; beide sind aufeinander angewiesen. Es sollte deshalb nicht mehr vorkommen, daß der Straßenkehrer den Hausherrn scheel ansieht und umgekehrt.
Robert Wolfgang Wallach: It is, frankly, depressing that there is even a propaganda issue surrounding the threefold social order. We should carry this idea so vividly within us that we could have an immediate impact on people, simply by addressing the human being within each person. The street sweeper needs the homeowner, and the homeowner needs the street sweeper; both depend on each other. It should therefore no longer happen that the street sweeper looks askance at the homeowner, and vice versa.
[ 26 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist in dieser Diskussion leider allzuwenig gesprochen worden über die eigentliche Dreigliederungsidee, sondern nur über manches andere. Ich möchte doch ein wenig zurückführen auf die Dreigliederungsidee und auf das, was damit zusammenhängt, indem ich einzelne Fragen, die behandelt worden sind, herausgreife und dadurch wiederum auf den Vortrag zurückkommen werde.
[ 26 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! Unfortunately, in this discussion, far too little has been said about the actual idea of threefolding, but rather about many other things. I would like to return briefly to the idea of threefolding and what is connected with it by picking out individual questions that have been addressed, and in doing so, I will come back to the lecture.
[ 27 ] So ist die Frage gestellt worden, wie ich mich zum Syndikalismus stelle oder wie die Dreigliederung sich dazu stellt. Sehen Sie, wir haben versucht - wahrhaftig - uns zu den verschiedensten Strömungen zu stellen. Ich selbst würde auch heute noch dasjenige sagen müssen, was ich oftmals über den Syndikalismus gesagt habe, daß ja in gewissen syndikalistischen Kreisen ein Bewußtsein davon lebt, wie sehr der Zusammenschluß der einzelnen Berufsstände, der einzelnen Berufszweige und so weiter, also der syndikalistische Gedanke, ein gewisser Weg sein kann, wenigstens im Wirtschaftsleben zu einem Fruchtbaren zu kommen. Alles das will ich durchaus anerkennen, zum Beispiel auch, daß der Syndikalismus in einem weniger sklavischen Verhältnis zum Staatsgedanken steht als zum Beispiel der gewöhnliche marxistische Sozialismus. Auch das will ich durchaus anerkennen und habe es oftmals anerkannt. Allein ich möchte sagen: All diese Richtungen - ich sage nicht der Gegenwart - all diese Richtungen gehören ja nicht der Gegenwart, sondern der Vergangenheit an und ragen nur deshalb noch in die Gegenwart hinein, weil die Leute, die sich früher so [nach irgendeiner solchen Richtung] genannt haben, durchaus nicht umlernen können. Man kann sagen, eigentlich haben schon die ganzen Parteischablonen ihre Bedeutung gegenüber den Verhältnissen der Gegenwart verloren. Nur die Menschen, die früher zu diesen Dingen gehörten, die durch diese Parteischablone charakterisiert werden, sie haben sich noch nicht dazu bequemt, sich mit etwas anderem zu bezeichnen als mit [den Namen der] alten Parteischablonen. Sehen Sie, es hatte einen gewissen Sinn bis zum Jahre 1914, daß sich die Leute mit einem solchen Namen benennen, wie sich zum Beispiel heute noch Herr von Heydebrand «und der Lasa» nennt und so weiter. Aber heute hat es keinen Sinn mehr. So hat auch heute das Festhalten an solchen vergangenen Dingen, wie der Syndikalismus ist, keine rechte Bedeutung mehr.
[ 27 ] The question has been raised as to what my position is on syndicalism, or what the Threefold Social Order’s position is on it. You see, we have tried—truly—to take a stance on the most diverse currents of thought. I myself would still have to say today what I have often said about syndicalism: that in certain syndicalist circles there is an awareness of how the unification of individual professions, individual occupational sectors, and so on—that is, the syndicalist idea—can be a certain path toward achieving something fruitful, at least in economic life. I fully acknowledge all of this—including, for example, that syndicalism has a less subservient relationship to the concept of the state than, say, conventional Marxist socialism. I fully acknowledge that as well, and have acknowledged it many times. However, I would like to say: All these movements—I am not referring to the present—all these movements do not belong to the present, but to the past, and they only still extend into the present because the people who used to identify with them [in one way or another] are simply unable to change their ways. One could say that, in fact, all these party labels have already lost their relevance in light of present-day conditions. Only the people who used to belong to these movements—who are characterized by these party labels—have not yet brought themselves to identify with anything other than [the names of] the old party labels. You see, up until 1914, it made a certain amount of sense for people to identify themselves by such names—as, for example, Mr. von Heydebrand still calls himself “and der Lasa” today, and so on. But today it no longer makes sense. Likewise, clinging to such things of the past as syndicalism no longer has any real significance.
[ 28 ] Und solange der Versuch gemacht werden konnte, an die Menschen heranzukommen, von denen man glauben konnte, daß ihr Gehirn noch «weich» genug ist, um über diese alten Parteischablonen hinwegzukommen, solange ist er gemacht worden. Aber man muß da von den Verhältnissen etwas lernen. Und heute ist es wirklich dringend notwendig, daß man von den Verhältnissen etwas lernt. Und so muß ich sagen, ich empfinde heute gar nicht mehr die Gewalt der Frage «Wie stelle ich mich zum Syndikalismus?», sondern ich erkläre Ihnen: Ich habe versucht, mich auch zum Syndikalismus zu stellen, das heißt innerhalb des Syndikalismus Leute zu finden, die fähig wären, durch ein noch «weiches» Gehirn die Dreigliederung zu begreifen - aber auch das war vergeblich. Daher muß heute so geredet werden - wie ich es heute Abend getan habe -, daß es sich darum handelt, auf dem festen Boden der Dreigliederung zu stehen und sich nicht zu kümmern um das andere. Denn es handelt sich heute darum, daß wir eine genügend große Anzahl von Menschen finden müssen, die die Dreigliederung verstehen; ob sie nun aus diesem oder jenem Lager kommen, aus dem syndikalistischen oder aus einem anderen, das ist uns ganz gleichgültig. Wir kümmern uns heute nicht mehr darum, wie die Dreigliederung zu den Syndikalisten steht, sondern wir warten es ab, wie sich die Syndikalisten zur Dreigliederung stellen wollen. Im Verlauf des letzten Jahres haben wir gelernt, daß alles andere etwas Vergebliches ist, und heute kann nur derjenige wirken, der etwas lernen kann.
[ 28 ] And as long as it was possible to try to reach people whose minds were believed to be still “malleable” enough to break free from these old party stereotypes, that’s exactly what was done. But we must learn something from the circumstances. And today, it is truly urgent that we learn something from the circumstances. And so I must say, I no longer feel the weight of the question “How do I relate to syndicalism?” at all; rather, I’ll explain to you: I have tried to engage with syndicalism as well—that is, to find people within syndicalism who, thanks to a still “malleable” mind, would be capable of grasping the threefold social order—but even that was in vain. That is why we must speak today—as I have done this evening—in such a way that the focus is on standing on the firm ground of the threefold order and not concerning ourselves with anything else. For what matters today is that we must find a sufficiently large number of people who understand the threefold order; whether they come from this or that camp, from the syndicalist camp or from another, is of no consequence to us. We no longer concern ourselves today with how the threefold social order relates to the syndicalists; rather, we will wait and see how the syndicalists intend to relate to the threefold social order. Over the course of the past year, we have learned that everything else is futile, and today only those who are capable of learning can make a difference.
[ 29 ] Dann ist die Frage gestellt worden, wie es gedacht ist, daß von der Organisation «Der Kommende Tag» aus die Dreigliederung weiter um sich greifen kann.
[ 29 ] The question was then raised as to how the threefold social order is intended to spread further through the organization “The Coming Day.”
[ 30 ] Da bitte ich Sie doch, gerade bei einer solchen Einzelfrage ins Auge zu fassen, daß die Dreigliederungsidee ihrer ganzen Anlage nach etwas durchaus Praktisches ist und nicht in irgendeinem blauen Nebeldunst schwimmt, sondern daß es sich um etwas Konkretes handelt. Der Kommende Tag ist gegründet worden, weil eingesehen worden ist, daß das heutige, gewöhnliche Bankwesen im Laufe des 19. Jahrhunderts allmählich ein schädigendes Element geworden ist in unserem Wirtschaftsleben. Darauf habe ich bei meiner letzten Anwesenheit auch an einem Studienabend hingewiesen. Ich habe gezeigt, daß etwa seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts das Geld im Wirtschaftsleben der modernen Zivilisation eine ähnliche Rolle spielt wie die abstrakten Begriffe in unserem Denken, daß es allmählich ausgelöscht hat alles konkrete Streben, daß es wie ein verdeckender Schleier sich hinüberlegt über das, was sich in wirtschaftlichen Kräften ausleben muß. Und daher entsteht heute die Notwendigkeit, etwas zu begründen, was nicht bloß eine Bank ist, sondern was die wirtschaftlichen Kräfte so konzentriert, daß sie zu gleicher Zeit Bank sind und zu gleicher Zeit im Konkreten wirtschaften. Also es besteht die Notwendigkeit, etwas zu begründen, was zusammenfaßt wirklich konkretes Wirtschaften und die Organisation dieser Wirtschaftszweige, so wie sonst in einer Bank das Wirtschaftsleben zusammengefaßt wird, aber ohne auf wirtschaftliche Verhältnisse Rücksicht zu nehmen, nur in abstrakter Weise. Das heißt, es wird hier im Kommenden Tag praktisch versucht, zu überwinden die Schäden des Geldwesens.
[ 30 ] I would ask you, especially when considering such a specific question, to bear in mind that the idea of the threefold social order, in its entire structure, is something thoroughly practical and does not float in some blue mist, but is, in fact, something concrete. Der Kommende Tag was founded because it was recognized that the modern, conventional banking system had gradually become a harmful element in our economic life over the course of the 19th century. I also pointed this out during my last visit at a study evening. I showed that, roughly since the first third of the 19th century, money has played a role in the economic life of modern civilization similar to that of abstract concepts in our thinking; that it has gradually extinguished all concrete striving; and that it lies like a veiling curtain over what must find expression in economic forces. And this is why there is a need today to establish something that is not merely a bank, but that concentrates economic forces in such a way that they function simultaneously as a bank and engage in concrete economic activity. Thus, there is a need to establish something that brings together truly concrete economic activity and the organization of these economic sectors, just as economic life is otherwise brought together in a bank—but without taking economic conditions into account, only in an abstract manner. This means that here, in the coming days, a practical attempt will be made to overcome the harms of the monetary system.
[ 31 ] Wir erleben es heute, daß allerlei Leute, Gesell und andere - es gibt ja sonderbare «Gesellen» des Lebens - heute herumtanzen und vom freien Gelde reden. Das sind Utopisten. Das sind Abstraktlinge. Um was es sich handelt, ist, daß man durch eine Erkenntnis des praktischen Lebens darauf kommt, wo eigentlich die Schäden liegen. Und ein Schaden liegt darin, daß sich das Bankwesen wirtschaftlich so gestaltet hat, wie es heute ist. Im wirtschaftlichen Leben steht heute das Bankwesen so drinnen, wie die Gedanken im Seelenleben eines Menschen drinnenstehen, der alles gleich in Abstraktionen umsetzt und der sich nicht um einzelne konkrete Dinge kümmert, mit denen man es zu tun hat, sondern alles in hohe Abstraktionen umsetzt. Der Mensch, der alles in hohe Abstraktionen umsetzt - und das sind die meisten heutigen Menschen -, ein solcher Mensch kommt niemals zu einer wirklichen Erfassung der Wirklichkeit. Sehen Sie, solche Abstraktionen können Sie heute an jedem Sonntag auf jeder Kanzel hören. Solche Abstraktionen, bei denen sich die Leute, weil sie sich herausträumen können aus dem Leben für einen Sonntagnachmittag, so ungeheuer wohl fühlen, haben nichts mehr zu tun mit dem Leben. Und dasselbe, was für das einzelne Seelenleben die wesenlose Abstraktion ist, die sich hinauf in ein Wölkenkuckucksheim flüchtet, das ist für das wirtschaftliche Leben das bloß im Geld sich auslebende Bankwesen.
[ 31 ] We see today that all sorts of people—journeymen and others—there are, after all, strange “journeymen” in life—are running around talking about “free money.” These are utopians. These are dreamers. What it really comes down to is that, through an understanding of practical life, one comes to realize where the actual harm lies. And one source of harm is that the banking system has developed economically into what it is today. In economic life today, the banking system is as deeply embedded as thoughts are in the inner life of a person who immediately translates everything into abstractions and who does not concern himself with the individual, concrete things one has to deal with, but instead translates everything into lofty abstractions. A person who reduces everything to lofty abstractions—and that is most people today—such a person never arrives at a true grasp of reality. You see, you can hear such abstractions every Sunday from every pulpit. Such abstractions—which make people feel so incredibly comfortable because they can escape from life for a Sunday afternoon—have nothing to do with life anymore. And just as insubstantial abstraction—which takes refuge in a cloud-cuckoo-land—is to the life of the individual soul, so too is the banking system, which finds its sole expression in money, to economic life.
[ 32 ] Deshalb konnte man, indem man einen Versuch im Kleinen machte - der hoffentlich ins ganz Große sich auswächst -, die Dinge so gestalten, daß man gewissermaßen zurückführt das Geld zur Wirtschaft und die Wirtschaft hinaufführt zum Geld, so daß das Geld wiederum etwas ist, was zur Erleichterung und zum InBewegung-Bringen des Wirtschaftens dient. Wie unsere Gedanken nicht dazu dienen sollen, uns in abstrakte Höhen zu erheben und uns wohl dabei zu fühlen, sondern dazu, daß wir die konkreten Tatsachen des Lebens in Bewegung bringen, so handelt es sich darum, daß wir das Geld hineinstellen ins wirkliche Wirtschaftsleben. Wir wollen Wirtschaftszweige betreiben und nicht uns hineinsetzen in eine Bank und nur Geldgeschäfte machen, denn Geldgeschäfte an sich sind der größte Schaden unseres Wirtschaftslebens seit dem 19. Jahrhundert und dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Also, mit dem Kommenden Tag ist einfach eine praktische Idee aufgegriffen. Und ehe man nicht einsehen wird, daß es sich hier darum handelt, Ideen ganz praktisch zu denken bis ins Einzelnste, wird man auch nicht den Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus verstehen.
[ 32 ] That is why, by conducting a small-scale experiment—one that will hopefully grow into something much larger—it was possible to structure things in such a way that, so to speak, money is brought back into the economy and the economy is brought up to the level of money, so that money once again becomes something that serves to facilitate and set economic activity in motion. Just as our thoughts should not serve to elevate us to abstract heights and make us feel comfortable there, but rather to set the concrete facts of life in motion, so too must we place money within real economic life. We want to operate economic sectors and not sit in a bank and merely engage in financial transactions, for financial transactions in and of themselves have been the greatest harm to our economic life since the 19th century and the beginning of the 20th century. So, *The Coming Day* simply takes up a practical idea. And until people realize that this is about thinking ideas through in a very practical way, down to the smallest detail, they will not understand the Society for the Threefold Social Order either.
[ 33 ] Und nun möchte ich aufmerksam machen auf etwas, was ein wenig zusammenhängt mit dem ganzen Ton, den ich heute anzuschlagen versuchte, auf eine Seite, auf die Herr Dorfner hingewiesen hat - auf die Jesuiten. Da findet man, wenn auch für eine Sache, mit der ich nun wahrhaftig nichts zu tun haben will, eine wirksame Art, die Dinge zu vertreten. Sie können immer wiederum hören von jener Seite: Und wenn Tausende und Tausende unserer Anhänger abfallen, wenn wir Tausende und Tausende verlieren, so macht uns das nichts. Es würde uns erst etwas machen, wenn wir eine einzige Wahrheit verlören! - Immer wieder und wiederum können Sie das hören von jener Seite, auf die Herr Dorfner hingewiesen hat: Mögen abfallen Tausende und Tausende von Anhängern, aber es darf nicht eine einzige Wahrheit verloren gehen. Daß da, wo so gesprochen wird für eine Sache, mit der ich wahrhaftig nichts zu tun haben will, eine wirksame Art für Propaganda vorliegt, das könnte man einsehen. Also man könnte sich stellen auf den Boden: Nichts ist es, viele Anhänger zu haben, aber alles ist es, auf dem Boden seiner Wahrheiten stehen zu können, ohne Kompromißbildung, ohne irgendwo hinzuschielen [und zu denken], kriegst du den auch, mußt du dem ein bißchen schöntun. Um diese Art der Propaganda handelt es sich bei der Dreigliederung nicht. Da handelt es sich darum, möglichst viele Menschen zu gewinnen für dasjenige, was die Dreigliederung enthält - wahrhaftig nicht deshalb, weil man in die Dreigliederung verliebt ist oder weil man starrköpfig ist, sondern weil man einsieht: Nur auf diese Weise geht es weiter.
[ 33 ] And now I would like to draw attention to something that is somewhat related to the overall tone I tried to set today—to a group that Mr. Dorfner mentioned: the Jesuits. There, even if it’s for a cause with which I truly want nothing to do, one finds an effective way of advocating for things. You can hear it time and again from that side: “And even if thousands upon thousands of our followers fall away, even if we lose thousands upon thousands, it doesn’t matter to us. It would only matter to us if we lost a single truth!” - Time and again, you can hear this from the side Mr. Dorfner referred to: Let thousands upon thousands of followers fall away, but not a single truth must be lost. One could see that where such words are spoken in defense of a cause with which I truly want nothing to do, there lies an effective form of propaganda. So one could take the position: It means nothing to have many followers, but it means everything to be able to stand on the ground of one’s truths, without compromise, without looking elsewhere [and thinking], “If you want to win that one over, you’ll have to sugarcoat it a bit.” This is not the kind of propaganda involved in the threefold social order. It is about winning over as many people as possible to what the threefold social order embodies—truly not because one is in love with the threefold social order or because one is stubborn, but because one realizes: Only in this way can we move forward.
[ 34 ] Nun, es erübrigt sich wohl, auf das einzugehen, was Herr Dr. Herberg gesagt hat über «Diplombaumeister» und «Regierungsbaumeister » in ihrem Mißverhältnis zu den Juristen. Diese Dinge sind es, die durch die allerelementarsten Diskussionen des Bundes sich längst erledigt haben. Und, nicht wahr, es geht auch schon ganz und gar nicht, daß, wenn wir im Sinne der Dreigliederung diskutieren, wir gewissermaßen ganz und gar uns außerhalb des Bodens der Dreigliederung stellen. Denn sehen Sie, es würde schließlich doch auch einen sonderbaren Eindruck machen, wenn wir zum Beispiel vom freien Geistesleben sprechen und eine Diskussion aufwerfen würden, ob es denn nun richtig wäre, die alten Bezeichnungen für die am Gymnasium wirkenden Leute zu ersetzen durch Titel wie «Studienassessor» und so weiter. Das sind alles Fragen, die auf dem Boden des alten Staatswesens stehen. So ist es auch mit den «Regierungsbaumeistern»; es kann sich nicht darum handeln, wie diese den Juristen gegenüberstehen. Denn in dem Augenblick, wo man auf die Dreigliederung eingeht, kann man nicht mehr von «Regierungsbaumeistern» sprechen, sondern da stehen wir auf dem Boden jenes politischen Staates, der streng demokratisch das umfaßt, wo jeder mündige Mensch jedem anderen mündigen Menschen als gleicher gegenübersteht. Es kann sich nicht darum handeln, wie dieser demokratische Staat sich verhält zu dem, dem ein solcher Titel gegeben werden soll und dergleichen mehr. Überhaupt, wir müssen uns angewöhnen, etwas mehr in das Reelle hineinzugehen.
[ 34 ] Well, there is probably no need to go into what Dr. Herberg said about “certified architects” and “government architects” in relation to lawyers. These issues have long since been settled by the most basic discussions within the Federation. And, isn’t it true, it is also completely out of the question that, when we discuss the threefold social order, we should, as it were, place ourselves entirely outside the framework of that threefold social order? For you see, it would ultimately make a rather strange impression if, for example, we were to speak of the free spiritual life and then raise a discussion about whether it would be right to replace the old designations for those working in high schools with titles such as “Studienassessor” and so on. These are all questions that are rooted in the old system of government. The same is true of the “government architects”; the issue cannot be how they relate to the jurists. For the moment one addresses the threefold social order, one can no longer speak of “government architects”; rather, we are then standing on the ground of that political state which, in a strictly democratic sense, encompasses a system where every responsible individual stands as an equal before every other responsible individual. It cannot be a matter of how this democratic state relates to the person to whom such a title is to be given, and so on. In general, we must get into the habit of delving a little more into reality.
[ 35 ] Sehen Sie, es passiert einem ja so manches im Leben, und man kann sich an so manches Erlebnis erinnern. So war ich zum Beispiel einmal mit einer sozialistischen Persönlichkeit zusammen, die ein guter Sozialist war, und ich sprach mit ihr über einen sehr, sehr hohen Regierungsbeamten. Ich hielt diesen sehr, sehr hohen Regierungsbeamten für total unfähig, für einen ganz unmöglichen Menschen. Und ich sagte, ich würde meinen, [das beste] für jenen sehr hohen Regierungsbeamten wäre eigentlich, wenn er von seinem Posten wegkäme und Straßenkehrer würde - das wäre der richtige Beruf für ihn. Sie hätten nur sehen sollen, welches Entsetzen die sozialistische Persönlichkeit erfaßte bei der Zumutung, daß nun der ihr wohlbekannte Mann Straßenkehrer werden müßte. Ja, das war ja allerdings nur ein Gedanke, aber er scheint mir auf mehr Realität hinzuweisen, als der Gedanke - verzeihen Sie schon -, der soeben ausgesprochen wurde: der Hausherr solle den Straßenkehrer nicht scheel ansehen, und der Straßenkehrer den Hausherrn nicht! - Ja, damit lösen wir die soziale Frage wahrhaftig nicht, daß wir uns nicht scheel ansehen. Es handelt sich ja wirklich darum, daß in unserer heutigen sozialen Ordnung der Hausherr den Straßenkehrer braucht und der Straßenkehrer den Hausherrn, aber wenn sie bloß sich nicht scheel ansehen, wird die soziale Frage doch wahrscheinlich nicht gelöst werden. Und ob man sich auf irgend etwas was einbildet oder nichts einbildet, das sind schließlich Fragen, die wirklich mit den Sachlichkeiten und ernsten Realitäten des gegenwärtigen Lebens im Grunde genommen gar nichts zu tun haben. Es handelt sich wirklich nicht darum, daß wir heute den Menschen nur klarmachen: der Hausherr braucht den Straßenkehrer und der Straßenkehrer braucht den Hausherren. Da haben wir doch immer im Hintergrund so ein bißchen die Idee: der Straßenkehrer soll Straßenkehrer bleiben, und der Hausherr soll Hausherr bleiben, sie sollen sich nur nicht scheel ansehen, - was ja gewiß dem Hausherren leichter fallen wird als dem Straßenkehrer. Aber ich glaube, mit all diesen Dingen, die etwas stark nach Moralinsäure riechen, kommen wir heute nicht auf einen grünen Zweig, sondern heute handelt es sich nicht bloß darum, daß wir uns nicht scheel ansehen, sondern daß wir Hand anlegen, daß es anders werde, daß wir vor allen Dingen das erreichen, wiederum Verständnis [für einander] zu finden über die Klassen hinweg. Und dieses Verständnis wird zu einer ganzen Umgestaltung des Lebens führen, nicht nur zu einem Augenverdrehen von der Scheelheit zur Gradheit, sondern zu ganz anderen Dingen. Und gehen Sie durch, was intendiert ist in der Dreigliederungsidee, da werden Sie sehen, daß in der Tat herauskommt etwas, wonach sich die Menschheit heute sehnen muß, wenn sie etwas davon versteht, was sich weltgeschichtlich verwirklichen will. Und auf solche Dinge hat man heute hinzusehen, nicht auf etwas, was bloß moralisierend ist und was doch wiederum anknüpft an die alten Formen, die sich noch immer im gegenwärtigen sozialen Leben ausleben. Nein, wir müssen uns heute klar sein, daß wir ein neues Geistesleben brauchen, das aus dem Boden dieses Geisteslebens selber hervorgeht. Mag es im einzelnen bei der Durchführung der Dreigliederung noch so schlecht gemacht worden sein, es muß doch immer wieder und wiederum gesagt werden, daß diese Dreigliederung auf dem Boden steht: Nur einem Umdenken, nur einem Umwandeln der menschlichen Gedanken und Empfindungen bis ins tiefste Innere hinein werden wir eine Besserung verdanken und nichts anderem.
[ 35 ] You see, all sorts of things happen to you in life, and you can remember all sorts of experiences. For example, I was once with a socialist figure—who was a good socialist—and I spoke with her about a very, very high-ranking government official. I considered this very, very high-ranking government official to be completely incompetent, a totally impossible person. And I said that, in my opinion, [the best thing] for that very high-ranking government official would actually be for him to leave his post and become a street sweeper—that would be the right profession for him. You should have seen the horror that gripped the socialist figure at the thought that this man, whom she knew so well, would now have to become a street sweeper. Yes, that was, of course, just a thought, but it seems to me to point to more reality than the idea—forgive me—that was just expressed: that the homeowner shouldn’t look askance at the street sweeper, and the street sweeper shouldn’t look askance at the homeowner!—Yes, we certainly don’t solve the social question by simply not looking askance at one another. The real issue is that, in our current social order, the homeowner needs the street sweeper and the street sweeper needs the homeowner; but if they simply don’t look askance at one another, the social question will probably still not be resolved. And whether one fancies oneself to be something or nothing—these are, after all, questions that, at the very core, have absolutely nothing to do with the practicalities and serious realities of contemporary life. It’s really not just a matter of making it clear to people today that the homeowner needs the street sweeper and the street sweeper needs the homeowner. We always have this idea lurking in the background: the street sweeper should remain a street sweeper, and the homeowner should remain a homeowner; they just shouldn’t look at each other askance—which will certainly be easier for the homeowner than for the street sweeper. But I believe that with all these things, which reek rather strongly of moralizing, we won’t get anywhere today; rather, today it is not merely a matter of not looking askance at one another, but of rolling up our sleeves to bring about change—above all, to achieve, once again, mutual understanding across class lines. And this understanding will lead to a complete transformation of life—not merely a shift from a skewed perspective to a straight one, but to something entirely different. And if you examine what is intended in the idea of the threefold social order, you will see that what emerges is indeed something humanity must yearn for today, if it understands anything of what is seeking to be realized in world history. And it is such things that we must look to today, not to something that is merely moralizing and that, in turn, ties back to the old forms that still play out in contemporary social life. No, we must be clear today that we need a new spiritual life that springs from the very soil of this spiritual life itself. No matter how poorly the threefold social order may have been implemented in specific cases, it must be said again and again that this threefold social order is grounded in the following: We will owe any improvement solely to a change in thinking, solely to a transformation of human thoughts and feelings down to their very depths, and to nothing else.
