Soziale Ideen, Soziale Wirklichkeit,
Soziale Praxis I
Band II
GA 337a
30 Mai 1919, Stuttgart
2. Fragen zur Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus II
Wilhelm von Blume: Sehr verehrte Anwesende, im Namen des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus heiße ich Sie auch heute wieder willkommen. Wir haben für heute angesetzt einen Abend, an dem Fragen beantwortet werden sollen, die aus der Mitte der Versammlung heraus gestellt worden sind oder etwa noch gestellt werden, und ich bitte zunächst Herrn Dr. Steiner, das Wort zu nehmen zu einigen einleitenden Bemerkungen.
[ 1 ] Rudolf Steiner: Sehr verehrte Anwesende, der heutige Abend soll ja vor allen Dingen gewidmet sein der Beantwortung der Fragen, welche aus dem verehrten Zuhörerkreis hervorgegangen sind in Anknüpfung an den Impuls, der mit der Idee der sozialen Dreigliederung gegeben worden ist. Morgen werde ich dann einen der Haupteinwände zu behandeln haben in einem hier zu haltenden Vortrag, den Einwand, daß es sich bei dem Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus nur handle um irgendeine ausgeklügelte Idee, um irgendeine Ideologie oder Utopie, und ich werde morgen zu beweisen versuchen, daß es sich wirklich um die praktischste Angelegenheit in unserer Gegenwart handelt. Heute gestatten Sie mir nur, daß ich mit ein paar Worten die Fragenbeantwortung, die den Inhalt der heutigen Tagesordnung ausmacht, einleite.
[ 2 ] Es ist im Grunde genommen, meine sehr verehrten Anwesenden, noch wenig bemerkt worden, daß mit dem Impuls zum dreigliedrigen sozialen Organismus hingewiesen werden soll auf die allerbedeutsamste Aufgabe, weiche aus den Entwicklungsverhältnissen heraus in der neueren Zeit dieser Menschheit gestellt worden ist. Es ist wahrhaftig nicht heraus aus einem übertriebenen Pessimismus, wenn man seine Anschauung heute dahin ausspricht, daß noch allzuwenig — wahrhaftig allzuwenig — der große Ernst der Zeit, der große Ernst der Zeitforderungen in den weitesten Kreisen eingesehen wird. Wir stehen eben wirklich vor einer Aufgabe, welche schier riesengroß ist. Denn die ganze Entwicklung der neueren Menschheit spitzte sich so zu, daß sich diese Aufgabe einmal stellte, und sie ist der Menschheit gestellt worden aus den bedeutungsvollen Ereignissen dieser Weltkriegskatastrophe heraus. Begriffen aber ist die ganz außerordentliche Bedeutung dieser Aufgabe heute in weitesten Kreisen keineswegs, und man möchte glauben, daß es selbst wiederum eine Aufgabe ist, den Ernst dieser Aufgabe den Menschen der Gegenwart vollständig zum Bewußtsein zu bringen. Die Aufgabe tritt ja zunächst hervor in den Erscheinungen, in den Tatsachen der Zeit. Zu diesen Erscheinungen, zu diesen Tatsachen der Zeit nehmen die Menschen aus den verschiedensten Klassen, aus den verschiedensten Gesellschaftskreisen und auch aus den verschiedensten Parteien heraus ihre Stellung. Aus alle dem, was sich aus solchen Stellungnahmen heraus bis heute ergeben hat, tritt einem eigentlich ein Zweifaches entgegen, und dieses Zweifache möchte ich in diesen paar einleitenden Worten charakterisieren; auf alles Nähere will ich dann morgen weiter eingehen. Ich möchte dies einleitungsweise charakterisieren, weil ja, wie es auch wünschenswert ist, bei der heutigen Fragestellung mehr einzelne, konkrete, praktische Fragen zur Besprechung kommen sollen. Aber es ist heute für den Menschen einmal notwendig, auf das Große, Umfassende der Aufgabe immer wieder und wiederum hinzuschauen, schon darum, damit die Verantwortlichkeit gegenüber den großen Zeitfragen in den Menschen aufgerüttelt werde.
[ 3 ] Ein Zweifaches, sagte ich, kann man bemerken, wenn man die Stellungnahmen der verschiedensten Kreise heute zu dieser großen Aufgabe in Betracht zieht. Man kann sagen: Die eine Art der Menschen, die Stellung nimmt, sie hat vor allen Dingen ein Interesse daran, in einer gewissen Weise dasjenige wieder herzustellen in irgendeiner Form — in einer Form, in der man es annehmbar findet -, was durch die bedeutsame Weltkriegskatastrophe zerstört worden ist. Und die andere Art von Menschen, von ganz anderer Seite herkommend, sie hat vor allen Dingen ein Interesse, alles anders zu machen, als es vor der Weltkriegskatastrophe war - zum Teil dem Ziele nachgehend, daß solch Furchtbares über die Menschheit nicht mehr hereinbrechen könne, zum Teil auch aus der Empfindung und Überzeugung heraus, daß auf Grundlage der alten Wirtschafts-, Staats- und Geistesordnung eben nicht weiterzukommen ist, daß ein Neubau ganz ernstlich in Angriff genommen werden muß. Wenn wir die eine Art von Menschen - gegenüber den ja ganz neuen Forderungen — mehr die konservativen Menschen nennen wollen, so wird unser Blick gelenkt auf alle diejenigen Kreise, welche mehr oder weniger den alten sozialen Weltanschauungen angehören, die irgendwie verquickt sind mit demjenigen, was die alten Weltanschauungen vor allen Dingen auch an wirtschaftlichen Ordnungen der Menschheit gebracht haben. Auf der anderen Seite sehen wir die vorwärtsstürmenden Parteien, welche namentlich sich zusammensetzen aus dem Proletariat heraus, und da sehen wir dasjenige, was in einer ganz anderen Weise Stellung nimmt zu der großen Aufgabe und was in einer solchen Art Stellung nimmt, daß die eine Art von Menschen die andere nicht mehr versteht. Sucht man nach den Gründen dieses Nichtverstehens - ich will sie heute nur skizzenhaft anführen -, sucht man nach den Gründen dieses Nichtverstehens, dann wird man finden, daß auf der einen Seite die Vertreter des Alten, die in irgendeiner Weise mit diesem Alten weiter zusammenhängen möchten, im Laufe der neueren Geschichte verloren haben ein eigentliches Kulturziel und behalten haben eine alte Kulturpraxis, in der sie fortgearbeitet haben. Diese Leute, sehr verehrte Anwesende, die haben eine Praxis, aber diese Praxis ist nicht mehr durchdrungen von zielvollen Impulsen. Diese Praxis, sie drückt sich immer darin aus, daß, wenn man diese Menschen fragt: Wie wollt Ihr eigentlich jetzt, wo die großen Aufgaben kommen, vorwärtsdringen? -, sie irgendwie doch mit dem antworten, was nur eine Fortsetzung des Alten bedeutet; sie antworten aber auch nicht mit irgendeinem großen Ziele; sie antworten im Grunde genommen nur mit dem, was sich ihnen aus der Routine der bisherigen Praxis ergeben hat. Sie haben eine Praxis ohne ein Ziel. Auf der anderen Seite steht das Proletariat. Das hat ein Ziel, ein Ziel, das man ja in der verschiedensten Weise zum Ausdruck bringen kann, aber es ist ein Ziel. Aber dieses Proletariat hat keine Praxis; diesem Proletariat fehlt alle praktische Möglichkeit, dasjenige, was es als seine Ziele irgendwie definiert, in die Wirklichkeit umzusetzen. So steht auf der einen Seite althergebrachte Praxis ohne Ziel, auf der anderen Seite ein neues Ziel ohne Praxis. Das Proletariat ist ferngehalten worden von der Praxis, nur hingerufen worden zur Maschine, nur eingespannt worden in die Fabrik und in den Kapitalismus. Daraus ist ihm sein Ziel erwachsen, indem es, ich möchte sagen anstürmt gegen das, was es erfahren hat, aber es ist niemals verbunden mit der Leitung, mit der Führung der Wirtschaftsformen selber. Es fordert heute neue Lebensformen; es weiß aber nichts von einer Praxis. Woher kommt diese Kluft?
[ 4 ] Diese Kluft kommt eben davon, daß wir vor das größte Problem der neueren Zeit gestellt sind, und dieses größte Problem der neueren Zeit, es ist aufgegangen eben in dem Zeitalter, das den Industrialismus zu seiner höchsten Blüte gebracht hat. Es liegt dieses Problem zunächst auf wirtschaftlichem Gebiete verborgen, es streckt aber nach den anderen Lebensformen seine verschiedenen Zweige aus. Dieses Problem ist so bedeutsam, daß selbst ein so scharfer Kopf wie zum Beispiel Walter Rathenau höchstens ein wenig daran getippt hat, aber nicht zu irgendeiner klaren Anschauung über dieses einschneidende Problem der Gegenwart kommt, über dieses Problem, an dem wir alle kranken, über dieses Problem, das gebieterisch seine Lösung fordert. Wenigstens ins Auge fassen möchte vorurteilsfrei und lebensvoll der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus dieses Problem. Und wenn ich es mit ein paar Worten andeuten soll, gewissermaßen als Einleitung zu dem morgigen Vortrage, der es in seinen speziellen Formen behandeln soll, dann muß ich sagen: Dieses Problem, es mußte heraufziehen langsam in der Menschheit, mußte sich gewissermaßen bis zu seiner höchsten Entfaltung erheben in der Zeit des sich immer mehr ausbreitenden Industrialismus und der modernen Technik und steht heute fragend und drohend vor uns. Es besteht darinnen, daß aller Industrialismus in der Volkswirtschaft mit einem Passivum arbeitet — das ist so und nicht anders. Die Volkswirtschaft muß darauf eingestellt sein, das man weiß: Aller Industrialismus, insofern er sich durch seine Produktionsmittel immer weiter und weiter entwickelt, arbeitet gegenüber dem, was Volkswirtschaft der Menschheit ist, mit Unterbilanz. Insofern der Industrialismus mit Unterbilanz arbeitet, muß in der menschlichen Volkswirtschaft das Fehlende von anderer Seite ersetzt werden. Das ist das große Problem der Gegenwart, daß aller Industrialismus mit Unterbilanz arbeitet und daß die Frage nicht von mir oder anderen gestellt werden kann, ob diese Unterbilanz gedeckt wird, sondern das Leben ist fortwährend dazu aufgefordert, die Unterbilanz des Industrialismus zu decken. Woher wird sie denn gedeckt? Allein vom Boden wird sie gedeckt, meine sehr verehrten Anwesenden, allein durch dasjenige, was der Boden hervorbringt. In der neueren Volkswirtschaft stehen wir fortwährend in diesem Wechselprozeß [zwischen Industrie und Bodenproduktion] drinnen der durch sekundäre Vorgänge überdeckt wird -, indem die Unterbilanz der Industrie durch die Überbilanz der Bodenproduktion im weitesten Sinne gedeckt werden muß. Alles dasjenige, was als Lohnfrage, was als Kapitalfrage, was als Preisfrage innerhalb des modernen Lebens drinnen ist, das ist lediglich herrührend davon, daß hinüberwandern muß von der Bodenproduktion der Überschuß in die Unterbilanz der Industrie.
[ 5 ] Das aber, sehr verehrte Anwesende, ist mit etwas anderem verknüpft. Es ist damit verknüpft, daß auf der einen Seite alles dasjenige, was im Menschen mit dem Boden zusammenhängt, hinneigt zu einem gewissen Konservativismus. Diese Sache läßt sich streng beweisen, doch ich will sie heute nur einleitungsweise andeuten. Wäre nur der Boden mit seinen Produkten vorhanden, so würden wir mehr oder weniger in bezug auf die Kultur in Urzuständen der Menschheit verbleiben müssen. Der Fortschritt der Menschheit rührt her davon, daß das Industrielle mit seiner weitgehenden Arbeitsteilung diesen Fortschritt begünstigt. Damit aber wird das Industrielle zu gleicher Zeit auf den verschiedensten Gebieten zum Träger des Fortschritts, zuerst des Liberalismus, dann des Sozialismus. Es überträgt sich also dasjenige, was ausgesprochen ist in dem bedeutsamen, ich möchte sagen buchmäßigen Gegensatz zwischen Boden und industriellen Produktionsmitteln, auf menschliche Gesinnung. Und indem menschliche Gesinnungen miteinander streiten im Leben, ist dieser Streit innig zusammenhängend mit demjenigen, was darunter ist: die gegensätzlichen wirtschaftlichen Interessen des Bodens und der industriellen Produktionsmittel. Aber noch auf eine andere Weise hat in der neueren Zeit sich dieses ganze Problem zugespitzt. Nicht nur, daß in den Parlamenten Liberales und Sozialistisches dem Konservativen gegenübersitzt herrührend einfach aus den Aktiven und Passiven der gesamten Weltwirtschaft -, nicht nur, daß sich in der neueren Zeit hineingeschlichen hat das konservative und progressistische Element in die Volksvertretungen der Menschheit, sondern es haben sich hineingeschlichen die wirtschaftlichen Interessen, indem auf der einen Seite alles dasjenige, was mit dem Boden zusammenhängt, für das Stehenbleibende wirkt, auf der andern Seite alles dasjenige, was mit der Industrie zusammenhängt, für das Fortschreitende wirkt. Und so ist man dazu gekommen, daß auf der einen Seite des Menschen Geistesfortschritt, auf der andern Seite des Menschen wirtschaftliche Interessen chaotisch zusammengewürfelt sind in der neueren Zeit in unserer Einheitsstaatsordnung.
[ 6 ] Das ist das große Problem, das heute vor den Menschen steht, riesengroß möchte ich sagen. An diesem Problem doktern herum die links- und die rechtsstehenden Leute. Weil es so riesengroß ist, deshalb ist auch die Verständigung so schwer. Die Menschen auf der einen Seite wollen sich heute nur an das Allernächste halten und nur das praktisch nennen, während die Zeit uns die Aufgabe stellt, den großen buchmäßigen Gegensatz zwischen Bodenprodukten und Industrieprodukten, von denen beiden die Menschheit sich nährt, kleidet und andere Bedürfnisse befriedigt, in der neueren Menschheitsentwicklung zu irgendeiner Lösung zu bringen. Alles dasjenige, was aufgetreten ist, das ist zuletzt, ich möchte sagen fast zahlenmäßig zurückzuführen auf das angeführte buchmäßige Ergebnis. Aber man braucht wirklich guten Willen, sich auf die Grundkraft des wirklich praktischen Lebens einzulassen, wenn man die Aufgabe auch nur sehen will. Wir sind heute auf dem Boden, daß wir diese Aufgabe sehen müssen, daß wieder auseinandergetrieben werden muß in der rechten Weise dasjenige, was chaotisch durcheinanderwirbelt. Diese Aufgabe will sich der Impuls zum dreigliedrigen sozialen Organismus stellen, der in der richtigen Weise einen gesunden sozialen Organismus auf seine gesunden drei Beine stellen will, auf das Geistige, das Rechtliche und das Wirtschaftliche. Einfach aus dem, was in dieser Entwicklung der neueren Zeit drinnenliegt, ist dieses Problem entstanden. Und mögen die Menschen meinetwillen die nächsten Resultate, zu denen der Impuls für den dreigliedrigen sozialen Organismus gekommen ist, noch anfechtbar finden, man kommt, ohne nach diesen drei Lebensgebieten so zu fragen, daß für ihre sachgemäße Organisierung in der Zukunft eine Form gesucht wird, man kommt dem größten Problem, das uns gestellt ist, nicht näher; man kommt dem nicht näher, was allein herausführen kann aus dem drohenden Chaos und der drohenden Wirrnis.
[ 7 ] Das wollte ich nur einleitungsweise sagen aus dem einfachen Grunde, weil auf der einen Seite gesehen werden soll, wie der Impuls zum dreigliedrigen sozialen Organismus wirklich an das Höchste anknüpft, was der Menschheit als eine große geschichtliche Entwicklungsaufgabe gestellt ist, und weil auf der anderen Seite die Beantwortung der Frage wird zeigen können, wie viel man heute schon aus einer wirklichen Lebensbeobachtung heraus über dasjenige sagen kann, was sich im einzelnen praktisch aus den heute gestellten Fragen ergeben kann.
[ 8 ] Ich werde nun zuerst in die Beantwortung von Fragen eintreten, die mir übergeben worden sind.
Wilhelm von Blume: Wir treten also nunmehr an die Beantwortung der zunächst schriftlich gestellten Fragen heran.
[ 9 ] Rudolf Steiner: Sehr verehrte Anwesende, ich werde versuchen, die Fragen, die mir schriftlich übergeben worden sind, in einer nicht allzu langen Form zu beantworten, aus dem einfachen Grunde, weil ich glaube, daß vielleicht nachher auch noch zahlreiche Fragen aus der verehrten Zuhörerschaft mündlich oder schriftlich gestellt werden dürften.
[ 10 ] Das erste Fragebündel, das mir vorliegt, trägt die Überschrift «Zur Dreigliederung». Die erste Frage:
In welcher Weise werden Einzelpersonen, Assoziationen und Betriebe den drei verschiedenen Organisationen unterstellt? Einzelne Grenzfälle sind beispielsweise der Zeitungsverleger, Anstalten der öffentlichen Gesundheitspflege, Theater und Kinounternehmungen.
[ 11 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, ich will herausheben aus dieser ersten Frage vor allen Dingen das Zeitungsgewerbe. Denn gerade an so etwas wie dem Zeitungsgewerbe wird man ersehen können, wie auf der einen Seite tatsächlich die Dreigliederung des sozialen Organismus zu einer vollständigen Umgestaltung der gegenwärtigen Verhältnisse führen kann, aber in organischer Weise, und wie auf der anderen Seite sich daraus ergeben kann, daß die Einheit des Lebens gar nicht gestört wird. Im Grunde genommen wird es sich dabei auch zeigen können, daß dasjenige, was die Menschen über das Unverständliche des dreigeteilten sozialen Organismus sagen, eigentlich darauf beruht, daß man sich eben aus den alten Denkgewohnheiten heraus in der Gegenwart noch nicht einlassen will auf das, was eben notwendig ist. Aber man wird sich entschließen müssen, zu diesem Notwendigen sich zu bequemen.
[ 12 ] Sie sehen, sehr verehrte Anwesende, im Zeitungsgewerbe fließen im Grunde genommen alle drei Betätigungsweisen des menschlichen Lebens zusammen. Im Zeitungsgewerbe haben wir auf der einen Seite den Verleger, denjenigen, der dafür zu sorgen hat, daß die Zeitung gedruckt wird, daß sie in der entsprechenden Weise vertrieben wird und so weiter — das ist eine rein wirtschaftliche Aufgabe. Auf der anderen Seite haben wir diejenigen, welche die Zeitung schreiben. Ich glaube, daß heute doch schon viele Menschen aus unseren merkwürdigen Verhältnissen heraus sich zu der Ansicht bequemen, daß die Zeitungen anders geschrieben werden sollten, als sie vielfach geschrieben werden. Denn, sehen Sie, irgend etwas der Menschheit Heilsames kann ja bei dem Zeitungsschreiben nur herauskommen, wenn dasjenige, was geschrieben wird, lediglich hervorgeht aus den Interessen und Bedürfnissen des geistigen Lebens der Menschheit und aus den Bedürfnissen, die sich dadurch ergeben, daß das geistige Leben auch die verschiedenen anderen Lebenszweige anschaut. Der Zeitungsschreiber und alles dasjenige, was zum Redaktionstab gehört, gehört dem geistigen Leben an. Und da man es beiderseits, sowohl im wirtschaftlichen Teile des Zeitungsgewerbes wie im geistigen Teile des Zeitungsgewerbes, zu tun hat mit Menschen, die ihrerseits wieder als Menschen in Beziehungen stehen, nicht etwa bloß zu ihren Abonnenten, sondern auch zu der ganzen breiten Öffentlichkeit, so hat man es dabei zu tun mit Verhältnissen, die von Mensch zu Mensch spielen, das heißt mit Rechtsverhältnissen. Dasjenige, um was es sich handelt, sehr verehrte Anwesende, das ist, daß gerade bei einem solchen Gewerbe wie dem Zeitungsgewerbe in der Zukunft nicht ineinanderspielt zum Unheile der Menschheit das eine in das andere, das Wirtschaftliche, das Rechtliche und das Geistige, Kulturelle, sonst kommen wir am Ende in der Kulmination des Unheils zu solchen Dingen, wie wir sie zum Beispiel in der Gegenwart erfahren. Neulich ist eine merkwürdige Annonce durch den sogenannten Blätterwald gegangen. Da wird aufgefordert, daß sich insbesondere die Welt der Großindustriellen und die Welt der Kapitalisten zusammentun zu einer neuen Zeitung. Es wird also geworben für eine neue Zeitung insbesondere bei Kapitalisten und Großindustriellen. Die Aufgabe dieser Zeitung soll sein, mit allen geistigen Mitteln zu kämpfen gegen die Sozialisierung der Produktionsmittel. Also, sehr verehrte Anwesende, das Interesse von Kapitalisten und Großindustriellen soll alles dasjenige versklaven, was eigentlich aus dem Urteil, das aus Impulse der geistigen Welt kommt, die Menschheit aufklären sollte. Diejenigen, die etwas Erfahrung haben im Leben, werden wissen, wie gerade im Zeitungsgewerbe diese Dinge in der neueren Zeit immer ineinander gegangen sind und sich unter den Verhältnissen der Gegenwart in einer ganz besonders grotesken Weise ausgebildet haben.
[ 13 ] In der Zukunft muß angestrebt werden, daß der Zeitungsverleger, der Drucker, ein bloßer Wirtschafter ist und der Verwaltung des wirtschaftlichen Teils des sozialen Organismus untersteht. Er wird mit alle dem, was er an Interessen entwickeln kann innerhalb seines Zeitungsgewerbes, drinnenstehen in dem wirtschaftlichen Organismus. Nicht wird in dem wirtschaftlichen Organismus drinnenstehen der Redaktionsstab, sondern der Redaktionsstab wird ganz und gar der Selbstverwaltung des geistigen Lebens — mit den anderen Zweigen des geistigen Lebens - unterliegen. Der Redaktionsstab wird eine Einheit bilden mit alle dem, was Unterrichts-, Kunstwesen oder dergleichen ist, was sonstige Zweige des geistigen Lebens sind. Wie ein bestimmter Zeitungsverleger zu einem bestimmten Redakteur wird kommen können, hängt von dem Vertrag ab, welcher abgeschlossen werden kann zwischen dem Zeitungsverleger und dem Redakteur, wobei der Redakteur, weil er der Selbstverwaltung des geistigen Organismus zugehört, mit Bezug auf sein ganzes materielles Leben unabhängig ist von der Zeitungsverlegerschaft. Der Redakteur wird bloß ein Interesse daran haben, überhaupt seinen Beruf ausüben zu können. Ginge er diesem Interesse nicht nach, seinen Beruf auszuüben, so würde er ja brotlos sein. Aber in dem Augenblicke, wo es ihm gelingt, einen Vertrag abzuschließen mit irgendeiner Administration, wird er nicht die Entschädigung für diesen Beruf aus den Interessen dieser Administration heraus erhalten, sondern aus den Interessen des sich selbstverwaltenden Geisteslebens. Wenn irgendwelche Dinge vorliegen, durch die der eine oder andere Teil der Zeitung das Recht verletzt, wird diese Rechtsverletzung den Gesetzen des Rechtsstaates unterstehen. Für einen solchen Produktionszweig wird also in der Zukunft anzustreben sein, daß in ihn hineinspielen die drei großen Verwaltungszweige des geistigen, rechtlichen und wirtschaftlichen Lebens. In den mannigfachsten Produktionszweigen werden zusammenfließen diejenigen Interessen, die von den verschiedensten Richtungen her verwaltet werden. Und das wird sich ergeben in dem Zusammenwirken der Menschen, daß diese Interessen - die sich sonst, wenn sie konfundiert werden, wenn sie zusammengeschmolzen werden in einen Knäuel, nur gegenseitig stören -, daß sich diese Interessen gerade gegenseitig moralisieren, ethisieren, stützen werden. Derjenige, der wirklich praktischen Sinn hat, der wird sich sagen: Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß wirklich praktisch eine solche Gliederung eines einzelnen Gewerbes vorgenommen werden kann. Und durch diese Gliederung des ganzen sozialen Organismus, die in die einzelnen Verhältnisse hineingreift, haben wir dann die Gesundung des gesamten sozialen Lebens. Nur ist es den Menschen heute noch ungewohnt, gerade dasjenige zu denken, was zu einer solchen Gesundung führt. Es ist ihnen auch aus dem Grunde ungewohnt, weil sie von manchem lassen müssen, was sie aus gewissen alten Lebensgepflogenheiten heraus für fast unerläßlich halten. Für unerläßlich betrachtet man heute, daß derjenige, der das wirtschaftliche Risiko für eine Zeitung übernimmt, auch denjenigen, der an der Zeitung im Redaktionsstabe angestellt ist, zu seinem Schreiber macht. Das wird er in der Zukunft nicht tun können. Daraus wird eine großartige Unabhängigkeit des Schreibenden gegenüber den wirtschaftlichen Interessen des Zeitungsverlegers im Zeitungsgewerbe entstehen, und gerade in diesem Zweige wird eine Gesundung eintreten, die wir wahrhaftig brauchen und von der wir zugeben müssen, daß wir sie brauchen, wenn wir auf die Lebensbedingungen des gesunden sozialen Organismus eingehen wollen.
[ 14 ] Als zweite Frage ist mir vorgelegt:
Wird die Gemeindeverwaltung mit ihren die Dreigliederung durchbrechenden Betrieben auf dem Gebiete der drei Organisationen — also beispielsweise Schulen, Gaswerken, Gerichtsbarkeit — aufrechterhalten?
[ 15 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, nicht darum handelt es sich, daß heute, in der Übergangszeit - in der wir ja noch nicht einmal drinnen sind, sondern die wir erst anstreben -, schon über die Größe der einzelnen Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsgebiete gesprochen wird, von der ich im letzten Vortrage hier gesprochen habe. In bezug auf die äußere Struktur des sozialen Lebens braucht sich bei einer wirklichen Sozialisierung des gesamten menschlichen Lebens gar nicht besonders viel zu ändern. Dasjenige aber, was ich gerade ausgeführt habe für ein einzelnes Gewerbe, das wird ebensogut von irgendeinem Staate, einem Reiche wie von einer einzelnen Gemeindeverwaltung durchgeführt werden können. Schulen, Gaswerke, Gerichtsbarkeit, sie werden ihre verschiedenen Seiten haben zum Teil nach der Rechtsseite, zum Teil nach der Wirtschaftsseite hin — bei den Schulen auch nach der geistigen Seite hin —, und es wird hereinspielen in den einzelnen Betrieb, sei er geistig oder mehr oder weniger bloß materiell, wirtschaftlich, dasjenige, was von den drei Organisationen und ihren Verwaltungen ausgeht. Die dritte Frage:
Wer entscheidet über die jeweilige Zugehörigkeit zu einem der drei Organismen?
[ 16 ] Diese Frage, sehr verehrte Anwesende, geht eigentlich - verzeihen Sie das harte Wort — aus einem gewissen Vorurteile hervor, daß alles von einer Obrigkeit ausgehen muß. In demjenigen, was als gesunder sozialer Organismus für die Zukunft angestrebt wird, ergibt sich nämlich die Zugehörigkeit aus der Sache heraus. Wir haben gerade bei der Besprechung des Zeitungsgewerbes gesehen, wie sich aus der Sache heraus diese Zugehörigkeit ergibt. Aus dieser Zugehörigkeit heraus wird sich eine viel umfassendere Antwort geben, als man heute denkt. Und eine solche Frage wie diese - man wird sie erkennen als eine solche, die eigentlich aus der obrigkeitsgehorsamlichen Stimmung der Gegenwart heraus fließt, und nicht aus einem wirklich sachlichen Untergrunde. Die vierte Frage:
Ist neben oder über den Sondervertretungen der drei Glieder noch ein etwa aus deren obersten Leitung bestehendes oder ein zu wählendes Parlament (für die Einzelstaaten? für das Reich?) gedacht?
[ 17 ] Nun, verehrte Anwesende, da muß zunächst festgehalten werden, daß selbstverständlich - das habe ich ja auch in meinem Buche über die Soziale Frage ausgeführt — dasjenige, was Verwaltung oder Vertretung in den einzelnen der drei Glieder des sozialen Organismus ist, daß das mit den anderen in irgendeiner Weise zusammengehören muß und daß ein gegenseitiger Austausch stattfinden muß durch die Menschen. Aber man denkt auch in dieser Beziehung vielfach heute schon viel zu schablonenmäßig. So zum Beispiel ist — das steht nicht in dieser Frage - in einem langen Schriftstück, das mir in diesen Tagen übersandt worden ist, ausgeführt worden, daß die Dreigliederung eigentlich notwendig mache drei verschiedene Parlamente: ein Kulturparlament, ein Staatsparlament und ein Wirtschaftsparlament. Nun, ich habe allerdings die Meinung, daß, wenn in solch schablonenhafter Weise drei Parlamente mit drei Ministerien nebeneinander säßen, dann nur die eine Folge entstehen könnte, daß sich alle drei gegenseitig sabotieren. Das ist gerade dasjenige, was sich ergibt aus einer wirklichen Erkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse, daß der Parlamentarismus - und nur ein demokratischer Parlamentarismus ist ein wirklicher Parlamentarismus —, daß dieser Parlamentarismus nur beruhen kann auf demjenigen, was zwischen Mensch und Mensch dadurch festgesetzt werden kann, daß der Mensch einfach ein erwachsener, mündiger Mensch ist. Jeder muß teilnehmen können an dem demokratischen parlamentarischen Leben, der ein erwachsener, mündiger Mensch ist. Denn auf dem, was ein normaler, gesunder, erwachsener, mündiger Mensch ist, auf dem, was er wissen, was er denken, was er fühlen und was er wollen kann, auf dem kann alles dasjenige beruhen, was im Rechtsleben zum Austrag kommt. Aber in dieses Rechtsleben hat sich hineingemischt das Wirtschaftsleben, was also nicht bloß beruht auf den Empfindungen und Gedanken des erwachsenen, mündigen Menschen, sondern was beruht erstens auf wirtschaftlicher Erfahrung, die man sich nur im einzelnen konkreten Gebiete erwerben kann, zweitens auf den tatsächlichen Grundlagen, ich möchte sagen auf dem Kredit im umfassendsten Sinne ich meine nicht Geldkredit, sondern Kredit im umfassendsten Sinne, der dadurch in einer Menschengruppe erzeugt wird, daß diese Menschengruppe in einem bestimmten Produktionszweige drinnensteht. Weil sich da im Wirtschaftsleben alles entwickeln muß aus tatsächlicher Erfahrung und tatsächlicher Verwaltungsgrundlage des konkreten einzelnen Zweiges, kann dasjenige, was im Wirtschaftsleben an Organisation vorhanden ist, auch nur auf einer solchen Grundlage erwachsen, das heißt, es kann im Wirtschaftsleben nur eine sachgemäfße Verwaltung aus der wirtschaftlichen Erfahrung und aus den wirtschaftlichen Tatsachen, Grundlagen heraus sich entwickeln. Da wird es keine parlamentarische Vertretung an der Spitze geben, sondern es wird eine Struktur geben von Assoziationen, Koalitionen, Genossenschaften aus den Berufsständen, aus der Zusammengliederung von Produktion und Konsumtion und so weiter, die sich organisieren, die sich verwalten können. Und diese Struktur wird auch zu einer gewissen Spitze treiben —- ich möchte sagen zu einem Zentralrat treiben. Das kann aber nicht dieselbe Struktur sein, welche zum Ausdruck kommt in dem, was als Rechtsboden selbständig abgegliedert werden muß. Dafür wird natürlich gerade dasjenige, was wieder hereinwirken soll in das Wirtschaftsleben als Recht, das wird gerade dadurch richtig als Recht hereinwirken, daß es nun reinlich, ohne verunreinigt zu sein durch die wirtschaftlichen Interessen, auf dem Rechtsboden aus der Gemeinschaft aller mündig gewordenen Menschen entstehen kann. Und ebensowenig wie in der schablonenhaften, parlamentarischen Weise das Wirtschaftsleben verwaltet werden kann, ebensowenig kann auf diese Weise verwaltet werden das Geistesleben, das wiederum aus seinen besonderen Verhältnissen heraus eine auf seine eigenen Gesetze sich gründende Organisation entwickeln muß, die ganz anders sein wird als diejenige des Wirtschaftslebens. Dasjenige, was da im Geistesleben als die oberste Spitze sich ergibt, das wird gemeinsam mit alle dem, was in der Mitte steht, auf dem Rechtsboden, was parlamentarisch und ministeriell verwaltet, und mit dem, was als eine Art Zentralrat im Wirtschaftsleben sich ergibt, die gemeinsamen Angelegenheiten ordnen können. Ich weiß, es sind sehr viele Menschen, die sich so etwas nicht vorstellen können; aber in der Praxis wird es einfacher sein, vor allen Dingen fruchtbarer sein als all dasjenige, was heute an dessen Stelle steht.
[ 18 ] Das zweite Fragebündel trägt die Überschrift «Zum Wirtschaftsleben». Erstens:
Was geschieht mit dem vorhandenen Vermögensbesitz der Begüterten, insbesondere dem landwirtschaftlichen und dem städtischen Grundbesitz?
[ 19 ] Die Frage ist klar ausgeführt in meinem Buche über die Soziale Frage. Dasjenige, was uns in die einzelnen Krisen des Wirtschaftslebens und nun in die große Krise hineingeführt hat - denn eine solche ist die gegenwärtige Weltkatastrophe -, das ist jene Gestalt des modernen Wirtschaftslebens, die ich herauszustellen versuchte in meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage». In diesem Buche wird beantwortet, wie in der Zukunft auf der einen Seite das Produktionsmittel, das in Boden besteht, und auf der anderen Seite das industrielle Produktionsmittel [anders angesehen werden müssen]. Die industriellen Produktionsmittel dürfen nur solange Kapital saugen aus dem Wirtschaftskörper, bis sie fertig sind; wenn sie fertig sind, dann ist auch ihr Saugen des Kapitals aus dem Wirtschaftskörper fertig. Mit anderen Worten: Kosten können industrielle Produktionsmittel nur solange etwas, als an ihnen gearbeitet wird bis zu ihrer Fertigstellung; dann müssen sie übergehen in den Zirkulationsprozeß für Produktionsmittel; dann müssen sie durchaus dasjenige sein, was Allgemeinbesitz ist. Der Boden aber, der nicht fabriziert wird, sondern schon da ist, der kann überhaupt niemals etwas kosten.
[ 20 ] Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, wenn man gesund denkt, ergibt sich das in einer gewissen Weise heute schon, aber eben nur in den einzelnen Fällen, wo man gesund wirtschaftlich denkt. Wir haben als Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach einen Bau aufgeführt, der noch nicht fertig ist, der durch die Weltkriegskatastrophe in seiner Fertigstellung beeinträchtigt worden ist. Wir haben ihn selbstverständlich aus den gegenwärtigen Wirtschaftsverhältnissen heraus gebaut, aber bei diesem Bau kann die Frage aufgeworfen werden: Wenn wir nun alle einmal tot sein werden, wenn wir alle nicht mehr dabei sein werden, wenn der Bau fertig sein wird, wem wird dann dieser Bau gehören, wer wird ihn einem andern verkaufen können? — Diese Frage beantwortet sich für unseren Bau ganz von selber. Er wird niemandem gehören; er gehört selbstverständlich der Allgemeinheit. Denn er ist aus der gesunden Grundlage heraus gebaut, daß er einmal [in der Zukunft] als Gemeingut der ganzen Menschheit wird übergehen können auf den, der ihn wiederum verwalten kann. Man muß nur einmal praktisch auf eine solche Sache gekommen sein. Man kann in der gegenwärtigen Wirtschaftsform nur annähernd dazu kommen, aber man wird sehen, daß dasjenige, was in meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage» darüber steht, daß jedes Kaufverhältnis aufhört bei einem Produktionsmittel, wenn es fertiggestellt ist, und daß eben in anderen Formen dieses dann nicht mehr käufliche Produktionsmittel in die Verwaltung der Gesellschaft übergeht. Und man wird sehen, daß darinnen etwas im eminentesten Sinne Praktisches liegt.
[ 21 ] Die zweite Frage:
Wie ist der Kleinhandwerker und das Kleingewerbe zu organisieren?
[ 22 ] Es ist nicht anders zu organisieren als das Großgewerbe und das Großhandwerk, aus dem einfachen Grunde, weil sich aus den Gesetzen des Wirtschaftslebens selbst heraus ergeben wird - aus den Gesetzen, die ich neulich im Vortrag ausgeführt habe -, daß ein zu großes Gewerbe oder zu ein großer Betrieb diejenigen schädigt, verhungern läßt, die außer ihm stehen, und daß ein zu kleines Gewerbe, ein zu kleiner Betrieb diejenigen schädigt, die in ihm stehen. Es wird sich die Größe aus den zukünftigen wirtschaftlichen Verhältnissen von selbst anstreben lassen.
[ 23 ] Die dritte Frage:
Soll der Handel, insbesondere der Großhandel für Import und Export, aufhören?
[ 24 ] Das wäre natürlich ein völliges Unding, wenn er aufhören würde. Wer wirklich mit einem praktischen Sinn sich durchdenkt dasjenige, was in meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage» ausgeführt ist, der wird sehen, daß die tatsächlichen Verhältnisse an den Grenzen des Wirtschafts-, des Rechts-, des Geistesgebietes keineswegs andere werden. Nicht einmal die Initiative der einzelnen wird dadurch eine andere, die ja notwendig ist selbstverständlich nach außen hin. Dasjenige, was geändert wird, sind nur die sozialen Verhältnisse im Innern. Geändert werden überhaupt nur Dinge, die gar nichts zu tun haben mit demjenigen, was an den Grenzen vorgeht, außer daß an diesen Grenzen dasjenige, was bisher in so störender Weise wirkte und in den furchtbaren Kriegsexplosionen sich auslebte, sich gegenseitig harmonisieren wird. Dadurch, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse an den Grenzen ausgleichend wirken auf die internationalen Rechtsverhältnisse und auf die internationalen Geistesverhältnisse - zum Beispiel auch an den Sprachgrenzen -, dadurch wird gerade der dreigegliederte soziale Organismus in internationaler Beziehung, wie ich in meinem Buche ausgeführt habe, seine große Bedeutung haben. Da wird nur nicht mehr bei Import und Export in bunter Weise sich durcheinandermischen können dasjenige, was auf der einen Seite aus dem Wirtschaftlichen und auf der anderen Seite aus dem Rechtlichen oder aus dem Geistigen, zu dem auch das Nationale gehört, sich entwickelt. Das Unding «nationale Wirtschaft», das wird allerdings aufhören, aus dem einfachen Grunde, weil über die Grenzen hin für Export und Import lediglich wirtschaftliche Verhältnisse maßgebend sein werden und weil nicht mehr die Möglichkeit bestehen wird, daß solche Weltkonflikte hervorgerufen werden durch das Ineinanderknäueln von wirtschaftlichen und politischen Interessen. In einer solchen Durcheinanderknäuelung von politischen, kulturellen, wirtschaftlichen Fragen, wie sie zum Beispiel bei der Sandschak-Frage oder der Dardanellen-Frage im Südosten des europäischen Kontinents oder beim Bagdadbahn-Problem aufgetaucht ist, liegt ein großer Teil von dem, was dann zu der gegenwärtigen Weltkriegskatastrophe geführt hat.
[ 25 ] Die vierte Frage:
Tritt für den «Lohn» Naturalwirtschaft an die Stelle des Geldverkehrs?
[ 26 ] Daß der Begriff des Lohnes in der Zukunft keine rechte Bedeutung mehr hat, indem eine Art Vergesellschaftung eintreten wird zwischen dem Handarbeiter und dem geistigen Arbeiter — das habe ich in meinem Buche ausgeführt, auch in Vorträgen vielfach schon angedeutet. Also von einer Rückkehr zur bloßen Naturalwirtschaft kann natürlich nicht die Rede sein. Aber das Geld wird — auch wenn der führende Handelsstaat England an der Goldwährung festhält —- zunächst wenigstens im Inlandsverkehr eine andere Bedeutung erhalten. Es wird dasjenige, was heute dem Gelde anhaftet — daß es Ware ist -, das wird wegfallen. Dasjenige, was im Geldwesen vorliegen wird, wird nur eine Art wandelnde Buchhaltung sein über den Warenaustausch der dem Wirtschaftsgebiet angehörenden Menschen. Eine Art aufgeschriebener Guthaben wird man haben in dem, was man als Geldunterlage hat. Und ein Abstreichen dieser Guthaben wird stattfinden, wenn man irgend etwas erlangt, was man zu seinem Bedarf braucht. Eine Art Buchführung, wandelnder Buchführung wird das Geldwesen sein. Das Geld, das heute Ware ist und dessen Gegenwert, das Gold, ja nur eine Scheinware ist, das wird in Zukunft nicht mehr Ware sein.
[ 27 ] Die fünfte Frage:
Ist Arbeitszwang in Aussicht genommen?
[ 28 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, wer in den Geist meines Buches «Die Kernpunkte der Sozialen Frage» eindringt, der wird sehen, daß dasjenige, was nun wirklich jedem einigermaßen menschlich denkenden Menschen - das sage ich hier ganz unverblümt - als das Scheußlichste erscheinen muß, ein bürokratisch angeordneter Arbeitszwang, daß der in der Zukunft [in einem dreigegliederten sozialen Organismus] wegfallen kann. Natürlich ist ja jeder aus den sozialen Verhältnissen heraus gezwungen zu arbeiten, und man hat nur die Wahl, entweder zu verhungern oder zu arbeiten. Einen anderen Arbeitszwang als den, der sich auf diese Weise aus den Verhältnissen ergibt, kann es nicht geben [in einer sozialen Ordnung], in der doch die Freiheit des menschlichen Wesens eine Grundbedingung ist.
[ 29 ] Die sechste Frage:
Ist Abschaffung jedes Erbrechtes geplant?
[ 30 ] Das Erbrecht, insofern Teile desselben bleiben, wird ja höchstens darauf beruhen können, daß in einer Übergangszeit irgendwie gerechnet werden muß mit Pietätsverhältnissen und dergleichen. Aber von einem Erbrecht [im Sinne des bisherigen Erbrechts] wird in der Zukunft nicht mehr gesprochen werden können aus dem einfachen Grunde, weil auf der einen Seite es das nicht mehr geben kann, daß irgend etwas, was eigentlich nicht verkauft werden kann, was nicht käuflich ist, für einen noch einen Wert hat. Auf der anderen Seite wird man das Erbrecht nicht mehr brauchen, weil unter den Einrichtungen des gesunden sozialen Organismus die Menschen diejenigen, die zu ihnen gehören, in einer ganz andern Weise werden für ihre Zukunft abfinden können, als es heute unter dem rein materiellen Erbrecht geschieht - ich habe das in meinem Buche ausgesprochen.
[ 31 ] Das dritte Fragebündel ist überschrieben: «Zur praktischen Durchführbarkeit». — Die erste Frage:
Wird nicht durch die Zufälligkeit persönlicher Begabung (oft nicht sachlichen Gehalts, sondern individueller Fähigkeit wie Gewandtheit, Rednergabe und dergleichen) eine Oberschicht geschaffen, bei welcher die Gefahr des Mißbrauches der anvertrauten Macht sowie der Korruption besteht und welcher gegenüber Neid und Mißgunst der Unterschicht bestehen bleibt?
[ 32 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, derjenige wird niemals zu irgendeiner fruchtbaren Gestaltung des sozialen Organismus irgend etwas beitragen können, der diese Gestaltung nicht haben will, wenn sie nicht dem absolut idealen Zustand entspricht. Der größte Feind aller sozialen Impulse ist der, wenn man durch diese sozialen Impulse gewissermaßen das Glück der Menschheit begründen will. Ich möchte da einen Vergleich gebrauchen. Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, nehmen wir den menschlichen Organismus, nehmen wir an, er sei ein sogenannter gesunder Organismus. Den spürt man ja gar nicht, und gerade dadurch, daß man in seinem Organismus nichts spürt, ist er ein gesunder Organismus. Freude, Harmonie, innere Kultur der Seele muß sich auf der Grundlage eines solchen gesunden Organismus erst ergeben. Sie können dem Arzte nicht zumuten, daß er Ihnen außer Gesundheit auch Seelenfreude oder innere Seelenkultur gibt, sondern sie können ihm nur zumuten, daß er Ihren Organismus gesund macht. Auf der Grundlage eines gesunden Organismus muß sich dann dasjenige, was innere Seelenkultur ist, erst ergeben. Ist aber der Organismus krank, dann nimmt die Seele teil an der Krankheit, dann ist ihr inneres Leben von dieser Krankheit abhängig. So ist es auch im sozialen Organismus. Der kranke soziale Organismus macht die Menschen unglücklich; der gesunde soziale Organismus kann aber die Menschen noch nicht glücklich machen, sondern es ist erst der Boden geschaffen für das Glück der Menschen, das dann entstehen kann, wenn der soziale Organismus gesund ist. Daher ist der Impuls für den dreigliedrigen sozialen Organismus der, die Lebensbedingungen eines gesunden sozialen Organismus zu suchen. Selbstverständlich können auch da Korruptionen oder dergleichen entstehen — das kann nicht in Abrede gestellt werden -, allein solche Korruptionen werden durch Gegenschläge wiederum verbessert werden können, und die größte Aussicht, sie zu verbessern, wenn sie auftreten, liegt eben in der Gesundheit des sozialen Organismus selber. Ich bin ganz fest davon überzeugt: Wenn der soziale Organismus gesund ist, dann werden die Professionsschwätzer mit ihrer Rednergabe einfach die Menschen vertreiben, sie werden nicht viel Zuspruch haben. Gegenwärtig ist aus unseren sozialen Verhältnissen heraus das ja noch nicht der Fall. Insbesondere da, wo das geistige Leben gedeihen soll, da tritt manchmal das ein, daß bei irgendeinem auf einem Lehrstuhl sitzenden Professionsschwätzer die Zuhörer zwar Reißaus nehmen, aber ihre Kollegiengelder müssen sie bezahlen und unter Umständen können sie auch ihre Examina ablegen. Und die Professionsschwätzerei mit ihrer Korruption hat auf das äußere wirkliche Leben, auf die Lebensbedingungen des sozialen Organismus eigentlich keine besondere Wirkung. Derlei Dinge werden natürlich wegfallen in der Zukunft, wenn der Mensch angewiesen ist, im geistigen Leben darauf zu bauen, daß er sich das Vertrauen seiner Mitmenschen erwerben muß und daß zum Beispiel nur auf diesem Vertrauen seiner Mitmenschen dasjenige beruht, was er leisten kann.
[ 33 ] Die zweite Frage, und das ist die letzte Frage, die mir in diesem Fragebündel gestellt worden ist:
Welche Anhaltspunkte bestehen dafür, daß der Kommunismus, welcher nicht die Gleichberechtigung des Proletariats mit der Bourgeoisie, sondern die Herrschaft des Proletariats anstrebt und der Ansicht ist, daß die Bourgeoisie auf ihre derzeitige Stellung nicht freiwillig verzichtet, auf sein Machtprogramm zugunsten der Dreigliederung verzichtet und in einem Entgegenkommen der Besitzenden nicht nur eine Abschlagszahlung erblickt?
[ 34 ] Diese Frage ist nicht so ohne weiteres aus der Gestaltung des dreigliedrigen Organismus heraus zu beantworten, sondern da muß gesagt werden, daß die Kluft, welche aufgerichtet worden ist zwischen dem Proletariat einerseits und dem Nichtproletariat andererseits, im wesentlichen aus der Schuld der führenden Kreise, also des Nichtproletariats, heraus entstanden ist und daß die nächste Aufgabe dieser führenden Kreise darin bestehen würde, die Forderungen des Proletariats wirklich zu verstehen, wirklich auf sie eingehen zu können; denn das Proletariat wird brauchen vor allen Dingen dasjenige, was die Kraft der geistigen Arbeiter ist. Nicht in irgend welchen unmöglichen Ansprüchen von der einen oder andern Seite her sollte man eine Gefahr erblicken, sondern allein in dem mangelnden guten Willen, über den Abgrund hinüber irgendwelche Brücke zu schlagen.
[ 35 ] Es liegen nun noch ein paar andere schriftliche Fragen vor, zum Beispiel die Frage:
Im dreigliedrigen sozialen Organismus wird die menschliche Arbeitskraft den Charakter der Ware verlieren. Einen Lohn in seitherigem Sinne wird es nicht mehr geben. Den Arbeitern eines Betriebes wird ein vertraglich zu vereinbarender Teil des Gesamtertrages des betreffenden Betriebes zukommen, ein anderer Teil wird den Angestellten und dem Berriebsleiter gehören. Auf welche Weise wird nun dafür gesorgt sein, daß dem Arbeiter eine Art Existenzminimum gesichert bleibt, zum Beispiel bei geringer Ertragfähigkeit eines einzelnen Betriebes?
[ 36 ] Diese Frage ist in meinem Buch behandelt, und ich habe hier nur zu bemerken, daß die Frage im eminentesten Sinne dann, wenn wirklich die drei Glieder des gesunden sozialen Organismus bestehen, eine Wirtschaftsfrage ist und daß durch die Sozialisierung des Wirtschaftslebens eine große praktische Frage für diejenigen Verwaltungen entstehen wird, welche innerhalb des Wirtschaftskörpers tätig sein werden. Im wesentlichen, möchte ich sagen, reduziert sich diese Frage auf das folgende: Dasjenige, was man heute ein Existenzminimum nennt, das ist noch immer auf das Lohnverhältnis hin gedacht. Diese Art des Denkens, die wird beim selbständigen Wirtschaftsleben nicht in derselben Weise stattfinden können. Da wird die Frage reinlich aus dem Wirtschaftsleben heraus gestellt werden müssen. Diese Frage wird sich dann so stellen, daß der Mensch, indem er irgendeine Leistung vollbringt, indem er irgend etwas hervorbringt, für diese Leistung so viel an anderen Menschheitsleistungen durch Austausch wird zu bekommen haben, als er nötig hat, um seine Bedürfnisse und die Bedürfnisse derjenigen, die zu ihm gehören, zu befriedigen, bis er ein neues, gleichartiges Produkt hervorgebracht hat. Dabei muß nur in Anrechnung kommen all das, was der Mensch für seine Familie an Arbeit und dergleichen zu leisten hat. Dann wird man eine gewisse, ich möchte sagen Urzelle des Wirtschaftslebens finden. Und dasjenige, was diese Urzelle des Wirtschaftslebens zu dem machen wird, was eben den Menschen seine Bedürfnisse wird befriedigen lassen, bis er ein gleichartiges, neues Produkt hervorbringt, das gilt für alle Zweige des geistigen und materiellen Lebens. Das wird so zu ordnen sein, daß die Assoziationen, die Koalitionen, die Genossenschaften von der Art, wie ich sie vorhin dargestellt habe, zu sorgen haben werden, daß diese Urzelle des Wirtschaftslebens bestehen kann. Das heißt, daß ein jegliches Produkt im Vergleich mit anderen Produkten denjenigen Wert hat, der gleichkommt den anderen Produkten, die man braucht zu Befriedigung der Bedürfnisse bis zur Herstellung eines neuen, gleichartigen Produkts. Daß diese Urzelle des Wirtschaftslebens heute noch nicht besteht, das beruht eben darauf, daß im Angebot und Nachfrage des heutigen Marktes zusammenfließen Arbeit, Ware und Recht und daß diese drei Gebiete in der Zukunft getrennt werden müssen im dreigeteilten, gesunden sozialen Organismus.
[ 37 ] Dann ist noch folgende Frage gestellt worden:
Wie denkt sich Herr Dr. Steiner die verbesserte Zukunft des Standes der Privatlehrer und -lehrerinnen sowie ähnlicher Berufsarten, deren zum Leben notwendige Einnahmen jetzt von der Anzahl der von ihnen persönlich geleisteten Arbeitsstunden abhängig ist? Wie wird es möglich werden, in Zukunft auch deren Arbeitskraft des Charakters der Ware zu entkleiden?
[ 38 ] Nun, das macht sich ganz von selbst, denn jeder, der als Lehrer im geistigen Leben tätig ist, der wird, wenn er nicht mehr eingespannt ist in die Staatsmaschine, eigentlich mehr oder weniger gestellt sein in Freiheit, aber dann in gesunder Weise, wie jede geistige Kulturtätigkeit im dreigegliederten Organismus. Das ist dasjenige, was etwa über eine solche Frage zu sagen ist. Einfach werden solche Personen, wie sie hier gemeint sind, gleichgestellt sein denjenigen, die heute Monopole haben, dadurch, daß sie auf dem Gebiete des Geistigen verquickt sind in ihrer Stellung mit den rein staatlichen Verhältnissen.
[ 39 ] Ich glaube, ich werde nun eine Unterbrechung in der Beantwortung der schriftlich gestellten Fragen eintreten lassen, damit nicht etwa noch Fragen, die aus dem verehrten Zuhörerkreise herauskommen sollten, beeinträchtigt werden. Die Fragen, die ich zuerst beantwortet habe, die Jagen mir schon seit längerer Zeit vor, und ich wollte sie heute zunächst beantworten, weil ich glaube, daß sie wirklich für einen größeren Kreis bedeutsam sein könnten. Sollte heute die Beantwortung der Fragen nicht zu Ende geführt werden können, so kann das ja bei anderer Gelegenheit geschehen. Ich glaube also, es wird gut sein, wenn wir die Fragen, die sich aus dem Zuhörerkreise ergeben könnten, jetzt vielleicht an uns herankommen lassen.
Wilhelm von Blume: Ich bitte also die verehrten Anwesenden, wenn etwa Ihnen noch Fragen auf dem Herzen liegen, sich jetzt zu äußern und sie soweit irgend möglich schriftlich hier heraufzugeben. Es soll aber auch unbenommen sein, mündlich Fragen zu stellen, nur würden wir dann bitten, hierherzukommen und die Frage von hier zu stellen, damit wir Sie alle vernehmen können.
[ 40 ] Vielleicht darf ich inzwischen die eine Frage, die vorhin angeregt worden ist, noch mit einem Worte beantworten, die ich dem von Herrn Dr. Steiner Gesagten hinzufügen möchte, weil mir selbst nämlich diese Frage gelegentlich aufgestiegen ist und ich deswegen wohl begriff, daß sie gestellt wurde. Es ist das die Frage nach der Stellung der Gemeinden in dem zukünftigen dreigegliederten Organismus. Vielleicht möchte der Fragesteller noch Genaueres darüber wissen, wie denn eigentlich bei der Dreigliederung des sozialen Organismus in Zukunft die Lage der Gemeinden sein wird. Es ist da gefragt worden: Was wird denn eigentlich mit den Schulen der Gemeinden, was wird mit den Gaswerken und so weiter? Dahinter steckt die Frage: Ja, was wird denn aus der Gemeinde in Zukunft, wenn nämlich, wie es ja wohl zweifellos ist, das Gaswerk als eine Veranstaltung des Wirtschaftslebens hineingefügt werden muß in die Gesamtorganisation des Wirtschaftslebens, also nicht mehr als eine besondere Gemeindeanstalt gelten kann? Etwas anderes ist von dem Herrn Fragesteller nicht erwähnt worden, was aber zum mindesten ebenso wichtig ist, das ist die Frage der Beschaffung von Wohnungen. Wer wird denn in Zukunft zu sorgen haben für die Herstellung von Wohnungen? Die Herstellung von Wohnungen ist, um es einmal so auszudrücken, ein wirtschaftlicher Vorgang, da es sich um «Produktion» handelt. Und daß die Überlassung von Wohnungen zum Gebrauch ebenfalls als ein wirtschaftlicher Vorgang anzusehen ist, darüber kann wohl kein Zweifel sein. Diese Angelegenheit wird dann in Zukunft erledigt werden müssen durch die Sonderorganisation des Wirtschaftslebens. Man könnte also meinen, die Gemeinde, die verliert ja dann die Aufgaben alle oder wenigstens ziemlich alle, die sie bis heute gehabt hat - und was wird denn eigentlich aus der Gemeinde? Und dennoch: die Gemeinde bleibt, und die Gemeinde wird auch in Zukunft noch eine außerordentlich wichtige Rolle spielen, genauso wie der Staat ja bleibt und auch in Zukunft noch Aufgaben zu erledigen hat. Daß die Überführung des Gaswerks aus der reinen Gemeindeverwaltung in eine besondere Wirtschaftsverwaltung doch auch ihre sehr, sehr guten Seiten hat, ich glaube, das wird jeder sofort empfinden, wenn er sich sagt, daß der Preis des Gases, der heute von der Gemeinde gefordert wird, nicht etwa festgesetzt wird mit Rücksicht darauf, daß möglichst viele Menschen dieses Gas zu dem Preise haben können, der den Kosten der Produktion entspricht, sondern daß das Gaswerk eine erwerbende Gemeindeanstalt ist und daß [durch den Überschuß] die Gemeindefinanzen bestritten werden. Genauso ist es mit den Elektrizitätswerken, der Straßenbahn und so weiter. Das heißt also, daß diese Anstalten, die eigentlich ganz bestimmte wirtschaftliche Zwecke verfolgen sollen, auch finanziellen Zwecken der Gemeinde dienen müssen, und zwar häufig genug so, daß der eigentliche Zweck der Versorgung der Gemeindeangehörigen mit diesen überaus wichtigen Gütern aufs allerstärkste beeinträchtigt wird. Also ein Vorteil ist es schon, wenn die Gemeinde in Zukunft nicht mehr solche Anstalten für ihre finanziellen Zwecke benutzen kann, sondern wenn diese nur noch zu rein wirtschaftlichen Zwecken verwendet werden. Aber die Gemeinde bleibt die dem Staat untergeordnete Organisation des gesamten Rechts- und Verwaltungswesens, das heißt insbesondere des Polizeiwesens und der sogenannten Wohlfahrtspflege - der Wohlfahrtspflege, soweit sie sich bezieht auf die Erhaltung der Kraft der einzelnen Menschen. Das wird die Aufgabe der Gemeinde sein, und da hat sie ihre allerwichtigste Aufgabe, wie heute schon. Es ist die Gemeinde eigentlich nur dazu gekommen zu wirtschaften, weil kein anderer sich dieser Aufgabe in richtiger Weise annahm, und es ist ein Glück, glaube ich, für ein richtiges Gemeindeleben, wenn in der Zukunft das rein Wirtschaftliche nicht mehr von der Gemeinde besorgt wird. Es ist ein Glück, wenn in Zukunft die Gemeindeverwaltung nicht mehr so organisiert ist, daß die egoistischen Interessen die Herrschaft haben, sondern wenn sie so organisiert wird, daß in der Tat dort jeder einzelne zu seinem Rechte kommen kann.
[ 41 ] Was auf der anderen Seite das geistige Leben betrifft, so wird auch das gegenüber der Gemeinde gelten müssen, was allgemein für die Loslösung dieses geistigen Lebens vom Einflusse des Staates gilt. Es ist klar, daß heute die Gemeinden auf diesem Gebiete sehr vieles Gute geschaffen haben, aber die Nachteile des Hineinregierens von wirtschaftlichen Interessen — insbesondere in das Kulturgebiet, die sich immer wieder zeigen -, diese Nachteile sind auf dem Gebiete des Gemeindelebens deutlich genug zu spüren. Aber trotzdem bleibt für die Gemeinde noch das ganz große Gebiet, das sie auch schon früher gehabt hat, ehe sie solche Gemeindeanstalten in eigene Regie nahm. Also die Befürchtung, daß die Gemeinde vollständig überflüssig würde, ist geradeso ungerechtfertigt, wie die andere Befürchtung, daß der Staat eigentlich erledigt wäre durch diese Dreigliederung. So ist es nicht.
[ 42 ] Weitere Fragen sind aus der Versammlung bis jetzt nicht gestellt worden. Herr Dr. Steiner wird in der Beantwortung der schriftlich gestellten Fragen fortfahren.
[ 43 ] Rudolf Steiner: Es liegt weiter die Frage vor:
Die Steinersche Wirtschaftsordnung wird sich in großen Zügen einer bestimmten Regierungspolitik zu unterwerfen haben, etwa der des Nationalitätenprinzips, der militaristischen oder pazifistischen Weltordnung. Wird nach diesen führenden Prinzipien die Belastung der Wirtschaft (abgesehen von der gegenwärtigen durch Kriegsschulden und Kriegsentschädigungen) eine andere sein? Wird nicht zum Beispiel eine im alten Denkvorgang nationalistische Politik die Wirtschaft wieder vor allem anderen belasten und die allgemeine Wohlfahrt untergraben?
[ 44 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, die Frage, sie ist entstanden aus einer noch nicht völligen Durchdringung desjenigen, was eigentlich das Wesen des dreigliedrigen sozialen Organismus ist. Sehen Sie, die Schäden des Einheitsstaates, sie entstehen ja dadurch, daß sich, sagen wir in das Rechtsleben, also im weitesten Umfange in die Politik hineinmischen wirtschaftliche Interessen, daß zum Beispiel die Landwirte einen Bund bilden und als «Bund der Landwirte» sich im Staatsparlament geltend machen und dort aus ihren Interessen heraus Einfluß auf das Rechtsleben nehmen. Oder auf der anderen Seite [können Schäden entstehen, wenn] sich eine Korporation, die rein geistige Interessen verfolgt — sagen wir zum Beispiel das katholisch organisierte «Zentrum» — wiederum in das Staatsparlament hineinsetzt und dort die Rechtsinteressen, ich möchte sagen zu umgestalteten geistigen Interessen macht. Nun werden Sie sagen: Gut, in Zukunft bestehen getrennt voneinander die drei Glieder: geistiger Organismus, der sich vollständig selbstverwaltet aus den geistigen Grundsätzen heraus; rechtlicher Organismus, der die Fortsetzung des gegenwärtigen staatlichen Organismus bilden wird, aber eben nicht in sich das geistige Leben und das wirtschaftliche Leben haben wird, sondern nur das Rechts- und politische Leben; wirtschaftlicher Organismus, der Kreislauf des Wirtschafts m. lebens. Aber, werden Sie sagen, die drei Gebiete haben doch gewisse Dinge, gewisse Interessen miteinander gemein, und sie hängen ja durch den Menschen selbst zusammen; der einzelne Mensch steht in irgendwelchen Betrieben drinnen, in die die drei selbständigen Verwaltungsgebiete hineinspielen. Sie werden fragen: Ja, könnte denn nicht auch in der Zukunft für das Parlament des Rechtsbodens irgendein Klub oder dergleichen sich geltend machen, der die Wirtschaftsinteressen hereinträgt auf den Rechtsboden und im Staatsparlament geradeso seine Interessen geltend macht, wie zum Beispiel beim Einheitsstaat der Bund der Landwirte aus Wirtschaftsinteressen Rechte machen will oder wie das Zentrum aus religiösen, aus konfessionellen Interessen, also vom Geistesleben aus, Rechte machen will durch Koalitionen mit anderen Parteien?
[ 45 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, das Wesen des dreigliedrigen sozialen Organismus, das heute noch so wenig eingesehen wird, das besteht darin, daß man auf dem Gebiete des Wirtschaftsbodens nur wirtschaftliche Maßnahmen wird treffen können, keine Rechtsmaßnahmen und keine Maßnahmen, die mit der Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten etwas zu tun haben, die im Geistesleben zu verwalten sind; auf dem Boden des Rechtslebens wird man überhaupt nur Rechtsfragen zu entwickeln haben. Nehmen wir also an, es würde sich ein Klub mit wirtschaftlichen Interessen finden in dem Parlament des Rechtsbodens, in dem Staatsparlament, so würde er niemals Maßnahmen treffen können, die irgendwie auf das Wirtschaftsleben einen Einfluß haben, da in diesem Parlament überhaupt nur Rechtsfragen zur Verhandlung kommen, die sich auf die Gleichheit aller Menschen beziehen. Sie können also auch nicht aus dem Wirtschaftsleben heraus gedacht sein. Wirtschaftsleben kommt überhaupt nicht in Frage im Rechtsparlament. Es ist jedem unmöglich, auch wenn er mit noch so viel wirtschaftlichen Interessen hineinkommt ins Rechtsparlament, dort drinnen die wirtschaftlichen Interessen zur Geltung zu bringen, weil auf dem Boden des Rechtslebens nichts geschehen kann, was wirtschaftlichen Charakter hat - das kann nur auf dem Boden des Wirtschaftslebens geschehen. Das ist gerade der Sinn, daß nicht irgendwie die Menschen in Stände gegliedert werden, sondern daß - von den Menschen abgesondert - der soziale Organismus selbst gegliedert wird. Also dasjenige, was jetzt Einheitsstaat ist, zerfällt in drei Gebiete, und man wird auf jedem der drei Gebiete die Interessen des andern Gebietes gar nicht geltend machen können, weil die Geltendmachung keine Wirkung haben kann auf diesem Gebiete. Diese Konsequenz ist es gerade, in der das in der Zukunft Heilsame für den sozialen Organismus liegen wird; sie ist auch der Grund, warum dieser dreigeteilte soziale Organismus eine soziale Notwendigkeit ist.
[ 46 ] Ich glaube, die Mehrzahl derjenigen, die sich heute schon bekannt gemacht haben mit dem Impuls des dreigeteilten Organismus, betrachten das, was mit ihm gemeint ist, noch viel zu sehr als etwas Ausgeklügeltes, als etwas außerhalb der Praxis Stehendes, als etwas, wo wieder einmal einer nachgedacht hat und dabei ihm eingefallen ist: Mit dem Einheitsorganismus ist es schlecht gegangen, na, machen wir ihn zu dreien. - Darum handelt es sich nicht, sondern das Erkennen des wirklichen Lebens, der wirklichen Lebensnotwendigkeiten, das ist es, was als Konsequenz den dreigeteilten sozialen Organismus ergibt. Man hört heute so sehr häufig die Leute sagen: Ja, was der eigentlich will, verstehen wir nicht. - Man versteht nicht, was eigentlich gewollt ist. Heute sagen so viele Leute einem solchen Impuls gegenüber: Das verstehen wir nicht. — Woher rührt das? Sehen Sie, das rührt wieder von etwas her, was durch den dreigegliederten Organismus anders und eben besser werden soll. Heute fehlt bei den Menschen, wenn sie etwas beurteilen sollen, vor allen Dingen der Zusammenhang mit dem Leben. Wenn man heute aus einer Theorie heraus spricht, aus irgend etwas heraus spricht, was sich mit ein paar allgemeinen Grundsätzen [erklären läßt], die schließlich für jeden normalen Menschen begreiflich sind, wenn er mündig geworden ist, [dann verstehen das die Leute]. Wenn man aber heute von so etwas spricht, was sich nicht auf diese Art begreifen läßt, sondern wozu der wahre Zusammenhang mit dem Leben notwendig ist, wo man appellieren muß an die Lebenserfahrung — da kommen die Leute und sagen, das verstehen sie nicht. Woher rührt das eigentlich? Das rührt her vom Einheitsstaat, den wir seit vier Jahrhunderten haben; durch diesen Einheitsstaat sind die Menschen in ein Leben hineingeworfen worden, wo sie in einem besonderen Lebensgebiete drinnenstehen und in diesem sich eine gewisse Routine erworben haben. Diese Routine, die nennen sie ihre Praxis. Das wissen sie, was sie durch diese Routine haben. Im übrigen werden sie vom Staate erzogen von der untersten Schulstufe auf. Da spielt nicht das in die Erziehung hinein, was in der Zukunft in die Erziehung hineinspielen wird, das wirkliche Leben, sondern da spielen in die Erziehung hinein Verordnungen, Gesetze und so weiter. In das menschliche Denken fließt schon [von der untersten Schulstufe] ein das Abstrakte der Verordnung, des Gesetzes, so daß die Menschen heute nur die Routine irgendeines einzelnen Zweiges haben, die sie ganz mechanisch handhaben. Wer mit ihnen darüber nicht einverstanden ist aus einer breiteren Lebenserfahrung, den nennen sie einen Trottel oder einen unpraktischen Menschen. Und daneben haben sie einen Kopf voll Abstraktionen, weil sie nur erzogen worden sind aus Verordnungen, Gesetzen, Lehrzielen und so weiter heraus, die nicht aus dem Leben, sondern bloß aus irgendwelcher abstrakten Denkweise heraus entnommen sind, die einzig und allein Berechtigung hat auf dem Rechtsboden, aber auf keinem anderen Lebensboden. Auf dem Rechtsboden hat sie Berechtigung aus dem Grunde, weil auf dem Rechtsboden Berechtigung hat, was jeder normale, mündig gewordene Mensch einfach dadurch, daß er mündig ist, aus sich herausspinnen und als Menschenrecht gegenüber allen anderen Menschen in Anspruch nehmen kann. Aus dem aber kann nicht herausgesponnen werden, was in die Verwaltung des Wirtschaftslebens, was in die Entwicklung des Geisteslebens einfließen muß. Daher, weil wir entbehrt haben die Freiheit des Geisteslebens, das Auf-sich-selbst-Gestelltsein des Geisteslebens, haben wir heute jene sonderbare Erscheinung, daß die Menschen nur dasjenige begreifen können, was sie sich schon seit langem gedacht haben.
[ 47 ] Ich habe neulich in einer Nachbarstadt über dieselben Fragen gesprochen, über die ich jetzt auch hier spreche. Nachher hat sich zur Diskussion jemand gemeldet, welcher etwas vorgebracht hat, aus dem man ersehen konnte, daß er einfach von meinen Ausführungen nur dasjenige aufgenommen und sogar gehört hat, woran er schon seit Jahrzehnten gewohnt war, sogar bis auf die Satzbildung. Was aber nicht in seinem Hirnkästchen schon drinnen war seit Jahrzehnten, das hat der Mensch nicht einmal gehört, das ging so fremd an ihm vorbei, daß er es nicht einmal gehört hat, daß er es in der Diskussion überhaupt abgeleugnet hat. Das kommt daher, weil so etwas wie der Impuls zum dreigegliederten sozialen Organismus appellieren muß nicht an das, was uns anerzogen ist durch abstrakte Verordnungen, Gesetze, Lehrziele, Lehrgänge und so weiter, sondern appellieren muß an das, was der Mensch aus dem Leben selber heraus versteht. Deshalb hat sich heute eine solche Kluft aufgerichtet, wenn man nicht aus utopistischem und ideologischem Denken heraus redet, sondern eben gerade aus dem Leben heraus redet. Je praktischer man heute redet, desto unpraktischer nennen einen die Menschen, weil die Menschen eine wirkliche Lebenspraxis nicht haben, sondern lediglich Lebensroutine und Abstraktionen im Kopfe haben. Das ist es auch, was zu der Furcht führt, daß es in der Zukunft im dreigegliederten sozialen Organismus irgendwie zu einer Tyrannei von der einen oder andern Seite kommen könne. Die kann ja gar nicht kommen, weil eine solche Tyrannei, wie ich ausgeführt habe, sich gar nicht einmal geltend machen kann. Man würde, wenn man noch so viel Gesetze gäbe in dem Rechtsparlament, damit gar nichts treffen im Wirtschaftsleben, weil selbst das, was für die Interessen des Wirtschaftslebens gefährlich wäre, auf das Wirtschaftsleben nicht wirken könnte, da es sich selbständig verwaltet.
[ 48 ] Eine weitere Frage:
Wie werden andererseits die Anforderungen der Sozialpolitik, zum Beispiel Unterstützung der Kriegsinvaliden, Waisen, Schwachen und so weiter geregelt? Insbesondere in welchem Maßstabe? Wie werden die Ergebnisse der Wirtschaft verwendet? Kann nicht durch eine entsprechende Konstellation der Regierung die Sozialpolitik von Dr. Steiner illusorisch gemacht werden? Wenn auch die Hauptauswüchse des Kapitalismus, die Rentenwirtschaft, beseitigt wären, kann nicht die Verteilung der Lasten nach wie vor eine einseitige sein?
[ 49 ] Der letzte Teil der Frage ist ja schon mit dem beantwortet, was ich eben gesagt habe. Daß aber ein wirklich auf sich selbst gestelltes Wirtschaftsleben erst recht sorgen kann für Witwen und Waisen und so weiter, das habe ich in meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage» des breiteren ausgeführt. Ich habe es sogar vorhin schon angedeutet, daß eingerechnet werden muß in die wirtschaftliche Urzelle dasjenige, was ein jeder als Quote beizusteuern hat zu dem, was Witwen und Waisen, überhaupt sonstige nicht arbeitsfähige Menschen - wie in meinem Buche ausgeführt ist, auch für die Kinder, für die ich das Erziehungsrecht in Anspruch nehme -, zu bekommen haben. Der Maßstab dafür wird sich ergeben einfach aus der Lebenshaltung der übrigen Personen. Da man mit der wirtschaftlichen Urzelle einen Maßstab hat für die Lebenshaltung einer Person nach dem bestehenden wirtschaftlichen Gesamtwohlstande, so ist damit zu gleicher Zeit auch die Möglichkeit gegeben, einen Maßstab zu schaffen für das Leben derjenigen, die wirklich nicht arbeiten können.
[ 50 ] Die nächste Frage:
Könnten also die Gefahren der sogenannten Bourgeois-Regierung nicht nach wie vor bestehen bleiben? Werden diese nicht noch bestärkt, daß je nach Zusammensetzung der führenden politischen Richtung die Verteilung der Ämter so vor sich gehen kann, daß trotz aller guten Worte die Führung und die Besetzung der Fabriken, Genossenschaften und so weiter auf dem sogenannten «Vetterles»-Weg geschieht? Wer verbürgt bei einer rückständigen regierenden Gesellschaft, das heißt im Parlament, die Entfernung des Unfähigen, Faulen aus einer leitenden oder selbständigen Stellung? Kann nicht eine Cliquenwirtschaft die Vorzüge des Steinerschen Systems in kurzem vernichten?
[ 51 ] Im Grunde genommen geht auch die Beantwortung dieser Frage aus demjenigen hervor, was ich schon gesagt habe. Denn, sehr verehrte Anwesende, es handelt sich wirklich nicht darum, irgendeinen Idealzustand auszudenken, in dem es nun gar nicht mehr vorkommen kann, daß der eine oder andere etwas ausfrißt, sondern es handelt sich darum, den irgendeiner konkreten menschlichen Gesellschaft angepaßten bestmöglichen Zustand herauszufinden. Dasjenige, was etwa hier der «Vetterles»-Weg und dergleichen genannt wird, das würde, wenn Sie nur die Dinge ganz wirklich überdenken - aber praktisch, der Wirklichkeit gemäß überdenken -, ganz unmöglich. Denn, denken Sie nur daran, daß in diesem dreigliedrigen sozialen Organismus die Zirkulation der Produktionsmittel in weitestem Umfange stattfindet, daß ferner die Zusammenarbeit der Handarbeiter mit den Geistesarbeitern auf einem völlig freien Vertrag über die Leistungen beruht, daß also bei irgendeiner Vetternwirtschaft die ganze Arbeiterschaft, die geistige und physische Arbeiterschaft eines Betriebes einverstanden sein müßte mit dieser Vetternwirtschaft. Da sind also viel größere Garantien geschaffen als irgendwo anders. Wenn man überdenkt, was zum Beispiel bei einem tyrannisch zum Staatswesen gewordenen großen wirtschaftlichen Genossenschaftswesen alles an Korruption, an Spitzeltum entstehen kann, dann möchte ich wissen, wie sich das vergleichen läßt mit demjenigen, was im dreigegliederten Organismus durch einen Fehler der Menschennatur im einzelnen gewiß da und dort entstehen kann, sich selbstverständlich aber bald wieder korrigieren wird. Die größte Gewähr, daß Schäden, die nun einmal in der menschlichen Natur liegen, nicht zu stark um sich greifen, die wird gerade durch jene Lebendigkeit geboten, welche im dreigegliederten sozialen Organismus stattfindet, weil ja die drei Glieder des sozialen Organismus selber sich wiederum kontrollieren. Ein Einheitsorganismus, wenn er noch dazu auf das bloß materielle Wirtschaftsleben gebaut ist, der trägt gerade die Gefahren in sich, die mit dieser Frage charakterisiert sind; und weil man diese Gefahren voraussehen kann, ist - wiederum aus einer praktischen Notwendigkeit heraus — die Frage entstanden: Wie entfernt man aus einem Einheitswirtschaftskörper die Möglichkeit, daß diese Schäden entstehen? Dadurch, daß man das Rechtsleben herausnimmt, also die Korrektur schafft für dasjenige, was als Unrecht entstehen kann. Wodurch entfernt man die Schäden des wirtschaftlichen Produktionswesens auf geistigem Gebiete? Dadurch, daß das geistige Gebiet sich selbst verwaltet; es muß auf dem Vertrauen zu den Mitmenschen beruhen, und der Untüchtige muß sich vom geistigen Leben verabschieden und Handarbeiter oder dergleichen werden. Das alles ergibt sich gerade aus der Dreigliederung des sozialen Organismus, weil diese Dreigliederung zu gleicher Zeit die Möglichkeit der Korrektur für Schäden gibt, die auf dem einen oder anderen Gebiete entstehen.
[ 52 ] Hier ist noch eine Frage gestellt:
Wie denken Sie sich die Selbstverwaltung des geistigen Gebiets und von welchen Organisationen wird sie getragen werden?
[ 53 ] Nun, sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, im einzelnen diese komplizierte Selbstverwaltung des geistigen Gebietes Ihnen jetzt zu charakterisieren, das würde lange, lange Zeit in Anspruch nehmen. Ich kann nur andeuten, daß es sich darum handeln wird, daß innerhalb der Selbstverwaltung des geistigen Gebietes als Verwaltende nur stehen werden diejenigen Menschen, die auch in diesem geistigen Gebiete selbst tätig sind. Zum Beispiel auf dem Gebiete des Schulwesens wird also nichts anderes in die Selbstverwaltung einfließen als dasjenige, was der Pädagoge über den Pädagogen sachgemäß als Einfluß ausüben muß. Auch die Auswahl der Persönlichkeiten für bestimmte Stellen wird nicht auf Examen, Verordnungen und dergleichen, sondern auf die wirklich pädagogische Erkenntnis der Fähigkeiten und so weiter gebaut sein, so daß es von nichts anderem abhängen wird, an welcher Stelle ich im geistigen Organismus stehe, als - sagen wir auf dem speziellen Gebiet der Schule - von pädagogischen Gesichtspunkten allein, also von inneren Gesichtspunkten. Niemals wird irgendeine andere Körperschaft, die Wirtschafts- oder Staatskörperschaft, nach ihren Bedürfnissen die Schulen einrichten können. Die Schulen werden lediglich eingerichtet nach den menschlichen Bedürfnissen bis zum 15. Jahre und vom 15. Jahre ab nach den Bedürfnissen des sozialen Organismus, nach den Bedürfnissen des Lebens dieses sozialen Organismus. Dazu gehört aber, daß in der Tat dasjenige, was Verwaltung ist, genau von denselben Gesichtspunkten abhängt wie in den Unterrichtsanstalten der Unterricht selber. Es darf nicht in der Zukunft der Mensch von einem Staate an eine Stelle gestellt werden und dann auch den Verordnungen des Staates zu folgen haben, sondern alles dasjenige, was im geistigen Leben sich betätigt, ist nur in eine Verwaltung gestellt, die aus dem Gesichtspunkte dieses geistigen Lebens selbst heraus entstanden ist.
[ 54 ] Dann liegt die Frage vor:
Ist vom Bund für Dreigliederung bereits die Gründung eines Kulturrates für das geistige Gebiet in Aussicht genommen? Wenn nicht, dann sollte von der Versammlung die Initiative dazu ergriffen werden.
[ 55 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, es nützt heute nichts, wenn man nicht auf dem Gebiete der großen Aufgaben, die uns die Gegenwart auferlegt, ganz unbedingt offen und ehrlich redet. Das Wirtschaftsleben hat Formen angenommen, durch die das Proletariat zu einer energischen Vertretung seiner wirtschaftlichen Interessen gebracht worden ist. Es ist ja durch die mannigfachsten Umstände durchaus bekannt, daß heute das Proletariat sehr krankt an dem Umstande, daß es mehr oder weniger ein theoretisches Ziel, aber keine Praxis hat. Dennoch, was da lebt im Proletariat, das ist ein bestimmtes Wollen, das ist auch das Ergebnis einer ganz bestimmten politischen Schulung, die durch Jahrzehnte hindurchgegangen ist. Aus diesem Wollen wird sich heute so etwas formen lassen wie zum Beispiel ein Betriebsrat oder eine Betriebsräteschaft aus geistigen und physischen Arbeitern zusammen. Das wird nicht leicht sein, namentlich da es, wenn es nicht schnell geschieht, zu spät werden könnte.
[ 56 ] Aber, ich möchte sagen, es ist heute eine mit immer noch weniger furchtbaren Hindernissen kämpfende Arbeit als die Schaffung eines Kulturrats, denn da tritt einem das mannigfachste [an Hindernissen] entgegen. Zum Beispiel gibt es heute Parteiführer, die glauben, sozialistisch, ganz sozialistisch zu denken, gar nicht mehr im Sinne der alten Geisteskultur der bevorzugten Klassen zu denken, und dennoch haben sie nichts anderes als diese Geisteskultur übernommen. Es lebt in ihren Köpfen nichts anderes als die letzte Konsequenz dieser Geisteskultur. Diese Geisteskultur der leitenden, führenden Kreise, sie kann dadurch charakterisiert werden, daß sie innerhalb der letzten vier Jahrhunderte immer mehr und mehr eingemündet ist in ein solches Verhältnis vom geistigen Leben zum Wirtschaftsleben, daß das geistige Leben eigentlich nurmehr eine Folge des Wirtschaftslebens, eine Art Überbau über das Wirtschaftsleben ist. Aus dieser Erfahrung der letzten drei bis vier Jahrhunderte hat sich nun das Proletariat respektive die proletarische Theorie die Anschauung gebildet, daß das Geistesleben überhaupt nur etwas sein darf, was aus dem Wirtschaftsleben hervorgeht. In dem Augenblick, wo man das praktisch machen würde, daß das Geistesleben nur aus dem Wirtschaftsleben hervorgehen dürfe, in dem Augenblicke legt man den Grundstein zu einer völligen Vernichtung des Geisteslebens, zu einer völligen Vernichtung der Kultur. Das Bürgertum kann heute nicht verlangen, daß das Proletariat auf einem andern Standpunkte steht, als alles Heil vom Wirtschaftsleben zu erwarten - aus dem Grunde, weil das Bürgertum selbst alles zu dem Standpunkte gebracht hat, daß schließlich alles Geistige irgendwie vom Wirtschaftlichen abhängig ist.
[ 57 ] Der Gang der Entwicklung war ein solcher, daß zunächst diejenigen Schäden durch die geschichtliche Entwicklung überwunden wurden, die sich für den Menschen innerhalb der menschlichen Gesellschaft ergeben haben aus der aristokratischen Ordnung heraus. Aus dieser aristokratischen Ordnung heraus haben sich ergeben Rechtsschäden; das Bürgertum kämpfte um Rechte gegenüber demjenigen, was früher aristokratische Ordnung war. Dann hat sich in der geschichtlichen Entwicklung als weiteres ergeben der Gegensatz zwischen Bürgertum und Proletariat, das heißt zwischen Besitzenden und Besitzlosen. Der große Kampf zwischen Bürgertum und Proletariat geht dahin, die Arbeitskraft nicht mehr eine Ware sein zu lassen. So wie die Dinge heute liegen, handelt es sich darum, daß das Proletariat energisch verlangt — und das ist nicht allein eine proletarische Forderung, sondern eine geschichtliche —, daß in der Zukunft die physische Arbeitskraft nicht mehr Ware sein dürfe. Das Bürgertum hat den Liberalismus verlangt, weil es die alten aristokratischen Vorrechte nicht mehr wollte, weil es das Recht nicht mehr zu einer Eroberungs- und Kaufsache machen wollte. Das Proletariat verlangt die Emanzipation der Arbeitskraft vom Warencharakter. Wollen wir nicht etwas übriglassen, was ganz Mittel- und Osteuropa in den Zustand der Barbarei bringen würde, so müssen wir heute noch ein weiteres einsehen. Würde sich heute nicht die Forderung aus dem Proletariat heraus ergeben, mit den geistigen Arbeitern verständnisvoll zusammenzuarbeiten, dann würde das Proletariat zwar die physische Arbeit des Warencharakters entkleiden, aber die Folge davon wäre, daß in der Zukunft eintreten würde ein Zustand, durch den alle geistige Menschenkraft zur Ware wird. Dieser Zustand darf nicht erreicht werden, darf nicht herbeigeführt werden. Es muß der Ernst der Aufgabe so erfaßt werden, daß mit der physischen Arbeit zu gleicher Zeit auch der geistigen, wirklich geistigen Arbeit ihr Recht werde. Die alte Aristokratie hat herbeigeführt die Rechtlosigkeit des Menschen, das alte Bürgertum hat herbeigeführt die Besitzlosigkeit des Proletariats. Wenn die bloß materialistisch-wirtschaftliche Auffassung der proletarischen Frage bliebe, so würde zurückbleiben die Entmenschtheit des Geisteslebens. Vor dieser Gefahr stehen wir, wenn nicht diejenigen, welche Herz und Sinn haben für das Getstesleben, sich auf den Boden stellen, dieses Geistesleben selbst zu befreien. Und dieses Geistesleben kann nur befreit werden, wenn wir von [der Abhängigkeit des] Geisteslebens, das ich ja in der verschiedensten Weise charakterisiert habe, Abschied nehmen und wirklich durch einen ernsthaften Kulturrat eine Neugliederung des Geisteslebens herbeiführen. Da muß aber heute ehrlich und offen gesprochen werden: Das Interesse, das ist auf diesem Boden leider noch viel zu wenig da. Einzusehen, daß eine brennende Frage hier vorliegt, das ist die allernächste, die brennendste Aufgabe. Ein Kulturrat muß entstehen.
[ 58 ] Bei den Versuchen, die wir gemacht haben, unter anderem gestern in einer Sitzung, hat sich nicht gerade sehr Verheißungsvolles ergeben, weil den Menschen noch nicht vor Augen steht, was heute auf dem Spiele steht, wenn wir nicht dazu kommen, die geistige Arbeit auf ihre eigenen Füße zu stellen und sie nicht eine Sklavin des Wirtschafts- oder Staatslebens sein lassen. Es ist daher eine dringende Notwendigkeit, daß in der allernächsten Zeit Herz und Sinn erregt werde gerade für einen Kulturrat. Das Unpolitische unserer mitteleuropäischen Menschen, das sich ja leider in so gräßlicher Weise in den letzten vier bis fünf Jahren gezeigt hat, das ist dasjenige, was zu Selbsterkenntnis gerade auf dem geistigen Gebiete führen müßte. Das ist dasjenige, was den Menschen das geistige, das Seelenauge dafür auftun sollte, wie unser Geistesleben bisher nur ein Geistesleben einer kleinen Clique war, darauf berechnet, daß es sich auf dem Boden breiter Massen entwickelte, die nicht teilnehmen konnten an diesem Geistesleben, und daß heute geschaffen werden muß ein Geistesleben, in dem jeder Mensch nicht nur physisch, sondern auch geistig und seelisch ein menschenwürdiges Dasein findet. Sehr verehrte Anwesende, wenn man gerade in den Jahren, die sich als die Jahrzehnte zur Vorbereitung der gegenwärtigen Weltkatastrophe erwiesen haben, in die Schäden dieses Geisteslebens hineinschaute, da konnte man wahrhaftig von Kultursorgen ergriffen werden.
[ 59 ] Dann wurde gefragt:
Wie werden unsere Kinder am besten erzogen?
[ 60 ] In der Zeit, in der man sich soviel zugute darauf tat, daß man keiner Autorität huldigen will, wurden die Kinder eben doch so erzogen, daß der blindeste Autoritätsglaube an das Bestehende das Allermaßgebendste war, und den Zusammenhang dieses Bestehenden mit dem Leben, den konnte man überhaupt gar nicht mehr beurteilen. Man hatte nicht Herz und Sinn dafür, daß zum Beispiel dasjenige, was der Mensch in den letzten Jugendjahren seines Lebens in sich als Denkgewohnheiten aufnimmt, daß das seinen ganzen Menschen durchdringt, seinen ganzen Menschen ausmacht. Nehmen wir da, insofern wir gerade den geistig führenden Ständen angehören, wirklich Lebendiges für die Gegenwart auf?
[ 61 ] Sehr verehrte Anwesende, es gilt heute offen und ehrlich und eindringlich über diese Frage zu sprechen. Ein großer Teil unserer führenden Leute der Gegenwart nimmt im Gymnasium auf die Gedankenformen der Griechen und Römer, sie nimmt auf, wie die Griechen und Römer über das Leben gedacht haben, wie die Griechen und Römer sich das Leben eingeteilt haben. Da war nur derjenige würdig, ein freier Mensch zu sein, welcher Wissenschaft, Kunst, Politik oder die Leitung der Landwirtschaft trieb. Die übrigen Menschen waren dazu verurteilt, nicht-freie Menschen zu sein, Heloten oder Sklaven. Wie die Menschen leben, das geht hinein bis in das Gefüge der Sprache, die wir uns aneignen in der Jugend, bis in den Satzbau, nicht allein bis in die Form des Wortes. In den Gymnasien nehmen die Angehörigen der leitenden, führenden Kreise dasjenige auf, was für das Leben der Griechen und Römer lebensfähig war, und nichts von dem, was für unser gegenwärtiges Leben lebensfähig ist. Wer heute das sagt - und es muß gesagt werden, weil nur die radikalste Offenheit zum wirklichen Heil führen kann -, der gilt selbstverständlich einer großen Anzahl von Menschen heute noch als ein Narr; aber dasjenige, was heute noch als närrisch gilt, das gehört zu dem, was wir brauchen zu einer Gesundung des sozialen Organismus. Wir brauchen Menschen, die so denken, wie das gegenwärtige Leben ist, nicht wie das griechische und römische war. Hier beginnt die soziale Frage im geistigen Leben sehr stark.
Zwischenruf: Sehr richtig!
[ 62 ] Oh, dieses geistige Leben, das bedarf einer gründlichen Umwandlung, und es ist sehr schwer, auf diesem Gebiete heute schon bei den Menschen ein geneigtes Ohr zu finden. Ehe aber dieses geneigte Ohr nicht gefunden ist, eher gibt es kein Heil. Es gibt keine einseitige Lösung der sozialen Frage, sondern allein eine dreigliedrige. Es gehört dazu, daß man sich auf den Boden eines Geisteslebens stellt, welches wirklich aus dem Leben entsteht. Dazu gehört der gute Wille, nicht der unbewußt böse Wille der Zöpfe. Deshalb ist es dringend notwendig, daß gerade auf diesem Gebiete das entsteht, was man einen Kulturrat nennen kann. Ich kann nur sagen, ein Kulturrat erscheint mir als eine Forderung allerersten Ranges, denn der muß eine Tätigkeit entwickeln, die uns davor rettet, daß geistige Arbeit im äußeren Leben Warencharakter bekommt.
[ 63 ] Es ist, wie es scheint, diese Frage verwandt mit der anderen, die gestellt worden ist:
Wenn zu erwarten ist, daß die Umwandlung der Wirtschaftslebens im Sinne der Herauslösung aus dem Einheitsstaate durch die Organisation der Betriebsräteschaft sich rasch vollziehen wird, wie könnte alsdann das Geistesleben rasch auf sich selbst gestellt werden und dessen Neuaufbau in Angriff genommen werden?
[ 64 ] Eben durch die Geneigtheit, einen Kulturrat zu bilden und innerhalb dieses Kulturrats die Erfordernisse zu erforschen, die für den Neuaufbau unseres Geisteslebens notwendig sind. Das ist dasjenige, was ich mit Bezug auf diese Fragen zu sagen habe.
Lebhafter Beifall und Händeklatschen.
Dr. Carl Unger: Sehr verehrte Anwesende, es ist noch eine ganze Reihe von weiteren Fragen eingelaufen, die wir wohl - und ich hoffe auf ihr Einverständnis — zur Beantwortung auf einen späteren Abend verschieben werden.
Nun muß uns aber außerordentlich viel daran liegen, gerade die letzten Worte des verehrten Redners uns wirklich zu Herzen dringen zu lassen. Gerade jetzt in diesen Tagen geht wieder herum unter uns eine Aufforderung, die so recht den Mumiencharakter des abgewirtschafteten Geisteslebens an sich trägt: die Frage nach der Galvanisierung und Konservierung der humanistischen Gymnasien im alten Sinne. Wir haben gehört, nach welcher Richtung wir zu schauen haben, wenn wir auf die schlimmen Folgen des gegenwärtigen Lebens schauen, und wir haben gehört, wo wir anzugreifen haben bei dem Geistesleben. ‚Und gerade in diesen Tagen auch haben wir bemerkt, wie dem Impulse eines neuen geistigen, eines neuen künstlerischen Lebens die größte Philiserosicäs entgegengebracht worden ist. Sehr verehrte Anwesende, wir müssen aus den eben gehörten Worten starke Impulse in uns aufquellen lassen, die dahin wirken, Kräfte und starken, auch revolutionären Willen für das Geistesleben in uns auszulösen in der Richtung auf die Vorbereitung zur Gründung oder Bildung eines echten Kulturrats. Der kann sich aber nur gründen auf die Freiheit, auf die eigene Initiative der einzelnen Persönlichkeiten, die aus irgendeiner Lage des Geiisteslebens her bereit und imstande sind, zu einem wirklichen Neuaufbau des Geisteslebens beizutragen. Diese eigene Initiative auszulösen und dahin zu wirken, daß unter den Anwesenden geworben wird für diesen Gedanken und für die Dreigliederung des sozialen Organismus, das soll der Zweck meiner jetzigen Worte sein. Wir sind bereit, zunächst einmal Adressen entgegenzunehmen - und zwar am heutigen Abend noch - von Persönlichkeiten, die bereit sind, im Sinne des starken Appells, den unser verehrter Redner des Abends an uns gerichtet hat. Ich bitte, mir zu erlauben, mit dieser Aufforderung an Sie heranzutreten, und ich möchte Sie gerade bitten, in allerstärkster Weise die Impulse für den Neuaufbau des Geisteslebens in sich wirken zu lassen und auch in anderen Persönlichkeiten zur Geltung zu bringen.
Damit gestatten Sie mir, die heutige Versammlung zu schließen.
